Fazit – das Wirtschaftsblog

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Eine Geschichte der Geldtheorien

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Das Wesen des Geldes hat schon viele Autoren inspiriert. Jan Greitens wirft einen tiefen Blick in die Geschichte. (Bücherkiste 22)

 

Jan Greitens, Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mosbach, hat sich in seinem nun in einer zweiten Auflage erschienenen Buch die Mühe gemacht, anhand der Arbeiten von rund zwei Dutzend Denkern eine Geschichte der Geldtheorien bis zum Jahre 1918 zu verfassen. Die Spanne reichtin chronologischer Hinsicht von Nicolaus Oresmius bis zu Joseph Schumpeter und seinem Aufsatz „Das Sozialprodukt und die Rechenpfennige“.


Ein Überblick über die Entwicklung der Geldtheorien und ihrer Schöpfer droht uferlos zu werden. Greitens will sein Thema daher eingrenzen; wohl wissend um die Möglichkeit, jede Eingrenzung zu hinterfragen. So lässt er seine Geschichte mit Schumpeter enden, weil sich spätere Autoren weniger mit dem Wesen des Geldes und dafür überwiegend mit der Wirkung des Geldes auf die Wirtschaft befasst hätten.


Dem ließe sich entgegen halten, dass auch frühere und von Greitens behandelte Autoren wie Richard Cantillon1) keine reine Geldwesenslehre betrieben haben. Vielmehr gilt Cantillon seit der Wiederentdeckung seines Werkes durch Friedrich A. von Hayek wegen seiner Behandlung der Wirkungen einer Geldmengenerhöhung auf die Wirtschaft als ein Pionier der Geldwirkungslehre. Dieser „Cantillon-Effekt“, nach dem nicht alle Bereiche einer Volkswirtschaft zeitgleich auf eine Geldmengenveränderung reagieren, ist ein vor allem von Vertretern der Österreichischen Schule betonter Kritikpunkt an der heutigen Geldpolitik.


Bevor der Leser zu den schön illustrierten, gelegentlich etwas unübersichtlich gesetzten Darstellungen der Autoren gelangt, warten rund 150 Seiten, in denen Greitens zwecks „Schaffung eines Rahmens“ ausführlich „Begrifflichkeiten, theoretische Konzepte, historische Einordnungen und methodische Vorgehensweisen“ vorschaltet. Fraglos erscheinen eine kurze Einführung in die Theoriegeschichte, ein Überblick über die Geldgeschichte und ein Abschnitt zu Grundbegriffen der Geldtheorie als Hinführung hilfreich. Aber dieser Teil ließe sich ohne einen schmerzhaften Substanzverlust zupackend kürzen.


Seine Autoren ordnet Greitens in Schulen ein, die von der Scholastik über den Merkantilismus, die Klassik, den Marxismus bis zur Neoklassik reichen. Deutschsprachigen Theorien ist ein Kapitel vorbehalten, in dem Johann Heinrich Gottlob Justi, Adam Müller, Johann von Komorzynski und Georg Friedrich Knapp behandelt werden. Von diesen Autoren erfährt heute am ehesten Knapp Aufmerksamkeit, dessen eher juristisch als ökonomisch fundierte „Staatliche Theorie des Geldes“ als eine wichtige Inspiration für die in den vergangenen Jahren aufgekommene und höchst umstrittene „Modern Monetary Theory“ gilt.2)


Zu jedem seiner Autoren bietet Greitens zunächst einen geschichtlichen Hintergrund, an den sich eine Biografie anschließt. Anschließend führt Greitens in einen wichtigen Text des Autors ein, dem eine Würdigung nachfolgt. Dieses Vorgehen führte zur Veröffentlichung eines Parallelbandes („Geld-Theorie-Geschichte. Ausgewählte Texte 1361 bis 1918“), in dem die von Greitens vorgestellten Texte seiner Autoren abgedruckt wurden.


Wohl nahezu jede Auswahl von Autoren aus der Vergangenheit ist notwendigerweise arbiträr. Und so finden sich in dem Buch einerseits Denker, die wegen ihrer Bedeutung unumgänglich erscheinen. Zu nennen wären etwa Nicolaus Oresmius für die Scholastik, John Law für den Merkantilismus, David Hume und David Ricardo für die Klassik oder Carl Menger und Irving Fisher für die Neoklassik. Über Menger schreibt Greitens: “Das Besondere an Mengers Argumentation ist die streng theoretisch deduktive Herleitung der Entstehung des Geldes. Konvention, Übereinkunft oder staatliches Zutun ist zur Entstehung des Geldes nach seiner Auffassung nicht notwendig, sondern das Streben nach einem ökonomischen Vorteil ist wesentliches Handlungsmotiv.”


Erwähnung verdienen aber auch Autoren, die beachtliche Leistungen erbracht haben, aber gewöhnlich nicht in der ersten Reihe stehen. Als eine glückliche Entscheidung erweist sich so die Behandlung des mit Flugschriften ausgetragenen Sächsischen Münzstreits aus den Jahren 1530/1531, in dem erbittert die Argumente für und gegen Hart- und Weichwährungen ausgetauscht wurden. Lobenswert ist auch die, allerdings recht knappe, Vorstellung Jean Bodins, der sich Mitte des 16. Jahrhunderts mit der sogenannten „Preisrevolution“ befasste, die er auf den Zufluss von Edelmetallen aus den neuen amerikanischen Minen zurückführte. Manche Fachleute sehen in Bodin den „Entdecker der Quantitätstheorie“.

 

Eine außerordentlich interessante Person war auch Ferdinando Galiani, der in jungen Jahren mit „Della Moneta“ ein für die Maßstäbe des 18. Jahrhunderts sehr interessantes Werk verfasste, das weit über die Geldtheorie hinausreicht. In deutscher Sprache ist „Della Moneta“ im Jahre 1999 in einer von Werner Tabarelli sehr schön herausgegebenen Ausgabe erschienen. Im Rahmen des Marxismus wird auch Rudolf Hilferding behandelt, über dessen Hauptwerk „Das Finanzkapital“ Greitens vor ein paar Jahren eine Monografie verfasst hat.

 

Was nützt die Beschäftigung mit alten Meistern? Der Dogmenhistoriker Bertram Schefold hat einmal daran erinnert, dass manche Altmeister wirtschaftliche Sachverhalte verständlicher erklären konnten als moderne Ökonomen, die häufig in mathematischen Modellen denken. Und viele scheinbar moderne Ansätze im Geldwesen besitzen weit in die Historie reichende Wurzeln. 

 

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  1. Cantillon (1680 bis 1734) führte ein unstetes Leben; um seinen Tod ranken sich ungewöhnliche Gerüchte. Im Jahre 1734 brannte das von ihm bewohnte Haus in London nieder. Nach einer verbreiteten Ansicht handelte es sich um einen von seinem zuvor entlassenen Koch ausgeführten Mordanschlag; Cantillon starb in den Flammen. Ein Biograph, Antoin Murphy, erwähnt jedoch die Möglichkeit  (hier und hier), der zu diesem Zeitpunkt hoch verschuldete Cantillon habe mit dem Feuer eine falsche Spur gelegt, um seinen Gläubigern zu entkommen. Nach Murphys Schilderung könnte sich Cantillon nach Surinam in Südamerika abgesetzt haben, wo er als Chevalier de Louvigny weiter lebte. Dieser mysteriöse Chevalier de Louvigny hatte jedenfalls in Surinam eine größere Zahl von Dokumenten Cantillons mit sich geführt. Da der aus Irland stammende Cantillon viele Jahre in Paris gelebt hatte, mochte er durchaus in der Lage gewesen sein, sich in dem damals unter niederländischem Einfluss stehenden, weitab von Europa gelegenen Surinam als Franzose auszugeben. Nachprüfen lässt sich die Geschichte heute wohl nicht mehr. 

  2. Knapp eröffnete sein Hauptwerk mit dem programmatischen Satz: “Das Geld ist ein Geschöpf der Rechtsordnung; es ist im Laufe der Geschichte in den verschiedensten Formen aufgetreten: Eine Theorie des Geldes kann daher nur rechtsgeschichtlich sein.” Nicht nur Ludwig von Mises reagierte unversöhnlich: Knapps Arbeit sei “nicht etwa eine schlechte Geldtheorie, sie ist überhaupt keine Geldtheorie.”


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    Die bisherigen Beiträge der Reihe “Bücherkiste”:

    Bücherkiste (21): Der Ökonom als Berater

    Bücherkiste (20): Milton Friedmans Glanzzeit

    Bücherkiste (19): Wichtige Lehren alter Meister

    Bücherkiste (18): Der Einfluss der Wirtschaftsweisen

    Bücherkiste (17): Resilienz ist Bürgerpflicht

    Bücherkiste (16): Ökologische Krisen

    Bücherkiste (15): Moderne Wirtschaftslehre

    Bücherkiste (14): Eine demografisch-ökonomische Abwärtsspirale

    Bücherkiste (13): Sind Finanzmärkte effizient oder ineffizient?

    Bücherkiste (12): Das geheime Erbe Ludwig Erhards

    Bücherkiste (11): Alles Egoisten!

    Bücherkiste (10): Weg mit den Schulden!

    Bücherkiste (9): Die Festung der Makroökonomen

    Bücherkiste (8): Dollar-Dominanz

    Bücherkiste (7): Die Rückkehr der Erben

    Bücherkiste (6): Die Rückkehr der Meister (Smith, Marx, Hayek)

    Bücherkiste (5): Geld hilft selten aus der Armut

    Bücherkiste (4): Die Bankenlobby redet Schwachsinn

    Bücherkiste (3): Warum Nationen scheitern

    Bücherkiste (2): Ökonomen für jedermann – Eine Reihe im F.A.Z.-Buchverlag nimmt Gestalt an

    Bücherkiste (1): Wie uns Ökonomen vom Dunkel ins Licht führen – Anmerkungen zum neuen Buch von Sylvia Nasar

     




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