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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Das Niederbrennen des Abendlandes auf zwölf Flammen

| 25 Lesermeinungen

Des Teufels Küche liegt mitten im Wohnzimmer und hat eine Glotze: Mit der Veränderung der Kochgewohnheiten geht die Gesellschaft zurück in jungsteinzeitliche Wohnstallhäuser.

Man lasse den Affen 4 Stunden im Rohr und lösche ihn dann mit Weisswein ab.

Es ist so gut wie unmöglich, im Internet 15 Jahre freidenkend in gesicherter Position über Minderbemittelte und Niedrigunwohlgeborene zu schreiben, ohne dass einem von verschiedenen Seiten mit Todeswünschen geantwortet wird. Besonders unhöflich empfinde ich es bei dieser seltsamen Koalition aus Internetunternehmern, PRlern, Antifas, Rechtspopulisten, Feministinnen, Piratenpolitikern und anderen Gerechtigkeitsfreunden, dass sich ihre Vorstellung meines nur vorbehaltlich akzeptierten Ablebens überhaupt nicht mit meiner Hoffnung desselben deckt: Ich würde mich gern in Valeggio sul Mincio zu Tode essen, dann im Minciotal begraben werden, und jeden Tag müsste man einen Kessel mit heissem Wasser, in dem Tortelli di Zucca gekocht wurden, auf meiner Ruhestätte ausgiessen. Das wäre hübsch. Vermutlich, und das ist mir letzten Mittwoch wieder vor Augen geführt worden, werde ich aber in meiner Küche sterben, wenn ich vom Biedermeierstuhl falle, weil ich beim Putzen des Kronleuchters zu unvorsichtig bin.

Ja, ich habe einen Kronleuchter in der Küche. Einen ganz kleinen, nur mit fünf Flammen, weil der mit 12, den ich dafür eigentlich vorgesehen hatte, für meine winzige 12m²-Singleküche doch zu gross ist. Und ich gebe auch gern zu, dass es in einer Küche, in der wirklich gekocht wird, kaum eine unpraktischere Beleuchtung als einen massiven Glassteinleuchter gibt. Mindestens vier mal im Jahr kann ich nicht umhin, ihn zu putzen. Zu Erklärung, Verteidigung und Begründung darf ich sagen, dass es keinesfalls dekadent ist: Ich hatte zu meiner Berliner Zeit eine Wohnung mehr als heute, und als ich Berlin auflöste, blieben so viele Kronleuchter übrig, dass sie aus Sparsamkeitsgründen auch im Bad, im Gang (über vier Stockwerke), auf dem Balkon und im Speicher hängen. Und fünf liegen wohl auch noch irgendwo in Kisten herum. Ich habe halt ein paar Kronleuchter zu viel und da ist es nur natürlich, wenn man sie nimmt, wie einem die Räume so zufallen. Leider muss ich aber sagen: Die Realität meiner Kreise hat mich eingeholt. Küche ohne Kronleuchter geht heute nämlich nicht mehr.

Man muss nur mal am Tegernsee entlang fahren und in die üblichen Küchengeschäfte schauen: Da hängen überall Kronleuchter. Nicht diese absurden Lichtleisten mit ein paar herabhängenden Zufallskristallen, sondern die alten, schweren Exemplare aus Messing oder Geblasene aus Murano, oder gefertigt aus Geweihen, wenn es etwas ländlicher sein soll und man eh nicht weiss, wohin mit den Trophäen vom Opa. Und das kommt hier nicht aus dem Elend heraus, dass man sich irgendwann auf drei Wohnsitze beschränkt und so etwas übrig bleibt, nein, das wird bewusst so als Ensemble zusammen mit der Küche gekauft. Neue Küche, alter Kronleuchter, dazu eventuell noch ein alt wirkender AGA-Herd. Über AGA sagt Wikipedia Erfreuliches: „Im 21. Jahrhundert gilt der AGA-Herd als Energieverschwender. Der Hersteller gibt eine permanente Leistung von 0,86 kW an. Damit kommt sein Energieverbrauch auf 7.500 kWh pro Jahr und bei Strompreisen vom April 2009 auf gut 1.200 €/a Betriebskosten.“ Damit ist der AGA die ideale Ergänzung für einen 12-flammigen Kronleuchter mit matten 40-Watt-Kerzen – ein Must-Have.

Besonders, wenn die Küche heute, wie so oft, im Wohnbereich mit TV-Gerät integriert ist, und als Schaustück gilt. Obwohl ich persönlich den rücksichtslosen Einsatz von Kronleuchtern absolut befürworte, geht mir das nicht nur einen essensdunstverseuchten Schritt zu weit: Es ist auch ein Verstoss gegen die Tradition, und schlimmer noch, es lackiert den Niedergang der besseren Gesellschaft gefällig um. Denn zu keiner Zeit, seitdem manche in Richtung Stadtpalast jenes Wohnstallhaus mit Unterhaltung durch paarungsfreudiges Vieh verlassen haben, in dem andere noch Jahrtausende blieben, war es so, dass man Küche und Wohnen vereint hätte. Das hat man stets zu trennen gewusst, sei es wegen der Feuergefahr, sei es, weil das schwitzende Personal kein schöner Anblick war, sei es, weil Kochen nun mal mit Dreck und Geruch verbunden war, oder einfach nur, weil man eben die Klassengrenzen wahren wollte. Der eine kocht und der andere isst und damit sie nicht direkt in Kontakt kommen, ist in meiner Bibliothek die Tür zum Gang mit einem Fenster versehen: Früher war nämlich dieser Raum die Küche und das, was heute meine Küche ist, war nur die Speis für die Vorräte. Und das Essen wurde von der Köchin durch die Tür dem Personal gereicht, das das Essen auftrug.

Das war eben die gute alte Zeit, da hatte jeder seinen Platz, die Kinder sassen am Tich gerade, hielten den Mund und hatten keine Sonderwünsche wie Nutellasalamicolabrote. Die Familien waren auch gross genug, dass ein ganzes Stockwerk im Speicher denen vorbehalten blieb, die den Familien das Wasserschleppen, das Waschen, das Holzhacken und Bedienen gegen Lohn, Kost, Logis auf 6m² und die Vermeidung von Unannehmlichkeiten in Kohlegruben und Giessereien abnahmen. Natürlich lebt heute niemand mehr so. Selbst sog. Mehrgenerationenhäuser haben zwar Spülmaschine und Wäschetrockner, aber nicht mehr dieses Gemeinschaftsgefühl einer Sippe, die auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen ist, und dafür Personal braucht. Im Speisezimmer war der Kronleuchter, in der Küche der Kienspan und das Lodern des Feuers. Das war die grosse Zeit jener grossen Lüster, die man heute in der Küche zeigt.

Heute ist das, wie gesagt, eine Lebenseinheit mit loftartiger Anmutung. Irgendwo im Raum ist dann die Kochinsel und daran sind Barhocker zu finden, auf denen Menschen halbstehend lümmeln, den Ellenbogen auf dem Tischersatz haben, und quasi vom Kochtopf weg essen, am liebsten natürlich mit dem risikominimierenden Löffel, das geht so einfach. In der Werbung werden solche zwanglosen Gemeinschaftserlebnisse als schick präsentiert – ich gehe sicher nicht falsch in der Annahme, dass man vor 100 Jahren Personal sofort entlassen hätte, wenn es in der Küche so ein Benehmen zeigte. Nicht nur die Küche hat sich in den Wohnraum unter den Kronleuchter geschoben – auch das Verhalten der Pferdeknechte und Waschweiber hat sich in die gute Stube vorgearbeitet. Auf der Vormarschstrecke der Unterschicht bleiben dann natürlich Tafelsilber, Brokattischdecke und Goldrandgeschirr und alles andere, das früher schied den Herrn vom Schimp

Ich muss vorsichtiger bei der Beschreibung von Primaten sein, sonst kriege ich wieder Drohungen von der Antaffa. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass in diesen Schauküchen wirklich wie früher gekocht wird, denn nicht nur die Preise und Ausmasse der Küchen nehmen zu – es werden dort auch TV-Geräte verbaut, und es steigt der Umsatz von Fertiggerichten. Der englische Begriff „Convenience Food“ ist hier wirklich angemessen. Denn es geht hier nicht um „Gerichte“, die angerichtet werden müssen, sondern nur um Essen und Bequemlichkeit bei TV-Unterhaltung, unter Vermeidung der Kunst, die „Kochen“ ursprünglich einmal war. Früher hatte man Dienstboten in der Küche, heute wird die Zubereitung an grosse Nahrungsmittelkonzerne und ihren Marken abgegeben: Das erlaubt tatsächlich, die geruchsarme Küchenattrappe unter einen Kronleuchter im Wohnzimmer zu haben, und eventuell mal Tomaten und Mozarella mit dem Keramikmesser zu säbeln, während darüber die Kochshow läuft.

Den Kronleuchter haben wir natürlich noch immer über uns, aber die Vergangenheit ist ausgelöscht. Es ist kein Wunder, wenn die Kinder dieser Familien dereinst, wenn sie 22 sind, vor der Bewerbung die „Soft Skills“ des Benehmens am Tisch und die richtige Haltung von Messer und Gabel mühsam in einem teuren Kurs erlernen müssen, um den Anforderungen der gewünschten Gehaltsklasse zu entsprechen. Daheim bringt das Essen jedoch der automatische Kühlschrank. In Plastikverpackung. Weil, Abspülen und Dinge erhalten, das ist so 19. Jahrhundert, das kann man heute keinem mehr zumuten, und so eine Küche nimmt in den Metropolen ohnehin nur teuren Platz weg.

HINWEIS:

Billig ist dagegen der Platz für Kommentare im eigens gekochten Kommentarblog.

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25 Lesermeinungen

  1. Mail bekommen, direkt gelesen, Fazit: Sehr, sehr treffend
    Servus!

    Treffender kann man es nicht beschreiben. Ich habe neulich einen Artikel gelesen, Küchen lösen das Auto als Statussymbol ab. Wenn die Leute schon nicht kochen können sondern lieber schick Essen gehen, dann muss es wenigstens die fette Küche sein, die man zu Hause präsentieren kann.
    Auf die Frage hin, was ich denn mit einer neuen Miele W5877 und dem dazugörigen Trockner W8861 wolle, eine Bosch (oder sonstiger Schrott) reiche doch auch, fiel mir eigentlich nichts Richtiges ein außer, dass man seine Freunde nicht dirket in die Waschküche führt, um diese neuen Geräte zu zeigen. Abgesehen davon wären es keine Freunde, kämen sie nur zu mir, wenn sie eine Status-Küche präsentiert bekämen.
    Dinge langfristig erhalten und danach auch aussuchen und kaufen ist den meisten völlig fremd. Schick ist, dumm mit seinem Geld umzugehen um vermeintlich ein tolles Gefühl zu haben.
    Mal wieder ein Klassiker ganz nach meinem Geschmack!!! You made my day!

    • E$ schmeckt auch aus der Feldküche,
      die ist riesengroß und drum herum ist alle Weite, die es gibt. Entscheidend sind Köche und Esser. Erbsensuppe kann zur große Kür werden. Ich bezweifle, dass der Großküchen-Besitzer
      auch nur weiss, welche Erbsen er besorgen müsste. Vom Rest zu schweigen. Deswegen brau- chen „die mit ohne Ahnung“ auch einen „Alfons“ oder einen „Lichter“. Weil sie ohne Nachhilfe Salat nicht schneiden könnten. Die helfen nicht, die lernen das erst im TV ! Zuhaus gibts das
      Zeugs fertig zugerichtet aus der Plastikschale. Es wird im Stehen gegessen.

  2. Feuerstelle
    Lieber Don,
    ich bin mir nicht sicher, ob Sie diesmal mit Ihren steilen Thesen (z.B. Trennung von Wohnen + Küche) richtig liegen. Ist der Vorgänger der Küche nicht die Feuerstelle, an der sich Familie, Sippe oder wer auch immer zum gemeinsamen Mahl samt Zubereitung und anschliessendem Austausch traf? War dies nicht sogar der Fixpunkt des gesellschaftlichen Lebens überhaupt?
    So gesehen ist der Fernseher in der Küche eigentlich plausibel. Eine Rückabwicklung.
    Und setzten Sie nicht insgeheim mit dem Kronleuchter auch genau dieses Zeichen…

    • Ich bin, nach langer Ehe mit Einundderselben,
      überzeugt, dass die Hälfte aller Single-Damen keine Ehefrauen blieben, weil ihnen zuhause die
      speziellen Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht vermittelt wurden. Man sollte den Mädchen, die ihre Rolle behalten möchten, sagen: „Füttere ihn…!“ Es ist eine tradierte Einstellung, die tief
      in den Genen verborgen ist, die sich seit 1 Mio. Jahren ausgebildet haben. Wer nicht zum Essen
      beiträgt, stirbt…so oder so. Auch als Geschiedene.

  3. Vermeidung abnehmen?
    „die den Familien … die Vermeidung von Unannehmlichkeiten in Kohlegruben und Giessereien abnahmen.“
    Nicht eher: „die den Familien … die Unannehmlichkeiten in Kohlegruben und Giessereien abnahmen.“
    ?

    • Titel eingeben
      Nein, nochmal den – zugegeben – etwas komplexen Satzbau genauer anschauen: „…gegen Lohn, Kost, Logis auf 6m² und die Vermeidung von Unannehmlichkeiten in Kohlegruben und Giessereien abnahmen“. Die Familien selbst verkehrten ja doch in der Regel nur außerhalb von Kohlengruben und Giessereien, auch wenn sie diese ihr Eigen nannten. jetzt klarer?

      dE

  4. Den Wald vor lauter Bäumen nicht
    „Es ist so gut wie unmöglich, im Internet 15 Jahre freidenkend in gesicherter Position über Minderbemittelte und Niedrigunwohlgeborene zu schreiben, ohne dass einem von verschiedenen Seiten mit Todeswünschen geantwortet wird.“ – das ist das selbe, wie es am Ende intern bei den Piraten, und gelegentlich ähnlich auch bei der Linkspartei, und früher ja auch bei den Grünen gelaufen ist: die Leute sind zu dumm, um zu verstehen, wo ihr eigentlicher politischer Gegner steht (zb. eine 40-%-CDU), und zerlegen sich lieber selbst in ekelhaften Shitstürmen und Kleinkriegen, wo man als Zuschauer dann nur dankend abwinkt und sich als Wähler natürlich ein anderes Angebot sucht. Dummheit. Neben einem eklatanten Mangel an menschlich-zivilisatorischen Umgangsformen, einem damit wohl verbundenen Bildungsmangel, und dem Denken in eingefahrenen Bahnen und primitivsten Klischees, aber all das sind ja eben auch die Indikationen von – Dummheit. Und das ist aber nun wirklich die Sorte selbstverschuldeter Unmündigkeit, von der auch Kant sprach, also Dummheit im Sinne von stolz-dümmlicher kleinbürgerlicher Selbstgerechtigkeit und Brett vorm Kopf, und nicht im Sinne von „IQ“. Resultat davon ist unter anderem eben jene 40-%-CDU mit Regierungsabo, und das Ausbleiben notwendiger Änderungen. Stagnation.

    Über die Kochinseln und Mikrowellengerichte ist wohl alles zu sagende gesagt. Grundsätzlich war die ganze bürgerliche Idee, den Adel mit ärmlicheren Mitteln nachzuahmen, ja gar nicht so verkehrt, aber man hat da zu sehr auf Oberflächlichkeiten geschielt, den Prunk, die Prinzen, die Kutschen, das was klein Lieschen eben so beeindruckt. Verworfen hat man meistens den interessanteren Teil, das freie und souveräne Denken, das unter solch feudalen Umständen eben möglich war, und auch heute nicht so viel kostet – am ehesten noch Zeit.

    • Zeit?
      „das freie und souveräne Denken, das unter solch feudalen Umständen eben möglich war, und auch heute nicht so viel kostet – am ehesten noch Zeit“
      .
      Von der hat man im Gefängnis meist genug.

    • Zeit
      Im Gefängnis können aber wiederum Ambiente und Publikum nicht wirklich überzeugen, weshalb man den Adel dort ja auch eher selten antraf. Eher vielleicht noch in einer Klosterzelle. Zeit zum Nachdenken und Innehalten ist nunmal der Luxus unserer schnellen Echtzeit geworden. Am meisten hat man davon sicher gesellschaftlich etwas weiter oben, wo einem der Wohlstand diese Zeit kaufen kann, und dazu heute aber auch noch weiter unten, wo entsprechend die eigene „Überflüssigkeit“ für die wirtschaftlichen Prozesse ein im Ergebnis ähnliches Ergebnis zeitigen könnte, natürlich unter materiell völlig anderen Lebensumständen – aber Bildung ist, wie gesagt, ja heute eher Frage von Willen und Zeit, die darin investiert sein wollen. Zwischen diesen beiden Extremen regieren aber eher Hektik und atemlose Betriebsamkeit des „Mittelstands“, ohne viel Möglichkeit, also besonders Zeit, für Reflexion, Introspektion oder Verfeinerung. Merkwürdige Bündnisse tun sich da nun (theoretisch) auf…
      .
      Worauf ich aber eigentlich hinauswollte: Adel und Monarchen haben noch ein Bewusstsein dafür gehabt, dass sie und niemand sonst damals der Souverän waren, was sich ja in den pompösen Inszenierungen und sprachlich in Anreden wie „Exzellenz“, „ihro Durchlaucht“ oder dem pluralis majestatis ausdrückte: „Wir wünschen…“. Es ist bedauerlich, dass sich dieses unerschütterliche Selbst-Bewusstsein nach 1918 nicht in ähnlichem Maße auf den jetzigen, nun rechtmäßigen Souverän, also die ganze Bevölkerung, übertragen hat. Manchmal blitzt gelegentlich noch ein Hauch davon auf, etwa wenn ’89 die Bevölkerung der SED entgegenrief: Wir sind das Volk, und damit die Verhältnisse wieder geraderückte, oder wenn die als „Wutbürger“ verächtlich gemachten sich an diese schlichte Wahrheit erinnern, und sich dann anschicken, ihre Welt nach ihrem Gusto zu verändern. Viel zu oft aber erfährt sich der Souverän als unsouverän, jubelt dann nur dubiosen Leitfiguren zu, oder betrachtet staunend und demütig die in seinem Namen getroffenen „vernünftigen“ Entscheidungen, und dies sind heute dann eben oft Entscheidungen, die der „neue Adel“ für ihn getroffen hat, also diejenigen, die heute wieder materiell ähnlich leben und agieren wie einst der „richtige“ Adel, jedoch ohne dessen Stilempfinden und Bildung, und auch ohne dessen weltanschauliche Legitimation wie das einstige „Gottesgnadentum“. Was etwa gerade in der Ukraine in besonders krasser Weise sichtbar wird, die dortige reale Macht der Oligarchen, ist ja auch anderswo im Gange: die Rückkehr des Feudalismus im Gewand des Marktes, der Postdemokratie und der Plutokratie. Ein Monarch hätte sich eine derartige Entmündigung aber kaum bieten lassen, da er sich und seinen Willen als absolut setzte. Er mag zwar auch seine Diplomaten und Einflüsterer und seinen intriganten Hofstaat gehabt haben, aber diese haben ihn nur selten am Nasenring durch die Arena zerren können. Jeder Bürger ein arroganter kleiner Sonnenkönig, der blasiert seine Wünsche und Vorstellungen äußert und Zumutungen empört zurückweist, und die Welt sähe wohl ganz anders aus. Dazu fehlt es aber oft, wie gesagt, allein schon an der Muße und geistigen Freizügigkeit, sich die eigenen Wünsche, und deren natürliche Legitimität!, überhaupt einmal zu vergegenwärtigen. Das ist aber der eigentliche Kern von Demokratie, erst danach kommen dann Dinge wie: Argument, Diskurs, Rede, Gegenrede, Kompromiss, etc., die die kleinen Sonnenkönige dann selbst natürlich wieder in die Schranken (des jeweils Anderen) verweisen.
      .
      Offensichtlich sind solche Ideen aber in den Kreisen der Mächtigen heute höchst unbeliebt, da sie eben „Großprojekte“, „Governance“, „Auslandseinsätze“ und dergleichen erschweren und manchmal unmöglich machen. Hier ist man allenfalls bereit, die Bürger „mehr mitzunehmen“, also mehr Ressourcen in ihre Überzeugung zu stecken, Zielen zuzustimmen, die, auf elitären Konferenzen und in Hinterzimmern beschlossen, den jeweiligen Bürgerwünschen oft diametral widersprechen. Da wedelt dann aber ganz offensichtlich der Schwanz mit dem Hund. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 60er brachte das alles mal in ihrem Slogan knackig auf den Punkt: „Power to the people“. That’s exactly the point, und genau darum sind Sachen wie das Scheitern der Piratenpartei an sich selbst so tragisch, denn sie war ja einer der wenigen Orte, wo diese gute alte Idee unter den aktuellen technischen Bedingungen endlich wieder politisch diskutiert wurde, bevor man sich dann in den Kleinkriegen zum Spott machte und letztendlich aufrieb.

    • ...
      Bitte mehr von Ihnen. Die Zeit scheinen Sie Sich zu nehmen.

  5. schmunzel schmunzel
    Amüsanter Text vom Meister der Widersprüchlichkeit, der in seinen besten Momenten zwischen allen Stühlen sitzt und die Zerissenheit einer Gesellschaft recht gut an der eigenen Kunstfigur kulinarisch aufzubereiten weiß. Manchmal Haute Cuisine, manchmal Brettljause.
    Und ja, einen Kronleuchter in der Küche zu haben geht total in Ordnung.

  6. Klasse, Danke - Ein Don vom Feinsten! Und man könnte bald gar nicht sagen, wo überall anfangen
    zustimend mitzuargumentieren – und so lässt man es für diesmal eben sein. Nein, „wir haben keine Not“. „Überhaupt nicht“, um genauer zu sein, weder mit AGA’s noch mit den KWh.

    Am allererfreulichtsten – AGA’s bekommen einem am besten eh doch nur in Merry ol‘ England – waren natürlich früher die Urlaubs- u. Vergnügungsreisen zu den Freunden auf dieser lieblichen Insel mit den toleranten, bescheidenen, selbstironischen Menschen mit den sovielen neuen und historischen Kochstellen höchst selbstverständlicher und überhaupt nicht ironischer Natur: Es geht in der tat häufig nichts über eine ordentliche Portion gekochtes, schwachgewürztes Hackfleisch in Minzsoße, auf (in!) einem AGA bei kleinster Hitze über 4h im Rohr niedrigster Temperatur geduldig fertig gemacht.

    Und dann noch der Regen in den kurzen Sonnenpausen an den für manche windschiefen Einfachverglasungen – „die Sandgußformen dafür aus QueenMum’s Zeiten haben wir evtl. noch irgendwo draußen hinter einer der Scheunen liegen, irgendein Ururgroßvater Earl hat die schließlich mal nach eigenen Entwürfen gießen lassen, ihr wisst, der war etwas excentrisch und aus der Art gecshlagen, daher das mit den eigenen Entwürfen – wir wollten schon immer mal bei Gelegenheit unseren Sam danach fragen, ob er noch weiß, wo die liegen“ – alles meilenweit und hirnhorizonte entfernt von mitteleuropäischen Energiespar-Dichtigkeitsoptionen mit Zwangslüftung durch Wärmetauscherventilatoren – und dazu rundumzu ums Anwesen weit und breit kein Nachbar, nur der historische Rhododendron in der Auffahrt nickt schon mal symphatisch im Wind – und schüttelt auch die Tropfen ab. Ja, so lebt und kocht es sich herrlich …

    denn was bei den einen niederbrennend ist, war bei den anderen schon immer aufbauend.

  7. Wobei das natürlich
    reinste Ironie war, denn Sandgußformen, die irgendwo hinter der Scheune 150 Jahre lang, hüstel, im Pferdeurin zwischen den Brennnesseln gelegen waren, wären eben nach 150 Jahren, hüstel, kaum mehr widerzuerkennen, geschweige den wiederaufzufinden. Nun denn … denn wer nie von einem AGA aß, weiß nicht, wie gut sich uralte Golddublonen auf dem Konto anfühlen.

  8. hans
    Gut, dass ein Vegetarier noich eine Küchenmannschaft braucht, um angemessen zu speisen. Ein Dünkelbrot mit Quaak muss latürnich angerichtet werden.

  9. Titel eingeben
    Was benutzt man denn am besten, um einen Leuchter aus Messing zu putzen? Ich nehme eigentlich immer Scheuermilch, aber unbestätigten Quellen zufolge sei die zu aggressiv.

  10. Danke,
    den Sozialismus in seinem Lauf…

  11. Toleranz
    Es ist verwunder- und bedauerlich, dass ausgerechnet auch politisch-korrekten, allertolerantesten und sonst jede noch so abwegige Lebensart bejubelnden Gruppierungen Sie auf die krassest mögliche Art diskriminieren.

    Wären die Rollen vertauscht, würden wir uns jetzt alle wortreich solidarisieren und einen #Hashtag dafür einrichten. So aber müssen (werden) Sie alleine zurechtkommen.

    Mögen Sie lange leben (und schreiben), verehrter Don.

  12. Armleuchter !!
    wenn man sich am Küchentisch einen runter holt
    dann muss man halt hinterher den Lüster putzen
    habe selten ein ekelhafteres Photo zum Thema Küchenhygiene gesehen (2.Bild von unten)
    aber den noblen master of life style raushängen
    und immer dieses ewige Geschiss ums Essen
    zieh dir eine Dose Ravioli rein und gut is
    wo bleibt die Erregung über die „Convenience News“ der FAZ ?
    durch Konzerne zugerichtete Nachrichten sind schädlicher als durch Konzerne zugerichtetes Essen

    • Dosenravioli
      sind so ziemlich das grauenhafteste, was ich kenne.
      Ich weigere mich, dafür überhaupt den Begriff „Essen“ zu verwenden.
      Sowas treibt bei mir nicht mal der Hunger rein und der Ekel runter.

  13. Damals ...
    „Es ist so gut wie unmöglich, im Internet 15 Jahre freidenkend .. zu schreiben, ohne dass einem .. mit Todeswünschen geantwortet wird“

    Manchmal vermisse ich die Zeit, als man noch etwas frickeln mußte, um Internetverbindungen per 28.8k-Modem zu konfigurieren. Diese kleine Hürde hielt offensichtlich doch einiges Volk ab, was jetzt per automatischer DSL-Installation sofort online Unfrieden verbreiten kann. Aber das nur am Rande.

    Bei einem Elternabend habe ich letztens gelernt, daß es furchtbar entwürdigend und diskrimierend ist, zu sagen, es gebe eine wachsende Zahl von Familien, in denen die Eltern „nicht kochen können“. Dieser Sachverhalt läuft jetzt unter „Erziehungskompetenzdefizit“.

  14. Heute Lamm mit Weisskraut gekocht..
    gar nicht daran zu denken, wenn die Kochstelle direkt in Salon wäre. Ja, ich gebe zu wir essen auch häufig in der Küche da uns leider das Personal fehlt. Aber immerhin haben wir ein Speisezimmer, Tafelsilber (ned grad glänzend da kein Personal) und ein Paar gscheite Teller gibt es auch noch. Unsere Suche nach einer bequemen Neubauwohnung mit Aufzug und Tiefgarage scheitert immer daran, dass in den neuen Häusern keine richtigen Küchen mehr gibt. Hat natürlich den Vorteil dass die Kronleuchter auch noch hängen dürfen, bei 250 cm Raumhöhe würden die eh deplaziert aussehen

    • Ja,
      bei dieser Raumhöhe ist ein Kronleuchter nicht die richtige Wahl. Der Kronleuchter liebt die Höhe und die Weite des Raumes. Nur in ihnen kann er sich ihm gemäß entfalten. Dabei inszeniert er nicht sich selbst, sondern verleiht dem Ganzen eine Würde, betrachtet sich nicht als dominierendes Objekt.
      Die Gedanken von … brachten das auch indirekt zum Ausdruck. Es ist immer eine Frage der Verhältnisse, der Bezüge. Bien sûr.

  15. Wer das von Henriette Davidis nicht kennt,
    hat die Mutter aller Kochbücher verpasst. Und auch den Einblick in die „gute Küche“ der geho- benen Bürgerlichkeit des 19. bis Anfang 20.Jahrhunderts. Der Rest danach ist „Eiserne Ration“, in Bunt , und je nach Zufall auch vom Konzern Nestle‘. Die traurig stimmende Ahnung nach Familie und Gemeinsamkeit läßt „Küchengeräte-Monster“ wachsen. Als unbewusste Ersatzbe-friedigung. Die Chance könnte noch kommen? Es bleibt aber bei der Plastikpuppe beim Sex.

  16. Das Verhältnis 1:12 oder "Gleichstand"
    Meinen Sie nicht auch, dass es eine schicksalhafte Parallele zwischen diesem Beitrag und „217000 Euro??ß?scharfess???“ gibt? Die Zahl 12 taucht des Öfteren auf, hier als Anzahl der Flammen eines Kronleuchters, als Größe Ihrer Küche in m², und dort als Anzahl der „Geringstvermögenden“, denen ein einziger Millionär gegenübersteht.
    Wenn ich diese Zahlen betrachte, frage ich mich (ja wirklich, ich muss fragen, denn ich bin in einfacheren Verhältnissen aufgewachsen und wohne in Berlin), wie viele Bedienstete durchschnittlich in den guten, alten Zeiten auf eine Person hohen Standes kamen. Und ich beginne zu vermuten, dass die Summe aus den im Haushalt einer, beispielsweise, Industrieellenfamilie angestellten Personen sowie der Niedrigverdiener im Werk selbst erheblich größer war als 12. Und sicherlich auch größer als 48, und vielleicht sogar größer als 72, sodass sich eine reiche Familie mit bis zu 4 Kindern in jedem Fall einer mindestens 12mal größeren Zahl von Geringstvermögenden gegenübersah.
    Insofern glaube ich nicht, dass große Sorgen oder gar Erschrecken anlässlich der Studie des DIW angebracht sind. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Es herrscht „Gleichstand“ zwischen den damaligen und den heutigen Verhältnissen – mit dem Unterschied, dass der „Stand“ anders präsentiert und inszeniert wird – und offiziell ja auch gar nicht mehr existiert. ;-)

    Oh, und gerade weil der Kronleuchter in der Küche nicht meiner Lebensrealität entspricht: Für mich als 20-jährige ist eine abgeschlossene Küche mit Kronleuchter durchaus ein erstrebenswertes, genussvoll dekadentes Ziel.

  17. Pingback: Primaten und Antaffa : Burks' Blog

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