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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Back in Dreck

| 78 Lesermeinungen

Für H. und R.. Alle Bilder werden angeklicht gross.

Ich schliesse den Stöpsel im Waschbecken, lege die weisse Radhose hinein, drehe das Wasser auf und gehe nur schnell in die Küche des Sieneser Palazzos, in dem ich meine Zelte aufgeschlagen habe, um nun Wasser für den Tee aufzusetzen. Als ich zurückkomme, schwimmt die Radhose in einer dunkelbraunen Brühe; einige Luftblasen blubbern vor sich hin, und als ich den Hahn abdrehe, schwappt die Suppe noch etwas und hinterlässt an den Rändern sandige Schlieren. Das alles kommt nicht aus dem Wasserhahn. Es hat sich auf und in der Hose angesammelt.

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In elf Stunden am Sonntag davor, genau genommen. Denn als ich die Radhose zu nachtschlafender Zeit angezogen habe, war sie frisch gewaschen. Draussen vor dem Palazzo dunkelte der sprichwörtliche Stock, ich speiste noch schnell zwei Bananen, streifte das pink-grüne Trikot über, und stopfte das Regencape in die hintere Tasche. Das Regencape hatte ich am Vortag wegen dreier notorischer Schwarzseher erstanden, die in Gaiole in Chianti behaupteten, es werde regnen. Ich hatte das letzte Mal zwei Wochen davor auf die Wettervorhersage geschaut, und weil sie mir 29 Grad wissenschaftlich fundiert versprach, hatte ich mich auch darauf verlassen. Die drei Schufte jedoch bestätigten einander auch noch und zeigten mir, dass ihre neumodischen Apps tatsächlich für morgen, den grossen Sonntag der berühmten L Eroica, eines Radrennens über staubig-trockene Pisten der Toskana mit alten Stahlrössern, ausgiebige Regenfälle vorhersagten. Und einen Temperatursturz. Dabei war am Samstag das Wetter doch so schön und weitgehend wolkenlos – wo sollte da ein Unwetter herkommen.

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Das fragte ich mich auch auf dem nächtlichen Weg vom Palazzo nach Gaiole. Sicher, man sah keinen Mond und keine Sterne, aber etwas Bewölkung ist normal. Ausserdem bewies diese Bewölkung, dass meine Wettervorhersage falsch war und das bedeutet natürlich im Gegenzug, dass auch die Wettervorhersagen der Defätisten nicht weniger falsch sein dürften. So befiehlt es die Logik. Oder auch nur der Halbschlaf, in dem ich nach Gaiole gebracht wurde. Dortselbst war es natürlich trocken und nicht sehr kalt, und die Stimmung beim Aufbau der blankgeputzten, schimmernden Räder famos. Ich fuhr, wie schon im Frühjahr, mein gold-chromfarbenes Mittendorf, und mein Schrittmacher, Begleiter und Anpeitscher ein candyrotes Grandis aus Verona. Solche Räder sind im Übrigen viel zu schön für schlechtes Wetter, und weil wir sie dabei hatten, schloss ich messerscharf, dass es deshalb schön werden würde. Sonst hätten wir sie ja wohl kaum genommen.

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Noch keine Dämmerung war zu sehen, als der Stempel am Start auf die Teilnehmerkarte niedersauste. Voll war es, sehr voll, Tausende waren den Ruf gefolgt und standen nun hier, um auf die Reise in den schönen Tag zu gehen. Würde es regnen, beschloss ich, hätten sie das gemacht, was jeder nicht wahnsinnige Mensch tut: Sie wären daheim geblieben. Niemand würde hierher kommen, um stundenlang Wasser von oben und Dreck von unten zu erdulden. Also dankte ich meinem Schöpfer für mein optimistisches Vertrauen in die beste aller möglichen Welten, schwang mich auf das Rad und strampelte frohgemut dem Castell Brolio entgegen, das zwar ganz oben auf dem Berg liegt, aber einen Klacks für einen Jaufenpassbezwinger darstellt.

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Ein Hügelchen, auf dem Lichter entlang des Wegs flackern, bis dann das Schloss erreicht ist und sich der Blick über die Toskana weitet, bis Siena, Grosetto, ja sogar bis zum Meer, wenn man Glück hat, und links hinten erscheint dann die gleissende Sonne am Firmament und küsst die Fluten der See wach, während man, befreit von allen Sorgen, über die erste, ausgewaschene Schotterpiste hinunter ins Tal fliegt, hinein ins Licht, in das Leben, in die Freude, die so nur ein Sonntag auf dem Rad in der Toskana vermitteln kann, warm und angenehm, während nördlich der Alpen schon im Nebel gefroren wird. Das alles begreift man, wenn man oben in Castell Brolio ankommt und

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nicht in die Regenwolken am Horizont schaut, die sich im Norden auf das Land schieben. Wer tapfer radelt, kann auch tapfer ignorieren. Aber egal, die Route führt uns schliesslich nach Süden, links oben sehe ich sogar ein kleines Eckerl blauen Himmel und ausserdem: Ich war hier schon vor fünf Jahren. Da hat es geschüttet. Das war furchtbar. Ein Massaker. Die Wege so dreckig, als sei es Musik von Wagner, interpretiert von Roche. Das war entsetzlich. So entsetzlich, dass ich erst letztes Jahr einen neuen Versuch machte. Vor fünf Jahren bin ich als nasser Sack vom Rad gefallen, letztes Jahr wie ein nasser Sack, im Frühjahr wie ein nasser Sack und diesmal, habe ich mir geschworen, wird alles anders. Leichte Bewölkung hatte ich auch noch nie.

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Ausserdem taucht nach anderthalb Stunden und ein paar hübschen Wegen durch Weinberge unvermittelt Siena mit seinen Türmen auf. So weit ist man schon – man merkt das gar nicht, wenn man so mit all den anderen durch die Landschaft gleitet. Die frisch geölte Kette tanzt auf den Ritzeln, die Muskeln lassen die Pedale kreisen, die Speichen rauschen im Wind, wildfremde Menschen am Strassenrand feuern einen an, eine italienische Gruppe setzt sich in ein Cafe, um einen Espresso zu trinken: Et in Arcadia ego. Nur ein paar Wolken weniger wäre gut. Dennoch bi ich zufrieden, denn es regnet nicht und bald sind es nur noch 9 Kilometer bis zur ersten Pausenstation. Wir schauen uns an, wir sehen gut aus, wir blicken in die Landschaft und sind guter Dinge.

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Zumindest für die nächsten zwei Kilometer, denn dann beginnt es zu tröpfeln. Ganz leicht. Es hört aber gleich wieder auf, denn dann setzt der Regen ein. Aber der hat auch bald ein Ende, denn er wird von einer Sintflut ersetzt. Das geht ganz schnell hier. An der Pausenstation gibt es Tee, Trauben, Torte, Pecorino, ölgetränktes Brot, Wein, Salami, Nutella, Bananen von vorne.

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Und dazu Wasser von oben. Wasser von der Seite. Wasser auch in den Pfützen von unten. Ausserdem wird es auch recht finster, ausser wenn gerade irgendwo ein Blitz herunterkommt.

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Zusätzlich bekomme ich eine Dusche, als ich versehentlich beim Teeeinschenken unter eine übervolle Regenrinne gerate. Da trage ich längst mein Regencape, aber ich könnte genauso gut Nackttanz machen: Ich wäre nicht weniger nass. 47 Regenkilometer im Norden wäre Gaiole und das trockene Auto, also schwinge ich mich als triefend nasser Sack auf das Rad und beschliesse, dass es weiter südlich schöner werden muss. Im Süden ist es immer schöner. So kann das nicht weiter gehen.

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Es folgen nun aber leider exemplarisch kommentar-, gnaden- und hoffnungslose Bilder der nächsten 50 Kilometer über Matsch, Dreck, Lehm, Baaz, Schmiere und überschwemmten Asphalt, in denen es – immerhin – zwei kurze Regenunterbrechungen gab.

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Ich könnte viel dazu schreiben, aber man glaube mir: Es ist einem irgendwann egal. 20 Kilometer über Schotterpisten im Regen kommen einem mörderisch vor, danach fragt man sich nicht mehr, was zur Hölle man gerade tut. Das Hirn stellt die Funktion ein, denn es bringt nichts, sich solche Gedanken zu machen. Das Stammhirn freut sich an den kleinen Dingen des Daseins: Dass die Blitze aufgehört haben. Dass der Krankenwagen für jemand anderen kommt. Dass die Bremsklötze bei den halsbrecherischen Abfahrten auf den sandigen Felgen gut beissen, mit dem Geräusch einer schweren Schleifmaschine. Dass man selbst nicht viel schlimmer als das Rad aussehen dürfte.

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Man freut sich, dass man letztlich doch abgestiegen ist und schiebend auf kurzer Strecke fünf Stürze aus sicherer Entfernung sah – die alle glimpflich abgingen und dreckig war man eh schon. Dass manche Gänge mitunter noch funktionieren. Dass die Kette sich noch bewegt und der Freilauf nicht blockiert, was sehr unschöne Folgen hätte. Dass man ein Ölkännchen bekommt und zwei Kilometer die Kette nur noch halb so schlimm rattert, bis zum nächsten Wolkenbruch. Mit der Reduktion der Ansprüche auf das reine Leben und Überleben stört einen auch keine Dreckfontäne mehr, die das Hinterrad des Vordermannes empor schleudert. Alles ist nass. War es je anders? Gibt es eine Welt ohne Regen? Man weiss es nicht mehr. Bis.

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Bis dann die Wolken plötzlich aufreissen.

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Ein normaler Mensch sieht die Sonne und denkt sich: Naja. Die Sonne. Zentraler Stern unseres Sonnensystems, Randerscheinung der Milchstrasse, kennt man, sieht man öfters. Aber all die geschundenen, dreckigen Kreaturen, die sich durch den Schlamm gekämpft haben, deren bunte Räder graubraun wurden und die als Verdammte dieser Erde den Gewalten der Natur und allen Gefahren trotzten, Meter um Meter, Steigung um Steigung, die Gefährten stürzen sahen und Verzweiflung in den Gesichtern trugen –

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denen wird das Leben neu geschenkt. Die wischen sich die Spritzer aus dem Gesicht, die fassen neue Zuversicht und sehen von den erkämpften Gipfeln ringsum: Sonne. Kein Regen mehr. Es ist, ganz einfach gesagt, die Erlösung. Sicher, alles starrt vor Dreck, die Ketten knirschen und so mancher Schlauch wird noch platzen.

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Aber die Sonne ist wieder da, es wird wärmer und auf goldenen Strahlen erheben sich die Leiber und gleiten durch eine Landschaft, die fraglos zu den Schönsten dieser Erde zählt.

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Alles ist erleuchtet, alles ist Lachen, und selbst, wenn die Kräfte schwinden und die Muskeln schmerzen, wenn Hänge erschoben werden, die am Morgen noch hurtig im Sattel besiegt wurden: Es ist Italien. Es ist schön, In den Schuhen schmatzen fröhlich die nassen Socken und beim letzten Halt warten Kartoffelsuppe und Stühle auf die Helden.

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Noch einmal geht es hoch zum Castell Brolio. Diesmal von der anderen Seite, unter lauter abgekämpften Menschen, die nicht aufgegeben haben. Die sich den Titel L Eroica, die Heldenhafte, diesmal wahrlich erkämpft haben, auf ihren alten, ramponierten Rädern, die eigentlich in Museen stehen sollten und nicht weniger als die Fahrer geschont wurden.

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Stossweise keucht der Atem durch die zusammengebissenen Zähne, zwischen denen der Sand knirscht, aber die Lippen lächeln im Wissen, dass es von da oben aus nur noch hinunter nach Gaiole geht.

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Ich schaue zurück. In der Ferne schimmern die Türme von Siena im Abendlicht, weiter unten erringen andere noch den Sieg über den Staub und sich selbst. Dann drehe ich mich um und rase den Pass hinunter ins Tal.

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Dreimal bin ich hier wie ein nasser Sack vom Rad gefallen. Diesmal falle ich nicht. Ich bin nass, sehr nass, aber ich falle nicht. Ich steige im freundlichen Jubel der Zuschauer ab. Und ich war eine Stunde schneller als letztes Jahr, trotz Regen, Gewitter und all den anderen Erlebnissen, bei denen man besser daheim im Palazzo sitzen und sich darüber freuen sollte, dass es einen nicht erwischt hat.

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Keine zehn Pferde hätten mich vor die Tür bekommen, wenn ich geahnt hätte, was mich hier auf 147 Kilometern und 2200 Höhenmetern in elf Stunden erwartet. Aber dann stehe ich am nächsten Tag im Bad, das Wasser im Spülbecken ist dunkelbraun von all dem Morast, durch den ich gefahren bin, von Unwettern und den schmutzigen Spritzern, denen niemand sich freiwillig aussetzen würde, und lächle. Ich lächle auch noch, als ich mein Rad stundenlang putze, und ich lächle, als ich hinausfahre in die Hügel, die so steil, so endlos, so hart und so

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unfassbar schön sind, wenn die Sonne scheint. Und wenn sie nicht scheint, ist das Waschbecken eben dunkelbraun, aber das ist letztlich auch egal. Nach einem Tag hat man all das Elend schon wieder halb vergessen, es war gar nicht so schlimm, wirklich, eigentlich war es nur Wasser, und nach drei Tagen kann ich auch wieder gerade laufen. Wir sind nicht aus Zucker, weshalb ich gleich mal darauf hinweisen will, dass die nächste L Eroica Anfang Mai wieder in Buonconvento beginnt. Ich werde auch dabei sein. Denn meine Wettervorhersage meint, dass die Sonne scheinen wird.

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78 Lesermeinungen

  1. Luxus pur.
    Luxus pur.
    Media Markt würde sagen: Man(n) gönnt sich ja sonst nix.

  2. Tour de wos?
    Lauter Fragen unterhalb der Schwelle zum Weltbewegenden stellen sich da… Trägt der eine Fahrradschieber im Regen dort oben etwa Hemd und Krawatte? Wird auf dieser Veranstaltung gedopt, oder ist das eher was Geselliges, wie ich vermute? Und kommt man auf der Wegstrecke auch an ehemals sprichwörtlichen Toskana-Häusern von deutschen Champagner-Sozialdemokraten vorbei?

    • Ja, die Schieberin trägt Krawatte. Historische Kleidung ist erwünscht.

      Es wird mit Bohneneintopf und Torte und Wein gedopt.

      Bei der ganz langen Strecke erreicht man Montalcino, da wohnen ein paar.

  3. PS
    (Zum Anfang: „Alle Bilder werden angeklicht gross.“ Falls das eine Mitteilung an den Leser über das Anklicken der Fotos ist: Ich hab’s versucht, es ist noch nicht der Fall…)

  4. Eroica
    Porca miseria!

    • Aber insgesamt, unter dem Strich, war es lustig.

    • .
      Macht sogar süchtig!
      Manchen jedenfalls.

    • Vielleicht nicht sofort, aber wenn es so weit ist, ist man wieder da.

    • Titel eingeben
      Was gibt es großartigeres, als mit lauter Bekloppten was total Beklopptes zu machen.
      Die ersten Regenfälle nach der meist monatelangen Trockenheit der Sommermonate sind ohnehin ein ganz besonderes Erlebnis. Der Boden zu trocken, um das ganze Wasser aufzunehmen. Ein ganz anderes Geräusch, nicht so dumpf wie wenn Wasser auf aufgeweichten Boden trifft. Ausgeblühter Wildfenchel der sich im Regen wiegt.
      Schlammpfützenspringen für Erwachsene, und das in einer der schönsten Landschaften die ich kenne

    • Diesmal war er Boden aber schon gut vorgefeuchtet. Es war as erste Mal, dass mir bei der L Eroica die Reifen weggerutscht sind.. Das war teilweise wirklich wie Lehm.

  5. Wie freue ich mich daran,
    dass Sie, O Alfonso, auch Lyrik können!

  6. .
    Es gibt also doch noch Hoffnung.

  7. Titel eingeben
    Jaja… Wer hätte auch ahnen können, dass das Klima Wetter umschwingt.
    Bestechender wie zwingende Logik: Wenn niemand die Absicht hat, es brennen regnen zu lassen, dann brennt regnets auch nicht!
    QED!

  8. wundervoller Bericht,
    eine Erinnerung daran, dass es Schönes in der Welt gibt und man das Leben genießen muss. Da hier gerade die Monate des Bleihimmels angebrochen sind, habe ich mich um so mehr gefreut.

  9. ja, auch DON
    wird opfer der aktuellen und kommenden MEDICANE………….aber gestern war mit dem MTB ein schöner tag im süden und das wird sich gleich wiederholen……………bis heute nacht der regen wieder kommt mit blitz und donner………….gratuliere zu solch einem schönen bericht.

    haben sie denn den joschka oder den schilly am strassenrand gesehen oder wohnen die gar nicht mehr dort ? zumindest der schilly flog doch immer mit der regierungsmaschine in pisa ein und joschka am anfang noch mit der eigenen limosine.

  10. Titel eingeben
    Hier zeigt sich wieder, nur halbe Sachen sind Mist, wenn man erst einmal ganz dreckig ist, ist einem das völlig egal und nicht weiter schlimm.
    Also auf in die nächste Regenschlacht.
    Auch schon erlebt, nur anders. :-)

    • Irgendwann kurz nach der ersten Pause wurde es mir im Donner klar, dass es nicht schlimmer werden kann. Das ist ja auch schon was.

  11. Es gibt also Hoffnung.....
    ….. wo es zwischenzeitlich ziemlich übel aussieht und man gibt nicht auf, wenn es übel aussieht, denn irgendwann scheint die Sonne und dann wird es sich gelohnt haben und man ist glücklich :) .
    Danke

    • Zwischenzeitlich habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, es aufzugeben. Habe ich ann aber nicht gemacht und es hat sich gelohnt. Ausserdem, was wäre das Leben ohne Drama.

  12. Don Alfons hat sich und der Welt
    einiges bewiesen. Man weiß nur nicht genau was. Ds ist genau wie bei den Ironmännern. Der Sinn erschließt sich mir als bekennende Sofa-Kartoffel nicht. Aber um die Kondition beneide ich solche Helden

    • Man versteht es selbst nicht und verflucht sich unterwegs öfters. Ich weiss, dass es nicht schön war. Aber in der Erinnerung ist es schön.

  13. Das Leben ist schön!
    Einfach wunderbar die Fotos und die lyrische Hymne aufs Rennradfahren. Ich kann nur ein wenig mitreden, habe zwar vierzig Jahre mit Rennrad und Mountainbike hinter mir, aber aus Zeitmangel/Trainingsmangel nie solch große Tor(touren) gemacht. Jesus, muss das gut sein! Deshalb auch nix zu Flüchtlingen heute. Das Leben ist schön! Immer in Italien.

    • Man kann zumindest gut vergessen. Ich hatte so um 2000 herum für gut fünf Jahre ein Rennradtief und habe das danach brutal gemerkt, als es an den Aufbau ging. Rückblickend habe ich die Kurve damals gerade noch gekriegt. Jetzt, zehn Jahre später, sehe ich an anderen, wie das enden kann.

    • "Rennradtief", "Kurve gerade noch gekriegt", "wie das enden kann"
      @Alphonso: Wie meinen Sie das? Etwa im Hinblick auf die Grundkondition? Ich erlebte Vergleichbares mit dem Laufen. Man kann phasenweise (oftmals zwangsbedingt) monatelang pausieren und beschwingt wieder einsteigen, aber ich hatte auch mal eine Pause in der Größenordnung von 5 Jahren, und danach konnte ich zunächst kaum mehr als ein paar Blöcke weit laufen ohne erschöpft zu sein.

    • Kurve kriegen
      Ich kann nicht für den Don sprechen. Aber ich sehe das so: Wenn die 5 Jahre Aussetzen zu spät (im Leben) kommen und von viel Arbeit, Tabak und Alkohol flankiert sind… Dann klappt kein Wiedereinstieg. Erstens: der Bauch scheuert unangenehm auf dem Oberrohr. Zweitens und schlimmer: die porösen Arterien neigen bei geringsten Beanspruchungen zum Bersten.

      Dann fängt man einfach nicht mehr an.

    • Es ist halt oft eine frustrierende Erfahrung, und deshalb lassen viele es lieber gleich bleiben. Viele Räder, die ich habe, kommen von Leuten, die mi 40 nochmal was tun wollen, merken, dass es nicht geht, und es schnell wieder aufgeben. Oder von ihren Witwen.

      Das sind die Geschichten, die mir sehr zu denken gegeben haben.

    • ...
      Falls Sie meine obige Frage übersehen haben: Mich interessiert das ernsthaft. Wie meinten Sie das? Im Sinne eines unumkehrbaren Konditionsabbaus? Im Sinne kardiovaskulärer männlicher Gesundheit?

    • Ich fühle sehr wohl die Folgen des Alters. Da muss man nicht debattieren, die Kräfte lassen nach und wenn man sie aufbaut, dauert das sehr viel länger als früher. Ich habe ein paar Zeitfahrmaschinen mit geduckter Haltung und kleinen Ritzeln, mit denen ich von München aus 90 km nach Hause geradelt bin, über die Holedau. Heute wäre das nach einer halben Stunde verbei.

    • ...
      (Frage ging an Don Alphonso.)

  14. Rembrands Land war kalt
    Am Sonntag morgen hatten wir 3.1 Grad bei 4 – 5 Windstärke, gefühlt knapp über null. Statt kurzer Hosen, 4 Lagen Kleider; zuerst die Überschuhe nicht mehr gefunden. Die dicken Handschuhe hatten sich auch seit mehr als einem halben Jahr ganz hinten im Schrank versteckt. Aber die Sonne schien und es war auch unfassbar schön. Statt Pässe runter, über die Deiche zu sausen – wenn man den Wind von hinten hatte.

  15. Danke Don für die Inspiration ....
    …. warte noch bis es etwas wärmer wird und werde dann auch radeln gehen!
    .
    Die schönste Erinnerung erwächst doch meist aus dem grössten Schlam(m)assel.

    • Das müsste man mir mal psychologisch erklären. Denn sobald ich auf dem Rad sitze ud dort fahre, fällt mir das Schlimme sofort wieder klar ein. Es ist also gespeichert, wird aber nicht abgerufen.

  16. Eine Stunde schneller!!!
    Bester Don,
    der Flachlandtiroler zieht seinen Hut und neigt ehrerbietig sein Haupt! Das ist fürwahr eine stolze Leistung. Besonders das „im Ziel nicht vom Rad Fallen“!
    Das Training hat offenbar gefruchtet und die Laune könnte wohl kaum besser sein.
    Meinen Glückwunsch. Und meinen Dank für einen Artikel voller velocipedischer Poesie.

    • Du würest wahrscheinlich schon am Mittag wieder im Ziel stehen. Augrund der schriftstellerischen Leistungen wäre ein Team auch im Frühling anmeldbar.

    • schon eingeplant
      Da überschätzt Du mich. Ich bin froh, wenn ichüberhaupt ankomme. Bei Kälte fällt meine Lesitung in sich zusammen.
      Aber der 3. Mai ist bereits eingeplant. Die beste Ehefrau von allen muss noch ihr finales OK geben.

    • Es wird dann vermutlich wieder heiss sein, so wie dieses Jahr. Fein.

  17. Geschafft!
    Glückwunsch! Bella Italia!
    Grüße vom Ortasee

  18. Wiederaufbau
    Hm – ob ich das auch noch einmal anpeilen soll? Wenn der Wiederaufbau so hart ist? Vor ziemlich vielen Jahren habe ich mit meinem Mittendorf die „Ardechoise“ mitgemacht – ziemlich genau die gleiche Strecke und Höhenmeter, aber auf richtigen Straßen. Und es war so heftige Sonne, daß man die geänderte Hautpigmentierung am Ende des Trikotärmels bis heute sieht (behaupte ich immer). Da war man froh um jede Station mit Wasser, selbst die größten Flaschen haben nur knapp für den Weg dazwischen gereicht.

    • „Etwas besseres als den Tod finden wir überall“. Im Ernst, wenn ich so höre, was andere in meinem Alter so trifft, bin ich heilfroh, da nochmal die Kurve gekriegt zu haben. Gesundheit, das muss man zugeben, kommt einfach nicht vom Rumsitzen.

  19. Titel eingeben
    Bananen von vorne? Und die Roche macht nun auch Musik?

  20. Mit 66 unter selbstproduzierten Drogen
    @Marianne (bezüglich Ihres Kommentars im vorherigen Beitrag, aber hier eingegeben, weil es hier besser passt)– Ihr Hinweis auf Drogen ist berechtigt. Beim Fahrrad fahren dieser Art wird Adrenalin freigesetzt. Nur im Gegensatz zu Ihrer Argumentation – wir quälen nicht andere, sondern jeder sich selbst.
    (Im übrigen, ich gehöre nicht zu der davor zitierten jüngeren Generation, sondern bin 66 Jahre alt)

  21. Der Mann kan erzählen
    Da bekommt man Lust auf mehr vom Herrn … lesen kann so erholsam sein…Danke

  22. Back in Dreck ist zu lasch
    Hier sind mal ein paar Vorschläge für die Überschrift ihres Berichts im nächsten Jahr:

    Radler, wollt ihr ewig leben ?

    In Gewittern auf Stahlrädern

    Jesus kam nur bis Castell Brolio

    Für eine Hand voll Kartoffelsuppe

    Strampelmann oder die Abfahrt des Todes

  23. Glückwunsch!
    Klasse Leistung und tolle Fotos, Don!

    Seit weta zwei Jahren verbringe ich einige Wochenenden im Jahr mit Langstreckenläufen. Manchmal auf der Strasse, manchmal auch in den Bergen oder in Wäldern. Einige aus unserer Gruppe sind auch recht gute Radfahrer. Es ist schon ein eigener Menschenschlag der sich soetwas antut. Masochismus eben. Da Gefühl ist schwer zu beschreiben, wenn es nass und dreckig zugeht und jeder Schritt weh tut. Aber Ihre Beschreibung ist schon sehr gut. Die höheren Gehirnfunktionen werden weitestgehend zurückgefahren und man nimmt die Umwelt stark gefiltert wahr. Das was nun wichtig ist, ist wo der nächste Stein, die nächste Wurzel ist und wie man die Atmung mit der Streckenführung in Einklang bringt. Automatismen greifen dann und der Geist schweift. Ich fühle mich dann wie ein träumendes Tier. Die Tage danach sind durch eine seltsame Leere gekennzeichnet. Manche Leute gehen soweit es mit dem come-down nach Drogenkonsum zu vergleichen.

    Angefangen habe ich mit der ganzen Sache in Japan. Zwischen Kyoto und Shiga liegt der Hiei, ein Berg mit einem sehr alten Kloster. Die Mönche von dort trainierten täglich den Langstreckenlauf als eine Art der Meditation. Das Gebirge im nördlichen Kyoto und um den Biwasee eignet sich vorzüglich dazu. Kann ich wärmstens empfehlen!

    • Fairerweise muss man sagen, dass ich eigentlich unsportlich und nicht grunlos untauglich gewesen bin . es kann also gut sein, dass andere es als weitaus machbarer empfinden. Ich kann mich halt gut quälen und dramatisieren.

    • Titel eingeben
      Naja, das ist bei Amateuren wie uns ja normal. Es gibt immer bessere Fahrer/Läufer und mit Profis braucht man sich gar nicht erst zu vergleichen. Ich bin einfach immer stolz darauf mich verbessert zu haben und dabei an meine Grenzen zu gehen. Der Gegner ist nicht der Konkurrent neben einem, sondern man selbst. Mittlerweile bin ich auch weniger extrem als früher. Ich werde auch nicht jünger, aber konstant zu trainieren ist schon wichtig, sonst baut man schnell ab. Ich versuche immer auf meinen Körper zu hören und trotzdem nicht gleich aufzugeben. Solche Großveranstaltungen geben da die Motivation, etwas worauf man hinarbeiten kann.

      Ein ganz anderer Aspekt ist, dass in den Industrienationen in der heutigen Zeit kaum noch Menschen wirklich mit den klassischen Widrigkeiten zurecht kommen müssen. Kälte, Hitze, Staub, Regen, Eis, Schlamm. Das ist auch eine Lebenserfahrung, auch wenn man sich dem freiwillig aussetzt.

    • Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, gut mitzuschwimmen. Manche, die ich am Start sah, sah ich auch im Zeil wieder, in etwa. als ich angekommen bin, Also Durchschnitt, aber eben in einer sehr herausfordernden Tätigkeit. Das ist nicht viel, aber auch nicht nichts.

  24. Na sowas! Und Sie wollen als Feinschmecker durchgehen?
    Welch Sakrileg!! Eine solche Hose spült man doch nicht aus und beseitigt damit die ganzen wertvollen Inhaltstoffe!!! Sowas wird sorgfältig eingepackt wieder mit nach Hause genommen. Und wenn man genügend davon angesammelt hat, dann gilt die Überschrift: Back in Dreck – gebacken in Lehm- und Salzmantel

    https://www.google.li/search?q=%22gebacken+im+lehmmantel%22

  25. Werter Don, ich huldige grossen Respekt ...
    … schlimmer geht halt immer …. für mich ists jedoch am schönsten, wenn ich schreien kann:
    .
    „I can see clearly now the rain is gone … I can see all obstacles in my way … it’s gonna be a bright, bright sunshiny day …“
    .
    Ja, ich schreie (singen kann man das bei meiner Unmusikalität wirklich nicht nennen) dieses Lied immer wieder laut und liebend gerne aus, wenn mir die „gelbe Sau“ durch einfaches Erscheinen die letzten, wirklich elenden Qualen des „long and damn hard way home“ erleichtert.

  26. wir lagen vor madagaskar
    welche leidensromantik. weißt du noch – damals vor stalingrad!?
    suum cuique! ja, ich weiß, wo das überall gestanden hat.

  27. Titel eingeben
    Climb every mountain,
    Ford every stream,
    Follow every rainbow,
    ‚til you find your dream.

  28. Hab ich was verpasst?
    Der Don wälz sich im Schlamm südlicher Kulturlandschaft und fühlt sich wohl als wie 500 Säue, während in FFM der Sumpf des Literaturbetriebes wartet?
    Kein Blog zur Buchmesse?

  29. Steel is Real - soweit, so gut
    Lieber Don, sehe ich das richtig, Steel + Dreifach?

    • Ja. Es ist da wirklich sehr, sehr steil, und wer länger kurbelt, schiebt weniger. Geschoben wird viel. Wan daf das nicht it hiesigen Feldwegen verwechseln, die Steigungen sind wirklich hart.

  30. Flucht aus der Regenzeit
    Bin vor Jahrzehnten (mit meiner damaligen Freundin) mit dem Wohnmobil unterwegs gewesen. Und Ende September haben wir in Lugano am See zu campieren gesucht. Dann kamen die Wolken. Uns war intuitiv klar, dass das ein böses Ende nehmen wird. Regen ohne Ende. So machten wir uns auf den Weg – in Richtung Süden. Täglich dem Regen einen Tag vorauseilend. Erst in Portugal hatte der Regen keine Chance mehr. Am Ende sind wir 6000 Km gefahren, innerhalb von 3 Wochen. Schließlich hatten wir die ganze iberische Halbinsel umrundet. Als wir nach Hause kamen, fragten uns die Leute, wo wir bloß gesteckt hätten. Sie hatten schon befürchtet, wir wären in dem Unwetter um Genua umgekommen. Stattdessen vergnügten wir uns in dieser Zeit mit unseren Fahrrädern auf den Klippen der Atlantikküste – mit Tagestouren. „In diesem Puff kriegt jeder, was er braucht“, klingt mir ein wenig zu sehr nach nihilistischer Selbstverleugnung, als nach Villon. Der wäre vermutlich in den nächsten Puff abgestiegen, so wie wir aus der Regenzeit geflüchtet.

    • Portugal ist auch ein guter Ort für den Winter.

    • Wir sind auch immer so lange nach Westen gefahren ...
      …. bis das Wetter wieder gut wurde. Nix ausser 10 Paletten Tuborg, den neuesten französischen Männer-Magazinen (gleich beim ersten Tankstop nach der Grenze erstanden), Badeshort (ja genau eine), Zelt und grossem CampingGaz – Kocher für die Ravioli-Dosen in der Karre. Halt nur mit Bast- und Iso-Matte. Kein Tisch keine Stühle; alles nur Platzverschwendung.
      .
      Nachdem Bier und Ravioli-Dosen dann endlich fertig vertilgt waren, haben wir Crevetten, Chilis, Zwiebeln und Knofel leicht angeröstet und mit billigem Champagner und frischem Basilikum abgelöscht. Dazu ein olles Weissbrot, sehr viel kalten Rose und die goldene Abendsonne …

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