Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Soziale Porno-Anomalien der Reichen

| 64 Lesermeinungen

Play ethnicky jazz to parade your snazz on your five grand stereo
Braggin‘ that you know how the niggers feel cold and the slums got so much soul

Dead Kennedys, Holliday in Cambodia

Es ist Sonntag morgen und ich öffne Zeit.de, das Internetangebot einer Zeitung, deren Redakteure in Zimmern gehalten werden, die etwas kleiner als die meiner Gästewohnung sind, nur ohne Dachterrasse, Kronleuchter und Mahagonimöbel. Trotzdem gehören sie zu den Privilegierten dieses Landes, werden mittelgut bezahlt und gerne herumgereicht, weil sie die Meinung in diesem Land, zumindest bei den Gebildeten, mit beeinflussen. Was serviert mir diese Seite der Privilegierten wohl so am Sonntag?

sozporna

Die Präsidentschaftskandidatur einer Frau, die wegen eines „War on Women“ Stimmen bekommen möchte. Ein Beitrag über Pegida: Tillich warnt vor Ausländerhetze. Darunter bezeichnet Michael Jürgs die ostdeutsche Gesellschaft als pubertierend. Der Ratgeber erklärt, wie introvertierte Hascherl auch Karriere machen können. Die Familienministerin setzt sich für eine bessere Entlohnung von Erziehern und Erzieherinnen ein. Eine Frau wird mit einem Foodblog vorgestellt, obwohl sie nicht kochen kann und das ihrem Mann überlässt. Es wird beklagt, dass Kenia Flüchtlinge des Landes verweisen will, und weiter unten wird empört gefragt, warum wir über Charlie Hebdo trauern und die Kenianer nach dem Massaker an christlichen Studenten allein lassen. Wenigstens will die CDU in Brandenburg mit der AfD brechen. Die italienische Küstenwache rettet derweil Flüchtlinge, aber noch mehr sollen in Seenot sein. Dafür gibt es in der Kultur Good News, denn endlich entdeckt Amerika das Thema Transgender, und die Zeit hat sich ein Haus angeschaut, das sich um die Belange queerer Leute kümmert. Auch toll die Überschrift im Stil der Wehrmachtsberichte: „Der deutsche Jazz hat ein weibliches Gesicht.“ DerrDoitschäh Tschähzzzz, ich stelle mir sowas immer mit der Stimme von Goebbels vor. Ein Feature über die Tiefen der armen Showgrösse Lena Meyer-Landrut ist direkt vor einem fleischlosen Gulasch. Danach ein Beitrag über Konzentrationslager und nochmal Flüchtlinge, diesmal in der Version „hochbegabt“. Cannabis ist super und die Lage der Diamantenschürfer in Banharbaru ist entsetzlich, weil die vom Reichtum nichts abbekommen. Der Sport: Hannover gegen Herta. Hier werden zwei schwarze Spieler abgebildet. Dann noch ein Leseraufruf, wo Flüchtlinge willkommen sind – man soll von seinen Erfahrungen erzählen, sofern sie gut sind. Zum Schluss nochmal Mindestlohn und die schlimme Lage der Taxifahrer in Hamburg.

Das ist nicht die taz, nicht die Jungle World und auch nicht eine Internetpostille der Antideutschen, das ist die Zeit. Und wenn dann einmal eine Autorin der Welt etwas über Feminismus schreibt, in einer Serie mit Pro- und Kontra-Stellungnahmen, sagt eine Studentin auf dem Social-Justice-Warrior-Trip:

meinungsfreiheit heißt vor allem den menschen eine stimme zu geben, die wenig möglichkeiten haben diese zu äußern und gehör zu finden.
sozpornb

Die hätte mal besser die Zeit lesen sollen, da liefert man genau das, was sie will. Jede Menge Mitleid und Bedauern, und wahrscheinlich weinen die Redakteure Nachts noch in ihre zertifizierten Biokissen, weil sie vergessen haben, einen Beitrag über die Adoptionsbedingungen für vegan gepiercte transsexuelle Paare in Peru, deren Schönberginterpretation mit der Ukulele vom Goethe-Institut lobend erwähnt wird, hochzuschalten und dem Publikum nochmal Tränen abzuringen. Die spannende Frage ist jedoch: Warum macht ein Organ der gebildeten und hohen Stände so etwas? Das alles sollte doch nach Wunsch und Möglichkeit überhaupt nicht die eigene Lebensrealität der Leser zeigen, und generell findet man es doch super, wenn einem keine feministische Jazzpianistin so lange auf Cannabis mit der Musik New Yorker Genderhäuser quält, bis man seinen Besitz den Armen der Welt vermacht und den Rest des Daseins mault, dass es wegen der polarnahen Lage von Hamburg vor der eigenen Öltonne nie Sonne geben wird.

Die Antwort ist mir wie so oft beim Umhängen der Bilder gekommen; ich habe da eine neue Rokokoschönheit mit Schleier und der musste eine italienische Strassenszene im Guardistil mit einem dekorativ herumliegenden Bettler weichen. Für solche sozialen Anwandlungen nämlich zahlen und zahlten Gebildete seit jeher viel Geld, man denke nur an die Gemälde von Murillo, die Schule von Barbizon, und es wäre mir auch neu, dass die Sammler von George Grosz mit seinen Freudenmädchen und Spiessern in, sagen wir mal, bildungsfernen Schichten zu finden wären. Sogar bei mir, der ich normalerweise perlenbehängte Schönheiten mit prachtvollen Gewändern bevorzuge, ist so ein Sujet in die Sammlung gerutscht. Nicht allzu oft natürlich, aber schon früher zeigte man sich mit einem Bauernbild von Jean-François Millet im Salon fortschrittlich und weltoffen, und war ansonsten mit dem Reich von Napoleon III. zufrieden. Und sollten Sie einmal in das Bayerische Nationalmuseum kommen – da gibt es auch kunstvolle Elfenbeinskulpturen von Bettlern in zerissenen Kleidern. Das fand man bei Hof ganz wunderbar – es war nicht alles nur parfümierte Beischlafsanbahnung der oberen Klassen wie bei Bustelli. Oder eben den Partneranzeigen in der Zeit.

sozpornc

Dunkel meine ich mich da nämlich erinnern zu können, dass dort mehr der musikalisch begabte Unternehmer im Ruhestand eine kulturell interessierte Dame suchte, die Unterschichten nur in Form von Befehlsempfängern beim Personal kannte – und eben vielleicht aus der Zeitung. Eigentlich wollte ich ja schreiben, wie widerlich ich die Doppelmoral meiner Kollegen mit ihrem Poverty Porn finde, aber wenn ich ehrlich bin, hängt in meiner Küche zwischen den Stillleben und dem Imariporzellan auch so ein Gemälde einer romantisch verrussten Bauernküche. Ich habe auch das Portrait einer Dienstmagd aus dem XVII. Jahrhundert, vermutlich flämisch, auf dem sie ein Huhn rupft. Und dann habe ich noch eine ganze Wand voller Capriccios – was darauf nicht verkleidete, halbnackte Adlige oder durch Hecke geknallte verführte Nymphe ist, ist wirklich arm, kniet betend oder geht sogar einer echten Tätigkeit nach. Ich brauche mich also gar nicht beschweren: Das hatte man schon immer so.

Historiker jedoch werden nun richtigerweise einwerfen, dass all dieser künstlerische Poverty Porn auch durch diese letzten vier Jahrhunderte wenig daran änderte, dass man den schwarzen Mann versklavte und als Leuchterknaben hielt, arbeitsscheue Leute in Armenhäuser steckte und zur Arbeit und Umschulung zwang, Menschen ohne Pass des Landes verwies und bei aller Lust an der Verkleidung in der Oberschicht nur wenig Gefallen an sexuell abweichendem Verhalten weiter unten empfand. Die Kunst beweist uns, dass man sich über die Existenz des Elends voll bewusst war und die Geschichte zeigt, wie gleichgültig sich deren Käufer im vollen Wissen um die Probleme verhielten: Ars der Reichen longa, Vita der Armen brevis. Für das Stück Goldledertapete neben meinem Schreibtisch hätte man eine Familie einen Monat satt machen können und könnte es, den richtigen Kontinent vorausgesetzt, noch immer, selbst abzüglich der Verwaltungsgebühren der Nothilfeorganisationen, sofern sie nicht tebartzen und erster Klasse in die Slums fliegen.

sozpornd

Aber natürlich: Heute nutzen auch wir die Medien, um den Unterdrückten eine Stimme zu geben und ob man das Elend anklickt oder nicht, spielt keine Rolle. Mir selbst ist ja auch erst jetzt aufgefallen, wieviel Elend hier in Öl in meiner Wohnung hängt, über dem grünen Chippendalesofa, auf dem ich Torte esse und mich über neue Auktionserlöse der Schule von Barbizon informiere. Man kann es geradezu als Konstante der bürgerlichen Epoche begreifen, dass wir bestens über den Stand der Welt und seiner unteren 90 Prozent informiert sind. Selbst wenn der Sauhirte von früher heute mit Baugrund reich wird: Es gibt noch genügend anderes Elend. Und auch genug Kunst, die das thematisiert. Wir schauen uns das natürlich an, und überlegen, wo war das noch mal? Das war eine Ausstellung in – war das jetzt Madrid oder Paris? Schahatz, weisst Du noch, diese Bilder da mit den betenden, armen Bauern, die waren? Ach so, Victoria an Albert. Oder doch Tate? Das kann doch niemand auseinander halten.

Es ist halt auch nur beliebiger Porno. Man klickt das an, man schaut es sich an und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Trotzdem hätte ich mir gerade von der Zeit mal wieder etwas mehr Empathie für arme Gemäldesammler wie mich gewünscht, denen die Wände nicht mehr ausreichen und deshalb den Guardi abhängen müssen. Irgendwo muss so ein armes, unterprivilegiertes Waschweib des Rokoko ja seinen Platz finden, und da tragen wir gern unser Scherflein zum Wohlergehen der Welt bei.

ACHTUNG: WEGEN TECHNISCHER ARBEITEN KANN ES HEUTE ZU AUSFÄLLEN BEI DEN KOMMENTAREN KOMMEN.

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64 Lesermeinungen

  1. wo sind
    flüchtlinge willkommen…………die wohnung von g.grass steht jetzt doch leer, sind da schon welche nominiert worden? z.b. durch einen literarischen test ?
    vorgeschlagene frage: wer war nobelpreisträger und hat seine SS-waffen-mitgliedschaft jahrelang verschwiegen ?

  2. Treffender Abgesang...
    …auf ein einstmals ernstzunehmendes Blatt.
    Dort ist lediglich noch die Kolumne „Fischer im Recht“ lesbar.

    • Ach, ja...
      … dort lese ich lange nichts mehr. Na, dann.

    • Doch, Martenstein und Fischer. Fischer ist wirklich ganz toll-

    • Titel eingeben
      …und das Kreuzworträtsel !

    • ... ach, der Fischer ....
      … der sollte nicht befördert werden, beweist jetzt mit jedem seiner schlichten Texte, warum und dass er offenbar als hochbezahlter Bundesrichter zu viel Zeit hat.

      Treffende Schilderung der „Zeit“, nur dass die Sozial-Porn-Produzenten des Rokoko nicht allesamt über kader- und linientreu waren und über handwerkliche Fähigkeiten verfügten …

      Es fehlt schon lange ein Artikel über diskriminierte transgender cis- Malerinnen aus Mali, wird „Zeit“ dafür.

    • Wir könnten sie erfinden und der Zeit unterjubeln und sie dann aus „Mein Kampf“ zitieren lassen.

  3. Die menschliche Aufnahmefähigkeit für Elend ist begrenzt, war begrenzt und wird immer
    begrenzt bleiben. Zumindest für die unter uns, die bei geistiger und emotionaler Gesundheit bleiben wollen. Hinzu kommt, dass ich trotz H&Ms oder Apples Praktiken bei deren Produktionsbedingungen im Ausland wenig bis nichts tun kann, was einer grösseren Menge von Menschen dort wirklich hilft. Bessere Infrastruktur, effiziente und korruptionsarme Verwaltung, ausreichender Rechtsrahmen, Marktwirtschaft, Gewaltenkontrolle, Bildung – was wirklich hilft, ist immer lokal und lässt sich auch nur lokal verändern.

    Also rauschen die Berichte, Features, Essays, Nachrichten, Meinungsmitleidismen früher oder später nur noch an einem vorbei. Man sitzt da, liest wieder einmal über furchtbares (beliebiges einsetzen) im schrecklichen (beliebiges Nichtdeutschland einsetzen) und denkt nur noch, nein, man denkt eigentlich gar nicht mehr. Es ist das „normale“ Medien-Hintergrundrauschen, alles Elend der Erde auf einigen dutzend Überformatseiten in der ZEIT, immer begleitet vom leicht weinerlichen, etwas oberlehrerhaften und moralisch ein wenig überheblichen ZEIT-Sound für die viertelgebildeten Leser aus akademischen Gutfühlhaushalten. Die ihren frisch gepressten Bio-Orangensaft nur geniessen können, wenn sie ihr Gewissen mit einer Klatschrunde über das schreckliche Schicksal von Textilarbeitern in Bangladesh beruhigt haben.

    Das Verdrängen ist notwendige Psychohygiene. Die 100 Erfolgsgeschichten auch aus den Armenhäusern dieser Erde, die man wöchentlich ebenso erzählen könnte, würde man sich wirklich für den Menschen als ganzes (und nicht nur als Mitleidsobjekt) interessieren, die stehen jeden falls nicht in der deutschen Qualitätspresse. Wer die Entwicklung der Welt durch jahrgangsweise Auswertung der ZEIT nachzeichnen wollte, müsste zu dem klaren Schluss kommen, dass es der Menschheit seit knapp 70 Jahren täglich schlechter geht. Was angesichts der Fakten (wie der weltweiten Lebenserwartung in Jahren) zwar absoluter Blödsinn ist, aber für den deutschen „Bildungsbürger“ offenbar das unverzichtbare Fundament dafür, dass ihm das Frühstücksei besser schmeckt.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • th realist
      viele Jahre war ich Mitglied beim weißen Ring. Das Heft des Vereins ging meist ungelesen in die Rundablage – Psychohygiene hat Herr Haupts das genannt. Polizisten oder Ärzte dürfen Leid nicht ungefiltert an sich ran lassen. Ich will es nicht. Ich mag kein PoorPorn und gehe nicht gerne in Burgen und Schlösser, die von Herrschaft, Macht und Unterdrückung zeugen.

      Den Begriff Polithygiene möchte ich ergänzen. Leid ist politisch nützlich oder unnütz.
      Sabra und Schatila sind als Tragödien ebenso allgemein anerkannt wie Srebrenica. Zumindest in Deutschland.
      Wie sieht es mit dem Holodomor Stalins aus, mit Lagern in Rotchina oder Nordkorea? Was ist das Leid der Palästinastämmigen Araber in arabischen Lagern durch arabische Hand wert? Der „arabischen Straße“ ist ein Toter, der nicht an einem israelischen Geschoß stirbt, so was von egal. Den deutschen Linken meist auch. Genauso egal wie die Häftlinge in China, Korea oder Kuba, ausgenommen natürlich Kuba-Guantanamo.

    • Die Intention des Mörders bestimmt den Wert der Nachricht.

      Zwei ausgebrannte Asylbewerberheime heute durch die Bewohner sind sofort vergessen. Manches passiert halt einfach und anderes nicht. Ich habe letzthin mal geschaut, wie viele Morde es von Ausländern an Deutschen es so gibt. Das sind offen gesagt ziemlich heftige Zahlen, aber die findet man nur auf rechten Seiten. Und das wiedrrum macht solche Debatten so schwer. Khaled war wichtig, solage es um Pegida ging und vergessen, sobald er von einem Flüchtling getötet wurde. Das sind halt alles so Sachen, da wundere ich mich halt.

  4. Jahrzehntelang
    … war so etwas nicht so problemlos wie eine Monatskarte vorzuzeigen. Gadjo Django, was hätten Sie an seiner Stelle getan, damals und danach? Um eine möglichst ausführliche Darstellung bittend verbleibe ich, die Tüte ist schon popcornvoll. (Puffmais, Knallmais.)

    • niemand
      sollte gg seine mitgliedschaft vorwerfen, mein vater war mitglied der wehrmacht, ob er wollte oder nicht.
      aber: kann jemand als moralische instanz auftreten und rundumschlaghaft kritisieren und austeilen, wenn er selbst VERSCHWEIGT, absichtlich, bewusst……….nicht aus vergessen ?????
      es geht schlichtweg um heuchelei, nur um die !

  5. Martenstein
    Der häufigste Suchbegriff auf zeit.de war 2014 „Martenstein“. Die Leser wissen schon warum.

    • Das überrascht mich auch nicht.

    • ja, das mit dem
      samenstaugewinsel, das ihm vorgeworfen wird ist wirklich orginell.
      endlich mal wieder eine kolossale deutsche wortschöpfung……….konkurriert fast mit dem,was wir einem sportkameraden damals im R4 nachsagten, er hätte eine samenabfussrinne……………..

    • Titel eingeben
      ich war einer der Sucher, denn ‚Martenstein‘ wird erstaunlicherweise dort nicht extra beworben und seine Artikel sind ohne Suche nicht so schnell zu finden („Um die Ecke gedacht“ ist ummer ganz unten; das ist leichter). Ich les dann immer die letzten etwa drei verpassten Beiträge vom M.

  6. verfolgt die 'Zeit' ein Ziel?
    Will sie ihre Leser in den Wahnsinn treiben, oder nur in den Suizid.

    danke, für den amüsanten Artikel.

  7. ..
    Vielleicht ist der mediale Elendskonsum auch eine Art Bußeritual. Man hat zwar nichts getan, aber immerhin hat man sich schlecht gefühlt, das ist ja besser als nichts. Wenn man nach diesem Ritual immer noch Schulddruck hat, kann man sich ja jemanden suchen der noch ignoranter als man selbst ist und jenen dann im Namen der Verdammten dieser Erde anklagen.

    Ganz abgesehen von davon fühlt sich das Sofakissen viel weicher an wenn man regelmäßig daran erinnert wird dass andere auf dem staubigen Hüttenboden hocken.

    • Eventuell auch: Es gäbe unendlich viel zu tun, man konnte sich einfach icht entscheiden. Aber der gute Wille war da.

    • Ich denke da besnders an „Auf dem iPhone twittern für Flüchtlinge“.

    • Titel eingeben
      Die eine Person, die in meinem Bekanntenkreis tatsächlich (allerdings hauptamtlich und halbwegs bezahlt) mit Flüchtlingen arbeitet, macht darum kein Twittertheater.

    • Bei uns hat ein anonymer Spender eine Stelle für die Flüchtlingsbetreuung finanziert.

  8. Das ist alles
    sehr weit weg.

  9. Titel eingeben
    Dass die Beschäftigung „mit dem Elend“ bzw. den komplizierten oder auch weniger schönen Seiten der Welt ausschließlich pornographischer Natur sei, ob nun in der Zeit oder seitens von Kämpfern für soziale Gerechtigkeit, das ist eine reichlich steile und letztlich nur schlecht begründbare These.

    Natürlich erwächst nicht aus jedem Bericht und jeder Nachricht sogleich eine sozale Bewegung, welche die Verhältnisse vom Kopf auf den Fuß stellt, aber dennoch ist es gut, wenn sich der Blick auf die Welt nicht nur auf jene Dinge beschränkt, die für das unmittelbare eigene Wohl erheblich sind.

    Es mag auch mal so sein, dass die sozial eher „fortschrittlich“ oder „progressiv“ gestimmten Teile des Bildungsbürgertums mitunter etwas selbstgerecht (ob der großen eigenen Anteilnahme etc.) und lau sind, und dies durchaus auch in auffälligen Ausmaß. Doch geht daraus wirklich hervor, dass diese Menschen in Wahrheit nur selbstgerechte Drecksäcke seien, die kein Herz für ihre Mitmenschen hätten?

    Ich denke nein. Das gilt sicher auch für Don – bzw. der diesmal realen Gestalt hinter der Kunstfigur – und so sehr es den Autoren ehrt, sich über Verlogenheiten des eigenen Standes bzw. benachbarter Stände aufzuregen, so sehr möchte ich dagegen anführen, dass gewisse Schwächen und Inkonsequenzen tatsächlich menschlich sind. Das muss jetzt kein guter Grund sein, sie zu verklären, aber ein Irrtum wäre es dann aber zu meinen, dass weniger Mitgefühl (z.B. für Prekarisierte) etwas sei, was unsere Gesellschaft besser machen könnte – und sei es im Namen vermeintlicher „Ehrlichkeit“.

    Gehen wir doch besser davon aus, dass sich die Leser der Zeit durchaus für das eine oder andere Thema interessieren – und auch für die Lebenswelten von Menschen, die es schlechter getroffen haben.

    Der tägliche Trott und die eine oder andere Fehleinschätzung in Bezug auf das eigenen Mitempfindungs- und Urteilsvermögen mögen dieses Interesse zwar abschleifen, vielleicht sogar bis zur Frage, ob es im Kern nichts weiter als eine Art Schlüssellochgeilheit darstellte, aber mitunter entsteht sogar aus einem abgeschliffenen Mitgefühl, und sei es Sonntags bei einer Kollekte für besseres Schuhwerk von Geflüchteten, die eine oder andere gute Tat.

    So ist es mir jedenfalls noch lieber als stiere Ignoranz oder reine Selbstbezüglichkeit (wie sie übrigens von einigen Politbizarren aus Berlin in geradezu atemberaubender Konsequenz vorgelebt wird).

    • Ich kann nur sagen. dass ich inzwischen bei den immer gleich gestrickten „Guckt mal Pegidas so toll sind unsere Zuwanderer“-Beiträgen ebenso wegklicke wie bei den üblichen Dramen imm Mittelmeer, bei denen man zu erwähnen vergisst, dass nicht Europa oder Frontex das Problem ist, sondern genau die Schleuserkriminalität, die manche Linke als Helden feiern. Ich halte auch den Holocaust seit gut zehn Jahren weitgehend auserzählt und bekomme Zustände wenn die Enkel der Täter meinen, mit solchen überempfindlichen Betroffenheitswinseleien ein Anrecht auf Leid zu haben. Und ich möchte mich gern lustig machen über die quotierten Ausdifferenzierungsdebatte für minimale Unterschiede die zu struktureller Benachteiligung durch Aktivisten aufgebauscht werden. Ich halte das alles für einen elenden Plärrwettbewerb wenig geistreich und meist von Leuten geschrieben, die besser was anderes hätten machen sollen. Die Darstellung des Elends ist so mies wie abgeschrebene Pressemitteilungen. Damit kann ich nichts anfangen. Es gibt einfach zu viel davon und deshalb rauscht es durch.

    • Titel eingeben
      @DA: Man hat das Gefühl, dass manche sich anschicken, das Leben durch immer neue Befindlichkeiten und Verhaltensmaßstäbe komplizierter als das deutsche Steuerrecht machen wollen. Eine Art Ersatzreligion, die viel um Tabus, also nicht hinterfragbare Annahmen, kreist.

  10. Früher
    hatte ich nur Berührungsängste wenn es um die Bild-Zeitung ging.
    Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand diese Zeitung ohne
    Handschuhe zu tragen anfassen könnte.
    Jetzt auch die Zeit.
    Fallen mit der Digitalisierung auch diese Schranken?

    • Bei der Zeit gibt es ja auch noch die Jessens, Joffes und Co.. Mein privater eindruck ist, dass die konservative Seite nicht klüger und die „fortschrittliche“ Seite dogmatischer und moralinsauer wird. Man fragt sich, wo die gewitzten Querdenker und Unabhängigen hin sind.

  11. times are a changing...
    Damals, als diese Dinger, die Sie Gemälde nennen, produziert wurden, da gab es nur Oben und Unten. Entsprechend nur Bilder von Glanz oder Elend. Dann war da von ca. 1950 bis ca. 2001 so etwas wie eine Mittelschicht. Eine Zeit, in der die Zeit über die Mitte berichtete.
    Und nun gibt es wieder nur Oben und Unten. Ergo berichtet die Zeit über Unten und die FAZ und der Don über Oben.
    That’s it.

    • Ich sehe die Mittelschicht noch immer, selbst wenn es schwer wird von Unten dahin aufzusteigen, und sich oben eine andere Schicht tatsächlich absetzt – übrigens teilweise ohne ihr Zutun einfach nur durch die Verwerfungen der Finanzkrise.

      Diese Mittelschuicht produziert aber keine Geschichten, das „Unten“ ist da weitaus spannender – und es kommt hier auch sehr oft vor. Dass ich dieses Blog schreibe hat damit zu tun, dass es zuwenig über „Oben“ jenseits von Promis und Wirtschaft gab.

  12. Poverty Porn und finanziell unabhängiger Dandy ?
    Daß der Autor, Redakteur und Zensor dieses Blogs seine Gedanken an einem oberbayerischen See schreibt und nicht wie hier oben zu lesen ist, unter jenen Umständen wie jene von Ihm beschriebenen, bei den Redakteuren der ZEIT, lässt dieser in fast keinem seiner Beiträge unerwähnt.

    FAZ.net hatte laut AGOF im März 2014 mehr als 4.5 Millionen Besucher.(a) Bei kurzem Innehalten und Rückschau auf die Blogbeiträge und deren Lesermeinungen des Autors im selben Zeitraum läßt es sich grob überschlagen welchen Anteil an den 4,5 Millionen FAZ.net Besuchern diesen Blog lesen.

    Bei den Lesermeinungen tauchen stets auch wieder die gleichen Namen auf und nicht nur ich frage mich, wie weit Herr Thorsten Haupts und vielleicht andere, mit dem Autor verbandelt oder zum Familienkreis zugehörig sein dürfte, um durch Erhöhung der Leserkommentare diesen Blog am Leben zu erhalten.

    Der ungehörigen Gedanken wegen möge der Autor als kokettierender Hagestolz diese Zeilen gerne in seinem Zensurordner ablegen, doch manche Publikation der FAZ.net bedient sich in diesen Tagen neuerdings der niederen Sprache der gegenwärtigen Welt, wenn z.B. Herr Jasper von Altenbockum tausende von Menschen in Deutschland als politische Kadaver tituliert, was ebenso ungehörig ist.

    Nicht nur der Titel dieses Blogs „Stützen der Gesellschaft“, sondern vielmehr der Inhalt will den Privilegierten der Gesellschaft ebensolches servieren wie die angesprochene ZEIT vom Sonntag.


    Ja nur… was serviert dieser Blog eigentlich ?

    Sind die Beschreibungen des Autors nicht ebenso Poverty Porn aus der Sicht des finanziell unabhängigen Dandys aus der schlimmen Stadt an der Donau ? So von ganz Oben herab?

    Hoffentlich müssen wir nicht in naher Zukunft eine leidvolle Betrachtung hierzu anstellen.

    • Die FAZ weiss schon, was sie an mir hat und es sieht nicht ao aus als wollte sie mich gehen lassen und ich will das auch nicht, obwohl es Alternativangebote gibt. Ich will hier auch nicht in die Debatte rund um Leserbindung einsteigen, aber ich habe ein wenig einblick in die statistiken und da stehe ich nicht ganz schlecht da um es höflich zu sagen. Es gibt Kommentare, die so auf Krawall gebürstet sind, dass ich sie nicht freischalte. Das ist aber keine Zensur, sondern allemal von den hiesigen Regeln gedeckt, die ich im übrigen sehr weit auslege. Der Zensurvorwurf ist absurd.

    • nonsens
      ich bin heute zum ersten mal auf diesen seiten gewesen und über alles dankbar für diesen korrekten beitrag. der autor trifft voll ins schwarze.
      was ich als gesundheits- und sozialwissenschaftler schon alles an links-faschistischem klein-bürgerlich spießigem wahnisnn erleben musste, sprengt sogar die alltäglich öffentlich zugängliche welt von wohlfühl-solidarität, genuss-linker hobby-obdachlosigkeit usw. usf.
      die zeit ist bereits so weit wie die taz und kann in keinster weise mit dem intellektuellen differenzierten medium faz mithalten.
      gott sei dank haben die politischen kadaver meistens wenigstens anders gewählt, als sie ihren kollegen und nachbarn vorgespielt haben.
      ein nachbar von mir hat einen sohn, der jetzt in berlin (zentrum links-intellektueller klein-bürgerlicher spießigkeit und damit gnadenloser toleranz, also links-faschismus) einen film schneidet, der seine diplom-arbeit sein soll und in dem syrische flüchtlingskinder eine geschichte über die flucht spielen. bei seinen spenden-aktionen wurden freunde aus der mittelschicht angebettelt, die kunst zu retten. das sind alles wundervolle menschen, die immer ganz viel gutes tun.
      und natürlich hasst man amerikaner, juden und auch süddeutsche.
      rechts und links passen so gut zusammen wie sozial-romantik, melancholischer sumpf und hochstaplerei.

  13. "Das ist nicht die taz, nicht die Jungle World und auch nicht eine Internetpostille ...
    … der Antideutschen, das ist die Zeit.“
    .
    Nö.
    .
    Das ist der klägliche Rest
    einer ehemals lesbaren Wochenzeitung.
    Geblieben ist der Name.
    Schall und Rauch.
    .
    Ist es anderswo informativer, wahrhaftiger?
    .
    Ganz hinten klirrt es ein klein wenig.
    Man sollte Plexiglas verbauen.

  14. Vielleicht hat genau das den Marxismus attraktiv gemacht
    Weil er eben eine Analyse angeboten hat statt nur Moralisierung oder „Soz-Porn“.
    Vielleicht war das für viele Stützenkinder so zwischen 1870 und 1970, die das Thema wirklich beschäftigt hat, eine emotionale Entlastung. Auch wegen der Schlußfolgerung, dass das Übel eine Wurzel hat und man selber was zu ihrer Beseitigung beitragen kann.

    • Das Problem ist halt, dass Mar in dieser Gesellschaft nicht mehr greift. Noch nicht mal weil im Histomat der Wurm drin ist, sondern weil weite Teile der Bevölkerung zu den Gewinnern der globalen Entwicklung gehören, und das sogar ohne allzu viel Sauereien. Ein Arbeiter in einer gut geführten Fabrik denkt meist nicht mehr, dass er ausgebeutet wird. Und wie man für das auch nach zig Jahren Entwicklungshilfe immer noch labile Afrika mit seiner Bevölkerungsexplosion hier etwas tun soll und kann, versteht auch keiner mehr. Das Problem von Boko Haram und den Staatsstreichen in der Elfenbeinküste ist nicht das Kapital und nicht der Kolonialismus sondern…

      Das ist dann der Punkt, an dem die aufmerksamkeit verschwindet. Nächstes Thema.

    • Bock singt Alt
      Leider fürchte ich, dass in das Übel in Afrika durchaus unter anderem auch im Kolonialismus und natürlich im Kapital zu finden ist.
      Dazu genügt es m.E. Wallerstein zu lesen und das „Schwarzbuch des Kapitalismus“.
      .
      Das Problem der Debatte, das in Diskussinosforen wie leider inzwischen auch diesem hier mächtig nervt, ist sicher auch der Automatismus der Dramatisierung, Emotionalisierung und Moralisierung, die allen Teilnehmern Reflexe ankonditioniert hat, die sie am Denken und Zuhören hindern.
      So stochert man immer in Eiterbeulen herum statt ins Hirn vorzudringen.
      .
      Für diesen Automatismus sind m.E. eher die Leitmedien verantwortlich als irgendwelche hysterischen Gutmenschen, die man grad so gut ignorieren könnte. Des Alten Bocks Gesang schwillt hundertmal lauter an als die Morgenandacht Zechnvoracht.

    • Titel eingeben
      Die schnöde Wahrheit, so scheint mir, liegt darin dass die Probleme zu komplex sind, als dass wir sie wirklich erfassen können. Zu viele Faktoren spielen da zusammen, und auf die Frage, was gut ist und was böse, was woduch verursacht wurde, wer woran „Schuld“ ist, oder ob das doch eher ein Verdienst sei, ist immer schwerer zu beurteilen.

      Und es ist heute unendlich mühsam, will man den Dingen auf den Grund gehen. Man schafft das eigentlich nur noch für ein, zwei Themen, und dank des Internets kann man Dinge erkennen, die man voher nicht ohne Weiteres verstehen konnte, und gleichzeitig nimmt dadurch das Rauschen zu.

      Einfache Wahrheiten und vermeintliche Kausalitäten bieten da einen Ausweg. Oder, und das ist durchaus auch meine persönliche schlichte Lösung für viele Fragen, ein „ja, dann ist es halt so“.

  15. Die Welt als Dorfklatsch
    Jedenfalls sind Gejammer, Moralisierung und Spendenaufrufe dem Bürgertum unterm Strich allemal lieber als ein nüchterne Analyse, die nach Ursachen sucht.
    .
    Ansonsten zählt auch der Klatschfaktor. Meyer-Landrut oder Princess Di oder gestürzte Promis wie Uli Hoeneß und so fort. Mit betrogenen Prinzessinnen haben alle aufrichtiges Mitleid, auch die Friseuse, die ihre Freundinnen, Schwestern und Töchter in vergleichbaren Fällen anherrschen würde, sie sollten sich gefälligst zusmmenreissen.

  16. Andrea Nahles: In Deutschland herrscht gar nicht so viel Armut
    war vor ca. 14 Tagen in der FAZ zu lesen. Eine Aussage, die auch durch die öffentlich-rechtlichen, für die Demokratie unverzichtbaren und daher zwangsfinanzierten Medien verbreitet wird. Was war ich doch überrascht, ausgerechnet von einem Privatsender, der eher für seichte Unterhaltung bekannt ist, am Wochenende, abendfüllend und zur besten Sendezeit eine Dokumentation über die deutsche Armutsrealität zu sehen. Der Asternweg in Kaiserslautern ist etwas, das ich nicht geglaubt hätte, hätte ich es nicht bei VOX gesehen. Daß das kein Kaiserslauterner Spezialfall ist, scheint naheliegend. Das mangelnde Echo der Qualitätsmedien auf diese Dokumentation bzw. Langzeitstudie sagt denn auch mehr als tausend Worte. Es kann halt nicht sein, was nicht sein darf. Und – statistisch – gibt es das ja auch nicht. Die Würde des Menschen?

    • Das ist natürlich richtig und es ist auch nicht schwer, solche Fälle zu finden. Die Sache ist halt, dass reale Armut das eine und eine statistisch vorgegebene Berechnung das andere ist. aus letzterer ziehen dann die Lobbies ihre Argumentation und niemand muss über die echten Probleme reden, weil man es ja wissenschaftlich hat.

  17. Cherchez les deux cent
    Aber ich halte aber auch das Elend von Mspro oder diverser Gendertröten und überhaupt der Presse für auserzählt.
    .
    Niggemeier hatte seinen BILD-Blog, man könnte ihn um einen FAZ-taz-ZEIT-SZ-SPON-Blog ergänzen, aber was brächte es? Über die Qualität des TV-Programms zu klagen, bringt es das?
    .
    Man könnte es ja andersrum machen, und sich ein brisantes Thema (zB Flüchtlinge, im Mittelmeer und in Mitteldeutschland) suchen und analysieren, wie es in den Medien dargestellt wird — und sich dabei ganz bewußt auf die klügsten Artikel konzentrieren und nicht auf die dümmsten.
    .
    Warum ein Mord aus den Medien verschwindet, wenn er nicht Narrativ passt? Warum die Schleuserbanden nicht als Schuldige identifiziert werden, sondern FRONTEX? Tja solche Fragen müssten von Rechts wegen schon an die Eigentümer/Verleger/Chefredakteure gestellt werden, die ihren Blättern die Linie vorgeben. Da hat es keinen Sinn, sich mit dem niederen Personal rumzustreiten, oder doch?
    .
    Diese Gruppe der „200 Meinungsfreien“ ist zwar schwerer zu erreichen, aber dafür kann man ihren Standpunkt vielleicht auch leichter erraten oder sich selber zusammenreimen. So was ähnliches tut obiger Beitrag ja auch, nur dass vielleicht wieder mal die Rolle von Lesern und Schreibern verwechselt wird. Nicht die Leser sind für den Inhalt der ZEIT verantwortlich, und auch die namentlich genannten Autoren doch nur zum kleinen Teil.
    .
    Meine Vermutung ist die, dass man sich halt immer noch an Axel Springers Einschätzung von 1947 hält: Das letzte, was die Leute wolllen, ist nachdenken. Auch wenn es vielleicht längst nicht mehr stimmt. Vielleicht ist es inzwischen vor allem das Polit-und-Medien-Kartell, das sich bemüht, alle Debatten auf einem möglichst primitiven Niveau zu halten.

    • Es sind längst mehr als diese 200. Man kriecht dem Publikum – und hier den besonders schrägen Vögeln – ja in jede Ecke nach, solange man nicht über die Kassiererin bei Aldi und die eigene Putzfrau reden muss.

  18. Zeit
    Schon zu meiner Jugend vor rund 30 Jahren war die Zeit nur was für Lehrer: längliche, oberflächliche und moralisierende Artikel. Gänzlich von echtem KnowHow ungetrübt der Wirtschaftsteil, stramm sozialdemokratisch die Politik. Insofern hat sich das wenig geändert, ausser dass der Zeitgeist, oder das, was die Zeit dafür hält, internationaler geworden ist.
    Deutlich schlimmer als Betroffenheitsgeseibel und moralisierende Langsamüberholer auf der Autobahn finde ich die zunehmende Tendenz von der Theorie zur Praxis: Quoten für alles. Der Weg zur Quote für den homosexuellen Fahrlehrer mit Migrationshintergrund ist schon beschritten. Reines Geschreibsel för die Altpapiertonne ist dagegen erfrischend harmlos. Das muß man ja nicht lesen, selbst in der Vielfliegerlounge ist die Zeit eher eine Randerscheinung.

    • Leider ist es nun mal so, dass das Qutengeblöke angeblich Benachteiligter erfolgreich ist von der Quote im Aufsichtsrat über die Mietpreisbremse bishin zum Anschleimen des Vereins „Pro Quote“ durch die Zeit. Es ist einfach ein Geschäftsmodell im politischen Alltag und in einer Welt, die Unterschiede und Konsequenzen nicht mehr erträgt und denkt auch die lauteste, sozial dümmste Orchideenfachstudierende müsste noch einen gut bezahlten Job bekommen. Weil es sonst ungerecht ist.

  19. Der Schleuser
    „Der Schleuser“, auch so eine Figur, die in den letzten Jahren eine heftige Umwidmung seiner sozialen Akzeptanz erleben musste. Vom Heroischen zu Zeiten des kalten Kriegs, insbesondere im Mauerberlin, zum Kriminellen. Als Jugendliche hab ich die noch verehrt, auch befeuert durch wunderbare Trivialliteratur wie Simmels „Lieb Vaterland magst ruhig sein“. Auch damals war das Schleusertum vor allem profitgetrieben, aber Hund warns scho. Heute rangiert „der Schleuser“ sogar noch hinter „dem Politiker“.

    • Gerade gestern gelesen: Schleuser vor Libyen haben bei einer Rettungsaktion für Schiffbrüchige geschossen, um das Boot für die nächste Fuhre zu kapern. Da müssen sie sich nicht wundern, wenn immer noch mehr Leute Sigmar Gabriel wählen.

      Aber so stimmt das natürlich auch nicht, denn für Linke sind Schleuser immer noch Helden im Kampf gegen unser „faschistisches“ Grenzregime der „Festung Europa“.

    • Schleuser
      ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das
      Schleusergeschäft so reibungslos funktionieren könnte, wenn
      nicht nur nationale nordafrikanische Staaten, sondern auch
      hochwohllöbliche internationale Institutionen und Organisationen
      schützend ihre Hand darüber halten würden.

    • Natürlich.

    • Schleuser
      Dazu heute eine interessante Reportage in der SZ über tunesische Schleuser. Ein sehr hemdsärmeliges Geschäft, wies scheint, fast banal. Schneidige Verschwörungstheorien à la „mächtige NGOs schützen Schleuser“ werden dadurch allerdings nicht gestützt.

    • schneidige Verschwörungstheorie
      Klasse!

      Werde mich sofort bei fefe bewerben.

  20. Ich lese / klicke sofort auf weiter ...
    … wenn mir der Autor nur die Symptome aber nicht die Ursachen vermitteln möchte. Über Symptome lässt sich auch viel leichter schreiben, da sie wesentlich vielfältiger sind als die eigentliche(n) Ursache(n). Meist ist die Ursache doch die Ungleichverteilung von Grips und mithin Gütern.
    .
    Wer zu doof oder unwillens ist, Güter sozialkonform zu erwerben, der ist zumeist doch eine Schlagzeile wert!
    .
    Auf jeden Fall gefällt mir „Affe holt Drohne vom Himmel“ besser als das ganze Mitleids-Geschriebsel. Da tut nämlich einer etwas, weil ihm etwas nicht in den Kram passt (auch wenns in diesem Falle nur unser aufgeweckter zoologischer Verwandter ist).

    • Smptome sind einfach, Ursachen sind komplex und obendrein langweilig. Das ist der Grund warum auf ein Maximum Grusel gesetzt wird, da fragt dann keiner, was denn die Hintergründe sind.

  21. endlich sagt es einer
    „einen Beitrag über die Adoptionsbedingungen für vegan gepiercte transsexuelle Paare in Peru, deren Schönberginterpretation mit der Ukulele vom Goethe-Institut lobend erwähnt wird“
    .
    köstlich;
    endlich kann jemand sowas ausdrücken;
    vieeeeeeeelen Dank!!!

  22. Deutschland geht voran
    …das Ausland schaut auf uns (AA-Chef Steinmeier).
    Schaun mer mal, was das ‚Ausland‘ in 15 Jahren zu sehen bekommt.

    Voll guten willens und mit schlafwandlerischer Sicherheit in die
    dritte Katastrophe.

    Nur, diesmal redet mir keiner mehr ein, dass es nur eine Verkettung
    unglücklicher Umstände war.

    Sowas muss man wollen und lieben.

  23. Porno lenkt vom wirklichen Leben ab, auch hier
    Auf den ersten Blick ist Don Alonso so etwas wie ein freier Geist, der unverstellt und ohne Rücksichten auf Konformitätszwänge den Blick auf die Verlogenheit der (groß-)bürgerlichen Welt richtet. Nur, in derselben Zeitung wird ein schnauzbärtiges literarisches Nichts wie Günter Grass in derselben Weise auf ein Podest gestellt, in der Caligula dem Senat ein Pferd als Senator vorsetzte. War dies die Achtung für das Pferd oder die Missachtung für den Senat? Ist das die Achtung vor dem Verblichenen oder die totale Verachtung für die so klugen FAZ-Leser? Man muss sich nicht in subtile Geschmacksfragen wie poverty porn verirren, wenn man zulässt, dass die WAHRHEIT der Rede und des Marktes – die in beiden Fällen auf Freiheit beruht – durch das DIKTAT des jeweils in einer Situation Mächtigen (zB die FAZ, die Leserbriefe zum Abgang von Herrn Grass nur nil nisi bene abdruckt) nicht mehr das Thema ist. Dann kann man über alles trefflich streiten. An der tatsächlichen Machtverteilung ändert das nichts, sondern es bekräftigt sie. Ich lese die FAZ tatsächlich nur noch als das Amtsblatt, das sie ist.

    • Ich kann nicht wechseln, hätten Sie es etwas kleiner?
      Ich meine, Marcus Tullius! Einen Gaius Iulius könnte ich noch ins Deutsche übertragen – mit Zeit und Mühe. Die Gedanken des Marcus Tullius zu durchdringen geht über meinen Horizont.
      Es gibt doch soo viele angemessenere geistige Vorbilder: Marcus Licinius wäre doch was für Sie?

    • Er war Etwas, sogar Wer, auch literarisch
      … selbst wenn man ihn nicht mochte, ich bitte Sie. Und was erwarten Sie von einem Blogger, damit Sie seinen freien Geist nicht bezweifeln, dessen Langen Marsch zur Macht oder gleich die Erstürmung des Herausgeber-Bastille?

    • Vereinfacht zusammengefasst: Solange in der Nachbarschaft irgendwer ein
      A+loch ist, können Sie gar kein anständiger Mensch sein, weil Ihre Nachbarschaft ja nur dessen Tarnung darstellt.

      Und ich dachte, wir wären hier unter Erwachsenen.

      Ohne Gruss,
      Thorsten Haupts

  24. Nach eher gedämpftem Satire-Gehalt in den letzten Ausgaben jetzt ,..
    … wieder mal ein echtes Highlight von Don Alphonso! Lange nicht mehr so köstlich gelacht!
    Aus eigener Erfahrung: Die Leser dieser „Bild-Zeitung für Intellektuelle“ sind häufig genau so verbiestert wie deren „Nachts noch in ihre zertifizierten Biokissen [weinenden] Redakteure“.

  25. ZEIT wurd's
    Feist. Richtig feist, Ew. Liebden. Derart übellaunig und kunstvoll den Stab über diese Ikone zu brechen. Danke für die vielen Anregungen, im Übrigen. Ich muss dann auch mal weniger bei MacDoof essen, damit mich später nur noch ein Breitwinkelphotograph verewigt.
    Aber ich habe auch vor Jahren nolens volens das Abo dieser Zeitung kündigen müssen – mir fehlt kraft meiner segensreichen und aufopferungsvollen Tätigkeit zum Wohle der Brauindustrie bisweilen einfach die Zeit dafür. Spass beiseite, ich lese sehr gerne persönliche Meinungen, aber dann müssen sie bitte auch einen Zacken aus der Krone reissen. Ich würde die ZEIT aber deshalb nicht abschreiben wollen.

  26. wirklich cool! Der Don hört...
    … Punkmusik der Dead Kennedys beim Rearrangement seiner Gemälde?!

    Für die Zeit-Glosse wäre vielleicht folgendes Zitat aus „California über alles“ noch treffender gewesen:
    zen fascists will control you – hundred percent natural – you will crawl for the master race – and always wear a happy face

    Absolut punkig genial aber dieser Satz hier aus deiner Glosse:
    „Ein Feature über die Tiefen der armen Showgrösse Lena Meyer-Landrut ist direkt vor einem fleischlosen Gulasch.“

    Respekt, Alter!

  27. Ein sehendes Huhn findet auch im Heuhaufen
    ein Korn. Deshalb halte ich dem Kuddelmuddel, auch ZEIT genannt, meine Treue.

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