Fazit – das Wirtschaftsblog

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Wichtige Lehren alter Meister

| 2 Lesermeinungen

Bücherkiste (19): Heinz D. Kurz zeigt, wie spannend ökonomische Theoriegeschichte sein kann

 
Heinz D. Kurz ist ein sehr kluger, ein sehr belesener und ein sehr schreibfreudiger Volkswirt. Von einer intensiven Beschäftigung mit dem Werk des italienischen Ökonomen Piero Sraffa ausgehend, hat sich Kurz im Laufe der vergangenen Jahrzehnte vor allem der Theoriegeschichte verschrieben und auf diesem, leider von modernen Fachvertretern zumeist vernachlässigen Terrain Bedeutendes geleistet. Das vorliegende, im Metropolis-Verlag erschienene voluminöse zweibändige Werk bündelt eine Auswahl der in den vergangenen zwanzig Jahren in deutscher Sprache erschienen Aufsätze des seit vielen Jahren an der Universität in Graz lehrenden Autors. 
 
Band eins vereint Beiträge zu wichtigen Denkern von David Hume bis Piero Sraffa. Schon der erste, Hume gewidmete, Aufsatz zeigt Kurz in seinem Element: Er kennt nicht nur Werke früherer Autoren, sondern auch die relevante Sekundärliteratur. Zudem ist Kurz ein Meister der Kontextualisierung; stets ordnet er die von ihm behandelten Autoren in ihre jeweilige Zeit ein. Natürlich finden sich in dem Band Arbeiten über einflussreiche Denker wie Adam Smith, David Ricardo, Karl Marx, Joseph Schumpeter und John Maynard Keynes, die in wohl jedem Buch über Theoriegeschichte prominente Plätze einnehmen. 
 
Eine besondere Erwähnung verdienen die Beiträge über zwei deutsche Ökonomen des 19. Jahrhunderts, deren Bedeutung für die Entwicklung der Volkswirtschaftslehre bis heute kaum angemessen gewürdigt wird. Johann Heinrich von Thünen bewirtschaftete als Landwirt in Mecklenburg das Gut Tellow; nebenher verfasste er mit dem „Isolierten Staat“ ein mehrbändiges Werk voller bahnbrechender ökonomischer Erkenntnisse, die sich zu einem nicht geringen Teil später als Bestandteile des ökonomischen Mainstreams etabliert haben. Kurz’ Einordnung des Mecklenburgers als eines „der bedeutendsten Wirtschaftstheoretiker und Agrarökonomen aller Zeiten“ klingt vielleicht etwas hochtrabend, wirkt aber nicht unbegründet. Ende des 19. Jahrhunderts machte der viel gelesene britische Ökonom Alfred Marshall Thünens Namen in der internationalen Wissenschaftsszene wenigstens etwas bekannt, während das Werk des Mannes aus Tellow in Deutschland noch lange Jahre wenig beachtet blieb.
 
Wohl jeder Student der Wirtschaftswissenschaften lernt noch heute in einem der ersten Semester die „Gossen’schen Gesetze“ kennen, von denen das bekanntere erste Gesetz mit dem fortlaufenden Konsum eines Gutes einen abnehmenden Grenznutzen postuliert: Die meisten Menschen werden das erste Stück Kuchen als nutzbringender einschätzen als das fünfte Stück Kuchen. Wer dieser ominöse Herr Gossen allerdings war, weiß kaum jemand, und das ist auch nicht erstaunlich, weil über Herrn Gossen bis heute nicht viel bekannt ist. Die wichtigsten Erkenntnisse hat Kurz in einem sehr schönen Aufsatz zusammengefasst.
 
Aus dem Rheinland stammend, hatte der junge Hermann Heinrich Gossen auf Wunsch seines Vaters widerwillig eine Beamtenkarriere begonnen, in der er aber nicht reüssierte. Lieber besuchte er Gasthäuser, zudem interessierte er sich für Mathematik und Volkswirtschaftslehre. 1854 veröffentlicht er mit der „Entwickelung der Gesetze des menschlichen Verkehrs“ ein Buch, das sich so schlecht verkaufte, dass Gossen vom Verlag frustriert den Restbestand übernahm. Hätte nicht ein Leser in Wien den britischen Ökonomen William Stanley Jevons auf das Werk aufmerksam gemacht, wäre Gossen vermutlich gänzlich unbeachtet geblieben. Jevons erkannte Gossen jedoch als Vorläufer eigener Ideen und teilte diese Erkenntnis seinem berühmten französischen Kollegen Léon Walras mit, der daraufhin Recherchen zu Gossens Leben begann. Währenddessen war der Deutsche in seinem Heimatland gänzlich unbekannt geblieben. 
 
„Der Herold des Prinzips der Genussmaximierung“ (Kurz) betrachtete  Ökonomen als Wegweiser zum Paradies auf Erden. „Gossen, so kann man sagen, nimmt in wesentlichen Bezügen den modernen Glauben an die konfliktfreie, durch Anreize gesteuerte Selbstregulierung von Wirtschaft und Gesellschaft vorweg“, schreibt Kurz. „Er ist insoweit ein Autor der Moderne. Zugleich ist sein Denken stark vom Bemühen gekennzeichnet, den Schöpfungsplan als vollkommen auszuweisen.“
 
Der zweite Band vereinigt unter der Überschrift „Ausgewählte Felder und Themen“ Beiträge zu sehr unterschiedlichen Sujets in – leider – auch etwas unterschiedlicher Qualität. Insgesamt wirkt der zweite Band deutlich schwächer als der erste, obgleich er mit einem ausführlichen Aufsatz zum 100. Todestag Max Webers äußerst vielversprechend beginnt. Weber ist vor allem als Soziologe bekannt, aber nicht vergessen werden darf, dass er in Freiburg, Heidelberg und München Professuren für Wirtschaftswissenschaften inne hatte. „Weber, so kann man ohne größere Übertreibung sagen, war ein Homo universalis der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften“, erläutert Kurz, daran erinnernd, wie sehr sich Weber in seinen eigenen Worten „nirgends ganz verlässlich daheim“ fühlte. 
 
Daheim fühlt sich Kurz unbestreitbar in der Theoriegeschichte. Und auch wenn seine Neigung, alte Meister am liebsten durch die Brille seines  Helden Piero Sraffa zu studieren, gelegentlich etwas  bemüht wirkt, bieten seine theoriegeschichtlichen Arbeiten höchst lesenswerte Erkenntnisse und Anregungen. 
 
 
 

Die bisherigen Beiträge der Reihe “Bücherkiste”:

Bücherkiste (18): Der Einfluss der Wirtschaftsweisen

Bücherkiste (17): Resilienz ist Bürgerpflicht

Bücherkiste (16): Ökologische Krisen

Bücherkiste (15): Moderne Wirtschaftslehre

Bücherkiste (14): Eine demografisch-ökonomische Abwärtsspirale

Bücherkiste (13): Sind Finanzmärkte effizient oder ineffizient?

Bücherkiste (12): Das geheime Erbe Ludwig Erhards

Bücherkiste (11): Alles Egoisten!

Bücherkiste (10): Weg mit den Schulden!

Bücherkiste (9): Die Festung der Makroökonomen

Bücherkiste (8): Dollar-Dominanz

Bücherkiste (7): Die Rückkehr der Erben

Bücherkiste (6): Die Rückkehr der Meister (Smith, Marx, Hayek)

Bücherkiste (5): Geld hilft selten aus der Armut

Bücherkiste (4): Die Bankenlobby redet Schwachsinn

Bücherkiste (3): Warum Nationen scheitern

Bücherkiste (2): Ökonomen für jedermann – Eine Reihe im F.A.Z.-Buchverlag nimmt Gestalt an

Bücherkiste (1): Wie uns Ökonomen vom Dunkel ins Licht führen – Anmerkungen zum neuen Buch von Sylvia Nasar

 
 

 


2 Lesermeinungen

  1. Tellow sagt:

    Ergänzung zu Thünen
    Ein großer Teil der unveröffentlichten Manuskripte wie der bisher unbeachteten kleineren Veröffentlichungen von J.H. von Thünen enthält Überraschendes, aber heutzutage nicht mehr Neues, wie z.B.
    – Diskussion unterschiedlicher Produktionsfunktionen (u.a. Cobb-Douglas-Funktion (Peter Lloyd 1998)
    – Thünens umfangreiche Ausführungen zu Humankapital (bisher lediglich marginalst bearbeitet von Kiker 1966)
    – Agglomerationstheorie (Krugman, Fujita)
    – Allokationskriterien und Optimierung der Renten von Gemeinschaftsgütern (Nellinger 2014)

    Zwei “Perlen” lohnen sich – auch bei weniger Interesse an Dogmengeschichte – in jedem Fall, um sich zukunftsgerichtet und zur Beantwortung heutiger Fragen mit Thünens Werk auseinanderzusetzen:
    1. Integration von Ansätzen zur Entwicklung von Realkapitalrenditen (natürl. Zins), Geldzins, Geldwert und Güterpreisen; wenn ich das richtig beurteile, verbindet Thünen im Rahmen seines finanz- und realwirtschaftlichen Gleichgewichtsmodells neoklassische neoricardianische und monetaristische Elemente (P.A. Samuelson war in seinen letzten Lebensjahren engagiert dabei, zurückgreifend auf Thuenen, Unvollkommenheiten der Kapitalmessung in neoklassischen Ansätzen und Grenzproduktivitätstheorie miteinander zu verbinden; eine widerspruchsfreie Verbindung zu Geld als Produktionsfaktor steht noch vollständig aus);
    2. Raumwirtschaftliche Modellierung der europäischen Integration zur Ermittlung ihrer Auswirkungen auf Wachstum, Einkommen, Vermögensverteilung, Bevölkerungsentwicklung in und zwischen den EU-Mitgliedstaaten – auch im Hinblick auf herausfordernde politische Diskussionen in den kommenden Jahren.
    L. Nellinger

  2. vcaspari sagt:

    Anmerkung zu Thünen
    Der schriftliche Nachlass Thünens ist zwar gesichtet, aber noch lange nicht wissenschaftlich aufgearbeitet. Da könnte noch manche “Perle” gefunden werden.

    Gruß
    VC

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