Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Wer weniger stirbt, hat mehr vom Leben

| 38 Lesermeinungen

In den Bergen ist der Tod allgegenwärtig, aber seine reichste Ernte holt er in Berlin: Dort ist er gut getarnt, und drückt mit modernsten Versprechungen und Methoden das Lebensalter der Menschen.

Do hosd an Dreeg im Schachdal
Tant’Betty

Wenn einer mit 18 am Hirschberg im Schneesturm erfriert, bekommt er an dieser Stelle ein Marterl, auf dem die Geschichte verzeichnet ist, und alle, die vorübergehen, lesen das Schicksal nicht ohne Beklemmung und passen auf. Wenn einer mit 19 betrunken ist, sich im Auto seiner ebenfalls alkoholisierten Freunde übergibt, von denen deshalb vor dem Elternhaus rausgeworfen wird und dort in einer Februarnacht erfriert, erinnern sich manche daran, aber ich muss das schon aufschreiben, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Ein Marterl gibt es dort natürlich nicht, nur einen Grabstein auf einem Friedhof in der Peripherie. Am Tegernsee geht man noch oft auf den Friedhof, in der Stadt nicht, am Berg ist der Tod nah und in der Stadt hinter den abweisenden Fassaden der Krankenhäusern versteckt, tief verborgen in den Innereien der Stationen und voll klimatisiert. Bei uns riecht es nach Tod.

Meine Mutter schaut mich an, als wäre ich der Boandlkrama höchstselbst und fragt, wo ich denn gewesen sei. Ich verstehe überhaupt nicht, was sie meint, denn ich war ja nur am Tegernsee und ein wenig oben auf dem Hirschberg, und dann am Abend noch im Feichtner Hof in Finsterwald – so müssen bayerische Orte heissen! – beim Essen, und dann bin ich schnurstracks heimgefahren. Ich würde riechen, sagt sie, als käme ich direkt aus einem Wohnungsbrand. Tatsächlich macht auch die Katze einen grossen Bogen um mich, das macht sie sonst nie, und schlagartig wird mir klar, dass ich drei Stunden neben dem offenen Kamin gegessen und geredet habe, und das fällt heute, in Zeiten des allgemeinen Rauchverbots, feinen Nasen auf – nur man selbst gewöhnt sich schnell daran, wenn man daneben sitzt. Früher rochen alle Menschen komisch, wenn sie einen Abend in einem Lokal waren, heute wird schon ein offener Kamin mit Verstörung wahrgenommen. So ist das. Bei uns.

Vermutlich ist so ein offener Kamin nicht gesund und wir in Bayern neigen dazu, den Feinstaub zu jenem Pfund Dreck zu rechnen, das der Mensch im Jahr braucht, um zu funktionieren – Mediziner würden sagen, um Resistenzen aufzubauen. Es ist ein merkwürdiges Zusammenspiel aus Frieren am Berg und vergleichsweise geregeltem Dasein, finanzieller Sicherheit und Strukturen, denen man nicht entgeht. Der Bäcker macht zwischen 12 und 2 zu, die Wirtshäuser stellen nach 22 Uhr das Kochen ein. Wer auf den Berg will, muss früh los und der Tod ist an allen Wegen mit Marterln. Friedhöfen, Kirchen und Kapellen allgegenwärtig. Wenn ich nur zum Bäcker gehe, komme ich in fünf Minuten an zwei Friedhöfen, vier Marterln, einer Kirche und einer Pestkapelle vorbei. Am See ist dann ein Denkmal für Thomas Mann, der nach dem ersten Weltkrieg hier war, um den Hunger in München zu entgehen, und von den Gmundner Bauern ernährt wurde. Was wäre gewesen, wenn ihn damals die spanische Grippe dahingerafft hätte? Der Tod ist hier überall.

Dabei leben die Menschen hier lang. Sehr lang sogar, wenn man bedenkt, wie oft sie hier von der Sonnenstrahlung Hautkrebs bekommen und den Unbilden der Natur ausgesetzt sind. Niemand weiss, wann er kommt, aber die Statistik meint, dass sein Eintreffen ein halbes Dutzend Jahre später als dort ist, wo man ihn gar nicht sehen kann; in Berlin nämlich. Ich mag das auch kaum glauben, so oft wie ich hier vom Berg gefallen, über den Lenker geflogen und in den Stacheldraht gerauscht bin, aber nach hinten hinaus halten wir einfach länger. Der Jugend mag das egal sein, aber in meinem Alter macht man sich schon so seine Gedanken: Würde man hier jeden älteren Herrn 5 Jahre vor seinem natürlichen Tod umbringen, wäre es Massenmord. In Berlin kommt das von ganz alleine und die nehmen das einfach so hin, weil sie, wenn er kommt, keine andere Wahl mehr haben. Davor aber schon, wenn sie genauer hingeschaut hätten. Denn der Tod umfängt uns immer im Leben, man muss sich das bewusst machen.

Der Tod in Berlin jedoch, das möchte ich annehmen, hat gelernt, wie man die Menschen täuscht. Zum Beispiel behauptet er, dass das mit dem Sterben schon lange her ist; die Einschusslöcher, die man noch aus dem letzten Weltkrieg sieht, sind ja schon alt. Die Mauer mit ihrem Todesstreifen ist weg, also sind die Risiken kleiner und man braucht sich keine Sorgen machen. Geniesst das Leben, sagt der Tod, er trägt bunte Kleider und bietet Pillen und Joints an und Freunde, die das auch machen. Macht Euch keine Sorgen um später, sagt der Tod und wirft billige Wohnungen auf den Markt, in denen man als junger Mensch auf Matratzen leben und als alter Mensch mit ramponierten Gelenken einsam sterben kann, weil die Freunde längst verschwunden sind. Halte Dich an keine Regeln, sagt der Tod, Du kannst alles immer haben, Zigaretten, Alkohol, eine Pizza, Zucker in allen Formen, immer, 24/7, gib Deinen Wünschen nach, und wenn Du lieber vor dem Bildschirm bleibst, den braunsiffige Kaffepot neben Dir, dann ruf einfach an und ich bringe es Dir, kostet Dich kaum mehr als ein Schnapserl, mein Freund. Bleib daheim, es ist kalt draussen, es riecht schlecht, Bewegung schadet.

Und so trinken sie und rauchen sie und ernähren sich mit allem, was ihnen die Industrie so liefert, wenn sie durchmachen, in ihrem Dasein ohne echte Regeln und viel verlockender Flexibilität, mit der man umgehen können sollte. Aber alle machen es so, alle kommen irgendwie durch und es ist immer etwas Wasser unter dem Kiel. Sie gehen ebenerdig in der Stadt dahin, die sie nie verlassen: Es geht, das schaffen sie, da können sie noch rauchen, denn nie stellt sich ein ernsthafter Berg in ihren Weg, macht sie klein und quetscht den Dreck aus ihren Lungen, bis sie merken, wie tief der Tod schon dort drinnen sitzt und ihnen das Kragerl abdrückt, nie müssen sich die Muskeln bewegen, um vor dem Bergunwetter davonzulaufen, allenfalls dem Bus wird nachgelaufen, und dann fallen sie in die Sitze und denken nur noch an das nächste Wegbier, um zu vergessen und nicht mehr all das zu schmecken, was an Abgasen und Nebel in dieser Luft das Atmen erschwert. Der Tod hat Flaschen und Dosen gemacht, die man nicht wieder verschliessen kann, es muss getrunken werden und es wird getrunken. Den Tegernsee, den kennen sie nur vom Etikett der Flaschen, sofern sie sich das überhaupt leisten können.

Es is wias ist, sagen wir hier in Bayern und unten am Sumpf ist nun mal viel Platz für einen Slum, den wir hier allein schon wegen der nahen Berge nicht bauen könnten, es muss welche da unten geben und warum sollen sie sich das, was ihnen vergönnt ist, nicht mit dem gefühlt immerwährenden Karneval schön machen. Vorletztes Jahr hatte dann ein Prügler an einem Camp ein böses Problem mit der Wirbelsäule, so ab 40 hört man oft von Verschleisserscheinungen, für die einen sind es Schüsse vor den Bug und für die meisten der Anlass für Pillen, die sie sich verschreiben lassen können, und nicht im Görlie bekommen. Bei uns schaut man in den Himmel und macht sich so seine Gedanken, was da wohl kommen wird, und wie klein man ist; in Berlin schauen sie alle den Fernsehturm an und denken, wenigstens ist es in einer Metropole und das Leben ist hier, das steht ja auch in amerikanischen Zeitungen, so amerikanisch wie das Essen, das sie sich kommen lassen und oft genug „Snickers“ heisst.

Als ich den Hof nach dem Essen und vielen guten Worten verlassen habe, war da nur noch rotglühende Asche im Ofen; all die Jahre, die die Buche gebraucht hat, um so viel Holz zu werden, sind zerfallen zu Rauch, Gestank und angenehme Wärme. Buche brennt lang, Fichte brennt schnell und am schnellsten brennen alte, trockene Weihnachtsbäume, wenn man sie vorher noch mit Brandbeschleuniger übergiesst. Das weiss die Antifa in Berlin und wir wissen das auch. Wir leben so und die leben anders, und am Ende kommt er zu uns allen, so, wie wir es ihm halt einrichten.Unter der Erde brauchen wir dann alle den gleichen Platz, und davor sitzen wir alle auch auf den gleichen vier Buchstaben. Wir tun das sechs Jahre länger mit schöner Aussicht auf den See, die Berge, und auch auf ihn, denn am Ende jeder Fernsicht, das wissen wir, ist er, und gerade noch woanders beschäftigt. Früher in Berlin, später bei uns. Die Berliner finden sich damit ab und man kann hier eh nichts machen, denn es gehört dazu.

So is des. Man muss das heutzutage mit der Fastenzeit nicht ernst nehmen. Alles geht, und jeder geht einmal dahin.

HINWEIS:

Wer diese original Bayerische Fastenpredigt kommentieren möchte, gehe dahin zum Kommentarblog.

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38 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    – man muß nicht in Berlin gelebt haben, um sowas zu schreiben !

  2. logisch
    „Würde man hier jeden älteren Herrn 5 Jahre vor seinem natürlichen Tod umbringen, wäre es Massenmord.“
    .
    Das wäre wohl überall so. Wegen der Logik, denk ich mal.

  3. ...
    jandl, der berge wohl lieber vor als unter sich hatte, schrieb ein gedicht: „wir sind menschen auf den wiesen, bald sind wir menschen unter den wiesen und werden wiesen und werden wald – das wird ein heiterer landaufenthalt.“ solange bleibts man aufm asphalt.

  4. Boandlkramer?
    Lieber Don,
    ein sehr berührender Artikel.
    ER wird uns alle erwischen. Als Beckmesser habe ich aber zum Dialekt eine Anmerkung. Einen „Boandlkramer“ gibt es nicht. Der würde wohl mit kleinen Knochen handeln. Aber der „Bandlkramer“ handelt mit Bändern etc. In diesem Fall gibt es keine Diphtongierung. Es ist ethymologisch ein klares längeres a. Sorry. Ich genieße jedesmal Ihre Blogs. Liebe Grüße aus Wien

    • Passt scho
      Ihre Vermutung mit dem Knochenhändler ist so abwegig nicht. Der Boandlkramer ist im schönen Bayern die Bezeichnung für den Sensenmann. Der sozusagen mit den gsammelten Knochen von Haus zu Haus zieht…

    • Boandlkramer
      Steht sogar in der Wikipedia, ist auch literarisch im Brandner Kasper festgehalten. Scheinbar liegen doch Welten zwischen den Bairisch sprechenden Nachbarn

    • ß ss sz-Fiesler
      Ja mei … bassns bloß auf, wenna ummi kimmt: „ER“
      Zack – oa moi net gscheid aufbasst beim radln – und scho is a do: „ER“
      Ob ma Boanlkramer oda Boandlkramer schreibt – is fei dann eh wuascht.
      Nacha hams gscheid an Dregg im Schachterl. :-)
      .
      Wei… so schlau wia da Brandner Kasper – is heit koana mehr!

    • Titel eingeben
      Der Tod ein Bandkrämer? Wers glaubt. Er würde dann aber wohl auch in Wien und Bayern mit kurzem a ausgesprochen. Wenn er aber in Bayern diphtongiert und in Wien mit langem a ausgesprochen wird, dann ist schon der Gebeinkrämer gemeint.

  5. Ohne Worte oder
    Das Muster Ukraine – von sich selbst spontan nach Mitteleuropa verpflanzt

    Huntington sieht jetzt auch Spaltung der BRD voraus – zunächst Demarkation entlang einer Linie Nürnberg-Saarbrücken – später mehr – CSU putscht in München – Stoiber regiert via Dekret – Notstandsverordnungen in Kraft – den Bürger vor zuviel Information schützen – Batteriepaket-Siegelkonrollpolizei läuft verstärkt Handystreife – mehrere erfahrene Jungbloggerinnen wg. guter Führung vorzeitig entlassen – Übernahme in den mitteldeutschen Internetschutz – Don Alphonso in Abwesenheit zum Tode verurteilt – noch leerer Sarg an Bord des Dampfers „Berlin“ unterwegs – notorisch verfolgte Untergrundorganisation gründet die geheimen Journalisten-Files – der Innenminister gibt bekannt: falls man ihrer habhaft würde, würden sie sicher später veröffentlicht – 50 Jahre als kleiner Zwischenzeitraum vorgeschlagen – die geheimen Lampedusa-Protokolle trotzdem unbegrenzt unter Verschluss – konzertierte Aktionen des neuen Staatsschutzes mit den Stadtwerken – die allgemein Abdeckpflicht für private Solarmodule von der Bevölkerung weitgehend eingehalten – unkontrollierte Stromerzeugung könnte zu Unruhen führen – Lob für verständnisvolle und kluge Mitwirkung der Einsichtigen – Meinungsfreiheit durch sinnvolle Elektrizitätsbeschränkungen kaum eingeschränkt – neue revolutionäre Merkmale verkündet – die Geheimdienste schreiben durch sinnvolle Eingriffe den Lauf der Geschichte ab sofort alleine – Entlastung der Bürger von überbordender Verantwortung begrüsst – „Bewegung Neue Generation non-@“ prescht vor – Unheimlichkeit das Mittel der Feinde – einzelne Exemplare der FAZ in den Lichthof der Münchener Universität geworfen –

  6. Wer weniger stirbt, hat mehr vom Leben
    Wer weniger „LEBT“, hat mehr vom…Frieden-vor“DOT“com

  7. Und was will....
    uns der Autor damit sagen? Klingt etwas nach der „christlichen Morgenrede im Radio“.
    Das wir alle sterben werden ist klar….was soll der Vergleich mit Berlin? Gibt es in München keine Fast-Food Ketten, wird da nicht geraucht und gibt es da keine Antifa. Was auch immer die wieder damit zu tun haben soll.

  8. Gute Luft und weniger Stress
    Sehr geehrter Don,

    die vergleichsweise bessere Lebenserwartung bei Ihnen hat Gründe, die nicht nur in angeblicher Berliner Zügellosigkeit begründet sind.
    Hier arbeiten Viele hart am „Mithalten“ und machen sich dabei kaputt. Und nicht wenige laufen sich dann auch noch dafür die Lunge aus dem Hals.
    Zügellose Verachtung hilft wohl auch nicht zur Erkenntnis, oder?
    Freue mich mit Ihnen, dass Sie so leben können, wie es nicht nur Ihre landschaftliche Umgebung erlaubt. Aber bedenken Sie doch bitte, dass viele weit weniger Möglichkeiten haben.
    Betäuben sei hier stärker verbreitet? Nunja, abgesehen davon, ob es überhaupt so ist, haben hier doch mehr einen Grund dazu. Aber wer den Schaden hat, der spottet eben jeder Beschreibung.
    Und doch lebt es sich hier sehr gut. Nicht nur, weil Berlin eine sehr schöne Umgebung voll schöner Seen hat – und die Ostsee ist auch nicht weit. Und die warmen Tage unter azurblauem Himmel sind auch hier schön. Auch wenn unser Kulturangebot natürlich nicht mit jenem bei Ihnen mithalten kann. Man kann halt nicht alles haben. Oder doch?
    Viele freundliche Grüße aus den Niederungen – azur

  9. Stimmt
    Stimmt genau. Als wir das letzte Mal in Bayern waren, sagten meine Kinder: „Hier gibt’s ja überall nur Rentner“ :-))

    Und wirklich: sehr sehr viele Alte, einsame Alte, keine Jungen, da unten (oben?) in den kleinen bayrischen Käffern. aj

  10. der Tod kann schon furchtbar sein
    vor allem, wenn man mal ganz allein verrecken muss
    zwischen Silberkännchen und Gemälden
    zerfressen von Hass und Dünkel

    grauenhaft..

  11. Boandlkramer
    Werter Beckmesser,

    ob es den Boandlkramer wirklich gibt, ist eine tiefschürfende Frage. Aber, ja, er handelt tatsächlich mit kleinen Knochen. Der Brandner Kaspar, zum Beispiel, weiß das, die Wikipedia aber auch…

    Beckmesserische Grüße!

    • Boandlkramer - Bandlkramer
      Ich habe mich überzeugen lassen. Offenbar kenne ich das Baierische doch nicht gut genug. Also warte ich nun auf den Boandlkramer.

  12. Bayernkurier?
    … ob man solcherlei Geschreibsel einfach mal in den Bayernkurier auslagern könnte?

    Vergelts Gott!

  13. Bayern, das bessere Deutschland
    Kann ich nur bestätigen; eine Tochter ist nach München vor 4 Jahren umgezogen und schwärmt von den Bergen und der besseren Lebensqualität.

    • Ach was
      Und ich kenne eine Kollegin, die hat einige Jahre in München gewohnt und gearbeitet und war froh, als sie dort wieder wegziehen konnte. Die Umgebung, speziell die Nähe nach Italien, fand sie zwar sehr nett. Aber mit den Menschen ist sie gar nicht klar gekommen.

  14. In meinem Dorf nahe des Tegernsees...
    …da gibt’s auch einen Slum, der ist zwar klein, aber das Dorf ist ja auch klein, dort hausen zwei Kleinbauern in ihren kalten, schimmeligen, feuchten, halb verfallenen Höfen und mit dreckigen Händen geben sie ihre 50 Liter-Milchkännchen zum Chippen beim täglich durchfahrenden Milch-Laster ab, das ist ihr Einkommen, das muss genügen, und von Romantik und Landgesundheit ist im Angesicht ihrer offenen Diabetikerbeine auch nicht viel zu spüren. Und fährt man mit dem Radel durch einen Wald zum Kirchsee, da kommt man an einer Art Einsiedlerhof vorbei, da lebte bis vor kurzem ein Mann in einer Souterrainwohnung, in die nie Tageslicht fiel, weil die zwei Fenster nicht größer als eine Hand waren und die Fichten alles beschatteten, und die Behausung bestand aus Staub und Dreck und Düsternis und Bergen von Mullbinden, weil auch er nicht mehr gesund war, und der mich einmal bat, seine Schnürsenkel zu binden, und der seine Katze nicht fand, das einzige, was ihm geblieben war.

    • Elend ...
      … allerorten. Meine Rede – und : man macht sich gar keine Vorstellung welche Not und welches Leid der in den dunklen Wintermonaten auf den einsamen Einödhofen in Ober- Unter- und Mittelfranken aber auch dem vorderen und hinteren Allgaeu notorisch vollzogenen unstatthafte Verkehr zwischen Mensch und Tier ueber die armen Viecherl bringt, die armen Milchkuehe, Schweinderl, Schafe und Kälblein. Ach, ach …

  15. Titel eingeben
    Immer wieder schön zu sehen, daß im Internet jeder Hirni alles veröffentlichen kann.

  16. Ob's am Berg liegt
    In den Bezirken mit ..berg wimmelt es von Gemuesesmoothies, Bio/Vollkornkost. Die ‚Einwohner laufen in naturbelassener Baumwolle herum, deren Kinder kennen die Currywurst nur vom Hoerensagen.
    Ob sie alt werden, weis man noch nicht.

  17. Der Tod in der Großstadt ist nicht so unpersönlich
    weil man doch eher Chancen hat, in die Zeitung zu kommen. Wo hat man das schon in den Bergen, dass jede Woche ein Mensch unter die Straßenbahn fällt und so die höheren Weihen und Erkenntnisse einer regierenden Verkehrspolitik erfahren darf, falls der Notarzt noch rechtzeitig kommt, oder die Erfahrung machen kann, wie spannend doch Hochspannungsleitungen sind, wenn man zur Kontaktaufnahme noch extra auf einen S-Bahnwaggon klettert? Die Sache ist wesentlich schneller und muss nicht über jahrzehntelangen Alkoholismus mühsam und teuer antrainiert werden.

    Gut ist auch, wenn der Tod die Menschen als praktische Ausprägung der Familienbande erreicht, wobei die Betonung eher auf dem zweiten Wortbestandteil liegt, also auf Bande. Familien, die zusammenhalten und alle äußeren Feinde geschickt abwehren, ziehen rechtszeitig die Knarre, bevor es der andere tut. Wenn man sich noch in Clan-Rivalitäten involviert, ist der Tod nicht mehr weit. Das gibt posthume Schlagzeilen, an denen vorher erst noch sprachlich herumgebastelt werden muss, weil sonst der Deutsche Presserat die Stirn in Falten legt, da die tödliche Wirklichkeit nicht sein darf, was sie ist. Es würde sonst der Tod der Verleugnung eintreten, denn die Leiche multikultureller Bereicherungsphantasien muss am Leben erhalten, noch schlimmer, ständig reanimiert werden.

    Nach dem Tod macht es dann aber so richtig keinen Spaß mehr. Die Location Waldfriedhof Zehlendorf ist eigentlich ein hübscher Ort, dessen Idylle sehr überzeugend ist, wenn die Angehörigen einen wunschgemäß dahin verbracht haben und man die schöne Umgebung final genießen könnte.

    Aber auch wenn man tot ist, reißt der Ärger nicht ab. Die Berliner kümmern sich einen feuchten Schmutz um die Gräber anderer Menschen und so ist auch das Grab von Willy Brandt, immerhin ja mal Regierender Bürgermeister von Berlin und Namensgeber einer Jahrhundertbaustelle mit einer Bauzeit wie der Kölner Dom, also mehrere Jahrhunderte, nun eben Willy, den man schön einfach „Willy, Willy“ rufen konnte, schon so weit herunter, dass man sie, sagen wir mal wohlwollend, inzwischen als unspektakulär bezeichnen würde.

    Dafür gibt es eigentlich die Institution des Ehrengrabes, was zur Folge hat, dass das Grab hinfort als Ehrengrab bezeichnet wird und so auch auf dem Lageplan am Friedhofseingang ausgewiesen wird. Das hat nun doch nicht jeder. Welchen Vorteil die Ehre praktisch bewirkt, darüber hat Theodor Fontane trefflich befunden, der im Alter räsonnierte, dass die Ehre den Wert einer altbackenen Semmel habe, auf die man gern verzichten kann.

    Man merkt doch eine gewisse Großzügigkeit in den Memorabilien, die die Berliner auszeichnet, was damit zusammenhängen muss, dass es hier keine Berge gibt, wie in den Alpen. Wem so etwas Beeindruckendes nicht geboten wird, der muss im Lauf der Zeit doch zwangsläufig eine gewisse resignative Schlampigkeit entwickeln, spätestens auf dem Friedhof.

    So wird auch den Durchschnittsberliner die statistische Wahrscheinlichkeit nicht besonders beendrucken, denn es ist schon einmal ein Statistiker in einem Bach ertrunken, der durchschnittlich einen halben Meter tief war; Pech nur, dass der Bach an dieser Stelle drei Meter tief war und ihm so zum Verhängnis wurde. Das Problem sollte man auch in den Alpen kennen.

  18. Warum sollte man,
    wenn man den Gedanken von Alfons folgt, in Berlin auch lange leben? So schrecklich wie es da ist? Außerdem ist das Frühableben volkswirtschaftlich und demographisch wünschenswert. Möglicherweise kommt es auch nicht auf die Länge des Erden-Daseins an sondern auf die Qualität

  19. Wer früher stirbt,
    …ist länger tot.

  20. Ah geh weida!
    I bin in dem „Wunderland“ a Eingeborener und ko zu dem Gschreibsl bloß sogn, dass mi des Lebm da heruntn seit a poar Joahr gar nimma gfreit.

    Es mog scho sei, dass de Hauptstoadterer zwecks Raucha und Saufa friahrer sterbn, aber bei uns bringa se de Leit reihaweis selba um, weils es mit da angeordneten gsundn Lebnsweis nimma aushoiltn. Mia Bayern hobm seit einiger Zeit de hechste Selbstmordrate vo ganz Deitschland.

    In koa Wirtshaus konnst mehr geh. Koane Freind triffst nimma. Koa oanzige Diskussion is mehr interessant, weil hoilt grad no die Herrn und Damen Nichtraucher da san und ´s Mei aufreißn. Und wos de zum Sagn hobm, des kanntat ma aa in da Süddeitschn lesn. Ois bloß a Meeinstriim-Schmarrn.

    Greißlich is da heruntn gworn und sterbatslangweilig.
    So! Und jetz bist du dro!

  21. Wer mehr lebt hat weniger vom Sterben
    oder so

  22. Bayerns Stern sinkt
    Einer Fußnote des Statistischen Bundesamtes entnehme ich, daß Bayern eine besondere statistische Methode bei der Erfassung demographischer Daten verwendet. Ich vermute, daß die bayrischen Statistiken die Aufgabe haben, wie früher in der DDR Weltniveau wenigstens statistisch vorzutäuschen. Zur Sache: Der Osten holt bei der Lebenserwartung, übrigens auch im Bildungsbereich, nicht nur schnell auf, sondern überholt inzwischen Bayern in einzelnen Bereichen. Dresdner Frauen haben z. B. eine höhere Lebenserwartung als Münchnerinnen, Berliner Frauen eine höhere als ihre Geschlechtsgenossinnen aus dem ordentlichen und wohlhabenden Düsseldorf.

    Ganz schlecht sieht es für bayrische Männer aus, wenn sie sich vegetarisch ernähren, siehe dazu eine aktuelle Studie aus Österreich.

    • Medizinstatistik
      Die allgemeine Lebenserwartung ist ein Durchschnittswert, der mehr über die Säuglings- und Kindersterblichkeit aussagt, als über eine potentielle Lebenserwartung.
      .
      Das mit der Münchnerin und der Dresdnerin ist ein nett gesagt, die Mehrzahl der Dresdnerinnen hat andere Studien und Statistiken bei der Hand, solche nämlich, die zur Aussage haben, dass Menschen, die von Hartzvier und Sozialhilfe leben, früher und damit auch sozialverträglicher ableben. Das wird in München auch nicht viel anders sein, ob eine in sehr angenehmen münchner Verhältnissen lebende Dame nach Dresden, in ebenso angenehme Verhältnisse übersiedeln möchte, ist Fallfrage und daher mit statistischen Methoden nicht zu klären. Was die Düsseldorferin angeht, eine gewisse Neigung für Malle bei bestehender starker Abneigung gegen Köln glauben wir, entsprechende Befragungstechnik vorausgesetzt, feststellen zu können, Berlin wird daher wohl in der Mitte zwischen diesen Polen liegen.

      Im übrigen hat mein Vorredner recht, man muss nicht alles glauben, nur weil es eben jetzt durch die Medien getrieben wird, weil es eben jetzt doch so gut passt: Oder glaubt hier jemand an die neuesten Verlautbarungen, der Mensch im allgemeinen und im Besonderen der Deutsche erlebe den Höhepunkt seiner geistigen und seelischen Entwicklung so Mitte sechzig, sei deswegen auch voll arbeitsfähig bis etwa Mitte Siebzig, erlebe dann ab Rentenbeginn mit siebenundsiebzig noch viele glückliche und gesunde Jahre bei reichlichem Rentenbezug, um dann, schon gut in den Hundert, friedlich nach einem erfüllten Leben einzuschlafen.

  23. Bayerische Philosophie: "Es ist wias ist"
    Zu dieser Art von Geistesblitz fällt mir nur die Anekdote von dem Ostfriesen ein, der die Hälfte seines Gehirns entfernen ließ, um ein Bayer zu werden.

  24. Der Vergleich wurde so passend gewaehlt das nur das Gewuenschte dabei heraus kommen konnte
    Fairer waere es gewesen, wenn der Don Alphonso in seinem Beitrag das feine Leben am Tegernsee mit dem feinen Leben am Wannsee verglichen haette.
    Klar dass es innerhalb Berlins grosse Unterschiede gibt; klar dass ein innerstaedtischer Alko-Punk nicht die gleiche statistische Lebenserwartung hat wie ein feiner Herr in seiner Jugendstilvilla draussen am Grunewald.
    Was Don Alphonso aufzeigt, ist letztlich nicht ein Unterschied zwischen Bayern und Berlin, sondern ein Unterschied zwischen Stadt- und Landleben.
    Hierzu haette er auch die Lueneburger Heide mit Muenchen vergleichen koennen, oder die westflandrische Polderlandschaft mit Paris — vermutlich mit ganz aehnlichen Resultaten.

  25. Statistisch prüfbar!
    (Sorry, etwas spät): Hallo Don,
    ich glaube die These in Berlin stirbt es sich früher als am Tegernsee müßte statistisch überprüfbar sein. Für die Provence ist das bekannt: beschaulicher Lebensstil und gute Ernährung, dito Japan. Da aber nicht nur im Osten Deutschlands ehr herz- und kreislaufschädigend gegessen wird, sondern auch in Bayern, das Diabetis-Risiko rund um die Strandperle in der Stadt Hamburg am geringsten ist und Stadtluft, Wasser und Lebensmittel nicht schlechter sein müssen. „Eine Wohnung kann einen Menschen umbringen, wie ein Axt“- hat wohl mal Gudrun E. geschrieben, muß (nicht muss!) in Berlin aber auch nicht ungesünder sein als am Tegernsee.
    Und bei Euch gibt’s Wertkonservative die Evolution mit dem Bierkrug betreiben.
    In katholischen Regionen ist der Tod einfach präsenter, als im Norden, aber deshalb nicht unbedingt seltener oder weniger schleichend.
    Obwohl: Geld und schickes Haus am See machen das Leben sicher lebenswerter.

  26. Bleihaltig muss sie sein, die Luft, dann stirbt es sich sicherer.
    Artikelueberschrift in der N24: „Europa rennt die Zeit davon.“
    Und anschliessend die erhellenden Worte:
    „Russlands Präsident Wladimir Putin will in der Ukraine schnell Fakten schaffen, Europa möchte das verhindern.“
    Ich wuerde das gerne umschreiben:
    „Europa will in der Ukraine schnell Fakten schaffen, Russlands Präsident Wladimir Putin möchte das verhindern.“
    .
    Wie dem auch sei, es gibt sie, die Draengler, die dem Tod bald ueberall eine staendig volle Schippe bescheren werden.
    Aber es gibt Trost: Einen Tod kann man nur sterben.

    Auch fuer was oder wen man stirbt, ist dann im Erlebensfall wohl voellig uninteressant. Der Seewolf aeusserte in Kapitel 6, dass man mit dem Verlust seiner selbst das Bewusstsein des Verlustes verliert.
    Solche Philosophierereien sind bestimmt ein grosser Trost fuer die Partisanentruppen, die Timoschenko gruenden wird. Jaja, Julia, hier noch ein Spruch: Hart im Leben, weich in der Birne. Vielleicht solltest du weniger Schmerzmittel konsumieren und dich ersteinmal voller Hoffnung und vertrauensvoll deiner heiklen Rueckenoperation unterziehen….hihi.

    Ich persoenlich habe einen Wunsch: Ich will in keine dunkle Kiste! Irgendein Indianerstamm, sagt man, bestrichen den leblosen Kadaver mit Honig und legten ihn in den Wald. Innerhalb weniger Tage grinste dann nur noch der weisse Schaedel in das fahle Mondeslicht. Faszinierend.

    Sein wir doch einmal ehrlich. Sterben heutzutage nicht viel zu wenig Menschen? Jene Wesen mit Koerpern wabbliger Konsistenz und taeglich uebelriechenden Ausscheidungen, fertiler als die Ratten, haetten es eigentlich nicht anders verdient als bald und massenhaft….
    Machen wir den Weg frei. Ueberlassen wir die restlichen Ressourcen unseren Nachfahren.

    Tut mir leid fuer´s Offtopic, aber die hysterischen Trommelwirbel in den deutschen Leitmedien der letzten Wochen hinterlassen doch ihre tiefen Spuren.

    PS: Ich will nicht neben Tebartz van Elst auf einer Wolke sitzen und Halleluja singen

    • Der hysterische Trommelwirbel in den deutschen Leitmedien
      …lässt leider nur den Rückschluss zu:

      “ die Kack ist arg am dämpfen“ ( Zitat)

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