Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

16. Jan. 2019
von fazadmin
3 Lesermeinungen

2
1402
     

Warum arme Leute früher sterben

Wer mehr verdient, hat eine höhere Lebenserwartung. Das liegt nicht am Einkommen. Von Jürgen Kaube

Die Lebenserwartung ist weltweit sehr ungleich. Im Durchschnitt liegt sie bei gut 71 Jahren. Während aber Japanerinnen derzeit mit 88,5 Jahren rechnen können und deutsche Frauen mit 83, erreicht die durchschnittliche Bürgerin Somalias nicht einmal ihr 55. Jahr, und litauische Männer werden im Durchschnitt keine 70. Zwischen den ungesündesten Ländern, so der britische Sozialmediziner Michael Marmot, und den gesündesten liegt etwa derselbe Abstand wie zwischen dem London von Oliver Twist, also 1837, und dem heutigen. Zugleich wächst in vielen Ländern der Abstand zwischen Trägern von Merkmalen, die alt werden, und solchen, die früh sterben. In Glasgow beispielsweise liegt in einem Stadtviertel die männliche Lebenserwartung bei Ende fünfzig, was weniger ist als in Indien, in einem anderen bei 82 Jahren. Wir leben, so Marmot, was Gesundheit angeht, in den besten und zugleich schlimmsten Zeiten.

Worauf gehen solche Unterschiede zurück? Das Beispiel Glasgow schließt ethnische oder kriminalstatistische Erklärungen aus, wie sie vielleicht in Baltimore oder Chicago nahelägen. Auch ein schlichter Zusammenhang von Armut und Krankheit greift nicht. Denn selbst die Mittelschicht stirbt weltweit auch dann früher als die Oberschicht, wenn es ihr an medizinischer Versorgung nicht fehlt. Auf welcher Stufe der sozialen Leiter man auch steht, schreibt Marmot, der zu den führenden Forschern auf diesem Gebiet gehört, die nächste Stufe ist stets mit einer höheren Lebenserwartung verbunden. Es gehe also, was die Gesundheit angehe, nicht einfach um ihre Abhängigkeit von ökonomischen Faktoren. Es gehe nicht um Armut, sondern um eine Ungleichheit, die nur lose mit ihr zusammenhängt. Gesundheitspolitisch formuliert, sei die Aufgabe nicht, die Lebenserwartung der Ärmsten zu erhöhen, sondern die Lebenserwartung aller derjenigen der Bestgestellten anzugleichen.

Noch einmal also: Weshalb hat ein Mann in Calton (Glasgow) eine geringere Lebenserwartung als der durchschnittliche Inder? Es mangelt ihm nicht an sauberem Wasser, Malaria spielt in Schottland keine Rolle, und man stirbt dort auch nicht an Ruhr. Die Antwort lautet: In den indischen Durchschnitt gehen all diejenigen mit ein, die dort einen hohen sozialen Status besitzen. In Calton hingegen hat niemand einen hohen sozialen Status, und es übt niemand ein hohes Maß an Selbstkontrolle über das eigene Leben aus.

Anders formuliert: In armen Ländern ist der Gesundheitszustand der Leute schlecht, weil vielen von ihnen Medikamente und der Zugang zu Behandlungen fehlen. In reichen Ländern hingegen sterben diejenigen, die früh sterben, zumeist nicht an Unterversorgung. Oberhalb eines nationalen Durchschnittseinkommens von 10.000 Euro gibt es kaum einen Zusammenhang zwischen dem Verdienst einer Person und ihrer Lebenserwartung.Zu den ersten Studien, die Marmot vor fünfzig Jahren hierzu durchgeführt hat, gehörten solche in Kalifornien. Damals standen die Gesundheitsforscher vor dem Befund, dass bei Japanern, wenn sie ostwärts migrieren, die Rate der Herzkrankheiten zunimmt. Japaner in Hawaii erkranken öfter am Herzen als solche in Japan und solche in Kalifornien öfter als die in Hawaii, aber immer noch seltener als „weiße“ Amerikaner.

Die gängige Erklärung dafür war: Ernährung. Je amerikanischer man isst, desto cholesterinreicher. Dann aber ließ sich zeigen, dass auch kulturelle Eigenheiten eine Rolle spielen. Je stärker die Migranten in japanische Netzwerke integriert blieben, desto älter wurden sie. Warum? Weil sie diese Integration einem geringeren Stress und insgesamt geringeren Lebensanstrengungen aussetzte.Damit ist der für Marmot entscheidende Faktor benannt, der weltweit die Lebenserwartung derjenigen bestimmt, denen eine medizinische Grundversorgung offensteht. Es ist das Ausmaß an Entscheidungsfähigkeit, das sie in Bezug auf ihre Lebensumstände besitzen.

Anders als es einst der Begriff „Managerkrankheit“ nahelegte, nimmt beispielsweise die durchschnittliche Lebenserwartung mit dem Status in Organisationen zu. Fondsmanager mögen sich gehetzt vorkommen, aber sie kontrollieren etwas. Zwar wird unten mehr geraucht als oben, aber Übergewicht, Bluthochdruck und Rauchen erklären überhaupt nur ein Drittel der Differenz in den Lebenserwartungen zwischen den Schichten. Wichtiger ist der Stress, und der ist unten größer als oben. Warum? Weil oben zwar mitunter die Anforderungen größer und die Arbeitszeiten länger sind, aber dafür mehr Handlungsmacht über das eigene Leben besteht.

Armut macht krank, aber wichtiger noch als Einkommen sind dabei die Arbeitssituation und das Gefühl, das eigene Leben zu führen. Nicht einmal zehn Prozent aller britischen Erwachsenen in akademischen Berufen rauchen, während es unter den körperlich Arbeitenden beinahe ein Drittel ist. Beim Alkoholkonsum verhält es sich umgekehrt, aber die alkoholbedingten Krankheiten verteilen sich ebenfalls nach dem sozialen Status und nehmen von unten nach oben ab. Nicht der Durchschnittskonsum spielt die entscheidende Rolle, sondern seine Verteilung: Die Armen trinken im Durchschnitt weniger, aber sie finden sich häufiger unter denen, die exzessiv und lebensbedrohlich trinken. Armut wirkt, anders formuliert, nicht nur aufgrund mangelnder Konsumchancen auf den Lebensstil, sondern vielmehr aufgrund engerer Entscheidungshorizonte, reduzierter Selbstbeherrschung und mangelnder sozialer Unterstützung. Sie macht das Leben instabiler.

Marmot legt Wert darauf, dass diese Schlussfolgerung nicht umgekehrt gezogen werden kann: Die Leute sind nicht, wie viele Ökonomen reflexhaft denken, arm, weil sie ungesund leben. Sondern sie leben ungesund, weil sie keine Kontrolle über ihr Leben verspüren und es als Falle empfinden. Sie sind nicht arbeitslos, weil sie sich vernachlässigen, sondern sie vernachlässigen sich oft, weil sie arbeitslos sind. Gesundheitspolitik habe das zu berücksichtigen: dass nicht der Einkommenszuwachs als solcher die Leute weniger krankheitsanfällig macht, sondern die Erleichterung des Lebens. Wohlstand heißt, so gesehen, nicht „hohe Konsumchancen“, sondern „nicht alles selbst tun müssen“ und „ein weniger gehetztes Leben führen“. Öffentlicher Nahverkehr, Kindertagesstätten, Arbeitsschutzgesetze, kommunale Aufmerksamkeit auf Risikogruppen – all das sind für Marmot darum Investitionen in die Lebenserwartung einer Bevölkerung, weil sie die soziale Drangsal reduzieren, die sich in der Krankenstatistik niederschlägt.

Michael Marmot: The Health Gap. The Challenge of an Unequal World, London 2015. 

16. Jan. 2019
von fazadmin
3 Lesermeinungen

2
1402

     

30. Dez. 2018
von Gerald Braunberger
54 Lesermeinungen

8
16287
     

Keine Angst vor Inflation!

Wer die Deutschen mit Erfolg erschrecken will, muss ihnen einreden, dass eine große Inflation ins Haus steht. Aber die üblichen Argumente der Angstmacher taugen nichts. Zehn Thesen zur Inflation

Die offizielle Inflationsrate liegt bei rund 2 Prozent. Doch wenn jemand auf die im historischen Vergleich niedrige Inflationsrate hinweist, erzählen Angstmacher, die offiziellen Raten würden manipuliert und die tatsächliche Inflation sei viel höher. Diese Angstmacherei ist ein Geschäftsmodell mancher Ökonomen, Goldverkäufer und Vermögensverwalter. Umgekehrt müssen sich auch die für die Geldwertstabilität zuständigen Notenbanken fragen, ob sie mit dem Thema Inflation immer sachgemäß umgehen. Es folgen zehn Thesen zur Inflation.

1. Was immer historisch unter dem Begriff Inflation verstanden wurde: Heute werden Inflationsraten anhand der Veränderungen der Preise für Güter und Dienstleistungen bemessen, die für den Konsum verwendet werden. Dies ist konsequent und richtig, da mindestens seit dem Stammvater der Volkswirtschaftslehre, Adam Smith, bekannt ist, dass der Konsum der Endzweck des Wirtschaftens ist.

2. Die immer wieder einmal geforderte Einbeziehung von Vermögensgütern in die Bestimmung der Inflationsrate wäre wesensfremd. Wir zitieren den bekannten Ökonomen Martin Hellwig: „Immobilien sind wie Aktien Bestandsgrößen. Bei Mieten, Ausgaben für Lebensmittel, Individualverkehr usw. handelt es sich hingegen um Stromgrößen, wo man laufend etwas ausgibt. Alle theoretischen Erklärungsmodelle für den Zusammenhang von Geldpolitik und Inflation stellen auf Stromgrößen ab, weil die Rolle von Geld als Zahlungsmittel die Transaktionen betrifft, die damit verbunden sind. Im Fall der Vermögenspreise wird nicht klar, welchen Zusammenhang es zur Geldpolitik gibt… Ich habe oft den Eindruck, dass dieses Argument von Menschen kommt, die die EZB oder deren Geldpolitik nicht mögen und die gegenüber dem normalen Argument ‚wir sehen doch keine Inflation‘ hilflos sind.“ Und weiter: “ Wenn die niedrigen Zinsen – wie dies Christian von Weizäcker immer wieder sagt – die hohe Ersparnisbildung aufgrund demographischer Veränderungen widerspiegeln, dann würde ich als Konsequenz aus den niedrigen Zinsen hohe Preise für Vermögensgüter wie Immobilien und Aktien erwarten. Das wäre dann eine Veränderung von relativen Preisen: Weil es in Zukunft so wenige Leute gibt, die zur Versorgung der Alten beitragen, nimmt die Bedeutung von Vermögensgegenständen zu, die in dieser Zukunft Erträge erbringen. Das hat kaum etwas mit Inflation zu tun.“ Zu bedenken ist auch noch ein weiteres Argument, das immer wieder zitiert wird: Wenn der Aktienkurs eines Unternehmens steigt, weil das Unternehmen seinen Gewinn steigert, also profitabler geworden ist und eine höhere Dividende ausschütten kann, ist die Ursache des höheren Aktienkurses kein schwindender Geldwert, sondern ein effizienteres Wirtschaften. Sarkastisch könnte man anmerken: Mit dem Fall der Aktienkurse und dem in vielen Metropolen der Welt erkennbaren Rückgang der Preise zumindest für Luxusimmobilien dürfte von den Propagandisten der Vermögenspreisinflation in nächster Zeit ohnehin weniger zu hören sein.

3. Wenn es jemals einen engen Zusammenhang zwischen der Schaffung von Zentralbankgeld und der Inflationsrate gegeben haben sollte, so ist dieser längst zusammengebrochen. Wenn etwa mit Bezug auf Anleihekäufe von Notenbanken von „Gelddruckerei“ oder „Geldschwemme“ geredet wird, handelt es sich in der Realität ganz überwiegend um die Produktion von Einlagen der Geschäftsbanken bei der Notenbank. Diese Einlagen stehen passiv auf den Konten der Banken bei der Notenbank und könnten – entgegen einem weiteren verbreiteten Missverständnis – überhaupt nicht von den Geschäftsbanken an Unternehmen oder Privatleute verliehen werden. Die von den Angstmachern als Ergebnis der Anleihekäufe der Notenbanken prognostizierte Inflationswelle hat es aus gutem Grund nie gegeben – ebenso wie auch die Auswirkungen der Anleihekaufprogramme auf Finanzmarktpreise von vielen Anhängern und Kritikern völlig überschätzt worden sein dürften. Hierzu gibt es eine aktuelle Studie von Daniel Gros und Ansgar Belke.

4. Anstatt durch „Gelddruckerei“ oder „Geldschwemme“ ist die Inflationsrate in den vergangenen Jahren außer von schwankungsanfälligen Öl- und Nahrungsmittelpreisen vor allem durch die globale Lohnkonkurrenz beeinflusst worden.  Die Globalisierung als bedeutender Einflussfaktor für die Inflation wird unter anderem von Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) betont – zum Beispiel in dieser Arbeit. (Eine andere aktuelle Arbeit mit einer ähnlichen Schlussfolgerung stammt von Kristin Forbes.) So belief sich in Deutschland trotz jahrelanger Hochkonjunktur die durchschnittliche Inflationsrate im Jahre 2018 auf 1,9 Prozent nach 1,8 Prozent im Jahr zuvor. Damit befindet sich die Inflationsrate ziemlich genau auf der Höhe des Inflationsziels der EZB. Es spricht nichts dafür, dass sich in absehbarer Zeit an der Höhe der Inflationsrate etwas grundsätzlich ändern wird.

5. Mit der Berechnung der Inflationsraten sind Unschärfen verbunden, aber sie sind begrenzt und befinden sich nicht dort, wo sie gerne verortet werden. Schätzungen aus Amerika legen nahe, dass die offizielle Inflationsrate die tatsächliche Inflation nicht unter-, sondern überzeichnet. Ein Beispiel: Wenn Güter im Zeitablauf durch technischen Fortschritt eine höhere Qualität erhalten, etwa, indem sie weniger Energie verbrauchen, höhere Sicherheitsstandards bieten oder weniger gesundheitsschädlich sind, drückt sich in einem höheren Preis für solche Güter keine Geldentwertung aus, sofern der Preisanstieg die höhere Qualität reflektiert. Anders als gelegentlich suggeriert, ist diese hedonische Preisberechnung kein Ausdruck einer Manipulation, sondern sachgerecht.

6. Die Unschärfen in der Berechnung der Inflationsrate verbergen sich heute woanders: Sie sind das Resultat der digitalen Revolution, und zwar in Gestalt kurzfristig schwankender Preise im Internethandel sowie der zunehmenden Praxis, Preise je nach Kunde zu individualisieren. Auch die Frage wachsender Marktmacht, die vor allem in den Vereinigten Staaten diskutiert wird, bleibt ein wichtiges Thema. Was dies für die Inflationsrate bedeutet, ist ein Bestandteil von Forschungsprogrammen, an denen sich Notenbanken und akademische Ökonomen beteiligen. Für dieses in der Fachwelt heiß diskutierte Agenda liegen keine endgültigen Ergebnisse vor. (Für den aktuellen Stand: Hier sind die Folien einer Arbeit zweier Ökonomen, die auf dem diesjährigen EZB-Forum in Sintra vorgetragen wurde.) Aber die bisherigen Erkenntnisse lassen vermuten, dass der Einfluss auf die Inflationsrate wohl gering bleibt.

7. Eine Leerstelle in der Berechnung der Inflationsrate in der Eurozone ist der bisherige Verzicht auf die Kosten selbst genutzten Wohneigentums, das in dem von der EZB benutzten Preisindex, dem sogenannten Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) für die Europäische Union, bisher nicht enthalten ist. Derzeit läuft ein Projekt, die Kosten selbst genutzten Wohneigentums im HVPI künftig zu berücksichtigen. Modellrechnungen sowie Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass man von der Berücksichtigung selbst genutzten Wohneigentums langfristig keinen dramatischen Zuwachs der Inflationsrate erwarten sollte. Wer hier Panik verbreiten will, sollte zunächst Bundesbankpräsident Jens Weidmann lesen: „Langfristig unterscheiden sich Verbraucherpreisindizes mit und ohne Berücksichtigung von selbst genutztem Wohneigentum zwar kaum, doch zeitweise sind erhebliche Unterschiede zu beobachten. Im Euro-Währungsgebiet liegen die Inflationsmaße, die die Kosten von selbst genutztem Wohneigentum enthalten, seit einigen Jahren etwas über der offiziellen HVPI-Teuerungsrate.“ Weidmann warnte davor, daraus weitreichende Konsequenzen für die Geldpolitik ziehen zu wollen: „Lassen Sie mich eines klarstellen: Natürlich ist das kein Aufruf zum Rosinenpicken bei der Wahl der Inflationsmaße. Das wäre ein todsicherer Weg, die Glaubwürdigkeit der Zentralbank zu gefährden.“

8. Wünschenswert wäre ein eindeutiger Umgang der Notenbanken mit den von ihnen verwendeten Inflationsraten. Grundsätzlich unterscheidet man Inflationsraten, die Preise für Energie und Nahrungsmittel berücksichtigen, von sogenannten Kernraten, in denen Energie und Nahrungsmittel nicht berücksichtigt werden. Die Idee hinter der Unterscheidung ist, dass die Geldpolitik vermutlich wenig Einfluss auf Preise für Energieträger wie Öl und auf Nahrungsmittel hat und eine Kernrate jene Inflation beschreibt, die eher von der Geldpolitik beeinflusst werden kann. Andererseits spielen Energie und Nahrungsmittel für den Konsum vieler Menschen eine wichtige Rolle, was dagegen spricht, sie nicht in der Inflationsberechnung zu berücksichtigen. Es gibt für beide Konzepte Punkte, die dafür und die dagegen sprechen. Aber man sollte konsistent argumentieren: So orientiert sich die EZB offiziell am HVPI, der Preise für Energie und Nahrungsmittel enthält. De facto orientiert sie sich aber stark an der Kernrate.

9. Es gibt gute Gründe für Inflationsziele, die über Null liegen. Auch hier lohnt es sich, Weidmann zu lesen: „Sie fragen sich vielleicht: Wo liegt das Problem, wenn die Preise im Durchschnitt um deutlich weniger als 2 Prozent steigen? Aus der Sicht eines Verbrauchers habe ich hierfür auch Verständnis, zumal die 2 Prozent nicht unbedingt einer präzisen Ableitung entspringen. Allerdings gibt es aus ökonomischer Sicht gute Gründe, weshalb inzwischen alle großen Notenbanken der Welt, wie die Federal Reserve, die Bank von Japan oder eben die EZB auf Preissteigerungsraten in Höhe von etwa 2 Prozent abzielen… Umgekehrt bietet eine höhere Inflationsrate einen Sicherheitsabstand zur ‚Nullzinsgrenze‘, die, wie wir in einigen Ländern gesehen haben, tatsächlich etwas unterhalb der Null liegt. Je niedriger die angestrebte Inflationsrate ist, desto höher ist das Risiko, an die Nullzinsgrenze zu stoßen…. Und desto geringer ist der Spielraum der Notenbank, mit konventionellen Instrumenten stimulierend auf die Wirtschaft einzuwirken und auch deflationäre Entwicklungen zu verhindern. Aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge stellt eine Inflationsrate von ‚knapp unter 2 Prozent‘ einen guten Kompromiss dar, zwischen den dauerhaft anfallenden Inflationskosten, und den gelegentlichen Vorteilen aus einem größeren Sicherheitsabstand.“ In Deutschland finden sich  Ökonomen, die es für einen Skandal halten, dass die EZB ein Inflationsziel hat, das über null Prozent liegt. Wer sich für Fakten interessiert: In der Welt haben mehr als 60 Notenbanken Inflationsziele – und, wie die Tabelle in dem Link zeigt, die EZB hat eines der niedrigsten.

10. Die vergangenen Jahre haben zudem gezeigt, was eigentlich schon lange bekannt ist: Notenbanken sind nicht in der Lage, die Inflationsrate auf die Stelle hinter dem Komma zu steuern. Daher wäre es überlegenswert, anstelle der verbreiteten Punktziele für die Inflation auf einen Korridor überzugehen, in dem sich die Inflationsrate aufhalten soll. In Ländern wie Kanada, Israel, Neuseeland und Tschechien wird dies bereits praktiziert. So strebt die Nationalbank in Prag an, die Inflationsrate in einem Band zwischen 1 und 3 Prozent zu halten, in deren Mitte sich das offizielle Ziel von 2 Prozent befindet.

Aktueller Nachtrag (4. Januar): Die Inflationsrate für Dezember 2018 wurde für den Euroraum gerade mit 1,6 Prozent nach 1,9 Prozent im November bekannt gegeben.

Dieser Beitrag ist eine erweiterte Version eines Artikels, der am 30. Dezember 2018 in der Rubrik „Sonntagsökonom“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen ist.

30. Dez. 2018
von Gerald Braunberger
54 Lesermeinungen

8
16287

     

08. Dez. 2018
von Gerald Braunberger
18 Lesermeinungen

10
14144
     

Die Prognosefehler der EZB und ihre Folgen

In den vergangenen fünf Jahren waren die Prognosen der EZB zur Entwicklung der Inflationsrate und der Arbeitslosigkeit schlecht. Das hat Einfluss auf die Geldpolitik. Spätestens nach den Personalwechseln im kommenden Jahr müssen die Strategie und der Instrumenteneinsatz der EZB auf den Prüfstand.

Weiterlesen →

08. Dez. 2018
von Gerald Braunberger
18 Lesermeinungen

10
14144

     

05. Dez. 2018
von Gerald Braunberger
17 Lesermeinungen

6
12636
     

Wie Deutschland die Kontrolle über die EZB verlor

Leitzinserhöhungen zum falschen Zeitpunkt haben die Glaubwürdigkeit der zunächst unter deutschem Einfluss stehenden Geldpolitik der EZB unterminiert. Hinzu trat eine umstrittene Ausrichtung der geldpolitischen Instrumente in der Krise. Erinnerungen eines früheren Geldpolitikers. Weiterlesen →

05. Dez. 2018
von Gerald Braunberger
17 Lesermeinungen

6
12636

     

09. Nov. 2018
von fazitblog
0 Lesermeinungen

3
1764
     

100 Jahre Deutsches Steuersystem

Nach dem ersten Weltkrieg entstand ein Steuersystem, das sich bis heute nicht grundsätzlich verändert hat. DIW-Forscher Stefan Bach zeichnet die Entwicklung nach.

Weiterlesen →

09. Nov. 2018
von fazitblog
0 Lesermeinungen

3
1764

     

06. Nov. 2018
von Gerald Braunberger
26 Lesermeinungen

5
8015
     

Wirtschaftstheorie als griechische Tragödie

Ein Gespräch mit Rüdiger Bachmann über die Eigentumsökonomik von Heinsohn/Steiger, die Selbstbezogenheit mancher deutscher Professoren, ihre verhängnisvolle Suche nach Letztbegründungen und ihr grandioses Scheitern im internationalen Wettbewerb der Ökonomen. Weiterlesen →

06. Nov. 2018
von Gerald Braunberger
26 Lesermeinungen

5
8015

     

31. Okt. 2018
von Johannes Pennekamp
8 Lesermeinungen

13
5689
     

Der Fall Khashoggi: Gewinn um jeden Preis

Erdbeben, Kriege, Unfälle – die Welt ist voller Schrecken und Unglück. Das gilt auch für das, was am 2. Oktober in Istanbul geschehen sein soll: Der saudische Journalist Jamal Khashoggi betritt das saudische Konsulat, um Unterlagen für seine anstehende Hochzeit zu besorgen – und kehrt nie wieder zurück. Nach Tagen der Ungewissheit gesteht Saudi-Arabien den Tod des Dissidenten ein. Offiziell behaupten die Saudis, Khashoggi sei bei einem Verhör ums Leben gekommen. Inoffiziell kursieren grausige Details über das, was sich hinter den Mauern des Konsulats abgespielt haben soll. Von einem Killerkommando, heimlichen Tonaufnahmen und einer Knochensäge ist die Rede. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan behauptet, dass es sich um einen geplanten Mord gehandelt habe – was die saudische Führungsriege um den Kronprinzen Mohammed bin Salman zunehmend in Bedrängnis bringt.


Weiterlesen →

31. Okt. 2018
von Johannes Pennekamp
8 Lesermeinungen

13
5689

     

25. Okt. 2018
von Patrick Bernau
2 Lesermeinungen

3
1962
     

Den Armen geht es besser als gedacht

Alle kennen die Sätze, die suggerieren, dass das Wirtschaftswachstum nicht bei den Armen ankommt: Die ärmsten 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland hätten im Jahr 2015 real weniger verdient als im Jahr 1995, heißt es im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Weiterlesen →

25. Okt. 2018
von Patrick Bernau
2 Lesermeinungen

3
1962

     

14. Okt. 2018
von Gerald Braunberger
12 Lesermeinungen

5
33893
     

Italiens Staatsbankrott ist nicht zwingend

Italiens Staatsschulden entsprechen rund 130 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP). Das führt Schwarzmaler zur Schlussfolgerung, ein Schuldenschnitt wäre unumgänglich. Wie das Beispiel Belgiens zeigt, ist diese These unhaltbar. Die italienische Krise ist selbstverschuldet, aber nicht ausweglos. Die Regierung in Rom läuft allerdings gerade in die falsche Richtung. Weiterlesen →

14. Okt. 2018
von Gerald Braunberger
12 Lesermeinungen

5
33893

     

08. Okt. 2018
von Patrick Welter
1 Lesermeinung

4
3473
     

01. Okt. 2018
von Gerald Braunberger
8 Lesermeinungen

15
10449
     

China gegen Amerika: Verblüffende Lektionen aus der deutschen Geschichte

Der aktuelle Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und China ist aus deutscher Sicht besonders interessant: Denn er ähnelt auf eine verstörende Weise dem Duell zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich im späten 19. Jahrhundert. Drei Wissenschaftler haben gerade erstaunliche Parallelen entdeckt – nicht zuletzt zwischen der heutigen Volksrepublik China und dem damaligen Deutschen Reich. Was können die Amerikaner daraus lernen? Weiterlesen →

01. Okt. 2018
von Gerald Braunberger
8 Lesermeinungen

15
10449

     

16. Sep. 2018
von Gerald Braunberger
4 Lesermeinungen

6
6766
     

20 Jahre EZB: Was wurde aus Otmar Issings Strategie?

Die Europäische Zentralbank ist 20 Jahre alt geworden. Ein Überblicksartikel zweier Ökonomen gibt Anlass zu der Frage, wie sich ihre geldpolitische Strategie entwickelt hat.

Weiterlesen →

16. Sep. 2018
von Gerald Braunberger
4 Lesermeinungen

6
6766

     

03. Sep. 2018
von Gerald Braunberger
4 Lesermeinungen

1
1378
     

Nehmen Menschen Konjunkturprognosen ernst?

Auf der aktuellen Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik haben zwei junge Ökonomen einen Preis für eine Arbeit erhalten, in der sie sich empirisch mit einer sehr wichtigen Frage befassen: Inwieweit berücksichtigen Konsumenten Konjunkturprognosen für die Bildung eigener Erwartungen über ihre wirtschaftliche Zukunft?

Weiterlesen →

03. Sep. 2018
von Gerald Braunberger
4 Lesermeinungen

1
1378

     

28. Aug. 2018
von Gerald Braunberger
2 Lesermeinungen

5
5307
     

Geldpolitik in den Sternen

Kann sich die Geldpolitik in unseren Tagen noch auf stabile wirtschaftliche Zusammenhänge stützen? Fed-Chef Jerome Powell hat auf der Konferenz von Jackson Hole eine Rede gehalten, die Anlass zum Nachdenken bietet.

Weiterlesen →

28. Aug. 2018
von Gerald Braunberger
2 Lesermeinungen

5
5307

     

20. Aug. 2018
von Maja Brankovic

5
1082
     

Loslassen ist so schwer

Eine Gruppe von Freunden hat sich eine Wanderausrüstung ausgeliehen, Unterkunft und Tourguide gebucht und ist für ein Outdoor-Wochenende in die Schweizer Alpen gefahren. Voller Vorfreude machen sie sich auf die Reise, nehmen einen mehrstündigen Stau in Kauf. Doch als sie am Ziel ankommen, stellt sich alles als wenig erfreulich heraus.

Weiterlesen →

20. Aug. 2018
von Maja Brankovic

5
1082

     

13. Aug. 2018
von Patrick Welter
4 Lesermeinungen

2
1522
     

Jeder wird gerettet

Mit großem Unwillen paukten die Regierungen in der Finanzkrise die Banken heraus. Doch eigentlich gefallen Politiker sich darin, private Schuld in öffentliche Schuld tauschen. Weiterlesen →

13. Aug. 2018
von Patrick Welter
4 Lesermeinungen

2
1522