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Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

06. Feb. 2016
von Don Alphonso
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Hassprediger sind immer die anderen

Natürlich kann man Anhänger und Politiker der AfD als Hassprediger bezeichnen, man muss es nur in den Computer eintippen. Technisch kein Problem. Aber was bringt es?

Diese Personengruppe hat im Internet ihr Medium gefunden, und vieles, was mir tagtäglich beim Recherchieren unterkommt, klingt gerade sehr aufgeputscht, hysterisch und übelmeinend, vulgo Hass. Allerdings glaube ich persönlich nicht, dass man irgendetwas gewinnt, wenn man sich nun medienöffentlich hinstellt, auf diese Leute mit dem Finger zeigt und „Hassprediger“ sagt. Oder Andersdenkende gleich als “intellektuelles Freikorps“ bezeichnet, wie Hans Hütt das gerade bei Zeit Online gemacht hat. Es gibt, wenn wir schon über hysterischen und übelmeinenden Hass reden wollen, nämlich durchaus Unterschiede zwischen paramilitärischen Gruppierungen, die bestialisch Menschen umgebracht haben, und Autoren, die angesichts der aktuellen Migrationspolitik Zweifel vortragen. Und dieser unsägliche Vergleich kommt mit Hütt von einem, der sich erkennbar zu den moralisch “Guten“ und nicht zu den Hasspredigern rechnet. Wie die AfD-Aktivisten im Netz auch.

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Diese Schimpfworte – es gibt da auch noch Volksverhetzer, Rassisten, Nazis, Rattenfänger, Faschisten – bräuchten, sollten sie wirklich treffen, dagegen so etwas wie eine rationale, argumentative Basis. Man müsste Leuten, die Bilder wie das Obige bringen, in ihre Geisteswelt nach kriechen, wie das Historiker bei Nationalsozialisten jahrzehntelang und mit guten Ergebnissen gemacht haben. Das war einfach, denn mit dem Wissen um Weltkrieg und Genozid ist von den Verursachern keine oder nur schwache Gegenwehr zu erwarten. NS-Forschung widmet sich einem Kadaver, AfD-Analyse einem höchst lebendigen und bei Hinterfragung ausgesprochen wütenden Soziotop, das nach all der miserablen Presse, den Skandalen und unsäglichen Vertretern momentan die dritstärkste Partei im Lande geworden ist. Die Piraten wurden von einer Welle der medialen Sympathie auf ein ähnliches Niveau getragen. Die AfD hat das trotz Selbstzerfleischung, Flügelkämpfen und massiver Gegenwehr geschafft. Schlichtes Abtun als “Hassprediger“ scheint mir angesichts des fraglos erfolgreichen Phänomens gefährlich unterkomplex zu sein.

Dazu gehört bei mir ein nicht sehr schöner Lernvorgang. Im Sommer erzählte mir eine Verkäuferin am Tegernsee, dass sich die Beschwerden über sehr forsch auf Frauen zugehende Asylbewerber häuften. Sie sagte das mit anderen, weniger freundlichen Worten, aber im Kern lief es darauf hinaus, dass sie in Strandnähe oft wenig erbauliche Geschichten hörte. Damals hatte es wegen einer deutlich übertriebenen Anzeige in Holzkirchen lokale Aufregung und bundesweites Aufsehen gegeben, und natürlich schreibt man solche Gerüchte nicht brühwarm auf. Man zieht diskrete Erkundigungen ein. Die Antwort mitten in der Badesaison von denen, die es wissen sollten, lautete: Alles nur Gerüchte, da ist nichts dran. Jetzt, im Winter, die Touristen sind fern der Strände, wird hier auch offiziell zugegeben, dass es durchaus schwierige Szenen gab und man deutlich erklären musste, „dass vieles, auch wenn es nett gemeint ist, hier nicht erwünscht ist“. Sage noch einer, Bayern könnten sich nicht höflich und gesittet ausdrücken, wenn es kompliziert wird.

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Vor einem halben Jahr hätte ich meine Quelle nach den medial gängigen Kriterien der Migrationsdebatte als Hasspredigerin bezeichnen können. Wer solche haltlosen Gerüchte bei Facebook verbreitet, kann bei uns durchaus Probleme mit Polizei und Justiz bekommen – gerade jetzt wird das beispielsweise im Kontext mit einer Unterkunft in Grünwald bei München explizit von staatlicher Seite betont. Damals hörte ich Gerüchte, die laut kompetenten Stellen falsch waren. Heute weiss ich, dass es aus legitimen Gründen kein Interesse an einer öffentlichen Darstellung gab, und man versuchte, die Probleme diskret zu lösen. Ich weiss aber vor allem, dass die Verkäuferin keine Hasspredigerin war. Sie hat mir Informationen zugesteckt – im Wissen, dass ich Journalist bin – die ich damals nicht bestätigen konnte und für eine Nachwirkung der Holzkirchner Unruhen hielt. Sie hatte recht. Nach Köln ist es übrigens auch bei uns vorbei mit der Zurückhaltung, selbst wenn es überregional bekannte Feste betrifft.

Die AfD-Anhänger, die ich im Internet erlebe, halten sich für so etwas wie meine Verkäuferin. Sie mögen nicht fundiert über die realen Vorgänge Bescheid wissen, und vieles war vor einem halben Jahr noch wüste Unterstellung. Hätte sich aber ein Journalist im Oktober hingestellt und behauptet, es käme an Silvester zu Massensexübergriffen ais einer Gruppe tausend Flüchtlinge heraus, die die Polizei nicht stoppen kann, davor würden sich schon Terroristen von der Balkanroute in Paris in die Luft sprengen, ein Attentäter würde dort erschossen werden, der mit sieben Identitäten und einem üppigen Vorstrafenregister als Schutzsuchender in Deutschland lebte, die Hälfte der Bewohner einer Notunterkunft hätte mehrere Ausweise, um sich Leistungen zu erschleichen, die Polizei in Kiel verzichtete auf die Verfolgung mancher Straftaten, und in Heimen würde eine Zelle ein Attentat auf Berliner Besuchermagnete planen – der Journalist wäre seine Stelle los gewesen. Man hätte ihn im Oktober als Hassprediger verjagt, er hätte nie mehr eine Stelle bekommen. Heute sind wir deutlich schlauer. Diejenigen, die im Oktober tatsächlich solche Horrorszenarien im Internet gegen die schönen Geschichten vom integrationswillige Facharbeiter setzten, fühlen sich nicht als Hassprediger. Sie denken, dass sie mit ihren Befürchtungen recht hatten. Sie haben nicht den Eindruck, dass wir Journalisten ihnen noch etwas erzählen können. Sie sind überzeugt, dass sie die Realität vor uns erkannt haben.

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Und sie sind überzeugt, dass sie auch weiterhin recht bekommen werden. In der Euphorie, der sich manche Medien und Anstalten hingaben, wurden Erwartungen geweckt, die jetzt schon erkennbar nicht eintreten werden: Dass es keine Steuererhöhungen gibt, dass es ein Gewinngeschäft wird, dass die Flüchtlinge besser ausgebildet als die Deutschen seien, dass es kein Risiko gäbe und sich alles schon irgendwie fügen werde – die Versprechungen klangen ähnlich gut wie die Verheissungen der Atomkraft in der frühen Bundesrepublik. Auch damals gab es welche, die es anders sahen, und die ihre Gesundheit riskierten, um Atomkraftwerke zu verhindern. An dem Tag, als Fukushima explodierte, sass ich als Wackersdorfveteran vor dem Bildschirm und dachte höhnisch zurück an meine Lehrer, die uns auf Staatsbefehl eintrichterten, so etwas würde in den nächsten zehntausend Jahren garantiert nie passieren. Linken Aktivisten ist dieser „Wir haben es Euch ja schon immer gesagt“-Hass auf Institutionen und Medien durchaus nicht fremd. Diese Form der wütenden Selbstgerechtigkeit las man auch bei der Finanzkrise und dem NSA-Skandal. In dieser Stimmung – die richtige Einschätzung gegen alle Nebelkerzen von Medien und Politik verteidigt zu haben – sind die AfD-Anhänger. Sie sehen sich zuerst einmal als Künder der Wahrheit. Sie haben es in den sozialen Netzwerken schon gesagt, als andere noch von Rentenzahlern sprachen.

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Und aus dem Gefühl heraus, dass ihre Wahrheit bis aufs Messer bekämpft wird und man sie als – beliebige Beleidigung – bezeichnet, reagieren sie mit Hass. Sie reagieren nur. Sie agieren nach ihrem Empfinden nicht. In ihren Augen haben Medien und Politik versucht, sie auszugrenzen und als Verschwörungstheoretiker hinzustellen. Tatsächlich berichten diverse grosse Medien auffallend oft über Fälle wie “Lisa“, oder lassen lieber das „Partnerblog“ der Kölnrelativiererin Anne Wizorek zu Wort kommen, als dass sie sich mit der Frage beschäftigen, ob nicht doch etwas dran ist an der Unsicherheit, die inzwischen weite Teile der Bevölkerung ergreift. Eine Unsicherheit, die auch entsteht, wenn wie hier in der Süddeutschen Zeitung nach Übergriffen in der Münchner U-Bahn versucht wird, sofort Zweifel an den Taten anzubringen, und vor der Instrumentalisierung durch Rechte zu warnen.

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Das ist wieder so ein Fall, der der AfD auf ganzer Linie in die Hände spielt. Die SZ bringt den Fall erst, als er international in den Medien ist, bezweifelt den Beweis und lässt sich von der Polizei, wie wir inzwischen wissen, nicht zutreffend informieren. Und die Bevölkerung muss nachher aus der Lokalpresse erfahren, dass die mutmasslichen Täter – zwei davon bereits abgelehnte Asylbewerber – nicht verhört wurden, und inzwischen untergetaucht sind. Unter normalen Bedingungen wäre das ein Anlass für ein „Mea culpa“ von betont flüchtlingsfreundlich berichtenden Medien, um Vertrauen aufzubauen und zu einer realistischen Einschätzung zu gelangen. Aber das würde ja den Rechten in die Hände arbeiten. Also beisst man die Zähne zusammen und ignoriert die Kritik, die dann von der „Wir haben es ja gleich gesagt“-AfD aufgegriffen wird.

Ich denke aber, dass jeder, der die Lage und Stimmung vor Ort auf dem flachen Land in den Gasthäusern oder Turnhallen kennt, genau weiss, dass die Lage auf vielen Ebenen, unter Asylbewerbern und Einheimischen. ausser Kontrolle geraten ist. Die Politik ist so gescheitert, dass eine zerstrittene und unerfahrene Truppe in der Gunst des Souveräns unaufhaltsam durchmarschieren kann. Sie als Hassprediger zu bezeichnen und zu erwarten, dass sie verschwinden, funktioniert nicht. Sie bei Facebook und Twitter zu löschen funktioniert auch nicht. Die Ursache ist nicht, dass die AfD gerissen agiert, im Netz ihre eigenen Medien und Filterblasen hat, und mit Memes und Katzenbildern umgehen kann. Die Ursache ist, dass die Politik der Bundeskanzlerin und die Agenda der sie stützenden Medien angesichts der erlebten Realität der Menschen bei vielen noch schlechter als die AfD ankommt.

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Dass die AfD trotzdem nur zwölf Prozent wählen wollen, ist ein gutes Zeichen für die Zivilisation eines Landes, das im Streit um eine wichtige Frage erheblich zivilisiertere Argumente als wirkungslose Hassprediger- und Freikorpsvorwürfe verdient hat.

06. Feb. 2016
von Don Alphonso
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31. Jan. 2016
von Don Alphonso
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Besser lügen als Lisa und “Moabit hilft“

Man sollte eigentlich denken, dass die letzte Woche für die Polemiker der politisch radikalen Lager hässlich genug war: Rechts war das Debakel der dreizehnjährigen Lisa aus Berlin zu verdauen, bei der laut russischem Fernsehen von einer Vergewaltigung durch Flüchtlinge auszugehen sei. Wie wir nun wissen, beruhte der Fall auf einer falschen Aussage des Mädchens. Links dagegen hatte man sich über den Tod eines 24-jährigen Syrers aufgrund des Wartens am Berliner Lageso aufgeregt, und die Organisation Moabit hilft hatte durch ihre Sprecherin schon dessen Leidensgeschichte mit schmückenden Details bekannt gemacht – bis dann klar wurde, dass der Tote, den die Sprecherin zu kennen behauptete, von einem anderen Helfer nur erfunden wurde und nie existierte. Die einen bekamen die moderne Form der Ritualschändung nicht und die anderen nicht ihre Berliner Oberammergauer Passion – zum Glück leben wir nicht mehr im Mittelalter, denn so entstanden früher Pogrome.

Und zum Glück kommt das Wochenende und damit jene Ruhephase, in der der normale Betrachter alte Aufregungen verdrängt und über Tee und Torte im Hirn Platz für neue, in den nächsten Tagen auf ihn einhämmernde Propaganda schafft. Idealisten, Vaterlands- und Flüchtlingsretter und Engagierte aller Seiten könnten diese Tage nutzen, um sich für den nächsten Brüllwaffengang ein wenig besser zu rüsten, und als Reporter darf ich sagen, dass sich für beide Seiten gute Argumente im Bahnhof von Rosenheim finden würden – ich war dort und wollte eigentlich darüber schreiben. Dass ich das nicht tue und auf den Abend verschiebe, liegt leider am Umstand, dass die flüchtlingsfreundliche Seite im Internet nach dem falschen Toten gleich ein neues Totschlagsargument viral verbreitet. Seit gestern nämlich macht diese Graphik die grosse Runde.

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Das stammt aus dem Twitterfeed des Betreibers des Blogs „Linkes Pankow“. Darüber gestolpert bin ich, weil es von drei mir persönlich bekannten Menschen verbreitet wurde, die ich als sehr kluge und reflektierte Zeitgenossen kennen und schätzen gelernt habe, und von denen ich auch weiss, dass ihnen jede linksradikale Haltung weltenfern läge – alle drei würde ich sofort wählen. Dass diese spezielle Graphik ohne jede Quelle von einem eher unbekannten Twitternutzer so einen durchschlagenden Erfolg hat, liegt vermutlich daran, dass er frühzeitig von Marina Weisband, der ehemaligen politischen Geschäftsführerin der Piraten, entdeckt und verbreitet wurde. Der Rest der Geschichte geht wie bei den Lemmingen: Wenn Marina das empfiehlt, muss es ja wohl stimmen und ausserdem ist es eine Statistik, werden sich viele gedacht haben – und damit den Eindruck erwecken, dass die Bewältigung der Flüchtlingskrise nicht mal vier Milliarden kostet. Weniger als die Abwrackprämie.

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Wie gesagt, eine Quelle dieser Graphik wird nicht genannt. Das ist prima für den Ersteller, denn damit kann ich ihn nicht persönlich als Lügner und Fälscher bezeichnen. Und ein wenig frage ich mich schon, warum so viele das „Retweet“-Knöpferl drücken, wenn da keine Quelle steht: So ein Diagramm mit Kreisen kann schliesslich jeder fälschen. Und Zahlen dazu erfinden. Das fängt schon bei der sog.Abwrackprämie an: Tatsächlich wurden dafür im Bundeshaushalt fünf Milliarden bereit gestellt. Allerdings geschah das nicht einfach so, sondern innerhalb des sogenannten Konjunkturpakets II von 2009. Das heisst: Die 62 Milliarden teuren Konjunkturpakete müssten bei dieser Darstellung um fünf Milliarden verringert werden. Dass ausgerechnet die Abwrackprämie herausgezogen und präsentiert wird, ist erkennbare Absicht: Mit dem Konjunkturpaket II sind nämlich auch grosse Posten für den Infrastrukturausbau mit sozialen Einrichtungen, Kindergärten und Schulen genehmigt worden. Nur würde die Aussage „Der Staat hat 2009 schon viele Milliarden ausgegeben, die jetzt helfen, die Migrationskrise zu meistern“ der Intention der Graphik entgegen stehen.

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Die Graphik transportiert etwas ganz anderes: Ein Land versenkt zig Milliarden in Konjunkturpakete, die nach der Finanzkrise und den dort versenkten Milliarden nötig wurden, ihm sind Autokäufe wichtiger als Menschen, und es hat fast vier mal so viel Überschuss, wie es zu zahlen bereit ist. Natürlich stechen da besonders die 480 Milliarden für die Bankenrettung ins Auge. Diese Zahl basiert auf dem Volumen, das der Bund 2008 für die Banken bereit gestellt hat: 400 Milliarden Garantien und 80 Milliarden Kapitalzuschüsse. Von den Garantien wurde aber aufgrund ausbleibender Bankenzusammenbrüche exakt 0 Euro abgerufen. Auch die 80 Milliarden Zuschüsse sind nicht komplett weg. Unter dem Strich werden die Gesamtkosten für den Steuerzahler momentan mit einem mittleren zweistelligen Milliardenbetrag geschätzt, und es sieht so aus, als könnte der Verlust auch noch deutlich geringer ausfallen. Dass in der Folge der Niedrigzinspolitik jedoch die Sparer aufgrund ausbleibender Wertzuwächse auch ihren Teil zur Bankenkrise beitragen, wird linke Aktivisten kaum dauern. Für eine Abschätzung der realen Kosten mit allen Faktoren ist es zu früh – aber die Graphik müsste bei „Bankenrettung“ einen kleineren Kreis als bei den Konjunkturpaketen ausweisen. Oder die Intention ruinierend dazuschreiben, dass hier nicht abgerufene Garantien mit sicheren Kosten verglichen werden.

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Bleibt der letzte Punkt, die Bewältigung der Flüchtlingskrise – auch der ist irreführend. 3,7 Milliarden gehen erst dieses Jahr vom Bund an Ländern und Gemeinden, letztes Jahr war es deutlich weniger. Das ist aber nur ein kleiner Teil der Kosten, die nur deshalb im Bundeshaushalt zu finden sind, weil der Bund die Versorgung an die Gemeinden abgibt. Die wiederum haben nur bei Unterbringung und Verpflegung schon rund doppelt so hohe Kosten. Die Gesamtkosten für die Flüchtlinge schätzte das ifo-Institut allein für letztes Jahr auf über 20 Milliarden Euro. Und da waren noch keine der jetzt nötig werdenden Integrationsprogramme oder Bauprojekte zu sehen. Dieses Geld ging für den Status der überfüllten Turnhallen drauf, in dem Lügen über tote Flüchtlinge prima gedeihen. Die Folgekosten mit Wohnungsbau, Fortbildung, HartzIV. Integration, Schulen, Lehrer, Polizei werden mit Sicherheit noch weit darüber liegen. Und sie sind mit diesem Jahr nicht vorbei. Sollten die meisten Migranten in naher Zukunft wieder gehen müssen, wie die Verursacherin der Migrationskrise inzwischen raunt, wird es auch keine Chance geben, die These zu überprüfen, ob sie die Kosten langfristig wieder erwirtschaftet werden. Die Migrationskosten könnten dann nächstes Jahr leicht der grösste Klops in der Statistik sein. Diese nicht einfache Debatte muss ehrlich geführt werden, und wenn die eine Seite mit falschen Zahlen agiert, nützt es nur der anderen Seite.

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Im Rahmen dieses Blogs geht es jedoch um das Internet und wie es funktioniert: Und da muss man leider feststellen, dass auch kluge Menschen schnell hereinfallen, wenn sie eine Statistik mit Faktoren sehen, die ihnen gefallen. Banken gelten – vielleicht nicht zu Unrecht – als böse, Konjunktur klingt nach  Wirtschaft ist tendenziell böse, Abwrackprämie für Autofahrer ist böse, Überschuss für Schäuble ist böse, Flüchtling ist gut und bekommt nur Peanuts: So ungerecht geht es in der linken Vorstellung zu, schliesslich verwenden sie auch gern den Hashtag “Kaltland“, und diese Graphik ohne Quelle scheint es zu beweisen. Und wird ein riesiger Erfolg in den sozialen Netzen, der grösste argumentative Sieg seit dem toten Syrer vom Lageso. Es ist zum Verzweifeln. Weil es ja auch gute Argumente gäbe. Vielleicht ist jeder Cent für einen Flüchtling wirklich deutlich besser als jeder Euro für eine Bank. Darüber könnte man reden. Mit echten Zahlen. Dann wüsste die Bevölkerung, was wirklich auf sie zukommt. Und wäre „auch die Sorgen bei der Finanzkrise waren übertrieben“ nicht ein feines Argument?

Journalisten verbreiten das. Aktivisten. Politiker. Linksextreme und Nachdenkende. Da steht eine offensichtlich von interessierten Fälschern gebaute Graphik voller Unwahrheiten, vergleicht Unvergleichbares und vergrössert und verkleinert reale Milliardenkosten nach Gusto um den Faktor Zehn. Und es wird geglaubt, weil es dem linken Weltbild entspricht. Wie so ein Lügenpresse grölender Pegidahool aus dem Erzgebirge. Die Partei hat immer recht. Quelle Internet. Das sind dann teilweise auch die Leute, die die Welt wissen lassen, dass wir es schaffen werden mit Ausrufezeichen, und Zweifelnde als Nazis im Fettdruck bezeichnen.  Wer nicht dabei ist, ist natürlich rechts. Störe unsere Kreise nicht, du Faktennazi.

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Aber immerhin bin ich nicht so leichtgläubig, und ich habe meine Freunde Tee und Torte dabei.

31. Jan. 2016
von Don Alphonso
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24. Jan. 2016
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99 Gründe, warum Sextips Trottelplattformen auch nicht retten

So sehen Medienerfolge im Internet aus: Kaum hatte Juliane Leopold, Chefredakteurin des deutschen Ablegers des US-Portals Buzzfeed, den Tweet abgeschickt, verbreitete er sich wie ein Lauffeuer im Internet. Diese Kampagnenfähigkeit muss man erwartet haben, als Leopold vor anderthalb Jahren in Berlin mit einer kleinen Redaktion startete: Viral, schnell, die Massen bewegend. Was auf den Tweet folgte, war atemberaubend. Medienberichte, Debatten, Erregung. Im Stil der journalistischen Bodendecker, für die Angebote wie Buzzfeed stehen, könnte man hier nun plakativ fragen: „Was ist da los?“ Nun, Juliane Leopold liess die Welt wissen, dass sie Buzzfeed Deutschland verlässt und ihren Job nun ein anderer/ eine andere/ einx anderx haben kann.

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Die Genderei macht hier durchaus Sinn, denn während das Mutterhaus in Amerika in seinen Anfangsjahren keinen sexuellen Aufreger liegen liess, sofern er nur Klicks und Nutzerinteresse versprach, war Buzzfeed in Deutschland fest in feministischer Hand. Etliche Beiträge waren erkennbar vom feministischen Blog „Jezebel“ inspiriert, und aus der persönlichen Nähe zu den Verursacherinnen des Aufschrei-Hashtags machte niemand einen Hehl. Angetreten, um die von den klassischen Medien abgewanderten Nutzer in sozialen Netzwerken zu beliefern, versuchte das deutsche Team einen Spagat zwischen übersetzten Themen aus Amerika und Eigenentwicklungen mit vielen Bildern und wenig Text. Im Mittelalter nannte man so etwas „Biblia Pauperum“, was manche Kollegen aber nicht hinderte, den Markteintritt von Buzzfeed in Berlin als neue Form des Journalismus zu loben. Nun könnten junge, eloquente Leute den alten Medien endlich einmal zeigen, wie das mit dem Internet wirklich geht.

Allerdings kam Buzzfeed reichlich spät auf den Markt. Mit Heftig.co gibt es eine lang etablierte Konkurrenz, die sich thematisch sehr nah an das amerikanische Vorbild hält, und mit 27 Millionen Visits im Monat zu den grössten deutschen „Nachrichtenportalen“ gehören könnte – wäre da nicht der Eindruck, dass die „Leser“ zwar schnell auf die reisserischen Überschriften und Listen hereinfallen, aber ebenso schnell wieder weg sind. Auch deutsche Blogs wie Nerdcore, Schlecky Silberstein, Dressedlikemachines, Urban Shit, Kraftfuttermischwerk und Blogrebellen liefern für eine junge Boh-ey-krass-Alder-Zielgruppe bildungsdistanzierte, leicht konsumierbare Unterhaltungsangebote, die sich eher an die männliche Kundschaft richten – insofern mag der Schwerpunkt bei Buzzfeed auf Frauenthemen nicht ganz dumm gewählt gewesen sein.

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Allerdings hauen auch die laut Welt “absolute Trottelplattform“ Bento.de von Spiegel Online und die eher streberisch anmutende Website Ze.tt von Zeit Online in die gleiche Kerbe – gerade so, als herrschte im aktuellen Medienbetrieb ein akuter Mangel an unzufriedenen Feministinnen, die den Zustand der Welt beklagen. Und dann ist da noch der deutsche Ableger von Vice, der neben Porno, Sport und linksradikaler Demoberichte auch noch viel Raum für Frauen zulässt. Byou von Bild Online setzt dagegen auf klassischen Trash mit sexueller Note – gewissermassen das nackte Mädchen von Seite Drei für Facebookfreunde. Und dann ist da noch der deutsche Social-Media-Überflieger „Der Postillon“, der neben Heftig.co zeigt, wie es wirklich im sozialen Netz geht – allerdings mit selbst erstellten, lustigen Einfällen und ohne Übersetzung amerikanischer Unterschichtenprojekte.

Gemein ist allen Projekten, dass zwar viele schreiben dürfen, deren journalistische Eignung man angesichts von Oktoberfestlügen bisweilen in Frage stellen kann – aber nicht jeder. Das war beim Jugendportal jetzt.de von der Süddeutschen Zeitung anders. Jetzt.de hat die Einstellung des hochgelobten Heftes überlebt, und früher scheinbar unbesiegbaren, heute jedoch längst vergessenen Projekten wie Livejournal, Studivz, Blog.de, Friendster und Myspace standgehalten. Vor wenigen Wochen jedoch sah man sich aufgrund des schwindenden Leser- und Nutzerinteresses gezwungen, jetzt.de einer Neuaufstellung zu unterziehen. Gleichzeitig hat die Süddeutsche versucht, mit einem sehr bildlastigen Mittelteil auf der Website Gestaltungselemente von Jugendportalen zu übernehmen – inzwischen ist dieser Block an den unteren Rand der Website gerutscht. Das Geschäft mit den bilderliebenden, dauernd online verbreitenden Jugendlichen ist offensichtlich doch nicht ganz so leicht, wie viele Medienhäuser sich das noch vor ein, zwei Jahren vorgestellt haben. Entsprechend ernüchternd fallen dann in der Fachpresse auch die Kommentare aus.

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Renner bei den sozialen Medien sind dagegen angesichts der Flüchtlingskrise nicht Analsextips von Bento.de, sondern auch die Vertreter der politisch voreingenommenen Publizistik. Irgenwo zwischen obskur, rechtslastig und verschwörungstheoretisch tummeln sich der Kopp-Verlag, die Junge Freiheit, die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, die russischen Propagandaprojekte Russia Today und Sputnik News – oder gleich knallrechte Agitationsseiten wie unzensuriert.at, wenn nur genug Nutzer aufsprimgen. Der Umstand, dass soziale Netzwerke schon lang keine Medien nur für konsumfreudige Jugendliche mehr sind, und zunehmend auch von Älteren und Minderbemittelten aufgrund der unterkomplexen Handhabe bevorzugt werden, mag bei diesen doch eher überraschenden viralen Erfolgen eine gewisse Rolle spielen. Betrachtet man die zu den Extremen neigenden Reaktionen des Netzes, könnte man fast befürchten, der Mainstream werde sowohl von linkslastigen Jugendprojekten als auch durch rechtslastige Gegenöffentlichkeit kannibalisiert.

Gemäss dem Dictum, dass zwar nicht jeder im Netz ein Irrer, aber jeder Irre im Netz ist, muss so eine fatalistische Ansicht nicht zutreffen. Der Verfasser folgt bei Twitter sowohl linken wie auch rechten Linkschleudern, die offensichtlich viel Zeit haben, Argumente für ihre Standpunkte dem jeweiligen Publikum nahe zu bringen. Dort lesen sich dann auch fünfstellige Followerzahlen imposant. Real bleiben auf den Seiten bei einer Verlinkung aber oft nur ein paar hundert Leser übrig. Das mag erklären, warum ein durchschlagender Erfolg bei den Reaktionen nicht zwingend bedeutet, dass derartige Beiträge mit ihren nach Aufmerksamkeit heischenden Titeln auch gelesen werden. Vielbesuchte Plattformen wie Spiegel Online und Zeit können ihren Töchtern mit Platz auf der eigenen Website helfen, die Leserzahlen nach oben zu treiben. Das sind dann allerdings nur Leihleser. Ob sie dauerhaft bei den Projekten bleiben und echte – und damit auch für Werbung interessante – Stammkunden werden, ist eine andere Frage.

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Offensichtlich ist jedoch, dass es momentan auf diesem Markt eine qualvolle Enge bei gleichzeitig eher geringer thematischer Spannbreite gibt. Es muss vor allem überraschend und emotionalisierend sein. Die meisten Projekte neigen dazu, Shitstormwellen zu reiten und sich an Randale im Netz zu hängen. Angenehmes publizistisches Umfeld, wie es die werbende Industrie mag, sieht anders aus. Bezeichnenderweise hat sich Buzzfeed in den letzten zwei Jahren mit zweistelligen Millioneninvestments vom Clickbait-Anbieter zum Videoproduzenten und teilweise journalistischen Angebot gewandelt, ist aber dennoch gezwungen, für seine Werbekampagnen grössere Beträge an Facebook abzuführen, damit ihnen die nötigen Nutzer zugeführt werden. Es sind solche Einblicke in das von Abhängigkeiten und Tricks geprägte Mediengeschäft, die dafür gesorgt haben können, dass Vergleiche zwischen New York Times und Buzzfeed mittlerweile selten geworden sind. Die deutschen Projekte, die mit Juliane Leopold nun einen ersten, spektakulären Abgang zu verzeichnen haben, sind noch sehr weit von einer derartigen Marktstellung entfernt, und stagnieren öfters wie etwa Heftig.co schon seit einiger Zeit.

Bei Älteren werden da Erinnerungen an Zoomer.de wach: Holtzbrinck wollte damals ein junges Medium extra für seine Plattform StudiVZ schaffen. Beide Projekte erwiesen sich als teure Fehlschläge. Die aktuellen Nachfolger sind dagegen eher kleine Projekte. Sollte sich das Nutzerinteresse von Wackelbildern und geistig anspruchslosen Listen wegbewegen, wäre für die Betreiber vermutlich nicht viel verloren.

24. Jan. 2016
von Don Alphonso
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06. Jan. 2016
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Sexuelle Gewalt in Köln mit dem Oktoberfest kleinreden

Jede Straftat, egal von wem sie begangen wurde, ist eine zu viel.

Ich bin Bayer. Aber das heisst nicht, dass ich Bier trinke. Genau genommen trinke ich überhaupt keinen Alkohol, denn ich finde, wenigstens eine Tugend sollte man haben. Ausserdem bin ich Vegetarier und finde Fleisch widerlich. Als Spross der besseren Kreise habe ich ein Faible für klassische Musik – der Musikantenstadl ist mir ein Graus. Grosse Mengen gemeinen Volkes widern mich an. Ich gehe in der Folge auf kein Volksfest. In meiner Münchner Zeit habe ich die Stadt während der Oktoberfeste immer verlassen, und einen schlechteren Verteidiger als mich könnte diese abstossende, kulturfreie, alkoholersäufte Jauchegrube mit ihrem Billigtracht tragenden Gschleaf nie und nimmer finden. Echte Bayern hassen oft das Oktoberfest als totale Perversion ihrer Tradition. Nicht einmal mehr gscheide Masskrugschlägereien gibt es dort. Die wurden schon vom Rat Stierhammer gnadenlos ausgerottet.

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Sie sehen also, ich bin voreingenommen, angewidert und subjektiv gegenüber meinem Mandanten, den ich jetzt vor dem Netz zu verteidigen gedenke. Hauptanklägerin ist die hier bereits bekannte ARD-Journalistin Anna-Mareike Krause. Sie ist Feministin und nicht neu im Geschäft der unfeinen Zuschreibung. Ich suche mir solche Streitereien nicht heraus, Krause schiebt sich mit über tausend Retweets selbst dorthin, wo ich den Radi putze, und diesmal sagt sie in Bezug auf den sexualisierten Massenmissbrauch am Hauptbahnhof in Köln und auf eine Äusserung der ehemaligen Familienministerin Christina Schröder:

Wenn sexuelle Gewalt etwas mit herkunftsbedingten Männlichkeitsnormen zu tun hat, dann hätte ich ein paar Fragen zum Oktoberfest.

Das wurde vom Umfeld der Social-Media-Redakteurin eifrig verbreitet, das Oktoberfest wurde danach schnell zu einem „Trending Topic“bei Twitter, und in der Folge versuchten viele den Eindruck zu vermitteln, das Oktoberfest sei auch so eine Art zweiwöchiges Silvesterverbrechen in München. Besonders beliebt ist dabei ein Artikel, der 2009 in der linken Tageszeitung erschien und ein Betreuungsprojekt für Frauen vorstellte. Der Artikel erweckt den Eindruck, die Einrichtung habe sich um hundert Frauen gekümmert, die sexuelle Gewalt erlebt hätten, und behauptet, es gäbe eine Dunkelziffer von 200 Vergewaltigungen während des Festes – von denen nur zehn angezeigt würden.

Tatsächlich weist die Kriminalstatistik für 2008 lediglich vier und im Folgejahr sechs Vergewaltigungen aus – also nur rund die Hälfte der in der taz behaupteten Zahlen. Was der Artikel nicht deutlich klärt ist, dass sich die Einrichtung um alle Frauen kümmert. Die meisten wissen aufgrund von Trunkenheit, verlorener Freunde oder Handtaschen nicht mehr weiter. Eine Quelle für die Dunkelziffer der 200 Vergewaltigungen gibt der Beitrag ebenso nicht an. Um die Zahl in Relation zur Realität zu setzen: Vorletztes Jahr registrierte die Polizei in ganz München im ganzen Jahr 147 Vergewaltigungen. Die Horrorzahl der taz erscheint also eher fragwürdig und wird auch ansonsten nicht gestützt. Sie wird dennoch von genau jenemauch journalistisch arbeitenden – Umfeld als Gewissheit im Netz verbreitet, das Xenophoben begründet vorwirft, Vergewaltigungen für ihre eigenen Ziele zu erfinden und zu instrumentalisieren. Am Ende werden die falschen und veralteten Zahlen  dann von der Feministin Anne Wizorek der Frankfurter Rundschau als Tatsache untergeschoben.

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Trotzdem ist es natürlich zulässig, grosse Ereignisse in Relation zu setzen. Es kann als gegeben vorausgesetzt werden, dass am Bahnhof in Köln aus einer Gruppe von rund tausend Männern heraus Straftaten vor allem gegen Frauen unternommen wurden, die bis heute zu über hundert Anzeigen führten, drei Viertel davon mit sexuellem Hintergrund – vermutlich werden in den kommenden Tagen noch weitere dazu kommen. Was die Herkunft der Täter angeht, gibt es widersprüchliche Angaben aus dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung. Es wird von Tätern nordafrikanischer oder arabischer Herkunft gesprochen. Gleichzeitig wird von der Oberbürgermeisterin Reker betont, es gäbe keine Erkenntnisse über die Teilnahme von Flüchtlingen – was allerdings im Gegensatz zu einem Medienbericht steht, in dem ein Polizist mehrere entsprechende Personalien festgestellt haben will: „Sie hatten alle kopierte Papiere dabei, Aufenthaltsbescheinigungen für Asylverfahren.“. Mal heisst es, einige Täter seien polizeibekannte Intensivtäter, dann heisst es wieder, die Polizei habe keine Erkenntnisse. Es ist offensichtlich, dass die Gruppe stark alkoholisiert und in „Feierlaune“ war – insofern ist es natürlich zulässig, als Vergleich das Oktoberfest mit seinen Alkoholexzessen zu nennen.

Es fällt allerdings auf die Twitternutzer zurück, denn man kann bei genauem Hinschauen zeigen, wie manche im Netz selbst Relativierung von sexuellen Gewalttaten betreiben. Das Oktoberfest 2015 hatte 5,9 Millionen Besucherinnen und Besucher während der 17 Tage seiner Dauer. Nimmt man an, dass jeder zweite Besucher männlich und strafmündig war, standen im Schnitt täglich 174.000 Männer auf der Wiesn. Schreibt man dieser Gruppe alle von der Polizei erfassten Straftaten zu, so verübten sie während des gesamten Festes insgesamt derer 1.191 – darunter insgsamt 20 Sexualdelikte, und im Gegensatz zu den im Netz verbreiteten Behauptungen keine einzige vollendete Vergewaltigung. Das bedeutet, dass die Polizei pro Tag 70 Straftaten feststellte, bei rund doppelt so vielen Einsätzen. Auf 100.000 männliche Wiesnbesucher und Tag kommen also 40 Straftaten.

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Am Hauptbahnhof in Köln gibt es bislang über hundert Anzeigen auf eine Gruppe von tausend Menschen. Abgerundet, seien wir gnädig, und bei vollem Bewusstsein, dass das Oktoberfest auch viel Gschleaf, Säufer, Streithansel, Menschen aus Neuburg an der Donau und Berlin an der Spree und auch Journalisten der ARD anzieht, und nur eine Minderheit echt ethnische Bayern sind und auch Trickbetrüger kommen – sind Teilnehmer des Mobs von Köln rein rechnerisch immer noch über 200 mal so anfällig für das Begehen von Straftaten wie Vertreter der tausend männlichen, feiersüchtigen und meist am Ende sternhagelblauen Besucher des Oktoberfestes. Selbst, wenn man die 20 mal so hohe Dunkelzifferunterstellung der taz glauben und auf alle Delikte ausweiten wollte, wäre Köln ohne jede Dunkelziffer mehr als zehn mal so gefährlich.

In München werden im Jahr pro 1000 Einwohner 70 Straftaten registriert. Der Mob von Köln hat dazu nicht einmal eine einzige Nacht gebraucht. Aufs Jahr gerechnet kämen 1000 rein männliche Wiesnbesucher dagegen auf 145 Straftaten. Damit hätten die männlichen, betrunkenen, feierwütigen Oktoberfestbesucher in etwa die normale Kriminalitätsrate von Köln ohne den Silvestermob. Das hat auch etwas damit zu tun, dass in Bayern noch vieles in Ordnung ist, denn für Ordnung sorgt die gut vorbereitete Gendarmerie und für die Gerechtigkeit Gerichte, die beim Oktoberfest auch schnell und hart durchgreifen. Anzeigen werden hier schnell aufgenommen, es gibt ein sehr effektives Sicherheitskonzept, das für stetig sinkende Delikte sorgt – in linken Kreisen wird das gern als „Polizeistaat Bayern“ diffamiert. Da gibt es auch jede Menge Security. Das Fest ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, und es ist im Interesse des Staates, dass es dort sicher zugeht.

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Es gibt dort einfach keine Szenen wie in Köln. Wer so etwas behauptet, hat entweder keine Ahnung, oder lügt absichtlich. Wer so etwas bei der Presse behauptet….

könnte das alles schnell und bequem im Internet recherchieren, und deshalb verstehe ich nicht, warum Feministinnen, Journalist_Innen und Politiker_Innen versuchen, mit einer weitgehend friedlichen Grossveranstaltung via Twitter die Zusammenkunft von teilweise gefährlichen Elementen kleinzureden. Das ist bestes Futter für diejenigen, die den Medien nicht trauen, und eine krasse Verharmlosung einer brandgefährlichen Szene, die einen Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung zu sexuellen Übergriffen benutzt hat. Natürlich geht es in manchen Bierzelten nicht wie bei der Böllstiftung zu, natürlich gibt es in München übergriffiges Verhalten. Alle Beteiligten wissen dort um die lockeren Sitten und nicht wenige – auch Frauen – sind explizit auf Exzesse aus. Ich mag das auch nicht. Ich hasse dieses Fest. Ich mag Dirndl lang, traditionell und sittsam und nicht diesen Ballermann, der bayerisch lackiert wird.

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Aber er taugt nicht zur Internethetze, und er taugt aufgrund der geringen Kriminalitätsrate der Besucher nicht zur Relativierung schwerer Straftaten. Wer so etwas als politisch Verantwortliche macht, kann sich heraussuchen, ob sie damit die meist friedlichen Besucher des Festes auf eine Ebene mit brutaler Kriminalität stellt, oder organisierte Kriminelle und ihre Taten verharmlost, und ihre Opfer zusätzlich herabwürdigt – als sei das, was ihnen angetan wurde, eine Art freiwillig besuchtes Volksfest. Beides ist unredlich, beides verwischt die Fakten und die Grenzen zwischen Tätern und Opfern. Und der Twittermob mit den falschen Zahlen muss sich fragen lassen, ob die Unterstellungen ein besserer Rassismus sind, weil er von denen vorgetragen wird, denen das Kölner Debakel für die Willkommenskultur nicht in ihre politische Doktrin passt, in der die Schurken idealerweise weisse, heterosexuelle Männer sein müssen.

In diesen Kreisen denkt man, man sollte ganz offen über das Oktoberfest reden, aber nicht über die Herkunft von Tätern, deren Existenz man vor Silvester noch als übelste Nazipropaganda abgetan hätte. Jetzt ist sie Realität, und die Aktivist_Innen versuchen, die Nacht von Köln zu einer deutschen Normalität umzuschreiben. Ich hätte übrigens keine Fragen an die ARD zu Frau Krause. Mir reicht schon das Ahnung, dass Martin Delius und Christopher Lauer vermutlich dem nächsten Berliner Parlament nicht mehr angehören werden.

06. Jan. 2016
von Don Alphonso
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31. Dez. 2015
von Don Alphonso
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Die Zukunft wie eine überfahrene Ratte wegwerfen

Als Bayer muss ich sagen: Respekt, meine Herren. Der Kongress des Chaos Computer Clubs war trotz der Lage am Nordpolarmeer gut.

Aber die wahre Zukunft habe ich draussen vor dem Kongresszentrum in Hamburg gesehen. Die Zukunft ist aus billigem Plastik, blau, und nur zehn mal zehn Zentimeter gross. Darin blinkt eine LED, wie man das aus Filmen kennt, bei denen gleich eine Bombe hochgeht, und im daneben liegenden Dammtorbahnhof könnte man damit sicher eine Räumung verursachen: Das Ding sieht aus wie ein militärischer Zünder. Es ist aber etwas viel Schlimmeres: Es ist ein funkgesteuertes Alarmmodul in einem Coffee Shop, das einem mitteilt, dass das Essen fertig ist. Es ist nicht normaler Terror, es ist Alltag.

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Ich hätte gern einen Flug dorthin, wo der Erfinder lebt, und der denken mag: Menschen kosten Geld, wenn sie Essen zum Tisch tragen, Kommunikation kotzt die junge Generation eh an, also entwickle ich etwas, das den Gast wie ein dummes Stück Vieh einfach anblinkt und ansurrt, wenn das Essen fertig ist, und er holt es sich dann selbst. Dafür entwickeln wir einen wirklich scheusslichen Plastikkasten, der angefunkt werden kann, und dann schlurfen Datenzombies hocherfreut zur Theke, an der sie zu feige sind, dem Personal Danke zu sagen, Trinkgeld zu geben oder sonstwie menschlich zu interagieren. Diese Person würde ich gern treffen und sagen, was ich mit seiner kranken, asozialen Erfindung gemacht habe: Ich habe sie zwischen zwei Fingern gehalten, wie man eine tote, klebrige, mehrfach überfahrene Ratte halten würde, sie mit einem für wirklich jeden erkennbar angewiderten Gesichtsausdruck am weit ausgestreckten Arm zur Theke getragen, und den Bedienungen zum Trinkgeld – übrigens in einen Topf und nicht direkt, menschliche Interaktion ist wohl nicht so geschätzt – mein Beileid ausgesprochen, nur noch ein Funktionsanhängsel so eines widerlichen Stück Technikdrecks zu sein. In der menschlichen Kommunikation stecken zigtausende von Jahren voll mit Erfahrung und Zuneigung – das sollte für die Übergabe eines Tellers reichen.

Und dann würde ich ihm einige der in diesen Zigtausenden von Jahren erfundenen Bezeichnungen nahebrimgen, die das frühere Treiben seiner leiblichen Vorfahren in kritischem Lichte sehen. Denn die digitale Ratte ist nur der erste Teil einer Invasion. Solche Leute werden sicher auch dereinst auf die Idee kommen, die Übergabe von Essen mit Gesichtserkennung sicher zu machen – nur wenn das bestellende Gesicht zum abholenden Gesicht passt, bekommt es Essen. Eine Servicekraft ist dann gar nicht mehr nötig, statt dessen wird auch gleich erkannt, wer der Besteller ist. Seine Krankenkasse wird informiert, und wenn der Fettgehalt im Pesto zu hoch ist, wird gleich mal die Risikoanalyse in Gang gesetzt. Die fordert dann entweder als Ausgleich eine Stunde überwachten Sport oder einen neuen Tarif. Dem Nutzer dieses Drecks wird während der Verarbeitungszeit Werbung einer anderen Krankenkasse mit Wechselrabatt eingespielt, und der Erfinder kassiert von allen. Von den einen Geld und von mir dann hoffentlich eine Darbietung des beliebten bayerischen Volksstücks „Der Watschenbaum ist umgefallen und seine Blätter waren beilförmig“. Ich habe zwar keine Ahnung von Computern, aber hacken kann ich solche Rattenzüchter auch analog.

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Weil wir gerade in diesem Rückblick auf die Zukunft über Bayern gesprochen haben: Während draussen vor dem Kongress ein freudloses Fortschritt droht, herrscht drinnen unter dem Rautenhimmel ein dem Bergbewohner sehr vertrautes Klima. Man muss sich das wie die Datenschutzversion der Leonhardifahrt in Bad Tölz vorstellen: Irgendwann sind recht viele mordsberauscht, man ist sich in den meisten Punkten eh einig, und wo man in Tölz während der Predigten Reliquien sieht, sieht man hier Powerpointfolien. Vieles ist normalen Menschen ähnlich unverständlich wie der tridentinische Ritus, aber auf dem Höhepunkte treten zwei Kardinäle auf, Monsignore Franciscus Rigorosus und Monsignore Felix della Scala, und verpassen der Welt einen allgemeinen Sündeneinlaufablass mit dem Namen „Die Fnord News Show“. Der Jubel ist dann so, als würde der Papst auf dem Petersplatz den Gebirgsschützen zwei Wochen Freibier verkünden.

Natürlich ist dem Gebirgsschützen nichts näher als seine alte, hirschlederne Trachtenhose, die er schon auf Dutzenden von Bierbänken und Beichtschemeln blank gewetzt hat. Das Loch dort stammt von einer Messerstecherei mit dem Toni, der Fleck hier von einem Masskrugweitwurf auf sie Grattler vom Nachbardorf, und Kundige wissen anhand der aufgestickten Motive schon von weitem, welcher ruhmreichen Kompanie der Träger angehört. Auch ich trage hier bei uns im schönen Bayern natürlich eine Tegernseer Hirschlederne, die nach zig Jahren immer noch besser als die alten T-Shirts vergangener Chaos-Circhweih-Congresse aussieht, die hier, ausgeblichen und zerfetzt, dem Besucher von den scheinbar alten Hasen vorgeführt werden.

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Da waren also junge Hüpfer dabei, die stolz vier Jahre alte Logos auf der Brust trugen und zeigten, dass sie oldschool dazu gehören zu einer elitären IT-Welt, in der ich damals schon Profiblogger war – aber so ist das halt. Jede Kultur erfindet sich gern ihre historische Legitimation und Codes. Blaue Haarmobs bei den Queerfeministinnen, die auch bei jedem Haberfeldtreiben mitspielen könnten, alte Hoodies bei lustigen Holzhack0rZbuam, und die Vorträge beginnen erst um halb zwölf zwengs den vorherigen Vollräuschen, halt so wie bei uns auf dem Barthelmarkt, wo vor zwölf auch nicht die Blasmusik spielt. Oh, und die Männer tragen derartig wilde Wildererbärte, dass ich nächstes Jahr hier einen Stand mit Stöpselhüten. Hirschfängern und Jennerweindevotionalien aufmachen werde. Weil, so ein Wildschütz ist ja auch nur ein freigeistiger Real Life Hacker überkommener Jagdvorschriften und der Feind aller Förster und Gendarmen gewesen.

Der Kongress blickt auf eine stolze, lange Geschichte zurück, manche Besucher fühlen sich in ihrer einzig richtigen Art sehr sicher und glauben sich auf einem Weg in eine Zukunft, in der sie zum wichtigen Faktor werden – da kann so eine historische Credibility, basierend auf den Mythen der Berge, die Computer und Drei-D-Drucker nun mal nicht ausspucken, nur helfen. Das ist bei uns in Bayern auch nicht anders, und in vielen Punkten ist man sich hier eh so einig wie die CSU-Fraktion. Man will genauso unabhängig sein, ein eigenes Reich in diesem Staat haben, in dem die grosse Koalition in Berlin nichts zu melden hat, in dem man die Regeln selbst bestimmt, und den eigenen Lebensidealen huldigt – und mag Hamburg auch weit im Norden liegen, so habe ich doch keinen Zweifel, dass Dukes-of-Hazard-Fans auch Gefallen an einem Dirndl finden werden. Gut, vielleicht ist es strategisch etwas mangelintelligent, an dieser Stelle strukturelle Ähnlichkeiten von Subkulturen aufzuzeigen. Aber kennt man eine Leonhardifahrt, kennt man alle. Es gibt ab und zu auftretende Kritik von Queerfeministinnen, Immernochpiratinnenabgeordneten und Postprivaschisten, sie klingt wie die Ermahnung der katholischen Landfrauenbünde. Da, wo bei Leonhardi die geschmückten Kutschen stehen, wartet beim Cameradschaftlich Congressualen Classentreffen die beleuchtete Rakete.

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Und die wahre Zukunft, die Zukunft der kleinen, überfahrenen, blauen Plastikratten, ist hässlich genug, dass man um Alternativen wirklich froh sein kann. Diese Zukunft, die im Congresszentrum analysiert, beurteilt und auseinander genommen wird, geht draussen weiter, verbittet sich Kritik und tut, was Märkte und Politik fordern. Da ist es gut, wenn ein paar Tage offen diskutiert, genörgelt und debattiert werden kann, als wäre es am Stammtisch von Kloster Reutberg.

Foads ruig hi, Leid. Einzig echtes Manko: Es gibt keine Eisbären in Hamburg, die man des Felles wegen jagen kann. Oh, und Vorsicht, was sie als Franzbrötchen verkaufen, ist kein Baguette, sondern ein Fladen aus Strychnin. Da sollte man vorbereitet sein und besser die eigenen Schweinshaxn mitbringen. Dann hat man beim Essen auch keine blauen Ratten um sich.

31. Dez. 2015
von Don Alphonso
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30. Dez. 2015
von Don Alphonso
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Niemand hat die Absicht, eine Überwachung zu hinterfragen

Manches ist einfach zu lang, und wäre besser nach der ersten Hälfte beendet worden. Es gibt öde zweite Akte in Opern, es gibt den zweiten Teil von Goethes Faust, die dritten Welle des Feminismus und, als bestes Beispiel: Norddeutschland. Während dieses Land grandios auf den Alpengipfeln des Südens seinen Anfang nimmt, flacht es dann doch deutlich ab, um nach einem dreihundert Kilometer breiten Tundrastreifen, in dem sich die Schöpfung eine Kreativpause gönnte, keinen Meter zu spät im Nordpolarmeer abzusaufen. Ich bin dort, ich habe es gesehen, und es gibt hier noch nicht mal jene Eisbären, deren Fell ein hübsches Mitbringsel gewesen wären. Für Unterhaltung sorgt dennoch der Kongress des Chaos Computer Clubs, für den ich eigentlich anreiste.

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Aber auch dort gibt es Veranstaltungen, die bemerkenswert gut beginnen. „The price of dissent“ begann mit einer Videoübertragung aus England, weil der Sprecher nicht ausreisen darf: Maazzam Begg war einer der prominentesten Häftlinge aus den US-Gefängnissen von Bagram und in Guantanamo Bay. Als britischer Staatsbürger mit pakistanischen Wurzeln hat er eine längere Vorgeschichte in Kreisen, die man vielleicht als „radikalislamisch“ bezeichnen könnte. Er kannte einige prominente Figuren der Konfliktparteien im Mittleren Osten persönlich, hat Trainingscamps besucht und einen islamischen Buchladen betrieben – und geriet so ins Visier der Geheimdienste. Er wurde auf Wunsch der Amerikaner in Pakistan festgenommen, nach Afghanistan überstellt und dort verhört – wie, das beschrieb er auf dem Kongress sehr eindringlich, ohne dass man zwingend den Eindruck haben musste, dass er ein Extremist sein könnte. Die britische Regierung ist immer noch der Ansicht, hat seinen Pass einbehalten und hindert ihn an der Ausreise. Also schwebt sein Gesicht virtuell über den Rängen und berichtet, was ihm angetan wurde. Er ist ein geübter Spreher, und er bekommt von der offensichtlich eher agnostischen Zuhörerschaft frenetischen Applaus. Vielleicht auch, weil er nicht wie jemand wirkt, der die Einführung der Sharia in einem islamischen Kalifat unterstützt

Dann aber übernimmt Cerie Bullivant, der wie Begg die Gefangenenhilfsorganisation Cage.UK vertritt – eine Organisation, deren Fälle er als so „unpopular“ bezeichnet, dass andere Organisationen wie Amnesty sie eher ablehnen würden. Ob man Cage UK nun als besonders engagiert in schwierigen Fällen, oder als Unterstützergruppe radikaler Muslime sehen möchte, bleibt dem Betrachter überlassen. Aber Bullivant schafft es nicht, so ruhig überzeugend wie Begg zu reden. Es wird persönlich, es wird aggressiv, er wirkt leicht fanatisch, und es ist vielleicht verständlich: Als Aktivist und islamischer Konvertit war Bullivent bis zur Anreise zum Kongress massiver Überwachung ausgesetzt, und Cage UK ist selbst im Lager der Gefangenenhilfsorganisationen und Bürgerrechtler deutlich umstritten. Es ist schwer, sich während der Rede ein umfassendes Bild der Organisation zu machen, weil manche wichtigen Informationen einfach nicht erwähnt werden. Es gibt Applaus. Aber auch Kritik.

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Die Kritik kommt mit einer Frage, Die Frage lautet, was Bullivent angesichts der Sicherheitslage denn anstelle der Überwachung vorschlagen würde. Es ist die Frage, die man vielleicht nicht in einem Saal erwarten würde, in dem es FCK SPD Shirts gibt. Aber sie wird gestellt, und der vorher so selbstsichere, überzeugte, vielleicht etwas zu mitreissend predigende Bullivent kommt ins Schwimmen. Ins gleiche Schwimmen, das man von allen Beteiligten der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten kennt: Er verweist darauf, dass natürlich auch Muslime vom Terror bedroht werden, und das für sie ein Problem sei. Es ist Ausweichen auf hohem Niveau, es ist die Selbststilisierung als Opfer, die angesichts der Religionskriege nahe liegt – für jeden. So gut wie jede Terrororganisation in nahen Osten wehrt sich gegen „Terroristen“, mit denen sie Israel meinen. Al Kaida fühlt sich vom Westen bedroht, die Taliban und Boko Haram verteidigen sich nur gegen den falschen, westlichen Lebensstil. Alle sind sie Opfer. Alle kämpfen sie für die Freiheit – etwa die Freiheit, selbstbestimmt unter der Sharia ein eigenes Kalifat zu eröffnen. Tatsächlich wird die Freiheit des Westens in ihrem toleranten Ansatz auch dadurch verteidigt, jenen eine Stimme und Raum zu geben, die so etwas wollen. Aber für die Menschen in Europa ist ihre persönliche Sicherheit eine der Voraussetzungen für Freiheit, und wenn islamische Aktivisten dann ins Schlingern kommen, stellt sich eben die Frage: Kämpfen sie gegen Überwachung, oder nur gegen die Überwachung, die aktuell sie betrifft?

Es blieb beim Warnschuss aus dem Publikum, und es ist zu hoffen, dass sich die Zuschauer vor der Unterstützung für Cage UK ihr Recht auf Informationsfreiheit wahrnehmen. Dass das Publikum nicht einfach auf die Knie sinkt und demütig schweigt, wenn das Wort „Überwachung“ fällt, zeigte sich beim nächsten Vortrag: Dia Kayyah hatte versprochen, aus ihren amerikanischen Erfahrungen über „How drones, IMSI Catchers, and cameras are shaping our cities“ zu sprechen. Ihre Karten zeigten das für Kontrolle übliche Bild: Dass sich der Einsatz von elektronischer Überwachung vor allem gegen Viertel wendet, in denen die Bevölkerung nicht weiss und nicht vermögend ist. Für die manche, wie die Vortragende, ist das Überwachung nach ökonomischen und rassistischen Parametern – andere argumentieren in solchen Fällen, dass die starke Überwachung in ärmeren Vierteln durchaus auch Menschen schützt, die dort leben und Gefahren ausgesetzt sind.

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Auch an Kayaah ging die Frage, wie sie sich eine Lösung bei den entgegengesetzten Interessen der Verhinerung von Überwachungskameras und Sicherheitsbedürfnis vorstellt – und ob mehr echte Polizei nicht eine Alternative wäre. Und auch sie geriet erkennbar ins Schleudern, als sie betonte, wie wichtig es wäre, die Probleme an den Wurzeln mit gesellschaftlicher Veränderung anzugehen. Nett, sinnreich – aber nicht praktikabel, wenn der Mob jetzt vor der Tür steht. In solchen Momenten wird deutlich, dass sich Aktivisten zu sehr auf das verlassen, was das Motto des Kongresses aussagt: Gated Communities. Abgeschlossenen Gemeinschaften von Menschen, deren Selbstverständnis so gefestigt ist, dass es intern gar nicht mehr hinterfragt werden muss. Fragen, die nicht gestellt werden, müssen nicht beantwortet werden. Wenn das Publikum dann doch etwas kritischer ist, bleibt nur der Rückzug auf allgemeine Phrasen, die wirklich jeder vom Innenminister bis zum islamistischen Terroristen unterschreiben kann. Es kann, da haben die Veranstalter recht, nicht die Aufgabe der Aktivisten sein, den Überwachern Konzessionen zu machen und gegen ihre Überzeugungen zu helfen – wie so etwas ausgeht, sieht man bei der Kontrollpartei, die von sich behauptet, die SPD zu sein. Trotzdem ist es erstaunlich, wie wenig andere Sichtweisen und Prioritäten bei der eigenen Argumentation – oder auch Preaching to the Converted – in Betracht gezogen werden.

Denn ungeachtet der eher begrenzten Erfolge durch Videoüberwachung sind Kameras auch in Deutschland bei Behörden und Privatpersonen längst der Renner. Angesichts der steigenden Einbruchszahlen werden nicht Aktivisten gefragt, sondern Fachhändler. Videoüberwachung ist längst Bestandteil der privaten Gegenwehr, und so, wie sich die Hacker das Recht herausnehmen, Software zu zerlegen und zu schauen, was ein Programm wirklich im Schilde führt, will der Rentner oder Geschäftsinhaber im realen Leben wissen, wer sich da vor seiner Tür herumtreibt. Beide vereint das gleiche Misstrauen, mitunter gar die gleiche Paranoia, die sie zu Kontrollinstanzen werden lässt. Trotzdem stehen sie sich scheinbar unversöhnlich gegenüber.

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Daher gilt auch bei den Vorträgen des CCC: Immer selbst mitdenken, immer hinterfragen, niemandem einfach so trauen, weil er hübsch und angenehm klingend daher kommt. Überall ist schnelles Internet, und wer nicht einfach nur Klatschvieh sein will, kann während der Vortrags prüfen, wem er lauscht, und was seine Intention ist. Der Cocktailmischroboter mag nur ehrbar prozentuale Absichten haben, die Crepemaschine erschafft perfekte, computergesteuerte Kreise – alles andere ist mit jener vorzüglichen Zutat zu geniessen, die jede Konferenz nahrhaft und geistig wohlschmeckend macht: Mit Vorsicht.

30. Dez. 2015
von Don Alphonso
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29. Dez. 2015
von Don Alphonso
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Ihr Konto ist sicher, und Haie können fliegen.

Wie Sie vielleicht gelesen haben, liegt Hamburg in meiner Vorstellung in einer eisigen Tundra nahe des Polarkreises. Derartig mit echt bayerischen Geographiekenntnissen ausgerüstet, habe ich den Polarexpress am Hauptbahnhof verlassen, statt eine Station weiter zum Dammtor zu fahren, wo mein Arktishotel und das Kongresszentrum liegen, und wo der Kongress des Chaos Computer Clubs stattfindet. Meinen Fehler habe ich beim Überqueren eines Gletscherausflusses namens „Binnenalster“ verstanden. Ausserdem konnte ich keinen einzigen Eisbären erlegen, dessen Fell eine schöne Ergänzung für meine Liegenschaft in den bayerischen Bergen gewesen wäre – aber egal. Ich sah statt dessen drei Junkies im Eingang eines grossen Warenhauses. Sie waren in ihren Schlafsäcken ganz hinten windgeschützt vor den verschlossenen Toren, und ganz vorne standen die Pappbecher für die Münzen der Passanten. Die Bedürftigen achteten nicht darauf, sondern beschäftigten sich mit ihren Mobiltelefonen.

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Ich werde vermutlich mal so ein altmodischer Landstreicher wie jener an der zugigen Binnenalster, der Leute noch analog anspricht und Hunde streichelt. Es wird ja oft über die digitale Kluft in unserer Gesellschaft gesprochen – vor dem Kaufhaus wird sie radikal ausgelebt. Digital Natives überbieten sich in Verzicht, sie brauchen keine Küche mehr, keine Bücher, keine Stereoanlagen, und Rasierapparate werden rituell verbrannt. Büros werden zu öffentlichen Coworking-Spaces und alles, was das Leben ausmacht, wird auf der mobilen Device getan, während das ganze Leben die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Erwartung des nächsten Kicks ist. Die Digitalkultur ist eine grosse Absage an Klassen, Regeln, Besitz und Herkunft, für das Recht auf Rausch und gegen den Zwang zur Erwerbsarbeit, eine totale Absage an die überkommenen Regeln der Gesellschaft, wie mir manche Hipster mitteilen.

Und sollte ich so dreist sein, die drei Junkies mit ihren Mobiltelefonen als gelungene Umsetzung dieser standes- und besitzfeindlichen Vorstellungswelt zu preisen, und gar erwähnen, dass sie im Verdrängungswettbewerb mit dem analog fahrenden Volk fraglos die Zukunft sind, würden sie mir vermutlich etwas über das bedingungslose Grundeinkommen in Finnland und die Legalisierung von Drogen erzählen. Dabei sind die Leute mit ihren Schlafsäcken im geschützten Eingang möglicherweise von ihnen nur einen Klick entfernt, wenn sie im Netz leben. Es ist die digitale Gesellschaft mit Internetteilhabe für jeden – nur ich bin so altmodisch, mit offenen Augen durch die Strassen zu gehen und Internet-lucet-omnibus-Veränderungen zu erkennen, die andere mit Dauerblick auf ihr Handy gleichzeitig ignorieren und leben. Dabei ist die totale digitale Durchdringung auch solcher Lebensbereiche das Kommende. Ich bin alt – und werde, zugegeben, für das Ausformulieren solcher zynischer spannender Digitalthemen von der FAZ besser als von jungen Leuten belohnt – und halte am zweiten Tag des Kongresses lieber das Schandmaul den Mund und schaue mir brav weiter Vorträge an.

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Das sagt Netzpolitik.org in einem umjubelten Heimspiel als eine der Konsequenzen aus dem Landesverrat-Skandal. Es ist der Rückblick auf einen grossen Sieg gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner, den ein kleines Blog mit dem Rückhalt von Tausenden, Zehntausenden gewonnen hat. Endlich wurde einmal wieder über Netzpolitik bundesweit gesprochen, endlich konnte die Szene ihre Forderungen an ein grösseres Publikum bringen: Whistleblowerschutz. Presserechte für Blogger. Begrenzung der Überwachung. Sicherheit vor Ausspähung. Stets kommt der Jubel von tausenden begeisterten Zuhörern. Das ist es, was die Leute auf dem Kongress hören wollen, das sind tatsächlich vernünftige Forderungen von den Stars der Szene. Tausende sind hier, aber Millionen schalten am Abend bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ein. Im ZDF läuft dann ein Krimi, in dem es unter anderem darum geht, dass Nazis für ihre Massenmordpläne die gleiche Verschlüsselungssoftware wie die islamischen Extremisten benutzen sollen, und sich über das Internet und Blogs radikalisieren.

Über derartig platte Schuldzuweisungen kann man in Frankreich nicht mehr lachen. In ihrem Überblick zum Niedergang der Zivilgesellschaft in einem Land, in dem der Ausnahmezustand herrscht, berichteten französische Aktivisten über die Anti-Terror-Gesetze, mit denen der Staat auf eine kleine, klar definierte Gruppe von Terroristen reagiert: Verfolgt werden können auch jene, die die Planung solcher Anschläge oder die Kommunikation von Extremisten ermöglichen. Es sind Gesetze, wie sie sog. Sicherheitspolitiker und Geheimdienstler lieben: Schwammig, unpräzise und offen für weitreichende Interpretation gegen alle. In Frankreich kommt dazu noch das Problem, dass die Regierung die Gewaltenteilung umgeht, und als ihr eigener Kontrolleur agieren kann. In diesem Fall sind dann die Kryptographie und ihre Entwickler betroffen: Sie rücken zunehmend in den Fokus der Überwachung. Dass die Attentäter von Paris ihre Kommunikation vor den Anschlägen ganz offen und unverschlüsselt über normale Handies abwickelten, spielt da keine Rolle – weder bei den Politikern in Frankreich noch bei denen, die mit Gebührengeldern finanziert klandestine Propaganda in deutschen Wohnzimmern betreiben.

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Geradezu bescheiden und primitiv nehmen sich dagegen die Versuche des Regimes im Iran aus, seine Bürger dumm und unmündig zu halten. Als nur fast lupenreine Demokratie kann das Ministerium für Information, Computer und Technologie in Zusammenarbeit mit einem Gremium der Revolutionswächter freihändig entscheiden, welche Informationen über das „Filternet“ ins Land gelangen dürfen. Mahsa Alimardani von den Global Voices Iran hat sich vier Jahre lang wissenschaftlich mit den Methoden des Landes auseinander gesetzt und berichtete im restlos überfüllten und leider viel zu kleinen Saal eindringlich über den Stand der Dinge in einem Land, in dem die Fähigkeit zur Internetregulierung zum Glück noch schwächer als der Wille zur Repression ist. Zwar interessieren sich die gottgläubigen Mullahs für Zensursoftware aus dem gottlos-atheistischen China. Momentan wird aber vor allem versucht, den Menschen nahe zu legen, doch lieber Dienste zu nutzen, die der Regierung passen, teilweise in ihrem Auftrag entwickelt wurden, und entsprechend halal sind. Ausländische Chatsoftwareanbieter haben mit staatlich gelenkter Propaganda wie beim ZDF zu kämpfen, wenn etwa behauptet wird, ein grosser Teil der Daten werde von ihnen auf iranischen und damit kontrollierbaren Servern gespeichert. Dass die Angst der Iraner vor der Internetkontrolle nicht sonderlich gross ist, führt Alimardani auf den Umstand zurück, dass die eigentliche Gefahren für Blogger und Regimegegner immer noch ganz real die Verhaftung und staatliche Unterdrückung an Leib und Leben sind.

Es sind derartige Blicke über den Tellerrand, die mit dem eigenen Land versöhnen, in dem ungestraft vor Tausenden gezeigt werden kann, wie man die mobile Überweisungstechnik der Sparkassen hacken kann. Vincent Haupert aus Erlangen hatte erkennbaren Spass daran zu erklären, dass die gleich wertlos werdenden Apps bis vor zwei Stunden noch auf dem Stand gewesen sind, den er hier vorführt. Danach sieht das Publikum, wie ein einziger, junger Mann mit ein paar Überlegungen zur Sicherheitsstruktur in der Lage ist, die Vorkehrungen eines Milliarden schweren Bankenverbandes auszuhebeln. Haupert geisselt damit die Bequemlichkeit der Nutzer, alles mobil mit einem einzigen Endgerät machen zu wollen, und die fehlende Kompetenz der Banken, die mit ihrer Software zu schlampig umgehen und nicht weit genug denken. Sein Fazit: Apps für Überweisung und zur Bestätigung mit TAN-Nummern, die sich auf einem einzigen Gerät befinden, seien einfach nicht sicher. Das sei ein Katz-und-Maus-Spiel, das die Banken nicht gewinnen könnten.

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Draussen vor dem Saal schwimmt ein schwarzer Hai durch die Luft und stupst Leute an. Es kann sein, dass es in Hamburg vielleicht doch keine Eisbären gibt, und Haie können vermutlich nicht fliegen – aber der hier kann es, und ist eigentlich auch ein sehr schönes, bildhaftes Symbol für den Kongress. Man glaubt an Sicherheit, wenn sie einem doch von Banken und Politikern versprochen und beworben ist, und man glaubt nicht, dass Haie in der Luft schwimmen können. Das ist die Realität, in der man zu leben glaubt, bis dann eben ein Hai fliegt, eine Überweisung zu falschen Empfängern geht, ein Terrorist den Behörden wohlbekannt, aber nicht ausreichend überwacht ist. Der Kongress ist da noch die freundlichste Form der Realitätsdurchbrechung, während in den Massenmedien behauptet wird, Kryptographie in Privathand nutze nur dem Terror, das mobile Leben sei bequem und sicher, und Haie könnten nicht in Luft schwimmen.

29. Dez. 2015
von Don Alphonso
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28. Dez. 2015
von Don Alphonso
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Vergesst Mielke – hier kommen die chinesischen Überwacher.

Würde sich draussen vor dem Fenster des Polarexpress nicht die mit Schlammpfützen überzogene Tundra am Hanburgischen Polarkreis ausbreiten, wüsste ich trotzdem, dass ich unterwegs zu meinem Ziel bin. Denn in Lüneburg setzt sich ein Bilderbuchnerd neben mich: Sehr bleich, nicht eben sportlich, fusseliger Bart und ein Mobiltelefon, auf dem er Neuigkeiten aus dem Heise Security Channel liest. Nach dieser Fortbildung schaut er auf seinem Notebook „The Dukes of Hazard“, einen Raserfilm aus den amerikanischen Südstaaten, in dem neben vielen Stunts auch viele geschwenkte Brüste in knappen, meist roten BHs zu sehen sind. Man hat mir sehr umstrittenerer Person verkündet, der Kongress des Chaos Computer Clubs sei eine egalitäre, diskriminierungsfreie Veranstaltung, gewissermassen die Lüneburger Heide unter den Landschaften der Ethik, aber mit jedem abgedrängten Polizeiwagen und Aussicht auf lange, nackte Beine auf dem Rechner neben mir denke ich, dass dort auch nur angenehm zynische Menschen und keine Heiligen sind.

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Das Wetter in Hamburg ist so durchwachsen wie die Erfolge der sogenannten Netzszene: Auf der einen Seite ist die Abwehrschlacht gegen die Ermittlungen wegen Landesverrat gegen die Betreiber des Blogs Netzpolitik, bei der der ermittelnde Generalbundesanwalt auf der Strecke blieb, und Minister nicht eben souverän wirkten. Auf der anderen Seite hat Justizminister Mass der gleichen Szene den Dolch der Vorratsdatenspeicherung auf den Rücken gesetzt, und der 74-Prozent-Vorsitzende einer 20-Prozent-Partei hat ihn dann hineingetrieben. Auf dem Kongress tummeln sich folgerichtig jene, die das Ansinnen vor den Verfassungsgericht versenken wollen. Bei der Eröffnung herrscht durchaus so etwas wie Optimismus, zumal sich der Kongress zur wichtigen Gegenöffentlichkeit zu den normalen politischen Plänen mit dem Netz entwickelt hat. Es ist ja nicht nur Gabriel, es gibt noch mehr Überwachung in Frankreich, die bei den bisherigen Anschlägen versagt hat, den Herrn Oettinger in Brüssel, der Daten als Rohstoff sieht, die Störerhaftung und jede Menge Begehrlichkeiten der Datenschnüffler. Und das Justizministerium versucht, vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise Einfluss auf Veröffentlichung in sozialen Netzwerken zu nehmen.

Wie weit wir da inzwischen sind, zeigten zwei Vorträge, die nacheinander, aber in falscher Reihenfolge Zukunft und Vergangenheit der Kontrolle beleuchteten. Simon Menner hat sich mit den Photos auseinander gesetzt, die die Stasi und andere osteuropäische Geheimdienste bei Ermittlungen, aber auch bei internen Feiern und der Ausbildung verwendet. Manche Tarnung, etwa als Friedensaktivist, Tourist oder als Arbeiter, sorgten allein schon wegen der Posen für beste Unterhaltung, Da lichten die allmächtigen Überwacher ein Meerschwein ab, und legen das Bild in einem Ordner ab. Das Lachen blieb aber vielen im Halse stecken, als Menner Polaroids aus Mielkes Schattenreich zeigte. Die Stasi hat sie bei heimlichen Hausdurchsuchungen gemacht, um nachher die Wohnung wieder in den Originalzustand zu versetzen. Dafür, dass die Epoche des MfS unter Mielke gerade einmal 26 Jahre vergangen ist, wirken die damals sehr ernsten und furchteinflößenden Strategien, die Menner erklärt, eher plump und mitunter auch unfreiwillig komisch. Allerdings kennen wir nur die Verbrechen des Ostblocks: Deutsche Nachrichtendienste haben keine Lust, selbst ihr altes Material zugänglich zu machen.

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Die Mauer in Deutschland mag gefallen sein, aber in China steht weiterhin die Great Fire Wall, mit der das Regime in Peking verhindert, dass unerwünschte Inhalte ins Land kommen. Zeigen Ausbildungsfilme in der DDR noch den altmodischen Schmuggel von Pornographie als Heft im Koffer, passen sich die Chinesen aktiv den Möglichkeiten des Netzes an. Wie sie das genau tun – das war bislang allerdings weitgehend unbekannt. Man weiss, dass sie auch hochentwickelte Verschlüsselungsdienste wie TOR mittlerweile erfolgreich blocken können, führte Philipp Winter vor Tausenden eher entsetzten Zuschauern aus. Monatelang hat er mit Kollegen die Arbeitsweise der Chinesen studiert, wie sie verschlüsselte Server identifizieren und deren IP-Adressen offensichtlich landesweit blockieren. Noch schlimmer ist, dass das System im Gegensatz zu den im Westen verwendeten Netzsperren, die einfach nur passiv auf den Aufruf unerwünschte Inhalte warten und die blocken, aktiv ist und selbst nach Zielen sucht. Anders gesagt: Die Chinesen sind längst nicht mehr Nutzer westlicher Vorstellungen. Sie haben ihre eigenen Methoden entwickelt und bekämpfen vorab Umgehungsversuche, wenn sie lediglich theoretisch nutzbar, aber nicht weit verbreitet sind.

Natürlich, so Winter, hat das System auch Lücken. Mit Fachkenntnis ist es durchaus möglich, sich weiterhin unerwünschte Informationen zu beschaffen. Allerdings lernen die Chinesen schnell dazu, und entwickeln selbst Ansätze, um ihre Mauer dicht zu machen. Dass die Überwacher dazu auch offensichtlich fremde IPs benutzen, also selbst wie Hacker arbeiten, ist eine weitere, wenig erbauliche Nachricht für die Bevölkerung des Landes und ausländische Netzbetreiber. Allerdings ist es für Computerspezialisten auch möglich, das System zu trollen: Unter dem Gelächter des Publikums schlug Winter vor, die blinde, aktive IP-Sammelwut der Behörden zu nutzen, um ihr System bei seiner Suche nach Verschlüsselungsservern wichtige IPs finden zu lassen – wie etwa jenen, über die das Update von Windowsprodukten läuft. Sollten die Chinesen jene IPs sperren, könnten eben keine Rechner in China mehr auf neuesten Stand gebracht werden. Für den normalen Bewohner des Landes sind die Aussichten dagegen bitter: Es gibt zwar gewisse Netzwerke in Staat und Wissenschaft, die mehr Freiheiten geniessen und weitere Zugriffsmöglichkeiten haben, aber die Überwindung der Mauer wird weiterhin ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen privaten und staatlichen Hackern bleiben. Immerhin zeigt die Forschung, mit was für einem System man es überhaupt zu tun hat.

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Unmittelbar vor dem Saal kann man lernen, wie man auch hiesige Systeme effektiv trollen kann: Der Verfasser etwa wünscht sich schon länger einen Lichtbildausweis für seine Kunstfigur, mit dem Geburtsort Palermo, italienischer Staatsangehörigkeit, und seinem realen Namen als Künstlernamen. Gemeinerweise sind Deutschlands staatliche Stellen als Servicesteppe so humorlos, derartige Ansinnen abzulehnen, und echte Passfälscherei ist, wenn es nicht um syrische Pässe geht, gar nicht so leicht. Erfreulicherweise stellt allerdings der Bielefelder Verein Digital Courage Lichtbildausweise aus, die zwar keinerlei hoheitliche Ansprüche haben, aber mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund auf einer Plastikkarte erstaunlich realistisch wirken. Lichtbildausweise an sich sind schliesslich nicht verboten, und wenn Unternehmen, die gern Daten sammeln, partout auf so einen Ausweis bestehen, kann man sie damit zumeist erfolgreich füttern. Kein deutscher Bürokrat, versichert man mir, würde ernsthaft auf die Idee kommen, eine Plastikkarte mit der urdeutschen Aufschrift Lichtbildausweis anzuzweifeln, zumal, wenn darauf das Brandenburger Tor zu sehen ist.

Das geht dort ganz schnell, kostet nur ein paar Euro, und ist mit einem Notebook, einer Webcam und einem Kartenbedrucker mit minimalem Aufwand möglich. Darf man das, fragt man sich als behördenliebender Deutscher natürlich – allein, es ist nicht verboten, so etwas zu drucken, zu besitzen und zu benutzen, wenn der nächste private Datensauger mal wieder meint, er hätte volles Zugriffsrecht auf Wohnort, Augenfarbe und Körpergrösse. Besonders schön ist übrigens die Rückseite mit einem langen, unerklärlichen und amtlich wirkenden Buchstabencode. Er ist unerklärlich, da müssen also Stellen dahinter sein, die einen Menschen mit derartig unerklärlichen Daten versehen, die vermutlich nur ein hohes Amt versteht – so denkt man, wenn man seinen neuen Lichtbildausweis erstmals in den Händen hält. Iummerhin kann Don Alphonso nun belegen, dass er einen deutschen Künstlernamen hat, um in der gedruckten FAZ zu schreiben.

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Ich glaube, das probiere ich nächste Woche gleich mal bei der FAZ-Verwaltung aus, ob die das auch schlucken.

Spass beiseite: Die amüsante Notwehr des Individuums gegen Schnüffelei ist das eine, der enorme Fortschritt der Überwachung von der StaSi zu den Chinesen ist das andere. Man muss sich solche Systeme wirklich dringend vor Augen halten, wenn Politiker noch mehr Netzkontrolle fordern, wenn ihre Geheimdienste in der Realität mal wieder versagt haben. In Ministerien wird dann sicher gesagt, die Chinesen könnten doch dieses und jenes im Netz auch erfolgreich tun – wie geht das, wie ist es umsetzbar, und wie schön kann man es dem Volk als Sicherheit verkaufen, selbst wenn es Grundrechte einschränkt. Politiker kommen und gehen, Generalbundesanwälte leiten Verfahren ein und werden in die Wüste geschickt, aber die sammelnden und nie vergessenden Behörden werden immer besser und bleiben meistens bruchlos bestehen. In Hamburg herrscht, gemessen an dieser Aussicht, eine erstaunlich gute Stimmung.

28. Dez. 2015
von Don Alphonso
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22. Dez. 2015
von Don Alphonso
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Das Recht vs. Porno, Internet, Dummheit und Missbrauch

Man kennt diese Geschichten aus der Schwarzen Serie der Kriminalliteratur: ein schmieriger Verbrecher setzt eine Tochter aus besserem Hause unter Drogen, um Sexphotos von ihr zu machen. Mit denen wird die Familie erpresst, die dann den Privatdetektiv Marlowe engagiert, um die Sache zu bereinigen. Nach einer verwickelten Geschichte sind viele Menschen tot, Marlowe hat die Abgründe der besseren Kreise gesehen, und muss die Polizei belügen, um am Ende wieder einsam in seiner Wohnung zu sitzen – aber die Bilder und die Negative hat er beschafft, und die Gefahr für das Ansehen der reichen Familie ist gebannt. Zum Glück haben wir das nicht nötig: Dank der gestrigen Entscheidung des Bundesgerichtshofes müssen intime Photos nach dem Ende einer Beziehung entweder auf Verlangen an die oder den Abgebildeten herausgegeben oder gelöscht werden.

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Das klingt erst einmal schön, wird doch damit ausgeschlossen, dass der frühere Partner sein Unwesen mit den Bildern treibt. Also, theoretisch. Die Gefahr des Revenge Porns, der Veröffentlichung solchen Materials zur Beschämung ist ebenso ausgeschlossen wie der Verkauf an interessierte Kreise. Höchstrichterlich wird festgestellt, dass nach dem Ende der Beziehung das Recht auf die Bilder besteht, sofern sie intim und sexuell explizit sind, und keine Urlaubs- oder Alltagsszenen darstellen. Das gilt, auch wenn die Bilder früher von den Abgebildeten selbst erstellt und überlassen wurden. Das klingt wirklich gut, nach Datensicherheit und Selbstbestimmung im digitalen Zeitalter.

Leider hat das Gericht darauf verzichtet, ein paar Sätze ins Urteil zu schreiben, die in etwa so lauten könnten:

Ihr schwachsinnigen Trottel – wenn ihr vorher auch nur einen Moment nachgedacht hättet, bevor ihr da euren privaten Schmuddelkram gedreht habt, wäre euch vielleicht gekommen, dass das alles eine ausgesprochen bescheuerte Idee ist. Porno bekommt ihr tonnenweise umsonst im Netz. Und wer auch nur einen Funken Hirn hat, weiss doch, dass solche Bilder nach dem Ende einer Beziehung Probleme bereiten. Macht sowas einfach nicht. Dann müssen wir hier keine Urteile fällen, die schön klingen, aber praktisch undurchführbar sind“.

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Denn bei Marlowe war das mit den Bildern noch recht leicht. Es gab Negative und Abzüge, und wenn die vernichtet waren, war das Problem gelöst. Aber wie soll man heute digital gespeicherte Bilder herausgeben und löschen? Ich mache für die Arbeit hier vergleichsweise viele Bilder, und sie sind nach einer Weile mindestens sieben mal auf vier Medien gespeichert: Auf der Speicherkarte der Kamera, in mindestens einem Ordner auf dem Rechner in einer bearbeiteten und einer originalen Version, und beide sind nach einer Weile auf zwei Backup-Festplatten. Das Recht zur Löschung wird schwierig, wenn ich die originale SD-Karte suchen muss. Darauf befinden sich zwischen 2000 und 4000 Bilder. Ich muss die richtigen Ordner finden, mit ebenfalls tausenden von Bildern, und mir muss wieder einfallen, unter welchem Namen ich die bearbeiteten Versionen abgespeichert habe. Selbst wenn ich sie alle finde – wie gebe ich sie dem ehemaligen Partner? In Form meiner Datenträger?

Denn nimmt man das Urteil ernst, soll wirklich nichts beim Partner bleiben, geht es nicht ohne die Übergabe oder komplette Zerstörung der Datenträger. Die Platten und Karten sind die Bildträger, und das einzige Mittel ihrer restlosen Übergabe ist eben der Ausbau, oder sehr nachhaltige „Löschung“. Vermutlich haben sich die Richter noch nie damit beschäftigt, was Bildlöschung im digitalen Zeitalter überhaupt bedeutet: Normales, „endgültiges“ Löschen auf dem Rechner belässt die Daten immer noch auf der Platte, und auch Überschreiben ändert nichts daran, dass Forensiker die Daten trotzdem noch herstellen können. Mit Löschung meinen Richter „komplett weg“. Das geht bei Filmnegativen. Aber bei Daten ist das ein enormer Aufwand. Wie man das überwachen soll, sagen die Richter nicht. Woher man wissen soll, dass es nicht irgendwo noch Kopien gibt, ist auch nicht klar. Aber es ist kinderleicht, diese Kopien zu machen, zu speichern, zu verschicken – die Richter haben der Klägerin einen Anspruch bestätigt, aber sie und ihren Gegner mit der praktisch unmöglichen Umsetzung allein gelassen.

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Noch schwieriger ist es, sollten beide auf die – heute nicht unübliche – Idee gekommen sein, ihre Bilder nicht über feste Datenträger, sondern elektronisch auszutauschen. Dann sind die Bilder irgendwo auf mindestens einem Server im Netz, und der gehört meistens einer amerikanischen Firma. Natürlich gelten deutsche Gesetze weiter, aber wie setzt man sie hier um? Wie bekommt man Google, Facebook, Skype, Twitter, Tinder dazu, solche Bilder wirklich zu löschen? Denn der Normalfall ist nicht das, was am BGH zwischen einer Frau und einem professionellen Photographen verhandelt wurde. Der Normalfall sind blöde junge Erwachsene, die solche Bilder mal eben mit dem Mobiltelefon machen und aus einer dummen Laune heraus verschicken. Das BGH-Urteil ist prima für das Marlowe-Zeitalter. Es ist sinnlos in einer Epoche, in der Daten ohne Nachdenken verschickt und gespeichert werden. Und es geht nicht mehr nur um eine dumme Tochter, die mit Laudanum abgefüllt vor einer Kamera eines Erpressers landet: Es kann jeder betroffen sein. Das geht ganz schnell. Und es ist kein Problem der Festplatten, sondern eines der Mentalität. Gerichte können Gesetze auslegen und Ansprüche formulieren, aber wer unerwünschte Daten nicht möchte, kann sie nur verhindern, indem sie erst gar nicht entstehen. Sobald sie erst einmal auf einem Datenträger sind, ist es zu spät.

Das geht übrigens auch ohne Porno. Letztes Wochenende beispielsweise posaunten unter dem Hashtag WhyIsaidnothing, begleitet von viel medialem Zuspruch, feministischer Ideologie und gegenseitig angeheizt, ein paar Dutzend Menschen ihre mutmaßlichen Erfahrungen mit Vergewaltigung ins Netz. Das steht da jetzt so drinnen. Natürlich sind die Vorwürfe nicht überprüft, selbst wenn in gewissen Fällen recht deutlich wurde, wer der Täter gewesen sein könnte. Es gibt in Deutschland zum Glück Opferschutzeinrichtungen, die sich der Fälle professionell und vor allem diskret annehmen könnten, aber eben auch Internet und andere Aktivist_Innen, die einem für solche Einlassungen zujubeln. Die taz bastelte sich trotz der Nennung von Tätern aus dem feministischen Nahbereich in Berlin lieber aus den Reaktionen mancher Trolle einen Beitrag über die angebliche „Rape Culture“ – ein bei der Aktion spektakulär angegriffener Politiker, den eine linke Aktivistin beschuldigte, wurde bei linker Verortung nicht herausgepickt. So kann sich jeder aus der Aktion für seine Sichtweise herausziehen, was er will, und die Daten für die jeweilige Agenda benutzen. Aktivisten betteln im Netz um solche Geschichten. Ob aber die Beteiligten in ein paar Jahren noch glücklich darüber sind, ihre kurzen Einlassungen bei diversen Medien zu finden, ist eine ganz andere Frage. Sie haben ein Recht auf Vergessen gegenüber Twitter. Aber nicht gegenüber den Medien, die ihre Geschichten ausschlachten. Momentan finden sie das noch toll. Ob es ihnen noch gefällt, wenn ein TV-Boulevard-Magazin so einen Fall später mal aus dem Netz zieht und mit dem Reporterteam vor ihrer Tür steht, sei dahingestellt.

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Es ist hochanständig vom BGH, nun den Blick auf Daten und Datenträger zu senken, und zu sagen: Nein, das muss zurück in die Verfügungsgewalt der Betroffenen. Es ist richtig und gut. Es ist zwar komplett an der Realität vorbei, aber trotzdem ist es ein gutes Urteil. Es kann gar nicht anders, als er technischen Entwicklung hinterher hinken, und es ist kein Reparaturbetrieb für eine exhibitionistische Netzkultur, die allen psychisch Labilen ein Handy oder gar den Zugang zu einem Medium gibt und sagt: Mach mal. Gib uns den harten Content. Blau gefärbte Achselhaare, Piercings, eine Vergewaltigungsgeschichte, Hauptsache was mit Sex und Empörung und Aufmerksamkeit. Leg dich mal krass geschminkt aufs Sofa, rutsch etwas rum, wir machen da ein Wackelbild aus dir. Hau Deine Posen raus auf Twitter und lache, wenn dein Freund ein Bild verbreitet, auf dem du auf dem Boden einer dreckigen Wohnung vor Junkfood liegst, das dann in alle Netze geteilt und ausgelacht wird. Es ist schön, Richter zu haben, die Probleme erkennen und das Individuum schützen. Aber der Endgegner des Rechts ist im Netz nun mal die menschliche Dummheit, die Gier nach Awareness und Gefallsucht, verstärkt durch Community und fehlende Impulskontrolle. Dieser Kampf ist nicht zu gewinnen, und für jeden, dem das Recht hilft, stehen täglich Hunderttausende auf, die erst etwas speichern und verbreiten. Und danach immer noch nicht nachdenken.

22. Dez. 2015
von Don Alphonso
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03. Dez. 2015
von Don Alphonso
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Antisemitismus als moralstrategische Erstschlagswaffe

Blogartikel können Karrieren massiv beeinträchtigen. So hat etwa das Blog „Störungsmelder“ der Zeit im März einmal zusammengestellt., welche Äusserungen und Ansichten Xavier Naidoo seit ca. 2009 so von sich gegeben hat. Zweifel an der Souveränität Deutschlands, ein Auftritt bei einer Reichsbürger-Demonstration, ein Lied, das man als homophob interpretieren kann, auch wenn Naidoo es nur als Kritik an Missbrauch von Kindern verstanden haben will, und daneben auch einige Zeilen, die der Autor des Blogs als Anspielung an antisemitische Klischees verstehen möchte. Störungsmelder ist nun mal ein Blog, das sich mit dem Thema Rechtsextremismus auseinander setzt und dabei wenig Nachsicht kennt: Mit Roland Sieber hat die Zeit bei diesem Beitrag zudem einen Antirassismus-Aktivisten rangelassen, dessen Urteile recht schonungslos auszufallen belieben. Die Zusammenstellung des Blogeintrags ist eine Hauptquelle der Leute, die im Netz die Entscheidung des NDR, Naidoo zum Eurovision Song Contest zu schicken, kritisiert haben. So entsteht dann der Vorwurf, Naidoo sei antisemitisch. Weil, sowas ähnliches steht ja in der Zeit.

Man muss da, denke ich, vorsichtig sein. Überhaupt, das wird man nach Jahren der Tätigkeit für jüdische Medien und Organisationen noch sagen dürfen, ist selbstüberzeugter Antisemitismus in Deutschland selten, sehr selten anzutreffen. Selbst Radikale auf beiden Seiten des politischen Spektrums, die sich nachweisbar antisemitisch verhalten, geben mit Vorliebe zu Protokoll, dass sie nichts gegen Juden haben. Nur eben manche, die das Ansehen des Judentums in ihren Augen schädigen, seien schlimm und da tun sie etwas. Fast erwarten sie, dafür den Leo-Baeck-Preis zu bekommen. Und wenn sie nur prominent genug sind, findet sich auch eine jüdische – oder sich jüdisch gebende oder von einer Ex-Stasi-IM geleitete – Splittergruppe, die ihnen einen Persilschein ausstellt, und zudem unterstreicht, wie sehr der Betreffende doch Recht hatte. Ich bin da wirklich ein Freund des sehr genauen Hinschauens. Antisemitismusvorwürfe sind unter Deutschen nun mal die ultimative Erstschlagswaffe im Kampfe um die grösste Meinungsführerschaft aller Zeiten.

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Christian Stöcker jedenfalls ist weit, weit weg von dieser Szene, und sicher kein Antisemit. Auch wenn Christian Stöcker gerade bei Spiegel Online einen Beitrag über Marek Lieberberg geschrieben und darin über seine Motivation Mutmassungen angestellt hat, warum er, unterschrieben von über hundert Prominenten, eine Anzeige für Xavier Naidoo in der FAZ hat schalten lassen. Lieberberg, das ist bekannt, ist ein prominenter Konzertveranstalter und betreut unter anderem Naidoo. Stöcker nun schreibt bei Spiegel Online, nachdem er sich breit über die nicht geringen Kosten der Anzeige ausgelassen hat, über den jüdischen Unternehmer:

Warum also hat Marek Lieberberg die mindestens 67.000 Euro investiert, die so eine Anzeige kostet? Vielleicht einfach deshalb, weil Xavier Naidoo eine Marke ist. Eine Marke, mit der man immer noch eine Menge Geld verdienen kann. Weil es sich um eine vorbeugende Maßnahme handelt, eine Rufrettungsmarketingmaßnahme. Und dafür ist so eine Anzeige ja im Grunde auch genau das richtige Mittel.

Man könnte da auch von einer infamen Unterstellung sprechen: Stöcker jedoch gerät mit diesem antisemitischen Stereotyp nicht unter die Räder des Naidoo unfreundlich gesonnenen Roland Sieber, der den Link zu diesem Beitrag auch bei Twitter verbreitet. Stöcker sagt Lieberberg ganz offen und ohne Nachfrage eine Strategie nach, der zufolge er die Rufschädigung einer für ihn wertvollen Marke fürchte, und somit unter dem Fanal der Menschlichkeit verdeckt seine eigenen kommerziellen Interessen fördert. Der Jude als durchtriebener Verführer anderer Leute, der scheinbare Menschlichkeit nur benutzt, um seine, durch einen zwielichtigen Partner erspielten Gewinne ins Reine zu bringen: Das kann selbstverständlich als antisemitisches Stereotyp aufgefasst werden, es ist nachgerade ein Klassiker der judenfeindlichen Vorwürfe. Hätte Naidoo so etwas über einen prominenten Juden geschrieben, würde man das entsprechend negativ interpretieren, und echte Antisemiten können sich von Stöcker in ihrer Weltsicht bestätigen lassen. Und das in einem Beitrag, in dem explizit darauf hingewiesen wird, dass manche Aussagen von Naidoo als homophob, verschwörungstheoretisch und antisemitisch beurteilt werden.

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Davor twittert Stöcker übrigens auch noch, wofür er wohl lieber eine Anzeige in der FAZ gesehen hätte:

Gab es eigentlich auch eine ganzseitige „Menschen für Flüchtlinge“-Anzeige in der FAZ?

Die Zeiten, da Opa noch einen Juden im Keller versteckt haben musste, sind schliesslich vorbei: Heute reicht politisch korrektes Twittern für Flüchtlinge als Persilschein aus. Lieberberg, der die Unterstellungen von Stöcker und Genossen energisch zurückweist, hat sich nicht so verhalten, wie es der Mainstream gern hätte: Der Mainstream hat Naidoo verurteilt und wegen seiner Aussagen entsprechend abgestempelt. Wenn ein Mensch mit Migrationshintergrund Gewaltphantasien vorträgt, wenn er an Kindesmissbrauch denkt, ist eben nicht so akzeptabel wie etwa die Vorgeschichte grüner Politiker in Deutschland, die dazu früher deutlich nachsichtigere Haltungen eingenommen haben. Der gewaltige Shitstorm gehen Naidoo, der mit seiner Nominierung für den European Song Contest durch den NDR anhob, ist auch einer der Mobilisierungserfolge aufgestachelter Netzbenutzer: Man hat es geschafft, dass der NDR Naidoo wie eine heisse Kartoffel fallen lässt.

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Und da kann später keiner kommen und es wagen, sich nun mit Naidoo solidarisch zu erklären. Denn das strategische Hauptziel jedes Shitstorms, die maximale Menge an Ausgrenzung auf ein möglichst kleines Ziel zu konzentrieren, bis es unter der Last des Ansturms zusammenbricht, bevor sich Widerstand geordnet organisiert, hat den moralischen Sieg errungen und einen Sender gedemütigt. Wenn hier nun jemand Zweifel anmeldet und etwa betont, dass dabei menschlich ausgesprochen unschöne Dinge getan wurden, kommt die zweite Stufe: Der Shitstorm verhängt Sippenhaft und richtet seine Waffen auf Nichtkombattanten. Wenn das Vorgehen gegen Naidoo der Erhaltung der deutschen Nationalmoral diente, muss Lieberberg geradezu ein unmoralischen Verhalten unterstellt werden. Echte deutsche Moralisten meinen zu wissen, dass es im ewigen Ringen um die einzig wahre Wahrheit nicht zwei Sichtweisen geben kann. Ein moralisch nachvollziehbares Motiv für die Ablehnung des Shitstorms wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Und wenn manche, die auf der Liste stehen, im Internet erreichbar sind, werden sie eben auch noch gleich für ihre Sicht der Dinge mitgeshitstormt. So tobt sich der deutsche Mob, weil der erste Shitstorm so erfolgreich war, dann auch an der Halbperserin Miriam Pielhau aus, die die öffentliche Meinung nicht teilt.

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Wie gesagt, ich halte Stöcker oder den „Journalisten“ Sieber, der eifrig bei der zweiten Welle auch Forderungen mittwittert, so eine Anzeige in einem freien Land zu verhindern, nicht für Antisemiten. Gewisse Verhaltensweisen sind einfach sehr Deutsch. Ich habe auch schon Lesungen jüdischer Autoren erlebt, in denen deutsche, philosemitische Zuhörer dem Autor nachweisen wollten, dass er so etwas in Deutschland nicht über Juden sagen kann. Aber es ist schon interessant zu sehen, wie viel Druck jetzt auf Ziele zweiter und dritter Ordnung gemacht wird, sich zu entsolidarisieren und keine andere Auffassung als die Sieger zu äussern oder auch nur zu verbreiten: Mit denen, die verurteilt wurden, darf man nach Ansicht der Nationalmoralisten keine Geschäfte machen, oder sich mit ihnen blicken lassen. Sonst ist man selbst im Verdacht, ein Reichsbürger zu sein. Und man geht nicht auf Konzerte von Lieberberg und seinen Freunden. Wer da anderer Meinung ist, wird bei der Bewerbung der Titanic für den Julius-Streicher-Sippenhafthumorpreis berücksichtigt.

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Bei Promis darf man das, da machen sie es halt. Alles keine Antisemiten. Trotzdem, wissen Sie, manchmal frage ich mich nur so als Kulturhistoriker: Wie überdeutlich dürfen eigentlich die Parallelen werden, damit lustige Fratzen von einer Kirche in Venedig noch nicht durch Arno Brekers Recken ersetzt werden sollten? Wie auch immer, wir erleben gerade die Entgrenzung des Shitstorms, der einen totalen moralischen Sieg erringen will. Ein Shitstorm, der nur noch richtig und falsch kennt, und jede menschliche Regung Unbeteiligter verdammt, wenn sie mit der falschen Seite empfunden wird. Das ist nicht antisemitisch, wenn die Juden als Gruppe nicht das Ziel sind, aber es funktioniert strategisch wie jede totalitäre Ideologie. Man darf kein Mitleid mit den Feinden empfinden. Man darf nicht anderer Ansicht sein. Der Twittergerichtshof kennt keine Revision, und was den Schwulenverbänden Xavier Naidoo ist, wird beim nächsten Anlass für die Netzfeministinnen die Popgruppe Wanda werden. Dafür haben SPEX und Süddeutsche Zeitung im Verein mit dem Netzfeminismus bereits die Anklageschriften verfassen lassen. Vorwurf Machismo und mangelnde Bereitschaft, der Genderideologie zu glauben. Die einen schalten hinterher Listenanzeigen, die anderen wissen, dass das zu spät ist und machen ihre Abschusslisten, bevor sie zuschlagen.

Deshalb bin ich der Meinung, dass man wirklich genau hinschauen und nicht gleich mitmarschieren sollte. Nicht jede dumme Äusserung eines Prominenten ist gleich menschenfeindlich. Nicht jede scheinbar „gute“ Pressuregroup hat immer recht. Und manchmal hat man es auch nicht mit Antisemiten zu tun, sondern einfach nur mit indoktrinierenden Filterblasen, die gern gemeinsam Fackelmärsche aufführen, und anderer Leute Gedanken auf den Scheiterhaufen werden. Damit allen klar ist, wie das hier zu funktionieren hat, und wer, wenn er sich nicht an die herrschenden Vorstellungen anpasst, auch eine aufs Maul bekommt und von Stöckers Freund und Kollegen Ole Reissmann beim SPON-Spinoff Bento graphisch zur, Zitat „rechten Ecke“ gestellt wird. Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang von Antisemitismus und anderen hässlichen Verhaltensweisen.

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Wie gesagt, echte Antisemiten sind ausgestorben, aber wenn die Shitsturmtruppen diejenigen sein sollen, die aus der deutschen  Geschichte gelrnt haben, dann braucht man auch keine mehr.

Damit hier kein Verdacht aufkommt, ich würde finanziell durch die Anzeige von Lieberberg und hundert Mutigen, die sich nicht dem Pöbel beugen, etwa profitieren, plane ich das Honorar für diesen Beitrag abzüglich der in meinem Fall recht hohen Unkosten – Ambiente mit Silberkannen und Gemälden der Aufklärungsepoche – einem guten, sehr guten, staatsbürgerlich wertvollen Zweck zuzuführen, wie man das heute unter Nationalmoralisten – Flüchtlinge1einself – angeblich so tut.

Gibt es einen Pfeffersprayfonds der Berliner und Hamburger Polizei?

03. Dez. 2015
von Don Alphonso
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26. Nov. 2015
von Don Alphonso
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In den Bleikammern der digitalen Zwänge

Wenn ich in Italien bin, wohne ich fast immer in Mantua in der immer gleichen Wohnung. Den Schlüssel habe ich ohnehin bei mir, und wenn ich nach einem harten Arbeitstag, wie etwa während des Erdbebens spät Nachts ankomme, gibt es eine Routine, die garantiert, dass mein Beitrag am nächsten Morgen beim Redakteur liegt. Aufsperren, Licht einschalten, Computer anschliessen, Wasser für den Tee aus dem Wasserhahn holen und auf den Herd stellen, und bis das Wasser kocht, sind auch alle notwendigen Akkus in den Ladegeräten. Wenn ich am nächsten Morgen dann in das Auto oder auf das Rad steige, sind alle Kameras wieder für tausend Bilder gut, und falls es unterwegs nötig wäre, würde der Rechner acht Stunden mit dem Akku laufen. So kann ich arbeiten, so weiss ich schon am Abend, dass mich am nächsten Tag nichts aufhalten wird.

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Momentan bin ich nicht in Mantua, sondern in sehr unterschiedlichen Hotels in der Steiermark, in Slowenien, Venedig und Padua. Alle Hotels sind sauber, gut geführt und sehr bemüht. Richtig prima klappt das mit dem Arbeiten in einem Haus, das sicher seit 40 Jahren keine Restaurierung mehr gesehen hat: Dort bekommt man einen Schlüssel, es gibt Lichtschalter, Steckdosen und am Morgen einen Kellner, der so freundlich ist, Tee in jeder gewünschten Menge zu bringen. Das ist wichtig, weil ich ohne Tee nicht in den Tag starten kann. Ich brauche niemanden, der mir in dieser Hinsicht Vorschriften macht. Eines meiner Hotels will in dieser Hinsicht modern sein, und hat einen elektronischen Vollautomaten für wirklich vorzüglichen Kaffee, bestätigen andere Gäste, aus dem ich Wasser zapfen kann. 0,7 mal den Inhalt einer Tasse. Ein Digitaldisplay sagt mir nach einem Piepston die Menge und leider hilft mir das überhaupt nicht, denn die Teemenge ist durch den Beutel definiert, und die Kombination aus zu wenig Wasser und zu viel Tee schmeckt schauderhaft.

Nun sollte man in Italien als Teetrinker das Jammern verlernt haben, aber das hier ist nur ein Beispiel., wie eine digitale Innovation das Leben für einen der Zukunft aufgeschlossenen Menschen erschwert. Ich hacke das System, indem ich mir zweimal den elenden Piepston anhöre – wieso muss mich so eine Kiste am Morgen fies anpiepsen? Wenn ich sowas will, reise ich mit einer Netzfeministin – und die Tasse anderthalb Durchläufe unter dem Wasserstrahl stehen lasse, unter den verständnisvollen Blicken des Kellners, der ebenfalls mit der Maschine leben muss. Der Rest geht dann eben in den Ablauf. Das ist mein Aufstand gegen den Zwang des Digitalen. Mir ist völlig klar, dass das Verschwendung ist, die sich nicht gehört, aber ich brauche meinen Tee und kann es mir nicht erlauben, mich ohne meine Dosis Teein ans Steuer zu setzen, um dem italienischen Verkehr zu trotzen.

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Gestern bin ich nach Venedig gefahren. Venedig ist wunderschön, aber wie es nun mal im Herbst so ist: Es wird früh dunkel. Man sollte also früh aufbrechen. Idealerweise lässt man das Auto auf dem Festland stehen, und nimmt den Zug. Das kostet von Padua aus lachhafte 4 Euro und bringt einen direkt ins Zentrum. Ich hasse zwar Züge, aber in diesem Fall füge ich mich, und finde am Bahnhof eine ganze Batterie Fahrkartenautomaten. Die quäken mich an, dass ich auf meine Wertsachen achten soll, und teilen mir mit, dass der nächste günstige Zug in sieben Minuten geht. Bis ich mich durch den Kaufvorgang und die diversen uninteressanten Optionen geklickt habe – nein, ich brauche nur eine simple Einwegkarte und sonst nichts – vergehen schon einmal zwei Minuten. Dann stecke ich meine EC-Karte in den Schlitz, gebe die Geheimzahl ein, und die Kiste hat nun offensichtlich keine Programmroutine, um mir zeitnah mitzuteilen, dass die Funktion gerade ausgefallen ist. Ich starre eine Minute auf ein nicht wegklickbares Bild, bis die Maschine sich in den Ausgangszustand versetzt. Ich versuche es nochmal, und der Italiener neben mir ebenso. Wir stellen fest: Die Kisten gehen beide nicht. Und es gibt keine Möglichkeit, die lumpigen vier Euro in einen Schlitz zu stecken. Das ist heute alles digital. Und überall ausgefallen.

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Ich fahre nur für den Genuss nach Venedig, aber wenn ich da einen Termin hätte, müsste ich anrufen und erklären, dass ich noch vor einer sehr langen Schlange eines der wenigen Automaten stehe, der doch noch altes Bargeld nimmt, weil die Schlange vor dem Verkaufsschalter noch länger ist und verzweifelte Leute draussen vor der elektronisch öffnenden Glastür Nummern ziehen, um Einlass zu bekommen. Der gewünschte Zug hat glücklicherweise auch Verspätung, lässt mich die Maschine wissen, und so kann ich dafür noch ein Ticket buchen. Das ist fein. Weniger fein ist der Dialog am Ende, dass der Zug bereits seit zehn Minuten weg ist. Das stimmt zwar nicht, trägt aber dazu bei, dass ich recht geladen auf dem Bahnsteig stehe und beschliesse, etwas über digitale Zwänge zu schreiben. Mit einem menschlichen Fahrkartenverkäufer wäre das nicht passiert, und dafür würde ich auch zwei Euro extra bezahlen. Wenigstens sind die Gondoliere in Venedig noch analog. Und man kann die Tickets für den Wasserbus auf dem Canal Grande am Markusplatz noch bei einer sehr freundlichen und auskunftsfreudigen Dame am Schalter erwerben. Die kostet etwas mehr als die Zugfahrt. Aber völlig gelassen stehe ich auf dem Schiff und weiss, ich werde ankommen.

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Als ich ankomme, drückt man mir einen Schlüssel in die Hand. Einen echten, analogen Schlüssel. Das ist inzwischen selten geworden; modernere Hotels machen das alles mit Scheckkarten, die nur so lange die Tür öffnen, wie man gebucht hat. Einmal stand auch schon in einem sehr ungünstigen Moment jemand mit so einer Karte in der Zimmertür einer Bekannten, bei der ich – Moment, das geht Sie gar nichts an, aber jedenfalls hatte man an der Rezeption trotz fehlenden Checkouts schon die neue Karte ausgestellt. Seitdem mag ich Schlüssel, mit denen man auch von innen abriegeln kann. In einem Hotel auf der Reise hatte man dagegen schon auf ultramoderne Haustechnik umgestellt: An der Tür ist der Kartenslot. Und hinter dem Kartenslot sind alle Stromkreisläufe des Raumes. Keine Karte, kein Licht, kein Strom, nichts. Und da frage ich mich schon, wie man als Ingenieur einerseits so digital denken kann, und andererseits den Bewohnern beim Verlassen der Zimmer den Saft abdreht. Unsereins geht und denkt, dass die Akkus von Mobiltelefon und Kameras und Rechner bis zum Abend geladen sein sollten. Öffnen wir dann die Tür, piepst das Handy kläglich, der Akku des Rechners ist völlig runter, und die blaue LED beim Ladegerät sieht man erst am nächsten Morgen. Diese moderne Karte zwingt den Nutzer seiner batteriebetriebenen Gerätschaften, beim Laden neben ihnen zu sitzen. Betreutes Charging. Wer da einen Abendtermin hat, hat ein Problem. Wenn der Akku beim Frühstück noch nicht geladen ist, bricht der Ladevorgang gleich nochmal ab.

Wenn Marcello Mastroiani in La Dolce Vita zu seinem nächsten Reportageauftrag aufbricht, springt er nach dem Frühstück einfach in den Wagen und fährt los. Im schlechtesten Fall sind meine Akkus immer noch halb leer, die Teetasse ist nur halbvoll, der Kartenautomat streikt und wenn es im Hotel eine Computerpanne geht, liegt schon jemand anderes in meinem Bett. Immerhin kann er vermutlich nicht mit meinem Rechner ins Netz, denn Hotelnetzwerke reagieren oft allergisch auf meine zwischengeschalteten Privacytools im Browser und werfen mich ständig raus. Ich kann mich noch nicht mal beklagen, denn das ausgedünnte Servicepersonal ist froh um jede digitale Hilfe, und die Stromabschaltung sorgt für den Umweltschutz, und dafür, dass der steigende Meeresspiegel in 200 Jahren Berlin noch immer nicht geschluckt hat. Man muss das alles verstehen, das macht heute jeder so, das ist die Zukunft, Maschinen ersetzen Menschen und können eh alles besser: Besonders das Ignorieren, das Anpiepsen, das Nichtverstehen, das Steckerziehen und das Beziehungsbeenden. Es bringt einen nicht um, aber im Gang steht noch ein alter Schuhputzautomat. Da drückt man auf einen Knopf, und er läuft, solange man drückt. Technik, die genau das tut, was man möchte. So hat man sich das in den Zeiten des Wirtschaftswunders erträumt: ein Knopf, eine Funktion. Heute gibt es Displays wie in Kubricks Odyssee im Weltraum, und die Technik legt sanft ihre unnachgiebigen virtuellen Hände um unsere Gurgeln. Solange es echte Schalter, Drehgriffe und Schlösser gibt, ist sie beherrschbar. Man kann sie töten, wenn es sein muss. Dieses Herrschaftsverhältnis kehrt sich gerade um.

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Schuld – sind wir selbst. Wir und unsere Abhängigkeit von diesen kleinen Kisten. Ich warte nur darauf, dass man in Menschen Reserveakkus einbaut, die sich durch die Bewegung selbst laden und den nötigen Strom erzeugen. Und einen universellen Berechtigungs-Chip, der alle Türen öffnet, die erlaubt sind, und einen von allem abhält, was man nicht bezahlen kann. Dann macht nämlich auch so eine Kaffeemaschine Sinn, die einem mitteilen kann, wie wenig Wasser sie einem zu geben bereit is: I’m afraid I can’t do that, Dave. Das ist dann alles supermodern und verspricht, all die komplexen digitalen Schritte, die uns heute so nerven, durch eine native und unumgängliche Lösung zu ersetzen.

Sie verstehen, dass ich zwar gern in Italien bin, aber mich schon auf meinen hochgiftigen, radioaktiv verseucht floureszierenden Lichtschalter in der heimischen Küche freue, den man nach dem zweiten Weltkrieg für einen Beitrag der Technik zu einem besseren Leben gehalten hat. Aber die EU beschäftigt sich natürlich lieber mit den Gefahren der Kerzen. Das romantische Flackern – da muss man etwas tun, das darf nicht sein, und ich frage mich, ob das Hirn derer, die das tun, nicht auch so etwas wie ein tiefentleerter Akku ist.

26. Nov. 2015
von Don Alphonso
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16. Nov. 2015
von Don Alphonso
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Mit der falschen Überwachung in der falschen Staatskrise

Die Attentatsserie in Paris war noch nicht vorbei, da gab es schon die ersten Wortmeldungen, man dürfte das Grauen auf keinen Fall „missbrauchen“, um gegen Flüchtlinge Stimmung zu machen. Das ist eine durchaus korrekte Aussage. Eine nicht minder durchaus korrekte Aussage ist aber auch, dass Deutschland illegale Einwanderung stoppen sollte – das ist nicht nur ein Gebot des Anstands, sondern tatsächlich auch per Gesetz so geregelt, und wird ohne Zweifel von der grossen Mehrheit in diesem Lande so gesehen – sonst würden die Gesetze anders lauten. Diese Aussage in Zusammenhang mit den Anschlägen hat der bayerische Finanzminister Söder getätigt, und obwohl der Hinweis auf eine geltende Gesetzeslage nun mal das Normalste ist – wünschen wir uns nicht alle Politiker, die sich an Gesetze halten? – erntete er dafür einen Shitstorm. Der „Missbrauch“ der Anschläge beginnt für die Anhänger der Willkommenskultur nun mal sehr früh, hier eben: Beim Hinweis auf die rechtlichen Grundlagen des Staates.

Daran hat sich bisher auch nichts verändert. In Paris wurde der Pass eines syrischen Flüchtlings bei einem Attentäter gefunden, und ein „Nahostexperte“ des Spiegels weist gleich darauf hin, dass das zur Strategie des IS gehören könnte, Flüchtlinge in Verruf zu bringen. Das ist inzwischen im Netz so etwas wie der allgemeine Tenor, und die Ableitung ist auch schon klar: Wer über den Zusammenhang zwischen der Balkanroute und dem Terror reden will, unterstützt nur das Kalkül des Islamischen Staates. In den Augen dieser Leute sitze ich, der ich mich vor meiner Zeit bei der FAZ sehr lange mit Judentum, Israel und Terror beschäftigt habe, jetzt also in die Rolle des Collaborateurs des Terrors und seiner gewieften Medienstrategie – während es völlig in Ordnung ist, in solchen Tweets den Zusammenhang von Terror und Kritik an der ungesteuerten Migration herzustellen:

terra

Da ist dann auch die Gleichsetzung zwischen Terroristen und mir, weil ich beispielsweise gern in Jaffa am Strand liege. Jede halbe Stunde fliegt dort, gut sichtbar, ein Aufklärungsflugzeug, um jede Infiltration von Seeseite her abzufangen. Das ist nötig, weil Israel bereits mehrmals mit Angriffen von Seeseite aus zu tun hatte – Angriffe, deren Struktur durchaus dem ähnelt, was gerade in Frankreich passierte. Kleine Gruppen, die wegen der Grenzbefestigungen zu Land nie nach Israel hätten einreisen können, mogelten sich mit kleinen Schlauchbooten über das Meer an Land und brachten wahllos Menschen um, bis sie auf die israelische Art gestoppt wurden. Natürlich hat Israel zu den besetzten Gebieten eine Mauer und hält auch Hilfsbedürftige ab. Weil man dort erlebt hat, dass sich unter diese Leute auch die Terroristen mischten. Das war lange Zeit eine beliebte Strategie. Es gibt keine absolute Sicherheit, aber man kann trotzdem etwas tun.

Am Strand von Jaffa© AP Photo/Ariel SchalitAm Strand von Jaffa

Gegen die Annahme, so etwas könnte bei uns auch passieren, stehen aber die eindeutigen Aussagen der Geheimdienste, Sicherheitskräfte und des Bundesinnenministers, die unisono behaupteten, es gäbe keine Erkenntnisse über das Einschleusen von Terroristen. Auf der einen Seite steht also der Beitrag eines „ARD-Terrorismus-Experten“, der unter Bezug auf den Verfassungsschutzpräsidenten Schindler sagt:

Kämpfer des „Islamischen Staates“ (IS) oder anderer islamistischer Terrororganisationen sind gar nicht darauf angewiesen, diese beschwerlichen, langwierigen und gefahrvollen Routen auf sich zu nehmen – sie steigen einfach in ein normales Flugzeug.

Und auf der anderen Seite der inzwischen bestätigte Bericht der österreichischen Presse, dass zumindest einer der Attentäter, überführt durch Fingerabdrücke, als Flüchtling getarnt kam.

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Es lohnt sich wirklich, diesen unsentimentalen und propagandafreien Beitrag aus Wien zu lesen – nicht nur, weil darin die Einschätzung der deutschen Behörden widerlegt wird. Der Inhalt ist enorm peinlich für die Deutschen, weil man gestern schon wusste, wann der Mann in Griechenland angekommen ist, welche Fähre er nahm, durch welchen Metalldetektor er in Serbien gehen musste, und wann er sich in Kroatien aufgehalten hat.Das war nach der ungarischen Grenzschliessung zu Serbien, als Kroatien die Ankommenden möglichst schnell über die noch offene Grenze nach Ungarn brachte. Ungarn – europaweit gescholten wegen seiner Versuche, Flüchtlinge nach Recht und Gesetz zu registrieren – leitete damals die Flüchtlinge direkt und unregistriert nach Österreich Richtung Deutschland weiter, wo es keine Obergrenzen für das Asylrecht gibt und das die Kanzlerin nicht mehr für ihr Land hält, wenn man nicht mehr ein freundliches Gesicht zeigen darf. Der Mann kam zur Wahl in Wien an, bei der ein Rechtsruck für die FPÖ befürchtet wurde, und die Österreicher brachten damals aus Angst vor steigenden Asylzahlen so viele Leute zur Grenze, dass unser eigenes System weitgehend zusammenbrach. Wer dort war – und ich war dort – der weiss, dass man die Leute oft unregistriert weiter geschickt hat. In München, in Rosenheim, überall traf man Flüchtlinge, teilweise verloren gegangen, ausgestiegen oder auf eigene Faust reisend und desorientiert. Es ist wenig überraschend, dass man angesichts des Staatsversagens über den Weg des Attentäters in Deutschland noch nichts weiss – im Gegensatz zu den Balkanländern, die von deutschen Politikern und Medien wegen der entsetzlichen Zustände und Inkompetenz gerügt wurden. Niemand weiss, wie viele Flüchtlinge sich in Deutschland aufhalten, und wie viele in andere Länder weiter gereist sind – aber einer davon sprengte sich in Paris in die Luft. Und stieg nicht einfach vorher in ein Flugzeug.

Warum? Vielleicht, weil Grundrechte in Europa angesichts des Staatsversagens nicht mehr für alle, sondern nur noch für manche gelten. Man kann entlang der Flüchtlingsroute aus Syrien ohne Visum in den Schengenraum einreisen – das geht am Flughafen, mit dem Auto oder am Hafen nicht. Wer mit dem Flugzeug kommt, wird überprüft. Das führte dazu, dass zwei der letzten Attentäter beinahe von ihren Taten abgehalten wurden. Mehdi Nemmouche, der mutmasslich den Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel verübte, reiste zwar verdeckt – und keinesfalls „einfach“ – über Malaysia, Thailand, Singapur und Frankfurt in Europa ein, wurde aber in Deutschland als Gefährder identifiziert, und konnte den Anschlag nur wegen einer Behördenpanne ausführen. Auch Ayoub El Kahzani, der Attentäter des Thalyszuges, wurde frühzeitig identifiziert, und die spanischen Behörden gaben ihr Wissen an die Franzosen weiter. Dass beide Anschläge stattfinden konnten, lag nicht an der funktionierenden Grenzkontrolle, sondern am Behördenversagen im nächsten Schritt. Seitdem wurden die Kontrollen verschärft, und es gibt Erfolge bei der Jagd nach IS-Terroristen, wenn sie mit dem Flugzeug ankommen. Wer mit dem Flugzeug reist, wird vielfältig registriert, während des Fluges überwacht, trifft allein an der Grenze auf den gut ausgerüsteten Sicherheitsapparat der Flughäfen, und wird dort sehr genau geprüft.

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Völlig unabhängig davon, ob Terroristen mit diesem gefundenen Pass etwas demonstrieren und die Bevölkerung in die Irre führen wollen: Der Weg über die Balkanroute ist erprobt, es gibt dafür in der arabischen Vorstellung eine Einladung aus Deutschland, alle Länder bringen die Flüchtlinge schnell weiter, und scharfe Sicherheitskontrollen gibt es weder bei der Einreise, noch bei der Ankunft. Für seine Terrorismusbefürchtung wurde Viktor Orban dagegen als Hetzer beschimpft. Wer als Flüchtling aussteigt, seine Unterkunft verlässt und weiterfährt, wird in Deutschland nicht behindert. Keine elektronische Überwachung, keine Vorratsdatenspeicherung greift hier: Es sind hunderttausende aus arabischen Ländern mit Prepaidkarten in Deutschland unterwegs. Die Werkzeuge, mit denen man jedem einheimischen Seriensauger eine Killerdrohne schicken könnte, greifen dort nicht. Die Grundrechtseinschränkungen in Deutschland und Frankreich treffen jene, die brav daheim am Rechner mit einer stationären IP sitzen, oder ein identifizierbares Handy haben, aber nicht jene, die bei jedem Grenzübertritt eine neue Simkarte kaufen und dann letztlich von Belgien aus zum Attentat nach Frankreich fahren.

Die Bundeskanzlerin hat eindeutig verkündet, wir könnten eine dreitausend Kilometer lange Grenze nicht schützen – während allgemein bekannt ist, dass wir Flughäfen und die Bewegung im Internet sehr wohl und mit grossem Aufwand überwachen können. Der Islamische Staat will offensichtlich seine Leute nach Europa bringen, und wie die Attentäter von Mumbai muss er dazu eine Grenze überwinden. Beim vergleichbaren Anschlag von Mumbai nahmen sie ein Boot, um unentdeckt eindringen zu können, und warum sollten sie im Mittelmeer anders agieren? Gleichzeitig weigert sich die deutsche Regierung mit der SPD, an den Grenzen Transitzonen einzurichten, um zumindest das Chaos etwas zu regulieren und zu wissen, wer in das Land kommt. Terroristen versuchen immer, ein möglichst niedriges Profil zu haben – bis zum letzten Moment. Gegen dieses niedrige Profil richtet sich die Überwachung, soweit sie das eben kann. Dass die Überwachung beim Missbrauch der Flüchtlingskrise für dieses niedrige Profil versagte, wissen wir jetzt. Es gibt diesen Anschlag, den syrischen Pass, die Fingerabdrücke und jemanden, dessen Spur sich in Kroatien verliert, bis er in Frankreich auftaucht. Dazwischen sind wir mit unserer brandneuen, nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo ohne Rücksicht auf die Verfassung eingeführten Vorratsdatenspeicherung. Und was hat es uns gebracht?

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Wir haben die falsche Überwachung für eine Situation, der hier keiner gewachsen ist, und an der kein echter Flüchtling ursächlich schuld ist, weil der Staat selbst die Kontrolle über sie im vollen Bewusstsein aufgegeben hat. „Die Bundeskanzlerin hat die Lage im Griff“, sagte Frau Merkel kurz vor den Anschlägen. Ein Attentäter kam an diesem Abend trotzdem von Griechenland nach Paris. Die Flüchtlinge geraten unter Verdacht, weil die deutsche Einschätzung falsch war und niemand weiss, wie sehr der IS dieses Versagen ausgenutzt hat. Wir haben die Vorratsdatenspeicherung und keine Erkenntnisse über Terroristen. Das ist alles, was wir wissen.

16. Nov. 2015
von Don Alphonso
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08. Nov. 2015
von Don Alphonso
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Die Wahrheiten und Filterblasen der Asyldebatte

Am Donnerstag sassen die Spitzen der Regierungsfraktionen in Berlin zusammen und sprachen über Gesetzesreformen, die Horst Seehofer dann als das „schärfste Asylrecht“ des Landes verkündete, offensichtlich in der Erwartung, dass die veränderten Bedingungen nunmehr Menschen davon abhalten könnten, nach Deutschland zu kommen. Ich war im Kernland der CSU, am Tegernsee, zwischen den beiden Klausurorten in Wildbad Kreuth und St. Quirin. In Tegernsee selbst wurde neben dem Schloss ein Cafe renoviert. Jetzt ist es offen, und natürlich wollte ich es mir anschauen. Es ist alles weiss vor tiefblauem Himmel, es gibt eine famos gestaltete Terrasse hin zum See, mit diesem Panorama.

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Sie, liebe Leser, sehen das, aber Sie wissen natürlich auch, dass es ein Privileg ist, hier zu wohnen. Ihre allgemeinen Informationen über die Bundesrepublik und ihre Sozialstruktur helfen Ihnen bei der richtigen Einschätzung. Sie wissen, dass Sie durchaus mal für einen Tag herfahren können, oder Urlaub machen – aber Sie ahnen vermutlich auch, dass auch ich hier nicht den ganzen Tag auf einem Stuhl mit goldenen Lehnen sitzen, Tee trinken und mich dabei von einer Bedienung umsorgen lassen kann. Kurz, Sie kennen den Kontext des Bildes und wissen, dass selbst ich nicht dauernd so lebe.

Aber weiss man das in Somalia? Denn an diesem Tag, da sich so viel für Flüchtlinge in Deutschland entscheidet, sind die Selbigen schon hier und machen Bilder. Genau hier, auf dieser Terrasse, auf den goldenen Stühlchen, mit Blick auf den See, da stehen und sitzen sie in Posen, lassen sich ablichten, schauen das Ergebnis an, und verschicken es gleich nebenan am Rathaus, wo es kostenloses WLAN gibt. Ich will mich nicht darüber beklagen, ganz im Gegenteil, die Sonne scheint für alle, und natürlich sind auch meine Bilder gestellt. Ich wohne zwar in einem Ort am See, aber nicht mit privater Terrasse am See. Es ist nur natürlich, dass Somalier, Eritreer, Senegalesen, Iraker und Syrer genau das tun, was hier alle tun; Schöne Bilder machen und sie nach Hause schicken. Denn in Tegernsee hat man die Turnhallen am See zu einer Notunterkunft gemacht, und knapp 200 Personen sind jetzt hier und tragen die Kunde der landschaftlichen Schönheit, wie die anderen Touristen und Schadmünchner, in die Welt.

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Nur: Es kommt ohne den realen Kontext innerhalb einer Filterblase an. Es sind gestellte Bilder, die in Dschibuti, Mogadischu und Asmara nicht die Geschichte einer mit Betten gefüllten Turnhalle und Kantine erzählen, so wie auch die wenigsten Touristen hier ihre Hotelzimmer ablichten. Sie erzählen davon, dass die Abgebildeten es geschafft haben und nun in einem Cafe sitzen, bedient werden und – selbst wenn es nicht ganz stimmt und die Tasse geborgt ist– einen Tee trinken, der mehr kostet, als eine Hotelangestellte in Kenia in zwei Tagen verdient. Die Jungs haben ihren Spass, keine Frage. Das sind die Bilder, die nach Afrika gehen, das sind die Informationen, die zum Thema Flucht und Asyl dort ankommen. Die afrikanische Filterblase, zuverlässig mit Beweisphotos ausstaffiert, denkt nun mal anders. als es ein Interview von Herrn Seehofer im Morgenmagazin beabsichtigt, und macht sich auf den Weg.

Mir ist natürlich voll bewusst, dass sich hier bereits viele Mundwinkel verzogen haben. In unserer eigenen Filterblase der deutschen Medien ist der Flüchtling immer politisch verfolgt entweder auf einer Nussschale im Mittelmeer, im Elend des Balkans, an der Grenze zu Deutschland, wartend vor dem Lageso oder auf dem Weg zum Facharbeiter und Rentenzahler. Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Balkansystem der Flüchtlinge, die von Syrien nach Berlin in einer Woche durchgeschleust werden, und wenig mit der Lebensrealität und den Erwartungen vor Ort. Die sollten, grosso modo und der Natur des Menschen entsprechend, so gut wie möglich sein, und nach Monaten der Beschäftigung mit dem Thema ist das Auto, das ich aktuell fahre, von Karatschi bis zur Elfenbeinküste wohlbekannt. Es handelt ich um einen zweisitzigen Sportwagen, und wenn ich mit Lagerbewohnern ins Gespräch kommen will, fahre ich damit vor. Der Wagen – und die Möglichkeit, sich daran oder gar darin ablichten zu lassen – ist ein weitaus besserer Anknüpfungspunkt als die Zigaretten, mit denen sich Kollegen anderer Medien Information beschaffen. Die Filterblase der deutschen Medien ist voll mit Brandanschlägen und Zeltlagern: Natürlich kommt deshalb niemand über das Mittelmeer, und auch nicht für einen alten Opel. Sie kommen, weil die Filterblase der Flüchtlinge voll mit der Realität ist, in der sich ihre Freunde positiv darstellen, gerne auch mit Mercedes. Das ist auch nicht anders als beim deutschen Urlaubs- und Hochzeitsbildern auf Facebook. Es ist Teilhabe an unserer Gesellschaft.

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Diese im interkulturellen Dialog noch lustigen Filterblasen machen die innerdeutsche Debatte erst so richtig hasserfüllt. Mir wurde bei einem meiner idyllischen Radlbilder im Altmühltal von einer Twitteraktivistin vorgeschlagen, ich sollte doch mal eine Radltour für Flüchtlinge anbieten. Die Wahrheit – dass Flüchtlinge die ihnen geschenkten Gebrauchträder realistisch als zweitklassiges Fortbewegungsmittel erkennen und sie nur zwangsweise nutzen, aber wie ein dicker deutscher Spiesser sicher jederzeit den Mercedes bevorzugen würden – hat ihr überhaupt nicht gefallen. Man wird ganz schnell zum Rassisten abgestempelt, obwohl es offensichtlich ist, dass ausser den Grünen, Freunden des Steinzeitkommunismus und den Radsammlern niemand hier die Zukunftserwartung eines alten Rades hat. Aber wer nur die weich gezeichneten Bilder syrischer Mütter mit ihren Kindern kennt, die ikonographisch die christliche Marienverehrung zitieren, wird sich keinesfalls mit dem Gedanken an adidastragende Hiphopper anfreunden, die Bilder der Bedienungen verschicken – was wiederum in Afrika mit Kenntnis amerikanischer Rappervideos ikonographisch für immensen Reichtum steht. Ich finde das lustig. Warum sollten sich Flüchtlinge anders als andere Touristen verhalten, noch dazu, wo sie dadurch in der Heimat jenes Sozialprestige erwerben, das sie hier trotz ihrer Wünsche nicht bekommen? Es ist nur natürlich.

Sie können mit Filterblasen spielerisch gut umgehen, zumal unsere wohlmeinenden Filterblasen sorgsam darauf bedacht sind, diese Aspekte keinesfalls erfahren zu wollen. Während sich die Mitglieder der Gruppe Wanda aus der westbalkanischen Metropole Wien dauernd fragen lassen müssen, wie sie es mit Frauenrechten halten, werden solche Fragen an Flüchtlinge nie gestellt. Wir konzentrieren uns auf eine Woche Reiseelend und Verteilungsprobleme, auf Deutschunterricht und Feinheiten des Asylbewerberleistungsgesetzes, während die Migranten monatelang hier sind und – vorsichtig gesagt – nicht immer alles so schlecht finden, wie jene Zitate, die man für einen sozialen Aufschreiartikel braucht und auf Verlangen auch bekommen kann. Je mehr ich über das Thema lerne – und mit jedem Bild, das vor meinem Roadster entsteht, lerne ich etwas dazu – desto mehr erscheint mir die deutsche Filterblase mit ihrer Themensetzung problematischer als das leicht falsche Bild, das auch wegen mir und dem Roadster in Mali und Pakistan von Deutschland entsteht.

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Um es mal an einem Beispiel zu zeigen – und man sehe es mir nach, wenn ich schon wieder die Süddeutsche Zeitung nehme: In Freising hat man einen mutmasslichen Seriensexualstraftäter auf frischer Tat erwischt. Der Mann hat noch drei andere Taten gestanden. Die Polizei geht davon aus, dass noch mehr passiert sein könnte, und bittet die Bevölkerung um Hilfe. Gesucht werden laut SZ Informationen über einen Mann aus Freising mit Oberlippen- und Kinnbart. Das können laut Beschreibung Tausende sein. Erst im Münchner Merkur wird die Gruppe deutlich kleiner: Es handelt sich um einen pakistanische Asylbewerber, was im Vergleich mit dem klassischen Bajuwaren aus Freising etwas anders ist. Die SZ hat etliche Autoren, die von der Piratenpartei über Julian Assange bis zur Fiktion einer deutschen Rape Culture moralische Episteln verfassen und nie zögern, Feinde der Genderideologie vorzuführen. Hier geht es nun um echte Sexualstraftaten und ihre Aufklärung. Die SZ hält Informationen zum Täter zurück. Was sagen die Feministinnen dazu? Ist es nicht der Inbegriff der Rape Culture, wenn Ermittlungen erschwert werden?

Ich bin zufällig über die Nachricht gestolpert, weil ich mich auch mit den klandestinen Aktivitäten einer Neonazigruppe beschäftige, aus deren Umfeld eine der typischen Facebookseiten über Flüchtlinge stammt. Auch das ist eine der Filterblasen – und dort sind naturgemäss die Quellen zu solchen Ereigissen verlinkt, die das Geschehen nicht vom Kontext der Migration befreien. Die Facebookseite macht unter dem Deckmantel der Gegenöffentlichkeit Werbung für Aktionen der rechtsextremen Gruppe „Der dritte Weg“, und natürlich kann man darüber diskutieren, ob es vertretbar ist, so eine Filterblase gewähren zu lassen. Aber deren – mittlerweile schwerer angreifbar gewordene – Propaganda kann nur so gut sein, wie die Aufklärung schlecht ist. Es ist fraglos richtig, gegen falsche Behauptungen im Netz aktiv zu werden. Ob es dann aber die richtige Entscheidung ist, Vorbehalte gegen Medien zu stärken, indem relevante Informationen nicht gebracht werden, hängt davon ab, wie gut die Filterblase ansonsten funktioniert. In Deutschland wird diese Filterblase von enigen Leitmedien inzwischen nur noch dicht gehalten, indem man fast schon täglich einen Bürgermeister, einen Landrat, einen Innenminister oder einen Philologenverband als „Hetzer“ vorführt und damit signalisiert, was als intolerabel gilt. Es werden darüber klare Vorstellungen formuliert, wie man denken sollte. Die Willkommenskultur sollte so sonnig und wolkenlos wie eine Terrasse am Tegernsee sein, und ist gerade so echt wie ein Bild auf einem Handy an der Elfenbeinküste.

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Es wirkt inzwischen verzweifelt. Morgen ist bei mir daheim Bürgergespräch. Danach kann ich berichten, wie es unter dem Himmel am Tegernsee wirklich aussieht.

 

 

Nachtrag: Ein Freund, dessen Meinung ich sehr schätze, meint, dass ich keine Empathie zeige, und meine Beiträge seien kalt. Ich habe ziemlich viel von dieser Staatskrise gesehen nnd es kann schon sein, dass mir manchmal das Lachen vergeht. Die Flüchtlinge sind nicht das Problem, das Problem ist das Versagen der Politik und die Art, wie man ein weitgehend unvorbereitetes Land in eine Situation geführt hat, für die ich keine Lösung sehe, die irgendwie schön oder richtig sein könnte. Als ob ein teuer bezahltes türkisches Grenzregime, das die von der Kanzlerin gerufenen Afghanen brutal aufhalten würde, auf dem Weg in ein zu den rechten Rattenfängern kippendes Europa mit zusammengestrichenem Asylrecht, irgendetwas wäre, das man mit Empathie erwarten könnte.

08. Nov. 2015
von Don Alphonso
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31. Okt. 2015
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Zensur als kleine Schwester der Lügenpresse

Ich sitze am Achensee in Tirol, über mir der blaue Himmel, begrenzt von den Bergen mit dem ersten, delikaten Schnee. Den Nebel über Deutschland habe ich hinter mir gelassen, das nasse Grau schafft es nicht über die Berge, und die Bedienung serviert einen selbst gemachten Johannisbeerkuchen, wie man ihn aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kennt: Mit viel Puderzucker. Es ist ganz hübsch hier, alles ist erleuchtet, während Deutschland vollkommen verschluckt zu sein scheint. Die Grenze, an der sich auf Wunsch, Veranlassung und Verantwortung von Angela Merkel eine humanitäre Katastrophe abspielt, Frankfurt, wo die Server der FAZ stehen und all die Häuser und Büros, aus denen Kommentare unter meinem letzten Beitrag eingehen, alles ist weit weg und unerreichbar. Es folgt ein langes, prächtiges Bild. Geniessen Sie es.

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Es geht leider nicht so schön weiter.

Denn ich habe kein mobiles Internet und hätte ich es, würde ich es nicht nutzen. Wenn ich nicht am Rechner bin, bin ich nicht am Rechner, so einfach ist das eigentlich. Aber während ich hier im Licht sitze und an ganz andere Ereignisse denke, oder auch nur daran, die Ärmel hochzukrempeln und braun zu werden, richtig braun und nicht nur so, wie es Merkels Unterstützer mitunter, jenen nachsagen, die Antifaparolen wie „Refugees welcome“ und „No borders, no Nations“ nicht nachschreien möchten, geht das Leben natürlich weiter. Menschen lesen meine Beiträge, bilden sich dazu eine Meinung und verfassen Debattenbeiträge. Das geht, weil bei mir die Kommentare offen sind. Weil ich aber nicht da bin und es auch nicht als meine Aufgabe ansehe, alle fünf Minuten freizuschalten, türmen sich am Abend 70 neue Kommentare vor mir auf, und wie immer wird auch gefragt, ob hier nun auch zensiert wird. Ob etwa die Kommentare geschlossen seien. Und ob ein Beitrag, der nicht bei den Stützen der Gesellschaft, sondern hier steht, etwa wegen einer unerwünschten politischen Linie verschwinden musste. Ich lese ziemlich viele Verschwörungstheorien über das Innenleben der Redaktionen.

Kurz, im Nebel herrscht das Misstrauen so wie die Sonne über dem Achensee. Ich kann das in gewisser Weise verstehen, weil die Debatte bei den grossen, deutschen Onlinemedien inzwischen deutlich reduziert wurde. Die FAZ lässt normalerweise beim Thema der Flüchtlingskrise keine Kommentare mehr zu. Die Prantlhausener Zeitung hat sich schon vor Monaten entschieden, Kommentare komplett abzuschaffen und stattdessen drei zu debattierende Themen vorzugeben. Die Zeit hat die Kommentare offen, geht aber mit dem Communitymanagement massiv gegen nicht erwünschte Meinungen Aussagen vor. Spiegel Online lässt nur manche Beiträge besprechen. Ich lasse die Kommentare generell offen, rede aber selbst mit, und weil ich ansprechbar bin, muss ich nur vergleichsweise wenige Kommentare löschen. Selbst bei schwierigen Themen sind das selten mehr als zwei bis vier Prozent. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich eine zivilisierte Debatte gut selbst erhalten kann, wenn die Leser wissen, dass der Autor dabei ist. Gegen sinnlose Pöbeleien sollte man vorgehen, auf Kritik reagieren, dann geht das nach meiner Erfahrung schon.

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Da redet mir übrigens auch niemand hinein. Es gibt keine Vorgabe seitens der FAZ und auch keine Beschwerde, weil ich es mit den Kommentaren anders als andere Beiträge halte. Es ist nun mal so, dass die Moderation ein enormer Aufwand ist und ich für die fünf Stunden im Sonnenschein in der Nacht zwei Stunden mit Moderation verbringe. Natürlich muss ich jeden Kommentar vor dem Freischalten erst mal lesen, daran führt kein Weg vorbei. Und da lese ich dann auch die Befürchtungen, dass es nicht mehr möglich wäre, die eigene Meinung frei zu äussern. Ich kann das durchaus nachvollziehen, weil ich auch sehe, wie Debatten im normalen Betrieb gemäss der Redaktionslinien ausgeschaltet oder gelenkt wird. Es ist beispielsweise kein Problem, bei ZEIT Online die Aufgabe der durch die Verfassung festgelegten Grenzen zu fordern, aber Zweifel am Gender Mainstreaming sollte man vorsichtig vortragen. Es gibt bei der Flüchtlingskrise und einigen anderen Themen eine deutliche Diskrepanz zwischen Einschätzungen und Überzeugungen der Mehrheit in diesem Land und dem, was Medien thematisch an Debatten erlauben. Junge Onlinejournalisten in Berlin oder Hamburg leben nun mal in anderen Filterblasen als das THW am Tegernsee. Die einen schreiben im Schlepptau einer Grünenpolitikerin positive Geschichten über nette Flüchtlinge und schliessen die Kommentare, die anderen stellen die Pritschen in der Turnhalle auf und werden wegen der Qualität des Essens angemault.

Und da schäumt es dann über. Das ist wie eine unter Druck stehende Schaumweinflasche, hinten gärt das Staatsversagen und vorne ist ein Medienkorken, der nichts heraus lässt und an dem man mit einem Kommentar auch nicht vorbei kommt. Es ist durchaus rational nachvollziehbar, warum man in den Medien die Augen lieber auf die Hoffnung denn auf die Gefahren richtet, selbst wenn das als „Lügenpresse“ gebrandmarkt wird. Da entsteht dann dieses „Wir sagen Dir, wie Du die Sache zu sehen hast“-Gefühl bei Lesern. Ob es klug ist, die Debatte danach auch noch zu verhindern und indirekt das Gefühl zu erwecken, dass es vollkommen egal sei, was der Leser denkt, ist nach meiner Einschätzung nicht zwingend zu bestätigen, selbst wenn es aus dem Arbeitsablauf der Medien heraus verständlich ist: Medien haben die Aufgabe zu informieren und Debatten anzuregen, aber das muss eben nicht zwingend im Internet auf ihrer eigenen Seite sein, verbunden mit einem gewissen Prozentsatz Randale und Beschimpfung.

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Und natürlich kann man auch auf dem Standpunkt verweilen, dass alles schon gesagt sei, nur noch nicht von allen. Das kleine Problem an dieser Haltung sind die rechtsradikalen Profiteure bei Facebook, die jene Artikel nehmen, die ihnen ins Konzept passen, und dann dort kommentieren lassen. Das bedeutet, dass die Debatte durchaus weiter geht, aber entgleitet: Sie ist ohne Kontrolle, ohne Einflussmöglichkeit und ohne Nothalt durch die Medien. Es genügt ein Link und ein Textanreisser, und dann passiert genau das, was manche mit guten Argumenten gern verhindert sehen möchten: Eine aus dem Ruder laufende Diskussion, mit der Folge, dass danach Facebook gezwungen werden soll, die unliebsamen Postings zu löschen. Oder Medien wie Bild und Süddeutsche Zeitung dazu beitragen, dass die Extrembeispiele öffentlich an den Pranger gestellt oder entlassen werden – Edit: Weil der freie SZ-Mitarbeiter Simon Hurtz provokativ danach fragte und zufälligerweise auch noch ein neuer Kommentator hier auf  ihn“hinwies“, hier der Link: http://www.suedd eutsche.de/wirtschaft/reaktion-von-arbeitgebern-wann-man-rassisten-kuendigen-darf-1.2622373 . Damit ist der ganze Diskurs im Vollkreis gescheitert. Ich persönlich sehe da, ähnlich wie bei den links-antiliberalen Shitstorms bei Twitter, wirklich keinen einzigen Gewinner. Es verlieren alle, die Debatte wird von jeder Sachlichkeit und allem Respekt entkleidet, und sollte tatsächlich jemand das Ziel erreichen, andere zum Schweigen zu bringen, bleibt seinen Opfern immer noch die Realität, um den Konflikt voran zu treiben.

Man kann sich – wie gesagt, mit guten und nachvollziehbaren Argumenten – davon fern halten. Ich nehme aber aus den von mir gelesenen Kommentaren die Erkenntnis mit, dass ich mich lieber hier als AfD-Anhänger beschimpfen lasse, selbst in einem Beitrag, in dem ich erkläre, warum ich persönlich gerne an Migranten vermiete, als dass es andernorts eskaliert. Hier kann ich darauf eingehen und reden. Die anderen Orte im Netz müsste ich erst mal suchen, was bei Faebook wirklich schwierig ist, und mich dann auf Nutzer einlassen, die im Zweifelsfall erst durch Facebook gestoppt werden können, wenn ich sie melde. Hier im Blog entscheide ich selbst, und muss die richtige Balance aus Debatte und Durchgreifen finden. Das ist gerade jetzt keine schöne Arbeit, es geht ziemlich an die Substanz, aber auf der einen Seite halte ich die Debatte für wichtig. Wenn wir sie nicht führen, machen es die Kräfte, in deren Hände ich das nicht sehen will. Und auf der anderen Seite sitze ich lange Stunden ohne Netz in Tirol am Achensee, und die Sonne scheint mild und nachsichtig auf mich herab.

Es ist wie immer in dieser Krise: Keine Entscheidung ist ganz falsch, keine Haltung ist frei von guten Argumenten. Wirklich möglich erscheint mir die Debatte nur, wenn die Autoren die Arbeit mit dem Beitrag nicht beenden, sondern genau wissen, dass die Arbeit nach dem Beitrag erst  beginnt. Wenn man es tut, wird man angemault, gelobt, angegiftet, falsch verstanden und muss immer wieder eingreifen. Wenn man es nicht tut, sind da draussen genug, die dem Vorwurf der Lügenpresse noch die Klage über Zensur folgen lassen und sich berechtigt sehen, das Gespräch in die eigene Hand zu nehmen. Dazu haben sie laut Verfassung ein Recht, und man kann und soll ihnen dieses Recht als guter Demokrat nicht streitig machen.

Aber in diesem Blog bestimmt nicht der gute Demokrat, sondern der Chef des Communitymanagements, und der bin ich. Deshalb sind die Kommentare hier offen und werden, wenn sie sich an den allgemein gültige Anstand halten, auch freigeschaltet. Das bezahlt übrigens niemand, das ist mein privates Vergnügen, aber eben auch das, was ich als notwendig erachte. Ich finde, gute Demokraten sollten über alles so respektvoll reden können, dass unsereins nur freundlich lächelnd alles freischalten kann. So ist das Internet dann auch eine prima Sache, und kein Feind des Netzes hat dann einen Grund, dessen Kontrolle und echte Zensur zu fordern.

31. Okt. 2015
von Don Alphonso
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25. Okt. 2015
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Verschweigen und Stigmatisierung: Einstiegsdrogen für Pegida

Es gab in der FAZ letzte Woche eine Allensbach-Untersuchung, die einige bemerkenswerte Ergebnisse im Verhältnis von Deutschen, ihren Medien und den Flüchtlingen lieferte. Eine mit 55 Prozent enorm hohe Zahl der Befragten gab an, dass die Medien nicht ausgewogen berichten würden, und jene 43 Prozent, die denken, man könnte sich zu dem Thema nicht frei äussern, weisen auf deutliche Defizite in der Debatte um Flüchtlinge hin. Viele, könnte man zusammenfassend sagen, fühlen sich angelogen und haben den Eindruck, in die rechte Ecke gestellt zu werden, wenn sie ihre Zweifel artikulieren.

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An dieser Stelle möchte ich offen zugeben, dass ich selbst vier Geschichten über Flüchtlinge nicht aufgeschrieben habe, obwohl ich sie selbst erlebt und gesehen habe Alle vier Geschichten sind unschön. Aber sie sind auch nicht repräsentativ. Ich habe auch schöne Geschichten über Flüchtlinge nicht geschrieben, wie über den freundlichen, ergriffenen Herrn dort oben, der an meinem Herz rührte. Man versucht als Reporter normalerweise, durch Auswahl und Distanz ein Bild zu vermitteln, von dem man hofft, es würde von den Lesern richtig verstanden werden. Man lebt damit, dass das Verschweigen der unangenehmen, aber untypischen Geschichten einen bei manchen Lesern zur „Lügenpresse“ macht. Und die mangelnde Bereitschaft, die Berliner Staatspropaganda über einen angeblichen Wirtschaftsboom durch die Einwanderung von Millionen Flüchtlingen ohne Beziehung zum Land und seiner Arbeitswelt zu unterstützen, etwa durch den Hinweis auf die in meiner Heimat sehr geringe Beteiligung an Sprachkursen, macht mich in den Augen der anderen zum Vorposten von Pegida in den deutschen Medien. Ich bin, weil ich mehr erlebe als die normalen Bürger, besorgt. Weniger wegen der Flüchtlinge als vielmehr über das, was ich als Staatsversagen erlebe. Achtköpfige Familien, die am Sonntag Abend an einer Bushaltestelle im Nirgendwo gestrandet sind, privat aus der Patsche helfen, auch wenn man als Reporter neutral sein sollte, ist so ein Zeichen dafür, dass der Staat gerade versagt: Sonst müsste ich das nicht tun. Ein funktionierender Staat lässt desorierntierte Familien nicht erfrieren. Er lässt auch das Chaos am LaGeSo in Berlin nicht zu, und informiert seine Bürger ehrlich über Zahlen, Kosten und Risiken.

Eines der in der Bevölkerung mitunter so empfundenen Risiken ist die Vergewaltigung. Es werden dafür theoretische Argumente vorgebracht, wie etwa der hohe Anteil von jungen, allein reisenden Männern aus Ländern, die einerseits eine hohe Kriminalitätsrate haben, und andererseits ein Frauenbild, das nicht den Ansprüchen des Gender Mainstreamings oder auch nur der katholischen Landfrauen entspricht. Da feiern uralte, längst vergessene xenophobe Muster fröhliche Auferstehung: Es ist leicht, da eine Parallele zur antisemitischen Hysterie zu sehen, die vor einem Jahrhundert in jungen, jüdischen Männern aus Osteuropa Sexsklavenhändler und Vergewaltiger sah. Es gab, das ist als wahrer Kern unbestritten, in jener Zeit im Westen Russlands entsetzliche Armut und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung, und aus dieser Not heraus gab es auch finstere Gestalten, die Frauen in die Bordelle Westeuropas brachten. Aber zwischen der bewusst aufgebauschten Darstellung in der antisemitischen Presse vom Frauenschänder und dem realen jüdischen Leben in Deutschland gab es keinen Zusammenhang.

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Wir wissen das heute, es gibt dazu wissenschaftliche Untersuchungen, wir sehen das Problem der Mädchenhändler rational und können es einordnen, aber damals hat die falsche Darstellung eine der Grundlagen des Genozids geschaffen. Trotzdem glaube ich, dass eine offene und ehrliche Debatte über das, was passiert, frei von Propaganda und Beschwichtigungen, am ehesten helfen kann, die Entstehung von ideologischen Parallelgesellschaften zu verhindern oder, wenn sie schon offensichtlich von Pegida über AfD bis zu meinem kurdenbesorgt-türkischen Gemüsehändler reichen, zumindest begrenzen könnten. Dazu gehört eben auch die Angst, dass junge Männer aus Krisenregionen im Park über eine Frau herfallen und sie brutal vergewaltigen könnten. Genau das ist in München im August passiert. Und die spannende Frage ist nun, wie geht man mit so einem Hochamt für Pegidagläubige um.

Man kann es so wie die Süddeutsche Zeitung machen, die offen einen Pro-Asyl-Kurs fährt und sich an den deutschen Pressecodex Richtlinie 12.1. hält, wonach bei einem fehlenden Bezug zur Tat die Nationalität zu verschweigen ist.  Sie gibt auch bei einer anderen mutmasslichen Sexualstraftat den deutschen Landkreis der mutmasslichen Täter als Herkunftsort an. So wird dann aus einem Pakistaner jemand, der seinen Wohnsitz im Lankreis Erding hat, oder eben aus einem Eritreer ein Straubinger. Man muss dann schon etwas suchen, um etwa – wie bei der Abendzeitung – dann die ganze Geschichte zu finden. Für einen unbedingten Feind von DNA-Ermittlungen wie mich ist es dann besonders bitter, wenn der Erfolg über diese Methode möglich wurde, weil der Verdächtigte wegen eines anderen Vergehens in der Datenbank landete – und darunter in den Kommentaren gefordert wird, man sollte dieses Mittel viel öfters einsetzen und gleich von allen vorab, verdachtsunabhängig DNA-Proben nehmen.

stusskowb

Auf der anderen Seite entsteht da natürlich der Eindruck, manche Medien würden hier etwas verschweigen. Viele der momentan so stark kritisierten, asylfeindlichen Seiten bei Facebook fördern genau diese Befürchtung: Sie suchen solche Fälle, ignorieren den Pressecodex und weisen darauf hin, dass die Berichterstattung nicht vollständig sei und Straftaten den Einheimischen in die Schuhe schiebe. Da kommt es dann, das böse Wort von der „Lügenpresse“. Vermutlich werden die gleichen Kreise auch eine erst nach Presseanfrage eingestandene Vergewaltigung in Ellwangen als Beispiel für gezieltes Vertuschen vorbringen. Allerdings ist die Polizei dann so klug gewesen, den richtigen und wichtigen Rahmen für dieses Vorgehen zu liefern: Dass es wichtig ist, das Opfer zu schützen, dass sexuelle Übergriffe fast immer im persönlichen Umfeld stattfinden und Vergewaltigungen wie in diesen Fällen die absolute Ausnahme sind. Das verhindert nicht die Angst vor Vergewaltigungen. Aber es dämmt vielleicht die diffuse Angst ein, die Polizei sei überfordert, habe die Lage nicht mehr unter Kontrolle und verschweige deshalb, wie schwierig die Situation wirklich ist. Leider steht aber genau das in den Kieler Nachrichten.

Diese Befürchtungen, denen nicht mit Argumenten aufklärend begegnet wird, suchen sich dann die Informationen bei den Facebookgruppen, die solche Nachrichten zusammenstellen und debattieren. Wenn ein Medium wie die SZ dann Ratschläge gibt, wie man rassistische Internetnutzer entlässt, ist es wenig wahrscheinlich, dass es von den Betreffenden als glaubwürdige Quellle betrachtet wird. Aussagen wie die der SPD-Generalsekretärin oder des Chefs der IG Metall, wie man Fremdenfeindlichkeit bekämpfen sollte – mit aller Härte und bis zur Zerstörung der bürgerlichen Existenz – sind auch keine Antworten auf die Frage, ob es denn nun Nachts im Park gefährlicher wird, Und dann erscheint bei Spiegel Online ein Text der Feministin Margarete Stokowski, die gern Abweichlerinnen ihrer reinen Aufschrei-Lehre in die braune Ecke drängt und sich Belehrungen über die Bedrohung verbittet, wenn sie von Erika Steinbach kommen, weil sie und andere Konservative sich nie für jenen Feminismus begeistern konnten, für den Stokowski und ihre Freundinnen mit ihrer dummdreisten Interpretation einer Untersuchung zu Verurteilungen bei Vergewaltigungsanzeitgen stehen. Es wird doch hoffentlich niemand wagen, mit der berüchtigten Steinbach einer Meinung sein? Mit dieser Diskreditierung unserer eigenen Gesellschaft sollte die Debatte ja wohl hoffentlich beendet sein.

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Stokowski arbeitet auch jenseits der pseudowissenschaftlichen Behauptung methodisch ähnlich wie die älteren Antisemiten mit dem Mittel der Ausgrenzung über besonders negativ interpretierte Einzelbeispiele: Sie sucht sich eine Person heraus, hier eine stramm rechte Vertriebenenfunktionärin statt einem jüdischen Mädchenhändler, exerziert an dieser Person ihre Vorbehalte durch und grenzt damit andere, die Zweifel mit Steinbach teilen, gesellschaftlich aus – die sollten sich erst mal um ihre eigenen Vergewaltiger kümmern. Früher traf diese Einstellung den jungen Juden, der eine Chistin heiraten wollte – sicher auch ein Lustmolch – heute trifft es jene, die es menschlich durchaus fragwürdig finden, wenn zwei Männer über eine einzelne Frau herfallen, und vielleicht nun doch gern mal über das Frauenbild in Afghanistan und die Auswirkungen auf Deutschland reden würden – sicher alles kleine Steinbachs, und gendern tun sie auch nicht. Wichtiger Hinweis: Keinesfalls sind alle Feministinnen so, das sind, wie so oft, Einzelfälle, und Stokowskis „Irgendwas bleibt immer hängen“-Methoden machen aus keinem AfD-Anhänger einen verfolgten Juden..

Und das ist es, an kleinen, aber täglich auftretenden Beispielen aufgezeigt, warum so viele sich schlecht informiert fühlen, Angst haben, offen über Sorgen zu sprechen, und sich in der Defensive wähnen. Es erklärt vielleicht, warum sich da etwas zusammenbraut und sich neue Wege sucht, wenn Kommentare geschlossen und gelöscht werden. Ich bringe diese Beispiele für Verschweigen und Ausgrenzung hier, weil sie leider durchaus repräsentativ sind, und weil momentan von allen Seiten ein aussergewöhnlich rüder Ton herrscht, durch den die Bildzeitung – ausgerechnet sie – einen Pranger betreiben kann, der kaum hinterfragt wird. Es wird berichtet, die Mitte der Gesellschaft werde offen für rechte Thesen, sie vertraue nicht mehr auf den Staat und glaube nicht mehr den Medien, und laufe rechten Rattenfängern nach.

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Das kann schon sein. Aber die Flöte der Rattenfänger kann immer nur so gut sein, wie die Debatte der Gesellschaft schlecht ist. Pegida und ähnliche Organisationen bieten nicht nur andere Antworten, sondern auch – Feministinnen fordern so etwas oft für sich, wenn etwa Herr Prof. Kutschera über Evolutionsbiologie spricht – Schutzräume für jene, die sich marginalisiert fühlen. Und so lange die Diskrepanz zwischen den Erfahrungen oder der Unsicherheut der Menschen einersets und den Parolen aus Berlin und den diversen Unterstützern in den Medien andererseits so gross wie im Moment ist, solange abweichende Meinungen recht offen bedroht werden und indirekt dieses „Pass bloss auf, was Du im Netz schreibst, sonst bist Du als nächster dran“- Klima herrscht, wird das so bleiben. Mindestens. Und das ist schlimm, denn am Ende gesteht man den einen Aufpeitschern ihre DNA-Ermittlung zu, und den anderen Aufpeitschern ihren Persoalausweis für das Netz, und die freie Zivilgesellschaft hat verloren. Ohne dass es eine offene und ehrliche Debatte über die Risiken und Chancen der Migration gegeben hätte.

Ich schätze die politische Haltung von Erika Steinbach übrigens auch nicht. Es gäbe andere, die mir bei dieser Debatte lieber wären – aber der deutsche Netzfeminismus schweigt das Thema lieber tot, wie viele andere Aktivisten auch. Als junger Mann kannte ich den Ort des Verbrechens gut, da war im Alten Botanischen Garten das Parkcafe, wir feierten und sassen glücklich im milden Sommer bis zum frühen Morgen davor, und es ist nicht leicht, Distanz zu wahren, wenn dieser Ort nun Schauplatz eines Verbrechens ist. Das ist nämlich mitten in München und sehr sicher gewesen. Und keine 200 Meter vom Bahnhof entfernt, wo die Bilder der Willkommenskultur entstanden.

25. Okt. 2015
von Don Alphonso
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29. Sep. 2015
von Don Alphonso
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Das Pack lernt schneller als die Politik

Da hat einer aus dem Nichts mit eigenen Händen ein Imperium geschaffen. Wurde zum Milliardär, zum Herrn über das tägliche Leben von Milliarden Menschen, und zum Idol einer ganzen Generation. Eine Welt ohne Grenzen, aber mit unbegrenzten Möglichkeiten, und als Chef dieser Welt soll er bei den Vereinten Nationen reden.

Und dann kommt eine ältere Frau in sehr bunten Anzügen auf ihn zu, Pfarrerstochter aus der ostdeutschen Steppenlandschaft, und herrscht ihn mit schnarrendem Akzent an, dass er endlich hinmachen soll. Genau das ist Marc Zuckerberg von Facebook gerade bei den vereinten Nationen und versehentlich eingeschalteten Mikrophonen passiert, weil Angela Merkel erwartet, dass Facebook endlich mehr gegen die rechtsextremen Hasspostings auf seiner Plattform unternimmt.

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Bei allem Verständnis dafür, dass man keine Mordaufrufe und sonstige Verbrechenswünsche im Netz lesen will: Die Aufgabe für Zuckerberg, der momentan als Sündenbock des Netzes schlechthin dasteht, ist sehr schwierig. Selbst ein höherer Verfolgungsdruck bei Facebook würde lediglich eine Plattform betreffen. Einen Beitrag verantwortlicher Politiker, der die Zensur von Youtubekommentaren, Twitteracounts oder Blogs fordert, habe ich bislang nicht gelesen, obwohl dort nicht weniger scharf agitiert wurde. Ein härteres Vorgehen von Facebook würde das Problem mit Sicherheit nicht lösen, denn derartige Seiten und Projekte existierten schon, bevor es Facebook gab. Die fraglichen Aktivisten würden ihr Treiben dann an anderen Orten fortsetzen, so wie es die rechten deutschen Blogs schon einmal taten, als sie auf öffentlichen Druck hin die Plattform Myblog verlassen mussten, und in die weitgehend sichere Anonymität abtauchten. Theoretisch hätte Facebook sogar den Vorteil, dass man dort noch gezielt in Debatten eingreifen und Gegenargumente bringen könnte, wenn man Ahnung davon hätte – leider zahlt die Bundesrepublik aber dafür Geld ausgerechnet an die Amadeu-Antonio-Stiftung, deren Netzprojekte mitunter auch Plattform antifanaher, antideutscher und anderer linker Strukturen sind, die Rassismus wiederum der staatlichen Exekutive nachsagen.

Zudem hat sich die Aktionsform der Xenophoben im Netz verändert, und besonders in den letzten Wochen wurde der Ton trotz der Asylkrise deutlich ruhiger. In Frankreich, Italien, der Schweiz und Österreich geben sich die rechtspopulistischen Parteien und Organisationen momentan eher staatstragend denn radikal-kämpferisch: Das ist auch gar nicht nötig, denn die Wahlen in Oberösterreich zeigten, dass die Krise ihnen die Wähler aus dem bürgerlichen und sozialdemokratischen Lager ohne ihr Zutun in Scharen zutreibt, und das bürgerliche Lager zudem auf ihre Argumente umschwenkt. Diese neue Ruhe ist ein europaweiter Trend: Sie sind scheinbar nationalbewusst statt nationalistisch, und gesetzeskonform in einer Zeit, da Gesetze ausser Kraft gesetzt werden. In zwei Wochen ist dann die Wahl in der roten Hochburg Wien, wo FPÖ-Chef Strache Bürgermeister werden will. Wenn die deutsche Kanzlerin ausgerechnet jetzt mit Österreich darüber verhandeln lässt, dass die Sonderzüge mit Flüchtlingen ausgesetzt werden und ihr „Wir-schaffen-das“-Problem eines der Österreicher wird, weil die Flüchtlinge dort festsitzen – dann folgen nicht ein paar derbe Facebookpostings, sondern erdrutschartige Siege der Rechtspopulisten.

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In dem verlinkten Beitrag ist auch viel innenpolitische Brisanz für Deutschland. Während hierzulande nur geschönte Zahlen „registrierter“ Flüchtlinge veröffentlicht werden, berichtet die Auslandspresse schonungslos die Zahl derer, die Österreich in Richtung Deutschland verliessen – und warum in der Folge die Regierungen von Berlin und Wien aneinander gerieten. Es ist diese Informationspolitik, die jede rechte Hetze überflüssig werden lässt: Während Nazis früher Verschwörungstheorien liefern mussten, der Staat habe etwas zu verheimlichen und würde für die Asylbewerber am Ende sogar Deutsche vor die Tür setzen, passiert momentan genau das, was sie angekündigt haben. Straches FPÖ behauptet seit Wochen, dass Merkel Österreich mit dem von ihr geschaffenen Problem demnächst allein lassen könnte. Und die Ausschreitungen in Suhl und Calden, die selbstgebauten Waffen in Notunterkünften, die Übergriffe auf Polizisten und die Warnung der Familienministerin vor sexuellem Missbrauch erwecken bei vielen Bürgern exakt den Eindruck, der vor vier Wochen allein als Merkmal der Dunkeldeutschen galt.

Wenn man sich mit dem Thema beschäftigt und die Kommentare offen hat, bleibt es nicht aus, dass sich auch solche Dunkeldeutschen zu Wort melden. Manche machen daher die Kommentare zu, andere wie die ZEIT greifen deutlich ein, oder sind vergleichsweise tolerant, wie etwa der österreichische Standard. In diesen Medien beobachte ich, dass es schwer wird, Rechtsextreme zu erkennen. Das liegt an einer veränderten Kommunikationsstruktur: Sie passen sich dem Mainstream der kritischen Aussagen an. Das fällt um so leichter, je höher die Erwartungen und die überpositiven Beiträge in den Medien waren: Die Schreckensnachrichten, die Forderungen nach ethnischer oder religiöser Trennung von Flüchtlingen passen so gar nicht zum Bild der einwandernden Ärzte, Ingenieure und Fachkräfte des Sommermärchens. Jetzt wird die positiv gefärbte Haltung zu Flüchtlingen aufgegriffen und ironisiert. Man sagt nicht mehr „Weg mit den Asylbetrügern“, man sagt, wie viele andere auch „Das sollen die von euch versprochenen Fachkräfte sein?“. Die emotionale Aufladung des Themas und die selektive Darstellung rächen sich. Und das betrifft nicht nur rechte Medien, sondern auch den österreichischen linksliberalen Standard: Es ist das erst Mal in anderthalb Jahrzehnten, dass ich dort als Stammleser völlig entgegengesetzte Haltungen bei den Redakteuren und in den Kommentaren finde. Früher hätte niemand dort zu kommentieren gewagt, dass er FPÖ wählt. Heute ist das nicht unüblich.

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Facebook wird sich in der äusserst schwierigen Situation wiederfinden, in einer Phase der argumentativen Nähe die dunkeldeutschen Böcke des „Packs“ von noch besorgt-gefleckten Schafen zu trennen. Noch nicht einmal der Aufruf zum Gesetzesbruch muss da hilfreich sein: Würde Facebook dort ansetzen, könnten man natürlich die Facebook-Seite der identitären Bewegung abschalten, die mit Aktionen versucht, für eine Grenzschliessung Österreichs zu werben. Es ist ein recht eindeutig illegales Verhalten. Aber wenn der Gesetzesverstoss die Einsatzschwelle definiert, müsste Facebook auch gegen Gruppen wie das „Peng-Collective“ oder das sog. „Zentrum für politische Schönheit“ vorgehen, die ebenfalls „Fakten schaffen“ – hier entgegengesetzt mit Schleusertum. Dann müsste der Staat weiter gehen und auch ein Auge auf die Crowdfundingaktivitäten, Twitter und die Youtubekanäle haben, die solche Aktionen bewerben: Ohne eine umfassende Überwachung und massiven politischen Druck auf eine Reihe von betroffenen Konzernen wird es kaum möglich sein, diese Gruppen im Netz auch nur ansatzweise zu bekämpfen – so man das wirklich möchte, und nicht symbolpolitisch nur ein paar Facebookpostings gelöscht haben will.

Denn die zugrunde liegende Befürchtung der Politik, dass im Netz jene Gruppen entstehen, die dann in der Realität extremistisch agieren, ist sicher nicht falsch. Ob sich das aber nur auf die deutschen Nutzer beziehen darf, die wie in Leipzig Flaschen auf Polizisten werfen, ist eine weitere Frage, die sich angesichts der Ausschreitungen der letzten Tage stellt. Es ist offensichtlich, dass Konfliktparteien in den Notunterkünften vor allem durch Herkunftsländer und mitunter auch Religionen definiert sind. Die momentan noch gängige Analyse der Medien schreibt diese Konflikte der Enge der Notunterkünfte und der Traumatisierung der Flüchtlinge zu. Nur: Die mehrfachen und geplanten Konflikte in Calden wurden zwischen Pakistanis und Albanern ausgetragen, und in ihren demokratischen Heimatländern herrscht kein traumafördernder Krieg, weshalb die Asylanträge meistens abgelehnt werden. Syrer dagegen berichten von Rivalitäten, die ganz andere Schlüsse zulassen: Es gibt Hass von Asylbewerbern aus dem Westbalkan gegen Araber, weil deren Zustrom eine deutliche Verschärfung der Lage der Balkanflüchtlinge mit schnelleren Abschiebungen und Sachleistungen statt Geld zur Folge hat. Und es gibt Konflikte zwischen Syrern und anderen Arabern, weil Syrer mit ihren Familien beim Asylverfahren gegenüber meist allein reisenden Männern aus anderen Staaten deutlich bevorzugt werden.

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Natürlich passt diese Einschätzung einer sozial, nationalistisch oder gar ethnisch begründeten Gewaltbereitschaft – vulgo Rassismus – überhaupt nicht zum Bild des integrationswilligen, jungdynamischen Facharbeiter und Rentenbezahlers, und zu Frau Merkels fehlender Obergrenze des Asylrechts: Aber wenn die Vermutung richtig sein sollte, gibt es neben dem deutschstämmigen Extremismusproblem auch noch ein weiteres, das in den Flüchtlingen selbst begründet ist. Und die Organisation von mehreren hundert gewaltbereiten Personen, da haben die Politik und die Exekutive durchaus recht, läuft heute in den meisten Kulturen über soziale Medien und Smartphones. Es geht da um nicht weniger als das Gewaltmonopol des Staates, das von mehreren Seiten in Frage gestellt wird.

Frau Merkel will also in New York, dass Marc Zuckerberg etwas gegen Hasspostings bei Facebook unternimmt. Er schafft das vermutlich auch. Nur wird seine Lösung im Netz keine sein, die zu den aktuellen, sehr viel weiter gehenden und komplexen Problemen passt. Das Netz ist da nur das Medium, und das Pack von allen Seiten kann gut damit umgehen. Die Ursachen liegen bei der Politik, die die falschen Proioritäten setzt und die Folgen nicht bedenkt.

29. Sep. 2015
von Don Alphonso
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18. Sep. 2015
von Don Alphonso
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Sexbots von Ashley Madison vs. Realität

Da will man mal nett sein, und schon gibt es einen Shitstorm.

Ich hätte gar nicht gemerkt, dass momentan die Werbermesse Dmexco stattfindet, hätte sich nicht gestern ein Strahl frisch erbrochenen Hasses in meine kleine Netzecke ergossen. Es gibt auf dieser Messe auf Initiative amerikanischer Teilnehmerinnen einen Frauenraum mit dem Namen „The Girls Lounge“, und farblich gehen einige Elemente in Richtung Pink. Das war fraglos nett gemeint und kam bei manchen nicht schlecht an, aber es gibt da auch noch die anderen, die sich aufregen, weil es pink ist. Und weil sie sich als „Girls“ natürlich herabgewürdigt und nicht ernst genommen fühlen. Manche sind gar nicht dort und regen sich trotzdem auf. Natürlich ist die entsprechende Kommunikation bei Twitter sehr kurz und nicht eben ein Musterbeispiel für argumentativen Tiefgang. Was mich schon etwas wundert, weil speziell in dieser Branche des Lächelns eigentlich bekannt sein sollte, dass Kritik und Anregungen in konzilianter Form besser wirken.

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Allerdings gab es letztlich auch einen Shitstorm gegen die Jugendzeitschrift Bravo, weil die es gewagt hat, die gefühlt hundert ältesten Flirt-Tipps auszugraben und neu verpackt zu empfehlen, darunter Banalitäten wie eine gesenkte Stimme und eine dem Gegenüber folgende Gestik. So etwas kann – Menschen, die schon mal Sex hatten, wissen das – wirklich helfen. Die meisten kennen das nonverbale Spiel und können es einordnen, aber die Bravo hatte das Pech, damit auch an Berufserregte zu geraten: Sie haben natürlich nichts gegen Männer, manche ihrer besten Freunde sind Männer, aber sich denen so anbiedern, das darf natürlich nicht sein. Immerhin war es nur ein Sexismusvorwurf und kein Rassismus, wie ihn andere produzieren; die Frontfrau des Aufstandes gegen die Bravo reihte sich gestern in den Chor derer ein, die diesen Gender-Fachschafts-Text nicht brüllend komisch, sondern beachtenswert finden.

Mit so etwas muss man an Universitäten, bei Twitter, in Blogs und bei der taz wohl heutzutage leben – eine kleine, laute, radikale Minderheit, die klassische Rollenmodelle so hasst, wie sie ihr eigenes Fett – oder auch manchmal Magersucht oder andere psychische Probleme – positiv bewertet, und schon beim kleinsten Anlass Gründe konstruiert, warum man laut und öffentlich wütend werden muss. Man muss das nicht suchen, es findet einen. Vorgestern wurde ich aufgefordert, eine Petition für ein Sexualstrafrecht zu unterschreiben, das uns auf das juristische Niveau des Irans bringen würde. Und diese Gruppe höhnt lustvoll, wie viele Männer so dumm sind, für Gespräche mit Programmen, mit erfundenen Nutzerprofilen bei Ashley Madison Geld hinzublättern. Und zu glauben, sie würden da von echten Frauen begehrt werden, die armen Würste.

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Ich bin da anderer Ansicht: Es gibt da meines Erachtens einen Zusammenhang. Zumal es im prüden Amerika, wo Ashley Madison am meisten Geld verdiente, nochmal deutlich schwieriger ist, öffentlich zu flirten – dort ist frau inzwischen so weit, dass schon Blicke als sexuelle Belästigung definiert werden, wie es auch im Kosovo im Sinne der Familienehre beim falschen Blick auf Frauen üblich ist. Das Risiko, an so eine Person zu geraten, mag nicht allzu hoch sein – aber bei Ashley Madison ist es gleich Null. Einen grosser Teil der vorsichtigen Annäherung mit all ihren Fallstricken, die einen im realen Netzdasein bedrohen würde – wer weiss schon, ob anzüglichen Mails nicht weitergeleitet und verwendet werden – ist dort obsolet. Es geht um das Flirten und die Anbahnung von Sex. Die knallharte Ansage „No means No“ ist da eindeutig nicht das Thema. Wer dort ist, fasst eine sexuell basierte, aber höfliche Ansprache nicht als Belästigung auf, und ruiniert einem darüber nicht das Studium oder den Beruf.

Das alles kommt nicht ohne Kosten. Diese – bis zum Hack scheinbare – Sicherheit ist finanziell nicht eben günstig, aber es ist ein bescheidener Betrag im Vergleich zu dem, was eine falsch laufende Beziehung im normalen Netz im realen Leben bedeuten kann. Und es bedeutet, dass Männer nicht mit Frauen flirten, sondern nur mit Bots. Aber diese Bots liefern genau die diskrete Aufmerksamkeit, die sie gern haben. Das Gefühl, dass da jemand ist, der ihnen Freundlichkeiten am Rechner freundlich begegnet und sie interessiert betrachtet, Mit gesenkter Stimme, gewissermassen. Aufmerksamkeit ist nun einmal die Grundwährung des Internets, und wertvoll ist sie, wenn sie sonst keiner hat, wenn sie exklusiv ist und die Selbstbestätigung liefert, die man sich wünscht. Das ist schon mal keine schlechte Kombination im Vergleich zur Realität, die Aufmerksamkeit von realen Menschen liefert, aber nach jedem öffentlichen Ausfall die Unsicherheit hinterlässt, dass eine Nonmention über den fettigen Haarwischmob – so ein „Real Life Retweet“ in einer obigen Angelegenheit – auf die Verursacher zu münzen ist, denn der Konflikt wird von allen Seiten nicht ganz fair ausgetragen. Wo ist der Vorteil eines aufmerksam-realen Menschen gegenüber einem Bot, wenn der Erstere einen verlacht? Und anders gefragt, wie real sind eigentlich sektiererische Filterbubbles, die jeden Ausfall gruppendynamisch bejubeln?

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Inzwischen ist auch offensichtlich, dass aufgrund der geringen Zahl echter Frauen kaum jemand bei Ashley Madison zum erfolgreichen Ehebruch gelangte. Das, was sich zwischen Bots und Nutzern entspann, war also ausreichend für die Nutzer. Heute nun wurde bekannt, dass mit Lovoo eine Dating-App mutmaßlich ähnlich agiert haben soll – wobei Lovoo die Vorwürfe zurückweist: Auch hier ging es um Geld, das für Kommunikation mit den Profilen von – echten oder falschen – Nutzerinnen bezahlt wurde. Das Phänomen dürfte ohnehin weit verbreitet sein, und vermutlich wissen auch viele, dass im Markt der Liebe Bots agieren. In diesen Fällen steht aber dennoch die Frage im Raum, warum Nutzern selbst für eine Illusion Geld ausgeben, wenn es in der Realität und auch sonst im Netz echte Alternativen gäbe. Das mag einfach an der User Experience dieser Alternativen liegen. Wer die Wahl zwischen einer Debatte über den Sexismus der Bravo hat, oder mit Willige_Janine_222 über ihre Sehnsüchte am Abend… da ist das Angebot der Bots gar nicht so schlecht. Die Bots wären sicher nicht so erfolgreich, wäre die Stimmung in den sozialen Netzen nicht so rüde und gäbe es dort nicht – wie etwa bei Tinder – diese brutale Wegwischkultur. Leute gehen auf solche Plattformen, weil sie nette Ansprache und Begierden wollen. Die Bots sind wenigstens freundlich programmiert, mit weniger Geld als ein gutes Essen zufrieden, und machen, so die Plattform nicht gehackt wird, auch keinen Stress danach. Sie sind ganz normal. Das ist im Vergleich zum Netz ihr eigentliches Kernprodukt.

Meines Erachtens ist jedem klar, dass das Bots sind. Natürlich gibt keiner zu, dass er von Bots umworben sein will; die angebliche Suche nach einem Seitensprung ist für viele lediglich der Vorwand für die Annehmlichkeiten, die solche virtuellen Konstrukte mit Bots und gefälschten Profilen danach bieten. Niemand wundert sich, warum Menschen in die Traumwelt der Spiele abtauchen oder ihre Safe Spaces für fettakzeptierende cis_PoC-Senibilisierte aufbauen, in denen sie ihre Pseudowissenschaften leben. Das ist der gleiche Mechanismus der sogenannten „Self Care“ – Nutzer tun sich etwas Gutes. Man sollte sich daran gewöhnen, so wie man sich auch an Telefonsex, Porno, Bildschirmhintergründe mit Meeresrauschen, feministische Blogs, die gerechte Traumwelt der taz, die Bayernsimulation auf dem Oktoberfest und Girls Lounges gewöhnt hat.

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Es sind Sehnsuchtsorte, um Wünsche gefahrlos auszuleben, mit grosser Bequemlichkeit und ohne Zwang, über das eigene Treiben nachdenken zu müssen. Ashley Madison und Lovoo mögen vielleicht verschwinden, weil die Illusion für die Nutzer zerbrochen ist. Es wird andere geben, und deren Bots werden noch besser sein. Wer sich an diesem Verhalten von „armen Würsten“ stört, sollte mal mit dem Friseur des Vertrauens reden, die Stimme senken und generell mehr auf die Bravo hören, oder eben im Sinne von Herrn Kutschera das Nachsehen bei der Jagd nach dem idealen Partner haben.

Denn wer bei der Sexanbahnung nicht mal mit einem Bot mithalten kann, der stirbt zurecht aus. Das ist für die Welt kein Schaden, und die anderen üben wenigstens noch mit den Bots.

18. Sep. 2015
von Don Alphonso
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31. Aug. 2015
von Don Alphonso
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Abfackeln, niederschiessen, abschieben: Wie die Netzempörung den Datenschutz ruiniert

Jahrelang erklärten Überwachungspolitiker, das Internet sei ein rechtsfreier Raum, und müsste viel schärfer kontrolliert werden. Vorratsdatenspeicherung. Schärfere Gesetze. Cyberpolizei. Netzsperren. Besondere Befugnisse. Funkzellenabfragen. Verbot von Anonymisierung und Verschlüsselung. Online-Personalausweis. Backdoors. Staatstrojaner. Zugriff auf Emailkonten und Skypekommunikation.

Jahrelang erklärten wir der Öffentlichkeit, dass im Internet selbstverständlich Gesetze gelten wie überall, dass diese Gesetze scharf genug sind und die Gefahr besteht, durch Überwachung und Einschüchterung die Freiheit zu zerstören. Stasi2.0 schrieben wir und Zensursula, wir zeigten die Ahnungslosigkeit der Politik auf, die den Behörden nachplapperte, und waren froh, wenn das Bundesverfassungsgericht entsprechende Pläne und Gesetze torpedierte. Wir wiesen auf die Snowden-Enthüllungen hin, forderten Aufklärung und kämpften aktuell gerade gegen Pläne, Geheimdienste das soziale Netz ausspionieren zu lassen.

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Bis vor ein paar Wochen. Inzwischen feiern Aktivisten aber auch das Blog Perlen aus Freital, das jetzt schon genau das macht, war wir immer befürchtet und verdammt haben: Es ist anonym, es sucht Aussagen, die seines Erachtens rassistisch sind, legt die Identitäten der Nutzer offen und legt seinen Lesern nahe, bei den Arbeitgebern gegen diese Personen vorzugehen. Manche kritisierten Aussagen sind eindeutig ein Fall für Ermittlungen, andere durchaus rassistisch, aber das Grundgesetz pflegt Meinungsfreiheit weit auszulegen. Es mag manchen nicht passen, aber auch empfundener „Rassismus“ ist oft von der Meinungsfreiheit gedeckt – das bestätigen viele erfolglose Versuche, Leute wegen Volksverhetzung anzuzeigen. Es ist nicht schön und man kann sich darüber empören – aber es ist legal. Dass „Perlen für Freital“ nun den anderen Weg geht und Internetnutzer anstiftet, selbst als Richter und Henker anderen Menschen private Probleme zu bereiten, ist möglicherweise ebenfalls legal. Wie auch der Wunsch der Geheimdienste, so etwas zu tun. Es ist halt nur eine Art Sonderjustiz des Netzes, wo genau das praktiziert wird, was Datenschutzaktivisten eigentlich nicht wollen. Aber beim politischen Gegner meint man zu dürfen.

Natürlich kommen jetzt auch wieder aus der Politik Wünsche nach Eingriffsmöglichkeiten auf. Das kleine Problem ist, dass diese Eingriffe, in Gesetze, Vorschriften und Arbeitsverträge gegossen, keinesfalls spezifisch für Rassisten sein werden. Es wird sich um Regeln handeln, die sich den Schutz aller Bürger und des gesamten Staates vor solchen Taten auf die Fahnen schreiben, und damit kommen wir zur Frage, ob es denn legitim ist, ein achtjähriges Kind einer Flüchtlingsfamilie in Berlin niederzuschiessen, wegzusperren, abzuschieben oder anderweitig dazu aufrufen, es jenseits der Gesetze dieses Land in Selbstjustiz zu schädigen. Solche Wünsche formulieren auch Linke. Leute, die sonst begeistert sind, wenn Rechtsextreme ihren Job verlieren. Dazu braucht man lediglich eine brennende Turnhalle im Berliner Bezirk Reinickendorf in der Nähe eines Flüchtlingslagers, eine ungeklärte Brandursache und empörte Menschen, die auf Twitter ihr Entsetzen äussern

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Natürlich wissen sie ganz genau – lange bevor auch nur die Halle untersucht wurde – wer das gewesen ist.

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Weil es natürlich auch von Politikern behauptet wird, die auf die Empörung aufspringen. Zum Beispiel das frühere, inzwischen ausgetretene Piratenmitglied Christopher Lauer im Abgeordnetenhaus, für das nur der Schluss einer „rechtsterroristischen“ Täterschaft zugelassen ist.

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Oder die Grünen, mit einem hübschen Zitat.

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Oder Journalisten wie der „Korrespondent im Hauptstadtstudio mit Schwerpunkt Netzpolitik“ des Deutschlandradios Falk Steiner.

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Mitschuldige am Brandanschlag und Verantwortliche sind natürlich auch schnell gefunden.

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reiny

Und überhaupt, wie können sie es wagen, vor der Untersuchung am Vorgang zu zweifeln?

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Na dann ist ja alles klar in Reinickendorf, wenn die Grünen und der Lauer und der Steiner vom Deutschlandfunk das sagen, und so beginnt dann auch die Überlegung, was man mit dem Brandstifter machen soll.

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Die Sache ist nur: Wie sich danach herausstellte, ist der Brand dem zündelnden Kind einer dort untergebrachten Flüchtlingsfamilie passiert. Soll man das alles jetzt mit ihm machen? Bude abfackeln, niederschiessen, ohne Erbarmen abschieben?

Man könnte, hätte man abgewartet, sinnvolle Debatten führen und sagen: Zum Glück gab es keinen Personenschaden. Kinder zündeln manchmal, das passiert halt. Sie sind nicht strafmündig und das ist zu respektieren. Da sieht man wieder, wie wichtig der Brandschutz bei der Unterbringung der Flüchtlinge ist. Turnhallen sind als Lager nicht ungefährlich. Das alles wären, hätte man gewartet, kluge Sätze und fraglos richtig und kein Anlass, die Identität von Hetzern festzustellen, die auf dem Niveau von Nazis Konsequenzen und auch Übergriffe fordern, die in unserem Rechtsstaat nicht zu machen sind. Aus besten Gründen.

Man hat aber nicht gewartet, sondern gleich in den sozialen Netzen losgelegt: Leute, die vermutlich auch nicht wollen, dass man ihnen nachforscht, ihre Telefonnummer ins Netz stellt und Andersdenkende aufruft, sie beim Staatsanwalt anzuzeigen, beim Verfassungsschutz, oder wenigstens bei ihrem Arbeitgeber mit der Hoffnung, dass sie als militante Gewaltfreunde einen Rüffel kriegen. Wie schlimm so etwas letztlich für die, sagen wir es freundlich, ungeschickten Nutzer ausgeht, wie hart so etwas dann verfolgt und durchgesetzt wird, hängt ganz davon ab, wie weit man Staat und Behörden agieren lässt, Ausnahmen toleriert, nicht auf die Probleme solcher Strategien hinweist, und am Ende selbst in den Chor der Überwacher einstimmt. Wenn es Gesetzesverschärfungen und härtere Regeln bei Facebook und Co. gibt, gelten sie für alle. Wer die harte Faust des Staates gegen Nazis fordert und selbst die Materialsammlung für militanten Linksextremismus erweitert, muss halt mit den Konsequenzen leben.

Den Schaden haben all jene, die nicht nur gern ihre persönliche Freiheit behalten, sondern auch mit den Flüchtlingen teilen möchten. Flüchtlinge, die sicher nicht zu uns kommen, weil es hier einen Wettlauf um die krasseste Morddrohung im Netz zwischen Links- un Rechtsextremen gibt.

31. Aug. 2015
von Don Alphonso
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26. Aug. 2015
von Don Alphonso
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„Wir sind das Pack“

Nennt sie endlich Nazis, statt nur die Rechten, die Asylkritiker, die besorgten Bürger. So fordern es Teilnehmer der sozialen Medien sehr laut, wenn man es wagt, genau zu differenzieren. Es ist zwar nicht zutreffend, all jene, die im Netz gern als Nazis tituliert werden, tatsächlich, fundiert, glaubwürdig als Nazis zu bezeichnen. Aber die Forderung nach dem Wort steht im Raum. Sie wird erhoben von Gruppen, die denken, weite Teile der Polizei seien Teil des Naziproblems, so wie hier eine Person, die bei der Friedrich-Ebert-Stiftung über Hate Speech im Netz diskutieren darf.

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Und Asylkritiker, so die weit verbreitete Meinung, seinen automatisch ebenfalls Nazis. Und überhaupt, wude Heidenau schon abgerissen? – fragt eine Mitarbeiterin und Fachreferentin für Hate Speech der Amadeu Antonio Stiftung, finanziert unter anderem durch das Familienministerium.

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Die Methode, anderen Leuten die Stadt abzureissen, wenn sie sich nicht wunschgemäss verhalten, kommt übrigens in der westlichen Zivilisation oft bei den Briten in ihren Kolonien und Mandatsgebieten vor. Bekanntestes Beispiel ist das systematische Vorgehen gegen Araber im Bereich Palästinas während des Aufstandes gegen jüdische Siedler. Die Israelis haben es als Methode und Strafe beibehalten, und nun blicken wir zurück auf neun Jahrzehnte des Niederreissens. Ich glaube, niemand würde ernsthaft behaupten, dass diese Methode den Friedensprozess im Nahen Osten zur Vollendung gebracht und die Verständigung der Völker gefördert hat.

Bis auf den Fahrersitz eines Bulldozers muss man ungeachtet des fragwürdigen Erfolges in einem Rechtsstaat erst einmal kommen, und da bietet es sich natürlich an, dem anderen eine besonders verwerfliche Haltung zu unterstellen – wie eben Nazi und rechter Terror. Das Wort „Terror“ ist angesichts der Gewalttaten und Brandstiftungen der letzten Zeit alles andere als unangemessen. Nur ist, wie man im Fall der ARD-Mitarbeiterin Anna-Mareike Krause sah, so ein Vorwurf der rechten Gesinnung natürlich schnell verbreitet, und da reicht es bei der gebotenen Kürze der Argumentation schon, wenn einem Rechten etwas gefällt, das man sagt. Aber nehmen wir einmal an, man würde dem Druck nachgeben, so wie es manche Leute für linke Gewalttäter jetzt schon tun. Es passiert online bei Vice, die Stimmung ist erhitzt, tägliche Nachrichten von Brandanschlägen verlangen nach klarer Bezeichnung, da wählt man eine Seite.

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Es gibt da ein kleines Problem bei den als Nazi bezeichneten Personen: Sie sind laut ihrer eigener Definition keine Nazis, Oder nur ganz wenige. Es gibt Leute, die finden, dass man sich für die Nation engagieren müssen, sagen sie. Es gibt tatsächlich Leute, die Mordphantasien haben, oder wirklich gewalttätig werden – aber selbst die beziehen solche Worte nur in Ausnahmefällen auf sich. Die meisten sehen sich ganz anders. Ich war während der blauschwarzen Koalition von Haider und Schüssel in Österreich, für eine amerikanisch-jüdische Zeitung. Das wurde landesweit als „Ostküste“ gescholten. Und wie man es als Ostküste wagen kann, einen Haider auch nur in die Nähe des Rechtspopulismus zu rücken. Man nennt diese Fähigkeit, etwas gleichzeitig zu sein und das Gegenteil sein zu wollen, „kognitive Dissonanz“ und man trifft sie immer wieder – etwa, wenn 200 gewaltbereite Autonome aus Sachsen, die in den letzten Monaten mehrfach gegen die Polizei vorgegangen sind, nun von sich sagen, sie hätten versucht, in Heidenau ein von der Polizei ausreichend geschütztes Gebäude ebenfalls zu beschützen. Das ist ein Kennzeichen aller Extremisten: Sie schwanken opportunistisch zwischen Angriff, idealerweise, weil sie sich oder ihre für die Gesellschaft wichtigen Ziele verteidigen, oder dem Gefühl, Opfer zu sein. Aber niemals Nazis. Sie schützen, verteidigen und retten.

Hamasvertreter können einem lupenrein erklären, warum ein Bombenattentat auf einen zivilen Bus trotz allem ein legitimes militärisches Ziel ist. Der Umstand, dass es im Westen anders gesehen wird, ist ihnen völlig egal, weil sie es erstens erklärt haben und zweitens die Bezeichnung Terrorist viel zu pauschal ist. Immerhin hat die Hamas auch Ärzte, Krankenhäuser und ein Sozialwerk, so wie sich moderne Nazis in Deutschland auch um den Mutterschutz sorgen, die Altersarmut und die Erhaltung der Schönheit der deutschen Landschaft. Nazis werden Ihnen gradraus ins Gesicht sagen, dass die Sache mit den Juden Hitlers grösster Fehler war. Sie schreien zwar „Hier marschiert der nationale Widerstand“, aber sie kennen das Mediengeschäft und wissen, dass man sich heute nicht mehr zu sehr festlegen darf – das ist gut für ihren argumentativen Freiraum und Geschichten mit social interest. Es gibt ultraorthodoxe Juden in Israel, die leisten einen Eid, dass ihr Freund Jörg Haider kein Antisemit war. Und ausserdem wollen sie auch nichts anderes als die religiösen Gesetze befolgen, und dass diese Gesetze mitunter den Gesetzen des Staates widersprechen, nehmen Sie mitunter auch bedauernd vor Gericht zur Kenntnis. Sie sind gar nicht extrem, der Rest ist nur extrem verwestlicht. Auch der Islamische Staat schneidet nicht einem gefesselten Menschen den Kopf ab, wenn er nicht glaubt, dass es insgesamt eine begrüssenswerte Tat ist. Niemand findet, dass er zu extrem ist.

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Wann immer man auf solche Leute trifft, geht es um das Gute, das Richtige, und allenfalls um bedauerliche Notwendigkeiten. Wenn Leute sagen, sie sind kein Nazi, aber – dann meinen sie das so, und keine pauschale Verurteilung wird sie vom Gegenteil überzeugen. In Österreich hat man auf den Nazivorwurf mit dem Wort „Vernaderer“ reagiert und die blauschwarze Koalition eindrucksvoll bei der Wahl bestätigt. Es dürfte keinem Ungarn entgangen sein, wie man bei uns in Europa über seine Regierung denkt – sie wählen sie mehrheitlich trotzdem. Sollte die FPÖ, was sich andeutet, als grosse Siegerin bei den kommenden Wahlen in Oberösterreich und Wien abschneiden, liegt es sicher nicht daran, dass der Standard diese Partei zu wenig als bräunlich dargestellt hat. Schwedendemokraten, Le Pen und Front National, Lega Nord unter Matteo Salvini – es ist nicht so, dass ein Wähler nicht merkt, wen er da gerade zur grössten Partei zu machen droht. Stünde hier „Nazi“ wäre es Opium für das linke Gemüt, aber kein Werkzeug, mit dem man an die Stellschrauben der politischen Willensfindung käme.

Die Antwort der Angesprochenen wurde heute in Heidenau deutlich: „Wir sind das Pack“, skandierten Demonstranten, als die Bundeskanzlerin kam, in Anspielung auf die Aussagen von Vizekanzler Gabriel. Da wird die Definitionsmacht von Politik und Netz nicht nur abgelehnt, sondern ins Gegenteil verkehrt. Die Wortwahl tut ihnen offensichtlich nicht weh, sie hat keinerlei erzieherischen Zweck und definiert keine Grenze. Leute, die so etwas tun, kämpfen nicht mehr um die Bedeutung von Worten, sie debattieren nicht mehr über Verhaltensmuster: Sie zeigen offen, dass die Zeiten der Verständigung vorbei sind. Wie viele das nicht rufen, aber denken, werden die nächsten Wochen zeigen. Sich die Finger in die Ohren stecken und „Nazi“ rufen, das möchte ich nach meinen Erfahrungen in Österreich und Italien anmerken, ist da kein probates Mittel.

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Ebenso wenig wie schlichte Phrasen, wenig durchdachte Geschichten über wirtschaftliche Vorteile, und Behauptungen, das würde sich alles schon irgendwie von selbst einrenken, wenn alle nur fest daran glauben, während eine Prognose nach der nächsten über den Haufen geworfen wird, und Bürgermeister die Eröffnung von Lagern in ihrer Stadt aus der Zeitung erfahren. Natürlich könnte ich anhand meiner Erfahrungen mit FPÖ und Lega Nord erklären, was bei ihnen in der übelsten Tradition der deutschen Geschichte steht, und was uns da noch drohen kann. Bitteschön, in meiner Drittheimat ist es nicht mal mehr möglich, unter Migranten dreissig freiwillige Helfer für ein Fest anzuwerben, ohne dass es einen grösseren Konflikt gibt, und das Niederbrennen oder Bulldozern von möglichen Unterkünften für Flüchtlinge fordern Lega-Politiker selbst – die Unterschiede zur Wortwahl einer Mitarbeiterin der Amadeu Antonio Stiftung mag man selbst suchen. Nazivorwürfe, Politikversagen, Korruption. Twittershitstorms – die Lega Nord hat das alles überlebt. Praktisch jeder, dem ich in den sozialen Netzwerken folge, hat mir nun dargelegt, wie sehr er die Nazis hasst und verachtet und wie wichtig es ist, das zu tun.

Es ist einfach, wie jede Hilflosigkeit. Und es wirkt nicht. Sie sind das Pack und kümmern sich nicht drum, sondern machen einfach weiter, und leben bestens mit Verallgemeinerungen von allen Seiten.

26. Aug. 2015
von Don Alphonso
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20. Aug. 2015
von Don Alphonso
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Ashley Madison und die Auspeitschung der Datenwilligen

9,7 GB Daten der Seitensprungseite Ashley Madison sollen es sein, die gestern im sog. „Dark Web“ von Hackern mit dem Namen „The Impact Team“ hochgeladen wurden. Schon seit Juli ist bekannt, dass sie offensichtlich weitgehenden Zugriff auf die Server der kanadischen Firma Avid Life Media hatten, die neben Ashley Madison auch Cougar Life und Established Men betreibt – dort können erheblich ältere Frauen und Männer nach jungen, mehr an Zuwendung denn Zuneigung interessierten Menschen suchen. Einen sonderlich guten Ruf hatten die Seiten trotz des unbestrittenen kommerziellen Erfolges noch nie: So sollen Frauenprofile für die meist männlichen, für den Kontakt zahlenden Nutzer erfunden worden sein, und zusätzlich verlangte man Gebühren, wenn die Daten der Nutzer nach Ende der Mitgliedschaft wirklich gelöscht werden sollen.

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Angeblich soll diese Geschäftspraxis und die vermutete Speicherung der Daten trotz Bezahlung der Anlass für die Hacker gewesen sein, den Angriff durchzuführen und danach die Schliessung der Seiten zu fordern – oder sie würden die Daten veröffentlichen. Avid Life Media gab den Zugriff zu, leitete Ermittlungen ein, die bislang ohne Ergebnis blieben, und bot Nutzern nun wenigstens an, ihre Profile kostenlos zu löschen. Das war zu spät, wenn es sich jetzt um die echten Daten handelt, die sich im Internet gerade in Windeseile verbreiten. Es gibt noch keine Bestätigung seitens der bestohlenen Firma, die im Moment noch prüft, und zumindest behauptet, die kompletten Kreditkartennummern der Kunden könnten nicht gestohlen sein. Das hindert Nutzer nicht daran, sich durch die Daten zu wühlen. Neben Emailadressen sollen sie auch zuweisbare sexuelle Vorlieben und andere persönliche Details enthalten – also ziemlich genau das, was man in der Öffentlichkeit nicht lesen will. Erleichterung für die mutmasslich Betroffenen gibt es kaum: Avid Life Meia geht zwar aktiv mit Takedownforderungen gegen Seiten vor, die Material veröffentlichen, und bislang gibt es keine Version wie etwa Wikileaks, die das einfache Durchsuchen für Jedermann erlauben würde. Trotzdem ist der Schaden immens, und am generellen Problem, dass die Daten jetzt für jeden technisch halbwegs versierten Laien nutzbar sind, ändert das auch nichts mehr.

UPDATE: Inzwischen gibt es eine weitere Datensammlung, und diesmal enthält sie auch angebliche Emails des Chefs von Avid Life Media. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei den Daten um die echten Ergebnisse des Einbruchs handelt, ist inzwischen sehr hoch /UPDATE

Über dreissig Millionen Nuzerkonten sollen betroffen sein, und eine erste Durchsicht hat ergeben, dass die Kanadier nicht eben sorgfältig gearbeitet haben: Vermutlich konnte man Anmeldeversuche auch mit Emailadressen anderer Leute unternehmen – und auch die sind jetzt öffentlich. Es gibt es keine Garantie, dass sie also wirklich von den Besitzern der Emailadressen erzeugt wurden. Behauptungen im Netz, der Vorfall dürfte für eine Vielzahl von Scheidungen sorgen, sind möglicherweise überzogen. Aber gleichzeitig ist Ashley Madison auch aus Ländern nutzbar, die Ehebruch noch unter Strafe stellen. Experten sind sich weitgehend einig, dass das Material durchaus für Scheidungskriege, Erpressungsversuche und Konflikte in der Firma genutzt werden kann.

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Und das mit Material, das bis zu sieben Jahre alt sein soll. Sieben Jahre sind eine lange Zeit, da kann sich im Leben von Menschen viel geändert haben. Krisen können überwunden werden und Partnerschaften gefestigt, Begierden und Neugier können nachlassen, und das Strafrecht kennt aus guten Gründen in der westlichen Zivilisation das Mittel der Verjährung: Man geht in der öffentlichen Meinung einfach davon aus, dass nach einer vergleichsweise längeren Zeit sich die Sache schon irgendwie wieder eingerenkt hat. Die bösartige Lust, mit der im Moment die Daten nach Adressen von Regierungs- und Bankmitarbeitern durchwühlt werden, zeigt leider, dass dieses Prinzip hier wohl kaum Anwendung finden wird: auch wenn die Daten aus einer klar illegalen und obendrein moralisch verwerflichen Quelle stammen, werden sie gezielt genutzt. Nicht nur von den Rabauken von 4chan, sondern auch von Medien, die über bekannte Namen „zufällig“ bei der Recherche stolpern. Natürlich sind die Lacher gross, wenn der Name eines bekannten Hollywood-Aktivisten für Familienwerte auftaucht. Die meisten Betroffene jedoch sind Privatpersonen.

Was nur zeigt, dass die alte Befürchtung der Datenschützer richtig ist: Wenn Daten erst mal öffentlich zugänglich sind, werden sie nach Möglichkeit auch hemmungslos missbraucht. Bei Twitter gerade eben;

Should I write a script that goes through my parent’s facebook friends and matches them with ashley madison accounts? Does FB have an API?

Da will also einer ein Programm schreiben, das den persönlichen Facebook-Freundeskreis seiner Eltern mit den Daten aus dem Hack automatisch abgleicht. Der hier macht vermutlich nur einen Witz, aber genug andere werden genau an solchen Projekten arbeiten. Ein bekanntes amerikanisches Medienunternehmen veröffentlicht einen Beitrag mit dem scheinheiligen Titel

How to Check if You or a Loved One Were Exposed in the Ashley Madison Hack

Und wie der erfolgreiche Angriff auf die IT des Bundestages zeigt, kann es nicht nur Leute einer offensichtlich nachlässigen Sexseite treffen, sondern auch Kernbereiche des Staates, in denen so etwas nicht passieren dürfte, aber wohl nicht nur von Seiten der NSA und ihrer Helfer getan wird. Es gibt noch genug andere Seiten, die ähnlich sensibles Material enthalten: Tinder, Okcupid, und unzählige Seiten, die mit Sex und Pornographie gute Geschäfte machen. Und Daten besitzen, deren Erzeuger nichts verbrochen haben. Aber trotzdem viel zu befürchten.

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Gute Security ist sehr teuer und trotzdem keine Garantie dafür, dass die Daten nicht irgendwann im Netz landen. Natürlich gibt es Nutzer, denen es nichts ausmacht, deren Profil bei Sklavenseite öffentlich ist, und die mit ihrem okcupid-Account öffentlich Fragen beantworten, die erstaunlich offenherzig sind. Das liegt in der Eigenverantwortung der Menschen, auch wenn man anhand der jetzt zugänglichen Daten sehen kann, wie gering das Problembewusstsein der Nutzer ausgeprägt ist. Ein anderer Aspekt ist die Frage, was mit Daten geschieht, die scheinbar von den Mitgliedern eine Community „gelöscht“ werden: Werden sie dennoch aufbewahrt, können sie auch langfristig Hackern zum Opfer fallen, oder wer auch immer ihrer habhaft wird. Das Prinzip des „Rechts auf Vergessen“, das Internetfirmen eher abgelehnt wird, dürfte den Betroffenen des Falles schlagartig einleuchten.

Eine Warnung ist der Fall auch für die Pläne des Familienministeriums, ein sog. „Prostituiertenschutzgesetz“ einzuführen, das eine Zwangsregistrierung bei Landesbehörden je nach Gusto der Bundesländer beinhaltet. „Da kann nichts passieren“ war auch die Meinung bei der Bundestags-IT und bei Ashley Madison – derartige Daten können im Deutschland der Gegenwart für Politiker vielleicht sinnvoll erscheinen. Aber für Ausländer, in deren Heimatstaaten Prostitution verboten ist und bestraft wird, ist es das gleiche Bedrohungsszenario wie Ashley Madison für Bewohner von Ländern, die Ehebruch und Seitensprünge immer noch unter Strafe stellen. Und für alle, die mit gutem Datenschutzrecht finden, dass ihre Tätigkeit und Sexualität ihre Privatsache ist und nicht an die Öffentlichkeit gehört.

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In einer rationalen und sexuell aufgeklärten Welt wäre der ganze Vorfall vermutlich lapidar, zumal sich die Interessen der Nutzer eher im normalen Bereich des üblichen Ehebruchs bewegen. Leider sind wir davon aber noch weit entfernt, und nicht auszuschliessen ist, dass derartige Vorfälle in Zukunft auch von Gruppierungen herbeigeführt werden, die Daten dann auch für ihre Ziele missbrauchen: Gegen politische Gegner, gegen Menschen mit anderen Auffassungen, für Erpressung und Einflussnahme, zur Rufschädigung oder auch einfach nur für den innerschulischen Zickenkrieg. Der Respekt vor der sexuellen Identität des anderen ist jedenfalls, so kann man es aktuell im Netz nachlesen, auch im aufgeklärten Westen exakt gleich Null.

Nur vor diesem Hintergrundwissen sollte man seine Daten dem Netz anvertrauen.

20. Aug. 2015
von Don Alphonso
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