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Mille Miglia IV – Der Tod in Rom

22.05.2009, 16:38 Uhr  ·  Ankommen kann jeder. Aber da sind auch noch all jene, die unterwegs liegen bleiben, deren Motoren absterben und die verloren im tosenden Verkehr stehen, da sind die Unglücklichen, für die die Mille Miglia der Höhepunkt des Jahres hätte werden sollen, und die irgendwo zwischen dem Ortsschild von Brescia und Rom aufgeben müssen. Dabei macht Scheitern mit Grösse die grössten Abenteuer und die besten Bilder.

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Wir bekommen entweder eine Kugel oder einen guten Kaffee.

Nach dem 6-Tage-Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn erhielt der Kriegsphotograph Micha Bar-Am von einem amerikanischen Magazin den Auftrag, Mosche Dayan zu portraitieren. Bar-Am hatte die Idee, Dayan mit Palästinensern in den gerade eroberten Gebieten zu konfrontieren, und Dayan sagte mit obigen Worten zu. Zusammen mit einem Journalisten quetschten sie sich in ein kleines Auto, fuhren ohne jeden Schutz in die Westbank, und hielten in einem arabischen Dorf an. Dayan redete mit den Bewohnern, bekam seinen guten Kaffee und Micha Bar-Am eines der eindrucksvollsten Bilder des israelischen Verteidigungsministers, der aufmerksam den Palästinensern zuhört.

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Ich mag diese Art Fatalismus. Die Mille Miglia hat entlang ihrer Route von Brescia über Verona und Umbrien genug Momente des Gleitens durch schöne Landschaften, Überholvorgänge und winkenden Fahrer, es ist wie aus dem Bilderbuch. Sie können immer anhalten und einen guten Kaffee bekommen, ein Werkstattteam kümmert sich um die Technik, und am Ende erreichen sie die Engelsburg in Rom, wo ihnen Tausende zujubeln, wenn sie über die Rampe fahren und endlich angekommen sind. Darum geht es. Aber auch und besonders um jene, die eben nicht den Kaffee, sondern die Kugel bekommen und auf der Strecke bleiben.

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Da waren diese beiden Ferraripiloten, nur 100 Meter vom Zieleinlauf entfernt. Sie standen mitten auf der breiten Strasse, die um die Engelsburg führt, über die der abendliche Partyverkehr der ewigen Stadt entlang des Tibers brauste. Von allen Orten der Welt, an denen man nicht liegen bleiben möchte, ist das jenseits der Wüsten und Ostdeutschland einer der Unangenehmsten. Mitten auf der Hauptstrasse im tosenden, rücksichtslosen Verkehr, als menschliches Schutzschild vor dem zerbrechlichen Auto, das einen verlassen hat, angesichts der schlimmsten Raser und Drängler des europäischen Kontinents. Das hat Grösse.

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Da war dieser Mercedes 300 SL. Aufmerksame Leser werden entdeckt haben, dass ich hier wenig Beachtung vor dem Fuhrpark des schwäbischen Herstellers gezeigt habe, zu sehr war deren Sponsorengehabe eine Beleidigung für guten Geschmack und Anstand. Da steht nun dieser Traumwagen der 50er Jahre am Strassenrand im Stau mit Warnblinkanlage, und all die Smarts, mit denen der Konzern in eine neue Ära aufbrechen wollte, haben ihn eingekeilt. Die Moderne wird mit ihrer traurigen Vernunft immer siegen, der Smart weist die Zukunft, und der 300 SL ist ein Relikt einer abgeschafften Vergangenheit. Aber selbst in einer toten Isetta würde ich lieber im ewigen Stau dieser Stadt stehen, als in  einem fahrbaren Smart, der ebenso wenige Defekte wie Charakter besitzt.

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Und dann war da noch der Chrysler 75 Le Mans, schon im Jubel der Menge unterhalb der Engelsburg, keine 30 Meter vor der Rampe der Zielankunft, aber näher noch am Tod. Irgendetwas Schlimmes dürfte mit dem Kühlkreislauf passiert sein: Der Wagen klang furchtbar, als würden die rotglühende Ventile gleich durch das Metall des Zylinderkopfes schiessen, und der Beifahrer musste sich Mineralwasserflaschen von den Umstehenden holen, um den Kühler zu füllen. Flasche und Flasche kippte er hinein, verschraubte hastig den Deckel, und dann quälte sich der Chrysler weiter zum Ende eines brutalen Tages, und die bange Frage muss gelautet haben:

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Wo zum Teufel bekommt man in dieser heissen römischen Nacht einen neuen Kühler für ein fast 80 Jahre altes Auto her? An exakt der Stelle, an der das Mineralwasser in den Kühler gelangt war, fand es sich auch gleich auf der Strasse wieder. Manchmal bekommt man einen guten Kaffee, und manchmal eben nicht mal einen Schluck Wasser. Jeder Jahr schaue ich mir die vielen hundert Bilder von der Mille Miglia durch, von millionenteuren Rennwägen und kunstvoll patinierten Bugattis, von Fahrern in Partnerbekleidung und all jenen Details, die Zeit, Geld und Arbeit verschlingen, bis sie hier, auf den staubigen Strassen zwischen Rom und Brescia vorgeführt werden können. Jeder Depp, mit Verlaub, kann hier teilnehmen, wenn er den Sponsor bezahlt oder ein Vermögen für einen überteuerten Wagen  ausgibt, die Organisatoren umwerben russische Oligarchen und amerikanische Sammler, es ist bei der Bewerbung fast so viel Eitelkeit mit im Spiel, wie beim Ergattern der Karten für Wagners Ring bei den Münchner Festspielen, und der Stil mancher Teilnehmer könnte auch bei den Freundinnen von Elekrtrofachmarkterben bei mir daheim anzutreffen sein, die einem aber nicht vorgestellt werden. Jedes Jahr sehe ich all diese Bilder, und bleibe letztlich dann an einem zertrümmerten Maserati in Mantua hängen, der in Modena noch heil war, am frierenden Piloten eines Wagens ohne Windschutzscheibe im Wolkenbruch, der 1500 Kilometer Regen ertragen musste, nur um auf den letzten hundert Kilometern doch noch auszufallen, oder eben an jenem Kind, das die Fahne nicht mehr schwenkt und sich vielleicht fragt, was wohl am nächsten Morgen mit diesen Fahrern sein wird, die inmitten des Gewühls der Nacht über der ewigen Stadt um ein paar Schluck Wasser für ihr Auto bitten, ohne auch nur einen Moment der Schönheit achten zu können.

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Vielleicht bekommen sie einen guten Kaffee. Vielleicht auch nicht.

Die anderen Bilder sind natürlich auch nicht unbedingt schlecht:

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Veröffentlicht unter: Neureiche, Tod, Russen, Mille Miglia

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (8)
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Tod oder Kaffee lauerte auch...

Tod oder Kaffee lauerte auch im Mekong Delta. In ihrer Autobiographie "The Sacred Willow" schildert Duong Van Mai Elliott, wie in den 1960er Jahren mittem im Krieg ihr amerikanischer Verlobter David Elliott mit ihr von Saigon in das Delta fuhr (so, wie man wohl in den USA eben mal aufs Land faehrt). Ungluecklicherweise hatte ihr Wagen mitten auf der Piste eine Panne, und David's grossartige Idee war ins naechste Dorf zu laufen, einen Mechaniker zu holen, und lies Mai bei dem Wagen zurueck - in einer Gegend die nachts dem VC gehoerte. - Als er samt Mechaniker nach einiger Zeit wiederkam, waren in der Tat sowohl Mai und wie Auto noch auf der Strasse - Kaffee statt Kugel! - Allzeit Gute Fahrt, Don Alphonso!!

Ich frage mich, warum immer...

Ich frage mich, warum immer das Wort "Barock" für die alten Autochen genutzt wird. Im Vergleich zu heutigen Blech-Volumen sind das alles Magermodels. Mei...

das gewicht mag heute um ein...

das gewicht mag heute um ein vielfaches höher sein (aktive wie passive sicherheit sowie die bequemlichkeit der besitzer haben halt ihren preis), aber die Formen von damals (bis in die 50er/60er) waren doch deutlich ausladender und rundlicher als alles was heute windkanal- und massengeschmacksgerecht so durch die Gegend rollt. Dazu dann noch der oft nicht mehr so ganz dezente Einsatz von Chromteilen und schon hat man eine rechtfertigung das alte Blech mit "barock" zu titulieren. zu den Bildern.... Hier bestände ebenfalls Interesse an einem etwas umfangreicheren Paket. Für den Fall, dass die FAZ aufgrund des zu erwartenden hohen Traffics keinen Platz für das Hosting bereitstellen möchte, könnte man immer noch auf einen einschlägigen oneclock hoster zurückfgreifen. Die MUSS man ja nicht ausschließlich als Verteilerstation für Diebstahlkopien nutzen. mfg

0 donalphonso 24.05.2009, 07:37 Uhr

CaoKy60, nettes Beispiel....

CaoKy60, nettes Beispiel. Vielleicht muss man zu Dayan noch sagen, dass er ein erklärter Gegner religiös mitivierter Siedlungstätigkeit war und die Westbank früh als zukünftigen Krisenherd erkannte. Ich nehme an, dass er dafür auch eher den Kaffee bekam.

0 donalphonso 24.05.2009, 07:41 Uhr

juhu, Rennwägen sind da etwas...

juhu, Rennwägen sind da etwas anders als normale Autos, die durchaus barocke Formen und - so amerikanisch - auch mit viel Tüddelkram vorfuhren. Allerdings ist es schon erstaunlich, dass nach 50 Jahren Fortschritt die Wagen immer noch so schwer wir früher sind, und oft ähnlich viel schlucken. Die Verbrauchsangaben alter Hefte, die von 10 oder 13 Litern sprechen, beziehen sich auf die tatsächlich verbrauchten Spritmengen beim Test; heute dagegen gibt es Normzyklen, die mit der Realität nichts zu tun haben. Am Ende brauchen viele die gleichen 9 Liter.

0 donalphonso 24.05.2009, 07:43 Uhr

rbt, ich bekomme durchaus...

rbt, ich bekomme durchaus Nachfragen, und ich denke, ein Dutzend kann ich schon noch bringen, dann in einem 500x340-Format. Aber irgendwann muss auch wieder ein anderes Thema kommen.

Gott bewahre, so hatte ich das...

Gott bewahre, so hatte ich das nicht gemeint, da soll beizeiten ruhig mal wieder ein anderer Aufhänger für einen Artikel gefunden werden. Hatte da eher an ein schlichtes rar/zip/7z Archiv gedacht, mit den schönsten 10,20,50 Bildern in relativ guter qualität und irgendwas im Bereich von1280mal xy. die Sache mit dem Verbrauch ist in der Tat etwas zwiespältig. Auf den ersten Blick mag sich da in 50 Jahren nicht viel getan haben, wenn man sich nur am reinen Verbrauch in Litern pro 100km aufhängt, aber die Effizienz ist in der Zeit massiv gesteiert worden. So ein moderner 1,2 lrt FSI holt schon deutlich mehr Leistung aus einem Tropfen Sprit als alles was damals rumfahren durfte. Dazu dann noch deutlich bessere Emissionswerte usw. "Leider*" wurden die Effizienzgewinne gleich wieder in Fahrzeuggröße und Ausstattung investiert. Ein aktuelles Auto der Golfklasse hätte in den 50/60ern jeden Industriekapitän neidisch gemacht (über die 20/3oer braucht man an dieser Stelle gar kein Wort verlieren ). *Leider, für den ökologischen Aspekt des Individualverkehrs. 3 Liter auf 100 wären mit heutiger Motorentechnologie kein Problem, wenn das zugehörige Auto nur 750kg wiegen würde und sich nicht schneller als 130km/h bewegen würde, aber sowas verkauft sich halt schlecht wenn der Benzinpreis die 10€ /ltr Marke noch nicht geknackt hat ;)

0 donalphonso 24.05.2009, 22:23 Uhr

Mit solchen "schlichten"...

Mit solchen "schlichten" Archiven habe ich ganz, ganz schlechte Erfahrungen gemacht, die sind eine Einladung zur Selbstbedienung, und ich sehe nicht ein, die Arbeit für irgendwelche Spamblogs mit Contentproblem zu machen. Meine meinungsbildung zu jener Frage war langwierig und von Enttäuschungen geprägt, aber wer was will, soll einfach fragen. Ich habe noch einen Rückblick mit 12 weiteren Bildern rumliegen, aber den bringe ich als Zuckerl nächsten Wochenende. . Wenn ich sehe, wie heute gejammert wird, wenn Motoren mit 150, 200 PS angeblich nicht spritzig genug sind, und das bei einer Familienkutsche, muss ich sagen, dass da auch in den Medien falsche begrifflichkeiten vorliegen. Mein Sunbeam braucht über 20 Sekunden auf 100, er ist 54 jahre alt und hat 80 PS (vielleicht auch nur noch 70) auf 1,3 Tonnen, und trotzdem schwimme ich im Verkehr mit. Da muss etwas grundsätzlich falsch gelaufen sein, seit der Ölkrise. Aber dafür kann ein Sunbeam nichts, bei dem gab man sich offenkundig noch Mühe, bessere Leistungen zu erreichen.

ist eine Kunstfigur, die seinem Verfasser nicht vollkommen unähnlich ist.