Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Die Entmietung des besten, nettesten und angenehmsten Menschen

| 53 Lesermeinungen

Aus Gründen der sozialen Repression sind die Bilder aus der Würzburger Residenz.

Niemand auf diesem Erdenrund erfährt so viel Sympathie und liebevolle Darstellung in den Medien wie der entmietete Kreative, der der Gentrifizierung weichen muss, und angeblich hat das überhaupt nichts damit zu tun, dass wir da etwa einen Akt der finstersten Lobbyarbeit sehen: Natürlich sind die Autoren solcher Sozialschmonzetten selbst in prekären Mietverhältnissen und haben Angst, aus der Wohnlage, die ihre Anwesenheit trotz ihrer nicht normschönen Erscheinung erst so schick gemacht haben soll, wieder verdrängt zu werden. Sie haben ein Motiv, solche Geschichten zu schreiben, aber auch beste ethische Gründe, kaum schlechter als die zum Bau neuer Atomkraftwerke: Zuerst kommen Studenten und Kreative, dann Gutverdiener, dann Spekulanten aus München und letztlich diejenigen, die genau jenen Flair mit urinierten Matratzen am Strassenrand und Geschlechtsverkehr im Hausgang um 4 Uhr Morgens suchen, den sie nun aber selbst mit dickem Auto und dickem Scheck ruinieren.

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Heute Abend findet in Berlin wieder eine Lesung von Betroffenen statt, und weil ich da leider nicht teilnehmen kann – ich muss gerade die Hausabrechnung für meine Münchner Bestlagenliegenschaft machen – habe ich mir gedacht, ich schreibe hier mal ein Stück reine Fiktion. Ich kenne solche Geschichten zwar aus Regensburg, Nürnberg, München und vermutlich gibt es sie auch in Stuttgart und Baden-Baden. Ich will auch nicht ausschliessen, dass man in Leipzig ähnlich verfährt. Aber in Berlin habe ich so etwas in der Art nur einmal erlebt, und die betreffende junge Dame ist nicht kreativ, sondern bodenständig und aus Buxtehude, was mich erstaunt hat, denn früher dachte ich immer, dass man im Norden diesen Ort erfunden hätte, um Bayern zu tratzen. Buxtehude gibt es aber wirklich und das Mädchen auch, nur ist sie mit ihrem festen Einkommen nicht typisch für jenes Publikum, das in aller Regel bei solchen Lesungen mit der Flasche in der Hand erscheint. Aber man wird ja wohl noch von einer menschenfreundlichen Entmietung des besten, nettesten und angenehmsten Menschen, nämlich einem selbst, träumen dürfen. Erfinden wir also eine holde Maid Gerlinde, die aus welchen Gründen auch immer in Berlin gelandet ist. Stellen Sie sich also meine Wenigkeit gewaschen und im HAZMAT-Anzug – mein Klassismus ist ansteckend – auf einer Bühne im Reichshauptslum vor, wie ich da nicht nur den üblichen Jammer, sondern Erbauliches lese:

Gerlinde entmietet sich – eine unwahre Geschichte.

Es war einmal für sieben Jahren ein Slum, in dem es sehr billige Wohnungen zum kaufen gab. Dort lebte die holde Gerlinde von einer ganz ordentlichen Anstellung. Natürlich hat Gerlinde gelesen, dass es eine Gentrifizierung gibt. Sie hat es auch selbst gemerkt, als irgendwann der Brauch aufhörte, in die nächstbilligere Wohnung zu ziehen und die alte Nebenkostenabrechnung zu ignorieren, so wie das früher war. Irgendwann verschwanden diese billigeren Wohnungen, und plötzlich konnte man nicht mehr so einfach den Vermieterforderungen durch Wegzug entgehen. Das war so richtig doof. Sagten auch alle im Freundeskreis und wedelten mit ihren iPhones, auf denen der neueste Beitrag von Andrej Holm stand, der als Gentrifizierungsexperte herumgereicht wird.

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Allerdings stellte sich dann heraus, dass die erzwungene Begleichung von Nebenkostenschulden keinesfalls ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, und der Teil des Mietvertrages, der Schönheitsreparaturen verlangt, auch eingehalten werden muss. Gerlindes beste Freundin Dorte-Josepha etwa wurde vom Vermieter gezwungen, ihr phantastiches Wandbild beim Auszug zu entfernen, ja, zu zerstören. So geht man mit Student_Innen der UdK nicht um, aber auch die Androhung eines Vermieterwatchblogs hat nichts geholfen: eine drei mal fünf Meter grosse, aktionskünstlerisch angebrachte Vulva musste übermalt werden. Und weil Gerlinde damals half – ohne Kautionsrückzahlung hätte Dorte-Josepha wieder nach Greifswald ziehen müssen – machte sie sich beim Pinseln schon so ihre Gedanken. Zuerst kommen die Kreativen und ziehen gerechterweise in die Wohnungen der Alkis und Rentnerinnen, die sich das nach dem Tod des Mannes nicht mehr leisten können. So weit, so gut und moralisch richtig. Dann sind sie kreativ und nach ihnen kommen Mieter oder gar Käufer, die nicht mehr eine Vulva in Rosa-Violett mit den schärfsten Sprüchen von Laurie Penny und Jessica Valenti sehen wollen.

Dorte-Josepha zog weiter ins nördliche Neukölln, wo sie eine sozial bewegte WG in der ehemaligen Wohnung eines Migranten fand, der wegen der sinkenden Taxieinnahmen wegzog, wohin auch immer. Diese Ecke war jetzt plötzlich schick, und als Gerlinde nach der dritten Mieterhöhung selbst überlegte, ob das nicht etwas wäre, schaute sie bei Immowelt die Preise an. Virtuelles Wohnungsgucken. Was es da so alles gibt. Nur mal so interessehalber auch die Kaufangebote. Die schönen Mietwohnungen waren nach kürzester Zei weg, die Eigentumswohnungen dagegen waren noch da. Eine davon – unrestauriert, aber schon mit Heizung und vertretbarem Bad – war gut gelegen, recht gross, hatte einen Balkon und sah auch sonst nett aus. Und da kam Gerlinde dann die zündende Idee: Wenn da jetzt jeder Kreative hinzieht, geht das dort auch bald los mit der Gentrifizierung. Wo Leute wie sie mieten, kaufen dann später die Münchner.

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Warum also nicht einen Schritt voraus sein, dachte sie sich und rief testweise beim Makler an. Kaufen konnte sie die Wohnung zwar nicht, aber einmal anschauen, das kostet ja nichts. Die Wohnung war wirklich nett und hatte ein schönes Licht in den alten Fenstern, die Strasse war ruhig und dennoch nicht abgelegen, und auf dem Heimweg dachte sie an die Nebenkosten, als sie eine grölende Masse der Kotti-Mietstreikenden sah. Da fühlte sie sich mit ihrer Kaufidee einen Moment nicht gut, ja sogar schäbig. Aber nach den bisherigen Erfahrungen könnte sie dort mieten. Und wäre nach vier, fünf Jahren wieder verdrängt worden. Also fragte sie ganz vorsichtig bei ihren Eltern an. Die waren heilfroh, dass es nur um eine Wohnung und nicht ein Zweitstudium Genderforschung ging und sagten zu, eine Bürgschaft anzugehen, und ihr Vater freute sich, etwas Handwerkliches tun zu können. Ihre Oma gab ihr 20.000 sauer ersparte Euro. Und die Kreditbedingungen waren gar nicht so schlimm. Schlimmer waren die Ausfälle von Dorte-Josepha gegen das Schweinesystem der Vermieter und Wohnungskäufer, denn kaum hatte sich Gerlinde durch den Termin beim Notar gezittert, geriet auch schon die sozial bewegte WG in Bewegung und die immer noch Biokäse essende Hauptmieterin wehrte sich gegen den Zangsveganismus der anderen. Dorte-Josepha zog den Kürzeren und Gerlinde dankte ihrem Erzeuger, der gerade eine neue Badewanne einbaute – so kam ihre Freundin nicht auf die Idee, sich bei ihr einzuquartieren und eine Vulva ins Parkett zu schnitzen.

Natürlich taten die Schulden weh. Wenn jeden Monat die Bank einen gewissen Betrag haben will, kann man nicht mehr auf Dispolimit leben. Das erste Jahr war wegen Rückzahlungsbeträgen brutal, die andere mit leichter Hand für Gras und Tattoos ausgaben. Darunter litt auch Gerlindes Sozialleben, und wenn die anderen über Vermieter schimpften, log sie zwangsweise mit und tat so, als würde ihr die Wohnung nicht gehören. Tut sie auch nicht, dachte sie, sie gehört zu mehr als der Hälfte immer noch der Bank. Aber so ganz stimmte das auch nicht mehr: Die Preise zogen deutlich an, und weil sie sechs Wochen im Jahr auch heimlich an Touristen vermietete – und betete, dass es keiner ihrer Freunde merkte – konnte sie jährlich 4000 Euro mehr als erwartet zurückzahlen. Die Mitarbeit am Dorte-Josephas Internetmagazin „Re_Volt – Eure Krise ist unsere Chance“ fuhr sie deutlich zurück. Die Schulden zwangen sie, nicht mehr jedes unbezahlte Projekt mit einer Arbeit zu unterstützen, die andere selbstverständlich entlohnten. Und von ihrer Oma lernte sie das Kochen mit wenig Geld, anstelle der Adressen der neuesten Veganrestaurants.

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Ab und zu, mit grösser werdenden Abständen kamen Mails von Dorte-Josepha, die mittlerweile in Lichtenberg wohnte, ob sie nicht doch mal wieder Lust auf Aktionen hätte. Da wäre so eine Lesung im Wrangelkiez gegen Gentrifizierung. Gerlinde bekam aber auch eine Mail von Ferdinand. Ferdinands Eltern hatten überhaupt keine Lust, sich ihre Juristenfinger an der Gurgel eines Berliner Vermieters dreckig zu machen und hatten von Anfang an gekauft. Letzthin war sie bei ihm auf dem Balkon, und sie sprachen natürlich nicht über die Nebenkosten, sondern über die Immobilienpreise. Und dass sie eigentlich das Geschäft ihres Lebens gemacht hatte, indem sie nicht auf die Gentrifizierung gewartet hat, sondern sich gleich selbst entmietete. Ferdinand fand das gut. Das erinnerte ihn an die Hausfrauen daheim. Ihre Zielstrebigkeit imponierte ihm. Er hatte an diesem Abend Zeit und als Gerlinde mittelleichten Herzens Dorte-Josepha absagte, dachte sie eigentlich gar nicht an deren Schulden bei ihr, oder an die soziale Gerechtigkeit, sondern nur an den Wein, den Ferdinand aus Baden in Flaschen ohne Etikett bekam und das Glück, ihn an einem Ort zu trinken, den man hat, und dem einen keiner mehr nehmen kann. Was weisst denn Du eigentlich, höhnte dagegen Gerlindes Unterbewusstsein in Richtung Dorte-Josepha, Gentrifizierung und Entmietung sind super, wenn man es richtig macht – dann hat man auch einen schönen Sommerabend statt einer Lesung mit beleidigten Sozialjournalisten und Mietervolksbegehren. Gerlinde sagte dem Unterbewussten, es sollte jetzt still sein, so etwas sagt man nicht. Und schreiben erst recht nicht. Weder an Dorte-Josepha noch in der Süddeutschen Zeitung mit ihrem Themenschwerpunkt Gentrifizierung.

Natürlich wird sie einst die gerechte Strafe treffen. Wenn die Weltrevolution kommt. Und Dorte-Josepha kann ihr nicht helfen, denn wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie bei aktuellen Gentrifizierungsgeschwindigkeit zu diesem Zeitpunkt im Sternbild der Jungfrau.

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53 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    was hat sich der Don wohl mit dem Namen seiner Protagonistin gedacht? das ist kein Name wie Michael oder Alexander mit feststehender Bedeutung. Auch nicht schnell zum Nachschauen.

    • Denken? Ich???

    • Die linde Gerlinde
      Er hätte die spießige Gerlinde auch Gesine taufen können.
      Obwohl – die war zu idealistisch („Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, Uwe Johnson, DDR), nene. Passt gar nicht zu so einer heimlichen Anti-Gentrifizierungs-Umfallerin.

      In Bayern wäre auch noch Ludmilla gegangen. Klingt aber dann doch zu lasziv. Sie sehen, Namen sind gar nicht so einfach.

  2. Titel eingeben
     Gute Texte

  3. Hallo Don...
    Die Gentrifizierung steckt in den Kinderschuhen, max. in der Pubertät.
    Für etwas zu sein, ohne Erwachsenenreife, beinhaltet auch
    Zwiespaltverhalten oder „Rückfallverhalten“…
    seien Sie gnädig:=)…denn Gentrifizierung heißt:
    Gen-Tree Phi-Zier(de Reif)ung…auch wenn es schwerfällt,
    das ist der Weg der Evolution…“Gleichgewichtung“ in allen
    denkbaren Energie Dual-(Uni-)V/vers(en)ionen…
    auch Human(G/gen(erationen)-tree).
    Das erwachsene, reife Gleichgewicht Humangeist kommt somit auch…aber erst nach der Pubertät:=)
    Den Reifevorgang der Gene aufhalten, anhalten…was auch immer
    ist nicht möglich. Wie widersprüchlich sich der Mensch auch verhält.
    Es ist was ist und bleibt was es ist…unabänderlicher Evolutionsweg.

    • An den GAST
      so langsam nähern wir uns dem Problem … erst die Habenichtse und dann die Zwangsgemeinschaft … leise, leise schleicht die Gerlinde zu ins Glück! Wollen wir hoffen, sie heiratet den Ferdinand und zieht mit ihm ins eigene Grün ohne Grüne und kriegt dort lauter Felixe! Darf natürlich auch gerne in Berlin sein, hat keiner was dagegen. Und in Baden ja ohnehin nicht. Feuchtfröhliche Grüße!

  4. und nun?
    Kann sich ja dennoch nicht jeder leisten … und, pst, eine Wohnung sein eigen zu nennen, soll der Alptraum sein! Statt schunkeligen Mieter-Lesungen mit Wein, Weib und Gesang gibt es dann nämlich die Eigentümerversammlungen mit Verwalter, Miteigentümern und gegenseitigem Hass. Kaufen Sie sich ein Haus! Schnell!!!

    • Haus kaufen statt Wohnung
      Kann ich nur unterschreiben.
      Aber bitte keines mit gemeinsamem Blockheizkraftwerk mit anderen. (Sch*** Ökokram …)
      Steckt man dann auch wieder in der Eigentümerversammlungsfalle.

  5. zweischneidiges Schwert
    Die Entwicklung von Wohnlagen ist natuerlich nicht gerade ein Nullsummenspiel, aber Ihr implizierter Fortschrittsglaube erinnert schon fast an die Naivitaet, mit der die Amerikaner vor einiger Zeit in ihre Immobilienkrise hineingeschlittert sind. Freilich, vom „slum-igen“ status quo des wiedervereinigten Berlins bei anhaltender Popularitaet bei der internationalen Boheme ist die Investition in Wohneigentum in zunaechst noch mittelpraechtiger Lage tatsaechlich eine Art Selbstlaeufer gewesen. Anderswo trifft das nicht zu.

    In vielen Mittelgrossen Staedten verfaellt der Wohnwert einer Immobilie – und wenn dann auch noch der lokale Grossarbeitgeber abzieht, dann ist Gerlinde an ihre Wohnung gefesselt bis zum Ende ihrer Tage (und Liquidisierung zwecks Finanzierung des Altersheims wird auch schwierig).

    Ueberhaupt alles eine Frage des Perspektivhorizonts. Es gibt Wohnlagen, die aus geographischen oder infrastrukturellen Gruenden immer gut waren und nach menschlichem Ermessen auch immer gut bleiben werden. Gerade bei innerstaedtischen Lagen ist das aber weniger Vorhersehbar.

    • Titel eingeben
      Meine Rede – das triggert wieder meinen Kommentar-Reflex.

      Das kann man auch nicht mit dem „Lage, Lage, Lage“ Mantra abtun. Klar, das stimmt, aber es zeigt sich doch auch, dass sich die heutigen Toplagen mancher Städte in, für Immobilienanleger, ungeheuer kurzen Zeiträumen von 15, 20 Jahren ändern können. Und in den mittelgroßen Städten gibt es eben keine Künstler- und SJW-Szene, die, vor den Nebenkosten fliehend, von Wohnung zu Wohnung zieht. Sondern da steht vieles leer, oder ist nur mit Rabatt zu verkaufen.
      Auch wenn man natürlich eine anekdotische Erfahrung nicht verallgemeinern darf, und alles natürlich immer total subjektiv ist und ich keinen Anspruch erhebe, den gesamten Markt zu kennen:
      Fragen Sie doch z.B. mal die Hauseigentümer von Fürth, wie das war, als Quelle weg war. Wie das ist, wenn mindestens ein anderer großer Arbeitgeber der Region, Siemens, grad Personal abbaut. Selbst innenstadtnahe Top-Altbauten in Park-Anrainerlage hat es da preislich getroffen, zumindest hab ich das so wahrgenommen. In Nürnberg teils ähnlich, wobei sich das angesichts des seit ca. 2010 steigenden Gesamtniveaus dann mehr in stagnierenden Preisen ausdrückt. Aber auch da gab und gibt es böse Überraschungen, wenn das Haus aus den 1920ern mit Parkett, altem Garten, Balkon, Wendeltreppe, Garage nicht die erhofften siebenstelligen Beträge wert ist, und der Makler gar nicht so oft mit Interessenten vorbeikommt, wie man eigentlich vorher gemurrt hatte.

    • Titel eingeben
      In der Tat. Flächennutzungsplan, Baurecht, Geschossanzahl, Ausbau des ÖPNV (U-und S-Bahnstationen) sind die Parameter, mit denen eine Stadtverwaltung da spielen kann, aber selbst wenn der Stadt der fragliche Grund selbst gehört, muss man dem Kämmerer angesichts der allgegenwärtigen Schulden schon genau begründen können, warum der qm Grund nicht für 5000 EUR an den Entwickler X verkauft wird, der dann Luxuswohnungen hinstellt (und angesichts des Preises auch muss), und nicht an die Unternehmung Y für 800 EUR die dann Sozialwohnungen hinstellt (und die dann gierig auf den Ablauf der Sozialbindung wartet).
      Nachfrager gibt es für beide Wohnungsarten genug.

  6. Mama lächelt
    Meine Tochter ist heute in ihre erste eigene Wohnung gezogen, in einem genzentrifierenden Teil von Amsterdam.

  7. Gentrifizierung in Berlin
    Ein 24 m2 Kaninchenstall in guter Lage ist immer von der Gentrifizierung bedroht. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um die Nichtarchitektur der siebziger und achtziger Jahre handelt oder um Gründerzeitbauten. Es werden vom Projektentwickler Roma einquartiert, die entnervte Mieter und Wohnungseigentümer flüchten lassen. Aktuelles Beispiel: Berlin-Schöneberg, Grunewaldstr. 87. Die Polizei erscheint täglich. Nächstes Jahr werden dann dort schöne Altbauwohnungen für vielleicht 4.000 € pro qm angeboten.

    • Stimmte. Der Vermieter ist ein (Gestrichen wegen Etikette). Aber
      eine echte Problemlösung schafft nur der grossflächige Bau günstiger Wohnungen. In Gebieten mit anhaltend starkem Zuzug nicht mal das. Die ganze Gentrifizierung funktioniert nur, wo Angebot < Nachfrage. Gegen das Prinzip hilft letztlich auch kein noch so gut gemeintes Gesetz.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • langt nicht
      4000 Euro langt nicht. Schöneberg-Nord ist eine beliebte Gegend geworden. Interessant ist, dass dort die eigentliche Gentrifizierung einiger Viertel schon in den 80er Jahren stattgefunden hat. Das ist nun die zweite Welle.

  8. Angebot und Nachfrage gelten auch in genzentrifizierenden Gegenden
    schrotsaege – Keiner sagt, dass diese Wohnungen in genzentrifizierenden Gegenden billig sind. Es ist auch da eine Frage von Angebot und Nachfrage. Ein neues Auto für Mama, wäre ganz schön, oder die exklusive Reise zur Mille Miglia in Italien, die ich mir nie geleistet habe. Stattdessen tun Mama und Papa was Don oft beschreibt, sie radeln und fahren nach Amsterdam, um sich den Teil der Wohnung anzugucken, den sie für ihre, nun entmietete, Tochter finanziert haben.

  9. Gentri..-dingsda
    Ich überlege schon seit Langem, warum ich nicht direkt neben unserem Joschka in Dahlem wohne. Ergebnis meiner Überlegungen: Gentri_x gibt’s gar nicht. Dahlem ist in Berlin, aber es ist schön dort, sehr schön, auch im Vergleich zu schönen Lagen in Länderfinanzausgleichgebergegenden. Kann es sein, dass mir das selbe Schicksal drohte, sollte ich es wagen, in Dahlem wohnen zu wollen? Es ist zwar im Vergleich auch recht billig dort, aber trotzdem einen Tick zuviel für mich. Früher, als nur Frauen mit lila Haaren so blöd waren, in West-Berlin eine ranzige Villa an der Front zum Russen zu bewirtschaften, war das Wohnen dort noch viel billiger. Rückblickend war es ein schlechter Witz, also z.B. ein Gender- oder Gentriwitz. Das ist weder ungerecht noch gentri. That’s life, and you better get used to it.

    • Ich würde den Kauf dort nur empfehlen, wenn ich dort wohnen wollen würde. Ansonsten ist die Welt fast überall schöner.

  10. Sprachlich Frage
    Verehrter, sprachgewandter Don, Sie geben mir ein Rätsel auf: Das Objekt der Entmietung ist doch die Immobilie. Man entmietet ein Haus oder eine Wohnung oder ein Appartement. Sie verwenden das Wort durchgehend so, als würde man den Mieter entmieten. Dafür gibt es doch die Formulierung: Ich kündige dem Herrn Sowieso, oder: Der Vermieter setzt die alte Frau auf die Straße. Was wollen Sie uns mit diesem unkonventionellen Gebrauch der deutschen Sprache sagen?

    • Die Begrifflichkeit hat sich da verändert, ich lese oft „wurde entmietet“ in Bezug auf Personen, zumindest im Berliner Jargon. Vielleicht, weil es brutaler klingt und mehr Mitleid verspricht.

  11. Dahlemer Villen Besitzer - innen
    @ Marcus Jacob Engel – Hat da nicht auch die Suhrkamp Frau ein Haus über das es ein großes Theater gab, als der Verlag in griechische Verhältnisse geriet?

  12. Champagne socialists
    I always make sure I live in a neighborhood with the champagne socialists. No one is better at keeping the riffraff out.

  13. angebot&nachfrage
    das problem sind ungleichgewichte zwischen angebot und nachfrage. das angebot hat primär der staat durch bau- und bewirtschaftsungsvorschriften in den letzten 20 jahren stetig verteuert, siehe heute in bawü die pflicht zum überdachten fahrradständer für wohungen von autofahrern. die privatinvestoren hatben mann und frau (anke fuchs und andere) durch gängelei und weitere kostenerhöhende vorschriften ohne gegenleistung einer mieterhöhungschance verprellt.
    und dann treibst der staat massiv die nebenkosten hoch. kann auch empirisch belegt werden.
    wenn wundert es dann noch, dass das angebot von privater seite sinkt und die angebotspreise steigen müssen.
    höchstens griechische ökonomen.
    dass die nachfrage steigt war vorhersehbar: grösserer bedarf durch den lange bekannten trend zu kleineren familien oder individuellen lebensformen bei in einzelnen regionen sichtbar ansteigender einwohnerzahl. leider gibt es lebensformen wie Hacienda Villa in brooklyn in deutschland eher selten, da wird wohnraum pro kopf gespart. so könnte aber der trend gestoppt werden, dass immer weniger leute in immer grösseren wohnungen wohnen.
    also: steigende nachfrage trifft auf sinkendes angebot. der rest ist nun lehrstoff erstes semester volkswirtschaftslehre oder bwl, selbst in bremen oder auch würzburg. ob in griechenland, das weiss ich leider nicht.
    so haben wir was zu bejammern, das zu erwarten war.
    aber wir jammern über alles, was zu erwarten war. siehe GR, war für jeden nicht vom retro-sentimentalen neo-keynesianismus in dilettierender vulgärform angesteckten romantikökonomen zu erwarten. leider gehören da auch krugman und stiglitz dazu, inzwischen.

  14. würzburger residenz
    und das fällt mir noch ein, wie vorausschauend die RAF die würzburger residenz unmittelbar vor kriegsende (leider unter inkaufnahme tausender bei lebendigem leibe verbrannter………!) dem erdboden gleich platt gemacht hat: er wollte den deutschen, vielleicht war es eine idee von churchill, platz für billigen wohnraum direkt im stadtzentrum schaffen, auch weil bomber harris den boom der uni würzburg voraussah.
    unter aspekten des deutschen wohnungsmarktes war das also doch eine humanitäre aktion, leider haben das unterfränkische lokalpolitiker nicht kapiert. selber schuld !

    • nee, nicht vorausschauend,
      nur ‚zum Vergnügen‘ hat Churchill die Bombardierung der Zivilbevölkerung expressis verbis genannt, ’nachdem die Arbeit getan war‘ – die Vernichtung der Industrieanlagen und der dt. Kampfkraft

  15. Leichen im Keller
    @ Marcus Jacob Engel – Offensichtlich gibt es nicht nur in Griechenland Oligarchien, wenn man bedenkt, dass die Chefin und Teilinhaberin des seinerzeit am Bankrott dahin kriechenden Suhrkamp Verlag zur gleichen Zeit so eine Villa ihr eigen nannte.
    .
    Ich persönlich wollte nicht in so einer Villa wohnen. Da habe ich sehr grusselige Erinnerungen. Mein Großvater hatte so etwas in Kronberg. Nach dem Krieg wurde es von der amerikanischen Armee besetzt und dann ist da der CIA eingezogen. Sie blieben bis Anfang der sechziger Jahre. Die Villa gehörte damals nicht mehr meinem Großvater, sondern der Bundesrepublik Deutschland und stand nach dem Auszug der Amis längere Zeit leer. Ich fand einen Einschlupf und wanderte im Haus herum. Im Keller waren Luftschutzbunker. Und als ich mit meinen dreizehn Jahren vor deren schweren Eisentüren stand, wurde mir schon damals (1962) klar, was diese schwarzen Kellerlöcher mit den dunkel lila Flecken an den Wänden und den großen Türklingen nur an der Außenseite für eine Funktionen gehabt hatten. Den Schock, den ich bekam, habe ich nie wieder vergessen. Ich dachte, wenn dir einer einen Schubs gibt und die Türen zuschlägt, verhungerst du da drinnen, denn keiner wird dich hier vermuten. Das heißt, es schoss mir durch den Kopf, was die erlebt haben, die da eingesperrt worden waren. Seitdem verbinde ich solche Häuser mit CIA Kerkern.

    • Wie alles ineinander greift
      ui, auf solch eine prägenden und bildende Lebenserfahrung kann ich leider nicht zurückgreifen. Vergnüglich finde ich aber Ihren überaus treffenden Hinweis auf das griechisch-oligarchische an diesem Haus. In der Tat: Die Schmonzette um die Unseld-Witwe, ihren Kampf um den Berlin-Umzug, den Zicken- und Zickerkrieg in den Gremien des Verlages und natürlich das daraus resultierende finanzielle Chaos passen ganz besonders gut zu Berlin. Und besonders regionaltypisch ist: Es läuft aus unklaren Gründen trotzdem irgendwie, und zwar so gut, dass man eine Oligarchenvilla bewohnt. T.C. Boyle et cetra interessieren sich sowieso nicht für Buchhaltung und kommen zum Feiern zu Suhrkamp und lassen ein paar Glitter da, was dann Suhrkamp wieder finanziell zu Gute kommt.

  16. Enteignung
    Ich finde, man sollte alle nicht selbstgenutzten Immobilien enteignen und den Bewohnern ein dinglches Wohnrecht daran einräumen.Muss halt der Autor ein paar Kolumnen mehr schreiben, um seine zweit und Drittwohnsitze sowie seine Rennräder und Barockportraits zu bezahlen.

    • Wie gesagt: WELTREVOLITION. Davor werde ich aber sicher noch ein paar leicht höhnische Absagen an erkennbar linksbizarre Mietwollende schreiben.

  17. Titel eingeben
    Sich beizeiten eine Immobilie zuzulegen, ist auf dem platten Land, wo ich herkomme (Westfalen) heute noch üblich. Allerdings in abnehmendem Maße. Meine Fußball-Kollegen im Dorf, später alle Handwerker, hatten spätestens mit 35 das Haus gebaut. Ihre Kinder turnen heute oft als Leiharbeiter durch die Republik, feste Stellen gibt es ja immer weniger, siehe der Bericht von Frau Hucklenbroich über Tierärzte. Herr DHL-Appelt wird ja gerade bestreikt, weil die nächste Generation Postzusteller nicht nur keine Beamte sondern als Angestellte mit 70 % Gage arbeiten werden. Und wenn die nicht wollen, kommt das Containerdorf (steht in Hörstel) und die Rumänen als Zusteller teilen sich zu viert eine Box und zahlen 300 Euro Miete jeder. Das ist die neue Arbeitswelt und in der Folge die neue Immobilienwelt.

  18. Titel eingeben
    Wirklich schön geschrieben von Hrn Alphonso — aber falsch. Nicht unähnlich den neobarocken Ornamenten im Bild, bei denen wir die eine oder andere stilistische Unsicherheit, ja Geschmacklosigkeit gern übersehen wollen. Hinter dem ganzen pomp & circumstance bloß kalter Stein — bisschen zu dick goldene Farbe aus dem Baumarkt auf den Stuck aufgetragen. Man haue nicht zu sehr auf den Putz, dass er nicht abblättere! Dies würde den Wiederverkaufswert senken und mit einem Schlag enthüllen, dass man an der falschen Stelle gespart hat: Schnörkel ersetzt nicht Substanz. Zierde nicht Kultur. Angeberei und oberflächliche Nachahmung nicht sinnstiftende Verfügung über die kulturellen Mittel. ImmobilienScoutProsa nicht Literatur. Engstirnigkeit nicht sozialen Sinn.

    Wie auch immer, war so viel Aufwand wirklich nötig, um uns mitzuteilen, dass einige der Gentrifizierer früher selber wElche waren? Letzteres sei gern zugestanden. Nur lässt sich dieser Spieß auch schnell umdrehen: Warum sich so viel neureiche Bildungsbürgerlichkeit einkauft in den „hippen Kiez“, lässt sich wohl nur damit erklären, dass sie selbst an das ganze Gedöns glauben, dass in jenen fischgrätenparkettbewehrten Gefilden per se die Zivilisation hause. Da folgen bloß die Hammel den Schafen, und letztere den Lämmern.

    Das eigentliche Problem ist jedoch real, und übersteigt das der „Gentrifizierung“ bei weitem. Dass der bloß marktorientierte, nach rein privaten Interessen ausgerichtete Wohnungsbau den mittlerweile krassen Mangel nicht beheben kann, eher noch verschärft, haben die letzten Jahre zur Genüge gezeigt. Man wird dem nicht gerecht durch einige ironisierende Betrachtungen aus allzu sicherer Distanz.

    • Sie haben schon recht.
      Angesichts der Tatsache, dass es wirklich bittere Not auf dem Wohnungsmarkt gibt, wirkt der Artikel unsensibel. Natürlich ist das Problem ein größeres; früher brauchte man kein Eigentum haben, weil die Gesellschaft vorgesorgt hat – mit vielen Dienstwohnungen beispielsweise. Das ist alles vorbei; die Gesellschaft ist implodiert und viele stehen nun dumm da. Doch auch Dorte-Josepha sollte irgendwo wohnen dürfen; und vielleicht besser mit ein wenig Bezug zum Ganzen … damit sie nicht wieder das Schnitzen überkommt. Aber was das Problem als solches betrifft: Das wird auch an den Gerlinde/Ferdinand Eigentümern nicht spurlos vorübergehen; obgleich diese viel besser vorbereitet sind. Über kurz oder lang … schau ich in den sonnigen Süden, wohl eher über: kurz. Sehr kurz.

  19. Dialektik gibts nun mal....
    Vormerkung: Einige der auch im Artikel erwähnten Damen bei der ZEIT fühlten sich durch meine Kommentare dort, und meine permanenten Beschwerden über die herrschende Zensur so an ihrer Gleichberechtigung gehindert, dass sie meine Sperrung durchsetzten und ich die neue freie Zeit zu einem Wiedersehen hier benutze und auch gleich Lesens- und Bedenkenswertes fand….

    Nur wenige werden sich gewundert haben, wenn sie den Beitrag D.A.s hier mit der Realität draussen vergleichen. In grossen Teilen der Welt haben heutzutage zu viele Dinge in unseren marktgerchten Demokratien in erster Linie der Schaffung von Profit zu dienen, warum sollte das bei Wohnraum anders sein. Eine Teilung der Welt in eine „Hälfte“ von Besitzenden, erreicht zumeist durch die grosse persönliche Leistung des Erbens, und die andere „Hälfte“, deren Lebensinhalt zentral der Geld-Erwerb bleiben wird, um einen grossen Teil des pekuniären Resultats ihrer persönlichen Leistung an die erstere Hälfte überweisen zu können.
    Das wird notfalls mit Gewalt, aber immer streng rechtsstaatlich durchgesetzt, denn Gerechtigkeit, bzw gleiches Recht für alle, sowas muss sein. Denn, und das ist wahr, zuminderst für Investoren muss die Welt im wahrsten Sinne des Wortes, berechenbar bleiben.
    Vor einem halben Jahrhundert hingegen, da gab es noch perverse Marktverwerfungen die man Sozialwohnungen nannte, die auch solchen angemesenen Wohnraum garantierten, die beim Wettrennen der Besitzgeilheit entweder nicht geschickt genug waren oder sich ihm, unfassbare und heute undenkbare politische Unkorrektheit, einfach verweigerten. Zugegebenermassen war man nicht gegen Besitz per se, zum Bedauern über das eigene Nicht-Besitzen kam das Wissen um die Macht des Besitzes über die Persönlichkeit, die man tagtäglich überall mitansehen musste.
    Aber dann kam die Zeit der grossen Koaltion und mit ihr verschwand der Bürger endgültig bund ganz aus der Mitte der Welt und seinen Platz nahmen, ganz langsam und unauffällig, Habgier und Profit ein.
    Diese Entwicklung lässt sich in der Entwicklung vom Dorfsimpel Kohl, über den linken Emporkömmling Schröder, zum Prototyp widerlichsten Mittelmasses Merkel ablesen.
    (So nebenbei: Es entbehrt nicht der Ironie, wenn nun, da sogar das Kanzler-Sein dem Zentrum des Mittelmasses, also der Demokratie selber entsprungen ist, die Konsequenzen der Werte Profit/Habgier, den eigentlichen Gipfel menschlicher Zivilisation, Europa, immer weiter Richtung Absturz geleiten.

    Das Ende des sozialen Wohnungsbaus war nur eine der Facetten die eine Welt der Gentrifizierung zum Normalen machen. Wohnraum ist mittlerweile nicht mehr in erster Linie Raum zum Wohnen für tatsächliche Menschen, sondern Spekulationsobjekt in Blasen-Form auf einem Markt für das besitzende 1%.
    Dass sich jene die Wände mit Vulvas beschmierenden Kreativen mit den einzigen ihnen zur Verfügung stehenden Methoden gegen solche Zustände zu wehren versuchen ist auch trotz der ja tatsächlich auch noch existierenden menschlichen Vermieter schon verständlich.
    Von aussen betrachtet drängt sich nämlich da die Frage auf, welches Recht denn ein durch Geburt zum Wohnhäuser Besitzer Gewordener gegenüber generell Nichts-Besitzenden haban kann, wenn beide statt in einer Neo-Liberalen GroKo-Welt in einer ganz normalen Welt leben würden, und warum soll die GroKo-Welt für alle gleichermassen verbindlich sein, wenn sie doch nur einer Seite, den 1%ern nützt?

    • @Tyler
      Tach auch. Nett Sie wieder zu lesen.

      Immer noch ‚der Alte‘?

    • der Herrschaft der 1%
      scheint in Zeiten der Globalisierung auch begrenzt zu sein. Wie
      man z.Z. am Zustand der griech. Wirtschaft sehen kann.
      Ein Land wird gezwungen Kapitalverkehrkontrollen zu verhängen
      und schon bricht eine ganze Volkswirtschaft innerhalb von Tagen
      zusammen, die auf ‚atmende Produktion‘ eingestellt ist, keine
      Lagerhaltung – zu teuer – keine Resourcen.

      Wo bleibt da die Nachhaltigkeit?

      Klarer Vorteil für Silberkannen!

    • Titel eingeben
      Eine kleine Petitesse: es sind die Eigentümer, nicht die Besitzenden, um die es geht. Der Mieter besitzt, der Eigentümer vermietet, aber lässt den Mieter besitzen. Oder anders: wo der Hintern drauf sitzt, das be- sitzt man, und was einem gehört, das ist Eigen- tum.

      Ein Aspekt des sozialen Wohnungsbaus scheint mir heute, vielleicht dank der ubiquitären Überbetonung des Individuum, zu oft vernachlässigt zu werden: die Wohnungsbau-Genossenschaft. Ich halte die Genossenschaft ja ohnehin für eine weithin unterschätzte Organisationsform, denn eigentlich ist sie es, und nicht die uns fortlaufend als solche verkaufte Aktiengesellschaft, die eine wahre Sozialisierung von Eigentum an Produktionsmitteln und eben auch Wohnungen ermöglichen kann.

      Zweifellos sind viele prominente Genossenschaften heute keine Vorbilder für diese Ideen mehr. Raiffeisen und Schulze-Delitzsch würden sich wundern, was heute alles unter dem Begriff „Genossenschaft“ läuft. Aber eine Besinnung auf diese Organisationsform, auch im kleinen, scheint mir eine interessante Alternative zu sein. So könnten sich Bauinteressierte öfter als bisher zu Baugenossenschaften zusammenschließen – ganze Einfamilienhaussiedlungen sind so in den 50er und 60er Jahren entstanden. Der einzelne bekommt ja in begehrten Lagen gar keine Parzelle mehr, weil Investoren gleich hektarweise einkaufen.

      Es bräuchte ein bisschen mehr Kreativität und auch Solidarität untereinander, dann wären sicher auch in „Problemzonen“ wie München Bauprojekte möglich, die eben nicht alle gleich in die Hände von Investoren gehen.

  20. Übrigens, Gentrifizierung
    Was ich bei den Diskussionen über die sogenannte Gentrifizierung nie verstanden habe: mit der Gentrifizierung wird den Kreativen die Chance gegeben, aus den wilhelminischen Altbauten, die stets an die Zeit des patriarchalisch-imperialistischen Kryptofaschismus der Jahrhundertwende gemahnen, in moderne Wohneinheiten, wie sie z.B. von Le Corbusier und den progressiv-sozialistischen Staaten geschaffen wurden, umzuziehen. Warum ist man dafür nicht dankbar?

    • MIssverständnis...
      Nur weil jemand das ist, was man heute eigenartigerweise „kreativ“ ist, muss er nicht ja unbedingt dumm sein, oder?

    • Dialektik
      Das wird im sozialistisch-revolutionären Diskurs ein Grundwiderspruch genannt. Schön, dass das jemand klar benennt.
      .
      Der Vorschlag zur Beseitigung der Wohnungsnot in Vollbartträger-Vierteln muss daher lauten, ein, zwei, viele Hasenbergl (Mümmelmannsberg, Gropiusstadt, Marzahn, whatever ) mitten im Kiez zu errichten. Brutalstmöglicher Plattenbau direkt neben dem veganen, selbstbestimmten Tischler-Betrieb! So schnell sind die noch nie die Bionadetrinker los geworden. Und Platz für soziale Schichten gibt es dann auch wieder.

  21. Ein wahrer Leutnant
    Im ersten Weltkrieg waren es die Aufgabe der Leutnants, vorwegzustürmen. Hinaus aus dem schützenden Schützengraben, in die Arme des gegnerischen Feuers. Dort konnte sich dann die Flamme des kleinbürgerlichen Patriotismus mit der des Feindes vereinen. Sonst wäre ja keiner verblendet genug gewesen, sich sehenden Auges ins Verderben zu werfen. Nun verteidigt also ein kleiner Schreiberling das Vaterland. Und das Recht. Es rührt einen zu Tränen.

    • Silikontränen oder die Fehlanalyse,von Herrschaft
      Sich in die Arme des feindlichen Feuers zu werfen war Zwang für Millionen von Männer, während die Damen ungleichberechtigt zu Hause bleiben mussten. Der Groll über die diesermaßen aufgezwungene Sicherheit legte den Grundstein für den Kampf gegen die Privilegien der weißen Männer von denen viele eine Vulva noch nicht einmal als Anschauungsmotiv an einer Wand gesehen hatten.

  22. Lieber Don: Gerlinde hat vielleicht noch einen freundlichen Kollegen, nennen wir ihn: Hans
    Der kam auch aus einem der vielen Buxtehudes Deutschlands, ebenso übrigens wie Dorte-J. – nur fand er es ähnlich wie Gerlinde nie befriedigend, sich in politkorrektem Selbsthass auf seine Herkunft und auf deren Werteordnung durch Leugnung oder Schlechtreden öffentlich selbst erheben oder „reinigen“ zu wollen.
    Hans ist übrigens auch recht kreativ – insofern ein wirklich „kreativer“ (Mensch) – aber ebenso wie Gerlinde nutzt er diese Kreativität im Rahmen seiner unschick wertschöpfenden Anstellung, deren Wert sich über den unsubventionierten Erfolg seines Unternehmens nach Angebot und Nachfrage eines echten Marktes recht konkret beziffern läßt.
    Als Hans Mitte der Nullerjahre aus seinem persönlichen Buxtehude nach Berlin zog (aus einem Motiv heraus, das er selbst nie „spießig“ finden mochte: um dort für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten), wäre er beinahe in die Xberger Nähe von Gerlinde und Dorte-J. gezogen. Dahin zogen ihn zwar kaum die dortigen „Kreativen“ und auch nicht das schon damals evident oberflächliche „multikulturelle“ Flair, aber doch die gute innerstädtische Lage, das lebendige Bouquet halbwegs günstiger Nahversorgung, und das üppige Angebot an attraktiven jungen Frauen (daß sehr viele davon nach Art von Dorte-J. schwer gestört waren, das sah er ihnen damals nicht an… in seinen Buxtehudes waren solche Personen eher die Ausnahme gewesen).
    Nach Jahren entsprechender Gemeinschaftsunterkünfte bei der Wunderwehr und zu Uni-Zeiten hatte Hans kein Interesse, als nunmehr Erwachsener schon wieder WC und Küche mit Fremden zu teilen. Viel Geld hatte er aber auch nicht zur Verfügung, und als er die Mietpreise und die Nebenkosten im erstrebten Bergmannkiez sah, da erschrak er: das konnte er sich zwar noch eben leisten; es war sogar billiger als in seinem landeshauptstädtischen Uni-Buxtehude. Zugleich aber war es für jeden denkenden Menschen offensichtlich, daß dies in der Hauptstadt der größten Wirtschaftsnation Europas nicht mehr lange so günstig bleiben würde – jedenfalls war eine starke Steigerung der Wohnkosten im gerade gentrifizierenden „Kiez“ erheblich wahrscheinlicher als eine entsprechende Steigerung seines erwartbaren Netto-Einkommens. Am Prenzlauer Berg konnte man das schon lange besichtigen, und wie „gentrification“ als stadtgeographisch vollkommen normaler Prozeß abläuft, das war ihm anhand weltweit tausender Beispiele aus der Lektüre schon bekannt, als sich medienhippe Salonkommunisten wie A. Holm noch im Grundstudium befanden.
    Was tun also? – Anders als für Gerlinde (oder für unseren verehrten Don) war der Kauf einer Wohnung für Hans nie eine ernsthafte Option: Erstens hatte er keinerlei kreditgewährende oder sonstig alimentierende Familie im Rücken; zweitens nach dem Studium auch keine nennenswerten Ersparnisse und damit in Summe auch kaum Kreditbonität bei Banken (mit denen er allzuviel Kontakt überdies noch nie gesucht hatte), und drittens war es ihm auch zu riskant, derart viel geliehenes Geld in einem unbeweglichen, und damit staatlicher Ausbeutung voll ausgelieferten Wirtschaftsgut zu binden. Und viertens schließlich war einer seiner besten Freunde selbst Vermieter, und dessen üppig albtaumhafte Erfahrungen im Mieterparadies BRD wollte Hans keinesfalls nacherleben, falls ihn die Arbeit mal zum Fortzug zwingen sollte.
    Also woanders in Berlin mieten? – Auf seiner schier endlosen Suche nach einer auch in Perspektive noch preisgünstigen Mietwohnung in größtmöglicher Innenstadtnähe und mit halbwegs sozialverträglichen Nachbarn (also weder mit Yuppies/Hipstern, noch mit herkömmlichen Asozialen) widerfuhr Hans ein großes Glück: er lernte bei einer seiner letzten, fast schon verzweifelten Wohnungsbesichtigungen etwas kennen, das man vielleicht (wenn man zu verallgemeinerndem Pathos neigt) als „Dritten Weg“ bezeichen mag.
    Hans war damals zu seinem Erstaunen der einzige Interessent für eine öffentlich angebotene, aber schon länger leerstehende Wohnung. Per se ein netter, gut gepflegter Altbau, aber bar jeder Hipness und maximal unscheinbar in einem der ärmeren, damals total unmodischen Innenstadtquartiere ohne jeden Boheme-Faktor gelegen. Dafür aber: preisgünstig und faktisch unkündbar. Hans griff sofort zu und ließ die recht eindringliche Soliditätsprüfung für die Wohnungsvergabe noch am selben Tag über sich ergehen.
    Gute 10 Jahre später radelt Hans immer noch in ca. 15 Minuten bequem bis zum Brandenburger Tor. Zu Gerlinde wäre es doppelt so lange, aber da will er gar nicht mehr hin.
    Er zahlt für seine gut 70qm Altbau nach inzwischen drei Mieterhöhungen gut 400,- Euro bruttowarm. Daß das bald wesentlich mehr wird, ist ebenso unwahrscheinlich wie ein Verkauf seiner Wohnung oder eine Kündigung wegen Eigenbedarfs. Und aufwertend modernisiert wird nur, sofern Hans das wünscht (und dann natürlich auch bezahlen mag). Die sehr stabile Nachbarschaft in seiner kleinen Siedlung ist ebenso freundlich und ’normal‘ wie Hans selbst.
    Zwar könnte sich Hans heute, da er mit seiner Kreativität (und seiner spießigen Verläßlichkeit) beruflich unerwartet erfolgreich war, auch problemlos eine dreimal teurere Wohnung zur Miete – oder sogar zum Kauf – in XBerg leisten. Aber warum?! – Ohne daß er sich dabei wie der Don mit Hausabrechnungen oder Ähnlichem plagen muß, verzinsen seine freiwilligen Anteile bei seiner Wohnungsgenossenschaft immer noch mit 4% p.a. Nach XBerg, Prenzlberg oder Neukölln fährt Hans, der inzwischen durchschaut hat, welche abartige geistige und/oder charakterliche Armut sich hinter der hippen Berliner „Sozial-„Fassade verbirgt, nur noch, wenn er auswärtige Freundinnen und Freunde auf eine seiner „urban freaks“-Safaris führt. Hans hat das Gefühl, daß er in der derzeit besten aller Zwischenwelten zwischen Mieter und Eigentümer lebt, amüsiert sich regelmäßig über die vollkommen verdienten (und absehbar noch schlimmer werdenden) Leiden der „Kreativ“-Heulsusen in ihren „hippen“ Kiezen, u

  23. von wegen enteignen
    Wohngen den Mietern fuer wenig zu ueberlassen fuehrt haeufig zum Schlamassel beim Erhalt der Immobilie.
    und, Don Alphonso: ist doch gut, dass Berlin in altmreussischem Gleichmut das Gesindel nach seiner Fasson wenn schon nicht selig werden So doch schwaermen laesst. Kriechts wenigstens nicht bei Ihnen herum. Die gebuertigen Berliner, die ich kenne sind zwar nicht so elejant wie die Muenchner, aber sonst Rechnungen begleichende, Omnivoren in geregelten Arbeits- und Lebensverhaeltnissen.

  24. Grandios
    Noch nie bei diesem Thema so gelacht! Vielen Dank dafür!

  25. Verantwortung übernehmen
    Der beschriebene Text hat eine Parallele zu meinem Leben. Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich auch zur Überzeugung kam, ein Eigenheim muss her. Das Leben in Miete bescherte mir ein relativ ungezwungenes Leben. Jedoch kreist über mir auch das Damoklesschwert der Vermieterin. Diese wird nicht mehr auf ewig auf dieser Welt sein und ihre Nachkommen wollen das Haus schnellstmöglich abstoßen. Jetzt wird der Gürtel enger geschnallt und in ein Eigenheim investiert. Möglich das mich meine Kinder einmal in ein Altersheim gentrifizieren, bis dahin habe ich erst einmal meine Ruhe.

  26. Schöner Text, dem besser lesbare Gestaltung gut tun würden
    Schöner Text, mehr Absätze und Mühe ums Layout würden Lesbarkeit und Lesevergnügen weiter erhöhen

  27. Titel eingeben
    Ich finde der Don sollte Berlin ne Weile Berlin sein lassen und mehr über Bayern und den Feminismus schreiben. Letztres weil ich diese Texte gern lese und über Bayern weil er das eher selten tut: http://taz.de/!5208075/

  28. Titel eingeben
    Ein beeindruckender Text und Kommentare.

  29. Mit 35 auf 30 Jahre verschuldet, ja, das war eine Option, Folkher
    Folkher Braun
    2. Juli 2015 um 23:31 Uhr
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    Da gab es aber auch feste Arbeitsverträge und langfristige Perspektiven.
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    Tyler, danke für den
    Prototyp widerlichsten Mittelmasses.
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    Und dem Don danke ich für die drei mal fünf Meter grosse, aktionskünstlerisch angebrachte Vulva.
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    Diese Gerlinde kommt mir bekannt vor.

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