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Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

Die neue Finanzierung der alten Alpen

| 16 Lesermeinungen

Es muss nicht immer Geld sein: Das Buch Vintage Alpen ist ein entzückendes Werk über den Urlaub unserer Kindheit in den Bergen, und die grandiosen Bilder wurden den Autoren im Netz geschenkt.

Nach einigen – vergleichsweise – spektakulären Erfolgen bei der Finanzierung von Buch- und Medienprojekten ist das Crowdfunding wieder in aller Munde. Der Musiker Peter Licht lässt sich von Fans ein Livealbum vorfinanzieren, das seine Plattenfirma nicht machen wollte, und einige selbsternannte Buchautoren treten gerade an, den Verlagen zu beweisen, dass Bücher über das Internet doch gehen – daran gab es in den letzten Jahren wegen einiger spektakulär geplatzter Projekte schwere Zweifel. Aber beileibe nicht alle Projekte haben einen leichten Stand: So sucht das in den Medien sehr gelobte Block-Magazin, das erst ab 1000 Käufern gedruckt wird, noch nach Subskriptienten. Und den Erfolgsmeldungen folgen wie immer die Glücksritter, aber ob deren Idee von Schreiburlaub auf Kosten der Leser mehr als ein Kindertraum wird, muss sich erst noch zeigen.

Schon heute zeigt der Hype um das Crowdfunding seine Schattenseiten. Die Fans, die sich von der Firma Oculus eine 3D-Brille für Videospiele wünschten und sich deshalb an der ersten Finanzierungsrunde im Netz beteiligten, mussten erleben, dass die Firma jetzt von Facebook geschluckt wurde, und schlimmer noch: Facebook plant, die Brille seinen Geschäftszielen anzupassen. Die Leute, die für die ökologischen Ziele des Fairphone bezahlt haben, warten noch immer auf ihr Gerät. Ein paar Stufen kleiner zeigt sich bei einigen deutschen Buchprojekten, dass es wohl doch etwas länger als geplant dauern könnte, weil die Autoren von den Anforderungen des nicht ganz so leichten Geschäfts erheblich überfordert sind. Oder zu viele TV-Serien nebenbei schauen. Oder schnell krank werden, um einen guten Anlass zu haben, die Veröffentlichung nach hinten zu verschieben. Dann werden gemeinhin Blognachrichten, die beim Anheizen des Fundings noch so wichtig waren, spärlicher und gepresst kommt heraus, dass das Tool, auf dem die Käufer den Fortschritt verfolgen sollten, gerade leider nicht mehr geht.

Mögen solche Projekte also gehen oder nicht – meistens geht es allein um das Geld. Die Risiken tragen meistens die Käufer, und ob ihr Vertrauen in die Macher gerechtfertigt ist, muss sich erst am Ende zeigen. Die Idee der Finanzierung durch Kunden an Banken und Mittelmännern vorbei ist höchst charmant, die Umsetzung dagegen hat oft genug alle Anzeichen von riskanten Investments, mit allen negativen Folgen für das menschliche Miteinander im Netz: Schlechtes Crowdfunding ruiniert das Vertrauen. Einen ganz anderen Weg sind Michael Martinek, Daniela Horvath und Wolfgang Weihs gegangen: Sie haben ein Blog für Bilder aus dem Alpenurlaub der 60er und 70er Jahre eröffnet und Leser eingeladen, die Bilder ihrer Familien zu schicken. Vintage Alpen heisst das Projekt, und es ist frei zugänglich und nicht kommerziell im Netz.

Es lebt allein von Bildern, die ohne dieses Blog vermutlich nie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden wären: Bunte Käfer krabbeln steile, geschotterte Pässe hinauf, Frauen mit sehr spitzen Brillen und ausladenden Körpern tragen Blumenkleider, es blüht das Edelweiss und der Fahrer der Limousine trinkt bei der Jause natürlich Bier, ohne Rücksicht auf Promille. Eine Isetta rauscht über Geröll, das kein Tempolimit kennt. Gewandert wird in Knickerbockern und Karohemd, oder gar in Anzug und Krawatte, und ewig schweigen die Wälder über das hochhackige Schuhwerk mancher Damen, die damit der Bergrettung Arbeit und Auskommen geben. Es wird in Kuhtränken gebadet und Almdudler getrunken, die Autos haben noch keinen Katalysator, aber sie sind selten und überall gibt es Parkplätze. In den Gipfelkreuzen sind Gipfelbücher, in die man sich einträgt. Das Leben ist schön, sehr schön, entspannt und niemand macht einen Mountain Run. In Funktionskleidung aus Plastik.

Die Blogmacher arbeiten dabei mit allen modernen Mitteln, mit Twitter und Facebook, um dem Betrachter einen Eindruck der Vergangenheit und möglicherweise der eigenen Jugend zu geben. Schliesslich war der Bergurlaub im 20. Jahrhundert lange die bestimmende Form der Sommerfrische, und mir zumindest geht es so, dass ich dauernd die Bilder anschaue und sage: Da, auf der Seiser Alm, da war ich auch und hatte einen blauen Helm mit goldenen Sternen und habe einmal mit Blick auf den Schlern die halbe Liftschlange umgenietet! Und so sah es doch auch bei uns in Südtirol aus! So gingen wir auch mit Onkel Hans und Tante Sophie und Pudel Speedy wandern!

Das gleiche Projekt gab es schon einmal, mit Amateurbildern aus Wien. Daraus haben die Sammler ein Buch gemacht, das es bereits in die 5. Auflage geschafft hat, und so ist es nur folgerichtig, dass es das Blog Vintage Alpen mit seinen – im Internet kostenlos zu betrachtenden Bildern – jetzt auch als käuflichen Bildband gibt. Und ganz ehrlich: Als Buch auf gutem Papier, für das die Bilder gemacht wurden, ist es viel schöner. Man sieht das ganz anders. Man klickt und browsed nicht, man blättert und bleibt hängen. Zumal man die Berge auch als erfahrener Bergsteiger selten so sieht: Es sind Bilder von Amateuren mit unausgereiften Kameras und Filmen, die vermutlich beim Porst im 10er-Pack gekauft wurden. Sie sind körnig und haben die gefürchteten Farbschwankungen („Nimm nur Fuji für extralila Dächer“) und sehen wirklich so aus wie die Erinnerung an all die Sommertage in den Bergen. Manchmal krabbelt ein Insekt über die Linse, und dem Opel Rekord, vor dem posiert wird, fehlt ein Teil des Kühlers.

Vielleicht ist dieses Vorgehen, den Nutzer Teil des Projekts werden zu lassen, das bessere Crowdfunding: Es kann gelingen, sich Leser und Interessenten über das Internet suchen, indem man es unaufgeregt als reines Werkzeug verwendet und seine Chancen nutzt, ohne sich ihm auszuliefern. Nichts im Buch beschäftigt sich mit unserer modernen Technik, es schliesst sie aus und konzentriert sich ganz auf die Vergangenheit, die ohne kommerzielle Absicht der Bildlieferanten neu entsteht. Es ist ein Geschenk. Das Risiko trägt der Verlag, die Kunden wissen, was sie bekommen, und das Ergebnis ist kein Versprechen, sondern ein schön gemachtes Werk, das es sonst nie gegeben hätte. Das Buch ist natürlich nicht abgeschlossen, denn im Internet geht die Suche weiter. Aber ein Teil ist gedruckt und kommt – ich habe es in meiner Familie schon getestet – famos an. Viel besser als „lass uns mal im Netz nachschauen“ und „ich schick Dir den Link“.

Und vielleicht ist das auch die Zukunft, mehr jedenfalls die Zukunft als die Selbstbespiegelung. Diese Bücher aus dem Netz über das Netz interessieren nur eine kleine Zielgruppe, die nicht versteht, dass man das Netz auch nur als Werkzeug verstehen kann. Kein Drucker hätte überlebt, wenn er immer nur Bücher über den Buchdruck und seine – unzweifelhaft bedeutenden – Folgen gedruckt hätte. Mit diesem Buch tritt unsere gedankenschnelle Moderne zurück und es bleibt die Frage, ob es nicht doch auch ganz gut ist, wenn die Uhren gefühlt langsamer gehen, und das Marschtempo am Berg den Bäuchen angemessen wird. Dass es damals Grossrechenanlagen, deren Kapazität wir heute in der Digitalkamera mit uns herumtragen, nur in den Städten gab, tut der Freude am Leben in den Bildern keinen Abbruch. Das sollte uns zu denken geben.

Daniela Horvath, Michael Martinek, Vintage Alpen
Die Bilder unserer Kindheit / When we where young
160 Seiten, 16,5 x 24 cm
Gebunden mit Schutzumschlag
Durchgehend vierfarbig
€ 19,90 im Buchhandel zu kaufen und vielleicht nicht bei Ahem – azon

HINWEIS:

Wie immer gibt es diesen Beitrag auch für grenzenloses Kommentieren im Kommentarblog.

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16 Lesermeinungen

  1. -
    Und wer verdient am kostenlos gestellten Content mit, wenn das Buch verkauft wird?

    • Nun, ich hoffe natürlich, dass diejenigen, die das gemacht haben, auch etwas davon haben, sprich Autoren, Verlag und Drucker.

    • Alle Anfänge sind unschuldig
      Dieses Buch mag eine nette Idee sein, aber was das dahinterstehende Prinzip angeht, bin ich skeptisch, wenn Inhalt, der aus Hobby- Ressourcen geschöpft wird, kommerzialisiert wird und die Ausschüttung des Gewinns nicht transparent gemacht wird. Denn auch das kann das Vertrauen erschüttern, wenn es im größeren Stil aufgezogen wird.
      Der nächste noch harmlose Schritt wird sein, wenn ein Wurstfabrikant in den sozialen Medien einen Wettbewerb inszeniert und aus den eingereichten 70-er Jahre Fotos ein geschmackvolles Brotzeit- Nostalgiebuch macht, das den Hersteller mal wieder positiv ins Gespräch bringt.

    • Gewinn
      Der „Gewinn“ sind höchstwahrscheinlich um (aber eher unter) 10 Euro pro Foto.
      Verkaufspreis netto: 18,60, der Buchhandel bekommt 30%, bleiben 13,02 Euros.
      Davon die üblichen zehn Prozent an die Autoren, na gut sagen wir sogar: 20%! …und nicht an die Autoren, Ideenlieferanten und Macher, sondern nur an die Foto-Urheber.
      Bei geschätzten 300 Fotos in dem Buch und 1000 verkauften Büchern wären das: Acht Euro und 68 Cents pro Foto. Und wer macht die Buchhaltung, Abrechnungen und Pipifax-Überweisungen an die hunderte von Einzelliferanten?

    • Ich würde da von „Justum Pretium“, vom angemessenen Preis sprechen, und es gibt ohnehin vieles, was weniger verdienstvoll wäre, als die Vergangenheit zu bewahren.

  2. Die Ford Taunus "Badewanne" gab es erst ab 1960 - die norwegische Familie, die der auf dem Buch-
    umschlag ähnelt, hat das Bild nicht um 1960, sondern 1960 oder später aufgenommen.

    • Ich glaube, die neuesten Bilder dürften Ende der 70er Jahre entstanden sein. Aber der Schwerpunkt liegt eindeutig davor.

  3. Titel eingeben
    Da hat einer das Internet ausgedruckt und ein Buch draus gemacht o/

    Gefühlte 99 Prozent der Crowdfunding Projekte sind Bücher oder Singles.
    Früher dachte man ja die Welt sei voll von verkannten Genies und Talenten, die nur auf ihren Durchbruch warten. Dank dem Internet weiß man, dass das nicht so ist. Folglich ist Crowdfunding allzu oft die Resterampe der multiple Gescheiterten.

    Bisher gab es lediglich ein interessantes Projekt; nämlich das Ubuntu Phone.

    • Ich weiss gar nicht, ob es immer so gross sein muss. Kleine, lokale Dinge kann man ja auch machen und die passen dann vielleicht besser als die Anpassung einer grossen Stratgie an kleine Phänomene. Im Prinzip ist zum Beispiel unsere Käserei am Tegernsee auch ein Crowdfunding, das gut läuft. Nur halt ohne Internet.

  4. Titel eingeben
    j

  5. re:publica
    Ist das der Entwurf für einen Redebeitrag auf der re:publica in Berlin?

    • Natürlich nicht! Ich habe einen Beruf, eigene Immobilien, esse keinen Döner und lebe in gesicherten Verhältnissen. Ich will die armen Hascherl dort nicht überfordern.

  6. Copy&paste
    …wohin man schaut.
    Ob im Kleinen, ob im Großen.
    Angeblich weiß der ‚Westen‘ nicht was die ‚ Russen ‚ machen.
    Nicht?
    Nur die Urheberrechte wären strittig.

  7. Fairphone
    „Die Leute, die für die ökologischen Ziele des Fairphone bezahlt haben, warten noch immer auf ihr Gerät.“
    Das stimmt nur teilweise. Die ersten 25.000 die zwischen Mai und Juli 2013 verkauft wurden sind im Januar und Februar 2014 (mit einiger Verzögerung) ausgeliefert worden was aber kein Wunder ist bei der Erstauflage von so einem komplexen Gerät. Es startet bald der Verkauf der 2. Auflage von 35.000. http://www.fairohone.com

  8. Soweit auch aus eigener Erfahrung erinnerlich hatten
    die extremsten Farbschwankugen womöglich die berühmt-berüchtigten „ORWO-Chrom-Filme“.

    Aber welcher Student im Westen damals hätte a. gewusst, dass er „im Westen“ wäre, und b. „ORWO-Chrom“ eine „DDR-Kombinat-Exportmarke“ – insoweit man heute inzwischen nicht schon längst wieder dazu neigen würde dazu ganz einfach – u. evtl. sogar auch korrekterer weise- „Inter-Zonen-Handel“ zu sagen.

    Und c. dass das „ORWO-Chrom-Werk“ in Bitterfeld-Wolfen eigentlich eine AGFA-Gründung von 1909 gewesen wäre – und „ORWO“ wg. der chronischen Devisenknappheit der DDR auf den vom vorangegangenen Kapitalismus übernommenen AGFA-Produktionsanlagen mit Hilfe von „Photo-Porst“ und anderen „im Westen“, also auch in den eigentlich für die DDR unzugänglichen Alpen und Bergen, solange harte Valuta-Mark produzierte, bis sogar endlich auch die Stasi einsehen musste, dass es zu „irgendeiner Form von Assozierung mit dem Westen“ keine wirklich Alternative mehr gäbe.

    Und eigentlich wären es die Westviertel gewesen, die assoziiert wurden.

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