Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Die Liebe der Oligarchen zu den Regionen

| 56 Lesermeinungen

Venezianer, Katalanen und Flamen wollen raus aus ihren Nationen. Der eigene Stamm ist der letzte Schrei, und Oligarchien wie die alte Republik Venedig sind das neue, goldglänzende Vorbild.

Wir stehen am Vorabend großer Ereignisse.
Napoleon

Ich möchte, so dachte ich mir letzte Woche, eigentlich nicht in einem Land leben, in dem Drogen auf Spielplätzen versteckt werden. Ich möchte auch nicht, dass staatliche Stellen über Streetworker mit Dealern diskret absprechen, wie man Drogenhandel in einem öffentlichen Park so reguliert, damit alle damit leben können – aber eben auch jene, die dort mit Drogen handeln. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem jedes Jahr Milliarden in den Drogenhandel und an den Finanzämtern vorbei gehen, und dann Drogenliberale vor Ort hämisch darauf verweisen, dass für die Polizei und wirksame Kontrolle zu wenig Geld da ist. Und der Umstand, dass die Linksextremen das Auto eines konservativen Journalisten anzünden, und die Rechtsextremen das Auto einer Flüchtlingsunterstützerin, ist in meinem Augen mehr als nur Sachschaden: Es ist ein Wegweiser in ein Land, das sicher nicht das meine ist. Sicher, wir haben am Tegernsee auch so unsere G’schichdn, aber so etwas wäre bei uns undenkbar und falls doch jemand meinen sollte, so etwas versuchen zu müssen, dann wäre sicher genug Geld für einen umfassenden und Probleme abstellenden Polizeieinsatz da.

Das sind so die Nachrichten, da weiss ich wieder: Ja, es gibt diesen Staat. Aber er ist nur eine Hülle für Regionen, die kaum Gemeinsamkeiten haben. Nun ist es gerade einer kleinen Splittergruppe in Venetien gelungen, solche – fraglos überall latent vorhandenen – Gefühle der Fremdheit im eigenen Land in eine Abstimmung einzubringen, mit der letztlich eine Unabhängigkeit der Region von Italien, der EU und der NATO erreicht werden soll. Die Abstimmung ist natürlich nicht offiziell, die überwältigende Befürwortung ist nicht nachprüfbar, und wie das italienische Fernsehen zeigte, ist die Abstimmung auch mit einfachen Mitteln manipulierbar. Aber das Ergebnis soll gezeigt haben, dass die Bewohner Venetiens tatsächlich frei vom Nationalstaat Italien mit seinen Problemen sein wollen – und ihren eigenen Staat verlangen. Eben Venetien, wie es gewesen ist, bevor Napoleon 1797 den Staat eroberte und dann als Entschädigung für andere Verluste an Österreich weitergab.

Historisch betrachtet ist das alles natürlich fragwürdig, denn dieses Venedig, von dem da manche träumen, war nie ein Nationalstaat im heutigen Sinne, sondern eine „Republik“, die von einer kleinen Schicht der Oligarchen dominiert wurde. Unbotsame wurden bei Bedarf gewaltsam unterdrückt, und die Terra Ferma, der italienische Landbesitz, mit der Hilfe brutaler Söldner erweitert. Man sieht heute die prächtigen Villen rund um Vicenza, man sieht die architektonischen Kunstwerke von Palladio, und die prächtige Reiterstatue eines Condottiere in der Oberstadt von Bergamo, man mag an den Karneval von Venedig denken und an die Veduten von Canaletto. Wer sich aber mit der Geschichte etwas auskennt, der weiss, dass die heutige Provinz Venetien geographisch nicht mit der alten Oligarchie übereinstimmt – und vor allem, dass es gute Gründe gab, warum auf dem Festland von den steuerlich Ausgeplünderten immer wieder gegen den Marcuslöwen und die Republik Aufstände angezettelt wurden. In Verona zum Beispiel kann man heute noch den Briefkasten bestaunen, in den man anonym Beschuldigungen gegen seinen venedigkritischen Nächsten werfen konnte – so kam dieser damals in die Bleikammern.

Auf dem gleichen Platz sind übrigens auch so einige Wappen zu sehen, deren heraldische Symbole ausgemeisselt wurden. Das geht zurück auf ein Ereignis namens „Pasque Veronesi„, das veronesische Ostern des Jahres 1797. Damals versuchten grosse Teile der Bevölkerung der zu Venedig gehörenden Stadt, die Franzosen und mit ihnen die Jakobiner zu vertreiben, denen man damals vorwarf, sie würden die Demokratie einführen wollen. Der Aufstand war schlecht vorbereitet, und nach kurzer Zeit behielten die Franzosen die Oberhand. Eine der Strafaktionen der Zeit war die restlose Entfernung aller venezianischer Hoheitszeichen, und das sieht man bis heute. Gleichzeitig hält sich aber auch das historisch gewachsene Gefühl, es damals den Franzosen richtig gegeben zu haben, selbst wenn uns der eigentliche Anlass für den Aufstand – demokratische Reform einer Oligarchie – heute vielleicht ähnlich seltsam wie andere Aufstände jener Zeit erscheint: Beim Freiheitskampf der Südtiroler ging es auch um die Verhinderung von Impfungen, und in Neapel um die physische Vernichtung von kirchenkritischen Freidenkern.

Vollkommen absurd wird die geplante Neugründung Venetiens aber erst, wenn man sich an Padanien erinnert. Padanien ist ein Phantasiestaat der gleichen Lega Nord, der jetzt die Aktivisten der neuen Republik Venetien entspringen, und sollte sich Mitte der 90er Jahre geschlossen von Rom lösen. Damals tönte man noch, Norditalien sei eigentlich keltisch besiedelt und damit ganz anders als der Rest des Landes, und hätte damit ein Recht auf einen eigenen Staat, entsprechend der Selbstbestimmung der Völker. Auch damals gab es illegale Wahlen, und sogar ein Parlament, das sich im schönen Mantua traf – würde man die Lega Nord ernst nehmen, so müsste man sagen, dass jetzt die historische Republik Venetien versucht, vom keltischen Stammesstaat Padanien wegzukommen, allerdings unter Verzicht auf Teile Friauls, Brescia und anderer hübscher Orte, die heute in Padanien pardon der Lomabardei liegen. So ernst könnte man das also nehmen, und es ist nicht wirklich zu erwarten, dass den paar Lega-Aktivisten eine erfolgreiche Neuauflage des Paspue Veronesi gelingt.

Diese alten Geschichten – man könnte dazu auch noch den Aufstand Venedigs gegen die Österreicher 1848/9 zählen – passen aber bestens zu anderen europäischen Legenden von Freiheit und Widerstand: Die Schlacht auf dem Amselfeld des Balkans, die Heldentaten der Krimtartaren gegen die Türken, der Aufstand der Griechen gegen die Hohe Pforte, die Kriege der Russen gegen die polnischen Invasoren, die wechselseitigen Übergriffe zwischen Bayern und Österreich, Strassenschlachten zwischen den verfeindeten Contraden in Siena, und es ist noch gar nicht so lang her, da hatten auch die Griechen mit den Makedonen Streit, mitten in Europa. Mit ein wenig historischer Beliebigkeit und dem Weglassen unerfreulicher Begleiterscheinung ist da immer genug historische Substanz, um Nationalstaaten rückblickend aufzukündigen, Autonomiebestrebungen mit Sprengstoffen zu verbinden und im Gefühl des richtigen Lokalkolorits Dinge zu tun, die man sich gar nicht vorstellen konnte.

Und es wird für Nationalstaaten oder übernationalen Konstrukte, die zunehmend als Verwaltungshüllen für die Globalisierung in Erscheinung treten, sicher nicht leicht, in der Epoche der Bankenkrisen und Lobbyisten etwas dagegen zu setzen. Auf der einen Seite verhandelt die EU-Kommission im Geheimen ein Freihandelsabkommen aus, auf der anderen Seite wird von den Regionen an der Hintertür gerüttelt. Ein freies Venetien oder Bayern, ein genfreier Landkreis, Begrenzung von Ausgleichszahlungen, Autonomie in den Regionen und bloss keine neue Startbahn für noch mehr Ausländer und Nichtstammesangehörige– das alles ist nach dem Ende des Nationalismus frei zu debattieren, das ist vor allem auch anschlussfähig an die Eliten, die dann auch schon mal ihre eigenen Parteien und Gruppierungen machen, die regional handeln. Man muss nur die richtigen Anlässe bieten, damit jeder versteht: Das passt nicht zusammen, da muss man etwas tun, da muss eine Grenze gezogen werden – und wenn man das nur ein klein wenig weiter denkt oder gar sieht, dass es bei Schotten, Flamen, Korsen und Katalanen auch geht…

Dafür sind viele etwas anfällig, dazu muss man nicht rechts oder nationalistisch sein, sogar die Linke versteht heute den panrussischen Kurs Putins. Reiche entstehen, Reiche zerfallen, aber Regionen haben eine enorme Zähigkeit beim Überleben. Brechen gemeinsame Werte weg, hat man nicht mehr den Eindruck, dass in der Ferne das Richtige und Nötige getan wird, erscheint eine regionale Alternative schnell begehrenswert. Zumal ja nicht nur die Drogenhändler im Park wegfallen, die linken und rechten Brandstifter und die feixenden Drogenfreunde, sondern auch etliche Verwaltungsebenen, Strukturen und Posten, die regional neu besetzt werden müssen. Eine Oligarchie bringt die Globalisierung natürlich auch, aber eine Garantie, dass die Richtigen diese Oberschicht stellen, die kann nur die Region bieten. Nicht umsonst hat Venedig damit 1000 Jahre gut gelebt.

Also räumt besser mal Euren Park auf, Berliner.

HINWEIS:

Kommentare kann man natürlich auch im Kommentarblog aufräumen.

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56 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    entschuldigung, ich möchte nicht kleinlich erscheinen, aber polnische invasion in rußland? das war doch jahrhunderte lang genau umgekehrt der fall?

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      da stimme ich ihnen zu. jedoch oft genug waren die eingriffe sehr einseitig im laufe der jahhunderte & zwar seitens rußland. schade, daß sie es nicht präzise genug formuliert haben.

    • Um die Wahrheit zu sagen: ich habe gerade ein elendes Problem mit der Gesundheit und bin nicht 100% exakt. Allerdings ist es ja tatsächlich so, dass man im Westen immer nur die Invasion aus Asien sieht und oft nicht bedenkt, dass es auch in die andere Richtung ging.

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      oh, dann wünsche ich ihnen gute besserung. mir ergeht es heute übrigens ähnlich, wahrscheinlich deshalb meine *themafixierung* /sprich: auf der suche nach den verlorenen sorgen woanders, bloß nicht bei mir selbst/

      als polin empfinde ich die invasionswahrscheinlichkeit und die frequenz, mit der die angriffe geschahen nicht unbedingt asymmetrisch. egal, ob sie aus dem westen oder osten, süden oder norden kamen, es schien irgendwie ein dauerzustand zu sein. hinzu kommt die tatsache, daß ich in der schule sozusagen zwangsrussifiziert wurde, was meine sensibilisierung dem thema gegenüber nicht unbedingt positiv geprägt hat. daher.

    • Danke, wie gesagt, das nächste Mal bin ich konzentrierter. Die letzten Tage waren… schwierig.

    • Titel eingeben
      merci

    • Titel eingeben
      p.s. ich hoffe immer noch irgendwann auf einen frühlingshaften, leichtfüßigen, kunsthistorisch gefärbten beitrag. wäre schön.

    • Aber natürlich!

  2. Hamburg muß wieder "Freie Hansestadt" werden
    Die Übernahme durch Bismark und den Kaiser war unrechtmäßig !

    • Sowas höre ich von Frankfurtern, die auch nie preussisch sein wollten, auch recht häufig.

    • Titel eingeben
      Warum nicht, und warum nicht überhaupt mehr Demokratie, Freiheit und Selbstbestimmung? Natürlich werden dabei Fehler gemacht werden – aber es sind dann die eigenen, selbst zu verantwortenden. Und, mal ganz ketzerisch: Vielleicht war das alte Europa gerade wegen seiner Vielfalt („Kleinstaaterei“) so erfolgreich? :-) mfG

    • Europa in den Grenzen vor Bismark
      Eine Ironie des Schicksals, dass die von Bismark hauptsächlich den Habsburgern, also Österreichern abgerungene Unabhängigkeit/Entstehung Deutschlands jetzt schon wieder vorbei sein soll und es wieder auf einen Vielvölkerstaat hinausläuft.
      Obwohl man vielleicht die Finger von den östlichen Regionen lassen sollte, deren teilweise recht eigene Rechnungen immer wieder für Überraschungen gut sind oder auch schon mal für 30 Jahre Krieg gut waren.

      @ LaPerla: Warum gibt Polen nach so vielen Invasionen eigentlich momentan so leichtfertig Schützenhilfe für amerikanische Rakenstellungen?!

    • @ Hausmann
      Diese Kleinstaaterei-Beschleunigungsbremse hat Europa davor bewahrt schon
      früher auf den „burn-out“ zuzusteuern.

  3. Warum sollten
    Eine Unmenge von politisch Kleinsteinheiten nicht möglich sein?

    In einer westl. Wertegemeinschaft, die von Supranationalen Organisationen, Institutionen
    Und angeblich apolitischen NGO’s gemanagt wird, sollte das mit der heutigen Informations-
    Technologie doch ‚locker vom Hocker‘ zu machen sein.

    • Naja, mit der Verkleinerung steigt natürlich der logistische Aufwand der Verwaltung pro Kopf – Itaklien mit seinen Regionen ist a übrigens ein wunderbares Beispiel, weil damit die Strukturen verdoppelt wurden. Und gerade kleine Duodezfürstentümer wie in der Karthause von Parma beschrieben waren nicht umsonst so inkompetent und rückständig. Es müsste also gleichzeitig der Wille dazu da sein, es besser zu machen. Agrigent auf der autonomen Insel Sizilien ist ein tolles Anschauungsobjekt.

    • Ich verstehe Ihre Bedenken nicht!
      Das waren alles Hinterwäldler!

      Heute sind Alle ganz anders aufgestellt.
      Die Fehler der Vergangenheit – das war anno dunemals.

      Wenn nur noch Funktionseliten mit dem Charme von Verbandsvorsitzenden
      am Werk sind. Die sich auch noch aufführen wie Kreuzzügler.
      Da kommt einem leicht ‚ all politics are local‘ in den Sinn.

    • Ja, das sagen Nichthistoriker immer, aber als Historiker glaubt man nicht an die Lernfähigkeit der Menschen.

  4. Die zerstrittene kleine Halbinsel Europa ...
    … ist nur ein Anhängsel des asiatischen Kontinents, aber sie hat 27 „offizielle“ Amtssprachen, in die jeder Brüsseler Zettel übersetzt werden muss. Doch nein, das reicht noch lange nicht, denn Katalanen, Schotten, Flamen, Padaner und Venezianer möchten eigene Läden aufmachen, um den Wirrwarr zu vergrößern. Das von der EU verbreitete Märchen von der „gemeinsamen Kultur“ erweist sich als falscher denn je.

    • Es gab schon so etwas wie eine Europabegeisterung – Mitte der 90er in Italien zum Beispiel, da wurde überall die EU-Fahne draufgepinselt. Da sah ja auch noch alles ganz gut aus. gerade weil es Italien eine andere politische Kultur versprach. Und ich persönlich fühle mich in Europa sehr daheim, weil das Verbindende vielleicht grösser als das Trennende ist.

    • Werter Herr Dünnhaupt
      Sie haben die „gemeinsame Kultur“ recht hübsch beschrieben.

      Scheinbar kann sich das Anhängsel des asiatischen Kontinents damit recht gut durch
      die Zeiten bringen.

      Pardon, aber ich gehöre nicht zu den Leuten die glauben, dass wenn alle einer
      Meinung sind und an einem Strang ziehen, der Messias erscheint.

    • Betonung auf: Es gab
      Was nutzt eine Loyalität (zur europäischen Idee) wenn diese nur in sehr guten Zeiten bestand hat?
      Der Kreuzzug gegen die Idee der Nationalstaaten führte eben bei den Meisten nicht dazu sich nun als Europäer zu sehen, sondern man zog sich aufs nächst kleinere zurück – die Region.

      Ich habe mich nie als Europäer gesehen, da schon früh in Schüleraustäuschen mit Frankreich und Tschechien mir klar wurde: Die sind nicht wie wir.
      Und so denken die Anderen auch. Für sie ist Europa ein Selbstbedienungsladen auf unsere Kosten. Da nun die Party vorbei ist, ist auch die Begeisterung weg. Man möchte, jetzt wo es ans zahlen geht nicht mehr zu der Gemeinschaft gehören.

      Am Ende haben alle nur Verachtung vor dem „Schokoladenonkel“ EU übrig. Ihr Europagefühl war ein teuer erkauftes Hirngespinst.

  5. ach ja
    Der Verfasser weiß wovon er schreibt: Nationalstaaterei auch hier im blog…:-)
    .
    Wie sollen denn die am Tropf hängen ohne die sie nährende Flasche klarkommen?

  6. Soweit geht nicht einmal Putins Traum
    Sehr verehrter Don! Das mit Berlin an die Russen abtreten, mag ein schöner Traum sein. Leider glaube ich, dass nicht einmal Putin der Allmächtige im Traum daran denkt, sich Arm-und-Sexi einzuverleiben. Was sollte er auch mit all dem preußisch rekonstruierten Disneyland-Kitsch-Berlin wollen? Er müsste außerdem auch noch die Kreativen dort bezahlen und darüber hinaus den nichtfunktionierenden Bärenflughafen übernehmen.

  7. Aus gesundheitlichen Gründen sei ihnen verziehen, dennoch...
    … mischen auch sie immer mal gerne die Argumente zusammen, die ihnen passen. Ich verfolge als stiller Leser Ihren Blog schon seit langer Zeit, da ich selbst aus dem Dreieck Mantova-Brescia-Verona stamme. Leider halten Sie aber den Maßstab den sie an die Leghisten legen, selbst nicht ein. Beispiel: natürlich war Venedig eine Oligarchie. Damit war sie aber immer noch um Längen „demokratischer“ als die Monarchien Englands, Frankreichs oder Spaniens. Immerhin 2% der Bevölkerung der Republik machten den „Souverän“, den Maggior Consiglio aus. Bei den meisten übrigen europäischen Ländern ist der Souverän eine Person – der König. Insofern stimmt ihr Vergleich hier sicherlich nicht.

    Des Weiteren: ja, die Serenissima hat sich mit „brutalen Söldnerheeren“ erweitert. Aber erstens: welcher Staat jener Zeit hat das nicht? Und zweitens: auch hier stimmt ihre Argumentation nicht völlig überein mit den tatsächlichen Geschehnissen, denn es existierten auch Städte, die sich per „Dedizione“, also „Selbstschenkung“ an die Republik anschlossen. Das wiederum finden sie nur bei wenigen anderen Staaten. Dass die Visconti da natürlich Probleme hatten, wenn eine ihrer wichtigsten Städte sich freiwillig angliedert, hat man natürlich nicht gerne. Das zeigt im Übrigen das Beispiel der Gesandtschaft Machiavellis nach Mantua im Jahr 1509 zur Zeit der Liga von Cambrai. Der Florentiner beobachtete, dass das einfache Volk weiterhin sich selbst San Marco unterwarf, obwohl besetzt. Es gab Exekutionen, weil Bauern nicht dem neuen Herrscher die Treue schwören wollten, sondern sich „Marchioni“ nannten. Die „Oligarchen“ dagegen paktierten bereits mit Maximilian von Habsburg. Dass Venedig nicht bereits 1509 unterging, hängt auch mit dieser Treue zur Republik zusammen, welche sie hier als Oligarchenclub abkanzeln, in Wirklichkeit aber tief im Volk verwurzelt war. Ein weiterer Beleg dafür: bei den hier genannten Pasque Veronesi waren es ebenfalls einfache Leute, welche an Venedig und San Marco glaubten, indes die Patrizier daheim sich einen feuchten Dreck darum scherten. Tatsächlich waren die meisten „Revolutionäre“ von 1797 selbst Mitglieder der Nobilität, indes das einfache Volk dem Löwen nachtrauerte. Auf dem Rialto gab es nach der Selbstauflösung der Republik einen Volksaufstand, indes sich die Nobili Kokarden anhefteten weil sie sich vor den Franzosen fürchteten. All das können sie mit etwas Recherche und Quellenlektüre nachlesen.

    Drittens: die Rechtsprechung Venedigs war nicht schlimmer als in anderen Staaten. Ganz im Gegenteil haben die Geschichtswissenschaft, aber auch eher populärwissenschaftliche Werke wie das von Kurt Heller festgestellt, dass Venedig ein recht ordentlicher Rechtsstaat war, wo eben nicht die Denunziation vorherrschte. Hier fallen sie auf die Propaganda der österreichischen Nachfolgeherrscher rein, welche die Eroberung des Landes – übrigens wie Napoleon – mit dem dortigen Unrechtsregime legitimierten (das kennen wir ja auch von heutigen Staaten). Auch Literaten wie Schiller haben dazu beigetragen. Wenn sie diese Dinge aus heutiger Sicht beurteilen, ist das vielleicht plakativ, aber entspricht nicht der Praxis, die Zeiten an ihren Umständen zu messen. Die Republik war zugleich in Bezug auf Religionen nämlich wiederum deutlich toleranter als andere Nachbarn, um nur das bekannteste Beispiel zu nennen.

    Viertens: ein Venetist muss kein Leghist sein. Das müssten sie eigentlich besser wissen, wenn sie in Verona und Umgebung waren. Viele Veneter, sowohl aus dem linken, als auch aus dem rechten Spektrum würden niemals die Liga Veneta wählen. Nicht nur, dass es noch eine gewaltige Zahl von Splitterparteien gibt, auch einen PD-Wähler oder PdL Anhänger werden sie ohne Mühen antreffen können, der ihnen sagen wird, dass für ihn Venetien an erster Stelle steht, und die Republik Venedig ein Grund ist, stolz auf das Land zu sein. Denn: die Veneter haben ihre Geschichte nicht vergessen. Meiner persönlichen Erfahrung nach liegt der Prozentsatz jener, welche eine autonome Region oder gar Unabhängigkeit haben wollen, wesentlich höher als das Stimmergebnis der Liga. Die Liga Veneta ist zudem nur ein Teil der Lega Nord und nicht deckungsgleich. Auch hier unterscheiden sie unsauber. Denn die Liga sieht und sah sich immer zuerst als „venetisch“ und nicht padanisch. Sie hatte nur zwischenzeitlich mit der Lega Lombarda kooperiert, als es opportun war. Nachdem die Wahlergebnisse im Keller waren, hat man wieder die Parole „Veneto zuerst“ ausgegeben. Politisch muss man das nicht werten, es zeigt aber, dass es eben kein Block ist, sondern die Strömung des Venetismo viel facettenreicher, als sie hier glauben machen wollen.

    Fünftens: Natürlich war die Republik Venedig kein Nationalstaat. Das war Polen-Litauen aber auch nicht. Dennoch ist letzteres für ein Jahrhundert von der Landkarte verschwunden, und wurde dann erneut gegründet, mit dem Anspruch, ein Nationalstaat sein zu wollen. Auch hier tun sie so, als wäre das unnatürlich. Ganz abgesehen davon, dass es der ehemaligen Terraferma überlassen ist, ob sie „zurück“ zum Veneto will. Dass aber die Venetisten eben keinen Anspruch auf Friaul und die Ostlombardei erheben (oder gar Dalmatien und Istrien), sondern das in einem Referendum entscheiden lassen wollen, sollte die Zeit kommen, ist eben der Fortschritt, den wir in den letzten Jahrzehnten gemacht haben, was friedliche Völkergemeinschaften angeht.

    Sechstens: Aufstände der Landbevölkerung/Terrafermani gegen Venedig, wie sie hier weismachen wollen, hat es keinen gegeben. Die Pasque Veronesi waren gegen die Franzosen und Napoleon gerichtet und reaktionär bis ins Mark. Die einzige Revolte, die hier zu nennen wäre, fand im 16. Jahrhundert im Friaul statt – zu einer Zeit, als das Volk unter den Italienischen Kriegen litt. Auch hier: keine antivenezianischen Bestrebungen. „Steuerlich ausgeplündert“ wurden auch nur die nächsten Städte Venedigs des

    • [...]
      Venedigs des Dogado. Andere – wie Asola, Crema, das Cadore, Salò – hatten weitreichende Privilegien. Venedig neigte dazu, den „nazioni“ – so nannte man die einstigen Contadi – weitreichende Autonomie zu gewährleisten. Wo sie ihre Informationen herhaben, bleibt mir da schleierhaft.

    • Nun, ich habe 8000 Zeichen und irgendwo muss ich vereinfachen – es ist schliesslich kein Seminar. Man hätte im Übtigen auch noch andere weniger erbauliche Dinge erwähnen können, wie etwa den Einsatz von Sklaven. aber gut.

      Was die Regierungsgewalt angeht, so sollte man bedenken, dass es auch in den Monarchien der Epoche grosse Freiräume gegeben hat. Seien es reichsunmittelbare Klöster, Reichsstädte, Räte, Gremien, die Finanzen bewilligten – es war ja nicht überall der Absolutismus am werkeln, sondern eben sehr oft auch die gleiche Ologarchie wie in Venedig. Das Beispiel Siena zeigt im Übrigen, dass eine Nichtoligarhie auch nicht gerade der Himmel sein muss.

      Was die Selbstschenkung und den Anschluss angeht: Oberitalien war in dieser Zeit wahrlich kein Zuckerschlecken, da waren sehr viele Interessenten, und da war man eben als Kleiner, siehe ferrara oder Rimini, auf Dauer nicht überlebensfähig. Venedig war eine Option – ob es dann aber immer allen gefallen hat, kann man auch dahin gestellt sein lassen. Cremona etwa hatte nach der venezianischen Besatzung kein Problem damit, wieder zu Mailand zu gehören.

      Tatsächlich, da gebe ich Ihnen recht, gibt es in Italien diese Anhänglichkeit zur Herrschaft im normalen Volk. Das ist eine erstaunliche Konstante, wenn man etwa an die Pazzi-Verschwörung denkt, oder eben jede Fedisten, die in Neapel ihr – aus heutiger Sicht völlig unbegreifliches – Unwesen gegen die Aufklärung betreiben. Oder man denke an die Anhänflichkeiten des normalen Volks in Latium an Cesare Borgia. Gleichzeitig aber betrachten wir einen langen Zeitraum, und dass die Liga von Cambrai scheiterte, lag mehr am diplomatischen Geschick der Venezianer, denn am Umstand der Machtbalance zwischen Frankreich und Österreich. Ansonsten meine ich mich durchaus an Volksaufstände gegen Venedig in Verona zu Beginn des 15. jahrhunderts erinnern zu können.

      Dass Venetien eine Hochburg der Lega ist, sage ich an keiner Stelle, wobei sie natürlich dort durchaus einen Schwerpunkt hat. Wie gesagt, ich halte die Abstimmung für eine Farce, die wenig über die wahre Einstellung verrät. Aber es zeigt sich da halt, wie manche Gruppierungen funktionieren und was sie ausnützen.

    • Natürlich können sie das alles nicht im Artikel bringen
      Verständlich und absolut in Ordnung. Ich will auch nicht über das „Referendum“ (das nicht mehr als eine Volksabstimmung mit Geschmäckle ist) reden, sondern über die historischen Hintergründe. Lassen wir die Politik aus dem Spiel. Sehen sie mich einfach als jemanden, der sich etwas mit Venedig auskennt, und in diesem Artikel viele sachliche Mängel erkennt, die nicht den Fakten entsprechen.

      Die Freiräume – besonders im HRR – sind mir bekannt. Dennoch war gerade in Italien, wo aufgrund verschiedener Fremdherrschaften diese osmotischen Räume weitaus enger waren, Venedig immer noch ziemlich liberal. Es ist natürlich auch zu differenzieren, in welchem Zeitraum wir uns befinden. Das Venedig des 18. Jahrhunderts war sehr divers von dem des 16. oder gar des 13. Jahrhunderts. Vergessen Sie auch nicht, dass im Gegensatz zu anderen Ländern die herrschende Schicht Steuern zahlen musste, und im Krieg eingezogen wurde. Bei der Belagerung von Candia lagen Nobili neben Söldnern. Staatsanleihen Venedigs bezogen sich meist aus dem Privatvermögen. Die Nobili haben geherrscht, aber sie haben auch geblutet, wenn die Republik blutete.

      Was Sklaven und Sklavenhandel angeht, standen die Venezianern da anderen Mittelmeervölkern nur recht wenig nach. Von den Türken und Maltesern wollen wir da nicht anfangen.

      Ich will sicherlich nicht sagen, dass man Venedig überall als Befreier Italiens ansah. Fakt ist jedoch, dass sowohl Verona als auch Brescia den Venezianern die Tore eröffneten. Brescia galt – obwohl lombardisch – als die perfekte venetische Tochter. Ein Grund dafür, warum die Provinz Brescia von Lombarden bewohnt wird, die aber eine venetische Kultur haben (das sieht man am Stadt- und Dorfbild sehr deutlich). Die bekannteste Dedizione war ja eben die von Verona 1405. Und dass Brescia wie Vicenza zur Zeit der Liga von Cambrai die „Ausländer“ vertrieben, und wieder den Löwen hissten, ist ihnen vermutlich bekannt – besonders weil Brescia es bitter bereut hat, trotzdem aber immer noch treu zu Venedig hielt. Das Geschenk für diese Treue kann man heute dort noch bewundern: Loggia samt Piazza. Natürlich stimme ich ihnen mit dem politischen Gegebenheiten und dem „alliance shifting“ zu. Dennoch wussten auch Ludwig XII. und Maximilian I. ein, dass man dieses Land, das man da aufteilen wollte, kaum beherrschen konnte. Verona musste mit deutschen, spanischen und französischen Garnisonen besetzt werden. Und das war extrem teuer, wollte man das jahrelang durchhalten. Machiavelli, der nun wirklich kein Freund Venedigs war, sah das am frühesten ein und nahm das als Lehre in die Discorsi auf.

      Cremona ist natürlich ein gutes Beispiel. Allerdings war Cremona ja auch unter anderem Umständen zu Venedig gekommen, denn im Gegensatz zu Brescia oder Verona hat man da die Venezianer von Anfang an nicht begrüßt, sondern als Besatzer empfunden. Verona und Brescia wechselten gerne von den Visconti über, Cremona war dagegen sforzatreu. Hier handelt es sich um machiavellistische Annexion im besten Sinne, und dass Venedig dann auch die Konsequenzen tragen durfte, ist nur fair. Es ist aber deswegen eher mit der Eroberung des Friaul vergleichbar, die auch nicht allzu koscher war. Es galt aber eben nicht für die ganze Terraferma.

      Was einen Aufstand in Verona in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts angeht, da ist mir ehrlich gesagt wenig bekannt. Vielleicht könnten Sie sich da noch einmal informieren? Das wäre auch für mich interessant. Verona war ja erst 1405 Teil, und nach Lodi (1454) ist mir da definitiv nichts bekannt.

      Wo wir beide übereinstimmen, ist das, was man wohl als „Patensystem“ ansehen könnte. Hier sind auch die Medici mit ihren persönlichen Netzen zu nennen, wo man sich untereinander einen Gefallen tat. Der große Cosimo regelt das schon.

      Die Lega betreffend ging es mir mehr darum, dass der Artikel den Eindruck macht, als hätten die Leghisten erst Padanien gewollt, gemerkt, dass es nicht klappt, und wollten jetzt den freien Veneto (während man ja eher zur ursprünglichen Idee zurückkehrt) propagieren. Schwamm drüber. Ich will festhalten, dass die Situation weitaus unübersichtlicher ist. Ich nenne das Beispiel eines Freundes in Venedig von mir (politisch extrem links stehend), der die Liga über alles hasst, aber der erste wäre, der auf den Campanile stiege um den Gonfalon zu hissen. Derlei Exempel gibt es viele. „Venetisten“ gibt es durch alle Reihen weg, radikale, gemäßigte, historische und ignorante.

      Sie mögen mir auch bitte meine langen Antworten nachsehen, aber ich habe sehr lange und intensiv mit dieser Materie gearbeitet. Wie gesagt, ich lese ihren Blog seitdem er in der FAZ erschienen ist, und habe mich stets zurückgehalten. Sehen sie meine Einlassung nicht als Negativkritik. Ich bin auch für ihre ausführliche Antwort sehr dankbar.

    • Bei der Belagerung von Candia lagen Nobili neben Söldnern.
      Das war natürlich extrem nobel von den Nobili, sich nicht einfach ihrem Schicksal hinzugeben:

      http://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_von_Candia#Kreuzfahrer

      „Während die einfachen Soldaten starben, genossen die hohen Offiziere in der Stadt das Leben. Venedig organisierte und zahlte vollen Luxus. Die Generäle und Admirale waren mit Eitelkeiten und Intrigen beschäftigt. Es fehlte ihnen an nichts. Die Galeeren brachten alle Waren aus Venedig, und die hungernden Bürger der Stadt waren froh, wenn sie ihre Frauen und Töchter an einen Offizier verkaufen konnten. Dies war ein Krieg, wie er für das barocke Zeitalter üblich war, und Venedig unterstützte ihn.

    • In den Zeiten vor Atombombe und Maschinengewehr war das ja durchaus ein angenehmer Zeitvertreib, wenn man auf der richtigen Seite war. Nicht umsonst bemühte sich der Adel um Offizierspatente, das war dann ein feines Leben für sie und ein unfeines Sterben für andere.

    • Mein Beitrag war eine Antwort auf den letzte Beitrag von Faustino Gallina
      – den Sie eventuell wie ich auch nur überflogen haben – und seine Aussagen über diese selbstlosen venezianischen Nobili.

  8. Freiheit für Freedonia!
    Die amerikanischen Politiker wurden befragt und die Mehrheit war dafür.

    Nur gibt es diesen Staat nur in der Fantasie der Marx Brothers.

    Was mit der Rest-Ukraine geschieht oder sogar mit dem Pakistan und Afganistans baldigen Bürgerkrieg, da wird der Nichtangriffspakt von Venetion und San Marino ganauso untergehen wie der Pakt 1994, welcher, falls sich die Krim lossagt, es von Katharine der Grossen den Ottomanen (Türkei) zurückgegeben wird (1783 war auch das Jahr des Pariser Vertrages der Friedenvereinbarung der GB und USA, in welchem wiederum die First Nationsübersehen wurden trotz Verträgen) oder da die Ukraine die Atomwaffen an Rußland zurückgibt, Amerika/Clinton, Russland/Yeltsin und GB/Major die Grenzen der Ukraine respektieren WERDEN.

    20 Jahre oder 200 Jahre, Verträge werden immer noch unterschrieben
    ..auf Papier

  9. Die Nationalstaaten sind doch am Ende
    Sie wollen nicht weg von ihren „Nationen“, sondern von Ihren Staaten, ebendeshalb weil sie, als Nationen, anders als die existierenden Staaten sind.

  10. Genau
    In den letzten 50-60 Jahren gab es einen Eurozentrismus, der dem Erlebnis des Zweiten Weltkriegs geschuldet war. Und jetzt gibt es dazu eine logische Gegenbewegung. Nicht mehr und nicht weniger. Ohne den Hitlerkrieg würde es Europa in der heutigen Form niemals geben. Leider ist Europa demographisch nicht in der Lage ein dauerhaftes Gebilde zu sein und wird schon in wenigen Jahrzehnten aufhören zu sein. Ein Besinnen auf die „vielleicht stärkere“ Region ist doch vor diesem Hintergrund nur verständlich.

  11. "Zeitgeist", das wirkte auf manchen in der Tat einmal mehr wie auf den Punkt so - " Den Zeitgeist
    dankenswerter Weise einmal mehr nahezu perfekt getroffen.“ Und das wäre ein Kompliment, nichts anderes. Denn das so genau zu tun, bedürfte großer Fähigkeiten, also des giftfrei unaufgeregt In-sich-Ruhens, meist unabgelenkt von unangenehmen Verbiegungen geschäftlicher Art, wie sie nun einmal im Geschäftsleben hin -u. wieder unausweichlich wären, usw., usf.. „Auf den Punkt getroffen diesen Tag“, könnte man daher meinen.

    Denn die „Oligarchen-Neudefinition“ scheint in der Tat genau das zu sein, was diese Zeit aktuell leistet. „Kam auch in den Medien, Kino, TV, Youtube“. Und wirkte wie ein nachholendes Bildungserlebnis für breite Schichten der mitteleuropäischen Bevölkerung, „Volksaufklärung durch Antipropaganda“.

    Oligarchen tun also Not, sie sind eine Dauerkonstante, die Welt kann nicht ohne sie gedacht werden – und wenn, dann doch nur von Kleinbürgern oder anderen Unbelehrbaren – und Oligarchen fallen nicht vom Himmel: Sie werden gemacht – und sind und bleiben am Ende doch nur betraute Diener noch höherer Mächte, noch größerer Kräfte.

    Gestern abend also erst wieder in irgendsolchen Fillmerkisten der Film, welcher aber genaugenommen „Der Oligarchen-Aufklärungsfall Deutschland“ heißen müsste. Nannte sich aber leider anders, dies Volk ist noch nicht so ehrlich mit sich selbst. Also noch nicht so wie Herr Don z.B..

    Wer ein gewisses Konzentrat vorab genießen wollte, würde ab ca. 26:38 dem Gentleman mit der so überaus freundlich blickenden Dame an der Wand zuerst lauschen, vielleicht bis nur ca. Minute 42 oder 44 folgend.

    Oligarchen werden gemacht, und man weiß wozu: Damit sie treu wären, ihrem Stand, ihrer Aufgabe, den darin liegenden Beschränkungen entsprechend, dazu gut lebten – und sonst nichst weiter. Und zu Freude und frommen von Staat & Scholle zu dem das alles gehörte.

    Als pseudo-unabhängiger Musterschüler später Pakte mit dem besseren Ausland frei schließen, insgeheim eben doch offensichtlich vertragsbrüchig werden – und handelte es sich auch „nur“ um ungeschriebene Verträge & Gesetze? Nein, das würden die starke Bindung an den Ort, die übergeordnete Aufgabe und auch die Peers der eigenen Art nicht dulden können, wäre Verrat.

    „Wir wollten eigentlich nie aus der gehobenen Mitttelschicht herausragen, wir wollten nie die Oligarchen werden, zu denen man uns später gemacht hat. (… aber die junge, zukünftige Bourgeosie ihres Landes wollten sie aber eine Zeit lang schon gewesen sein; „jüngste Milliardäre der Welt unter 40 Jahren“ das Prädikat, welches die Welt vergab… – alles Ende der wilden ’90ger.)

    „Es gab einen Plan eine Gruppe von Oligarchen zu erschaffen, und von Anfang an war glasklar, wer dafür in frage kommt – kein Oligarch hat sein Geld selbst gemacht.“ ( – und da trat noch nie einer ungestraft in Verhandlungen mit den Spitzenköpfen der führenden Familien von konkurrierenden Nachbarstaaten über vorbildliche gemeinsame Kapitalverpflechtungen, nein, noch nie, endlich noch nie wirklich erfolgreich..)

    Von der Sowjetunion und Don Alphonso lernen, hieße also 2x siegen lernen?

    Die Liebe der Oligarchen? Wunderbar! http://www.youtube.com/watch?v=5LZJaPT4NW0

    .

  12. Es lebe die Freie Republik Bruckbach !!
    hiermit gebe ich offiziell unsere Staatsgründung bekannt
    wir lassen uns nicht länger als autonome Region abspeisen
    unser Territorium ist das Einzugsgebiet des Bruckbachs von der Quelle bis zur Mündung
    wir aktzeptieren unsere Nachbarrepubliken Rosshag, Scheurenäcker und Kleindottingen
    wir versichern, dass wir keinerlei Gebietsansprüche an sie haben
    unser Ziel ist kulturelle Entwicklung in Frieden, Freiheit und Kooperation
    morgen kommen Hintermoser und Stranzinger aus Thailand zurück
    dann werden wir uns unverzüglich eine Verfassung geben
    unsere Währung ist 1 Drum halfzware shag = 10 Flaschen Pils
    ich habe Gschwandtner beauftragt, eine Hymne zu komponieren
    Fahne und Wappen sind moosgrün mit rosa Schrägbalken
    ich werde baldmöglichst unsere Aufnahme in die UNO beantragen
    aber selbstverständlich erst, nachdem mich der Wähler dazu legitimiert hat
    ein Hoch auf die Freiheit !!
    lang lebe der Präsident !!
    .
    gez. Bruckbacher
    (design. Präs.d.Fr.Rep.Bruckbach)

  13. Freunde in der Not
    Sehr geehrter Don,

    auch im Sand Münchner Spielplätze finden sich sogar HIV-verseuchte Spritzen und in Ingolstadt blüht der Drogenhandel. Einfach mal googeln! Trotzdem fordere ich natürlich nicht den Ausschluß Bayerns aus dem Bund.

    Wenn der Automobilboom in China endet und das Werk in Ingolstadt schließt, helfe ich Ihnen gerne in der Not und schicke gleichsam als CARE-Paket einen Ster gutes brandenburgisches Brennholz. Ich bin nicht nachtragend, aber ein Dauerzustand kann das nicht werden, denn ich muß meine Spende mit den preisgünstigen Stromlieferungen aus Brandenburg an das verarmende Süddeutschland verrechnen.

  14. Es findet sich reichlich Sprengstoff
    in den ersten Zeilen dieses Blogs.
    Eben gerade sehe ich unter „Hinweis“, also ueber der Aufforderung „Diskutieren Sie mit!“, verschiedene Verweise, wobei „Klassenkampf von oben“ an erster Stelle steht.

    Die kritische Masse an thermonuklearen Zerstoerungspotential verbirgt sich weit hinter dem kurz erwaehnten Konflikt zwischen „Linksextremen“ und „konservative Journalisten“.
    Peinliche Sache fuer Gunnar Schupelius; vielleicht froesteln jetzt zarter Besaitete unter den Journalisten nach dieser kalten Dusche oder der „militanten Verwarnung“, wie sie in einem Artikel bei Indymedia definiert wurde.
    Ansonsten wird ja nicht allzuviel ueber diesen Vorfall geschrieben…

    Nur – aehnlich wird´s vermehrt geschehen, wenn sich die Medien nicht besinnen. Wetten?
    Die deutsche Presse ist krank und braucht professionelle Hilfe, ehe sie in Europa weiter brandgefaehrliche Krisen herbeischreibt….die Macht der Worte; darueber wusste schon Goebbels Bescheid.
    ZDF – “Die Anstalt” zur Krimkrise und den medialen Indoktrinationen: “Nicht alles was hinkt, ist ein Joseph Goebbels.”
    Anstacheln, ein bisschen informieren, ausblenden; das ist ein gar leckeres Rezept fuer die aktuelle Stimmungsmache und gewollte Unruhe. Wie angedeuted, Journalisten haben scheinbar das Zeug, (Auto-)Braende zu entfachen, hoffentlich keine groesseren.

    Es ist schon soweit, dass ich mit Widerwillen die Google-Startseite anklicke, traurig jene Lesekommentare in der FAZ lese, welche in ihrer Masse immer oefter den Ukraine-, Krim-, Russland-, Putin-Artikelschreibern mit Argumenten kontern muessen; zwecklos offenbar, denn die Verfasser werden nicht muede, ihre recht starren Meinungen dem Leser in immer neuen Tonlagen in die Ohren zu bellen.
    Schupelius und seine verbrannte Asphaltblase ist nur ein kleines Symbol, ein Zeichen, was den Schreibern in den Elfenbeintuermen zu denken geben sollte.

    Eventuell ist dieses lustige Theater in Venedig auch der Ausdruck einer beginnenden Emanzipation in Europa. Weg von der fernen und feindlichen USA („Fuck the EU“), stopp ersteinmal zum verunsicherten Russland (Raketenschirm), hin zur Partnerschaft zu beiden Bloecken auf Augenhoehe und Besinnung im korrupten Bruessel.

    Zum angesprochenen Freihandelsabkommen: es kann nicht sein, dass damit amerikanisches Recht als Unrecht in Europa implantiert werden soll.

    Verehrter Don, es tut mir leid, dass ich hier wieder einmal mit hoffentlich nicht allzu unqualifizierten Aussagen nur auf Teilbereiche deines interessanten Beitrags reagiere, aber das Schupelius-Syndrom war mir eben gerade sehr wichtig.

  15. Überraschender Weise - Nachtrag zu 22.3. 22:43 - Dreierlei
    Überraschender Weise müsste man nun also wahrscheinlich auch noch einräumen, dass Chodorkowski nicht der strahlend weiße Held wäre, als der er uns möglicherweise vermittelt wurde – oder wir woltren ihn alle selber so sehen? – sondern in der Tat der Anstiftung zum Mord an besagtem Bügermeister schuldig. Das würde aber Putin und seinem Staat und deren Tatsachenbehauptungen Recht geben, anstatt diese zu schädigen? Wie unangenehm? (Immerhin unsere Dienste wissen das vermutlich genau.) (1)

    Und zweitens würde vermutlich der ein- oder andere für sich gegen das Thema ungefähr gleich so argumentiert haben „aber so richtiges Oligarchentum haben wir zum Glück bei uns ja nicht – wir sind ja eine Demokratie!“ Und dabei wäre alles anders, Herrn Dons Instinkt – und fast nur dessen – einmal mehr untrüglich?

    Denn, würden wir nicht, so gesehen, längst ebenfalls von einem machtvollen Oligarchentum regiert, gelenkt? Welches eben nur feiner verteilt, kostbarer dissipiert – und daher weniger augenscheinlich daher käme? Also nach der Art, dass 3000 Hardthöhen-Offiziere „Oligarch eins“ markierten, 3000 Planstellen beim BND wären „Oligarch zwei“, usw., usf.?

    Und ja, gegen diese selbsternannten, selbstbevollmächtigten Oligarchen vermöge (inzwischen) sogar der Volkswille – nichts?

    Und drittens konnte mandem Film vieleicht noch entnehmen, dass die entgangenen Verträge zwischen Yukos und Exxon Mobbile speziell auf der ExxonMobile-Seite möglicherweise so etwas wie langanhaltende, ins unterbewusste Dauerbewusstsein eingegangene Entzugs- oder Verlustschmerzen des nicht bekommenen, aber fast gehabten Vorteils zur Folge gehabt hätten – und zwar bis heute? Eben grade so wie ein prima Bonbon, welches besonders deshalb nicht vergessen könnte, weil man es zwar schon fast bis dicht vor den Mund bekommen hätte, aber doch nicht rein?

    Dass man damals schon einer möglichen Verschmelzung weitreichender und weiterreichender globaler Öl- u. Gasreserven noch vollumfänglicher Art gedacht hätte, als die meisten hier es bislang auch nur hätten ahnen wollten? Und das die jetzt zu konstatierende Destabilisierung der Ukraine, so sie endlich „zufällig“ auf Rußland übergriffe, jetzt nun oder immerhin noch rechtzeitig, eine „nachholende Vereinigung“ ermöglichen würden, welche damals durch die um Chodorkoswki eingetretenen Erreignisse bislang leider versäumt wurde?

    Der Krieg um die Ukraine und um Rußland so gesehen immer deutlicher auch ein Kampf ums Öl; Irak, Komma „maßstäblich soweit ins Große verzerrt, dass der Vorgang am besten für viele hiesige unsichtbar, da skalenmäßige Überforderung bereits eingetreten?

    Unangenehmer Gedanke ja, würden aber für manche zum Teil vielleicht auch mit erklären warum ex-BuKa Schröder „von Bush, Jr. direkt und sofort und ungezögert zu Gasprom rübermachte“?

    Sehr unangenehme Vorstellungen das alles, ja. Wie sagt, nur diese kleine Dreierlei hier, es ist ein Salon.

    • Es ist halt vieles sehr undurchsichtig. Mein Gefühl ist ja, dass viele gar nicht gestört werden wollen von diesem Osten und seiner Unberechenbarkeit. Dazu steckt einfach noch der Kalte Krieg zu sehr in den Knochen.

  16. Bin kein Oligarch!
    Verkaufe keine Würstchen Typ ‚Knacki‘! @VEB-Druckhaus: Wann steigt das Spiel? Konnte am 22. nicht zum Treffen mit @Afelia und @Yoani auf den #Gezi kommen. :-(

  17. Regionen überleben im Herzen.
    Als Alamanne aus Straßburg stammend, habe ich natürlich auch eine Meinung zum Thema. Nur bin ich bei der reichen Geschichte der Zorn Familie dort nicht sicher, wofür ich plädieren soll? Soll ich für eine Trennung Straßburgs in zwei imaginäre Hälften, die eine den Zorns nahestehend die andere den Müllenheims, eintreten? Dann müsste ich auf viel teuren Grund, gerade auf dem heutigen Gelände des Europarats, verzichten, dumm gelaufen. Oder soll ich für ein vereinigtes Alamanien des Stammlandes im Dreieck Straßburg, Freiburg bis Zürich eintreten? Aber vielleicht reicht es auch, wenn meine alte Heimat Baden wieder Österreichisch wird, was sie in großen Teilen bis 1815 war? Hm, was tun? Ich halte mich an Deinen Satz: „Reiche zerfallen, aber Regionen haben eine enorme Zähigkeit am Überleben.“ Und zwar im Herzen. Wenn ich mehr brauche, besuche ich die Haut-Kœnigsbourg und überblicke mein Ländle ganz ohne Grenzen.

    • Strassburg ist, wie das Elsass, natürlich eine ganz schwere Sache. Manchmal denke ich mir das auch bei Salzburg: Ob so eine städtische, freie Struktur zwischen den Ländern unbedingt schlecht wäre? Das gab es ja früher öfters, und das waren nicht selten schöne Beispiele für relativ gelungene Zivilgesellschaften.

    • Wenn schon alle Welt ihr Territorium zu arrondieren wünscht...
      Na dann, … bin ich sehr für eine Wiedervereinigung mit Elsaß-Lothringen!

    • Man sollte sich bei der Gelegenheit nochmal die karolingische Reichsteilung anschauen.

    • Das stimmt!
      Die Ratsverfassung der Stadt Straßburg war im 14. und 15. Jahrhundert ein Vorbild für viele freie Reichsstädte und Territorien. Wenn ich es recht weiß, gab es sogar den Besuch einer Delegation von Venedig, um davon zu lernen. Siehe: Geschichte der Stadt Straßburg.

  18. Pingback: Besser als Abhören: Ein langes Telegramm

  19. OT
    Wie groß muss das Angebot an Öl und Gas auf dem Weltmarkt eigentlich sein,
    wenn man auf russ. Lieferungen verzichten kann.
    Der hohe Weltmarktpreis darf nicht gefährdet sein.
    Dabei wäre es doch so einfach über niedrige Preise sowohl Russland als auch
    Venezuela auf die Knie zu zwingen.

    Da würde die Liebe aller Oligarchen zu ihrer Region schnell erkalten.

  20. Also
    …entweder verhalten sich die russ. Politiker in ihren Telefonaten sehr viel
    disziplinierter, oder ihre geheimdienstlichen Abhörpraxis ist um Klassen besser,
    als die der USA oder GB.

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