Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

29. Mai. 2017
von Don Alphonso
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Mit deutscher Hassrede gegen italienische Gastlichkeit

Italien ist ein Land der grossen Schönheit und der grossen Probleme. Das Land ist reich an Kulturschätzen, von denen viele so versteckt sind, dass kaum ein Tourist sie findet. Und es ist reich an desolaten Finanzen und kaum in der Lage, den immensen Restaurierungsbedarf seiner Kulturgüter zu stemmen. Seit 2008 hat “la Crisi” das Land im Griff, und die Banken, die früher großzügig einsprangen, wenn Putz in Kirchen bröckelte und Mauerrisse Paläste bedrohten, sind oft selbst nicht in der Lage, sich zu retten. Vieles hängt also davon ab, dass Touristen nach Italien reisen, die Wirtschaft stabilisieren, und dabei nicht nur die Uffizien und das Kolosseum bewundern, sondern auch Interesse und Geld in die weniger entwickelten und bekannten Regionen des Landes bringen.

Das Interesse des Staates und seiner Bürger ist sehr ähnlich dem der “Slow”-Bewegung, die in Italien entstanden ist. Zuerst war da das Slow Food, das die traditionelle Küche und das althergebrachte Kochen mit viel Zeit und Genuss an der Stelle des schnellen Abspeisens einsetzte. Die Idee wurde auf kleinere Städte erweitert, die als Citta Slow Entschleunigung praktizierten, Lebensgefühl förderten, Autoverkehr reduzierten, und den Menschen in den Mittelpunkt stellten. Der nächste Schritt, die langsame Verbindung der teilnehmenden Orte und Regionen, war da nur logisch: Es gibt inzwischen eine Travel Slow Bewegung, die sich von motorisierter Fortbewegung distanziert, und das Land und seine schönsten Provinzschätze mit eigener Kraft erobert. Ins Umfeld dieser Bewegung gehört beispielsweise der Neuausbau der Via Francingena, des historischen Frankenwegs nach Rom, der sich inzwischen grösster Beliebtheit erfreut.

Dazu gehört auch das Radfest L’Eroica und alle seine Ableger auf kleinen Seitenstrassen in ganz Italien, wo sich Fahrradfreunde in historischen Kostümen messen. Als Nebeneffekt entstehen dauerhafte Routen für Radtouristen – und wer als Teilnehmer beim Rennen gestartet ist, kommt auch im Urlaub mit der ganzen Familie zurück. Den Massen weitgehend unbekannte, aber sagenhaft schöne Orte wie Gaiole in Chianti oder Buonconvento profitieren von dieser Bewegung. Nicht umsonst gibt es inzwischen auch internationale Ableger, und aus aller Welt reisen Politiker, Verkehrsplaner und Tourismusmanager nach Italien, um zu lernen, wie man Alternativen zum Massentourismus und zur Hektik der modernen Reisenden entwickelt. Was mit ein paar kleinen, regionalen Initiativen begann, ist inzwischen zum internationalen Vorbild geworden.

Auch der italienische Staat beteiligt sich, und sorgt für die Vernetzung lokaler Initiativen. Was wie der Vinschgau-Radwanderweg oder die Radwege zum Gardasee im Kleinen zum touristischen Bestseller wurde, soll auch auf anderen Routen vollwertig umgesetzt werden. Eines der ehrgeizigen Ziele ist ein sportlicher Radwanderweg vom Brenner bis nach Sizilien, und ein anderer führt familientauglich in der Poebene von Venedig bis nach Turin.

Statt zentral die nötige Infrastruktur neu und mit grossem Aufwand zu bauen, hatte man unter Roberto Reggi, dem früheren Bürgermeister von Piacenza und Leiter der staatlichen Immobilienagentur, eine andere und nachhaltige Idee: Der italienische Staat verfügt über eine Vielzahl ungenutzter Immobilien, wie etwa Zollstationen, Militäreinrichtungen, Bahnhöfe und die überall anzutreffenden Streckenhäuser der ANAS, die man noch benötigte, als Automobilismus gefährlich und technisch anfällig war. 103 dieser nicht mehr genutzten Immobilien, die an den schon entwickelten oder gerade gebauten Strecken liegen, werden kostenfrei an lokale Personen, Gruppen oder Firmen gegeben, die sie dann in leichteren Fällen 9, 18, oder auch bei Grossprojekten 50 Jahre bis zum Erreichen der Gewinnschwelle nutzen können.

Es gibt gute Gründe, warum lokale Initiativen darauf eingehen sollten: In Italien liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei immensen 40%, und zudem sind hunderttausende Asylbewerber mittlerweile im ganzen Land, für die sich kaum eine Stelle finden lässt. Die Kommunen ächzen unter den sozialen Lasten, die sie tragen müssen. Die Vergabe von Immobilien kann eine Art der Arbeitsbeschaffung und Einführung in das Unternehmertum sein, denn die dafür nötigen Personen sind da, und müssen ohnehin staatlich finanziert werden. Es liegt also nahe, die Kostenfaktoren und Potentiale leer stehender Immobilien und beschäftigungsloser, aber arbeitswilliger Menschen zusammen zu bringen. Das reduziert den Verfall, qualifiziert die Teilnehmer, gibt ihnen auf Jahre eine berufliche Perspektive, und erlaubt es den Kommunen, Teil eines neuen touristischen Netzwerks zu werden. Das Tourismusministerium unterstützt die Gründer zudem mit insgesamt 3 Millionen Euro. Und das alles ohne Neubau und Bodenversiegelung, mit der Massgabe, dass sich Bewerber um Immobilen an Grundsätze von Nachhaltigkeit, Umweltschutz und regionale Bezüge zu kümmern haben. Man könnte das als schönes Beispiel für kluge Ideen in Zeiten knapper Kassen und Migration verkaufen, und darauf hinweisen, dass die Italiener ein Konzept, das sie in der Landwirtschaft schon erfolgreich einsetzen, nun auf den sanften Tourismus übertragen.

Leider ist das aber nicht so, denn in Deutschland werden Vorurteile gegen Ausländer und Fremde geschürt, und unter Weglassung des Kontexts die Xenophobie gefördert. Wie üblich, beginnen die deutschen Italiengegner bei der Niedermachung des Projekts gleich mit einer dreisten Unwahrheit: “Schlossherren und Burgfrauen in Italien gesucht. Italien verschenkt 103 seiner Schlösser und Burgen”, schreiben sie. Tatsächlich befinden sich unter den 103 zur Verfügung gestellten Immobilien auch einige wenige, die als Schlösser und Burgen gelten könnten. Bei den meisten handelt es sich aber um Zweckbauten, die oft auch nicht sonderlich alt sind. Ausserdem verschenkt der italienische Staat gar nichts, sondern überlässt auf eine gewisse Zeit kostenfrei – was aber dem Spin der deutschen Verachtung nicht ins Konzept passt.

Zuerst bauen sie unter deutschen Lesern eine ebenso hohe wie falsche Erwartungshaltung auf: “Geraten auch Sie ins Schwärmen, wenn Sie an Italiens Dörfer und Provinznester denken? Dann haben wir da was für Sie: Das italienische Ministerium für Infrastruktur und Transport sucht zusammen mit der staatlichen Immobilienagentur Schlossherrinnen und -herren für 103 Immobilien.” Nirgendwo in der verlinkten Broschüre steht, dass Schlossherren gesucht werden. Und der Umstand, dass es auch eine deutsche Version gibt, ist allein der verpflichtenden Zweisprachigkeit der Autonomen Region Südtirol geschuldet, wo die nördlichsten Wegstationen entstehen werden. Der erweckte Eindruck, das “Verschenken” würde sich an Deutsche wenden, ist schlicht falsch.

Aber daraus entsteht die Kritik an den Italienern, die so etwas nie behuptet haben, sondern nur von kostenfreier Nutzung sprechen – die Deutschen drehen ihnen damit einen Strick: “Das Reizwort lautet hier natürlich „kostenlos“. Aber Achtung: Es ist vor allem als Anreiz zu verstehen, Ihre Arbeitskraft und Ihr Geld zu investieren. Denn es geht eben um „nicht benutzte“ oder sogar „nicht benutzbare Immobilien“, sprich: Ruinen.” Ein Blick in den Ausschreibung zeigt etwas anderes: Die Verantwortlichen haben klare Vorstellungen von dem, was sie entlang ihrer Routen brauchen. Auch in Italien gibt es Bauvorschriften, und wer in ein Zollgebäude eine Werkstatt oder in einem ANAS-Haus eine Pension betreiben will, muss dort erst umfangreiche Umbauten vornehmen. Statt dessen wundern sich die deutschen Autoren über ein anderes, verkanntes Detail: “Deshalb wohl auch die Altersgrenze von 40 Jahren. Älteren trauen die Italiener die Schufterei schon gar nicht mehr zu. Bis Sie das Dach und die Fenster repariert haben, müssen Sie schließlich auch mit zugigen Nächten rechnen. Wer schon im muckeligen deutschen Büro immer Rücken hat, sollte sich die Bewerbung also noch mal überlegen.” An keiner Stelle steht etwas von der Absicht, dass die Projektbeteiligten Deutsche sein oder selbst die Gebäude bewohnen sollten – es geht nur um die Bewirtschaftung im Kontext des Ausbaus der Travel-Slow-Bewegung. Die Altersgrenze ist dem Zuschnitt auf das Problem der Jugendarbeitslosigkeit geschuldet.

Dabei sollte den deutschen Autoren bewusst sein, dass sie die Unwahrheit über „Burgen“ veröffentlichen, denn sie zitieren aus der Ausschreibung: “Die Vision der Italiener: „Bauernhäuser, Bahnhöfe, Schlösser und Villen werden zu Hostels, kleinen Hotels, Anlaufstellen für Touristen, Wanderer, Pilger und Radfahrer.“ Das heißt, mit Ihrer neuen Bleibe bekommen Sie auch gleich einen neuen Vollzeitjob als Herbergsvater oder Kneipenwirt. Und hier versteckt sich leider auch schon der nächste Haken an der Sache: Sie müssen sich selbstständig machen und schauen, wie Sie über die Runden kommen.“ Das, was in Deutschland als “Haken“ verunglimpft wird, ist das zentrale Anliegen des Projekts: Der Aufbau einer touristischen Infrastruktur im Zuge des Ausbaus alternativer Angebote. Enttäuscht kann nur sein, wer dachte, es gäbe ein Schloss geschenkt – aber nicht die jungen Gründungswilligen in Italien, die eine Chance bekommen, zusammen mit lokalen Organisationen und staatlicher Förderung etwas Eigenes aufzubauen und zu betreiben. Dazu giften die Deutschen, die offensichtlich nichts von den regionalen und naturnahen Vorstellungen der Slow-Bewegung halten: “Aber hey, Sie zahlen immerhin keine Miete. Und wenn Sie einen grünen Daumen haben, können Sie sogar autark leben. Platz für Gemüsebeete gibt’s jedenfalls genug.

Erst nach dieser Abwertung kommen die Autoren mit dem Kontext und dem Kern der Bemühungen, und entstellen die Absichen weiter: “Wer sich ans Renovieren machen darf, werde „mittels öffentlicher Verfahren ausgewählt“, heißt es vom Ministerium. Das heißt: Sie müssen mit einem gut durchdachten Businessplan aufwarten und dieser wird unter anderem geprüft auf „Umweltnachhaltigkeit, Energieeffizienz und touristische Chance“. Gut zu wissen in diesem Zusammenhang: Als Schlossherr, Leuchtturmwärterin oder Bahnhofsvorsteher sollen Sie Teil des Netzwerks „Cammini e Percorsi“ („Fußwege und Wanderrouten“) werden. Alle 103 Immobilien liegen nämlich an „historisch relevanten Wanderwegen“ oder in der Nähe von Fahrradrouten – die allerdings im Moment genau so brach liegen wie die Gebäude.“ Die Autoren haben sich offensichtlich nicht weiter mit den italienischen Bemühungen beschäftigt, die alles andere als brach liegenden und seit langem gepriesenen Routen konsequent weiter zu verbessern. Dass man derartige Infrastruktur nicht ohne seriöse Finanzplanung betreiben kann, ist vermutlich nur denen eingängig, die glauben, man könnte sich ein Schloss schenken lassen.

Dass es überhaupt nicht um ein Geschenk, sondern um eine Arbeitsbeschaffung und Strukturentwicklung auf Zeit geht, sollten die Autoren eigentlich wissen, denn sie zitieren die Dauer der kostenlosen Vergabe und schreiben dann “Diesen Part kann man nun nach dem Prinzip des halbvollen und halbleeren Glases interpretieren: Ein Job für 18 Jahre? Wow, was für eine ungewohnte Planungssicherheit! Oder aber auch: Ach herrje, spätestens nach 18 Jahren bin ich arbeits- und obdachlos.“ Das Ziel ist unter anderem die Qualifizierung von Jugendlichen und Migranten, die es sonst schwer haben, überhaupt eine Ausbildung zu bekommen. Es geht explizit nicht die Schaffung von Wohnraum für sie: Die Autoren behaupten trotzdem zuletzt erneut, die regiernden Sozialdemokraten in Italien würden Teilnehmer in eine Ruine einziehen lassen.

Der gesamte Artikel ist voll mit Häme und Fake News – aber er funktioniert. Darunter sind die üblichen fremdenfeindlichen Kommentare aufgehetzter Leser über das angeblich unfähige Italien: „Italien verschenkt „schwarze Löcher“: Man schmeißt eine Unsumme Geld und Arbeit rein und bekommt nix wieder. Netter Versuch des Staates sich aus seiner eigenen Kostenfalle zu befreien und diese Kosten anderen aufzubürden.“ Oder ein haltloser Vorwurf der Korruption “Nein hier heißt es, dass die besseren der Immobilien nur gegen Bestechung vergeben werden.“ Oder das Mafiaklischee: “Da ist die Mafia noch ehrlicher! Oder steckt gerade die dahinter? Wieder mal schöner Schein in Bella Italia.“ Oder der faule und insolvente Südländer: “das ist typisch bella vita … kein Geld und keine Arbeit investieren wollen/können aber nach Fertigstellung die renovierten Gemäuer übernehmen

Es ist ein durchschlagender Erfolg für die Aversion gegen andere Europäer, aufgebaut auf einer falschen Darstellung, die wesentliche Informationen verschweigt und verfälscht. Wer macht so etwas? Wer hat so etwas nötig? Wer geht hier wie Silvio Berlusconi mit der Wahrheit um? Es ist kein Text der AfD, oder einer anonymen, europafeindlichen Seite im Netz, die gegen den Euro Stimmung macht. Der Text erschien in einem führenden Mainstream-Medium, das ansonsten viele Peinlichkeiten der AfD und Ausrutscher von Donald Trump bringt:

Bei Spiegel Online. Diese Verachtung kommt aus der Mitte der Gesellschaft.

Ich kann nur raten: Fahren Sie dort hin, bereisen Sie die Via Francingena, den Etschradweg, die Via Appia, die Strasse der Mantuaner Spezialitäten und die Strecken der L‘Eroica. Ich war dort, es ist wirklich schön, und das Beste: Die Wahrscheinlichkeit, auf den “brachliegenden Wegen” zwischen “Ruinen” auf Mitarbeiter von Spiegel Online zu treffen, ist denkbar gering.

29. Mai. 2017
von Don Alphonso
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15. Mai. 2017
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Wie eine Hamburger Lokalnachricht Trumps Gefolge festigt

Es war eine aufregende Woche: Der amerikanische Präsident Donald Trump hat den FBI-Chef James Comey unter fragwürdigen Bedingungen gefeuert, sich in Interviews selbst widersprochen, und steht jetzt möglicherweise vor einem Amtsenthebungsverfahren. Es ist der chaotische Höhepunkt einer kurzen, aber an Skandalen und Verwerfungen reichen Amtszeit, die in der jüngeren Geschichte ihresgleichen sucht  .

Die international-westliche Presse ist sich in der Beurteilung weitgehend einig, und unter dem Druck schlechter Umfragewerte sollte Trumps Anhängerschaft, speziell bei Alt Right, langsam in Panik geraten. Die Bewegung musste ohnehin herbe Rückschläge einstecken, als Breitbart-Betreiber Steve Bannon aus dem Sicherheitsrat gezwungen und danach von Trump gestutzt wurde, und die Popikone Milo Yiannopoulos über alte Aussagen zu Sex mit Minderjährigen stolperte. Aber das Netzwerk aus Blogs, Twitteraccounts und Schhmuddelseiten, das sich unter dem Banner von Pepe dem Frosch inzwischen auch als Kekistan bezeichnet, hat ein ganz anderes Thema: Den Hamburger Stadtteil Hamm und Merkels angeblichen Wahnsinn.

Und beim Hamburger Abendblatt dürften deshalb gestern die Server wegen eines 12 Tage alten Beitrags hinter der Paywall heiß gelaufen sein. Aus deutscher Sicht handelt es sich dabei um eine wenig bedeutsame Lokalnachricht mit einjährigem Vorspiel. Seit 1982 gibt es das Hamburger Wohnraumschutzgesetz, das 2013, noch vor dem Beginn der Asylkrise, aufgrund der Wohnungsknappheit noch einmal erweitert wurde. Demzufolge darf die Stadt lange leer stehende Wohnungen von Privatbesitzern einem Treuhänder geben, renovieren und zu einem festgesetzten Preis für den Eigentümer zwangsvermieten. Im gar nicht so aktuellen, sondern seit einem Jahr schwebenden und sich zuspitzenden Fall geht es um 6 Wohnungen mit Sanierungsbedarf. Am 2. Mai erschien dieser weitere Beitrag zum Fortgang der Ereignisse im Abendblatt, und am 5. Mai brachte das islamophobe Projekt Politically Incorrect einen seiner typischen Beiträge und mutmaßte, die Wohnungen würden wohl an Migranten vergeben werden. Einen Tag später verbreitete auch das ähnlich orientierte Blog Journalistenwatch den gleichen Beitrag. Damit war die Geschichte eigentlich durch.

Zumindest in Deutschland. Aber in den USA gibt es das Gatestone Institute, einen konservativen Think Tank einer zionistisch eingestellten Gönnerin, mit angeschlossenen Rechercheeinheiten und Publikationen. Das Institut verfügt über einem speziellen Zweig für Europa unter dem schillernden Publizisten und Islamexperten Amir Taheri. Gatestone hat sich in den USA einen Namen durch Berichte über die Migrationsfolgen in Schweden gemacht, die einerseits weit verbreitet, andererseits als unzutreffend und ungenau kritisiert wurden. Trotz intensiver Beschäftigung mit dem Islam und konservativer Ausrichtung ist das Institut unter einem seriösen Vorstand kein Teil der Alt Right Bewegung, und sehr wohl in der Lage, in einem ausgewogenen Ton gründlich recherchierte Nachrichten zu bringen, die die eigene Sicht stützen. So war es dann auch im Fall der Wohnungen in Hamm. Der Text stellt belegte Fakten und Aussagen von Politikern aus deutschen Medien zusammen, und erlaubt sich lediglich in der Überschrift eine Ungenauigkeit: Germany Confiscating Homes to Use for Migrants vereinfacht den Umstand, dass es nicht um Deutschland, sondern bislang nur um die Stadtstaaten Hamburg und Berlin geht. Gleichzeitig könnte der Eindruck entstehen, dass solche Initiativen nur für Migranten ersonnen werden. Tatsächlich geht es dabei aber generell um Bekämpfung von Spekulation und die Nutzung von Leerstand für sozial schwache Wohnungssuchende, zu denen Migranten fraglos gehören.

Mir dem Schlusssatz erlaubt sich der Autor dann aber noch einen unsportlichen Ausflug ins Spekulative: Meanwhile, some Germans are asking what is next: Will authorities now limit the maximum amount of living space per person, and force those with large apartments to share them with strangers? Plötzlich sind es nicht mehr Berliner und Hamburger und deren Senate, sondern ganz allgemein Deutsche und Behörden. Der Lohn für die Mühen: 62 eher fundierte Kommentare unter dem Beitrag, der 9400 mal bei Facebook geteilt und 622 mal direkt verwittert wurde.

Das sind für so eine Lokalnachricht aus Hamm schon exzellente Zahlen, aber es kam innerhalb weniger Stunden noch besser. Das Blog Gatewaypundit übernahm den ersten Teil des Beitrags wörtlich, warf die tiefer gehenden Erläuterungen weg, setzte ein Bild des Migrantenstroms darüber und titelte: Germany Is Now Confiscating Homes To Use For Merkel’s Migrants!

Da geht es nicht mehr nur um Migranten, sondern um Merkels Migranten. Der Umstand, dass es sich nur um Pläne zweier Stadtstaaten handelt, geht bei der Verkürzung verloren. Weil der Autor die Zusammenhänge selbst nicht verstand oder nicht verstehen wollte, schreibt er dazu: This is truly UNPRECEDENTED! Will Merkel’s madness ever come to an end? Was natürlich falsch ist, denn Merkels CDU ist in Hamburg in der Opposition, und Wohnungszwangswirtschaft war im 20. Jahrhundert lange Zeit üblich. Gatewaypundit, auch bekannt als GWP, ist schon eher Teil von Alt right und erfreut sich bei FOX News und ähnlichen Institutionen des Rufs eines seriösen Mediums, was viele andere erbittert bestreiten. GWP hat es geschafft, im Weissen Haus akkreditiert und vom Pressechef hofiert zu werden. Während andere Medien GWP vorwerfen, Fake News zu verbreiten und Geschichten zu überdrehen, hat das Blog bei einer Million täglicher Leser aus der meist rechten Szene durchaus einen guten Ruf. Der Lohn: Weitere 9700 Facebook Shares und 292 schon weitaus weniger zivilisierte Kommentare zu 6 Wohnungen in Hamm, die nun schon zu einer Enteignungswelle unter Merkel wurden.

Und die Geschichte brennt weiter. Zuerst im Reddit Subforum The Donald, wo sich die eingeschworenen Trump-Fans treffen und zu Dutzenden versichern, sich gegen solche Maßnahmen mit Gewalt zu wehren. Oder bei Free Republic, einem anonymen Messageboard für Freunde konservativer Politik. Bei Twitter schlägt die Geschichte erst voll ein, als der britische Alt-Right-Aktivist Paul Joseph Watson das Thema aufgreift; “Germany is now forcibly confiscating private property to house migrants. Let that sink in.“ erklärt er seinen fast 600.000 Followern, die das prompt auch über 4000 mal retweeten. Nach dem Ausscheiden von Yiannopoulos ist Watson der neue britische Wortführer der Szene – bei weitem nicht mehr so charmant, ironisch und charismatisch wie Milo, der bei aller Kritik bei Breitbart parteiisch, aber journalistisch sauber arbeitete. Der harsche und humorlose Watson muss dagegen eher dem Lager der Verschwörungstheoretiker zugerechnet werden, was seiner Popularität in rechten Kreisen aber keinen Abbruch tut. Seinen Tweet wiederum verbreiteten die anderen Grössen der Szene, wie etwa Brittany Pettibone, neben Lauren Southern ein aufsteigender, andersfeministischer Star der Szene mit weiteren 80,000 Followern. Darunter stehen hunderte von Kommentaren, die Deutschland zu etwa gleichen Teilen als kommunistisch und faschistisch beschimpfen.

Wegen 6 maroden Wohnungen in Hamburg Hamm, die nun nach einem Tag das bekannteste deutsche Immobiliengeschäft in den USA sein dürften. Und das, ohne dass Breitbart oder Fox die Nachricht bislang aufgegriffen haben. Aus einem monatelangen Konflikt zwischen den Hamburger Behörden und einem Eigentümer nehmen Hunderttausende Amerikaner letztlich die Einschätzung mit, in Deutschland werde zur Unterbringung von Merkels Migranten durch eine angeblich wahnsinnige Kanzlerin enteignet, und es drohten Zwangseinweisungen. Ein schnelles, sich gegenseitig verstärkendes Netzwerk von den obskuren Rändern über hedonistische Radikale und Trolle bis zum Institut einer reichen Dame der Gesellschaft sieht sich in dem bestätigt, was im Wahlkampf schon über Deutschland berichtet wurde. Natürlich ist das eine verzerrte Wahrnehmung, aber in einem Land, in dem das eigene Anwesen höchsten Schutz geniesst, klingt das Hamburger Vorgehen wie ein Bericht aus Lenins UdSSR. Es mag sein, dass die unkonventionelle Amtsführung durch Donald Trump nicht unumstritten ist, aber in den Augen seiner Anhänger gibt es ein Land, das gegen Mexiko eine Mauer baut und Muslime nicht einreisen lässt: ´Das sind die USA. Und ein Land, das jeden kommen und die eigene Bevölkerung von Behörden enteignen lässt: Das ist die BRD.

Und das ist der Grund, warum Trumps Anhänger im Internet bei Merkel und Deutschland nicht seltener “crazy“ sagen, als die Deutschen das Wort “verrückt“ für Trump und die USA bemühen.

15. Mai. 2017
von Don Alphonso
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29. Apr. 2017
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Grüne Denunzianten küsst und wählt man nicht

Johannes Rehborn ist Vorstandsmitglied der Grünen in Dortmund, und Sprecher der LAG Demokratie und Recht der Grünen in Nordrhein-Westfalen. Kein hohes Tier, keiner, der einen Profit mit seiner Arbeit machen würde, ein Parteisoldat von der Sorte, die allenfalls mal summarisch erwähnt werden, wenn sich jemand über die Hilfe bei Wahlen bedankt. Einer von denen, die sich engagieren, wie es in der Bundesrepublik Deutschland gewünscht ist, und einer von denen, die an der Basis merken, was sich verändert hat. Die Grünen waren bei Vox Populi nicht unbedingt schlecht angesehen, mit ihrer Arbeit gegen Etablierte, die den Staat zu ihrer Beute machten, aber das ist heute laut Rehborn – und auch nach meinen eigenen Erlebnissen – anders.

Während ich überlegt habe, wie ich in 140 Zeichen eine adäquate Antwort presse, hat sich Rehborn vielleicht schon selbst eine Antwort gegeben. Björn Uhde, auch ein Basismitarbeiter, aber diesmal der SPD in Hamburg und Pressereferent der SPD in Segeberg, hat einen Firmenmitarbeiter datenschutzrechtlich fragwürdig denunziert, weil der sich bei Uhdes Facebookaccount kritisch zur Migrationspolitik äußerte – angeblich während einer Schulung. Die Firma liess sich dadurch nicht einschüchtern, aber der Grüne Rehborn beteiligte sich mit einem Retweet beim Versuch, einem Anhänger einer anderen Partei beruflich Probleme zu machen.

Wer einmal richtig in einer Firma und nicht nur in einem gehobenen Umfeld von Jura oder Internet gearbeitet hat, der weiss natürlich, dass derartige Denunziationen dort gemeinhin eher auf den Denunzianten zurück fallen. Firmen kämen in Teufels Küche, würden sie sich ihre Personalpolitik durch parteipolitische Ränke torpedieren lassen, und innerhalb von Gruppen ist es üblich, dass Vorgesetzte mäßigend einwirken, wenn so etwas in der Firma geschieht. Vielen dürfte aus eigener Erfahrung bewusst sein, wie gefährlich solche Aktivitäten für die Existenz sind – und vielen ist auch klar, dass es im Zweifelsfall jeden treffen kann. Externe Denunzianten, die mit einem öffentlichen Shitstorm anderen berufliche Probleme bereiten wollen, sind selten beliebt. Wenn sie das im Namen ihrer Partei als Funktionsträger tun, färbt das auch auf die Partei ab. Im Ergebnis entsteht eine Ablehnung von Parteien, die nicht um das beste Konzept und gute Politik kämpfen, sondern um die Vernichtung des politischen Gegners als Privatperson. Das war früher weder üblich unter Sozialdemokraten noch von Seiten der Grünen – es hat sich geändert, und beide Parteien haben Sympathien verloren.

Man kann sich auch als Journalist von solchen Erfahrungen nicht frei machen. In meine Arbeit in Bayern spielen immer zwei Erlebnisse hinein, die mich geprägt haben: Einmal die Demonstrationen in Wackersdorf, wo man einen harmlosen Abiturienten wie mich meinte mit Hubschrauber und Tränengas durch den Wald treiben zu müssen. Und dann der Missbrauch der Staatsgewalt durch die CSU beim sogenannten Münchner Kessel, als Ministerpräsident Streibl die von der Regierung gewollte Polizeigewalt als “bayerische Art“ bezeichnete. Das hat der CSU bei vielen eine erbitterte und bis heute anhaltende Feindschaft eingebracht, selbst wenn das heute nicht mehr möglich wäre. Es prägt einen halt. Es bedeutet nicht, dass man nicht mit CSU-Vertretern sprechen würde, aber man weiss, zu was die fähig waren und vermutlich auch heute noch fähig sein würden, wenn sich die Zeiten nicht gegen ihren Willen geändert hätten.

Der Tagsöldener-Forst-Moment in Bezug auf die Grünen, die mit mir im Tagsöldner Forst vor den Hubschraubern davonrannten und mit mir die bayerische Art erlebten, kam vor zwei Jahren, als der Grünen-Abgeordnete Volker Beck seine feministische Mitarbeiterin Charlotte Obermeier lobte, weil sie mit einem Shitstorm für das Ende der Beschäftigung einer Autorin gesorgt hatte. Es war ein vollkommen nichtiger Anlass: Die Autorin hatte in einer Provinzzeitung lediglich ambivalent auf die Frage eines Lesers geantwortet, ob seine Töchter Blumenmädchen bei einer gleichgeschlechtlichen Hochzeit sein sollten. Obermeier hat ohne Hemmungen geholfen, einem Menschen, von dem sie nur einen belanglosen Beitrag kannten, den Mob auf den Hals zu hetzen und persönlich fertig zu machen. Volker Becks Büroleiter Sebastian Brux war später bei der Jagd auf Ronja von Rönne dabei. Der grinsende Beck steht für mich in einer Reihe mit dem grinsenden Strauss und dem grinsenden Streibl, die ihre vom Staat bezahlten Leute losgeschickt haben, um mich für die Wahrnehmung meines Rechts auf friedliches Demonstrieren jagen zu lassen.

So ist das in der neuen Bundesrepublik, in der ein Stadtrat in Stuttgart von hinten mit einer Holzlatte auf den Kopf geschlagen und auch seine Frau von AfD-Gegnern mit Gewalt angegriffen wird. Teilnahme an der politischen Debatte ist nicht mehr gefahrlos, und auch Volker Beck musste erkennen, dass seine Politik nicht einmal mehr bei den Grünen ausreicht, um einen sicheren Listenplatz für die Bundestagswahl zu bekommen. Es ist ein unschönes Gesamtklima in Deutschland, und ein Aspekt davon ist die teils radikale Ablehnung, die Politikern und ihren Funktionären entgegen schlägt. Das wird auch so bleiben: Volker Beck mag sein Amt verlieren, aber sein Bürochef Sebastian Brux ist noch da.

Er ist aufgestiegen zum stellvertretenden Sprecher des grünen Senators für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung in Berlin unter Rot-Rot-Grün, was eine ordentliche Karriere für jemanden ist, der laut seinem Profil zwar politischer Geschäftsführer der Grünen Jugend war, ansonsten aber “Soziale Arbeit“ studierte. Wer erwartet hätte, als Sprecher des Justizsenators einen Volljuristen oder PR-Experten zu sehen, sieht sich in diesem Fall getäuscht. In der Geschichte der alten Bundesrepublik waren Senatoren und Minister der Justiz meistens ausgleichend, vorsichtig und kompetent, und verstanden es oft, politische Erregtheiten soweit einzudampfen, dass die entstandenen Gesetze dem Geist des Grundgesetzes gerecht wurden. Justizminister waren beliebt, wenn sie sich nicht zu radikalen Gedanken hinreissen ließen und die Rechtspflege und den Staat weit über die parteipolitischen Niederungen stellten. Sie wurden geschätzt, wenn sie nicht den Eindruck erweckten, juristischer Handlanger ihrer Parteien zu sein. Sebastian Brux, stellvertretender Sprecher des grünen Senators für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung in Berlin, fährt nach Mainz und sieht ein Plakat einer Dachdeckerfirma, das offensichtlich von mit Schmiererei beschädigt wurde, macht ein Bild davon – und schreibt dann diesen beleidigenden Tweet in Richtung des Unternehmers und CDU-Stadtrats:

Es handelt sich um die alteingesessene Firma Neger, die sich trotz Anfeindungen durch Linksradikale weigert, das 60 Jahre alte Firmenemblem – einen lachenden, fleißig dachdeckenden Menschen mit schwarzer Hautfarbe, dem Familiennamen entsprechend – abzuschaffen. Der Fall ging vor zwei Jahren durch die Medien, noch immer wird Eigentum der Firma beschädigt, und Volker Becks früherer Büroleiter, nun öffentlich bezahlt durch den Staat als stellvertretender Pressesprecher, tritt öffentlich noch einmal nach. Man mag sich überlegen, wie ein Ressort mit so einem Mitarbeiter reagiert, wenn man in Berlin von Linksradikalen geschädigt wurde – ein angezündetes Auto vielleicht, oder eingeschlagene Fenster in einer Gaststätte, in der sich eine unbeliebte Partei trifft. Die Grünen sind eine Partei, die solche Karrieren ermöglichen, und gleichzeitig solche öffentlichen Einlassungen, und das ausgerechnet im Haus des für die Justiz verantwortlichen Senators.

Ich denke, die Grünen wurden früher geschätzt, weil sie als notwendiges Korrektiv gegen die herrschende Klasse empfunden wurden, und auf echte Fehlentwicklungen hinwiesen. Grüne waren neben mir in Wackersdorf, beim Münchner Kessel und bei Mehr Demokratie e.V. – dass man von den Grünen mittlerweile zu direkter Demokratie reservierte Stimmen wie früher bei der CSU hört, passt gut ins Bild der Entwicklung. Jahrelang konnten die Grünen darauf bauen, dass sie als notwendiger Stachel in der Seite der Mächtigen erachtet wurden, auch wenn man sie nicht in allen Punkten unterstützte. Heute wechseln Grüne geschmeidig von der Jugend zum Büroleiter zum Pressesprecher, und verhöhnen Geschädigte, die nicht ihrer Ideologie entsprechen. Sie denunzieren und gehen gegen andersdenkende Medien vor. Es sind nicht alle, man darf das nicht pauschalisieren, auch in der CSU gibt es hochanständige Menschen und es gab sie schon, als ich durch den Tagsöldner Forst gehetzt wurde. Aber in dem Moment, in dem ich mir dauernd sagen muss: Pauschalisiere nicht, der Brux, der Beck, die Obermeier, die Göring-Eckardt, die Künast, der Mutlu, die ganzen Leute, die die Meinungsfreiheit der anderen bekämpfen und selbst frohlocken, wenn andere geschädigt werden – sie alle sind nicht dein Landrat. Mein Landrat ist nämlich wirklich gut. Den haben wir in Miesbach gewählt, um einen Problemfall von der alten CSU abzuschaffen.

Aber die Grünen haben, wie jede andere Partei auch, bereits verloren, wenn ihre möglichen Anhänger zu diesen Differenzierungen gezwungen sind. Wer differenzieren muss, hat mit dem Wertschätzen aufgehört. Die Ergebnisse zeigen sich immer erst, wenn es zu spät ist. Das ist kein Hass. Das ist Demokratie.

29. Apr. 2017
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25. Apr. 2017
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Parteien, die dem Internet beleidigt sind

Vor etwas mehr als vier Jahren schafften die Piraten in Berlin und später auch in Nordrhein-Westfalen, im Saarland und in Schleswig-Holstein den Einzug in die Parlamente. Ihre Themen Internet, Selbstbestimmung und Freiheit waren plötzlich für alle anderen Parteien auch wichtig. Schlagartig war Schluss mit dem Gerede über Netzsperren. Man wollte es sich nicht mit einer Jugend verscherzen, die eine Alternative zu den Altparteien hatte. Die Piraten wollten mit ihrer offenen und basisdemokratischen Struktur ohne Vorbehalte diskutieren, überlegen und dann im Sinne der Bürger entscheiden. Das endete schlagartig, als durch Intrigen bizarrer, linksradikaler und linksextremer Kreise Leute in Führungspositionen gelangten, die Geld mit Büchern verdienen wollten, ihre ADHS-Erkrankung nicht unter Kontrolle hatten, Themen wie BGE und Weltraumaufzüge gross machten, Bomben auf Dresden und Netzzensur forderten, und auf diese Art die Partei und ihr Ansehen gründlich ruinierten – und heute auch bei SPD, Grünen und vor allem der Linken untergekommen sind. Der frühere Pirat im Abgeordnetenhaus von Berlin Christopher Lauer beglückte seine neue Partei SPD mit einer Netzkampagne gegen einen einzelnen AfD-Wähler.

Die Netzpolitik verlor mit dem schlechten Abschneiden der Piraten bei den Wahlen ihre Bedeutung. CDU und SPD machten, nachdem sie gerade erst eine juristische Niederlage hinnehmen musste, einen neuen Anlauf zur Vorratsdatenspeicherung. Heiko Maas, dessen Ministerium keine einzige strafbare Fake News nennen kann, fuhr zusammen mit der Ex-Stasi-IM Anetta Kahane und ihrer Stiftung eine Kampagne gegen angebliche Hate Speech. Der aktuelle SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat Schulz liess in Zusammenarbeit mit der ZEIT-Stiftung und angehefteten Feigenblatt-Experten bei einer Hinterzimmer-Mauschelei eine digitale Charta entwickeln, die ein weiterer Anschlag auf die Meinungsfreiheit werden kann. TTIP und die beabsichtigten Regelungen zum Copyright sind nur tot, weil das Vorhaben an Donald Trump scheitert. NSA und BND spionieren offensichtlich trotz der Snowden-Enthüllungen weiter Hand in Hand. Wenn bekannt wird, dass inzwischen auch “smarte” TV-Geräte des “Internet of things” ausgeforscht werden, ist das tagespolitisch bedeutungslos.

Denn die Piraten sind aus Gründen der Wahlarithmetik keine Gefahr mehr, und SPD, Linke und Grüne müssen sich allenfalls mit den Spassparteien FDP und Der Partei herumschlagen. Parteiübergreifend werden Initiativen und Schein-NGOs gefördert, die sich im Netz gegen das einsetzen, was die Parteien für “Hate Speech” halten. Trotzdem sind die Erfolge von Aktionen wie “no-hatespeech.de” und der Kahanestiftung überschaubar. Die Piraten mögen chancenlos sein, aber ihre Zielgruppe ist noch da, und macht über die Empfehlung von Zensur- und Überwachungsvordenker Heiko Maas zum Tag des Buches böse Scherze:

Das Klima im Netz ist zu einer Zeit frostig, da die Bundeswehr einen Cybermarsch in Auftrag gibt, obwohl es für die Behörden außergewöhnlich schwer ist, Hacker für das Neuland zu finden. Die wenig ansprechenden, aber teuren Accounts der politischen Beruhigung mit ihrer Werbung für den eigenen staatlichen Geldgeber haben weniger Follower als ihre eigenen Satireaccounts. Wie schwierig die Zeiten auch für die Grün-Alternativen im Internet angesichts der Kritik an der Verbotspartei sind, sieht man beim hilflosen Versuch der Partei, sich auch ihren Gegnern als Vertreter anzudienen:

“Küsschen an alle Hater – eure linksgrünversifften Gutmenschen!“ – die Grünen implizieren mit ihrer Kopie einer Bundeswehr-Kampagne, dass „gegen sie sein“ etwas mit “Hater sein“ zu tun hat, oder dass man sie deshalb beschimpfen würde. Dabei gibt es bei den Grünen genug Spitzenvertreter, die nach schärferen Regeln gegen die Meinungsfreiheit im Internet rufen. Gleichzeitig liefern die Grünen im Internet Argumente, die die Partei wenig glaubhaft wirken lassen. Etwa, wenn Parteichefin Simone Peter den Plastikmüll in den Weltmeeren beklagt und nur wenige Tage davor ein Bild ihrer Plastikflasche mit französischem Mineralwasser veröffentlicht hat. Politische Positionen der Grünen richten sich klar gegen Lebensvorstellungen anderer Leute, von traditionellen Ehegatten, die das Splitting bei den Steuern gut finden, bis zu Pendlern, die nicht glauben, dass bis 2030 das nachhaltige Fahren mit dem Elektroauto zusammen mit der nötigen Infrastruktur garantiert werden kann. Nach aktuellen Umfragen wählen 94% der Befragten die Grünen nicht – möglicherweise gibt es dafür andere Gründe als die Trolle, die die Grünen pauschal für die Erschaffung ihrer Opferrolle im Netz benutzen.

Direkte Mitwirkung an der Partei erlauben die Grünen mit einem modischen Hackathon. Jüngst zeigte die SPD mit einem geschmacklosen Spiel, wie man das besser nicht macht. Die Grünen wollen Hilfe bei einem kreativen Wahlkampf, geben aber gleich die Richtung vor: In 25 Stunden sollen Werkzeuge für Graswurzelbewegungen und eine bessere Präsentation der Partei in social Media Kanälen entwickelt werden. Ein weiterer Punkt ist der Aufbau einer 2000 Mann und Frau starken, digitalen Parteiinterventionstruppe, die bei politischen Debatten durch massives Auftreten “Brände löschen” soll:

Das Netz ist nicht mehr der Freund oder eine Plattform für Dialog mit dem Bürger, sondern nur noch der Ort für Überzeugungstools. Falls das nicht funktioniert, halten die Grünen nach eigenem Bekunden 2000 freischaffende Kräfte vor, die dort einsteigen sollen, wo Andersdenkende ihre Meinung vertreten: Gesteuert durch einen verdeckten Parteikanal, und moralisch legitimiert, indem Fake-News und Hatespeech unterstellt werden. Man kann auch weiterhin gegen die Grünen sein, muss aber damit rechnen, dass scheinbare Privatpersonen im Auftrag der Grünen über einen herfallen und bei sozialen Netzwerken als Denunzianten über die Meldefunktion agieren. Die Grünen sind im Internet dort angekommen, wo die anderen Parteien in den 70er Jahren waren: Es wird an Propagandamitteln und Repression gearbeitet, aber nicht an Kommunikation und Beteiligung.

Das war früher anders: Vor allem die amerikanischen Demokraten hatten bei den Wahlsiegen von Barack Obama scheinbar gezeigt, wie man das Internet zur Motivation von Massen und Kommunikation mit Interessierten nutzt. In der Folge legten sich Politiker und ihre Stäbe Accounts zu, in denen sie mittlerweile parteiübergreifend nach dem gleichen Schema publizieren: “Dieses und jenes ist abzulehnen. Wir werden das ganz anders machen!” Die Grenzen des Verlautbarungsversprechen wurden bei der Wahlniederlage von Hillary Clinton offenkundig: Clinton sagt nie ein falsches Wort und hatte fast alle Medien hinter sich, während Trump kaum eine Peinlichkeit ausgelassen hat, und dadurch bei vielen ehrlich, kantig, menschlich und als das Gegenteil des glatten Politikstils des Establishments wirkte. Alles, was Trump sichtbar hinter sich hatte, waren Medien wie Breitbart und Figuren wie Steve Bannon. Und so, wie die deutschen Parteien Obama kopierten, haben sie jetzt wie die Demokraten Angst vor den Teilen des Netzes, die Trump ins Amt brachten. Das bringt auch das linke Lager in Deutschland dazu, wie das Establishment zu reagieren, und das Internet eher als feindlich gesinnt zu betrachten.

Richten sollen es jetzt dagegen andere Instrumente der persönlichen Ansprache: Haustürbesuche und Townhall-Meetings gelten als probate Mittel, um der Anonymität der Onlinekommunikation und ihrer ungeschminkten Ausprägung zu entgehen. Dort, in der direkten Kommunikation mit einem freundlichen Lächeln, scheint die Gefahr geringer, sich von den Adressaten nicht nur ablehnen, sondern auch noch öffentlich vorführen zu lassen. Bei einem Haustürbesuch kann lediglich die Tür vor Subalternen geschlossen werden, aber keine Parteiprominenz wird vor grossem Publikum der Lächerlichkeit preisgegeben oder mit zynischen Fragen überzogen. Auf kritisches Nachfragen reagieren auch Politiker und sogar Ministerien schon länger mit dem Blockieren von Nutzern, teilweise auch unter Verwendung wenig erwachsener Emojis:

Das muss kein Nachteil sein. Trotz umfassender Recherche ist es dem Autor nicht gelungen, unabhängige Stimmen im Neuland zu finden, die sich eine stärkere Beteiligung der Parteien im Internet wünschen. Der neue Zugang mit Einwegkommunikation und Bekämpfung anderer Meinungen deutet darauf hin, dass auch die Parteien mittlerweile die Politikerverdrossenheit im Netz gefühlt haben, und sich Betätigungsfelder suchen, in denen die Ablehnung nicht so offensichtlich wird.

25. Apr. 2017
von Don Alphonso
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20. Apr. 2017
von Don Alphonso
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Digitale Schulpolitik im Zeitalter des Lobbyismus

Letzte Woche war ich im Radgeschäft meines Vertrauens, und an der Tür hängt gross ein Schild: Reparaturen erst wieder im Mai möglich! Grund ist wie immer, dass die Mehrheit der Radbesitzer ihre mobilen Untersätze im Winter nicht benutzt und dann im April festellen muss, was Stillstand und Regenfahrten im Herbst an Schäden angerichtet haben. Kluge Menschen bringen daher ihr Rad im Februar zum Mechaniker. Die Klügsten wie der, dessen Text Sie gerade lesen, können jedes Rad von 1890 bis 2016 selbst reparieren, und die Dummen stehen im April vor dem Schild und müssen nach Hause schieben.

Und dann gibt es noch die Gerissenen und Hübschen wie die junge Dame, die hier an der örtlichen Eliteuniversität studiert und an ihrem wirklich hübschen, hochwertigen Damenrad einen Platten hatte. Die junge Dame ignorierte das Schild und ein weiteres, auf dem steht, dass nur Personal Räder in die Werkstatt bringen darf, und zwar exakt 15 Minuten vor Ladenschluss. Sie hatte keine Chance und gerechterweise hätte man sagen können: Hier ist ein Schlauch, hier ist ein Schlüssel, mach es selbst. Oder: Da steht Don Alphonso, der erzählt immer, dass er vergeblich Frauen beizubringen versucht, wie man Schläuche wechselt, und er erleidet sicher gern eine neue Niederlage. Sie war aber sehr hübsch und auf eine wirklich angenehme Art verbindlich hilfesuchend, und außerdem war das Rad keine dreckige Rostmühle für 30 Euro, die man eigentlich nur wegwerfen will.

Und so kam es, wie es kommen musste. 5 Minuten vor Ladenschluss hatte sie ihr Rad mit neuem Schlauch wieder, ein Angebot eines Kuchens und von mir eine dezidierte Erklärung, was für eine gute Marke das Rad ist (ich habe selbst zwei Räder davon), welche Unterschiede es zwischen den drei verschiedenen Ventilsorten es gibt, und warum die Pumpe, die sie hat, ausreicht: Nichts muss geschraubt werden, einfach pumpen und alles ist gut. Mir hat das mein Vater noch beigebracht, als ich 5 Jahre alt war. Es ist für mich hilfreiches Wissen. Aber es gibt andere, die es nicht gelernt haben, die einfach nicht lesen, was auf Schildern steht und am Ende genauso viel Luft im Reifen wie ich haben. So ähnlich ist das auch mit der Digitalisierung und ihrer Durchsetzung als Bestandteil der Allgemeinbildung. Auf Beziehungen kommt es an.

Hier um Beziehungen zwischen Gründern. Politikern und Beamten, die im gleichen Verein verkehrten. Es gibt einen von René Scheppler aufgedeckten, fragwürdigen Vorgang im Saarland, bei dem Staatsfördermittel für die Calliope gGmbH aus dem Umfeld des für seine seltsamen Aktivitäten bekannten SPD-Lobbyvereins D64 per Handschlag zugesichert wurden. Ziel von Calliope ist es laut Selbstbeschreibung, alle Kinder ab der 3. Klasse mit einem rudimentären Lerncomputer für spielerischen Informatikunterricht auszustatten – zusammen mit Schulungen und Programmen wäre das ein riesiger Markt, an dem Partner wie Google, Microsoft, SAP und die Telekom Stiftung beteiligt wären.  Der Vertragsabschluss mit dem saarländischen, SPD-geführten Bildungsministerium geschah, wie man dank beharrlicher Recherche erfährt, nach einem Kongress des SPD-Wirtschaftsministeriums, und dabei ist auch die SPD-Netz-Koryphäe Gesche Joost. Und dringend, wirklich dringend würde ich jedem raten, diesen Text zu lesen, um zu verstehen, wie Digital- und Schulpolitik in Deutschland gemacht werden. Nicht etwa, indem sich die Betroffenen zusammensetzen und Ziele definieren, die wünschenswert sind. Es geht nicht um Ziele, die mit einem Budget für Schulen statt für Externe versehen werden, und im Gesamtkonzept der sonstigen Bildung als angemessen betrachtet werden. Schulpolitik wird hier in Kooperation mit Leuten aus Startups, Politik und Ministerien gemacht, die zu wissen glauben, was für Lehrer, Schüler, vereinsnahe Beamte und Gesellschaft gut ist.

Um die Calliope gGmbH wird ein Hype inszeniert. Die SPD-Wirtschaftsministerin macht kostenlos Werbung für das Produkt bei ihren G20-Kollegen und den Twitternutzern. Ebenfalls total begeistert von Calliope sind die Veranstalter des AppCamps in Hamburg, bei denen sich Partner wie Google oder Barcley eingefunden haben, damit das Programmieren den Jungen und Jüngsten nahegebracht wird. Wie es der Zufall haben will, darf sich ein AppCamps-Gründer mit seinen Ideen und Vorstellungen zur Computerpädagogik beim Frauenportal EditionF äussern, wo ein D64-Mitglied leitende Mitarbeiterin ist. Die Appcamps-Gründerin wurde zufällig von EditionF und D64 2014 zu einer der „25 leading Women in Germany for the Digital Future“ gewählt. Calliope ist dann auch mit an Bord, wenn der Berliner Veranstaltungsunternehmer Johnny Haeusler in Hamburg eine Jugendkonferenz veranstaltet. Und natürlich zeigt sich auch das ZDF gewillt, dem ministeriell geschätzten Unternehmen die Pforten zu öffnen. Bei Calliope steht, es sei gefördert durch das Wirtschaftsministerium, die Rede ist von 200.000 € Anschubfinanzierung noch unter Sigmar Gabriel – ausdrücklich durch einen Beschluss des Bundestages. So wird jeder an eine Begeisterung um Hohen Haus für das Projekt denken, und niemand an das, was man landläufig als Filz oder Finanzierungsunklarheiten bezeichnet.

Da hat sich in den letzten drei Jahrzehnten einiges in der Bildungspolitik geändert. Informatik galt zwar schon früher als Zukunftsmarkt, und in meinem Gymnasium wurden Abiturienten nachdrücklich auf diese Möglichkeiten hingewiesen. Es gab durchaus eine Computer AG, in der man die Anfangsschritte für BASIC lernen und anwenden konnte. Ich selbst hatte jedoch durch einen technikbegeisterten Verwandten schon damals Zugriff auf einen TI-59 – also einen programmierbaren Taschenrechner, der auf Magnetstreifen Formeln abspeichern konnte. Den musste man in meiner Zeit während der Schulaufgaben abgeben, weil die Mathematiklehrer der Meinung waren, dass das Verstehen von Formeln und mathematischen Zusammenhängen erst einmal begriffen werden muss, bevor man den Taschenrechner mit der möglichen Erleichterung programmiert und daraus Vorteile zieht. Mein damals sensationeller TI-59-Vorteil wurde also auf den TI-35-Durchschnitt zurückgestutzt.

Jetzt soll Calliope schon ab der 3. Klasse eingesetzt werden, in einer Zeit, da das Mathematikabitur als zu leicht und ungeeignet für den Einstig in technische Studiengänge gilt. Man kann damit beispielsweise ein Orakel für Unschlüssige programmieren, das bei einem Knopfdruck durch Zufall einen Pfeil nach oben oder unten mit den blinkenden LEDs anzeigt. Bezeichnenderweise versucht der Partner AppCamps dann auch, “Apps” zu entwickeln. Apps sind das, was schlecht bezahlte Projektmacher zusammen mit selbsternannten Social-Media-Beratern bauen, damit der Schulzzug über Frauke Petry fahren kann. Das, was die deutsche Industrie sucht, sind Fachkräfte, damit nicht ein mitgebrachter USB-Stick reicht, den Bundestag zu hacken. Es geht um vielseitig gebildete Fachkräfte, damit die Werte, die Sensoren im Maschinenbau liefern, so verarbeitet werden, dass das Produkt keines jener Debakel wird, die man von Geräten der sogenannten IT-Sparte leider zur Genüge kennt. Aber das ficht eine staatlich finanzierte und üppig wuchernde Bildungsbranche nicht an, deren Universum neben Calliope mit vielen anderen Initiativen, public-private Partnerships und gut gemeinten Heranführungsangeboten bevölkert ist. Dort gibt man munter damit an, dass sich bei all den Herzchen-Pfeilchen-Dingeldongelmusik-Einhorn-Seminaren nun vor allem die bislang unterrepräsentierten Mädchen für dieses Coden interessieren.

Gleichzeitig bauen die SPD-regierten Länder aber die meist von Frauen besuchten Genderlehrstühle an den Universitäten aus, deren Beitrag zum Technologiestandort Deutschland überschaubar bleibt. Gleichzeitig betrachten diese Programme vor allem das, was bei den Schülern ankommt – die Lehrer sind bei den Programmiervorgaben nur eine Art Erziehungsmaschine, die an den Schülern das auszuführen hat, was die Programmersteller gern hätten. Federführend sind bei dem Geschäft Konzerne wie Google und Microsoft, Wirtschaftsvertreter und bildungsferne Ministerien, denen die Schulen bis hin zu schulfreien, aber informatikverpflichteten Tagen für die Schüler zu Diensten sein sollten. Weil die gGmbH aus dem Umfeld eines Lobbyvereins geschickt genug ist, die Kanzlerin bei einem PR- und Gipfeltermin öffentlich mit ihrer Kiste spielen zu lassen, öffnen sich Türen im Bildungssektor – oder wie ein Bitkom-Lobbyist so treffend-unverblümt schreibt: “Dabei soll es keine Tabus geben”. Letztlich bleibt es dann an den Lehrern hängen, wo sie im Unterricht ihre Schwerpunkte setzen, und ob sie die Kinder die Inhalte des politisch-industriellen Komplexes lernen lassen. Bei den Belastungen in Zeiten des Schreibens nach Gehör und Multiple-Choice-Schulaufgaben rund um “Kompetenzen” ist das keine einfache Aufgabe.

Möglich wird das alles erst durch den Panikmodus, in dem die Beteiligten ständig und nicht nur während der Pisatests kommunizieren: Deutschland sei bei der Digitalisierung hinten dran, der Wirtschaftsstandort hänge davon ab, 90% der Berufe bräuchten digitale Kompetenzen. 100% der Radfahrer brauchen nach meiner Einschätzung Schlauchwechselkenntnisse – oder aber jemanden, der das kompetent für sie übernimmt, auch wenn es manchmal nur mit dem Einsatz fahrradfremder Methoden möglich ist. Mein Wissen um das Wechseln von Fahrradschläuchen hat sich in den letzten 40 Jahren dank gleich bleibender Standards nicht verändert, die mir verhasste Stochastik brauchte ich sogar in meinem geisteswissenschaftlichen Fach öfters, als mit lieb war – aber die Fähigkeit, einen TI-59 zu programmieren, ist von der globalen Technikelite schon bis zum Beginn meines Studiums zur Irrelevanz herabgesunken.

Natürlich kann man befreundete Unternehmen programmierbares Spielzeug an die Schulen bringen und auf Knöpfe drücken lassen, bevor die Kinder wissen, wer Alan Turing war. Am Ende steht aber ein gewisser Bedarf an hochqualifizierten Spezialisten in einer arbeitsteiligen Gesellschaft. Interesse an Computern und technischem Klimbim ist aktuell so ziemlich das Letzte, was man 8-Jährigen noch extra nahelegen muss, wie jeder weiss, der neben einer Schule wohnt. Eine billig für eine SPD-nahe Organisation zusammengelötete Platine löst auch mit eventuell 15 Euro Zuzahlung  durch die Eltern trotz Kostenlospropaganda nicht die unangenehmeren, aber wirklich drängenden Probleme der Kinderarmut, schulischer Mißstände, Bildungsungleichheit und fehlender Aufstiegschancen in Deutschland.

Übrigens: wie schlimm es wirklich um die Allgemeinbildung steht, sieht man ausgerechnet bei der Firma Microsoft, die sich bei der Bildung engagieren will. Die Rechtschreibkontrolle bei Works kennt das Wort Stochastik nicht. Man braucht keine Kunst des Vermutens, um zu sehen, wo das Niveau im Zeitalter der Codens angekommen ist.

20. Apr. 2017
von Don Alphonso
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15. Apr. 2017
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Wie die Mietpreisbremse Zustände wie in Venezuela fördert

Es war einmal eine Zeit, als München leuchtete. Die Bewohner sassen in Cafes, und nur zweimal die Woche gab es einen Pflichttermin: Am Abend in der U-Bahn am Marienplatz. Dort wurden die ersten Exemplare der Zeitung ausgeliefert, die damals die Süddeutsche Zeitung war, und die noch niemand als Alpenprawda oder Prantlhausener Zeitung bezeichnete. Zweimal in der Woche wurden dort Wohnungskleinanzeigen veröffentlicht, und um die kam man nicht herum, wenn man nicht vermögende Eltern hatte, die einem eine Wohnung kauften. Man versuchte, so schnell wie möglich ein Exemplar zu ergattern, rannte zu den öffentlichen Telefonzellen – Mobiltelefone gab es damals noch nicht für normale Menschen – und rief dort an, wo kryptische, vom Zeilenpreis diktierte Anzeigen bezahlbaren Wohnraum versprachen. Etwa so:

Maxvorst. Theresienstr 1ZKBF gr. Fen. 2. St. 42m² EBK
Bestlage an NR WE-Hmf. 500+120NK 089 32 16 8 Rosi verl.

Denn in dieser schönen Stadt hatte damals das Handylaster und die Internetseuche noch keine Chance. Die SZ hatte ein freudiges Haus in der Sendlinger Strasse, verdiente blendend an der Wohnungsnot, und sah damals als Publikation der Vermögenden keinen Anlass, wie der Boulevard über zu hohe Mieten zu klagen. Der Weg zur gefühlten sozialen Gerechtigkeit kam erst mit der Abwanderung der Anzeigen ins Internet, und in der Folge mit den schlechten Erwerbsaussichten der schreibenden Zunft. Heute werden in der SZ nur noch opulente Neubauprojekte angeboten, der echte Mietmarkt hat sich ins Internet zu den üblichen Portalen verlagert.

Und das ist für alle Beteiligten ein Segen, denn das Schauspiel am Marienplatz war doch eher würdelos, und wer vermietete, stellte sich ohnehin erst einmal einen Tag lang tot, bis die Hektiker sich die Finger wundtelefoniert hatten und jene anriefen, die wirklich wussten, was sie wollten. Im Internet konnten sich Mieter schon vorab einen guten Eindruck machen, was da angeboten wurde, Besichtigungen waren gut organisiert, und es war bedeutend leichter, Vergleichsangebote anzuschauen. Es gibt Karten für die Lage und detaillierte Informationen. Vermieter mussten nicht mehr die SZ kaufen, um sich einen Überblick über den Markt zu verschaffen. Es stand schließlich alles frei und offen zugänglich im Internet. Man verglich Lage, Ausstattung und Preis, beobachtete, wie lange Wohnungen auf dem Markt waren, und passte den eigenen Preis grob dem Durchschnitt an. Das Internet sorgte für ein nie gekanntes Mass an Transparenz, und für einen Markt, der für alle Beteiligten immer verfügbar und verständlich war.

So war das bis zur sogenannten Mietpreisbremse der aktuellen Bundesregierung – und dem, was andere noch an Steuerungsmassnahmen einführen wollen, wie etwa ein Antidiskriminierungsbüro in Berlin, das es erschweren soll, das Privateigentum sozialen Gruppen zu verweigern, die nach Vermietererfahrung so wünschenswert wie ein Verbleib von Heiko Maas im Amte des Zensurministers sind. Im Kern behauptete die Regierung, das Gesetz würde für die Bürger die Mieten verbilligen  während der Staat zu viel eingenommene Steuern großzügig für die Folgen der Migrationspolitik verteilt: Den Makler müssten Vermieter selbst bezahlen, der Mietspiegel dürfte nur geringfügig überschritten werden, ausgenommen seien nur Neubau und möblierte Wohnungen. Damit, so die Regierung, sei der Gentrifizierung ein Riegel vorgeschoben und die soziale Mischung der Quartiere bliebe erhalten. Würde man der Regierung glauben, müsste es jetzt im Internet fast so etwas wie einen Einheitspreis für Wohnraum geben, wie ihn der chaotisch programmierte und von einem Berliner Abiturjahrgangsbesten getextete Mietpreisrechner der Stadt vorgibt.

Allerdings schreibt die tz im leuchtenden München bei der Veröffentlichung des neuen Mietspiegels von einer alleinerziehenden Krankenschwester, der trotz hoher Ablöse durch den Vermieter nach dem Auszug in der Maxvorstadt die Obdachlosigkeit droht. Und außerdem passt sich die tz nicht den Fake News Behauptungen der Sozialreferentin an, die den Münchnern erklärt, alles sei gut und in der Maxvorstadt könnte man laut Mietspiegel für 13€/m² gut mieten: Die eigene Untersuchung der tz geht da von deutlich höheren Preisen aus, und ganz ehrlich: Ich als Vermieter erlebe das auch anders. Würde ich zu dem Tarif vermieten, den der Mietspiegel als Durchschnitt angibt, würde die Schlange der Interessenten einmal um den Mittleren Ring führen. Die brutale Wahrheit, die bei den kargen Immobilienangeboten im Internet bei den bevorzugten Wohnlagen der Stadt sichtbar wird, sagt etwas ganz anderes: Unter 20€//m² geht gar nichts.

Wie viel es wirklich ist, was angemessen ist, kann ich heute gar nicht mehr beurteilen. Das liegt daran, dass die Mietpreisbremse nicht funktioniert und obendrein den freien Markt im Internet zerstört hat. Viele Angebote sind nicht mehr im Netz, weil Vermieter gern zu Maklern gehen und sie fragen, ob sie vielleicht zahlende Interessenten für ihre Wohnung hätten – ein ganz normales Vorgehen, wenn man über das knappe Gut des Wohnraums verfügt, und den Makler zahlt dann der Mieter. Das sorgt dafür, dass viele der früheren Privatangebote verschwunden sind. Der Markt, der jetzt noch im Netz ist, wird massiv in höhere Regionen verzerrt. Schuld sind die Ausnahmeregelungen für Neubauten und möbliertes Wohnen: Da liegen die Quadratmeterpreise bei bis zum Dreifachen dessen, was im Mietspiegel steht. Daraus ist ein ganzer Geschäftszweig entstanden: Immobilienhaie kaufen beim aktuell niedrigen Zinssatz Wohnungen auf Kredit auch zu hohen Preisen, entziehen sie damit dem freien Markt, möblieren sie, und finden bei den internationalen Firmen genug Kundschaft, die bereit ist, für ihre eigenen High Potentials ein paar hundert Euro mehr hinzulegen, die dann wiederum steuerlich optimierend wirksam sind.

Das bekomme auch ich voll ab, weil ich vor 7 Jahren einmal eine Wohnung frei angeboten habe – seitdem werde ich immer wieder angefragt, ob ich nicht doch verkaufen möchte, die Kunden stünden Schlange und der Preis sei egal. Die Firmen, die auf diese Art und Weise die besten Lagen Münchens leerkaufen, sorgen damit für ein vermindertes Angebot beim Wohnungskauf und weiter steigende Preise: Sie tilgen die Zinsen ihrer Kredite durch die Miete und verdienen an der von ihnen selbst erzeugten Preissteigerung. Und die Mieter sind auf sie angewiesen, weil es kaum Alternativen gibt. Die Hälfte der Wohnungen in meinem alten Heimatviertel werden heute möbliert angeboten. Für nicht unter 1000 Euro für die 1-Zimmer-Wohnung.

So, und nun komme ich als Privatvermieter und sehe, dass in Zeiten der angeblichen Mietpreisbremse die Mieten nicht wie früher um 10, 20% schwanken, sondern um 80%. Es gibt viele Ausreisser nach oben und einen sehr, sehr engen Markt mit wenig Angeboten. Früher war es leicht, einen angemessenen Preis zu finden – heute ist in der Wohnung eine Einbauküche, und ich lasse gerade die Sanitäranlagen neu machen. Für 3000 Euro bekäme man dazu eine erstklassige Inneneinrichtung, die sich durch die höhere Miete nach einem halben Jahr amortisiert hat: Finden Sie mal einen Geschäftszweig, in dem es legal ist, Billiges so teuer zu vermieten. Dank des Schlupflochs der Regierung gibt nun Gelegenheit zur Bereicherung an Möbeln, die ihresgleichen sucht, und gleichzeitig Mieten und Kaufpreise nach oben treibt. Und weil das Angebot an bezahlbaren Wohnungen noch geringer wird, wird sich auch niemand beschweren, wenn die Mietpreisbremsbestimmungen in der Realität keine Rolle spielen. Früher bestimmten Angebot und Nachfrage den Preis, heute sind es knapperes Angebot, Nachfrage und Geschäfte, die jenseits des freien Marktes laufen.

Das Internet, das einmal wirklich eine Hilfe war, ist jetzt nur noch ein Müllhalde weit auseinander gehender Qualität und Preisvorstellungen. Wohnungen werden, das wird mir von allen Seiten berichtet, wie früher wieder über Intranet der Firmen und Freundeskreise gesucht. Wer gar nicht anders kann, zahlt entweder zähneknirschend mehr, oder weicht aus in weniger gute Gegenden, wo er auch preissteigernd wirkt: Was heute in den A-Lagen üblich ist, wird sich in den nächsten Jahren sicher in den B-Lagen wiederholen, solange die Zinsen so niedrig und das möblierte Wohnen so teuer ist. Dass es so ist, und die Mietpreisbremse an ihren internen Fehlern scheitern muss, ist bei den Onlineportalen sichtbar. Es ist schwer, einen fairen Preis zu ermitteln. Das passiert eben, wenn pseudosozialistische Methoden gegen Märkte in Stellung gebracht werden. Warum sollte es in München anders als in Venezuela laufen?

Für die Mieter ist es natürlich unschön. Schuld sind aber nicht die Vermieter, die auch schauen müssen, wie das Kind sein Schulbrot und der Porsche seinen vollen Tank bekommt. Schuld sind vor allem die Politiker, die lieber Märkte manipulieren und andere für ihre eigenen Fehler zahlen lassen wollen. Der Drang in die Städte ist seit 20 Jahren kein Geheimnis mehr, man konnte das im Internet problemlos nachlesen. Jetzt gibt es viel zu wenig Wohnraum in den beliebten Ballungsgebieten und eine gute Million Migranten, von denen die Mehrheit auch dort unterkommen will. Gesetze wie die Mietpreisbremse schaffen weder mehr noch billigere Wohnungen. Sie schaffen es lediglich, die Märkte zu fragmentieren, und verleiten Marktteilnehmer dazu, der Gängelung auszuweichen. In meinem alten Viertel jedenfalls kann sich kein Student mehr eine Wohnung leisten, nachdem die Heuschrecken mit Hilfe der politischen Möglichkeiten Studentenbuden in möblierte Businessapartments für die globale, mobile Élite umgestaltet und den altbekannten Mietmarkt im Internet ausgetrocknet haben.

15. Apr. 2017
von Don Alphonso
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29. Mrz. 2017
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Lichterkettenjournalismus und Gesetze gegen die Freiheit für das Volk

In einigen Teilen der deutschen Presse findet sich ein erstaunliches Narrativ im Zusammenhang mit dem Autoanschlag auf der Westminster Bridge von London und dem Lastwagenanschlag vom Breitscheidplatz in Berlin. Hervorgehoben wird die Ruhe und Besonnenheit der Briten nach dem Anschlag und ihre Bereitschaft, dem Terror durch normales Leben die Stirn zu bieten – wie das angeblich auch schon in Berlin zu beobachten war. Mit fehlender Anteilnahme soll das nichts zu tun haben. Begründet wird das Verhalten der Briten vor allem mit der Terrorerfahrung in London, die Jahrzehnte zurück reicht. Vor der Bedrohung durch islamistische Attentäter mit den Anschlägen auf die U-Bahnen 2005 und einem weiteren verhinderten Anschlag 2007 litt die Hauptstadt vor allem unter dem Terror der IRA. Das, so deutsche Medien, habe die Briten gelehrt, rational mit Terror umzugehen.

Was wiederum für deutsche Medien schön ist, die nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz und vorhergehenden Attentaten im Sinne des Lichterkettenjournalismus vor allem zur Besonnenheit und Versöhnung aufgerufen hatten. Es gibt in deutschen Kommentaren das Ideal der Gesellschaft, die unbedingt offen bleiben muss, weil Integration und Miteinander die beste Terrorabwehr sei. In dieses Narrativ passen jene Londoner Botschaften im Internet, die die Terroristen wissen lassen, dass man sich auf keinen Fall von richtigen Weg abbringen lassen wird. Verteidigt wird auch die betont zurückhaltende Art von Sadiq Khan, der als Bürgermeister von London 2016 den Bürgern versprach:

I want to be reassured that every single agency and individual involved in protecting our city has the resources and expertise they need to respond in the event that London is attacked

Und in diesem Kontext jenen Satz sagte, der ihm seitdem immer wieder von Rechten missbräuchlich und verkürzt vorgehalten wird: Die Gefahr von Terroranschlägen sei

part and parcel of living in a big City.

Dafür wurde Khan vom Sohn des amerikanischen Präsidenten Trump via Twitter und von anderen Aktivisten nach dem Anschlag auf das Parlament angegriffen, obwohl die Intention der Aussage auf keinen Fall das lakonische “Damit müsst ihr halt jetzt leben war“, das in der Verkürzung daraus gemacht wurde.

Als etwas älterer Mensch fragt man sich allerdings auch, wo die deutschen Medien den Eindruck gewinnen, die Anschläge der IRA während der “Troubles“ hätten die Londoner gelehrt, gelassen und Tee trinkend der Gefahr ins Auge zu blicken. Der Terror der IRA, der in Nordirland zu bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen führte und in einer Serie von kostspieligen Terroranschlägen auch die britische Hauptstadt erschütterte, war mit über 3500 Toten und über 47000 Verletzten der schlimmste innerstaatliche Konflikt der westlichen Welt vom zweiten Weltkrieg bis zum Bürgerkrieg in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens*. Die meisten Opfer waren unbeteiligte Zivilisten, deren Tod von allen beteiligten Seiten in Kauf genommen wurde: Sei es bei Anschlägen, die bewusst auf die Ermordung von Unbeteiligten der gegnerischen Seite abzielten, seien es die Attentate mit Bomben in London, bei denen klar war, dass sie vor allem die Zivilbevölkerung treffen würden.

Dass sich die Briten dabei eine wie auch immer geartete Gelassenheit im Umgang mit dem Terror angewöhnt hätten, ist historisch nicht haltbar. Das fängt mit den Aktionen des Geheimdienstes MI5 an, der in Nordirland paramilitärische Gruppen förderte, die sich nicht weniger brutal und jenseits des geltenden Rechts betätigten, als ihre Gegner von der IRA. Der MI5 vwar für diese Gruppen der beste Lieferant für Informationen über die Gegner, und zwischen Polizei, Militär, Geheimdienst und dreckige Arbeit verrichtenden Gruppen der Militanten gab es beste Kontakte.

Am 9. März 1973 trug die IRA ihren Kampf gegen die britische Regierung direkt vor ihre Gebäude: Bei einer Serie von Autobombenanschlägen starb ein Mann am Herzinfarkt, und 200 Personen wurden verletzt Die britische Regierung antwortete mit massiven Einschränkungen der Rechte in Nordirland zur Terrorabwehr mit dem Northern Ireland Emergency Provisions Act.  Mit dem Gesetz wurden nicht nur die IRA und andere Organisationen verboten, sondern auch “Diplock Courts“ eingeführt: Gerichte, in denen nicht wie im englisch-amerikanischen Raum üblich die Jury über das Urteil befindet, sondern der Richter. Die Regierung versprach sich davon eine schnellere Verurteilung der IRA-Mitglieder. Die IRA wiederum reagierte mit einer ganzen Serie von Anschlägen in London: Am 17. Juni 1974 wurde eine Bombe vor dem Parlament gezündet, am 17. Juli eine Bombe vor dem Tower, mit einer toten Touristin und 9 Verletzten, darunter 9 Kindern, was nicht zur Gewöhnung, sondern zu einem nationalen Aufschrei führte. Noch schlimmer waren Anschläge auf Pubs in Birmingham, die 21 Menschen das Leben kosteten und 184 verletzten.

Darauf reagierte die britische Regierung mit einem nach damaligen Vorstellungen drakonischen Gesetz: Den “Prevention of Terrorism Acts “. Damit war es auch möglich, die reine Mitgliedschaft in einer Vereinigung wie der IRA mit bis zu 10 Jahren Haft strafbar zu machen, gegen die Finanzierung vorzugehen, und die Bewegungsfreiheit von Bürgern einzuschränken. Neu war auch die Möglichkeit, Personen bis zu 7 Tage ohne Gerichtsbeschluss zu inhaftieren. Auch die Einschränkung der freien Berichterstattung über Terror wurde damit möglich. Die angeblich so ruhigen, besonnenen Briten härteten durch den IRA-Terror nicht ab – sie konstruierten das Instrumentarium an Sicherheitsgesetzen, die durch den islamitischen Terror mittlerweile europäischer Standard sind. Nach dem Ende des Bürgerkriegs wurden die Gesetze nicht etwa abgeschafft, sondern im Jahr 2000 noch einmal deutlich ausgeweitet und verschärft: Unter Section 44 wurde das Recht eingeführt, Regionen zu benennen, in denen Bürger ohne jeden Verdacht angehalten, durchsucht und Gegenstände beschlagnahmt werden dürfen. Erst ein Beschluss des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte brachte diesen Passus 2010 wieder zu Fall. Weitere Verschärfungen gab es 2008 und mit Einführung der Vorratsdatenspeicherung 2015 – alles weit jenseits der als “drakonisch“ empfundenen Regelungen der 1974 beschlossenen Gesetze, die unter dem Eindruck der IRA entstanden.

Ein weiteres Relikt der angeblich so besonnen reagierenden Briten ist der Ring of Steel, eine Neuordnung des öffentlichen Raums im London mit absichtlich eingefügten Schikanen, Unterständen für Polizisten und der frühen Form der Videoüberwachung Mit diesen Mitteln wollten die Behörden unter dem Eindruck der Autobombenanschläge den Verkehr verlangsamen, kontrollieren und die verdächtigen Fahrzeuge aussortieren. Aus dem Ring of Steel wurde inzwischen die fast lückenlose Überwachung des öffentlichen Raums der Innenstadt durch Überwachungskameras. Eingeführt wurden die Maßnahmen vor dem Eindruck echter terroristischer Bedrohung, und einmal eingeführt, wurden sie beständig ausgeweitet, bis zur Benutzung der Umweltzone in London, die ebenfalls zur Überwachung verwendet wird. Polizei und Geheimdienste haben Gesetze und technische Mittel bei der Hand, weil die Durchsetzung solcher Regeln angesichts der Anschläge möglich wurde. Die Bewohner Londons haben sich weniger an die Anschläge, als vielmehr an die Möglichkeiten zur Terrorabwehr gewöhnt, und sind bereit, die Einschränkung der Freiheitsrechte dafür in Kauf zu nehmen.

Sicherheit gibt es deshalb 2017 am Ort des IRA-Anschlags von 1974 noch lange nicht. Statt dessen wird in London überlegt, wie man den schon existierenden Ring of Steel nochmals mit Barrieren und Splitterschutz sicherer machen kann. Es gibt mehr Sicherheitsgesetze, die sogar dazu führen, dass die Attentäter von Berlin, London, Paris und vielen anderen Orten tatsächlich den Sicherheitsdiensten vorab bekannt sind. Es gibt politische Versprechen im Zusammenhang mit ständig erweiterten Zugriffsmöglichkeiten bis hin zu Zensurgesetzen eines Fakenews-Ministers, der Firmen unterstellt, sie würden einen rechtsfreien Raum im Internet suggerieren. Man müsste eine Zensur im Internet einführen, weil Worten Taten folgen würden.

Die IRA, der IS und seine Anhänger reden nicht, sie handeln einfach. Weil die Beschränkung der Freiheitsrechte für alle noch lange nicht bedeutet, dass diejenigen, die Verbrechen begehen, sich davon beeinflussen lassen. Die einen glauben an die 72 Jungfrauen und die anderen an die Wirksamkeit der anlasslosen Massenüberwachung der Kommunikation im Internet. Und wenn sie einmal angefangen haben, lassen sie sich nicht mehr aufhalten.

Statt dessen redet man hierzulande aber lieber über Beispiele besonnener Reaktionen der Londoner. Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts mehr zu sehen.

*Anmerkung und Nachtrag: Jugoslawien war als formal blockfreier Staat nicht Teil der westlichen Welt im Sinne des Kalten Krieges, und einige seiner Nachfolgestaaten wurden erst nach dem Bürgerkrieg Teil der EU. Es wird hier aber als Teil der westlichen Welt betrachtet.

29. Mrz. 2017
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24. Mrz. 2017
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Hass, Mobbing, Killerspiele: Hatespeech und Parteien im Netz

Schuld sind angeblich die normalen Bürger: In der Debatte um die Einführung der staatlich unterstützten Zensur sozialer Netzwerke, die aktuell von Überwachungsjustizminister Heiko Maas (SPD) und seinem Gesetzentwurf vorangetrieben wird, ist immer wieder vom mangelnden Respekt der Netznutzer vor Leib und Leben anderer die Rede. Gern werden im Internet verbreitete Mordaufrufe als Beispiele genannt, bei denen dem Staat keine Alternative bleibe, als reglementierend einzugreifen. Außerdem sei das Internet ein rechtsfreier Raum, in dem Akteure ihren Hass anonym gegen andere richten könnten, und Worten, so die allgemeine Vermutung, würden Taten folgen. Das neue Gesetzesvorhaben sei daher als eine Art Gefahrenabwehr zu betrachten, um das Internet sicher und demokratisch zu machen.

Tatsächlich gibt es rechtsfreie Räume im Internet. Personen, die teilweise der Linken nahestehen, gründeten Anfang des Jahrtausends die jenseits des Geltungsbereichs der deutschen Gesetze betriebene Plattform Indymedia. Deren Unterseite “linksunten” hat sich inzwischen zum wichtigsten Kanal und sozialen Medium der autonomen Szene und ihrer Bekennerschreiben nach Straftaten und anderen Verstößen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung entwickelt. Betroffen von den illegalen Aktionen, die dort breiten Raum einnehmen, sind neben Rechtsextremisten auch Behörden, Polizei, öffentliche Veranstaltungen und Feiern, und auch Parteien von der AfD bis zur SPD, die den “Aktivisten” als zu überwindendes Übel auf dem Weg zur Weltrevolution erscheinen. Momentan wird vor allem die AfD attackiert – etwa auch von Bündnis NIKA, dessen Beteiligte mitunter auch schon Fördergelder bekamen.

Am 5. März erschien allerdings ein Bekennerschreiben, das sich mit der Kleinpartei des AfD-Gründers Bernd Lucke beschäftige. Die “Antifa Berlin” ist laut Selbstbezichtigung in die Berliner Geschäftsstelle eingedrungen, verwüstete sie mit Feuerlöschern, und raubte aus dem Büro Unterlagen. Darunter waren auch die persönlichen und privaten Daten der Parteimitglieder in Berlin, und die Täter erklärten den Lesern, warum sie es für richtig und notwendig halten, Luckes Partei und ihre Mitglieder auf diese Art zu bekämpfen. Lucke selbst wandte sich deshalb empört bei Twitter an die Spitzen der Berliner Regierung. Klaus Lederer, der als Kultursenator für die Linke in der Regierung sitzt, reagierte darauf so:

Linksextreme Kriminelle in Berlin müssen sich angesichts der Einstellung eines gewählten Politikers und Regierungsmitglieds eher mit Sarkasmus und Emojis auseinandersetzen, denn mit dem geschlossenen Protest der demokratischen Parteien. Der Fall bietet genau das Szenario, das in der Hatespeechdebatte immer bemüht wird: Extremisten stacheln sich seit Jahren in einem rechtsfreien Raum im Internet zu Straftaten auf, und benutzen das Netz, um die Adressen der Mitglieder einer Partei bei einer linksextremen Seite zu veröffentlichen und sie der Gefahr weiterer Anschläge auszusetzen. Hier ist ein seit vielen Jahren bekanntes Beispiel eines Projekts, wo auf Hass, Hetze und Fake News in Worten Taten gegen Menschen folgen. Praktischerweise für den linken Terror in Deutschland ist das Gesetz von Heiko Maas aber so konstruiert, dass es gerade für Indymedia keinerlei Konsequenzen hat.

Eher könnte Youtube betroffen sein, wenn es gegen Hatespeech geht – etwa, wenn Politikern unterstellt wird, ihr Verhalten sei mit dem Verdacht psychischer Erkrankung in Verbindung zu bringen. Ein derartiges Video hat die Piratenfraktion in Schleswig-Holstein online gestellt, und die Person, die sich so äußert, ist Ralf Stegner, Parteigenosse von Heiko Maas.

Seitdem sich andeutet, dass die Piraten trotz fähiger und weitgehend skandalfreier Arbeit in Schleswig-Holstein eher schlechte Chancen haben, erneut in den Landtag gewählt zu werden, sind bei der SPD offensichtlich einige Dämme im Umgang mit der früher bedrohlichen Konkurrenz gebrochen.

Speziell Ralf Stegner – bekannt durch seinen peinlichen, später gelöschten Vergleich der Facebook-Managerin Sheryl Sandberg mit der mutmasslichen Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe, für den er sich öffentlich zu entschuldigen hatte – führt bei Twitter eine Art Privatkrieg gegen die Piraten, deren Vertreter er ungeniert persönlich beleidigt:

Aber auch SPD-nahe Kreise sind nicht erst seit den Boykottdrohungen gegen Xing gut dabei, wenn es darum geht, den Kampf gegen politische Gegner im Netz anzustacheln. Ein frisches Beispiel bot die Gewerkschaft Ver.di mit ihren deutschlandweit 2,2 Millionen Mitgliedern, die in Niedersachsen eine Handreichung zum Umgang mit Rechtspopolisten in Betrieben ins Netz gestellt hat. Darin werden typische Kennzeichen von Rechtspopulisten erklärt und Vorschläge formuliert, wie man sie innerbetrieblich bekämpft. Das fängt bei der Vorsicht an, falls eine Person eine “Hausmacht” hat, zieht sich über das Ausschnüffeln von Überzeugungen und Mitgliedschaften hin und gipfelt im Vorschlag, die betreffenden Personen durch “Outing” im Betrieb und in der Öffentlichkeit zu beschädigen, oder ihre Versetzung zu erreichen.

Für weitere Informationen sollte sich der Gewerkschaftler laut Broschüre unter anderem an das “Netz gegen Nazis” wenden – eine von der Amadeu Antonio Stiftung unter Leitung der Ex-Stasi-IM Anetta Kahane betriebene Website, die massiv mit Mitteln des Familienministeriums finanziert wird. Die Stiftung selbst ist Mitglied in der Task Force gegen Hatespeech des Justizministers. Inzwischen ist die Bröschüre jedoch aus dem Netz verschwunden – die Gewerkschaftsführung stellt in einer Mitteilung klar, dass sie sich von den niedersächsischen Erstellern distanziert.

Ebenfalls SPD-nah ist der erneute Ausrutscher nach dem Ärger rund um die Verhöhnung von Beatrix von Storch als “Tierwesen”: Der Verein D64 wurde bei der Generalsekretären Katarina Barley vorstellig, um einen Hackathon durchzuführen. Dabei sollten Programme zur Unterstüzung der SPD im Wahlkampf entwickelt werden. Die Veranstalter suchten aus 180 Bewerbern 40 heraus, und ein Team entwickelte dabei den Schulzzug, der wiederum auf der Schulztools-Webseite des Chefs von D64 veröffentlicht wurde

Was bei diesem Spiel entstand, war den Verantwortlichen klar, denn es steht, beschrieben vom D64-Vorsitzenden, im SPD-Organ Vorwärts. Katarina Barley vertwitterte mehrfach die Ergebnisse, die von einer Jury ausgewählt wurden, und lobte die Ideen überschwänglich:

Offensichtlich sahen es weder die – angeblich anonymen und dank Schutz durch die SPD “rechtsfreien” – Programmierer noch Barley als problematisch an, dass es bei diesem eher banalen Spiel eine der Aufgaben ist, politische Gegner mit dem fahrenden Schulzzug zu beseitigen: Neben Donald Trump und Vladimir Putin war auch die AfD-Vorsitzende Frauke Petry im Weg, und kann mit vollem Tempo des Zugs beiseite geräumt werden. Ähnlich geschmacklose Spiele tauchen immer wieder als Werbung extremistischer Gruppen auf – die Macher des Schulzzugs sahen sich jedoch erst nach Protesten genötigt, das Niederfahren von Personen auf dem Weg zum Kanzleramt zu entfernen. Katarina Barley hüllt sich nach der vorherigen Begeisterung über ihre Helfer nun in Schweigen.

Allerdings neigt auch die AfD nicht eben zum zimperlichen Umgang mit dem politischen Gegner. Bei Facebook findet sich ein schöner Vergleich zwischen dem offiziellen – und schön ausgeleuchteten – Bild von Martin Schulz und dem, was die AfD zeigt: Plötzlich ist Schulz viel breiter, die Gesichtspartien wurden in anderen Verhältnissen dargestellt, auf dass Schulz deutlich weniger sympathisch wirken möchte: Angesichts des Rechts am eigenen Bild steht der Verdacht im Raum, dass die AfD es bei ihren Werbeaktionen im Internet auch nicht mit dem genau nimmt, was man unter normalen Bürgern so Anstand nennt.

Ein Emoji angesichts von Terror und Kriminalität, ein Killerspiel durch verdeckt arbeitende Parteienhelfer, ein Leitfaden zum Mobbing, Hatespeech mit persönlichen Beleidigungen und gefälschte Bilder: Es wäre zu wünschen, dass Heiko Maas sein Gesetz so erweitert, dass es weniger die sozialen Netzwerke betrifft, die unschuldig sind, wenn sie von politischen Akteuren missbraucht werden. Auch Parteien und Gewerkschaften haben als Organisationen genug Mitglieder, um als soziale Netzwerke zu gelten, und um sie zu schmerzhaften Millionenstrafen verurteilen zu können. Denn im Gegensatz zu Facebook und Twitter sind sie selbst die Urheber für das Gift des Hasses, das zu bekämpfen Heiko Maas vorgibt.

24. Mrz. 2017
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18. Mrz. 2017
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Das gibt es echt? 7 Digitaltrends, die nur im Netz sind

Natürlich kann man über Dinge sprechen, von denen unklar ist, ob sie überhaupt existieren. Seit 1800 Jahren etwa müht sich die Theologie mit der Apokatastasis ab: Ob es möglich ist, sich als Individuum ganz von der göttlichen Person zu trennen, und umgekehrt. An dieser Frage hängt im Christentum die Heilslehre, denn es geht davon aus, dass das Heil nur in der Kirche erreicht werden kann. Das praktische Problem ist, dass solche Theorien zwar in sich logisch sind, und möglicherweise im Jenseits auch so gehandhabt werden. Nur hier bei uns erlebt man es nicht. Es kommt kein göttliches Wesen aus meinem Wasserkocher, stellt sich als Urmutter vor und verwirft mich, weil ich mal nachgezählt habe, wie wenige Aktivistinnen im Diesseits Aussicht auf gute Stellen in der Wirtschaft haben.

Es ist unbestreitbar, dass es zu diesem Thema Bücher und Texte gibt, es gibt bildliche Darstellungen, wie man sich so eine Verstossung durch den Schöpfer vorstellen sollte, und viele Leute, die mit der Angst vor so einer Trennung Geschäfte machten. Viele der heute lebenden Menschen sind inzwischen zum Schluss gekommen, dass sie ihr irdisches Leben so gestalten wollen, wie es ihnen gerade passt, weil sie an die Konsequenzen der Verdammnis nicht mehr glauben, weshalb auch nicht mehr so wie früher Seelenmessen gebucht werden. Einer früher allgemein vertretenen Überzeugung steht heute eine Mischung aus Unglauben und Desinteresse gegenüber.

Was aber nicht bedeutet, dass es heute keine Heilsversprechen für ein besseres Dasein gäbe, die mit der gleichen kritiklosen Inbrunst gepredigt werden, wie dereinst das Tragen eines Rosenkranzes und die Unverzichtbarkeit der heiligen Sakramente. Das läuft heute ein wenig wie beim frühen Christentum: Ein Grüppchen bärtiger Aussenseiter tut sich zusammen, entwickelt eigene Vorstellungen vom Dasein, wird dafür aber nicht mehr verfolgt, sondern von findigen Journalisten hoch geschrieben und als neuer Standard oder neue Zukunft verkauft, bis eine Vielzahl von Beiträgen, Medien und Spezialmagazinen von quasireligiöser Erweckung durch den Trend berichten. Und das, obwohl man es im Kern nur mit einer Gruppe bärtiger und schlecht gepflegter Typen mit gestörter Wahrnehmung der Realität zu tun hat. In der Realität, in der man auch auf die Erscheinung eines strafenden Gottes vergeblich wartete, wundert man sich, wo die eigentlich sein sollen. Weil man sie abseits ihrer Gruppen, ihrer Internetforen und der Berichte eigentlich nie sieht. Es sind netzbasierte Phantomthemen.

1. Drohnenpiloten

Ich lebe in einer Region, in der es von Drohnen wimmeln müsste, und betreibe die Tätigkeiten, für die Drohnen laut Medien besonders grandios sind. Ich habe in den letzten drei Jahren genau 4 Drohnen im Einsatz gesehen: Ein professionelles Gerät während der Mille Miglia in Siena, dessen Pilot Ärger mit der Polizei bekam. Eine kleine, nervige Drohne ebenfalls bei einer Mille Miglia, und eine weitere im Startbereich der L’Eroica. Die letzte Drohne sah ich auf dem Weg zum Pfitscher Joch ganz hinten im Zillertal bei einer Sportveranstaltung, die jungen Managern das Teambuilding beim Klettern und beim Rafting bebringt. Dort ließen die Organisatoren über sichtbar überforderten und gestressten Büromenschen an einem Kletterfelsen eine Drohne fliegen. Das ist eigentlich das Letzte, was man am Berg tun sollte: Menschen, die ohnehin schon in Todesangst sind und nicht wissen, was sie tun, so ein Nervgerät vor das Gesichtsfeld setzen, das sie filmt und vom Überleben ablenkt. Ansonsten ist das Gebirge, egal wo ich bin, drohnenfreie Zone. Mir wird von Experimenten berichtet, wie Drohnen Radlern auf dem Tempelhofer Feld folgen: Da kann man das machen. Es mag auch ernsthafte Anwendungen für ernsthafte Drohnen geben. Aber bei uns in der Realität gibt es die Einsicht, dass diese in den Medien gelobten Flugkameras am Berg, auf der Strasse und im Gelände nichts verloren haben, und eine massive Gefährdung sein können. Also praktisch überall außer auf dem Tempelhofer Feld.

2. Cyborgs

Von Neuromancer bis Matrix ist die Vorstellung einer Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine weit verbreitet, und mit schöner Regelmässigkeit erscheinen Beiträge, wie toll es doch ist, wenn dem Körper Chips, Module und Interfaceanschlüsse eingesetzt werden können. Das alles krankt momentan noch am Umstand, dass die einzig wirklich gut funktionierenden Schnittstellen zwischen Hirn und Rechner bis heute Tastatur, Hände, Augen und Bildschirm sind. Gross angekündigte Schritte in die Cyborgrichtung wie Google Glass sind schon wieder verschwunden, was natürlich manche nicht davon abhält, sich Technikfragmente unter die Haut einsetzen zu lassen, wo es dann vor sich hin schimmelt. Das letzte, was man von so einem mittelbekannten deutschen Cyborg lesen konnte, waren seine höchst irdischen Probleme mit renitenten Untermietern.

3. Polyamorie

Den Älteren unter uns wahlweise als gschlamperte Verhältnisse oder offene Zweiterbeziehung bekannt – zu Letzterer gibt es übrigens auch ein Theaterstück von Dario Fo. Es gibt diesbezüglich einige Foren, in denen sich Leute über die Fragen alternativer Partnerschaftsmodelle austauschen, und es gibt Vorschläge aus Kreisen der Grünen, Elternschaft auf bis zu 4 Personen auszudehnen. Das mag in gewissen Einzelfällen vorteilhaft erscheinen, wenn etwa bei Polyamorie eine Familie zerbricht und dann verschiedene Patchworkkonstellationen entstehen. Polyamorie ist weniger Sex als vielmehr eine theoretisch-politische Hinterfragung gängiger Normen wie der Cyborg beim menschlichen Körper und das Bedingungslose Grundeinkommen beim Lebensunterhalt. Im Kontrast dazu stehen aber in der Realität all die klassischen Familiengründungen mit teuren Hochzeiten und den enormen Problemen, überhaupt noch einen Termin am Traualter der Kirchen zu bekommen – worüber aber nur selten geschrieben wird.

4. Internethaustechnik

Ich war auf zwei Hausbesitzerversammlungen mit exakt der Zielgruppe, von der jeder Internethaustechnikanbieter träumen musste. Eine dieser Versammlungen war gerade betroffen vom Einbau brandneuer Stromverbrauchsmessgeräte, die mir 80 Euro Rückzahlung wegen falscher Werte einbrachten. In beiden Anlagen hat die deutsche Telekom in Sachen Internet mit ihren VoIP-Versuchen, wie man so schön sagt, das Kraut ausgeschüttet. Es ist kein Problem, bei solchen Versammlungen sichere Schliessanlagen, Videoüberwachung und einbruchsichere Fenster anzusprechen. Die Besitzer, von denen keiner arm ist, haben aber kein gutes Gefühl, wenn das Haus und seine Funktionen der Sicherheit auf dem Handy überlassen werden. Das erklärt vielleicht, warum ich nur genau 1 Neubau kenne, der vor 8 Jahren von einem leitenden technischen Mitarbeiter eines Weltmarktführers in dieser Hinsicht mit allen Optionen ausgestattet wurde – und genau dieses Haus mit der immens teuren und heute längst veralteten Technik ungewöhnlich spät und nur zu einem recht niedrigen Preis wieder verkauft werden konnte. Tresorriegel in der Tür sind in meiner Welt offensichtlich wichtiger als die Fernsteuerung des Hauses via Internet.

5. Mäzenatentum

Auch hier finden sich immer wieder Berichte darüber, wie schön das Leben doch ist, wenn Nutzer etwas, das andere im Netz tun, honorieren. Man setzte grosse Hoffnungen auf Flattr oder kachingle oder yourcent, man hatte Erwartungen bei Krautreporter, bis die sich zu einem Magazin umwandelten, letzthin versuchte man es mit dann mit dem US-Anbieter Patreon oder der französischen Konkurrenz Tipeee. Die Wortmeldungen von denen, die in Deutschland darauf hoffen, ihr Leben ganz oder teilweise über solche Plattformen zu finanzieren, wurden in den letzten Jahren erheblich düsterer als die immer noch euphorischen Berichte, in denen ab und an über einzelne erfolgreiche Ausnahmen berichtet wird. Man wird bei dem ein oder anderen Protagonisten der Szene auch den Eindruck nicht los, dass PR-Nebenaufträge oder wenigstens kostenlose Reisen, Kleidung und Bücher doch stärker als der Glaube an das gern zahlende Netzwerk der eigenen Follower sind. Es gibt eine Ausnahme: Wenn Gerichte und Abmahner mutige Blogger bedrohen, wird gern gespendet. Aber das kann auch nicht das gute Leben echter Menschen sein.

6. Transkinder

Also Minderjährige, die keinem eindeutigen Geschlecht zuzuordnen sind, und oft feministische Mütter haben, die im Netz berichten, dass ihre Söhne gern Röcke, rosa Kleider und sonstige eher mit Mädchen verbundene Attribute tragen. Mädchen aus solchen progressiven Verhältnissen fühlen sich, so lese ich im Internet, ganz besonders zum frühzeitigen Durchbrechen von Rollenerwartungen befähigt. Es gibt da einen Zusammenhang, je aufgeschlossener Familien, Familientrümmer und Journalisten für die Transfragen sind, desto öfters kommt es vor, dass Kinder tatsächlich binäre Geschlechtlichkeiten auflösen. Was die Eltern dann mit Stolz erfüllt. Mein Eindruck ist, dass Transkinder so eine Art Hochbegabung in Geschlechterrollen sind, und ähnlich oft vorkommen wie echte Hochbegabung. Also, in Wirklichkeit eher nur sehr selten. Aber man kann nachhelfen: Wenn eine Handvoll junger Leute eine Onlinepetition macht, die für einen Zeichentrickfilm ein lesbisches Happy End fordert, kann das mit einer globalen Medienkampagne zu einer empowernden Netzbewegung ausgewalzt werden, an der möglichst viele mitwirken sollen.

7. Onlinepetitionen

So eine Art Vater Unser 2.0, Dein Wille geschehe, aber tu gefälligst etwas für die Rettung der Wale, das Verbot von Meinung, die mir nicht gefällt und wenn es bis morgen Mittag keinen Weltfrieden gibt, esse ich meinen Pudding nicht, und das nackte Mädchen auf Seite 3 muss auch weg. Kleinkarierte und geistig begrenzte Menschen finden sich natürlich auch jenseits des Netzes, aber da gibt ihnen klugerweise niemand so ein Instrument in die Hand, und stellt auch keine Kamera vor sie hin. Wollen sie dort ein Bürgerbegehren machen, müssen sie sich vorher überlegen, wie sie es ausgestalten, damit es nicht nur ein paar andere beschränkte Leute mit Partikularinteressen anklicken, sondern zumindest eine Mehrheit erreicht. Es gibt gute Gründe, warum es im echten Leben Hürden bei solchen Bemühungen gibt – im Netz fallen sie weg, und dann braucht es nur noch ein paar befreundete Journalisten, um das Begehren klickstark zu machen. Zieht man erfundene Namen ab, wird es dann von weniger als 0,01% der Bevölkerung unterschrieben, woraus dann noch ein “Schon 7.000 Menschen fordern”-Beitrag entsteht.

Das alles findet man im Netz. Gleichzeitig können türkische Hacker 300 bekannte Accounts bei Twitter übernehmen, es gibt mit Vault7 einen neuen CIA-Skandal, intimste Daten aus Sexnetzwerken werden gestohlen und veröffentlicht, und das Thema IT-Sicherheit ist seitens der deutschen Politik etwas unterentwickelt. Ungeachtet dessen plant der Bundesjustizminister gerade den Aufbau einer Kontrollinfrastruktur für Meinung jenseits der staatlichen Gewaltenteilung, während das Renate Künast nicht weit genug geht, und andere werden ihre eigenen Zensurwünsche sicher auch noch einbringen.

Deshalb wird gerade so viel über wirklich wichtige Themen berichtet – wie den BBC Dad und all die nachgestellten Versionen, die endlich einmal die Brücke zwischen den Sphären des Internets und der Realität herstellen.

18. Mrz. 2017
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12. Mrz. 2017
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Volkswirtschaftliche Vorteile eines Feministinnenstreiks

Das hätte furchtbar für den Wirtschaftsstandort Deutschland ausgehen können: In den USA entstand die Idee, den altsozialistischen Frauenkampftag am 8. März zu erweitern, und in einen Frauenstreiktag mit dem Motto „Day without a Woman“ umzuformen. Frauen sollten in den Generalstreik treten und dem Patriarchat einen Tag lang zeigen, was es an ihnen hat. Zum Glück gab es darüber keine Einigkeit. Das Feministische Netzwerk – neu gegründet unter anderem von der durch die Oktoberfestlüge und den Rape Hoax Team Gina Lisa bekannte Aktivistin Anne Wizorek – hatte Deutschlands Frauen nicht kollektiv dazu aufgerufen, die Arbeit zu verweigern. Statt dessen gaben sie zu Protokoll, sie würden sich im Netz solidarisch mit jenen zeigen, die wirklich streikten, und legten dafür den Hashtag #meintagohnemich an.

Nachdem die deutsche Nation dergestalt also noch einmal mit einem blauen Auge und deutlich für ihr Patriarchat verwarnt davon kam, kann man sich vorsichtig an eine Folgenabschätzung der auch weiterhin drohenden Gefahr eines feministischen Streiks wagen. Niemand kann sagen, ob die hochkarätigen Netzwerkerinnen sich nicht kurzfristig doch anders entscheiden und zum Sand im Getriebe der deutschen Leistungsgesellschaft werden. Zu diesem Zweck ist es natürlich wichtig zu wissen, in welchen Bereichen die Teilnehmerinnen bei Industrie, Dienstleistung, Landwirtschaft, Care Arbeit, Aktivismus und Israelablehnung tätig sind – das Netzwerk wendet sich zwar gegen Antisemitismus, verwendet aber in Bezug auf den Staat Israel lediglich eine „kann“-Definition, die es auch Hamasunterstützerinnen erlaubt, Teil der Bewegung zu werden. Zu diesem Zweck habe ich letzte Woche die öffentlich einsehbare Liste der Teilnehmerinnen analysiert und nach Berufsgruppen aufgeteilt.
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Daraus ergibt sich dieses schockierende Bild der Gefährdung für unsere Wirtschaft und Gesellschaft:


120 Beteiligte können gegen ihre Universitäten und Schulen streiken. Eine stichprobenartige Recherche ergab, dass viele dieser Personen Gender, Journalismus, Politologie und Sozialwissenschaften studieren. Es könnte also zu schlecht belegten Seminaren jenseits der MINT-, Jura-, Medizin- und Wirtschaftsfächer kommen.

Die zweitgrösste Gruppe der Streikenden wären 86 Medienarbeiter, die zumeist, soweit mir bekannt, als freie Mitarbeiter tätig sind. Bei Arbeitsniederlegungen würde das bedeuten, dass vor allem positive Artikel mit genderistischer Ideologie weder geschrieben noch veröffentlicht werden. Allerdings würden die meisten aufgrund ihrer selbstständigen Tätigkeit sich damit auch selbst und ihr eigenes Einkommen bestreiken.

Deutlich undurchsichtiger sind all die Therapeuten, Sozialhelfer, Migrationscoaches und andere Berufe aus dem sozialen Sektor, die sich nach meiner bescheidenen Meinung oft mangels rechtlich bindender Berufsbezeichnung nicht wirklich zuweisen lassen. Der Verdacht liegt nahe, dass die ebenfalls 86 Personen umfassende Gruppe ihre Tätigkeit oft in eigener Verantwortung und mit einem Schwerpunkt auf den Bedürfnissen von Frauen betreibt. Auch hier würden also Frauen de facto sich selbst bestreiken.

Auf Platz 5 sind Kulturschaffende. Wie bei den Journalisten würde ein Streik sie von der professionellen Propaganda für genderistische Ziele und Aktionen wie Shitstorms, offene Briefe gegen Zürcher Theater, Pussyhatstricken und Auftritte bei von Familienministerium und staatlicher Kulturförderung finanzierten Veranstaltungen abhalten. Spätestens hier fange ich an, mit einem Frauenstreik zu sympathisieren.

Ihre Sugarmommies zuschusskräftigen Partner in der Politik sind noch davor und bringen mit 66 Vertretern vor allem von Linken und Grünen die viertgrösste Gruppe ein. Natürlich können auch Politiker die Arbeit niederlegen. Das entspricht durchaus dem Erwartungshorizont der Bevölkerung und würde das Ansehen der Gruppe kaum verschlechtern. Ein Einfluss auf Struktur und Funktionieren des deutschen Staates wäre aber nicht zu befürchten.

52 Mitglieder des Netzwerks arbeiten an den Universitäten – die meisten davon wiederum in den Bereichen, in denen auch die Studenten zu finden sind. Tatsächlich wäre es vermutlich möglich, für einen Tag die deutschen Genderlehrstühle erheblich zu beeinträchtigen.

Damit sind über 75% der Teilnehmerinnen übrigens in Berufen und Tätigkeiten, die nicht wirklich das repräsentieren, was man gemeinhin als “Wirtschaftsstandort Deutschland” bezeichnen würde. Danach kommt ein starker Einbruch bei den Berufsgruppen zu dem, was man gemeinhin als “echte Berufe” bezeichnen würde. 12 Lehrer, 9 ITler – die übrigens mit einer hohen Männerquote – 7 Juristen, 5 Krankenschwestern, und 2 Ärzte. Hinter Berufen des “Projektmanagements” kann sich viel verstecken, die 5 Kirchenmitarbeiter dienen m.W. nach Gott, 4 Angestellte und 3 Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes können tatsächlich streiken. Dazu gibt es unter anderem Modedesigner, Yogalehrer, 2 Personen aus dem Personalmanagement, 2 Köchinnen, Buchhaltung und Leute, die sich CEO nennen – in Firmen, die lediglich sie selbst sind. Es gibt 1 Ökonomin und 1 Kauffrau und 2 – von mir übrigens sehr geschätzte – Sexarbeitaktivistinnen. Und 1 Maschinenbauerin.

Vorsichtig gesagt, spielen Landwirtschaft und produzierendes Gewerbe eine nur sehr kleine Rolle bei diesem frauenstreikbegleitenden Netzwerk. Die meisten sind, wenn man es brutal sagen will, auf die ein oder andere Art Transferleistungsempfängerinnen von ihren Eltern, vom Staat, vom Gesundheitszwangssystem und vom Kulturbetrieb. Sie leben von Einnahmen, die andere erwirtschaften, und produzieren über weite Strecken den Aktivismus für ihre eigenen Ziele. Arbeitgeber, die es an der Produktion wirtschaftlich relevanter Güter wirklich merken würden, wenn das Netzwerk streikte, gibt es meines Wissens keine. Das Netzwerk baut keine Brücken, verlegt keine Glasfaserleitungen, erbaut keine Wohnungen, konstruiert keine Autos, fertigt keine Windkraftanlage, asphaltiert keine Strasse, reinigt kein Rohr und leert keine Mülltonne. Das Netzwerk hat mehrheitlich Berufe gewählt, in denen eine prekäre Existenz und das Brüllen nach Förderung und Unterstützung unvermeidliche Begleiterscheinungen sind, und die Aussichten auf Reichtum und ökonomischen Erfolg eher fragwürdig anmuten. Allein die darin vertretenen Spitzenpolitikerinnen gehören zu den Besserverdienenden, und damit sie es auch bleiben, brauchen sie natürlich eine laute Basis, die finanziell bedient werden möchte – der hohe Anteil an Medienarbeitern und Kulturpersonal ist ein deutlicher Hinweis auf diese Zielsetzung.

Bezeichnenderweise ist der Anteil der Frauen, die sich den Härten des Berufsalltags in der freien Wirtschaft stellen, erstaunlich gering. Führungsfrauen sieht man – von wenigen Ausnahmen mit politischer Verflechtung abgesehen – sehr selten. Sogar klassische Frauendomänen bei Studiengängen wie Medizin und Betriebswirtschaftslehre tauchen kaum auf. Es bleibt die Erkenntnis, dass das neue, in den Medien von Netzwerkpartnerinnen gehätschelte Netzwerk vor allem sich selbst und seinen eigenen Aktivismus bestreiken und damit andere ohne Belästigung, Vorwürfe und Gender Fake News effektiver arbeiten lassen könnte.

Ein Feministinnenstreik wäre also gut möglich und volkswirtschaftlich durch reduzierte Verschwendung für Aktivistinnen sinnvoll. Ein Frauenstreik ist dagegen eher unwahrscheinlich.

12. Mrz. 2017
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03. Mrz. 2017
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Europäischer Tod in La La Land

Als ich nach dem Abitur nach Amerika reiste, hatte ich mich gut vorbereitet: Ich hatte Kassetten mit Musik der Beach Boys und Jan and Dean bespielt, und einen Reiseführer zur Mentalität der aufgesuchten Eingeborenen gelesen. Der Reiseführer heisst “Tod in Hollywood” und stammt aus der Feder des britischen Schriftstellers Evelyn Waugh, der seine kurze und erfolglose Karriere als Drehbuchautor in Los Angeles in diesem ebenso scharfen wie ironischen Roman verarbeitete. Es geht, grosso modo, um die Unvereinbarkeit des american way of life mit allem, was auch nur ansatzweise als europäische Nonkonformität, Exzentrik und moralische Flexibilität gelten kann. Die Tugenden der Neuen Welt, so das Fazit, sind im tödlichen Gegensatz zu den gehobenen Sitten des Alten Europa, und genau so war das auch bei meiner Reise. Ich habe viel gesehen, aber das reicht mir auch und wer die USA meidet, weil Trump dort herrscht, kann einfach Waughs Buch kaufen. Es lohnt sich.

Waugh selbst war eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Er war ethnisch sehr diverser Abstammung und kam aus dem reichen Bürgertum, hatte in seiner Jugend etliche homosexuelle Affairen, und lange Zeit Schwierigkeiten, einen angemessenen Platz im Leben zu finden. Er war geistreich, aber flatterhaft und unangepasst, moralisch eher fragwürdig und getrieben von Geltungs- und Vergnügungssucht. Überliefert wird, dass er andere gern schikanierte, und eine Stellung verlor, weil er im betrunkenem Zustanden eine sexuelle Annäherung versuchte. Ausserdem konvertierte er zum Katholizismus, was auf beiden protestantischen Seiten des Atlantiks bei den lutheranischen und sonstigen Ketzern als Zeichen ethischer Fragwürdigkeit galt, und wohl auch immer noch gilt, wenn man die Debatten um den britisch-jüdisch-katholisch-homosexuellen Provokateur und jüngst zurückgetretenen Breitbart-Autor Milo Yiannopoulos anschaut. Generell ist die Figur von Milo leicht verständlich, wenn man Waugh, seine Biographie, sein Werk und besonders die Figur des Anthony Blanche in Waughs Klassiker “Brideshead revisited” kennt.

Amerikanern ist diese Parallele völlig entgangen, denn es gibt Waugh nicht als Serie bei Netflix, und obendrein sind sie in ihren moralischen Werten immer noch eine Gesellschaft, die mit britischer Exzentrik und Lust an Provokation nur begrenzt umgehen kann. Anders ist der Fall und Niedergang des Milo Yiannopoulos nicht zu erklären, dem letztlich ein lang bekanntes Video zum Verhängnis wurde, in dem er über die Frage der Zustimmung von Minderjährigen zu sexuellen Handlungen unter anderem an seinem eigenen Beispiel spekulierte. Das Thema ist schwierig und komplex, wäre aber im europäischen, gebildeten Kontext rund um die Frage des sexuellen Erwachens junger Menschen nicht ungewöhnlich – nicht umsonst erscheinen Beiträge über den Pornovideokonsum und das Sexualverhalten von Minderjährigen. Milo erzählt erkennbar sarkastisch von Sex mit einem Priester, und am eigenen Beispiel, dass er sich durchaus in der Lage fühlte, selbstbestimmt in sexuelle Handlungen einzuwilligen. Ausserdem diskutiert er die – in der Debatte durchaus sinnvollen – Unterschiede zwischen Pädophilie und sexueller Attraktion im fortgeschrittenen Jugendalter.

Das Material stammt aus den Jahren 2015 und 2016, und aufgebracht hat es ein scheinbar traditionell-konservatives Internetmedium mit dem Namen Reagan Battalion, das sich offensichtlich schon länger mit dem britischen Exzentriker und Alt-right beschäftigt hatte. Als bekannt wurde, dass Milo bei der konservativen CPAC Konferenz sprechen würde, gab es von Seiten des traditionellen Establishments Kritik: Milos Auftreten mit seiner Vorliebe für schwarze Männer beim Sex und Frauen beim Trinken, seine Perlenketten, sein völliges Fehlen von Respekt auch gegenüber traditionellen Werten erschien dieser alles andere als kleinen Gruppe innerhalb der Republikaner als vollkommen unangemessen. Einen Anlass zur Distanzierung gab ausgerechnet die Twitterei des CNN-Talkshowmoderators Jake Tepper, der während des Wahlkampfs aufgeflogen war, als sein Team die Demokraten um Hilfe bei der Diskreditierung der Republikaner bat. Offensichtlich hatte sich Milo mit seiner Popularität auch innerhalb des rechten Lagers viele Feinde gemacht, denn ausgerechnet rechte Medien verdammten ihn ohne jede Differenzierung für seine Aussagen. Auch bei Breitbart, das Milo von einer stramm rechten Seite zu einer Plattform nicht ohne bösen Witz und Charme weiterentwickelt hatte, forderten manche Kollegen seine Entlassung, der er mit seiner Kündigung und einer Erklärung der Videosequenzen zuvor kam. Sein Verlag Simon & Schuster kündigte den Buchvertrag – für ein Werk über Political Correctness, das allein wegen der Vorbestellungen auf Platz 1 der Amazon Beststellerliste stand.

Für den gebildeten Stand liest sich der kometenhafte Aufstieg und Fall bis hierher schon wie ein Roman von Evelyn Waugh im 21. Jahrhundert über die Sitten und Gebräuche einer neuen Welt, die zwar auf der einen Seite kurzfristig den mokanten Charme des Alten Europas braucht, aber auf der anderen Seite dessen Vielschichtigkeit und die tiefer liegende Aversion gegen Bigotterie und Spiessermoral nicht erträgt. Milo hat sich offensichtlich zu viele Feinde gemacht, egal ob bei den klassischen Reaktionären oder bei deren Spiegelbild, den politisch korrekten Berufsbetroffenen von Feminismus und sozialer Gerechtigkeit.

Letztere kommen nicht nur mit Milo nicht zurecht, sondern auch mit einer anderen auffallenden Vertreterin der – jenseits ihres eigenen Verhaltens – zivilisierten Welt: Mit der Radikalfeministin Laurie Penny aus England, die wie Milo auf eine lange und exzentrische Geschichte im Aufmerksamkeitsgeschäft zurückschauen kann. Auch Penny hat katholische und jüdische Vorfahren, eine Vergangenheit mit Magersucht und burlesken Tänzen, und wurde bekannt mit männerhassenden Ansichten, die zum geflügelten Wort von Milo passen, Feminismus sei eine Krebserkrankung. Ungeachtet dessen kennen sich die beiden wohl schon länger, und Penny schrieb einen weithin beachteten und auch in deutschen Medien verbreiteten Beitrag über Milos Auftritt und Party beim Nominierungskongress der Republikaner. Dieser Beitrag triefte noch von der gewünschten Empörung über Alt-right, aber Penny war mit Milo und seinem Team erneut unterwegs, als eine Veranstaltung an der Universität in Berkeley in Gewalt umschlug. Hier äußerte sich Penny gegen das Vorgehen der Demonstranten, und der neue Beitrag aus dem rollenden Hauptquartier der Alt-right Bewegung beschrieb die Anhänger als “lost boys”. Man könnte sagen, dass Penny einen für ihre sonstigen Verhältnisse ungewöhnlich hellsichtigen und differenzierten Beitrag geschrieben hat, der zu ergründen versucht, was junge, charmante Männer dazu bringt, gegen den liberalen und konservativen Mainstream zu rebellieren.

Penny ist weiss, wird in den Medien als authentische Vordenkerin des Feminismus herumgereicht, hat gut dotierte Buchverträge und ist das, was man gemeinhin in diesen Kreisen als privilegiert bezeichnet. Und wie bei Milo hat sich auch in ihrem eigenen Lager wohl einiges an unterdrückter Wut aufgestaut, denn es gibt einer Antwort auf ihr Schaffen von einer, sagen wir mal bekannten lateinamerikanischen Aktivistin, und die hat es in sich. Einerseits wird Penny vorgeworfen, sie würde Milo nicht nur verharmlosen, sondern auch zu viel Verständnis aufbringen. Andererseits sei sie selbst eine Vertreterin der weissen Sichtweise und habe nichts für den Standpunkt echter Diskriminierter übrig, die sie verschweigen und unsichtbar machen würde. “White Supremacy” lautete der böse Vorwurf. Andere Feministinnen suchten und fanden Hinweise auf frühere Verbindungen zwischen Milo und Penny, und es ist wohl nicht ganz falsch davon auszugehen, dass sie sich besser verstehen, als die gegensätzlichen Standpunkte vermuten lassen. Penny erlebte das, was Tim Hunt auch schon passierte: Ein Shitstorm, während sie offline und kaum in der Lage war, sich gegen die Anschuldigungen zu wehren. Danach tweetete sie reichlich kleinlaut auch einige Worte zur Lage afroamerikanischer und anderer benachteiligter Gruppen, ohne dass sie damit eine Mässigung bei ihren Anklägerinnen erreicht hätte.

Also ich finde ja, Milo und Penny sind ein kinky Paar, sie sollten heiraten, ein pompöses Landhaus kaufen, Orgien organisieren und zusammen einen Sexratgeber schrei

Milo und Penny haben den amerikanischen Wahlkampf um eine exzentrisch-europäische Note bereichert, als eine Art popkulturelle Plünderer links und rechts des Mainstreams ihrer jeweiligen Lager. Beide sind Aussenseiter, sie gehören nicht dazu und wurden akzeptiert, weil sie nützlich waren. Ihr eigenes Establishment liefert sie ans Messer, nur wenige melden sich hilfreich zu ihrer Unterstützung, und es sieht auch nicht so aus, als würde man gegenüber Julian Assange in London für seine Rolle beim Wahlkampf Gnade walten lassen. Feministinnen konnten die weissen Frauen nicht für Clinton überzeugen, aber Gamer Gate und Alt-right und die Angst vor einem feministischen Linksruck haben viele junge, gut ausgebildete Männer auf Trumps Seite gebracht. Die neuen Konflikte der Trumpadministration um langweilige Themen wie Gesundheit, Militär und Steuern brauchen keine Paradiesvögel mit sexuellen Ausschweifungen und demonstrativer Verachtung für die linken und rechten Traditionen der USA. Insofern ist es nur folgerichtig, dass man sie mit kurzen, brutalen Schlägen diskreditiert und in die Wüste vor der amerikanischen Kulturmojave geschickt hat. Man hätte es wissen können, wenn man Waugh gelesen hätte. Und man darf gespannt sein, wie sich Milo und Penny nach ihren Ausflügen nun neu erfinden, denn ihre Vertreibung macht ihre orthodoxen Verfolger, die keine Perlenketten tragen und nicht an Stangen tanzen, noch lange nicht sexy, aufregend und medial vorzeigbar.

Das sind ganz schreckliche Leute, ghastly, denen möchte man nicht vorgestellt werden.

03. Mrz. 2017
von Don Alphonso
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25. Feb. 2017
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Digitale Erziehungsrevolte auf dem Biedermeiersofa

Ich brauchte nur etwas Stoff für ein Kissen – und wurde Zeuge eines Erziehungsdebakels. Denn beim Raumausstatter M., der in der dummen, kleinen Stadt an der Donau die bayerische Ohd Foläh mit den letzten Schreien der Inneneinrichtungsmode versorgt und daher als Kulturbringer gelten kann, steht ein grosses Biedermeiersofa am Schaufenster, mit vielen Kissen. Und darauf lümmelten zwei Mädchen und starrten in ihre Mobiltelefone. Und dahinter, am Schalter, legte der M. Stoffbahnen aus und machte den Eltern Vorschläge. Es ging um nicht weniger als das komplette Wohnzimmer, um die Abstimmung von Tapeten und Textilien, und während ich mich ein wenig unter den rotsamtenen Brokatstoffen umsah, rief die Mutter, die Töchter sollten doch jetzt auch endlich mal herschauen und mitreden. Man mache das ja auch wegen ihnen.

Ich wollte etwas sagen, aber das wäre erstens nicht höflich gewesen und zweitens ist mir eingefallen, dass ich daraus ein Geschäft machen kann, wenn ich dort den Mund halte und das, was ich sagen wollte, nicht nur zwei Eltern sage, denen meine Weisheit als alter, weisser Mann auch nicht weiterhilft. Und statt dessen hier niederschreibe und so den Brokatstoff – der laufende Meter, halten Sie sich fest. 230 Euro – refinanziere. Weil, prinzipiell ist es doch so: Solange junge Menschen früher die Füsse unter den Tisch ihrer Eltern streckten, durften sie gar nicht mitreden, sondern nur sprechen, wenn sie gefragt wurden. Die absonderliche Idee, man müsste Menschen vor Erreichen der Volljährigkeit in alle Entscheidungen des Lebens mit einbeziehen, ist relativ neu. Ich war vermutlich die erste Generation, die wirklich schon im Kindesalter bei Urlaub, Möbeln und Auto mitreden durfte. Und ich und meine Schwester, wir haben da wirklich verhängnisvolle Fehlentscheidungen getroffen.

Zum Beispiel, dass mein Vater jahrelang zu todseriösen Geschäftstreffen in einem signalgrünen Audi 100 fahren musste. Das haben wir verbrochen. Der Deal war, dass meine Eltern das Modell aussuchen und wir die Farbe. Es gibt heute wieder Porsche 911, die zu Rennzwecken in Signalgrün lackiert werden. Damals war es die mit grossem Abstand ungewöhnlichste Farbe im Repertoire, und ebenso geschmacklos und zielsicher steuerten wir darauf zu und machten Terror und Gezeter, bis unsere Eltern nachgaben. Der Umstand, dass sie ihre Kinder hatten entscheiden lassen, war keine gute Ausrede für die unerfreuliche Folge, dass auf das stilistisch beeindruckende, silberblaue BMW Coupe, das leider nicht sehr kindertauglich war, nun das giftgrüne Monster folgte.

Genauso ungut war die kindliche Entscheidung zu ebenso teuren wie unförmigen Polstermöbeln aus leuchtgrünem Samt, die es wirklich nur damals gab und die heute wieder kommen, weil unsere Gesellschaft nun mal dazu verdammt ist, Fehler zu wiederholen. In der Zeit der Sitzsäcke jedenfalls, die bald platzen und jede Ecke des Hauses mit kleinen Styroporkugeln verschmutzten, entschieden wir Kinder. Deshalb wurden zu einem Preis, zu dem man damals auch alles in echten Rokokomöbeln oder vier mal in Biedermeier einrichten konnte, Dinge erworben, die man heute wohl nur noch in Berliner Werbeagenturen schön finden würde. Es dauerte nicht lange, und die Möbel bekamen wir Kinder, während meine Eltern zum L. gingen und sich Kirschholzsessel fertigen ließen, die heute noch wie neu aussehen. Wie Kinder fanden sie damals hässlich. Heute wundere ich mich, warum meine durch die Museen Europas kulturbeflissenen Eltern ausgerechnet auf die Idee kamen, ihr Leben von Unmündigen beeinflussen zu lassen, deren Kulturverständnis Tom und Jerry eben gerade mal so erreichte.

Eltern jener heute fern scheinenden Epoche wurde damals von Erziehungsforschern geraten, den Nachwuchs von den Verlockungen neuer Medien wie Fernsehen und Langspielplatten fern zu halten, und sie anderweitig zu motivieren, am echten Leben teilzunehmen. Da wirkten wohl ein wenig die 68er mit hinein, die gesehen hatten, zu welchen Untaten alte, weisse Männer fähig waren, wenn man sie auf die Welt losliesss, und dachten, Kinder ohne Geist, Geschmack, strategisches Denken und Impulskontrolle würden irgendetwas besser machen, wenn man ihnen nur die Gelegenheit gibt. Das Debakel in Signalgrün hätte verhindert werden können, wenn man uns vor die Wahl gestellt hätte, ob wir mitfahren wollen, die Autofarbe herauszusuchen, oder daheim vor dem Fernseher liegen bleiben möchten. Meine Eltern dachten, das Signalgrün wäre eben der Preis dafür, dass Kinder auch noch etwas anderes sehen. Dass ich auch so zu einem Snob werden würde, der Fernsehserienbetrachter zutiefst verachtet und Freunden von Dr. Who unterstellt, sie hätten ihr Leben nicht unter Kontrolle, wusste damals kein Erziehungsforscher.

Ich denke, Kinder melden sich schon, wenn ihnen etwas wichtig ist – und zwar lauter und schneller, als es einem lieb sein kann. Wir wären nie auf die Idee gekommen, eine Fahrzeugfarbe zu wählen, wenn man uns das nicht gesagt hätte. Man hat uns eine Unterhaltungsmöglichkeit mit dem TV genommen und eine andere auf Kosten unserer Eltern gegeben. Heute haben Kinder ihre Mobiltelefone immer dabei, füllen ihre Whatsapp-Gruppen und wollen viel lieber über die neuen Kleider ihrer Freundinnen herziehen, als ihren Eltern bei der farblichen Gestaltung der Sofas einreden. Niemand trifft schlechtere Entscheidungen als ein passiv-aggressives Kind, das viel lieber Mitschüler online mobben möchte.

Das ist eben so. Kaum verlassen sie die Schule, zücken sie die Mobeiltelefone. Sie schweigen nicht am Tisch, weil sie zum Schweigen gezwungen werden, sondern weil sie nebenbei weiter texten. Das ist natürlich unhöflich. Aber vermutlich wächst sich das genauso aus wie beim TV-Konsum. Ich bin mir absolut sicher, dass in 40 Jahren Blogeinträge erscheinen werden, in denen sich mittelalte Autorinnen über die katastrophale Inneneinrichtung ihrer Eltern aufregen werden, die nur passieren konnte, weil sie selbst mit dem Handy in der Hand auf einem Sofa nicht genug motiviert wurden, sich an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Denn schuld sind bekanntlich immer die Eltern, egal wie es ausgeht, und daher ist es vermutlich klüger, einfach selbst zu entscheiden und genauso rücksichtslos zu sein. Kinder müssen lernen, Prioritäten zu setzen und sich Freiräume selbst zu erobern. Wenn sie lieber vor dem Handy hängen und texten, entscheiden eben andere. Dann brauchen sie sich nachher nicht beschweren. Auch das ist eine Form von Erziehung.

“Es ist selten ein Schaden, wo kein Nutzen dabei ist”, sagte meine Grossmutter immer, und sie hatte natürlich wie immer recht. Es gibt ständig erhebliche neue Konflikte zwischen Eltern und Kindern, so wie beim Aufkommen von TV, Radio oder Lyrik von Heinrich Heine. Trotz der stets befürchteten Abhängigkeit der Jugend ist es aber vielmehr so, dass die angebotenen Medien in schöner Regelmässigkeit altern, ihren Reiz verlieren und durch andere ersetzt werden – kaum zu glauben, dass manche einmal bei StudiVZ oder AOLChat gewesen sind. Irgendwann setzt die Ernüchterung ein, die Interessen werden auf neue Aspekte des Lebens gelenkt, nicht ganz umsonst werden Malbücher gerade wieder populär. Da lernt man auch den Umgang mit Farben. Und versteht, dass Signalgrün jetzt nicht ganz stilsicher ist. Vielleicht brauchen Kinder einfach den Rückzugsraum auf dem Handy, um den diversen Zumutungen der Erwachsenenwelt zu entgehen, bis sie irgendwann daran Gefallen finden, heiraten, selbst Kinder bekommen und sich auch wieder beschweren, dass die borniert dreinschauenden Töchter jetzt nicht sofort, hört ihr, sofort herkommen und mitreden, denn für wen macht man das denn hier, wo der Stoff so teuer ist? (Es war ein echtes Drama und hat so lang gedauert, dass ich gesagt habe, ich müsste noch dringend etwas schreiben und käme am Montag noch mal vorbei.)

25. Feb. 2017
von Don Alphonso
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21. Feb. 2017
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Oktoberfestlügen beim Facebook-Fakenews-Jäger Focus

Sollte sich jemand fragen, ob man die Exzesse der Silversternacht von Köln 2015/6 mit dem Oktoberfest in München vergleichen kann, bietet es sich an, Google zu fragen. Das würden heute vermutlich die meisten Menschen tun. Gibt man dort “Silvester Köln Oktoberfest” oder ähnliche Kombinationen ein, erscheinen ganz oben meist Beiträge, die ich hier über diese Frage geschrieben habe. Zu diesem Zweck habe ich mit der Polizei gesprochen und offizielle Statistiken ausgewertet, und die eindeutige Antwort ist: Nein. Auch eine Riesenveranstaltung wie das Oktoberfest mit Millionen Besuchern und Alkoholkonsum weist nicht im Mindesten die Verbrechensrate auf, mit der der Mob von Köln in wenigen Stunden Schlagzeilen machte.

Grundlage für eine gegenteilige Behauptung bei ARD, ZDF, Spiegel Online und vielen anderen Medien war eine alte Fake News bei der taz, die kurz nach Silvester von Feministinnen ausgegraben wurde, um die Silvesternacht Köln zu relativieren. Es ging offensichtlich darum, kriminelle Migranten und ihre Straftaten als ein Phänomen zu beschreiben, das auch weisse, deutsche Männer darstellen, wenn sie die Gelegenheit haben. Manche Medien haben daraufhin die Lügen ihrer Autoren zurückgezogen, bei anderen steht das, versteckt im Archiv, bis heute. Aber allgemein hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Medien mit der Oktoberfestlüge im Januar 2016 einer ideologisch motivierten Desinformationskampagne aufgesessen sind. Das führte dazu, dass die Polizei in Bayern nach dem Oktoberfest 2016 die Straftaten im Wiesnbericht auch nach Herkunft aufschlüsselte und die Zahlen in einer Pressekonferenz mit breitem Medienecho vorstellte: Die Wiesn ist angesichts der Menge der Besucher sehr sicher. Deutsche sind bei den angezeigten sexuellen Übergriffen aber deutlich unterrepräsentiert, Ausländer und Flüchtlinge dagegen spielen eine grössere Rolle. Damit sollte das Thema eigentlich durch sein.

Durch ist es auch für die Hauptverantwortliche Anne Wizorek, die mit diesem Hoax durch die Medien tingelte und zudem unterstellte, die Straftaten auf dem Oktoberfest würden hauptsächlich von “weissen Bio-Deutschen” verübt. Ungeachtet dessen sitzt Wizorek auch weiterhin in der vom Familienministerium berufenen Sachverständigenkommission für den 2. Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. Konsequenzen für die Fake News Verbreitung: Offensichtlich keine. Allerdings sorgt sich Ministerin Schwesig trotz ihres eigenen Team-GinaLisa-Skandals sehr um das Thema Fake News, wenn sie nicht in ihre parteipolitische Wunschlandschaft passen, und macht Druck auf Facebook. Dort sucht man nun nach Helfern, um Fake News zu entlarven. Facebook ist dazu offensichtlich in Gesprächen mit dem Portal Focus Online recht weit gekommen. Focus Online steht allerdings wegen der eigenem, nicht immer seriösen Berichterstattung in der Kritik. Nicht alle Beiträge dort können mit renommierten Wissenschaftlern wie dem Soziologen und Risikoforscher Ortwin Renn aus Potsdam aufwarten. Focus Online veröffentlicht am 14. Februar 2017 ein Interview mit Renn zum Thema Gefahreneinschätzung, bei dem es auch um die Angst vor Flüchtlingen geht. Und Renn behauptet:

Genauso viele Übergriffe beim Oktoberfest wie in Köln: Da ist sie wieder, die Oktoberfestlüge, Verbreitet von einem Professor, der in diesem Bereich eigentlich seine Daten beisammen haben und die richtigen Schlussfolgerungen ableiten müsste. Gleichzeitig beklagt Renn die Herausstellung der Silvesternacht. Eine Woche davor gab er der Zeit schon ein Interview, in dem er sich beim Thema Flüchtlinge ebenfalls negativ zum Oktoberfest und über die Berichterstattung äußerte.

Renns Behauptung, darüber werde aber in der Regel kaum berichtet ist, wenn man nur mal einen Blick auf Google News wirft, ebenfalls eine Fake News – bezeichnenderweise ähnlich wie aus der Repertoire der Rechtsextremisten, die ebenfalls behaupten, über Übergriffe von Ausländern werde kaum berichtet. Wahr ist, dass die Münchner Polizei schon während des Oktoberfestes fast täglich über Straftaten berichtet, einen gesonderten Abschlussbericht für die Wiesn vorlegt, und das Thema Sicherheit und Kriminalität auf dem Fest ein riesiges Thema ist – jedes Jahr finden sich zu dem Themenkomplex unabhängig von der Migrationslage Dutzende von Beiträgen, und nur die wenigsten sind dabei so substanzlos irreführend wie die Berliner taz mit ihren erfundenen Dunkelziffern. Ortwin Renn dagegen benutzte seune eigene Version der Oktoberfestlüge schon früher: Im April 2016 gab es dem Südkurier ein Interview und behauptete angeblich “statistisch gesehen”:

Es gibt keine Statistik, die die Aussage des Soziologen und Risikoforschers stützen würde. Zum Zeitpunkt der Interviewveröffentlichung hatte das Land Nordrhein-Westfalen bereits seinen Ermittlungsbericht zur Silvesternacht vorgelegt: Es gab 1527 angezeigte Straftaten mit 1218 Opfern, davon wurden 626 Opfer von Sexualdelikten. Die Polizei in München spricht offiziell in ihrem Bericht von 20 Anzeigen auf dem Oktoberfest von 2015. Soziologe und Risikoforscher Renn will in München statistisch über 30 mal so viele Straftaten sehen, wie die echte Statistik ausweist. Und nach den Debatten vom Januar 2016 bis zum Februar 2017 mit breiter Berichterstattung über die weiterhin geringen Zahlen der Anzeigen auf dem Oktoberfest bleibt er im Focus bei einer groben Falschdarstellung, die der Focus zuerst unreflektiert verbreitet.

Inzwischen gab es da aber im Internet eine Welle des Protestes, die auch beim Focus nicht unbemerkt geblieben sein dürfte. Ruft man den Beitrag heute auf, nennt der Focus nicht nur statistische Zahlen, er hat auch das originale Renn-Zitat deutlich verändert. Statt der Lüge, es gäbe seit Jahren beim Oktoberfest „genauso viele“ Übergriffe wie beim Kölner Neujahrsfest, liest man nun:

“Auch auf dem Oktoberfest gibt es seit Jahren Übergriffe, ebenso wie auf dem Kölner Neujahrsfest.”

Dahinter wurde dann als Anmerkung der Redaktion eingefügt:

Anmerkung der Redaktion: Verfahren wegen sexuellem Übergriff (versucht oder vollzogen) im Jahr 2015: Köln 87, München 2; Anzeigen insgesamt (inklusive Trunkenheit, Sachbeschädigung etc.) im Jahr 2015: Köln 1222, München 1261, erfasste Straftaten 2015: Köln 1527, München 1191

Offensichtlich versucht hier eine Redaktion, die niedrige Zahl der überhaupt möglichen Verfahren bei Sexualstraftaten und alle Anzeigen für alle Delikte der offiziellen Statistiken zu vermischen, während die deutlich höheren Anzeigen aufgrund sexueller Übergriffe nicht genant werden. Es fehlt der Hinweis, dass auf dem Oktoberfest 5,9 Millionen Besucher gegenüber ca. 2000 Randalierer auf der Domplatte waren, es fehlt der Hinweis auf die sehr unterschiedliche Dauer beider Ereignisse – und vor allem fehlt der Hinweis, dass die originale Fake News vom Focus gegen eine unverfänglichere, aber nicht minder wissenschaftlich unhaltbare Aussage ersetzt wurde.

Focus Online macht bei sich selbst die Fake News nicht öffentlich, Focus Online editiert stillschweigend nach und schweigt. Die Behauptung, Köln wäre wegen der arabischen Ausländer ein grosses Thema geworden, bleibt stehen. Die offensichtliche Fake News wurde gelöscht. Renns Fake Narrativ, das eine unterschiedliche Berichterstattung aufgrund der Herkunft der Täter als Problem betrachtet, bleibt. Die Glaubwürdigkeit von Medien, Wissenschaftlern und Statistik bleibt bei solchen Vorgängen nicht nur “statistisch gesehen” auf der Strecke, und daran wird auch eine Betätigung von Focus als Fake News Jäger bei Facebook nichts ändern.

21. Feb. 2017
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15. Feb. 2017
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Das Lügeninternet am Valentinstag

Es ist der 14. Februar 2017. Und ich lese online in der Süddeutschen Zeitung, dass man den Valentinstag doch in Sextag umbenennen sollte, denn darum ginge es doch. Das stimmt nicht, mir geht es um Akte der Zuneigung und Höflichkeit, und da erwartert man nichts, es ist schließlich kein Geschäft. In der Zeit steht online ein Beitrag, demzufolge man wegen Trump und diverser Paarrituale, etwa in Restaurants, die die Autorin ablehnt, den Tag ganz boykottieren sollte. Es kann natürlich sein, dass manche lieber allein Gummibärchen und Tiefkühlpizza essen. Dass ich den Titel “Pralinen, Rosen, Küsschen, Prügel: Nein, danke!” im Neuen Deutschland lesen würde, hat mich nicht sonderlich überrascht, denn die Leute dort sehen mir nicht so aus, als könnten sie eine Praline vom ehem. kgl. bayer. Hoflieferanten essen, ohne innerlich den Genossen Lenin um ein Tschekisten-Erschiessungskommendo anzuflehen. Aber auch die Stuttgarter Nachrichten aus dem grün regierten Schwaben- und Badenland verweisen auf das Elend der Rosenzucht in Afrika, ohne auch nur ein einziges Mal auf das Elend der viel gängigeren Gemüsezucht für Deutschland zu verweisen. Es ist Valentinstag. Und jede Redaktion hat jemanden, der den Lesern sagt, wie falsch das alles ist.

Das setzt sich in den sozialen Netzwerken fort. Ich sehe keinerlei Trophäenbilder von Frauen, die zeigen, was sie an Blumen bekommen haben. Ich sehe Zynismus, Ablehnung und Verachtung. Ich lese, dass Liebe letztlich nur auf drei Chemikalien beruht. Ich lese von cisheteronormativer Unterdrückung. Ich lese davon, dass Hunde eh viel bessere Partner sind. Und dass Herzhüpfen auch eine Folge von Würmern sein kann. Nehme ich das Internet als Basis meiner Betrachtungen, hassen alle den Valentinstag, und dass ich vorab die jungen Töchter einer Freundin mit einer Packung Pralinen in die Welt der Ritterlichkeit und Komplimente der Grossen eingeführt habe, war vermutlich ein Verbrechen an der einzig möglichen Einstellung: Bloss. Kein. Valentínstag.

Es ist nicht gerade neu für mich, denn solche Wellen des Missbehagens, auf denen sich Onlinemedien und Nutzer mit Ablehnung und Verachtung gegenseitig überbieten, hat man auch zu Weihnachten. Da wurde erklärt, wie man das Fest mit Self Care überlebt und der Naziverwandtschaft sagen darf, dass man sie sehr wohl schrecklich findet. Es gab bei der Zeit extra dafür einen anonymen Pranger, an dem sich Festgeschädigte übergeben konnten. Geselligkeit, Friede, Freude, Zusammensein – das alles muss eine tiefneurotische Wurzel haben, die im Internet viele zu spüren in der Lage sind. In der Minderheit sind jene, die das alles toll finden und es zusammen leben, in der grossen Mehrheit jene, die nicht müde werden, ihre Ablehnung an solchen Tagen wortreich zu begründen.

Ich hatte gestern bei meinem Beitrag über 250 Kommentare zu editieren, da läuft das Internet so nebenher und nur ganz, ganz wenig Liebe ist da zu spüren. Aber unendlich viel Ironie und Zynismus. Wer schreibt den politisch korrektesten Boykotttext, wer regt sich am lautesten über die generellen Fehler der überkommenen Paarbeziehung auf, wer reisst dem System am brutalsten die Maske der Heuchelei vom Gesicht, wer erhebt sich am höchsten über Leute, die auf so einen Marketingtrick von Pralinenherstellern und Floristen der Wahl hereinfallen. Aber ich habe eine Bekannte, von der ich weiss, dass sie an diesem Tag vermutlich keine Blumen bekommt, und sie hat mir gesagt, dass es auch wirklich nicht nötig ist, sie habe schon welche. Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Die eine ist, dass sie ebenfalls zu den Ablehnenden gehört. Die andere ist der Grund, warum ich um vier Uhr auf das Rad steige und losfahre.

Ich setze mich also auf meine Carbonschleuder und fahre durch die milde Luft gen Westen, im Schein der frühlingshaft leuchtenden Sonne. Ich habe kein Mobilgerät dabei, ich radle so dahin und bin unter anderen Menschen, die nichts in ihre Mobilgeräte tippen. Ich sehe viele Paare, Männlein und Weiblein, zusammen spazieren gehen. Manchmal sind sie steinalt, manchmal haben sie ihre Kinder dabei. Ich höre kein böses Wort. Nirgends. Keiner schreit, keiner veröffentlicht Statements, wie man sich an diesem Tage zu verhalten hat, niemand wirft Pralinen empört zu Boden. Ich sehe Menschen. Sie scheinen sich zu mögen. Sie geniessen das Wetter und die Zweisamkeit. Das sieht alles sehr unaufgeregt aus. Ich fahre entlang der alten Apfelbaumallee, der Sonne entgegen, und vielleicht bemitleiden mich auch welche, weil ich wirklich, auffällig, allein unterwegs bin, an diesem Tag. Am Ende der Strasse leuchtet etwas Rotes im Wald.

Jemand hat herzförmige Luftballons aufgeblasen, die aus Kunststoff und daher sicher umweltschädigend und nicht nachhaltig sind. ´Sie haben im Wald nichts verloren. Ausserdem sind das keine echten Herzen wie das blutüberströmte echte Organ, das mir im Internet in den Weg gespült wurde. Es handelt sich also um eine kitschige Inszenierung, ohne Rücksicht darauf, was man mit Aufblasen und Hinfahren und Reduplikation von patriarchalischer Herrschaft gesellschaftlich so alles anrichtet. Ich komme näher, und da sitzen unter den Herzen zwei an einem Bach, machen Picknick, und auf der Decke steht noch nicht einmal “Save the World” oder “All men must die.” Sie sitzen da, kuscheln sich aneinander und sind ganz ohne Internet und der Möglichkeit, über ihr Fehlverhalten zu reflektieren – glücklich.

Wie ganz viele andere Menschen., die ich sehe. Es mag sein, dass es mitunter auch Stress ist, aber es sieht wirklich nicht so aus – sie geben sich dann eben Mühe. Um den anderen. Aus Sympathie, die man im Internet allenfalls für Katzen, Pinguine, Füchse, Migranten und Eulen empfinden darf, damit es politisch zulässig und kein Anlass zum Hohn ist. Menschliche Nähe ohne bissige Bemerkungen und garstiges Verhalten scheint den Menschen hier draußen mindestens so gut zu gefallen, wie anderen Gift und Galle im Internet. Natürlich würde ich auch nicht mit Leuten spazieren gehen wollen, die wegen Trump den Valentinstag abschaffen wollen. Ich will offen gesagt gar nicht wissen, wie es ist, mit Leuten zu schlafen, die daheim Schreine für Stalin und alle Werke des intersektionellen Feminismus haben. Und ganz ehrlich, wer sich an so einem Tag mehr Gedanken über das Schicksal ostafrikanischer Landarbeiter als über das Strahlen in den Augen seiner Liebsten macht – der ist vermutlich Single und verwest irgendwann allein und vergessen vor einem Fernseher des Wahrheitsministeriums, der die neuesten Fakten vom Team Gina-Lisa und der besonderen Ungefährlichkeit der Migranten im Vergleich zum Oktoberfest verkündet, sowie das Verbot der Farbe Pink ausser für Männerröcke.

Genpoolreduktion durch Onlinejournalisten, Facebook und Twitter wäre mal ein gutes Thema, aber ich muss schnell zurück in die Stadt, um beim Floristen meiner Wahl noch etwas zu besorgen, und ich muss auf all die Paare aufpassen, die noch unterwegs sind. Vollgeparkt ist es vor dem alten Biergarten, im Salettl ist offensichtlich eine Hochzeit – wie passend! – und etwas abgehetzt komme ich dann im Blumenladen an. Es sind noch viele Nelken da. Und ganz viele leere, weisse Kübel. Und 4 rosa und 8 gelbrote Rosen. Gleich nach mir betritt noch jemand den Laden, und ich fühle Blicke im Rücken. Blicke, die morden könnten, aus Not. Ich erkläre mein Anliegen – einen Strauss als Erklärung grösster Sympathie, aber nicht als blumengewordene Aufforderung zur Vereinigung – und lasse mir einen Nelkenstrauss machen. “Alle Rosen, die noch da sind”, sagt der Mann hinter mir, als ich meinen Strauss nehme und zur Überprüfung meiner These schreite: Nämlich, dass die Ansage, es sei überhaupt wirklich rein gar nicht nötig, nicht doch eine klitzekleine Erwartungshaltung mit sich bringen könnte, die so aber nach allem, was ich im Internet lesen musste, nicht wirklich zu erwarten war.

Ich habe es gewagt und möchte Sie wissen lassen: Es ist ein Lügeninternet!

Abschliessend möchte ich sagen, dass das Internet eine Filterblase ist, in der sich Menschen offensichtlich viel gefühlskälter, unromantischer und sexuntauglicher benehmen, als es der Rest in der Realität ist. Ich will das nicht weiter beurteilen, vielleicht gibt es einfach eine Schweigespirale, die die Romantischen zum Verstummen bringt, oder manchen schmeckt Toffifee wirklich besser als das, was der Lengmüller kann. Möglicherweise bezahlen Onlinejournalistinnen stolz ihre Kakteen und das geliebte Plankton selbst und planen schon einen Betrag, wie abscheulich Ostern ist, und das Geheuchel zu einem Fest, an das eh keiner mehr glaubt. Viele Möglichkeiten sind so, dass ich sie hier nicht niederschreiben kann, aber was ich wirklich glaube, ist noch nicht mal eine Beleidigung.

Sondern Mitleid mit einsamen, verzweifelten Figuren, die das bekommen, was sie einbringen. Immer an das Gegenteil von dem halten, was in den sozialen Medien steht. Dann wird alles gut.

15. Feb. 2017
von Don Alphonso
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05. Feb. 2017
von Don Alphonso
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Hier sollte ein trumpfeindlicher Text stehen

Es gibt viele Arten, sich mit Donald Trump auseinander zu setzen –  eine unter Deutschen beliebte Art ist es, jemanden zu zitieren, der vor seinem Seitenwechsel überzeugter Feind der Weimarer Republik und NSDAP-Wähler war, und sogar nach dem 2. Weltkrieg wenig Sympathie für Israel erkennen liess. Man kann die bewegte Lebensgeschichte dieses Mannes zwischen U-Booten, innerkirchlichem Widerstand, Haft in Konzentrationslagern und Schuldeingeständnis für die evangelische Kirche eigentlich im Internet nachlesen, sein Name ist Martin Niemöller. Trotzdem wird er jetzt gern im Internet zitiert, mit seinem Spruch, der damit beginnt, dass er nicht demonstrierte, als die Kommunisten geholt wurden, denn er war kein Kommunist, und der damit endet, dass niemand mehr zum demonstrieren da war, als er geholt wurde. Der Spruch ist geläufig, und passt zum aktuell beliebten Aufruf, den Anfängen zu wehren.

valentitrumpc

Mindestens eben so oft wird mir der Link zu einem Beitrag der ZEIT dargeboten, in dem einige – heute rückblickend leicht erkennbare –   Fehleinschätzungen der Machtübernahme von Adolf Hitler und der NSDAP seitens Medien, Intellektueller und Politiker abgedruckt sind. In Kombination sollen der Niemöllertext und die Fehleinschätzungen von 1933 sagen, dass man sich bitte auch bei Trump und seiner Administration nicht täuschen lassen sollte, und wer nicht sofort etwas unternimmt und sich dem Abwehrkampf anschließt, wird es später bereuen. Als Krönung wird dazu noch ein Beitrag eines Googlemitarbeiters verbreitet, der Trump einen Staatsstreich unterstellt. Da muss man doch auch mithelfen, oder? Da darf man auf keinen Fall abseits stehen.

valentitrumpha

Natürlich haben wir heute Internet, und natürlich wären Amerikaner in der Lage, sich ein Bild von den deutschen Bemühungen zu machen, die Welt vor diesem neuen, drohenden Totalitarismus zu warnen, während die Kanzlerin unserem Menschenrechtspartner Erdogan die Hand reicht. Die Zeit hat ihren Beitrag auch in englischer Übersetzung veröffentlicht. Es mag tatsächlich Intellektuelle geben, die die Meinung des Auslands mit in die umfassende Betrachtung der Trumpadministration einfliessen lassen, und natürlich finden sich in den USA viele Aktivisten, die Trump mit Hitler vergleichen, und gewisse Ähnlichkeiten beim Erringen der Macht mit populistischen Methoden sehen. Auch ist es ehrenhaft, aus der Geschichte lernen zu wollen. Nur besteht Geschichte aus mehr als ein paar eindrucksvollen, verlinkbaren Zitaten. Und zur Geschichte des Aufstiegs von Hitler gehört neben der schändlichen Rolle bürgerlich-reaktionärer Kräfte  und der Industriebosse vom Schlag eines Stinnes auch das Verhalten der von Stalin gesteuerten KPD, die unter dem Schlagwort “Sozialfaschismus” die SPD als Hauptfeind bekämpfte und die Weimarer Republik schwächte. Tiefpunkt sind neben Putschversuchen und Strassengewalt fraglos Anträge der KPD im Reichstag, die bewusst so gestaltet wurden, dass auch die NSDAP hätte zustimmen können.

valentitrumpg

Das Risko bei derartigen Vergleichen von Gegenwart und Vergangenheit ist, dass jeder, der einen anderen mit der Geschichte diffamiert, sich dem Risiko aussetzt, im gleichen Kontext verglichen zu werden – und das kann mitunter schlecht ausgehen, egal ob als AfD-Funktionär bei den Türkenkriegen oder SPON-Autor beim Mauerbau. Und wer Trump partout mit Hitler vergleichen möchte, sollte sich auf der anderen Seite vielleicht auch anschauen, wie Progressive auf beiden Seiten des Atlantiks die Gesellschaften in Rechtgläubige ihrer Ideologie und den verdammenswerten Rest gespalten haben – Hillary Clinton hat die Verachtung mit ihrem abwertenden Spruch vom “basket of deplorables” über Trumpanhänger deutlich zum Ausdruck gebracht. Natürlich gibt es auch eine Mitte, die sich den manichäischen Politsekten und Lagerdenken verweigert. Sie bekommt es aber mit einem ausgesprochen intoleranten Linksradikalismus zu tun, der alles, was nicht seinen Maximalforderungen entspricht, als Abweichler brandmarkt und in die Ecke der Faschisten stellt.

valentitrumpf

In Amerika bekamen einige dieser Bemühungen fast schon den Rang einer Staatsdoktrin. Obama erwähnte selbst fragwürdige, aber eingängige und populistische Zahlen zur sexuellen Belästigungen an Universitäten, ein erwiesen unschuldiger Student wurde öffentlich in den grossen Medien als “Rapist” vorgeführt, während die Frau, die ihm eine Vergewaltigung unterstellte, als Heldin, Künstlerin und Vorbild gefeiert wurde. Mit dem Title IX wurden Universitäten von Obama unter Druck gesetzt, in solchen Fällen die Beweise der Anklage stärker als die der Verteidigung zu gewichten, wenn sie öffentliche Gelder erhalten wollten. Auch eine spektakulär aufgeflogene Falschbeschuldigung an der University von Virginia änderte nichts an der Bewegung, die männliche Studenten in einer “Rape Culture” als Gefahr betrachtete, die mit Diversity- und Awareness-Kursen zu erziehen seien. Das Portal Breitbart und dessen Vordenker Milo Yiannopoulos musste die dergestalt bedrängten und diffamierten Studenten dann nur noch einsammeln.

Es gab in diesem harten politischen Klima, ebenfalls unterstützt von den Medien, Hexenjagden auf den Nobelpreisträger Tim Hunt wegen eines selbstironischen Scherzes, auf den Astrophysiker Matt Taylor wegen eines Hemdes, und auf den Evolutionsbiologen Richard Dawkins wegen eines Videos über Feministinnen und Islamisten. Das waren die Tiefpunkte einer Eskalation, die von sogenannten Social Justice Warriors getragen wurden: Nachwuchsakademikern, die von ihren Professoren Triggerwarnungen forderten, wenn Texte wie Shakespeare sie zu traumatisieren drohten, und Safe Spaces, wenn Feministinnen wie Christina Hoff Sommers auftraten, die nicht den neuen Forderungen der intersektionellen Genderideologiwe entsprachen. Free Speech und freie Lehre wurden durch Political Correctness bedroht. Es gibt daher im akademischen Betrieb durchaus namhafte Kreise, die sich nicht auf einer Seite mit den Protesten gegen Trump sehen, die von diesen Aktivisten getragen werden.

Es gab das Gamergate und staatlich massiv protegierte Personen wie Anita Sarkessian, die Nutzer von Videospielen alle nur erdenkbar schlechten Eigenschaften nachsagten und versuchten, die Spieleindustrie auf eine Linie mit den Vorstellungen von Sprachreglementierern und der Inklusion aller gesellschaftlichen Gruppen zu bringen – bei der Entwicklung der Spiele, in den Konzernen und idealerweise auch bei allen Tech Jobs. Obwohl Frauen in den USA – ähnlich wie in Deutschland – eher selten Informatik und mathematische Fächer studieren, wurden mit politischer Unterstützung Quoten und besondere Förderprogramme für alle außer weisse, heterosexuelle Männer gefordert. Letztere hätten nacxh der Epoche des Patriarchats bei den guten Jobs Rücksicht zu nehmen.

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Es gab die in liberalen Medien gefeierte Bewegung “Black Lives matter”, die sich kritisch mit Polizeigewalt gegen Afroamerikaner auseinander setzt. Progressive sehen darin gern einen Wiederaufstieg der Bürgerrechtsbewegung. Andere – und die sind nicht eben selten in den USA – verweisen auf die hohe Kriminalitätsrate unter Afroamerikanern und zitieren Texte von deren Aktivisten, die radikal gegen Weisse sind. Wer auf der Seite der Guten sein will, muss Black Lives matter gut finden. Das tun sehr viele Weisse und vom Antisemitismus abgestossene Juden, aber auch Angehörige anderer Minderheiten nicht, die Polizeipräsenz lieber als Ausschreitungen sehen.

Um auf der Seite der Guten zu sein, muss man vorbehaltlos vieles akzeptieren, und es reicht auch nicht, einfach nur Trump kritisch zu begleiten und wenig freundliche Texte über ihn zu schreiben. Diese Erfahrung musste gerade die Nachwuchsjournalistin Olivia Nuzzi machen, die aufgrund ihrer bissigen Reportagen über Trump gerade einen vorteilhaften Vertrag mit dem New York Magazin bekam. Der Radikalfeministin Jessica Valenti, die sich beim UVA-Hoax hinter die Falschbeschuldigerin stellte und auch sonst zum äusseren Flügel der Bewegung gehört. ist Nuzzi nicht links genug, und warf sie deshalb bei der frohen Nachricht des beruflichen Erfolges einer Frau ihrem Mob zum Frass vor:

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Valenti war auch führend am Women’s March in Washington beteiligt. Die Veranstalter stellten die palästinensischstämmige Islamaktivistin Linda Sorsour mit an die Spitze, und holten Angela Davis in den Beirat. Früher waren Amerikas Juden das Kernklientel der Demokraten, aber speziell Frau Sorsour ist der Grund, warum der sozialistisch-jüdische Forward innerhalb des jüdischen Spektrums recht einsam mit der Aufforderung ist, auch Juden sollten sich hinter ihr versammeln. Sorsour weigert sich, auch nur über den Staat Israel zu reden, steht nicht hinter den Opfern des Anschlags auf Charlie Hebdo und vertritt das orthodoxe Frauenbild des wahabitischen Islams. Wie Angela Davis vertritt sie Positionen, die man in Deutschland am ehesten als Antisemitismus und Judenhass bezeichnen würde. Das liberale jüdische Bürgertum an West- und Ostküste ist die Gruppierung, auf die sich die Demokraten meistens voll verlassen konnten. Für diese gut organisierte Gruppe, die zudem fast geschlossen wählen geht und daher ein grosses Gewicht hat, ist Trump mit seinen teilweise rechtsextremen Anhängern meist alles andere als ein Wunschpräsident. Aber die Proteste gegen Trump werden von Progressiven geführt, die sich bedenkenlos mit Islamistinnen einlassen. Hauptfeind ist und bleibt das weisse, heterosexuelle Patriarchat, und die Partner in diesem Kampf können nicht radikal genug sein.

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Zu diesem Zweck ist eines der zentralen Symbole der Bewegung eine muslimische Frau, die die amerikanische Flagge als islamisches Kopftuch trägt. Es ist möglicherweise als Zeichen der Inklusion gedacht, kommt aber bei manchen als Patronage an: Das Kopftuch möchten säkulare Anhängerinnen des Islams gerade nicht als Zeichen ihrer Überzeugungen sehen, und sie verweisen zurecht darauf, dass es der innerislamischen Diversität als alleiniges Erkennungsmerkmal Hohn spricht. Für die in Amerika nicht seltenen Muslime, die sich lieber in die säkulare Gesellschaft integrieren möchten, die ist Reduktion auf ein religiöses Symbol eine Belastung. Für islamkritische Aktivisten aus islamischen Kulturkreisen ist es ein Akt der Entsolidarisierung auf beiden Seiten der Gesellschaft: Für Trumps Anhänger sind sie wegen ihrer Herkunft pauschal Gefährder, für die Progressiven werden sie durch die Religiösen repräsentiert. Ein linkes Lager, das Männer pauschal als Geschlecht, Wissenschaftler, Juden, Studenten, Leute mit sorgen wegen der Kriminalität und gut verdienende Arbeitnehmer bekämpft, und obendrein die Muslime spaltet, hat nicht mehr allzu viele Freunde.

Gewonnen hat Trump. Und damit offensichtlich genau das, was Linke schon davor in der amerikanischen Gesellschaft dauernd erkennen wollten, wenn es um die Durchsetzung ihrer Ziele ging: Ein machtbewusstes Patriarchat, das sich mit reaktionären Männerbünden umgibt, Geisteswissenschaften benachteiligt und Minister wie Betsy DeVos ernennt, die vermutlich mit der harten Anwendung von Title IX und anderen Safe Spaces für Traumatisierte des Patriarchats aufräumen wird. Trump macht seine Wahlversprechen wahr, und Breitbart-Chef Steve Bannon weiss aufgrund des Erfolgs seiner Seite, wie gross in vielen Gruppen der Gesellschaft der Hass auf die Progressiven ist, die eigentlich mit Hillary Clinton gern zu den Siegern gehört hätten. Es wäre wenig überraschend, wenn die Trumpadministration nun tatsächlich beginnt, den Progressiven das Leben schwer zu machen. Nachdem Milo Yiannopoulos einen Vortrag der der Universität Berkely wegen gewaltsamer Ausschreitungen nicht halten konnte, drohte Trump – ganz im Stil von Obama bei Title IX – vermutlich in Unkenntnis der Lage vor Ort mit dem Entzug der staatlichen Förderung.valentitrumpd

Die Vernetzung der Progressiven in Amerika macht es möglich, einen Women’s March mit rosa Mützen in Windeseile zu organisieren. Der Kern ist eine kleine, radikale, überzeugte und fanatisierte Gruppe mit einem geschlossenen Weltbild, ähnlich wie die KPD in den 20er und frühen 30er Jahren. Und sie haben jahrelang mit ihrer Shitstormkultur allen Andersdenkenden deutlich gezeigt, was sie zu erwarten hätten, wenn diese Gruppe erst einmal an der Macht beteiligt wird. Das hat nicht unwesentlich zur Schwächung des demokratischen Lagers beigetragen, dem die weissen Wähler und auch weissen Frauen mehrheitlich abhanden kamen. Die ZEIT und viele Aktivisten auf beiden Seiten des Atlantiks wollen natürlich, dass man als Journalist allein die Augen auf Trump und seine Politik richtet und jeden Beitrag nutzt, um die Gefahren seiner Regierung zu verdeutlichen. Ich finde da auch vieles befremdlich, aber aller Voraussicht nach wird Trump mindestens 4 Jahre mit breiten Mehrheiten in beiden Parlamenten die Geschicke des Landes führen. Wer das nicht zwei Legislaturperioden lang erleben möchte, muss 2020 genug Wähler finden, die einen Wechsel wollen. So unbeliebt Trump vielleicht auch sein mag: Die Demokraten werden dabei auf die Deplorables zugehen müssen, und das wird nicht leicht, wenn sich ihre Aktivisten im Endkampf zwischen Gut und Böse wähnen. Wer so denkt, wer wirklich glaubt, dass in den USA der nächste Hitler an der Macht ist und das 4. Reich entsteht, sieht nur noch Feinde, wo früher einmal Partner waren. Die KPD gehört übrigens auch zu jenen, die die Lage 1933 völlig falsch eingeschätzt haben, und wer aus der Geschichte lernen will, sollte die verfügbaren Informationen so ideologiekritisch wie möglich betrachten.

Deshalb steht hier kein trumpfeindlicher Beitrag.

05. Feb. 2017
von Don Alphonso
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27. Jan. 2017
von Marco Settembrini di Novetre
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Hier spricht Dein Föhn

Die Älteren unter den Lesern werden sich vielleicht noch an das Märchen von Susi Sorglos aus der Otto-Show erinnern: Susi Sorglos sitzt zuhause und föhnt ihr Haar… mit einem Föhn. Und wie sie so dröhnt und föhnt, da sagt plötzlich jemand: „Hallo, hallo Susi!““He“, sagt Susi Sorglos, „He, wer spricht’n ‚a?“ „Ich.““Wer is ich?“ „Ich, dein Föhn.““Mein Föhn kann sprechen?“ „Genaaau…““Das‘ aber schön, mein lieber Föhn.“ „Du, Susi?““Ja?“ „Ich liebe dein goldenes Haa‘! Ja, ja!““Wie schön du das sagst, mein lieber Föhn!“ Und Susi Sorglos streicht sich durch ihr goldenes Haar.

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Nun war im Januar eine große Computermesse in Las Vegas, und wenn man den Berichten von dort glaubt, dann nähern wir uns rasant dem Zeitpunkt, an dem solche Märchen wahr werden. Da rollt eine ganze Welle von smarten Gerätschaften auf uns zu, die mit uns in Dialog treten wollen. Ein Gastautor der Fachzeitschrift “Horizont” hat sich auf der Messe umgesehen und ganz erstaunliche Dinge gesichtet. Da gab es Duschköpfe, die mit Farbspielen signalisieren, wenn zuviel Wasser verbraucht wird, smarte Mülleimer, die beim richtigen Recyceln unterstützen und sogar Einkaufslisten erstellen können.

Ein klassischer Dauerbrenner bei solchen Veranstaltungen ist der intelligente Kühlschrank. Dank der sogenannten „FridgeCam“ hat der Besitzer jederzeit und von überall aus den Durchblick, was sich in seinem Kühlschrank befindet. Was sich aus den vorhandenen Vorräten zum Abendessen zaubern lässt, verrät der Assistent “Smart Chef”, und natürlich behält der intelligente Kühlschrank auch den Überblick darüber, welche Lebensmittel noch wie lange verwendbar sind. Hier liegt der sprichwörtliche Hase im Pfeffer: Just dieser Tage vermeldete der WWF, dass allein in Deutschland jedes Jahr rund 18,4 Millionen Tonnen an Nahrung im Müll landen. Etwa zehn Millionen davon seien bereits heute vermeidbar – ohne den Einsatz neuer Technologien, wie eine WWF-Referentin Sprecherin in Berlin mitteilte.

Die Annahme, dass sich dieser Einspareffekt mit smarten Technologien noch weiter steigern lässt, scheint mir nicht allzu verwegen. Allerdings frage ich mich, wieviel Aufwand es erfordert, den gesamten Kühlschrank-Inhalt permanent zu inventarisieren. Klar, das System kann sicher Etiketten und Barcodes einlesen, aber was ist mit den Resten und ungelabelten Dingen, die ich in Tupperschüsseln packe? Was weiß der smarte Kühlschrank über eine Porreestange vom Wochenmarkt ohne RFID-Chip oder Barcode? Woher will der Kühlschrank wissen, wie lange ich den Rest vom Kartoffgelgratin maximal aufheben kann? Und dann haben wir über mein eigentliches hauswirtschaftliches Problem noch gar nicht gesprochen: Nicht einmal der tollste Mainframe-Großrechner könnte zuverlässig vorhersagen, ob meine Frau und meine Tochter auch tatsächlich Lust darauf haben, was der “smart chef” aus dem Vorhandenen so alles zaubern könnte. Egal, mit welchem Genuss ein Gericht gestern frisch gegessen wurde, wenn ich heute oder spätestens morgen die Reste servieren möchte, gibt es lange Gesichter.

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Nicht totuzukriegen ist anscheinend auch die Vision vom Kühlschrank, der Bescheid gibt, wenn wichtige Dinge zur Neige gehen. So träumt der Horizont-Gastautor von einer Smart-Fridge-Handy-App, die weiß, dass er seine Milch in der Regel bei Rewe in der Müllerstrasse kauft und ihn daran erinnert, wenn er gerade um die Ecke ist. “Der smarte Kühlschrank kennt die Produkte, die sich Woche für Woche in ihm befinden und erstellt mir eine Einkaufsliste fürs Handy, sobald sie ausgehen.” Nun ja, ich sage nicht, dass so etwas völlig nutzlos wäre, aber ich für mein Teil habe das rechtzeitige Wiederauffüllen der Schnelldreher wie Butter, Milch, Fruchtaufstrich und dergleichen inzwischen so routinemäßig internalisiert, dass mir eine Umstellung der Planung auf die Kombination Smartphone/smarter Kühlschrank keine nennenswerten Effizienzgewinne verheißt.

Doch spätestens wenn eine smarte Haarbürste als der letzte Schrei gepriesen wird, langt sich unsereins an den Kopf. Was soll die denn können? “Meinen Haarwuchs und meine Haareigenschaften analysieren und direkt auf meinem Handy auswerten”, heißt es in dem “Horizont”-Messebericht. Wer’s braucht. Bei mir gibt es da nicht viel zu analysieren, die Haare wachsen so regelmäßig, dass ich alle vier bis sechs Wochen zum Friseur muss. Ich kann da nicht dran ziehen, dass sie schneller wachsen, und verlangsamen lässt sich der Vorgang auch nicht, also bitte, was soll ich mich mit meinem Handy darüber unterhalten? Nach einem Bericht von heise online steht es um die Sicherheit solcher “internet of things”-Gerätschaften ohnehin nicht zum besten. So waren kürzlich über eine Million IoT-Geräte wie z.B. IP-Kameras zu einem Botnet zusammengeschaltet, das mit einer DDOS-Attacke diverse US-Dienste lahmlegte. Nicht auszudenken, wenn sich Putins Schergen oder die Nordkoreaner in die smarte Haarbürste reinhacken und die Nutzer plötzlich alle Schuppen oder Spliss kriegen.

Aber wir wollen hier nicht schwarzmalen. Der Wunsch, mit Hilfe intelligenterer Gerätschaften ein besseres, ökologischeres und nachhaltigeres Leben zu führen und seine Verbesserungspotenziale auszuschöpfen, ist zutiefst menschlich. Und den Geräteherstellern und App-Programmierern ist kein Vorwurf daraus zu machen, dass sie dieses Bedürfnis befriedigen. Die Sorge der Politik scheint denn auch eher zu sein, Deutschland könnte hier den Zug der Zeit verpassen. So ließ die Bundeskanzlerin dieser Tage verlauten, übertriebener Datenschutz dürfe nicht dazu führen, dass Deutschland zu einer Art Entwicklungsland werde.

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Diese Sorge muss man sich wohl eher nicht machen, wenn ich sehe, wer mittlerweile alles mit Fitness-Armbändern und Schrittzählern herumläuft und sein Radtraining mit Strava, Komoot & Co. dokumentiert. Wenn das virtuelle Bootcamp mit dem Druck von digitalen drill instructor wirklich die Welt ist, in der wir leben wollen, dann sollte uns keine Produktidee zu trivial oder abwegig sein. Dann her mit der smarten Klobürste, die anhand der Bremsspuren meine Ernährungs- und Verdauungsgewohnheiten analysiert und per Standleitung mit meinem Proktologen und mit meiner Krankenkasse kommuniziert. Dann brauchen wir auch smarte Kondome, welche die Klassiker-Frage “wie war ich?” objektiv und ohne falsche Rücksichtnahme beantworten. Der Performance-Auswertung sind da keine Grenzen gesetzt, und besonders smarte Verhüterli können dem Benutzer ja vielleicht eine SMS schicken, wenn die Partnerin gekommen ist. Susi Sorglos hätte da bestimmt auch ihren Spaß.

27. Jan. 2017
von Marco Settembrini di Novetre
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25. Jan. 2017
von Don Alphonso
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Die Mutter aller alternativen Fakten

Prinzipiell sind sich alle ernstzunehmenden Medien auf beiden Seiten des Atlantiks einig: Trump hat zwar die Präsidentschaftswahlen gewonnen, und die Republikaner die Mehrheit in beiden Häusern. Aber Hillary Clinton hatte absolut mehr Wähler, und zu Trumps Amtseinführung kamen deutlich weniger Menschen als bei Obama. Beides wollte Trump nicht gelten lassen, und polterte bei Twitter los. Bei der Frage der Besucher seiner Amtseinführer schickte er seinen Pressesprecher vor, der Trumps Sicht bestätigte, und im Netz als neuer Comical Ali verlacht wurde. Später trat Trumps Beraterin Conway auf und benannte die offensichtliche Unwahrheit mit dem Neusprech-Wort “Alternative Facts”. Die Trump-Administration hatte ihre erste grosse PR-Pleite – bei denen, die über sie lachten. Das kleine Problem bei der Frage nach den Auswirkungen solcher Skandale ist allerdings die Wirkung auf jene, die Trump nicht verachten oder auslachen, sondern ihn offensichtlich genug schätzen, dass sie ihn zum Präsidenden der Vereinigten Staaten gewählt haben. Stimmberechtigte, die über social Media Accounts verfügen und zu Trump eine generell alternative Sichtweise haben. In etwa so:

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Und die sich voll bewusst sind, dass die Macht zumindest für die nächsten vier Jahre nicht bei den Medien oder Hillary Clinton oder der demokratischen Partei liegen wird:

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Es geht um Menschen, die in den USA von Präsident Obama kein neues Paradies sehen, sondern den Eindruck hatten, zu den Verlierern des Aufschwungs in den grossen Städten an der Küste zu gehören, und denen Trump mit seiner Inaugurationsrede über die benachteiligten Regionen aus dem Herzen sprach:

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Und es geht um Internetnutzer, die Bilder hochladen können und darin ihrer Verachtung für Medien ungezügelt Ausdruck verleihen. In der Vergangenheit beim Buzzfeed-Dossier über die angebliche Erpressbarkeit von Trump durch die russische Regierung:

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Und in der “Alternative Facts”-Gegenwart von Frau Conway, in der Trumpunterstützer sie geradezu anfeuern, die Medien – oder wie Trump sie nennt, Fake News – scharf anzugehen:

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Denn natürlich gibt es auch Alternative Facts für Republikaner – und sie sehen nicht nur so aus, sie sind sogar nicht ganz unwahr:

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Sie dürfen an dieser Stelle zugeben, dass Sie zumindest einen Moment in Versuchung waren, ein Lächeln über Ihre Lippen huschen zu lassen. Das ist der Obolus für den Zugang ins Reich der Alternative Facts, die wir uns nun anschauen werden, um ein Gefühl für jene Menschen zu bekommen, die es zu überzeugen gilt, soll Donald Trump nicht vier, sondern acht Jahre lang die Geschicke der USA lenken. Beispielsweise erfährt man aus den klassischen Medien vom durchschlagenden Erfolg des Frauenmarsches auf Washington und ihre feministischen Anliegen. Dazu gibt es auch eine alternative Sichtweise, die man in den klassischen Medien selten erwähnt.

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Nicht nur dieses Bild zeigt eine andere Realität, auch die Motivation der Vorreiterinnen des Marsches wird leicht verständlich hinterfragt.

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Alternative Sichtweisen gibt es allerdings auch für Trump selbst – und das mag ein wenig erklären, warum die Idee, Fake News seiner Verehrer mit Aufklärung und Fakten zu begegnen, möglicherweise nicht sonderlich effektiv ist.

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Um sie zu bekehren, müsste man erst einmal die messianische Verehrung durchbrechen. Seine Anhänger verbreiten Bilder von Trump als Heiligen und von einem trumpfreundlichen Journalisten als Drachentöter gegnerischer Medien in einem Kirchenfenster:

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Natürlich überschreiten diese Graphiken nicht das geistige Niveau einer Biblia Pauperum des späten Mittelalters. Dennoch haben sich die Ersteller bei diesen Bildern wirklich Mühe gegeben. Diese Form der Propaganda ist weitaus mehr als schnell generierte Memes. Es gibt Trump als gütigen Vater der Nation zu Weihnachten:

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Und natürlich auch ein Gegenbeispiel für Hillary Clinton und ihre wenig religiösen Mitstreiter, was in den USA bei weiten Teilen der Bevölkerung schlecht ankommt:

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Es gibt Trump als Sagengestalt, die notfalls auch alleine ohne verräterische Medien in den Krieg rennt und Monster erschlagen wird:

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Man merkt bei diesen und anderen Graphiken auch, dass wallendes Haar im Gegensatz zur üblichen Darstellung in den Medien eher Attribut der Stärke denn Preisgabe zur Lächerlichkeit ist, wie etwa bei Supertrump:

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Mein persönlicher Favorit des eigenen lustvollen Schauderns ist allerdings Trump Stumpem 3D – man redet in Deutschland gerne über die enthemmte Mitte, das ist die amerikanische Version.

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Kenner sehen darin eine Adaption des Spiels Duke Nukem, voll mit zerschossenen Gegnern, Stripperinnen und Akte barbarischster Natur. Diese Rückgriffe auf gewaltverherrlichende Videospiele, Filme und andere Formen von Populärkultur sind keineswegs Zufall: Oft geht es den Erstellern bei 4chan und reddit und den Verbreitern in sozialen Netzwerken um das “Triggern” der Gegner, die durch die Bilder abgeschreckt und verhöhnt werden sollen. Diese Haltung und der Umstand, dass viele das nach Jahren gefühlter Unterdrückung durch Ostküstenhumanismus wirklich gut finden, sorgen für ein offensives Klima, das mit Nachrichten über die Realität kaum zu durchdringen ist. Oder wie soll man gegen so ein Bild argumentieren?

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Trump ist hier als amerikanische Ikone des Minuteman dargestellt, das jedes Kind in den USA kennt: Der Revolutionär im Aufstand gegen die Briten, der innerhalb einer Minute kampfbereit und marschfähig ist. Wer so etwas macht oder verbreitet, sucht nicht die Wahrheit der Medien, sondern die Vorstellungswelt eines Landes, das autonom, stark und selbstbewusst ist. Und diese revolutionäre Warte der physisch und moralisch Überlegenen wird dann auch für seine Anhänger in Anspruch genommen:

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Während man für die Gegner nur Verachtung und Bilder der verhassten alten, weissen Männer übrig hat:

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Diese Bilder erscheinen dem Medienkonsumenten, der allein das Bild von Trump und den Seinigen aus den Medien kennt, als fern jeder Realität. Sie stellen alternative Fakten eines eigenen, in sich geschlossenen Weltbilds dar, und dahinter stecken nicht vergessene Farmer in Iowa oder Nazikleinstparteien in Kentucky, sondern Leute, die sich für “ordinary American People” halten: Männer, Frauen, Studenten, Verschwörungstheoretiker, die bis heute an das Pizzagate glauben, und junge Damen, die überhaupt nicht arm, abgerissen und abgehängt wirken.

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Das – und nicht die Menge der Anwesenden bei der Amtseinführung – ist der Kern von Trumps Erfolg, und die Wähler, die das in die Welt setzen, sind überraschend oft junge Frauen. Wer die Welt so sieht, sieht in Medien keine Aufklärung und Wahrheit, sondern einfach nur Alternative Facts und Fake News. Trumps Aufstieg zur Macht war begleitet von Fact Checking Offensiven und Beurteilungen durch Experten, die den Wählern erklärten, dass Trump keine neuen Jobs schaffen wird und das Land in die Isolation und ins Verderben stürzen wird. Was man tun konnte, wurde getan, mit dem Ergebnis, dass Trumps Anhänger einfach alles ablehnen, was nicht in ihr Weltbild passt. Medien und Gegner liefern genug Steilvorlagen: Der trumpkritische Sender CNN behauptete, die ebenfalls trumpkritische Nancy Sinatra würde es ablehnen, wenn bei der Amtseinführung ein Lied ihres Vaters Frank Sinatra gespielt wird. Darauf meldete sich Nancy Sinatra selbst bei Twitter zu Wort und bestritt mit einer inzwischen wieder gelöschten Meldung, etwas in dieser Art gesagt zu haben.

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So sieht das mit den Alternative Facts dann bei Google News aus. Es ist für jeden etwas dabei, und jede Seite wird ein gewisses Mass Verachtung für die Medien der Gegner und ihre alternativen Ansichten empfinden.

25. Jan. 2017
von Don Alphonso
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20. Jan. 2017
von Don Alphonso
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Porno-Glanz und iranisches Elend der Social Bots

Neben Hate Speech und Fake News gehören “social Bots” zum Triumvirat der politisch geächteten Propagandawaffen: Programme, die gefälschte Accounts bei Twitter erstellen und dort mit automatisierten Aussagen die Meinung der Internetnutzer beeinflussen, gelten manchen Beobachtern als wichtiges Mittel der Stimmungsmache bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Eingesetzt wurden sie von beiden grossen Parteien, ihre tatsächliche Wirksamkeit ist jedoch umstritten. In den von Wikileaks veröffentlichten Mails des demokratischen Wahlkampfleiters John Podesta spielen sie keine Rolle. Podesta hat offensichtlich vor allem auf die Macht der klassischen Medien gesetzt, während Trump mit seinem viel beachteten Twitteraccount mit Grossbuchstaben und Ausrufezeichen sein eigenes, durchschlagendes Medium betrieb.

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In Deutschland haben dennoch alle grossen Parteien erklärt, auf solche Methoden bei der anstehenden Wahl verzichten zu wollen. Dabei wäre das Problem eigentlich gar keines, wenn sich Twitter nur an seine eigenen AGB halten würde: Die Firma, die immer wieder Exempel an politisch umstrittenen Personen wie Milo Yiannopoulos oder Anhängern der Alt-right-Bewegung statuiert, ist erstaunlich tolerant, wenn auch grobe Verstösse durch Bots begangen werden.

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Das hier etwa ist die grosse Familie Holm: Dutzende von Accounts angeblicher Mädchen, die den Nutzer in schneller Folge dazu einladen, auf Links zu klicken, hinter denen sexuelle Handlungen in Filmen zu sehen sein sollen. Die Familie Holm bekommt nur selten korrekte Sätze über die Lippen, vermischt Sprachen und agiert mit beliebten Schlagworten. Fast minütlich erschweren sie Journalisten die Suche, die wissen wollen, was über den Berliner Politiker Andrej Holm im Netz geschrieben wird. Die Verstösse gegen die Regeln sind offensichtlich. Irgendwer benutzt Twitter als Basis für die Bewerbung seiner fragwürdigen und unsicheren Seiten im Netz. Die Grossfamilie Holm wäre leicht zu identifizieren und zu löschen, aber Twitter lässt sie gewähren. Statt dessen hat der Konzern ein Gremium installiert, das den Wünschen der Politik und Lobbys nach Einfluss auf die Löschpolitik entgegen kommt. Von deren Fixierung auf Hate Speech, Feminismus und Antirassismus profitieren dann andere Botbetreiber:

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In den letzten zwei Jahren wurde Twitter nach islamistischen Anschlägen im Westen von Bots geflutet, die an zwei Hashtags erkennbar waren: #commonworry und #letter4you. Dahinter verbergen sich offensichtlich Helfer der schiitische Staatsführung in Teheran, die einen digitalen Mehrfrontenkrieg um die Deutungshoheit führen will: Einerseits im Kampf gegen die USA und die “Zionisten”, die in ihren Augen Aggressoren sind, und andererseits gegen sunnitisch geprägte Staaten und ihre Verbindung zum wahabitischen Terror des IS, den der Iran im Syrienkonflikt auf der Seite Assads auch mit Waffen und Soldaten bekämpft. Nach jedem grösseren Anschlag klemmten sich die digitalen Handlanger des Iran hinter die populären Hashtags wie #Parisattacks und erklärten den westlichen Lesern, es gäbe einen Brief des iranischen Revolutionsführers – letter4you – für sie. Darin schreibt Sayyid Ali Khamenei der europäischen Jugend, dass der Terror eine gemeinsame Sorge – commonworry – und man im Schmerz vereint sei. Der Iran verstehe das Leiden, schließlich sollen die Muslime auch unter dem Terror der Koalition des Westens und seiner Terrororganisationen leiden.

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Die Figuren, die diese Propaganda mit drastischen und teilweise sicher den Twitter-AGB widersprechenden Bildern verbreiten, sind entweder religiöse Fanatiker, oder Accounts, die nichts anderes tun, als Khamanei als Führer der islamischen Welt und dessen Ziele zu preisen. Oft haben sie viele Follower, die ebenfalls nichts anderes tun. Es sind offensichtlich zumindest Fake Accounts, vermutlich aber gesteuerte Bots, und es geschieht so offen, dass auch eine Agentur dahinter erkennbar ist: Purestram-Media ist für viele der bunten Bildchen verantwortlich, die das Netz überfluten, und man macht aus der eigenen Vision keinen Hehl:

Spread the message of Prophet & Ahlulbayt (A)
Pave the path for the reappearance of Imam Al-Mahdi (ATFS)
Form An Islamic Ummah based on the spirit of true Islamic Unity
Destroy the system of Global Arrogance, starting with the illegitimate Zionist entity
Propagate the Islamic Awakening
Motivate all true seekers of justice to act, expose, weaken, and destroy the enemy
Export the Islamic Revolution
Introduce Pure Islam to those who have been fooled by the media
Be an alternative voice to the “mainstream” deceptive media
Introduce & establish Islamic Civilization

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Dafür gibt es auch eine Kategorie „Death to Amerika“. Das wird nicht heimlich in einem verborgenen Bürogebäude in Teheran propagiert. Es steht ganz offen im Internet. Diese Leute dort kombinieren das Hakenkreuz mit dem Davidstern, möchten islamische Revolution exportieren, hassen die herkömmlichen Medien, und wollen im 21. Jahrhundert und mit dessen Methoden dem Mahdi den Weg bereiten. Sie tun das, indem sie reichlich pietätlos bei Anschlägen behaupten, dahinter stünde der Feind Israel. Und Twitter könnte das Problem ganz leicht lösen, indem es auf seine Regeln verweist und jeden Account suspendiert, der die fraglichen, eindeutig Propaganda und Hate Speech verbreitenden Hashtags verwendet – zumal der Iran ohnehin versucht, seine Bürger von der Benutzung von Twitter abzuhalten. Offensichtlich lässt Twitter Teherans Helfer gewähren.

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Und möglicherweise ist das auch nicht wirklich schlimm, denn so viel Mühe sich die Helfer des  Iran sich auch geben, die westliche Jugend zu erreichen: Der erkennbare Effekt der Viralkampagne ist minimal. Solche Einlassungen werden meist nur von Accounts retweeted, die selbst derartiges Material verbreiten. Es gibt keine westlichen Twitteraccounts, die das nach Anschlägen aufgreifen und Khamenei für seine Weisheit loben, oder den Mahdi erwarten. Vermutlich wird das iranische Regime Opfer einer Fehleinschätzung: Im Westen werden sunnitische und schiitische Strömungen und ihre erbitterten Konflikte mehr als “Ummah”, als islamische Einheit aufgefasst, als ihnen lieb sein kann. Es ist zwar zutreffend, dass der Terror des IS von radikalisierten Sunniten begangen wird, aber auch der Ruf der radikalen Schiiten und ihrer Terrororganisationen ist im Westen nicht viel besser. Die Führung im Teheran möchte sich mit den Methoden des Internets von Al Kaida und IS absetzen. Sie dringt damit aber nicht durch. Ausser vielleicht mal bei einem verwirrten Antifa-Account, der seine Botschaften im Trump-Stil verbreitet.

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Der Iran hat wie viele Organisationen begriffen, dass er etwas für seinen Ruf im Netz tun muss. Man investiert in Graphiksoftware und Übersetzer, und hängt sich wie ein Spammer an Hashtags dran, die die Weltöffentlichkeit erreichen. Die Kampagne erschafft eigene Hashtags und versucht, die Nutzer auf ihre Seite zu ziehen. Es ist nach allem, was man erkennen kann, eine krachende Pleite, und es ist gleichzeitig möglich, weil Twitter es übersieht, toleriert oder erlaubt. Es ist wirklich harte Propaganda, es vereint gezielt Hate Speech, Fake News und social Bots. Die Agentur hinter Purestream-Media nennt sich Purvutek und hat noch mehr Projekte für internationale Zielgruppen, und sogar bunte Leistungsbeschreibungen mit abgerundeten Ecken.

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Das kann laufen, weil die Löschpraxis und Suspendierung von Accounts bei Twitter erkennbar nur dann funktioniert, wenn es im Westen Druck von Politik, von der Politik bezahlten NGOs und mit den NGOs teilweise verbündeten Medien gibt. Twitter reagiert auf gesteuerte Kampagnen, einzelne Nutzer durch massenhaftes Blocken auszuschalten, und Twitter hat durchaus Möglichkeiten, Texte mit fragwürdigen Hashtags unsichtbar zu machen. Das funktioniert, wenn Wikileaks im Wahlkampf unerquickliches Material über die Demokraten verbreitet, aber es funktioniert nicht, wenn der Iran bei Terroranschlägen unerquicklichen Hass auf Israel und die USA verbreitet.

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Zum Glück sind die Nutzer offensichtlich schlau genug, solchen Bestrebungen nicht auf den Leim zu gehen. Der Twitteraccount von commonworry hat über 31000 Tweets abgesetzt – und nur 40 Follower. Vermutlich hat das auch der Iran mittlerweile verstanden, denn beim Anschlag auf dem Breitscheidplatz verzichtete er darauf, Nutzer mit seinen Briefen zu belästigen. Manchmal regelt sich so etwas von selbst, ohne Gremien, Task Forces und Medienberichten, die begrenzte Netzphänomene als neue, schreckliche Bedrohung der Demokratie aus dem Internet darstellen. Leute, die auf unsichere Pornolinks klicken oder am Wegesrand des Mahdi stehen wollen, wird es immer geben. Aber die Meinungsbildung in Gesellschaften ist reichlich komplex, und speist sich aus vielen Informationsquellen. Und da sind social Bots möglicherweise nicht effektiver als deutsche Abwehr-Organisationen wie Correctiv oder Schmalbart, die bei der Bekämpfung von Fake News und Hate Speech ebenfalls Letter4you mit der richtigen Weltsicht haben, und als humanoide social Bots eine politisch gewünschte Agenda zur Steuerung von Meinung bedienen.

20. Jan. 2017
von Don Alphonso
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19. Jan. 2017
von Don Alphonso
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Der Todeswunsch als beliebtes Mittel des politischen Diskurses

Dieser Beitrag widerlegt durch sein Erscheinen eine Verschwörungstheorie des jüngst verstorbenen Autors Udo Ulfkotte:

Am Mittwoch gab es (laut Buschtrommeln) ein Treffen von einigen Verlegern im Frankfurter Hof zu dem Buch, bei dem ein gemeinsames Vorgehen abgesprochen werden sollte. Ergebnis: Journalisten, die darüber berichten (egal wie) werden von einigen Medienchefs als nächste auf die Entlassungslisten gesetzt. Manche Journalisten ahnen das offenkundig und mailten mir, dass sie nicht über den Inhalt des Buches (auch OHNE Erwähnung des Autors oder Titels) berichten könnten

Es geht um seinen Bestseller “Gekaufte Journalisten”, in dem Udo Ulfkotte den Journalismus im Allgemeinen und die FAZ im Besonderen kritisiert – an meinem früheren Chef Frank Schirrmacher arbeitete sich Ulkotte besonders gern ab, und nun müsste ich, hätte er recht gehabt, eigentlich entlassen werden. Wenn ich Ulkottes kryptische Andeutungen in dem verlinkten Forum, in dem er unter “udo” schreibt, richtig verstehe, ging es ihm in zumindest einem Fall auch um meine Texte zum Bundespräsidenten a.D. Christian Wulff.

hochfd

Zu sagen, dass Ulfkotte kontrovers war, wäre eine deutliche Untertreibung. Es gibt tatsächlich etwas, das ich als inneren Ulfkotte bezeichnen würde, einen Drang in vielen Journalisten, die sich von der Schlüssigkeit hingebogener und sorgsam ausgewählter Indizien überzeugen lassen, und alles, was ihnen widerspricht, ausblenden – den muss man bekämpfen. Ulfkotte hat ihm freuen Lauf gelassen und oft nur gesehen, was er sehen wollte. Er hatte schon eine Filterblase, als es den Begriff und soziale Medien noch gar nicht gab, er sah dauernd dunkle Mächte am Werk. Die Prozesse, Streitereien, Konflikte und Demonstrationen um sein Werk bestätigten ihn. Zwischentöne sucht man vergeblich – Ulfkotte sieht sich, wenn man ihn ungefiltert im gelben Forum liest, wie ein Mann, der wirklich glaubt, er riskiere mit seinem Tun sein Schicksal und das seiner Familie. Wer so weit ist, wer sich so mit dem Rücken gegen die Wand fühlt, der scheidet nur noch in Freunde, die ihn unterstützen, und den Rest. Die einen erkennen die Wahrheit, seine Wahrheit, die anderen nicht. Und dann gibt es natürlich noch seine Erzfeinde, die sich verschworen haben, ihn aufzuhalten. Jetzt ist er mit 56 Jahren einem Herzinfarkt erlegen. Viel zu früh, sagt man da in Bayern.

Man sagt bei uns nie “gerade rechtzeitig” oder “deutlich zu spät”. Im schlimmsten Fall sagt man, dass jemand nun seine Ruhe habe. Bei Ulfkotte, der fraglos eine einflussreiche Person im Lager des den Islam vehement ablehnenden, rechten Lagers gewesen ist, lauteten die Wortmeldungen im Internet häufig anders: Da war durchaus die ein oder andere Stimme zu vernehmen, die seinen Tod sarkastisch kommentierte, sich über ihn lustig machte oder den Tod gleich feiern wollte. Ulfkotte war sicher ein Fanatiker, aber sonderlich gelassen erscheinen auch jene nicht, die seinen Tod begrüssten. Ich würde zwar auch sagen, dass es jenseits von Vertretern anderer und oft auch radikaler Meinung wirklich verbrecherische Menschen gibt, deren Ende die Welt objektiv betrachtet nicht hässlicher macht. Aber gestern wurde ich sowohl von Anhängern von Björn Höcke als auch von Fans von Andrej Holm als Lügenpresse bezeichnet: Die tiefer reichenden Ursachen, die einem Ulfkotte seinen Sensationserfolg und der geschichtsvergessenen Linken einen Helden bescherten, sind sicher nicht ausgestorben. Ulfkotte baute seinen Erfolg auf einer Glaubwürdigkeitskrise und Verachtung für Eliten auf, die ungeachtet seines Todes fortbestehen und nun von seinen Nachfolgern weiter bespielt werden.

hochb

All diese Willkommensgrüsse an den Tod, die auch die inzwischen üblichen Drohungen mit Mord und Gewalt beinhalten, sind vermutlich dem Medium Internet und der Veränderung der Lebensrealität geschuldet: Es gibt viele, die wirklich im Netz leben. Die eigentümliche Konstruktion dieses Kommunikationsraumes, in dem Existenz ausschließlich durch Teilnahme definiert wird, degradiert den Tod vom absoluten Ereignis zu einer unter vielen Möglichkeiten, warum jemand nicht mehr online ist. Junge Menschen haben heute gar keine andere Wahl mehr, als dauernd zu kommunizieren, wenn sie im Bewusstsein der anderen existieren wollen. Bei Gegnern gibt es dagegen so eine “Hauptsache weg”-Mentalität, bei der es einfach darum geht, dass sie den Kommunikationsraum nicht mehr betreten können. Um hier nicht wieder darüber zu schreiben, wer mich in Sachen Holm gern entlassen sehen würde: Bei der grünen Böll-Stiftung zum Beispiel schlugen Feministinnen vor, dass sie gern ein Verbandsklagerecht gegen das “rassistische Patriarchat” haben möchten, mit dem Ziel, Kritikern zwei Jahre Internetverbot zu verpassen, weil sie angeblich “digitale Gewalt” erleiden. Es sind die Netzfeministinnen, die in aller Regel keinen Wort des Bedauerns in die Tastatur bekommen, wenn der Täter bei einer Sexualstraftat kein Angehöriger der Kategorie weisser, privilegierter Mann ist. Die Aktivistinnen sind so in ihrer privilegierten Filterblase gefangen, dass sie tatsächlich die digitale Gewalt als ein Problem ansehen, das mit extrem weitrechenden Eingriffen in die Grundrechte bekämpft werden muss. Für Journalisten, die sie kritisierten, würde das einem Berufsverbot gleichkommen. Das sind nicht Themen der Saufabende von Neonazis bei Rechtsrock im Thüringer Wald, das war eine offizielle Veranstaltung der parteinahen Stiftung einer Partei, die ab September in Deutschland gern regieren möchte.

Bezeichnenderweise kamen einige der härtesten Ansagen zum Tod von Ulfkotte aus dem erweiterten journalistischen Umfeld dieser Kreise. Eine Beteiligte entschuldigte sich danach, indem sie erklärte, sie hätte sich von Ulfkotte und seinen Schriften und Thesen bedroht gefühlt. Es geht nach dem Ausnüchtern der Autorin im Kern gar nicht darum, dass der betreffende Gegner wirklich physisch tot ist, sondern einem und der eigenen Wahrnehmung nicht mehr zur Last fällt. Das wiederum zeugt von einem sehr gefestigten Weltbild, und was man für inakzeptabel hält, damit es Bestand haben kann: Andere Meinungen, andere Ansichten, andere Personen, andere Lebewesen, das alles ist nur noch ein Nick, ein Avatar, eine Zeichenabfolge im Internet, die irgendwie weg muss. Ich glaube nicht, dass die, die mich in Kommentaren bedrohen, es ernsthaft versuchen würden, wenn sie mich beim Holzhacken sehen würden. Sie sehen in Ulfkotte auch nicht den vermutlich Verzweifelten, der glaubt, die ganze Welt habe sich gegen ihn verschworen, und der hinter jeder legitimen und methodischen Hinterfragung sofort einen Angriff Eurabiens vermutet. Sie sehen in Ulfkotte eine Gefahr, eine Bedrohung, und die ist jetzt weg. Dass es sein Tod ist, wird teils billigend, teils zustimmend in Kauf genommen.

hochfa

Die Bilder weiter oben sind von einem Ort, von dem ich weiss, dass manche dieser Personen ihn nie sehen werden – mit manchen war ich früher bekannt. Sie haben kein Interesse am Bergsteigen, und schon gar nicht dort, wo ich war, am Pfitscher Joch. Der Tod ist dort oben am Alpenhauptkamm nie weit weg. Fünf Wochen nach meinem Bild wurden am Hochferner vier Kletterer von einer Eislawine erschlagen, vor zwei Wochen stürzte dann eine Frau dort drüben 150 Meter in den Tod. Die Tafel, die die Eltern eines “Wolfi” aufgestellt haben, ist schon voll mit den Namen anderer Verunglückter. Gehalten habe ich an dieser Stelle auf 1900 Metern Höhe, weil meine Felgen vom Bremsen heißgelaufen waren, und hinter dem Ortlermassiv war schon die Sonne untergegangen. Es geht da sehr steil bergab, ein Meter weiter rechts, eine Sekunde zu spät gebremst, und man bricht sich alle Knochen und erfriert allein in der Bergnacht. Ich bin nicht mehr der Jüngste, in meinem Alter hat man schon recht viele Beerdigungen besucht, die Einschläge kommen näher und das “er war doch noch gar nicht so alt” sagt man viel öfters, als einem lieb sein kann. Das Internet ist ein Ort, an dem man schlimmstenfalls vom Sofa fallen kann, an Chips erstickt oder auf der Maus ausrutscht – wer hier oben ausrutscht, rutscht 700 Höhenmeter bis in den Talgrund. Im Internet ist man alterslos und zumeist frei von Gebrechen, aber die anderen Erfahrungen mit der Endlichkeit, die kommen schon noch.

Natürlich gab es Shitstorms gegen jene, die Ulfkottes Tod bejubelten, aber mir würde außer dem Vorwurf der Pietätlosigkeit noch etwas anderes in den Sinn kommen: 56 Jahre, das ist tatsächlich früh. Das ist eigentlich zu kurz, um ein Leben so gehetzt auf Foren und Webseiten zuzubringen, wie es Ulfkotte offensichtlich gemacht hat, oder bei Prozessen und Anwälten. Diese dauernde Erregung bei zu wenig Bewegung und Entspannung, das ist einfach nicht gesund. Ulfkotte war nicht nur in seiner Filterblase so gefangen wie andere, die seinen Tod begrüssten, er war auch genau so getrieben und rastlos. Lässt man einmal die politische Ausrichtung beiseite, ist der Tonfall, der Geltungsdrang und die Selbstgewissheit, aus der heraus die Wahrheit verkündet wird, überall recht ähnlich. Dem menschlichen Körper ist es egal, ob der Kopf rechts- oder linksextrem denkt: Er macht einfach nicht alles mit, und wer schon so unentspannt und hassgetrieben ist, dass er den Tod anderer befürwortet, sollte nicht nur einen Psychiater aufsuchen, sondern auch einen Ernährungsberater, einen Kardiologen und öfters mal auf den Alpenhauptkamm, zwengs Nichtinternet, Grenzerfahrung und Sport. Da kann man zwar auch sterben, aber der wirklich schlimme, vorzeitige Killer ist exakt das affektgetriebene und unstete Leben, das die Internetempörten so führen. Es wachsen für jeden Toten genug Verschwörungstheoretiker nach, von Antisemitismus über Globuli bis Gender, von Echsenmenschen über Chemtrails bis Fat Acceptance. Aber um zu gewinnen, muss man zuerst einmal überleben.

hochfc
Früher, als der Tod nicht aus dem Internet weggeklickt werden konnte, gab es eine ganze Industrie des schlechten Gewissens, die den Menschen in solchen Fällen warnend einredete, dass man sich selbst jetzt noch bekehren könnte. Heute, auch das haben die letzten Woche gezeigt, ist das anders, wird jede Woche lieber ein neuer Ketzer verbrannt, das alles wird als richtig betrachtet, zumal das Opfer weit weg hinter einem Kabel ist, und man die Folgen kaum mitbekommt. Danach kommt das nächste Opfer gesucht. Ulfkotte war ein bekanntes und aufgrund seines Todes ein besonders leichtes Opfer.

Und seine Anhänger wissen jetzt, mit wie viel Toleranz, Mitgefühl und Nachsicht sie in Zukunft rechnen dürfen. 2017 wird hässlich.

19. Jan. 2017
von Don Alphonso
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13. Jan. 2017
von Don Alphonso
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Wer hat Roland Tichy verraten? Die Splitterpartei Sozialdemokraten

Vielleicht sollte ich zuerst von meinem Landrat erzählen. Mein Landrat hat einen Nachnamen, aber alle kennen ihn nur als den Beppo. Der Beppo sieht bayerisch aus und spricht bayerisch, er trägt bayerische Tracht und mag Geselligkeit und Eishockey. Der Beppo ist unser neuer Landrat, weil der alte Landrat wegen Verschwendung, einer fragwürdigen Doktorarbeit und anderen Skandalen sogar der CSU zu peinlich wurde. Danach dachte die SPD, sie könnte den Landkreis gewinnen, aber der Beppo kam besser an. Und seitdem er da ist, läuft der Landkreis wieder rund und skandalfrei, der Beppo macht eine gute, ruhige Arbeit, zimmert Mehrheiten, spricht mit allen, und wenn wir das nächste Mal in dieser tiefschwarzen Region wählen, kriegt der Beppo sicher noch mehr Stimmen. Denn der Beppo kommt bei allen, und sogar seinen politischen Gegnern, wirklich gut an, und bei mir sowieso. Dass der Beppo eigentlich ein Grüner ist, wird nur ab und zu von anderen Grünen thematisiert, denen er oft nicht grün genug ist. Der Beppo ist für die kleinbäuerliche Landwirtschaft und Gesellschafter bei der Naturkäserei, er rettet Almen und schaut auf die Bilanzen der Sparkasse.

richa

Nur ist der Beppo halt nie in den bundesweiten Medien, sonst stünden die Grünen in den Umfragen nicht nur bei 9% der Stimmen. Die meisten Deutschen kennen den Beppo gar nicht, sie werden ihn nie auf einer Bürgerversammlung erleben oder ihn im Biergarten treffen. Die wissen nicht, was das sein kann, so ein Grüner. Der normale Deutsche erlebt Frau Künast, Frau Göring-Eckardt, Herrn Hofreiter, Herrn Beck, Herrn Özdemir, Frau Peter und Frau Roth, er mag auch die Wählergünstlinge Palmer oder den Kretschmann sympathisch finden, aber das hilft dem Deutschen nichts, denn die Letzteren kann man wie meinen Landrat nur regional wählen. Die anderen sind nicht zwingend die grössten Sympathieträger im Land. Das ist der Grund, warum heute niemand mehr sagen würde, die Grünen wären eine neue Volkspartei, wie es noch vor sechs Jahren gern geschrieben wurde. Die Grünen schauen gerupft aus, und das liegt an vielen Vorstellungen, die in der Bevölkerung auf Ablehnung stossen – gerade dort, wo das Volk tatsächlich im Grünen lebt, und nicht nur im Biosupermarkt kauft.

Ein Elektroauto mag in der Stadt Sinn machen, aber bei uns in den Alpentälern ist es in der Nacht bis zu -20 Grad kalt, und man möchte nur ungern mit schwachem Akku im Schneesturm erfrieren, und will nicht diskriminiert werden, weil man im Diesel überlebt. Höhere Steuern auf Milchprodukte sind ein Frontalangriff auf unsere Jahrhunderte alte – und unter Naturschutz stehende – Almenkultur. Die Reaktion auf das bisserl Kessel da in Köln war bei uns auch unter Linkesten der Linken, dass sich Frau Peter bei uns einen Polizeieinsatz anschauen sollte, da lacht der Wasserwerfer-Toni. Vorschläge zur Kinderehe, Volker Becks Skandale und seine Moralpredigten, Künast nach dem Anschlag von Würzburg, Verbote von Feuerwerk und Fleisch und vielem anderen – wer nie daran gedacht hat, dass er ein oder andere Grüne im Oberstübchen Möbelverstellungsbedarf hat, der werfe den ersten veganen Strickpullover aus Wolle von totgestreichelten Schafen. Und wer noch anderer Meinung ist, kann sich gern mit Bombardierungswünschen des Grünenpolitikers Matthias Oomen oder Überlegungen zur Vergewaltigungsvortäuschung als Mittel der politischen Vernichtung Andersdenkender durch eine grünennahe Autorin beschäftigen.

richb

Die Grünen sind bundesweit bei 9%, weil sie zwar durchaus gute Ansätze und viele Freunde in den Medien haben, aber immer wieder Ideen in die politische Landschaft tragen, die dort mit Verstörung aufgenommen werden. Die Grünen tun das, weil sie denken, sie wären progressiv, alternativ, mutig und unkonventionell. Die Motorenbauer bei der Audi, die Kartoffelbauern in der Holledau, die serbischstämmige Lagermanagerin, die Verwaltungsangestellte mit Realitätskontakt, die für 9 Euro arbeitende Bäckereiverkäuferin, die von Frauenquoten und gläsernen Decken hört, die alleinerziehende Mutter, die grüne Ratschläge für nicht ganz billiges Spielzeug aus Holz und Bioernährung erhält: Sie alle haben möglicherweise Probleme, ihre Argumente dagegen in einem angemessenen Debattenstil vorzutragen, und fühlen sich daher überfahren, ausgegrenzt und teilweise auch überrumpelt. 9% wollen eine grüne Republik. Die restlichen 91 können entweder argumentierend dagegen halten, sind apathisch-indifferent, oder sind halt der Meinung, dass die Entfernung von den realen Bedürfnissen so gross ist, dass diese grünkognitive Selbstausgrenzung vom Seienden nur mit Worten zu beschreiben ist, die entweder der Pathologie oder derben Beschimpfungen entstammen. Ich weiss, es tut vielen zarten Mimosen in den Gärten Nafristans weh, aber es herrscht auch bei vielen früheren Grünenwählern in meinem Umfeld brutal gesagt die Meinung vor, dass die oft nicht zurechnungsfähig sind, dass man mit denen gar nicht mehr reden braucht, und dass man die einfach nicht mehr wählen kann. Unbeliebte CSU-Themen wie das G8, Olympia und die dritte Startbahn am Flughafen würde man auch ohne die Grünen wegbürgerbegehren.

richg

Jetzt ist es raus, und jetzt kann man über Roland Tichy und die neuerliche Hetzjagd auf ihn sprechen, die zu seinem Rücktritt als Herausgeber der Newsabteilung des Karrierenetzwerks Xing führte. Anlass war ein Beitrag, der es in sich hatte und auf eine nicht atypische Meinung unter 91% der Bevölkerung über die Grünen noch das ein oder andere grobe Stück draufsattelte. Wären die Grünen beliebter, könnten sie und ihre lachenden Anhänger achtlos darüber hinweg schreiten, in eine R2G-Zukunft für Deutschland. Das ist aber nicht der Fall, und die andauernde Schwäche der Grünen ist ein Grund, warum es diese Koalition absehbar nicht geben wird. Auch keine Ampel und auch keine schwarz-grüne Koalition. Das – und die überdeutliche Erklärung, warum das in der Natur vieler Grüner angelegt ist – ging manchen gegen den Strich, und dazu gehörte zuerst der Auslöser des XING-Boykotts Mathias Richel, aktuell Creative Director bei der Agentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr TLGG, die zum Agenturennetzwerk Omnicom gehört.

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Richel trat 1998 der SPD bei, und hat im aktuellen Jahrzehnt eine schillernde Karriere im Vorfeld der SPD hinter sich: Er war bis 2012 Vorsitzender des SPD-nahen Digitalvereins D64 und als solcher in ein Skandälchen des Lobbyismus verwickelt. Er war für D64 Media GmbH tätig, eine Agentur für “Kampagnenwerkzeuge”, die de facto der SPD gehörte, und nach 2013 mit der SPD-Tochterfirma Network Media GmbH verschmolzen wurde, eine hauseigene Kampagnen- und Werbeagentur. Network Media war erst kürzlich in den Medien, weil sie Termine mit SPD-Ministern für mehrere tausend Euro angeboten hatte. Vor der Verschmelzung gestaltete Richel mit dem D64 Verein und GmbH noch Wahlkampfplattformen der SPD, 100 Tage vor der Bundestagswahl 2013 wird er als Leiter des reinen Online Wahlkampfes der SPD mit D64 Media vorgestellt. Von Januar 2012 bis Juni 2014 war er laut seines Linkedin-Profils als Creative Director bei Network-Media beschäftigt. 2015 trat Richel noch als Redner des Campaigncamp der SPD auf. Er passt gut zu TLLG, denn die Agentur hat 2010 die Social Media Aktivitäten der SPD neu gestaltet, und TLGG arbeitet für das Wirtschaftsministerium des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel.

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Richel – bei TLGG in der zweiten Führungsebene – bringt als  Kampagnenmacher mit besten SPD-Beziehungen bei einer Kampagnenagentur der Bundesregierung mit einem aufgehetzten Mob einen SPD- und regierungskritischen Journalisten um seinen Job, weil der einen hart grünenfeindlichen Beitrag brachte. Es gibt keinen Grund zur Annahme, Richel hätte nicht gewusst, was er da tut. Berufliche Vernichtung beginnt nicht mehr bei der Tätigkeit für verfassungsfeindliche Organisationen oder kruden Reichsbürger-Ansichten, sondern schon bei zu hart formulierten Beiträgen, ausgeführt durch eine Kampagne eines halbverdeckt agierenden politischen Gegners. Andererseits vernehmen Wähler von jenen Politikern, die auf die Richels und Lauers dieser Welt mässigend einwirken könnten, viele Aufrufe, die Gesellschaft sollte doch bitte gegen Hetze, Hass und Intoleranz zusammenstehen.

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Diese Aufrufenden distanzieren sich mit keinem Wort von Bomber-Harris-Freund Matthias Oomen, der  Tichys Magazin aus den Regalen vertreiben wollte. Die tolerante Seite toleriert Doxxing und Versuche, anderen die Lebensgrundlage zu entziehen. Es wird nicht heimlich gemacht, es geschieht mit grösstmöglicher Offenheit und Überzeugung, genau das Richtige zu tun. Bei Spiegel Online wird ganz offen gefragt, ob es nicht die “heilige weibliche Pflicht” von Frauen sei, unliebsame Männer mit Vergewaltigungsvortäuschung abzuservieren, beklatscht von einer Redakteurin. Das mag in Berliner und Hamburger Redaktionen und in den Unisexklos auf dem 33C3 anschlussfähig sein, aber man kann mit guten Gründen bezweifeln, ob das bei SPD-wählenden Angestellten oder bisher aus Tradition die Linke wählenden Arbeitern in Ostdeutschland der Stand der Überzeugungen ist. Oder jedem anderen, der gute Gründe hat, sein Kreuzerl bundesweit nicht bei Grünen und Linken zu machen.

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Ich bin mir nicht sicher, ob man hier von Spaltung der Gesellschaft reden kann – beteiligt an Richels Kampagne waren nach meiner Beobachtung vor allem die randständigen und prekären Nachwuchskader von SPD, Grünen, Linken und einige Piratenreste, die allesamt nicht zu den einflussreichen Kreisen der deutschen Politik gehören, sondern allenfalls zu den Lauten bei Twitter – wenngleich mit Anbindung an Parteien, die sich gerne für Stimmen des ganzen Volkes halten würden. Speziell in der denunziantenbelasteten SPD wurde vor Kurzem noch betont, man wollte die AfD inhaltlich hart bekämpfen, aber nicht ihre möglichen Wähler. Die Grünen wollten einen besseren Schutz für Frauen, und dürfen nun Überlegungen lesen, wie man diesen Schutz kriminell missbraucht, um andere zu vernichten. Wenn das der Kampf um Mitte und Mehrheiten und Abwehr “der Rechten” sein soll, könnte das auch weiterhin zu einer eher einsamen Angelegenheit jenseits politischer Mehrheiten werden. Niemand kann den potenziellen Teilnehmern an der Allianz gegen Rechts garantieren, dass sie bei kleinen ideologischen Differenzen nicht auch im Internet an den Pranger gestellt und als Vergewaltiger angezeigt werden. Ist es nicht für Andersdenkende sicherer, sich ein anderes Umfeld zu suchen?

Die gezielte Vernichtung ist die denkbar klarste Absage an den Diskurs. Grüne, Linke und SPD haben das bis in die eigenen Reihen hinein – man denke an die Angriffe gegen Frau Wagenknecht – hinlänglich demonstriert. Es gibt welche, die das angemessen finden, aber Volksparteien haben sich früher solcher Methoden aus guten Gründen enthalten, weil sie lieber eine Heimat für viele denn ein Nest für Extremisten und aus dem Ruder laufende Kader waren. Dass die SPD sich nun von Leuten im Netz repräsentieren lässt, die jeden versöhnlichen Ansatz ruinieren, spricht Bände über den Zustand der Partei, für die es bereits im Mai in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen um alles gehen wird, und die es sich mit ihrem grünen Partner eigentlich nicht leisten kann, zweifelnde Wähler Methoden weiter zu vergraulen.

Mathias Richel hat übrigens seine Arbeit nicht verloren, was auch etwas über TLGG und deren politische Kunden aussagt.

13. Jan. 2017
von Don Alphonso
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