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Deus ex Machina

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Über Gott und die WWWelt

27. Mrz. 2015
von Isabell Prophet
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Arbeitsteilung: Mit dem Chef im Bett

Wer sagt, er habe noch nie mit seinem Chef im Bett gelegen, der lügt. Unsere Freunde, unsere Online-Freunde, die Nachrichten, die Eltern, die Firma, sie verfolgen uns überall dort, wohin wir unser Telefon mitnehmen. Und wir verfolgen sie, von überall aus. Kurz nach Feierabend sind wir am liebsten online, nur einer von Dreien behauptet, er schalte dann mal ab. Kurz vor dem Einschlafen noch eine Anmerkung vom Chef, nur ganz kurz per Facebook, dann gute Nacht.

Ich könnte diesen Text auch bei Facebook veröffentlichen, das Unternehmen will künftig selbst Beiträge hosten. Wir könnten sogar über Facebook telefonieren; ich lese Ihnen den Text vor und Sie können mir Ihre Kommentare direkt entgegenschleudern. Nachrichten, Chats, Tiervideos, 30 Prozent Rabatt auf Kleider, alles da. Mobil und im Notebook-Browser.  Eigentlich könnten wir den Rest des Internets abschaffen und unser Offline-Leben gleich mit.

Facebook will alles alleine machen, Google ja übrigens auch. Und das am liebsten den ganzen Tag, ganz nah bei uns. Arbeitsteilung? Lohnt sich nur, wenn man nicht alles kann. Mit Facebook at Work will Chef Mark Zuckerberg die Arbeitszeit am liebsten ganz erobern – als hätte er das nicht längst. Ein paar Unternehmen sollen die Plattform nun testen. Meine Prognose: Naja.

Bevor ich Zuckerberg meine Arbeit anvertraue, soll er mir erst einmal Frühstück machen. Wenn die App das kann, dann können wir reden.

Jedenfalls, wenn der Toast schmeckt.

Mark Zuckerberg

Im mobilen Internet werden Firmen in den kommenden Jahren verdammt viel Geld verdienen. Es geht gerade erst los. Doch statt ein möglichst gutes Produkt zu liefern, scheinen viele Plattformen einfach möglichst viele Dienste bieten zu wollen.

Google und Facebook haben einen ziemlichen Vorsprung, was dieses „Alles Können“ angeht. Aber mit der Idee sind sie nicht allein: Alle wollen überall sein. Lieblingssatz von jedem Online-Strategen, den ich kenne: „Wir müssen auf den Homescreen des Smartphones!“ Dabei haben mobile Onliner auf  dem Smartphone schon jetzt etwas geschafft, was sich Werbetreibende aller Generationen gewünscht haben: Sie steigen mit uns ins Bett. Danach gemeinsam duschen klappt noch nicht mit jedem Endgerät.

Schlau ist diese Strategie nicht. Denn was die App-Produzenten derzeit anstreben, ist das Gegenteil von Arbeitsteilung. Die hatte der alte Platon mal erfunden und damit in seiner Politeia die Entstehung von Gesellschaften erklärt. Durch unterschiedliche Fähigkeiten und Bedürfnisse wird der Staat erst nötig. Andersrum: Wenn ein IT-Konzern alles kann, sind die anderen Nerds alle überflüssig.

Die App-Produzenten schneiden damit sich ins eigene Fleisch. Geld verdient nämlich nicht, wer alles anbietet. Geld verdient, wer in diesem System möglichst oft angeklickt wird. Und dazu braucht’s dann doch eine gewisse Qualität – und die Konsumenten müssen den Produzenten mögen. Diese Gedanken sind so alt, dass sie schon wieder innovativ sind. Schauen wir in die Theoriegeschichte der Arbeitsorganisation.

Platon

Mit einem großen Sprung können wir Platons Idee der Arbeitsteilung auf das Internet übertragen: Wenn ein System alles könnte, bräuchten wir kein anderes mehr. Wir wären versorgt, aber es wäre das Ende der Freiheit. Und wer die Freiheit abschafft, der macht sich verdammt unbeliebt. Das ist das erste Problem.

Denn: Die Apps sammeln Daten. Bündeln wir unsere Internetaktivitäten bei einem Unternehmen, dann weiß dieses Unternehmen alles. Das gefällt den Nutzern nicht; Google und Facebook stehen immer wieder in der Kritik. Die cooleren Netzwerke sind zwar cooler, aber man weiß ja nie, ob die anderen mitkommen. Die Volkswirtschaftslehre spricht von Netzwerkeffekten: Facebook ist stark, weil alle da sind. Sogar der Chef, auch wenn das nur vielleicht eine gute Sache ist.

Man muss in der Unternehmensgeschichte nicht lange nach Beispielen suchen, warum diese Entwicklung ein ziemlich schwaches Geschäftsmodell ist. Denken wir an Microsoft. Die wurden immer besser, immer umfassender. Immer fehleranfälliger. Immer arroganter, immer unbeliebter.

Das Unternehmen verpasste so ziemlich jeden Trend – sogar das Internet. Mosaic und Netscape waren die ersten Browser der Masse, aus Netscape wurde später Mozilla. Bill Gates hielt das Netz für einen Hype und zog erst Jahre nach Mosaic und Netscape in den Markt ein.

Adam Smith

Zweites Beispiel, Apple. Dieses kleine unwichtige System, mit nichts kompatibel, dafür aber sicher und sehr simpel. Microsoft hatte eine breite Produktpalette, Apple berappelte sich mit ein paar guten Ideen zur Nutzerfreundlichkeit.

Wir lernen aus der Netzgeschichte: Eine zu breite Produktpalette funktioniert nicht. Marktmacht macht dumm. Davon hat weder das Unternehmen etwas, noch die  Nutzer.

So spricht für eine Arbeitsteilung auch die Frage nach der Qualität. Adam Smith sieht in der Arbeitsteilung die Grundlage für den Wohlstand der Nationen. Aus Arbeitsteilung resultiert Spezialisierung, aus Spezialisierung entsteht Zeitersparnis – und Zeit ist schließlich Geld – und  Wissen. Wer sich auf eine Sache konzentriert, der lernt etwas. Das galt zu Smiths Zeiten für die Produktion von Stecknadeln, es gilt aber auch für dieses Internet. Technischer Fortschritt kommt immer wieder von den kleinen Unternehmen. Microsoft und Facebook selbst sind die besten Beispiele. Too big to fail? Wo sind dann Telefunken , die Titanic, Second Life und die Musikkassette?

Das Problem großer Konzerne ist, dass sie erst immer mehr Leute einstellen, mehr selber machen, um flexibler zu sein und mehr Freiheiten zu bekommen. Das Ergebnis sind schwerfällige Konzerne, deren Mitarbeiter vor innovativen Gedanken erstmal einen Antrag stellen müssen. Glückwunsch.

Auch Nokia hatte auch mal sein eigenes Betriebssystem, Symbian. Es war eine Katastrophe für das Unternehmen. Für die Nutzer übrigens auch, ich weiß, wovon ich schreibe. Heute nutzt Nokia Android oder  Windows und ging zwischenzeitlich noch mit einem Notebook baden. Zu langsam, zu teuer, zu schlecht.

Bei Facebook scheint man unterdessen erkannt zu haben, dass eine App für alles auch das beste Smartphone überlastet. Deshalb kommt nun für jede Funktion eine neue App, die ich dann auch noch installieren soll. So kann man Arbeitsteilung wenigstens vortäuschen. Die Zahl der aktiven Nutzer verdoppelte sich binnen weniger Monate auf mehr als 500 Millionen. Die Bewertungen, nunja. Glücklich waren die Nutzer nicht.

Dick Costolo

Was Facebook seiner Marke antut, schlägt sich bei der jungen Zielgruppe mittlerweile in Zahlen nieder. Das Netzwerk gilt vielen eh nur noch als Alterserscheinung. Die jungen gehen lieber zu Pinterest, hat der GWI ermittelt. Um 97 Prozent wuchs die Zahl der aktiven Nutzer im Jahr 2014. Da wissen sie wenigstens, was sie tun sollen. Sie teilen Inhalte. Die Zahl der aktiven Facebook-Nutzer schrumpfte unterdessen um 9 Prozent. Neun. Es gibt auch Statistiker, die Facebook weiterhin ein Wachstum bescheinigen. Aber kein großes. Snapchat geht es derweil gut (+57 Prozent), der Foto-Community Instagram mit 47 Prozent Wachstum auch.

Diese Apps hatten gemeinsam, dass sie eigentlich nicht viel konnten. Instagram: Bilder. Pinterest: Kleidchen. Twitter: der neueste Quatsch aus dem Internet. Nun soll ich bei Twitter chatten und bei Facebook-Zukauf Instagram Videos drehen und Layouts entwerfen. Wir Nutzer dürfen uns aussuchen, wer unter diesen Teilzeitspezialisten den besten Service bietet. Ich schätze mal: keiner.

27. Mrz. 2015
von Isabell Prophet
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24. Mrz. 2015
von Don Alphonso
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Geschäftsmodelle: Tilo Jung vs. Tüpfelhyänen

Tilo Jung. der vor zwei Wochen wegen eines Bildes in einen Shitstorm geriet, kehrt dem Journalismus, wie er ihn bisher betrieb, den Rücken. Sein Platz beim Portal Krautreporter wird demnach frei, und wie es mit dem Youtubeformat Jung und Naiv weitergeht, ist damit offen. Das sagte er bei einer Podiumsdiskussion in Berlin, und die linksalternative tageszeitung hat inzwischen schon einen entsprechend garstigen Nachruf veröffentlicht.

Dem Vernehmen nach hat die ARD dort auch schon angefragt, ob sie diesen Nachruf in ihre Dokumentation über das Fressverhalten der Tüpfelhyänen einbauen dürfen.

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Nein, im Ernst, Tilo Jung macht bei der Ansage das, was ihn dem Vernehmen nach schon während der letzten Wochen auszeichnete – eine eher ruhige und gar nicht so schlechte Figur. Kein Heulen wegen der ausbleibenden Überweisungen seines Arbeitgebers Krautreporter, keine Bitten um Spenden, verbunden mit Drohungen, sonst das Projekt einzustellen, wie etwa das Bildblog, keine Angst vor dem Arbeitsvermittler, die manche seiner Jägerinnen umtreibt, die selbst nur zu gern einen guten Job gehabt hätten. Auch kein weiterer sexistischer Witz über etwaige Konkurrenten wie der, den die davor gegen Jung mitjaulende taz-Mitarbeiterin Margarete Stokowski auf der Leipziger Buchmesse absonderte.

Das ist netzbasierter Journalismus heute, und das ist auch der grössere Kontext, in dem diese Entscheidung von Jung zu sehen ist: er kann sich das offensichtlich leisten. Natürlich haben ihm auf den Weg in den Journalismus auch andere geholfen: Sei es Google, sei es Youtube, seien es seine Unterstützer oder all diejenigen, die auch Wochen und Monate nach ihrem Erscheinen noch auf seine Videos verlinkten. Jung hat mit Politikern gesprochen, deren Sekretärinnen andere kaum erreicht hätten, Jung war viel unterwegs und wurde dafür herumgereicht. Das Format und andere Einlassungen zogen auch Kritik auf sich: Allein, er hatte eine Idee, diese Idee hatte ihren Erfolg, und er ist seinen Weg gegangen, solange er wollte.

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Das unterscheidet Jung deutlich von dem, was man sonst so in den Medien gewohnt ist. Wir können ja offen darüber reden: Es gibt in diesem Internetjournalismus welche, die erbitterte Kleinkriege vom Zaun brechen, wenn man ihre vulgärfeministische Texte nicht veröffentlicht. Es gibt welche, die von den Medien Chancen bekommen und sie nutzen, um aus dem Internet geklaute Bilder zu monetarisieren. Es gibt welche, die sich nicht um die Kommentare kümmern, sondern lieber bei Twitter die Leser des Mediums öffentlich ausrichten. Es gibt welche, deren Abrechnungen fragwürdig sind und andere, die den einzigen Beitrag, den sie je in der Onlineausgabe geschrieben haben, sofort nutzen, um sich zum Autor der Zeitung zu machen. Freie Mitarbeiter, im Netz angeheuert, erfinden sich als „Blog-Redakteur“ neu. Und wenn sie nicht mehr beschäftigt werden, wird versucht, einen öffentlichen Shitstorm zu inszenieren: Es gab gute Gründe, es mit Autoren aus dem Netz zu versuchen. Und noch mehr gute Gründe, warum derartige Versuche in den meisten Fällen scheiterten.

Es gibt in Deutschland nur ganz wenige Beispiele für den erfolgreichen Wechsel von Internetautoren in die Medien, und die Erfahrungen mit derartigen, pardon, Selbstzerstörungsmechanismen reichen diversen Medien erst einmal: Momentan sieht es eher so aus, als würden die Medien ihre Mittel in die eigenen Leute investieren – und nicht in Risikopotentiale aus dem Netz, für deren Leistung es keine Garantien gibt. Bezeichnend für die eher seltenen Erfolge ist aber, dass sie schon vorab viel Erfahrung im Hochziehen dauerhafter Internetprojekte hatten – ein Hashtag ist halt nicht mehr als eine kurze Empörung.

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Es gehört schon einiges dazu, sich in so einer Phase der viele Verlierer erzeugenden Transformation hinzustellen und zu sagen, dass man sich nun lieber einen anderen Arbeitgeber sucht. Sehr wahrscheinlich konnte Jung das tun, weil er sich diesen Partner gar nicht mehr lang suchen muss: Er muss nicht mehr beweisen, dass er etwas zustande bringt. Und der Umstand, dass Facebook bei der Beschickung seiner Nutzer gerade Videos nach vorne bringt, und das klassische Nachrichtengeschäft hinten anstellt, wird seine Möglichkeiten auch eher vergrössern. Die Fans und das Publikum werden ihm sicher erhalten bleiben, egal was die taz jetzt auch schreiben mag. Kundenorientierung ist für Jung normal und kein Akt der Gnade, als den gewisse Netzautoren ihre Tätigkeit gern darstellen. Seine Gegner sind der Meinung, das einzig Richtige zu tun und die Wahrheit zu vertreten. Was macht das dauerhauft in Page Impressions und Werbeumsätzen, in Ansprache der Audience und wie hoch ist die Quote derer, die genau deshalb wiederkommen?

Tilo Jung ist Tilo Jung. Leute wie ihn wird man unabhängig von den Inhalten immer brauchen. Leute, die anpacken und etwas aufziehen, die sich überlegen, was die Zukunft sein könnte und wie man die Nutzer packt. Manchmal geht das schief, manchmal passt wie bei Krautreporter das Umfeld nicht. Es gibt genug andere. Mit Tilo Jung kauft man eine Lösung für das viele Medien umtreibende Desiderat, bei Youtube aufzufallen, ohne dabei die Produktplatzierer vom Format einer Dagibee zu haben. Mit den massenhaft auftretenden Empörten vom Schlage taz-Stokowski, die den einzig wahren und gerechten Sexismus verbreiten, komma dSei fiadarn, hätte meine Oma gesagt. Die Hyänen der Moral bringen zwischendrin mal Klicks. Aber es ist keine Basis für zukünftige Geschäftsmodelle.

Die Krautreporter-Gründer Philipp Schwörbel und Sebastian Esser haben sich bislang nicht öffentlich zum Abgang von Jung geäussert.

24. Mrz. 2015
von Don Alphonso
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19. Mrz. 2015
von Don Alphonso
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Metternich wäre stolz auf dieses Netz

Nehmen wir einmal diese Aussage als Beispiel:

vala

Zusammengebunden und draussen wie Müll, so mag Jessica Valenti ihre Männer.

Ist das Satire, eine Aussage zu Vorlieben, die von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, oder eine menschenverachtende Aufstachelung zum Hass? Es gibt verschiedene Sichtweisen dazu. Es kann Satire sein, die sich auf die Vorstellung von Sheryl Sandberg bezieht, Männer hätten grosse Vorteile, wenn die in der Familie besser mit den Frauen zusammenspielten – für die Hardcorefeministin Valenti ein viel zu netter Ansatz. Es kann auch sein, dass es vor diesem Hintergrund mehr als nur ein Gran Wahrheit enthält. Oder es kann auch eine grob abwertende Bemerkung sein, die Menschen mit Müll vergleicht. Wie auch immer, der Text kam gut an, und darunter überboten sich ihre Anhängerinnen in ähnlichen Vergleichen.

Passiert ist Valenti deshalb nichts. Als Kommentatorin für Genderfragen darf sie weiterhin auf der Website des Guardian Stellung beziehen und die Lage der Frau beklagen.

Noch.

Das könnte sich aber schnell ändern, denn Twitter plant einschneidende Regeländerungen. In Zukunft soll es nicht nur leichter sein, Verstösse zu melden, sondern auch gleich juristisch verfolgen zu lassen: Twitter spuckt eine Zusammenfassung aus, die man dann nur noch an die Behörden übermitteln muss. Ganz leicht soll das werden und die Nutzer zivilisieren: Die Anzeige ist immer nur einen Klick entfernt und, den richtigen Ermittler vorausgesetzt, möglicherweise auf Dauer kein Spasss für Valenti und ihre über 88.000 Follower, die sich von solchen Aussagen unterhalten lassen. Für die Masochisten unter der Leserschaft hier ein weiterer Debattenbeitrag zur Frage, ob sich ein Mann zum Sex schrubben kann.

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Die Behörden werden sich sicher freuen, wenn jetzt jeder Konflikt bei ihnen auf dem Schreibtisch landet – sie haben auch nichts Besseres zu tun, als zu überprüfen, was jetzt Scherz, sexueller Übergriff oder brutale Traumatisierung eines Opfers war. Twitter ist grosszügig genug, das komplexe Problem der Abwägung in die Hände von empörungssüchtigen Nutzern und staatlich finanzierten Angestellten zu legen, statt selbst eine Lösung für das Problem zu finden, dass dort auch Stars und Wortführer über die Stränge schlagen. Aufmerksamkeit ist die Währung bei Twitter, und Überschreitungen aller zivilisierten Formen sind an der Tagesordnung.

Das Problem wird sich früher oder später auch in Deutschland stellen, wo in sozialen Netzwerken ein nicht minder übler Ton herrscht. Aber während man in Amerika das Problem anderen aufbürdet, sind in Deutschland die Medien selbst eher unfreiwillig die Vorreiter: Der deutsche Presserat, bekannt durch Rügen und Beschwerden über journalistische Fehlleistungen, hat sich nun auch für Nutzerkommentare zuständig erklärt und Richtlinien erarbeitet, die zu befolgen sind. Das Problem landet damit auf den Schreibtischen derer, die für die Freischaltung der Kommentare zuständig sind. Bislang bestimmt jedes Medium, teilweise auch jedes Ressort oder jeder Blogger seine eigenen Regeln. Während die Zeit vergleichsweise früh regulierend eingreift, lässt die Süddeutsche Zeitung Kommentare nur noch bei bestimmten Themen zu. Bei Springermedien bin ich erstaunt, was da alles durchgeht, und bei mir verläuft es zum Glück in zivilisieren Bahnen. Aber es ist jede Menge Arbeit, die man leisten muss, um allen Beitragenden gerecht zu werden.

Ungeachtet dessen sind beide Vorgehensweisen – Presserat und Twitter – ein Paradigmenwechsel: Es wird reguliert, weil die Situation vom gewünschten Verhalten der Nutzer zur Arbeit mit problematischen Aspekten mutiert ist. Früher galt der Teilnehmer an einer Debatte als achtenswerter Zeitgenosse, der sich besonders engagiert, heute ist er unter Generalverdacht, und deshalb allgemein gültigen Regeln unterworfen. Die Frage, die sich momentan bei grenzwertigen Kommentaren stellt – lasse ich ihn drin in der Hoffnung, dass er die Debatte anregt – wird ersetzt durch ein Schema, das ich vielleicht ab und zu geschickt und auf eigenes Risiko nutzerfreundlich auslegen kann. Dabei bin ich dann gezwungen, wirklich jeden Kommentar ganz und aufmerksam zu lesen. Es geht dann nicht mehr darum, dass man einem alten Bekannten viel rausgehen lässt, sondern um jeden einzelnen Satz, um jede einzelne Behauptung. Ich müsste nachrecherchieren und bewerten und mit den Regeln vergleichen. Das mag zu meiner Wissenserweiterung beitragen, kann aber auch die Hölle sein, wie etwa bei Pegida und anderen emotionalen Themen. .Meine Prognose ist, dass man den Regeln und dem nötigen Aufwand dadurch begegnen wird, dass man wie die Süddeutsche den Aufwand lieber begrenzt, als jedem Satz hinterher zu kriechen. Wo kein Anwendungsgebiet ist, gibt es auch keine Regeln, die anzuwenden wären.

valc

Das hilft auch dabei, einem weiteren Komplex zu entgehen, der momentan unter dem Begriff Hate Speech Karriere macht: War vor einer Dekade noch Kinderpornographie ein beliebtes Argument für restriktive Vorhaben, ist heute der eher unbestimmte Begriff der Hassrede ein Scheinkriterium für massive Eingriffe. Vorreiter ist da Facebook, das auch seinen ganz andere Freiheiten gewohnten amerikanischen Nutzern strenge Regeln verordnet und dazu schwammig sagt:

Facebook entfernt sämtliche Hassbotschaften, d.h. Inhalte, die Personen aufgrund der folgenden Eigenschaften direkt angreifen: Rasse, Ethnizität, Nationale Herkunft, Religiöse Zugehörigkeit, Sexuelle Orientierung, Geschlecht bzw. geschlechtliche Identität oder Schwere Behinderungen oder Krankheiten.

Da täte sich natürlich schon bei amüsanten Autoren deutscher Medien wie Harald Martenstein ein weites Betätigungsfeld auf, und der Verfasser kann froh sein, dass sein Lieblingsthema „Klasse“ noch kein Kriterium ist, sonst könnte man wegen Dicta vom Reichshauptslum Berlin und Grattlern gegen die Verbreitung seiner Texte bei Facebook vorgehen. Aber schon die bestehenden Kriterien sind nachgerade eine Einladung, nur auf den richtigen Moment zu warten und dann Nutzer zu melden. Wo die Grenze zwischen Kritik, Witz, Satire und Angriff ist, wird nicht erklärt. Facebook hat da eigene Kriterien, und wer einmal schaut, was es alles an Aktionen gegen Hate Speech im Netz gibt, wird überrascht sein, wie viele publicitygeile, überempfindliche, dauerbesorgte, interessengesteuerte, grossmäulige, mit angeblichen Erfolgen protzende, steuergeldverlangende, jugendschützende Figuren es da gibt. „Hate Speech“ ist auf bestem Wege, zu einer Art doppelten Boden der allgemein gültigen Rechtslage zu werden: Man ist zwar vom Gesetz nicht zu belangen, aber irgendeine Gruppe findet sich immer, die über einen trotzdem herfallen kann.

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Mir ist das die Tage passiert, bei einem Projekt namens Publikative, das als NPD-Watchblog begann und nun seine Aktivitäten in Richtung anderer unschöner Dinge – oder was die Macher als solche empfinden – erweitert. Dort wurde ein Kommentator meines Beitrags zur Empörungswelle über Tilo Jung in der FAZ nicht nur öffentlich vorgeführt, sondern seine Kritik gleich mit Argumentationen von Rechtsaussen verglichen. Das geht ganz schnell, wird auch gern im Netz verlinkt und gelesen, auch wenn man diesen Vergleich als Verharmlosung des Rechtsextremismus auffassen könnte. Hinter Publikative steht in diesem Fall ein Journalist, der eigentlich wissen sollte, wie unpassend solche Vergleiche sind – und die Amadeu-Antonio-Stiftung von Anetta Kahane. Als dortige Fachreferentin für Hate Speech wiederum wird die Ex-Piraten-Politikerin Julia Schramm genannt, die früher solche Denkwürdigkeiten twitterte: „Sauerkraut, Kartoffelbrei – Bomber Harris, Feuer Frei.

Da gibt es also auf der einen Seite Bestrebungen, regulierend zu wirken, und auf der anderen Seite Leute, die sich mit mehr oder weniger Qualifikation dazu berufen fühlen. Verlierer ist der Nutzer, der nie weiss, welche Plattform welche Aussage wie auslegt – und ob etwas, das im Rahmen der FAZ eine legitime, nicht beanstandete Meinungsäusserung ist, eine Seite weiter durch den braunen Dreck gezogen wird. Bei diesem Spiel können Toleranz und Meinungsfreiheit, die vor allem vom Erreichen und Ausloten der Grenzen leben, eigentlich nicht gewinnen. Das Netz wird zu einer unberechenbaren Kleinstaaterei des Metternichschen Zeitalters mit Sondergesetzen und willkürlichen Zensoren, und die Unsicherheit für die Nutzer ist zumindest etwas, das achselzuckend in Kauf genommen wird, und vielleicht sogar Absicht. Facebook und Twitter wollen schliesslich keine radikalen Denker, sondern brave Kunden, die klicken, Werbung anschauen, und heimtückisch bei missliebigen Äusserungen auf den Meldeknopf drücken, um den Konzernen die Arbeit abzunehmen. Und irgendwelche Organisationen loben dann, dass das Netz dadurch sicherer, schöner, besser und sauberer wird.

19. Mrz. 2015
von Don Alphonso
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09. Mrz. 2015
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Jung, naiv und öffentlich ausgepeitscht

Eine Frau reicht einem Mann die Hand und läuft zum Meeresstrand. Der Mann lässt sie los, hebt einen Fuss und tritt sie in den Rücken. Die Frau strauchelt, stürzt, und fällt ins Wasser. Das alles wurde aus der Sicht des Mannes mit vier Photos aufgenommen und zusammengestellt. Und ein Mann ist es auch, der es mit der offensichtlich provokativ gemeinten Überschrift „Women’s Day“ bei Instagram veröffentlicht. Die Geschichte ist alles andere als schön, menschlich höchst unerfreulich, und zugleich etwas, das im Internet des Revenge Porn, der Gehässigkeiten über Topmodelle und der allgemeinen mangelnden Rücksichtnahme an der Tagesordnung ist. Auch am Tag der Frau.

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Allerdings ist der Mann, der die Bilder verbreitet und dabei von ein paar Dutzend Personen unterstützt wird, nicht irgendwer. Sein Name ist Tilo Jung, und er hat für sein Webvideoformat „Jung und Naiv“ immerhin den Grimme Online Award bekommen. Es ist nicht das erste Mal, dass Jung abseits dessen liegt, was man als Mainstream bezeichnet: Früher beschwerte er sich über den Unterleib von Frauen, die Kinder auf die Welt gebracht hatten, seine Haltung zu Israel ist kaum mehr als „ambivalent“ zu umschreiben, und in den letzten Wochen zog er Kritik in der Bundespressekonferenz auf sich, weil er schlecht vorbereitet Regierungsmitglieder befragte – oder, je nach Standpunkt, trollte.

Ausgesprochen schlecht kam das bei manchen Unterstützern des Projekts Krautreporter an, wo Jung seine Video für gutes Geld zur Verfügung stellt. Dass Jung das tun würde, war im Vorfeld schon bekannt – dass er das Portal, das nach Eigenaussage zur Rettung des „kaputten Onlinejournalismus“ angetreten ist, als Autor mit den meisten Beiträgen dominieren würde, war in dieser Form nicht bekannt. Manche der vorab in Personality-Videos vorgestellten Autoren schreiben nur sehr selten, aber Jung liefert. Beständig und konsequent. Er ist gleichzeitig Großverdiener unter den Autoren und nicht zwingend das, was sich viele von Krautreporter in Sachen Qualitätsjournalismus gewünscht hätten. Eine kontroverse Figur. Was ja nicht schlecht sein muss, kontroverse Autoren könnte das bislang doch etwas biedere Projekt durchaus brauchen.

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Solange sie nicht Bilderserien verbreiten, auf denen eine Frau getreten wird, als wäre es der Instagramaccount der Taliban oder der iranischen Revolutionswächter. Natürlich wurde das Bild ein viraler Hit, aber in genau der Art, wie man sich das als Verursacher kaum wünschen kann: Die Empörung war allgemein und nicht nur auf Feministinnen begrenzt. Beteiligt waren auch etliche Geldgeber für Krautreporter – und damit diejenigen, die dem Verursacher sein junges und naives Treiben finanzieren. Krautreporter selbst definiert sich nach aussen über den besonders guten Dialog mit seinen Mitgliedern und Autoren, die mal um Rat gefragt werden und mal als Testimonials herhalten – aktuell mit Theresa Bäuerlein eine bekannte Feministin. Sie schreibt gerne, weil sie weiss, „dass wir nicht verkaufen müssen, sondern überzeugen.“ Am Überzeugen haperte es letzthin mehrfach, es gab deutliche Kritik, und nun eben auch noch den Tritt in den Rücken der Frau. Und eine sehr späte Entschuldigung des Verursachers.

Und bislang kein Wort von Krautreporter über das Treiben ihres, man darf das wohl so sagen, eifrigsten Aushängeschildes. Normalerweise würde man in den Medien die typische Petzerei von Lesern bei den leitenden Mitarbeitern und Aufforderungen, einen Autor zu feuern, nicht sonderlich zur Kenntnis nehmen: Das ist heute normal, egal ob man über Pegida, Extremfeminismus. BVB oder Bitcoin schreibt, immer ist jemand der Meinung, solche Verfasser gehörten zum Verhungern in die Gosse. Bei Krautreporter liegt die Sache anders – da will man den Dialog mit den Mitgliedern. Und man möchte bald die nächste Fundingrunde einläuten. Schliesslich war die immer noch ruckelnde und unübersichtliche Webseite, gebaut von den Kooperationspartnern, auf Dauer recht teuer, die festen Mitarbeiter verdienen dem Vernehmen nach nicht schlecht, ein Büro wurde gemietet, und man kann davon ausgehen, dass Gründer Esser nicht als derjenige in die Geschichte eingehen will, der das bestfinanzierte Crowdfundingprojekt des deutschen Journalismus dank einiger Großspender erschaffen konnte- und dann mangels Interesse der Leser einstellen musste.

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Erste harte und wenig rücksichtsvoll kommunizierte Schnitte auf dem Weg zur Sustainability hat es schon gegeben, auch unter Hinweis auf angeblich unzufriedene Mitglieder. Bei Tilo Jung ist das anders – die sonst so schnellen Twitteraccounts von Krautreporter, Esser und dem fehlersuchenden Niggi haben in der Causa nichts zu sagen, und auch selbstausgewiesene Neofeministinnen an Bord des Projekts haben sich bislang ncht zu Wort gemeldet, wie sie sich nun die Rettung des Onlinejournalismus vor Tritten in Frauenrücken so vorstellen. Die Situation ist vertrackt: Natürlich könnte man nach dieser Eskapade Tilo Jung hochkant rauswerfen und so dem Verlangen vieler Mitglieder nachgeben. Dann aber entstünde der Eindruck, die Rettung des Onlinejournalismus würde vor einem wütenden Mob einknicken. Krautreporter könnte sich aber auch auf den formal korrekten Standpunkt zurückziehen, dass es nicht ihre Sache ist, was freie Mitarbeiter auf Instragram tun. Wäre man nicht gerade dabei, im Zeichen schwindender Mittel die nächste Imagekampagne als unverzichtbare Onlinestimme zu starten, wäre das vielleicht auch eine mögliche Haltung – allein, die Schnittmenge zwischen denen, die Rückentritte gut finden und denen, die es super finden, wenn sie unangekündigt die nicht minder umstrittene Bloggerabschreiberin Helene Hegemann als Autorin finanzieren, ist nach meiner bescheidenen Meinung nicht allzu groß.

Krautreporter haben ein Paket vorgestellt, das es zu finanzieren galt: Hochwertigen Journalismus, den es woanders nicht gibt, von Autoren, die man kennt. Geliefert wurde durchwachsene Qualität ohne Linie, die überall stehen könnte, viele Links auf andere Medien, ziemlich viel Berlin und enorm viel Israel, auch angesichts von Charlie Hebdo keine Aktualität, und genau ein Autor, der die Marke wie kein anderer dominiert: Eben Tilo Jung. Jung macht es nach den Vorstellungen der neuen Medienwelt richtig, er exponiert sich, wird zur auffälligen Marke, hat seine Alleinstellungsmerkmale, und dazu gehört es auch, ab und zu anzuecken und zu provozieren. Diesmal im falschen Moment beim falschen Publikum, diesmal einmal zu oft: Manche kommen auch damit durch, denn auf der anderen Seite der Gewaltgutfinder ist die ebenfalls grimmeausgepreiste Aufschrei-Feministin Anne Wizorek, und die sitzt in Talkshows und wird Botschafterin der Antidiskriminierungsstelle, obwohl sie einen linksradikalen Anschlag zum gleichen Weltfrauentag des letzten Jahrs auf eine Apotheke beklatscht hat. Tilo Jung kommt nicht durch, und das kommt für seinen Arbeitgeber zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt.

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Mancher im kreischenden Mob – darunter auch die stets zur Empörung aufgelegte Gefolgschaft von Wizorek – weiss das vermutlich auch zu gut – Offenlegung: Die verlinkte Person war vor zehn Jahren Autorin in einem von mir herausgegebenen Buch. Und so, wie der Journalist als Marke seine Schattenseiten hat, hat auch das Crowdfunding gravierende Nachteile, wenn die Crowd nicht nur konsumieren will. Bei einem Telefon oder einem Kartenspiel mag es egal sein, was ein Entwickler in seiner Freizeit macht, aber bei einem Medium geht es auch um Standpunkte, Politik und Beeinflussung von Meinung, es geht um Macht, und diese Macht des „Tu was wir fordern oder verhungere“, dieser alte Traum der Mobs, diese Unfähigkeit, mit Dummheit, Fehlern, oder auch nur anderen Meinungen zu leben, bekommt Krautreporter jetzt zu spüren. Natürlich ist Tilo Jung teilweise das Ventil, durch das sich der Druck der generellen Unzufriedenheit entlädt, der Funken in der Pulverkammer, er ist das ideale Beispiel dessen, was man bezahlt, aber nicht bestellt hat. Dafür wird dann gleich das Projekt an sich abgelehnt.

Das wäre die Stunde der gekonnten Onlinedebatte über Dummheit, Verantwortung, Satire, ihre Grenzen und enthemmte Angriffe gewesen. Aber die einen toben und treten die anderen schweigen und ducken sich weg. Es ist ein undankbarer Job, den Krautreporter da gestern zu tun gehabt hätte, aber eine glänzende Gelegenheit zu zeigen, dass sie den Onlinejournalismus tatsächlich retten können. Vor seinen riskanten und provokativen Marken, die eine gewisse Freiheit brauchen und vielleicht auch missbrauchen, und vor der Niedertracht des nach einem Opfer schreienden Mobs.

09. Mrz. 2015
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24. Feb. 2015
von Don Alphonso
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Liebesgrüsse aus Moskau für mich, die Lügenpresse und Pegida

Selena70007 tut mir nichts. Im Gegenteil, Selena mag meine Bilder. Jetzt ist es Winter, und als ich ein besonders schönes Winterbild meiner bayerischen Heimat verbreite, mit Schnee, blauem Himmel und viel Sonne, ist Selena entzückt und retweetet das, damit ihre 2.997 Follower das auch sehen. Es ist ein hübsches Bild und passt jetzt nicht ganz optimal zu den anderen Interessen von Selena. Sicher, sie bringt auch schöne Bilder ihrer russischen Heimat, Sonnenuntergänge, Holzkirchen, Störche, Tundra, Natur. Habe ich schon gesagt, dass Selena sexy ist, soweit man das auf dem verschwommenen Profilbild erkennen kann?

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Jedenfalls, Selena hat auch noch andere Interessen ausser Natur, Holzkirchen und leicht rausgfressne FAZ-Autoren vom Tegernsee. Sie mag zum Beispiel auch russische Rüstungsprojekte wie die Armata-Panzer, die demnächst auf der Siegesparade in Moskau vorgestellt werden. Hat ein dickes Ding, dieser Panzer, eine 152 mm Glattrohrkanone, und Selena findet, das sei der stärkste Panzer der Welt. Über Finanzierungsprobleme des geplanten Vorgängers – der Armata ist eher eine abgespeckte Version einer gescheiterten Konstruktion – verliert sie kein Wort. Selena ist nämlich russische Patriotin: Sie will auf Twitter laut Eigenaussage die Gegner nicht schlecht machen, aber die Helden unterstützen. Und Helden gibt es jede Menge.

Da wären neben den historischen Helden des grossen vaterländischen Krieges und den Erbauern von Schiess- und Bombardierungsgerät vor allem die russischen Patrioten, die sich im Osten der Ukraine in jenem Krieg wehren, den ihnen der Westen und das von ihm an die Macht geputschte Regime der Ukraine aufgezwungen hat. So sieht das Selena. Es ist ein Krieg wie jene, die der Westen in Libyen und Syrien angezettelt hat. Selena sorgt sich natürlich um die Verwundeten, sie verweist auf die ukrainischen Opfer dieses Konflikts, die für ihr prowestliches Regime leiden müssen, und feiert ausgiebig die Erfolge der Separatisten, egal ob vor oder nach den Verhandlungen von Minsk. Und sie freut sich über Heldenfeiern in „Novorussiya“ und natürlich auch über die Anti-Maidan-Demonstrationen in Moskau und Paris.

armab

Im schönen Paris hat Selena selbstredend auch Freunde, aber von denen verbreitet sie keine Winterbilder, sondern politische Parolen. Es sind Parteigänger der rechtsextremen Front National, die von ihr hervorgehoben werden, und dankbar nimmt sie zur Kenntnis, wenn Frau Le Pen einen prorussischen Standpunkt vertritt. Über die freundliche Finanzierung mit einem 40-Million-Kredit, den Moskau der Front National gewährt haben soll, schweigt sich Selena allerdings keusch aus. Bei so viel Völkerverständigung muss man es wohl verstehen, wenn sich die polyglotte Selena auch mit dem Hashtag #JeSuisDonbass schmückt, wenn es um die Bestrebungen der Separatisten geht. Wenn es gegen den verhassten Hollande geht, der wegen der Sanktionen die Auslieferung zweier Kriegsschiffe nach Russland stoppt und auf den Kosten sitzenbleibt, wird das natürlich auch erwähnt. Die Franzosen sollen schliesslich wissen, was da in ihrem Namen passiert.

In Deutschland ist Selena angeblich gerade auf einer Konferenz und bei ihren Quellen nicht sonderlich wählerisch – neben dem dicken Knaben, den sie mit mir umschmeichelt, hält sie es gleichermassen mit friedensbewegten Linken über Krone-Schmalz und Pegida-Anhängern und freut sich narrisch auf Deutsch, wenn dieselben ihre Meinung bestätigen: EU, wach auf, ruft sie uns zu und das klingt immer noch netter als eine 152 mm Glattrohrkanone oder in ihren Ohren die Lügenpresse, der Selena ihre deutschen Lieblingsmedien entgegensetzt: Sputnik und Russia Today nämlich liefern ihr die Hauptinformationen. Andere Medien kommen auch vor, neben den Deutschen Wirtschafts Nachrichten auch seriöse Häuser, wenn etwa Frau Wagenknecht mehr Distanz von Amerika fordert. Überhaupt, Amerika, das schätzt Selena überhaupt nicht, denn Amerika führt dauernd Kriege und die Verbindung von Islamischer Staat, Saudi Arabien und Uncle Sam wird auch gern betont – da haben wir sie alle beeinander. Zum Glück kommt aber auch Zyperns Ministerpräsident in Moskau vorbei und betont, wie wichtig die wirtschaftliche Zusammenarbeit ist.

armac

Und noch ein Europäer mag der adretten Blondine zusagen: Der Brite Graham Phillips, der vor Ort in „Novorussiya“ den Krieg auf Film bannt und per eigenem Youtubekanal verbreitet. Phillips gilt als abweichende Stimme des Westens, und er hat einen guten Einblick: Aus der Ukraine hat man ihn wegen seiner Parteinahme für die Separatisten ausgewiesen, jetzt rückt er mit ihnen vor und macht Berichte vom russischen Siegeszug, die wiederum bei Russia Today grossen Anklang finden.

Eventuell ist die junge, hübsche, hochgradig internetaffine Selena mit famosen Kenntnissen in Französisch, Englisch und Deutsch nicht echt, sondern vielleicht ein unterstützendes Propagandavehikel aus Moskau, das versucht, neben den normalen und als Angebote Moskaus erkennbaren Projekten die Brücke zwischen Russland und den russlandfreundlichen Kräften im Westen zu schlagen. Damit ist sie nicht allein, unter ihren Followern sind auch noch andere Accounts, die sehr bewusst einseitige Berichte verbreiten. Das Schema ist immer das gleiche, zu Wort kommen die strategischen Partner der Russen, kritische Stimmen des Westens, gerne auch aus angesehenen Medien als Feigenblatt, sofern es inhaltlich passt, und reinrassige Verschwörungs- und Propganadaseiten. Dennoch, die Follower sind nicht alle nur Bots, sondern auch Partner für jene Gruppen im Westen, von denen uns „Lügenpresse“ entgegenschallt. Die müssen sich ihr Weltbild nicht mühsam zusammensuchen und international Partner finden. Selena macht das für sie und garniert das mit einer Rakete für Obama und einem entzückenden Winterbild meiner Person. Selena bedient sich überall, man muss sich nicht schämen, sie zu lesen, schliesslich ist sie jung, hübsch und mag auch die FAZ und den Tegernsee. Können diese unscharfen Augen lügen? Fragen sich manche, und folgen ihr.

armad

Das sind nicht so viele, wird man als Beobachter vielleicht denken, aber auch aus anderen ideologisch-toxischen Kampfgebieten von Bitcoins über Gender bis zu Vorratsdatenspeicherung zeigt die Erfahrung, dass zwei, drei Dutzend verbissene Netzkämpfer und Trolle schon ausreichen können, um einem ein Thema grundsätzlich zu verleiden. Denn die Selenas dieser Welt liefern Berichte und Argumente dagegen. Man muss ihnen nur folgen und hat Hunderte von Beiträgen, Videos und Bilder verfügbar, die beweisen sollen, dass die USA schuld sind, die wahren Opfer die Russen sind, und der Westen ein zynisches Spiel um die Weltbeherrschung betreibt, während die von den Medien eingelullte Öffentlichkeit nicht erkennt, was für ein dreckiges Spiel da gespielt wird. Selena und ihresgleichen liefern das geschlossene Weltbild, das mir und vielen anderen in die Kommentare gehämmert wird, und ich stehe vor der Frage: Lasse ich mich auf eine Debatte ein oder trete ich die Propaganda in die Tonne und die wüsten Kommentare, ich würde zensieren und das Grundrecht auf Meinungsfreiheit beschneiden, gleich hinterher.

Dass Selena wirkt, dass sie bei manchen funktioniert – das ist wie Pegida, Front National und was da sonst noch alles Putin als Befreier feiert eine Erscheinung, mit dem man in einer pluralistischen Demokratie leben muss. Man muss auch mit derartigen Operationen leben, und mit Selena.

Mit dem Umstand, dass die Leute dahinter möglicherweise nicht so hübsch sind, sondern eher wie Rosa Klebb aussehen, müssen dagegen zum Glück nur Selenas notgeile Pegidaanhänger klarkommen.

24. Feb. 2015
von Don Alphonso
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19. Feb. 2015
von Don Alphonso
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Google ist nicht böse, nur mal wieder gierig

Es gab einmal eine Zeit, da rieten sog. Berater Medien dazu, ihre Inhalte doch in Second Life zu verkaufen. Das war kurz nach der Zeit, als sie den Medien empfahlen, Content Syndikatoren zu werden, weil Content is King, und in etwa zeitgleich wie jene Phase, da man am besten alle Ressorts zu Blogs machen sollte. Nach einigen hyperlokalen Echtzeitumwegen sind wir heute weiter und oftmals durch Schaden klüger, und die Berater haben jetzt tolle neue Ideen: Weg von der deutschen Sprache hin zu Englisch. Weg vom Text, hin zu Buzzfeed und Katzenbildern. Weg von seriösen Überschriften hin zu klicktauglichen Anreissern. Und ganz radikal: Videojournalist und Youtube-Star werden, und die eigene Seite einstellen und statt dessen alles in den sozialen Medien veröffentlichen, denn niemand liest heute noch Webseiten.

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Steht so auf der Website des Technikmagazins Wired, das in Deutschlaand dem Vernehmen nach nicht ganz optimal läuft, und geschrieben wurde es vom nicht zwingend erfolgreichen Verlag- und Werbenetzwerkgründer Johnny Häusler, der eine Weile die Bloggerei zurückstellte, um ein altbackenes Buch über Kindererziehung zu schreiben. Es wird also nicht alles so heiss selbst gegessen, wie es für andere zusammengekocht wird – man kann so etwas mal wegen der Aufmerksamkeit fordern, um sich als radikaler Querdenker zu positionieren, und es, wie alle Berater des Netzes das gern tun, in der schwierigen Umsetzung dann den anderen überlassen. Hauptsache, man wurde mal wieder auffällig und musste nicht darüber reden, dass man selbst auch keine befriedigende Lösung durchsetzen konnte.

Die Verlagslandschaft ist da jedoch etwas reserviert, weil es schon einmal schlechte Erfahrungen gab. Vor fünf Jahren scheuchte Springer-Chef Döpfner seinen Konzern und in der Folge auch viele Zeitungen in den iPad-Hype der Firma Apple hinein. Mit iTunes hatte der amerikanische Konzern eine auf dem Markt akzeptierte Bezahlfunktion, und genau das fehlte den Verlagen. Also begann man umfassend, die Printprodukte multimedial anzureichern, in Apps zu verpacken und über Apple zu vertreiben; Springer leistete sich gar ein eigenes Stilmagazin. Das kann man sich jetzt bei der Welt auch so als gute, alte Webseite anschauen. Denn dieser Hype ging schnell zu Ende, als Apple bei Preisgestaltung und eigenen Profiten das entscheidende Wort mitreden wollten. Die Verlage lernten auf die harte Tour, was es bedeutet, sich an einem amerikanischen Internetkonzern auszuliefern, der nicht bereit ist, die Vorstellungen der Deutschen im Kotau-Haltung umzusetzen.

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Fünf Jahre später sind die Medien voll mit Geschichten über Figuren wie Dagibee und Unge und Le Floid und wie sie alle heissen, die bei Youtube ihre Videos einem scheinbaren Millionenpublikum präsentieren. Das sind die neuen, selbstgemachten Stars, und ihre Vermarktung übernehmen Werbenetzwerke, die Traumgewinne versprechen. Manchmal kracht es zwischen Inhaltelieferanten und Vermarktern, dann wird es hässlich und im Internet toben Shitstorms. Manchmal kommen Vermarkter in Krisen und manchmal gründen die Youtuber selbst Firmen: Es herrscht Goldgräberstimmung auf Youtube, und glücklich kann sein, wer dann von einer Krankenkasse als Werbefigur eingekauft wird und seine Baseballkappe bei Twitteraktionen verlosen kann. Natürlich bekommt jetzt auch unsereins wieder zu hören, dass wir doch auf den Zug aufspringen und mehr Bewegtbild machen sollen. Das soll uns alle reich machen, wie damals der Werbevermarkter vom Häusler.

Die Sache hat nur einen Haken: Im Bestreben, immer gut zu sein, erwürgt die Youtube-Mutter Google gerade nicht die Vermarkter und schneidet ihnen das Fleisch von den Rippen. Nein, das wäre ja böse – Google stellt nur ein paar Dinge klar. Etwa, dass man natürlich weiterhin Werbung für Youtubebeiträge verkaufen kann, aber wichtige Formate dafür können nicht mehr einfach so eingebaut werden, sie müssen vom Vermarkter über Google selbst gekauft werden. In Medienformaten, die ohnehin die Tendenz zu Dauerwerbesendungen haben, ist das Einspielen von Firmenlogos normal und von der Kundschaft erwünscht: Nun muss man dafür Google beteiligen. Protest dagegen ist nicht möglich, Google verabschiedet solche Regelungen im Alleingang und wem es nicht passt, der kann sich ja eine andere Videoplattform suchen. Was angesichts des Monopols von Youtube gar nicht so einfach werden dürfte. Diese „Friss oder stirb“-Politik wird natürlich nett verkauft, es ginge darum, Videos mit Werbebotschaften nicht zu überfrachten. Aber wie schon bei der Suchmaschinenoptimierung und beim Konflikt um Google News gegen die deutschen Verleger – man erinnert sich vielleicht an das Leistungsschutzrecht – nimmt Google wenig Rücksicht auf die Interessen anderer Leute.

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Für die Networks, die vor wenigen Monaten noch als die Zukunft der Fernsehsender galten, ist diese diktatorische Anordnung ein Hinweis auf ihre wahre Grösse und Funktion als externe Dienstleister, die für Youtube Werbepartner heranschaffen. Zumindest so lange, wie es Google passt. Ob Google begeistert davon ist, wenn sich die ersetzbaren Networks mit den eigentlich gewünschten Youtubestars streiten, und ob Google das Geschäft mittelfristig nicht doch selbst macht oder die Networks zu weiteren Zugeständnissen zwingt, wird die Zukunft weisen. Aber wer immer sich darauf einlässt, ist vollkommen vom Wohlwollen Googles abhängig. Das kann immer noch ein lukrativer Markt sein, wenn man mitspielt und Werbegelder vom Fernsehen ins Internet fliessen. Aber man sollte da vielleicht auch an den gerade in Schieflage geratenen Spieleentwickler Zynga denken, der seine Existenz mit Facebook verknüpfte: Es sind nachgeordnete Geschäftsmodelle in einem von vielen Veränderungen geprägten Markt.

Das kann man als junge Firma machen, die eine Wachstumsgeschichte braucht. Man kann sich darauf als junger Inhaltelieferant einlassen und hoffen, dass die Viertel Stunde Ruhm, die auch ein Johnny Häusler als Blogstar mal hatte, mittelfristig das Leben und Einkommen sichert. Das sind kleine Strukturen, die man schnell aufbauen und radikal verändern kann, wenn es nötig sein sollte. Aber Medienhäuser sind gross, brauchen Infrastruktur und werden von Leuten gemacht, die länger als bis zum nächsten Döner oder Sushi denken. Bei der eigenen Webseite, bei der eigenen Medienmarke kann einem keiner etwas einreden, und wie sie läuft, wer sie repräsentiert, und wie sie auf den Betrachter und Dauergast wirkt, hat man selbst in der Hand. Als nachgeordnetes Geschäftsmodell eines Internetgiganten und seiner Forderungen verliert man viele Freiheiten, ohne die Sicherheit zu haben, dass die heutigen Absprachen auch morgen noch gelten. Und die Networks, die jetzt von Google zur Ader gelassen werden, waren sicher netter und pflegeleichter als Medien, die auch mal was Böses über die Blogger schreiben, die von einem angeblichen Institut gefördert werden, das trotz direkter Förderung angeblich unabhängig von Google ist.

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Natürlich glaube ich auch nicht, dass Google böse ist, wenn die in diesem Institut geförderten Post-Privacy-Spacken dann gegen diese Zeitung hetzen, und ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Firma die schönsten Kränze schickt, wenn ihre ausgebluteten Partner zu Grabe getragen werden. Google ist nicht böse und es tut mir auch um kein ausgeplündertes Network leid – aber falsche Wege im Internet machen nur Spass, wenn man sich nicht darauf befindet und einen guten Blick auf jene hat, die dort krepieren. Bitte nur um Nachsicht, wenn dieses Blog also nicht auf Facebook oder Google Plus oder vertont auf Youtube läuft.

19. Feb. 2015
von Don Alphonso
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17. Feb. 2015
von Don Alphonso
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Die Rechnung für Griechenland, bitte

Rückstellungen sind in der Buchhaltung zumeist ein enorm unerfreuliches Thema. Aber nötig, wenn man überleben will.

Der mir bekannte, lockere Internetunternehmer J. etwa hat zwei Firmen mehr oder weniger vor die Wand gefahren, und zwar beide Male nach dem gleichen System: Er hat sie gegründet, gross gemacht, Gewinne ausgeschüttet und darauf verzichtet, Rückstellungen zu bilden, etwa für anfallende Risiken aus Prozessen und Ärger mit den Kunden. Es gibt zwar eine Unmenge Literatur über die Problematik, Berechnung und Bewertung solcher Rückstellungen für „ungewisse Verbindlichkeiten“ und „Drohverluste“, aber der J. war eben lockerer Internetunternehmer und erfuhr davon erst, als er die Rückstellungen hätte brauchen können. Da war es aber schon zu spät.

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Umgekehrt weiss ich aus der Old Economy, wieviel Kopfzerbrechen solche Rückstellungen bei der Buchhaltung machen können, wie schwer es ist, sie zu berechnen, und wie ungern darüber gesprochen wird – belegen solche Rückstellungen doch, dass alte Geschäfte nicht ideal gelaufen sind, und sich anders entwickelten, als die ursprünglichen Berechnungen versprachen. Die Deutsche Bank etwa macht Rückstellungen für den Kirchprozess und die diversen Bankenskandale, und all die schönen, reservierten Millionen sagen eigentlich nur, dass man sich früher mit dem eigenen Treiben viel zu sicher war. Beim Startup-Gründer war das Thema tödlich, bei der Deutschen Bank ist es ein Makel, aber es gibt wenigstens Abteilungen, die sich damit auseinander setzen und grob einschätzen können, was da an Unbill auf die Bank zukommt. Schön ist es nicht, aber so ist die Wirtschaft, und die Aktionäre verstehen das – weil es zeigt, dass die Firma Probleme erkennt und angeht.

Wähler sind nicht ganz so nachsichtig, die ärgern sich schnell und wählen dann vielleicht die falsche Partei, wenn die Politik anfängt, Geld für unerwartete Vorkommnisse zurückzuhalten, statt es an die Bürger zurück zu geben. So erkläre ich mir auch auch den Umstand, dass momentan keine emsigen Beamten in Berlin durch das Finanzministerium eilen und Modelle für die Griechenlandkrise entwerfen, und deren Kosten dann veröffentlichen. Gleichwohl wäre es möglich und angeraten – es wäre eine komplexe Formel mit sehr vielen wackligen Variablen, angefangen bei den Kosten eines griechischen Bankenzusammenbruchs, über die Staatspleite bishin zur Aussenwirkung des Spektakels, das wir im Moment sehen. Jede Firma würde für die sich abzeichnende Pleite eines Geschäftsbereich Rückstellungen machen und jede Firma wäre gut beraten, Reserven zu haben, wenn sich das Management wie die Kesselflicker streitet, und zwar in aller Öffentlichkeit unter Beobachtung der Weltpresse – und dann auch noch über das Kernprodukt.

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Alles, was im Euroraum produziert wird, wird in Euro gemessen und versteuert. Man sollte eigentlich meinen, dass daher alle Beteiligten aufpassen, dass dieses Kernprodukt so gut wie möglich dasteht. Zumindest sollte es halbwegs stabil und als von allen getragen wirken – im Moment sieht es aber eher so aus, als würden sich die Partner des Projekts gegenseitig die Pest an den Hals wünschen. Das war so natürlich nicht gedacht, der Euro sollte alle stabilisieren und überall fette, reiche, geliebte Regierungen an die Macht bringen, die den Kapitalismus walten lassen. Krawattenlose Punks wie Gianis „V wie“ Varoufakis und Alexis Tsipras hätte es nie geben dürfen. Jetzt sind sie da, sie sind nicht handzahm und bislang nicht so korrupt wie ihre Vorgänger, und sie kommen nicht in Kotau-Haltung: Das vorläufige Scheitern der Verhandlungen des gestrigen Abends ist teuer für die Gemeinschaftswährung. Und wenn Griechenland austreten muss – wie würde man in der Wirtschaft das Versagen des Managements bewerten, eine tragbare und vorzeigbare Lösung zu finden?

Der Euro ist eben nicht nur ein Anlageprodukt, dessen Risiken sich berechnen lassen. Er ist aktuell das Ergebnis einer gescheiterten Fusion. Es gibt ein massives Managementproblem in einem Konglomerat diverser letztlich immer noch volkseigener Betriebe, genau an der Stelle, da eigentlich eine starke und stabile Gemeinschaft verkauft werden sollte. Man liefert dem Weltmarkt ein ganz anderes Produkt als eigentlich versprochen, und fairerweise müsste man wirklich auch einmal darüber reden, was das Misstrauen in Produkt und Konstrukt kostet. Und ob es nicht insgesamt gesehen billiger wäre, Griechenland, Italien, Spanien und Portugal vom Haken der Schulden zu lassen, wenn man partout der Währung nicht entsagen will – oder als Exportnation und Profiteur nicht entsagen kann.

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Könnte ein stabilisiertes Griechenland nicht besser privatisieren, würde ein nicht von la Crisi zerrissenes Italien stabilere Hauspreise und weniger Privatpleiten sehen, gäbe es in Spanien nicht mehr Investitionen, wenn da eine Aussicht auf ein Ende der Jugendarbeitslosigkeit existierte und der Konsum in Schwung käme, und welche positiven Auswirkungen hätte es auf die von Niedrigzinsen enteigneten, deutschen Sparer – das alles könnte man hierzulande mal durch- und mit den eventuell erlassenen Schulden gegenrechnen. Es gab so etwas nämlich schon einmal für ein ruiniertes Land in einer schweren Wirtschaftskrise. Das Land hiess Deutschland, und erlebte 1931 den Zusammenbruch seines Bankensystems in Folge des Weltkriegs, der Weltwirtschaftskrise und einer völlig verfehlten Bankenpolitik, die sehr an unsere eigene grosse Bankenkrise der letzten Jahre erinnert.

Damals gab es immerhin das gnädige Hoover-Moratorium für zwischenstaatliche Schulden, weil man sich in Amerika genau diese umfassenden Gedanken über die Auswirkungen eines Zusammenbruchs auf das amerikanische Kapital in Deutschland gemacht hatte. Es gab einen Ausschuss, der sich aus Spezialisten zusammensetzte und rational überlegte, was die beste Losung für alle wäre. Und im Jahr darauf die folgte die Konferenz von Lausanne, die de facto das Ende der Reparationszahlungen der Deutschen an die Alliierten bedeutete. Wie wir alle wissen, kam diese Einsicht zu spät, um den Aufstieg Hitlers zu verhindern. Aber zumindest setzte sich damals der gesunde Menschenverstand durch, dass man insgesamt durch den drohenden Zusammenbruch der deutschen Republik erheblich mehr als nur die Reparationen verlieren würde. Wenn man schon die Wahl zwischen diversen unangenehmen Rückstellungen in der Bilanz hat, sollte man eben nachrechnen und überlegen, was unter Berücksichtigung aller Risiken unerfreulicher ist – und dann die kleinere Buchhaltungskröte schlucken und daran denken, wie gross, glitschig und bitter erst die andere Kröte wäre. Das hat man in Lausanne zugunsten von Deutschland gemacht. Heute setzen wir Ultimaten bis zum Freitag.

grexid

Jeder nicht ganz von allen guten Geistern verlassene Grosskonzern würde jetzt ein paar Volkswirtschaftler beauftragen, solche Berechnungen zu machen und zu überlegen, welches Resultat insgesamt für alle am besten ist, und mit den Teilhabern – hier den Völkern – offen reden. Den schleichenden Bank Run in Griechenland bitte nicht vergessen, den Umstand, dass die Griechen über das Target-System dieses Geld aus Europa bekommen, das Ansehen der Politiker berücksichtigen und vielleicht auch noch mit einbeziehen, dass man bei der nächsten EU-Subvention, bei Flüchtlingsströmen und der Ukraine wieder miteinander wird reden müssen, und auch jedes Revanchefoul – man denke an Maggie Thatcher – teuer werden kann. „Wir hatten zwar etwas anderes vereinbart, aber zusammen angesichts der Entwicklungen nachgedacht, das alles neu berechnet und sind nun zu dieser für keinen voll befriedigenden, aber tragbaren Lösung gekommen“ – das zu beschliessen und daheim zu vermitteln, war 1932 in Lausanne trotz der Erinnerungen an den Weltkrieg möglich. Damals zugunsten von Deutschland, und ich bezweifle, dass es uns heute schlechter gehen würde, wenn jemand in Griechenland nicht stirbt, wenn er sich den Arzt nicht leisten kann, in Italien nicht aus der Mülltonne essen muss oder in Spanien nicht die Koffer packt, um hier bei uns auf den Arbeitsstrich zu gehen.

17. Feb. 2015
von Don Alphonso
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13. Feb. 2015
von Isabell Prophet
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Gemein: Bachelorette liebt Bachelor

Mein letztes Date verlief ungefähr so: Hallo, siehst toll aus, danke, schöne Bar, Musik zu laut, ich komm mal näher, trinkst du noch was, ökonomische Auswirkungen des Wasserkonflikts in Israel und Palästina, tanzen, schwarzfahren auf einer Hafenfähre, Debatte über Freeriding, Abschiedskuss an der S-Bahn.

Ich fand’s voll gut.

Ich spreche gern mit anderen Ökonomen. Ich spreche grundsätzlich auch mit anderen Menschen, klar. Aber stellen Sie sich doch mal bitte eine Diskussion über öffentliche Güter bei Sonnenaufgang mit Blick über den Hamburger Containerhafen vor… Hach. Und sowas geht halt nicht mit jedem.

An Leuten wie uns geht die Republik zugrunde. Wir blockieren die soziale Mobilität. Ich Masterabschluss, er Masterabschluss, wir sind viel zu gleich. Der moderne Mensch lebt „homogam“, sagt die Wissenschaft; die Bachelorette liebt den Bachelor.

Das ist eigentlich ziemlich egal, weil früher einfach weniger gebildete Frauen da waren. Es verleitet Kultursoziologen aber zu abstrusen Thesen:

Frauen können ihren Stand in der Gesellschaft heute kaum noch durch Heirat verbessern. Hat die Wissenschaft so festgestellt. Bleiben Uni-Absolventen also unter sich, dann verpassen sie die Chance, sehr nette Nicht-Studierte aus ihrem Elend zu erlösen. Soweit die These.

Es stimmt schon: Wir heiraten heute eher Menschen, die unser Bildungsniveau teilen. Schuld sind so komische Emanzen wie ich: Wir steigen durch Bildung selbst auf und heiraten gebildete Männer, die deshalb nicht mehr ihre Sekretärin heiraten können. Zumindest nicht jetzt, nach der Scheidung vielleicht.

Zur Erklärung gibt es verschiedene Theorien, die sich an Widerlichkeit zu übertreffen suchen. Es gibt die Darwin-Theorie – wir wollen unsere schlauen Gene weitergeben und das gern mit einem schlaugenigen Partner. Ohje. Oder Frauen fehlt das Selbstbewusstsein. Denn die Freundinnen würden ja über meinen Partner herziehen, wenn er kein Akademiker ist. Frauen sollen bei der Partnerwahl „nach unten schauen“, sagt der Kultursoziologe, als wären Akademiker irgendein komisches Kollektiv in den Wolken.

Ich hab meine Freundinnen gefragt, wie sie es fänden, wenn mein neuer Freund Tischler wäre: „Großartig“, „Schön, lass dir einen rustikalen Esstisch bauen.“ Und: „Wo gehobelt wird, fallen Späne“. Eine schickte eine Abhandlung darüber, dass sie vor ihren fünf Jahren Uni gern eine Lehre gemacht hätte und nun traurig ist. Aber: „Dann verdient wenigstens einer von euch Geld.“

Zu ablehnenden Reaktionen hätte ich ihnen auch wirklich nicht geraten. Meine Partnerwahl geht sie nämlich nichts an.

Kleine Mädchen träumen heute nicht mehr davon, den Herzchirurgen zu verführen. Sie träumen davon, Gehirne aufzuschneiden und Alzheimer zu heilen.

Schon plausibler: der strukturalistische Ansatz. Studenten begegnen sich im Alltag, Akademiker auch. Und auch, wenn ich ein kostspieliges Faible für alte Möbel habe: Ich rede verdammt gern bei Sonnenaufgang über öffentliche Güter. Das ist keine notwendige Bedingung rationaler Partnerwahl. Aber es führt dazu, dass man sich irgendwann in die Augen schaut und ziemlich grinsen muss.

Es ist halt absurd. Aber wie funktioniert Liebe? Diese Frage wird in allen Debatten über faires Heiraten vergessen. Man kann sich in jeden Menschen verlieben. Man kann sich nicht wehren. Nicht einmal, wenn die Gehirnchirurgin sich in den Herzchirurgen verliebt.

Bei den Parship-Online-Daterinnen wünschen sich übrigens 45 Prozent eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Bei Männern sind es 42 Prozent. Ähnlich viele wollen sich gut unterhalten können. Ans Geld und den gehobenen Lebensstandard denken noch 4 Prozent der Frauen. Halten wir fest: Frauen wollen immer nur reden. Ist jetzt irgendwie auch nichts Neues.

Heiraten auf Augenhöhe ist, wenigstens in Teilen, ein modernes Phänomen. Frauen verbesserten sich in alten Zeiten durch die Ehe, weil sie gebildete Männer mit hohem Einkommen heirateten. Also wenigstens finanziell verbesserten sie sich, alles andere sei mal dahingestellt. Aber sich hochzuheiraten war aus zweierlei Gründen sinnvoll:

  1. Normal war, was die Eltern vorlebten. Und da arbeitete – gerade in vermögenderen Haushalten – nur einer: Papa. Sie studierten also nicht oder sie studierten irgendwas, was Spaß macht. Hätten sie nicht reich geheiratet, sie wären arm geblieben.
  2. Irgendwen mussten die Männer ja auch heiraten. 1978 kamen auf zwei Studenten eine Studentin. Das war schon viel. Denn hätten Männer nicht außerhalb der Uni ihre Partnerin gefunden, wir wären noch vor dem ersten Weltkrieg ausgestorben.

Das ist heute anders. Fast 50 Prozent der Studienanfänger sind weiblich – und mehr als 50 Prozent der Absolventen. Seit Jahrzehnten steigt der Anteil der Erwachsenen, die irgendwann mal Abitur gemacht oder sich auf anderem Weg die (Fach-) Hochschulreife erkämpft haben. Früher waren es mal mehr Männer; bei Menschen, die heute jünger als 40 sind, sind es eher mehr Frauen. Die Werte nähern sich aber an, sowohl einander als auch der 50-Prozent-Marke.

Der Anteil der Menschen mit Hochschulabschluss steigt ebenfalls. Mehr dieser „homogamen“ Haushalte, bei denen beide einen ähnlichen Bildungsstand haben, gibt es deshalb aber nicht. Geändert hat sich das Verhältnis der Haushalte, in denen beide studiert haben, zu Haushalten, in denen keiner studiert hat. Zum Positiven.

Doch bleiben wir mal bei der Unterstellung, studierende Frauen würden die soziale Mobilität gefährden. Mir ist noch immer nicht klar, warum das ein Problem des Heiratsmarktes sein soll. Kleine Angestellten-Töchter wie ich müssen jetzt selbst zur Uni. Dass Mami mir das Kunststudium finanziert, bis ich mir einen Arzt angelacht habe, war ausgeschlossen. Deshalb musste es was mit Wirtschaft sein, was anderes konnte ich eh nicht.

Dieser Weg steht nicht jedem offen. Unsere Schulen diskriminieren Menschen, die nicht aus Akademiker-Haushalten kommen. Allein: Das Problem ist nicht so groß, wie gern behauptet wird. Sonst würden die Absolventenzahlen nicht steigen.

Über die soziale Stellung wird nicht im heiratsfähigen Alter entschieden. Sie entscheidet sich in der Kindheit. 34,4 Prozent der Kinder besuchte im Schuljahr 2012/2013 ein Gymnasium. Zehn Jahre zuvor waren das 30,7 Prozent. Ist das jetzt schlimm, weil die Gruppe der Nicht-Gymnasiasten kleiner wird und sich deshalb als Versager fühlt? Oder ist es gut, weil mehr Kinder mehr Bildung bekommen? Diese Wertung muss jeder für sich selbst treffen.

Es gibt sogar Wissenschaftler, die das deutsche Karrieresystem für vergleichsweise durchlässig halten – weil auch ohne Abitur der Aufstieg möglich sei.

Gut, das ist jetzt keine gute Ausrede, Schulformen für Kinder unerreichbar zu machen. Aber dieses Problem werden wir nicht lösen können, solange wir Eltern ihre Kinder selbst erziehen lassen. Eltern sind unterschiedlich fähig, ihre Kinder zu fördern. Sie haben übrigens auch unterschiedliche Ziele, nur mal so.

Wir können den Frauen sogar noch mehr vorwerfen, als den intersozialen Heiratsmarkt zu verstopfen. Noch dazu, so die Haltung einiger Kritiker, lassen sie sich vom Ehegatten-Splitting in schlechte Jobs drängen. Ein Paar zahlt nämlich die wenigsten Steuern, wenn einer ganz viel verdient und der andere ganz wenig. Frauen führen also ihren eigenen Abstieg herbei.

Man mag sich fragen, wie hochqualifiziert eine Juristin wohl ist, die sich von Steuergesetzen in einen Job als Sekretärin drängeln lässt. Ich frage mich auch, ob Menschen, die Steuern über die Liebe stellen, wirklich Kinder bekommen sollten. Aber immerhin: Dieses Ehegatten-Splitting fördert die soziale Mobilität. Zumindest wäre es für den Anwalt steuerlich optimal, von vornherein die Sekretärin zu heiraten.

So scheint die ganze theoretische Erforschung der Liebe ein Problem zu haben: Sie ist irrelevant. Bleiben wir doch tatsächlich mal bei der Empirie. Deskriptiv, bitte.

13. Feb. 2015
von Isabell Prophet
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11. Feb. 2015
von Don Alphonso
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Netzkommunikation durch Arroganz und Abmahnung

Das Amtsgericht Ingolstadt ist eigentlich noch ein Königlich-Bayerisches Amtsgericht. Das sieht man an der Architektur, die eher zu einem Lustschloss des Rokoko statt zu einem Gericht passt, aber das war eben auch noch die Zeit, als man Justizpaläste baute. Paläste, um dem Volk zu zeigen, dass das allgemeine Recht einen nicht minder wichtigen Platz in der Gesellschaft hat, als der Adel und wer immer sonst noch in Palästen wohnte. Ein klein wenig wohl auch, um die Grosskopferten ein wenig einzuschüchtern und festzuhalten, dass der Staat als oberste Instanz ganz oben steht, und dass sich nach der französischen Revolution doch einiges geändert hat. Ein Palast für alle. Das Recht steht über allem.

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Ein schönes Amtsgericht haben wir da in unserer kleinen, dummen Stadt an der Donau, und wenn ich auf meiner Dachterrasse sitze, schaue ich hinüber auf das kupfergrüne Rokokodach und die hübschen Verzierungen. Aber trotzdem gibt es keinen Grund, sich da hinein zu wünschen, denn das Leben als Justiz ist gerade etwas unbequemer geworden – im benachbarten Neuburg, ebenfalls an der Donau, hat man nämlich einem Notarzt einen Strafbefehl über 4500 Eure und ein halbes Jahr Führerscheinentzug geschickt. Weil er ein zweijähriges Kind gerettet hat und bei der Blaulichtfahrt jemand etwas zu scharf ausweichen musste, und ihn angezeigt hat. Daher also der Strafbefehl, was ja allein schon als Wort einiges über das Verhältnis von Recht zum Bürger aussagt.

Diese Bürger jedoch sahen das nicht ein und forderten in Massen im Internet etwas, das ihnen gar nicht ansteht: Freispruch für den Notarzt. Schliesslich ist die Justiz unabhängig in ihren Entscheidungen und so kam es vermutlich eher zufällig, dass gleichzeitig der Generalstaatsanwalt in München die Akten anforderte. Mit folgendem Ergebnis für die Leute im Palast da drüben:

Die Staatsanwaltschaft Ingolstadt nimmt den Strafbefehlsantrag gegen einen Notarzt zurück, der sich demnächst vor dem Amtsgericht Neuburg a.d. Donau wegen eines Überholvorgangs auf dem Weg zu einem Rettungseinsatz zu verantworten gehabt hätte.

Besonders formschön ist der Zusatz, dass die Petition und das Grummeln im Netz „überhaupt keinen Einfluss auf das konkrete Ergebnis“ hatte.

amtsgeb

Das muss man in Bayern mittlerweile dazu sagen, wo das Ansehen der Justiz in den letzten Jahren doch deutlich gelitten hat. Da war der Fall vom angeblich ermordeten und an Tiere verfütterten Bauern Rudi, der sich dann im Stausee in seinem Nercedes wiederfand. Da war der Fall Mollath. Und dann ist da noch der Fall der ehemaligen Ministerin und ihrem Mann und der Firma und dem Mörder, der die hübschen Autos baute. Das Bayerische Volk jedenfalls, so macht es den Anschein, ist gerade dabei, das Internet als Mittel zur organisierten Unmutsbekundung zu nutzen. Nicht weit weg von hier soll übrigens auch eine grosse Stromtrasse durch hübsche Dörfer laufen: Auch dieser Volksaufstand wird im Netz so hart geführt, dass der Ministerpräsident schon ein paar Kehrtwenden hinlegen musste.

Und davon schwärmte, dass er mehr Bürgerbeteiligung haben will. Das war nach der gescheiterten Olympiabewerbung für 2022 von München, die durch alle betroffenen Landkreise eine Trumm Watschn Mordsfotzn deutliche Ablehnung erhielt. Und dieses Ergebnis ist spannend gewesen, als bei der Bewerbung von München und Garmisch für die Winterspiele 2018 die Gegner 2011 bei einem Bürgerentscheid in Garmisch noch eine Niederlage kassiert hatten. Damals machte sich die Presse noch lustig über jene Bauern, die der Kern des Widerstandes waren. Zwei Jahre später waren die Bauern zurück und über alle betroffenen Landkreise hinweg erheblich besser organisiert. Und die Befürworter – schwarzer Ministerpräsident und roter Münchner Bürgermeister – waren danach schlau genug, keine verlorenen Schlachten mehr zu schlagen. Weil sie ja sonst immer sagen, dass das Volk hinter ihnen steht. Wenn es das dann nicht tut, stellen sie sich halt wieder davor und reden wie das Volk, was auch nicht schlecht ist.

amtsgec

Ich erzähle das nicht nur, weil gegenüber der Justizpalast steht und eine Freundin aus der Nähe von Garmisch kommt und sich nicht damit abfinden konnte, dass ihre Heimat von ihrer CSU für Olympia plattgemacht werden sollte. Ich erzähle das, weil nach dem Debakel des schöne italienische Sprichwort zog, dass die Mutter der Idio Merkbefreiten immer schwanger ist. Denn als Reaktion darauf überlegte der Bürgermeister von Berlin, ob man in seiner Pleitestadt, in der die Schulen zerfallen und der neue Flughafen modert, nicht ein paar Scheine in eine Olympiabewerbung und viele weitere Millionen in die Durchführung stecken sollte. Gedacht, getan, und um beim maulenden Volk die nötige Akzeptanz zu bekommen, gibt es dafür auch viele, liebe, nette, lustige Internetaktivitäten, die auch mir alle paar Tage vor die Nase geschwemmt werden. Den Gegnern auf ihre Spielwiese nachkriechen, sie dort für sich einnehmen und begeistern – man könnte fast meinen, die Berliner hätten etwas aus dem Top-Down-Debakel der Bayern gelernt.

Bis der Berliner Senat dann das Blog Metronaut abgemahnt hat – für eine Satitre, die die neue Bewerbung in die Tradition der Naziolympiade in Berlin stellte. Also. Ich mein, wenn ich schon der Senat der ehemaligen Welthauptstadt Germania bin und im letzten Jahrhundert drei totalitäre Regime beheimatet habe, die ebenfalls keinen Spass mit Kritik verstanden – dann würde ich es mir eigentlich gut überlegen, ob ich da gleich meine Anwälte zurückschiessen lasse, und ob mit so einem Angriff Steiner alles in Ordnung geht. Man kann den Humor von Metronaut billig oder daneben finden, aber so, wie sich die Geschichte gerade darstellt, ist die Aussenwirkung nicht eben günstig. Zumal, wenn der Fall dann solche Wellen schlägt. Ein paar hundert Leute hätten bis zur Abmahnung gekichert, der Rest der Nation hätte es gar nicht mitbekommen. Jetzt aber kann man froh sein, in Bayern zu leben – hier wurden die geplanten Olympia-Baumassnahmen mit den Enteignungen der Nazis am Obersalzberg verglichen, ohne dass jemand die Anwälte losgeschickt hat. Möglicherweise würden Gerichte befinden, dass Metronaut zu weit ging. Aber die Botschaft an das Netz ist nicht, dass da die netten Bewerber lustige Plakate durch aktive Bürgerbeteiligung wollen. Wer falsch lacht, kriegt in Berlin eine Abmahnung – so kommt das hier an und ich bezweifle, dass es die Form von Publicity ist, die eine Willkommenskultur für Olympia in Berlin fördert. Zumal noch vor einem Jahr in unseren Medien breit darüber berichtet wird, wie in Putins Reich Kriik an den stalinistisch anmutenden Winterspielen in Sotschi niedergeschlagen wurde,.

amtsged

Berlin ist dann doch noch nicht Moskau, und nach einer massiven Empörungswelle im Netz hat sich Metronaut jetzt doch wieder entschieden, die Motive online zu stellen und keine Unterlassungserklärung zu unterzeichnen. Natürlich kann jetzt gegen Metronaut – und deren vielfältige und erboste Spender und Unterstüzer – geklagt werden, und möglicherweise entscheiden die Richter auch zugunsten der Abmahnenden und der Organisationen, die von ihren letzten Veranstaltungen in Sotschi und China ganz andere Rechtssysteme und deren Beihilfe gewohnt sind.

Die Bayerische Erfahrung jedoch könnte eventuell lehren, dass der Gewinn eines Prozesses wenig ist gegen den Zorn, den das beim Volk auslöst. Besonders, wenn das Volk mit dem Netz umgehen kann. Ich muss damit leben, dass die Republik nun über die Tätigkeit des hiesigen, wirklich hübschen Gerichts empört ist, aber wenigstens haben wir einen Generalstaatsanwalt, der da nichts anbrennen lässt. Der Berliner denken, dass eine Abmahnung ihren Zielen förderlich ist. Es steht zu befürchten, dass damit das Thema wohl noch länger Aufmerksamkeit finden wird, gegen die kein gesponsorter Tweet, keine Freundschaft bei Facebook und kein hochbezahlter Kampagnenmanager etwas wird ausrichten können. Niemand im Netz mag Abmahner, egal ob Red Tube oder Rotes Rathaus. Schon komisch, dass ein Bayerischer Generalstaatsanwalt so etwas verstehen kann, und in Berlin betteln sie um eine Niederlage beim eigenen Volk, schlimmer als alles, was die CSU im Oberland bei uns daheim kassierte.

11. Feb. 2015
von Don Alphonso
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04. Feb. 2015
von Isabell Prophet
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Angst mit Zahlen

Inflation ist die Lieblingsangst der Deutschen, meldet das Datenportal Statista. 58 Prozent fürchten sich davor, dass die Lebenshaltungskosten steigen. Angeblich liegt das an unserer kollektiven Erinnerung an eine Inflation zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Meine Theorie ist ja, dass wir einfach keine Lust haben, mehr Geld für unsere Pferdefleisch-Lasagne zu bezahlen. Dabei stiegen die Preise in letzter Zeit eigentlich immer, bis auf zwei Ausrutscher im Jahr 2009  Verhungert sind wir deshalb nicht.

isapra

Würden wir uns mehr mit Statistiken beschäftigen, müssten wir unsere Ängste grundlegend überarbeiten. Am liebsten sorgen wir uns um unser Geld. Von den Sachen, die wirklich bedrohlich sind, von denen wollen wir lieber nichts wissen. Altersarmut fürchten 38 Prozent, Pflegebedürftigkeit 51 Prozent – und beides droht uns nach OECD-Erwartungen tatsächlich. Dennoch müssen wir zur Altersvorsorge regelrecht gezwungen werden, haben Verhaltensökonomen um Cass Sunstein herausgefunden. Viel lieber beschäftigen wir uns mit Ängsten, die uns nicht den Schlaf rauben. Weil sie irreal sind. Wie Inflation.

Es gibt übrigens gerade gar keine Inflation. Im Moment wird das Leben günstiger. Das liegt allerdings vor allem am Ölpreis. Für den Verbraucher lohnt sich nun das Sparen wieder. Wir könnten das Geld unters Kissen legen oder an die Wand nageln, völlig egal, nächsten Monat haben wir mehr davon, als heute. So ein Verhalten würde die Wirtschaft langfristig vollkommen lahmlegen und Kreditraten unbezahlbar machen. Und dann hätten wir wirklich einen Grund, uns zu fürchten, denn das betrifft auch unsere eigenen Schulden – Altersarmut, wir erinnern uns.

Realistisch ist auch diese Sorge derzeit nicht. Forscher vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IFW) haben für einige Güter mal nachgerechnet und festgestellt: Wir geben unser Geld lieber sofort aus. Das entspricht übrigens voll und ganz der mikroökonomischen Theorie, erstes Semester, Tag eins: Die Preise fallen, die Leute kaufen mehr ein. Und wahrscheinlich wussten die meisten Menschen das auch schon vor der Uni.

isaprb

Doch Angst war schon immer ein fantastisches Verkaufsargument. Der Deutsche bekämpft seine Angst am liebsten mit Verträgen. Als ich zuletzt ein Mobiltelefon kaufte, wollte mir der Verkäufer eine Versicherung andrehen. Schon das Geschäftsmodell der Versicherung funktioniert nur, weil die Menschen mehr für ihre Ängste zahlen, als sie am Ende zurückbekommen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und sagte dem Verkäufer, mathematisch betrachtet lohnten sich Geräte-Versicherungen nicht.

Er sagte: „Für uns schon.“

Dieses Modell funktioniert fantastisch. VWL-Nobelpreisträger Daniel Kahnemann und der Psychologe Amos Tversky fanden schon vor Jahren heraus, dass Menschen nicht in der Lage sind, Risiken angemessen einzuschätzen. Wir haben viel zu viel Angst, etwas zu verlieren. Tatsächlich berührend sind Ängste, die deutlich weniger Menschen plagen: Die Angst vor der Einsamkeit (38 Prozent) und die Angst vor dem zerbrechen der Partnerschaft (18 Prozent). Dabei sind die Fakten frei zugänglich.

Mehr als jede dritte Ehe wird binnen 25 Jahren geschieden, die Zahl der Scheidungen im höheren Alter steigt langfristig betrachtet deutlich an. Die meisten Ehen halten sechs bis acht Jahre; im Schnitt halten es Paare keine 15 Jahre miteinander aus – und wenn sie geschieden werden, dann war die Ehe ja wohl in den Jahren davor auch schon kein Spaß mehr. Statistisch gesehen werden wir alle jahrelang unglücklich sein. Wir werden eher geschieden, als von einem Terroristen enthauptet, von der Inflation enteignet oder von einer Flutwelle fortgerissen.

isaprd

Erinnern Sie sich an die Schweinegrippe? Die Pandemie (ja, das Wort haben wir alle benutzt) ist jetzt tatsächlich mehr als fünf Jahre her. Erst hatten alle Angst vor der Krankheit, dann vor dem Impfstoff. Stichwort: Hunde-Krebszellen. Die Massenpanik war ein Millionengrab für Steuergelder und ein grandioses Konjunkturprogramm für Pharma-Konzerne.

VWL-Studenten haben einer nichtrepräsentativen Überlegung innerhalb meines Kopfes zufolge übrigens am meisten Angst vor der Statistik an sich. Intuitiv würde ich sagen, ich hege die größte Angst vor Spinnen. Das ist nicht lustig, ich bin in einem alten Haus aufgewachsen und habe wirklich Angst vor den Krabblern. Rational ist das nicht, wahrscheinlich aber genetisch bedingt. Vor einigen Jahren rief mich mal eine Leserin an; sie fürchtete sich vor einer Marienkäferplage. Ob sie für den Menschen gefährlich seien? Ich telefonierte mich quer durch die Welt der Entomologie und lernte: Marienkäfer sind nur dann gefährlich, wenn man sehr viele davon isst.

Wenn ich ernsthaft darüber nachdenke, habe ich wohl mehr Angst vor Verstümmelung. Acht Beinchen wie bei einer Spinne sind zu viel, aber meine zwei Beine und zwei Arme möchte ich wirklich unbedingt behalten. Also wähle ich als Lieblingsangst: Verkehrsunfälle. Weil ich aber ungern über Verstümmelung nachdenke, bleibe ich im Kopf lieber bei den Spinnen. Und das ist ein Problem. Wir haben alle nicht genug Angst vor Verkehrsunfällen. Langfristig betrachtet steigt die Zahl, hat das statische Bundesamt ermittelt. Das muss man sich mal durch den Kopf gehen lassen. Wir haben immer sicherere Autos. Die parken sogar für uns ein. Sie halten den Wagen in der Spur. Sie bremsen, wenn wir nur mal kurz mit dem Fuß wippen.

Die Verhaltensökonomik spricht von Versicherungseffekten: Uns fehlt die Motivation, einen Verkehrsunfall zu verhindern. Die Grundidee „Ich möchte lieber nicht verstümmelt werden“ funktioniert nicht mehr. Uns fehlt die Angst. Während die Zahl der Unfälle nämlich steigt, werden so langsam etwas weniger Menschen verletzt. So wenig Verkehrstote wie im Jahr 2013 gab es nicht, seit die Statistiker mit dem Zählen angefangen haben. Das klingt total toll, es waren aber im Schnitt neun Tote am Tag, dazu kamen knapp 800 Verletzte.

isaprc

Glaubt man dieser Destatis-Darstellung, dann starben im Jahr 2013 sogar mehr 18-Jährige, als eigentlich da sind. Stimmt natürlich nicht, liegt nur an der komischen Skalierung. Und egal, wie weit sie zurückschauen: Es sind in Zeiten der Sozialversicherung noch nie so viele Menschen an Inflation gestorben, wie an Autounfällen. Aber die Werbung hat doch erzählt, die Autos seien jetzt so sicher?

Ja, das stimmt auch, das belegen die sinkenden Opferzahlen deutlich. Sie brauchen keine Angst zu haben. So lange Sie im Auto sind und nicht darunter. Sie können mit den modernen Autos fahren wie ein Irrer im Schlauchboot und sich dabei von mir aus super mutig fühlen. Und wenn Sie dann ein neues Auto kaufen müssen, dann kurbeln Sie sogar die Wirtschaft an.

04. Feb. 2015
von Isabell Prophet
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30. Jan. 2015
von Don Alphonso
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Die feministische Aktivistin im Bett mit dem Nazi

“kann man der nicht mal was mitgeben“

Weev ist das Letzte.

Sagen Feministinnen und führen den Hacker gern vor, wenn sie Gesetzesverschärfungen für Onlinebelästigung und Stalking verlangen. Denn Weev, bürgerlicher Name Andrew Auernheimer, ist nicht nur ein Hacker, der für seine Taten im Gefängnis sass, sondern auch ein Frauenhasser, Rassist und gefährlicher Diskriminierer, der nicht davor zurückschreckt, Frauen aus dem Netz zu vertreiben und dann zu sagen: I did it for the Lulz, ich machte das zum Spass. Weev prahlt mit seinen Taten gegenüber Medien, betrieb eine Seite mit Neonazi-Inhalten, bezeichnet sich als Fan von Massenmördern und ist, alles in allem, die Verkörperung allen Übels, das das Netz davon abhält, zu einem sicheren Ort des korrekten Austauschs und der diskriminierungfreien Sprache zu werden. Weev hat keine Skrupel, anderer Leute Privatadresse im Netz zu verbreiten und andere auf sie zu hetzen.

shana

Weev ist das Letzte und gehört ins Gefängnis, sagen sie, und nehmen ihn als Beispiel, wo es hinführt, wenn andere für sich die Freiheit der Rede in Anspruch nehmen: Es führt in den verbalen Missbrauch, in die Unterdrückung, in die Schweigespirale und ins Trauma für die Opfer. Weev mag ein Extrem sein, aber das Netz ist voll von Leuten, die in seinem Windschatten ebenfalls die Aussagen von „Überlebenden“ von Belästigungen bezweifeln, Vergewaltigungsanklagen nicht allein aufgrund der Aussage des angeblichen Opfers glauben, gar ein faires Verfahren fordern oder ihre Texte nicht mit Triggerwarnungen zum Schutz traumatisierter Menschen versehen.

Ich sehe gerade, das ich habe das auch vergessen, obwohl das hier noch übel wird. Aber jetzt ist es zu spät.

Na wie auch immer, das Netz ist jedenfalls voll von solchen cisheterosexuellen, mittelalten weissen Privilegienmännern, die ihre Machtposition schamlos ausnutzen, um das Patriarchat weiterhin in seiner Funktion als Rape Culture im Krieg gegen die Frauen einzusetzen. „War on Women“ ist der amerikanische Begriff. Er wurde im letzten Wahlkampf häufig benutzt, als die Demokraten besonders Akademikerinnen mit Themen wie schlechter Bezahlung oder dem sog. „Campus Rape“, einer besonderen Gefährdung von Studentinnen, für ihre Sache gewinnen wollten. Naturgemäss ist das die Seite des Lichts und der Toleranz – auf den Seiten der Finsternis stehen dagegen die Republikaner mit dem Fernsehsender Fox, Webprojekte wie das rechtsgerichteten Nachrichtenportal Breitbart News, oder das Independent Women’s Forum, in dem den Konservativen nahestehende Forscherinnen Zweifel an den Erkenntnissen der Genderforschung formulieren und verbreiten.

shanb

In diesem mit allen Tricks und Hinterhältigkeiten ausgetragenen Krieg des Patriarchats gegen die Kräfte von Wahrheit und Fortschritt wird kein Bereich ausgespart. Weil die dritte Welle des Feminismus besonders stark im Netz vertreten ist, werden auch die erfolgreichen Tech-Firmen des Silicon Valley und ihre meist männlichen Gründer, Finanzierer, Chefs und Manager an ihre Verantwortung für Diversität, Gleichberechtigung und diskriminierungsfreie Sprache erinnert. Diese Aufgabe hat das Projekt „Model View Media“ übernommen. Auf einer Webseite, und vierteljährlich als hochwertig gedrucktes Magazin Model View Culture, beschäftigt es sich mit allem, was im Silicon Valley falsch läuft: Zu wenig Rücksicht auf Minderheiten, Netzwerke weisser Männer, Diskriminierung von Frauen, mangelnde Akzeptanz der diversen Gender, warum Code sexistisch ist und wie man sich dagegen wehren kann. Geschrieben werden die Beiträge von den jeweilig betroffenen Aktivistinnen und Aktivisten, derer es im Silicon Valley wohl genügend gibt, dass die Webseite und das Leben der Herausgeberin finanziert wird. Das Projekt ist einseitig und möchte als Gegenstandpunkt auch so sein. Als Gründerin, CEO und Herausgeberin firmiert Shanley Kane, seit dem Beginn von MVM ein neuer, gefeierter Stern am Himmel des Fortschritts.

Und tatsächlich hat Shanley Kane mehr im Sinn, als einfach nur jede Woche ein paar lange Anklagen gegen das System zu veröffentlichten. „Tech Critic“ wird sie genannt, und diese Kritik äussert sie vor allem auf Twitter: Kaum ein Tag vergeht, da sie nicht in rüden Worten Rücktritte oder Entlassungen fordert und Menschen persönlich obszön angreift, egal ob sie nun ihre Firmen anders als gewünscht führen oder einfach nur eine leicht abweichende Meinung vertreten. Kane geht an die Grenze der Meinungsfreiheit und verbreitet mit ihren Followern ein Klima der Angst spätestens seit dem Tag, da der Shitstorm auf das Ausgraben alter, von derbem Humor geprägter Tweets die Karriere eines Reporters zerstörte. Allerdings reichte ihr auch schon ein harmloser Versuch eines Portraits über sie vollkommen aus, um einen veritablen Shitstorm gegen die Autorin zu starten – nur weil diese gesagt hatte, sie würde auch mit anderen sprechen. Kanes letztes Opfer war im Dezember der Linuxgründer Linus Torvalds, der sich unsensibel über die Frage der Diversität in der Softwareentwicklung äusserte – sie und im Gefolge viele andere forderten, dass die Linuxcommunity ihren verdienten Chef wegen dieser Äusserung rauswerfen sollte.

shanc

Man kann diese Tweets heute nicht mehr anschauen, weil der Account von Kane geschlossen ist. Denn kurz nach dem Angriff auf Torvalds erschien bei eben jener verrufenen, rechten Seite Breitbart ein Artikel, der es in sich hatte. Verfasst wurde er von dem auch nicht gerade durchwegs sympathisch erscheinenden Autor und Gamergate-Aktivisten Milo Yiannopoulos, den nach Eigenaussage Gott schwul gemacht habe, damit er Feministinnen jagen könnte. In diesem Beitrag bestätigte ausgerechnet der berüchtigte Weev, dass Shanley Kane nicht nur früher seine Geliebte war, sondern auch noch seine Umtriebe teilte. So absurd die Geschichte klingen mag – die bejubelte Diversityaktivistin als Rassistin, die an der Seite des übelsten Trolls des Internets über genau jene herzog, die sie nun zu fördern vorgab – sie stimmt. Kane hat ihre Sicht der Dinge inklusive der Bestätigung, „mentally ill“ zu sein, selbst aufgeschrieben, sich zum Opfer gemacht und daraufhin ihren Twitteraccount auf privat gestellt.

Damit nicht genug: Im Gegensatz zu ihren Angaben hat Kane Model View Media nicht allein gegründet. Unter den Tisch fiel die Feministin Amelia Greenhall, die bald ohne genauere Begrünung ausgeschieden war. Jetzt aber legte sie nach und beschrieb ihre Erfahrung mit Kane: Sie habe sich leider ohne genauere Überprüfung ihrer Partnerin sehr blauäugig auf das Abenteuer eingelassen, das sich wie eine Art „abusive Relationship“, eine Missbrauchsbeziehung anfühlte. Damit eskalierte der Konflikt endgültig – es gab nicht mehr nur die extremen Seiten von Weev, Yiannopoulos und Kane, sondern auch noch eine feministische Kritik an der Frau, die kurz davor noch als schärfste Waffe des Feminismus im Kampf gegen das Patriarchat galt. Weil Kane im Laufe des Konflikts auch noch die private Telefonnummer von Yiannopoulos veröffentlicht und ihren Anhängern mitgeteilt hatte, wird sie nun auch noch des „Doxxings“ bezichtigt – ein Verhalten, das Feministinnen ansonsten besonders gern ihrem Ex-Freund Weev unterstellen.Mittlerweile haben sich Autoren von Model View Media öffentlich losgesagt.

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Der Vorfall kommt zu einem kritischen Zeitpunkt, denn schon in den Wochen davor hatten linksgerichtete Aktivisten schwere Niederlagen im Kampf um die öffentliche Meinung erlitten. Ein sensationeller, aber nur angeblicher Fall von ritueller Massenvergewaltigung an der University of Virginia hat sich, obwohl sich sogar Deutschlands Vorzeigefeministin Anne Wizorek mit der Anklägerin solidarisch erklärte, nach Recherchen der Washington Post und Untersuchungen der Polizei als frei erfunden herausgestellt. Und der Medienliebling Lena Dunham, deren Autobiographie auch dank der Darstellung einer erlittenen Vergewaltigung viel Aufmerksamkeit bekam, musste mitsamt ihrem Verlag einräumen, dass die Geschichte so nicht stattgefunden hat. Auch hier hatte ausgerechnet Breitbart vor Ort recherchiert und die Schauspielerin und Feministin, die einen Unschuldigen ans Messer des Internetnobs geliefert hatte, erst nach langem Schweigen zu dem Eingeständnis gezwungen. Und es waren Forscherinnen des Independent Women’s Forum, die in den letzten Wochen die Behauptung der Demokraten entkräfteten , eine von fünf Frauen werde an den Universitäten Opfer sexueller Gewalt – die Linke hatte sich bei dem plakativen Vorwurf auf eine sehr fragwürdige Studie berufen.

Möglicherweise wären vor dem Internet solche Konflikte in geordneten Bahnen verlaufen. Ein Weev hätte kein rechtsradikales Gedankengut veröffentlichen können, eine Kane hätte sich im normalen Medienbetrieb für ihre Anliegen mässigen müssen, niemandes Adresse wäre veröffentlicht worden, und Personen, die nicht zum Helden taugen, wären Spongebobunterhosenverkauferinnen geblieben. „Im Internet weiss niemand, dass Du ein Hund bist“ ist so ein alter Spruch, und speziell im Bereich des politischen Aktivismus kommen besonders viele Hunde an Positionen, an denen sie nichts verloren haben – die Geschichte der linksbizarren Unterwanderung der Piratenpartei legt davon trauriges Zeugnis ab. Wenigstens, könnte man denken, bleibt man in Deutschland ansonsten von solchen Auswüchsen verschont.

shane

Das ist ein Irrtum. Denn Yiannopoulos hat schon im Dezember bei Breitbart kritisch über die Vorgeschichte von Kane geschrieben. Und ein Redakteur der deutschen Welle hat das im Twitteraccount retweetet, als Gegenposition zu einem ebenfalls verlinkten, sehr schmeichlerischen Interview mit Kane. Daraufhin wurde von Freunden und Mitarbeitern der Feministin Anne Wizorek ein Shitstorm gegen den Autor angezettelt. Die Berlinerin und kleinerdrei-Mitarbeiterin Lucie Höhler schwärzte ihn direkt und öffentlich beim Mutterhaus an. Ein Autor, der für Kane arbeitet, verlangte  eine öffentliche Entschuldigung für den Link. Mit Jürgen Geuter, Martin Pittenauer, Helga Hansen und Michael Seemann beteiligten sich weitere bekannte Gesichter des Aufschrei-Umfelds und teilweise Mitarbeiter von Anne Wizorek an der Hatz, damit kein unerwünschtes Wort über Shanley Kane von so einer „rassistischen“ Webseite weiterverbreitet wird. Sofort war die Rede vom „Staatspropagandasender“, der „ultrarechtskonservative Verschwörungstheoretiker retweetet  – man muss nicht zu Pegida gehen, um den Hass im Internet zu finden.

Das sollte man vielleicht wissen, wenn sich Frau Wizorek öffentlich zum Thema Stalking äussert. Auf eine Entschuldigung wartet man jedenfalls von ihr, von Shanley Kane oder anderen AktivistInnen vergeblich. Und morgen wird Frau Wizorek dann in der Böllstiftung erzählen, wie das mit dem Internetaktivismus geht. Man wird sehen, ob sie dort auch klare Worte über die Machenschaften ihres eigenen Umfelds findet.

30. Jan. 2015
von Don Alphonso
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22. Jan. 2015
von Don Alphonso
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Warum ich für Schiedsgerichte im Freihandelsabkommen bin

Ich war einer der ersten deutschen Nutzer von Napster. Ich machte damals Radio; ein Bekannter war im Winter des Jahres 2000 in den USA und schickte mir den Link. Ich müsste das unbedingt ausprobieren, das sei genial. Nie mehr in den Sender fahren, um CDs herauszusuchen, nie mehr in Kisten wühlen und feststellen, dass das gewünschte Material nicht da ist – das war in den Zeiten vor der Totaldigitalisierung, das Nachtprogramm wurde mit einem riesigen CD-Wechsler gestaltet, Brenner waren fast unerschwinglich und wer dann eine CD mitnahm, musste sie daheim mühsam als .wav-Datei extrahieren und damit die 9-GB-Festplatte beim Bauen der Beiträge schwer belasten. Bei Napster gab man den Titel ein und hatte, was man brauchte, auf dem Rechner. Das war grossartig.

napsa

So grossartig, dass wir darüber Sendungen machten und dazu auf der Webseite des Senders eine kommentierbare, einheitlich gestaltete Kolumne hatten, die man heute als Blog bezeichnen würde – zum Umbruch auf dem Musikmarkt, über das Glück der Nutzer und ob es da eine gemeinsame, gute Zukunft geben könnte. Wie die meisten wissen werden, sollte es zu dieser Zukunft nicht kommen, Napster wurde verklagt, von Bertelsmann übernommen, und man wanderte weiter zu Kazaa, eDonkey oder Bittorrent. Wer sich dumm anstellte, wurde mit Abmahnungen überzogen und ansonsten musste man eben argumentieren, wie man das mit der fairen Nutzung unter einen Hut bringen wollte.

Ich bin aus eigener Erfahrung und durch den Umgang mit klassischer Musik sehr wohl der Meinung, dass solche Dienste insgesamt der Musikindustrie, oder wie sie im Internet bekannt ist, der Content-Mafia helfen. Meine Interpreten haben gar nichts gegen bei Youtube hochgeladene Videos und Audiodateien einzelner Sätze. In meinem Metier ist das eine Art, Präsenz zu zeigen, und wenn ich jemanden von der Qualität meiner bevorzugten Sängerin Roberta Invernizzi überzeugen will, ohne die CDs weiterreichen zu können, verlinke ich das hier. Die Leute kaufen dann schon. Der Bereich der Klassik ist voll von generösen, älteren Menschen, die genau wissen, dass ihre Tonmöbel von Audiodata und Duevel zum Preis eines Kleinwagens nicht mit billigem Stoff aus dem Internet befüllt werden wollen. Wer für einen guten Platz in der Oper mehr als hundert Euro bezahlt, hat auch einen Mahagonischrank für CDs in hochwertiger Aufmachung. Die Argumentation in meinem Bereich lautet seit weit über zehn Jahren: Gebt uns etwas zum hören, stört Euch nicht, wenn wir mal eine Datei verlinken, und wir sind dankbar und kaufen. Tatsächlich gibt es im Klassikbereich auch keine Debatten um Digital Right Management, Kopierschutz und Abmahnungen.

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Insofern finde ich Einlassungen wie “hätte die scheiß polizei bloß bescheid gesagt, bevor sie piratebay runtergenommen hat, hätte ich mich noch mit serien eindecken können“ nicht hilfreich, um nicht zu sagen, zum Kotz. Getätigt wird sie von einem sog. Internetaktivisten, dem sie angesichts seines sonstigen Schaffens mit offen zur Schau getragenen Ablehnung geregelter Arbeit und Vorliebe für ein bedingungsloses Grundeinkommen durchaus zuzutrauen ist. Für alle, die an einem vernünftigen Ausgleich Interesse haben, ist das ein Schlag ins Gesicht: Es geht allein um die mit Serien gefüllte Festplatte, es geht weder um die rechtliche Problematik, noch um das Schicksal der Plattform Piratebay und ihrer Gründer. Und schon gar nicht um die amerikanischen Bezahlsender, die diese von ihm bevorzugten Serien produzieren. Es ist die Sorte Downloader, die keine Lobbyarbeit der Rechteinhaber für ihre Propaganda besser erfinden könnte: Es geht nicht um das Teilen oder die faire Benutzung, sondern einfach um die eigenen Interessen. Gesucht wird kein Dialog oder gar gesellschaftlicher Konsens, sondern die nächste Möglichkeit, das Material zu beschaffen.

Es geht darum, herauszuholen, was möglich ist, und zwar ohne Belästigung durch die Regeln der Gemeinschaft. Wenn einer dann wegen Urheberrechtsverletzungen den Job verliert oder haftbar gemacht wird, mag das für ihn unerfreulich sein – aber der Rest der Gesellschaft besteht nun mal aus denen, die zahlen, Leistungen erbringen und wissen, dass mit dieser Haltung der Gesellschaft kein Dienst erwiesen wird. „Ich will das bequem einmal anhören können, um mich zu informieren und den Erwerb zu überlegen“ könnte gesellschaftlich akzeptabel sein. “Ich will alles jetzt sofort und umsonst und der Rest ist mir egal“ ist dagegen nicht mehrheitsfähig,

napsc

Und deshalb finde ich die Schiedsgerichte im Transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP auch so toll. Dieser einklagbare Investitionsschutz vor Gerichten, die allein durch Absprachen zwischen von Lobbyisten schwer beeinflussten Staaten und undemokratischen Kommissionen ins Leben gerufen werden sollen, ohne dass die Öffentlichkeit informiert wird. Diese pseudojuristischen Plattformen, zu denen niemals ein Bürger befragt wurde, über die wir nicht entscheiden können, die dem Volk hier unter der Ägide einer skandalösen Figur reingedrückt werden, mit Hilfe von Politikern und Funktionären, die später gern auf lukrative Posten in der Wirtschaft wechseln. Ich mache keinen Hehl daraus, diese Gerichte sind meines Erachtens das “Ich will alles jetzt sofort und umsonst und der Rest ist mir egal“ von Wirtschaft und einer Politik, der man nach dem Atomausstieg und der möglichen politischen Klagebeihilfe alles zutrauen sollte. Ich finde es grandios, dass die Schiedsgerichte beim TTIP geplant sind.

Denn wenn das TTIP einfach so käme und die sehr weitreichenden Rechte der amerikanischen Content Mafia schützen würden, wie das bei ACTA geplant war, würde sich kaum jemand darüber aufregen, ähnlich wie bei Einschnitten beim Datenschutz und der Netzneutralität. Das würde einfach so durchrutschen, wenn man den Verbrauchern nur verspricht, dass Chlorhühner gekennzeichnet werden müssen. Es gibt viele ähnliche, kleine Punkte bei diesem Abkommen, die immer nur kleine Bereiche betreffen, die alle keine laute Stimme und effektive Lobby haben. Die Internetnutzer sind da, nach dem von Personen wie dem Downloadfreund mitbefeuerten Niedergang der Piratenpartei, mit die schwächste aller schwachen Gruppen. Aber bei den Schiedsgerichten geht es um Konflikte zwischen Firmen und ihren Eigeninteressen und ganzen Staaten, die in Streitfällen traditionell miserabel vertreten werden – Eurofighter. Eurohawk, LKW-Maut und Bankster, die Banken in den Ruin führen und dennoch auf Gehälter und Boni klagen, lassen grüssen. Das spürt jeder. Da geht es gegen alle, gegen die Finanzierung des Kindergartens, um die Steuerlast, um Folgen, die nicht abschätzbar sind. Natürlich auch um Folgen beim Urheberrecht und seiner liberalen Auslegung. Wie wenig zimperlich das Konglomerat von USA und Unterhaltungsindustrie ist, sah man bei Megaupload.

napsd

Natürlich macht es keinen Spass, mit einer den Ausgleich suchenden Vorstellung vom Urheberrecht direkt neben einem begrenzt Einsichtigen zu stehen, der einfach nur seinen abendlichen Bodycount saugen will. Aber im Vergleich zu den Schiedsgerichten ist das ein winziges Elend. Und dieses grosse Elend muss die EU-Kommission gegen den Willen der grossen Mehrheit der Bevölkerung dieses Kontinents durchsetzen. Niemand lässt sich gern unverschämt behandeln und wehrlos ausplündern. Ich muss vermitteln, dass es leider auch mal solche Figuren gibt, aber keinen Grundrechteabbau, keine Einschnitte in die Demokratie und keine Kapitulation vor wirtschaftlichen Interessen. Wenn das TTIP scheitert, dann am Widerstand gegen die Schiedsgerichte.

Und danach sollte man nicht einfach die nächste Plattform für den Download suchen, sondern wirklich überlegen, wie ein Urheberrecht aussieht, das der Gesellschaft nutzt, die Interessen der Beteiligten berücksichtigt. Und zwar ohne den Glauben, dass der Angriff Steiner das BGE das alles schon in Ordnung bringen wird.

22. Jan. 2015
von Don Alphonso
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16. Jan. 2015
von Don Alphonso
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Nagelbombenargumente für die Vorratsdatenspeicherung

Ich hätte mich heute Nacht mit Vorratsdatenspeicherung ziemlich verdächtig gemacht – ich habe nach automatischen Maschinengewehren und Rohrbomben gesucht, nach Terrororganisationen und Taktiken im Untergrundkampf. Meine Browserhistory umfasst Informationen zu Organisationen wie jener, deren Mitglieder gestern Abend in Belgien erschossen oder heute Nacht in Berlin festgenommen wurden. Von aussen betrachtet sähe es so aus, als hätte sich da erst jemand für Sprengstoffattentate in Deutschland interessiert, und sich danach intensiv mit der Ermittlungstaktik von Behörden auseinander gesetzt. Ausserdem habe ich Mails mit verdächtigen Wörtern empfangen und verschickt, und mein Handy, das man zu meiner Ortung benutzen könnte, ist seit Monaten ausgeschaltet. Das liegt lediglich daran, dass ich das Ladegerät im Oktober in Italien vergessen und bislang kein Interesse hatte, ein neues zu beschaffen – aber man könnte auch eventuell vermuten, ich sei untergetaucht und würde mir nun überlegen, wie man idealerweise mit einer Rohrbombe effektiv der Verfolgung durch staatlichen Behörden entgeht.

vdsb

Aber eigentlich geht es mir nur um die anlasslose Vorratsdatenspeicherung, die uns dank der Überwachungsfreunde der CDU, ihrer Unterstützer bei den Medien und der Verräterpar  redewilligen SPD droht. “Round up the usual suspects“ ist alt, “speichert erst mal alles, was ihr kriegen könnt, danach sehen wir weiter“ ist das neue Credo der Organisationen und Parteien, die eigentlich dazu da sein sollten, die Freiheit des Individuums und seiner Privatsphäre zu sichern. Und das obwohl, wie gezeigt, im Fall des Anschlags auf Charlie Hebdo genau dieses Mittel vorhanden war und nicht zur Verbeugung eingesetzt wurde, wie auch all die anderen Erkenntnisse, die man schon längst über die Täter hatte. Nach neuesten Berichten konnte man sich sogar auf der Strasse als Islamist rüde nach dem Büro von Charlie Hebdo erkundigen, dafür der Polizei zur Kenntnis gebracht werden und damit unbehelligt davon kommen. Es ist also absehbar, dass es in Frankreich noch längere Debatten um das Versagen der Behörden geben wird. Weiterlesen →

16. Jan. 2015
von Don Alphonso
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09. Jan. 2015
von Don Alphonso
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Wehrhaft gegen Twitter, wehrlos gegen Kugeln

Wie immer die Jagd nach den Brüdern Chérif (32) und Said K.(34), den mutmasslichen Attentätern auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo ausgehen wird – eines ist jetzt schon offensichtlich: Eine reflexhafte Debatte um die Vorratsdatenspeicherung, wie sie in Deutschland gerade wieder von der CSU begonnen wird, wird es in Frankreich nicht geben. Ebenso wenig wird man über Antiterrordateien sprechen, oder über Internetsperren für Terrorpropaganda ohne richterlichen Beschluss, einfach auf behördliche Anordnung an Internetprovider oder Firmen. Nicht etwa, weil das möglicherweise fundamentalen Prinzipien des Abendlandes wie der Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung widerspräche, sondern weil Frankreich das alles längst hat. Erst im Juli des letzten Jahres passierte mit grosser Zustimmung die jüngste Verschärfung der Antiterrorgesetze die Parlamente im Schnelldurchgang – und mit dabei war vieles, was sich die Verfolgungsbehörden auch in totalitären Staaten wünschen würden. Speziell der Richtervorbehalt wurde, für einen Rechtsstaat fragwürdig, massiv zurückgenommen, etwa beim Entschlüsseln persönlicher Daten von Verdächtigen.

hebdoa

Anlass für das neue Gesetz war der Erfolg des Islamischen Staates im Nahen Osten und die Sorge, deren europäische Kämpfer könnten sich nach ihrer Rückkehr als Terroristen betätigen. Im Mai des Jahres 2014 hatte ein derartiger Heimkehrer mutmasslich ein Massaker mit vier Toten im jüdischen Museum von Brüssel angerichtet. Tatwaffe war, wie im Fall von Charlie Hebdo, eine automatische Waffe vom Typ Kalaschnikow, die in Deutschland unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen würde. Der mutmassliche Täter Mehdi Nemmouche selbst hat, ähnlich wie die Brüder K., eine schwere Jugend hinter sich, und war bei seinem langen Weg in den Terrorismus ins Visier der Behörden geraten. Deshalb kam er schon bei seiner Rückreise aus den Terrorgebieten nach Deutschland unter Beobachtung des Bundesgrenzschutzes, wurde aber bei seiner Reise zum Tatort nicht aufgehalten. Nemmouche setzte sich nach der Tat nach Frankreich ab, und wurde dort festgenommen – weil man bei ihm Drogen vermutete und statt dessen das Sturmgewehr und weitere Waffen fand. Das detaillierte Wissen um die Einstellung des Täters, seine Reisen im Mittleren Osten und alle technischen Massnahmen, über die die Franzosen seit den ersten Antiterrorgesetzen von 2006 verfügen, haben weder den Anschlag verhindert, noch bei der Festnahme geholfen. Weiterlesen →

09. Jan. 2015
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02. Jan. 2015
von Don Alphonso
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Vorsatz für das neue Jahr: Keiner Statistik mehr glauben

Einleitung: Auch dieses Blog hat einen Vorsatz für das neue Jahr: Junge Autoren schreiben lassen. Isabell Prophet ist ein zentralniedersächsisches Kleinstadtkind, das sich in Hamburg verirrt hat. Das ist aber in Ordnung, denn sie haben dort WLAN und eine Nannenschule, die sie besucht hat. Studiert hat sie davor VWL, Wirtschaftsrecht und Wirtschaftsgeschichte, und beschäftigt sich gern mit Zahlen, Studien und was man uns sonst noch aus mehr oder weniger niedrigen Motiven als wissenschaftlich erwiesen nahe bringen möchte.

Neues Jahr, neues Ich: Das und nicht weniger verspricht mir heute Apples App-Store. Mein etwas derangiertes Ich, noch reichlich verschlafen von der Silvesternacht, protestiert spontan: Es will lieber nicht ersetzt werden.
Und obwohl es irgendwie keiner mehr hören kann oder lesen will: Vorsätze für das neue Jahr werden wie Böller und Raketen beworben. Alle Medien tun es. Aber eigene Vorsätze? Ich weiß wirklich nicht, wann ich zuletzt welche hatte. Wahrscheinlich hatte ich vor Jahren irgendwann mal vor, weniger zu rauchen. Hat nicht funktioniert. Am Ende siegte aber die Angst vor Falten über meine Hassliebe zur Zigarette.

isad

Apple verkauft mit den gutgemeinten Vorsätzen Apps und bietet mir gleich die Generalüberholung an, komplett mit Yoga, Finanzplanung, Einschlafübungen, Sieben-Minuten-Training, Gehirnjogging, Sprachtrainern, ToDo-Listen und Zeitmanagement. Wenn ich alles runterlade, dann brauche ich mir künftig weder über meine Finanzplanung noch mein Zeitmanagement Gedanken machen: Ich werde pleite sein und meine Tage ausschließlich mit dem iPad verbringen.

Erste Erkenntnis: Diese Apps kosten ein Schweinegeld. Die teuerste gibt es für 26,99 Euro, dafür zerhackt sie jeden Tag in kleine Stückchen; fürs Lesen, Musikhören und andere Hobbys gibt es Erfolgsmesser. Ein Kommentator empfiehlt, vorher am Besten das Begleitbuch zu lesen. Ich habe ein bisschen Angst vor dieser App. Weiterlesen →

02. Jan. 2015
von Don Alphonso
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30. Dez. 2014
von Don Alphonso
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Reden, koksen und untergehen mit Pegida

Vielleicht sollte man sich einmal das Logo von Pegida anschauen. Das Logo zeigt ein eigentlich aus der linken Szene bekanntes Piktogramm. Bei den Linken wirft eine Figur ein Hakenkreuz in den Mülleimer. Bei Pegida kommt zum Hakenkreuz auch noch eine Flagge der militanten Antifa, eine Flagge des Kommunismus und eine Flagge des Islamischen Staates dazu.

pegia

Nun werden manche vielleicht sagen, dass angesichts der Ausrichtung der Demonstrationen das weggeworfene Hakenkreuz so eine Art bildhaftes „Ich bin kein Nazi, aber“ ist. Ich meine jedoch, dass man die anderen beiden, nicht so oft erwähnten Zeichen auf jeden Fall ernst nehmen sollte. Denn die erklären vielleicht, warum Pegida speziell in Dresden so gut läuft. Dass eine Bewegung in einer Stadt der ehemaligen DDR und des Ostblocks den Kommunismus ablehnt, ist leicht verständlich. Dass so eine Bewegung aber auch speziell die Antifa im Müll sehen will, dürfte gerade hier viel mit den Auseinandersetzungen wegen der Bombardierungen der Stadt Ende des Zweiten Weltkriegs zu tun haben: Immer im Februar wird Dresden Schauplatz der Konflikte zwischen Neonazis und linksextremen Gruppierungen. Deren Aktionen – beispielhaft der „Thanks Bomber Harris – Antifa Action“-Protest durch zwei Vertreterinnen von Femen und Antifa – machte bundesweit Schlagzeilen, und zeigte den Dresdnern, dass sie aus Sicht der Linksextremisten als die Schuldigen dastehen. Weiterlesen →

30. Dez. 2014
von Don Alphonso
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24. Dez. 2014
von Don Alphonso
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Versagen im Bett mit Pegida

Es ist warm an diesem Augustabend des Jahres 2005, deshalb tragen die meisten Herren auch kurzärmlige Hemden, als sie sich draussen vor der Gaststätte des Münchner Nockherbergs zum Gruppenphoto versammeln. Die meisten kannten sich vor diesem Treffen nicht, aber nun waren sie zusammen gesessen, hatten die Reden der Prominenten gehört und nichts weniger geplant, als das Wertesystem des Westens zu retten. Hoch waren die Erwartungen im Vorfeld, vielleicht sollte gar eine neue Bewegung, eine neue Partei gegründet werden. Soweit kam es nicht, aber man hatte sich vernetzt, Strategien besprochen und überlegt, wie man im Internet dem damals, in Zeiten des Irakkrieges nicht gerade amerikafreundlichen Mainstream etwas entgegen setzen könnte. Mit dabei bei diesem „prowestlichen Heimatabend“ waren das Autorenduo Maxeiner und Miersch, der Welt-Autor Hannes Stein und der damals für den Spiegel arbeitende Henryk M. Broder. Auf dem Bild sticht er unter all den Recken heraus, denn er ist klein, weissbärtig und trägt eine Kappe. Neben ihm steht ein Mann mit einem blauen Hemd. Auf den Aufklebern steht sein Name; Stefan Herre. Und der Name seines Blogs: Politically Incorrect. Ein kleines, unbedeutendes Blog, das damals seit neun Monaten auf der ansonsten eher von Teenagern frequentierten Plattform Myblog vor sich hin dümpelt.

pia

Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme weiss noch niemand, wo die Reise hingeht. Getroffen hat man sich vor allem wegen der Störungen in den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Man möchte Schröder und das Feindbild Rot-Grün weg von der Macht haben, und an deren Stelle Angela Merkel, die mit Bush in den Krieg ziehen wollte. Man will amerikanischen Liberalismus in der Wirtschaft verteidigen, man will etwas gegen den islamistischen Terror und für Israel und die Juden tun, einige Liberale möchten die FDP dabei in Szene setzen und andere nur konservative Werte vertreten: Jeder hier hat so seine Wünsche und zugleich die Hoffnung, dass man zusammen Grosses erreichen kann. Leider kommen zu dem Treffen auch zwei Leute, die sich nicht ideal verhalten: Ein Knipser, der unvorsichtigerweise all seine Bilder dieses Treffens mit lesbaren Namen im Internet veröffentlicht, und damit die Tarnung etlicher anonym agierender Blogger auffliegen lässt. Damit ist die geplante Vertraulichkeit des Treffens dahin. Und es kommt ein Vertreter von Campo de Criptina, einer Organisation, deren Gründerin Tanja Krienen durch allerlei Extravaganzen, um es höflich zu sagen, aufgefallen ist. Nach dem Treffen platzt deshalb die Bombe: Broder stellt klar, dass er mit Campo und Krienen nichts zu tun haben will. Der pro-westliche Heimatabend löst sich in Streit und gegenseitigen Schuldzuweisungen auf, und zwischen Broder und Krienen kommt es zu einem erbitterten Rechtsstreit. Weiterlesen →

24. Dez. 2014
von Don Alphonso
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15. Dez. 2014
von Marco Settembrini di Novetre
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Völlig eingekreist

Dieser Tage hüpften diverse Fürbitten-Vorleser und Oberministranten der Netzgemeinde mal wieder schier im Dreieck: Das europäische Parlament hatte es gewagt, eine (rechtlich nicht bindende) Resolution zu verabschieden, wonach Suchmaschinenbetreiber dazu verpflichtet werden sollten, ihr Suchgeschäft von anderen Unternehmensbereichen wie Social Networking abzuspalten. Der in weiten Teilen der Welt dominierende Suchmaschinenkonzern Google war in der Resolution nicht explizit genannt. Aber dass es den Parlamentariern nicht so sehr um Yandex in Russland oder den in China dominierenden Suchriesen Baidu gegangen sein dürfte, war schon klar.

Entsprechend gab Jeff Jarvis, der prominente Netz-Evangelist und Guru aller Google-Versteher, Alarmstufe Rot: Es drohe nichts Geringeres als „die Beschädigung des Internets, seiner Freiheiten und seiner Zukunft“, weil Deutschland ganz Europa mit seiner Internet- und Technologiepanik angesteckt habe. So würden „die Möglichkeiten beschnitten, die ein freies Internet allen Menschen überall bieten kann.“ In Deutschland läuft aus Sicht von Jarvis ja ohnehin einiges schief, Google Streetview wurde sabotiert, der Taxi-Konkurrent Uber zurückgepfiffen – und außerdem steht der dystopische Roman „The Circle“ von Dave Eggers in den deutschen Bestseller-Ranglisten ziemlich weit vorn.

###© FAZ 

Grund genug, das Buch mal zur Hand zu nehmen und zu prüfen, ob darin tatsächlich Technophobie oder gar Google-Hass geschürt wird. Der Circle, diese hippe und mächtige Internetfirma, deren Innenleben den Romanstoff liefert, hat sicherlich manches mit Google gemein: die innovationsfreundliche Unternehmenskultur, die ultramoderne Firmenzentrale und die für amerikanische Standards geradezu sensationellen Sozialleistungen und Vergünstigungen für die Mitarbeiter. Und selbstredend verfolgt der Circle, der die Geschäftsfelder von Google, Facebook, Twitter und zum Teil auch Apple und Amazon unter einem Konzerndach vereint, keine sinistren Unternehmensziele. Nicht nur möchten die Circler das Internet zu einem besseren Ort machen, sie sind der festen Überzeugung, mit ihrer Arbeit und ihren technologischen Tools die Welt zu verbessern.

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15. Dez. 2014
von Marco Settembrini di Novetre
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30. Nov. 2014
von Don Alphonso
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Reden und Schweigen über Rundungen

Als ich bei der FAZ angefangen habe, erschien ein Portrait über mich in einer Medienzeitschrift. Der Autor wollte weg von den weithin bekannten Urteilen über meine Person als schnell entflammbarer Raufbold, und verglich mich von meiner Art her mit dem pfälzischen Politiker Kurt Beck. Er schrieb nicht „fett“ oder „adipös“, er sah da nur eine gewisse Ähnlichkeit im Typus. Seitdem hält sich unverbrüchlich das Gerücht im Internet, ich sei ziemlich fett, und mitunter rede ich selbst auch vom „dicken Don“. Die Wahrheit sieht etwas anders aus – ich war vor dem Interview anderthalb Jahre in Berlin, konnte dort keinen Sport treiben, und kam damals in jene Lebensphase, in der man nicht mehr so leicht und schnell abnimmt. Man versucht es, es geht nicht so richtig, man merkt, dass man kämpfen muss, und bis sich Erfolge einstellen, dauert es etwas. Inzwischen fahre ich die Strecken meiner Jugend auf dem Rennrad wieder mit der Geschwindigkeit meiner Jugend.

fettb

Ich bin nicht dürr. Ich war aber nie ein Kurt Beck. Und langsam beginnt auch das Netz zu ahnen, dass echtes Dicksein nicht ganz mit Touren zusammenpasst, die an einem Tag drei Alpenpässe überwinden. Offen gesagt, und als Blogger sage ich das immer sehr offen, bin ich danach zwar tot, aber was ich damit ausdrücke, ist nicht meine Schwäche, sondern meine Bereitschaft, mich über meine Grenzen hinaus zu quälen, wenn oben nur ein Kaiserschmarrn auf mich wartet. So, wie der Vergleich mit kurt Beck Interpretationsspielräume für Freund und Feind schafft, schafft es auch meine Selbstbeschreibung. Weiterlesen →

30. Nov. 2014
von Don Alphonso
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25. Nov. 2014
von Don Alphonso
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Im Fuchsbau, den Laptop im Anschlag

Ein Gastbeitrag von Katharina Nocun, ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei und Aktivistin bei Campact für den Wunsch, Snowden nach Deutschland zu bringen.

Genau an der Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen bei Borgholzhausen liegt ein unscheinbarer Hügel, durchzogen von jahrhundertealten unterirdischen Gängen. Seit Generationen brechen von hier aus Dachse und Füchse zu ihren Jagdzügen in den Teutoburger Wald auf.

Knochen und Federn von Fasanen verraten: die Population wächst und gedeiht. Kein vernünftig denkender Mensch würde jemals seinen Hund in eines dieser schwarzen Löcher schicken, eine Begegnung mit den Hausherren würde er nicht überleben. Nach der Ausrottung der Wölfe und Bären hat diese verschworene Gemeinschaft der Hügelbewohner keine natürlichen Feinde mehr – von den Metallkutschen auf der Bundesstraße einmal abgesehen.

kataa

Als ich ankomme, ist der der Hochsitz noch leer. Die anderen Jäger warten noch, erst wenn es schneit, lohnt sich die Jagd. Erst im Schnee verdichten sich die Hinweise. Erst dann werden die Jäger eingepackt in dicke Wollsachen hier am Hügel auf der Lauer liegen. Stundenlang in bitterer Kälte. Bis der Abschussplan erfüllt ist.

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25. Nov. 2014
von Don Alphonso
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