Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Arm bleiben. Oder: 25% Rendite aus bestem Hause

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Momentan erinnert man sich wieder ungern an die Pleite der Lehman-Bank im fernen Neu-Yorck; zur Erkenntnis jedoch, dass jedem Geldgeschäft auch der Betrug innewohnen kann, gereichen auch andere Beispiele ganz vorzüglich. Das Lehman meiner Heimatstadt liegt glücklicherweise schon 26 Jahre zurück, und beweist damit auch nur, dass sich die Namen, nicht aber die Wesenheiten aller Geldtransaktionen ändern. Aber auch schlechte Investitionen, so hoffe ich zumindest, zeitigen gute Geschichten - das war schon beim 30-jährigen Krieg so, warum sollte es beim Finanzkapital anders sein.

 

Erinnre, was wir sahen, oh Seele, an jenem Morgen,
da uns des Sommers Glück bestach:
An eines Weges Bug, im Kieselbett verborgen
lag eines Aases dreiste Schmach.
Baudelaire, Ein Stück Aas.

Den Käufern von Lehman-Zertifikaten der Sparkasse Frankfurt zugeeignet – das kommt in den besten Familien vor:

Über Geld hat man mit uns nie geredet. Das ging uns nichts an, dafür waren wir zu jung, aber in etwa wussten wir alle, dass wir keine reichen Leute waren, sondern arm. Arm im Vergleich etwa zu anderen, die im gleichen Viertel wohnten. Wie arm, das erfuhren manche erst nach dem Tod ihrer Eltern und hektischen Fahrten in die Schweiz, wo sich dann die Frage stellte, was man mit nicht registrierten und versteuerten Tafelpapieren in jenem Safe im Erbfall tut. Das aber sollte erst viel später eine Rolle spielen, denn damals, als sich das Westviertel der kleinen, dummen Stadt an der Donau von der Ringstrasse entlang der Tennisplätze und Auwälder bis zum See ausgebreitet hatte, war die Welt noch in Ordnung. Das war Ende der 70er Jahre, wir waren jung und arm und dachten uns nichts dabei, denn alle anderen waren ja auch jung und arm und wohnten auch nur in Villen mit 250 m², und ausserdem war Sommer, und wir waren stets die ersten am See.

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Aber natürlich war es in jenen Jahren auch so gut wie unmöglich, zu überhören, dass es auch wirklich reiche Leute unter uns gab. Das stand in den Zeitungen. Und die kannte man natürlich. Da war etwa der Auto- und Fahrradhändler, dessen Kinder unternehmerisches Geschick zeigten und bald auch Schifffahrt, Immobiliengeschäfte und Energiefirmen betrieben. Und da war der Sohn aus einfachen Verhältnissen, der sich zäh vom Buchhalter zum bundesweit bekannten Textilindustriellen aufgeschwungen und dabei eine Firma der Stadt gerettet hatte. Das bekam man natürlich mit, denn die Medien interessierten sich dafür. Und sie wohnten ja auch praktisch nebenan. Auf dem Weg zur Schule lernt man in so einem Viertel alle kennen.

Und weil es bei beiden so prächtig gelaufen ist, und die kleine, dumme Stadt an der Donau damals schnell reich wurde, und mit ihr alle, die schon länger in ihr wohnten und ihren Anteil daran vermieten konnten, weil also alles wie geschmiert gelaufen ist – taten sich die alteingesessene Familie und der Aufsteiger zusammen und betrieben Unternehmen zur Erforschung von Öllagerstätten in Amerika. Kurz davor hatten die Islamisten den Schah von Persien gestürzt, die Benzinpreise explodierten, und Ölbohrungen in den USA versprachen beste Gewinne. Wenn man nur die passende Firma hatte. Und so wurde hier, im Westviertel in der kleinen, dummen Stadt an der Donau fern der Bohrlöcher, eine Idee so sehr vertuschelt, dass auch wir auf dem Schulweg darüber sprachen: Es passierte ja hier, unter uns, und das Versprechen jener Firma, 25% Rendite jedes Jahr fliessen zu lassen, erschien uns märchenhaft. So, dachten wir armen Kinder, würde also Reichtum gemacht, während aus dem Feld die Fasane aufflatterten und unsere Wege kreuzten.

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Nicht nur wir arme Kinder sprachen darüber. Es gab auch arme Eltern, die darüber im Tennisclub sprachen. Schliesslich kam das Angebot nicht irgendwo her, sondern von den besten Häusern der Stadt, und die kannte man – man wohnte ja daneben, man hatte den Aufstieg gesehen, und wenn die sagenhaften Geldmacher nun bereit waren, alle als Kommanditisten daran teilhaben zu lassen, warum nicht? Zuerst war man wegen der 25% Rendite natürlich skeptisch, aber nach einem Jahr bekamen die ersten Zeichner prompt ihr Geld. Und alle anderen, die auf der Empore des Tennisclubs noch gelacht hatten, während sich unten ihre armen Kinder das Lacoste-Hemd mit rotem Sand besudelten – ach geh, Luggi, sagten die Mütter, as nechste Moi nemma koa weiss Hemmad mea – alle anderen kamen ins Grübeln. Sollte man nicht doch zeichnen, wenn es doch so schnell so gut läuft? Zudem gab es auch noch Steuervorteile, und sogar ein bayerischer Minister warb für das Unternehmen. Und letztlich, man kenne die Leute doch, die sind aus dem gleichen Viertel. Also zeichneten durchaus einige Leute Anteile. Auch für die Kinder, damit die es nachher beim Studium leichter hätten.

Und so kam es dann, dass ich eines Morgens von einem Bekannten auf dem Schulweg hörte, dass sein Vater so viel Geld in diese Firma der besten Häuser der Stadt gesteckt hatte, dass er, wenn er dann in München studierte, eine riesige Wohnung bekäme. Und vielleicht noch so einen Porsche wie den zitronengelben 911er Targa, der vor dem Haus im französischen Stil stand, dort einer Fabrikantenwitwe gehörte und der Traum unserer Jugend war. Warum mein Papa das nicht auch machen würde, fragte er mich. Ich sagte das, was mir meine Eltern beigebracht hatten: Wir sind keine reichen Leute. Das fand mein Bekannter doof, und er wandte sich dann lieber der Tochter des Chefs einer Bank im Ort zu, deren Vater aber auch nicht zeichnen wollte. So also radelten wir durch die baumgesäumte Strasse, und ab und zu rollte auch die S-Klasse eines der Firmengründer vorbei, langsam und majestätisch, aber der zitronengelbe 911er, den die Tochter der Fabrikantenwitwe ein paar Jahre später in einen Baum bei Ernsgaden setzen sollte, war für uns trotzdem schöner. Wenn man jung ist, kümmert es einen nicht so sehr, wenn man arm ist, und andere reicher sind.

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Die 70er Jahre endeten und die 80er kamen, und noch immer las man bundesweit über die besten Häuser unserer Stadt; doch dauerte es nicht lange, und aus den bayerischen Ölbaronen wurden eher fragwürdige Gestalten. Es kamen unschöne Geschichten ans Licht, die wir nicht ganz verstanden – aber letztlich war es so, dass die Landesbank der Firma der besten Häuser das noch zu zahlende Geld der Kommanditisten schon mal auf Treu und Glauben an die besten Häuser und deren Sicherheiten geliehen hatte, und der Gründer davon einen hübschen Batzen behalten hatte. Die Freude über 25% Rendite währte kürzer als, sagen wir mal, bei der Deutschen Bank unter Ackermann bis zur aktuellen Finanzkrise, denn alsbald überwarfen sich die beiden führenden Häuser, und der Aufgestiegene setzte alles daran, die alte Familie aus dem Geschäft zu drängen. Nachdem zwar 270 Millionen Mark gezeichnet waren, aber nur ein Teil wirklich einbezahlt wurde, machte der Aufsteiger nun auch Druck auf die Zeichner, ja, es kam gar zu Prozessen um weitere Einzahlungen, während die Rendite merklich sank. Von den angeblich so grandiosen Bohrlöchern in Amerika blieb wenig übrig, aber dafür entdeckten Anwälte in dieser Firma und ihrer juristischen Aufarbeitung eine sprudelnde Geldquelle. Schneeballsystem, hiess es plötzlich in den Medien.

Und nachdem auch die Verwandten der besten Häuser Kinder hatten und die auf Schulen gingen, in die wir auch gingen – oder gar in identische Klassen und Kurse – wurden wir allgemein instruiert, was wir gefälligst auszusparen hätten. Wenn wir schon mit denen redeten. Kurz, wir alle benahmen uns, wie das eben so bei den besten Häusern der Stadt üblich ist. Ein gewisser Herr Becker sorgte mit sportlichen Erfolgen dann dafür, dass der Tennisclub mehr Mitglieder hatte, und sich der Werber für jene Firma und die Geworbenen nicht mehr dauernd auf der Empore über den Weg liefen, ein paar Leute luden sich nicht mehr ein, und über manche Kratzer im Auto gab es böse Gerüchte, die aber nie bestätigt wurden. Mir war das egal, mein Vater war kein Chefarzt, sondern Bilanzspezialist, und hatte nicht gezeichnet, also hatte ich auch nichts zu jenem Thema beizutragen, über das die Tochter des Bankchefs viel wusste und erzählte, wenn wir durch den Park den letzten Schuljahren entgegen fuhren.

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Die juristische Aufarbeitung des Skandals zog sich lange hin, man konnte noch viel lesen, und am Ende zahlte die Landesbank manchen Klägern auch Entschädigung. Der werbende Minister wurde Ministerpräsident, manche Feindschaft ward über gemeinsame Verluste und Tennisdoppel vergessen, und andere halten bis auf den heutigen Tag, da immer noch Kinder aus jenem Viertel über Wiesen, breite Strassen und Parks in die Schule radeln. Wir arme Kinder bekamen Eigentumswohnungen in Münchens besten Innenstadtlagen – denn für Geldverschwendung durch Mieten sind wir zu arm, wie mein Vater erklärte – und natürlich keinen zitronengelben Porsche 911, und niemand gibt sich heute noch der Illusion hin, er könnte von dieser kleinen, dummen Stadt aus eine Figur der Dallas-Serie werden. Man glaubt höchstens noch an Gewerbeimmobilien zur Alterssicherung.

Und auch heute noch macht es mir nichts aus, zu arm zu sein, wenn mir jemand Investitionschancen mit 25% Rendite anbietet. Egal wie gut die Häuser sind.

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127 Lesermeinungen

  1. Um einen Blog mit obigen Titel...
    Um einen Blog mit obigen Titel stuende es schlecht, wenn der Name GS nicht gleich in einem der ersten Kommentare fiele. Hab# ich gerne gemacht.

  2. Ich liebe es beim...
    Ich liebe es beim Schneeballsystem anderer Leute zuzuschauen – aus der Ferne als Unbeteiligter freilich. Allerdings frage ich mich was geschieht sobald ein Schneeballroller auf den Gedanken kommt keine verdächtig hohe Rendite mehr zu bieten sondern vielmehr lediglich wenige Prozentpunktzehntel über dem Markt anbietet …

  3. Man könnte jetzt alte...
    Man könnte jetzt alte Sprichwörter und Weisheiten bemühen – oder neue aufstellen wie: „Misstrauen ist der beste Anlageberater “ oder „Die Unseriosität der Rendite steigt oft mit dem Prozentsatz“. Man kann es natürlich auch lassen. Die Moral der Geschicht steht ja für sich.
    Schönes Thema übrigens! Ich hätte es verstanden, wenn Sie an den letzten überaus erfolgreichen Beitrag (gemessen an der Anzahl der Kommentare) angeknüpft und sich Problemen wie der Spaltung der Gesellschaft durch Ikea und H&M angenommen hätten. Ich bin erfreut, dass Sie es nicht getan haben.

  4. So zeigt sich, wie relativ...
    So zeigt sich, wie relativ Armut doch meist definiert wird.
    Andererseits würde ich vermuten, dass auch Verluste einer höheren Summe allenfalls den weiteren Vermögenszuwachs der Bewohner dieses Viertels schmälert, keinesfalls sie jedoch in Armut stürzen wird.
    Vielleicht muss auch einfach jede Generation einmal ihr Lehrgeld für zuviel Gier zahlen?

  5. Nicht würde geschehen, ein...
    Nicht würde geschehen, ein paar bps über nennt man einen vernünftigen Kaufmann.

  6. Inzwischen ist die Geschichte...
    Inzwischen ist die Geschichte ein Stück weiter – und der ehemalige Bankbeamte bewirbt nunmehr besonders sichere (und jedenfalls überdies provisionsstarke) Produkte mit einem Zinsssatz von 6 Prozent, einfach weil ihm die Marketing- und PR-Experten (nach Durchführung teurer Marktstudien) erklärt haben, dass man auf diese Weise am ehesten alte, vermögende und misstrauische Kundschaft vom Geld trennen kann. Hohe Zinssätze erzeugen Misstrauen. Also wird die Kundschaft mit niedrigen bzw. „nachvollziehbaren“ Zinsen geködert. Oder aber, die Leitung der Deutschen Bank (rein theoretisches Beispiel!) lässt ausnahmslos alle Kunden ihrer Außenhandelsabteilung abtelefonieren, mehrfach, drängend, widerwärtig, um diese in komplett absurde (aber wiederum bewundernswert provisionsstarke) Produkte hinein zu drängen. Hier hilft es nicht, jedenfalls der betreffenden Firma, die eigenen Armut heraus zu kehren, einfach, weil der lieben Bank alle Daten bekannt sind und diese eben sehr dafür sprechen, aus Bankensicht, dass man sich doch bitteschön von seinem Geld trennen möge.
    .
    Mein leider nur ungefähres Erinnerungsvermögen meint, dass wir in unserem Fall so vorgegangen sind: Wir schrieben dieser Bank einen hässlichen Brief, in dem wir absolute und durch nichts verhandelbare Ruhe vor diesen aussätzigen und provisionsgeilen Verkäufergestalten verlangten und kündigten vorab schon einmal sämtliche Geschäftskonten.
    .
    Dann hatten wir umgehend Ruhe, eine lang anhaltende und höchst erfreuliche Ruhe – und nach herzlichen und sehr stilsicheren Entschuldigungen weiterhin eine erfreuliche (leider: nur wenig provisionskräftige) Geschäftsbeziehung zu ebendieser Bank.
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    Ich denke, Armut hilft. Falls Armut aus welchen Gründen auch immer nicht hilfreich sein sollte, dann hilft der Verzicht auf alle Finanzprodukte, die hervorragende Provisionen versprechen – oder auch im Ansatz nur den leisesten Pestgeruch möglicher Provisionseinnahmen inne haben.
    .
    Ein anderes schönes Thema, neben 25 Prozent Zinsen und hohen Provisionen, ermöglicht der hübsche Begriff „kickback“. Sehr modern! Auch bei Vertretern der besseren bzw. die Gesellschaft stützenden Kreisen. Das Wort, ich halte das für einen großen Vorzug, spricht sich in seiner hektischen. leicht verlegenen und beinahe militärisch knackenden Lautmalerei ganz genau so, wie es sich seinem Inhalt nach tatsächlich anfühlt – und wäre insofern beispielsweise mit der Handbewegung eines Kanzlerkandidaten zu vergleichen, wenn er zuvor nach seinen Empfindungen für Herrn Kurnaz befragt wurde, bzw. mit den leicht hektischen Augenbewegungen einer Kanzlerkandidaten beim Begriff „Gorleben“.

  7. Ach, das waren noch herrliche...
    Ach, das waren noch herrliche Zeiten!
    Mega Petrol, Neue Heimat !
    Kaum jemand erinnert sich noch daran !!!

  8. Mit anderen Worten, das gab es...
    Mit anderen Worten, das gab es alles auch schon in der guten alten Zeit.
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    Das beruhigt mich. Oder würden Sie gerne in einer Menschheit leben, in der derartige Geschichten sich nicht regelmäßig wiederholen?

  9. Diese Woche war irgendwann...
    Diese Woche war irgendwann eine halbseitige Anzeige im Wirtschaftsteil der FAZ, die 28% Rendite versprach. Dubai oder so was. Keine so windigen Geschäfte wie in der bayerischen Provinz, das ist was wirklich Handfestes; kann ich all denen empfehlen, die nicht so arm sind wie ich. Falls Interesse besteht, fische ich’s noch mal aus dem Altpapier und liefere den geneigten Investoren genauere Informationen.

  10. Da die Langeweile scheinbar...
    Da die Langeweile scheinbar nur durch mehr Langeweile abgelöst werden kann erfreut sich manch „gutgläubiger“ Illusionist Renditeversprechen jenseits von Allem – es verspricht einfach Kurzweil. So wie in der Spielbank das Glück meist mit Fortune verwechselt wird, verwechselt im echten Leben der Investor Geld mit Sicherheit. Wenn allerdings die Immobilie, ohne Rendite und ohne Verlust, sich den wahren und kreativen Zerstörern zum Vergleich stellt – wählen wir dann nicht lieber die Massenvernichtungswaffen (CDSs, W. Buffett) die uns jenseits jeglicher lächerlicher 25% Renditen wie Ackermann & Konsorten sie ausgelobt haben, uns ins Nirwana jeglicher Illusion transportieren? Da hilft auch das Häuschen zu Hause nichts mehr. Bomber Harris, übernehmen sie.

  11. Ich vermisse einen Lehrgang...
    Ich vermisse einen Lehrgang zum Thema „spar dich arm“ ;-) Einige Lektionen zum Thema wurden ja schon hier und da erteilt, beispielsweise im Bericht über den Weg des Münchners nach Tegernsee enthalten. Sowas liest man doch mit Vergnügen.

  12. Lieber Don,
    im vorletzten Blog...

    Lieber Don,
    im vorletzten Blog haben Sie offenbart, daß „Stützen der Gesellschaft“ auf Ibsen und Groz verweist.
    Müssten Sie sich da nicht lieber „Don Samson“ nennen?
    Träumen ist ja nicht verboten.

  13. Eine sehr lustige Geschichte,...
    Eine sehr lustige Geschichte, von der ich bisher gar nicht wusste – dabei las ich damals sogar noch den Sp**gel. Mich erinnert sie an die von diesen Karlsruhern mit ihren nicht existierenden Tunnelbohrern. Erstaunlich, dass so etwas funktioniert (in meiner Umgebung kamen bisher höchstens die sog. „Herzkreise“ mit Verlusten von 500.- EUR vor.) Was ich mich frage: Wie funktioniert das psychologisch? Nicht bei den Anlegern, das kann ich mir schon vorstellen; aber auf der anderen Seite? „Ach, ich baue jetzt mal ein gigantisches Schneeballsystem auf, und was in fünf Jahren ist, interessiert mich nicht“? Oder wie?

  14. nnier, das geht so, dass man...
    nnier, das geht so, dass man ein paar Lockvögel füttert, über die erst alle lachen, und dann, wenn sie sehen, dass sie scheinbar unrecht hatten, ziehen sie nach. Ganz ekelhafte Mischung aus Trickbetrug und Freundschaftsmissbrauch. Mitunter glauben sie auch, dass sie einfach klüger sind. Und ein gewisser Typ Investor braucht das Risiko, siehe Merkle.
    .
    HansMeier555, ich bleibe bei dem Vorbild Cosi fan tutte. Es soll ja amüsant bleiben.

  15. wortschubse, Armut ist gar...
    wortschubse, Armut ist gar nicht so schlimm, wenn man sie mit Demut erträgt. Im Ernst, ich könnte nicht, wie meine Bekannte Iris, einfach mal sagen: So, die nächsten 2 Monate bin ich in der Nähe von Venedig, aber da fliege ich und miete ein ordentliches Auto. Man muss eben seine Grenzen kennen.
    .
    DoktorBenway, manche sachen sind durchaus risikofrei und gar nicht dumm, aber sogald jemand mit mehr als 7% kommt, muss er auch sagen, wo der Haken ist.

  16. Wenn wir schon so schön aum...
    Wenn wir schon so schön aum Aufzählen der Skandale von damals sind: Horst-Dieter Esch und die SMH-Bank. Letztere ist übrigens bei der UBS gelandet. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.
    Aber mich wundert auch, daß die Schneeballsysteme immer wieder funktionieren und gerade bei denen, die es nicht nötig haben. Meine immer wieder vorgetragene Empfehlung, auch für die Psychologie der „anderen Seite“, nnier, ist Emile Zola, „Das Geld“. Da steht alles drin. Wie es funktioniert und warum es scheitert.
    .
    Weil es gerade so schön paßt und auch gerade läuft: der Postbote brachte heute die Mayr-CD („David in spelunca Engaddi“). Sehr freundlich, sehr angenehm. Und ausweislich des Booklets nimmt die regionale Wirtschaft regen Anteil. Hoffentlich seriös finanziert.

  17. Finanziell am klüsten ist...
    Finanziell am klüsten ist natürlich mitzumachen und dann rechtzeitig auszusteigen. Oder man ist Anwalt und hat so Leute als Klienten.
    In den 1990ern wurde ganz Osteuropa periodisch von mehreren derartigen Spekulationswellen überrollt.
    Am krassesten natürlich in Russland:
    http://en.wikipedia.org/wiki/MMM_(Ponzi_scheme)

  18. Wie "das" geht? Wenn man einen...
    Wie „das“ geht? Wenn man einen Hochstapler aus grosser Nähe studiert, begreift man vor allem, dass man es mit einem Mechanismus zu tun hat. Eine angemessene Parallele wäre der Turing-Test – also die Konstellation, dass ein Computerbenutzer unbeschwert mit einem Chatbot plauscht.

  19. In die Runde gedacht - Ist es...
    In die Runde gedacht – Ist es nur eine Einbildung, oder las ich unlängst tatsächlich, dass die Deutschen (auch solche ohne Dr. med. dent.) die beliebtesten Opfer von Anlagebetrügern im internationalen Vergleich sind (weniger vielleicht an Gesamtmasse des Schadens aber gemessen an der Zahl der Fälle). — Und Stichwort „Schneeballsystem“: Bernie Madoff soll einen „Schaden“ von etwa 65 Milliarden Dollar herbeigeführt haben. In einer Zeit von etwas mehr als 30 Jahren. Bei einer jährlichen „garantierten“ Ausschüttung von 10 % (=Geschäftsmodell). Da frage ich mich: Die früheren Anleger müssen doch eine fantastische Rendite ausgezahlt bekommen haben im Laufe der Jahrzehnte (oder wurde „thesauriert“?) – deren „Schaden“ war das System sicherlich nicht (selbst bei Totalverlust ihrer Einlage). Einen wirtschaftlichen Schaden dürften die späteren Anleger haben – und diese Gruppe stellt bei Schneeballsystemen bekanntlich die Mehrheit.

  20. Die Ruhe im kleinen, dummen...
    Die Ruhe im kleinen, dummen Dorf ist trügerisch, denn zu viele liebe, aber einfältige Onkel haben ihnen anvertrautes Vermögen statt in mündelsichere Papiere in denen der Brother Lehmann und Co verbraten. Wenn die süßen Kleinen von heute einmal groß geworden sind, wird es unvermeidlich sein, dass sie das herausfinden. Dann werden sie die lieben, aber einfältigen Onkel gnadenlos enterben, die dann ihren Lebensabend in den einfachsten Altenheimen der Arbeiterwohlfahrt verbringen müssen – statt in dritten Lebensabschnitt erfüllenden Seniorenstiften.

  21. Lisbeth Heuse, deshalb sollte...
    Lisbeth Heuse, deshalb sollte der Onkel ja noch zu Lebzeiten schauen, dass er das Geld selbst durchbringt. Es gibt da etwa am tegernsee erstklassige Adressen mit Limousinenservice zum Konditor und zur Staatsoper nach München.
    .
    jean-jacques, in der Fachsprache nennt man das „stupid German money“. Mitunter kommen extreme Gewinne dabei heraus, wie bei manchen Filmfonds, aber meistens… Was Madoff angeht: Bis zu einer gewissen Grenze sind die „Ausschüttungen“ wieder rückzahlbar. da laufen gerade die Prozesse.

  22. Ein Grund ist natürlich der...
    Ein Grund ist natürlich der Zwang von uns Deutschen, einander permanent überholen und übertrumpfen zu müssen.
    .
    Was ja auch manchmal in den Leserkommentaren zum Ausdruck kommt.
    .
    Es geht nicht ums Geld, sondern ums Gefühl, es wieder einmal ein bisschen geschickter angestellt zu haben als der Rest.

  23. Wer keine Zeit hat sich um...
    Wer keine Zeit hat sich um sein eigenes Geld zu kümmern,es anderen überlässt,
    die es verspielen-der braucht sein Geld nicht.
    Sich mit Geld,Geld zu verdienen ist sowas von doof-das spielt man zu hause
    mit dem Roulettespiel aus Plastik-aber in echt sollte man grob wissen wem es dient.

  24. Savall, die lokale Wirtschaft...
    Savall, die lokale Wirtschaft hat nicht so arg viel Alternativen zur Finanzierung, insofern wird es passen. Und wer als Historiker an die Lernfähigkeit des Menschen glaubt, hat den falschen Beruf.
    .
    Alter Bolschewik, südamerikanische Staatsanleihen sollen ähnlich feine Renditen bringen. Alles eine Frage des Mutes, und manche brauchen einfach den Kitzel. Wie Glücksspiel, nur unseriöser.

  25. ...und der Rest entschädigt...
    …und der Rest entschädigt sich durch Schadenfreude… (der 911er am Baum).
    .
    So bleiben letztlich alle gleich arm und glücklich im Geiste.

  26. Don,
    was haben Sie gegen...

    Don,
    was haben Sie gegen Glückspiel? So ein Casino könnte doch immerhin Gelegenheit geben, sich mal wieder stilvoll zu kleiden. Und vor allem: Stoischen Gleichmut zu demonstrieren. Risikobereitschaft in Kombination mit distinguierten Umgangsformen.
    .
    Ich weiß, ich weiß: In Wirklichkeit sitzen dort keine gentlemen, sondern bodenständige süddeutsche Handwerksmeister (die vielgesuchten Dorf-Schreiner), die freitagabends vor der Steuerfahndung dorthin fliehen, die Hunnis in der Innentasche ihres durchgeschwitzen Holzfällerhemds…

  27. Lieber Herrn Don Alphonso,...
    Lieber Herrn Don Alphonso, wollen sie mich am Tegernsee verführen? Ich meine mit Limousinenservice zur Konditorei? Mit der Staatsoper in München würden Sie das nicht hinkriegen, die wurde mir letztes Jahr schon angehängt, aber sie ist ihr Geld (und ihren Ruf) nicht wert.

  28. Alter Bolschewik

    Danke, kein...
    Alter Bolschewik
    Danke, kein Interesse, in Deutschland werden in drei Jahren ähnliche Zinsen auf Tagesgeld gezahlt werden.
    Problem dabei: Das Geld wird dann kaum noch was wert sein.

  29. @ jean-jacques: Die Antwort...
    @ jean-jacques: Die Antwort auf Ihre Frage ist einfach. Madoff suchte sich nur Superreiche aus, die ihr Kapital nie zurück verlangten, sondern mit 10% Rendite zufrieden waren. Dennoch gibt er heute zu, dass er selbst überrascht war, wie lange das funktionierte.

  30. mit einem zitronengelben 911er...
    mit einem zitronengelben 911er wollte ich in meinen kinderträumen immer zu einer eigenen hochzeit fahren!
    .
    psychologie spielt bei den initiatoren von schneeballsystemen natürlich eine rolle, aber das wird gerne überschätzt. sagen wir es so: wenn man es in einem unternehmen einmal als okaye prozedur zugelassen und etabliert hat (wie bei lehman) und die kunden begeistert mitmachen, wer von uns würde da anders gehandelt haben? nur das, und das ist ja schlimm genug, ist der psychologische aspekt. alles andere ist mathematik, und eine zeitlang funktionierte es ja auch.
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    ich habe heute auf bbc gehört, dass man bei (ehemals) lehman in london ein jahr später immer noch dabei ist, auseinander zu rechnen, wer jetzt eigentlich wem geld schuldet und wieviel. es war – und ist – bei derivaten einfach zu kompliziert. der menschliche geist funktioniert so: ist was zu kompliziert, greifen andere kriterien zum mitmachen, und das läuft dann halt über den herdentrieb in verbindung mit der abgabe von eigenverantwortung („mein chef sagt, wir machen das so – wird also schon stimmen“). knapp formuliert: es geht so wie faschismus, eigentlich sogar haargenau so.
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    hansmeier55, ich hörte unlängst, dass in ägypten regierungskritische blogs nur deswegen toleriert werden, weil die administration inzwischen erkannt hat, dass blogger im internet wunderbar dampf ablassen können, um am nächsten tag wieder brav und systemkonform zur arbeit zu gehen. so ist das in ägypten.

  31. oh, lieber Don, ja, da haben...
    oh, lieber Don, ja, da haben Sie nun zu 100 % recht. Und weil Sie Südamerika erwähnten. Nun, Sie können ja mal die IP-Nummer dieses posts studieren. Armut? Tatsächlich ist es möglich, „gut“ zu leben mit wenig Geld. Spaß am Leben hängt nicht vom Füllungsgrad der Brieftasche ab. Fragen Sie in Brasilien nach. Samba Samba die ganze Nacht ;-)

  32. als erster am see zu sein...
    als erster am see zu sein …
    dafür lohnt doch wohl alles.
    [arm zu sein, die wohnung am tegernsee]
    .
    wieviel entspannt-angenehmer allein photo 1 (ähnlich 2 & 4) im vergleich zum 3. photo.

  33. Gottseidank habe ich mich in...
    Gottseidank habe ich mich in bestimmten Phasen einfach dumm gestellt, die Türklingel überhört und so die Finanzgeier draußen gehalten. Hinterher sind alle schlauer, ich aber nicht ärmer geworden, hihihi
    HM555
    bitte nur mit Kravatte ins Casino, so viel Zeit muss sein und notfalls zum beschriebenen Hemd

  34. itha, mein heutiger...
    itha, mein heutiger „Schlussfolgerungspreis“ geht an Dich !
    .
    „…ich hörte unlängst, dass in ägypten regierungskritische blogs nur deswegen toleriert werden, weil die administration inzwischen erkannt hat, dass blogger im internet wunderbar dampf ablassen können, um am nächsten tag wieder brav und systemkonform zur arbeit zu gehen. so ist das in ägypten…“
    .
    Genial ! …und mehr als zutreffend.

  35. @dunnhaupt: Und das schönste...
    @dunnhaupt: Und das schönste ist, dass Bernie M. seine besten Kunden samt und sonders im „Country Club“ köderte – eine feste Burg, in die er als (so called) „Itzig“ von den WASP’s (white anglosaxon protestants) vermutlich nur wegen seiner schon damals gold-gepuderten Nase hinein gelassen worden sein dürfte. Und wenn Madoff sich wundert… so lange es läuft und alle (reichlich) Geld sehen – wer will da schon den Spielverderber geben?
    @Don Alphonso:“stupid german money“ – that’s exactly, what I’ve been looking for! Danke. I.Ü. schließe ich mich
    @Swina an: Foto No. 3 reicht vollkommen aus, dass sich der Schrecken des West-Viertels auf ewig ins Gedächtnis brennt. „Und WIE NETT alle zu einander waren damals! Ganz REIZENDE Leute, meine Liebe, ganz reizend …“

  36. Fast so schoen wie die...
    Fast so schoen wie die Geschichte vom auf dem Tennisplatz einer kleinen, dummen Stadt eingefaedelten Schneeballsystem waere ein Expose (meinetwegen auch fuer den NDR) ueber die Erfahrungen einer sich ob ihrer wirtschaftlichen Kompetenz ruehmenden Landesregierung (in den Farben der Saison) im bevoelkerungsreichsten Bundesland einer Wirtschaftsmacht aus erlauchtem Kreis mit Briefkastenfirmen bei der in grossem Stil angelegten Privatisierung von Landeswohnungen.
    http://nachrichten.rp-online.de/article/politik/Wer-kaufte-die-LEG-wirklich/43250

  37. Schöne Naturbilder. Sieht so...
    Schöne Naturbilder. Sieht so preussisch aus, so brandenburgisch. Ist bestimmt Reichenwalde, so arm wie das aussieht. Wenigstens gibts Bentzien. Leere Natur, die Leute hausen in den Wäldern, wie man sieht. Keine Strassenlampen, keine Fenster zur Strasse: ganz einfach arm. Wie die arme Wilhelmine in Bayreuth,die mit 35 Jahren begann, die Erlebnisse ihrer traumatischen Kindheit niederzuschreiben,wobei sie ausdrücklich betonte, dass dies keinesfalls veröffentlicht werden sollte. Das Blog war noch nicht erfunden, 1744, die Stützen der Gesellschaft waren tres desolée,nichtsdestotrotz. Die Ureinwohner der armen Gegend warten auf Missionare, von den Jesuiten,oder von der SPD. Für 25 % würde die alles tun.

  38. "stupid german money"
    Jep, 12...

    „stupid german money“
    Jep, 12 Millionen Riester-Sparer können nicht irren…

  39. Ja wirklich sehr interessant...
    Ja wirklich sehr interessant und aufschlußreich und so schmissig geschrieben und so…
    Doch helfen Ex-post-Analysen auch weiter wenn man vor der nächsten Investitionsentscheidung steht. Vermutlich genausoviel, wie die aus den historischen Wertsteigerungsraten abgeleiteten Prognosen der künftigen Ertragskraft.
    Danke Bitte

  40. Wie das geht? Es gibt da einen...
    Wie das geht? Es gibt da einen ehemaligen Boxpromoter, der nebenbei mal den Vater einer Tennisspielerin erpresste und dessen Bruder war der Bezirkschef einer Investment Abteilung eines großen deutschen Versicherers in einer Finanzstarken deutschen Region. Der Bruder selbstverständlich mit Ferrari und allen in Verlockung geführten potentiellen Teilnehmern am Schnellballsystem wurden leuchtende Beispiel vor Augen geführt, die es dort schon geschafft hatten. Jubelseminare, Wochenenden auf Kosten des Unternehmens. Und so weiter und so fort. Das geht im Großen wie im Kleine nach dem gleichen Prinzip. In Leipzig stehen seit Jahren welche vor Gericht, die tausende Arbeitslose mit Nebenjobs geködert hatten und ihnen in ähnlicher Weise, nur ein paar Nummern kleiner, vorgaukelten, das nun endlich auch für sie die Chance gekommen sei.

  41. Meine Oma, ich will ja...
    Meine Oma, ich will ja niemanden beraten, sondern einfach nur eine kleine Geschichte erzählen. Den Rest überlasse ich anderen.
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    anderl, im Osten, wo man die Foffnungslosigkeit der Leute ausbeutet, ist die Lage nochmals anders als im Westen, wo man gezielt Hoffmungen auf noch mehr weckt. Die Investitionssummen in diesem Fall waren alles andere als klein, die Ansprechpartner waren weitgehend bestens eingesäumt.

  42. @ Don
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    25 % Rendite auf den...

    @ Don
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    25 % Rendite auf den Eigenkapitalanteil und das ganze 20 jahre gesetzlich garantiert?
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    Ich sehe da kein Problem – geht jedoch nur bei Leutchen mit grösseren, mehrparteien-vermieteten Immobilien (Stadtpaläste müssten passig sein) und entsprechendem EK das man vorab anfassen kann.
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    Ich nenne es Trittin-Rente, andere sagen KWK-Gesetz dazu. man installiere ein kleines Kraft-Wärme-Kopplungs-Kraftwerkchen im Keller, feuere mit Gas (Gruss nach Russland), gebe sowohl Wärme und Strom andie die eigenen Mieter ab, kassiere zusätzlich für die Einspeisung (an die eigenen Mieter!!!) von den regionalen Stromversorgern und kassiere zusätzlich bei der Installation Förderung.
    .
    Summarisch kommt man ungefähr – staatlich garantiert auf 20 Jahre – auf eine Rendite auf den EK-Anteil (denn man kauft den Rotz ja nicht per Bar auf Tatze sondern teilfinanziert, man wäre ja blöde wenn nicht) von ca. 25 %.
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    In der eigenen Immobilie. An die eigenen Mietlinge. 20 Jahre. Per Gesetz.
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    Geht aber nur wenn man die Immo hat und die Mieter. Dann ist das allerdings die beste Rendite die ich derzeit kenne. D.h. : Immobilien rocken, heute mehr denn je, und wer stattdessen in Aktie oder Zertifikate macht hat hat mein Mitleid.
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    Lllllllladies and gents (drum roll aus dem Off) : so geht Umverteilung!

  43. Alvar Hanso, jeder muss...
    Alvar Hanso, jeder muss wissen, was er tut. Ich dage jetzt mal nichts dazu.
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    staph.aureus, es ist die beste aller möglichen Welten, und ich würde lügen, wenn ch behauptete, dass meine Kindheit nicht frei aller materiellen Nöte gewesen wäre. Und das ist schon mal eine Menge. Wie so ein Viertel funktioniert, versteht man nicht, man lebt es einfach. Weil man es nicht anders kennt. Aber es war absolut nicht schlecht.

  44. jean-Jacques, auch hier: Das...
    jean-Jacques, auch hier: Das einzige echte Ärgernis war ein aggresiver Dackel und ein verhaltensgestörter Sohn, der irgendwann in ein Internat gesteckt wurde. Niemand fand das schlimm. Es war so.
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    XOT, feine Geschichte! Da hat sich jemand an der Neuen Heimat ein Beispiel genommen! Aber mei, Kölner Klüngel ist eben noch effektivrer als die allein selig machende Staatspartei Bayerns.

  45. Auch Bauherrenmodelle und...
    Auch Bauherrenmodelle und Lebensversicherungsdrücker haben zu Unangenehmem in Familien und Freundschaften geführt.
    Bin nicht sicher, dass german money soo viel dööver als anderes ist, aber meiner Erfahrung nach sind gewisse Dt. Mittelständler im internationalen Vergleich recht unbedarft und offen. Eben treudoof deutsch.

  46. Lieber Don,

    ein interessanter...
    Lieber Don,
    ein interessanter Artikel mit schönen Bildern, die den Duft der Fliederbüsche und der Mitgliederinnen im Tennsiclub aus meiner Kindheit wieder aufleben lassen..
    @Meine Oma: Eine ex-post-Analyse hilft natürlich nicht bei einer Anlageentscheidung, allerdings die Überlegung, dass Rendite immer (ja, wirklich immer) im Spannungsfeld zum Risiko steht schon. Wenn man das beherzigt, kann einem eigentlich nicht viel passieren (bei der Geldanlage).
    Aber wenn die Gier das Gehirn frisst, hat man eben schon verloren, dann wird man diese Überlegung mangels (Gehirn-)Masse nicht mehr anstellen können….
    Gruß

  47. Guten Tag, werter Don,

    vor...
    Guten Tag, werter Don,
    vor knapp einem Jahrzehnt wurde ich auf einer Messe in Hamburg von einem sehr gepflegt gekleideten und auftretendem Paar angesprochen, ob ich nicht für die Deutsche Bank in leitender Funktion ein Vermögen verdienen wolle. Vermögen verdienen wollte ich damals schon udn Deutsche abnk hörte sich doch sehr seriös an. Also nahm ich die Einladung an. Doh die Adresse stimmte nicht ganz mit der Hauptzentrale der Bank in Hamburg Zentrum überein. Und auch der Name war irgendwie anders „DWS“. Was sollte das schon sein? Und trotzdem… Also in dem sehr modernen Bürogebäude auf dessen Klingelschildertafle ersts erh wenige Namen in Handschrift prangten residierte die DWS in einer modern eingerichteten Büroetage. Ein kleiner Konferenzraum, ein Notebook, ein Beamer. Das Paar vond er Messe und ein Anfangzwanzigjähriger Gebrauchtwagenverkäufertyp. Große Worte, große Zahlen fielen. Grafiken flimmerten via Powerpoint über die weisse Wand. Einer Fängt an, mehere arbeiten für den den. Die werben wieder andere, die für die arbeiten, die für den einen arbeiten. Wenn ich denn nun gleich zusagen würde wäre ich eine, die für den einen arbeitet und dann ganz weit oben in der Anfangsgrafik. 100.000 D-Mark Anfangsgehalt, wenn ich denn innerhalb der nächsten sehr wenigen Wochen midnestens 6-12 Menschen zur Mitarbeit zwingen könne. Und dann gäbe da noch den einen Herren,dessen Name nicht geannte werden durfte, der schon innerhalb des ersten Jahres mehr als eine halbe Million verdient hätte und nun nur noch zur Kontrolle ins Büro fährt, mit einem schwarzen Porsche mit zitronenfarbenen Sitzen… Deutsche Bank? Hallo? Schneeballsystem in Reinkultur? Deutsche Bank….????
    Irgendiwe sagte mir mein Bauchgefühl: Huuuccchhh, vorsicht, das ist nicht so ganz stimmig. Gottseidank ging dieser Schirlingsbecher an mir vorbei.
    In den Neunzigern war das Anwerben von Jungakademikern im vollen Gange. Nochmals war ich vord em besagten DWS Termin eingeladen worden von einem adeligen Bekannten der Familie zu einem Termin nach Blankenese, in eine Galerie. Zu einem Vortrag. Mit vielen interessanten Leuten. Mit einem Gästebuch, in dem sich die von- Titelträger mit DR.meds und Adressen in Blankenese, Falkenstein udn anderen guten Vierteln in Hamburg abwechselten. Gott, wie spannend. Ein Flipchartboard, ein Staubsaugervertreter mit hessischem Akzent, der für ein Schneeballsystem warb…. Gääähhhnnn, ich murrte stand auf und wurde bösestens vom Auditorium angestarrt. Ich murmelte nur Betrug und ward nie wieder eingeladen.
    Beste Grüße aus der Selbständigkeit ausserhalb eines Systems
    P S-L

  48. Die Gier, bzw. der Traum vom...
    Die Gier, bzw. der Traum vom leicht verdienten Geld ist keine Erfindung der Nullerjahre. Ich erinnere nur an ein weiteres Kürzel: IOS.
    Grundsätzlich ist bei Investitionen gegen hohe Rendite bei hohem Risiko gar nicht einzuwenden. das 28%-Versprechen wird erst dann zum Problem, wenn es als risikolos verkauft wird. Ohne wagemutige Investoren wäre so manche technische Entwicklung unterblieben und wirtschaftlicher Erfolg nicht möglich gewesen. Eigentlich ist die Bereitschaft von Investoren zu riskanten Investitionen nur zu loben. Allerdings eben immer unter der Voraussetzung, dass das Risiko allen Beteiligten bewusst ist. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Anleger wurden und werden schamlos betrogen, indem Ihnen hochriskante Produkte in so komplizierten Mogelpackungen verkauft werden, dass selbst der Fachmann nicht mehr erkennen kann, was sich eigentlich im Paket befindet.
    Ansonsten kann ich Ihren Eltern, verehrter Don, nur meine Hochachtung aussprechen. Natürlich wussten Sie schon als Kind, dass Ihre Familie nicht „arm“ ist. Auch in Ihrer dummen kleinen Stadt an der Donau gab es dafür reichlich Vergleichsfamilien. Aber es war Ihren Eltern offenbar wichtig, dass Sie als Kinder bodenständig blieben. Mich k*tzen diese Halbwüchsigen an, die wegen des Reichtums ihrer Eltern glauben, was besseres zu sein. Wer mit selbstverdientem Geld rumprotzt tut mir zwar auch Leid, aber es ist wenigstens das Resultat eigener Leistung (hoffentlich). Ererbtes hat man mit Demut und Dankbarkeit zu behandeln. Man hat es bekommen, ohne es verdient zu haben.

  49. Immer dann, wenn ich in meiner...
    Immer dann, wenn ich in meiner Ausbildung zu einem ausgefuchsten Zweigstellenleiter einer einst ehrenwerten Bank lief, um ihn über ein interessantes Anlageangebot zu informieren, hörte er ruhig und scheinbar interessiert zu, um dann aber immer die gleiche Antwort zu geben: Ich zahle Ihnen sogar 30% im Jahr, das meine ich ernst, nur, Sie erhalten am Laufzeitende Ihr eingesetztes Kapital nicht mehr zurück. Das hat mich immun gemacht.
    Eine gute Ausbildung ist unbezahlbar.

  50. Don Nutella, ja, ich weiss,...
    Don Nutella, ja, ich weiss, für die Qoute wäre es prima, wenn man sich an die Aufreger hält, aber das möchte ich wirklich anderen überlassen: Mir geht es mehr um die schönen Gesichten, dass ich über 200 Kommentare herauskitzeln kann, wenn das Thema nur richtig angepackt wird, weiss ich auch so. Im Fall von ikea ist es eine Herzensangelegenheit. Wie hier auch. Weil: So war die Jugend.
    .
    Nils, natürlich veramrt hier keiner, von ganz wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. Aber wie schon erwähnt: Man ist weitgehend zufrieden. Schliesslich gibt es keine Not

  51. Lieber Lebemann,

    aber hallo,...
    Lieber Lebemann,
    aber hallo, danke für diesen tollen Hinweis, das ist ja mal ne Super-Geschichte! Wow! Nicht, dass für mich die Installation einer solchen Anlage irgendwie in Frage käme, aber das Nachdenken drüber ist als kleines Hirnfutter wirklich äusserst amüsant. Und wenn ich es recht bedenke, ist das Investieren in Südamerika weniger gaga als man annehmen sollte. Vielleicht sollte man sich nicht grad mit argentinischen Staatsanleihen erindecken, aber mit Grund und Boden auf der anderen Seite?

  52. itha, ich denke, dass das...
    itha, ich denke, dass das Lehman-Risiko für andere Banken auch heute noch da ist, nur ist der Fluchtreflex der meisten inzwischen – und in meinen Augen unverständlicherweise – gebannt, die Leute haben wieder das nötige Vertrauen, auch wenn es kaum klüger ist, als das Geld auf der Strasse liegen zu lassen, angesichts der Verwerfungen. Liegt aber sicher auch an der Alternativlosigkeit. Sinnvoll wäre es gewesen, die Banken konsequent so zu zerschlagen, dass sie bankrott gehen können, die Einlagen aber garantiert werden können.
    .
    Lisbeth Heuse, ach weh, das Seniorenheim, über das ich schreibe, wird erst im Alter von 70+ richtig spannend, davor ist die Strahlkraft, äh, begrenzt.

  53. In Anlehnung / Zustimmung an...
    In Anlehnung / Zustimmung an den Kommentar von elbsegler:
    Der Umgang mit Geschenktem / Vererbtem bedingt dezentes Verhalten. Geprotze und Gier (Lust auf 25% und mehr, mehr, mehr) sind dumm, widerlich und führen zwangsläufig auf Dauer zum wohlverdienten Verlust.
    Denn nie vergessen, was ein Erbe ab einer bestimmten Grösse bedeutet….Ein Erbe kann für den Begünstigten, so er dem Ganzen denn mit Demut, Ruhe & Erfurcht begegnet, die grösste aller Freiheiten bedeuten. Denn es gibt ihm die Möglichkeit, sich dem System und seinen unschönen Ritualen zu entziehen und den Alltag aus einer gesunden Distanz zu betrachten, ohne hierbei besondere Wesensänderungen an sich vornehmen zu müssen..
    Er kann bleiben wie er ist. Ein Leben lang. Mit Stil, in Ruhe & Frieden.
    .
    Ein Freund vom Don, der bekannte Philosoph Peter Sloterdijk (smile…tschuldige Don der musste sein, s hat sooo in den Fingern gejuckt), schrieb einmal sinngemäss: Hinsichtlich eines menschenwürdigen Daseins, ist der Erbe in unserer, bis zur Unkontrollierbarkeit beschleunigten Gesellschaft, der einzig Privilegierte. Ja, da ist doch was dran, denn viele Anderen müssen ihre Arbeitskollegen für ein Butterbrot verraten, um zu überleben.
    .
    Und selbst in einer sog. „Neidgesellschaft“ macht der Umgang und Ton die Musik. Ein sehr bekannter Sportmediziner aus einer kleinen, dummen Stadt im Taunus, antwortete mal klar und deutlich auf die Frage einer sehr bekannten Frankfurter Zeitung, womit er sich denn seinen Erfolg erkläre: Er denke, dass er neben seiner eigentlichen Forschungstätigkeit sehr viel seinem Erbe zu verdanken habe. Hierauf konnte er aufbauen und zu dem gelangen, was er heute ist. Demut.
    Der Mann ist sehr beliebt in der kleinen, dummen Stadt im Taunus. Neider sind mir nicht bekannt.

  54. @Südamerika
    Im Jahr 2002 war...

    @Südamerika
    Im Jahr 2002 war im Handelsblatt in Bezug auf argentinische Staatsanleigen folgendes zu lesen:
    …. Denkbar sei etwa eine Sammelklage in den USA gegen den argentinischen Staat. „Wichtig ist, dass die Interessen der privaten Investoren gebündelt werden“, sagt der auf Wertpapierrecht spezialisierte Anwalt, dem schon einige Anfragen wegen Argentinien vorliegen. Thomas Bieler von der Verbraucherzentrale NRW sieht das Hauptproblem bei Rechtsansprüchen aus falscher Finanzberatung in der Nachweispflicht des Klägers. Deshalb sei es gut, wenn man bei großen Anlagesummen einen Zeugen mit zum Gespräch bei der Bank nehme, um später eventuelle Versäumnisse in der Beratung beweisen zu können…..
    Ich begreife überhaupt nicht, warum mich das so derart an gewisse Diskussionen Ende letzten Jahres bzw Anfang 2009 erinnert.
    Wohl dem, der rechtzeitig kein Geld hat.
    Auch frage ich mich, ob ich dem Nachwuchs, sowie diversen Nichten und Neffen dereinst nicht besser und beizeiten Hardware hinterlassen sollte. Sprich, Geschenke. Jugendstilgeschmeide zum Beispiel. Auf dass sich die Trägerin erinnere. Wer erinnert sich denn schon an den edlen Spender des schnöden Sümmchens.

  55. Oh, graus! Da schreibt...
    Oh, graus! Da schreibt Don:
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    „Das einzige echte Ärgernis war ein aggresiver Dackel und ein verhaltensgestörter Sohn, der irgendwann in ein Internat gesteckt wurde.“
    .
    Und ich lese:
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    Das einzige echte Ärgernis war ein aggressiver Dackel und ein verhaltensgestörter Sohn, der irgendwann ins Internet gesteckt wurde.

  56. 911 targa zitronengelb mit...
    911 targa zitronengelb mit silber targabügel (m)ein Traum – blöder Baum oder doofes Mädchen!

  57. @miner: Sloterdijk, nee, nicht...
    @miner: Sloterdijk, nee, nicht wirklich, oder? Ich meine, Luhmann wäre angemessen. Eigentlich stelle ich mir aber den Don mit Schopenhauer im Schoß und nachdenklich schweifendem Seeblick vor.
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    Gegen vernünftig verwendetes Erbe hätte ich nie etwas einzuwenden, obwohl ich solches nicht zu erwarten habe. Ich glaube auch nicht, daß es da wirklich Neid gibt. Auch in Deutschland nicht. Wer könnte etwas dagegen haben, was Aby Warburg mit seinem Erbe anstellte? Wobei mich immer noch homerisches Gelächter überkommt, wenn ich daran denke, wie er seinen Brüdern das Linsengericht serviert hat. Andererseits überfällt mich das Grauen, wenn ich daran denke, daß nur diese Chuzpe die Familie vor dem schlimmsten bewahrte. Wirklich wütend machen mich solche Knallchargen wie Friede Springer, Schaeffler, Schickedanz, Klatten, die zu doof und unfähig sind, ihre Milliarden wenigstens noch karitativ zu vernichten. Ich stelle übrigens fest, daß ich nur Damen erwähnte, was keinesfalls sexistisch gemeint ist, sondern nur die aktuellen Fälle beschreibt. (Man kann heutzutage gar nicht vorsichtig genug sein.)
    .
    Eine Petitesse anbei: Als ich heute im hiesigen Bildermuseum war, hab ich im Museumsshop nicht den Annie-Leibowitz-Katalog genommen, sondern ein Buch über Biedermeier-Möbel. Blog wirkt. :-)

  58. Werter Don,
    .
    in der...

    Werter Don,
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    in der Unfähigkeit mancher Besitzenden ihr Vermögen zu erhalten, liegt eine der Gerechtigkeit dieser Welt.
    .
    Gruß Hanskarl

  59. Ein ehemaliges...
    Ein ehemaliges Nachrichtenmagazin aus Hamburg glänzte in jenen Jahren noch durch Recherche und nannte Roß und Reiter. In der Retrospektive ähnelt der Vorgang sehr denen in der heutigen Krise. Man möchte beinahe die Binsenweisheit „Geschichte wiederholt sich als Farce“ zitieren. Aus einem Artikel über die Aufarbeitung obig angeführter (vermeintlicher) Rohstoffexploration durch die Staatsanwaltschaft in der Ausgabe 50/1985 (S.101 ff):
    „Als es nach dem Zusammenbruch des Mega-Systems 1983 um eine Sanierung des Engagements ging, wurde nach einer internen Notiz die Übernahme von Wertpapieren aus Schleichers Besitz im Nominalwert von 9,2 Millionen Mark verhandelt. Die Papiere hatten nur einen Fehler: Sie unterlagen einer ‚Nachversteuerung‘ von sechs Millionen Mark – es war Schwarzgeld.“

  60. Savall, der Peter & der Don...
    Savall, der Peter & der Don sind ganz dicke ! Mensch, da passt keine Wurschthaut dazwischen.
    .
    Nein, Scherz beiseite. War eine hundsgemeine Unterstellung von mir, in Anspielung an zurückliegende „Gedankenaustausche“ in diesem Blog…Ich nehm´s zurück, winsel um Gnade und…..und…und komm gerade aus dem Lachen nicht mehr raus. Sorry, bei meiner nächsten Meldung bin ich wieder ernst & wütend.

  61. Sag ich doch: Am besten bin...
    Sag ich doch: Am besten bin ich, wenn ich mit meinen Erzählungen bei mir bleibe. Gerne mehr!
    .
    .
    Unser Favorit die letzten 24 Stunden, und auch ein Stück von uns, vom Zeitgeist, wie ich finde; da redet auch einer von sich – „und wie“, ergänzt man dankenswerterweise. Zitat:
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    „Denn die Konservativen führen seiner Ansicht nach einen Klassenkampf von oben: Sie zertrümmern Werte, heiligen Kaltschnäuzigkeit und öde Lifestyle-Spießerei.
    Ich bin nicht mit Müsli groß geworden und mit dem Zwang, Anti-Atom-Buttons zu tragen, das gleich vorweg, weil in diesen Tagen politische Bekenntnisse offenbar an persönliche Erzählungen geknüpft sind. Mein Vater war CDU-Bürgermeister. Es wurde viel gebetet bei uns. Wir lasen „gute Literatur“. Wir waren konservativ. …
    .
    Irgendwann wird man erwachsen, gründet eine Familie und lernt. Irgendwann wird man wieder konservativ. Doch auch mein Konservativismus lebte von der Revolte. Er war brauchbar, wenn es um ideologische Barbareien wie den DDR-Kommunismus ging oder um Verblödungen wie den familienfeindlichen Feminismus oder die Pop-Schickeria oder die Deutschland-Neurosen der Linken. Kurz: Er war brauchbar als Systemkritik. Man kann auch den Konservativismus einsetzen, um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Man muss in Bewegung bleiben. …
    .
    Aber ein echter Fleischerhundkonservativer war ich nie. Kissinger zum Beispiel. Ich hielt und halte Kissingers Chile-Politik für verbrecherisch, was ich ihm vor einiger Zeit bei einem Lunch auch gesagt habe. Nun ja, ich habe gesagt: „Das war wirklich nicht nötig, Mr. Secretary.“ Er hört nicht mehr gut und antwortete, dass er außer Pressearbeit nichts für Pinochet getan habe. Ich habe die Sache nicht weitergetrieben, da ich mir nicht sicher war, ob er nicht vielleicht doch Napalm in der Tasche hatte. …
    .
    Ich hielt auch den Irak-Krieg für eine Katastrophe und die Geschäfte der Waffenlobby für eine Schweinerei. Und ja, ich glaube, dass wir uns um eine bessere Welt kümmern müssen, und zwar nicht durch Invasionen, sondern durch fairere Verteilung der Reichtümer und behutsameren Umgang mit der Natur. Natürlich sollten wir ökologisch denken, also grün, aber was denn sonst! …
    .
    „Das Land wirkt wie in Zeitlupe, aber auch wie in einem Thriller“, schreibt Claus Leggewie in seinem neuen Buch. Mit anderen Worten: Wir sind wie unter Wasser, und oben fegt ein Sturm. Wir ahnen, dass der gegenwärtigen Börsenerholung der nächste Crash folgen wird. Wir ahnen, dass wir für den Bail-out der Banken Schulden aufgenommen haben, die wir in Generationen nicht werden tilgen können. Wir wissen bereits jetzt, dass das Klima in den nächsten Jahren mehrere Points of no Return zum Schlechteren passieren wird. Aber wir sind gelähmt wie in einem Erstickungsanfall. …
    .
    Die Abwrackprämie hat die Konsumenten einstweilen bei Laune gehalten. Mich erinnert das an die Wahlkämpfe, die ich in Peru oder Amazonien erlebt habe, wo den Hüttenbewohnern vor dem Urnengang ein Sack Maniok und ein paar Flaschen Milch vor die Tür gestellt wurden, was ökologisch immerhin noch sinnvoller ist als ein Opel Corsa. Doch die großen Umbauthemen finden nicht statt. …
    .
    Der konservativen Intelligenz ist die Welt ein süffisantes Glossenthema. Man sensibilisiert sich allmählich für ihren verkicherten Tonfall. Sie hält sich die Welt auf Armeslänge wie den stinkenden Hering aus Schweden, die „Surströmming“-Konserve, die man besser unter Wasser öffnet, wie uns die „Frankfurter Allgemeine“ unter einem entsprechenden Foto auf einer Titelseite im August erklärt. Die Redaktion empfiehlt Kartoffeln und gehackte Zwiebeln dazu. Dann eine Schmockerei, über die Karl Kraus eine ganze Ausgabe der „Fackel“ bestritten hätte: „Sonstige Spezialitäten mit üblem Nachgeschmack stehen auf Seite 2 (Afghanistan), Seite 3 (HRE), Seite 9 (Opel) und Seite 25 (Doping).“ Üble Spezialitäten? Das ist Politik aus dem bürgerlichen Kochstudio, ein angewidertes Gestocher im Elend der Welt.
    .
    Dem Konservativismus, mit dem ich groß geworden bin, wäre über diese Blasiertheit der Kragen geplatzt. Er hatte mit der Bergpredigt zu tun. Er fand, dass uns das Elend der anderen angeht, dass Eigentum verpflichtet. Er hätte die gigantische Umverteilung der vergangenen zehn Jahre – den Rückgang der Reallöhne um 4 Prozent, die Steigerung der Unternehmensgewinne um 60 Prozent – als Skandal gesehen. Eigentlich muss Gregor Gysi nur diese Zahlen nennen und ansonsten den offiziellen Armutsbericht der Bundesregierung hoch- und runterbeten, und der Konservativismus, den ich kennengelernt habe, hätte ihm grimmig zugestimmt. …
    .
    Die letzte Enzyklika des Papstes, „Caritas in veritate“, drehte sich um nichts anderes als um Gerechtigkeit und Gemeinwohl. Sie beschwört im Übrigen die Gefahr, dass eine Wirtschaft ohne Verantwortungsethik sich selbst zerstören wird. Wir indes erleben, wie der konservative Klassenkampf von oben total geworden ist, ökonomisch genauso wie mental. Er hat Werte zertrümmert, radikaler, als es die Linke je vermocht hätte. Er hat ein kaltschnäuziges System geschaffen, das dem abgehängten Rest der Gesellschaft nach unten zuruft: Strengt euch gefälligst an.“ …
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,648339,00.html
    .
    Siehst Du, wir sind nicht alleine.
    .
    (Nur das mit dem Werthergefühl und dem in-die-Luft-sprengen ist – unreflektiert – nicht mehr überall angebracht – sonst endet man noch „im neuen deutschen Guantanamo auf Helgoland“ (oder wo sonst es sein wird, wie angeblich gut unterrichtete Kreise zu wissen behaupten), „denn wer schon seine Literaturkenntnisse (die am Ende bloß behauteten) so mißbraucht, wäre möglicherweise am Ende noch zu allem fähig“, oder etwa nicht? Man fürchte also mindestens das Schicksal von Frau Heidenreich zu erleiden. Oder fast Waterbording. Vorbeugend. Auf Helgoland.)
    .

  62. @miner: Ich zweifelte...
    @miner: Ich zweifelte tatsächlich vorübergehend an meiner geistigen Gesundheit. Die mag zwar fragil sein, aber es gibt doch Grenzen. Legen Sie im übrigen Ihrer Spottlust künftig keine Zügel an, ich bitte darum.

  63. Und:

    Don schreibt, wenn ich...
    Und:
    Don schreibt, wenn ich recht lese: „Alvar Hanso, jeder muss wissen, was er tut. Ich dagegen tue jetzt mal nichts dazu.“
    .
    Genau. Ganz genau. Quasi nebenbei auf den Punkt gebracht: Auch das ist meinem Gefühl nach Zeitgeist pur: Viele von uns haben sich im Moment wohl dafür entschieden jetzt und für eine Zeit lang „mal nichts dazu zu tun.“
    .
    Und das ja auch vollkommen durch die Verfassung unseres Staates usw. gedeckt. Nur das Teilen des Staates darob scheinbar „der A… auf Grundeis geht“. Denn woher sollen die Mittel kommen, die benötigt werden (z.B. um zukünftigen Pensionsansprüchen gerecht zu werden), wenn das alle machen (wollen/wollten)? Zumal die Leistungsträger, resp. die, die das sein könnten?
    .
    Also schauen wir mal. Oder anders: Freiheit ist die Verantwortung, die ich lebe.

  64. @perfekt!57: Ich geriere mich...
    @perfekt!57: Ich geriere mich mal als Ferienvertretung. Also sprach Don Alphonso:
    „Ich halte mir den Spiegel nicht, möchte aber bemerken, dass es in meinen Augen nicht gerade zu den ruhmreichen Momenten gehört, von diesem Herrn gelesen zu werden, dessen Kulturbegriff ungefähr dort endet, wo die Rossbratwurst auf dem Gredinger Trachtenmarkt gerade widerwillig ob des niedrigen Niveaus anfängt. War das nicht derjenige mit diesem Drall zum Nationalen?“

  65. Ein targa als Erbe das wär...
    Ein targa als Erbe das wär natürlich schöner als die schnöde Summe in Geld!

  66. Schade, daß unsere Literaten...
    Schade, daß unsere Literaten sich vor Jahrzehnten abgewöhnt haben, über diese Dinge zu schreiben.
    Wenn sie die Klassengesellschaft dargestellt haben, dann allensfalls aus der Perspektive der Verlierer.
    Die Geschichte vom Spekulationsbetrug selber ist ja banal, interessant wäre aber die Milieuschilderung, das Gebaren und die Motive der jeweils beteiligten.
    Schade, daß es heute in Deutschland keinen Thomas Mann, keinen Zola oder Balzac gibt, der dazu überhaupt fähig wäre.

  67. @!perfekt'57
    Lieber Perfekt,...

    @!perfekt’57
    Lieber Perfekt,
    Ihre Apologie des „wahren Konservativismus“ liest sich für mich wie die abgestandenen Apologien des „wahren Sozialismus“ mit umgekehrtem Vorzeichen.
    Der „wahre Sozialismus“ hat natürlich ein „menschliches Gesicht“, wollte immer nur das Beste, genauso wie der „wahre Marxismus“ oder das „wahre Christentum“.
    Die Frage ist doch: Welche Konsequenzen werden Sie nun daraus ziehen, daß sich die real existierenden konservativen Eliten nicht so verhalten wie es naive, gutgläubige „wahrhaft konservative“ Omas all die Jahrzehnte über gewünscht hätten?

  68. "Mit entsprechendem Profit...
    „Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn, 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, dass es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“
    Thomas Dunning

  69. Man kann es auch so schreiben:...
    Man kann es auch so schreiben: für jede Gier die richtige Peitsche. Und auch die Presse diskreditiert sich zusehends durch die ständigen Veröffentlichungen dieser ad-hoc-Mitteilungen: Heute brauchen wir Kohle und morgen schon können wir Staatsbürgschaften zurückgeben. Wieviel Müll muß man noch lesen.

  70. @Usedomer
    Die Frage ist, ob...

    @Usedomer
    Die Frage ist, ob man das Wort „Kapital“ in diesem Fall auch durch „Investor aus bürgerlichem Haus, Mitglied im Tennisclub der dummen Stadt“ ersetzen kann. Was Marx hier als abstraktes Prinzip formuliert, schlägt sich im konkreten Fall ja auch immer in einer konkreten Lebensgeschichte nieder. Wer sind die Leute, die das machen, wie sehen sie aus und trifft man sie auch im Konzert in der dummen Stadt, an der Schlange vor dem Sektbuffet und kaufen sie bei Ikea?

  71. @perfekt!57
    Und außerdem: In...

    @perfekt!57
    Und außerdem: In der Ruhe liegt die Kraft.

  72. @ Usedomer

    Tja, dann gab es...
    @ Usedomer
    Tja, dann gab es offenkundig seit dem Ausspruch von Thomas Dunning einigen Fortschritt. Inzwischen genügen schon 25% zur Förderung größerer Sauereien.

  73. Kraft durch Ärger....
    Kraft durch Ärger.

  74. @ HansMeier555

    Für die...
    @ HansMeier555
    Für die „Opfer“ gilt auf jeden Fall: Gier schlägt Verstand.

  75. Lieber HansMeier,

    Themen....
    Lieber HansMeier,
    Themen. Wirtschaft und ihre Protagonisten, Aufstieg und Fall, wissen Sie, das hab ich mich auch schon geraume Zeit gefragt. Nun ist das ja nicht das letzte von Literaten vernachlässigte Thema, weitgehend unbeackert bleibt auch das weite Feld der Naturwissenschaften. Aber sei’s drum! Zunächst könnte ich Ihnen die Werke des Kollegen Georg Oswald zur Lektüre empfehlen, der sich doch ab und an mit kleinen dummen Stadtgeschichten beschäftigt. Im übrigen habe ichs auf dem Arbeitsplan als: keine Komödie. Viel wurde ja über einen in entsetzlicher Weise aus dem Leben geschiedenen Unternehmer aus dem deutschen Südwesten gehöhnt, mit dessen „armer Verwandtschaft“ ich einst gemeinsam studierte. Der „arme Verwandte“ war ungefähr so „arm“ wie Don, zeitweise ähnlichen Tonfalls, einer der Gründe, aus dem ich diese(s,n?) blog innigst genieße. Im Gegensatz hierzu fand ich den Ton, in dem über jenen tief verzweifelten Menschen (auch Unternehmer, die irren, sind Menschen, dächte ich) berichtet wurde, nicht nur unangemessen, es zeugte von unglaublicher Gehässigkeit und Menschenverachtung, was da geschrieben wurde.

  76. @HansMeier, oh, falls das so...
    @HansMeier, oh, falls das so rüberkommen sollte: ich wollte mich keinesfalls in eine Reihe mit Mann Zola Balzac stellen, nur dazutun, dass mich das Thema sehr interessiert. Was sind das für Leute? Ikea? Kann gut sein. Der Südwesten ist in dieser Hinsicht anders gestrickt als der Südosten.

  77. die psychologische analyse ist...
    die psychologische analyse ist ein absoluter holzweg in diesem fall. in welcher hinsicht könnte es zielführend sein, die psychologische motivation von anlegern zu ergründen? ich behaupte, das macht nur sinn, wenn man sich selbst dabei exkulpieren will, nach dem denkmuster: „der und der war zu gierig, und der und der hatte kriminelle energie, und deswegen ist das alles so gekommen“. das führt nicht weiter. man kann in diesen dingen getrost von einer so allgemeinen menschlichen veranlagung ausgehen, so, dass die schuldzuweisung an die „gierigen“ nicht exklusiv nur für diese gilt. man muss statt dessen die wirtschaftlichen möglichkeiten für „gier“ einschränken. es ist doch so einfach: machen wir alle staatlich gesponserten glücksspiele illegal. kein derivativer verkauf von schulden mehr. punktum. die hasadeure können ja dann immer noch auf dem schwarztmarkt tätig werden, mit dem dafür üblichen risiko. das betrifft auch die in der allgemeinen wahrnehmung etablierteren institutionen wie die börse. es gehört schlicht verboten. fertig.
    .
    @don: ja, ich habe damals schon gefunden, dass einzig eine gnadenlose inventur sinn gemacht hätte. wenn es mein eigenes unternehmen gewesen wäre, für das ich seinerzeit tätig war, hätte ich das auch so gemacht. statt dessen habe ich mir mit der expliziten kritik an der sesselpupenden shareholderbedienung und augenwischerei die kündigung eingehandelt. es war schizophren, denn ich hatte auf der persönlichen ebene alle zustimmung der GF dafür, nicht aber auf der offiziellen seite, denn auf der wollte oder „musste“ man kuschen. ich mache heute was anderes, woanders. meine meinung (und auch die der GF) wird daher in dem vorherigen unternehmen nur noch inoffiziell vertreten. man wischt halt einfach weiter die augen und wartet ab auf das, was kommt. und das machen alle, auch die derzeitige und mit tödlicher sicherheit bleibende bundesregierung (u. u. dann abzüglich der spd und zuzüglich der fdp). das wird aktuell zum beispiel am opel-deal deutlich. das wird alles scheitern, und der witz ist, dass man keine sozialistin, sondern bloß knallharte betriebswirtschaftlerin sein braucht, um das voherzusehen. man hält sich in der deutschen regierung derzeit nicht einmal an das einfachste kaufmännische handwerk!

  78. Jetzt komm ich nach Hause und...
    Jetzt komm ich nach Hause und sehe, dass hier so ( mangels Hauptdarsteller ) ein bisserl Phantom-Alphonso gespielt wird. Man muss euch ja einfach gerne mögen.
    .
    Kraft durch Aktion. Es gab noch nie eine wichtigere Zeit um zu kämpfen.. Wer Ruhe will, soll Fernseh schauen. Es gibt über 500 Sender, die alle lebenden Toten bis ins endgültige Loch hinein lullen. Wer´s braucht, wer´s will.

  79. Lebemann: Schöner Tipp. Aber...
    Lebemann: Schöner Tipp. Aber leider ein Problem beim Denkmalschutz (und ich bin froh, dass alles läuft)
    .
    icke, es gibt bei den Deutschen halt ziemlich oft sehr extreme Fälle von Dummheit. Das ist nicht die Mehrheit, aber wenn es dann so kracht wie bei den VIP-Filmfonds, wundert man sich schon, wie man darauf eingehen konnte.

  80. Petra Scholl- Laretourné,...
    Petra Scholl- Laretourné, böse, alte Geschichte. Aber dass vertriebler gut bezahlt werden, ist ion solchen Systemen die Regel. Und dass der Profit – im Übrigen trotz inzwischen anderslautender gesetzeslage – immer noch gern verschwiegen wird, zeigt auch, dass sich nicht viel geändert hat.
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    Elbsegler, man mag das witzig finden, aber die Vergleichsfamilien waren nicht dort, wo wir waren. Es ist ein Westviertel, wie es im Buche steht: Im Süden vom Auwald und Fluss begrenzt, im Osten vom Stadtpark, im Westen und Norden von Feldern. Den Rest besorgte die Auswahl des bayerischen Gymnasialsystems. Näher kannte ich nur Leute wie meine Eltern. Insofern glaubte ich das natürlich.

  81. Es geht mir nicht um das...
    Es geht mir nicht um das Kernmotiv, bei so was mitzumachen: „Gier“.
    Mich interessieren die Verhältnisse, in denen so ein Schneeball-System Aussicht auf Erfolg hat. Denn neben der Masse der Betrogenen Gierlinge muß es doch auch ein gutes Dutzend von Personen geben, die selbst mittelbar zu den Betrügern gehören.
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    Angefangen mit dem bayerischen Minister: Wie angelt man sich so jemanden als Werbeagenten? (Tennisklub?!) Und was macht der Minister, sobald er alles durchschaut? Wie erklärt er es seiner Frau und seinen Kindern? Zumal diese ja mit manchen der Betrogenen womöglich befreundet waren.
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    Was bedeutet „Freundschaft“ oder „Verwandtschaft“ in diesem Mileu, was bedeutet es nicht?
    .
    Und wie sind dieso Leute, wenn sie einmal nicht gierig sind? Es heißt oft, in deren Leben gäbe es nichts mehr außer Geld und Geldverdienen. Aber das scheint mir unwahrscheinlich. Letztlich sind das Leute wie alle, und die anderen wurden bloß nicht gefragt.
    .
    Und darum lohnt das alles m.E. schon eine nähere Beschreibung. Die Pyramide als soziologische Aussichtsplattform. Hochklettern und das Panorama betrachten.

  82. wortschubse,
    thaddäus troll,...

    wortschubse,
    thaddäus troll, d´r entaklemmer

  83. itha,
    .
    das wird aktuell zum...

    itha,
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    das wird aktuell zum beispiel am opel-deal deutlich. das wird alles scheitern, und der witz ist, dass man keine sozialistin, sondern bloß knallharte betriebswirtschaftlerin sein braucht, um das voherzusehen. man hält sich in der deutschen regierung derzeit nicht einmal an das einfachste kaufmännische handwerk!
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    das ist absicht,
    in der politik geht es darum, am trog zu bleiben oder dorthin zu kommen.
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    in zwei wochen sind wahlen, also ja nicht den michel aufschrecken, er macht dann womöglich sein kreuz an der falschen stelle, so die strategie von cdu, fdp und spd, und auch die grünen waschen mit gebremstem schaum.
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    für die linke ist klar, dass die verhältnisse, die für sie günstig sind, erst dann kommen, wenn die wirtschaft dieser republik straff nach süden fährt. da dies schon zemlich bald, so etwa ab oktober diesen jahres, der fall sein wird, ist machen lassen die beste strategie für die beiden zu kurz gewachsenen, den rotweinsüffel und den rechtsverdreher, die sich für die list der geschichte halten. hegel jedenfalls hätte sich für die beiden geschämt.
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    richtig ist, dass das schlimm ist. denn, es geschieht wissentlich und willentlich. von verrat zu reden wäre übertrieben, es geht eher um eine kumpanai der herrschenden mit den beherrschten, die illusion so lange aufrechtzuerhalten, wie dies eben geht.
    .
    abhilfe sehe ich derzeit keine und auch meine wahlentscheidung, das grosse kreuz über den ganzen stimmzettel zu machen, änderet nichts daran.

  84. Was mir weiter fehlt ist ein...
    Was mir weiter fehlt ist ein möglicherweise etwas reflektierter, verantwortlicher Umgang mit den Inhalten des Begriffspaares öfffentliches- und privates Eigentum.
    .
    Das es die in den Bildern oben gezeigte private Idylle gibt, wir sie u. u. alle haben, schätzen, kennen genießen vorausgesetzt. Auch dass wir alle wissen, das Bilder der Natur die Seele heil machen, Selbstentfremdung überwinden. Ich aber will aber trotz aller Möglichkeit zur privaten Idylle lieber weiterhin ins öffentliche Schwimmbad. Dahin wo alle sind. Einem Bademeister, der hoffentlich auch weiterhin mindestens in Anlehnung an BAT bezahlt wird, seine Arbeitstelle sichern, dadurch, dass wir vielen kommen und Eintrittskarten kaufen.
    .
    Und möchte stattdessen nicht aus meiner Idylle seufzend in die Welt hinausblicken, den gefühlten Kommentar auf den Lippen „Ach wie gut, dass es wenigstens mir noch so gut geht, trotzdem. Und dank meiner klugen Vorrausschau und genial wissenden Herkunftsfamilie.“
    .
    Ich möchte auch weiterhin, dass auch Neu-Perlach blüht. Und sich wohlfühlt und wohlfühlend ist. Und die Gesellschaft ggfls. sozial durchlässig.
    .
    Und was mich extrem alarmiert ist, dass es anscheinend niemand für nötig hält, zu einem offensichtlich besonders wichtigen Punkt in den Spiegel-Äußerungen irgendwie ansatzweise qualifiziert Stellung zu nehmen:
    Wir hatten das alles schon mal. Ein Ende „in Stumpfsinn und großer Gereiztheit“. Eine Zeit, an deren Ende „ein Donnerschlag erdröhnt, ein historischer Donnerschlag, mit gedämpftem Respekt zu sagen“, der den Zaubergerg sprengt – „und den Siebenschläfer unsanft an die Luft befördert“.
    .
    Wie gesagt: Wir hatten das schon. Es war der Beginn des ersten Weltkrieges, von dessen Beginn man (gerade das Bürgerliche) hinterher sagte, „dass man wohl mit Blindheit geschlagen gewesen sein musste, nicht schon lange alles kommen gesehen zu haben, ob der eindeutigen Anzeichen“.
    .
    Und so warmherzig-kluge Kommentare (wie im Spiegel) sind nun mal das: Zeigerpflanzen (im übertragen Sinne) – sehr wohl Ausdruck eines Generationenempfindens auch. Einer Generationendummheit schon wieder, so steht zu befürchten. (Denn auch Don beginne dieselbe Dummheit – nur anders, mit anderen Mitteln – nämlich nicht via Unwissenheit, sondern durch freiwillige Selbstverblendung? Denn Dons Blick auf die Welt wäre oft nichts anders als „Lob des freiliig-überlegenen Ausschlusses“?)
    .
    Und wie unser Kulturkreis weiß/wusste, zu wissen glaubte, es vortrug, um zur Diskussion anzuregen, „man muss der Welt ganz ein Gestorbener sein, jedes warme Gefühl in sich erkaltet haben, um ganz ein Schaffender sein zu können – denn jedes warme Gefühle im Schaffenden während des Ausführens führt am Ende nur zu etwas Täppischem, Läppischem ohne dauerhaften Bestand“, Ansatzweise jedesfalls. Auch davon hier im Blog kein Wort, kein Ansatz von Reflexion bis jetzt. (Weil u. u. sehr viele sich superiore Restidyllen – überwiegend und unreflektiert? – als Überlebensorte ihrer Wohlwarmherzigkeit wünschen? Und gerade keine Aufklärung? „EDEL-SOMA für Aristocats statt Demokratie?“)
    .
    Am Ende bleibt alles das, was es ist: „Deutsche Innerlichkeit“ wohl schon wieder, statt verantwortlicher Teilhabe. Jammernde „Deutsche Innerlichkeit“, welche sprunghafte, abrupte Veränderung bloß vorausahnt, befürchtet, statt das zu machen, was „managing transition“ sich nennt. Damit es soweit nicht kommt. “
    .
    „Aber auf irgendeiner Insel kann man immer gut überleben“, ich ahne schon, dass die Entgegnung kommt, „wenn man bloß genug Geld hat“. (Wobei es sich um invertierte Inseln handelt. Also Seen mit Landschaft drumzu.)
    .

  85. @perfekt!57: Ich glaube nicht,...
    @perfekt!57: Ich glaube nicht, daß wir schon beim großen Stumpfsinn angekommen sind. Wenn Sie hier mitlesen, dann sehen Sie: Naphta und Settembrini streiten noch. Harold James hatte aus Anlaß der Wiedervereinigung ein Buch veröffentlicht: „Deutsche Identität“. Darin schrieb er sinngemäß, daß die eigentliche Belastungsprobe für die Demokratie in Deutschland eine große Wirtschaftskrise sei. Wenn dieser Zeitpunkt jetzt gekommen ist, dann werden wir ja sehen, wie sich die Akteure verhalten (wir alle hier mit eingeschlossen).

  86. @perfekt
    "Deutsche...

    @perfekt
    „Deutsche Innerlichkeit“ kann aber ins amerikanische übersetzt werden und heißt dann: Individualismus, Steuerverweigerung, Abschaffung des Sozialstaats und Ausbau der Gefängnisse.
    .
    Was ist eigentlich so schlecht an der Klassengesellschaft? Hat sie nicht auch Vorteile wie z.B. schnelleres Wirtschaftswachstum, höhere Verteidigungsfähigkeit, Vollbeschäftigung, bezahlbares Personal?

  87. Ich jedenfalls habe keine...
    Ich jedenfalls habe keine Angst vor „Demokratie“.
    Soll doch mal einer kommen und es Probieren!

  88. Fernsehen ist nicht das, was...
    Fernsehen ist nicht das, was ich mir unter Ruhe vorstelle. Eher Zeit zum unverbindlichen Ausprobieren, was man überhaupt draufhat, zum Reflektieren wie und mit wem und für was man kämpft.

  89. @Konfuzius: Fernsehen ist...
    @Konfuzius: Fernsehen ist nicht Ruhe, sondern ruhigstellen. Im übrigen: „I love the smell of napalm in the morning.“ Wofür kämpfen Sie?

  90. HansMeier555,. das...
    HansMeier555,. das literarische Problem bei solchen Dingen ist: Die meisten Investoren sind ohnehin nur eine kleine Gruppe der Gesellschaft; vielbeschäftigte Männer mit starken beruflichen Interessen. Das ganze deutsche Mädchenwunder der Literatur aus dem schönen Leiprig lässt sich auch so erklären, dass sehr viele Germanistinnen ohne Geld und Sex sehr viel lesen, am liebsten hässliche Geschichten über hässliche Frauen mit Psychoproblemen.
    .
    wortschubse, der Geldverlust in Südamerika hat schon seit der Suche nach Eldorado allerbeste Tradition. Und je weiter das geschäftsmodell entfernt und unverständlich ist, desto eher wird daran geglaubt. Vielleicht erinniert sich ja jemand an den „Telematikhersteller“ Comroad, der es an den Neuen Markt geschafft hat, obwohl der allergrösste Teil seiner Geschäfte pure Erfindung eines chinesischen Marktes war. Aber schön weit weg war es.

  91. @Don
    Sie beschreiben das...

    @Don
    Sie beschreiben das Syndrom richtig, aber die Ursache hellen Sie nicht auf!
    .
    Mit dem Feudalismus ist uns auch die Transparenz der sozialen Verhältnisse abhanden gekommen. Da können Schüler und Studenten sich noch so linksextrem gebärden. Sie wissen zwar, daß der Kapitalismus an allem schuld ist. Aber wie die größte Villa in ihrer Stadt aussieht, wem sie gehört wer dort eingeladen wird und was dort für Bilder an der Wand hängen, das wissen sie auch 30 Jahre später noch nicht. Weil es sie auch gar nie interessiert hat.
    .
    Andererseits hat die herrschende Klasse selber sich komplett ins Privatleben zurückgezogen. Sie ist einfach desertiert. Kein Wunder, daß Literatur, Kultur und Politik bei uns dermaßen auf den Hund gekommen sind.

  92. noch so einer, das stimmt...
    noch so einer, das stimmt natürlich. dennoch stimmt mich das ganz große kreuz auf dem wahlzettel etwas, nun ja, man könnte sagen „melancholisch“. ich sehe auch, dass es wenig wählbares gibt, aber gleichzeitig ist das so ein ausdruck davon, dass es uns anscheinend immer noch viel zu gut geht.

  93. Herr HansMeier,
    .
    oder doch...

    Herr HansMeier,
    .
    oder doch Baron zu Gu……. anonym ?
    http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44/Doc~E0A28838D3013498198D7269F17C119C3~ATpl~Ecommon~Scontent.html
    „“Der Baron zu Guttenberg ist der Held eines Bürgertums, das die Erbschaftssteuer abschaffen und die private Krankenversicherung retten will und es für einen Skandal hält, wenn die Kinder keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen. Applaus in Kronberg für Elterngeld und Herdprämie – Subventionen für den bürgerlichen Lebensstil. Eine der Blasen, die in der Finanzkrise geplatzt sind, ist die meritokratische Legitimation der Lebenschancenverteilung. Wo bürgerliche Privilegien kaum noch durch Verdienste zu rechtfertigen sind, wird der Adel zum Vorbild, der seine naturgegebenen Vorrechte in ästhetisches Kapital umgemünzt hat.““
    .
    Sie brauchen sich hir nicht zu verstecken.
    Wir sind hier doch unter uns ;-)

  94. "Denn Dons Blick auf die Welt...
    „Denn Dons Blick auf die Welt wäre oft nichts anders als ‚Lob des freiliig-überlegenen Ausschlusses‘?“ perfekt!57, es gibt nach meiner wahrnehmung hier drei kategorien oder gruppen von lesern. in der ersten befinden sich leute, die don persönlich kennen und die ihm eigentümliche ironie (die eigentlich gar keine ist oder zumindest eine sehr idiosynkratische) aus der persönlichen bekanntschaft heraus verstehen. die zweite gruppe nimmt jedes wort des autors für bare münze, echauffiert sich, wird mangels offenbarer zustimmung dauerhaft frustriert und bleibt dann recht bald weg. die dritte kategorie bringt intelligenz für eine schwierige rezeption mit, wobei es im schnitt etwa ein halbes jahr geduld erfordert, um ein dem autor angemessenes verständnis der texte zu entwickeln – in etwa also die zeit, die es über das mittel gesehen braucht, um in einem fremden land eine halbwegs brauchbare fremdsprachenkompetenz zu entwickeln. (dieses mittel ist übrigens ein resultat der art und weise, wie das menschliche gehirn funktioniert – es scheint im schnitt bei allen gleich zu sein, unabhängig von herkunft und bildung. kognition ist nicht schicht-spezifisch.) ich selbst würde mich zur letzten gruppe zählen. selbstredend sind die übergänge, wie auch im richtigen leben, fließend.
    .
    machmal sind einige der zustimmenden kommentare hier also einfach bloß einem erworbenen verständnis für die DA-„ironie“ geschuldet. wie gesagt, es ist eigentlich keine. ironie an sich ist schon ein sehr schwieriges konzept, zumindest für den tradierenden leser. das hier ist aber noch mal einen zacken anders. ich finde es auch nicht immer und ständig toll, aber es ist was eigenes und neues.

  95. @Vadder Krause:
    ""Wo...

    @Vadder Krause:
    „“Wo bürgerliche Privilegien kaum noch durch Verdienste zu rechtfertigen sind, wird der Adel zum Vorbild, der seine naturgegebenen Vorrechte in ästhetisches Kapital umgemünzt hat.““
    .
    Von dem ästhetischen Kapital sehe ich nix und das ist die Krux.
    .
    .
    Und was Herrn Bahners betrifft, so vermute ich, daß er in diesem Blog mitliest.

  96. @Savall: meistens nur für...
    @Savall: meistens nur für sehr konkrete Kleinigkeiten. Und für persönliche Handlungsfreiheit. Und zwischendurch nutze ich dann dir Ruhe, um zu überlegen, was ich mit der Freiheit anfange. Also welche Unfreiheiten ich mir mittelfristig zulegen will, von denen sich andere langfristig dann wieder befreien können…

  97. Ich lese und lese, der Don A....
    Ich lese und lese, der Don A. schreibt ja soviel, und nicht nur hier. Die Geschichte vom Weitling oder Weidling, der „Knödelschüssel“, und dem Imari-Porzellan und dem gemeinen, adligen Rokoko-Europäer und und.. Ich habe den William Hazlitt beiseite gelegt und lese Blog, das ist ja, also, fast wie TV-Sucht sein muss.

  98. Zerlina, da würde ich einfach...
    Zerlina, da würde ich einfach mal zur Pause raten; wie jeder Genuss ist ein Zuviel schädlich.
    .
    itha, danke für die Analyse, die mich der Pflicht enthebt, über mich selbst nachdenken zu müssen.

  99. Vadder Krause, ach was,...
    Vadder Krause, ach was, Adel… welcher Adel? Dieser Minister da ist ganz sicher alles andere als ein Vorbild, das wird sich auch bald weisen. Egal was er verspricht.
    .
    HansMeier555, ich muss ganz ehrlich sagen; Diesmal ist mir die Ursache egal, wenngleich es nicht „die Ursache“ ist, sondern eine Reihe von Gründen, die aber zu erklären das Format sprengen würde.

  100. @auch einer Entaklemmer? Nö,...
    @auch einer Entaklemmer? Nö, das trifft die Sache gar nicht.
    @don, ja, das Fräuleinwunder und gar keines, dass sich die Themen, die Plots, die Protagonisten so gleichen. Die Protagonisten machen gern irgendwas Künstlerisches, schreiben keine Bewerbungen, versagen nie und werden auch nicht gefeuert oder sie haben überhaupt so gar keinen Beruf, keine Einnahmen versus Ausgaben, Hypotheken, Kredite, Schulden, das Geld kommt aus dem Automaten und die Fernreisen werden mit der Karte bezahlt. Mit dem guten Namen. Ja. Aber das ist wieder ein anderes Thema. Und auch der Unterschied sowohl zu den Buddenbrooks als auch zum Jean Paulschen Siebenkäs, denn dort haben die Dinge Preise, die Leute Vermögen oder auch nicht, Einnahmen, Ausgaben und alles in Mark und Landeswährung. Ja, Genauigkeit in den Daten, genaue Zahlen, das ist vielleicht das, was ich in den Geschichten am schmerzlichsten vermisse. Dostojewski dachte einst über das Verhältnis von Höhe des Gewinns zu Verbrechen nach, läßt für vergleichbar geringe Summen morden um etwas damit auszusagen, aber leider hat dieses schöne Beispiel von Nachdenken vorm Schreiben erstaunlich wenig Nachahmer heutzutage. Ein Wirtschaftsroman läßt sich möglicherweise von oben wie von unten schreiben, aber nie ohne genaue Zahlen. Aber wer Literatur studiert, ist wohl schwach in Mathe, wie?

  101. @savall, dieser Spruch aus...
    @savall, dieser Spruch aus Apokalypse Now mit dem genialen Robert Duvall hatte es mir auch angetan wie auch das bizarre Bild der surfer….. Im übrigen war dieser nicht weniger gut in Der Apostel. Kleine Rendite-Empfehlung mit mehr als 25%.

  102. Die liebe Toni Buddenbrooks...
    Die liebe Toni Buddenbrooks hatte eine Aussteuer von 70.000 Kurantmark im Rücken und mußte darum keine Romane schreiben.

  103. @Don
    .
    Unser Baron von und zu...

    @Don
    .
    Unser Baron von und zu Guttenberg-Münchhausen hatte bis dahin das Familienvermögen verwaltet. Und dann noch ist er noch adlig.
    Das ist doch Qualifikation genug, um die Wirtschaft eines Staates zugrunde zu richten.

  104. Danke ihta für die...
    Danke ihta für die Zusatzinfos. Versuchen wir uns also in Geduld zu fassen. (g)
    .
    Man könnte zur Zeit tatsächlich jeden Tag mehrere Stunden schreiben. Und nicht nur zur Zeit, sondern überhaupt. Aber zur Zeit eben auch besonders. Zur Zeit eben.
    .
    „Mathe“ und „Wirtschaft“ sind außerdem sowieso keine Romankatogierien. Die bekannteste, beste, allgemeinste und im Grunde einzig erwähnenswerte Romankatogorie ist der Mensch. Sein Sein und Trachten, mehr noch: strebendes Versagen, steht im Mittelpunkt – völlig umfassend eben – und daher eher nicht als Homo Oekonomicus, oder als der nur am Rande. Da kommt sonst nur raus, was flach und flau ist. Schön bestenfalls. (Nein, nie. Immer nur eines: geschmacklos) Nicht umsonst sind z. B. die Bücher von Hans Graf von der Golz literarisch vollkommen wertlos. Schund. Schon vom Trhema her alles falsch. Nicht erkannt, worauf es ankommt.
    .
    Es lohnt in diesen Zeiten nicht, gegen das Vergessen (und die Ignoranz anzuschreiben. Und da wir sowieso über keine wirkliche Bildung verfügen, sollten/müssten es eh die tun, die über diese verfügten. Da aber die vor allem schweigen, warum müssen dann wir reden? Aber nur am Rande eingestreut … .
    .
    Was also, wie eigentlich bekannt, zu lesen sich anböte, wäre z.B. „The Making of the Magic Mountain“, öffentlicher Vortrag von TM, gehalten in Princeton, New Jersey, USA, May 1939. Und natürlich ( … ,wie auch darin erwähnt,) „The Quester Hero. Myth as Universal Symbol …“, Harvard University, ca. 1937/38.
    .
    (Im Übrigen – neben den bezügen zum Angelsächsichen – vor allem auch ein sehr deutsches Thema immer wieder. – Die Franzosen oder Italiener oder Spanier kennen das Sujet, so weit soweit wir wissen, nicht.)
    „Die Musik hat von jeher stark stillbildend in meine Arbeit hineingewirkt. Dichter sind meistens ‘eigentlich’ etwas anderes, sie sind versetzte Maler oder Graphiker oder Bildhauer oder Architekten oder was weiß ich. Was mich betrifft, muß ich mich zu den Musikern unter den Dichtern rechnen. Der Roman war mir immer eine Symphonie, ein Werk der Kontrpunktik, ein Themengewebe, worin die Ideen die Rolle musikalischer Motive spielen. Man hat wohl gelegentlich –– ich selbst habe das getan –– auf den Einfluß hingewiesen, den die Kunst Richard Wagners auf meine Produktion ausgeübt hat. …
    .
    Er ist ein Zeitroman in doppeltem Sinn: einmal historisch, indem er das innere Bild einer Epoche, der europäischen Vorkriegszeit, zu entwerfen versucht, dann aber, weil die reine Zeit selbst sein Gegenstand ist, den er nicht nur als die Erfahrung seines Helden, sondern auch in und durch sich selbst behandelt. Das Buch ist selbst das, wovon es erzählt; denn indem es die hermetische Verzauberung seines jungen Helden ins Zeitlose schildert, strebt es selbst durch seine künstlerischen Mittel die Aufhebung der Zeit an durch den Versuch, der musikalisch-ideellen Gesamtwelt, die es umfaßt, in jedem Augenblick volle Präsenz zu verleihen und ein magisches ‘nunc stans’ herzustellen.“ (Und es ist gut untersucht, dass die „Hermetik“ eine freiwillige und offene ist… )
    http://courses.washington.edu/germ122/Reading_Course/Lit.med/thmann.html
    Und es ist gut untersucht, dass die „Hermetik“ eine freiwillig und offene ist…. .
    .
    .
    Warum wohl auch hierin
    http://catalog.ebay.de/Suchers-Leidenschaften-Rainer-Maria-Rilke-/44882905?_catref=1&_fifpts=1&_ipg=&_pcategid=11233&_pcatid=6&_refkw=rilke&_sac=1&_trksid=p3286.c0.m271
    vom Autor unbedingt dieselbe Offenheit für R. M. Rilke festgestellt und belegt ist. Rilke, welcher auch nie den Mitmensch nicht verstand oder aus dem Auge verlor – und wohl auch gerade darum in einem anteilig über 20-jährigen „Wanderleben“ („unbehaust und doch geborgen“), fast überwiegend bei anderen, Aristokraten – Fürsten zumal – wohnte und arbeitete (… und die Menschen um sich solcherart reicher machte).
    „DAss ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht,
    Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.
    Daß von den klar geschlagenen Hämmern des Herzens
    keiner versage an weichen, zweifelnden oder
    reißenden Saiten. Daß mich mein strömendes Antlitz
    glänzender mache; daß das unscheinbare Weinen
    blühe. O wie werdet ihr dann, Nächte, mir lieb sein,
    gehärmte. Daß ich euch Knieender nicht, untröstliche Schwestern,
    hinnahm, nicht in euer gelöstes
    Haar mich gelöster ergab. Wir, Vergeuder der Schmerzen.
    Wie wir sie absehn voraus, in die traurige Dauer,
    ob sie nicht enden vielleicht. Sie aber sind ja
    unser winterwähriges Laub, unser dunkeles Sinngrün,
    eine der Zeiten des heimlichen Jahres -, nicht nur
    Zeit -, sind Stelle, Siedelung, Lager, Boden, Wohnort. ….“
    .
    .
    Nicht überbewerten, nur als kleine Ergänzung gedacht.
    .

  105. Wer sich in der Materie...
    Wer sich in der Materie wirklich auskennt? Hans Rudolf Vaget z.B.
    .
    http://www.smith.edu/ger/fac_vaget.html
    .
    Und viele andere, Wißkirchen, Kurzke, Koopmann, ganz sicher auch.

  106. @wortschubse
    Wenn es um genaue...

    @wortschubse
    Wenn es um genaue Zahlen bzw. das Ausblenden derselben geht, sind der Wirtschaftsroman und der, die Literarturstudierende den Strafverfolgungsbehoerden nicht ganz unaehnlich. Eine Frage des Koennes oder Wollens, ich vermag es nicht zu beurteilen.

  107. @HansMeier
    Toni nicht, aber...

    @HansMeier
    Toni nicht, aber Frau Ebner-Eschenbach. Und ausgerechnet „das Gemeindekind“. Ebner-Eschenbach hat ja nicht direkt am Hungertuch genagt, oder? Genausowenig wie Frau von Droste-Hülshoff. Beide geben über Preise Auskunft. Ganz vornehm zurückgehalten hingegen hat sich der Herr von Eichendorff, der hinsichtlich des Pekuniären komplett unbestimmt bleibt, das alles liest sich im Taugenichts denn auch wie das Tischlein deck dich. Kein Wunder, denn Eichendorff und „hochverschuldete Güter“, das gehörte wohl zusammen wie oh Täler weit und Höhen, da hatte er wohl keine Lust, sich auch noch beim Dichten mit dem Unangenehmen zu beschäftigen. Aber, wäre das nicht interessant gewesen, zum Schuldenstand Genaueres zu erfahren? „das dach ist dicht, wozu noch dichter“ fiel hierzu einst Werner Dürrson ein.

  108. @perfekt! und...
    @perfekt! und Kollegen,
    Herzlichen Dank für Ihre ausführlichen Kommentare!
    Doch haben Sie m.E. das wesentliche nicht erfaßt, wenn Sie nun gegen den „Wirtschaftsroman“ argumentieren.
    Es geht schlicht und einfach um den Realismus in der Literatur bzw. darum, ob eine Gesellschaft zu ihrer Selbstverständigung nicht auch eine um Realismus bemühte Literatur braucht.
    .
    Über viele Jahrzehnte hinweg war das ja ein Gemeinplatz. Unsere Vorstellung vom 19. Jahrhundert ist bis heute, wie mir scheint, durchweg literarisch geprägt.
    .
    Der realistische Roman aber lebt vom Bürgertum und das Bürgertum von seinen Geschäften und Zinsen. Basis und Überbau, platt gesagt. 150 Jahre lang war das jedermann klar. Wenn Balzac eine Figur in seinen Roman einführt, dann beginnt er seine Personenbeschreibung prinzipiell mit genauen Angaben dazu, über welche Rente er/sie im Jahr verfügt.
    Trotzdem wird niemand behaupten Balzac, Zola oder Thomas Mann hätten nur „Wirtschaftsthriller“ geschrieben (obwohl manche ihrer Werke durchaus auch so gelesen werden können).
    .
    Was ich heutigen Autoren vorwerfe, ist daß sie sich kaum bemühen, die soziale Realität zu durchleuchten und zu beschreiben. Ob man genaue Summen nennen sollte, ist vielleicht eine Stilfrage. Daß man als Autor aber zumindest selber wissen sollte, wieviel der eigene Held im Jahr verballern kann, welche Erbschaft er in Aussicht und welche Lebensversicherung er bereits abgeschlossen hat, steht für mich außer Frage.
    .
    Die Menschen, die in unserem Land heutzutage die wichtigsten Entscheidungen treffen, werden in unserer Gegenwartsliteratur nirgendwo adäquat beschrieben.
    Und das ist nicht nur vom literarischen Standpunkt aus bedauerlich.
    Ich sehe darin auch einen Mangel an demokratischer Transparenz und politischer Kultur.

  109. @perfekt!57,

    Herrn von der...
    @perfekt!57,
    Herrn von der Golz, bzw dessen Werke sind mir komplett unbekannt. danke für den Hinweis. Strebendes Versagen, ja, wunderbar. Und wenn Sie „Geld“ als „blue notes“ sehen (Dreck, unreine Töne, die aber für eine gewisse Farbigkeit sorgen), so denke ich schon, dass dies ein interessantes Motiv abgibt, vielleicht nicht „Wirtschaftsroman“, aber doch Erzählungen, in denen dergleichen Erwägungen, Haben und Nichthaben die Rolle spielt, die dem Zeug auch im normalen Leben zukommt. Mehr nicht. Musik, ja und Verdi sei dem Wagner sein Mozart, stellte Henscheid einst fest, die Italiener überhaupt, verismo, selbst dorten bleibt das Thema nicht ganz unausgeklammert, oder sehe ich da was falsch?

  110. Man sehe mir nach, wenn ich an...
    Man sehe mir nach, wenn ich an manchen Stellen apodiktisch war: Es war und ist nicht so gemeint.
    .
    Der Bezug zum Blog soll nicht zu kurz kommen: Darum nochmals erläutert: Die Bilder sinds, die Fotos, die unser Don eingestreut.
    .
    So gesehen ist der Tegernsee vor allem eines: Mythisch-magischer Ort. Ort der Geborgenheit und der Ruhe. Ort der Rückbesinnung und des Rückzugs. Ort der Rückverwandlung nach Rückkehr aus dem Getriebe der Welt. Ort recht getanen Ausruhens und anschließenden Wieder-Auszugs zurück.
    .
    Daher meinen wir auch, dass dieser Tegernsee und in dieser Eigenschaft nicht nur von einem Walberg umstanden ist, sondern von eher genau Sieben.
    .
    Und zwischen diesen Walbergen gibt es Übergänge, keine Tunnel, natürlich nicht, denn Tunnel würden dem Querer die Aussicht nehmen – und das nicht seine Sache – fortwährender Ausblick bleibt sie. Daher nimmt er die Übergänge. Zu Fuß oder mit dem Wagen oder in Gedanken oder nur in der Phantasie. Und vorzugsweise natürlich lieber in südliche Richtungen, an den Lago z. B. , als in andere, wie man versteht und wie verständlich ist.
    .
    Und die Fotos und um den See gibt es wohl längst; sie sind bereits und lange schon beschrieben. Zum Beispiel im Frühling:
    .
    „Lange Tage, die längsten, sachlich gesprochen und mit Bezug auf ihre Sonnenstunden, denn ihrer Kurzweiligkeit vermochte astronomische Ausdehnung nichts anzuhaben, weder was jeden einzelnen betraf, noch ihre einförmige Flucht. Frühlings-Nachtgleiche lag fast drei Monate zurück, Sommersonnenwende war da. Erst jetzt, dieser Tage war endgültig Frühling geworden, ein Frühling noch ohne alle Sonnenschwere, würzig, dünnluftig und leicht, mit silbrig strahlender Himmelsbläue und kindlich kunterbunter Wiesenblüte.
    .
    Allein was hatte sich nun nicht alles aus dem jungen, smaragdenen Grase der Schrägen und Wiesengebreite des Grundes an organischem Leben als Stern, Kelch oder Glocke oder von unregelmäßiger Gestalt, die sonnige Luft mit trockener Würze erfüllend, hervorgebildet: Pechnelken und wilde Stiefmütterchen in ganzen Massen, Gänseblümchen, Margueriten, Primeln in gelb und in rot, viel schöner und größer, als er sie im Flachlande je erblickt zu haben meinte, dazu die nickenden Soldanellen mit ihren gewimperten Glöckchen, blau, purpurn und rosig, eine Spezialität dieser Spähre.“
    .
    Und was ist falsch daran, dass es so steht um den Tegernsee? So stünde? Und entzöge der weiter existenten Welt des Sachlichen und Sozialen, der Aufgaben also, „ganz bestimmt ein gefährliches Übermaß an Energie auch“? Wir dagegen neigen weiter denen zu, die weiter wie folgt fürs Gegenteil plädieren: Arme Welt, die nur ohne auskommt, ohne auskommen will, muss.
    .
    Don hat Recht. Und weiter Recht. Und wir alle stimmen gerne zu.

  111. @perfekt!57

    enthält auch...
    @perfekt!57
    enthält auch keine Börsenkurse:
    http://www.youtube.com/watch?v=X1r9ANPf6pY&feature=related

  112. @ wortschubse

    Gerade der...
    @ wortschubse
    Gerade der Anteil „Vorstandsvorsitzender“ ist nun mal u. u. vielfach durch und durch trivial. (Weshalb er auch eine Familie hat. Und katholisch ist. Und der Geschäftsmann ist bestens beschrieben.) Da müssen wahrscheinlich mehr als weitere 50 oder 100 Jahre vergehen, bis da Neues hinzugefunden werden kann, weil es da ist. Eine triviale Existenz ist nun mal eine triviale Existenz, wir nehmen uns da nicht aus.
    Am Beispiel: Es gibt das schon, „von Beckerath ist die trivialste Existenz, in die ich je Einblick genommen habe“. Am besten vorlesen lassen. Von Beckerath kommt immer einige Minuten zu spät zu Tisch ins Haus seiner Verlobten. Weil er sein Ministerium immer erst um Schlag 12 verlassen kann. Denn er ist dort angestellt und ein gewissenhafter Mensch. Und will Karriere machen. Die Zwillingsgeschwister aber, die Arbeit nie kennenlernten (wozu auch? aber selber lesen oder hören … ), meinen aber allen Ernstes, „ob er nicht gefälligst sein Ministerium einige Minuten früher verlassen könnte um zu ihnen zu eilen“, „dies würde von entschieden beflügelnder Wirkung auf unser Hauswesen sein!“ Und von Beckerath antwortet, in dem er die Luft einzieht: „Gewiß!“. Und die von Beckeraths muss man nicht aufschreiben, Sie sind keine Story. Dienen ihr höchstens am Rande.
    .
    http://cgi.ebay.de/Thomas-Mann-Waelsungenblut-CD-U_W0QQitemZ330354331853QQcmdZViewItemQQptZB%C3%BCcher_Unterhaltung_Music_CDs?hash=item4ceaa710cd&_trksid=p3286.c0.m14
    .
    @ HansMeier: Ja. Und wer Künstler ist, wirklich Künstler, einer der kanonisiert werden wird, der hat sogar die Pflicht, die genauen Zahlen reinzuschreiben, Chronistenpflicht eben. Denn die Zukunft muss ihm wichtiger sein als das Jetzt. Im Werk zumindest.
    .
    Natürlich will, soll, kann darf und muss man wissen, dass Hans Castorp z. B. im Jahre 1907, als er als angehender Jungingenieur im Alter von 24 Jahren auf drei Wochen nach Davos fährt, „ein Mann von reichlich 1000 Mark Zinseinkünften im Monat ist“. Und der Aufenthalt in der Kurklinik kostet in Summa mit allem nur runde 800 Mark im Monat. Er kann also bleiben. Und solange er noch Student war, ist ihm die Tatsache, dass er finanziell unabhängig war als solche gar nicht aufgefallen. Er wollte tätig sein, will alle seine anderen wohl auch finanziell unabhängigen Verwandten wohl auch.
    .
    Und klar ist auch: Spitzenbeamte verdienten in jener Zeit so ca. 20 – 22.000 Mark brutto im Jahr. Und normale Angestellte 2.400 Mark per Anno. Und wer finaziell unabhängig war, musste nicht arbeiten. Das war also, wie bekannt, schon immer so; wir setzen es voraus. Desweiteren Arthur Schopenhauer und sein Lebenswerk sind, wie wir erinnern, ohne ererbte und sorgsam verwaltete finanzielle Unabhängkeit ebenfalls undenkbar. Aber nur am Rande.
    .
    „Volljährig geworden bekam Schopenhauer seinen Anteil am väterlichen Erbe ausgezahlt. Durch dieses ansehnliche Erbe war Schopenhauer vermögend und frei von finanziellen Sorgen.“
    .
    http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Schopenhauer
    .
    Und Schopenhauer hat sein Vermögen, wir alle wissen es ja schon lange und immer, sein Leben lang zu rund 4% angelegt. Denn er wollte es behalten. Nicht spekulieren. Auf 25% z. B.. Dafür aber zäh prozessiert, als man ihn (fast) betrogen hatte.

  113. @HansMeier,

    Sie haben...
    @HansMeier,
    Sie haben natürlich recht. Ich persönlich finde es ebenfalls mehr als schade, dass „all dies“ ausgeklmmert bleibt. Zum letzten Mal wurde sich um die materielle Grundlage des Seins offenbar bei Arno Schmidt gekümmert. Seitdem ist man auf dem Trip und lebt von Luft und Liebe.
    „Die Menschen, die in unserem Land heutzutage die wichtigsten Entscheidungen treffen, werden in unserer Gegenwartsliteratur nirgendwo adäquat beschrieben.“
    Abgesehn von der relativen Ferne der Frolleinwunder von dergleichen Personal dürfte es sich auch um Problemvermeidungsstrategien handeln. Erstens könnte sowas als Schlüsselroman mißverstanden werden, zweitens überläßt man das Thrillern Grisham, man selber dichtet ja und schreibt nicht.
    Schließlich schwieg sich nicht nur Rilke komplett aus, Stefan George stand dem in nichts nach. Stand ihnen halt zu.
    Politische Kultur? Ja. Und die gestalterische Kraft, solche Stoffe zu meistern. Ein Schneeballsystem, Unternehmensabwracker etc adäquat darzustellen, also nichtlangweilig, nicht böseböse und abgesehn von einem Abklatsch des Films „Wallstreet“ wäre eine echte Aufgabe.

  114. Menschen ohne Eigenschaften,...
    Menschen ohne Eigenschaften, oder: die Gier zum Verstand
    @Usedomer: Der „Verstand“ der Herrschenden i s t die „Gier“!
    @HansMeier555: Zu Balzacs Zeiten war das Bürgertum noch revolutionär, zumindest dies in Teilen. Und Emile Zola kann im strengen Sinne des Wortes nicht mehr als bürgerlicher Literat gelten, er ist die Öffnung hin zur proletarischen Literatur. Thomas Mann beschäftigt sich mit dem Bürgertum im Abstieg, einem jenen, dem schon der faschistische Henker die Richtung diktierte und dementsprechend auch den Stil korrigierte. Bis zum Faschismus war Thomas Mann ein bekennender Nationalist, dann kam die Korrektur, erzwungen durch die Nazis, und eine kleine Renaissance des bürgerlichen Demokratismus konnte aufleben – für ganze 12 Jahre. Günther Grass und vielleicht Rolf Hochhuth konnten dies nach dem Krieg (im Westen Deutschlands) noch fortsetzen. Viele andere verloren sich im Ästhetizismus oder auch wieder im alten Pragmatismus (Pseudorealismus, Positivismus) ihrer angelsächsischen Kriegsgewinnerkollegen. Davon angesteckt waren sie jedenfalls fast alle. Wenn vielleicht der schlimmste, aber doch der deutlichste ist da vielleicht ein Walser. Der als „Linker“ begann und sich nun auf CSU-Events feiern lässt, da man ihm dort seinen Antisemitismus nicht verzeihen muss. So nebenbei spielt er gerne den alten Klassiker (Goethe auf den Balzspuren folgend). Die Demokratie hier lebte nur solange der Sowjetsozialismus von dieser sich entfernen konnte/musste/durfte, also sich solchermaßen eine Differenz eröffnete, die den Antifaschismus dort wie hier zum Ritual verkommen und den Klassenkampf zu Aufstiegsgefechten einer Arbeiteraristokratie verfälschen lassen konnten. Erst nach dem Fall der Mauer zeigt sich den breiten Massen wieder das brutale Gesicht der bürgerlichen Klassenherrschaft, auch hier im Westen Europas und im Norden Amerikas – eben nicht mehr nur in der „dritten Welt“ -, neben der offenen und eben nicht mehr zu leugnenden Verkommenheit eines „sozialistischen“ Gegenübers, welches schon lange Teil der kapitalistischen Wirtschaft geworden war.
    Angesichts dessen zu beklagen, dass die bürgerliche Literatur, und nur eine solche gibt es im Moment noch (die proletarische lebt faktisch im literarischen Untergrund, „Untergrund“ auch also Matrix eines nicht mehr deutlich abgegrenzten Genres zu verstehen, jeder Schreibende hat diese oder jene Matrix, gleich ob er sich dessen bewusst ist), sich nicht mehr als Klasse zu erkennen gibt, ist entweder naiv oder eben reaktionär. Die bürgerliche Literatur lebt geradezu von den zerstörten Fragmenten der proletarischen Literatur. Sie beutet diese aus, so wie sie ja auch deren Begrifflichkeiten in der aktuellen Krise ausbeutet. Reden die da nicht von „Sozialismus“, wenn irgendwo eine Bank angeblich zur Verstaatlichung anstünde? Daher ist alles an ihr nur noch Andeutung, Zerdeutung, abstrakt Dargestelltes, nicht mehr in Frage Gestelltes, fraglos Dahingestelltes. Ihre Figuren sind lediglich Charaktermasken oder „Menschen ohne Eigenschaften“. Musil war seiner Zeit weit voraus, denn er schuf stellt sie dar, diese Charaktermaske unserer Epoche, gerade als eine literarische.
    Ein solcher Verstand – ohne Eigenschaften, eben auch als solcher ein literarischer – ist ebenso von der reinen Gier geprägt, und kann nicht mehr für Kritik stehen, kann nichts mehr beschreiben. Es versagt sich ihm die Semantik. Entweder man schafft den Bestseller oder man ist Nichts. Und den Bestseller schafft man nicht, weil man etwas ist, sondern weil man für einen Moment den Nerv des Konsumenten getroffen hat. Nicht das Werk steht im Mittelpunkt sondern das Bedürfnis der Massen, erkannt worden zu sein, sich für einen Moment für bedeutend halten zu dürfen, durch das Werk eines Bestsellers. Ja und selbst dieser Bestseller ist daher doch nur Eintagsfliege. Denn schon warten die nächsten in der Schlange. Eine solche Literatur ist ohne Bedeutung, ohne Eigenschaften.

  115. Menschen ohne Eigenschaften,...
    Menschen ohne Eigenschaften, oder: die Gier zum Verstand (Korrektur!)
    @Usedomer: Der „Verstand“ der Herrschenden i s t die „Gier“!
    @HansMeier555: Zu Balzacs Zeiten war das Bürgertum noch revolutionär, zumindest dies in Teilen. Und Emile Zola kann im strengen Sinne des Wortes nicht mehr als bürgerlicher Literat gelten, er ist die Öffnung hin zur proletarischen Literatur. Thomas Mann beschäftigt sich mit dem Bürgertum im Abstieg, einem jenen, dem schon der faschistische Henker die Richtung diktierte und dementsprechend auch den Stil korrigierte. Bis zum Faschismus war Thomas Mann ein bekennender Nationalist, dann kam die Korrektur, erzwungen durch die Nazis, und eine kleine Renaissance des bürgerlichen Demokratismus konnte aufleben – für ganze 12 Jahre. Günther Grass und vielleicht Rolf Hochhuth konnten dies nach dem Krieg (im Westen Deutschlands) noch fortsetzen. Viele andere verloren sich im Ästhetizismus oder auch wieder im alten Pragmatismus (Pseudorealismus, Positivismus) ihrer angelsächsischen Kriegsgewinnerkollegen. Davon angesteckt waren sie jedenfalls fast alle. Wenn vielleicht der schlimmste, aber doch der deutlichste ist da vielleicht ein Walser. Der als „Linker“ begann und sich nun auf CSU-Events feiern lässt, da man ihm dort seinen Antisemitismus nicht verzeihen muss. So nebenbei spielt er gerne den alten Klassiker (Goethe auf den Balzspuren folgend). Die Demokratie hier lebte nur solange der Sowjetsozialismus von dieser sich entfernen konnte/musste/durfte, also sich solchermaßen eine Differenz eröffnete, die den Antifaschismus dort wie hier zum Ritual verkommen und den Klassenkampf zu Aufstiegsgefechten einer Arbeiteraristokratie verfälschen lassen konnten. Erst nach dem Fall der Mauer zeigt sich den breiten Massen wieder das brutale Gesicht der bürgerlichen Klassenherrschaft, auch hier im Westen Europas und im Norden Amerikas – eben nicht mehr nur in der „dritten Welt“ -, neben der offenen und eben nicht mehr zu leugnenden Verkommenheit eines „sozialistischen“ Gegenübers, welches schon lange Teil der kapitalistischen Wirtschaft geworden war.
    Angesichts dessen zu beklagen, dass die bürgerliche Literatur, und nur eine solche gibt es im Moment noch (die proletarische lebt faktisch im literarischen Untergrund, „Untergrund“ auch also Matrix eines nicht mehr deutlich abgegrenzten Genres zu verstehen, jeder Schreibende hat diese oder jene Matrix, gleich ob er sich dessen bewusst ist), sich nicht mehr als Klasse zu erkennen gibt, ist entweder naiv oder eben reaktionär. Die bürgerliche Literatur lebt geradezu von den zerstörten Fragmenten der proletarischen Literatur. Sie beutet diese aus, so wie sie ja auch deren Begrifflichkeiten in der aktuellen Krise ausbeutet. Reden die da nicht von „Sozialismus“, wenn irgendwo eine Bank angeblich zur Verstaatlichung anstünde? Daher ist alles an ihr nur noch Andeutung, Zerdeutung, abstrakt Dargestelltes, nicht mehr in Frage Gestelltes, fraglos Dahingestelltes. Ihre Figuren sind lediglich Charaktermasken oder „Menschen ohne Eigenschaften“. Musil war seiner Zeit weit voraus, denn er stellt sie dar, diese Charaktermaske unserer Epoche, gerade als eine literarische.
    Ein solcher Verstand – ohne Eigenschaften, eben auch als solcher ein literarischer – ist ebenso von der reinen Gier geprägt, und kann nicht mehr für Kritik stehen, kann nichts mehr beschreiben. Es versagt sich ihm die Semantik. Entweder man schafft den Bestseller oder man ist Nichts. Und den Bestseller schafft man nicht, weil man etwas ist, sondern weil man für einen Moment den Nerv des Konsumenten getroffen hat. Nicht das Werk steht im Mittelpunkt sondern das Bedürfnis der Massen, erkannt worden zu sein, sich für einen Moment für bedeutend halten zu dürfen, durch das Werk eines Bestsellers. Ja und selbst dieser Bestseller ist daher doch nur Eintagsfliege. Denn schon warten die nächsten in der Schlange. Eine solche Literatur ist ohne Bedeutung, ohne Eigenschaften.

  116. Löblicher Don Alphonso,

    "Man...
    Löblicher Don Alphonso,
    „Man glaubt höchstens noch an Gewerbeimmobilien“ ist eine weitere Bevorzugung handfester, greifbarer Substanz aus der Erfahrung mehrerer Generationen in Ihrer geschätzten Familiengeschichte (die Vorfahren sind ja nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen wie man mittlerweile weiß).
    Bei den oben schon mehrfach zitierten Buddenbrooks wird das Haus – eines nach dem anderen – und auch die „Gewerbeimmobilien“ zur Last, sodaß sie letztendlich mit hohem Verlust (hier gibt es nur teilweise Zahlen) veräußert wurden. Im realen Leben wurde man unwiderruflich enteignet, beispielsweise Benes-Dekrete, aber durchaus auch in Demokratien (derzeit zumindest mit Entschädigung), wenn es dem Allgemeinwohl, beispielsweise Bau einer Straße, diente. Ist man unter solchen Umständen wirklich mit Immobilem, auch wenn es anno 1600 erbaut wurde, sicher im Trockenen?

  117. @devin08, ja, danke. stimmt...
    @devin08, ja, danke. stimmt so.
    einst beschied ich jenen armen Verwandten aus dem prosperierenden Südwesten mit folgenden Worten: Wer erbt, hats nötig und wußte schon damals, dass dies nur der untaugliche Versuch eines bonmots war.
    Ansonsten danke ich für zahlreiche Anregungen, werde nun Boniatos schälen, weil man da so was Kostbares in den Händen hält und pflegt (entschuldigung Don!) ein sinnliches Vergnügen, überdies hat die Köchin, die ich nicht habe, mal wieder frei und überhaupt! Verabschiede mich hiermit vom blog und verbleibe mit besten Grüßen im Perfekt der geschubsten Worte.

  118. Noch mal eine Korrektur:
    Zu...

    Noch mal eine Korrektur:
    Zu Walser muss es natürlich heißen: Wenn vielleicht n i c h t der schlimmste…
    @wortschubse: Danke auch, aber was stimmt denn? Bzw., worin genau stimmen Sie mit mir überein? Mit allem?
    Und warum verabschieden Sie sich? Das klingt so dramatisch!

  119. Was hat sich eigentlich...
    Was hat sich eigentlich geändert? Mancher macht die 25 % Rendite, mancher nicht. Die Geschichte zeigt, dass vor allem diejenigen gefährdet sind, die meinen, eine hohe Rendite als Rentier oder Privatier zu erwirtschaften. Das geht meist in die Hose. Der selbständige Unternehmer mit 25 % Rendite ist und war dagegen gar nicht so selten. Die derzeitige Gier- und Neiddebatte ebenso wie die Schadenfreude über die Fehlinvestitionen anderer erscheint vor diesem Hintergund geschichtslos. Gefährlich wird es erst, wenn sich Gier massiv mit Faulheit paart. Ich denke, so weit sind wir noch nicht. Denn dann knallt es richtig. Aber auch das wäre nicht das erste Mal in der Geschichte.

  120. @devin08, wortschubse
    Danke...

    @devin08, wortschubse
    Danke für die langen Texte, aber das ist mir doch zu negativ.
    .
    Devin08 beschreibt eine vorherrschende Stimmung, „entweder Bestseller oder nichts“, aber das taugt m.E. trotz allem nicht als Erklärung.
    Tatsächlich krebsen in D-land derzeit 1000 Schriftsteller in prekärer Existenz irgendwo vor sich hin, und nicht alle sind gescheiterte Möchte-gern-Bestseller-Autoren und nicht alle sind bereit, sich zu verkaufen. Viele von ihnen hatten niemals vor, ein großes Publikum zu erreichen, sind durchaus links eingestellt, aber interessieren sich trotzdem nicht für die Gesellschaft, welche zu kritisieren sich (angeblich) alle vorgenommen haben.
    .
    Heinrich Mann und Bert Brecht kamen auch aus gutbürgerlichem Hause und haben trotzdem etwas zustande gebracht. So korrupt und menschenverachtend wie die heutige war die damalige bürgerliche Gesellschaft allemal (wenn nicht noch viel schlimmer) — künstlerisch trotzdem, wie mir scheint, auf höherem Niveau weitaus produktiver.
    .
    Also, ich habe auch keine Erklärung dafür. Vielleicht war es einfach das Wirtschaftswunder und die anschließenden Wohlstandjahrzehnte, die uns eingelullt haben?
    .
    Aber wenn wir uns schon mit der Rückkehr der Klassengesellschaft und der Refeudalisierung aller Lebensbereiche abfinden müssen, dann sollte doch wenigstens die Kunst davon profitieren, weil alle (potentiell) Kreativen sich einem erhöhten Schaffensdruck ausgesetzt sehen, weil Illusionen nicht mehr so billig zu haben und weil alle gezwungen sind, ihre Sinne zu schärfen.

  121. Keine konservativen...
    Keine konservativen Attitüden!
    @HansMeier555: Bertold Brecht und Heinrich Mann stammten aus gutbürgerlichen Hause, aber zumindest ersterer war ein proletarischer Kunstschaffender, insofern kann der hier nicht rein gerechnet werden. Und Heinrich Manns Genre lebte von den gescheiterten Existenzen seiner Klasse, seiner Familie, seiner ganz persönlichen Geschichte. Schwere oder schlechte Zeiten für eine gute Kunst, nun ja, wenn man die Opfer verschmerzen kann! Denn auch was die 1000 Künstler in prekärer Existenz angeht, ist eben nicht klar für welche Richtung, für welche Klasse, für welche Geschichte sie stehen, für welches Opfer sie darben, zumindest solange nicht, bis entschieden ist, ob sie ins Prekariat ab -, oder ins Bürgertum aufsteigen. Denn diese Opfer wären eben nur fruchtbar, wenn sie proletarische Kunst hervor bringen, die wie gesagt aber im Moment wenig angesagt ist. All diese Opfer, für wen oder besser was also? Und was ist mit den Opfern der bürgerlichen Klassengesellschaft? Wozu sind diese gut, und wer bedauert diese?
    Und die bürgerliche Kunst schmarotzt wie gesagt im Moment an der „Leiche“ der proletarischen Kunst, wie soll da was Gesundes bei rauskommen? Ein bisschen Nihilismus, ein wenig Konservativismus dort, ein Prise Sozialismus hier, etwas zu viel Liberalismus aber auf jeden Fall. Und merke: Prekariat ist nicht gleich Proletariat und Auf- oder Abstieg nicht gleich Klassenkampf, wenn auch von allem etwas!
    Ihr Optimismus (oder auch Skeptizismus) also in allen Ehren, aber hierfür muss erst mal schwer gearbeitet werden, um diesen zu begründen. Das erfordert vor allem eine gründliche theoretische Arbeit, eine fundierte Kritik, ernst zu nehmende Analysen und klare Abgrenzungen. Und genau dafür stehen Ihre Beiträge nicht, wenn diese von Refeudalisierung reden und ansonsten den Zerfall der Moderne bedauernd attestieren (da finden Sie sich im Übrigen schnell in der Nachbarschaft zu Gruppierungen wie „Bürgersolidarität“/ehemals „Europäische Arbeiterpartei“ – einer vermutlichen Gründung des Verfassungsschutzes), und dabei eben nicht die Besonderheiten der gegenwärtigen Geschichte zu erfassen suchen.
    Es gibt kein „zurück“ so wenig wie ein „weiter so“! Vielleicht ein „trotz alledem“, aber dies auf der Grundlage eines gründlichen Neuanfangs, bei allem aber keine konservativen Attitüden.

  122. @Devin08
    Schauen Sie, ich will...

    @Devin08
    Schauen Sie, ich will ja gar keine Politik machen.
    Ich wuerde einfach nur gerne ein bisschen mehr ueber unsere herrschende Klasse erfahren. Rein interessehalber!
    .
    „Das erfordert vor allem eine grundliche theoretische Arbeit, eine fundierte Kritik, ernst zu nehmende Analysen und klare Abgrenzungen.“
    .
    Nein, genau das braucht es nicht. Nur einen guten Romancier.

  123. Auch wenn's jetzt sehr off...
    Auch wenn’s jetzt sehr off topic wird: Präzise Gesellschaftsschilderung und -kritik literarischer Art gibt’s schon, nur ist die größtenteils aus der sogenannten „ernsten Literatur“ abgewandert in Genre-Literatur wie Kriminal-, Horror- oder Science-Fiction-Romane. Wobei in dieser Hinsicht die Franzosen und Briten den Amerikanern und Deutschen ziemlich überlegen sind, was zumindest partiell für Devin08s These spricht: In Frankreich und Großbritannien existiert noch eine Tradition proletarischen Klassenbewußtseins, die in Deutschland durch den Nationalsozialismus und in den USA durch den McCarthyismus ausradiert wurde. Aber eine solche Diskussion würde jetzt wirklich über die Grenzen dieses Blogs hinausführen.
    Was hingegen Ihre, Devin08s, Attacken auf HansMeier555s ganz offenkundig überspitzte Refeudalisierungsthesen etc. betrifft: Ich finde solche Provokationen erfrischend, nicht weil ich derartige Ansichten teilen würde, sondern weil es zum Nachdenken anregt (und auch einige ganz exzellente kritische Kommentare provoziert hat). Denn Ihre Gegenposition geht davon aus, daß Sozialismus die einzige Alternative zur Barbarei ist. Was aber, wenn nicht? Daß es so nicht weitergehen kann, ist jedem denkenden Menschen offensichtlich. Ob aber eine sozialistische/kommunistische Alternative existiert, ist fragwürdig, so sehr ich eine solche auch begrüßen würde. Insofern brauchen wir Gedankenexperimente, Überlegungen, was sonst noch möglich wäre – und sei es nur darum, um aus begründeter Ablehnung Neues zu entwickeln.

  124. Ein König hätte Substanz,...
    Ein König hätte Substanz, aber ein Banker?
    @HansMeier555 und Alter Bolschewik: Fangen wir mit dem zuletzt gesagten an: Der Sozialismus ist nicht nur eine begriffliche Konstruktion, die man vielleicht ersetzen könnte (weil der Begriff sich etwa abgegriffen hätte!), sondern Teil einer in sich geschlossenen Theorie – der marxistischen. Und es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass all diejenigen, die dem Sozialismus eine Alternative verordnen wollten, ja die eigentlich Gescheiterten sind. Der Realsozialismus war zuletzt nichts mehr anderes als eine solche Alternative – mit Chruschtschows Gulaschkommunismus euphorisch beginnend und als Perestroika schmählich endend. Versprochen wurde den Leuten ja nicht der Kommunismus (in dem wähnten sich nur noch die privilegierten Kader), sondern so etwas wie eine bessere soziale Demokratie – Ein-Parteien-Diktatur selbstredend, aber doch dem Chaos der bürgerlichen Demokratie als Alternative vorgestellt. Der Sozialismus als revolutionären Übergang zur Klassenlosigkeit hatte niemand mehr wirklich im Programm, bestenfalls nur noch im Wurmfortsatz eines solchen, auf den St.-Nimmerleinstag-Tag verschoben.
    Was also ansteht ist zunächst mal die Abgrenzung von diesen und jenen Sozialismen, also die Klarheit im Begriff. Und ich gehe jede Wette darauf ein, dass der Sozialismus als solcher nicht gescheitert ist. Er kann gar nicht gescheitert sein, da er die logische, sprich historische Folge des Kapitalismus ist. Immer dann, wenn der Kapitalismus in die Krise kommt, steht der Sozialismus an, als Massenbewegung oder als ökonomisches Projekt der Herrschenden selbst. Letzteres ist natürlich nur ein Eingeständnis, dass der Sozialismus unvermeidlich bleibt. Denn die Banken werden vielleicht verstaatlicht, aber das Kapital nicht enteignet. Aber, je länger ein solches Szenarium dauert, umso gefährlicher wird seine Durchführung. Denn selbstredend versucht die herrschende Klasse den Sozialismus auf ihre Weise, ihren Startvorteil zu nutzen, und das Ergebnis hiervon ist immer die Barbarei. Aber auch die Massen haben hier Chancen, und es könnte ein echter Sozialismus entstehen, quasi als Betriebsunfall des herrschenden Kalküls, so wie die Krise ja auch ein solcher ist – ein Betriebsunfall.
    Das ist kein mögliches Endszenarium, sondern ein immer aktuelles, gegebenes, mögliches. Wir hatten schon diverse Vorgeschmäcker: Der Nationalsozialismus zum Beispiel, aber eben auch der sog. Realsozialismus. Sie waren alles Diktaturen von Ausbeuterklassen – in ihrer Entwicklung auf jedenfalls -, bürgerliche Diktaturen, keine sozialistische Massenbewegungen.
    Diese, letztere, ist nur möglich, wenn sie tatsächlich von den Massen ausgeht, von diesen gewollt ist. Diese wäre dann alternativlos. Wieso also in der Ferne schweifen?
    Die Lösung liegt bei uns. Sozialismus als Massenbewegung, als revolutionäre Gärung, braucht keine Alternative. Sie ist entweder möglich oder eben nicht.
    All die sog. Alternativen sind nichts anderes als Verzögerungstaktiken oder intellektuelle Gedankenspiele. Spiele von Leuten die mit ihrem Schicksal Roulette spielen, oder die sich nicht die Mühe machen klare und fundierte theoretische Sätze zu formulieren. Spekulieren, so wie uns das System das lehrt eben. Unser Glück suchen, anstatt es zu ermöglichen.
    Zum Roman: Es klingt so einfach, keine Politik nur einen Roman. Zu Balzacs Zeiten war die Welt noch beschreibbar. Es genügte evtl. e i n Genie, das sprachlich begabt genug war, all das Wissenswerte in einen Roman, oder in eben eine Kette von Romanen zu fassen. Heute benötigten wir mindestens 1000 Genies um den Ansprüchen eines Balzacs gerecht zu werden.
    Sowenig wie die Physik die Weltformel finden wird, sowenig wird heute ein Romancier den Formeln menschlichen Schicksals gerecht. Alles Wissen hat uns dazu gebracht zu erkennen, dass wir eigentlich gar nichts wissen, dass das Leben nicht mehr beschreibbar ist. Aber war das noch aus eines Sokrates‘ Munde eine kluge Erkenntnis so ist das heute eine Banalität. Eine Banalität unter so vielen, wie die meisten Romane eben auch – Banalitätensammlungen. Große Worte erfordern heute mehr denn je ein geeignetes Gerüst, einen starken Unterbau. Nicht das Feuilleton, oder der Roman, ja nicht mal mehr die Lyrik vermögen die Last zu tragen. Die Theorie alleine kann und muss es schaffen, die die es sich leisten kann, viele Geister zu vereinen ohne dass das Gesamtwerk zu mächtig wird oder zu schwülstig, oder eben nur zielloses Geschwafel bleibt.
    Die „Refeudalisierung“, ich habe diesen Begriff auch schon verwendet, als unzureichenden Metapher, mangels eines Besseren, ist so ein Ausdruck des Geschwafels. Solche Worte erklären so wenig wie sie helfen, sie lindern vielleicht nur ein Gefühl des Schmerzes, des Weltschmerzes, wie das des Eingeständnisses der eigenen Unzulänglichkeit, dem Sehnen nach dem verlorenen Paradies.
    Keiner alleine schafft es mehr, und der Roman ist das Werk eines Einzigen, sondern nur noch alle zusammen. Die Kultur ist Sache der Massen geworden, im unmittelbaren Sinne des Wortes. Das ist evident, inwieweit das nur tragisch ist oder gar historisch positiv, das gilt es zu beweisen.
    Die „Leute“ (die Rede ist von einer quantitativ angemessenen Auswahl aus 6 Milliarden Menschen) schreiben keine Romane mehr, ja sie lesen auch keine mehr (es sei denn das am Kiosk Erhältliche ist ein Roman), sie machen sie, die Romane, und dabei machen sie gleich Geschichte. Romane sind Ersatz für Geschichte, Ersatzgeschichte, bürgerliche Beschäftigungstherapie.
    Ja, Krimis, Denkspiele, Gehirnjogging, das geht noch, aber welcher dieser Krimis hätte 500 Seiten?
    Das sind keine Romane, das sind geistige Events kleineren Formats – auch die englischen oder französischen, oder ganz aktuell die nordischen.
    Selbst eines Musils „Mann ohne Eigenschaften“ müsste heute umgeschrieben werden. Aber wer sollte das tun? „Eigenschaften“ ist eine wertvolle Begrifflichkeit, eine Begrifflichkeit voller Wertung. Schauen wir uns das Krisenszenarium an, die Banker, den Ackermann wegen mir, alles ohne Eigenschaft(en)? Eine bestimmte Wertvorstellung vorausgesetzt – ja! Eine konservative natürlich, denn das Bürgertum bedauert seine Bedeutungslosigkeit. Als ökonomisch-soziales Geschehen betrachtet, sehr wohl eines mit Eigenschaften. Die Eigenschaft lautet: eigenschaftslos, reine Bewegung, ohne Substanz, das pure Kapital. Ja scheinbar gleichgültig gegen sich selbst. Selbst wenn es sich vernichtet, hat das keine Bedeutung. Der König ist tot, es lebe der König. Aber selbst das wäre schon der Bedeutung zu viel. Ein König hätte Substanz, aber ein Banker?

  125. Devin08, ich empfehle Ihnen...
    Devin08, ich empfehle Ihnen Die Verschwundenen von Jean-François Vilar – hat zwar „nur“ 450 Seiten, könnte Ihnen aber trotzdem gefallen…

  126. Dr. Watson ist der...
    Dr. Watson ist der Leser
    @Alter Bolschewik: Danke für den Tipp. Ich lese natürlich immer erst die Kundenrezensionen bei Amazon.de, und die lassen mich hier ein wenig irritiert zurück. Trotzkisten und Surrealisten und dann noch in Kombination sind nicht unbedingt meine erste Wahl, und doch wäre ich vorurteilsfrei – immerhin Krimi und Geschichte, was da versprochen wird -, aber angeblich sollte man sich auskennen in der surrealistischen Kunst und im Paris der Vorkriegsjahre. Paris kenne ich ein wenig, persönlich und aus der Literatur, aber nicht aus den Vorkriegsjahren (bin ich noch zu jung für). Und außer über die Grässlichkeiten eines Dali ist mir auch der Surrealismus nicht weiter bekannt. Hatte erst kürzlich so eine Enttäuschung, als ich über eine FAZ-Empfehlung „Teil der Lösung“ von Ulrich Peltzer in die Finger bekam. Auch hier natürlich kein Ende in dieser Geschichte, außer dass ich den Eindruck gewinnen sollte, dass sich Terrorismus und Geheimdienste gegenseitig ganz hervorragend bedienen, was mir keine Neuigkeit schien, aber in dieser banalen Struktur verwoben – der Roman springt auch von einer Charaktermaske zur anderen – mir doch etwas zu starker Tobak.
    Allerdings lernte ich über ein halbes Zitat einen neuen Philosophen kennen – Zizek (über Lenin) -, ich erwähnte ihn schon des Öfteren. Ein echter Gewinn. Ein langer Weg, um dann doch dort zu landen, wo man ehe am liebsten zuhause ist. Die Politik im 2. Aufguss (irgendjemand verwendete da mal die Formulierung vom Teebeutel, der das zweite Mal aufgegossen worden sei), ist doch nicht wirklich erbaulich. Dass der lange Atem des Trotzkismus bis in die aktuelle Gegenwart hinein noch so etwas wie eine Spannung erhalten wolle, will mir nicht einleuchten (ähnliches gilt natürlich auch für sog. Stalinisten), außer dass es einem immer noch schwer fällt zu akzeptieren, dass politische Auseinandersetzungen nicht wirklich politisch möglich sein sollten. Diese Erkenntnis zermürbt mich, eben weil ich an die Macht der Worte glaube, noch vor denen aus den Gewehrläufen.
    So ist auch „Wie der Stahl gehärtet wurde“, von Nikolai Ostrowski als Original und v o r der Zeit(enwende) gelesen (und in seiner Zeit verstanden, man beachte die semantische Überhöhung des „Stahls“, wer denkt da nicht an „hart wie Kruppstahl“?) ein lesenswertes Buch (gewesen), man verstand, was Klassenkampf bedeutete, wenn man ihn so nicht mehr kennt, nicht persönlich, nicht in seinem Umfeld. Jetzt aber steht dieses Buch im Regal und wartet auf seinen materialen Zerfall. Für die Nachwelt, die, die es nicht rechtzeitig gelesen habe, würden es ehe kaum verstehen. Die Sprache hat sich ganz sicher geändert, aber vermutlich nicht nur diese, daher sind solche Überhöhungen, aber auch jene Differenzierungen in Trotzkisten oder Stalinisten längst überholt, wie überhaupt der oder das, das über solche Beschreibungen und Unterscheidungen nicht hinaus ginge. Auch in der Kunst wandeln sich die Begriffe. Was ist heute noch Surrealismus? Über dem Realen stehend, wer tut das heute nicht? Ist es nicht völlig surreal, wie wir uns noch vor unserem natürlichen Ende zu Tode konsumieren (nicht nur fressen, konsumieren, ganz gepflegt), zumal im Angesicht einer Krise, die uns alle zu verschlingen droht, vor unserem letzten Happen? Nein, es ist real! Unsere Realität! Das Ende, ist der Hit, d a s Thema, das vor seiner Zeit.
    Der spannendste Roman ist mir dann auch ein wissenschaftlicher Exkurs – Keine Zukunft für Adam -, von Bryan Sykes. Das Ende des Patriarchats auf ganz neue Weise. Ein Thema, das ich genieße. Eine spannende Geschichte in die Geschichte und in die wahrscheinliche Zukunft des männlichen Gens, des Y-Chromosoms, wie überhaupt des männlichen Geschlechts, von einem echten Wissenschaftler erforscht und beschrieben.
    Hervorragend zu lesen, auch für wissenschaftliche Laien, ein wahrer Krimi, nach englischer Art. Deduktiv, positivistisch, aber nicht im deutschen Sinne, sondern eben auch dies angelsächsisch gelassen, nicht prinzipienlos und doch pragmatisch, empirisch. Kein Dogmatismus. Voller Humor und akribisch im Ernst. Die Ideologie („Patriarchat“) erscheint nur andeutungsweise, wenn überhaupt.
    Man denkt, man ist bei Sherlock Holmes, Dr. Watson ist der Leser. Köstlich.

  127. Wahnsinn, soviel Text. Ob das...
    Wahnsinn, soviel Text. Ob das denn einer überhaupt alles liest. Ich wollte nur mal sehen ob sich jemand zu meinen Auslassungen äußerte. Strg + F sei Dank war dies möglich.
    Entschuldigung
    Bitte

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