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Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

23. Jun. 2016
von Don Alphonso
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GCHQ: Der Überwachungs-Brexit ist längst da

Das sind die Ruinen der Thermen von Volterra: Marmorsäulen, Mosaike, diverse Bäder, Saunen, eine imposante Architektur, die der römischen Kultur zu verdanken ist. Nicht umsonst greifen moderne Badhersteller gern auf Bezüge zur Antike zurück. Dass es in Europa eine lang zurückreichende Kultur der Sauberkeit gibt, verdanken wir natürlich dem Imperium und seinem segensreichen Wirken.

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Was Rom in der Kulturgeschichte des Bades ist, sind London und das Vereinigte Königreich bei Menschenrechten, Toleranz und Aufklärung. Die Insel war – von ein paar gern übersehenen Verbrennungen Andersdenkender der ein oder anderen Religion, brutalen Bürgerkriegen und zynischer Politik auf dem Kontinent mal abgesehen – ein Land, in dem die Bürgerrechte gegenüber dem König gesetzlich in der Magna Carta verankert waren. Es war ein Land der Gewaltenteilung, des Parlamentarismus, der Toleranz, des Liberalismus, des technischen Fortschritts, des Frauenwahlrechts und der Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz. Wer auf dem Kontinent verbotene Bücher drucken wollte, konnte auf die Insel ausweichen, sofern sie nicht auch dort zur Verbrennung führten. Vieles, was uns heute als Demokraten selbstverständlich erscheint, wurde im Vereinigten Königreich erfolgreich entwickelt. An diesem Schicksalstage also blicken wir verträumt auf die Leistungen dieses Volkes, wie wir auch gern in unseren Bädern den Marmor der Römer hätten.

Wir ignorieren dabei, dass in vielen italienischen Cafes die Toilette noch aus einem nackten Loch im Boden besteht, das meist nicht sonderlich sauber und für zivilisierte Europäer unbenutzbar ist. Einen grösseren Unterschied als den zwischen römischer Badekultur und einfachen Toiletten in Cafes kann man sich kaum vorstellen. Ausser man vergleicht die theoretischen Bürgerrechte und demokratischen Ideale früher Briten mit der Kloake, die britische Regierungen, egal ob sozialdemokratisch oder bürgerlich, mit dem alptraumhaften Überwachungsapparat GCHQ und ihrer sonstigen Netzpolitik dem freien Internet vor die Tür gesetzt haben.

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Ich höre aus der Szene der Datenschützer nur vergleichsweise wenig Sorgen über den Austritt der Briten aus der EU. Es kann sein, dass das Volk heute über diese Frage zu Ungunsten des Gemeinsamen befindet. Aber dank Snowden weiss jeder, der sich etwas mit dem Thema beschäftigt und es im Gegensatz zu vielen Europapolitikern wirklich wissen will, dass die Briten in der Frage ihrer angeblichen “inneren Sicherheit“ den Rest Europas wie einen Feind behandeln, und dabei auch keinerlei Rücksichten auf geltendes Recht in der EU nehmen.

Das GCHQ sitzt auf den Überseekabeln und speichert, wie es ihm gefällt, und ohne jede Rücksicht auf den Datenschutz von EU-Bürgern.

Dazu kommt mutmasslich – ganz genau wollte das niemand untersuchen – der komplexe Hack der Firma Belgacom, die die Telekommunikation unter anderem für die Europäische Kommission, das Europäische Parlament und den Europäischen Rat übernimmt.

Da könnte man noch sagen, dass es eine unschöne Sache unter Freunden war, und alle so etwas tun. Aber das GCHQ hat auch Amnesty International infiltriert und überwacht.

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Das GCHQ hat Möglichkeiten, digitale Schmutzkampagnen gegen Feinde zu fahren.

Und kennt auch SIM- und Kreditkartennummern, was es natürlich leicht macht, solche Kampagnen zu fahren.

Wenn sich das kompromittierende Material mal nicht in den Emails von Journalisten finden lassen sollte.

Wissen, wer Webradios, Pornoseiten und Chats mit welchem Passwort benutzt hat? Kein Problem für das GCHQ, ist alles zur Abwehr des islamistischen Terrors gespeichert.

Natürlich sind auch Antivirenhersteller, deren Produkte Angriffe aufspüren könnten, nicht ausgenommen.

Schliesslich hat man beim GCHQ eigene Viren, die ungestört ihre Arbeit tun sollen.

Am Parlament vorbei läuft die Massendatenspeicherung übrigens schon seit anderthalb Jahrzehnten.

Und manche Mitarbeiter bedienen sich gern auch mal privat aus den Beständen.

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Währenddessen sehen deutsche Ministerien die Aufklärungsmöglichkeiten als “erschöpft“ an – die Briten haben damit gedroht, deutsche Dienste von den Informationen abzuschneiden. Und Versuche von Bürgerrechtlern, die Angriffe des GCHQ aufzuklären, werden von den Briten fast immer torpediert, etwa indem Gesetze passend zurecht gebogen werden.

Und obendrein leistet sich die Regierung in London jetzt ein Internetüberwachungsgesetz, das 12 Monate Vorratsdatenspeicherung und Angriffe auf Kryptographie legitimieren soll.

Und es liefert nach all den Skandalen auch eine VoIP-Verschlüsselung, die das nachträgliche Abhören von Gesprächen erlaubt.

Ohnehin sieht das GCHQ seine Zukunft an Seiten der USA und ihrer Dienste, mit denen es vom Boden der EU aus noch enger zusammen arbeiten will.

Und es ist absehbar, dass diese Sonderrolle des GCHQ als fünfte Kolonne der amerikanischen Geheimdienste in Europa bestehen bleibt, egal welche Regierung in London öffentlich Solidarität mit den europäischen Werten beschwört.

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Man liest viel vom gemeinschaftlichen europäischen Haus: Wenn es das gäbe, stünde der Stalker und Schnüffler GCHQ längst mit seinen Erziehungsberechtigten vor einem Gericht. Wenn Politiker, die so etwas parteiübergreifend tun, fördern, finanzieren und abnicken, durch den freien Willen des eigenen Volkes vor die Tür gesetzt werden, und nicht mehr Teil der EU sind, ist das aus Sicht des Datenschutzes zuerst einmal der Ausschluss eines inneren Feindes, der kaltschnäuzig Eigeninteressen über die gemeinsamen Grundwerte stellt. Und es ist ein schwerer Schlag für die kontinentalen Überwachungs- und Kontrollbefürworter, die mit den Briten einen wichtigen Verbündeten beim Abbau von Grundrechten haben. Wie etwa jene Zeitgenossen in der EU-Kommission, die dafür gerügt werden, dass sie den Briten – vermutlich aus Rücksicht auf die Verbündeten bei der Abwehr des Brexit – nicht endlich in Sachen digitale Bürgerrechte auf die Füsse steigen.

Es gibt offen ausgetragene Debatten, ob man Griechenland wegen seiner Defizite aus dem Euroraum werfen sollte. Es gibt offene Überlegungen und Massnahmen, wie man Polen und Ungarn wegen ihrer Politik gegenüber der Opposition, Minderheiten und Grundlagen des Rechtsstaates über die EU disziplinieren kann. Aber wenn es um den grössten Spionageskandal der westlichen Welt geht, hüllt man sich in Schweigen und arrangiert sich mit den Schuldigen, um von den Briten eine Zustimmung für die EU in ihrer jetzigen, erkennbar reformbedürftigen Form zu erhalten. Dieser Deal der Mächtigen hat mit der Magna Carta so viel zu tun wie ein Fallrohrabort in Agrigent mit den römischen Bädern. Man sollte sich also nicht wundern, wenn Datenschützer auch in der EU, die sich von den Briten in dieser Sache öffentlich bekoten lässt, oftmals eher eine Kloake denn einen Ort der Reinigung erkennen.

23. Jun. 2016
von Don Alphonso
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16. Jun. 2016
von Don Alphonso
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Der technische Fortschritt des rückschrittlichen Rassismus

10% der Deutschen sind nach einer Studie der Universität Leipzig der Meinung, der Einfluss der Juden in Deutschland sei zu gross,

Diese Leute können etwas dagegen tun, indem sie hier nicht weiter lesen.

Andere Schlagzeilen der gleichen Studie besagen, Deutschland rücke nach rechts, selbst wenn die Zahl der harten Rechtsextremisten gesunken ist. Gefragt wurde nach Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Weil nicht nach dem Verhältnis zu Berlin gefragt wurde, kann ich mich hier, wie die meisten meiner Kollegen, auf der sicheren, guten und richtigen Seite fühlen. Bei den anderen – und deshalb habe ich auch den Standard verlinkt – wäre es aber schon fein, wenn man genau zwischen denen differenzieren würde, die mit Nazigutachten hantieren und anderen, die lediglich von den Zuständen in manchen U-Bahnen angewidert sind.

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Letztlich sind solche Umfragen immer auch abhängig von dem, was man als rechts oder rassistisch definiert. Es wird beispielsweise nicht eruiert, wie die Bevölkerung zur Migration reagiert, wenn etwa, wie im Moment häufig, EU-Bürger aus Italien oder Spanien nach Deutschland ziehen. Rassismus, das zeigt auch die Ablehnung des angeblichen “jüdischen Einflusses“, den sich manche einfach mit ihrem zersetzenden Humor erschrieben haben, ist oft sehr selektiv. Wie etwa bei der Feministin und nach Eigenaussage Halbjüdin Laurie Penny, die natürlich nichts gegen Juden hat, ausser sie leben in Israel und kämpfen gegen die Hamas: Das ist dann eine andere Sache und man sollte sie ökonomisch bestrafen, bis sich die Dame dem Zechprellen zuwendet und wiederum dafür sorgt, dass der Antisemit seine Vorurteile gegen Juden bestätigt sieht – kurz, es ist mit den vielen Aspekten des Rassismus ein Kreuz, oder wahlweise ein Halbmond oder Davidstern.

Ausser man ist wirklich aufgeklärt, gebildet, engagiert und bewusst vorurteilsfrei, wie manche Aktivisten, die ich im Internet bewundern darf. Leute, die sofort wegen der obigen DavidsternHalbmindKreuz-Bemerkung über mich herfallen, weil ich mich intoleranterweise über den Islam lustig mache. Es sind Leute, die fordern, das Internet zu zensieren, wenn man sich auf dem Boden der Gesetze, nicht aber im Konsens des Justizministers und seiner Beraterinnen befindet. Leute, die in urbanen Kreisen leben, deren Meinung nicht sonderlich divers ist und sich total beim Thema Vergewaltigung engagieren, wenn es ein weisser Amerikaner in den USA war, und die tolerant zu schweigen in der Lage sind, wenn die Verdächtigen nebenan zu mehreren auftreten und nicht deutscher Herkunft sind. Hin und wieder müssen diese aufgeklärten Zeitgenossen auch mal von der einen Metropole durch die andere, und da ergibt es sich nun, dass sie auch meine Heimat durcheilen.

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Und sich dann über EDGEland beschweren. EDGE ist ein Mobilfunkstandard mickriger Datenlieferung, der auf dem veralteten GSM aufsetzt. Mein Tragtelefon kann das und nicht mehr, weil es bei uns, wenn ich radeln gehe, kaum etwas anderes gibt. Und ausserdem komme ich noch aus einer Zeit, in der es bei Pressekonferenzen einer Landtagsfraktion unter 20 Journalisten nur einen gab, der so ein Gerät hatte – ich habe noch gelernt, ohne dieses Ding analog zu arbeiten. Meistens ist es ohnehin ausgeschaltet, gerade eben finde ich das Ladegerät nicht, aber das macht nichts: Mein EDGEland ist schön, mir gefällt es hier. Andere brausen hindurch und twittern über EDGE, dass sie jetzt im EDGEland sind und es ist nicht auszuhalten. Denn wenn sie nur EDGE haben, verlieren sie ihre schnelle Verbindung zu ihren Kreisen, wie der ungern erwähnte Uropa im Kessel vom Stalingrad die Verbindung zur Heeresgruppe Süd. Sie sind abgeschnitten. Unter Fremden. Belagert von Barbaren, die kein UMTS haben. Digitale Kulturverweigerer, die hier irgendwie vegetieren und die Landschaft vor dem Fenster anschauen, statt auf den Bildschirm.

Da lachen dann die Berliner. Haha, die Anne ist in EDGEland, na hoffentlich kommt sie gut in Düsseldorf an. So wie man vor 120 Jahren in England hoffte, dass Basils Expedition zu den Ureinwohnern Afrikas bald wieder das Telegraphenamt in Kairo erreichte, um Kontakt mit der Zivilisation zu haben. Zivilisation ist angemessene Kommunikation, und wie der Brite im Smoking dann über die Schwarzen redete, die lediglich zur Plantagenarbeit taugen, so sind sich die Bewohner der iPhonelandes sicher, dass diese Leute da ohne gutes Netz grässlich zurückgeblieben sind. Die Bilder hier sind übrigens aus einer Ecke des Landes mit EDGE, Vollbeschäftigung, Zukunftsbranchen und einem durchschnittlichen Haushaltseinkommen, das doppelt so hoch wie im iPhoneland Berlin ist.

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Es macht also den Anschein, als sei der EDGEland-Rassismus noch etwas weniger logisch begründbar als der Rassismus der britischen Kolonialherren. Genau genommen ist der Mobilfunkstandard einer der ganz wenigen Punkte, bei denen dysfunktionale Städte des Nordens und Westens die wirtschaftlich prosperierende Provinz überflügeln. Das wird ausgenutzt, wie ein bierbäuchiger Alkoholiker das unverdiente Privileg des deutschen Passes bemüht, um sich einem japanischen Gastprofessor überlegen zu fühlen. Bei der Herabwürdigung ganzer Regionen aufgrund des Netzausbaus von Telekommunikationsanbietern handelt es sich um einen Vorgang, den man im Rassismus öfters erlebt: Die Selbstüberhöhung wird durch Faktoren jenseits der willentlichen Entscheidung des Menschen getroffen. Die einen haben eine dunkle Hautfarbe und die anderen leben im weissen Fleck der Abdeckungskarte. Dass das ausgrenzende Merkmal nicht mehr durch die geographische Herkunft und genetische Prädestination erzeugt wird, macht den Rassismus nicht weg: Er mutiert nur von einer gesellschaftlich geächteten Form zu einer, die nicht untersucht wird und es gleichzeitig erlaubt, den anderen mangelnde Bildung und Weltläufigkeit zu unterstellen: Leute, die EDGEland sagen, sagen auch oft schnell zu anderen NAZI.

Wer EDGEland und der damit verbundenen Lächerlichkeit entgehen will, kann das nur erreichen, wenn er sich unterwirft und dorthin zieht, wo das technisch unverzichtbare Merkmal der neuen deutschen Technikherrenrasse verfügbar ist. Und so, wie genetisch bedingte Hautfarben bestehen bleiben, und egal wie viel Studienabschlüsse man vorzeigen kann, bleiben auch weitere Stufen des Netzausbaus urbanen Wohnlagen vorbehalten, egal ob dort nicht gearbeitet, sondern mobil Porno geladen oder ein digitaler  Lynchmob organisiert wird. Das sind nun mal die Ecken des Landes, in denen sich der Ausbau besonders lohnt. Ein Weltmarktführer im Maschinenbau braucht keine Mitarbeiter, die sich dauernd durch Webseiten klicken. So, wie die chinesische Hochkultur auch lange Zeit bestens ohne die britischen Opiumeinfuhren zurecht kam. Vom technischen Überlegenheitsdünkel der echten Nazis, der sich aus dem Bau von modernen Reichsautobahnen und Volksgenossenwägen im Ratenkauf speiste, möchte ich gegenüber Iphoneabstotterern auf Datenautobahnen hier pietätvoll schweigen.

PIETÄT.

Sehen Sie. Ich schweige.

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Wir sind ja nicht so, im EDGEland. Wenn nun aber manche sagen, Deutschland zeige mit dem angeblichen Rechtsruck und seiner Ablehnung des Islams seine hässliche Fratze, dann mag es vielleicht auch nur ein Symptom einer generellen Neigung sein, die sehr viel weiter verbreitet ist. Bei Spiegel Online finden sich gute Beispiele:. Diese mit dem Kollektivwort “wir“ gegen “die Männer“ anschreibende Autorin glaubt, dass Gewalt “in ihnen drin steckt“ – da lachen die Schädelvermesser in der Rassenkundler-Hölle – und perpetuiert damit so eine Art genetischen Erbsündenvorwurf: Der Mann schlägt zu, als nächstes wird behauptet, Frauen erfinden keine Vergewaltigungen. Nur Männlichkeit ist in diesem manichäischen Weltenentwurf toxisch, und nur jenseits des EDGElandes sei das Leben im Kreise der Peergroup erträglich, es gibt das Richtige und das Falsche, die Aufgeklärten und die Nazis, die Allys und die Vergewaltiger, die Feministinnen und die Ahnungslosen, die Klugen und die Dummen, UMTS und EDGE, und was zu loben ist und zu verdammen, wird so nebenbei in der Gewissheit entschieden, dass das höhnische Lachen oder die gemeinschaftliche Empörung über UMTS schon das richtige Volksempfinden zeitigt. EDGEland kriegt das eh nicht mit, diese Hinterwäldler.

Zersetzenden Humor mag noch immer keiner. So ist das nun mal bei denen, die sich von Hauptstadt zu Hauptstadt bewegen und sagen können, was lebenswert ist und was als EDGE- und Kaltland verachtet werden soll, und die Prestige und Status nach dem Vorhandensein von hässlichen, hohen Strahlenmasten abhängig machen wollen, was trotzdem ein gewisser Fortschritt ist: Denn früher definierten sich manche ihrer gesitigen Ahnen noch über die Höhe ihrer Schädelturme.

16. Jun. 2016
von Don Alphonso
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10. Jun. 2016
von Anna Müllner
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Krebs und Glyphosat – Die Angst vor dem Unbekannten

Viele Menschen habe Angst vor Krebs. Und sie haben Recht damit, denn etwa 26% der Menschen in Deutschland sterben an Krebs. Der Rest stirbt natürlich auch irgendwann, wahrscheinlich an Herz-Kreislauferkrankungen (39%). Aber nichts fürchten die Menschen so sehr wie den Krebs. Demenz und Herzinfarkte werden mit Galgenhumor weg gelacht, die eine Erkrankung vergäße man eh, die andere kriegt man angeblich kaum mit. Beides ist falsch. Wer in die flehenden Augen Demenzkranker sieht, die ihre Enkel nicht mehr erkennen oder wer eine Patientenverfügung unterschreibt, weiß, dass es andere schlimme Möglichkeiten gibt, aus dem Leben zu scheiden.

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Trotzdem ist gerade Krebs ein Schreckensgespenst. Alles ist entweder krebserregend (das, was Spaß macht) oder schützt vor Krebs (das, was langweilig ist). Ich habe lange gelernt, neutral auf das Thema Krebs zu schauen. Nicht, dass ich nicht auch um Verwandte und Freunde bange, die von der Krankheit betroffen sind, aber wir Krebsforscher haben eben auch andere Erfahrungen gemacht. Wenn man daran forscht, wenn man buchstäblich auf Krebszellen hinabschaut, dann verliert das Gespenst ein wenig von seinem Schrecken.

Die Hälfte aller Krebspatienten können heute geheilt werden, sagte Otmar Wiestler, ehemaliger Chef des Deutschen Krebsforschungszentrum und jetzt Präsident der Helmholtz Gesellschaft. Dabei sollte man sich auch vor Augen halten, dass viele Menschen eine Krebsdiagnose in einem bereits höheren Alter bekommen. Viele Menschen leben auch sehr lange mit Krebs.

Aber die Angst ist da. Sie dient derzeit wieder zur Abschreckung, zur emotionalisierten Debatte. Über die Zulassung von Glyphosat zum Beispiel. Die Abstimmung über die Neuzulassung von Glyphosat durch die EU-Kommission, die für letzten Montag geplant war, verlief jedoch ohne Ergebnis. Auch wenn die meisten Landesvertreter sich vorher noch für eine Verlängerung aussprachen, zögern sie die Entscheidung nun hinaus. Denn diverse Gruppen sind dagegen, sie halten Glyphosat für krebserregend und selbst in winzigsten Mengen für gefährlich. Dabei wäre es eigentlich nicht zu erwarten, dass Glyphosat bei sachgerechter Verwendung Krebs erzeugt. Nutzt man das Herbizid nicht als Badezusatz sondern zur Unkrautvernichtung, werden die zulässigen Grenzwerte beim Endverbraucher nicht überschritten. Besonders absurd aber ist es, wenn winzige Rückstände von Glyphosat in einer bereits von sich aus krebserregenden Substanz nachgewiesen wurden, dem Bier. Das war wieder ein herber Schlag für die deutsche Seele. Man fragt sich, ob ein Nachweis von Glyphosat in Cornflakes ähnlich gewirkt hätte.

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Aber welche Faktoren begünstigen eigentlich Krebs? Da ich mich in meiner Doktorarbeit damit beschäftigt habe, wurde ich das des Öfteren gefragt. Das ist keine so einfache Frage – nicht weil ich die Antwort nicht wüsste, sondern weil diese verstörend ist. Denn Krebs entsteht vor allem durch das Leben an sich.

Unser Erbgut, die DNA, ist ein sehr robustes Molekül, das dennoch anfällig für Fehler ist. Ein Teil dieser Fehler sind Schäden, molekulare Veränderungen der DNA, die so nicht vorgesehen sind: Kleine Hubbel, falsche Verbindungen und sogar die gänzliche Durchtrennung der Stränge. Eine einzelne Zelle erhält bis zu 100000 dieser Schäden pro Tag, aber sie kann damit umgehen. Zumeist kann sie den Schaden selbst reparieren und wenn nicht, schaltet sie sich selbst aus. Werden diese Schäden aber nicht repariert und der Selbstabschaltungsmechanismus funktioniert nicht, kann sich das Erbgut verändern. Passiert das an der falschen Stelle unserer 22500 Gene, kann das, mit vielen weiteren Zwischenschritten, zu Krebs führen.

Zu diesen Schäden führt zum Beispiel Strahlung, wie durch UV-Licht und ionisierende (radioaktive) Strahlung. Letztere gibt es übrigens überall, nicht nur in Tschernobyl und Fukushima, dort sind die Werte nur viel höher. Ein weiterer Schadensverursacher ist der Sauerstoff. Simples Atmen schädigt unser Erbgut. Das ist schlecht, denn wir haben uns an den Sauerstoff gewöhnt und die Entzugserscheinungen sind immer tödlich. Es ist auch vor allem der Stoffwechsel an sich, der unserem Erbgut zu schaffen macht. Dadurch entstehen besonders reaktive Sauerstoffverbindungen, die unsere DNA angreifen.

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Und dann gibt es noch Zellgifte. Diese sind, wie der Name schon sagt, den Zellen nicht freundlich gesonnen. Oft greifen auch sie in die DNA ein und schaffen oder kappen Verbindungen, wie sie gerade lustig sind. Das kann man nutzen, um ungewollte Zellen – wie eben Krebszellen – zu töten. Allerdings ist keine Wirkung ohne Nebenwirkung, daher bekommen auch andere Zellen etwas davon ab.

Schäden in der DNA können auch zu Ablesefehlern führen. Bei der Zellteilung können dann fehlerhafte Kopien erstellt werden. Diese fehlerhaften Kopien können natürlich auch einfach zufällig entstehen. Und je häufiger sich eine Zelle teilt, desto öfter können diese Fehler natürlich passieren. Auch diese Fehler können unter gewissen Umständen wieder dazu führen, dass Krebs entsteht.

Es müssen aber viele Dinge zusammen kommen, damit Krebs entstehen kann. Die Zelle muss bestimmte Veränderungen durchlaufen, damit sie sich kontinuierlich teilen kann, sie muss resistent gegen die programmierte Selbstabschaltung sein und auch gegenüber dem Immunsystem. Sie muss einen Weg finden, sich immer wieder zu teilen, dazu benötigt sie Nährstoffe und für diese benötigt sie wiederum Blutgefäße. Außerdem muss sie, um ein bösartiger Tumor zu werden, ihre Saat weiter streuen, also Tochtergeschwulste ausbilden.

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Natürlich ist es wichtig abzuklären, welche Substanzen die Entstehung von Krebs begünstigen könnten. Allerdings wird man wenig finden, was nicht in irgendeiner Form und Dosis krebserregend ist. Das bedeutet, man muss Grenzwerte festlegen, bis zu denen eine Substanz als nicht schädlich gilt. Trotzdem erwecken Klassifizierungen wie „wahrscheinlich krebserregend“ die Angst vor dem Risiko, selbst wenn die Grenzwerte deutlich unterschritten bleiben.

Fehlerhafte Risikobewertungen entstehen vor allem dann, wenn der Stoff um den es geht irgendwie fremd und komisch ist. Mittlerweile gibt es Leute, die nichts mehr essen, was sie nicht aussprechen können. Würden diese nun „die Tomaten von den Augen“ nehmen, würden sie auch in diesen komische, aber absolut natürliche Inhaltsstoffe wie Glykolalkaloide oder Chlorogensäure entdecken. Vollkommen einfach auszusprechendes und natürlich vorkommendes Belladonna würde ihnen zwar auch die Augen öffnen, könnte aber ungewollte Nebeneffekte haben.

Die Bewertung und Einschätzung von Risiken basieren auf statistischen und dadurch sehr abstrakten Methoden. Andererseits ist deren Wahrnehmung von Gefühlen und nicht von Wissen gelenkt. Alles Fremde ist erstmal schlecht. Dies wird von Aktivistengruppen gerne und viel ausgenutzt. Sachliche Argumente gehen in emotionalen Debatten stets unter. Wer jedoch ohne Grundlage Ängste schürt, hat vielleicht auch gar keine sachlichen Argumente.

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Die Frage ist allerdings auch, inwiefern wir auf unser Krebsrisiko überhaupt Einfluss nehmen können. Mittlerweile gehen einige Forscher davon aus, dass Krebs vor allem durch eines entsteht: Pech. An der Debatte um Rotes Fleisch konnten wir sehen, wie geringfügig unsere Lebensweise das Krebsrisiko beeinflusst. Wer sein Krebsrisiko gering halten will, sollte möglichst aufhören zu rauchen, sein Gewicht in einem normalen Rahmen halten und am besten nicht alt werden.

Wir haben lange versäumt, zu lernen Risiken zu verstehen. Wir haben verpasst die Deutung von Wahrscheinlichkeiten verständlich zu vermitteln. Dies rächt sich nun damit, dass kaum eine Diskussion rational geführt wird. Geschürten Ängsten wird medial mehr Raum gegeben als den Fakten, die diese beruhigen könnten. Denn emotionale Aufrufe bekommen mehr Aufmerksamkeit, mehr Klicks, mehr Likes. Vermutlich können wir aber bloß mit unserer Ohnmacht nicht umgehen, irgendwann an einer uns kaum verständlichen Krankheit sterben zu müssen. Wir projizieren unsere Existenzialangst auf externe Sündenböcke, um uns selbst davon abzulenken, dass wir irgendwann den Löffel abgeben müssen.

Stattdessen sollten wir die Forderung von Verboten kritisch hinterfragen. Denn was ist denn die Folge von Verboten? Welchen Ersatz gibt es, wenn bestimmte Dinge verboten werden? Emotionale Debatten neigen dazu, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, und sich vollkommen von den eigentlichen Tatsachen zu entfernen. Dem kann man nur begegnen, wenn mehr Aufklärergeist durch die Medien fließt, statt skandalgetriebener Inquisition.

10. Jun. 2016
von Anna Müllner
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06. Jun. 2016
von Don Alphonso
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Der Niedergang des Sittenverfalls ohne Dekadenz

Italien ist ein lustiges Land.

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Das hier ist blanke Pornographie im Palazzo Ducale von Mantua. Drüben, im Palazzo Te, geht es noch härter zur Sache: Unverhüllte Penetration, Fummeleien mit Tieren, wie man sie in Deutschland nur von Gedichten über türkische Staatschefs kennt, barbusige Frauen in verschwenderischer Fülle an Bischofsgräbern in der dominierenden Kirche, und minderjährige Nackedeis.

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Selbst nach unseren heutigen Vorstellungen von Sexualität und deren offener Verbreitung – der AfD-Abgeordnete in Sachsen-Anhalt Andreas Gehlmann benutzt zur Rechtfertigung eines minder klugen Zwischenrufs das herrliche Wort “Sittenverfall“ – ist Italien in kunsthistorischer Sicht ein sexuell enorm aufgeladenes und unkeusches Land. Das liegt einfach daran, dass der Umgang mit Sexualität vor dem 19. Jahrhundert in Europas besseren Kreisen vergleichsweise frei und natürlich war, und das hat seinen Weg in die Kunst gefunden. Deshalb bekommen italienische Schulklassen beim Besuch von Kirchen auch Inhalte zu sehen, die man dort nicht zwingend erwarten würde.

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Auf der anderen Seite sperrt Italien aus Gründen des Jugendschutzes den Zugang zu pornographischen Angeboten im Netz. In etwa so, wie die EU das nun laut einem durchgesickerten Entwurf des Wahrheitsministeriums mit Eingriffen in die freie Rede und mit Kontrollzwängen durch die Internetprovider überall durchsetzen will. Ausserdem wird über Identitätsfeststellung der Nutzer nachgedacht – was Leser in den Kommentaren sagen, könnte diskriminierend ein Gschleaf als ein solches benennen, und ich will lieber gar nicht wissen, was Facebook dann macht, wenn ich angekettete, dickbrüstige Seekühe mit einer Sadomaso-Vampirlady des 16. Jahrhunderts zeigen würde.

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Italienische Schulklassen können mit solchen Darstellungen, die in jener Zeit als sehr gewagt galten, übrigens prima umgehen: Gelangweilt stehen sie vor Rubens, wenig begreifen sie von Mantegnas abgeblättertem Schlachtgemälde, aber die Grotesken und das, was sie dort oben an der Decke so treiben, wie sie übereinander herfallen, sich begehren und – da lacht der Sultan! – Ziegen an die Eutern greifen – das gefällt den Kindern. Und nein, sie gehen nachher nicht in den Innenhof und probieren Gruppensex aus, oder Missbräuche aus einer Menge heraus, wie man das jüngst wieder aus Darmstadt von Trägern einer eher bilder- und lustfeindlichen Unkultur hören musste.

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Wie auch immer, es ist nicht zu bestreiten, dass der Fortschritt in der sexuellen Darstellung des 20. und besonders 21. Jahrhunderts mit dem Internet in der westlichen Hemisphäre in keinem Gegensatz zur sexuellen Selbstbestimmung der Menschen steht: Schwulenrechte, Frauenrechte, Rückgang der Diskriminierung von Sexarbeitenden, zunehmend lockerer Umgang mit früher undenkbaren sexuellen Präferenzen und Partnerschaftsmodellen – die gesamte Liberalisierung, sie geht einher mit der weitgehend problemlosen Verfügbarkeit von Material, dessen Besitz früher den gesellschaftlichen Ruin bedeutet hätte. Und auch in Italien gibt es zwar eine Netzsperre, aber kinderleichte Proxymethoden, um sie zu umgehen.

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Vor 20 Jahren war das Internet noch nicht so verbreitet, und die Angebote eher spärlich: Damals hatte ich, wenn wir über Sittenverfall reden wollen, das grosse Glück, im Bürgerradio die Redakteure einer schwulen Radiosendung zu kennen. Das hat mir, verglichen mit meinem gängigen Umfeld, enorme Wissensvorsprünge verschafft: Natürlich konnte man sich, wenn man wollte, auch Bücher kaufen und nachlesen, was die da so machen. Direkte Kommunikation ist viel einfacher, und Herr Gehlmann von der AfD könnte sich zur Wissensvertiefung jederzeit bei queer.de anmelden und fragen, wie denn das so läuft und ob Schwule denn wirklich den ganzen Tag an Sex denken wie andere an das Wegsperren von Kritikern, und das sind wirklich phantastische Möglichkeiten, die es früher einfach nicht gab. Die Trennung zwischen Lebenswelten ist mit einem Klick zu überwinden. Man kann sich im Netz einmal unverbindlich anschauen, was es alles so an Optionen gibt, und sich dann überlegen, was einem passt. Geheim, frei, ohne Angst.

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Das führt im Endeffekt dazu, dass noch nicht einmal in der AfD Anlass besteht, sich in der Führungsriege nach rechtsreaktionären Vorstellungen zu verhalten: Die partnerwechselnd entstandene Patchworkfamilie Petry wäre vor 25 Jahren noch in der CDU undenkbar gewesen. Und dem Sittenverfall-Gehlmann steht auf der anderen Seite mit Alice Weidel eine selbstbewusste Frau im Parteivorstand gegenüber, die mit einer anderen Frau ein Kind erzieht. Nach meiner bescheidenen Einschätzung sorgt der Sittenverfall der offen ausgelebten Neigungen dafür, dass man durch das Netz und jenseits des privaten Umfelds sieht, wie banal und ungefährlich da alles letztlich ist, sofern es im Rahmen der gesetzlichen Regelungen ist. Da, wo vor 20 Jahren noch Graubereiche waren, ist heute lichter gesellschaftlicher Konsens, dass man die Leute einfach so leben lassen sollte, wie sie wollen. Offenheit, Information und Kommunikation tragen zum Abbau von Vorurteilen ganz erheblich bei. Die christlich-alteuropäische Überzeugung, ein strafender Gott würde Verderben bringend einschreiten, lässt sich angesichts der Realität auch nicht erhärten.

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Das Internet ist also fraglos eine Bereicherung und Wohltat, wenn es darum geht,Menschen früher Unvorstellbares zu zeigen, so wie sie sich auch im Palazzo Ducale von Mantua durch immer neue, burleske Einfälle bezaubern lassen können. Internet ist da wie freizügige Kunst, es gibt wenig Regeln und viele Möglichkeiten. Ausser man macht viele Regeln und grenzt die Möglichkeiten ein. Herrn Gehlmann würde das vermutlich freuen, aber auf der anderen, ebenfalls verbotswilligen Seite des politischen Spektrums muss man gerade feststellen, dass die neue Sittenstrenge herzlich wenig hilft. Im Gegenteil, in einer Welt des Sittenverfalls ist die Paste für Alle längst aus der Tube, und wenn das nicht zu den Regeln passt, gibt es Skandale. Die neuen Regeln sind in dieser Hinsicht grün und feministisch, und gerade eben zappelt der frühere Landwirtschaftsminister von Baden-Württemberg in einem Skandal, weil seine Ex-Geliebte, damals ebenso grün wie er, bei Facebook intime Details ihrer Beziehung veröffentlichte.

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Denn ohne Internet geht es nicht. Mir deucht, es liegt daran, dass derartige neue Vorschriften des sexuellen Umgangs unter besonders aufmerksamen, diskriminierungsfreien und konsensorientierten Menschen nicht so ganz zur Triebhaftigkeit derselben passen, die beim Sex – Herr Gehlmann wird es mindestens so entsetzt hören wie Pinkstinks, die Helferinnen von Heiko Maas – masslos und inbrünstig, ja sogar wollüstig und besitzergreifend ausgelebt wird. Der Mensch ist kein zwingend monogames Tier, das erzählen die Sagen des Altertums und die Filme von Sasha Grey, das singt Leporello über Don Giovanni, und das berichtet auch der Inhalt eines Keyloggers eines taz-Redakteurs, der viel mit Praktikantinnen zu tun hatte.

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Und mutmasslich mit gewonnenen Passwörtern in ihren Internetaccounts herumschnüffelte. In der taz. Auf Tasten, die ansonsten wie das Henkerbeil auf Leute wie mich herabsausten, wenn wir uns mal wieder über Gendergruppierungen mit dem Wort “Schlangenbrut“ verlustierten. Auf diesen keuschesten, diskrimierungsfreiesten Rechner_Innen also kramte sich einer mutmasslich durch Social Media Profile von Praktikantinnen. Das ist eine bittere Realität hinter den ausschweifenden Legenden, die seit Tucholsky über den Eros der Schreibzunft verbreitet werden: Wenn die Igel in der Abendstunde still nach ihren Mäusen gehn, hing der taz-Mann vor dem Bildschirm, um andern in die Mail zu sehn.

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Seitdem die Alternativen so evangelisch-korrekt wurden, sind Sexskandale auch nicht mehr das, was sie mal waren. Es ist klar, dass es immer eine Internetkomponente haben muss, denn jeder – ausser vermutlich Herr Gehlmann – lebt sich da offen und selbstdarstellerisch aus. Aber dann wird auf Facebook Böses gertratscht. Es wird nicht mehr gebaggert, sondern in Accounts gelinst. Es werden Hashtags wie #whyisaidnothing veröffentlicht, in denen Betroffene auf 140 Zeichen schreiben, was ihnen alles so in meist linksliberalen Freundeskreisen an sexueller Gewalt widerfahren sein soll. Und als vorläufiger Höhepunkt wird eine anonyme Website gegen den Internetaktivisten Jakob Appelbaum produziert, auf der angebliche Exen von Avancen und Sexparties erzählen, die  nach feministischer Lesart „Rape“ sein sollen. Zur Polizei geht der Seitenbauer trotzdem nicht, er macht es lieber über Rufmord und berechnete Empörung. Appelbaum sei total gemein, denn er ist smart und erfolgreich. Andere sollen sich melden, um auch anonym über ihn dort Geschichten zu schreiben, wo man schon mal Platzhalter hinterlassen hat.

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Das alles wird anonym gemacht, hindert aber manche nicht, die in Deutschland justiziablen Ausfälligkeiten einer Feministin mit mangelnder Impulskontrolle als weitere Verfestigung der Anklagen hinterher zu schieben. Im deutschen Sprachraum wird die Schmutzseite dann von bekannteren Vertretern des Feminismus wie Jürgen Geuter und Anne Roth bei Twitter verbreitet. Persönlichkeitsrechte? Vorsicht bei Gerüchten? Unschuldsvermutung? Roth, der Mitarbeiterin der Linkenfraktion im Bundestag, ist es offensichtlich nicht sonderlich wichtig.  Nicht belegte Behauptungen waren im christlichen Abendland ein beliebtes Mittel zur Ausgrenzung sexuell freizügiger Menschen, und die AfD-Sexualmoral bekommt von der anderen Seite ein Update für das 21. Jahrhundert:

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Appelbaum wird sogar vorgeworfen, dass er sich loyal zu Julian Assange verhalten hat – einem nicht verurteilten Mann. Insgesamt sind alle Vorwürfe gegen Appelbaum so schrecklich, dass man vor dem Einzug des Internets, Anfang der 90er Jahre, am Sonntag um 4 Uhr morgens das ganze Parkcafepublikum in München mit solchen Anschuldigungen hätte überziehen können. Das war unsere wüste Jugend, da küsste man noch ohne Erlaubnis, aber damals standen die Linken und Grünen noch für sexuelle Freiheit, und lagen nicht mit dem den Gehlmännern dieser Welt im verhaltensgeregelten Querfrontehebett. Inzwischen wissen sie, dass von Julian Assange bis Tim Hunt bei solchen Kampagnen immer etwas hängen bleibt, und nicht jeder ist in der Lage, sich wie Jörg Kachelmann, Peter Thiel, Hulk Hogan oder Milo Yiannopoulos gegen den Mob zu wehren.

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Man wird sich also möglicherweise an kleine, miese Skandale aus dem Vollkorn- und Hennamilieu gewohnen müssen, den ein oder anderen Nerd werden sie vorführen, mancher AfD-Anhänger wird die Idealfamilie nicht leben, und es wird sehr, sehr hässlich werden. Es geht so schnell mit den Unterstellungen, von der übersteigerten Vermutung zum nationalen Aufreger. Grandezza ist das nicht, nur schlechter Empörungsporno. Das Netz bietet alle Freiheiten, aber leider auch alle Freiheiten, sie zu missbrauchen und so lange Terror zu verbreiten, bis sich jeder bedroht fühlt. Es ist nicht schön, dass ein Herr Gehlmann über Gesetze entscheiden darf, und es ist nicht schön, dass eine Feministin wie Anne Roth jemanden gegenüber ihren 20.000 Followern an den anonym gefüllten Pranger stellt, der nur das Ziel hat, ihn menschlich zu vernichten. Die Verunsicherten werden sich andere Wege für ihre Triebe suchen, und durch das Netz schleichen wie ein Politiker zum Crystal-Meth-Dealer. Sittenverfall muss nicht sexuell sein, es kann auch sexfeindlich moralisch sein, und am Ende sitzen alle wieder in ihren Safe Spaces und fürchten sich vor den Trieben.

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06. Jun. 2016
von Don Alphonso
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30. Mai. 2016
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Kampf um Rom und andere Niederlagen der Etablierten

Das nächste grosse Duell zwischen Populisten und Establishment steht Europa bevor: Am Sonntag sind Kommunalwahlen in Italien, und in Rom könnte es eine Sensation geben. Nachdem sowohl Konservative als auch Sozialdemokraten nacheinander ihre Bürgermeister verschlissen haben, und zudem noch eine mafiöse Strutur in der Stadtverwaltung bekannt wurde, gilt die 37-jährige Anwältin Virginia Raggi als Favoritin. Raggi hat einen eigenen Hashtag, #coRAGGIo, eine eigene, aggressive Kampagne, und eine Bewegung hinter sich, die bei sozialen Fragen linkspopulistisch und bei der Migration rechtspopulistisch ist. Movimento 5 Stelle, kurz M5S, oder nach dem Chef der Bewegung Beppe Grillo “Grillini“.

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Nach deutscher, lauwarmer Vorstellung von Politik wäre M5S gleichermassen rechts- und linksextrem, rassistisch, sozialnationalistisch, europafeindlich, undemokratisch, und von einem fragwürdigen Führerkult geprägt. Beppe Grillo nennt Migranten ungeniert „das schwarze Gold der Mafia“, aber das scheint die römischen Wähler nicht mehr zu verschrecken. Rom leidet zu lange schon an Korruption und Missmanagement, als das ein paar linke und italozentrische Sprüche im Vergleich zum bislang alternativlosen “Weiter so“ der Etablieren abschreckend wirken könnten. Raggi verspricht mehr Staat, bessere Schulen, härteres Vorgehen gegen Alltagskriminalität, und mehr Einnahmen – durch Steuern auf Immobilienvermögen, die nun auch gefälligst der Vatikan zu bezahlen habe. Es ist, gelinde gesagt, mutig, sich in Italien oder gar Rom mit der katholischen Kirche anzulegen, aber Raggi ist von der M5S, und rücksichtsloser Populismus ist kein Ausrutscher, sondern der Kern der Bewegung.

Raggi profitiert bei ihrer aggressiven und durchaus schlau gemachten Kampagne von den Erfahrungen des ehemaligen Chefideologen Gianroberto Casaleggio, der im April verstorben ist. Casaleggio gilt als Konstrukteur und Mastermind hinter den Grillini. Als erfolgreicher Internetunternehmer warf er seinen gut bezahlten Chefposten bei einer grossen Beratungsfirma hin, gründete seine eigene Kommunikationsfirma und schlug dem Satiriker Beppe Grillo 2005 vor, seine politischen Vorstellungen via Blog an die italienische Bevölkerung heranzutragen. Grillo und Casaleggio waren für ihren Führungsstil umstritten, aber keine der neuen politischen Bewegungen in Europa – und erst recht keine Altpartei – nutzte das Internet so effektiv wie M5S. Grillo ist für seine extravaganten Auftritte in den Medien gefürchtet und mit seiner brachialen Art das absolute Gegenteil des Politikertypus von Angela Merkel: Jetzt wollen sie Rom nehmen, und bei den nächsten landesweiten Wahlen so stark werden, dass gegen die Grillini nicht regiert werden kann.

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Auf der anderen Seite steht die runderneuerte Lega Nord unter dem nicht weniger populistischen Matteo Salvini, und für Rom wird berichtet, dass die extreme Rechte bei einer Stichwahl auch für Vaggi stimmen könnte, solange es nur den Etablierten schadet. Grillo und Salvini erscheinen, wenn sie freundlich aufgelegt und entspannt sind und gut gegessen haben, wie wenn Beatrix von Storch mal wieder auf der Maus ausrutscht: Wo sich die AfD noch wortreich entschuldigt, wird italienischer Wahlkampf erst langsam warm. In Italien herrscht immer noch Wirtschaftskrise, die bisherigen Volksparteien teilen in einer grossen Koalition die Pfründe weiterhin unter sich auf. Extremistische und völlig enthemmte Töne in Blogs und bei Facebook gegen das Establishment, gegen die EU, gegen den Euro, gegen illegale Migranten – und zwar von links und rechts – haben dagegen ihren Schrecken verloren. Im Hintergrund wütet Grilli, im Vordergrund diskutiert Raggi auf dem Wochenmarkt. Die Strategie ist durchanalysiert, von den Medien besprochen und bekannt: Es ist egal. M5S und Lega Nord sind ihr eigenes Medium, Matteo Salvini hat gerade sein neues Buch herausgebracht, und schon der erste Satz rechnet mit „politici tradizionali dei matusalemme“ ab: Ein veritabler Bestseller in Italien.

Das ist ein Verhalten, das den Volksparteien in Deutschland seit Wehner, Strauss, Schmidt und dem jungen Joschka Fischer völlig verloren gegangen ist. Spätestens seit dem Ende der Regierung Schröder sind die Wortmeldungen von Politikern vollkommen austauschbar, und die Art und Weise, wie Abweichler dieser Sprachregeln durch die Medien gepeitscht werden, lässt auch keine Änderung erwarten. In gewisser Weise kann ich das verstehen: Im Internet gibt es kein Vergessen. Vor 20 Jahren wäre es unmöglich gewesen, Verbindungen zwischen Rosa-Luxemburg-Stiftung und den Linksradikalen, aus deren Umfeld Sahra Wagenknecht mit einer Torte beworfen wurde, zu durchleuchten. Heute steht das alles im Netz, man muss nur wissen, was man sucht, um daraus die passenden Stricke für dreckige Antifahälse zu drehen ( ← was man natürlich als Journalist auch nicht schreiben sollte, professionelle Gesinnungsschnüffler mit Ex-Stasi-IM- und Crystal-Meth-Nutzer-Verbindung sehen da weniger Wortspielerei denn Mordaufrufe, so läuft das Spiel der Erregung heute nun mal. Ausserdem darf man nicht dreckig sagen, sondern besser nichtnormhygienisch, wie scheusslich heute ja auch nichtnormschön heisst).

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Wo war ich… ach so. Ja. Also, in so einem Klima ist es kein Wunder, wenn diejenigen, die im traditionellen System von Politik. Medien und Wahlvolk agieren, nur noch das sagen, was keinen verschreckt, und nicht mehr das, was sich früher mehr oder weniger versendet hat. Einem Adenauer konnte es wirklich egal sein, was er vor einem Jahr gesagt hat – der normale Wähler konnte nicht nachschauen. Heute kleben Politikern alte Einlassungen wie Kaugummis am Schuh, und alles, was sie sagen, kann aus dem Kontext gerissen und gegen sie verwendet werden. Im Internet verbreitet sich das, wenn man es richtig aufbaut, so schnell, dass eine effektive Gegenwehr kaum möglich ist. Wir lauern nur drauf. Ich merke das an mir selbst und der Art, wie ich Screenshots anfertige: Die Dummheit von heute ist der Fallstrick von morgen. Man bekommt diese Dummheiten heute von allen frei Haus, die Aufmerksamkeitsgeilheit treibt sie dazu. Oder sie tauchen ab: Standpunkte zur Strafbarkeit von Pädophilie, die von der aktuellen Gesetzeslage abweichen, gibt es sicher auch heute noch. Aber wer sie im Netz öffentlich vorträgt, wird damit zeitlebens in Verbindung gebracht.

Vielleicht gehen Politiker von SPD und CDU/CSU auch so bedenkenlos mit der Totalkontrolle der Bürger um, weil sie es selbst genau so erleben: Ich habe phantastische Mittel, sie zu verfolgen, und sie halten das Profil (ausser Erika Steinbach) so niedrig, wie es eben geht. Und das wiederum bietet dann den Populisten die grosse Bühne. Zum einem, weil sie mit dem inhaltslosen, niemanden verschreckenden Gewäsch der Mitte nichts erreichen würden. Zum anderen, weil sie überall in Europa – ausser in Deutschland auf der rechten Seite – begriffen haben, dass es letztlich kaum schadet. So, wie gewaltbefürwortende und antisemitische Feministinnen im Umfeld mittelinker Parteien auftreten dürfen und eine “ideelles Gesamtschwein“-schreibende Gruppierung Micha Brumlik im Literaturhaus Berlin präsentiert, so haben andere Populisten auch erkannt, dass mediale Empörung und öffentliche Rezeption zwei sehr unterschiedliche Dinge sein können. Wo ein Gauland noch zu Kreuze kriecht, würde ein Strache noch einen Subsaharawitz hinterher schicken und sagen, die anderen haben halt keinen Humor.

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Salvini, Haider, Grillo, Strache, Gauweiler, Mussolini, Orban, Trump, Strauss, Varoufakis: Sie alle sind oder waren extrem unangenehme Gegner. Sie sind nicht dort, wo sie sind, weil sie das Böse sind, sondern weil sie ein Talent für ihre Art der Politik haben, das meines Erachtens den Storchs, Paus, Kippings, Göring-Eckardts, Trittins, Gaulands und Petrys deutscher Scheinalternativparteien völlig fehlt. Das Geschäft mit dem Populismus fegt die Unfähigen und Unsicheren so lange weg, bis welche kommen, die es können, und die dann auch flexibel und prinzipienlos genug sind, wenn es um die Macht geht. Salvini und Grillo begannen beide ganz links und treiben die italienische Politik vor sich her, Casaleggio träumte von einer Internetdemokratie ohne Parteien, Trump setzte sich gegen seine eigene Partei durch und Varoufakis versucht es mit einer paneuropäischen Bewegung, während Orban osteuropäische Koalitionen knüpft. Das alles passiert hinter der populistischen Fassade, über die sich so leicht reden lässt, und mit der das Mediengeschäft seine Schlachten um die richtige Sichtweise gewinnt, um dann den Krieg zu verlieren. Das Netz ist der Trog mit den vergifteten Perlen, der Leuten wie mir hingestellt wird. Wir arbeiten uns daran ab, weil es so schön plakativ ist. Alle sehen den ruppigen Beppe Grillo, der stille Casaleggio blieb im Hintergrund und war immer einen Schritt voraus.

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Solche strategischen Genies hat die AfD nicht. Aber sie braucht das auch nicht, wenn die Generalsekretärin der SPD so eine Unterstellung an die Adresse ihrer Kernwählerschaft ins Netz schreibt, eine Hamburger Grüne Moscheen in jedem Stadtteil fordert, und Merkels Menschenrechtspartner Erdogan Geburtenkontrolle als Betrug am türkischen Volk bezeichnet.

30. Mai. 2016
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26. Mai. 2016
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Cutesolidarity: Wie Politclownismus die AfD gewinnen lässt

Ich bin gerade in Mantua und muss meinen Freunden die deutsche Politik erklären. Eigentlich will ich das nicht. Ich würde lieber politisches Asyl beantragen. Denn meine Heimat ist, aus der Entfernung betrachtet, die Kasperltheateraufführung einer Gesinnungsdiktatur, in der kindische Medien AfD und Konsorten im Internet zu bekämpfen vorgeben, indem sie ihnen alle Optionen überlassen: Sie wollen den infantilen Politclownismus.

Ich möchte gern erklären, warum das so ist. Aktuell könnte man in Deutschland über wichtige Themen sprechen, die es übrigens auch in Italien gibt, und die hier durchaus breit und klug analysiert werden:

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1. Die Regierung in Berlin beschliesst ein sog. Integrationsgesetz, das als wichtigste Komponente eine sog. “Wohnsitzauflage“ beinhaltet. Anerkannte Flüchtinge müssen drei Jahre in den Bundesländern bleiben, in die sie zuerst zugewiesen wurden. In den Bundesländern verteilen dann wieder die Landesregierungen nach den jeweiligen Kapazitäten. Das ist ein Geschenk an die Heimatregionen der Refugee-Welcome-Fraktion in ihren durchgentrifizierten Stadtvierteln mit knappem Wohnraum, und ein massives Problem für das flache Land, wo dann drei Jahre Flüchtlinge leben, die dort in aller Regel keine Option für sich sehen, und sich lieber mit Ihresgleichen zusammentun würden. “Im ostdeutschen Kaff versauern lassen“ ist so ziemlich das Gegenteil von Integration. Wir haben hier in Italien erhebliche Probleme mit sog. “Clandestini“, die sich ebenfalls nicht um Wohnsitzauflagen kümmern und sich in den grossen Städten abseits der staatlichen Strukturen durchschlagen, weil es geht und weil man sie nicht abschieben kann: Genau diese Vergörlitzerparkisierung droht dann Deutschland. Zu Risiken und Nebenwirkungen lassen Sie mal einen Moment ihren Einkaufswagen am Simply in Citadella Mantova unbeaufsichtigt.

2. An der Küste vor Libyen ist gerade Migrationssaison. In Italien sieht man in allen Medien vollgestopfte, kleine Schlauchboote am Rande der 12-Meilen-Zone voll mit jungen Männern, meist aus Subsaharastaaten: Nigeria, Gambia, Senegal, Eritrea, Somalia. In Hotspots auf Sizilien werden diejenigen – vor allem Eritreer – ausgewählt, die gute Aussichten auf Asyl haben und auf Europa verteilt werden. Wer keinen Asylantrag stellt, wird dagegen aufgefordert, das Land innerhalb von 7 Tagen zu verlassen. Gemeint ist: Zurück ins Herkunftsland. De facto bedeutet es; Die Leute machen sich dann auf den Weg in den Norden. Das Resultat kann man sich an den Bahnhöfen von Verona und Mailand anschauen. Die Angst vor der Schliessung des Brenners ist in Italien ein grosses Thema, weil man nicht noch mehr Clandestini will, aber momentan rund 2000 pro Tag ankommen. Das hier ist das Schloss, hinter dem sich meine Freunde verbarrikadieren.

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3. In Österreich kann man sich als polizeibekannter Rechtsextremist mit Verbindungen zu Blood and Honour jahrelang kriminelle Delikte zuschulden kommen lassen. Man bekommt dann ein Verbot, Waffen zu besitzen. Trotzdem konnte sich ein Rechtsextremist zwei Nachbauten der Kalaschnikow beschaffen und in Nenzing, nicht weit von der Grenze zu Deutschland, betrunken einen Amoklauf veranstalten: Der Täter feuerte nach einem Beziehungsstreit ein ganzes Magazin wahllos in eine Menschenmenge. Zwei Menschen starben, der Täter tötete sich anschliessend selbst. Das könnte nach den schlimmen Erfahrungen mit dem NSU ein Anlass sein, mal über Rechtsextremismus, vollautomatische Kriegswaffen und daraus entstehende Bedrohungsszenarien nachzudenken. Ausserdem wirft der Fall nach den Attentaten von Paris erneut ein Schlaglicht auf die offensichtlich leichte Verfügbarkeit von Kriegswaffen in extremistischen Milieus. In Italien etwa gibt es neben voll bewaffneten Elitesoldaten an Denkmälern eine grosse Debatte über die neofaschistische Casa Pound.

4. In Bad Friedrichshall bei Heilbronn wird eine 70-jährige Rentnerin getötet. Aufgrund von DNA-Spuren und wegen eines Gegenstand aus dem Besitz des Opfers ist ein 26-jähriger Pakistani aus einer Flüchtlingsunterkunft dringend tatverdächtig. Seine Identität ist unklar, er hat mehrfach unterschiedliche Personalien angegeben. Der Mann ist wegen Diebstahl und Bedrohung polizeibekannt. In der Wohnung des Opfers wurden arabische und englische Schriftzeichen überwiegend religiösen Inhalts angebracht. Ähnliche Verbrechen wie der Mord am Brunnenmarkt in Wien, der Fall Ashley Ohlson in Florenz, und der Raubmord an einem Ehepaar in Catania sorgten jeweils für internationale Aufmerksamkeit. Vor allem, weil der Staat offensichtlich keine Kontrolle über gefährliche und illegale Personen hatte. Es ist der neue Höhepunkt einer ganzen Serie von gewaltsamen Einbrüchen in Deutschland.

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5. Mutmasslich am Bodensee schreibt jemand, der bei Facebook ein weitgehend unbekanntes Profil mit dem Namen “Pegida BW-Bodensee“ betreibt, am 19. Mai drei mit Emoticons als humoristisch gekennzeichnete Sätze: “Vor Nichts wird Halt gemacht. Gibt es die echt so zu kaufen? Oder ist das ein Scherz?“ Dazu zeigt er zwei Tafeln Schokolade mit den Kindergesichtern heutiger Fussball-Nationalspieler mit Migrationshintergrund.

Die möglichen grossen Themen sind also: Zwangweise Verteilung hunderttausener Migranten in ganz Deutschland zum Schutz des städtischen, linken “Mitte-Milieus“, Migrationskrise auf dem Weg aus Italien nach Mitteleuropa mit Zuwanderung von Tausenden Illegalen pro Tag, ein amoklaufender Neonazis mit Kalaschnikows, ein Mord an einer Rentnerin in einer Einbruchskrise, der die Polizei oft machtlos gegenüber steht, drei Sätze über Kinderschokolade.

Was ist davon wohl das beherrschende Medienthema, was wird mit einem Hashtag namens #cutesolidarity getwittert, was wird von allen Medien gebracht, neben einem Internet-Brief eines Fans an den Sänger der Eagles of Death Metal, der ein paar komische Ansichten hat?

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Die drei Zeilen.

Und was interessiert wohl 70-Jährige auf dem flachen Land, in das Flüchtlinge zwangsverschickt werden, angesichts der steigenden Zahlen von illegalen Zuwanderern und einer exzessiven Gewaltspirale von Dealergangs. Islamisten und selbsternannten Bürgerwehren wirklich?

Alles andere.

Natürlich ist es spassig, sich kolektiv über einen einzigen Pegidatypen auf Facebook lustig zu machen, der drei witzig gemeinte Zeilen schreibt, und dann von Medien zu einer bundesweiten Erregung mit Statements von Ferrero und DFB hochgeschrieben wird. Man sucht sich das leichteste und einfachste Opfer heraus und trampelt kollektiv darauf herum. Da haben sie es dann den Nazis aber mal gezeigt und viel Platz im Internet mit ihrem Anspruch gefüllt, etwas gegen die braune Flut zu tun. So geht Antifaschismnus. Keinen Fussbreit! Nie wieder! Und es ist lustig und es hat einen Hashtag.

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Alle anderen Themen überlassen sie entweder der AfD, oder nutzen sie nicht, wenn sie, Stichwort Waffenrecht und Selbstverteidigung, durchaus verwendbar wären. Diese Themen sind nicht so schön. Diese Themen haben viele unerfreuliche Aspekte. Diese Themen passen nicht in 140 Zeichen, und einen Hashtag gibt es auch nicht. Nicht mal Vice kann dazu Katzenkot rauchen. Ausserdem kauft mancher seine eigenen Drogen sehr gern in der U-Bahn und das flache Land ist weit, weit weg von der Berliner Medienrealität. Eine Tote in Baden-Württemberg hat im Gegensatz zu Pegida BW-Bodensee keinen Facebookaccount. Lager in Meissen oder Wolfenbüttel sind das Problem anderer Leute.

Aber sie haben sie gelacht über das Bild von “Hitler-Sport“ und “Panzer-Schokolade“ mit Frauke Petry. Das sind geile Themen, dazu ist die Klickstrecke schnell gemacht, und so schick, dass man deshalb die Politik der Bundesregierung durchleuchten müsste, sind Migranten heute auch nicht mehr. SPON-Kolumnist Georg Diez, der immer einen Text für sie hatte, vermietet seine Wohnung in Mitte lieber an gut zahlende Menschen, die besser Deutsch oder Englisch statt Arabisch oder Farsi sprechen sollten. Die Gefahr ist für dieses Milieu rechts, die Politik alternativlos.,die Aufmerksamkeitsspanne ist kurz und die Erklärung ist einfach: Wahlerfolge von AfD und FPÖ liegen nur an ungebildeten weissen Männern, die keine Ahnung haben. Wer eine andere Meinung hat, hilft der AfD oder ist ein Rassist. Wir sind die Guten. Komm auf die helle Seite der Medienmacht, Mut zu unbequemen Themen ist überbewertet und wir haben Katzenbilder.

Man kann viel Schlechtes über die italienischen Parteien sagen. Aber wenn die Rifondazione Comunista und Cinque Stelle hier bei mir in Mantua ähnlich realitätsblind gegen Lega Nord und Casa Pound kämpfen würden, wären hier längst wieder Standbilder des Duce auf den Plätzen. Die Wähler wählen Parteien wegen Politik und nicht wegen Hashtags, Katzenbildern und totaler Verkennung einer Krise, die uns noch lange beschäftigen und hässliche Folgen haben wird.

26. Mai. 2016
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23. Mai. 2016
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Unbedingt die Kommentare lesen

Der Österreicher als ein solcher, das lernt man in Bayern in der Schule, trat mit den sog. Ungarnstürmen des 9. Jahrhunderts in das Licht unserer strahlenden Geschichte, und seitdem hat sich da auch nichts verbessert.

Aber mal abgesehen davon ist das noch lang kein Grund, als Grüne Jugend in den berlinslawischen Grenzmarken Deutschlands die freie, gleiche, demokratische Wahl des Bundespräsidenten durch das ganze Volk mit einem Patt zwischen den Kandidaten von Grünen und FPÖ mit diesen Worten zu beurteilen:

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Besonders peinlich ist die gestrige xenophobe und hetzerische Einlassung nach dem heutigen Sieg des grünen Kandidaten Alexander van der Bellen, der laut Eigenaussage eigentlich gern die Gräben zwischen den Lagern zuschütten würde.

So schnell also ist man hierzulande kollektivschuldig ein Naziland – für Österreicher dürfte da auch der Umstand interessant sein, dass auf Deutschlands zweitgrösster Nachrichtenplattform die Rede davon ist, dass Gewalt gegen das, was als “Nazis“ gilt, “durchaus denkbar“ ist. Eigentlich geht es die Deutschen ja nichts an, was ein anderes Volk demokratisch so tut, aber das hat die Urgrossväter der Grünen Jugend bei den Polen und dem Danziger Korridor auch nicht interessiert ohne jeden Zweifel darf das allgemeine politische Klima wieder als frisch vergiftet gelten. Denn der Anwurf wird von zig Nachwuchspolitikern verbreitet, die vermutlich alle für sich in Anspruch nehmen, politisch klüger als eine Tüte Crystal Meth zu sein. Gerade so, als ob man jetzt erst entdeckt hätte, dass in Österreich ein Stimmungsumschwung stattfindet, weg von den skandalerschütterten und verfilzten Staatsparteien SPÖ und ÖVP, die jahrzehntelang das Land unter sich aufteilten – inklusive vieler echter Nazis.

Dabei konnte es jeder kommen sehen, der sich etwas mit Internet und Politik beschäftigt. Die wichtigste und vermutlich auch beste Debattenplattform in Österreich bietet seit jeher die Zeitung “Der Standard“, das publizistische Herzstück des anderen, des linksliberalen Österreich. Gegründet mit personeller Hilfe aus dem linken Magazin Falter, und mit einer ausserordentlich fähigen Onlinemannschaft versehen, hat es die nach gedruckter Auflage kleine Zeitung zu einer Grossmacht im Internet gebracht. Der Kommentarbereich des Standard ist so etwas wie der digitale Salon der österreichischen Linken, mit einem Schwerpunkt auf das “Rote Wien“: Eben jene jungen, offenen und aufgeklärten Menschen schrieben dort, die gerade dafür sorgten, dass van der Bellen nach der krachenden Niederlage in der ersten Runde mit Hofer gleichziehen konnte.

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Zumindest war das früher so. Im Standardforum wurden de facto die Proteste gegen die blauschwarze Regierung von Haider und Schüssel koordiniert, die Creme des Widerstandes sorgte unter den Beiträgen für Gegenöffentlichkeit, und das mit viel Schmäh, Charme und Witz. Der Standard bedankte sich, indem er mit der Rubrik #User den Lesern eine eigene Plattform schenkte, auf der sie ihre eigenen Sichtweisen unter den Redakteuren – wenngleich auch von ihnen betreut – verbreiten können. Man kann beklagen, dass der Standard hier auch erkennbar filternd eingreift und vor allem Autoren zu Wort kommen lässt, die auf der Linie des Blattes oder links davon liegen. Ungeachtet dessen zeigt der Standard aber vorbildlich, wie Interaktion mit den Lesern zum digitalen Erfolg einer Printmarke beitragen kann. (Und wenn ich offen bin: Ich selbst habe von den Standardleuten viel über Communitypflege gelernt)

Die Sache ist nur: Man sollte die Kommentare wirklich lesen. Gemeinhin gilt besonders unter linken Autoren die feste Überzeugung, dass man Kommentare nie lesen sollte, das seien alles Irre, Nazis und widerliche Mobber – beim Standard gab es dazu früher keinen Anlass, denn die Zeitung und ihre Haltung sorgten dafür, dass sich Autoren und Kommentare in einer ideologischen Filterbubble bewegten. Es schrieb das andere Österreich, das moderne, aufgeschlossene Wien, nicht die Bierdimpfl aus Tirol, oder gar Burgenländer und Kärntner, die man als aufgeschlossener Wiener heute immer noch diskriminieren darf wie früher den Balkan.

austrig

Das andere Östereich schreibt heute immer noch, der Standard ist alles andere als ein Forum der FPÖ. Aber in den letzten Jahren der Machtteilung zwischen SPÖ und ÖVP mehrten sich dort die kritischen Stimmen, und speziell Kanzler Faymann wurde von den altgedienten Kommentatoren seit Beginn der Flüchtlingskrise als Merkels Handlanger misstrauisch beäugt. Man konnte in den Foren des Standard recht unverblümt lesen, dass die Leser Angst vor der wirtschaftlichen Entwicklung haben, die nicht im mindesten so rosig wie in Deutschland ist: Österreich stagniert, hat eine hohe Arbeitslosenquote und wegen der Finanzkrise und der Verwicklung seiner Banken enorme Risiken zu schultern. Es gab beim Standard, wie in Deutschland auch, überoptimistische Beiträge zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt – und darunter offene Befürchtungen, dass sich das auf die Beschäftigung und das Gehalt der Einheimischen auswirkt. Derartige Kommentare hätte es früher beim Standard kaum gegeben und wenn doch, hätte sie die Phalanx der Rechtlinksgläubigen niedergemacht. Die Zeiten sind vorbei. Es sind einfach zu viele, und sie vertreten ihre kritische Meinung durchaus zivilisiert und ausgewogen.

Wer verstehen will, was in Österreich passiert ist, kann dort lernen: Das, was mitunter als “Blaufärbung“ des Kommentarbereichs bezeichnet wird, ist erkennbar Ausdruck der sich ändernden Einstellung von Debattierenden. Anlässe, die auch der Standard zur Kenntnis nehmen musste, gab es speziell in Wien genug: Der Skandal um muslimische Kindergärten, brutale Konflikte zwischen migrantischen Jugendgangs, der Anstieg der Drogendealertätigkeit mit der Flüchtlingskrise, eine brutale Gruppenvergewaltigung, dann noch ein Mord am Brunnenmarkt wie aus einem Horrorfilm, dazu das für Österreich und Wien typische Versagen der Behörden. Der Standard ist längst nicht mehr der Hort der Liberalen, die sich ein besseres Österreich wünschen, sondern eher ein Platz für Zyniker, die von den Parteien und ihren Vertretern insgesamt enttäuscht sind. Und oft genug sagen, dass sie den Hofer wählen, weil die anderen Parteien die vorangegangenen Wahlschlappen noch immer nicht verstanden haben.

austrif

Wer hier mit der Logik der Grünen Jugend Nazis am Werk sieht, verkennt den Umstand, dass eher schlecht gebildete Rechte die Boulevardzeitung Krone kaufen, und Bürgerliche bei der “Presse“ umsorgt werden. Es gibt in Österreich eine strukturelle und durch Versagen und Skandale verursachte Schwäche der Parteien, die bislang die Macht unter sich aufteilten, und die Grünen sind in Wien Teil des Systems. Sie stehen für eine Politik, die nicht nur bei ihren Gegnern, sondern auch bei vielen ihrer bisherigen Befürworter nicht mehr wählbar erscheint. Das äussert sich nicht wie bei der AfD mit Wut im Stillen, sondern ganz offen auch dort, wo man solche Meinungen am wenigsten erwarten würde. Der Standard gibt dem ehemaligen Trotzkisten Robert Misik eine Internetkolumne, die seit jeher extrem FPÖ-kritisch ist – darunter macht man sich in den Kommentaren über ihn lustig. Das ist der Zustand im Zentralorgan des Lagers, das pro forma mit SPÖ, Grünen und NEOS als fortschrittlich gelten könnte.

Wenn dann als Bemühung in letzter Sekunde auch noch Frauen mobilisiert werden sollen – der Standard hat mit “die Standard“ auch ein Angebot, das sich speziell an Frauen richtet – stösst das auch nicht auf ungeteilte Zustimmung bei den Lesern. Der Standard hat in diesem historischen Konflikt zwischen den Lagern für van der Bellen wirklich getan, was er konnte, und darüber die ungeteilte Zustimmung seiner ureigensten Leser verloren.

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Ich bin Bayer und für uns sind Österreicher entlaufene Sklaven, die zurück in unsere Leibeigenschaft gehören, wie schon im 10. Jahrhundert. Aber bis es so weit ist, würde ich deutschen Auguren der Wahl in Österreich wirklich nahe legen, die durchaus differenzierten und reflektierten Kommentare beim Standard zu lesen. Wenn massenweise Leute von der Linken öffentlich bekunden, dass sie mit van der Bellen wenig anfangen können und die herrschenden Parteien einen Dämpfer brauchen, erklärt das einiges über die sehr speziellen Verhältnisse im Nachbarland, das die Asylkrise zu allen anderen Krisen auch noch obendrauf bekam. Sehr viele Österreicher haben sich entschieden, Hofer ihre Stimme zu geben, und selbst bei linken Zeitungen kann man unter den Beiträgen lesen, warum sie das tun. Diese Leute schrieben das, damit ihre Wahlentscheidung nicht unverstanden bleibt.

Wir Journalisten haben beruflich aufgrund der Sprachbarrieren keine Angst vor Migranten als Konkurrenten und vor ihrer Zuwanderung in Sozialsysteme, die wir mit der Künstlersozialkasse kaum finanzieren. Wir könnten uns informieren und sollten das auch tun. Es ist möglich. Allerdings habe ich diesen Beitrag zu schreiben begonnen, bevor ich bei SPON diesen Teaser sah.

austrib

Man kann es sich mit den Erklärungsmodellen natürlich auch so einfach machen. Und damit eine Situation herbei hetzen, in der kommende Wahlerfolge der Rechten eine Art Beschäftigungsgarantie für solche Mahner sind, die bei der Grünen Jugend sicher gut ankommen .

23. Mai. 2016
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18. Mai. 2016
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„Denkbare“ Straftaten gegen Rechts bei Bento.de

Spiegel Online ist nach Bild.de die zweitgrößte Nachrichtenplattform im Internet. Es gibt seit einem halben Jahr einen “Jugendableger“, der an erfolgreiche Formate wie Buzzfeed, Vice und Vox aus dem englischsprachigen Raum anknüpft: Bento. Täglich werden mehrere Beiträge von Bento.de auch auf Spiegel Online als Teil des dortigen redaktionellen Angebots gespielt. Heute erschien dort ein Interview, geführt vom Vice-PKK-Demoreporter Richard Diesing, mit der Hamburger Rapgruppe “Neonschwarz“, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Schon der Teaser des Beitrags auf Spiegel Online stellt die Frage, wann “Backpfeifen“ legitim sind.

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In dem sehr gefälligen Interview geht es zuerst um Themen wie die gleiche Verteilung von Reichtum und soziale Gerechtigkeit, für die der Mittelfinger als Kampfmittel als gerechtfertigt gilt. Die Mittel der Auseinandersetzung werden dann deutlich schärfer, wenn sich die Musiker für die Antifa aussprechen. Der Wunsch, politische Gegner sollten „aufhören zu atmen“, wird dadurch legitimiert, dass es ein “Rap-Song“ sei, “der darf überzogen sein“:

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Vermutlich muss man für diesen Todeswunsch „guter Menschen“ die Inanspruchnahme der künstlerischen Freiheit als Grundlage betrachten, die vom Grundgesetz garantiert wird, Artikel 5, Absatz 3. Allerdings wird in Deutschland dort auch das Demonstrationsrecht für alle Menschen unabhängig von ihrer politischen Einstellung garantiert, namentlich in Artikel 8. Das hat sich aber offensichtlich bislang nicht zu Neonschwarz und in der Folge zu bento oder Spiegel Online herumgesprochen, denn widerspruchslos erklärt Neonschwarz, dass sie ein anderes Vorgehen für “legitim“ halten.

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Die Versammlungsfreiheit macht keinen Unterschied zwischen der politischen Einstellung der Menschen, weshalb auch “Nazi-Mobs“ durch Städte marschieren dürfen, solange sie sich an Recht und Gesetz halten. Das Recht dazu haben sie, auch wenn die Aufmärsche nicht beliebt sind, und es wird im Zweifelsfall vom Staat auch durchgesetzt. Etwa mit §21 des Versammlungsgesetzes:

Wer in der Absicht, nichtverbotene Versammlungen oder Aufzüge zu verhindern oder zu sprengen oder sonst ihre Durchführung zu vereiteln, Gewalttätigkeiten vornimmt oder androht oder grobe Störungen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Allein die Androhung reicht hier schon aus. Die ausgeführte  “durchaus denkbare Backpfeife“, die dazu Mittel sein soll, ist nach §223 StGB mindestens Körperverletzung, und allein der Versuch ist schon strafbar. Sehr wahrscheinlich würde in so einem Fall auch §240 StGB Nötigung zur Anwendung kommen – und genau wegen solcher „Hatespeech“-Aussagen macht das Justizministerium gerade Druck auf Facebook, sie zu löschen. Den projektleitenden Bento-Redakteuren möchte man angesichts solcher Vorschläge in diesem Kontext auch die Lektüre von §26 StGB Anstiftung und §111 StGB Öffentliche Aufforderung zu Straftaten ans Herz legen:

Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) zu einer rechtswidrigen Tat auffordert, wird wie ein Anstifter (§ 26) bestraft.

Die Vermittlung des Gewaltmonopol des Staates als absolut grundlegendes Rechtsprinzip in Deutschland hat bei Bento dagegen offensichtlich ausgedient – bislang kannte man das eher von Autoomenseiten wie linksunten.indymedia, die ihre Wut und den Zorn ebenfalls als Grund für legitim empfundene Straftaten benennen. Neonschwarz setzt dann noch eins drauf und zeigt beim Ziel der „gerechteren Verteilung““ Verständnis für Ausschreitungen:

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Der “Angriff auf symbolische Objekte“ nennt sich unter Vollstreckungsbeamten nach §303 StGB Sachbeschädigung. Wenn eine ganze Gruppe gegen Gegenstände vorgeht, wie im Interview beschrieben, gilt das humorlosen Richtern nicht als cooles Interview mit grosser Reichweite bei SPON und “zivilgesellschaftliche Aufgabe“, sondern als Landfriedensbruch, §125 StGB. Dass die attackierten Gegenstände “symbolisch“ sein sollen, hat in der Regel keine strafmindernde Wirkung – irgendwie hat Bento.de den entsprechenden Hinweis an die jugendlichen Leser vergessen.

Dafür hat Bento direkt unter diese freundliche Verteidigung von Straftaten, die definitiv nicht im Einklang mit unserer „zivilgesellschaftlichen Pflicht“ sind, eine Bildergalerie gesetzt, beginnend mit der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry: “Die Augen rechts – Das sind die Akteure der neuen Rechten.“

Die AfD wude in den letzten Monaten häufig Opfer linksextremistischer Gewalt.

An gleicher Stelle bei Spiegel Online war 24 Stunden davor ein Gastbeitrag von Bundesminister Heiko Maas zu finden, in dem er die AfD vehement attackierte und auf eine Stufe mit Putin, Trump und Erdogan stellte. Sein Beitrag endete mit der Anrufung eines anderen Deutschland:

Unser Land hat eine trübe Vergangenheit, aber die Generation unserer Eltern hat ein modernes Deutschland geschaffen: weltoffen und liberal im Innern, gute Nachbarn und friedliche Partner nach außen.

Bei Spiegel Online und Bento trifft das am nächsten Tag kaum mehr zu.

18. Mai. 2016
von Don Alphonso
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15. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Das Web und die Pleite, die der Guardian will

Wenn Firmen anfangen, ihre Kunden zu beschimpfen, ist das Ende meist nah.

Vor einem Monat war es beim britischen Guardian so weit. Die Zeitung, die durch ihre Zusammenarbeit mit Wikileaks und Edward Snowden vielleicht zur wichtigsten Stimme der digitalen Aufklärung geworden war, blickte in ihre eigene Kommunikation mit den Lesern, und veröffentlichte eine wenig erbauliche Untersuchung: Die zehn am heftigsten angegriffenen Autoren waren acht Frauen und zwei “non-white“ Männer. Der Guardian schob ein Editorial hinterher, das erklärte, wie er die Freiheit des Netz gerade sieht:

Free speech online can be revolutionary. But it can also poison the very bloodstream of democracy

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Für eine mittlerweile global agierende Zeitung, die sich mit den mächtigsten Geheimdiensten des Westens, Politikern und Gerichten angelegt und viel für genau diese Freiheit getan hat, ist das ein ernüchterndes Statement. Owen Jones – ein ehemaliger Gewerkschaftslobbyist und einer der vielen linkslastigen Neuzugänge beim Guardian während dessen Expansionsbestrebungen – sieht den Dialog mit den Lesern am Scheideweg:

Now we can have a two-way conversation, a dialogue between writer and reader. But the comments have become, let’s just say, self-selecting – the anonymously abusive and the bigoted increasingly staking it out as their own, leading anyone else to flee. Such is the level of abuse that many – particularly women writing about feminism or black writers discussing race – have simply given up reading, let alone engaging with, reader comments.

Was ein erstaunlich hartes Urteil eines liberalen Mediums über eine Leserschaft ist, die auf der anderen Seite durch ihre Treue und ihr Klickverhalten dafür sorgt, dass die eher kleine Printzeitung im Digitalgeschäft eine weltweit beliebte Marke geworden ist. Wenn man einmal notorische Trolle herausrechnet, sollten Kommentatoren eigentlich die treuesten und offensten Leser sein, die am ehesten der Kundenbindung zuträglich und bereit sind, im Netz als „Evangelists“ der digitalen Marke aufzutreten. Der Guardian verdankt seinen Einfluss auch genau jenen, die seine Inhalte im Netz weiter verbreiten und dadurch mehr Leser auf die Seite locken.

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Nun deutet Owen Jones schon an, worum es im Kern bei der “dark side“ seiner Leserschaft geht: Um Fragen des Feminismus und der Ethnizität. Der Guardian hat in den letzten Jahren Autorinnen und Autoren wie Owen eine Heimat gegeben, die man im Netz auch als “Social Justice Warriors“ bezeichnet, und die nun offensichtlich besonders von den Kommentarkonflikten betroffen sind: An erster Stelle ist die amerikanische Radikalfeministin Jessica Valenti, die eine erfundene Gruppenvergewaltigung ein einer Universität mit dem Schlachtruf “I stand with Jackie“ verteidigte, obwohl längst klar war, dass sie – und mit ihr der Guardian und viele andere Medien- einer Borderlinerin und einer versagenden Journalistin auf den Leim gegangen war. Oder die israelfeindliche Autorin Laurie Penny, deren pauschalisierende Aussagen über Männer und andersdenkende Frauen schon ein gerüttelt Mass an “dark side“ in die Debatten einbringen.

Der Guardian war jahrelang als Sprachrohr dabei, als eine gewisse Emma Sulkowicz versuchte, ihren von Vergewaltigungsvorwürfen frei gesprochenen Exliebhaber öffentlich mit Vorwürfen zu ruinieren. Der Guardian gab der fragwürdigen Connie St. Louis eine Bühne, um ihren Rufmord gegen den Nobelpreisträger Tim Hunt voranzutreiben. Dass der sich als Opfer gebende Guardian momentan nicht mit einstimmt, da Teile der britischen Labourparty und deren Vorsitzender eine Hetzjagd gegen die als konservativ geltende BBC-Journalistin Kuenssberg veranstalten, ist eine bemerkenswerte Ausnahme – dafür ist erneut die Klage über “Trolle“ gross. Professoren, die in England mit den dortigen Political Correctness Bestrebungen ein Problem haben, werden weniger freundlich abgehandelt – der religionskritische Zoologe Richard Dawkins, der manchen Linken nicht konform genug ist, wurde für den Troll des Jahres 2013 nominiert. In Amerika ist und bleibt der Guardian ein wichtiger und einseitiger Medienpartner der “Campus Rape“ Debatte. Der Guardian ist nicht linkskiberal – er definiert, was linksliberal zu sein hat, und lässt Abweichungen nicht zu: Abusive und Hate Speech sind immer die anderen.

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Kurz, es ist kaum möglich, die Website zu besuchen und nicht auf neue, linke und sehr zugespitzte Positionen zum Zustand der Welt zu stossen, die bis zu den Standpunkten des Guardians böse und gemein ist. Dazu kommt eine ausgeprägte Verbots- und Empfehlungshaltung, die dem Leser erklärt, wie er sich besser verhalten sollte. Und natürlich droht beim Guardian immer die rechte Weltherrschaft. Tories ist England, Trump in den USA, Umweltvergiftung, Gesundheitsgefahren, und ab und zu ertönt Jubel, wenn man etwa den beliebten, aber gefeuerten TV-Moderator Jeremy Clarkson den eigenen politisch korrekten Lesern zum Frass vorwerfen kann. Der Guardian bietet reichlich Ansätze zu Debatten, aber er führt sie selbst nicht gerade so, als sei er sonderlich an abweichenden Meinungen interessiert.

Die Leute, die der Guardian unter dem Chefredakteur Rusbridger und nach den Welterfolgen mit Assange und Snowden eingekauft hat, sind nicht wirklich Ausdruck einer breiten Meinungsvielfalt. Der Guardian besetzt eine linksliberale Nische, aber mit einem Aufwand, als sei er ökonomisch eine publizistische Weltmacht. Das kann man als Leser, wenn man von der Arbeit des Guardian überzeugt ist, fördern. Der Guardian verlässt sich darauf, denn das Stiftungsvermögen, von dem er zehrt, stammt aus dem Verkauf einer Internetanzeigenfirma, die früher jährlich Gewinne abwarf. Das Defizit zwischen den horrenden Kosten für die Onlineplattformen und den Erträgen aus Stiftung, Zeitungsverkauf und Werbung müssten und könnten die Leser tragen. 49 amerikanische Peseten Förderung im Jahr ist wahrlich nicht viel für die Zeitung, die die NSA und das State Department vorgeführt hat, und die nun gezwingen ist, massiv Personal abzubauen.

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Aber es ist ein Haufen Geld, wenn ein Blatt ständig suggeriert, andere Sichtweisen wären automatisch verwerflich und ihre Vertreter Brandbeschleuniger für den eigenen moralischen Scheiterhaufen. Ich schreibe beim Guardian keine Hasskommentare, ich denke mir immer: „Moment, liebe Autoren, da wäre ein wenig differenzierte Haltung, mit etwas Rücksicht auf den kulturellen Kontext, und Betrachtung aller bekannten Fakten…“ – und dann gebe ich auf. Es lohnt sich nicht. Ich lese gern andere Meinungen, man muss mir nicht nach dem Mund schreiben, aber der Guardian setzt auf eine harte, ideologische Linie, die an keiner Stelle selbstironisch durchbrochen wird. Das ganze Projekt verkörpert in seinen besten Momenten die Aufklärung, aber im täglichen Umgang stellt es einem dauernd die Frage: Wir oder sie? Bist Du auf unserer Seite oder der falschen? Die Ausweitung der Redaktion hat Leute an die Tastaturen gebracht, für die das totalitäre Motto “Listen and believe“ der grundlegende Anspruch an die Leser ist. Das ist mir so unsympathisch, dass ich nicht mehr zahle, obwohl es mir sehr wichtig erscheint, dass es ein Sturmgeschütz wie den Guardian in seinen guten Momenten gibt.

Es mag angesichts der amerikanischen und britischen Innenpolitik auch Sinn machen, extreme Positionen zu vertreten. Die grossen Leistungen sind wichtig und unbestritten, aber darüber hinaus geht der Medienkonzern seinen Weg zu einer sehr klar definierten und spitzen Zielgruppe. Diese Zielgruppe gilt als richtig, abweichende Meinungen gelten als “dark side“. Ich habe mir die langen Kommentardebatten um Campus Rape, Racism und Political Correctness dort angeschaut, weil sie, anders als die Beiträge selbst, durchaus vielstimmig sind: Da ist jede Menge Emotion drin. Für ein Produkt wie eine Zeitung kann das gut sein, wenn sie es annimmt und nicht verdammt.

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Was nun über die desolate Finanzlage der Stiftung und die ausbleibende finanzielle Unterstützung durch die Leser bekannt wird, und über die Bewertung ihrer eigenen lesenden Kunden, spricht eher für krasse Fehleinschätzungen des Schreibpersonals. NSA und Botschaftsdepeschen sind fraglos Themen, die das gesamte liberale und teilweise auch konservative Spektrum kommen lassen. Das soll nun als Klickvieh sektiererischer Editorials für Umsätze sorgen. Aber Debatten sind selten wie bei der Totalüberwachung des Internets eindeutig in Gut und Böse geteilt. Der Guardian jedoch führt – zumindest nach meinem Empfinden – alle Debatten so, und wer sich dort überall bestätigt sieht, nuss schon ein sehr einheitlich links gebürstetes und reines Weltbild haben.

Diese Leute gibt es sicher, aber sie zahlen die vielen Mitarbeiter nicht. Deshalb verbrennt der Guardian Geld, beschimpft seine früher begeisterten Leser als Gift, und kritisiert die freie Rede im Internet. Der Guardian schreibt nicht für das Internet, sondern für “The web we want“. Es wird spannend sein zu sehen, ob der Guardian dieses Web irgendwo findet, ohne darüber pleite zu gehen.

15. Mai. 2016
von Don Alphonso
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04. Mai. 2016
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Wie man den Hass im Netz beendet

Ich kenne kaum eine Wohnung von bekannteren Netznutzern.

Ich mein, ich weiss vergleichsweise viel über sie. Mit wem sie schlafen und welchen Beischlaf sie nachträglich nicht so gut fanden. Das schreiben sie nicht offen, aber wer zwischen den Zeilen lesen kann, Hashtags wie #whyIsaidnothing erlebt, und sich etwas in diesen Kreisen auskennt, weiss natürlich, wer gemeint ist. Und warum man vielleicht auch nicht mit ihnen schlafen sollte. Ich sehe ihre Wach- und Schlafzeiten, ich sehe ihren stolz verkündete Tätigkeit im Netz, und kann in etwa einschätzen, wo sie beruflich stehen. Ich sehe Veränderungen in ihrem Umfeld, wer in ihrer Gunst aufsteigt, und wer mehr oder weniger brutal weggeschoben wird. Kennt man einen Streit um Einfluss und Geld, so scheint es mir nach anderthalb Jahrzehnten Bloggerei, kennt man alle.

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Aber ich kenne die Wohnungen nicht. Das liegt nicht an einem besonderen Hang zum Datenschutz, denn der existiert in Kreisen nicht, die ganz offen über Partnerbeschaffung bei Tinder sprechen – was auch etwas über die Einstellung zu Freundschaften aussagt. Sie zeigen mir viel, wenn sie etwas schön und gut finden, und oft hat es mit “Wohlgefühl“ und “Zufriedenheit“ zu tun. Bei mir und vielen anderen, die ich nicht aus dem Netz kenne, stehen da an erster Stelle die eigenen vier, acht oder mehr Wände. Was ich davon selten im Netz zu sehen bekomme, ist mehr funktional denn schön, mehr Ikea denn wertvoll und, von ein paar Restaurierungsbloggern einmal abgesehen, schlicht und ergreifend austauschbar. Nicht das, was man will, sondern nur das, was verfügbar ist.

Gründerin, mal auf der Titelseite eines Magazins und jetzt auf der re:Publica Vortragende: Graue, niedrige Stahltische auf grauem Industrieteppich. Internetvordenker, Buchautor: Berg mit ungewaschener Kleidung. Leute, die sich von Grossindustrie und Reiseveranstaltern einladen lassen: Seit Jahren die gleiche Mietwohnung und Essen vom Inder, weil die Töpfe noch nicht ausgepackt sind. Promovierte Aktivistin, die anderen zeigen will, wie man voran kommt und selbst damit hadert, dass die Bude einfach nicht passt und zu teuer ist. Katzenbilder, so zurecht geschnitten, damit man nicht das Ambiente erkennt. Viel, sehr viel Berlin, natürlich, und alles in Folge der Preisexplosion in Mietverhältnissen. Nebenkostennachzahlung ist ein Thema, Innenarchitektur nicht.

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Es sind Wohnverhältnisse, die man aus Büchern wie “Neuromancer“ und Filmen wie “Blade Runner“ kennt. Es sind Lebensformen, für die Batterieleistung und WiFi-Verbindung entscheidend sind, und die erwarten, dass diese Bedürfnisse immer befriedigt werden. Es ist ihnen vollkommen egal, ob Gläser geschliffen oder gepresst sind. Sie haben keine Tasse und Untertasse, sondern Becher mit Werbeaufdruck und schwarzen, festgetrockneten Resten. Sie sind abgelenkt und fixiert auf das, was auf Bildschirmen abläuft. Es gibt nichts, was sie von aussen ins Netz tragen könnten, das sie nicht vorher daraus bezogen hätten. Ihre Lebensblickachse richtet sich auf den Screen und ignoriert, dass es um sie herum weniger gut aussieht. Das trifft auf die AfD-wählende Studentin mit islamophober Einstellung und Dauerfacebook genauso zu wie auf den Refugee-Welcome-Aktivisten, der das Netz wissen lässt, was er am Lageso tun wird.

Und sie alle fühlen sich wie Stars. Sie haben Follower und Anhänger, Gleichgesinnte und Verehrer. Sie könnten kaum jemand in ihre Wohnung lassen, aber jeden, der will, in ihre Gefolgschaft. Das Internet ist nicht nur eine Wohnung, es ist für sie ein ewiges Walhall, ein dauerhafter Volkskongress, in dem sie die Richtung vorgeben. Das erzeugt Autoblogger, die wirklich glauben, ihr geschmierter Beitrag würde etwas am Gang der Industrie ändern. Es erschafft einen Aktivismus, der sich vor allem damit beschäftigt, im Netz aktiv zu sein. Das bringt mir täglich eine lächerliche Petition von Change.org in das Postfach, deren Autoren bar jeder Selbstkritik sind. Und viele erwarten, dass man sich an ihren Crowdfundings wie bei Krautreporter beteiligt, oder via Patreon zu ihrem Treiben beiträgt, dem jede externe Qualitätskontrolle fehlt. Warum auch Qualität, es finden sich einige, die dafür zahlen, das Beispiel Krautreporter mag als Vorbild gelten. Es gibt nicht genug für den Bau eines Hauses, aber solange die Batterie hält und die WiFi-Verbindung steht, sind sie genügsam.

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Vor 10 Jahren haben Sascha Lobo und Johnny Häusler nicht nur die re:Publica auf den Weg gebracht, sondern auch versucht, 30 Blogs zu kommerzialisieren. Sie wollten mit “Adnation“ einen Vermarktungskanal für Blogwerbung schaffen, und haben sich bei der Gelegenheit mit vielen Leuten – unter anderem auch mit mir – überworfen. Wer die Kommerzialisierung nicht wolle, so Lobo damals, sollte doch ein “Praktikum bei einer nordkoreanischen Staatszeitung“ machen. Die Wirtschaftsgeschichte der Blogger hat danach allerdings gezeigt, dass es sich auch hier um einen eher nordkoreanischen Arbeitssklavenmarkt mit niedrigen Einstiegshürden und noch niedrigeren Erfolgsaussichten handelt; manche der damals Vermarkteten haben ihr Heil längst in der Flucht zu öffentlich-rechtlichen Häusern gesucht. Stefan Niggemeier, damals mit Bildblog dabei, versucht es nach einem Gastspiel bei Krautreporter jetzt – durchaus ehrbar – mit Übermedien. Das Netz ist keine üppige Weide: viel Platz, aber wenig Möglichkeiten, etwas abzugrasen. Man kann sich damit durchschlagen, und hängt dann fest zwischen den schlechten Aussichten und schwindenden Alternativen. Das ist meines Erachtens der Grund, warum die re:Publica so erfolgreich ist: Drei Tage lang dürfen sich die Anwesenden so geehrt fühlen, wie sie die restliche Zeit des Jahres nicht sind.

Dort sprechen sie momentan vor allem über den Hass und dass das Netz nicht so wurde, wie sie es sich gewünscht hätten. Es klingt für mich wie der Streit in einem Wohnblock, der einstmals als Luxusdomizil geplant wurde und nun heroinsüchtige Exrockstars, Immernochhalbstarke und Selbstbewunderer aller Art beherbergt, während im geleerten Pool die Ratten quietschen. Der Aufzug streikt, die Keller sind an die AfD vermietet, die Klimaanlage stinkt nach verbrannten Insekten, und in den Gängen urinieren ein paar betrunkene Piraten-AGHler auf den abgetretenen Teppich und grölen die Internationale. Für ein paar Scheine würde jeder alles tun. Ich bin gerade in Siena, aber das Gemaule und die Reklamationen dringen bis zu mir, und alle beklagen sie den Hass, der im Netz virulent und ganz schlimm sein soll. Es kann schon sein, dass in so einer verkorksten Sozialmediawohnanlage die Stimmung nicht sonderlich gut ist. Aber die Klagen sind verständlich. Ich kenne ihre echten Wohnungen nicht, weil das Netz ihre echte Wohnung ist. Und die entspricht einfach nicht ihren Erwartungen. Per Nonmention werde auch ich bei den Konflikten bedacht – bittschön, ich wohne in einem Palazzo bei Siena, und wenn ich hier den Schlüssel abziehe und radeln gehe, schaltet sich auch das WLAN unter den jahrhundertealten Balken ab.

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Wer nichts anderes als das Netz hat, nimmt es zu wichtig. Da unterscheiden sich Netzaktivisten nicht im Mindesten von der Raserszene, für die mangels Alternativen der aufgemotzte BMW 318 das Versprechen eines Lebens ist, das anderen eher peinlich erscheint. Die Konflikte sind so gehässig, weil die Leute wie türkischstämmige Halbstarke von ihrem Ansehen, oder wenn man so will, ihrer Ehre leben, auch wenn das in der Szene “digitale Reputation“ heisst. Das ist nicht materiell, das kann schnell verschwinden, und entsprechend verbittert wird darum gerungen. Offen geben solche Leute dann den ehrlichen Rebellen, hintenrum schicken sie weinerliche Gegendarstellungswünsche an die Herausgeber. Es wird mit allen Mitteln gearbeitet, und das Rauskegeln von Andersdenkenden aus den Berufen gilt mittlerweile als Anlass für Belobigung. Das Netz ist das Crystal Meth, auf dem recht viele in dieser Szene sind, und genau so erbittert und brutal wird darum gehasst, gekämpft und ausgegrenzt: „Du schreibst was bei X also kenne ich dich nicht mehr.“ Wie so oft, wenn es um moralische Anliegen geht, ist schon sehr wenig Geld dann ein grosser Grund für Untaten.

Wer das ändern will, sollte ihnen die Sinnlosigkeit ihrer Erwartungen vermitteln. Oder, wenn das zu unmenschlich sein sollte, nicht nur drei Tage, sondern das ganze Jahr Aufmerksamkeit und üppige Löhne für ihr Treiben zukommen lassen. Das würde den Hass mit Sicherheit reduzieren, denn sie würden sich gewürdigt und angemessen beachtet fühlen. Sie wären zufrieden in ihrem Haus, das das Internet ist. Sie könnten vielleicht eine Putzfrau einweisen oder mal in Ruhe abspülen, ihre Krankenkassenrückstände begleichen und nach einer schöneren Wohnung suchen. Mit Balkon. Und darauf Blumen anbauen. Sie müssten nicht dauernd dem nächsten Auftrag oder marginalen Job hinterher laufen, was der Stimmung schadet. Sie hätten sowas wie ein richtiges Leben und könnten anfangen zu überlegen, wie aus dem Internet wieder eine Ergänzung des Lebens wird. Dann nimmt man das alles nicht mehr so ernst. Vielleicht redet man dann auch mal mit Freunden, wenn sie eine andere Meinung haben, statt sie gleich zu Feinden umzuwidmen. Es wäre auch interessant zu sehen, ob mit einem in dieser Szene propagierten bedingungslosen Grundeinkommen die Streitereien vielleicht nachlassen würden.

Ich glaube an das Gute im Menschen. Und an schöne Häuser in der Toskana. Auch ohne Internet.

04. Mai. 2016
von Don Alphonso
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30. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Leben und Untergang ohne Internet

Vermutlich kennen Sie alle diese “Ich habe eine Woche mit dem Internet/Facebook/Twitter aufgehört und habe es geschafft“-Texte, mit denen Medien sporadisch aufwarten. Es gibt zu diesem Thema heldenhafte Autoren und clever vermarktete Bücher, denn als Buch macht so ein Versuch finanziell Sinn, wohingegen der Internettext vermutlich kostenlos und mit Werbung aufgewertet von Drückebergern mit Ad-Blockern raubmordgelesen wird. Tatsächlich findet man in den Medien auch Leute, die früher dachten, das Internet gehe schon wieder weg. Und diese Leute glauben heute, dass mit Snapchat das normale Internet vergessen wird, und die Renaissance der Leser ansteht.

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Für solche mittelalterlichen Ansichten lebe ich gerade vorbildlich in der Nähe von Siena. Ich habe ein grosses Apartment mit dicken Festungsmauern, wegen denen mehrere wichtige Mails an die Organisatoren der l’Eroica verschollen sind – es ist einfach unerklärlich. Ich weiss, das es technisch nicht sein kann, aber trotzdem, es ist so. Wir sind den ganzen Tag unterwegs, gestern San Gimignano und Volterra, und während sich die anderen mit Blicken auf ihre Wetter-Apps verunsichern, die für Sonntag schwere Gewitter ansagen, blinzle ich einfach in die Sonne. Ich sitze da und sage mir, dass es auch nicht schlimmer als letzten Herbst werden kann, denn am Sonntag fahre ich 105 Kilometer und 105 Kilometer hat es auch im letzten Herbst geschüttet und gewittert. So schön ist das Leben ohne Internet.

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Ich habe sogar mein Mobiltelephon vergessen, und was soll ich sagen – die noch fehlenden Recken, die über die Schweiz zu uns reisten, brauchten in mir keine ständige Nanny, der sie sagen können, wo sie sind. Irgendwann am Abend, als wir beim zweiten Gang über volle Bäuche stöhnten, kamen die Nachzügler ins Restaurant, denn denn die Festungsherrin hatte ihnen gesagt, wo wir sind. So ist das halt mit Männern, zumal, wenn sie noch vor der digitalen Revolution geboren sind. Sie sterben nicht sofort, wenn man ihnen das Mobiltelephon wegnimmt. Und deshalb bin ich sehr dafür, dass man dem Jugendlichen in der Schule die Flimmerkisten abnimmt. Die sind da so zum Lernen, wie ich für den Genuss in Italien sind. Das Netz braucht da wirklich niemand, und vom chatten, liebe Kinder, wird meine Rente auch nicht bezahlt. Und auch keine Bodenampel, die man baut, damit Handyglotzer unverdienterweise dem segensreichen Wirken der Evolution der Arten entgehen.

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Aber. Vorgestern Nacht habe ich mich auch mit Technik beschäftigt. Mit einer Hinterradnabe des italienischen Hestellers Campagnolo. Campagnolo ist so etwas wie das Apple unter den Fahrradkomponenten, und damit wurden früher Radrennen gewonnen, wie heute Berliner Hipster mit Apple das Vermögen ihrer Eltern in Projekten durchbrennen. Ich fahre gern Campagnolo, ich mag die bombensichere Konstruktion. Campagnolo funktionierte früher technisch schlecht und hält dafür bis heute alles aus, und das ist der Grund, warum wir auch heute noch diese alten Kisten über Schotter heizen und zu Bergsiegen treten können. Manchmal wackelt vielleicht ein Lager, dann kann man es nachstellen. Gestern wollte ich das bei der Hinterradnabe machen, setzte mit zwei Schaubenschlüssel an, und dann bewegten sich die Muttern. Leider jede mit einem Teil der gebrochenen Achse.

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Die Achse ist vermutlich über 40 Jahre alt und eines der Teile am Rad, die die grösste Belastung ertragen. Das passiert hin und wieder. Daheim würde ich das Rad in den Speicher stellen und eines meiner anderen Räder nehmen. Am Abend würde ich dann in Kisten nach einer alten Nabe suchen, die ein verwertbares Ersatzteil enthält. So wäre das daheim. Aber in der Toskana habe ich aufgrund der Transportkapazitäten nur ein einziges Rad dabei. Und morgen ist das Rennen, von dem zwei Auftraggeber Texte haben wollen. Ohne Achse kann ich nicht fahren, und ohne Internet wäre das keine gute Situation. Man kann nicht einfach in einen Radladen gehen und sagen, dass man eine Hinterradnabe braucht, die seit Anfang der 80er Jahre nicht mehr gebaut wird. Kurz, ich stehe effektiv vor einem Debakel, aber ich habe Internet.

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Es gibt im Internet eine Plattform für alten Plunder – hier in Italien heisst sie Subito. Ich öffne den Rechner, gehe auf die Seite, suche nach Rennrädern in der Region Siena – und siehe da, in Poggibonsi, sieben Kilometer von hier, steht ein altes Rennrad komplett mit genau den Naben, die ich auch habe. Ein weiteres Rad findet sich in Monteriggione, ebenfalls in der Nachbarschaft. Es gibt kostenlose Übersetzungsangebote im Netz, in denen ich den Verkäufern meine Wünsche verdeutlichen kann. Ich muss nicht mein letztes Hemd verkaufen, um bei nach langer Suche bei einem Fachhändler vielleicht doch eine Nabe für Sammler zu Mondpreisen kaufen zu dürfen, ich kann mir einfach ein Rad holen, die Achse umschrauben, und das neue Rad später in Deutschland, wenn auch hier das Hinterrad repariert ist, an andere Freunde der Selbstfolterung abgeben.

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Denn in Deutschland habe ich in jenem oft geschmähten Internet viele Leser, und die Erfahrung zeigt auch, dass hinter dem Ah und Oh, das aus Damentastaturen bei alten, polierten Stahlrennern kommt, auch ein reales Interesse steht. Ich kann mich mit dem Internet nicht nur aus einer misslichen Notlage befreien, ich kann auch zusätzlich andere Menschen erfreuen. Denn dem Publikum ist es egal, ob seine Wünsche nach Nostalgie und Vergangenheit nun mit dem Fund im Internet befriedigt werden, oder, wie bei diesem hübschen Damenrad klassisch, durch Jagen und Sammeln bei den Containern der Schrottannahme. Beides ist möglich. Mir macht der Schrottcontainer auch mehr Spass, aber hier nun rettet mich allein das Internet.

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Was ich damit sagen möchte: Wir alle ärgern uns über die Nebenkostenabrechnung beim Wohnen, aber wir gehen selbstverständlich davon aus, dass Wasser aus den Leitungen fliesst. Wir alle regen uns über die Tricks der Landwirtschaft auf, aber genug von uns verlangen nach Qualitätsessen zum Schlachtabfallpreis. Wir sehen im Netz, dass es eine Heimat für alle Irren wurde, und werden überall angeplärrt und dreist angelogen – aber gäbe es das Netz nicht, so könnte ich morgen nicht bei der l’Eroica starten, weil ich kein Rad hätte. Aber mit dem Netz bin ich, ist jeder problemlos in der Lage, ein höchst ausgefallenes Teil einfach zu finden. Früher wäre alles vorbei gewesen. Heute machen wir den Rechner auf und haben eine Lösung. Das ist so phantastisch wie fliessendes Wasser. Also richtig, richtig gut, trotz all der Lügen.

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Apropos Lügen: Natürlich habe ich es dann ganz anders gemacht, denn in Buonconvento gibt es auch einen Teilemarkt, und dort habe ich für 20 Euro eine passende Nabe gekauft, zerlegt und die Achse verbaut. Aber die im Gegensatz zu einem Radkauf gesparten Euro habe ich dann in ein Rennrad von Colnago investiert, das ich beim Suchen ebenfalls entdeckt habe. Das ist ebenso schön wie fliessendes Wasser, hätte aber nicht ganz so gut in den dramatischen Kontext der Geschichte gepasst, und musste daher einem anderen und schöneren Narrativ weichen: Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden, sagen die Italiener, und es ändert auch nichts daran, dass das Netz meine Rettung hätte sein können, und es gut wie fliessendes Wasser ist. Wir vergessen das mitunter. Wir sollten öfters daran denken.

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Denken Sie ein wenig an mich, wenn ich mich dann morgen durch echten Dreck wühle und nicht nur Tweets von Genderistinnen, um Sie dann digital zu unterhalten

30. Apr. 2016
von Don Alphonso
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27. Apr. 2016
von Anna Müllner
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Big Bio Data

„We don’t know a shit!“

Diese Worte sprach Craig Venter, Biologe, nach der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts. Viel hatte man sich versprochen, doch das das Humane Genomprojekt lieferte in erster Linie neue Fragen. Noch immer sind weite Teile von genetischen Störungen und Krankheiten unverstanden, noch immer sind die meisten davon unheilbar. Der Fortschritt machte die Genomanalyse immer billiger. Und so wurde weiter geforscht. Doch weshalb brechen bei manchen Menschen Krankheiten aus und bei anderen nicht? Wieso zeigen sie unterschiedliche Merkmale?

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Wie so oft ist alles nicht so einfach: Das Genom liegt in allen Körperzellen vor und es verändert sich dabei nur minimalst. Gleichzeitig haben wir aber eine Vielzahl von unterschiedlichen Zelltypen in unserem Körper: Eine Leberzelle ist keine Darmzelle ist keine Hautzelle. Aber sie alle haben dasselbe Genom, die gleiche DNA. Unsere Zellen werden nicht einzig und allein durch die DNA kontrolliert, auch die DNA selbst und damit auch die in ihr programmierten Produkte unterliegen einer Kontrolle. Diese zusätzliche Kontrollebene nennt sich Epigenetik, also all das, was wiederum die Gene an die Umweltbedingungen anpasst. Gene werden durch biochemische Veränderung der DNA an- und ausgeschaltet, Zellumgebung, Nachrichtenmoleküle und Stoffwechsel verändern die Schaltung je nach Bedarf. Diese aktivieren und deaktivieren sich wiederum gegenseitig. Während das Erbgut geschützt im Zellkern nur wenig davon mitbekommt, spielen sich drumherum ineinander verschaltete Signalketten ab. Wie wichtig das ist, lässt sich an einem Zitat meines Vaters einfach aufzeigen: „Der Mensch hat in etwa genauso viele Gene wie der Kugelfisch. Trotzdem sieht der Mensch etwas anders aus.“

Es geht also gar nicht so sehr um das Genom als um die Gesamtheit aller durch das Genom programmierten Produkte und Stoffwechselprodukte innerhalb der Zelle. Es ist wichtiger geworden, die Verschaltung der einzelnen Informationen zu erforschen als deren Informationsbasis. Denn Veränderungen unseres Erbguts werden am Menschen nicht immer sichtbar. Es muss schon eine Veränderung des Erbguts in der richtigen Zelle zur richtigen Zeit sein.

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Trotzdem werden – zu Recht – zu Forschungs- und Diagnostikzwecken immer noch ganze Genome sequenziert. Vor allem, weil es jetzt möglich ist. Diese Sequenzierungen werden immer günstiger und sie werden zukünftig Tests auf einzelne Gene, wie sie bislang üblich sind, ablösen. Die Tests bieten sich bei genetischer Vorbelastung von Patienten an oder um zu erforschen welche Gene welche Ausprägungen begünstigen. Es gibt tatsächlich diverse genetische Korrelationen mit Krankheiten (Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen, Alzheimer, Depressionen…) die zum Teil familiär gehäuft auftreten. Das bedeutet, sie können genetisch bedingt sein. Aber auch andere Korrelationen sind bekannt, die nicht im Kontext zu einer Krankheit stehen. Homosexualität zum Beispiel, oder Haut-, Augen- und Haarfarbe. Demnach könnte man demnächst vielleicht Krankheitsrisiken, Sexualität und Aussehen voraussagen, allerdings mit hoher Unsicherheit.

Genomsequenzierungen sind schon länger möglich und zumindest Google hat dort bereits kräftig investiert. Trainings- und Gesundheitsapps verfolgen und dokumentieren mit denen Trinkmenge, Schrittanzahl, Kalorienwert oder Fruchtbarkeit und sind längst ein riesiges Geschäft. „Selbstvermessung“ bzw. „self-tracking“ nennt sich das und viele Menschen wollen und nutzen sie. Mittlerweile sollen diese Apps außerdem die Forschung erleichtern und verbessern. Aber man misst ja nur die äußeren Werte. Was doch zählt ist das Innerste. Das Genom. Genau dorthin wollen die privaten Genomsequenzierer jetzt. Welche Vorteile und Risiken birgt das?

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Während es für die chronisch unterfinanzierte Forschung und die Patienten gut ist, wenn teure Verfahren immer günstiger werden, sind Gentests bei privaten Firmen für einen Laien kaum auszuwerten. Zum einen sind die verschiedenen privaten Gentests nicht standardisiert, Tests können also von Anbieter zu Anbieter unterschiedlich ausfallen. Zum anderen sind sie für sich alleine genommen nicht aussagekräftig. Denn nur weil etwas im Genom steht muss es nicht so passieren. Immerhin, der erste „Genom-Sequenzierungs-Service“ bietet für einen Preis von 999$ sogar zusätzlich genetische Beratung an.

Genetische Daten sind nur unzulänglich anonymisierbar. Genome, die zu Forschungszwecken sequenziert und veröffentlicht wurden führten dazu, dass ein junger Mann seinen biologischen Vater, einen Samenspender, fand. Während das noch eine schöne Geschichte ist, kann man von genetischen Daten auch anderweitig Gebrauch machen, zum Beispiel wenn man DNA an einem Tatort findet und diese abgleichen will. Natürlich sind die Daten auch für Ihren Arbeitgeber und Ihre Krankenkasse nützlich. Und datenhungrige Werbefirmen können natürlich auch davon profitieren.

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Günstige Genomsequenzierungen gibt es auch für Ungeborene. Wieso nicht gleich das gesamte Genom des Nachwuchses erfahren? Tatsächlich: Das ist nicht nur möglich, sondern auch bald für jedermann finanzierbar. Es gibt mittlerweile auch eine Methode zur Genomsequenzierung von Embryonen vor der Implantation. Da sind wir tatsächlich nicht so weit weg von Designerbabys.

Und dieser Mann, den Sie da letzte Woche trafen. Ob er wohl lange genug leben wird, damit Sie gemeinsam alt werden? Er hat bei Ihnen übernachtet, am nächsten Morgen eine Einmalzahnbürste bei Ihnen benutzt. Jetzt rühren Sie die Zahnbürste etwas in salziger Lösung herum, tröpfeln sie in ein Gerät… Das Genom verrät: Er hat ein hohes Risiko für einen frühen Herzinfarkt und hohe Cholesterinwerte. Zu schade.

Aber was genau bedeutet es, wenn ich eine hohe Prädisposition für Herz-Kreislauferkrankungen habe? Was kann ich dagegen tun? Ist eine Prädisposition für eine Krankheit unausweichlich?

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Aber Statistiken sagen über das individuelle Risiko wenig aus. Nur weil statistisch gesehen viele Patienten einer Krankheit eine gewissen genetische Veränderung haben bedeutet das nicht, dass sie gerade bei mir ausbrechen muss. Der Glauben, in unseren Genen allein sei alles fest vorgeschrieben ist schlichtweg falsch und widerlegbar. Umgekehrt wird dann ein Schuh daraus: Nur weil ich keine genetische Prädisposition für eine Krankheit habe, bedeutet es nicht, dass ich sie nicht doch bekomme.

Aber immerhin, ein erhöhtes Risiko für die großen Volkskrankheiten sollte uns doch zum Nachdenken bewegen. Wir könnten unseren Lebensstil ändern, öfter zur Vorsorge gehen, mehr auf uns achten. Aber würden wir das wirklich? Es ist seit Jahren bekannt, dass der Konsum diverser Drogen und der lasterhafte moderne Lebensstil mit gesundheitlichen Risiken verbunden sind. Lassen wir deswegen die Zigarette, den Wein, den Burger weg?

Günstige Sequenzierungsverfahren sind vor allem dann sinnvoll, wenn sie in der Forschung oder in der Medizin eingesetzt werden. Dort bieten sie große Vorteile. Ich denke dabei zunächst an Tumore, welche analysiert werden könnten. Ein Leberkrebs ist eben nicht wie der andere. Er ist genetisch auch oft anders als die Metastasen (Tochtergeschwulste) die er streut. Genetische Untersuchungen von Tumoren und Metastasen könnten nicht nur gemeinsame Schwachstellen der Tumore aufzeigen sondern, wenn man Behandlungen damit abgleicht, auch wirksamere Therapien. Personalisierte Medizin nennt man das und sie ist schwer im Kommen. Aber das ist leider auch nur dann möglich, wenn genetische Profile von Patienten zusammen mit der Therapie gespeichert werden, um später abzugleichen, bei wem welche Therapie wirkt.

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Das funktioniert wiederum nur, wenn die Daten so gut wie möglich geschützt werden. Bei den Krebsregistern die derzeit in ganz Deutschland aufgebaut werden, werden bereits Diagnosen und Behandlungsverläufe mit den Patientennamen gespeichert. Das sollte man eigentlich vermeiden um den Patienten größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten.

Der Schutz personenbezogener Daten ist wichtig. Wir müssen dort den biologischen Datenschutz miteinbinden, denn wir haben bereits begonnen, die Kontrolle zu verlieren. Genetische Daten können, genau wie Metadaten, unser Verhalten prognostizieren und beeinflussen. Sie sind dabei aber genauso fehlbar. Daher muss es schnellstens Richtlinien geben, wie diese Daten geschützt verarbeitet, die Informationen bewältigt und die Aussagekraft geprüft werden können.

Mit einer großen Macht kommt eben eine große Verantwortung.

27. Apr. 2016
von Anna Müllner
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25. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Hatespeech: Wenn Regierungswünsche das eigene Lager treffen

Seit Monaten geistert ein Gerücht durch das Internet: Soziale Medien wie Facebook und Twitter seien demzufolge vom Bundesminister für Vorratsdatenspeicherung, genderistische Werbeverbote und Justiz Heiko Maas zur Zusammenarbeit mit der Amadeu-Antonio-Stiftung gedrängt worden, in der wiederum zwei bekannte Personen mit umstrittener Vorgeschichte arbeiten: Anetta Kahane als Vorsitzende und Julia Schramm, mit eigener Erfahrung zuständig für Hatespeech. Dem Gerücht zufolge wäre die Stiftung am aktuellen Vorgehen der Firmen gegen sogenannte “Hassbotschaften“ beteiligt, die der Bundesregierung seit dem Beginn der Asylkrise missfallen: Tatsächlich äusserten Bürger ihr Unverständnis für die Politik im Netz, und manche überstrapazierten dabei die Grenzen der Meinungsfreiheit. Das Problem sollte vor allem Facebook nach dem ausdrücklichen Willen der Kanzlerin angehen – und was danach konkret passierte, ist nur insofern weithin bekannt, als dass Facebook die Bertelsmann-Tochter Arvato beauftragt hat, gegen solche Aussagen vorzugehen.

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Mehr Informationen hat der Informatiker Hadmut Danisch aus dem Justizministerium herausgeholt, und demzufolge ist die Rolle von Frau Kahane nicht im Mindesten so bedeutend, wie es manchen scheint. Ein paar Treffen hätte es gegeben, aber die konkrete Umsetzung sei letztlich Sache der Firmen. Tatsächlich gab es einige harte Entscheidungen, die Accounts betrafen, die keine Gesetze gebrochen hatten: So wurde etwa der recht prominente Twitteraccount von Kolja Bonke geschlossen, der die sexuellen Übergriffe von Köln massiv kritisiert hatte. Facebook ging beispielsweise gegen den Account von Anonymous Germany vor, der inzwischen wie einige andere auf ein russisches Netzwerk umgezogen ist. Aber inzwischen wird auch das deutlich, was in diesem Blog hier mehrfach als Warnung formuliert wurde: Das rigide Löschen wendet sich nicht nur gegen Rechte, sondern bei gleichen Verstössen auch gegen Linke.

Erstes prominentes Opfer war das von Heiko Maas geschätzte, in Sachen Persönlichkeitsrechte allerdings problematische und anonyme Projekt “Perlen aus Freital“. Und letzte Woche erwischte es dann die Wiener Schriftstellerin und Aktivistin Stefanie Sprengnagel, die unter dem Pseudonym “Stefanie Sargnagel“ bei Facebook ihre Autorinnenkarriere begründet hat. Sprengnagel, die nach Eigenaussage aus dem wenig glamourösen Wiener Gemeindebau stammt, hat sich mit rotzigen, alkoholgeschwängerten und derben Texten in die Herzen einiger Feuilletons geschrieben, die ihr eine grosse Zuuft vorhersagen. Sie hat an der Schleusung von Flüchtlingen aus Ungarn nach Österreich unter gewissem Medieninteresse teilgenommen und gilt, links, feministisch und wütend, als eine Art “Charlotte Roche der Wiener Gegenöffentlichkeit“. Facebook dagegen gilt sie als Hatespeech, weshalb sie ihren Account plötzlich nicht mehr bespielen konnte.

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Anlass war eine derbe Behauptung über Alina W., einer Wiener Aktivistin der Identitären Bewegung. Diese Gruppe ist im Umfeld der rechtspopulistischen FPÖ zu erheblicher Grösse gewachsen, und hat es mit einigen spektakuläre Aktionen, wie Sprengnagel auch, in die Medien geschafft. Die Identitären veranstalteten Grenzblockaden und Demonstrationen, hängten Banner auf Häuser und störten jüngst im Audimax der Universität Wien ein Theaterstück von Elfriede Jelinek über Flucht. Die Identitären nennen das eine “ästhetische Intervention“. Sie bringen ein Gesellschaftsbild der “Neuen Rechten“ mit Aktionsformen und Internetwerbung zusammen, die man ansonsten vom Zentrum für politische Schönheit, Peng Collective, Greenpeace und teilweise auch der Antifa kennt. Nach der Aktion im Audimax griff sich Sprengnagel dann Alina W. heraus und sagte ihr sexuelle Phantasien mit KZ-Wärtern nach. Und zwar ohne jede Einschränkung, wie sie Böhmermann bei seinem Schmähgedicht gegen Erdogan voran stellte. Laut Sprengnagel meldeten Vertreter der Identitären das bei Facebook, und Facebook sperrte sie daraufhin aus. Wie man das vermutlich auch mit ähnlichen Aussagen bei Neonazis gemacht hätte.

Eine besondere Rücksicht für die inzwischen nicht mehr unbekannte Autorin gab es von Facebook nicht – auch wenn etlich Medien ihre Partei ergriffen, die bei ähnlichen Einlassungen von Rechts vermutlich weniger verständnisvoll reagiert hätten. Offensichtlich orientiert sich Facebook aber nicht an Koordinaten des politschen Systems – oder gar an Einflussnahmen deutscher Politikaktivisten mit gutem Draht zu Heiko Maas – sondern an eigenen Kriterien zur Definition dessen, was man im deutschsprachigen Raum nicht haben möchte. Für ein gewinnorientiertes Unternehmen ist das keine schlechte Entscheidung. Schwieriger wird es dagegen für alle, die glauben, ihre Nähe zur offiziellen Politik würde es ihnen erlauben, über die Stränge zu schlagen und sich wie eine Wildsau oder Schlimmeres zu benehmen.

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Dass es den Identitären gelungen ist, eine laut Prantlhausener Zeitung „Kultfigur“ des Feuilletons zu treffen, zeigt auch, wie man idealerweise die Vorgaben von Facebook für eigene Zwecke nutzt. Das Vulgäre einer Sprengnagel sucht man bei den “Bürgerkids “ – Zitat Sprengnagel – der Identitären vergeblich. Die Ausdrucksweise ist so gewählt, dass sie formal nicht “Hatespeech“ entspricht, und erkennbar bemüht ist, den Rahmen der Meinungsfreiheit einzuhalten. Das ändert nichts an den zugrunde liegenden Einstellungen über Islam, Migration und völkisches Denken, die eindeutig konfrontativ provokativ und nationalistisch sind. Nur ist der Wunsch, den die Bundesregierung an Facebook und Co. herangetragen hat, die Bekämpfung rechtlich fragwürdiger Aussagen. Sprengnagels obszöner und persönlich diffamierender Text fällt unter diese Kategorie. Die Accounts der Identitären mögen radikal sein – aber kein Verstoss gegen Gesetze oder die Richtlinien bei Facebook.

Im Gegenteil, ähnlich wie bei der zunehmend effektiven Netzwerbung der AfD, die es inzwischen auch mit Witzen und dem versucht, was Deutsche für Humor halten, scheinen sich die Identitären sehr wohl der Möglichkeiten des Netzes bewusst zu sein. Sie setzen nicht auf alleinige Facebookpräsenz oder einzelne Webseiten, wie es Links- und Rechtsradikale früher gemacht haben. Sie setzen ihre Netzprojekte durchaus ansprechend, modern und verteilt auf diversen Plattformen um, und stellen ihre Ziele ohne allzu viel Schnappatmung dar. Erlebniserwartung, Spass an der Sache und Abenteuer werden, als wäre es der Kiffertreff der grünen Jugend, viel Raum eingeräumt. Mit der alten Neuen Rechten und der Konservativen Revolution haben sie viele Ziele, aber weder die Erscheinung noch die Methoden gemein. Es sind Digital Natives, sie beherrschen die Medien – und sie sind immerhin schlau genug, dass nicht sie, sondern ihre Gegner von Facebook ausgeknipst werden.

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Es ist erkennbar nicht so, dass die Wünsche der Bundesregierung und die Strategien, die die Amadeu Antonio Stiftung entwickelt, die sozialen Medien als Tummelplatz der Rechten beenden. Es gibt in der Folge erkennbare Bemühungen, extreme Standpunkte aller Art zu verbannen, egal ob IS-Anhänger bei Twitter oder Rassisten bei Facebook. Die Extremsten weichen dann aus, die Klügeren passen ihre Strategien an und sind zudem einige lästige Konkurrenten los. Wenn linke Aktivisten wie das Peng Collective auf einer vom Familienministerium finanzierten Veranstaltung mit einer SPD-Staatssekretärin plaudern dürfen, kurz bevor Mitglieder losziehen und die Aktion “tortaler Krieg“ gegen Beatrix von Storch starten, haben sie in Deutschland einige Vorteile. Aber in Österreich ist die Machtübernahme der FPÖ zum Greifen nahe, und die Identitären verstehen sich mit ihr erkennbar gut. Politische Einflussnahme und mehr oder weniger verdeckte Förderung von Aktivisten können kurzfristig als Lösung im Kleinkrieg im Netz erscheinen. Aber die andere Seite ist offensichtlich lernfähig und kann sich den Veränderungen anpassen. Und Facebook tut auch nur, was es meint tun zu müssen, egal wie sich Minister und Medien dann über die unerwarteten Folgen ihrer Zensurforderungen gegen Rechte beschweren.

25. Apr. 2016
von Don Alphonso
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21. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Raperöschen und die sieben Verbotsministerzwerge

Es war einmal eine Zeit vor dem Internet, da malte man Figuren mit dicken Brüsten ganz offensiv an die Wände der Salons der Mächtigen und dachte sich nichts dabei. Das war halt so, man fand das hübsch und dekorativ, denn das Mittelalter war vorbei und man musste nehmen, was man kriegen konnte. Politisch war die Gier auch gross, aber damals versuchten Verschwörer und Intriganten meist, still und verschwiegen zu agieren. Mit heimlicher Wühlarbeit. Nichts über ihre wahren Motive sollte an die Öffentlichkeit, das Volk sollte später glauben, es würde schon alles so seine Richtigkeit haben. Idealerweise verkündete die frohe Botschaft jemand, der anständig wirkte und nicht vielleicht gerade mit einer neuen Mätresse und Medienbegleitung seine alte Beziehung absägte. So jemand galt damals noch als nicht ministertauglich.

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So war das früher in den Zeiten der dicken Brüste. Die gibt es im Internet auch, vor allem auf Pornoseiten, aber auch – deutlich keuscher und ohne Sexualakte – in der Werbung, und sie sollen nun nach Willen von Justizminister Heiko Maas und der SPD verschwinden. Dafür hat ein Verein namens Pinkstinks lobbyiert, und eine runde Woche nach dem Bekanntwerden der Pläne ist es vielleicht ganz interessant, sich das Wirken der neuen Lobby und ihres Umfelds im Netz zu widmen. Denn Pinkstinks und ihr vom Genderglauben geprägtes Umfeld arbeiten nich nur klandestin, sie gehen auch an die Öffentlichkeit. Etwa, wenn es um Märchen, Sexismus und Rape Culture geht. Das sollte vielleicht so klingen:

“…und als der Prinz sah, dass Dornröschen schlief, wurde ihm bewusst, dass ein Kuss jetzt ohne ihre Einwilligung nicht konsensual wäre, ja sogar ein sexueller Übergriff und eine Vergewaltigung. Da hielt er inne und erkannte, dass er ohnehin nur wegen ihrer Normschönheit scharf auf sie war. Er schaute auf seinem Tablet nach, was wohl Emma, Pinkstinks, Anne Wizorek und Jasna Strick dazu sagen würden, und bekehrt verliess er das Schloss, schenkte sein Königreich dem Frauenrat NRW, und heiratete eine Fatacceptance-Aktivistin mit lila Haaren und 43 Piercings im Ohr. Und wenn sie nicht gestorben sind, fördern sie noch heute Genderlehrstühle und machen Coachings über die Blau-Rosa-Falle.“

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So muss Dornröschen wohl in Zukunft klingen, wenn sich eine Berliner Feministin mit Schwerpunkt auf Kindeswohl mit ihren Wünschen durchsetzt. Sie hat vorgestern bei Twitter geschrieben, sie müsste mit dem Schulsystem wegen Rape Culture reden. Der eigentlich banale Anlass: Ein Kinderaufsatz über den Kuss des Prinzen im Märchen Dornröschen, der bekanntlich eine schlafende und deshalb nicht zustimmende Prinzessin erweckt. Auf den Einwand, es sei doch nur ein Märchen, entgegnete sie, Märchen und Geschichten transportierten Werte und Einstellungen einer Gesellschaft. Mindestens 32 andere Personen verbreiteten ihre Einschätzung, hier handle es sich um Rape Culture – bis sich eine andere Nutzerin dann deutlich beschwerte, woraufhin der Tweet wieder gelöscht wurde. Die Geschichte zeigt dennoch sehr schon, wo Feministinnen heute bereits Anlass sehen, sich über Sexismus zu beschweren. Und das wiederum ist von Bedeutung, wenn angeblich “sexistische“ Werbung verboten und wegklagbar werden soll: Die Definition von Sexismus ist bei solchen Klagefreudigen sehr umfassend. So umfassend wie ihre Einschätzung, dass nur sie wissen, was stimmt.

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Dieser Tweet kommt von einer weiteren Aktivistin aus Berlin und beschäftigt sich nicht weiter mit meinem letzten Beitrag zum Thema. Die Anwältin und Feministin Judith Brandner geht auf kein Argument ein, sie ignoriert 50.000 Leser und eine Debatte über Werbeverbote mit über dreihundert Kommentaren. Alles, was sie mitzuteilen hat ist, dass das Feuilleton und meine Person eine Fortbildung in Gender Mainstreaming nötig hätten. Es interessiert sie überhaupt nicht, welche Positionen vertreten werden. Eine Debatte ist erkennbar nicht erwünscht. Sie hält sich für wissend, und wer nicht so weit ist, hat sich eben in ihrer Ideologie fortzubilden. Sehr aufmerksam und höflich. So öffnet frau heute Türen zu Herzen und zum Verstand.

Nicht minder selbstüberzeugt ist auch die Juristin, die am Schreibtisch von Heiko Maas ihre Lobbyarbeit tätigt: Berit Völzmann von Pinkstinks – das hinter ihr stehende, SPD-nahe Netzwerk hat Hadmut Danisch recherchiert – sieht im geplanten Verbotswerk gar Freiheit, mit einer raperöschennahen Interpretation von Rollenbildern:

Gleichzeitig übt Werbung einen besonders starken Einfluss auf Rezipient_innen und damit auch darauf aus, welche (geschlechtlichen) Idealbilder Menschen entwickeln und zu erreichen versuchen. In diesem Sinn soll das Verbot gerade zu einem Mehr an Freiheit beitragen: Der Freiheit nämlich, sein Leben unbeschwert von dem Erwartungsdruck zu führen, wie man sich „als Mann“ oder „als Frau“ zu verhalten habe.

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Die Kommentare darunter sind nicht immer ganz höflich – es scheint, als ob die sehr offensive Medienstrategie, die Pinkstinks verfolgt, nicht den Umstand verdecken kann, dass die Gruppierung selbst sehr wohl einen Erwartungsdruck aufbaut, wie Frauen und Männer sich zu verhalten hätten. Das hat im Sinne eines modernen Geschlechterbildes zu sein, und wie das aussehen muss, damit es nicht sexistisch ist – das wiederum legt Pinkstinks mit den Kampagnen gegen Konzerne fest.

Stevie Schmiedel, die Chefin des Vereins Pinkstinks, setzt dann noch eins drauf. Nachdem eine Vielzahl von Reaktionen auf den Gesetzesentwurf in den Medien eher negativ waren, wischt sie die Kritik mit folgender Bemerkung über den Journalismus beiseite:

Wenn Journalist*innen anrufen und nicht wissen, was der Deutsche Werberat ist, kann ich das noch verstehen: Die Lage zeigt mal wieder, wie unterbezahlt und überfordert die Branche ist, zum Recherchieren bleibt keine Zeit.

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Nun kann sicher nicht jeder Journalist seinen Lebensunterhalt durch wüste Pressebeschimpfungen, Shitstormkampagnen gegen Firmen und den Bezug von Spenden, Stiftungs- und Förderungsgeldern bestreiten – solche Privilegien hat der medienkritische Genderismus der AfD und ihren “Lügenpresse“ brüllenden Helfern voraus. Auch bekommt die AfD nicht vom Bundesfamilienministerium eine Party finanziert, wo dann exakt jene Margarete Stokowski mitarbeitet, die sich letzte Woche bei Spiegel Online über die Gesetzesinitiative von Pinkstinks prompt schleichfreute, ohne auf ihre Verbindung hinzuweisen. Den dazu passenden, zweiseitigen Gefälligkeitsbeitrag im gedruckten Spiegel findet Schmiedel dann wieder “grandios recherchiert“. Ansonsten vermeldet sie scheinbar Beruhigendes: Nur Verbraucherschützer und Konkurrenten sollen gegen solche Werbung klagen können – wer die alten Kampagnen von Pinkstinks kennt, hat aber auch eine gewisse Ahnung, wie dann Verbraucherschützer und Firmen ermuntert werden könnten, die jurstische Drecksarbeit zu erledigen.

Nils Plickert, ebenfalls von Pinkstinks, darf dazu bei Zeit Online weitergehend vorschlagen, der – privat organisierte – Werberat dürfte ein Fahrzeug mit fragwürdiger Werbung aus dem Verkehr ziehen – wen interessiert schon das Grundgesetz und die Gewaltenteilung, wenn es um die Durchsetzung der eigenen Ideologie geht. Man mag es kaum glauben, aber diesen Verfassungstotalschaden mit privatem Eingriff in Besitzrechte und StVZO verbreitet öffentlich eine Organisation, die den Justizminister Heiko Maas und die SPD berät.

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Aber so ist das eben im neuen Lobbyismusgeschäft, das nach innen wirken und nach aussen Aufmerksamkeit erzeugen muss: Den eigenen Vorstellungen ist der Weg rücksichtslos zu ebnen, Widerspruch wird nicht geduldet, Verbot ist in ‚Wirklichkeit Freiheit, kritische Medien sollen die Klappe halten, die einen Rollenbilder müssen weg und die Vorstellungen des Genderismus sind erlaubt, wer es nicht einsieht, muss eben umerzogen werden. Dafür hat man den eigenen Draht zum Familienministerium, für das man als Veranstalter auftritt, und zu Heiko Maas und der SPD, und stellt das auch konsequent stolz heraus. Ich weiss nicht, ob es für einen Bundesminister besonders schmeichelhaft ist, wenn er so öffentlich an den Busen der Bewegung gezogen wird.

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Von der werbenden Industrie mit ihrer Neigung zum Verkauf mit Sex hört man dagegen momentan gar nichts mehr. Vielleicht sammeln sie auch still einfach das Material über die Gegenseite, um zu zeigen, wer da dem Minister ein Gesetz in die Feder diktieren möchte. Rechtsunsicherheit und Auflagen, die sich am Willen von radikalen, staatlich geförderten Aktivistinnen orientieren, müssen schliesslich erst einmal durch das Parlament. Und dort sitzen, so vermute ich, auch Politiker, die nach altem Herkommen nicht als zwergenhafte Ansprechpartner auf Brustwarzenhöhe von Lobbyistinnen Aufmerksamkeit erregen wollen.

21. Apr. 2016
von Don Alphonso
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05. Apr. 2016
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Mit migrationsfreundlicher Datenerfindung zum Panama-Klickerfolg

Datenjournalismus ist das grosse Ding. Datenjournalismus ist wirklich in Mode. Datenjournalismus erklärt mehr als tausend Worte und ist das ideale Werkzeug zur Überzeugung von Menschen, die wenig Zeit haben. Denn Daten sind per se glaubwürdig, und ihre Visualisierung ist sogar dann noch erfolgreich, wenn es weder Zusammenhänge noch tieferes Interesse der Nutzer gibt. Es sind halt Infohappen, die dem Medienverhalten der Gegenwart entsprechen. Aus der Zunft der freiberuflichen Datenvisualisierer kommt der Österreicher Manfred Zeisberger, und er jubelte gestern bei Twitter:

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Denn Zeisberger, der in seinem Account auch für die Migration von Flüchtlingen eintritt, hat einen Hit in den sozialen Netzwerken gelandet – wie es mit der Steuerflucht „wirklich“ aussieht:

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Er hat die Kosten für eine Million Flüchtlinge in Europa mit dem verglichen, was die Steuerflucht Vermögender Europa jedes Jahr kostet: 12,5 Milliarden zu 1000 Milliarden. Das sieht dann so „wirklich“ aus:

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Es sind 1000 Punkte bei der Steuerflucht und 1,25 Punkte bei den Flüchtlingskosten. Die Graphik schlägt natürlich ein wie eine Bombe, sieht toll aus, passt bestens ins Narrativ, dass Europa den Armen nichts gibt, wird heftig retweetet, von Aktivisten, sozial Bewegten, Politikern und kommt über diesen Weg auch zu mir. Ich war in Mathematik zwar nicht gut, aber zumindest den Stoff der 6. Klasse habe ich noch halbwegs drauf: Dass der ideologisch vorbelastete Datenvisualisierer ohne selbstkritischen Geist oder Journalisten verloren ist, ergibt sich aus Adam Riese und Eva Zwerg: Zeisberger rechnet die Kosten für Migranten relativ um den Faktor 10 klein. Erstaunlich, dass Linke immer wieder genau solche Fehler machen und diese Kosten nie übertreiben. Mathematisch korrekt wäre die Darstellung mit 12,5 Punkten für die Flüchtlingskosten verglichen mit den 1000 Punkten Steuerflucht.

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Zeisberger wird mitten im Anklickboom seiner Graphik auf etliche Fehler hingewiesen und meint dann ganz locker:

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Natürlich bleibt die Graphik online, wird weiter verbreitet, und niemand scheint sich daran zu stören, woher Zeisberger eigentlich seine Zahlen hat. Eine Quelle gibt er natürlich nicht an, also ist man auf Vermutungen angewiesen. Die jährlichen Zuwendungen an Flüchtlinge, die Staat, Länder und Gemeinden in Deutschland bei einer Million Flüchtlinge pro Jahr im Asylverfahren tragen müssen, liegen bei geschätzt 12,5 Milliarden – bei Kosten von 12.500 Euro pro Person. Die tatsächlichen Kosten, die durch die benötigten Beamten, Leher, Polizisten, Wachdienste, Gesundheitskarten entstehen, sind dagegen weitaus höher: Zeisberger nimmt also eine bereinigte Zahl ohne Folgekosten und nicht das, was die Flüchtlingskrise real kostet: Diese Zahl ist bislang nur abschätzbar, dürfte aber doppelt so hoch sein.

Genauso unehrlich, aber in die andere Richtung geht es zu, wenn Zeisberger eine Billion Kosten durch die Steuerflucht Vermögender unterstellt: Es gibt eine Schätzung der EU – die Interesse daran hat, das Problem so gross darzustellen, wie ein Flüchtlingsaktivist die Zahlungen gern kleinrechnet – des Schadens durch Steuerflucht und Steuerhinterziehung von bis zu einer Billion Euro. Bis zu einer Billion kann viel sein, andere Schätzungen bleiben weit darunter – das ist möglich, weil es Schätzungen sind, und keine gesicherten Daten, die man mit Punkten darstellen kann. Die Kosten für Flüchtlinge kann man zumindest nachträglich berechnen, bei Steuerflucht dagegen muss man im Ungefähren bleiben. Natürlich würde sich eine Graphik, die sich nach Herausrechnen der Steuerhinterziehung vom Multimillionär bis zur Haushaltshilfe ab einem Drittel der Billionensumme im Ungefähren verliert, nicht so schön machen. Genauso unschön wäre es für die Visualisierung, sich mit der Struktur der Steuerflüchtlinge auseinander zu setzen: Zeisberger behauptet, es seien ledigich “Vermögende“. Dabei spielen Grosskonzerne und sogar teilweise Firmen und Banken mit staatlicher Beteiligung eine wichtige Rolle, die ihren Aktionären, Rentenfonds und auf anderen Wegen auch Kleinsparern und allen Bürgern gehören. Es gibt einfach keine Studie, die belegen würde, dass Vermögende eine Billion Schaden durch Steuerflucht für Europa verursachen. Es wäre eine verdienstvolle, aber auch äusserst schwere Aufgabe, die tatsächliche Steuervermeidung der Vermögenden zu analysieren und belastbare Zahlen zu liefern. Zeisberger macht lieber Punkte und dicke Überschriften.

Es gibt nur einen offensichtlichen Rechenfehler bei Zeisberger, eine falsche Einschätzung der Flüchtlingskosten durch Zeisberger, eine Erfindung von Vermögenden bei Zeisberger, eine maximale Schätzung, aus der Zeisberger eine absolute Summe macht, und das Unvermögen von Zeisberger, zwischen Steuerflucht und Steuerhinterziehung zu unterscheiden, und den Sachverhalt differenziert darzustellen. Denn inzwischen hat er die alte Graphik mit dem peinlichen Rechenfehler gelöscht und eine neue Graphik mit allen restlichen Fehlern veröffentlicht, und freut sich über weitere Verbreitung:

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Die fällt dann aber gar nicht mehr so üppig aus wie am Anfang, als er sich noch um den Faktor Zehn verrechnet hat. Weniger Fehler schaden möglicherweise dem Datenjournalismusgeschäft. Man kann gar nicht so viele Fischgräten auf dem Oktoberfest fressen, wie man Billionen ausspucken möchte.

Denn Datenjournalismus ist in Mode. Mit Datenjournalismus kann man, wie früher auch mit Lügen und Propaganda, komplizierte Sachverhalte so vereinfachen, bis die gewünschte Aussage stimmt und auch der letzte geistig Minderbemittelte im Internet sich in seinen Überzeugungen bestätigt sieht. Man braucht dazu keine Quellen und keine Nachweise, keine Rechenfähigkeit und keinerlei Überlegung, ob das simple Weltbild wirklich zur Komplexität des Daseins passt. Nur viele Punkte auf der einen Seite und wenige auf der anderen, und schon ist der Internethit geboren.

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Ich bin gerade in Italien, Kirchen anschauen, und meine Begleitung fragt mich öfters, ob die Menschen damals wirklich an das Fegefeuer geglaubt haben. Wenn ich sage, dass es als wissenschaftlich erwiesen galt, gefriert mir im Andenken an Manfred Zeisberger und jene, die an seine Daten glauben, das zynische Lächeln im Gesicht. Der menschliche Fortschritt beim Thema “Glaube“ ist nicht Wissen, sondern das Zauberwort “Daten“. Daten ist das Glaubensbekenntnis des 21. Jahrhunderts. Wer Daten hat, dem wird geglaubt. Sie müssen dazu nicht existieren, es reicht, wenn man an die Existenz der Daten glaubt.

05. Apr. 2016
von Don Alphonso
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29. Mrz. 2016
von Don Alphonso
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Terrorverharmlosung mit der Fischgrätenlüge

Constantin Seibt wird bei dem Schweizer Tagesanzeiger als “Reporter Recherche“ geführt. In der Folge der Anschläge von Brüssel schrieb er am 25. März einen im Internet weit verbreiteten Beitrag über die statistischen Gefahren für das Leben, und den überzogenen Umgang der Medien mit Terror. Darin stehen durchaus bedenkenswerte Sätze wie

Was tun? Eigentlich nur eines: Die Polizei ihre Arbeit machen lassen. Und sonst Haltung bewahren: also die eigenen Prinzipien, kühles Blut, Freundlichkeit. Das genügt. Denn das eigentliche Ziel der Attentäter sind nicht Flughäfen oder Metrostationen, sondern die Köpfe. Ihr Ziel ist der Verlust an Haltung.

Verbreitet wird der Text aber nicht nur wegen der durchaus rationalen und durchdachten Kritik an der Öffentlichkeit, die dem Terror zusätzlich in die Hände spielt. Was Netznutzer – und hier namentlich die Befürworter der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel – begeistert, ist die “catchy“ Einleitung, die versucht, die Zahlen der Toten durch Terrorismus in Relation zu setzen:

Betrachtet man die Statistiken, ist der islamistische Terrorismus in Europa erstaunlich erfolglos.

Seibt führt das in seinem Beitrag so aus:

Die wichtigste Lehre aus den Attentaten in Brüssel ist, las man: Es kann jeden von uns treffen, überall, jederzeit. Sicher. Nur ist die Wahrscheinlichkeit verschwindend klein. Seit dem World-Trade-Center-Attentat 2001 ermordeten islamistische Attentäter in Westeuropa und den USA etwa 450 Menschen. So grausam jeder dieser Morde ist, es gibt Gefährlicheres. Allein in Deutschland sterben pro Jahr über 500 Leute an einer Fischgräte.

Was diese Aussage völlig ausser Acht lässt – und mich offen gesagt betroffen macht – ist die mangelnde Bereitschaft, sich mit den praktischen Folgen von Terror auseinander zu setzen. Wer wirklich über Terror arbeitet, der weiss auch, dass es mit dem Zählen der Toten nicht vorbei ist. Speziell Nagelbomben wie in Brüssel haben eine vielfach höhere Zahl von Verletzten zur Folge, und für viele ist das gute Leben danach für immer vorbei. Sie sind behindert, traumatisiert und entstellt, und von einem Redakteur Recherche würde man schon erwarten, dass er in diesem Kontext die schockierenden Berichte zur Splitterwirkung kennt, egal ob aus Israel, vom Oktoberfestattentat, aus London oder dem Irak. Man muss dazu nicht in der 2. Intifada gewesen sein: Eine simple Bildersuche “Victim Nail Bomb“ würde vielleicht solche Einleitungen verhindern. Aber das zählt für Seibt einfach nicht.

Aber auch der ganze Gedankengang ist verstörend: Niemand im Journalismus käme hoffentlich auf die Idee, der türkisch- und griechischstämmigen Gemeinschaft in Deutschland vorzurechnen, dass die Gefahren durch den NSU statistisch gesehen viel kleiner als die des Rauchens oder des Fahrverhaltens im Strassenverkehr sind – selbst wenn das statistisch belegbar wäre. Die Unvergleichbarkeit von kaltblütigem Massenmord und Unfall gehört nämlich auch zu den Werten, von denen Seibt schreibt, “unsere gesamte Zivilisation wurde auf ihnen gebaut“. So einen Vergleich würde man nach dem Bekanntwerden des NSU allenfalls auf einer Naziseite erwarten. Irgendwie ist es aber völlig in Ordnung, wenn sich der Mord durch die gleiche Art Extremismus gegen die westliche Gesellschaft richtet. Der Beitrag wird dennoch entsprechend verbreitet, etwa von Dieter Janacek, MdB und wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen.

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Oder Felix Werdermann, Politikredakteur beim Freitag:

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Catrin Bialek, Redakteurin beim Handelsblatt:

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Michael Karnitschnig, Büroleiter von EU-Kommissar Johannes Hahn:

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Und natürlich freut sich der Tagesanzeiger:

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wenn der Aktivist “i’m hacking public affairs strategies for the good guys “ Florian Schweitzer schreibt:

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Bioforelle. „Je suis Brüssel“ ist offensichtlich vorbei.

Neben der moralischen Dimension gibt es noch ein anderes Problem: Die angebliche Statistik ist eine glatte Erfindung.

Das statistische Bundesamt sammelt die Zahlen der Todesfälle in Deutschland. Verantwortlich dafür ist Silvia Stelo, und sie hat den Blick in die Statistik, den man Constantin Seibt zufolge haben sollte. Ich habe dort nachgefragt, und der Blick zeigt Erstaunliches:

Es gibt gar keine Statistik über die Todesfälle durch Fischgräten.

Das wird als Ursache gar nicht abgefragt. Was es dagegen gibt, ist ein Punkt, der alle Toten zusammenfasst, die generell durch die orale Aufnahme von Fremdkörpern zu Tode kommen, egal ob Spielzeug, Korken, Steine, zu grosse Bissen oder Bestandteile von welchen Speisen auch immer, der sogenannte Bolustod: 568 waren es insgesamt 2014, 453 im Jahr 2013, und nur ein kleiner Bruchteil davon geht auf Fischgräten zurück. Es wird keine Statistik erstellt, derzufolge jedes Jahr 500 Menschen durch Fischgräten sterben, und es kann sie auch nicht geben, denn die Zahl gibt es nicht. Die Zahl von Constantin Seibt findet sich dagegen ab und zu in schrägen Internetquellen. Eigentlich müsste sie jeden Leser sofort stutzig machen: Stehen eigentlich täglich Rettungswägen vor Fischrestaurants?

Aber so eine scheinwissenschaftliche Statistikbehauptung ist sehr plastisch und passt natürlich nur zu gut in die Agenda, islamistischen Terror zu verharmlosen, oder sich darüber zu mokieren – weshalb sie auch als alleinstehendes Argument bei Twitter benutzt wird. Etwa von Claus Hecking, Redakteur bei der ZEIT, dessen Aussage mir in die Timeline gekippt und Anlass zu meinem Unglauben wurde:

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Mike Beckers, Redakteur bei der Wissenschaftszeitschrift Spektrum:

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Dunja Hayali, Aktivistin, Journalistin und Moderatorin beim ZDF, mit 110 Retweets, darunter haufenweise weitere Journalisten:

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Thomas Leidel von N-TV:

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Maik Nöcker, Moderator bei SKY:

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die TV-Kabarettisten Gebrüder Moped:

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Für solche Ausrutscher kann Seibt natürlich nichts. Sie alle verbreiten das und sorgen dafür, dass die angebliche Statistik von Constantin Seibt weiter der Relativierung von Terrorismus und seiner Opfer dient. Das sind nicht irgendwelche kruden Verschwörungstheoretiker aus rechten Schmuddelblogs, denen Medien gern mal – und zu Recht – ihre Rechercheabteilung hinterher arbeiten lassen. Die Statistik verbreiten diejenigen, die wirklich darüber entscheiden, was in Deutschland als Wahrheit verkauft wird. Auch über sie kann man mit Seibt sagen, ihr eigentliches Ziel sind die Köpfe. Speziell das ZDF hat da schon einschlägige Oktoberfestlügenerfahrung.

Fürchte Dich nicht, sagt Seibt. Glaube nicht, traue keinem, sage ich.

29. Mrz. 2016
von Don Alphonso
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24. Mrz. 2016
von Don Alphonso
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Datenschutz ist schön und Staatsversagen ist hässlich.

“Datenschutz ist schön, aber in Krisenzeiten wie diesen hat Sicherheit Vorrang.“ Sagt der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere. Ganz einfach nach den Anschlägen in Brüssel.

Das klingt wie der Anspruch von Migrationslobbyisten im Kielwasser der Kanzlerin, die ein universelles Asylrecht vor jedes andere Recht setzen. Ich wüsste in beiden Fällen als Betroffener der Folgen gern, wo diese Priorität gesetzlich geregelt ist. Vor allem, wenn man bei de Maiziere die ganz einfachen Fakten betrachtet.

Brüssel ist die Hauptstadt von Belgien. Und gleichzeitig Sitz wichtiger EU-Einrichtungen. In Brüssel leben auf der einen Seite sehr bedeutende Persönlichkeiten und auf der anderen Seite gefährliche Extremisten. Letztere würden Erstere gern umbringen, und deshalb ist dort sehr viel Sicherheitspersonal, Polizei, Anti-Terror-Einheiten, Geheimdienste, private Security, elektronische Überwachung.

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In Brüssel selbst gibt es einige wichtige Orte, wie zum Beispiel den Flughafen. Auf dem Flughafen betreten wichtige Personen der EU und ihre Mitarbeiter die Flugzeuge, und auf der anderen Seiite könnte es natürlich sein, dass dort Terroristen ein- und ausreisen. Während der Migrationskrise hiess es sogar offiziell vom Staatsfunk in Berufung auf den BND, Terroristen bräuchten die Balkanroute nicht, sie würden sich einfach ins Flugzeug setzen. Ausserdem wurden an Flughäfen schon öfters Bomben und Waffen an Bord geschmuggelt und Anschläge verübt. Daher ist der Flughafen immer einer der am besten bewachten Orte einer Stadt.

Und dann ist in Brüssel gerade auch noch ein grosses Terrornetzwerk aufgeflogen. Die Behörden sind natürlich in voller Alarmbereitschaft. Zum Glück ist man über einige Mitglieder der Gruppe genau im Bilde, weil sie Terroristen durch Europa begleitet haben oder für sie Wohnungen anmieteten. Praktisch ist es natürlich, wenn sie davor schon einmal aufgefallen sind, oder gar verurteilt wurden: Dann hat man nicht nur den Namen, sondern auch Bilder der Beteiligten. So etwa bei Interpol. Man kann die Bilder den Polizisten zeigen und sagen: Da schau, so sehen sie aus.

Man kennt die Terroristen. Und man hat einen maximal gesicherten Flughafen.

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Sicherheitsexperten sagen im Staatsfunk, die Polizei könnte nicht immer überall sein, und deshalb bräuchte man auch eine vollautomatische Komponente, die im Zweifelsfall immer verfügbar ist – wie eben die Vorratsdatenspeicherung. Es könnte ja sein, dass ein ganz perfider Terrorist einen genialen Plan hat und jemand völlig Unscheinbaren, von dem die Behörden nichts wissen, losschickt, um irgendwo Unschuldige umzubringen – etwa an Orten, an denen die Polizei eben nicht immer sein kann. Dann schaut man, wenn man einen Zusammenhang vermutet, in die Daten. Man erkennt, was die beiden telefonisch und im Internet so getrieben haben, und wenn sie es getan haben, pardauz, hat man den Zusammenhang. Dann kann man die Täter beschatten und entweder festnehmen, wenn sie in Europa sind, oder mit einer Drohne umbringen, wenn sie woanders sind. Dafür kassiert man zwar Niederlagen vor höchsten Gerichten, aber selbst wenn man schon mal gescheitert ist, findet sich nach einem Terroranschlag immer eine kleine Splitterpartei, deren Justizminister dem Vorsitzenden gehorcht und erneut die anlasslose Massenüberwachung aller Bürger einführt.

Das hat man übrigens auch in Belgien vor drei Jahren gemacht, und im letzten Jahr dafür eine Abfuhr vor dem Verfassungsgericht kassiert: Die Vorratsdatenspeicherung, ironischerweise auf Basis einer EU-Richtlinie aus Brüssel eingeführt, ist mit der dortigen Verfassung nicht in Einklang zu bringen. Möglicherweise wäre jetzt der Anlass da, um mal wieder auf die „Sicherheitslücke“ hinzuweisen, wenn ein extrem perfider Plan von ausländischen Terroristen gelungen wäre.

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Passiert ist aber etwas ganz anderes. Brüssel war in voller Alarmbereitschaft. Der Flughafen war voll überwacht. Die Polizei kannte die Identität der Helfer des festgenommenen Topterroristen Salah Abdeslam. Sie hatte Bilder. Sie war vorgewarnt. Sie wusste aus Strafverfahren, dass die Brüder Al Bakraoui auch zur Gewalt neigen und mit vollautomatischen Waffen auf die Polizei schiessen. Das sind sehr gute Voraussetzungen für die Behörden.

Das hat Ibrahim Al Bakraoui und Najim Laachraoui und eine dritte Person aber nicht davon abgehalten, ein Taxi zu bestellen, es mit Bomben zu beladen, sich über das Auto zu beschweren, durch Brüssel zum Flughafen zu fahren, sich für ihr Gepäck drei Kofferkulis zu nehmen, in die Schalterhalle vorbei an Kameras und Sicherheitspersonal zu gehen, sich zu verteilen, und sich in zwei Fällen in die Luft zu sprengen. Eine weitere Bombe versagte, und dieser Täter entkam dann nach aktuellem Wissensstand. Kein fieser Geheimplan wurde ausgeführt, keine Schläfergruppe wurde vorgeschickt. Die drei vermissten Asylbewerber aus Ulm, die mutmasslich Kontakt zur Terrorgruppe hatten und verschwanden, wurden nicht verheizt. Die meistgesuchten und wohlbekannten Terrorhelfer gingen selbst einfach so in den Flughafen der EU-Metropole und sprengten sich in Zeiten, in denen Sicherheit angeblich Vorrang hat, in die Luft.

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Es gibt innerhalb des Islam die Verschwörungstheorie, den Islamischen Staat gäbe es gar nicht, der sei von den USA und Israel erfunden, um Muslime zu diskreditieren und eine Ausrede zu haben, um im Nahen Osten politische Kriegsziele herbei zu bomben. Besonders im schiitischen Iran wird diese These über die sunnitische Terrormiliz gern verbreitet, und es ist anzunehmen, dass der Anschlag von Brüssel als weiterer Beweis aufgebauscht wird, weil: Dass gesuchte Topterroristen einfach in die Schalterhalle gehen und nicht aufgehalten werden – das ist doch kaum zu glauben. Und tatsächlich sehen die Sicherheitsbehörden nicht wirklich gut aus. Sie hatten die Informationen und sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort und vorgewarnt. Trotzdem konnten sie die Anschläge nicht verhindern. Das ist in einer Reihe mit einer ganzen Serie von Ermittlungspannen seit dem Anschlag auf Charlie Hebdo.

Wenn de Maiziere dann sagt: “Datenschutz ist schön, aber in Krisenzeiten wie diesen hat Sicherheit Vorrang“, möchte ich zu bedenken geben: Sicherheit hatte am Flughafen absoluten Vorrang. Und es hat nichts geholfen. Auch wenn in Brüssel alle Vorratsdaten verfügbar oder kryptographische Methoden verboten gewesen wären, hätte es beim Anschlag keinen Unterschied gemacht. Die Behörden konnten den Flughafen im entscheidenden Moment nicht schützen. Natürlich kann man Abermillionen in die Infrastruktur der Telco-Konzerne stecken und Verbindungsdaten ein Jahr lang speichern – und hoffen, dass die Umsetzung besser als das Chaos ist, das bei der Speicherung der Flüchtlinge herrscht. Aber solange polizeibekannte Terroristen einfach so in den alarmierten Flughafen gehen und Bomben zünden können, sind die Defizite erheblich grösser, und nicht mit dem scheinbaren Gegensatz zwischen Bürgerrechten und Sicherheit zu erklären. Weil es in Brüssel keine Sicherheit gab, und auch keinen Datenschutz für die Täter. Die Bürger haben ein Grundrecht auf Sicherheit und bekommen ein Staatsversagen. Der Staat ist hier in Erklärungsnot, denn die Bürger haben ein Recht zu wissen, was er falsch gemacht hat. Danach kann man über Defizite und ihre Behebung sprechen. Aber solange de Maiziere nicht mal in der Lage ist, das Ulmer Trio zu liefern, sollte man ihm nicht Bürgerrechte ausliefern, wenn er jene Sicherheit in den Mittelpunkt stellt, die er und seinesgleichen bei ihrer Fixierung auf Datentöpfe im realen Leben nicht liefern.

24. Mrz. 2016
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21. Mrz. 2016
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Aus Statistik Lügen pressen

Glauben Sie bloss nicht, dass mir das Spass macht.

Wir hatten in der Migrationsdebatte eine gefälschte Kostengraphik. Wir hatten die Oktoberfestlüge. Wir hatten eine Bilderlüge. Dinge, die immer mal passieren können, wenn übereifrige Aktivisten unseriöse Quellen wie Internetbildchen oder die taz als glaubwürdig betrachten – andere glauben auch dem, was beim Kopp-Verlag steht. Wir alle machen Fehler. Aber manchmal kann man sich wirklich nur wundern. Wie über den Mediendienst Integration.

Dieser Mediendienst bringt nach Eigendarstellung Zahlen und Fakten zur Einwanderung, und pustete heute diesen Beitrag ins Netz und die sozialen Medien.

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Die Frage, wer die meisten Flüchtlinge aufnimmt, wird innerhalb Europa sehr überraschend beantwortet: Deutschland liegt zwar, was die Gesamtzahl von 477.000 Asylanträgen im letzten Jahr angeht, klar vorne. Dann folgt aber schon Ungarn mit 177.000 Anträgen, und auf Platz vier Österreich mit 88.000. So steht es bei Eurostats. Der Mediendienst Integration rechnet jetzt die Zahl der Asylanträge auf die Bevölkerung um, und, Potztausend:

mediende

Ausgerechnet Ungarn, der Prügelknabe Europas unter dem verrufenen Autokraten Viktor Orban – ausgerechnet dieses Ungarn hat mehr als drei mal so viele Asylbewerber als Deutschland pro tausend Einwohner. Ungarn steht damit dem Mediendienst zufolge natürlich an der glorreichen Spitze der humanitären Leistungsbereitschaft. Viktor Orban und nicht Angela Merkel ist der König der Willkommenskultur. Die Zahlen müssen echt sein, sie stammen ja von Eurostats.

Und sind ohne Kontext.

Der Kontext sieht so aus: Schon im vorletzten Jahr blieben von den offiziell 42.000 Antragstellern in Ungarn nur 535 im Land. Schon damals hielt sich die Regierung Orban an die Dublin-III-Verordnung und registrierte die Flüchtlinge auf der Balkanroute beim Erreichen des Schengenraumes. Wer hier aufgegriffen wurde, musste in diesem Land Asyl beantragen. Das haben die Flüchtlinge bis ins letzte Jahr zwangsweise getan – die allermeisten haben ihre Papiere dann weggeworfen und sind mit Schleppern weiter nach Mitteleuropa. Erst die Aufhebung von Recht und Gesetz durch Angela Merkel im Spätsommer des letzten Jahres versprach den in Ungarn festsitzenden und noch nicht registrierten Flüchtlingen, dass sie nach Deutschland weiter reisen konnten. Flüchtlinge, die in Ungarn bereits einen Asylantrag gestellt hatten, würden auch nicht zurückgeschoben werden. In den kommenden Wochen leerten sich dann mit tätiger Mithilfe der ungarischen Behörden die Flüchtlingslager in Ungarn. Das heisst: Ungarn hat zwar, wie es die Abkommen verlangen, 177.000 Anträge entgegen genommen – aber die Menschen dahinter sind längst weiter gezogen. Sogar jetzt, da Ungarn wieder unter Druck gerät, sind etliche tausend registrierte Asylbewerber erneut abgewandert. Für die Verbleibenden denkt Ungarn über kaum bewachte Lager an der leicht überwindbaren Grenze zu Österreich nach. Dabei handelt es sich aber nur um ein paar tausend – und keinesfalls 177.000.

Die Zahlen aus Österreich dürften stimmen. Ich habe mir das selbst in Graz und Spielfeld angeschaut: Die Migranten waren dort nur ganz kurz auf österreichischem Boden, wurden darüber aufgeklärt, dass sie hier Asyl beantragen konnten, wurden dann sofort im System als Schutzsuchende registriert – wer nicht wollte, wurde direkt weiter zur Grenze nach Deutschland gebracht.

An der deutschen Grenze gab es Kapazitäten für wenige tausend Registrierungen pro Tag. Die meisten Flüchtlinge gelangten von September bis Dezember ohne jede Feststellung der Personalien oft mit Sonderzügen ins Land, und wurden dann erst auf die Erstaufnahmelager verteilt und registriert. Bis sie dann überhaupt erst einen Antrag auf Asyl stellen können, vergehen Wochen und Monate. Die 477.000 Anträge, die an Eurostats gemeldet wurden, sind kein Ausdruck real in Deutschland lebender Migranten, die auf Asyl hoffen – deren Zahl kennt wegen des Kontrollverlusts niemand – sondern Ausdruck des Staatsversagens und des katastrophalen Antragstaus im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Wir haben also, wenn wir den Kontext betrachten, in Österreich eine Zahl, bei der Anträge und Flüchtlinge halbwegs übereinstimmen. Und zwei Zahlen, bei denen das definitiv nicht der Fall ist – weshalb man sie auch nicht auf die Bevölkerung umrechnen und ein Ranking erstellen kann, Das sollte jedem klar sein, der etwas Ahnung von der Thematik hat oder wenigstens googeln kann. Das steht alles im Netz. Im Netz sind aber auch vom Staat reichlich privilegierte Organisationen wie die Amadeu Antonio Stiftung, die diese Statistiklügen eifrig beklatscht.

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Auch ein Journalist vom Spiegel feiert das mitsamt der hübschen Graphik ab. Graphiken sind toll. Niemand hat die Absicht, eine Graphik zu fälschen, schon gar kein Mediendienst.

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Damit wird das Ding viral und landet bei Simon Hurtz, seines Zeichens aktivistenfreundlicher Autor bei Sueddeutsche.de, der ZEIT und dem medienkritischen – sic – Bildblog.

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Auch Rechtsanwälte spielen mit und verbreiten kräftig:

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Auch Leute, die ich eigentlich als kluge und reflektierte Zeitgenossen kennen gelernt habe, leiten das an mich weiter, und wundern sich überhaupt nicht, dass ausgerechnet Ungarn – die Mutter aller Grenzzäune – die humanitäre Grossmacht Europas sein soll. Sie sind damit leider in schlechter Gesellschaft, denn nach 7 Stunden ist diese Meldung auch zu ZEIT Online gelangt – mit dieser Überschrift.

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Ich geh mal kurz weinen

Amüsantes Detail: Verfasser des Berichts beim Mediendienst Integration – gefördert unter anderem durch die Integrationsbeauftragte des Bundes –  ist ein gewisser Fabio Ghelli. Ein Fabio Ghelli verfasst bei der ZEIT auch sporadisch Beiträge über die Migrationskrise.

Wissen Sie, als Journalist ist man eigentlich vorsichtig, wenn man das Wort “Mediendienst“ liest. Mediendienste sind eigentlich immer euphemistische Umschreibungen für PR-Büros, die Medien Informationen anbieten, die leicht zu einem Artikel zu verarbeiten sind, und dabei den Spin des Auftraggebers mitliefern. Der Auftraggeber hier wollte offensichtlich ausdrücken, dass es doch gar nicht so viele Flüchtlinge sind und Deutschland weit, weit hinter anderen kleineren und ärmeren Nationen zurück liegt. Wenn die das schaffen, schaffen wir das auch.

Beim Mediendienst Integration ist im Hintergrund der “Rat für Migration“, ein eingetragener Verein von Wissenschaftlern, die sich mit dem Thema beschäftigen und Migration klar befürworten und verteidigen. Eine Lobbyorganisation. Das ist natürlich berechtigt, aber die Art, wie ihre PR-Abteilung Statistiken zurecht lügt, lässt doch erhebliche Zweifel an der wissenschaftlichen Ethik im Kampf um die Meinungsführerschaft zu. Man kann das schon machen und kommt damit auch in die ZEIT – aber schon dort scheitert man an aufmerksamen Kommentatoren, die nicht so leichtgläubig wie die Journalisten sind.

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Und wenn man damit auffliegt, füttert man die medienkritischen Vorurteile von AfD und PEGIDA. Die werden ein paar Minuten nach meiner Veröffentlichung auch selbst darauf stossen, dass der Mediendienst einen prominent besetzten Fachbeirat hat.

Unterstützt wird der Mediendienst Integration durch einen Fachbeirat. Dabei handelt es sich um Journalisten und Experten, die beraten, das Vorhaben kritisch begleiten und ihren Informationsbedarf äußern.

Vom ZDF ist die nicht unumstrittene Morgenmagazin-Moderatorin Dunja Hayali dabei, der Frauke Petry massive Vorhaltungen macht.

Deshalb: Glauben Sie bloss nicht, dass es mir Spass macht, bei meiner Arbeit solche Munition für Verschwörungstheorien zu liefern. Machen Sie bitte nicht den gleichen Fehler wie der Mediendienst, den Kontext zu ignorieren. PR-Leute brauchen keine Journalisten von FAZ, ZDF oder ZEIT als Anstifter, um Fehler zu machen, und man kann sehr wohl in Beiräten sitzen, und integer arbeiten. Was immer „integer“ in unserer dunkelgrauen Schattenwelt auch heissen mag. Denken Sie selbst, trauen Sie keinem.

NACHTRAG: Mit diesem Tweet versucht der Mediendienst Integration jetzt, seine eigene Zahlenanalyse zu relativieren:

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Zu dumm, dass sie gestern die konkrete Behauptung, Deutschland stünde bei der Aufnahme von Asylbewerbern im Verhältnis zur Grösse in Europa nur auf Platz sechs, selbst ins Netz getragen haben:

medienla

21. Mrz. 2016
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18. Mrz. 2016
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Der Franz-Josef-Memorial-Preis für Hans-Peter Friedrich

Hochwürden, erlauchte Herrschaften, liebe Gäste,

die Jury des F.A.Z.-Blogs „Deus ex Machina“ freut sich, Ihnen den diesjährigen Träger des Franz-Josef-Memorial-Preises für durchschlagende politische Internetkommunikation mit Viraleffekt vorstellen zu dürfen – und zwar vorzeitig, wei bessah konns nimma weahn. In Zeiten, da Politiker jedes Wort abwägen, als sei es weniger als ein Gramm Chrystal Meth, ist es von besonderer Bedeutung, wenn manche unbeirrt und fern aller falscher Rücksicht weiter Aussagen für die Ewigkeit schmieden. Und wo wäre das leichter als im heissglühenden Feuer der Esse “Twitter“, wo die Zeichenbegrenzung das unwerte Metall der Differenzierung austreibt, und der unbeugsame Wille zur Aufmerksamkeit die Funken der bösartigen Intelligenz aufstieben lässt.

Wir alle erinnern uns liebevoll an die Freundlichkeiten des Vaters des Bayerischen Vaterlandes und führenden Mitglieds im Verein für deutliche Aussprache Franz-Josef Strauss, der leider Twitter nicht mehr kennenlernen durfte, das fraglos sein Lieblingsmedium geworden wäre: “Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“ hätte auch heute noch für unbegrenzte Erregung gesorgt, obwohl Volker Beck auf Twitter mittlerweile verstummt ist. “Dieser auf dem Pegasus dahertrabende deutsche Oberdichter“, geprägt für Günter Grass, würde auch heute noch jenes Volk der Kulturschaffenden in Wallung bringen, das Frau Merkel die Verehrung erweist. Und “er ist ein Filzpantoffel-Politiker, das sage ich ihm auch selber“ in Richtung Helmut Kohl hat jene schonungslose Offenheit, die wir uns sehnlichst erhoffen, besonders weil dann selbst wenn der Pressesprecher aus dem Fenster springt.

Und gerade jetzt, da wir angesichts des auszuhandelnden Türkentributs von Brüssel an ihn denken mussten, der er noch sagte:

Die CDU/CSU ist nicht bereit, eine Politik zu unterstützen, die uns zu Vorgartenzwergen in der Landschaft der Breschnew-Doktrin macht

Gerade jetzt also, da wir fast bereit wären, die politischen Vorgartenzwerge, was sage ich, Haremsvorgarteneunuchen von Erdogan zu werden, stellt sich nun Hans-Peter Friedrich vom Wahlkreis Hof-Wunsiedel an der Zonengrenze zum Warschauer Pakt hin, und sagt, was er als Mitglied der Regierungskoalition und stellvertretender CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender so denkt. Denkt in Bezug auf die SPD-Generalsekretärin Barley, die zu Protokoll gab, Merkel wäre angesichts der Konflikte in der Union eher im Team der SPD:

friiedrich

Wer erinnert sich da nicht sofort an das unsterbliche Wort des grossen Parteichefs und Landesvaters, der seinerzeit noch sagte:

Was wir hier in diesem Land brauchen, sind mutige Bürger, die die roten Ratten dorthin jagen, wo sie hingehören – in ihre Löcher.

Ganz so weit wie Strauss mit seinen Todfeinden ist Friedrich mit seinen Fraktionsfreunden nicht gegangen, aber von Strauss stammt ja auch das Diktum “Feind – Todfeind – Parteifreund“, was uns nun überdeutlich geworden ist.

Natürlich schlug Friedrichs Einlassung bei Twitter ein wie Bombe, natürlich richten sich nun, da die Kanzlerin im fernen Brüssel Haus und Hof verspielt, alle Augen auf ihn, und wie schon in den Zeiten von Strauss herrscht namenloses Entsetzen bei der Schwesterpartei, die sogleich leichtmatrosig aus dem berlinpreussischen Abgeordnetenhaus zu wehklagen beginnt:

ffriedrichb

So geht ehrliche Politik in Zeiten von Twitter. Der Umstand, dass Friedrich diese Aussage nach weniger als einer Woche im Umgang mit seinem brandneuen Account gelungen ist, ist für uns der Anlass, ihm neben dem Franz-Josef-Memorial-Preis auch die Schärpe mit gekreuzten Ratten und Schmeissfliegen für den unterhaltsamsten Newcomer zu verleihen. Wir wünschen ihm von ganzem Herzen, dass er der Berliner Republik als erfrischender Kommentator so erhalten bleiben möchte, wie der Patron unseres Preises es der Bonner Republik war..

Also, sollte er sein loses Fingerwerk im Zeitalter von Frau Merkel politisch bis Montag überleben, meine ich

18. Mrz. 2016
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16. Mrz. 2016
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Wie man in Idomeni eine humanitäre Katastrophe inszeniert

Vor einem halben Jahr war es publizistisch noch ohne Risiko, Migranten zum Durchbrechen von Grenzen aufzufordern. Medien wie die ZEIT, Spiegel Online und die Prantlhausener Zeitung feierten sog. “Aktionskünstler“ wie das “Zentrum für politische Schönheit“ oder “Pen.gg“ mit ihren Versuchen, Routen ohne Rücksicht auf geltende Gesetze zu öffnen oder zur privaten Schlepperei zu animieren. Auch als die Idee vorgetragen wurde, etwaige Grenzkontrollen in den Alpen durch Bergtouren und Wanderkarten zu umgehen, mussten solche Gruppen nicht um die Sympathie ihrer Unterstützer in den Medien fürchten. Dass es nun beim “Kommando Norbert Blüm“, dem mutmasslich von Aktivisten aus dem deutschsprachigen Raum angezettelten Grenzdurchbruch bei Idomeni am Montag etwas anders ist, liegt am Tod von drei Afghanen in der Nacht zuvor: Sie waren beim Überschreiten eines angeschwollenen Grenzflusses zwischen Griechenland und Mazedonien ertrunken. Erst nach dem Bekanntwerden dieser Meldung in Deutschland stellten Kollegen jener – auch öffentlich-rechtlichen – Medien, die den Zug am Montag noch aufgeschlossen dargestellt hatten, unangenehme Fragen nach denen, die als Initiatoren gelten können.

Dabei zeigt ein Blick ins Internet, dass hier von vielen Beteiligten punktgenau nach den Landtagswahlen in Deutschland versucht wurde, einen zweite humanitäre Notlage wie im September letzten Jahres in Ungarn zu erzwingen. Die Helfer konnten sich durchaus im Recht fühlen, denn Regierungssprecher hatten sich am Montag vor dem Aufbruch an der Grenze geweigert, eine Wende in Merkels Politik der grenzenlosen Aufnahme zu verkünden – vielmehr bleibe man beim bekannten Kurs, und Deutschland nimmt weiterhin Flüchtlinge auf. Als Losung für den Durchbruch wurde erneut der aus dem September letzten Jahres bekannte Hashtag “marchofhope“ ausgegeben – und zwar von deutscher Seite.

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Die erste derartige Meldung kommt vom Twitteraccount des Münchner Vereins Bordermonitoring e.V. des Migrationsaktivisten Bernd Kasparek. Der Verein betreibt auch den “Liveticker Idomeni“, der lange vor den klassischen Medien bekannt gibt, dass der Durchbruch stattfindet. Dort steht:

Moving Europe is joining the march, reporting that more than 1.000 people are participating

Rechts auf der Seite gibt es dafür einen speziellen Kasten mit den Tweets dieser Gruppe. Bei “Moving Europe“ handelt es sich um eine Kooperation von Bordermonitoring, der Berliner “Forschungsgesellschaft Flucht und Migration“, von Medico International, die mit als Erste die Ereignisse vertwitterten, und “Welcome to Europe“. Moving Europe ist in Idomeni vor Ort, und ist in der Gesamtbetrachtung eine erstaunlich verwobene Organisation: Während das Konto von Moving Europe der Berliner Forschungsgesellschaft gehört, ist die beteiligte Gruppe Welcome to Europe scheinbar ohne Impressum. Allerdings gehört die Domain w2eu wiederum Bordermonitoring, vertreten durch Bernd Kasparek, und an das Konto von Bordermonitoring sollen auch Spenden gehen.

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Welcome to Europe wendet sich nicht wie die Partner an das europäische Publikum, sondern an Migranten, und bietet detaillierte Informationen zum Zustand der Fluchtrouten – und zwar nicht nur auf Englisch und Französisch, sondern im Netz und mit Flugblättern auch auf Arabisch und Farsi:

We welcome all travellers on their difficult trip and wish you all a good journey – because freedom of movement is everybody’s right!

Für solche Aussagen, aber auch für die Website und Flugblattaktionen für Flüchtlinge hat Welcome to Europe 2013 den taz-Panterpreis bekommen. Einer der öffentlichen Vertreter ist Hagen Kopp, der auf viele Jahre im Kampf gegen Grenzen und für Bewegungsfreiheit zurück blickt.

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Hagen Kopp ist auch Aktivist des Frankfurter Bündnisses Blockupy, das sich gegen Kapitalismus und Banken wendet. Und obwohl Frankfurt fast 2000 Kilometer von den dramatischen Ereignissen in Idomeni entfernt ist, veröffentlicht dann ausgerechnet Blockupy bei Twitter sehr schnell eine durchaus vorzeigbare Karte des Weges, den die Flüchtlinge zu jenem reissenden Fluss nehmen, an dem dann diverse Medienvertreter die Aufnahmen machen werden, die um die Welt gehen. Zufälle gibt es.

Beim Marchofhope-Bejubeln ist auch eine weitere Organisation, die Refugee Support Tour aus Berlin. Sie veröffentlicht im Anschluss an die Ereignisse basierend auf Augenzeugenberichte einen Text über die Ereignisse, der trotz falscher Darstellung der Abläufe einen Einblick in das Denken und Mitgefühl dieser Gruppierungen zulässt:

Die griechische Polizei versuchte erst noch die Menschen aufzuhalten, ließ sie dann aber gewähren. Drei Menschen aus Afghanistan kamen tragischerweise bei dem Versuch auf die andere Seite des Fluss zu gelangen ums Leben. Supporter*innen halfen daraufhin den Menschen den Fluss zu passieren. Es bleibt zu hoffen, dass sie deshalb keine Repressionen erwarten müssen.

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Etwa 70 Supporter und Journalisten hat die mazedonische Polizei nach dem Grenzübertritt auf der anderen Seite des Flusses dann festgenommen – wobei es bei linksgerichteten Aktionen inzwischen generell schwer ist, zwischen Aktivisten und Journalisten zu unterscheiden. Etliche der in den Medien kursierende Bilder kommen aus dem Umfeld der “Sozialfotographie“, die ihre Bilder an klassische Medien verkauft, privat aber migrationspolitische Projekte unterstützt. Dieser Blickrichtung ist es zu verdanken, dass auf den wenigstens Bildern die Kette der mitmarschierten Reporter zu sehen ist, für die die Flussüberquerung mit Hilfe eines gespannten Seils ein gefundenes Fressen war.

Damit gelangte das Thema von einem Flugblatt linker Aktivisten über den Twitterhashtag Marchofhope, den vor allem deutsche Unterstützer verbreiteten, nach rund zwei Stunden auf den ersten Platz bei Spiegel Online, und dann weiter in die ganze Welt. Kritik an der Flussüberquerung kam erst auf, als die ertrunkenen Afghanen bekannt wurden.

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Moving Europe wusste das allerdings schon, bevor sich der March of Hope in Bewegung setzte, und retweetete die Todesmeldung auf dem eigenen Account. Danach begleiteten sie den Zug zum Fluss. Das steht alles im Netz. Man könnte sich als Journalist auch etwas Zeit lassen und sich über jene informieren, die solche Aktionen „begleiten“ und über Flüsse “helfen“ und in den sozialen Netzen die nötige Aufmerksamkeit erzeugen.

So, wie er tatsächlich gelaufen ist, erklärt dieser March of Hope vieles über unsere netzbasierte Medienwelt, und was man dafür braucht: Eine deutsche Bundeskanzlerin, die trotz einer gesperrten Route weiterhin Hoffnungen schürt. Mehrere tausend Menschen in einem Elendslager, die wegen dieser Hoffnungen kamen und deshalb auch unter hohem Risiko ein sicheres EU-Land verlassen wollen. Falsche Informationen verbreitende Flugblätter und Aktivisten, die aus den Durchbrüchen im letzten Herbst gelernt haben, was für emotionale Bilder man liefern muss, um die Medien anzufüttern und auf die erste Seite zu kommen. Hilfe aus dem Netz von linksextremen Aktivisten bis zu Katrin Göring-Eckardt von den Grünen, die den Durchbruch befürworten. Medien, die möglichst schnell und ohne Recherche berichten müssen, was die Aktivisten absetzen. Und einen Fluss, in den man die Flüchtlinge schicken kann, und nach Möglichkeit einige Kinder, die dort in Lebensgefahr sind. Für die Bilder und die politischen Ziele.

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Inzwischen sucht sie griechische Polizei die Verfasser des Flugblatts, aber die ganze Geschichte hat viele Mitwirkende.

Auf die Anfrage, ob Moving Europe oder seine Mitglieder am Flugblatt des „Kommando Norbert Blüm“ mitgewirkt haben, gab es keine Reaktion. Bei Bordermonitoring erschien später jedoch eine Distanzierung vom Flugblatt. Es wäre zudem eine Beleidigung zu glauben, ein Flugblatt allein hätte diese Bewegung auslösen können. Und an uns Journalisten gerichtet schreiben sie:

We urge the media to focus on the fact that over 2000 people took collective action to find their own way to central Europe.

16. Mrz. 2016
von Don Alphonso
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