Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Wie man Sachen ohne staatliche Schnüffler schaukelt

| 19 Lesermeinungen

in Zeiten von Discount-Landesverrätern in Ministerien und Diensten muss man mit Sexschnüffeleien im Netz rechnen. Was dem Minister seine analoge Schreibmaschine ist, sollte uns die alte Schaukel sein

Komm auf die Schaukel, Luise.

Offensichtlich sind wir alle mit einem grundfalschen Bild der Geheimdienste aufgewachsen. Ich erwarte da keine getäfelten Räume wie im Film beim MI6, und dass diese Leute attraktive Sexualpartner sind, würde ich auch nicht zwingend voraussetzen; den meisten würde vermutlich noch Lotte Lenya in der Rolle der Rosa Klebb noch zur Ehre gereichen. Aber zumindest hatte ich erwartet, dass deren Leben nun nicht gerade auf Unterschichtenniveau verläuft. Wie wir nun aber erfahren mussten, kann man einen veritablen Landesverrat schon für lumpige 25.000 Euro, also für einen kleinen Überziehungskredit bekommen. Und die Übergabe dieser knickrigen Abspeisung findet auch nicht in einer spannenden Verfolgungsjagd auf den Malediven statt, sondern irgendwo in Österreich. Entschuldigung, wenn ich da nachfrage, aber was für arme Schlucker beschäftigt der Staat eigentlich in den Diensten, dass die wegen 25.000 nach Österreich müssen und noch nicht mal Reisespesen bei den Amerikanern in Rechnung stellen können? Ich sehe da keine Spannung an exotischen Orten und keine hektischen Wettrennen, ich vermute eher so einen Opel-Astra-Leaser und eine gemietete 1.5 Zimmer-Wohnung in München-Perlach mit Küche im Gang.

Man wird sich wohl an die Vorstellung gewöhnen müssen, dass wir von grossenteils Leuten bewacht, kontrolliert und verraten werden, die man am Samstag die abgelaufenen Lebensmittel bei Aldi durchwühlen sieht. Wer dann noch die Russen um eine Handvoll Euro mehr anwinseln muss, der kauft seine Kleidung wohl eher bei Woolworth und beneidet heimlich die Dame hinter der Kasse um ihre Stellung. In gewisser Weise kann ich verstehen, dass die USA nicht mehr zahlen wollen: Als absackendes Schwellenland und unter dem Druck der chinesischen Herren können sie nicht mit dem Geld herumwerfen, zumal, wenn sie, wie Berichte sagen, auch noch 20 andere hungrige Mäuler in deutschen Ministerien stopfen müssen. Trotzdem, Menschen von Ansehen und Format tun so etwas nicht. Das ist nicht nur eine Frage des Geldes: Wenn man sich schon kaufen lässt, dann doch wenigstens von Staaten mit minimalen Ansprüchen an Kultur und Menschenrechte. Kongo könnte ich noch verstehen, aber Geld von den USA in Österreich ist jenseits meiner Vorstellungskraft.

Weiterhin ist zu befürchten, dass es genau solche Leute sind, die aus ihrer Armut heraus anderer Leute spannendes Sexualleben ausschnüffeln. Schon bei der NSA wurde bekannt, dass es unter dem Stichwort „Love Intelligence“ Missbräuche der technischen Möglichkeiten gibt. Agenten schnüffeln aus Eigeninteresse in anderer Leute Sexualleben, und das muss einen nicht befremden: Mit 25.000 Euro können schliesslich auch die Landesverräter unter ihnen keine rauschenden Feste in Whirlpools mit Champagner feiern. Wir müssen also mit dem Schlimmsten rechnen und das heisst auch, dass Spanner-Amusement mit unserer unsere Onlinekommunikation für diese 25k-Klasse leichter zu bewerkstelligen ist, als sexuelle Extravaganzen, die Landesverräter im Film gemeinhin als Wüstlinge ausweist.

Kurz, wenn wir also, wie es heute üblich ist, mit Rechner und Mobiltelefon auf die Partnersuche gehen, müssen wir damit leben, dass uns über die Schulter geschaut wird. Möglicherweise nicht nur von jenen, die unsere Profile durchforschen, um uns eine zu unseren Vorlieben passende Person zu schicken, die uns umgarnt, damit wir nicht mehr die USA als das Kasachstan des Westens und die Entwicklung Englands als die Übelste aller Commonwealth-Kolonien bezeichnen. Mit etwas Pech werden wir nur Ziel von nach Kantinenessen riechenden Habenichtsen, die sich langweilen und sich den Kick für ihre kaputte Existenz holen, indem sie ihre Methoden und unsere mangelnde Vorsicht ausnutzen. Leuten, die sich in Österreich Geld übergeben lassen und dabei noch nicht mal einen Louis-Vuitton-Koffer bekommen, traue ich alles zu – schliesslich sind sie eine zwangsläufige Entwicklung einer Zeit, in der Geltungssüchtige ihre Kinder virtuell verkaufen, indem sie erst mit ihren Mutti-Apps herumprotzen und dann damit, dass sie das jetzt wieder bleiben lassen.

Ministerien kaufen deshalb wieder analoge Schreibmaschinen, und wir stehen nun vor der Frage, wie man früher eigentlich an Partner ohne die Netz und ihre Gefahren gelangte.

Da kann ich dank der Familientradition helfen: Mit einer nicht minder analogen Schaukel.

Also, zumindest bei uns hat sich das seit über 100 Jahren bewährt. Es ist nämlich so, dass vor dem Internet zur Geselligkeit in Bayern der Biergarten erfunden wurde. Der idealtypische Biergarten steht bei uns daheim gleich neben der dummen, kleinen Stadt an der Donau, und er ist noch so wie früher: Die Linden und Eichen spenden Schatten, die Tische und Stühle sind bequem, und damit die soziale Ordnung auch eingehalten wurde, gab es eine erhöhte Terrasse für die Prominenz, damit die alles sehen konnte. Dort oben sassen dann die besseren Familien. Rechts davon waren die Kegelbahn und die Kapelle und davor das gemeine Volk. Und natürlich waren oben auch achtsame Schwiegermütter, die darauf achteten, dass es zu keiner falschen Verbindung kam. So war das.

Aber der Biergarten ist gross und das Nationalgetränk der Bayern floss in Strömen, und weil keiner auf sein iPhone schaute, schaute man erst das Essen und dann die anderen an. Rein äusserlich konnte man schon beurteilen, wer denn am ehesten passen täte, und so nahm man mit den Blicken Kontakt auf. Die direkte Ansprache war ja nicht ganz leicht in einer Epoche, da man einander erst vorgestellt werden musste, um reden zu dürfen. Zudem betrieb die Gesellschaft selbst eben jene totale Überwachung, die heute an die Staaten und ihre 25k-Noagaldrinka ausgelagert wird. Hatte man sich lang genug angelurt, ging man unauffällig zur Schaukel. Und wenn der erwählte Partner angebissen hatte, dann ging der eben auch hinüber. Was konnte da schon passieren? So eine Schaukel ist doch ein harmloses Vergnügen. Die Frauen sassen auf dem langen Holzbrett und die Männer schoben an, vor und zurück wie ein Dampfhammer ging der Pfahl sausend durch die Luft, die Burschen schnauften und die Dirndl kreischten umd so kam das, dass man schon vorher erfuhr, was der jeweils andere zu geben bereit war. Wer heute bei okcupid oder Elitepartner die verschämten Angaben zu Körperfreuden liest, weiss sicher weniger als jene, die früher auf dem dicken Pfahl zugange waren. Sechs mal musste dieser Pfahl in den letzten hundert Jahren ausgetauscht werden, weil er durchgescheuert wurde.

Und wenn es gut ging und dabei etwas zu gut, weil es ja noch keine Pille gab, aber ausserordentlich schnelle Aufgebote, wenn es sein musste, gab es auch noch die Kapelle für die unauffällige Hochzeit und den Biergarten die Feier und eine zünftige Musikkapelle, die dann aufspielte, und so wiederholte sich das alles stets aufs Neue. Die einen bekamen Kinder und machten den Platz auf der Schaukel frei für andere. Möglicherweise war es insgesamt auch etwas lustiger als das Abgleichen von Profilen und das Bearbeiten von Bildern, die letztendlich nie so schön werden wie das gschamige Lächeln und das beschwipste Lachen im Schatten alter Linden.

Ich will das nicht zu sehr romantisieren, und natürlich ist das keine Option für all die biologisch-orientieren Veganer, die nicht ganze Schweine am Spiess durch den Biergarten getragen sehen wollen. Es ist auch nicht sonderlich privat, weil es tatsächlich noch immer in der Stadt die Runde macht, wer mit wem auf der Schaukel sass, und das letzte Mal war da neben mir eine Mutter aus Berlin mit zwei Kindern auf der Durchreise – das gab Gerede. Aber es bleibt unter uns, es zieht keine weiten Kreise, das Internet erfährt davon gar nichts, nirgendwo treibt sich dort ein Agent eines Dienstes herum, der ausschnüffelt, was da auf dem nunmehr siebten Balken besprochen wurde. Mag der Ministeriumsangestellte also wieder die Stahllettern in das weiche Papier hämmern und der Geheimdienstler seine Kantine aufsuchen – wir bleiben unter Eichen und Linden auf schwankenden Brettern, und wenn wir mit der Frau eines anderen erwischt werden, reden wir uns darauf hinaus, dass es eine Schande für’s Vaterland wäre, würden wir denen nicht zeigen, wie man die Sache in Bayern traditionell schaukelt.

HINWEIS:

Kommentare kann man auch im Kommentarblog schaukeln.

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19 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    clever eingefädelt mit der „auf der durchreise“

  2. Wir haben aber alle gesehen, dass Frau Rönicke aus dem Kopfteil wieder gelöscht
    worden ist.

    NS: Hätten Sie als alter Historiker ihr nicht mal so nebenbei ein umfassendes Extemporale über Passagierflugzeugabschüsse zukommen lassen können?

  3. Hach
    …endlich mal ein Bereich, in dem die
    Realität nicht die Kunst überholt.

  4. Verschaukelt!
    Ach hätten Sie das Thema doch lieber, anstatt es zu verschaukeln, ordentlich vergeigt. Dann könnten Sie wenigstens mit Singer Songwriter Sigismund Ruestig mithalten. Überzeugen Sie sich selbst:
    http://youtu.be/v1kEKFu6PkY
    http://youtu.be/pcc6MbYyoM4
    http://youtu.be/_a_hz2Uw34Y

    Viel Spaß beim Anhören.

    • Kein Spaß beim Anhören
      Sorry, da sind Welten dazwischen. Habe schon mal was von Rüstig angehört (den Sie ja stets eifrig promoten); eine eigene Kunstform hat er, aber ich finde sie relativ banal.

    • Kultur
      Ja, ja, auch im Kulturradio benutzen Trendhinterherläuferinnen ebenfalls immer den Modebegriff „Singer-Songwriter“ für jeden Arsch mit Ohren (und Gitarre oder Klavier).
      Das was Sie da 3 x anpreisen (cit: „My Thouhgts are free or Greetings to the NSA“) ist wahrlich plakativ-banal. Und: „Alles, was Englisch betitelt ist, ist sowieso ein Schmarr’n“ (Don A.)

  5. I
    Text eingeben

  6. Dem Atlantik eine Brücke bauen
    Der letzte Versuch eines Transatlantischen Apologeten an der Sache noch Spass zu haben.
    Der Nächste ist die Kampfansage an die Privatsphärenextremisten aus Oldeurope. Privatsphärenbesitz muss versteuert werden.
    Und mit Glück folgt ein Meteoriteneinschlag oder eine spontane Calderabildung, leider bleiben die allerdings aus.

  7. auffallend richtig alles -
    „und damit die soziale Ordnung auch eingehalten wurde, gab es eine erhöhte Terrasse für die Prominenz, damit die alles sehen konnte“ –

    und genau deshalb war der „pennäler pfeiffer mit drei ef“, der es sich nicht nehmen ließ gegen norm und konvention zu verstoßen und ganz einfach dort – unter gymasialehreren für die höheren klassen! und örtlichen honoratioren anderer berufe – platz zu nehmen – eben so eine gaudi und eine sozialprovokation – mit der sich viele leser und schüler wohl damals eben so gut identifizieren konnten.

    zumal ja – für den leser zumindest – insgeheim schon feststand, der pennäler wäre ja gar kein solcher, sondern etwas höheres, also nicht schweinehirt, sondern königssohn, also erfolgsschrifteller, nicht nur schüler einer 13. klasse … . ja, so war das damals.

    wobei die „staatlichen schnüffler“ vermutlich a. allesamt angst haben (es könnten ihnen staat und pensionsanspruch womöglich vorzeitig abhanden kommen, also bevor gerechte teile einer noch gerechter erworbenen pension beruhigt verzehrt worden wären (1), also mehr das, aber weniger um ordnung und recht, so das vermutlich aktuelle vorurteil bei vielen) und b. teils auch ganz einfach arme kerle wären, von deren wirklichem leben & bedrängtheit man sich kaum eine vorstellung machte. und da wären c. „kollateralschäden für kleines geld“ teils ganz einfach prima, wenn sie sich nur dauerhaft weit genug unten abspielten, „beschäftigungstherapie-elemente“ beinhaltenen.

    berthold beitz und gerhard cromme hatten schließlich auch immer schon gemeinsam, aber unauffällig, im düsseldorfer restaurant-victorian gespeist, also z.b. 1997 schon ihre gemeinsamen fragen zu erötern, während woanders polizisten und gewerkschafter um die parkplätze vor den werkstoren rangelten. und die kaufen allesamt ordendlich bei aldi und lidl ein, die wühlen nicht. die lassen höchstens wühlen. und könnte ja auch schon mal ein bildungserlebnis sein.

    und wir werfen den amerikaner nichts vor, speziell nicht die entzauberung des deutschen bildes von amerika „und vom amerikaner“ – die fände nun einmal jetz statt. und war nie amerikas schuld: die wollten immer realitische deutsche, und keine kindergläubigen an ihrem rockzipfel. und könnten daher jetzt auch vermutlich überhaupt nichts dafür, wenn verzogene und unreife deutsche-rotzlöffel anteile nun auf einmal aufheulten „bu-ahh – enttäuscht!!“

    (1- und die angst gelte es aus therapeutischen gründen teils auch unentwegt aufrecht zu erhalten, zu mehren und zu „maximieren“? förderte auch manche gerechte planstellen-aufrechterhaltung hier bei uns? wer wüsste schon, wozu man die leute später noch einmal gebrauchen könnte, als befreite? daher also eile mit weile mit jeder, mit aller ablehnung)

  8. Don, am besten kann man ...
    … Schnüffler schaukeln, wenn man das Internet gänzlich meidet. Und: Wenn man dieser sozialen Kontrolle der bieder-teueren Tegernsee-Provinz gänzlich aus dem Wege geht. Der ganzen Mischpoke der Menschheit.

    Das eine geht nicht ohne das andere.

    Das bedingt aber eine Walden-Existenz. Die jedoch dauert länger als nur die wenigen Monate, die der Schreiber von Walden ausgehalten halt.

    Disclaimer: Writers are lyers, my dear.

  9. Mit geistig-moralischer Gesellschaftssklerose und pathologischer Besitzstandsparanoia
    ist kein Staat zu machen. Das hat ja sogar schon Jan Roß in seinem Büchlein „die neuen staatsfeinde“ im Jahre 2000 plausibel darlegen können.

    Seit mehr als 5000 Jahren zerfielen die Kulturen immer dann, wenn sich die Besitzstandsparanoia in hybriden Kontroll- und Überwachungssystemen ihren konkreten Ausdruck verschafft.

    Diesem heutigen, also diesem Neuen Deutschland mit seinen Neuen Eliten und Exzellenzen, seiner Neuen Sozialen Marktwirtschaft und all seinen Überwachungssystemen ist nicht mehr zu helfen, weil seine Besitz-, Macht- und Funktionselit’arier‘ längst keine Verantwortungsfähigkeit mehr besitzen.
    Und das hatte ja sogar schon im Jahre 1738 ein gewisser Friedrich II in seinem „Epistel über die Menschlichkeit – Von der Verantworung des Mächtigen“ für seine Erbadelsfeudalkollgen konstatiert und deren Enthauptungen vorhergesagt, wie sie im Thermidor von 1789 dann ja auch begannen.

    Fazit: Es wir Nacht über Deutschland.

  10. eine Frage:
    muss man das kennen = „Noagaldrinka“ (?)

    • Noagaldrinka ist jemand, der im Biergarten das Bier wegtrinkt, das bei anderen noch im Glas ist, sei es aus Sparsamkeit oder Armut oder Gier.

  11. ganz unten
    das tolle an einer Schaukel ist, dass sie sich nach dem Tiefpunkt wieder nach oben schwingt
    das lässt für Sie und Ihre Artikel eine gewisse Hoffnung aufkeimen…

  12. Früher...
    Analog ist eh besser als digital. Wissen wir Altgedienten doch.

  13. OT
    Hass!!!

    Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als den Hass
    auf Russland zu den europ. Werten zu zählen.

    Selbstverständlich in der Kiewer Version.

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