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Stützen der Gesellschaft

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Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Drei Wochen Wartezeit

| 28 Lesermeinungen

Bildergalerie zum Beitrag über die Druckerei Besia in Mantua.

Wie auf alten Kupferstichen: Die Druckerei Besia in Mantua logiert in Räumlichkeiten der Renaissance, und macht Visitenkarten wie in den Tagen, da man sich damit nur als Person vorstellte. Und nicht als Senior Funktionsrädchen of International Bedeutungslosigkeit.

Bild zu: Drei Wochen Wartezeit

Zuerst wird das Papier ausgesucht. Glatt? Weiss? Bütten? Naturfarben? Mit Struktur? Die Ränder gerissen oder geschnitten? Kanten oder Rundungen? Eher gross oder klein?

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Erst danach wird die Schrift ausgewählt. Passt sie zur Kartengrösse und zum Papier? Drückt sie den Charakter des Besitzers und den Anlass angemessen aus? Darf es auch etwas verspielt sein?

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Dann wird ein erster Probedruckstock gebaut. Dazu braucht man sehr viele, unterschiedliche Metallschienen, die die Lettern fassen.

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In massiven, tausendfach benutzten Schubladen lagert der Schatz der Druckerei: Die Lettern, sortiert nach Form und Grösse. Drucken ist kein Beruf für Schlamper.

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Die Schubladen werden dann gezogen und offen aufgestellt: Ein komplexes System von Einteilungen und Metallbuchstaben.

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Im Herz der schwarzen Kunst: Die Schubläden können auch noch in Jahrhunderten Lettern fassen. Routiniert entnimmt der Drucker die richtigen Buchstaben. Oder so.

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Da fehlt ein N anstelle des O. Aber mal ehrlich, wer möchte schon, dass Leute, die Visitenkarten verlangen, wirklich wissen, wer man ist? Sollen die doch andere Leute suchen.

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Echte Hingabe an die schwarze Kunst: Wo sich andernorts Mädchen vielleicht auf Autos räkeln, ist der Werkstattkalender ebenfalls pechschwarz.

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Während die Druckstöcke für die Karten gesetzt werden, warten die altertümlichen Maschinen auf ihre Arbeit. Der Papiereinzug ist vielleicht etwas grösser als beim Laserdrucker. Dafür hält er aber auch die nächsten 100 Jahre.

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Das Lebenselexier: Schwarz, klebrig, dauerhaft. Man sollte natürlich aufpassen, wo man sich gerade anlehnt: Es ist fast so unangenehm wie Kollegen.

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Dann greifen die Saugarme synchron zu und ziehen Blatt um Blatt in die Maschine, wo sie mit gehöriger Geräuschentfaltung bedruckt werden. Für andere Leute. Wer gerade bestellt hat, muss etwas warten.

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Solange kann man sich ja ein wenig in Mantua schöne Menschen anschauen, die keine Visitenkarten brauchen, um zu gefallen.

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Überhaupt, die Druckerei steht in einer Kulturregion, in der man sich auch etwas kulturell fortbilden kann: Die Welt ist mehr als Value Chain und Excell-Sheet.

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Man könnte sich vielleicht auch ein neues Hobby zulegen, oder zumindest ein wenig den historischen Rennwägen des Gran Premio Nuvolari hinterherfahren – ob Ferrari Visitenkarten hatte?

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Drei Wochen kann es schon mal dauern. Drei Wochen reichen aber nicht aus, um die Gastronomie des Ortes umfassend kennen zu lernen. Man hat viel zu tun, in dieser Zeit.

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Zum Ausgleich kann man sich vielleicht auch ein italienisches Rennrad kaufen und zum See radeln, was eine ganz andere Herausforderung als das Mobbing und die Angeberei ist, die man sonst so austrägt (Ich bin so überarbeitet! Ich brauche dringend eine Drittsekretärin! Ich brauche einen besseren Parkplatz! Man kennt das.)

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Dort, am See, gibt es einen Sonnenuntergang. Man lernt, dass es ohne Sonne geht, und vermutlich ginge es in der Firma auch ohne wichtige Titel auf Visitenkarten. Die Friedhöfe sind voll von Menschen, ohne die es nicht ging.

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Mit etwas Glück findet man auch einen vom Wasser abgelutschten Knochen. Das sind wir. Alle. Und das werden wir sein, wenn alle Visitenkarten längst weggeworfen sind, und niemand mehr unseren Namen kennt. Immerhin liegt der Knochen in einer hübschen Gegend.

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Und wir selbst müssen, wenn die Karten fertig sind, wieder zurück zum normalen Treiben. Der Fehler ist nicht das N anstelle des O. Der Fehler ist, dass der Papierkorb jener Teil der Druckerei Besia ist, der der modernen Arbeitswelt am nächsten kommt.

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Aber so wichtig ist das alles nicht.

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28 Lesermeinungen

  1. Ähnlich Informatives gibt's...
    Ähnlich Informatives gibt’s auch bei einem Berliner (!) Drucker, der solch‘ „altmodische“ Qualitätsarbeit leistet wie hier oben angedeutet und der gerne darüber schreibt: Martin Z. Schröder, in:
    http://blog.druckerey.de/

  2. Sehr, sehr schön! Text und...
    Sehr, sehr schön! Text und Bilder komponiert.
    .
    Anfangs störte mich Ihr bayerisches „Wägen“ statt Wagen.
    Aber mittlerweile finde ich es charmant.

  3. Klickstrecken! Her damit! Und...
    Klickstrecken! Her damit! Und vor allem diese!
    Ich habe das Gefühl QUASI dabeigewesen zu sein.
    Ein schöner Ausflug!
    Nur bei den Autos waren wir zu kurz!

  4. "Die Friedhöfe sind voll von...
    „Die Friedhöfe sind voll von Menschen, ohne die es nicht ging.“
    Vielen Dank dafür.

  5. Da kann ich @Jeeves nur...
    Da kann ich @Jeeves nur „vollumfänglich“ zustimmen: es dürfte schwer sein, einen fanatischeren (im positiven Sinne) Setzer und Drucker in Deutschland zu finden. Schröder setzt nicht nur schöne Visitenkarten oder Exlibris, sondern gestaltet auch auf eine Weise Bücher wie man das bei Beck & Co. schon vor Jahren verlernt hat.

  6. @ Jeeves

    Der kam mir auch in...
    @ Jeeves
    Der kam mir auch in den Sinn.
    Mein Vater war Buchdrucker, wir wohnten neben der Buchdruckerei. Ich durfte noch erleben, wie dort Tag für Tag in der Setzerei eine komplette Tageszeitung „gebaut“ wurde. Einen besseren Spielplatz gab es nicht.
    Es ist schade, dass dieses Handwerk bis auf wenige Künstler untergegangen ist.
    @ Don: „Senior Funktionsrädchen of International Bedeutungslosigkeit.“
    Ich staune auch immer über die ganzen Seniors und Juniors und Managers. Bin allerdings nicht damit zu beeindrucken, da sich mir der Sinn bis heute nicht erschlossen hat.

  7. Jeeves, das Blog ist schön,...
    Jeeves, das Blog ist schön, aber der Drucker wohnt für diesen Text im falschen Ort.
    .
    Don Ferrando, ich komme von hier, da ist das so. Ich kann nicht anders. Sagt man wirklich Wagen?

  8. Gabriele Spangenberg, Autos...
    Gabriele Spangenberg, Autos liefere ich nach, und dass es mit dem Klicken nicht geht, liegt nicht an mir. Ich habe es gewollt, es wurde diese Lösung verlangt, und wenn die Verantwortlichen das ok finden, dann soll es so sein.
    .
    Yossarian, bitte, gern geschehen. Es ist kein Wunder, dass man immer neue Friedhöfe baut.

  9. <p>Usedomspotter, ich kümmere...
    Usedomspotter, ich kümmere mich generell nicht um Titel. Deshalb steht auf meiner Karte auch nur mein Name, das muss reichen, und wer mehr wissen will, den nenne ich einen Knilch oder einen Journalisten. Ich schreibe gerade über einen Mann, der ein paar Ämter hat und mühe mich. genau die nicht zu erwähnen. Es geht um die Person.

  10. ... zwar hat das Gasthaus...
    … zwar hat das Gasthaus „Jennerwein“ am Tegernsee letztes Jahr den Wirt gewechselt – nichts genaues weiß ich nicht -, dort gewesen bin ich auch nicht.
    Aber immerhin befindet sich diese „Location“ im Dunstkreis eines Don A. (wenn auch gerade im Augenblick nicht).
    Worauf ich aber hinaus will, ist die C. I. von det janze, weil ditte, wa?, ditte hat ooch een Berliner jemacht. Schaut hier:
    http://www.designmadeingermany.de/corporatedesign/corporate-design-jennerwein-1826-buttenpapierfabrik-gmund/

  11. Ich war mal in der Druckerei...
    Ich war mal in der Druckerei von Axel Springer (und WAZ?) in Essen und auch dort war ich geradezu erschüttert von der Unmenge „Nackter-Frauen-Kalender“ in dem Laden. Aber das scheint in Druckereien wohl so üblich zu sein …

  12. Die sind aber nicht nackt,...
    Die sind aber nicht nackt, sondern druckergeschwärzt.
    .
    Und was das Essen angeht: Ostiner Stuben. Man kann am See teurer essen, aber kaum besser.

  13. Schöner Artikel -- Chapeau!!!...
    Schöner Artikel — Chapeau!!! Die „Schubladen“ mit den Lettern nennt man übrigens auf gut Deutsch Setzkasten. Doch wer weiß so etwas heute noch.

  14. ...mei die Linke do, de war...
    …mei die Linke do, de war scho eppes, ois wos recht is.
    Calendario Pirelli per ogni garage per dolcificare si durante l’attesa per il tempo.
    http://www.pirellical.com/thecal/home.page

  15. S´is grod wia mid´m Wuidera...
    S´is grod wia mid´m Wuidera Jennerwein, koa Boanderl findst mehra vo eahm. Oba vagessn hom´s eahm no net bei uns do herinna-de Jaga net, de Wuidara net, de Weiba scho amoi goar net.
    http://www.jagd.it/musik/bericht-jennerwein.htm

  16. Sehr schön! Ich bin...
    Sehr schön! Ich bin begeistert. Und hätte auch noch zwei Links für Bibliomanen und Bleisatz-Aficionados:
    http://www.druckkunst-museum.de/Museum_de.html
    http://www.bibliothek-sg.de/

  17. @Don, Sie können es einfach,...
    @Don, Sie können es einfach, mit Bildern und wenig Text viel sagen. Die Entdeckung der nordital. Langsamkeit. Estupendo! – Rennwägen hab ich jetzt überlesen……
    @dunnhaupt, es gibt den Beruf des Setzers/Schriftsetzers außer dem des Druckers.

  18. "Don Alphooso"? oO...
    „Don Alphooso“? oO

  19. Agent 00Don mit der Lizenz zum...
    Agent 00Don mit der Lizenz zum dissen.
    .
    nico, das war ganz leicht, die Kamera draufzuhalten war wirklich keine Kunst – aber Danke für das Lob.

  20. Savall, ich vom Ergebnis auch....
    Savall, ich vom Ergebnis auch. Danke für die Links, man lernt nie aus.
    .
    dunnhaupt das war es, was mir und dem müden Dichterhirn entfallen ist. Danke!

  21. @nico:Lassen sie die...
    @nico:Lassen sie die Rennwägen dazugehören. Bitte. Das Cockpit eines Rennwagens muss Ort absoluter Ruhe sein. Sonst ist man nicht schnell.

  22. @nico:meinen sie Langsamkeit...
    @nico:meinen sie Langsamkeit oder Ruhe? Denn falls sie Ruhe suchen empfehle ich die Fahrt im Rennwagen.

  23. Das Museum Industriekultur in...
    Das Museum Industriekultur in Nürnberg hat auch eine Sammlung von kleinen Druckmaschinen und auch zwei (?) Satzmaschinen, also schon mit Einweg-Guss. Die werden im Rahmen von Aktionstagen auch benutzt. Vielleicht kannst du ja mal auf einem deiner Wege nach Frankfurt dort Station machen.

  24. @Liebe Gabriele Stangenberg,...
    @Liebe Gabriele Stangenberg, ich meinte sehr wohl die Langsamkeit nach dem gleichnamigen Roman. Die Ruhe kommt automatisch, wenn alle Lichter ausgehen.

  25. Es gibt da noch einen sehr...
    Es gibt da noch einen sehr schönen Dokumentarfilm, quasi als Negativbeispiel, von Hans Ulrich Schlumpf aus dem Jahr 1987: Umbruch. Der Einzug der Computer im Druckereigewerbe. Der Film begleitet die Angestellten der Druckerei Akeret AG in Bassersdorf, Schweiz bei der Umstellung vom Bleisatz zur Digitalisierung. Hier sieht man die drastische Veränderung eines ganzen Berufsstandes.

  26. Lieber Nico, natürlich ich...
    Lieber Nico, natürlich ich Tor.
    Ein bißchen schade, denn die Zeit als Thema ist zu verführerisch. Ob die Norditaliener sich wohl auch als langsam bezeichnen würden? Können wir mit diesem Thema hier weiter machen? Norditalien? Buch? Vorschläge?

  27. danke, don alphonso.
    .
    für...

    danke, don alphonso.
    .
    für die freunde des bleisatz:
    http://www.schumachergebler.com/index.php?page=offizin-haag-drugulin

  28. Zum Dank für den schönen...
    Zum Dank für den schönen Artikel und die Bilder schenke ich Ihnen einen Fliegenkopf, den ich aus dunnhaupts Setzkasten gerade entwendet habe.

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