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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Sterben ohne alteingesessenen Einzelhandel

| 33 Lesermeinungen

Online soll es billiger sein, und die grossen Ketten haben angeblich die beste Auswahl - aber wenn ein kleines Teil zwischen Leben und Tod auf den Alpenstrassen entscheidet, bringt das kleine Fachgeschäft die Rettung.

Getreu’ster Bruder, merkst du Tropf nun Betrug?
Fafner, Rheingold

Der Marktplatz in Sterzing beginnt direkt vor meinem Hotel, und das ist kein Zufall, wie der Käsehändler aus Meran sofort erlebt, als ich an der Reihe bin, und begierig auf einen bestimmten Räucherkäse deute.

„Wieviel Wacholderkäse aus Algund haben Sie denn?“

„Das sind 450 Gramm.“

„Pardon, ich meinte nicht einen Laib, sondern wieviele Laibe.“

„Äh.“ Er beginnt in den Tiefen seines Standes zu kramen, findet eine Menge und es sollte bis Januar reichen, vorausgesetzt, ich fange nicht wieder an, diese Spezialität an Freunde zu verschicken. Aber weil ich das meistens doch tue, nehme ich auch noch alles, was an Trüffelkäse da ist und gehe dann weiter zu dem Herrn, der sogar viertelte Wildschweine verkauft. Denn je mehr Wurst ich nach Berlin schicke, desto mehr Käse kann ich behalten.

Danach besuche ich den Sockenhändler für Kniestrümpfe, Prenn für den Apfelstrudel und Häusler für das Focaccia, bei Huterer hole ich Hüttenschuhe und ganz hinten im Haushaltsgeschäft noch ein Speckmesser und zwei Lavendelkissen, und selbst mit Versand und Strafzöllen wäre es vermutlich nicht wesentlich teurer, wenn ich das alles in China bestellen würde. Man sollte darüber nicht lachen, die Globalisierung bringt es mit sich, dass sogar so banale Dinge wie Backmischungen um die halbe Welt transportiert werden. Und natürlich könnte ein grosser Supermarkt auch all meine Wünsche bedienen, und ich würde deshalb nicht sterben. Denn der alteingesessene Einzelhandel ist, wie mein Einkaufs- und Bevorratungsverhalten, ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten und überhaupt nicht super, sondern eher teuer. Volkswirtschaftler würden ganze Kantineninhalte – massengehaltener Sauerbraten für 4,70 mit kleinem, in Dressing ersäuften Labbersalat – durch den Mund der Toilette überantworten, wenn sie ein Modell mit meinem Kaufverhalten entwickeln müssten, so irrational gebe ich scheinbar mein Geld aus.

Und ich gebe damit sogar noch an, denn natürlich spielt die Psychologie eine grosse Rolle. So wird man zu unter Neonlicht gekauften Socken oder Hüttenschuhen nie auch nur ansatzweise das Verhältnis entwickeln, das beim Kauf unter der Sonne Südtirols entsteht. Ja, es gibt einen Versender im Netz, der exakt jene Hüttenschuhe mit Versand 2 Euro billiger im Programm hat, und würde ich in einen Schuhmegastore gehen, könnte ich sie auch dort probieren. Aber meine Hüttenschuhe kommen jetzt nun mal aus Sterzing und ich werde mich immer an diesen sonnendurchfluteten Tag im Frühherbst erinnern. Und wärmer fühlen, als mir eigentlich ist. Das wiederum spart Heizkosten, und das integrieren Volkswirtschaftler natürlich nicht in ihre Modelle.

Nun bin ich ja generell auch nicht mehr ganz jung und komme langsam nicht nur in das Alter, in dem man über eine Viertimmobilie in Meran nachdenkt, damit wieder mehr Platz für Bilder ist, und ausserdem ein Anlass für weitere Hüttenschuhe mit Hirschmotiv. Ich komme – wie die meisten in meinen Kreisen – auch in jenes Alter, da man dem räuberischen Staat nicht mehr so wenig wie möglich gibt, sondern der Solidargemeinschaft so viel wie möglich nimmt. Lebte ich nicht eh schon am Tegernsee, könnte ich glatt versucht sein, mir dort eine sinnlose Kur verschreiben zu lassen, und warum sollte ich nicht genauso selbstgerecht wie ähnlich nutzlose Gleichstellungsbeauftragte, Genderforscherinnen oder feministische Apparatschiks der protestantischen Ketz Kirche sein. Die besagten Volkswirtschaftler könnten nun natürlich ihre Modelle formschöner machen, indem sie einmal nachrechnen, was die Gesellschaft davon hätte, wenn einer wie ich unter Hinterlassung seines Vermögens einfach verschwindet, und was soll ich sagen: Das kann immer mal passieren.

Zum Beispiel bin ich am Tag vor dem grossen Herbsteinkauf den Jaufenpass zu Trainingszwecken mit dem Rad hoch. Das ist per se schon eine gewisse Anstrengung, bei der man aus dem letzten Loch pfeift, dazu kommen noch rasende Autos und Motorräder, gelegentliche Schneefälle. Nebelwolken, Abgründe, sehr, sehr fette Sahnetorten und in diesem speziellen Fall auch eine antiquierte Technik, denn das Rad ist von 1967 und bremst ähnlich gut, wie ich Argumente für den Solidaritätszuschlag nachempfinden kann. Erstaunlicherweise war es dann aber nicht die Bremse, die mein Unheil fast besiegelt hätte, sondern der frisch eingebaute Steuersatz, der sich wohl noch etwas setzte. Normalerweise zieht man in so einem Fall einfach die oberen Muttern nach, aber die waren schon maximal hineingedreht. So etwas führt zu einer wackligen und klappernden Lenkung, die dann auch blockieren kann, wenn die Lager durch das ständige Rütteln ausgeschlagen sind. Angesichts von ein paar hundert Kurven und 1148 Höhenmetern zwischen der Torte auf dem Jaufenpass und den Schlutzkrapfen in Sterzing ist das, zusammen mit den Bremsen, nur so mittelerfreulich und dazu kommt auch noch, dass mit diesem Rad am kommenden Sonntag 135 Kilometer auf toskanischem Geröll zu bewältigen sind. Das ist ohne Lenkung nicht ganz einfach.

Kurz, ich brauche einen weiteren Distanzring für einen Stronglight A9 Steuersatz aus den späten 70er Jahren, um den Steuersatz zu kontern. Das ist ein Pfennigartikel, aber den muss man erst mal haben. Ich hatte ein ähnliches Problem einmal mit einem Steuersatz eines einstmals 7000 Mark teuren Votec: Auch da brauchte ich nur eine Lagerschale, und mit diesem Wunsch bin ich in den XXL-Radmegastore gegangen, der vor 30 Jahren noch eine schummrige, nach Öl riechende Höhle in der Altstadt war, und deren Mechaniker kleine Arbeiten für eine Spende in die Kaffeekasse erledigte. Dort trug ich im üblichen Fachchinesisch dem überforderten Verkäufer mit Corporate-Identity-Weste mein Verlangen vor, und der kaum dem Knabenalter entwachsene Kundenkönig-Untertan sagte: „1 Zoll und Walzenlager? Nä, da muss ich gar nicht schauen. Wir haben da diese 200 Euro für Ihre alte Mühle Aktion, wenn Sie ein neues Rad kaufen.“ Schliesslich sei das Rad schon (!) über 10 Jahre alt aber bitte, wenn ich meinte, dann könnte ich es auch vorbei bringen und ein anderer, dem Teletubbiealter gerade entwachsener Schnösel würde eine kostenpflichtige Checkliste machen und schauen, ob da etwas geht; Termine wären wieder in zwei Wochen frei.

So ist das im Megastore mit Dreifachkasse und 100 Mitarbeitern und unendlicher Auswahl zwischen Marken, die alle beim gleichen chinesischen Billighersteller produzieren lassen. In Sterzing gibt es gleich beim Hotel noch einen alten, höhlenartigen Radladen eines Herrn Walter Bauer mit dem schönen Namen Radlklinik, und dort habe ich mein Problem erklärt. Der Besitzer verschwand kurz in seiner Werkstatt und brachte einen Kasten voller alter Distanzringe mit, die offensichtlich bei Reparaturen angefallen sind, und säuberlich aufgehoben wurden. Dort konnte ich mir den Ring aussuchen, den ich brauchte, und gekostet hat er: Ein Dankeschön. Das ist wirklich sehr wenig angesichts des Umstands, dass dieser Ring den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen kann. Daheim im Megastore hätte man mich einfach weitergeschickt, soll er doch schauen, in welchem Abgrund er mit seinem alten Plunder bleibt, wenn er kein neues Rad kaufen will, wegen eines einzigen kleinen Metallringes. Und ich bin mir sicher, Volkswirtschaftlern würde das gefallen, denn es sind renitente Kunden wie ich, die dem Trachten nach Skalierungsgewinnen und Verschleisszyklusprofiten mit Hilfe von diesen kleinen, guten Fachhändlern und dem passenden Ring neben dem Steuersatz auch ein wenig ihren Gierschlund zuschrauben.

Und so gleicht sich das alles wieder aus. Es geht oft etwas billiger, aber um den Preis von Qualität und teurer Instandhaltung. Man soll ganze Produktwelten kaufen, und jedes Jahr das neueste Modell, idealerweise ohne Zwischenhändler, denn der könnte auf die Idee kommen, auch seinem Kunden verbunden zu sein, und nicht nur dem Profit der Marke. Aber ich kann frohgemut weiter nach Gaiole in Chianti, wo ich mit 5600 anderen Freunden des Altmetalls über staubige Pisten rasen werde. Jeder dort weiss, wie wichtig es ist, einen verlässlichen Fachhändler in so einer Höhle zu haben, der, wenn man es braucht, die richtige Kiste holt, und einen nicht wegschickt, wenn man nicht den Forderungen der angeblichen Wunderwelt des Kapitalismus entspricht.

Nun, alles läuft wieder, und die Volkswirtschaftler werden sich auch weiterhin ihre Opfer unter den Freunden von iPhone und Nespresso suchen müssen.

HINWEIS:

Weitere Kommentarmöglichkeiten kann man gern im Kommentarblog suchen.

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33 Lesermeinungen

  1. Wunderbar
    Allerdings braucht man für den eingangs beschriebenen Einkaufsbummel einen Urlaubstag. Das ist es sicher wert, neben den guten Gefühlen bekommt man oft auch gute Dinge. Zumal in Italien, wo selbst einfache Menschen gerade bei Lebensmitteln hohe Ansprüche verwirklichen. Kunststoff- Mozzarella für 49 Cent findet man dort kaum, wohl aber den leckeren „Bufalo“ für 3 Euro. Aber selbst dort, ich war gerade in Mailand, geht der Trent zum Supermarkt. Der Megastore Eataly hat die ganzen highend Lebensmittel auch, der Laden ist brechend voll. Und im ganzen Umkreis dieses Ladens sind zwei Drittel der Jalousien heruntergezogen, wahrscheinlich für immer. Und das Problem des Fahrradhändlers mit den antiken Ersatzteilen wird sein, das man ihn dafür liebt. Aber leben kann er davon nicht. Der Alfons ist so ein typischer Merkel-Wähler. Die möchten alle gerne, dass es so bleibt wie es ist. War ja auch schön.

    • Voll daneben!
      Haben Sie auch nur eine einzige Zeile Don Alphonsos verstanden?
      Seien Sie bitte so freundlich, diesen Artikel nochmals zu lesen, Satz für Satz; die kleine Mühe lohnt sich. Dass Sie sich nach Absonderung eitler Plattheiten auch noch zu Mutmaßungen über sein Wahlverhalten hinreißen lassen, sagt mehr über Sie, als Sie kauen können.

      Aber Gottes Tiergarten ist halt groß, gell?

    • Kriegsbeil
      guck mal bei den Empfehlungen, Groupie

    • aus diesem blauen Fahrrad
      hat er schon mindestens 4 Blogs gesogen, immer irgendwie derselbe Tenor: Bei Jovanni/Juiseppe/Jolanthe die Handgriffe am Lenker beziehen lassen/ Speichen gekauft/ das Sattelhorn gefettet. Und nun halt ein Ersatzteil.

      Der Alfons ist schon so ein typischer Merkel-Wähler, aber früher war er grün, dann links, dann Merkel. Und er ist ganz schön beleibt geworden. Der Stunt mit den erhobenen Armen bereitet ihm sichtlich Mühe und ist entsprechend peinlich. Zu Trainigszwecken aufn Pass? die letzten 50 Meter.

  2. ja!
    So gefällt er mir, der Don. Weiter so!
    Ach, wenn’s doch viele solche Dickschädel gäbe…
    .
    (allerdings, …der Käse in Plastik eingeschweisst?)

  3. Steuersatz
    Werter Don,

    haben Sie bereits den Tange CDS probiert? Das ist jener, der tatsächlich noch und seit vielen vielen Jahren in Japan hergestellt wird – aus Stahl, polierte Oberflächen – kurz gesagt: wunderschön. Und unverwüstlich.

    Mit Gruß,
    BB

  4. Hm, verehrter Ätnalöschetappenreservist, der Laden mit dem Ringekasten ist alt,
    Text eingeben

  5. Hm, verehrter Ätnalöschetappenreservist, der Laden mit dem Ringekasten ist alt,
    („Du schreibst die Kommentare zu schnell. Mach mal langsam.“ – Danke für den freundlichen Hinweis! F. A.) der Besitzer möglicherweise auch nicht mehr der Jüngste: Schon mal die Idee gehabt, bei solcher Gelegenheit vorsorglich nicht bloß EIN (Verschleiß-, Ersatz- , Whatever-)Teil mitzunehmen?

    Ansonsten: Schot- und Mastbruch (oder wie sagt man in Radlerkreisen?) auf der Rappelrüttelrundreise!

  6. Sterben ohne alteingesessenen Einzelhandel
    Kommt nicht vor dem Sterben(hoffentlich)…in Würde alt werden und wenns super läuft
    sogar auch weise, also bescheidener, Ersatzteilloser(Fahrradmäßig, nicht Hüftgelenkmäßig) leben?
    …mit Einzelhandelbäckereien, die per pedes zu erreichen sind und Ersatzteilklaglos? :=)

  7. Ach, warum heißt es nicht "Stürzen der gesellschaft"?
    Aber ich ahne schon… :-)

  8. Tolle story!
    Besser kann man gestern und heute kaum vergleichend beschreiben.

  9. Amüsant geschrieben und vollkommen nachvollziehbar!
    Die Fahrradgeschichte kann ich in fast identischer Form bestätigen. Bei meinen alten Renner war es eine Tretlagerschale,die sich immer wieder lockerte und über ein „verkehrtes“ Gewinde verfügt. Meine Anfrage beim rot-weißem Megastore wurde ähnlich beantwortet, solch einen alten „Mist“ fährt man doch nicht mehr,ich solle doch ein modernes Patronenlager mit Plastikschalen kaufen. Ein paar Tage später beim total „out of style“ Fachhändler bekam ich nicht nur adäquaten Ersatz, sondern auch den gesamten Restbestand(fünf Stück) kostenlos in die Hand gedrückt. Manchmal ist viel weniger eben doch deutlich mehr!

  10. aber sicher wunderbar
    Nur zwei Fahrradläden in meiner Stadt sind immer voller Kunden: Die beiden Höhlen, deren Inhaber schrauben UND rechnen können. Minimale Kosten trotz zentaler Lage für das sehr kleine, heruntergekommene Ladenlokal, kaum totes Kapital in Form einer Verkaufsausstellung, und 2-3 Angestellte, die ständig produktiv abeiten (=schrauben).

  11. Gottes Lohn
    Angesichts Ihres Wohlstandes könnten Sie dem Herrn Walter Bauer doch mehr als ein Dankeschön zur Bezahlung der Lebensverlängerung Ihres Drahtesels bezahlen. Finde ich.

  12. Mindestlohn, 35-Stundenwoche und geiler Geiz
    sind die Mischung, die solche Verhältnisse hervorbringen. Außer Idealisten oder selbstausbeutende Selbständige kann Dienstleistungen dieser Art niemand mehr anbieten.

  13. Äh,
    Text eingeben

    • sie meinen doch sicher diese pfennigfuchsenden Betriebswirte.
      Die Nationalökonomen sind doch eher am grossen Ganzen interessiert. ( Und neuerdings im Europaparlament ganz hervorragend präsent).

  14. Schönheiten aus Stahl
    Viel Spaß bei der Eroica! (Ich bin hoffentlich nächstes Jahr wieder dabei …)

    • Hügelbesteigung
      Quält man sich mit dem Fahhrad durch diese Gegend http://eroica.it/ aus schlechtem Gewissen gegenüber der Mehrheit der Weltbevölkerung, die schlechtere Aussichten hat?

  15. Nostalgie oder 3D
    Sofern Jeremy Rifkin mit seinen Prognosen Recht behält, wird der natürliche Nachfolger ersatzteilbewährter Höhlen der 3-D-Drucker. Die Geschichte wäre dann natürlich nicht mehr so schön und im Sinne inszenierten Dinausauriertums nicht annähernd so geschmeidig.

  16. Fahrräder liegen mir nicht so
    Etwas ähnliches konnte man bei den jüngsten Fashion Shows in Paris
    bewundern. Die wegen ihrer innovativen und höchst artifiziellen Kreationen-
    3D-Drucker(?)- bewunderte Designerin Iris van Herpen ließ ihre Modelle von
    Verhungerten Kindern vorführen eingehüllt in eine Plastikwolke.

    Das ganze Szenario erinnert an das Mädchen mit den Schwefelhölzchen, dessen Träume
    waren auch innovativ und artifiziell.

  17. Fahrradladen, Fahrradladen, wo bist Du geblieben...?
    Texte, die sich mit Fahrrädern und deren notwendigen Reparaturen befassen, werden von mir immer gerne gelesen. Wie schön und harmonisch fand sich in Ihrem Bericht der Distanzring zum Lenker. Ein wahrhaft erhebendes Ereignis, das heute sicher schon Seltenheitswert hat. An dieser Stelle sei es mir erlaubt, die – inzwischen historische – Geschichte des kleinen Fahrradladens zum Besten zu geben, der einst am Ende der Straße existierte, in der ich teilweise aufwuchs. Diese Geschichte ist wahr und soll jungen Leuten zur Warnung dienen, aber auch mit tiefer Moral vor Profitgier warnen.
    In unserer Straße befand sich am Ende derselben eine kleine Fahrradreparaturstation, das „Geschäft“ konnte man nicht betreten, ca. sechs Quadratmeter umfasste die Ladenfläche. Der Laden wurde nach dem letzten großen Krieg gegründet, sein Erschaffer war ein einfacher Mann, nicht besonders helle, aber freundlich zu jedermann, Fahrräder konnte er scheinbar schon immer reparieren. Als ich zum ersten Mal in diesen Laden kam – man konnte eigentlich nicht nach Innen, sondern regelte alles draußen, unter einem Wellblechdach – zählte der Fahrradmann schon an die 60 Lenze. Aber kaufte man eine Schraube, so war es selbstverständlich, das er diese anschraubte, brachte sein Ölkännchen noch mit und ölte noch schnell die Kette. Man rechnete damals noch in DM und Pfennigen, dieser o.g. Service kostete nichts extra! Raten Sie mal, zu wem man das nächste Mal das defekte Fahrrad schob. Der Mann hatte sich so einen kleinen Mittelklassewagen erarbeitet, den er alle drei Jahre erneuerte und war hochangesehen nicht nur in der Straße, sondern im gesamten Stadtteil. Reparaturen dauerten manchmal zwei Tage, sein Sohn half mit, aber eher widerwillig. Als der alte Mann älter wurde, übernahm der Sohn das Geschäft, er blieb in dem kleinen Laden, aber er war nicht so freundlich, man erhielt die Schraube, nur zog man sie jetzt selber an, was auch o.k. war, ölen musste man nun auch selbst, die Kunden waren treu und kamen trotzdem gerne zu diesem Sohn. Doch auch dieser Sohn wurde älter, und irgendwie schien ihm der Laden nicht so recht Spaß zu machen. Als der Enkelsohn etwa 20 Jahre alt war, übernahm dieser den Laden, forderte aber von seiner Familie, an der nächsten Ecke ein größeres Ladengeschäft zu mieten und den kleinen Unterstand zu schließen. Kleine Händler sind froh, wenn in heutigen Zeiten der Nachwuchs überhaupt bereit ist, die Geschäfte weiterzuführen. Der Enkel hat sich wohl mit seinen Wünschen durchsetzen können, denn zur neuen Geschäftseröffnung stand ein neuer, riesengroßer, metallicroter amerikanischer Pickup vor dem Fahrradgeschäft, so groß, wie ich ihn in unserer schönen Heimat selten gesehen habe. Mit allem möglichen Schnickschnack, den man an so einem Gefährt überhaupt unterbringen kann. Dieser Pickup gehörte dem Enkelsohn. Im neuen Laden gab es nun auch neue Fahrräder, aber man konnte sein geliebtes Drahteselchen dort auch weiterhin reparieren lassen. Der neue Service hieß „40 Euro“ – kurz nach der Euroeinführung – und bezog sich auf Lämpchen austauschen oder Schraube oder Distanzring einsetzen. Nach oben waren keine Grenzen gesetzt, so konnten Reparaturen auch schnell ein Vielfaches kosten, da jetzt immer der Stundenlohn pro angefangener Stunde berechnet wurde. Aber meistens hörte man den monoton vorgetragenen Satz: „Das lohnt eh nicht mehr, ich habe hier ein paar schöne neue Räder“. Also bedankte man sich höflich, verlies den Laden und suchte eine neue „Schrauberbude“, was auch gelang. Aber man ist gerne treuer Kunde und probierte es nochmals, vielleicht hatte der Enkelsohn nur einen schlechten Tag? Aber so oft man den Laden nun betrat, desto öfter wurden neue Räder unfreundlich offeriert, das eigene geliebte, eingefahrene Fahrrad war in den Augen dieses Händlers nur ein Haufen Schrott. Das hört man sich ein- zweimal oder aus Nachbarschaftsrücksicht auch dreimal an, dann fand man die andere Schrauberbude irgendwie netter, und wechselte somit den Händler. Es kam, wie es kommen musste: Keine zwei Jahre nach seiner Eröffnung machte der Enkelnachfolger Bankrott, es kam einfach niemand mehr in seinen schönen neuen Laden, den man wollte kein neues Rad, sondern sein altes in guten Händen wissen. Der Großvater traute sich kaum noch aus dem Haus, wurde sehr krank uns starb schon bald. Die Familie zog weg, obwohl sie mindestens vier Generationen im selben Haus gewohnt hat. Der metallicrote Pickup wurde nicht mehr gesehen.
    Also, liebe Enkelgeneration, gib fein acht, was Ihr mit den Kunden macht.

  18. Das Leben ist schön... wenn man will.
    „…so irrational gebe ich scheinbar mein Geld aus.“

    Tja, wem nicht zu raten ist……
    Da kein denkender Mensch sich mehr anmassen würde, er kenne die Zukunft unseres Geldes ist es äusserst rational das eigene für Qualität auszugeben und sein Geld zu geniessen. Leider muss man dazu aber auch einiges davon besitzen.
    Aber Ernst beiseite…

    Man sollte schon neben gutem Essen und erstklassiger Kleidung auch die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nicht vernachlässigen. Da gibt’s bei Heise.de heute die Meldung des Tages:

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Bericht-Apple-will-neue-iPads-am-16-Oktober-vorstellen-2411576.html

    Distanzringe…. Igitt, igitt!

  19. Blässe der populistischen Zustimmung...oder wie ich aufwachte und das Denken lernte
    Potz Blitz, nachdem vor nicht allzu langer Zeit nicht nur die guten Pferdekutscher sondern auch die armen polnischen Schnitter auf den mecklenburgischen Feldern verschwanden, ist es endlich Zeit der zeitgeistig gestörten Dynamik Einhalt zu gebieten: ja zum Fortschritt, ja zum Fortschritt bei dem Alles bleibt wie es ist.

    Übrigens: bei Amazon ist guter Service Progamm.

    Joachim Korte-Bernrd

  20. Connection
    ..nachdem mir dreimal der Text abgestürzt ist, gebe ich es auf. TOnline day pass war bei mir eine grüne Banane .
    Grüße aus Südtirol, Nähe meran

  21. Mehrwert
    Toller Beitrag, Sie haben mir vergnügliche 10 Minuten geschenkt.

  22. Tante Emma laesst gruessen
    Ja, da war doch was: Udo 80 hat schon vor gefuehlten 30 Jahren den guten alten Tante-Emma-Laden musikalisch beweint. Ob er als damals schon gemachter Mann jemals dort selbst eingekauft hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Don Alphonso haette als betuchter Liebhaber historischer Rennraeder fuer das Ersatzteil einen realistischen, die Arbeits- und Lagerkosten des Sterzinger Radhaendlers abbildenden Preis bezahlen koennen und muessen, der Radl-Bauer diesen Preis auch fordern muessen, um seine Existenz abzusichern. Beide wissen es, keiner macht es. So wird es auf absehbare Zeit nicht gut gehen mit der Radlklinik – wer kennt kein Beispiel aussterbender inhabergefuehrter Fachgeschaefte in seiner unmittelbaren Umgebung? Support your local dealer, bevor es zu spaet ist! Jeder hat es selbst in der Hand, welches Angebot ihm zur Verfuegung steht. Dazu gehoert auch das beruehmte „joenne koenne“ also dem Ladeninhaber, der sich die heute vorherrschenden Kundenanforderungen in puncto Auswahl, Ladenoeffnungszeiten und Retourenverhalten zumutet eine entsprechende Verdienstmarge zuzugestehen.

  23. ..was es so gutes hier gibt...
    Nochmal probieren, mit Familen-Wlan. irgendein Zauber hat mich bewogen, beim letzten Check den Steuersatz vom Daniel in Wiesbaden mal nachschauen zu lassen. Jetzt hab ich einen neuen fsa, hoffentlich. Campaverträglich, mit dem ich die Alpenpässe runter flitze. Gemächlich, denn die haben Risse.verköstigt wird man sehr gut, mit Tiroler Schinken, Gams und Käse und allerhand selbstproduzierten aus dem Obsthang.
    nach vielen Jahren Süden nochmal Tirol .
    Deshalb schreibe ich das hie überhaupt.
    also Italien war anders!

  24. Wos is jetzat mit dene Piratn?
    Jo sogts amoi, wos is jetzat mit dene Piraten, die wo der Don immer no ois großn Hoffnungsdräger siagt? Wos les I do: in Hessen homs as eigene Padei-Programm glöscht, wois eana nimma gfoin hod! Jo sauber! Jo mei, für de Leit, de de do vorher gwählt hom, ist dös jetzat oba eher suboptimal! „Do hams halt an rechten Schmarrn gwählt, wanns uns gwählt hom!“ Dös is koa guade Reklame füa de Piratn!

    Jetzat wollns ois so mochan, wia de Bürga woin. Guad, is mia ja ois recht, oba de CDU/CSU gibts doch scho! Dös is wos de Bürga woin! Wos brauchat mia da jetzt no a Splittapardei, de noch amoi dös söibe mocht? Dös is doch a Schmarrn! Oba is scho recht, dass dene Piratn gmerkt hom, dass der Bürga goanix gege de Übawachung hod! Wega da Griminalidäd, do muass de Polizei scho a weng überwochn! Oba wia gsogt, dös macht doch scho de CSU. Da brauchma koane Piratn, zur Not gibts ja aa no de freien Wähler! Und bei dene san koa lingsextreme Preissn dabei! S’is doch a so!

  25. Ich kaufe häufig gebrauchte Mechanik ...
    … weil ich die auch selbst reparieren kann, ohne mich darum sorgen zu müssen, dass ich „aus der Garantie falle“.
    .
    Sogar an Elektronik < 20 Volt traue ich mich z.B. bei meinem Laptop, der nur ein Tröpfchen Öl auf seinem Lüfterradbolzen brauchte, um nach 8 Jahren und temporärem Gekreische wieder samtweich zu laufen.
    .
    Ja, ich habe auch bereits einiges "kaputtrepariert", aber sonst wäre es doch nur der halbe Spass!
    .
    Selbst reparieren geht vor beim Hersteller reklamieren …

  26. Titel eingeben
    Werter Herr Keul,

    mit einem „wunderbar“ können Sie sich hier wirklich nicht anbiedern. Die Unterschiede zu Don Alphonso liegen doch auf der Hand:

    a) Sie haben keine Freunde in Berlin. Zumindest nicht solche, die die gezählt 3001 italienischen Feinkostgeschäfte und BioDelis ignorieren. Oder aus alter Gewohnheit davon ausgehen, daß Lebensmittel per Luftbrücke in die Stadt kommen und als Care Pakete an die ebenso ubiquitären Packstationen verteilt werden.

    b) Sie würden chinesische Hüttenschuhe mit Hirschmotiv vermutlich direkt über Zalando bestellen.

    c) Sie können nicht Fahrrad fahren. Zumindest nicht freihändig mit hoch gerissenen Armen und das mit defektem Steuersatz. Sie kennen vermutlich auch keine in Höhlen lebenden Schrauber, die beim Übergang von der Steinzeit zu Shimano Distanzringe gesammelt haben.

    d) Sie würden nicht im Outfit eines Berliner Fahrradkuriers (und einem etwas zu eng anliegendem Sporthemd) am Jaufenpass Torte essen gehen.

    Also traue ich Ihnen auch nicht zu, das Wahlverhalten des Autors zu beurteilen. Im übrigen ist doch für jeden, der diesen Blog ein paar mal gelesen hat, evident, daß DA sein letztes Kreuz bei den Piraten gemacht hat

  27. Anti-Troll-Woche
    Der Nickname Troll entstand 2010 nach einer Norwegen-Reise. Das ständige Trollbashing nervt.
    Nach meinen letzten Vorstellungsgesprächen kann ich nicht mehr empfehlen mit Klarnamen zu kommentieren.

    Nachdem mein Rennrad geklaut wurde, fahre ich tapfer Baumarkt-Fahrrad. Für die Stadt okay.
    1967 war ein guter Jahrgang.

  28. das ist aber schon gewagt!
    Die Kombination von roten Schuhen, karierten Strümpfen und der Bergwandererkniebundhose zum bunten Kurzarmtrikot im letzten Bild ist allerdings schon sehr gewagt. Die Radhose mit Kniestrümpfen früherer Jahre musste (!) schwarz sein und dazu konnte nur eine dunkler Pullover getragen werden. In allen Fällen schwarze Schuhe und Pedale mit Haken und Riemen.

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