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Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

23. Jul. 2016
von Don Alphonso
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Grünes Extrem-Künaxten: Boomtown Rats statt Beileid

Es gab nach dem Anschlag auf das Olympia-Einkauf-Zentrum OEZ viele interessierte Parteien, die sich auf Twitter ausgiebig an Spekulationen beteiligten. Und das, obwohl die Polizei dort eindringlich darum bat, das zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu tun.

Da waren die einen, die in der Folge des IS-Anschlags von Würzburg erneut von einem islamistisch motivierten Terroranschlag ausgingen. Und da waren die anderen, die auf den Tag genau 5 Jahre nach dem Anschlag von Utoya fest davon überzeugt waren, dass der Täter rechtsextremistisch eingestellt sein müsse. Erstere berichteten breit über Allahu-Akbar-Rufe, von denen bei CNN die Rede war, und über die in Videos angeblich erkennbare dunkle Hautfarbe. Zweitere wollten Springerstiefel erkannt haben, und nahmen anhand von Videos Sprachanalysen vor, die auf eine deutsche Herkunft hinwiesen.

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Und dann gibt es noch auf Twitter Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn. Strengmann-Kuhn hat im Gegensatz zu den meisten anderen Spekulierern, die sich an der Tatzuweisung beteiligen, einen verifizierten Account. Das ist wenig überraschend, denn er ist für die Grünen Mitglied des deutschen Bundestages aus Frankfurt/Offenbach. Dort fungiert er als sozialpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Sein Slogan lautet: GGG – Garantiert Grün Gerecht. Heute Morgen, kurz vor 10 Uhr, als weitgehend klar ist, dass der Anschlag von einem in Deutschland geborenen 18-Jährigen mit iranischen Wurzeln verübt wurde, beschäftigt sich Strengmann-Kuhn mit einem ganz anderen, allgemein überraschenden, aber sehr grünen Verdacht zu Amokläufen: Gender.

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Jeder normal ahnungslose Mensch würde bei solchen Fragen vermutlich erst Google oder Wikipedia konsultieren, wenn er sie ernst meint, statt sie ins Netz zu bringen. Dortselbst liesse sich in Erfahrung bringen, dass der letzte grössere Amoklauf einer Frau in Deutschland 2010 in Lörrach stattgefunden hat. Eine Anwältin erschoss vermutlich geplant ihren früheren Mann, erstickte den gemeinsamen Sohn, stürmte dann in ein Krankenhaus und schoss wahllos um sind. Sie tötete einen Pfleger, der sich ihr in den Weg stellte, und verletzte einen eintreffenden Polizisten schwer, bevor sie erschossen wurde. Ausserdem wurde hierzulande erst in jüngster Vergangenheit veine 15-Jährige weithin bekannt, die unvermittelt mumasslich versuchte, einen Polizisten zu erstechen. Am Anschlag von San Bernardino 2015, dessen Brutalität mit München vergleichbar ist, beteiligte sich mit Tashfeen Malik auch der weibliche Teil eines Terrorpaarres.

Und dann ist da noch Brenda Ann Spencer, die durch das Musikstück der Boomtown Rats “I don’t like Mondays“ weltberühmt wurde: Sie tötete 1979 im ersten Schulamoklauf der neueren amerikanischen Geschichte zwei Menschen und verletzte neun weitere. Will man Dr. Strengmann-Kuhn nicht totale Ignoranz und Unfähigkeit der Benutzung von Google unterstellen, muss man annehmen, dass er mit seiner Frage den Blick auf das Geschlecht von Amokläufern richten will. Es geht nicht um “Nazi oder Flüchtling“- Spekulationen, die Strengmann-Kuhn mit einem Link zum Tagesspiegel selbst entkräftet

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Sondern mutmasslich um ein beliebtes Thema dieser politischen Szene, nämlich der Frage, inwieweit Gewalt ein dezidiert männliches Problem ist. “Toxic Masculinity“ ist das Erklärungsmuster feministischer Kreise für männliche Gewalt und die deutlichen statistischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Der sozialpolitische Sprecher der Grünen bedankt sich dann hier, nachdem er noch fünf Bilder für sein Garantiert Grün Gerecht Tour bei Facebook gepostet hat, für die ernstgemeinten Antworten, die auf die wenigen Amokläuferinnen hinwiesen. Und bringt darunter – 18 Stunden nach dem Anschlag von München mit bislang neun Todesopfern, und nachdem bei Twitter mehrfach Kritik laut wurde, dass schon seine provozierende Genderfrage nicht sonderlich weise ist –

auch noch das heiter-ironische Amoklauf-Video der Boomtown Rats zu “I don’t like Mondays“.

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Für seine 4933 Follower und jeden, der es sehen will. Von Bestürzung oder Bedauern mit den Opfern findet sich auf dem Account des Volksvertreters dagegen keine Spur.

Jeder Radio-DJ, der so etwas bringen würde, wäre im Gegensatz zu einem grünen MdB seinen Job los. Feministinnen sagen, dass mangelnde Empathie einer der Hauptgründe für toxische Männlichkeit ist. Vielleicht ist da doch etwas dran, denn Frau Künast ist mit ihren indezenten Fragen zum Axt-Attentäter bei den Grünen offensichtlich alles andere als ein  Einzelfall.

23. Jul. 2016
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17. Jul. 2016
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Wie man gegen satirische Journalisten, StaSi-Opfer und die Polizei hetzt

Hier haben Sie das passende Instrument, mit dem Sie die Niedertracht der Berliner Eliten, um die es in diesem Text geht, geistig anfassen können – Sie werden es brauchen:

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Hatespeech im Netz geht ganz leicht: Es reicht, bei Migration mit dem Wort “Wirtschaftsflüchtlinge“ auszudrücken, dass ökonomische Interessen bei der Asylsuche in Deutschland im Vordergrund stehen können. Tatsächlich werden die Asylgesuche bei Herkunftsländern wie Georgien, Albanien, Algerien und Marokko fast durchwegs als unbegründet abgelehnt, was, wie die Fluchtbewegung in Länder mit möglichst guter Versorgung, tatsächlich auf wirtschaftliche Interessen hinweist. Es ist aber Hatespeech. Und auch, wenn man im Internet schreibt, dass man sich im eigenen Land fremd fühle oder Sexismus mit Flüchtlingen zusammenbringt – es gab da so einen Vorfall in Köln – äüssert man schon Hetze im Internet.

Sagte zumindest die Amadeu Antonio Stiftung in ihrem neuen Faltblatt.

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Darin wurde dann auch gleich detailliert erklärt, wie man solche Hetze entweder bei sozialen Netzwerken meldet, an engagierte Organisationen weiterleitet, oder gleich bei den Strafverfolgungsbehörden zur Anzeige bringt – auch wenn es „als Satire oder Humor getarnt oder im Nachhinein als Ausrede benutzt“ wird, wie die Stiftung die perfiden Methoden der Internetnutzer ausführt.

Einer, der offensichtlich so perfide ist, dass man ihn anzeigen muss, ist der Fernsehmoderator Achim Winter. Mit humoristischen Beiträgen in der ZDF-Sendung “Hallo Deutschland“ nimmt er gern Entwicklungen der Gesellschaft aufs Korn, und letzthin war es eben der Wunsch der Amadeu Antonio Stiftung, im Internet gegen Hatespeech zu kämpfen. Allerdings beteiligt sich Winter auch am konservativ-liberalen Gemeinschaftsblog “Tichys Einblicke“, das durch seine migrationskritischen Berichte schon länger vielen linken Aktivisten ein Dorn im Auge ist. Die Stiftung, die im Frühjahr angekündigt hat, nun auch in eigener Sache gegen Hatespeech juristisch vorzugehen und „Rufmord“ beklagte, sah nach drei läppischen Minuten TV-Witzelei offensichtlich das Mass des Erträglichen erreicht. Sie beschwerte sich beim ZDF im Erdogan-Modus, man sei “schwer getroffen“ – wozu Satire bekanntlich da ist – und das ZDF sollte doch den Beitrag aus der Mediathek nehmen, und der ganze Vorgang sollte Thema im Fernsehrat werden.

Tilman Steffen heisst der Autor von Zeit Online, dem der Klagebrief der Stiftung an das ZDF vorlag, und der daraus einen ganzen Beitrag machte. Tilman Steffen vergass nicht, neben dem offensichtlich durchgestochenen Brief auch noch Achim Winters Twitteraccount zu durchforschen, und zwar so, wie die Amadeu Antonio Stiftung das empfohlen hat: Tilman Steffen unterstellt in seinem Beitrag auch zwei Bekannten von Achim Winter wegen zwei ironischen Bemerkungen, sie verbreiteten selbst “Hasskommentare“, und befragte wegen ihrer Gesinnung das ZDF.

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Was Tilman Steffen zu erwähnen vergisst, ist die Quelle, aus der er das Schreiben hat. Die Weitergabe interner Schreiben an die Presse seitens des ZDF oder des Fernsehrates wäre höchst ungewöhnlich – Sender sind normalerweise allein schon zum Schutz ihrer Mitarbeiter bestrebt, Attacken von Dritten nicht zu verbreiten. Auf Anfrage war Tilman Steffen bislang nicht in der Lage, seine Quelle des Briefes der Stiftung zu benennen. Es liegt aber nahe zu vermuten, dass die Stiftung selbst sehr erfreut über das Leck ist. Was Steffen zudem zu erwähnen vergisst: Zeit Online ist offizieller Partner der Amadeu Antonio Stiftung. Die ZEIT-Redakteurin Andrea Böhm ist Mitglied im sechsköpfigen Stiftungsrat. Mit anderen hat Steffen die von der Stiftung gesammelten, mutmasslichen Straftaten gegen Asylbeweber in Deutschland übernommen und zu einem schlagzeilenträchtigen Bericht aufgearbeitet.

Tatsächlich gibt es im Pressekodex nichts, was das Verschweigen einer Kooperation mit einer nichtkommerziellen Stiftung verbieten würde. Die Amadeu Antonio Stiftung ist mit dieser Form der unterstützenden Berichterstattung, die ihr Anliegen mit weiteren Vorwürfen anreichert, offensichtlich hoch zufrieden und verbreitet den Beitrag mehrfach.

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Und als Privatmann bei Twitter hängt sich Tilmann Steffen auch noch hinein und vergleicht die ZDF-Satire mit der rechten Zeitschrift Junge Freiheit – und zwar so, dass es das ZDF auch mitbekomt:

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Was die Amadeu Antonio Stiftung dann sogleich retweetet:

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Denunziation beim Arbeitgeber mit den Methoden des 21. Jahrhunderts. Ebenfalls deftig wird es bei Matthias Meisner, der bei der Geschichte gleich die Unterstützung des Innenministeriums für die Stiftung und ihre Broschüre ins Spiel bringt, was die Stiftung auch gern weiter trägt:

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Wenn man nun zusätzlich erfährt, dass Matthias Meisner ebenfalls Autor bei Tagesspiegel bzw. Zeit Online ist, kann man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, einem orchestrierten Schauspiel beizuwohnen, wie es beispielsweise vor 1989 zwischen SED und Neuem Deutschland üblich war, als dort noch Max Kahane schrieb: Ein reibungslose Zusammenarbeit zwischen Verbündeten in einem demokratischen Staat zur Ausgrenzung von Meinung, bei der es auch schon zum Urteil reicht, dass man eine andere Meinung teilt oder weiter verbreitet oder über eine Stelle des Systems Witze reisst. Achim Winter hat den Witz an einer Stelle gerissen, wo man ihn anschwärzen kann – und da wird er angeschwärzt. Von der Stiftung direkt, und ergänzend von einem kooperierenden Medien und deren Journalisten als Privatleute bei Twitter. Natürlich sagt Winter nichts, was auch nur im Entferntesten illegal oder nicht von der Pressefreiheit gedeckt wäre. Aber zwischen legal und illegal ziehen die Amadeu Antonio Stiftung, Tilmann Steffen und Matthias Meisner die “schwer getroffen“-Grenze ein, erkennen Hatespeech und winken mit dem Innenministerium.

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Nur gibt es da noch einen weiteren Schönheitsfehler bei den verdienstvollen Beihilfswirken von Zeit Online, und der betrifft eben das Innenministerium, das sich hinter die Broschüre gestellt haben soll. Denn auch hier hat Tilman Steffen nicht die ganze Geschichte geschrieben, die für den Zeitpartner Amadeu Antonio Stiftung wenig schmeichelhaft ist. Die Veröffentlichung der Broschüre zog massive Kritik nach sich – vor allem, weil bei der Stiftung und der Broschüre die weithin für ihre deftigen Ausfälle bekannte Julia Schramm mitarbeitet:

Darauf angesprochen, trat das Innenministerium auf die Notbremse und distanzierte sich in einem reichlich ungewohnten Schritt.

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Das ist auch dringend nötig, wenn das Ministerium die Berliner Polizei nicht in wüsten Anschuldigungen stehen lassen will. Ein linksradikaler Twitternutzer namen “Kentrail_ticker“ war im Zusammenhang mit den von ihm unterstützten Konflikten rund um das Hausprojekt Rigaer94 im Internet auf die Adressen einiger Bewohner gestossen:

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Und mutmasste mit einem einschränkenden “offenbar“, die Berliner Polizei stecke hinter der Weitergabe der Daten an Neonazis, die die Daten veröffentlicht haben sollen. Nun sollte man bei Linksradikalen eigentlich wegen ihrer staatskritischen Haltung vorsichtig sein, und gerade beim Konflikt um die Rigaer94 gab es wenig, was Sicherheitskräften nicht nachgesagt wurde. Die Gewaltexzesse – bei der letzten Demonstration wurden 123 Polizisten verletzt – müssen ja irgendwie befeuert werden.

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Eindeutig Hatespeech. Das hielt aber den hier schon bekannten und ansonsten wegen Hatespeech jammernden Matthias Meisner nicht davon ab, diese Unterstellung weiter zu verbreiten. Zuerst mit einer Anfrage bei der Polizei:

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So geht Journalismus heute! In einem Tweet vom anonymen Gewaltfreund aus der Hausbesetzerszene zum Polizeipräsidium. Im Anschluss liess sich Meisner vom grünen Abgeordneten und Rigaer94-Konfliktlöser Benedikt Lux verifizieren, dass die Daten im Netz stimmen:

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Das löste mit haufenweise Retweets einen Sturm der Entrüstung aus, wobei es bis zu diesem Zeitpunkt nicht den geringsten Grund zur Annahme gab, die Polizei könnte die erheblichen Straftaten, die ihnen ein dahergelaufener Extremist aus dem Internet unterstellte, tatsächlich begangen haben. Andere Medien sprangen auf den Fall auf, wobei die linksradikale Verdächtigung bald entkräftet wurde: Aufgrund einer Schlägerei zwischen Bewohnern der Rigaer94 und Neonazis hatten deren Anwälte Zugang zu den Gerichtsakten, in denen die von der Polizei aufgenommenen Personendaten der Bewohner der Rigaer94 waren.

Julia Schramm jedoch, Hatespeech-Spezialistin der Amadeu Antonio Stiftung und Mitarbeiterin der von Ministerien empfohlenen Anzeigenempfehlung gegen Hasskommentierende, machte aus der vorschnellen Veröffentlichung von Matthias Meisner aus dem Partnermedium das hier:

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Es wird aber noch besser. Kurz zuvor hat die Amadeu Antonio Stiftung einen lukrativen Auftrag zur Beobachtung von Extremismus bekommen. In Thüringen. Von der dortigen Regierung aus SPD, Grünen und Die Linke, unter massiver Kritik der CDU, mit Projektmitteln in Höhe von 207.281‎ Euro. Schramm, die persönlich selbst der Linken nahesteht, schickt ihrer Unterstellung dann noch eine Wahlempfehlung gegen die CDU und für die Linke nach:

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Wenn Sie glauben, Sie hätten jetzt langsam alles gesehen: Es kommt noch besser. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Phillipp Lengsfeld hat selbst erhebliche Erfahrung mit der DDR-Staatssicherheit. Seine Aktion der sog. Ossietzky-Affäre mit staatlich verordnetem Rauswurf gilt als einer der Auslöser der gewaltfreien Revolution von 1989. Als Schüler hatte er sich damals für freie Rede eingesetzt – und mutmasslich im Zuge der Berichterstattung über das Vorgehen der Stiftung gegen Achim Winter twitterte er:

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StaSi ist nicht nett, aber am Umstand, dass die Stiftungsratvorsitzende Anetta Kahane selbst 8 Jahre unter dem Decknamen Victoria inoffizielle Mitarbeiterin der StaSi war, kommt man nun mal nicht vorbei. Fast 800 inzwischen freigegebene Seiten Material tragen den Namen von IM Victoria, und nachdem ihr Vorleben weithin bekannt wurde, hat Kahane eine Untersuchung in Auftrag gegeben, nach der sie – laut dem zur Verfügung stehenden Material – niemandem geschadet haben soll. Es mag durchaus nachvollziehbar sein, dass Lengsfeld dem neuen Aufruf zum Gesinnungsschnüffeln sowie dem Versuch, das ZDF unter Druck zu setzen, kritisch gegenüber stehen könnte.

Was für ein Glück für die Ex-StaSi-IM Kahane, dass es sogleich den Privatmann und unbescholtenen Journalisten Tilman Steffen gibt, der Lengsfeld für solche Aussagen – systemkonform mit der Stiftung von Anetta Kahane – dann selbst in die Hatespeechecke rückt:

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Und sein Kollege Matthias Meisner – der mit dem guten Draht zur Antifa – bringt einen Pegida-Vergleich.

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Möglicherweise sind das alles nur Zufälle. Es sieht für mich aber wie bei Tim Hunt und Jakob Appelbaum aus, oder bei stalinistischen Kampagnen: Scheinbar unabhängige Personen und Gruppierungen stützen einander im Feldzug zur Diskreditierung einzelner Opfer. Mit dabei sind übrigens auch wieder  die Büromitarbeiter des Grünen-Abgeordnete Volker Beck Charlotte Obermaier und Sebastian Brux, die man in diesem Blog auch schon beim Kampf gegen Andersdenkende kennenlernen durfte – aber zur Illustration des Umfelds der Stiftung und seiner Tätigkeit sollte das genügen.

Gefördert vom Familienministerium. Manches dann auch wieder retweetet von Kentrail_Ticker.

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Nach dieser hässlichen Geschichte voller mehr oder weniger offener Kooperationen, verdeckter Dolchstösse, Gesinnungsschnüffelei über Freunde, Gleichmarsch zwischen Medien, Institutionen und echten Hatsepeech-Aktivisten ist es für mich an der Zeit, auch etwas offen zu legen:

Ich bin mit niemandem in dieser Geschichte persönlich verbandelt, und ich bin bayerischer Staatsbürger. Bayern hat kein Auslieferungsabkommen mit der DDR und auch nicht mit ihren Nachfolgeorganisationen, sollte es da oben noch welche geben. Da schreiben sich solche Texte in Richtung eines drohenden Arbeiter- und Umerziehungslagerbauerstaates natürlich leicht.

17. Jul. 2016
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13. Jul. 2016
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Lex Borderline-GinaLisa

Seit ein paar Tagen liegt hier eine Abholkarte für ein Einschreiben. Es ist von einer Frau. Ich mag Frauen. In Öl und Leinwand sammle ich sie sogar, wenn sie älter als 150 Jahre sind.

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Ich werde das Einschreiben trotzdem nicht abholen. Seit gut sechs Jahren ist der Briefkasten mein Feind. Der Briefkasten ist, zusammen mit meiner unschwer auffindbaren Adresse, das Einfallstor für Leute, die, unhöflich formuliert, schwer einen an der Waffel haben. Ich erwarte hier ansonsten keine Einschreiben, das ist nur mein Zweitwohnsitz, und die Hauptadresse steht nicht im Netz. Wenn hier Einschreiben oder dicke Briefe kommen, stammen sie meistens von Frauen. Frauen, denen die Abgeordneten des Bundestags ihr Treiben erleichtern, sollte jemand das Pech haben, mit ihnen mehr als das Ablehnen von Post zu tun zu haben.

Der klassische männliche Stalker in meinem Fall wünscht mich – der ich Atheist bin – zu meiner “Kinderfickersekte nach Rom“, ist linksextrem und belästigt mein FAZ-Blog mit einer IP-Adresse des Norddeutschen Rundfunks, oder bastelt mutmasslich zusammen mit seinem in München arbeitenden Kumpel Fakeprofile in meinem Namen, um andere anzupöbeln. Das ist der Normalzustand in der Migrationskrise, auch Martenstein und andere Kollegen sahen sich massiven Anfeindungen auf vielen Ebenen ausgesetzt. Der klassische männliche Feind im Netz lässt gern durchblicken, dass er meine Artikel für Folgen meines ungestillten sexuellen Verlangens hält, aber die Sache mit den Frauen begann 2010 an einem Samstag im Sommer, als meine Freundin bei mir war und wir zum Wochenmarkt gingen. Aus dem Briefkasten schaute ein dickes Couvert, ich zog es heraus, öffnete es und schaute hinein.

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Im Brief zeigte mir die Absenderin mit Bildern, wie die Kinder jetzt aussehen, und beschrieb auf mehreren Seiten, wie es ihr inzwischen so ergangen ist, und dass wir uns bald wieder sehen sollten. Ich habe den Namen noch nie gehört, und weiss mit absoluter Sicherheit, dass ich weder verheiratet noch getrennt lebend oder geschieden bin, und garantiert keine Kinder habe. Aber auf acht Seiten wurde mir sehr schlüssig in Erinnerung gerufen, wie es früher zwischen uns war, dass sie mich vermisst und sie sich freut, wenn ich mich bald wieder bei ihr melde. Der Briefumschlag nannte keine Absenderin. Es war auch keine Briefmarke darauf. Die Absenderin muss sich die Mühe gemacht haben, hierher zu fahren und den Brief direkt einzuwerfen. Meine Freundin kannte sich mit dem Internet und den Irren aus und konnte das einordnen, aber wenn so etwas bei ohnehin schon kritischen Beziehungen passiert, kann es übel ausgehen.

Seit 2010 sind ausweislich unverlangter Briefumschläge und Erzählungen von Mitbewohnern mindestens fünf Personen in das – zum Glück grosse – Haus ohne Namen an den Türen vorgedrungen, um an mich heran zu kommen. Ich bin so halbwegs prominent, wildfremde Leute sprechen mich beim Bergwandern, auf der L’Eroica, auf dem Wochenmarkt oder sogar mitten in Siena an, weil sie mich erkennen und aufgrund des Ortes meine Identität einschätzen können. Das war bislang nie ein Problem. Es sind Leser, die alle sehr freundlich waren. Die invasiven Frauen sind grundsätzlich anders. Ich entnehme Briefen, Zetteln, Mails und Kommentaren, sie seien überzeugt, dass ich das möchte. Sie glauben, in meinem Willen zu handeln. Sie steigern sich in eine Vorstellung hinein, ich würde sie ansprechen oder einladen, und ich hätte doch sicher nichts dagegen, wenn sie eindringen. Oder sie denken, wir wären längst bekannt und sollten weiter machen. Diese Vorstellungswelten sind in sich völlig schlüssig und basieren auf meinen Texten, sind aber komplett irre. Und wenn ich mich wehre, indem ich glasklare Absagen formuliere, schlägt mir blanker Hass entgegen. Wie ich es wagen könnte, ihnen das anzutun. Bis zu ihrem nächsten Versuch.

Das hat sehr viel mit dem Internet zu tun. Früher, als man sich nur privat kennen konnte, wären solche Personen ganz schnell und nachhaltig ausgeladen worden, oder sie hätten sich angesichts der unleugbaren Realität erst gar nicht so reinsteigern können. Die invasiven Frauen können sich heute im Netz lange vorbereiten, sie können Informationen suchen und ihre Geschichten anpassen, sie bekommen eine gewisse Vorstellung von den Eigenheiten der Zielperson, und niemand hält sie davon ab: Der Irrsinn gedeiht im Verborgenen. Er hat alle Zeit der Welt. Er bestimmt, wann es Zeit ist, zu mir zu fahren oder etwas zu schicken. Ich kann nur reagieren. Manchmal gelingt es mir, eine Irre auch nachhaltig abzusprengen. Das Bekanntwerden meiner liberalen Haltung zu Sexarbeiterinnen hatte zwar auch zwei hässliche, netzöffentlich ausgetragene Konflikte zur Folge, als hätte hier der iranische Wächterrat oder das schwedische Frauenministerium etwas zu sagen. Es hat aber auch eine gestresst wirkende Person dauerhaft von mir Abstand nehmen lassen.

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Einmal bin ich reingefallen: Da gab es eine Anfrage für ein Treffen mit wissenschaftlichem Hintergrund. Nur aufgrund eines Zufalls fand das nicht bei mir, sondern in einem öffentlichen Cafe statt. Es dauerte auch nicht lang. Der Tee stand gerade erst auf dem Tisch, da war es schon zu einem einseitigen Konflikt über meine Persönlichkeit eskaliert. Führende Vertreterinnen der mobbenden Gender“forschung“ glauben, sie könnten mich einschüchtern, wenn sie von vielen Kollegen unterzeichnete Briefe an die FAZ schicken: Da lache ich nur. Aber nach diesem Erlebnis frage ich mich schon, was die betreffende Frau nachher gesagt und getan hätte, wenn wir uns bei mir daheim getroffen hätten. Im Cafe konnte jeder sehen, dass da ein Tisch zwischen uns war, und ich niemanden bedrohte, sondern nur etwas fassungslos einem lauter werdenden Monolog lauschte. Aber was garantiert einem, dass so eine Invasorin, von deren Sorte es wohl einen überspannten Haufen gibt, nach einem derartig verlaufenden Privattreffen ohne Zeugen nicht zur Polizei geht und dort einen Übergriff anzeigt, den sie – im Cafe zum Glück im Gegensatz zur sichtbaren Realität – empfunden haben will?

So etwas gab es früher auch schon. Es setzte aber ein gewisses Minimum an persönlicher Nähe voraus. Den Klassiker hat erst vor ein paar Wochen die crystalmethgeplagte Partei der Grünen mit der Affaire um die Landtagskandidatin Kerstin Lamparter und Agrarminister Alexander Bonde erfahren müssen: Sie hat erst ihren – anderweitig verheirateten – Liebhaber öffentlich angeschwärzt, ihn dann getroffen und danach wegen Vergewaltigung angezeigt, und das später als Missverständnis bezeichnet. Da war dann aber keine Familienministerin Schwesig oder eine andere Vertreterin der feministischen Pressuregroup TeamGinaLisa zur Stelle, um ihr Bedauern mit dem Mann auszudrücken: Falschbeschuldigungen existieren in der Gedankenwelt dieser Aktivisten so wenig wie bei den invasiven Borderlinerinnen die Annahme, ich könnte etwas dagegen haben, neue Beziehungen zu beginnen oder alte, die es nie gab, aufzufrischen.

Übrigens, falls Frau Lohfink, was nicht auszuschliessen ist, wegen Falschbeschuldigung verurteilt wird, tritt dann Frau Schwesig wegen der versuchten Beeinflussung zurück?

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Wie auch immer, mit der Neuregelung der entsprechenden Paragraphen zu Sexualstraftaten ist – vorbehaltlich der fehlenden Zustimmung des Bundesrates – ein Gummibegriff eingeführt worden: Es reicht, wenn ein Täter den “erkennbar entgegenstehenden Willen“ des Opfers missachtet. Kratzer, Bisswunden, Sperma, blaue Flecke, das alles mag zur Wahrheitsfindung beitragen, aber wenn in Zukunft einer Person einfällt, dass sie vor ein paar Jahren den Sex doch nicht wollte und Nein gesagt hat, wenn sie sich zerstritten hat oder beruflich doch nicht so weit kam, wie sie sich das bei Beginn der Beziehung vorgestellt hat – so etwas kommt in den besten Bundestagskreisen vor – dann ist zumindest der Anfang der Reputationszerstörung schnell gemacht. Bei Verjährungsfristen von 10 Jahren bei sexuellem Missbrauch und 20 Jahren bei Vergewaltigung muss man schon ein besonders gutes Erinnerungsvermögen haben, um sich an das zu erinnern, was früher einmal gewesen sein soll. Und selbst, wenn die Betroffenen von Falschbeschuldigungen freigesprochen werden, oder die Ermittlungen eingestellt werden, weil die Mehrheit der Anzeigen schon heute erfunden ist – schön ist das für die Betroffenen alles nicht. Existenzbedrohend dagegen sehr. Bei der Anzeige ist auch ein erfundenes Nein ein Nein. Und inzwischen haben die Opfer es auch mit einer Generation zu tun, die nicht mehr einfach nur Lügen erzählt. Generation TeamGinaLisa geht da planmässig und überlegt vor. Sie haben in den letzten Jahren durchaus gelernt, wie man aus alten Geschichten neue Wahrheiten macht.

Da war zum Beispiel vor zwei Monaten die Kampagne einer Clique gegen den Netzaktivisten Jakob Appelbaum. Sie haben sich vorher abgesprochen, eine Seite gebaut, und dann ihre Anschuldigungen anonym veröffentlicht. Als Beihilfe hat eine anonyme Beteiligte am Komplott das alles unter Klarnamen auch noch auf ihrem Twitteraccount bestätigt – prompt sind Kollegen weltweit darauf hereingefallen, und haben das als weiteren, unabhängigen Beleg für die Beschuldigungen gebracht. Eine andere Aktivistin behauptete, sie könnte im Gegensatz zu den anderen frei erzählen, und berichtete, dass sie vor 10 Jahren mit Appelbaum und ihrem damaligen “Hauptpartner“ Sex hatte, wobei sie ein Safe Word verwendete und durch Appelbaum die Situation eskalierte. Ich habe das bei meinen Berichten bewusst ausgelassen, weil die Person nach Eigenaussage erst nach ihrem fundamentalen Streit mit Appelbaum begriffen haben will, dass er sie missbraucht haben soll. Die gleiche Person ist aber auch Aktivistin in der extremfeministischen Ada Initiative gewesen, die vielen Unterstützern zu hart war und scheiterte, als sie sich dann noch gegen andersdenkende Frauen wandte. Die Anklägerin, die das Vergehen erst nicht verstanden haben wil, stellt sich in anderem Kontext zudem als sexuell durchaus erfahren dar und berichtet von Performances mit Banenen. Sie wechselt je nach Bedarf die Rollen – bei Appelbaum gibt sie das arme, übertölpelte Hascherl. Sie fordert, wie viele andere aus dieser sektenartigen Gruppierung, “Believe the victim“. Also das Ende des Prinzips, dass der Betrachter oder Richter unvoreingenommen sein sollte. Sie stellt die Grundlage der Rechtsprechung zur Disposition.

Die gleiche Methode – zusammen etwas passend konstruieren und dann, wenn der andere nichts ahnt, zuschlagen – sah man auch im Fall des Krebsforschers und Nobelpreisträgers Tim Hunt. Seine angeblich sexistische Rede in Korea ist inzwischen durch Bild und Ton und Zeugenaussagen als humorvoll und selbstironisch belegt. Drei anwesende Personen haben sich danach zusammengesetzt und die Realität so hingebogen, dass es zu einem globalen Shitstorm – und nebenbei aufgedeckten Unregelmässigkeiten bei der Hauptanklägerin – kam. Das Internet ist beim Lynchmob dennoch schneller als der Staatsanwalt bei der Untersuchung. Erst das Internet und der Umstand, dass alle sich für fähige Richter und Henker halten, erlauben derartige Vorverurteilungen aufgrund von Borderline- Aktionen. Den bei uns jetzt gesetzlich verankerten “erkennbaren Widerwillen“ wollten auch die Angreifer gegen Tim Hunt bei den Zuhörerinnen in Korea ausgemacht haben. Es hat offensichtlich gereicht. Es hatte sehr hässliche Folgen von Tim Hunt, aber nicht für sie.

Das System der Netzöffentlichkeit, in dem wir sind, schaut nicht genau hin und ist schon zufrieden, wenn eine Lüge nur halbwegs plausibel präsentiert wird. Davor bewahrt einen auch kein Medium – im Gegenteil: Die Medien sind Teil des Problems. Margarete Stokowski ist Feministin und Kolumnistin bei Spiegel Online. In einer Kolumne über den Netzhass schrieb sie über zwei besonders betroffene Frauen: Stefanie Sargnagel und Ronja von Rönne, die dieses und letztes Jahr in Klagenfurt bein Bachmannwettbewerb gelesen haben. Was der Leser im Beitrag nicht erfährt, ist der Umstand, dass der Hass von ganz unterschiedlichen Gruppen kommt: Sargnagel hat sich mit Rechtsextremisten angelegt, während von Rönne wegen eines Debattenbeitrags eine Hassfigur der Feministinnen ist. Dazu behauptet Stokowski bei Spiegel Online:

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Das klingt doch prima. Die liebe, moralisch starke Frau Stokowski, die Angebote ablehnt, einen weiteren ihrer vulgären Beiträge über Abweichlerinnen der feministischen Lehre zu schreiben. Nobel. Ein Musterbeispiel der Zurückhaltung. Das hat nichts, gar nichts mit Internethass zu tun, diese edle Tat. Könnte man glauben.

Die gnze Wahrheit sieht anders aus – Stokowski selektiert wie meine Irren im Hausgang und blendet Unpassendes aus. Es mag sein, dass Frau Stokowski tatsächlich Angebote bekam und sie abgelehnt hat. Es mag auch sein, dass sie nicht sofort eine ganze Erwiderung gegen von Rönne schrieb. Aber soweit ich das erkennen kann, ist Stokowski mit ihrem taz-Beitrag über einige feminismuskritische Texte sehr wohl diejenige in den Medien, die gegen von Rönne nach vier Wochen hetzte, weil unter den vielen hundert Reaktionen auf Rönnes Beitrag auch der Account des “Rings nationaler Frauen“ war.

Was dann drei Wochen später das kompromittierende Element für den in eine Morddrohung mündenden Shitstorm gegen von Rönne war, angezettelt und getragen von Stokowskis Gleichgesinnten.

Aber Margarete Stokowski ist eine ehrenwerte Frau und Spiegel Online ein ehrenwertes Medium. Das schreibt eine Befürworterin von “Nein heissr Nein“. Eine Frau, die öffentlich behauptet, sie hätte Beiträge über Rönne abgelehnt, und die nachweislich in einem Beitrag den Stoff für den Shitstorm und den bis heute anhaltenden Hass geliefert hat, den sie im Beitrag beklagt.

Nein heisst Nein. Sagen sie.

Wie sieht bei solchen Leuten ihre erlebte Realität Wochen, Monate und Jahre nach persönlichen Begegnungen aus? Was geben sie zu Protokoll, was behaupten sie, was verbreiten sie im Internet? Was besprechen sie vorab mit Freunden, die dann als Zeugen gelten? Welche Minister springen auf den Zug auf, welche Medien drucken die Lügen das nächste Mal bereitwillig ab, wer übernimmt die Rollen, die Alice Schwarzer und Bild bei Jörg Kachelmann spielen wollten?

Das scheinbar simple, in der Praxis von Borderlinern aber hoch problematische “Nein heisst Nein“ macht es deutlich leichter, die bisherigen Netzkampagnen in die juristische Sphären zu übertragen. Es geht um leichtere Anzeigen, und in der Folge um Macht, Definitionsmacht über Sex und Missbrauch, und um Verunsicherung. Übergriffige Migranten wollen sie nicht ausweisen, aber der weisse, heterosexuelle Mann soll mit einem Bedrohungsszenario konfrontiert sein. Wenn das nicht funktioniert, und die Anzeigen steigen, aber die Verurteilungen stagnieren, weil der angebliche “erkennbare entgegenstehende Wille“ die Anzeige erleichtert, aber noch lange nicht den Gang des Rechtsstaates nach Wunsch der Klagenden– dann kommt von dieser Seite die nächste Forderung. Dass man doch mehr den angeblichen Opfern glauben sollte. Dass Gerichte zu lasch sind. Dass man eine Verschärfung der Gesetze braucht. Wenn man erst mal – wie einige Journalistinnen bei ARD, Prantlhausener Zeitung und Spiegel – an eine Rape Culture glaubt, ergibt sich in diesem geschlossenen Weltbild alles andere, was daraus folgen muss, von selbst. Da unterscheidet sie nichts vom schrägen Weltbild derjenigen, die in meinen Hausgang eindringen, an Chemtrails glauben oder das Weltjudentum am Werk sehen.

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Mag sein, dass ich da aufgrund meiner Erlebnisse etwas sensibel bin, und ich wünsche auch keinem Abgeordneten des Bundestages etwas Böses. Aber klar formulierte Gesetze und Rechtsbegriffe wären nett und eine Zierde für einen zivilisierten Rechtsstaat, der nie aus den Augen verlieren sollte, dass es um Menschen und Gerechtigkeit geht. Die Vorstellung, dass für den kurzsichtigen Aktionismus einiger Politiker nun vor Gerichten geklärt werden muss, was der “erkennbare entgegenstehende Wille“ sein soll, weil man sich teilweise die falschen Migranten eingeladen hat – also die Gesetze für alle verschlechtert, um ein Problem zu bekämpfen, das die Politik selbst erzeugt hat – diese Vorstellung gefällt mir noch weniger als der Abholschein für das Einschreiben. Trotzdem habe ich wenig zu befürchten, und eine prima Anwältin, die auch #TeamRechtsstaat ist, wohnt hier im Haus. Bitter wird die Sache eher für einsame Herzen in Berlin, bei denen der geringste Verdacht das Ende der Karriere bedeuten kann.

Bei den ähnlich schwammigen “Sexual-Misconduct“-Regeln amerikanischer Universitäten sprach die Feministin Christina Hoff Sommers davon, dass Eltern die Spesen ihrer Jungs für Callgirls als eine Art Lebensversicherung betrachten sollten. Das mag etwas zugespitzt sein, aber wenn ich sehe, wie sich manche Aktivistin in den letzten Jahren radikalisiert hat, bin ich gar nicht so traurig, wenn meine Feinde im Netz beteuern, ich hätte überhaupt keinen Sex.

13. Jul. 2016
von Don Alphonso
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28. Jun. 2016
von Don Alphonso
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Der nette völkische, hassmobbende Nationalist aus Schottland

Nationalismus ist die letzte Zuflucht der Idioten. Sagten wir in der Schule, die im Bayern unter Franz Josef Strauss oft durch rechtsreaktionäre Lehrer und Schüler Anlass gab, diesen Satz zu bemühen.

Drei Jahrzehnte später komme ich fast nicht umhin, den Satz immer noch zu sagen. Nicht nur, weil der Nationalismus tatsächlich auf dem Vormarsch in Europa ist. Auch, weil bei einigen grossen Onlinemedienauftritten Berliner, Prantlhausener und Hamburger Herkunft, die ansonsten jedes rechte Gedankengut weit von sich weisen, nach dem Brexit wieder unverhohlen blau-weisse Fahnen geschwungen und völkische Sezessionen bejubelt werden. Nicht bayerisch-blau-weisse Fahnen, wie hier mit dem Löwen beim nationalistischen Denkmal für den Schmied von Kochel

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sondern die Fahne der Schotten.

Nationalismus ist die letzte Zuflucht der Idioten, die davor alle anderen Argumente verloren haben. Nach dem Referendum hiess es bei den Gewaltfreunden des Spiegelsonderschulenablegers Bento zuerst, das sei gar keine Wahl gewesen, sondern ein Putsch der “Generation Rollator“, der Alten, gegen die mehrheitlich sehr pro-europäische Jugend. Inzwischen wissen wir, dass die Wahlbeteiligung unter Jugendlichen mit 36% sehr niedrig war – was die anderen 64% von der Wahlurne fern hielt, könnte Anlass zu Spekulationen sein. Vielleicht generelle Politikverachtung in einem System, bei dem man nur die Wahl zwischen der dumpf-nationalistischen UKIP und dem Tory-Establishment unter dem panamabelasteten David Cameron hat, das der Jugend das Studentenleben und das Internet vermiest? Es ist auch gut möglich, dass die Juncker-Merkel-Austerity-EU unter allen Jugendlichen keine Mehrheit hat. Daran ändern auch die paar Videobotschaften junger Remain-Aktivisten nichts, die deutschen Medien realitätskonstruierend als Beweis für eine pro-europäische Gesinnung zeigten, während sie den Jubel der jungen Brexit-Vertreter einfach unter den Tisch fallen liessen und hier lieber alte, weisse Männer zeigten.

Die nächste Verteidigungslinie des “In Wirklichkeit will die Jugend bleiben“-Spins war jene obskure Petition, die britische Regierung sollte ein zweites Referendum ansetzen, wenn ein hohes Quorum nicht erreicht werde. Es folgte eine regelrechte Kampagne von BBC, Guardian, Spiegel Online und Zeit.de, als die Petition scheinbar viele hunderttausend Internetnutzer, ja gar Millionen in Bewegung setzte, um hier ihren pro-europäischen Willen zu bekunden. Darunter monierten kritische Leser, dass man solche Zahlen bei einer einfach zu manipulierenden Website vielleicht nicht allzu ernst nehmen sollte. Der Verdacht war richtig: Ausgerechnet dank eines Murdoch-Mediums wurde bekannt, dass die europafreundliche Presse dem Hackernetzwerk 4chan und seinen Skripten auf den Leim ging. Die Petitionsplattform hatte nicht einmal stutzig gemacht, dass Europaverteidiger zu Tausenden scheinbar aus Nordkorea und dem Vatikan kamen. Für 4chan ist der Hoax, dem die Presse europaweit aufsass, ein grosser Erfolg: Ansonsten wird 4chan in den Medien nämlich nur als Musterbeispiel für Rassismus, Sexismus, abartigen Porno und Mobbing genannt. Apropos Mobbing:

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Die Leute, die hier Donald Trump als „Affengesicht“ und „Spermatrompete“ beschimpfen, sind Schotten. Bei etwas niedriger Wahlbeteiligung als im Rest des Landes hatten sich 38% für den Austritt aus der EU ausgesprochen, und 62% dagegen. Trumps Glückwünsche wurden daher eher schlecht aufgenommen, und die Kaskade der Beleidigungen erfreut sich im Netz grosser Beliebtheit. Die Leute, die hier ihrem Unmut in einer justiziablen Form freien Ausdruck geben, kennt man in England als “Cybernats“. Sie bilden eine Art digitale Schlägertruppe, die für die nationale Eigenständigkeit Schottlands eintreten und mit konzertierten Aktionen schon früher von sich Rede machten. So wurde beispielsweise die Autorin J.K. Rowling mit einer Schmutzkampagne überzogen, als sie sich beim Referendum über die Unabhängigkeit von Schottland für einen Verbleib bei Grossbritannien aussprach. Cybernats-Mitglieder rekrutieren sich vor allem aus Anhängern der Scottish National Party, und momentan sind sie die digitale Speerspitze beim Anliegen, nach dem Brexit ein neues schottisches Referendum durchzuführen.

Was von deutschen Medien mit grosser Euphorie zur Kenntnis genommen wird, weshalb momentan blauweiss bemalte Gesichter und schottische Fahnen neben der Parteivorsitzenden Nicola Sturgeon vorteilhaft abgebildet werden. Die Schotten, so die Hoffnung, werden entweder ein Veto einlegen (obwohl ihre eher maue Wahlbeteiligung auch ein Grund für den Erfolg des Brexitlagers ist, was aber in Deutschland niemand so schreibt), oder aus dem vereinigten Königreich aus- und in die EU wieder eintreten. Offensichtlich herrscht in den Redaktionen eine Vorliebe für kleine, krisengeschüttelte und unterentwickelte Staaten in der Peripherie: Die seit der Finanzkrise von London mühsam am Leben erhaltene Royal Bank of Scotland ist eines der Hauptopfer des aktuellen Börsencrashs, und angesichts des Ölpreises ist das teure Nordseeöl für die Staatsfinanzen so hilfreich wie Meerwasser für die Banken in Island, Zypern und Griechenland.

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1707 war das selbstständige Schottland übrigens schon mal am Rand der Pleite, und wurde damals von den Briten mehr oder weniger übernommen, um einen Staatsbankrott abzuwenden – heute würde man “Bailout“ sagen. Die SNP bedankte sich dafür, indem sie im 2. Weltkrieg die Beteiligung von Schotten an der britischen Armee im Kampf gegen die deutschen Nazis ablehnte. In den 70er Jahren gewann die Partei an Popularität mit der Forderung, schottisches Öl – aus dem Meer vor Schottland – müsste den Schotten zugute kommen. Die Autonomie der Region ist für sie nur der erste Schritt zur Unabhängigkeit von den Briten. National eigenständige Folklore steht hoch im Kurs, und wirtschaftspolitisch stellt sich die SNP gegen die Spardiktate aus London. Ihre Hymne beschwört den Zusammenhalt von Blut und Boden, und nimmt Bezug auf eine Schlacht, die vor 700 Jahren in einem Massaker endete, das sogar nach den Vorstellungen der damaligen Zeit ausserordentlich grausam war. Die SNP ist eine nationalistische und separatistische Bewegung, die politisch motivierte Fehlinterpretationen des Mittelalters am Leben erhält, und Andersdenkende in Sachen Eigenstaatlichkeit und wegen nationalistischer Symbole ihrem eigenen Netzmob zum Frass vorwirft, während deutsche Medien dieses Ansinnen begeistert begrüssen.

Ich habe gewisse Schwierigkeiten, Unterschiede zwichen dem völkischen Nationalismus der SNP und dem der FPÖ, etwa in der Südtirolfrage, zu erkennen. Das Gewalt und Krieg verherrlichende Liedgut der Schotten ist auch nicht moralischer als das Lied “Südtirol“ der Band Frei.Wild, das eben jene ZEIT aus Hamburg verdammt, die nun den schottischen Austritt begrüsst. Die Ideologie der angeblich keltischen Schotten ist historisch betrachtet ähnlich, pardon, irrsinnig wie die Ideologie der angeblich keltischen Bewohner Padaniens, die die italienische Lega Nord in Spektakeln feiert, die wiederum an die Inszenierungen der SNP erinnert: Die einen berufen sich auf das Schlachtfeld von Legnano und Alberto de Guissano, die anderen auf die Schlacht von Bannockburn und Robert the Bruce. Die Lega Nord und die FPÖ gelten als rechtspopulistische und völkisch argumentierende Sündenfälle der Wähler – die SNP und ihre balkanisierenden Tendenzen schreibt man gerade zum Retter des Europäischen Gedankens hoch.

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Der Nationalismus ist die letzte Zuflucht der Idioten, und nachdem man die Briten jetzt für Nationalisten hält, können es die gegnerischen Schotten mit ihrem Drang zur richtigen EU nicht sein. Die Unabhängigkeitsbewegungen in Sardinien, Norditalien, Südtirol, dem Baskenland, Katalonien, der Bretagne, Korsika, Wallonie, Flandern und Galicien werden es mit Freuden zur Kenntnis nehmen. Wenn die Einstellung zur EU stimmt, dürfen sie vielleicht auch bald auf vorteilhafte Portraits ihrer Führerinnen und Führer hoffen – in jenen Medien, die in Deutschland den Sachsen wegen mangelnder Willkommenskultur den Säxit nahelegen.

Denn Rassismus, Hatespeech, Nationalismus und Chavinismus ist es nur, wenn andere es tun.

28. Jun. 2016
von Don Alphonso
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23. Jun. 2016
von Don Alphonso
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GCHQ: Der Überwachungs-Brexit ist längst da

Das sind die Ruinen der Thermen von Volterra: Marmorsäulen, Mosaike, diverse Bäder, Saunen, eine imposante Architektur, die der römischen Kultur zu verdanken ist. Nicht umsonst greifen moderne Badhersteller gern auf Bezüge zur Antike zurück. Dass es in Europa eine lang zurückreichende Kultur der Sauberkeit gibt, verdanken wir natürlich dem Imperium und seinem segensreichen Wirken.

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Was Rom in der Kulturgeschichte des Bades ist, sind London und das Vereinigte Königreich bei Menschenrechten, Toleranz und Aufklärung. Die Insel war – von ein paar gern übersehenen Verbrennungen Andersdenkender der ein oder anderen Religion, brutalen Bürgerkriegen und zynischer Politik auf dem Kontinent mal abgesehen – ein Land, in dem die Bürgerrechte gegenüber dem König gesetzlich in der Magna Carta verankert waren. Es war ein Land der Gewaltenteilung, des Parlamentarismus, der Toleranz, des Liberalismus, des technischen Fortschritts, des Frauenwahlrechts und der Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz. Wer auf dem Kontinent verbotene Bücher drucken wollte, konnte auf die Insel ausweichen, sofern sie nicht auch dort zur Verbrennung führten. Vieles, was uns heute als Demokraten selbstverständlich erscheint, wurde im Vereinigten Königreich erfolgreich entwickelt. An diesem Schicksalstage also blicken wir verträumt auf die Leistungen dieses Volkes, wie wir auch gern in unseren Bädern den Marmor der Römer hätten.

Wir ignorieren dabei, dass in vielen italienischen Cafes die Toilette noch aus einem nackten Loch im Boden besteht, das meist nicht sonderlich sauber und für zivilisierte Europäer unbenutzbar ist. Einen grösseren Unterschied als den zwischen römischer Badekultur und einfachen Toiletten in Cafes kann man sich kaum vorstellen. Ausser man vergleicht die theoretischen Bürgerrechte und demokratischen Ideale früher Briten mit der Kloake, die britische Regierungen, egal ob sozialdemokratisch oder bürgerlich, mit dem alptraumhaften Überwachungsapparat GCHQ und ihrer sonstigen Netzpolitik dem freien Internet vor die Tür gesetzt haben.

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Ich höre aus der Szene der Datenschützer nur vergleichsweise wenig Sorgen über den Austritt der Briten aus der EU. Es kann sein, dass das Volk heute über diese Frage zu Ungunsten des Gemeinsamen befindet. Aber dank Snowden weiss jeder, der sich etwas mit dem Thema beschäftigt und es im Gegensatz zu vielen Europapolitikern wirklich wissen will, dass die Briten in der Frage ihrer angeblichen “inneren Sicherheit“ den Rest Europas wie einen Feind behandeln, und dabei auch keinerlei Rücksichten auf geltendes Recht in der EU nehmen.

Das GCHQ sitzt auf den Überseekabeln und speichert, wie es ihm gefällt, und ohne jede Rücksicht auf den Datenschutz von EU-Bürgern.

Dazu kommt mutmasslich – ganz genau wollte das niemand untersuchen – der komplexe Hack der Firma Belgacom, die die Telekommunikation unter anderem für die Europäische Kommission, das Europäische Parlament und den Europäischen Rat übernimmt.

Da könnte man noch sagen, dass es eine unschöne Sache unter Freunden war, und alle so etwas tun. Aber das GCHQ hat auch Amnesty International infiltriert und überwacht.

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Das GCHQ hat Möglichkeiten, digitale Schmutzkampagnen gegen Feinde zu fahren.

Und kennt auch SIM- und Kreditkartennummern, was es natürlich leicht macht, solche Kampagnen zu fahren.

Wenn sich das kompromittierende Material mal nicht in den Emails von Journalisten finden lassen sollte.

Wissen, wer Webradios, Pornoseiten und Chats mit welchem Passwort benutzt hat? Kein Problem für das GCHQ, ist alles zur Abwehr des islamistischen Terrors gespeichert.

Natürlich sind auch Antivirenhersteller, deren Produkte Angriffe aufspüren könnten, nicht ausgenommen.

Schliesslich hat man beim GCHQ eigene Viren, die ungestört ihre Arbeit tun sollen.

Am Parlament vorbei läuft die Massendatenspeicherung übrigens schon seit anderthalb Jahrzehnten.

Und manche Mitarbeiter bedienen sich gern auch mal privat aus den Beständen.

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Währenddessen sehen deutsche Ministerien die Aufklärungsmöglichkeiten als “erschöpft“ an – die Briten haben damit gedroht, deutsche Dienste von den Informationen abzuschneiden. Und Versuche von Bürgerrechtlern, die Angriffe des GCHQ aufzuklären, werden von den Briten fast immer torpediert, etwa indem Gesetze passend zurecht gebogen werden.

Und obendrein leistet sich die Regierung in London jetzt ein Internetüberwachungsgesetz, das 12 Monate Vorratsdatenspeicherung und Angriffe auf Kryptographie legitimieren soll.

Und es liefert nach all den Skandalen auch eine VoIP-Verschlüsselung, die das nachträgliche Abhören von Gesprächen erlaubt.

Ohnehin sieht das GCHQ seine Zukunft an Seiten der USA und ihrer Dienste, mit denen es vom Boden der EU aus noch enger zusammen arbeiten will.

Und es ist absehbar, dass diese Sonderrolle des GCHQ als fünfte Kolonne der amerikanischen Geheimdienste in Europa bestehen bleibt, egal welche Regierung in London öffentlich Solidarität mit den europäischen Werten beschwört.

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Man liest viel vom gemeinschaftlichen europäischen Haus: Wenn es das gäbe, stünde der Stalker und Schnüffler GCHQ längst mit seinen Erziehungsberechtigten vor einem Gericht. Wenn Politiker, die so etwas parteiübergreifend tun, fördern, finanzieren und abnicken, durch den freien Willen des eigenen Volkes vor die Tür gesetzt werden, und nicht mehr Teil der EU sind, ist das aus Sicht des Datenschutzes zuerst einmal der Ausschluss eines inneren Feindes, der kaltschnäuzig Eigeninteressen über die gemeinsamen Grundwerte stellt. Und es ist ein schwerer Schlag für die kontinentalen Überwachungs- und Kontrollbefürworter, die mit den Briten einen wichtigen Verbündeten beim Abbau von Grundrechten haben. Wie etwa jene Zeitgenossen in der EU-Kommission, die dafür gerügt werden, dass sie den Briten – vermutlich aus Rücksicht auf die Verbündeten bei der Abwehr des Brexit – nicht endlich in Sachen digitale Bürgerrechte auf die Füsse steigen.

Es gibt offen ausgetragene Debatten, ob man Griechenland wegen seiner Defizite aus dem Euroraum werfen sollte. Es gibt offene Überlegungen und Massnahmen, wie man Polen und Ungarn wegen ihrer Politik gegenüber der Opposition, Minderheiten und Grundlagen des Rechtsstaates über die EU disziplinieren kann. Aber wenn es um den grössten Spionageskandal der westlichen Welt geht, hüllt man sich in Schweigen und arrangiert sich mit den Schuldigen, um von den Briten eine Zustimmung für die EU in ihrer jetzigen, erkennbar reformbedürftigen Form zu erhalten. Dieser Deal der Mächtigen hat mit der Magna Carta so viel zu tun wie ein Fallrohrabort in Agrigent mit den römischen Bädern. Man sollte sich also nicht wundern, wenn Datenschützer auch in der EU, die sich von den Briten in dieser Sache öffentlich bekoten lässt, oftmals eher eine Kloake denn einen Ort der Reinigung erkennen.

23. Jun. 2016
von Don Alphonso
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16. Jun. 2016
von Don Alphonso
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Der technische Fortschritt des rückschrittlichen Rassismus

10% der Deutschen sind nach einer Studie der Universität Leipzig der Meinung, der Einfluss der Juden in Deutschland sei zu gross,

Diese Leute können etwas dagegen tun, indem sie hier nicht weiter lesen.

Andere Schlagzeilen der gleichen Studie besagen, Deutschland rücke nach rechts, selbst wenn die Zahl der harten Rechtsextremisten gesunken ist. Gefragt wurde nach Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Weil nicht nach dem Verhältnis zu Berlin gefragt wurde, kann ich mich hier, wie die meisten meiner Kollegen, auf der sicheren, guten und richtigen Seite fühlen. Bei den anderen – und deshalb habe ich auch den Standard verlinkt – wäre es aber schon fein, wenn man genau zwischen denen differenzieren würde, die mit Nazigutachten hantieren und anderen, die lediglich von den Zuständen in manchen U-Bahnen angewidert sind.

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Letztlich sind solche Umfragen immer auch abhängig von dem, was man als rechts oder rassistisch definiert. Es wird beispielsweise nicht eruiert, wie die Bevölkerung zur Migration reagiert, wenn etwa, wie im Moment häufig, EU-Bürger aus Italien oder Spanien nach Deutschland ziehen. Rassismus, das zeigt auch die Ablehnung des angeblichen “jüdischen Einflusses“, den sich manche einfach mit ihrem zersetzenden Humor erschrieben haben, ist oft sehr selektiv. Wie etwa bei der Feministin und nach Eigenaussage Halbjüdin Laurie Penny, die natürlich nichts gegen Juden hat, ausser sie leben in Israel und kämpfen gegen die Hamas: Das ist dann eine andere Sache und man sollte sie ökonomisch bestrafen, bis sich die Dame dem Zechprellen zuwendet und wiederum dafür sorgt, dass der Antisemit seine Vorurteile gegen Juden bestätigt sieht – kurz, es ist mit den vielen Aspekten des Rassismus ein Kreuz, oder wahlweise ein Halbmond oder Davidstern.

Ausser man ist wirklich aufgeklärt, gebildet, engagiert und bewusst vorurteilsfrei, wie manche Aktivisten, die ich im Internet bewundern darf. Leute, die sofort wegen der obigen DavidsternHalbmindKreuz-Bemerkung über mich herfallen, weil ich mich intoleranterweise über den Islam lustig mache. Es sind Leute, die fordern, das Internet zu zensieren, wenn man sich auf dem Boden der Gesetze, nicht aber im Konsens des Justizministers und seiner Beraterinnen befindet. Leute, die in urbanen Kreisen leben, deren Meinung nicht sonderlich divers ist und sich total beim Thema Vergewaltigung engagieren, wenn es ein weisser Amerikaner in den USA war, und die tolerant zu schweigen in der Lage sind, wenn die Verdächtigen nebenan zu mehreren auftreten und nicht deutscher Herkunft sind. Hin und wieder müssen diese aufgeklärten Zeitgenossen auch mal von der einen Metropole durch die andere, und da ergibt es sich nun, dass sie auch meine Heimat durcheilen.

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Und sich dann über EDGEland beschweren. EDGE ist ein Mobilfunkstandard mickriger Datenlieferung, der auf dem veralteten GSM aufsetzt. Mein Tragtelefon kann das und nicht mehr, weil es bei uns, wenn ich radeln gehe, kaum etwas anderes gibt. Und ausserdem komme ich noch aus einer Zeit, in der es bei Pressekonferenzen einer Landtagsfraktion unter 20 Journalisten nur einen gab, der so ein Gerät hatte – ich habe noch gelernt, ohne dieses Ding analog zu arbeiten. Meistens ist es ohnehin ausgeschaltet, gerade eben finde ich das Ladegerät nicht, aber das macht nichts: Mein EDGEland ist schön, mir gefällt es hier. Andere brausen hindurch und twittern über EDGE, dass sie jetzt im EDGEland sind und es ist nicht auszuhalten. Denn wenn sie nur EDGE haben, verlieren sie ihre schnelle Verbindung zu ihren Kreisen, wie der ungern erwähnte Uropa im Kessel vom Stalingrad die Verbindung zur Heeresgruppe Süd. Sie sind abgeschnitten. Unter Fremden. Belagert von Barbaren, die kein UMTS haben. Digitale Kulturverweigerer, die hier irgendwie vegetieren und die Landschaft vor dem Fenster anschauen, statt auf den Bildschirm.

Da lachen dann die Berliner. Haha, die Anne ist in EDGEland, na hoffentlich kommt sie gut in Düsseldorf an. So wie man vor 120 Jahren in England hoffte, dass Basils Expedition zu den Ureinwohnern Afrikas bald wieder das Telegraphenamt in Kairo erreichte, um Kontakt mit der Zivilisation zu haben. Zivilisation ist angemessene Kommunikation, und wie der Brite im Smoking dann über die Schwarzen redete, die lediglich zur Plantagenarbeit taugen, so sind sich die Bewohner der iPhonelandes sicher, dass diese Leute da ohne gutes Netz grässlich zurückgeblieben sind. Die Bilder hier sind übrigens aus einer Ecke des Landes mit EDGE, Vollbeschäftigung, Zukunftsbranchen und einem durchschnittlichen Haushaltseinkommen, das doppelt so hoch wie im iPhoneland Berlin ist.

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Es macht also den Anschein, als sei der EDGEland-Rassismus noch etwas weniger logisch begründbar als der Rassismus der britischen Kolonialherren. Genau genommen ist der Mobilfunkstandard einer der ganz wenigen Punkte, bei denen dysfunktionale Städte des Nordens und Westens die wirtschaftlich prosperierende Provinz überflügeln. Das wird ausgenutzt, wie ein bierbäuchiger Alkoholiker das unverdiente Privileg des deutschen Passes bemüht, um sich einem japanischen Gastprofessor überlegen zu fühlen. Bei der Herabwürdigung ganzer Regionen aufgrund des Netzausbaus von Telekommunikationsanbietern handelt es sich um einen Vorgang, den man im Rassismus öfters erlebt: Die Selbstüberhöhung wird durch Faktoren jenseits der willentlichen Entscheidung des Menschen getroffen. Die einen haben eine dunkle Hautfarbe und die anderen leben im weissen Fleck der Abdeckungskarte. Dass das ausgrenzende Merkmal nicht mehr durch die geographische Herkunft und genetische Prädestination erzeugt wird, macht den Rassismus nicht weg: Er mutiert nur von einer gesellschaftlich geächteten Form zu einer, die nicht untersucht wird und es gleichzeitig erlaubt, den anderen mangelnde Bildung und Weltläufigkeit zu unterstellen: Leute, die EDGEland sagen, sagen auch oft schnell zu anderen NAZI.

Wer EDGEland und der damit verbundenen Lächerlichkeit entgehen will, kann das nur erreichen, wenn er sich unterwirft und dorthin zieht, wo das technisch unverzichtbare Merkmal der neuen deutschen Technikherrenrasse verfügbar ist. Und so, wie genetisch bedingte Hautfarben bestehen bleiben, und egal wie viel Studienabschlüsse man vorzeigen kann, bleiben auch weitere Stufen des Netzausbaus urbanen Wohnlagen vorbehalten, egal ob dort nicht gearbeitet, sondern mobil Porno geladen oder ein digitaler  Lynchmob organisiert wird. Das sind nun mal die Ecken des Landes, in denen sich der Ausbau besonders lohnt. Ein Weltmarktführer im Maschinenbau braucht keine Mitarbeiter, die sich dauernd durch Webseiten klicken. So, wie die chinesische Hochkultur auch lange Zeit bestens ohne die britischen Opiumeinfuhren zurecht kam. Vom technischen Überlegenheitsdünkel der echten Nazis, der sich aus dem Bau von modernen Reichsautobahnen und Volksgenossenwägen im Ratenkauf speiste, möchte ich gegenüber Iphoneabstotterern auf Datenautobahnen hier pietätvoll schweigen.

PIETÄT.

Sehen Sie. Ich schweige.

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Wir sind ja nicht so, im EDGEland. Wenn nun aber manche sagen, Deutschland zeige mit dem angeblichen Rechtsruck und seiner Ablehnung des Islams seine hässliche Fratze, dann mag es vielleicht auch nur ein Symptom einer generellen Neigung sein, die sehr viel weiter verbreitet ist. Bei Spiegel Online finden sich gute Beispiele:. Diese mit dem Kollektivwort “wir“ gegen “die Männer“ anschreibende Autorin glaubt, dass Gewalt “in ihnen drin steckt“ – da lachen die Schädelvermesser in der Rassenkundler-Hölle – und perpetuiert damit so eine Art genetischen Erbsündenvorwurf: Der Mann schlägt zu, als nächstes wird behauptet, Frauen erfinden keine Vergewaltigungen. Nur Männlichkeit ist in diesem manichäischen Weltenentwurf toxisch, und nur jenseits des EDGElandes sei das Leben im Kreise der Peergroup erträglich, es gibt das Richtige und das Falsche, die Aufgeklärten und die Nazis, die Allys und die Vergewaltiger, die Feministinnen und die Ahnungslosen, die Klugen und die Dummen, UMTS und EDGE, und was zu loben ist und zu verdammen, wird so nebenbei in der Gewissheit entschieden, dass das höhnische Lachen oder die gemeinschaftliche Empörung über UMTS schon das richtige Volksempfinden zeitigt. EDGEland kriegt das eh nicht mit, diese Hinterwäldler.

Zersetzenden Humor mag noch immer keiner. So ist das nun mal bei denen, die sich von Hauptstadt zu Hauptstadt bewegen und sagen können, was lebenswert ist und was als EDGE- und Kaltland verachtet werden soll, und die Prestige und Status nach dem Vorhandensein von hässlichen, hohen Strahlenmasten abhängig machen wollen, was trotzdem ein gewisser Fortschritt ist: Denn früher definierten sich manche ihrer gesitigen Ahnen noch über die Höhe ihrer Schädelturme.

16. Jun. 2016
von Don Alphonso
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10. Jun. 2016
von Anna Müllner
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Krebs und Glyphosat – Die Angst vor dem Unbekannten

Viele Menschen habe Angst vor Krebs. Und sie haben Recht damit, denn etwa 26% der Menschen in Deutschland sterben an Krebs. Der Rest stirbt natürlich auch irgendwann, wahrscheinlich an Herz-Kreislauferkrankungen (39%). Aber nichts fürchten die Menschen so sehr wie den Krebs. Demenz und Herzinfarkte werden mit Galgenhumor weg gelacht, die eine Erkrankung vergäße man eh, die andere kriegt man angeblich kaum mit. Beides ist falsch. Wer in die flehenden Augen Demenzkranker sieht, die ihre Enkel nicht mehr erkennen oder wer eine Patientenverfügung unterschreibt, weiß, dass es andere schlimme Möglichkeiten gibt, aus dem Leben zu scheiden.

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Trotzdem ist gerade Krebs ein Schreckensgespenst. Alles ist entweder krebserregend (das, was Spaß macht) oder schützt vor Krebs (das, was langweilig ist). Ich habe lange gelernt, neutral auf das Thema Krebs zu schauen. Nicht, dass ich nicht auch um Verwandte und Freunde bange, die von der Krankheit betroffen sind, aber wir Krebsforscher haben eben auch andere Erfahrungen gemacht. Wenn man daran forscht, wenn man buchstäblich auf Krebszellen hinabschaut, dann verliert das Gespenst ein wenig von seinem Schrecken.

Die Hälfte aller Krebspatienten können heute geheilt werden, sagte Otmar Wiestler, ehemaliger Chef des Deutschen Krebsforschungszentrum und jetzt Präsident der Helmholtz Gesellschaft. Dabei sollte man sich auch vor Augen halten, dass viele Menschen eine Krebsdiagnose in einem bereits höheren Alter bekommen. Viele Menschen leben auch sehr lange mit Krebs.

Aber die Angst ist da. Sie dient derzeit wieder zur Abschreckung, zur emotionalisierten Debatte. Über die Zulassung von Glyphosat zum Beispiel. Die Abstimmung über die Neuzulassung von Glyphosat durch die EU-Kommission, die für letzten Montag geplant war, verlief jedoch ohne Ergebnis. Auch wenn die meisten Landesvertreter sich vorher noch für eine Verlängerung aussprachen, zögern sie die Entscheidung nun hinaus. Denn diverse Gruppen sind dagegen, sie halten Glyphosat für krebserregend und selbst in winzigsten Mengen für gefährlich. Dabei wäre es eigentlich nicht zu erwarten, dass Glyphosat bei sachgerechter Verwendung Krebs erzeugt. Nutzt man das Herbizid nicht als Badezusatz sondern zur Unkrautvernichtung, werden die zulässigen Grenzwerte beim Endverbraucher nicht überschritten. Besonders absurd aber ist es, wenn winzige Rückstände von Glyphosat in einer bereits von sich aus krebserregenden Substanz nachgewiesen wurden, dem Bier. Das war wieder ein herber Schlag für die deutsche Seele. Man fragt sich, ob ein Nachweis von Glyphosat in Cornflakes ähnlich gewirkt hätte.

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Aber welche Faktoren begünstigen eigentlich Krebs? Da ich mich in meiner Doktorarbeit damit beschäftigt habe, wurde ich das des Öfteren gefragt. Das ist keine so einfache Frage – nicht weil ich die Antwort nicht wüsste, sondern weil diese verstörend ist. Denn Krebs entsteht vor allem durch das Leben an sich.

Unser Erbgut, die DNA, ist ein sehr robustes Molekül, das dennoch anfällig für Fehler ist. Ein Teil dieser Fehler sind Schäden, molekulare Veränderungen der DNA, die so nicht vorgesehen sind: Kleine Hubbel, falsche Verbindungen und sogar die gänzliche Durchtrennung der Stränge. Eine einzelne Zelle erhält bis zu 100000 dieser Schäden pro Tag, aber sie kann damit umgehen. Zumeist kann sie den Schaden selbst reparieren und wenn nicht, schaltet sie sich selbst aus. Werden diese Schäden aber nicht repariert und der Selbstabschaltungsmechanismus funktioniert nicht, kann sich das Erbgut verändern. Passiert das an der falschen Stelle unserer 22500 Gene, kann das, mit vielen weiteren Zwischenschritten, zu Krebs führen.

Zu diesen Schäden führt zum Beispiel Strahlung, wie durch UV-Licht und ionisierende (radioaktive) Strahlung. Letztere gibt es übrigens überall, nicht nur in Tschernobyl und Fukushima, dort sind die Werte nur viel höher. Ein weiterer Schadensverursacher ist der Sauerstoff. Simples Atmen schädigt unser Erbgut. Das ist schlecht, denn wir haben uns an den Sauerstoff gewöhnt und die Entzugserscheinungen sind immer tödlich. Es ist auch vor allem der Stoffwechsel an sich, der unserem Erbgut zu schaffen macht. Dadurch entstehen besonders reaktive Sauerstoffverbindungen, die unsere DNA angreifen.

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Und dann gibt es noch Zellgifte. Diese sind, wie der Name schon sagt, den Zellen nicht freundlich gesonnen. Oft greifen auch sie in die DNA ein und schaffen oder kappen Verbindungen, wie sie gerade lustig sind. Das kann man nutzen, um ungewollte Zellen – wie eben Krebszellen – zu töten. Allerdings ist keine Wirkung ohne Nebenwirkung, daher bekommen auch andere Zellen etwas davon ab.

Schäden in der DNA können auch zu Ablesefehlern führen. Bei der Zellteilung können dann fehlerhafte Kopien erstellt werden. Diese fehlerhaften Kopien können natürlich auch einfach zufällig entstehen. Und je häufiger sich eine Zelle teilt, desto öfter können diese Fehler natürlich passieren. Auch diese Fehler können unter gewissen Umständen wieder dazu führen, dass Krebs entsteht.

Es müssen aber viele Dinge zusammen kommen, damit Krebs entstehen kann. Die Zelle muss bestimmte Veränderungen durchlaufen, damit sie sich kontinuierlich teilen kann, sie muss resistent gegen die programmierte Selbstabschaltung sein und auch gegenüber dem Immunsystem. Sie muss einen Weg finden, sich immer wieder zu teilen, dazu benötigt sie Nährstoffe und für diese benötigt sie wiederum Blutgefäße. Außerdem muss sie, um ein bösartiger Tumor zu werden, ihre Saat weiter streuen, also Tochtergeschwulste ausbilden.

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Natürlich ist es wichtig abzuklären, welche Substanzen die Entstehung von Krebs begünstigen könnten. Allerdings wird man wenig finden, was nicht in irgendeiner Form und Dosis krebserregend ist. Das bedeutet, man muss Grenzwerte festlegen, bis zu denen eine Substanz als nicht schädlich gilt. Trotzdem erwecken Klassifizierungen wie „wahrscheinlich krebserregend“ die Angst vor dem Risiko, selbst wenn die Grenzwerte deutlich unterschritten bleiben.

Fehlerhafte Risikobewertungen entstehen vor allem dann, wenn der Stoff um den es geht irgendwie fremd und komisch ist. Mittlerweile gibt es Leute, die nichts mehr essen, was sie nicht aussprechen können. Würden diese nun „die Tomaten von den Augen“ nehmen, würden sie auch in diesen komische, aber absolut natürliche Inhaltsstoffe wie Glykolalkaloide oder Chlorogensäure entdecken. Vollkommen einfach auszusprechendes und natürlich vorkommendes Belladonna würde ihnen zwar auch die Augen öffnen, könnte aber ungewollte Nebeneffekte haben.

Die Bewertung und Einschätzung von Risiken basieren auf statistischen und dadurch sehr abstrakten Methoden. Andererseits ist deren Wahrnehmung von Gefühlen und nicht von Wissen gelenkt. Alles Fremde ist erstmal schlecht. Dies wird von Aktivistengruppen gerne und viel ausgenutzt. Sachliche Argumente gehen in emotionalen Debatten stets unter. Wer jedoch ohne Grundlage Ängste schürt, hat vielleicht auch gar keine sachlichen Argumente.

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Die Frage ist allerdings auch, inwiefern wir auf unser Krebsrisiko überhaupt Einfluss nehmen können. Mittlerweile gehen einige Forscher davon aus, dass Krebs vor allem durch eines entsteht: Pech. An der Debatte um Rotes Fleisch konnten wir sehen, wie geringfügig unsere Lebensweise das Krebsrisiko beeinflusst. Wer sein Krebsrisiko gering halten will, sollte möglichst aufhören zu rauchen, sein Gewicht in einem normalen Rahmen halten und am besten nicht alt werden.

Wir haben lange versäumt, zu lernen Risiken zu verstehen. Wir haben verpasst die Deutung von Wahrscheinlichkeiten verständlich zu vermitteln. Dies rächt sich nun damit, dass kaum eine Diskussion rational geführt wird. Geschürten Ängsten wird medial mehr Raum gegeben als den Fakten, die diese beruhigen könnten. Denn emotionale Aufrufe bekommen mehr Aufmerksamkeit, mehr Klicks, mehr Likes. Vermutlich können wir aber bloß mit unserer Ohnmacht nicht umgehen, irgendwann an einer uns kaum verständlichen Krankheit sterben zu müssen. Wir projizieren unsere Existenzialangst auf externe Sündenböcke, um uns selbst davon abzulenken, dass wir irgendwann den Löffel abgeben müssen.

Stattdessen sollten wir die Forderung von Verboten kritisch hinterfragen. Denn was ist denn die Folge von Verboten? Welchen Ersatz gibt es, wenn bestimmte Dinge verboten werden? Emotionale Debatten neigen dazu, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, und sich vollkommen von den eigentlichen Tatsachen zu entfernen. Dem kann man nur begegnen, wenn mehr Aufklärergeist durch die Medien fließt, statt skandalgetriebener Inquisition.

10. Jun. 2016
von Anna Müllner
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06. Jun. 2016
von Don Alphonso
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Der Niedergang des Sittenverfalls ohne Dekadenz

Italien ist ein lustiges Land.

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Das hier ist blanke Pornographie im Palazzo Ducale von Mantua. Drüben, im Palazzo Te, geht es noch härter zur Sache: Unverhüllte Penetration, Fummeleien mit Tieren, wie man sie in Deutschland nur von Gedichten über türkische Staatschefs kennt, barbusige Frauen in verschwenderischer Fülle an Bischofsgräbern in der dominierenden Kirche, und minderjährige Nackedeis.

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Selbst nach unseren heutigen Vorstellungen von Sexualität und deren offener Verbreitung – der AfD-Abgeordnete in Sachsen-Anhalt Andreas Gehlmann benutzt zur Rechtfertigung eines minder klugen Zwischenrufs das herrliche Wort “Sittenverfall“ – ist Italien in kunsthistorischer Sicht ein sexuell enorm aufgeladenes und unkeusches Land. Das liegt einfach daran, dass der Umgang mit Sexualität vor dem 19. Jahrhundert in Europas besseren Kreisen vergleichsweise frei und natürlich war, und das hat seinen Weg in die Kunst gefunden. Deshalb bekommen italienische Schulklassen beim Besuch von Kirchen auch Inhalte zu sehen, die man dort nicht zwingend erwarten würde.

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Auf der anderen Seite sperrt Italien aus Gründen des Jugendschutzes den Zugang zu pornographischen Angeboten im Netz. In etwa so, wie die EU das nun laut einem durchgesickerten Entwurf des Wahrheitsministeriums mit Eingriffen in die freie Rede und mit Kontrollzwängen durch die Internetprovider überall durchsetzen will. Ausserdem wird über Identitätsfeststellung der Nutzer nachgedacht – was Leser in den Kommentaren sagen, könnte diskriminierend ein Gschleaf als ein solches benennen, und ich will lieber gar nicht wissen, was Facebook dann macht, wenn ich angekettete, dickbrüstige Seekühe mit einer Sadomaso-Vampirlady des 16. Jahrhunderts zeigen würde.

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Italienische Schulklassen können mit solchen Darstellungen, die in jener Zeit als sehr gewagt galten, übrigens prima umgehen: Gelangweilt stehen sie vor Rubens, wenig begreifen sie von Mantegnas abgeblättertem Schlachtgemälde, aber die Grotesken und das, was sie dort oben an der Decke so treiben, wie sie übereinander herfallen, sich begehren und – da lacht der Sultan! – Ziegen an die Eutern greifen – das gefällt den Kindern. Und nein, sie gehen nachher nicht in den Innenhof und probieren Gruppensex aus, oder Missbräuche aus einer Menge heraus, wie man das jüngst wieder aus Darmstadt von Trägern einer eher bilder- und lustfeindlichen Unkultur hören musste.

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Wie auch immer, es ist nicht zu bestreiten, dass der Fortschritt in der sexuellen Darstellung des 20. und besonders 21. Jahrhunderts mit dem Internet in der westlichen Hemisphäre in keinem Gegensatz zur sexuellen Selbstbestimmung der Menschen steht: Schwulenrechte, Frauenrechte, Rückgang der Diskriminierung von Sexarbeitenden, zunehmend lockerer Umgang mit früher undenkbaren sexuellen Präferenzen und Partnerschaftsmodellen – die gesamte Liberalisierung, sie geht einher mit der weitgehend problemlosen Verfügbarkeit von Material, dessen Besitz früher den gesellschaftlichen Ruin bedeutet hätte. Und auch in Italien gibt es zwar eine Netzsperre, aber kinderleichte Proxymethoden, um sie zu umgehen.

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Vor 20 Jahren war das Internet noch nicht so verbreitet, und die Angebote eher spärlich: Damals hatte ich, wenn wir über Sittenverfall reden wollen, das grosse Glück, im Bürgerradio die Redakteure einer schwulen Radiosendung zu kennen. Das hat mir, verglichen mit meinem gängigen Umfeld, enorme Wissensvorsprünge verschafft: Natürlich konnte man sich, wenn man wollte, auch Bücher kaufen und nachlesen, was die da so machen. Direkte Kommunikation ist viel einfacher, und Herr Gehlmann von der AfD könnte sich zur Wissensvertiefung jederzeit bei queer.de anmelden und fragen, wie denn das so läuft und ob Schwule denn wirklich den ganzen Tag an Sex denken wie andere an das Wegsperren von Kritikern, und das sind wirklich phantastische Möglichkeiten, die es früher einfach nicht gab. Die Trennung zwischen Lebenswelten ist mit einem Klick zu überwinden. Man kann sich im Netz einmal unverbindlich anschauen, was es alles so an Optionen gibt, und sich dann überlegen, was einem passt. Geheim, frei, ohne Angst.

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Das führt im Endeffekt dazu, dass noch nicht einmal in der AfD Anlass besteht, sich in der Führungsriege nach rechtsreaktionären Vorstellungen zu verhalten: Die partnerwechselnd entstandene Patchworkfamilie Petry wäre vor 25 Jahren noch in der CDU undenkbar gewesen. Und dem Sittenverfall-Gehlmann steht auf der anderen Seite mit Alice Weidel eine selbstbewusste Frau im Parteivorstand gegenüber, die mit einer anderen Frau ein Kind erzieht. Nach meiner bescheidenen Einschätzung sorgt der Sittenverfall der offen ausgelebten Neigungen dafür, dass man durch das Netz und jenseits des privaten Umfelds sieht, wie banal und ungefährlich da alles letztlich ist, sofern es im Rahmen der gesetzlichen Regelungen ist. Da, wo vor 20 Jahren noch Graubereiche waren, ist heute lichter gesellschaftlicher Konsens, dass man die Leute einfach so leben lassen sollte, wie sie wollen. Offenheit, Information und Kommunikation tragen zum Abbau von Vorurteilen ganz erheblich bei. Die christlich-alteuropäische Überzeugung, ein strafender Gott würde Verderben bringend einschreiten, lässt sich angesichts der Realität auch nicht erhärten.

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Das Internet ist also fraglos eine Bereicherung und Wohltat, wenn es darum geht,Menschen früher Unvorstellbares zu zeigen, so wie sie sich auch im Palazzo Ducale von Mantua durch immer neue, burleske Einfälle bezaubern lassen können. Internet ist da wie freizügige Kunst, es gibt wenig Regeln und viele Möglichkeiten. Ausser man macht viele Regeln und grenzt die Möglichkeiten ein. Herrn Gehlmann würde das vermutlich freuen, aber auf der anderen, ebenfalls verbotswilligen Seite des politischen Spektrums muss man gerade feststellen, dass die neue Sittenstrenge herzlich wenig hilft. Im Gegenteil, in einer Welt des Sittenverfalls ist die Paste für Alle längst aus der Tube, und wenn das nicht zu den Regeln passt, gibt es Skandale. Die neuen Regeln sind in dieser Hinsicht grün und feministisch, und gerade eben zappelt der frühere Landwirtschaftsminister von Baden-Württemberg in einem Skandal, weil seine Ex-Geliebte, damals ebenso grün wie er, bei Facebook intime Details ihrer Beziehung veröffentlichte.

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Denn ohne Internet geht es nicht. Mir deucht, es liegt daran, dass derartige neue Vorschriften des sexuellen Umgangs unter besonders aufmerksamen, diskriminierungsfreien und konsensorientierten Menschen nicht so ganz zur Triebhaftigkeit derselben passen, die beim Sex – Herr Gehlmann wird es mindestens so entsetzt hören wie Pinkstinks, die Helferinnen von Heiko Maas – masslos und inbrünstig, ja sogar wollüstig und besitzergreifend ausgelebt wird. Der Mensch ist kein zwingend monogames Tier, das erzählen die Sagen des Altertums und die Filme von Sasha Grey, das singt Leporello über Don Giovanni, und das berichtet auch der Inhalt eines Keyloggers eines taz-Redakteurs, der viel mit Praktikantinnen zu tun hatte.

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Und mutmasslich mit gewonnenen Passwörtern in ihren Internetaccounts herumschnüffelte. In der taz. Auf Tasten, die ansonsten wie das Henkerbeil auf Leute wie mich herabsausten, wenn wir uns mal wieder über Gendergruppierungen mit dem Wort “Schlangenbrut“ verlustierten. Auf diesen keuschesten, diskrimierungsfreiesten Rechner_Innen also kramte sich einer mutmasslich durch Social Media Profile von Praktikantinnen. Das ist eine bittere Realität hinter den ausschweifenden Legenden, die seit Tucholsky über den Eros der Schreibzunft verbreitet werden: Wenn die Igel in der Abendstunde still nach ihren Mäusen gehn, hing der taz-Mann vor dem Bildschirm, um andern in die Mail zu sehn.

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Seitdem die Alternativen so evangelisch-korrekt wurden, sind Sexskandale auch nicht mehr das, was sie mal waren. Es ist klar, dass es immer eine Internetkomponente haben muss, denn jeder – ausser vermutlich Herr Gehlmann – lebt sich da offen und selbstdarstellerisch aus. Aber dann wird auf Facebook Böses gertratscht. Es wird nicht mehr gebaggert, sondern in Accounts gelinst. Es werden Hashtags wie #whyisaidnothing veröffentlicht, in denen Betroffene auf 140 Zeichen schreiben, was ihnen alles so in meist linksliberalen Freundeskreisen an sexueller Gewalt widerfahren sein soll. Und als vorläufiger Höhepunkt wird eine anonyme Website gegen den Internetaktivisten Jakob Appelbaum produziert, auf der angebliche Exen von Avancen und Sexparties erzählen, die  nach feministischer Lesart „Rape“ sein sollen. Zur Polizei geht der Seitenbauer trotzdem nicht, er macht es lieber über Rufmord und berechnete Empörung. Appelbaum sei total gemein, denn er ist smart und erfolgreich. Andere sollen sich melden, um auch anonym über ihn dort Geschichten zu schreiben, wo man schon mal Platzhalter hinterlassen hat.

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Das alles wird anonym gemacht, hindert aber manche nicht, die in Deutschland justiziablen Ausfälligkeiten einer Feministin mit mangelnder Impulskontrolle als weitere Verfestigung der Anklagen hinterher zu schieben. Im deutschen Sprachraum wird die Schmutzseite dann von bekannteren Vertretern des Feminismus wie Jürgen Geuter und Anne Roth bei Twitter verbreitet. Persönlichkeitsrechte? Vorsicht bei Gerüchten? Unschuldsvermutung? Roth, der Mitarbeiterin der Linkenfraktion im Bundestag, ist es offensichtlich nicht sonderlich wichtig.  Nicht belegte Behauptungen waren im christlichen Abendland ein beliebtes Mittel zur Ausgrenzung sexuell freizügiger Menschen, und die AfD-Sexualmoral bekommt von der anderen Seite ein Update für das 21. Jahrhundert:

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Appelbaum wird sogar vorgeworfen, dass er sich loyal zu Julian Assange verhalten hat – einem nicht verurteilten Mann. Insgesamt sind alle Vorwürfe gegen Appelbaum so schrecklich, dass man vor dem Einzug des Internets, Anfang der 90er Jahre, am Sonntag um 4 Uhr morgens das ganze Parkcafepublikum in München mit solchen Anschuldigungen hätte überziehen können. Das war unsere wüste Jugend, da küsste man noch ohne Erlaubnis, aber damals standen die Linken und Grünen noch für sexuelle Freiheit, und lagen nicht mit dem den Gehlmännern dieser Welt im verhaltensgeregelten Querfrontehebett. Inzwischen wissen sie, dass von Julian Assange bis Tim Hunt bei solchen Kampagnen immer etwas hängen bleibt, und nicht jeder ist in der Lage, sich wie Jörg Kachelmann, Peter Thiel, Hulk Hogan oder Milo Yiannopoulos gegen den Mob zu wehren.

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Man wird sich also möglicherweise an kleine, miese Skandale aus dem Vollkorn- und Hennamilieu gewohnen müssen, den ein oder anderen Nerd werden sie vorführen, mancher AfD-Anhänger wird die Idealfamilie nicht leben, und es wird sehr, sehr hässlich werden. Es geht so schnell mit den Unterstellungen, von der übersteigerten Vermutung zum nationalen Aufreger. Grandezza ist das nicht, nur schlechter Empörungsporno. Das Netz bietet alle Freiheiten, aber leider auch alle Freiheiten, sie zu missbrauchen und so lange Terror zu verbreiten, bis sich jeder bedroht fühlt. Es ist nicht schön, dass ein Herr Gehlmann über Gesetze entscheiden darf, und es ist nicht schön, dass eine Feministin wie Anne Roth jemanden gegenüber ihren 20.000 Followern an den anonym gefüllten Pranger stellt, der nur das Ziel hat, ihn menschlich zu vernichten. Die Verunsicherten werden sich andere Wege für ihre Triebe suchen, und durch das Netz schleichen wie ein Politiker zum Crystal-Meth-Dealer. Sittenverfall muss nicht sexuell sein, es kann auch sexfeindlich moralisch sein, und am Ende sitzen alle wieder in ihren Safe Spaces und fürchten sich vor den Trieben.

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06. Jun. 2016
von Don Alphonso
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30. Mai. 2016
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Kampf um Rom und andere Niederlagen der Etablierten

Das nächste grosse Duell zwischen Populisten und Establishment steht Europa bevor: Am Sonntag sind Kommunalwahlen in Italien, und in Rom könnte es eine Sensation geben. Nachdem sowohl Konservative als auch Sozialdemokraten nacheinander ihre Bürgermeister verschlissen haben, und zudem noch eine mafiöse Strutur in der Stadtverwaltung bekannt wurde, gilt die 37-jährige Anwältin Virginia Raggi als Favoritin. Raggi hat einen eigenen Hashtag, #coRAGGIo, eine eigene, aggressive Kampagne, und eine Bewegung hinter sich, die bei sozialen Fragen linkspopulistisch und bei der Migration rechtspopulistisch ist. Movimento 5 Stelle, kurz M5S, oder nach dem Chef der Bewegung Beppe Grillo “Grillini“.

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Nach deutscher, lauwarmer Vorstellung von Politik wäre M5S gleichermassen rechts- und linksextrem, rassistisch, sozialnationalistisch, europafeindlich, undemokratisch, und von einem fragwürdigen Führerkult geprägt. Beppe Grillo nennt Migranten ungeniert „das schwarze Gold der Mafia“, aber das scheint die römischen Wähler nicht mehr zu verschrecken. Rom leidet zu lange schon an Korruption und Missmanagement, als das ein paar linke und italozentrische Sprüche im Vergleich zum bislang alternativlosen “Weiter so“ der Etablieren abschreckend wirken könnten. Raggi verspricht mehr Staat, bessere Schulen, härteres Vorgehen gegen Alltagskriminalität, und mehr Einnahmen – durch Steuern auf Immobilienvermögen, die nun auch gefälligst der Vatikan zu bezahlen habe. Es ist, gelinde gesagt, mutig, sich in Italien oder gar Rom mit der katholischen Kirche anzulegen, aber Raggi ist von der M5S, und rücksichtsloser Populismus ist kein Ausrutscher, sondern der Kern der Bewegung.

Raggi profitiert bei ihrer aggressiven und durchaus schlau gemachten Kampagne von den Erfahrungen des ehemaligen Chefideologen Gianroberto Casaleggio, der im April verstorben ist. Casaleggio gilt als Konstrukteur und Mastermind hinter den Grillini. Als erfolgreicher Internetunternehmer warf er seinen gut bezahlten Chefposten bei einer grossen Beratungsfirma hin, gründete seine eigene Kommunikationsfirma und schlug dem Satiriker Beppe Grillo 2005 vor, seine politischen Vorstellungen via Blog an die italienische Bevölkerung heranzutragen. Grillo und Casaleggio waren für ihren Führungsstil umstritten, aber keine der neuen politischen Bewegungen in Europa – und erst recht keine Altpartei – nutzte das Internet so effektiv wie M5S. Grillo ist für seine extravaganten Auftritte in den Medien gefürchtet und mit seiner brachialen Art das absolute Gegenteil des Politikertypus von Angela Merkel: Jetzt wollen sie Rom nehmen, und bei den nächsten landesweiten Wahlen so stark werden, dass gegen die Grillini nicht regiert werden kann.

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Auf der anderen Seite steht die runderneuerte Lega Nord unter dem nicht weniger populistischen Matteo Salvini, und für Rom wird berichtet, dass die extreme Rechte bei einer Stichwahl auch für Vaggi stimmen könnte, solange es nur den Etablierten schadet. Grillo und Salvini erscheinen, wenn sie freundlich aufgelegt und entspannt sind und gut gegessen haben, wie wenn Beatrix von Storch mal wieder auf der Maus ausrutscht: Wo sich die AfD noch wortreich entschuldigt, wird italienischer Wahlkampf erst langsam warm. In Italien herrscht immer noch Wirtschaftskrise, die bisherigen Volksparteien teilen in einer grossen Koalition die Pfründe weiterhin unter sich auf. Extremistische und völlig enthemmte Töne in Blogs und bei Facebook gegen das Establishment, gegen die EU, gegen den Euro, gegen illegale Migranten – und zwar von links und rechts – haben dagegen ihren Schrecken verloren. Im Hintergrund wütet Grilli, im Vordergrund diskutiert Raggi auf dem Wochenmarkt. Die Strategie ist durchanalysiert, von den Medien besprochen und bekannt: Es ist egal. M5S und Lega Nord sind ihr eigenes Medium, Matteo Salvini hat gerade sein neues Buch herausgebracht, und schon der erste Satz rechnet mit „politici tradizionali dei matusalemme“ ab: Ein veritabler Bestseller in Italien.

Das ist ein Verhalten, das den Volksparteien in Deutschland seit Wehner, Strauss, Schmidt und dem jungen Joschka Fischer völlig verloren gegangen ist. Spätestens seit dem Ende der Regierung Schröder sind die Wortmeldungen von Politikern vollkommen austauschbar, und die Art und Weise, wie Abweichler dieser Sprachregeln durch die Medien gepeitscht werden, lässt auch keine Änderung erwarten. In gewisser Weise kann ich das verstehen: Im Internet gibt es kein Vergessen. Vor 20 Jahren wäre es unmöglich gewesen, Verbindungen zwischen Rosa-Luxemburg-Stiftung und den Linksradikalen, aus deren Umfeld Sahra Wagenknecht mit einer Torte beworfen wurde, zu durchleuchten. Heute steht das alles im Netz, man muss nur wissen, was man sucht, um daraus die passenden Stricke für dreckige Antifahälse zu drehen ( ← was man natürlich als Journalist auch nicht schreiben sollte, professionelle Gesinnungsschnüffler mit Ex-Stasi-IM- und Crystal-Meth-Nutzer-Verbindung sehen da weniger Wortspielerei denn Mordaufrufe, so läuft das Spiel der Erregung heute nun mal. Ausserdem darf man nicht dreckig sagen, sondern besser nichtnormhygienisch, wie scheusslich heute ja auch nichtnormschön heisst).

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Wo war ich… ach so. Ja. Also, in so einem Klima ist es kein Wunder, wenn diejenigen, die im traditionellen System von Politik. Medien und Wahlvolk agieren, nur noch das sagen, was keinen verschreckt, und nicht mehr das, was sich früher mehr oder weniger versendet hat. Einem Adenauer konnte es wirklich egal sein, was er vor einem Jahr gesagt hat – der normale Wähler konnte nicht nachschauen. Heute kleben Politikern alte Einlassungen wie Kaugummis am Schuh, und alles, was sie sagen, kann aus dem Kontext gerissen und gegen sie verwendet werden. Im Internet verbreitet sich das, wenn man es richtig aufbaut, so schnell, dass eine effektive Gegenwehr kaum möglich ist. Wir lauern nur drauf. Ich merke das an mir selbst und der Art, wie ich Screenshots anfertige: Die Dummheit von heute ist der Fallstrick von morgen. Man bekommt diese Dummheiten heute von allen frei Haus, die Aufmerksamkeitsgeilheit treibt sie dazu. Oder sie tauchen ab: Standpunkte zur Strafbarkeit von Pädophilie, die von der aktuellen Gesetzeslage abweichen, gibt es sicher auch heute noch. Aber wer sie im Netz öffentlich vorträgt, wird damit zeitlebens in Verbindung gebracht.

Vielleicht gehen Politiker von SPD und CDU/CSU auch so bedenkenlos mit der Totalkontrolle der Bürger um, weil sie es selbst genau so erleben: Ich habe phantastische Mittel, sie zu verfolgen, und sie halten das Profil (ausser Erika Steinbach) so niedrig, wie es eben geht. Und das wiederum bietet dann den Populisten die grosse Bühne. Zum einem, weil sie mit dem inhaltslosen, niemanden verschreckenden Gewäsch der Mitte nichts erreichen würden. Zum anderen, weil sie überall in Europa – ausser in Deutschland auf der rechten Seite – begriffen haben, dass es letztlich kaum schadet. So, wie gewaltbefürwortende und antisemitische Feministinnen im Umfeld mittelinker Parteien auftreten dürfen und eine “ideelles Gesamtschwein“-schreibende Gruppierung Micha Brumlik im Literaturhaus Berlin präsentiert, so haben andere Populisten auch erkannt, dass mediale Empörung und öffentliche Rezeption zwei sehr unterschiedliche Dinge sein können. Wo ein Gauland noch zu Kreuze kriecht, würde ein Strache noch einen Subsaharawitz hinterher schicken und sagen, die anderen haben halt keinen Humor.

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Salvini, Haider, Grillo, Strache, Gauweiler, Mussolini, Orban, Trump, Strauss, Varoufakis: Sie alle sind oder waren extrem unangenehme Gegner. Sie sind nicht dort, wo sie sind, weil sie das Böse sind, sondern weil sie ein Talent für ihre Art der Politik haben, das meines Erachtens den Storchs, Paus, Kippings, Göring-Eckardts, Trittins, Gaulands und Petrys deutscher Scheinalternativparteien völlig fehlt. Das Geschäft mit dem Populismus fegt die Unfähigen und Unsicheren so lange weg, bis welche kommen, die es können, und die dann auch flexibel und prinzipienlos genug sind, wenn es um die Macht geht. Salvini und Grillo begannen beide ganz links und treiben die italienische Politik vor sich her, Casaleggio träumte von einer Internetdemokratie ohne Parteien, Trump setzte sich gegen seine eigene Partei durch und Varoufakis versucht es mit einer paneuropäischen Bewegung, während Orban osteuropäische Koalitionen knüpft. Das alles passiert hinter der populistischen Fassade, über die sich so leicht reden lässt, und mit der das Mediengeschäft seine Schlachten um die richtige Sichtweise gewinnt, um dann den Krieg zu verlieren. Das Netz ist der Trog mit den vergifteten Perlen, der Leuten wie mir hingestellt wird. Wir arbeiten uns daran ab, weil es so schön plakativ ist. Alle sehen den ruppigen Beppe Grillo, der stille Casaleggio blieb im Hintergrund und war immer einen Schritt voraus.

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Solche strategischen Genies hat die AfD nicht. Aber sie braucht das auch nicht, wenn die Generalsekretärin der SPD so eine Unterstellung an die Adresse ihrer Kernwählerschaft ins Netz schreibt, eine Hamburger Grüne Moscheen in jedem Stadtteil fordert, und Merkels Menschenrechtspartner Erdogan Geburtenkontrolle als Betrug am türkischen Volk bezeichnet.

30. Mai. 2016
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26. Mai. 2016
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Cutesolidarity: Wie Politclownismus die AfD gewinnen lässt

Ich bin gerade in Mantua und muss meinen Freunden die deutsche Politik erklären. Eigentlich will ich das nicht. Ich würde lieber politisches Asyl beantragen. Denn meine Heimat ist, aus der Entfernung betrachtet, die Kasperltheateraufführung einer Gesinnungsdiktatur, in der kindische Medien AfD und Konsorten im Internet zu bekämpfen vorgeben, indem sie ihnen alle Optionen überlassen: Sie wollen den infantilen Politclownismus.

Ich möchte gern erklären, warum das so ist. Aktuell könnte man in Deutschland über wichtige Themen sprechen, die es übrigens auch in Italien gibt, und die hier durchaus breit und klug analysiert werden:

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1. Die Regierung in Berlin beschliesst ein sog. Integrationsgesetz, das als wichtigste Komponente eine sog. “Wohnsitzauflage“ beinhaltet. Anerkannte Flüchtinge müssen drei Jahre in den Bundesländern bleiben, in die sie zuerst zugewiesen wurden. In den Bundesländern verteilen dann wieder die Landesregierungen nach den jeweiligen Kapazitäten. Das ist ein Geschenk an die Heimatregionen der Refugee-Welcome-Fraktion in ihren durchgentrifizierten Stadtvierteln mit knappem Wohnraum, und ein massives Problem für das flache Land, wo dann drei Jahre Flüchtlinge leben, die dort in aller Regel keine Option für sich sehen, und sich lieber mit Ihresgleichen zusammentun würden. “Im ostdeutschen Kaff versauern lassen“ ist so ziemlich das Gegenteil von Integration. Wir haben hier in Italien erhebliche Probleme mit sog. “Clandestini“, die sich ebenfalls nicht um Wohnsitzauflagen kümmern und sich in den grossen Städten abseits der staatlichen Strukturen durchschlagen, weil es geht und weil man sie nicht abschieben kann: Genau diese Vergörlitzerparkisierung droht dann Deutschland. Zu Risiken und Nebenwirkungen lassen Sie mal einen Moment ihren Einkaufswagen am Simply in Citadella Mantova unbeaufsichtigt.

2. An der Küste vor Libyen ist gerade Migrationssaison. In Italien sieht man in allen Medien vollgestopfte, kleine Schlauchboote am Rande der 12-Meilen-Zone voll mit jungen Männern, meist aus Subsaharastaaten: Nigeria, Gambia, Senegal, Eritrea, Somalia. In Hotspots auf Sizilien werden diejenigen – vor allem Eritreer – ausgewählt, die gute Aussichten auf Asyl haben und auf Europa verteilt werden. Wer keinen Asylantrag stellt, wird dagegen aufgefordert, das Land innerhalb von 7 Tagen zu verlassen. Gemeint ist: Zurück ins Herkunftsland. De facto bedeutet es; Die Leute machen sich dann auf den Weg in den Norden. Das Resultat kann man sich an den Bahnhöfen von Verona und Mailand anschauen. Die Angst vor der Schliessung des Brenners ist in Italien ein grosses Thema, weil man nicht noch mehr Clandestini will, aber momentan rund 2000 pro Tag ankommen. Das hier ist das Schloss, hinter dem sich meine Freunde verbarrikadieren.

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3. In Österreich kann man sich als polizeibekannter Rechtsextremist mit Verbindungen zu Blood and Honour jahrelang kriminelle Delikte zuschulden kommen lassen. Man bekommt dann ein Verbot, Waffen zu besitzen. Trotzdem konnte sich ein Rechtsextremist zwei Nachbauten der Kalaschnikow beschaffen und in Nenzing, nicht weit von der Grenze zu Deutschland, betrunken einen Amoklauf veranstalten: Der Täter feuerte nach einem Beziehungsstreit ein ganzes Magazin wahllos in eine Menschenmenge. Zwei Menschen starben, der Täter tötete sich anschliessend selbst. Das könnte nach den schlimmen Erfahrungen mit dem NSU ein Anlass sein, mal über Rechtsextremismus, vollautomatische Kriegswaffen und daraus entstehende Bedrohungsszenarien nachzudenken. Ausserdem wirft der Fall nach den Attentaten von Paris erneut ein Schlaglicht auf die offensichtlich leichte Verfügbarkeit von Kriegswaffen in extremistischen Milieus. In Italien etwa gibt es neben voll bewaffneten Elitesoldaten an Denkmälern eine grosse Debatte über die neofaschistische Casa Pound.

4. In Bad Friedrichshall bei Heilbronn wird eine 70-jährige Rentnerin getötet. Aufgrund von DNA-Spuren und wegen eines Gegenstand aus dem Besitz des Opfers ist ein 26-jähriger Pakistani aus einer Flüchtlingsunterkunft dringend tatverdächtig. Seine Identität ist unklar, er hat mehrfach unterschiedliche Personalien angegeben. Der Mann ist wegen Diebstahl und Bedrohung polizeibekannt. In der Wohnung des Opfers wurden arabische und englische Schriftzeichen überwiegend religiösen Inhalts angebracht. Ähnliche Verbrechen wie der Mord am Brunnenmarkt in Wien, der Fall Ashley Ohlson in Florenz, und der Raubmord an einem Ehepaar in Catania sorgten jeweils für internationale Aufmerksamkeit. Vor allem, weil der Staat offensichtlich keine Kontrolle über gefährliche und illegale Personen hatte. Es ist der neue Höhepunkt einer ganzen Serie von gewaltsamen Einbrüchen in Deutschland.

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5. Mutmasslich am Bodensee schreibt jemand, der bei Facebook ein weitgehend unbekanntes Profil mit dem Namen “Pegida BW-Bodensee“ betreibt, am 19. Mai drei mit Emoticons als humoristisch gekennzeichnete Sätze: “Vor Nichts wird Halt gemacht. Gibt es die echt so zu kaufen? Oder ist das ein Scherz?“ Dazu zeigt er zwei Tafeln Schokolade mit den Kindergesichtern heutiger Fussball-Nationalspieler mit Migrationshintergrund.

Die möglichen grossen Themen sind also: Zwangweise Verteilung hunderttausener Migranten in ganz Deutschland zum Schutz des städtischen, linken “Mitte-Milieus“, Migrationskrise auf dem Weg aus Italien nach Mitteleuropa mit Zuwanderung von Tausenden Illegalen pro Tag, ein amoklaufender Neonazis mit Kalaschnikows, ein Mord an einer Rentnerin in einer Einbruchskrise, der die Polizei oft machtlos gegenüber steht, drei Sätze über Kinderschokolade.

Was ist davon wohl das beherrschende Medienthema, was wird mit einem Hashtag namens #cutesolidarity getwittert, was wird von allen Medien gebracht, neben einem Internet-Brief eines Fans an den Sänger der Eagles of Death Metal, der ein paar komische Ansichten hat?

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Die drei Zeilen.

Und was interessiert wohl 70-Jährige auf dem flachen Land, in das Flüchtlinge zwangsverschickt werden, angesichts der steigenden Zahlen von illegalen Zuwanderern und einer exzessiven Gewaltspirale von Dealergangs. Islamisten und selbsternannten Bürgerwehren wirklich?

Alles andere.

Natürlich ist es spassig, sich kolektiv über einen einzigen Pegidatypen auf Facebook lustig zu machen, der drei witzig gemeinte Zeilen schreibt, und dann von Medien zu einer bundesweiten Erregung mit Statements von Ferrero und DFB hochgeschrieben wird. Man sucht sich das leichteste und einfachste Opfer heraus und trampelt kollektiv darauf herum. Da haben sie es dann den Nazis aber mal gezeigt und viel Platz im Internet mit ihrem Anspruch gefüllt, etwas gegen die braune Flut zu tun. So geht Antifaschismnus. Keinen Fussbreit! Nie wieder! Und es ist lustig und es hat einen Hashtag.

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Alle anderen Themen überlassen sie entweder der AfD, oder nutzen sie nicht, wenn sie, Stichwort Waffenrecht und Selbstverteidigung, durchaus verwendbar wären. Diese Themen sind nicht so schön. Diese Themen haben viele unerfreuliche Aspekte. Diese Themen passen nicht in 140 Zeichen, und einen Hashtag gibt es auch nicht. Nicht mal Vice kann dazu Katzenkot rauchen. Ausserdem kauft mancher seine eigenen Drogen sehr gern in der U-Bahn und das flache Land ist weit, weit weg von der Berliner Medienrealität. Eine Tote in Baden-Württemberg hat im Gegensatz zu Pegida BW-Bodensee keinen Facebookaccount. Lager in Meissen oder Wolfenbüttel sind das Problem anderer Leute.

Aber sie haben sie gelacht über das Bild von “Hitler-Sport“ und “Panzer-Schokolade“ mit Frauke Petry. Das sind geile Themen, dazu ist die Klickstrecke schnell gemacht, und so schick, dass man deshalb die Politik der Bundesregierung durchleuchten müsste, sind Migranten heute auch nicht mehr. SPON-Kolumnist Georg Diez, der immer einen Text für sie hatte, vermietet seine Wohnung in Mitte lieber an gut zahlende Menschen, die besser Deutsch oder Englisch statt Arabisch oder Farsi sprechen sollten. Die Gefahr ist für dieses Milieu rechts, die Politik alternativlos.,die Aufmerksamkeitsspanne ist kurz und die Erklärung ist einfach: Wahlerfolge von AfD und FPÖ liegen nur an ungebildeten weissen Männern, die keine Ahnung haben. Wer eine andere Meinung hat, hilft der AfD oder ist ein Rassist. Wir sind die Guten. Komm auf die helle Seite der Medienmacht, Mut zu unbequemen Themen ist überbewertet und wir haben Katzenbilder.

Man kann viel Schlechtes über die italienischen Parteien sagen. Aber wenn die Rifondazione Comunista und Cinque Stelle hier bei mir in Mantua ähnlich realitätsblind gegen Lega Nord und Casa Pound kämpfen würden, wären hier längst wieder Standbilder des Duce auf den Plätzen. Die Wähler wählen Parteien wegen Politik und nicht wegen Hashtags, Katzenbildern und totaler Verkennung einer Krise, die uns noch lange beschäftigen und hässliche Folgen haben wird.

26. Mai. 2016
von Don Alphonso
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23. Mai. 2016
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Unbedingt die Kommentare lesen

Der Österreicher als ein solcher, das lernt man in Bayern in der Schule, trat mit den sog. Ungarnstürmen des 9. Jahrhunderts in das Licht unserer strahlenden Geschichte, und seitdem hat sich da auch nichts verbessert.

Aber mal abgesehen davon ist das noch lang kein Grund, als Grüne Jugend in den berlinslawischen Grenzmarken Deutschlands die freie, gleiche, demokratische Wahl des Bundespräsidenten durch das ganze Volk mit einem Patt zwischen den Kandidaten von Grünen und FPÖ mit diesen Worten zu beurteilen:

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Besonders peinlich ist die gestrige xenophobe und hetzerische Einlassung nach dem heutigen Sieg des grünen Kandidaten Alexander van der Bellen, der laut Eigenaussage eigentlich gern die Gräben zwischen den Lagern zuschütten würde.

So schnell also ist man hierzulande kollektivschuldig ein Naziland – für Österreicher dürfte da auch der Umstand interessant sein, dass auf Deutschlands zweitgrösster Nachrichtenplattform die Rede davon ist, dass Gewalt gegen das, was als “Nazis“ gilt, “durchaus denkbar“ ist. Eigentlich geht es die Deutschen ja nichts an, was ein anderes Volk demokratisch so tut, aber das hat die Urgrossväter der Grünen Jugend bei den Polen und dem Danziger Korridor auch nicht interessiert ohne jeden Zweifel darf das allgemeine politische Klima wieder als frisch vergiftet gelten. Denn der Anwurf wird von zig Nachwuchspolitikern verbreitet, die vermutlich alle für sich in Anspruch nehmen, politisch klüger als eine Tüte Crystal Meth zu sein. Gerade so, als ob man jetzt erst entdeckt hätte, dass in Österreich ein Stimmungsumschwung stattfindet, weg von den skandalerschütterten und verfilzten Staatsparteien SPÖ und ÖVP, die jahrzehntelang das Land unter sich aufteilten – inklusive vieler echter Nazis.

Dabei konnte es jeder kommen sehen, der sich etwas mit Internet und Politik beschäftigt. Die wichtigste und vermutlich auch beste Debattenplattform in Österreich bietet seit jeher die Zeitung “Der Standard“, das publizistische Herzstück des anderen, des linksliberalen Österreich. Gegründet mit personeller Hilfe aus dem linken Magazin Falter, und mit einer ausserordentlich fähigen Onlinemannschaft versehen, hat es die nach gedruckter Auflage kleine Zeitung zu einer Grossmacht im Internet gebracht. Der Kommentarbereich des Standard ist so etwas wie der digitale Salon der österreichischen Linken, mit einem Schwerpunkt auf das “Rote Wien“: Eben jene jungen, offenen und aufgeklärten Menschen schrieben dort, die gerade dafür sorgten, dass van der Bellen nach der krachenden Niederlage in der ersten Runde mit Hofer gleichziehen konnte.

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Zumindest war das früher so. Im Standardforum wurden de facto die Proteste gegen die blauschwarze Regierung von Haider und Schüssel koordiniert, die Creme des Widerstandes sorgte unter den Beiträgen für Gegenöffentlichkeit, und das mit viel Schmäh, Charme und Witz. Der Standard bedankte sich, indem er mit der Rubrik #User den Lesern eine eigene Plattform schenkte, auf der sie ihre eigenen Sichtweisen unter den Redakteuren – wenngleich auch von ihnen betreut – verbreiten können. Man kann beklagen, dass der Standard hier auch erkennbar filternd eingreift und vor allem Autoren zu Wort kommen lässt, die auf der Linie des Blattes oder links davon liegen. Ungeachtet dessen zeigt der Standard aber vorbildlich, wie Interaktion mit den Lesern zum digitalen Erfolg einer Printmarke beitragen kann. (Und wenn ich offen bin: Ich selbst habe von den Standardleuten viel über Communitypflege gelernt)

Die Sache ist nur: Man sollte die Kommentare wirklich lesen. Gemeinhin gilt besonders unter linken Autoren die feste Überzeugung, dass man Kommentare nie lesen sollte, das seien alles Irre, Nazis und widerliche Mobber – beim Standard gab es dazu früher keinen Anlass, denn die Zeitung und ihre Haltung sorgten dafür, dass sich Autoren und Kommentare in einer ideologischen Filterbubble bewegten. Es schrieb das andere Österreich, das moderne, aufgeschlossene Wien, nicht die Bierdimpfl aus Tirol, oder gar Burgenländer und Kärntner, die man als aufgeschlossener Wiener heute immer noch diskriminieren darf wie früher den Balkan.

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Das andere Östereich schreibt heute immer noch, der Standard ist alles andere als ein Forum der FPÖ. Aber in den letzten Jahren der Machtteilung zwischen SPÖ und ÖVP mehrten sich dort die kritischen Stimmen, und speziell Kanzler Faymann wurde von den altgedienten Kommentatoren seit Beginn der Flüchtlingskrise als Merkels Handlanger misstrauisch beäugt. Man konnte in den Foren des Standard recht unverblümt lesen, dass die Leser Angst vor der wirtschaftlichen Entwicklung haben, die nicht im mindesten so rosig wie in Deutschland ist: Österreich stagniert, hat eine hohe Arbeitslosenquote und wegen der Finanzkrise und der Verwicklung seiner Banken enorme Risiken zu schultern. Es gab beim Standard, wie in Deutschland auch, überoptimistische Beiträge zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt – und darunter offene Befürchtungen, dass sich das auf die Beschäftigung und das Gehalt der Einheimischen auswirkt. Derartige Kommentare hätte es früher beim Standard kaum gegeben und wenn doch, hätte sie die Phalanx der Rechtlinksgläubigen niedergemacht. Die Zeiten sind vorbei. Es sind einfach zu viele, und sie vertreten ihre kritische Meinung durchaus zivilisiert und ausgewogen.

Wer verstehen will, was in Österreich passiert ist, kann dort lernen: Das, was mitunter als “Blaufärbung“ des Kommentarbereichs bezeichnet wird, ist erkennbar Ausdruck der sich ändernden Einstellung von Debattierenden. Anlässe, die auch der Standard zur Kenntnis nehmen musste, gab es speziell in Wien genug: Der Skandal um muslimische Kindergärten, brutale Konflikte zwischen migrantischen Jugendgangs, der Anstieg der Drogendealertätigkeit mit der Flüchtlingskrise, eine brutale Gruppenvergewaltigung, dann noch ein Mord am Brunnenmarkt wie aus einem Horrorfilm, dazu das für Österreich und Wien typische Versagen der Behörden. Der Standard ist längst nicht mehr der Hort der Liberalen, die sich ein besseres Österreich wünschen, sondern eher ein Platz für Zyniker, die von den Parteien und ihren Vertretern insgesamt enttäuscht sind. Und oft genug sagen, dass sie den Hofer wählen, weil die anderen Parteien die vorangegangenen Wahlschlappen noch immer nicht verstanden haben.

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Wer hier mit der Logik der Grünen Jugend Nazis am Werk sieht, verkennt den Umstand, dass eher schlecht gebildete Rechte die Boulevardzeitung Krone kaufen, und Bürgerliche bei der “Presse“ umsorgt werden. Es gibt in Österreich eine strukturelle und durch Versagen und Skandale verursachte Schwäche der Parteien, die bislang die Macht unter sich aufteilten, und die Grünen sind in Wien Teil des Systems. Sie stehen für eine Politik, die nicht nur bei ihren Gegnern, sondern auch bei vielen ihrer bisherigen Befürworter nicht mehr wählbar erscheint. Das äussert sich nicht wie bei der AfD mit Wut im Stillen, sondern ganz offen auch dort, wo man solche Meinungen am wenigsten erwarten würde. Der Standard gibt dem ehemaligen Trotzkisten Robert Misik eine Internetkolumne, die seit jeher extrem FPÖ-kritisch ist – darunter macht man sich in den Kommentaren über ihn lustig. Das ist der Zustand im Zentralorgan des Lagers, das pro forma mit SPÖ, Grünen und NEOS als fortschrittlich gelten könnte.

Wenn dann als Bemühung in letzter Sekunde auch noch Frauen mobilisiert werden sollen – der Standard hat mit “die Standard“ auch ein Angebot, das sich speziell an Frauen richtet – stösst das auch nicht auf ungeteilte Zustimmung bei den Lesern. Der Standard hat in diesem historischen Konflikt zwischen den Lagern für van der Bellen wirklich getan, was er konnte, und darüber die ungeteilte Zustimmung seiner ureigensten Leser verloren.

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Ich bin Bayer und für uns sind Österreicher entlaufene Sklaven, die zurück in unsere Leibeigenschaft gehören, wie schon im 10. Jahrhundert. Aber bis es so weit ist, würde ich deutschen Auguren der Wahl in Österreich wirklich nahe legen, die durchaus differenzierten und reflektierten Kommentare beim Standard zu lesen. Wenn massenweise Leute von der Linken öffentlich bekunden, dass sie mit van der Bellen wenig anfangen können und die herrschenden Parteien einen Dämpfer brauchen, erklärt das einiges über die sehr speziellen Verhältnisse im Nachbarland, das die Asylkrise zu allen anderen Krisen auch noch obendrauf bekam. Sehr viele Österreicher haben sich entschieden, Hofer ihre Stimme zu geben, und selbst bei linken Zeitungen kann man unter den Beiträgen lesen, warum sie das tun. Diese Leute schrieben das, damit ihre Wahlentscheidung nicht unverstanden bleibt.

Wir Journalisten haben beruflich aufgrund der Sprachbarrieren keine Angst vor Migranten als Konkurrenten und vor ihrer Zuwanderung in Sozialsysteme, die wir mit der Künstlersozialkasse kaum finanzieren. Wir könnten uns informieren und sollten das auch tun. Es ist möglich. Allerdings habe ich diesen Beitrag zu schreiben begonnen, bevor ich bei SPON diesen Teaser sah.

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Man kann es sich mit den Erklärungsmodellen natürlich auch so einfach machen. Und damit eine Situation herbei hetzen, in der kommende Wahlerfolge der Rechten eine Art Beschäftigungsgarantie für solche Mahner sind, die bei der Grünen Jugend sicher gut ankommen .

23. Mai. 2016
von Don Alphonso
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18. Mai. 2016
von Don Alphonso
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„Denkbare“ Straftaten gegen Rechts bei Bento.de

Spiegel Online ist nach Bild.de die zweitgrößte Nachrichtenplattform im Internet. Es gibt seit einem halben Jahr einen “Jugendableger“, der an erfolgreiche Formate wie Buzzfeed, Vice und Vox aus dem englischsprachigen Raum anknüpft: Bento. Täglich werden mehrere Beiträge von Bento.de auch auf Spiegel Online als Teil des dortigen redaktionellen Angebots gespielt. Heute erschien dort ein Interview, geführt vom Vice-PKK-Demoreporter Richard Diesing, mit der Hamburger Rapgruppe “Neonschwarz“, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Schon der Teaser des Beitrags auf Spiegel Online stellt die Frage, wann “Backpfeifen“ legitim sind.

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In dem sehr gefälligen Interview geht es zuerst um Themen wie die gleiche Verteilung von Reichtum und soziale Gerechtigkeit, für die der Mittelfinger als Kampfmittel als gerechtfertigt gilt. Die Mittel der Auseinandersetzung werden dann deutlich schärfer, wenn sich die Musiker für die Antifa aussprechen. Der Wunsch, politische Gegner sollten „aufhören zu atmen“, wird dadurch legitimiert, dass es ein “Rap-Song“ sei, “der darf überzogen sein“:

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Vermutlich muss man für diesen Todeswunsch „guter Menschen“ die Inanspruchnahme der künstlerischen Freiheit als Grundlage betrachten, die vom Grundgesetz garantiert wird, Artikel 5, Absatz 3. Allerdings wird in Deutschland dort auch das Demonstrationsrecht für alle Menschen unabhängig von ihrer politischen Einstellung garantiert, namentlich in Artikel 8. Das hat sich aber offensichtlich bislang nicht zu Neonschwarz und in der Folge zu bento oder Spiegel Online herumgesprochen, denn widerspruchslos erklärt Neonschwarz, dass sie ein anderes Vorgehen für “legitim“ halten.

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Die Versammlungsfreiheit macht keinen Unterschied zwischen der politischen Einstellung der Menschen, weshalb auch “Nazi-Mobs“ durch Städte marschieren dürfen, solange sie sich an Recht und Gesetz halten. Das Recht dazu haben sie, auch wenn die Aufmärsche nicht beliebt sind, und es wird im Zweifelsfall vom Staat auch durchgesetzt. Etwa mit §21 des Versammlungsgesetzes:

Wer in der Absicht, nichtverbotene Versammlungen oder Aufzüge zu verhindern oder zu sprengen oder sonst ihre Durchführung zu vereiteln, Gewalttätigkeiten vornimmt oder androht oder grobe Störungen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Allein die Androhung reicht hier schon aus. Die ausgeführte  “durchaus denkbare Backpfeife“, die dazu Mittel sein soll, ist nach §223 StGB mindestens Körperverletzung, und allein der Versuch ist schon strafbar. Sehr wahrscheinlich würde in so einem Fall auch §240 StGB Nötigung zur Anwendung kommen – und genau wegen solcher „Hatespeech“-Aussagen macht das Justizministerium gerade Druck auf Facebook, sie zu löschen. Den projektleitenden Bento-Redakteuren möchte man angesichts solcher Vorschläge in diesem Kontext auch die Lektüre von §26 StGB Anstiftung und §111 StGB Öffentliche Aufforderung zu Straftaten ans Herz legen:

Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) zu einer rechtswidrigen Tat auffordert, wird wie ein Anstifter (§ 26) bestraft.

Die Vermittlung des Gewaltmonopol des Staates als absolut grundlegendes Rechtsprinzip in Deutschland hat bei Bento dagegen offensichtlich ausgedient – bislang kannte man das eher von Autoomenseiten wie linksunten.indymedia, die ihre Wut und den Zorn ebenfalls als Grund für legitim empfundene Straftaten benennen. Neonschwarz setzt dann noch eins drauf und zeigt beim Ziel der „gerechteren Verteilung““ Verständnis für Ausschreitungen:

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Der “Angriff auf symbolische Objekte“ nennt sich unter Vollstreckungsbeamten nach §303 StGB Sachbeschädigung. Wenn eine ganze Gruppe gegen Gegenstände vorgeht, wie im Interview beschrieben, gilt das humorlosen Richtern nicht als cooles Interview mit grosser Reichweite bei SPON und “zivilgesellschaftliche Aufgabe“, sondern als Landfriedensbruch, §125 StGB. Dass die attackierten Gegenstände “symbolisch“ sein sollen, hat in der Regel keine strafmindernde Wirkung – irgendwie hat Bento.de den entsprechenden Hinweis an die jugendlichen Leser vergessen.

Dafür hat Bento direkt unter diese freundliche Verteidigung von Straftaten, die definitiv nicht im Einklang mit unserer „zivilgesellschaftlichen Pflicht“ sind, eine Bildergalerie gesetzt, beginnend mit der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry: “Die Augen rechts – Das sind die Akteure der neuen Rechten.“

Die AfD wude in den letzten Monaten häufig Opfer linksextremistischer Gewalt.

An gleicher Stelle bei Spiegel Online war 24 Stunden davor ein Gastbeitrag von Bundesminister Heiko Maas zu finden, in dem er die AfD vehement attackierte und auf eine Stufe mit Putin, Trump und Erdogan stellte. Sein Beitrag endete mit der Anrufung eines anderen Deutschland:

Unser Land hat eine trübe Vergangenheit, aber die Generation unserer Eltern hat ein modernes Deutschland geschaffen: weltoffen und liberal im Innern, gute Nachbarn und friedliche Partner nach außen.

Bei Spiegel Online und Bento trifft das am nächsten Tag kaum mehr zu.

18. Mai. 2016
von Don Alphonso
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15. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Das Web und die Pleite, die der Guardian will

Wenn Firmen anfangen, ihre Kunden zu beschimpfen, ist das Ende meist nah.

Vor einem Monat war es beim britischen Guardian so weit. Die Zeitung, die durch ihre Zusammenarbeit mit Wikileaks und Edward Snowden vielleicht zur wichtigsten Stimme der digitalen Aufklärung geworden war, blickte in ihre eigene Kommunikation mit den Lesern, und veröffentlichte eine wenig erbauliche Untersuchung: Die zehn am heftigsten angegriffenen Autoren waren acht Frauen und zwei “non-white“ Männer. Der Guardian schob ein Editorial hinterher, das erklärte, wie er die Freiheit des Netz gerade sieht:

Free speech online can be revolutionary. But it can also poison the very bloodstream of democracy

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Für eine mittlerweile global agierende Zeitung, die sich mit den mächtigsten Geheimdiensten des Westens, Politikern und Gerichten angelegt und viel für genau diese Freiheit getan hat, ist das ein ernüchterndes Statement. Owen Jones – ein ehemaliger Gewerkschaftslobbyist und einer der vielen linkslastigen Neuzugänge beim Guardian während dessen Expansionsbestrebungen – sieht den Dialog mit den Lesern am Scheideweg:

Now we can have a two-way conversation, a dialogue between writer and reader. But the comments have become, let’s just say, self-selecting – the anonymously abusive and the bigoted increasingly staking it out as their own, leading anyone else to flee. Such is the level of abuse that many – particularly women writing about feminism or black writers discussing race – have simply given up reading, let alone engaging with, reader comments.

Was ein erstaunlich hartes Urteil eines liberalen Mediums über eine Leserschaft ist, die auf der anderen Seite durch ihre Treue und ihr Klickverhalten dafür sorgt, dass die eher kleine Printzeitung im Digitalgeschäft eine weltweit beliebte Marke geworden ist. Wenn man einmal notorische Trolle herausrechnet, sollten Kommentatoren eigentlich die treuesten und offensten Leser sein, die am ehesten der Kundenbindung zuträglich und bereit sind, im Netz als „Evangelists“ der digitalen Marke aufzutreten. Der Guardian verdankt seinen Einfluss auch genau jenen, die seine Inhalte im Netz weiter verbreiten und dadurch mehr Leser auf die Seite locken.

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Nun deutet Owen Jones schon an, worum es im Kern bei der “dark side“ seiner Leserschaft geht: Um Fragen des Feminismus und der Ethnizität. Der Guardian hat in den letzten Jahren Autorinnen und Autoren wie Owen eine Heimat gegeben, die man im Netz auch als “Social Justice Warriors“ bezeichnet, und die nun offensichtlich besonders von den Kommentarkonflikten betroffen sind: An erster Stelle ist die amerikanische Radikalfeministin Jessica Valenti, die eine erfundene Gruppenvergewaltigung ein einer Universität mit dem Schlachtruf “I stand with Jackie“ verteidigte, obwohl längst klar war, dass sie – und mit ihr der Guardian und viele andere Medien- einer Borderlinerin und einer versagenden Journalistin auf den Leim gegangen war. Oder die israelfeindliche Autorin Laurie Penny, deren pauschalisierende Aussagen über Männer und andersdenkende Frauen schon ein gerüttelt Mass an “dark side“ in die Debatten einbringen.

Der Guardian war jahrelang als Sprachrohr dabei, als eine gewisse Emma Sulkowicz versuchte, ihren von Vergewaltigungsvorwürfen frei gesprochenen Exliebhaber öffentlich mit Vorwürfen zu ruinieren. Der Guardian gab der fragwürdigen Connie St. Louis eine Bühne, um ihren Rufmord gegen den Nobelpreisträger Tim Hunt voranzutreiben. Dass der sich als Opfer gebende Guardian momentan nicht mit einstimmt, da Teile der britischen Labourparty und deren Vorsitzender eine Hetzjagd gegen die als konservativ geltende BBC-Journalistin Kuenssberg veranstalten, ist eine bemerkenswerte Ausnahme – dafür ist erneut die Klage über “Trolle“ gross. Professoren, die in England mit den dortigen Political Correctness Bestrebungen ein Problem haben, werden weniger freundlich abgehandelt – der religionskritische Zoologe Richard Dawkins, der manchen Linken nicht konform genug ist, wurde für den Troll des Jahres 2013 nominiert. In Amerika ist und bleibt der Guardian ein wichtiger und einseitiger Medienpartner der “Campus Rape“ Debatte. Der Guardian ist nicht linkskiberal – er definiert, was linksliberal zu sein hat, und lässt Abweichungen nicht zu: Abusive und Hate Speech sind immer die anderen.

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Kurz, es ist kaum möglich, die Website zu besuchen und nicht auf neue, linke und sehr zugespitzte Positionen zum Zustand der Welt zu stossen, die bis zu den Standpunkten des Guardians böse und gemein ist. Dazu kommt eine ausgeprägte Verbots- und Empfehlungshaltung, die dem Leser erklärt, wie er sich besser verhalten sollte. Und natürlich droht beim Guardian immer die rechte Weltherrschaft. Tories ist England, Trump in den USA, Umweltvergiftung, Gesundheitsgefahren, und ab und zu ertönt Jubel, wenn man etwa den beliebten, aber gefeuerten TV-Moderator Jeremy Clarkson den eigenen politisch korrekten Lesern zum Frass vorwerfen kann. Der Guardian bietet reichlich Ansätze zu Debatten, aber er führt sie selbst nicht gerade so, als sei er sonderlich an abweichenden Meinungen interessiert.

Die Leute, die der Guardian unter dem Chefredakteur Rusbridger und nach den Welterfolgen mit Assange und Snowden eingekauft hat, sind nicht wirklich Ausdruck einer breiten Meinungsvielfalt. Der Guardian besetzt eine linksliberale Nische, aber mit einem Aufwand, als sei er ökonomisch eine publizistische Weltmacht. Das kann man als Leser, wenn man von der Arbeit des Guardian überzeugt ist, fördern. Der Guardian verlässt sich darauf, denn das Stiftungsvermögen, von dem er zehrt, stammt aus dem Verkauf einer Internetanzeigenfirma, die früher jährlich Gewinne abwarf. Das Defizit zwischen den horrenden Kosten für die Onlineplattformen und den Erträgen aus Stiftung, Zeitungsverkauf und Werbung müssten und könnten die Leser tragen. 49 amerikanische Peseten Förderung im Jahr ist wahrlich nicht viel für die Zeitung, die die NSA und das State Department vorgeführt hat, und die nun gezwingen ist, massiv Personal abzubauen.

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Aber es ist ein Haufen Geld, wenn ein Blatt ständig suggeriert, andere Sichtweisen wären automatisch verwerflich und ihre Vertreter Brandbeschleuniger für den eigenen moralischen Scheiterhaufen. Ich schreibe beim Guardian keine Hasskommentare, ich denke mir immer: „Moment, liebe Autoren, da wäre ein wenig differenzierte Haltung, mit etwas Rücksicht auf den kulturellen Kontext, und Betrachtung aller bekannten Fakten…“ – und dann gebe ich auf. Es lohnt sich nicht. Ich lese gern andere Meinungen, man muss mir nicht nach dem Mund schreiben, aber der Guardian setzt auf eine harte, ideologische Linie, die an keiner Stelle selbstironisch durchbrochen wird. Das ganze Projekt verkörpert in seinen besten Momenten die Aufklärung, aber im täglichen Umgang stellt es einem dauernd die Frage: Wir oder sie? Bist Du auf unserer Seite oder der falschen? Die Ausweitung der Redaktion hat Leute an die Tastaturen gebracht, für die das totalitäre Motto “Listen and believe“ der grundlegende Anspruch an die Leser ist. Das ist mir so unsympathisch, dass ich nicht mehr zahle, obwohl es mir sehr wichtig erscheint, dass es ein Sturmgeschütz wie den Guardian in seinen guten Momenten gibt.

Es mag angesichts der amerikanischen und britischen Innenpolitik auch Sinn machen, extreme Positionen zu vertreten. Die grossen Leistungen sind wichtig und unbestritten, aber darüber hinaus geht der Medienkonzern seinen Weg zu einer sehr klar definierten und spitzen Zielgruppe. Diese Zielgruppe gilt als richtig, abweichende Meinungen gelten als “dark side“. Ich habe mir die langen Kommentardebatten um Campus Rape, Racism und Political Correctness dort angeschaut, weil sie, anders als die Beiträge selbst, durchaus vielstimmig sind: Da ist jede Menge Emotion drin. Für ein Produkt wie eine Zeitung kann das gut sein, wenn sie es annimmt und nicht verdammt.

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Was nun über die desolate Finanzlage der Stiftung und die ausbleibende finanzielle Unterstützung durch die Leser bekannt wird, und über die Bewertung ihrer eigenen lesenden Kunden, spricht eher für krasse Fehleinschätzungen des Schreibpersonals. NSA und Botschaftsdepeschen sind fraglos Themen, die das gesamte liberale und teilweise auch konservative Spektrum kommen lassen. Das soll nun als Klickvieh sektiererischer Editorials für Umsätze sorgen. Aber Debatten sind selten wie bei der Totalüberwachung des Internets eindeutig in Gut und Böse geteilt. Der Guardian jedoch führt – zumindest nach meinem Empfinden – alle Debatten so, und wer sich dort überall bestätigt sieht, nuss schon ein sehr einheitlich links gebürstetes und reines Weltbild haben.

Diese Leute gibt es sicher, aber sie zahlen die vielen Mitarbeiter nicht. Deshalb verbrennt der Guardian Geld, beschimpft seine früher begeisterten Leser als Gift, und kritisiert die freie Rede im Internet. Der Guardian schreibt nicht für das Internet, sondern für “The web we want“. Es wird spannend sein zu sehen, ob der Guardian dieses Web irgendwo findet, ohne darüber pleite zu gehen.

15. Mai. 2016
von Don Alphonso
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04. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Wie man den Hass im Netz beendet

Ich kenne kaum eine Wohnung von bekannteren Netznutzern.

Ich mein, ich weiss vergleichsweise viel über sie. Mit wem sie schlafen und welchen Beischlaf sie nachträglich nicht so gut fanden. Das schreiben sie nicht offen, aber wer zwischen den Zeilen lesen kann, Hashtags wie #whyIsaidnothing erlebt, und sich etwas in diesen Kreisen auskennt, weiss natürlich, wer gemeint ist. Und warum man vielleicht auch nicht mit ihnen schlafen sollte. Ich sehe ihre Wach- und Schlafzeiten, ich sehe ihren stolz verkündete Tätigkeit im Netz, und kann in etwa einschätzen, wo sie beruflich stehen. Ich sehe Veränderungen in ihrem Umfeld, wer in ihrer Gunst aufsteigt, und wer mehr oder weniger brutal weggeschoben wird. Kennt man einen Streit um Einfluss und Geld, so scheint es mir nach anderthalb Jahrzehnten Bloggerei, kennt man alle.

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Aber ich kenne die Wohnungen nicht. Das liegt nicht an einem besonderen Hang zum Datenschutz, denn der existiert in Kreisen nicht, die ganz offen über Partnerbeschaffung bei Tinder sprechen – was auch etwas über die Einstellung zu Freundschaften aussagt. Sie zeigen mir viel, wenn sie etwas schön und gut finden, und oft hat es mit “Wohlgefühl“ und “Zufriedenheit“ zu tun. Bei mir und vielen anderen, die ich nicht aus dem Netz kenne, stehen da an erster Stelle die eigenen vier, acht oder mehr Wände. Was ich davon selten im Netz zu sehen bekomme, ist mehr funktional denn schön, mehr Ikea denn wertvoll und, von ein paar Restaurierungsbloggern einmal abgesehen, schlicht und ergreifend austauschbar. Nicht das, was man will, sondern nur das, was verfügbar ist.

Gründerin, mal auf der Titelseite eines Magazins und jetzt auf der re:Publica Vortragende: Graue, niedrige Stahltische auf grauem Industrieteppich. Internetvordenker, Buchautor: Berg mit ungewaschener Kleidung. Leute, die sich von Grossindustrie und Reiseveranstaltern einladen lassen: Seit Jahren die gleiche Mietwohnung und Essen vom Inder, weil die Töpfe noch nicht ausgepackt sind. Promovierte Aktivistin, die anderen zeigen will, wie man voran kommt und selbst damit hadert, dass die Bude einfach nicht passt und zu teuer ist. Katzenbilder, so zurecht geschnitten, damit man nicht das Ambiente erkennt. Viel, sehr viel Berlin, natürlich, und alles in Folge der Preisexplosion in Mietverhältnissen. Nebenkostennachzahlung ist ein Thema, Innenarchitektur nicht.

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Es sind Wohnverhältnisse, die man aus Büchern wie “Neuromancer“ und Filmen wie “Blade Runner“ kennt. Es sind Lebensformen, für die Batterieleistung und WiFi-Verbindung entscheidend sind, und die erwarten, dass diese Bedürfnisse immer befriedigt werden. Es ist ihnen vollkommen egal, ob Gläser geschliffen oder gepresst sind. Sie haben keine Tasse und Untertasse, sondern Becher mit Werbeaufdruck und schwarzen, festgetrockneten Resten. Sie sind abgelenkt und fixiert auf das, was auf Bildschirmen abläuft. Es gibt nichts, was sie von aussen ins Netz tragen könnten, das sie nicht vorher daraus bezogen hätten. Ihre Lebensblickachse richtet sich auf den Screen und ignoriert, dass es um sie herum weniger gut aussieht. Das trifft auf die AfD-wählende Studentin mit islamophober Einstellung und Dauerfacebook genauso zu wie auf den Refugee-Welcome-Aktivisten, der das Netz wissen lässt, was er am Lageso tun wird.

Und sie alle fühlen sich wie Stars. Sie haben Follower und Anhänger, Gleichgesinnte und Verehrer. Sie könnten kaum jemand in ihre Wohnung lassen, aber jeden, der will, in ihre Gefolgschaft. Das Internet ist nicht nur eine Wohnung, es ist für sie ein ewiges Walhall, ein dauerhafter Volkskongress, in dem sie die Richtung vorgeben. Das erzeugt Autoblogger, die wirklich glauben, ihr geschmierter Beitrag würde etwas am Gang der Industrie ändern. Es erschafft einen Aktivismus, der sich vor allem damit beschäftigt, im Netz aktiv zu sein. Das bringt mir täglich eine lächerliche Petition von Change.org in das Postfach, deren Autoren bar jeder Selbstkritik sind. Und viele erwarten, dass man sich an ihren Crowdfundings wie bei Krautreporter beteiligt, oder via Patreon zu ihrem Treiben beiträgt, dem jede externe Qualitätskontrolle fehlt. Warum auch Qualität, es finden sich einige, die dafür zahlen, das Beispiel Krautreporter mag als Vorbild gelten. Es gibt nicht genug für den Bau eines Hauses, aber solange die Batterie hält und die WiFi-Verbindung steht, sind sie genügsam.

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Vor 10 Jahren haben Sascha Lobo und Johnny Häusler nicht nur die re:Publica auf den Weg gebracht, sondern auch versucht, 30 Blogs zu kommerzialisieren. Sie wollten mit “Adnation“ einen Vermarktungskanal für Blogwerbung schaffen, und haben sich bei der Gelegenheit mit vielen Leuten – unter anderem auch mit mir – überworfen. Wer die Kommerzialisierung nicht wolle, so Lobo damals, sollte doch ein “Praktikum bei einer nordkoreanischen Staatszeitung“ machen. Die Wirtschaftsgeschichte der Blogger hat danach allerdings gezeigt, dass es sich auch hier um einen eher nordkoreanischen Arbeitssklavenmarkt mit niedrigen Einstiegshürden und noch niedrigeren Erfolgsaussichten handelt; manche der damals Vermarkteten haben ihr Heil längst in der Flucht zu öffentlich-rechtlichen Häusern gesucht. Stefan Niggemeier, damals mit Bildblog dabei, versucht es nach einem Gastspiel bei Krautreporter jetzt – durchaus ehrbar – mit Übermedien. Das Netz ist keine üppige Weide: viel Platz, aber wenig Möglichkeiten, etwas abzugrasen. Man kann sich damit durchschlagen, und hängt dann fest zwischen den schlechten Aussichten und schwindenden Alternativen. Das ist meines Erachtens der Grund, warum die re:Publica so erfolgreich ist: Drei Tage lang dürfen sich die Anwesenden so geehrt fühlen, wie sie die restliche Zeit des Jahres nicht sind.

Dort sprechen sie momentan vor allem über den Hass und dass das Netz nicht so wurde, wie sie es sich gewünscht hätten. Es klingt für mich wie der Streit in einem Wohnblock, der einstmals als Luxusdomizil geplant wurde und nun heroinsüchtige Exrockstars, Immernochhalbstarke und Selbstbewunderer aller Art beherbergt, während im geleerten Pool die Ratten quietschen. Der Aufzug streikt, die Keller sind an die AfD vermietet, die Klimaanlage stinkt nach verbrannten Insekten, und in den Gängen urinieren ein paar betrunkene Piraten-AGHler auf den abgetretenen Teppich und grölen die Internationale. Für ein paar Scheine würde jeder alles tun. Ich bin gerade in Siena, aber das Gemaule und die Reklamationen dringen bis zu mir, und alle beklagen sie den Hass, der im Netz virulent und ganz schlimm sein soll. Es kann schon sein, dass in so einer verkorksten Sozialmediawohnanlage die Stimmung nicht sonderlich gut ist. Aber die Klagen sind verständlich. Ich kenne ihre echten Wohnungen nicht, weil das Netz ihre echte Wohnung ist. Und die entspricht einfach nicht ihren Erwartungen. Per Nonmention werde auch ich bei den Konflikten bedacht – bittschön, ich wohne in einem Palazzo bei Siena, und wenn ich hier den Schlüssel abziehe und radeln gehe, schaltet sich auch das WLAN unter den jahrhundertealten Balken ab.

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Wer nichts anderes als das Netz hat, nimmt es zu wichtig. Da unterscheiden sich Netzaktivisten nicht im Mindesten von der Raserszene, für die mangels Alternativen der aufgemotzte BMW 318 das Versprechen eines Lebens ist, das anderen eher peinlich erscheint. Die Konflikte sind so gehässig, weil die Leute wie türkischstämmige Halbstarke von ihrem Ansehen, oder wenn man so will, ihrer Ehre leben, auch wenn das in der Szene “digitale Reputation“ heisst. Das ist nicht materiell, das kann schnell verschwinden, und entsprechend verbittert wird darum gerungen. Offen geben solche Leute dann den ehrlichen Rebellen, hintenrum schicken sie weinerliche Gegendarstellungswünsche an die Herausgeber. Es wird mit allen Mitteln gearbeitet, und das Rauskegeln von Andersdenkenden aus den Berufen gilt mittlerweile als Anlass für Belobigung. Das Netz ist das Crystal Meth, auf dem recht viele in dieser Szene sind, und genau so erbittert und brutal wird darum gehasst, gekämpft und ausgegrenzt: „Du schreibst was bei X also kenne ich dich nicht mehr.“ Wie so oft, wenn es um moralische Anliegen geht, ist schon sehr wenig Geld dann ein grosser Grund für Untaten.

Wer das ändern will, sollte ihnen die Sinnlosigkeit ihrer Erwartungen vermitteln. Oder, wenn das zu unmenschlich sein sollte, nicht nur drei Tage, sondern das ganze Jahr Aufmerksamkeit und üppige Löhne für ihr Treiben zukommen lassen. Das würde den Hass mit Sicherheit reduzieren, denn sie würden sich gewürdigt und angemessen beachtet fühlen. Sie wären zufrieden in ihrem Haus, das das Internet ist. Sie könnten vielleicht eine Putzfrau einweisen oder mal in Ruhe abspülen, ihre Krankenkassenrückstände begleichen und nach einer schöneren Wohnung suchen. Mit Balkon. Und darauf Blumen anbauen. Sie müssten nicht dauernd dem nächsten Auftrag oder marginalen Job hinterher laufen, was der Stimmung schadet. Sie hätten sowas wie ein richtiges Leben und könnten anfangen zu überlegen, wie aus dem Internet wieder eine Ergänzung des Lebens wird. Dann nimmt man das alles nicht mehr so ernst. Vielleicht redet man dann auch mal mit Freunden, wenn sie eine andere Meinung haben, statt sie gleich zu Feinden umzuwidmen. Es wäre auch interessant zu sehen, ob mit einem in dieser Szene propagierten bedingungslosen Grundeinkommen die Streitereien vielleicht nachlassen würden.

Ich glaube an das Gute im Menschen. Und an schöne Häuser in der Toskana. Auch ohne Internet.

04. Mai. 2016
von Don Alphonso
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30. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Leben und Untergang ohne Internet

Vermutlich kennen Sie alle diese “Ich habe eine Woche mit dem Internet/Facebook/Twitter aufgehört und habe es geschafft“-Texte, mit denen Medien sporadisch aufwarten. Es gibt zu diesem Thema heldenhafte Autoren und clever vermarktete Bücher, denn als Buch macht so ein Versuch finanziell Sinn, wohingegen der Internettext vermutlich kostenlos und mit Werbung aufgewertet von Drückebergern mit Ad-Blockern raubmordgelesen wird. Tatsächlich findet man in den Medien auch Leute, die früher dachten, das Internet gehe schon wieder weg. Und diese Leute glauben heute, dass mit Snapchat das normale Internet vergessen wird, und die Renaissance der Leser ansteht.

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Für solche mittelalterlichen Ansichten lebe ich gerade vorbildlich in der Nähe von Siena. Ich habe ein grosses Apartment mit dicken Festungsmauern, wegen denen mehrere wichtige Mails an die Organisatoren der l’Eroica verschollen sind – es ist einfach unerklärlich. Ich weiss, das es technisch nicht sein kann, aber trotzdem, es ist so. Wir sind den ganzen Tag unterwegs, gestern San Gimignano und Volterra, und während sich die anderen mit Blicken auf ihre Wetter-Apps verunsichern, die für Sonntag schwere Gewitter ansagen, blinzle ich einfach in die Sonne. Ich sitze da und sage mir, dass es auch nicht schlimmer als letzten Herbst werden kann, denn am Sonntag fahre ich 105 Kilometer und 105 Kilometer hat es auch im letzten Herbst geschüttet und gewittert. So schön ist das Leben ohne Internet.

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Ich habe sogar mein Mobiltelephon vergessen, und was soll ich sagen – die noch fehlenden Recken, die über die Schweiz zu uns reisten, brauchten in mir keine ständige Nanny, der sie sagen können, wo sie sind. Irgendwann am Abend, als wir beim zweiten Gang über volle Bäuche stöhnten, kamen die Nachzügler ins Restaurant, denn denn die Festungsherrin hatte ihnen gesagt, wo wir sind. So ist das halt mit Männern, zumal, wenn sie noch vor der digitalen Revolution geboren sind. Sie sterben nicht sofort, wenn man ihnen das Mobiltelephon wegnimmt. Und deshalb bin ich sehr dafür, dass man dem Jugendlichen in der Schule die Flimmerkisten abnimmt. Die sind da so zum Lernen, wie ich für den Genuss in Italien sind. Das Netz braucht da wirklich niemand, und vom chatten, liebe Kinder, wird meine Rente auch nicht bezahlt. Und auch keine Bodenampel, die man baut, damit Handyglotzer unverdienterweise dem segensreichen Wirken der Evolution der Arten entgehen.

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Aber. Vorgestern Nacht habe ich mich auch mit Technik beschäftigt. Mit einer Hinterradnabe des italienischen Hestellers Campagnolo. Campagnolo ist so etwas wie das Apple unter den Fahrradkomponenten, und damit wurden früher Radrennen gewonnen, wie heute Berliner Hipster mit Apple das Vermögen ihrer Eltern in Projekten durchbrennen. Ich fahre gern Campagnolo, ich mag die bombensichere Konstruktion. Campagnolo funktionierte früher technisch schlecht und hält dafür bis heute alles aus, und das ist der Grund, warum wir auch heute noch diese alten Kisten über Schotter heizen und zu Bergsiegen treten können. Manchmal wackelt vielleicht ein Lager, dann kann man es nachstellen. Gestern wollte ich das bei der Hinterradnabe machen, setzte mit zwei Schaubenschlüssel an, und dann bewegten sich die Muttern. Leider jede mit einem Teil der gebrochenen Achse.

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Die Achse ist vermutlich über 40 Jahre alt und eines der Teile am Rad, die die grösste Belastung ertragen. Das passiert hin und wieder. Daheim würde ich das Rad in den Speicher stellen und eines meiner anderen Räder nehmen. Am Abend würde ich dann in Kisten nach einer alten Nabe suchen, die ein verwertbares Ersatzteil enthält. So wäre das daheim. Aber in der Toskana habe ich aufgrund der Transportkapazitäten nur ein einziges Rad dabei. Und morgen ist das Rennen, von dem zwei Auftraggeber Texte haben wollen. Ohne Achse kann ich nicht fahren, und ohne Internet wäre das keine gute Situation. Man kann nicht einfach in einen Radladen gehen und sagen, dass man eine Hinterradnabe braucht, die seit Anfang der 80er Jahre nicht mehr gebaut wird. Kurz, ich stehe effektiv vor einem Debakel, aber ich habe Internet.

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Es gibt im Internet eine Plattform für alten Plunder – hier in Italien heisst sie Subito. Ich öffne den Rechner, gehe auf die Seite, suche nach Rennrädern in der Region Siena – und siehe da, in Poggibonsi, sieben Kilometer von hier, steht ein altes Rennrad komplett mit genau den Naben, die ich auch habe. Ein weiteres Rad findet sich in Monteriggione, ebenfalls in der Nachbarschaft. Es gibt kostenlose Übersetzungsangebote im Netz, in denen ich den Verkäufern meine Wünsche verdeutlichen kann. Ich muss nicht mein letztes Hemd verkaufen, um bei nach langer Suche bei einem Fachhändler vielleicht doch eine Nabe für Sammler zu Mondpreisen kaufen zu dürfen, ich kann mir einfach ein Rad holen, die Achse umschrauben, und das neue Rad später in Deutschland, wenn auch hier das Hinterrad repariert ist, an andere Freunde der Selbstfolterung abgeben.

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Denn in Deutschland habe ich in jenem oft geschmähten Internet viele Leser, und die Erfahrung zeigt auch, dass hinter dem Ah und Oh, das aus Damentastaturen bei alten, polierten Stahlrennern kommt, auch ein reales Interesse steht. Ich kann mich mit dem Internet nicht nur aus einer misslichen Notlage befreien, ich kann auch zusätzlich andere Menschen erfreuen. Denn dem Publikum ist es egal, ob seine Wünsche nach Nostalgie und Vergangenheit nun mit dem Fund im Internet befriedigt werden, oder, wie bei diesem hübschen Damenrad klassisch, durch Jagen und Sammeln bei den Containern der Schrottannahme. Beides ist möglich. Mir macht der Schrottcontainer auch mehr Spass, aber hier nun rettet mich allein das Internet.

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Was ich damit sagen möchte: Wir alle ärgern uns über die Nebenkostenabrechnung beim Wohnen, aber wir gehen selbstverständlich davon aus, dass Wasser aus den Leitungen fliesst. Wir alle regen uns über die Tricks der Landwirtschaft auf, aber genug von uns verlangen nach Qualitätsessen zum Schlachtabfallpreis. Wir sehen im Netz, dass es eine Heimat für alle Irren wurde, und werden überall angeplärrt und dreist angelogen – aber gäbe es das Netz nicht, so könnte ich morgen nicht bei der l’Eroica starten, weil ich kein Rad hätte. Aber mit dem Netz bin ich, ist jeder problemlos in der Lage, ein höchst ausgefallenes Teil einfach zu finden. Früher wäre alles vorbei gewesen. Heute machen wir den Rechner auf und haben eine Lösung. Das ist so phantastisch wie fliessendes Wasser. Also richtig, richtig gut, trotz all der Lügen.

nabh

Apropos Lügen: Natürlich habe ich es dann ganz anders gemacht, denn in Buonconvento gibt es auch einen Teilemarkt, und dort habe ich für 20 Euro eine passende Nabe gekauft, zerlegt und die Achse verbaut. Aber die im Gegensatz zu einem Radkauf gesparten Euro habe ich dann in ein Rennrad von Colnago investiert, das ich beim Suchen ebenfalls entdeckt habe. Das ist ebenso schön wie fliessendes Wasser, hätte aber nicht ganz so gut in den dramatischen Kontext der Geschichte gepasst, und musste daher einem anderen und schöneren Narrativ weichen: Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden, sagen die Italiener, und es ändert auch nichts daran, dass das Netz meine Rettung hätte sein können, und es gut wie fliessendes Wasser ist. Wir vergessen das mitunter. Wir sollten öfters daran denken.

nabi

Denken Sie ein wenig an mich, wenn ich mich dann morgen durch echten Dreck wühle und nicht nur Tweets von Genderistinnen, um Sie dann digital zu unterhalten

30. Apr. 2016
von Don Alphonso
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27. Apr. 2016
von Anna Müllner
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Big Bio Data

„We don’t know a shit!“

Diese Worte sprach Craig Venter, Biologe, nach der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts. Viel hatte man sich versprochen, doch das das Humane Genomprojekt lieferte in erster Linie neue Fragen. Noch immer sind weite Teile von genetischen Störungen und Krankheiten unverstanden, noch immer sind die meisten davon unheilbar. Der Fortschritt machte die Genomanalyse immer billiger. Und so wurde weiter geforscht. Doch weshalb brechen bei manchen Menschen Krankheiten aus und bei anderen nicht? Wieso zeigen sie unterschiedliche Merkmale?

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Wie so oft ist alles nicht so einfach: Das Genom liegt in allen Körperzellen vor und es verändert sich dabei nur minimalst. Gleichzeitig haben wir aber eine Vielzahl von unterschiedlichen Zelltypen in unserem Körper: Eine Leberzelle ist keine Darmzelle ist keine Hautzelle. Aber sie alle haben dasselbe Genom, die gleiche DNA. Unsere Zellen werden nicht einzig und allein durch die DNA kontrolliert, auch die DNA selbst und damit auch die in ihr programmierten Produkte unterliegen einer Kontrolle. Diese zusätzliche Kontrollebene nennt sich Epigenetik, also all das, was wiederum die Gene an die Umweltbedingungen anpasst. Gene werden durch biochemische Veränderung der DNA an- und ausgeschaltet, Zellumgebung, Nachrichtenmoleküle und Stoffwechsel verändern die Schaltung je nach Bedarf. Diese aktivieren und deaktivieren sich wiederum gegenseitig. Während das Erbgut geschützt im Zellkern nur wenig davon mitbekommt, spielen sich drumherum ineinander verschaltete Signalketten ab. Wie wichtig das ist, lässt sich an einem Zitat meines Vaters einfach aufzeigen: „Der Mensch hat in etwa genauso viele Gene wie der Kugelfisch. Trotzdem sieht der Mensch etwas anders aus.“

Es geht also gar nicht so sehr um das Genom als um die Gesamtheit aller durch das Genom programmierten Produkte und Stoffwechselprodukte innerhalb der Zelle. Es ist wichtiger geworden, die Verschaltung der einzelnen Informationen zu erforschen als deren Informationsbasis. Denn Veränderungen unseres Erbguts werden am Menschen nicht immer sichtbar. Es muss schon eine Veränderung des Erbguts in der richtigen Zelle zur richtigen Zeit sein.

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Trotzdem werden – zu Recht – zu Forschungs- und Diagnostikzwecken immer noch ganze Genome sequenziert. Vor allem, weil es jetzt möglich ist. Diese Sequenzierungen werden immer günstiger und sie werden zukünftig Tests auf einzelne Gene, wie sie bislang üblich sind, ablösen. Die Tests bieten sich bei genetischer Vorbelastung von Patienten an oder um zu erforschen welche Gene welche Ausprägungen begünstigen. Es gibt tatsächlich diverse genetische Korrelationen mit Krankheiten (Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen, Alzheimer, Depressionen…) die zum Teil familiär gehäuft auftreten. Das bedeutet, sie können genetisch bedingt sein. Aber auch andere Korrelationen sind bekannt, die nicht im Kontext zu einer Krankheit stehen. Homosexualität zum Beispiel, oder Haut-, Augen- und Haarfarbe. Demnach könnte man demnächst vielleicht Krankheitsrisiken, Sexualität und Aussehen voraussagen, allerdings mit hoher Unsicherheit.

Genomsequenzierungen sind schon länger möglich und zumindest Google hat dort bereits kräftig investiert. Trainings- und Gesundheitsapps verfolgen und dokumentieren mit denen Trinkmenge, Schrittanzahl, Kalorienwert oder Fruchtbarkeit und sind längst ein riesiges Geschäft. „Selbstvermessung“ bzw. „self-tracking“ nennt sich das und viele Menschen wollen und nutzen sie. Mittlerweile sollen diese Apps außerdem die Forschung erleichtern und verbessern. Aber man misst ja nur die äußeren Werte. Was doch zählt ist das Innerste. Das Genom. Genau dorthin wollen die privaten Genomsequenzierer jetzt. Welche Vorteile und Risiken birgt das?

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Während es für die chronisch unterfinanzierte Forschung und die Patienten gut ist, wenn teure Verfahren immer günstiger werden, sind Gentests bei privaten Firmen für einen Laien kaum auszuwerten. Zum einen sind die verschiedenen privaten Gentests nicht standardisiert, Tests können also von Anbieter zu Anbieter unterschiedlich ausfallen. Zum anderen sind sie für sich alleine genommen nicht aussagekräftig. Denn nur weil etwas im Genom steht muss es nicht so passieren. Immerhin, der erste „Genom-Sequenzierungs-Service“ bietet für einen Preis von 999$ sogar zusätzlich genetische Beratung an.

Genetische Daten sind nur unzulänglich anonymisierbar. Genome, die zu Forschungszwecken sequenziert und veröffentlicht wurden führten dazu, dass ein junger Mann seinen biologischen Vater, einen Samenspender, fand. Während das noch eine schöne Geschichte ist, kann man von genetischen Daten auch anderweitig Gebrauch machen, zum Beispiel wenn man DNA an einem Tatort findet und diese abgleichen will. Natürlich sind die Daten auch für Ihren Arbeitgeber und Ihre Krankenkasse nützlich. Und datenhungrige Werbefirmen können natürlich auch davon profitieren.

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Günstige Genomsequenzierungen gibt es auch für Ungeborene. Wieso nicht gleich das gesamte Genom des Nachwuchses erfahren? Tatsächlich: Das ist nicht nur möglich, sondern auch bald für jedermann finanzierbar. Es gibt mittlerweile auch eine Methode zur Genomsequenzierung von Embryonen vor der Implantation. Da sind wir tatsächlich nicht so weit weg von Designerbabys.

Und dieser Mann, den Sie da letzte Woche trafen. Ob er wohl lange genug leben wird, damit Sie gemeinsam alt werden? Er hat bei Ihnen übernachtet, am nächsten Morgen eine Einmalzahnbürste bei Ihnen benutzt. Jetzt rühren Sie die Zahnbürste etwas in salziger Lösung herum, tröpfeln sie in ein Gerät… Das Genom verrät: Er hat ein hohes Risiko für einen frühen Herzinfarkt und hohe Cholesterinwerte. Zu schade.

Aber was genau bedeutet es, wenn ich eine hohe Prädisposition für Herz-Kreislauferkrankungen habe? Was kann ich dagegen tun? Ist eine Prädisposition für eine Krankheit unausweichlich?

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Aber Statistiken sagen über das individuelle Risiko wenig aus. Nur weil statistisch gesehen viele Patienten einer Krankheit eine gewissen genetische Veränderung haben bedeutet das nicht, dass sie gerade bei mir ausbrechen muss. Der Glauben, in unseren Genen allein sei alles fest vorgeschrieben ist schlichtweg falsch und widerlegbar. Umgekehrt wird dann ein Schuh daraus: Nur weil ich keine genetische Prädisposition für eine Krankheit habe, bedeutet es nicht, dass ich sie nicht doch bekomme.

Aber immerhin, ein erhöhtes Risiko für die großen Volkskrankheiten sollte uns doch zum Nachdenken bewegen. Wir könnten unseren Lebensstil ändern, öfter zur Vorsorge gehen, mehr auf uns achten. Aber würden wir das wirklich? Es ist seit Jahren bekannt, dass der Konsum diverser Drogen und der lasterhafte moderne Lebensstil mit gesundheitlichen Risiken verbunden sind. Lassen wir deswegen die Zigarette, den Wein, den Burger weg?

Günstige Sequenzierungsverfahren sind vor allem dann sinnvoll, wenn sie in der Forschung oder in der Medizin eingesetzt werden. Dort bieten sie große Vorteile. Ich denke dabei zunächst an Tumore, welche analysiert werden könnten. Ein Leberkrebs ist eben nicht wie der andere. Er ist genetisch auch oft anders als die Metastasen (Tochtergeschwulste) die er streut. Genetische Untersuchungen von Tumoren und Metastasen könnten nicht nur gemeinsame Schwachstellen der Tumore aufzeigen sondern, wenn man Behandlungen damit abgleicht, auch wirksamere Therapien. Personalisierte Medizin nennt man das und sie ist schwer im Kommen. Aber das ist leider auch nur dann möglich, wenn genetische Profile von Patienten zusammen mit der Therapie gespeichert werden, um später abzugleichen, bei wem welche Therapie wirkt.

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Das funktioniert wiederum nur, wenn die Daten so gut wie möglich geschützt werden. Bei den Krebsregistern die derzeit in ganz Deutschland aufgebaut werden, werden bereits Diagnosen und Behandlungsverläufe mit den Patientennamen gespeichert. Das sollte man eigentlich vermeiden um den Patienten größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten.

Der Schutz personenbezogener Daten ist wichtig. Wir müssen dort den biologischen Datenschutz miteinbinden, denn wir haben bereits begonnen, die Kontrolle zu verlieren. Genetische Daten können, genau wie Metadaten, unser Verhalten prognostizieren und beeinflussen. Sie sind dabei aber genauso fehlbar. Daher muss es schnellstens Richtlinien geben, wie diese Daten geschützt verarbeitet, die Informationen bewältigt und die Aussagekraft geprüft werden können.

Mit einer großen Macht kommt eben eine große Verantwortung.

27. Apr. 2016
von Anna Müllner
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25. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Hatespeech: Wenn Regierungswünsche das eigene Lager treffen

Seit Monaten geistert ein Gerücht durch das Internet: Soziale Medien wie Facebook und Twitter seien demzufolge vom Bundesminister für Vorratsdatenspeicherung, genderistische Werbeverbote und Justiz Heiko Maas zur Zusammenarbeit mit der Amadeu-Antonio-Stiftung gedrängt worden, in der wiederum zwei bekannte Personen mit umstrittener Vorgeschichte arbeiten: Anetta Kahane als Vorsitzende und Julia Schramm, mit eigener Erfahrung zuständig für Hatespeech. Dem Gerücht zufolge wäre die Stiftung am aktuellen Vorgehen der Firmen gegen sogenannte “Hassbotschaften“ beteiligt, die der Bundesregierung seit dem Beginn der Asylkrise missfallen: Tatsächlich äusserten Bürger ihr Unverständnis für die Politik im Netz, und manche überstrapazierten dabei die Grenzen der Meinungsfreiheit. Das Problem sollte vor allem Facebook nach dem ausdrücklichen Willen der Kanzlerin angehen – und was danach konkret passierte, ist nur insofern weithin bekannt, als dass Facebook die Bertelsmann-Tochter Arvato beauftragt hat, gegen solche Aussagen vorzugehen.

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Mehr Informationen hat der Informatiker Hadmut Danisch aus dem Justizministerium herausgeholt, und demzufolge ist die Rolle von Frau Kahane nicht im Mindesten so bedeutend, wie es manchen scheint. Ein paar Treffen hätte es gegeben, aber die konkrete Umsetzung sei letztlich Sache der Firmen. Tatsächlich gab es einige harte Entscheidungen, die Accounts betrafen, die keine Gesetze gebrochen hatten: So wurde etwa der recht prominente Twitteraccount von Kolja Bonke geschlossen, der die sexuellen Übergriffe von Köln massiv kritisiert hatte. Facebook ging beispielsweise gegen den Account von Anonymous Germany vor, der inzwischen wie einige andere auf ein russisches Netzwerk umgezogen ist. Aber inzwischen wird auch das deutlich, was in diesem Blog hier mehrfach als Warnung formuliert wurde: Das rigide Löschen wendet sich nicht nur gegen Rechte, sondern bei gleichen Verstössen auch gegen Linke.

Erstes prominentes Opfer war das von Heiko Maas geschätzte, in Sachen Persönlichkeitsrechte allerdings problematische und anonyme Projekt “Perlen aus Freital“. Und letzte Woche erwischte es dann die Wiener Schriftstellerin und Aktivistin Stefanie Sprengnagel, die unter dem Pseudonym “Stefanie Sargnagel“ bei Facebook ihre Autorinnenkarriere begründet hat. Sprengnagel, die nach Eigenaussage aus dem wenig glamourösen Wiener Gemeindebau stammt, hat sich mit rotzigen, alkoholgeschwängerten und derben Texten in die Herzen einiger Feuilletons geschrieben, die ihr eine grosse Zuuft vorhersagen. Sie hat an der Schleusung von Flüchtlingen aus Ungarn nach Österreich unter gewissem Medieninteresse teilgenommen und gilt, links, feministisch und wütend, als eine Art “Charlotte Roche der Wiener Gegenöffentlichkeit“. Facebook dagegen gilt sie als Hatespeech, weshalb sie ihren Account plötzlich nicht mehr bespielen konnte.

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Anlass war eine derbe Behauptung über Alina W., einer Wiener Aktivistin der Identitären Bewegung. Diese Gruppe ist im Umfeld der rechtspopulistischen FPÖ zu erheblicher Grösse gewachsen, und hat es mit einigen spektakuläre Aktionen, wie Sprengnagel auch, in die Medien geschafft. Die Identitären veranstalteten Grenzblockaden und Demonstrationen, hängten Banner auf Häuser und störten jüngst im Audimax der Universität Wien ein Theaterstück von Elfriede Jelinek über Flucht. Die Identitären nennen das eine “ästhetische Intervention“. Sie bringen ein Gesellschaftsbild der “Neuen Rechten“ mit Aktionsformen und Internetwerbung zusammen, die man ansonsten vom Zentrum für politische Schönheit, Peng Collective, Greenpeace und teilweise auch der Antifa kennt. Nach der Aktion im Audimax griff sich Sprengnagel dann Alina W. heraus und sagte ihr sexuelle Phantasien mit KZ-Wärtern nach. Und zwar ohne jede Einschränkung, wie sie Böhmermann bei seinem Schmähgedicht gegen Erdogan voran stellte. Laut Sprengnagel meldeten Vertreter der Identitären das bei Facebook, und Facebook sperrte sie daraufhin aus. Wie man das vermutlich auch mit ähnlichen Aussagen bei Neonazis gemacht hätte.

Eine besondere Rücksicht für die inzwischen nicht mehr unbekannte Autorin gab es von Facebook nicht – auch wenn etlich Medien ihre Partei ergriffen, die bei ähnlichen Einlassungen von Rechts vermutlich weniger verständnisvoll reagiert hätten. Offensichtlich orientiert sich Facebook aber nicht an Koordinaten des politschen Systems – oder gar an Einflussnahmen deutscher Politikaktivisten mit gutem Draht zu Heiko Maas – sondern an eigenen Kriterien zur Definition dessen, was man im deutschsprachigen Raum nicht haben möchte. Für ein gewinnorientiertes Unternehmen ist das keine schlechte Entscheidung. Schwieriger wird es dagegen für alle, die glauben, ihre Nähe zur offiziellen Politik würde es ihnen erlauben, über die Stränge zu schlagen und sich wie eine Wildsau oder Schlimmeres zu benehmen.

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Dass es den Identitären gelungen ist, eine laut Prantlhausener Zeitung „Kultfigur“ des Feuilletons zu treffen, zeigt auch, wie man idealerweise die Vorgaben von Facebook für eigene Zwecke nutzt. Das Vulgäre einer Sprengnagel sucht man bei den “Bürgerkids “ – Zitat Sprengnagel – der Identitären vergeblich. Die Ausdrucksweise ist so gewählt, dass sie formal nicht “Hatespeech“ entspricht, und erkennbar bemüht ist, den Rahmen der Meinungsfreiheit einzuhalten. Das ändert nichts an den zugrunde liegenden Einstellungen über Islam, Migration und völkisches Denken, die eindeutig konfrontativ provokativ und nationalistisch sind. Nur ist der Wunsch, den die Bundesregierung an Facebook und Co. herangetragen hat, die Bekämpfung rechtlich fragwürdiger Aussagen. Sprengnagels obszöner und persönlich diffamierender Text fällt unter diese Kategorie. Die Accounts der Identitären mögen radikal sein – aber kein Verstoss gegen Gesetze oder die Richtlinien bei Facebook.

Im Gegenteil, ähnlich wie bei der zunehmend effektiven Netzwerbung der AfD, die es inzwischen auch mit Witzen und dem versucht, was Deutsche für Humor halten, scheinen sich die Identitären sehr wohl der Möglichkeiten des Netzes bewusst zu sein. Sie setzen nicht auf alleinige Facebookpräsenz oder einzelne Webseiten, wie es Links- und Rechtsradikale früher gemacht haben. Sie setzen ihre Netzprojekte durchaus ansprechend, modern und verteilt auf diversen Plattformen um, und stellen ihre Ziele ohne allzu viel Schnappatmung dar. Erlebniserwartung, Spass an der Sache und Abenteuer werden, als wäre es der Kiffertreff der grünen Jugend, viel Raum eingeräumt. Mit der alten Neuen Rechten und der Konservativen Revolution haben sie viele Ziele, aber weder die Erscheinung noch die Methoden gemein. Es sind Digital Natives, sie beherrschen die Medien – und sie sind immerhin schlau genug, dass nicht sie, sondern ihre Gegner von Facebook ausgeknipst werden.

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Es ist erkennbar nicht so, dass die Wünsche der Bundesregierung und die Strategien, die die Amadeu Antonio Stiftung entwickelt, die sozialen Medien als Tummelplatz der Rechten beenden. Es gibt in der Folge erkennbare Bemühungen, extreme Standpunkte aller Art zu verbannen, egal ob IS-Anhänger bei Twitter oder Rassisten bei Facebook. Die Extremsten weichen dann aus, die Klügeren passen ihre Strategien an und sind zudem einige lästige Konkurrenten los. Wenn linke Aktivisten wie das Peng Collective auf einer vom Familienministerium finanzierten Veranstaltung mit einer SPD-Staatssekretärin plaudern dürfen, kurz bevor Mitglieder losziehen und die Aktion “tortaler Krieg“ gegen Beatrix von Storch starten, haben sie in Deutschland einige Vorteile. Aber in Österreich ist die Machtübernahme der FPÖ zum Greifen nahe, und die Identitären verstehen sich mit ihr erkennbar gut. Politische Einflussnahme und mehr oder weniger verdeckte Förderung von Aktivisten können kurzfristig als Lösung im Kleinkrieg im Netz erscheinen. Aber die andere Seite ist offensichtlich lernfähig und kann sich den Veränderungen anpassen. Und Facebook tut auch nur, was es meint tun zu müssen, egal wie sich Minister und Medien dann über die unerwarteten Folgen ihrer Zensurforderungen gegen Rechte beschweren.

25. Apr. 2016
von Don Alphonso
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21. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Raperöschen und die sieben Verbotsministerzwerge

Es war einmal eine Zeit vor dem Internet, da malte man Figuren mit dicken Brüsten ganz offensiv an die Wände der Salons der Mächtigen und dachte sich nichts dabei. Das war halt so, man fand das hübsch und dekorativ, denn das Mittelalter war vorbei und man musste nehmen, was man kriegen konnte. Politisch war die Gier auch gross, aber damals versuchten Verschwörer und Intriganten meist, still und verschwiegen zu agieren. Mit heimlicher Wühlarbeit. Nichts über ihre wahren Motive sollte an die Öffentlichkeit, das Volk sollte später glauben, es würde schon alles so seine Richtigkeit haben. Idealerweise verkündete die frohe Botschaft jemand, der anständig wirkte und nicht vielleicht gerade mit einer neuen Mätresse und Medienbegleitung seine alte Beziehung absägte. So jemand galt damals noch als nicht ministertauglich.

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So war das früher in den Zeiten der dicken Brüste. Die gibt es im Internet auch, vor allem auf Pornoseiten, aber auch – deutlich keuscher und ohne Sexualakte – in der Werbung, und sie sollen nun nach Willen von Justizminister Heiko Maas und der SPD verschwinden. Dafür hat ein Verein namens Pinkstinks lobbyiert, und eine runde Woche nach dem Bekanntwerden der Pläne ist es vielleicht ganz interessant, sich das Wirken der neuen Lobby und ihres Umfelds im Netz zu widmen. Denn Pinkstinks und ihr vom Genderglauben geprägtes Umfeld arbeiten nich nur klandestin, sie gehen auch an die Öffentlichkeit. Etwa, wenn es um Märchen, Sexismus und Rape Culture geht. Das sollte vielleicht so klingen:

“…und als der Prinz sah, dass Dornröschen schlief, wurde ihm bewusst, dass ein Kuss jetzt ohne ihre Einwilligung nicht konsensual wäre, ja sogar ein sexueller Übergriff und eine Vergewaltigung. Da hielt er inne und erkannte, dass er ohnehin nur wegen ihrer Normschönheit scharf auf sie war. Er schaute auf seinem Tablet nach, was wohl Emma, Pinkstinks, Anne Wizorek und Jasna Strick dazu sagen würden, und bekehrt verliess er das Schloss, schenkte sein Königreich dem Frauenrat NRW, und heiratete eine Fatacceptance-Aktivistin mit lila Haaren und 43 Piercings im Ohr. Und wenn sie nicht gestorben sind, fördern sie noch heute Genderlehrstühle und machen Coachings über die Blau-Rosa-Falle.“

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So muss Dornröschen wohl in Zukunft klingen, wenn sich eine Berliner Feministin mit Schwerpunkt auf Kindeswohl mit ihren Wünschen durchsetzt. Sie hat vorgestern bei Twitter geschrieben, sie müsste mit dem Schulsystem wegen Rape Culture reden. Der eigentlich banale Anlass: Ein Kinderaufsatz über den Kuss des Prinzen im Märchen Dornröschen, der bekanntlich eine schlafende und deshalb nicht zustimmende Prinzessin erweckt. Auf den Einwand, es sei doch nur ein Märchen, entgegnete sie, Märchen und Geschichten transportierten Werte und Einstellungen einer Gesellschaft. Mindestens 32 andere Personen verbreiteten ihre Einschätzung, hier handle es sich um Rape Culture – bis sich eine andere Nutzerin dann deutlich beschwerte, woraufhin der Tweet wieder gelöscht wurde. Die Geschichte zeigt dennoch sehr schon, wo Feministinnen heute bereits Anlass sehen, sich über Sexismus zu beschweren. Und das wiederum ist von Bedeutung, wenn angeblich “sexistische“ Werbung verboten und wegklagbar werden soll: Die Definition von Sexismus ist bei solchen Klagefreudigen sehr umfassend. So umfassend wie ihre Einschätzung, dass nur sie wissen, was stimmt.

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Dieser Tweet kommt von einer weiteren Aktivistin aus Berlin und beschäftigt sich nicht weiter mit meinem letzten Beitrag zum Thema. Die Anwältin und Feministin Judith Brandner geht auf kein Argument ein, sie ignoriert 50.000 Leser und eine Debatte über Werbeverbote mit über dreihundert Kommentaren. Alles, was sie mitzuteilen hat ist, dass das Feuilleton und meine Person eine Fortbildung in Gender Mainstreaming nötig hätten. Es interessiert sie überhaupt nicht, welche Positionen vertreten werden. Eine Debatte ist erkennbar nicht erwünscht. Sie hält sich für wissend, und wer nicht so weit ist, hat sich eben in ihrer Ideologie fortzubilden. Sehr aufmerksam und höflich. So öffnet frau heute Türen zu Herzen und zum Verstand.

Nicht minder selbstüberzeugt ist auch die Juristin, die am Schreibtisch von Heiko Maas ihre Lobbyarbeit tätigt: Berit Völzmann von Pinkstinks – das hinter ihr stehende, SPD-nahe Netzwerk hat Hadmut Danisch recherchiert – sieht im geplanten Verbotswerk gar Freiheit, mit einer raperöschennahen Interpretation von Rollenbildern:

Gleichzeitig übt Werbung einen besonders starken Einfluss auf Rezipient_innen und damit auch darauf aus, welche (geschlechtlichen) Idealbilder Menschen entwickeln und zu erreichen versuchen. In diesem Sinn soll das Verbot gerade zu einem Mehr an Freiheit beitragen: Der Freiheit nämlich, sein Leben unbeschwert von dem Erwartungsdruck zu führen, wie man sich „als Mann“ oder „als Frau“ zu verhalten habe.

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Die Kommentare darunter sind nicht immer ganz höflich – es scheint, als ob die sehr offensive Medienstrategie, die Pinkstinks verfolgt, nicht den Umstand verdecken kann, dass die Gruppierung selbst sehr wohl einen Erwartungsdruck aufbaut, wie Frauen und Männer sich zu verhalten hätten. Das hat im Sinne eines modernen Geschlechterbildes zu sein, und wie das aussehen muss, damit es nicht sexistisch ist – das wiederum legt Pinkstinks mit den Kampagnen gegen Konzerne fest.

Stevie Schmiedel, die Chefin des Vereins Pinkstinks, setzt dann noch eins drauf. Nachdem eine Vielzahl von Reaktionen auf den Gesetzesentwurf in den Medien eher negativ waren, wischt sie die Kritik mit folgender Bemerkung über den Journalismus beiseite:

Wenn Journalist*innen anrufen und nicht wissen, was der Deutsche Werberat ist, kann ich das noch verstehen: Die Lage zeigt mal wieder, wie unterbezahlt und überfordert die Branche ist, zum Recherchieren bleibt keine Zeit.

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Nun kann sicher nicht jeder Journalist seinen Lebensunterhalt durch wüste Pressebeschimpfungen, Shitstormkampagnen gegen Firmen und den Bezug von Spenden, Stiftungs- und Förderungsgeldern bestreiten – solche Privilegien hat der medienkritische Genderismus der AfD und ihren “Lügenpresse“ brüllenden Helfern voraus. Auch bekommt die AfD nicht vom Bundesfamilienministerium eine Party finanziert, wo dann exakt jene Margarete Stokowski mitarbeitet, die sich letzte Woche bei Spiegel Online über die Gesetzesinitiative von Pinkstinks prompt schleichfreute, ohne auf ihre Verbindung hinzuweisen. Den dazu passenden, zweiseitigen Gefälligkeitsbeitrag im gedruckten Spiegel findet Schmiedel dann wieder “grandios recherchiert“. Ansonsten vermeldet sie scheinbar Beruhigendes: Nur Verbraucherschützer und Konkurrenten sollen gegen solche Werbung klagen können – wer die alten Kampagnen von Pinkstinks kennt, hat aber auch eine gewisse Ahnung, wie dann Verbraucherschützer und Firmen ermuntert werden könnten, die jurstische Drecksarbeit zu erledigen.

Nils Plickert, ebenfalls von Pinkstinks, darf dazu bei Zeit Online weitergehend vorschlagen, der – privat organisierte – Werberat dürfte ein Fahrzeug mit fragwürdiger Werbung aus dem Verkehr ziehen – wen interessiert schon das Grundgesetz und die Gewaltenteilung, wenn es um die Durchsetzung der eigenen Ideologie geht. Man mag es kaum glauben, aber diesen Verfassungstotalschaden mit privatem Eingriff in Besitzrechte und StVZO verbreitet öffentlich eine Organisation, die den Justizminister Heiko Maas und die SPD berät.

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Aber so ist das eben im neuen Lobbyismusgeschäft, das nach innen wirken und nach aussen Aufmerksamkeit erzeugen muss: Den eigenen Vorstellungen ist der Weg rücksichtslos zu ebnen, Widerspruch wird nicht geduldet, Verbot ist in ‚Wirklichkeit Freiheit, kritische Medien sollen die Klappe halten, die einen Rollenbilder müssen weg und die Vorstellungen des Genderismus sind erlaubt, wer es nicht einsieht, muss eben umerzogen werden. Dafür hat man den eigenen Draht zum Familienministerium, für das man als Veranstalter auftritt, und zu Heiko Maas und der SPD, und stellt das auch konsequent stolz heraus. Ich weiss nicht, ob es für einen Bundesminister besonders schmeichelhaft ist, wenn er so öffentlich an den Busen der Bewegung gezogen wird.

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Von der werbenden Industrie mit ihrer Neigung zum Verkauf mit Sex hört man dagegen momentan gar nichts mehr. Vielleicht sammeln sie auch still einfach das Material über die Gegenseite, um zu zeigen, wer da dem Minister ein Gesetz in die Feder diktieren möchte. Rechtsunsicherheit und Auflagen, die sich am Willen von radikalen, staatlich geförderten Aktivistinnen orientieren, müssen schliesslich erst einmal durch das Parlament. Und dort sitzen, so vermute ich, auch Politiker, die nach altem Herkommen nicht als zwergenhafte Ansprechpartner auf Brustwarzenhöhe von Lobbyistinnen Aufmerksamkeit erregen wollen.

21. Apr. 2016
von Don Alphonso
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05. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Mit migrationsfreundlicher Datenerfindung zum Panama-Klickerfolg

Datenjournalismus ist das grosse Ding. Datenjournalismus ist wirklich in Mode. Datenjournalismus erklärt mehr als tausend Worte und ist das ideale Werkzeug zur Überzeugung von Menschen, die wenig Zeit haben. Denn Daten sind per se glaubwürdig, und ihre Visualisierung ist sogar dann noch erfolgreich, wenn es weder Zusammenhänge noch tieferes Interesse der Nutzer gibt. Es sind halt Infohappen, die dem Medienverhalten der Gegenwart entsprechen. Aus der Zunft der freiberuflichen Datenvisualisierer kommt der Österreicher Manfred Zeisberger, und er jubelte gestern bei Twitter:

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Denn Zeisberger, der in seinem Account auch für die Migration von Flüchtlingen eintritt, hat einen Hit in den sozialen Netzwerken gelandet – wie es mit der Steuerflucht „wirklich“ aussieht:

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Er hat die Kosten für eine Million Flüchtlinge in Europa mit dem verglichen, was die Steuerflucht Vermögender Europa jedes Jahr kostet: 12,5 Milliarden zu 1000 Milliarden. Das sieht dann so „wirklich“ aus:

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Es sind 1000 Punkte bei der Steuerflucht und 1,25 Punkte bei den Flüchtlingskosten. Die Graphik schlägt natürlich ein wie eine Bombe, sieht toll aus, passt bestens ins Narrativ, dass Europa den Armen nichts gibt, wird heftig retweetet, von Aktivisten, sozial Bewegten, Politikern und kommt über diesen Weg auch zu mir. Ich war in Mathematik zwar nicht gut, aber zumindest den Stoff der 6. Klasse habe ich noch halbwegs drauf: Dass der ideologisch vorbelastete Datenvisualisierer ohne selbstkritischen Geist oder Journalisten verloren ist, ergibt sich aus Adam Riese und Eva Zwerg: Zeisberger rechnet die Kosten für Migranten relativ um den Faktor 10 klein. Erstaunlich, dass Linke immer wieder genau solche Fehler machen und diese Kosten nie übertreiben. Mathematisch korrekt wäre die Darstellung mit 12,5 Punkten für die Flüchtlingskosten verglichen mit den 1000 Punkten Steuerflucht.

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Zeisberger wird mitten im Anklickboom seiner Graphik auf etliche Fehler hingewiesen und meint dann ganz locker:

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Natürlich bleibt die Graphik online, wird weiter verbreitet, und niemand scheint sich daran zu stören, woher Zeisberger eigentlich seine Zahlen hat. Eine Quelle gibt er natürlich nicht an, also ist man auf Vermutungen angewiesen. Die jährlichen Zuwendungen an Flüchtlinge, die Staat, Länder und Gemeinden in Deutschland bei einer Million Flüchtlinge pro Jahr im Asylverfahren tragen müssen, liegen bei geschätzt 12,5 Milliarden – bei Kosten von 12.500 Euro pro Person. Die tatsächlichen Kosten, die durch die benötigten Beamten, Leher, Polizisten, Wachdienste, Gesundheitskarten entstehen, sind dagegen weitaus höher: Zeisberger nimmt also eine bereinigte Zahl ohne Folgekosten und nicht das, was die Flüchtlingskrise real kostet: Diese Zahl ist bislang nur abschätzbar, dürfte aber doppelt so hoch sein.

Genauso unehrlich, aber in die andere Richtung geht es zu, wenn Zeisberger eine Billion Kosten durch die Steuerflucht Vermögender unterstellt: Es gibt eine Schätzung der EU – die Interesse daran hat, das Problem so gross darzustellen, wie ein Flüchtlingsaktivist die Zahlungen gern kleinrechnet – des Schadens durch Steuerflucht und Steuerhinterziehung von bis zu einer Billion Euro. Bis zu einer Billion kann viel sein, andere Schätzungen bleiben weit darunter – das ist möglich, weil es Schätzungen sind, und keine gesicherten Daten, die man mit Punkten darstellen kann. Die Kosten für Flüchtlinge kann man zumindest nachträglich berechnen, bei Steuerflucht dagegen muss man im Ungefähren bleiben. Natürlich würde sich eine Graphik, die sich nach Herausrechnen der Steuerhinterziehung vom Multimillionär bis zur Haushaltshilfe ab einem Drittel der Billionensumme im Ungefähren verliert, nicht so schön machen. Genauso unschön wäre es für die Visualisierung, sich mit der Struktur der Steuerflüchtlinge auseinander zu setzen: Zeisberger behauptet, es seien ledigich “Vermögende“. Dabei spielen Grosskonzerne und sogar teilweise Firmen und Banken mit staatlicher Beteiligung eine wichtige Rolle, die ihren Aktionären, Rentenfonds und auf anderen Wegen auch Kleinsparern und allen Bürgern gehören. Es gibt einfach keine Studie, die belegen würde, dass Vermögende eine Billion Schaden durch Steuerflucht für Europa verursachen. Es wäre eine verdienstvolle, aber auch äusserst schwere Aufgabe, die tatsächliche Steuervermeidung der Vermögenden zu analysieren und belastbare Zahlen zu liefern. Zeisberger macht lieber Punkte und dicke Überschriften.

Es gibt nur einen offensichtlichen Rechenfehler bei Zeisberger, eine falsche Einschätzung der Flüchtlingskosten durch Zeisberger, eine Erfindung von Vermögenden bei Zeisberger, eine maximale Schätzung, aus der Zeisberger eine absolute Summe macht, und das Unvermögen von Zeisberger, zwischen Steuerflucht und Steuerhinterziehung zu unterscheiden, und den Sachverhalt differenziert darzustellen. Denn inzwischen hat er die alte Graphik mit dem peinlichen Rechenfehler gelöscht und eine neue Graphik mit allen restlichen Fehlern veröffentlicht, und freut sich über weitere Verbreitung:

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Die fällt dann aber gar nicht mehr so üppig aus wie am Anfang, als er sich noch um den Faktor Zehn verrechnet hat. Weniger Fehler schaden möglicherweise dem Datenjournalismusgeschäft. Man kann gar nicht so viele Fischgräten auf dem Oktoberfest fressen, wie man Billionen ausspucken möchte.

Denn Datenjournalismus ist in Mode. Mit Datenjournalismus kann man, wie früher auch mit Lügen und Propaganda, komplizierte Sachverhalte so vereinfachen, bis die gewünschte Aussage stimmt und auch der letzte geistig Minderbemittelte im Internet sich in seinen Überzeugungen bestätigt sieht. Man braucht dazu keine Quellen und keine Nachweise, keine Rechenfähigkeit und keinerlei Überlegung, ob das simple Weltbild wirklich zur Komplexität des Daseins passt. Nur viele Punkte auf der einen Seite und wenige auf der anderen, und schon ist der Internethit geboren.

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Ich bin gerade in Italien, Kirchen anschauen, und meine Begleitung fragt mich öfters, ob die Menschen damals wirklich an das Fegefeuer geglaubt haben. Wenn ich sage, dass es als wissenschaftlich erwiesen galt, gefriert mir im Andenken an Manfred Zeisberger und jene, die an seine Daten glauben, das zynische Lächeln im Gesicht. Der menschliche Fortschritt beim Thema “Glaube“ ist nicht Wissen, sondern das Zauberwort “Daten“. Daten ist das Glaubensbekenntnis des 21. Jahrhunderts. Wer Daten hat, dem wird geglaubt. Sie müssen dazu nicht existieren, es reicht, wenn man an die Existenz der Daten glaubt.

05. Apr. 2016
von Don Alphonso
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29. Mrz. 2016
von Don Alphonso
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Terrorverharmlosung mit der Fischgrätenlüge

Constantin Seibt wird bei dem Schweizer Tagesanzeiger als “Reporter Recherche“ geführt. In der Folge der Anschläge von Brüssel schrieb er am 25. März einen im Internet weit verbreiteten Beitrag über die statistischen Gefahren für das Leben, und den überzogenen Umgang der Medien mit Terror. Darin stehen durchaus bedenkenswerte Sätze wie

Was tun? Eigentlich nur eines: Die Polizei ihre Arbeit machen lassen. Und sonst Haltung bewahren: also die eigenen Prinzipien, kühles Blut, Freundlichkeit. Das genügt. Denn das eigentliche Ziel der Attentäter sind nicht Flughäfen oder Metrostationen, sondern die Köpfe. Ihr Ziel ist der Verlust an Haltung.

Verbreitet wird der Text aber nicht nur wegen der durchaus rationalen und durchdachten Kritik an der Öffentlichkeit, die dem Terror zusätzlich in die Hände spielt. Was Netznutzer – und hier namentlich die Befürworter der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel – begeistert, ist die “catchy“ Einleitung, die versucht, die Zahlen der Toten durch Terrorismus in Relation zu setzen:

Betrachtet man die Statistiken, ist der islamistische Terrorismus in Europa erstaunlich erfolglos.

Seibt führt das in seinem Beitrag so aus:

Die wichtigste Lehre aus den Attentaten in Brüssel ist, las man: Es kann jeden von uns treffen, überall, jederzeit. Sicher. Nur ist die Wahrscheinlichkeit verschwindend klein. Seit dem World-Trade-Center-Attentat 2001 ermordeten islamistische Attentäter in Westeuropa und den USA etwa 450 Menschen. So grausam jeder dieser Morde ist, es gibt Gefährlicheres. Allein in Deutschland sterben pro Jahr über 500 Leute an einer Fischgräte.

Was diese Aussage völlig ausser Acht lässt – und mich offen gesagt betroffen macht – ist die mangelnde Bereitschaft, sich mit den praktischen Folgen von Terror auseinander zu setzen. Wer wirklich über Terror arbeitet, der weiss auch, dass es mit dem Zählen der Toten nicht vorbei ist. Speziell Nagelbomben wie in Brüssel haben eine vielfach höhere Zahl von Verletzten zur Folge, und für viele ist das gute Leben danach für immer vorbei. Sie sind behindert, traumatisiert und entstellt, und von einem Redakteur Recherche würde man schon erwarten, dass er in diesem Kontext die schockierenden Berichte zur Splitterwirkung kennt, egal ob aus Israel, vom Oktoberfestattentat, aus London oder dem Irak. Man muss dazu nicht in der 2. Intifada gewesen sein: Eine simple Bildersuche “Victim Nail Bomb“ würde vielleicht solche Einleitungen verhindern. Aber das zählt für Seibt einfach nicht.

Aber auch der ganze Gedankengang ist verstörend: Niemand im Journalismus käme hoffentlich auf die Idee, der türkisch- und griechischstämmigen Gemeinschaft in Deutschland vorzurechnen, dass die Gefahren durch den NSU statistisch gesehen viel kleiner als die des Rauchens oder des Fahrverhaltens im Strassenverkehr sind – selbst wenn das statistisch belegbar wäre. Die Unvergleichbarkeit von kaltblütigem Massenmord und Unfall gehört nämlich auch zu den Werten, von denen Seibt schreibt, “unsere gesamte Zivilisation wurde auf ihnen gebaut“. So einen Vergleich würde man nach dem Bekanntwerden des NSU allenfalls auf einer Naziseite erwarten. Irgendwie ist es aber völlig in Ordnung, wenn sich der Mord durch die gleiche Art Extremismus gegen die westliche Gesellschaft richtet. Der Beitrag wird dennoch entsprechend verbreitet, etwa von Dieter Janacek, MdB und wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen.

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Oder Felix Werdermann, Politikredakteur beim Freitag:

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Catrin Bialek, Redakteurin beim Handelsblatt:

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Michael Karnitschnig, Büroleiter von EU-Kommissar Johannes Hahn:

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Und natürlich freut sich der Tagesanzeiger:

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wenn der Aktivist “i’m hacking public affairs strategies for the good guys “ Florian Schweitzer schreibt:

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Bioforelle. „Je suis Brüssel“ ist offensichtlich vorbei.

Neben der moralischen Dimension gibt es noch ein anderes Problem: Die angebliche Statistik ist eine glatte Erfindung.

Das statistische Bundesamt sammelt die Zahlen der Todesfälle in Deutschland. Verantwortlich dafür ist Silvia Stelo, und sie hat den Blick in die Statistik, den man Constantin Seibt zufolge haben sollte. Ich habe dort nachgefragt, und der Blick zeigt Erstaunliches:

Es gibt gar keine Statistik über die Todesfälle durch Fischgräten.

Das wird als Ursache gar nicht abgefragt. Was es dagegen gibt, ist ein Punkt, der alle Toten zusammenfasst, die generell durch die orale Aufnahme von Fremdkörpern zu Tode kommen, egal ob Spielzeug, Korken, Steine, zu grosse Bissen oder Bestandteile von welchen Speisen auch immer, der sogenannte Bolustod: 568 waren es insgesamt 2014, 453 im Jahr 2013, und nur ein kleiner Bruchteil davon geht auf Fischgräten zurück. Es wird keine Statistik erstellt, derzufolge jedes Jahr 500 Menschen durch Fischgräten sterben, und es kann sie auch nicht geben, denn die Zahl gibt es nicht. Die Zahl von Constantin Seibt findet sich dagegen ab und zu in schrägen Internetquellen. Eigentlich müsste sie jeden Leser sofort stutzig machen: Stehen eigentlich täglich Rettungswägen vor Fischrestaurants?

Aber so eine scheinwissenschaftliche Statistikbehauptung ist sehr plastisch und passt natürlich nur zu gut in die Agenda, islamistischen Terror zu verharmlosen, oder sich darüber zu mokieren – weshalb sie auch als alleinstehendes Argument bei Twitter benutzt wird. Etwa von Claus Hecking, Redakteur bei der ZEIT, dessen Aussage mir in die Timeline gekippt und Anlass zu meinem Unglauben wurde:

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Mike Beckers, Redakteur bei der Wissenschaftszeitschrift Spektrum:

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Dunja Hayali, Aktivistin, Journalistin und Moderatorin beim ZDF, mit 110 Retweets, darunter haufenweise weitere Journalisten:

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Thomas Leidel von N-TV:

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Maik Nöcker, Moderator bei SKY:

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die TV-Kabarettisten Gebrüder Moped:

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Für solche Ausrutscher kann Seibt natürlich nichts. Sie alle verbreiten das und sorgen dafür, dass die angebliche Statistik von Constantin Seibt weiter der Relativierung von Terrorismus und seiner Opfer dient. Das sind nicht irgendwelche kruden Verschwörungstheoretiker aus rechten Schmuddelblogs, denen Medien gern mal – und zu Recht – ihre Rechercheabteilung hinterher arbeiten lassen. Die Statistik verbreiten diejenigen, die wirklich darüber entscheiden, was in Deutschland als Wahrheit verkauft wird. Auch über sie kann man mit Seibt sagen, ihr eigentliches Ziel sind die Köpfe. Speziell das ZDF hat da schon einschlägige Oktoberfestlügenerfahrung.

Fürchte Dich nicht, sagt Seibt. Glaube nicht, traue keinem, sage ich.

29. Mrz. 2016
von Don Alphonso
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