Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Von Quasten und Kisten

| 22 Lesermeinungen

Im Kreuzgang von Brixen liegen die Bischoefe auf dicken Kissen mit dicken Quasten. Schoenes Jenseits, sieht bequem aus. Ob man sich dafuer im Diesseits sehr kasteien muss? Und kasteien wir nicht alle irgendwie fuer spaeter, damit wir es irgendwann einmal gut haben werden?

„Brixen war die zweite größere Stadt Tirols, wo ich einkehrte. Dämmernde Stille, melancholisches Glockengebimmel, die Schafe trippelten nach ihren Ställen, die Menschen nach den Kirchen; überall beklemmender Geruch von häßlichen Heiligenbildern und getrocknetem Heu.“
Henrich Heine, Reise von München nach Genua

[von Andrea Diener] Im romanischen Kreuzgang von Brixen liegen die Bischöfe in Reih und Glied. Und sie ruhen umso sanfter, je dicker die Kissen. Manche haben sogar zwei Kissen, dafür haben andere schönere Quasten. Die Quasten an den Kissen, die scheinen überhaupt recht wichtig zu sein auf Bischofsgrabsteinen, die sind besonders filigran ausgearbeitet mit ihren feinen Fäden. Die sind mindestens so wichtig wie die Posamenten, die in Hintergrund europäischer Adelsportraits herumhängen, gern an einem Vorhang nebst Säule. Besonders reiche und wichtige Adelige haben viele verzierte Posamenten und besonders dicke und ornamentierte Vorhänge, und besonders wichtige Bischhöfe scheinen besonders puschelige Quasten an ihren Kissen zu haben.

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Es sind diese kleinen Dinge, die einem auffallen, wenn man nach Süden reist. Die großen Dinge fallen kaum noch auf, zu sehr ist man mit den Bildern aus Reiseprospekten oder Kunstbildbänden vertraut. Da jedoch findet sich wenig über den Alltag und über Details, die einen überraschen können. Als wir durch Gossensass fahren, steht ein Mann an einer Mauer, das offene Auto neben ihm geparkt, und sortiert da etwas auf Hüfthöhe. Ich denke mit meinem profanen Gehirn natürlich, daß er sich gerade einmal an diese Mauer erleichtern muß. Er wechselt aber die Blumen an einem Marterl aus, das Jemandes gedenkt, der einmal mit dieser Mauer kollidierte. Marterl gehören zum Beispiel auch nicht in mein Denkschema, aber zum Süden und zum Katholizismus. Wer in Frankfurt ein Täfelchen will, muß sich schon mindestens auf offener Straße erschießen lassen.

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Auch in Brixen: Stets frische Blumen für die frisch und weniger frisch gestorbenen, für die Heiligen, für die Profanen. Stets für jeden das angemesse Decorum. Kerzen brennen, Geranien blühen nicht nur auf den Friedhöfen, nicht nur in Kirchen, sondern überall in der Öffentlichkeit, und alte Menschen in schwarzen Kleidern kümmern sich darum, daß das so bleibt. Sie stellen neue Kerzen auf, sie gießen die Blumen, sie stauben die steinernen Quasten unter den Köpfen der Bischöfe ab.

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Eigentlich, so will man uns glauben machen, kommt es ja ohnehin auf das Jenseits an, das nicht auf eine kurze Zeitspanne wie ein Menschenleben begrenzt ist, sondern die gesamte Ewigkeit einnimmt. Insofern ist es innerhalb dieses Realitätskonstruktes durchaus konsequent, sein Denken auf das Dasein nach dem Tod zu konzentrieren. Das bedeutet auch, sich einigermaßen anständig zu benehmen und gottesfürchtig genug zu sein, um es sich später einmal nicht mit dem obersten Richter zu verscherzen. Denn wer gehorcht und betet, kommt in den Himmel und wird von Putten angesungen, das ist so sicher wie die Rente.

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Dennoch manifestiert sich das Jenseits ständig im Diesseits, und die Accessoires des Todes sind ganz diesseitige: Quasten für die einen, Holzkisten für die anderen. Was im Diesseits übrig bleibt, das ist – von den einen wie von den anderen – nichts als Knochen und Schädel. Man könnte das als Indiz dafür werten, daß nach dem Tode alle gleich sind, aber das ist nur wieder mein profanes Gehirn, das sich mit solchen Offensichtlichkeiten abspeisen lässt und denkt, den Unterschied macht nur die Gegenwart, das Hier und Jetzt, das Vergnügen daran, bei Sonnenschein (und bei Regen) durch Italien zu fahren und sich seines Lebens zu freuen, anstatt mal ein bißchen an Rente und Jenseits zu arbeiten, damit man etwas hat, für später.

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22 Lesermeinungen

  1. "Damit man etwas hat, für...
    „Damit man etwas hat, für später“? – Vergiss es, an den Blödsinn, alles Angenehme im Leben Richtung Sarg zu verschieben, an den haben diese depperten Riester-Rentner auch mal geglaubt. Jetzt geht all ihr Erspartes auf inflationärem Wege für IKB, für Hypo Real Estate & Co. drauf.
    Halte dich lieber an Horaz: „Carpe diem“ – „Pflücke den Tag!“ …

  2. Carpe Diem haben die ollen...
    Carpe Diem haben die ollen Römer schon gesagt und so sehe ich das auch! Viele Leute fragen sich, ob es etwas hinter dem Tod gibt, ein Leben in Ewigkeit?? Was für eine unnütze Frage möchte ich Ihnen jedesmal zurufen!! Fragt Euch lieber, obe es eine Leben vor dem Tod gibt! Lebt Ihr, nutzt es und macht was draus! Das ist die einzige Lehre, die der Tod uns gibt! Alles hier ist endlich, lebt danach.
    Euch werter Don und Eurer charmanten Begleitung weiterhin gute Fahrt und nutzt den Tag und geniesst das Leben!

  3. @ Klaus Jarchow:
    Zwei Menschen...

    @ Klaus Jarchow:
    Zwei Menschen und eine gleiche Antwort! Ja das finde ich gut, genauso wie Euren Blog. Aber was soll einem schon einfallen bei dem Gerede über das Später, wenn wir alle tod sind, als: Carpe diem.
    So werde ich den Tag nun auch noch nutzen und mich dem Frühling hingeben, als gäbe es kein Morgen!

  4. Schön finde ich: "Das ist so...
    Schön finde ich: „Das ist so sicher wie die Rente“

  5. Was ja gemeinhin immer...
    Was ja gemeinhin immer vergessen wird vom Christenmenschen bei seiner egozentrischen Betrachung des ‚Lebens nach dem Tod‘ ist die Zeitspanne vor dem Leben, vor der Geburt, vor der Materialisierung. Gab es uns da auch schon, nur in so einer Art Warteschleife? Und wenn ja, in welchem Zustand? Den eines Paradieses für alle beispielsweise, weil man ja ohne die Bürde des Lebens noch nicht hatte schuldig werden können? Oder war uns von Gottes Seite unsere Schuld und Sühne schon vorbestimmt, so dass die einen aus dem Paradies und die anderen aus der Hölle – in Menschenform gebracht – auf die Erde fallen?
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    Fragen über Fragen, mit denen sich das Christentum aber nicht wirklich beschäftigt. Was den Verdacht aufkommen lässt, dass die Fantasie der Gläubigen hinsichtlich des ewigen Lebens dann doch nur und ausschließlich in der irdischen Existenz verwurzelt ist. Denn offensichtlich lässt sich das ‚Danach‘ besser aus der Warte des ‚Jetzt‘ ausmalen. Das ‚davor‘ wird ausgeblendet – schließlich zeigt es zu unerbittlich, dass es uns tatsächlich einfach einmal nicht gegeben hat.

  6. @ Black Jack: Genau- ich...
    @ Black Jack: Genau- ich schwing mich jetzt aufs Rad und raus geht’s. Den Vögeln zuhören, bei denen geht’s auch gerade sehr horazisch zu …

  7. Ha, ich dachte früher: Carpe...
    Ha, ich dachte früher: Carpe diem! heißt in fränkisch-translation: karpf dich durch den Tag.

  8. Klaus Jarchow: Ich muß...
    Klaus Jarchow: Ich muß gestehen, auch so eine komische Riester-Rente zu haben. Meine Mutter sagte, Kind, das muß man heute haben, man muß an später denken etc. Ich hoffe ja eigentlich, daß sie recht hat und ich mich mal freue, sowas abgeschlossen zu haben. Meine Erfahrung sagt aber, daß es vermutlich eine Investition für die Füße ist.

  9. Black Jack: Genau. Ich geh...
    Black Jack: Genau. Ich geh jetzt auch raus. Schließlich haben wir noch eine weite Strecke vor uns. Und Siena wartet.

  10. Die einzig freiwillige...
    Die einzig freiwillige Versicherung in der ich bin, ist die Sterbekasse. Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit. Von Anfang an. 6,12 Euro im Jahr bezahlt man da für ein sanftes Ruhekissen. Ich wäre mit 24,48 Euro im Rückstand schreiben sie mir. Werd ich jetzt mal bezahlen. Die Zeile in der Beitragsaufrechnung: Mahngebühren = 0,00 Euro, zieht bei mir.

  11. Es gibt halt ein fundamentales...
    Es gibt halt ein fundamentales Missverständnis zwischen (den überlieferten Botschaften des) Religionsstifters und den eifrigen, bau- und selbstdarstellungswütigen Religionsausübern: Christus sagte laut Überlieferung/Übersetzung: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Damit hat er zum Ausdruck gebracht, dass er nicht gekommen ist, um ein weltliches Regime anzutreten (was die Lömel befürchteten). Wohl auch nicht, dass barocke Vergoldungen zu machen seien. Er sagte damit nur, dass sein Reich ein geistiges/spirituelles sei. Er sagte vermutlich nicht: Konzentriert euch alle auf das tolle Jenseits. Das sagte er nicht. Sein geistiges Reich ist durchaus bereits im Dies_seits. Der „Beweis“, dass ihm das Jenseits als Versprechung vollkommen wumpe war, ist in anderen Aussagen, die belegen, dass er die Menschen sehr wohl aufrief, den irdischen Tag klug zu nutzen. Wovon ich zig herzitieren könnte, will aber kein Bibel-Blog draus machen. Aber christliche und agnostische Materialisten begreifen das nicht. Nie. Wenn J. C. heute herumlaufen würde, würde er vermutlich zuerst etwas gegen die menschliche Dummheit machen. Sonst kann er den Rest seiner Botschaften knicken und kann gleich wieder heimgehen. Eigentlich ein sympathischer Typ, wenn es ihn wirklich gegeben hat. Disclosure: Ex-Kathole, aber kein Agnostiker. Mag nur sein selbsternanntes Bodenpersonal nicht (und das aus tiefstem Herzen…) Denn dies hat den ärmeren seit Jahr und Tag weis gemacht, dass sie brave, arme Schäfchen bleiben sollen, denn dann werden sie in den Himmel kommen. auf deutsch: geriestert. Mit Versprechungen hinhalten und abzocken. Das hat man mit ihnen gemacht, und selbst recht froh gelebt: Kardinäle und christliche Würdenträger waren reich und trugen eine dicke Wampe. Weil sie so toll an das Jenseits glaubten, wohl nicht :-) Ähnliche Manipulationen von oben gibt es in andenr Religionen, ich sage nur: Jungfrauen…!

  12. Also Lebe den Tag und freu...
    Also Lebe den Tag und freu dich auf das Morgen ist doch beides zusammen erst so richtig ne Runde Sache…man muss nichts verschieben und wenns einen mal zerdeppert wartet …ja was …ich hoffe nicht Frau Merkel oder irgendwas Unapetittliches sondern hoffe auf Quanten von Phillip Lynott oder sowas,zum gemeinsamen musizieren im Reigen der Schwebeteilchen die durchs Universum ziehen…

  13. Gute Reise, Andrea! Deine...
    Gute Reise, Andrea! Deine Investition für die Füße ist tatsächlich zum Weglaufen – oder zum Aussteigen. Eine gute Investition für die Füße ist eure erbauliche Reise, auf der das Aussteigen an schönen Orten Gewinn bringt. Wenn du wieder zurück bist, überlege, ob ein Ausstieg aus deinem Vertrag oder Stillstand deines Vertrags den Verlust geringer hält. Zum Thema: < http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/2021130> ab Minute 16.
    Verreisen und Geld mitnehmen ist wie Geld in die Zukunft überweisen und abwarten. Ihr könnt mit eurer ganzen Reisekasse nur das Kaufen, was das Urlaubsland hergibt. Genau so wird es sich auch mit der Zukunft verhalten. Wir werden mit allem in jene Epoche überwiesenen Geld nur das kaufen können, was jene Zeiten hergeben werden. Und wenn wir dann viel Geld mitgebracht haben werden, und die, die dann verkaufen sollen, nicht so viel haben, wird das vielleicht daran liegen, das sie nichts zu verkaufen haben.

  14. Schön, dass die...
    Schön, dass die Selbstvergewisserung einer orthodoxen … ähm … begründet kritischen Weltanschauung bei Autorin und einigen Vorkommentatoren so schön klapp(er)t.

    Selbst, wenn die Fadenscheinigkeit einer „sicheren Rente“ erkannt wird und die Glaubenszeugnisse der Früheren ebenso eingeordnet werden, so wähnen sich die meisten hier zum „Pflücken des Tages“ in der Lage. Was hätte Wittgenstein zu diesem Mantra wohl angemerkt? Welcher Fügung man es verdankt, nördlich von Eboli oder Lampeduse zu leben, daran verschwendet man wahrscheinlich höchstens missmutige Gedanken.

    Erhellenderes zu Christsein und Ästhetik findet sich bei Kierkegaard – aber hoppla, der war ja weder katholisch, noch nicht mal freikirchlich … na das soll mich, selbst als deutsches Mitglied der Ultramontanunion, jetzt mal nicht zu sehr irritieren.

  15. @vroni: "karpf Dich durch den...
    @vroni: „karpf Dich durch den Tag“ – ist ja gar nicht falsch. Wie sagte ein spätmittelalterlicher Abt, wenn er freitags Fleisch essen wollte? „Te baptizo carpam – ich taufe Dich (Fleisch!) Karpfen“. Dazu möge man den ungemein geistreichen (weil Ex-Dominikaner!) Hans Conrad Zander befragen: „Warum waren im Mittelalter die Mönche so dick?“. Nun ja, Käse, Kekse und Kuchen – es sind immer die Pitanzen, die dick machen. Im übrigen halte ich es beim Meditieren über das Jenseits lieber mit Christian Morgenstern: „Fisches Nachtgesang“.

  16. @ Pius Xaver Kaltspiel: Das...
    @ Pius Xaver Kaltspiel: Das war jener Kierkegaard, der als stadtbekannter Kopenhagener ‚Flaneur‘ sich über diejenigen bürgerlichen Arbeitsbienen lustig machte, die das ‚Carpe Diem‘ nicht wie er zu leben verstanden: „Solche sehr beschäftigten Menschen, die nur Zeit haben, wenn sie einen Augenblick lang auf der Toilette sitzen und also höchstens – bei Durchfall – ein bißchen Ruhe haben, für die sollten Zeitungen geschrieben werden“. Der Rest aber möge Bücher lesen – und Kierkegaard dachte dabei wohl auch nicht ständig an Lampedusa oder an ein anderes soziales Äquivalent seiner Zeit …

  17. Bad Link: Der Tag ist zu Ende...
    Bad Link: Der Tag ist zu Ende und die Browsersitzung auch, der mein Link entnommen war. Wessen Rente noch nicht sicher ist und wen der Monitor-Beitrag in der ARD noch interessiert, wähle in der ARD-Mediathek eben dieses Magazin aus mit der Sendung vom 2. April und spule dort vor bis zur 16. Minute.

  18. @ Hans-Werner: Richtig - die...
    @ Hans-Werner: Richtig – die private Altersvorsorge ist eine weitere dieser ‚Finanzblasen‘, die mit ihren Sumpfgasen derzeit die Luft verpesten. Das wir – von den Politikern und Journalisten getrieben – mal wieder auf Sand gebaut haben, das spricht sich aber erst allmählich herum, und die künftig ausfallenden Riesterrenten gehören zur Konkursmasse der Westerwelles und der anderen Neoliberallalas. Tröstlich für diese FDP-Pleitiers: Dafür gibt’s in Deutschland dann 18 Prozent bei den Wahlen …

  19. Hans-Werner: Danke fuer die...
    Hans-Werner: Danke fuer die Information, das werd ich mir dann anschauen, wenn ich zu Hause bin. Hier ist erst einmal Rom. Aber dass ich mich mit 60 nicht einfach zuruecklehnen kann, ist mir so klar, wie es jedem klar sein sollte.

  20. Vroni, recht haste. Der...
    Vroni, recht haste. Der Religionsbegruender selbst mag ein gar nicht mal falscher Mensch mit gar nicht mal falschen Ansichten gewesen sein. Wir setzen uns hier halt mit der Kirche roemischer Praegung auseinander, nicht mit Jesus, da faellt das Urteil manchesmal harscher aus. Ob zu recht, das entscheide jeder fuer sich. Ob das mit seinem Glauben zu tun hat, auch.

  21. Da fährt man bei Sonnenschein...
    Da fährt man bei Sonnenschein durch Italien und kann nicht anders als sich über die offenbar vollkommen verbohrten Gläubigen und ihre Heiligen auslassen, na das muss toll sein. Schnell weiterfahren, sonst muss man noch mit denen reden.

  22. Der Unterschied macht die...
    Der Unterschied macht die Gegenwart: So einfach ist das. Aber es ist für die Mächtigen immer einfacher, wenn die Kleinen denken, es gäbe da noch etwas. Später, im Jenseits oder später bei der Rente. Dann sind sie gefüger, die lieben Kleinen.

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