Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

20. Jul. 2017
von Don Alphonso
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Ignoranz und Egoismus als Vermögensstrategie

An gscheidn Griag, des is wos Leid wia Ia amoi wiada brahchan.
Die Carolin vom Biergarten antwortet auf die Frage nach Glutenfreiheit

Wenn Sie einmal ein phantastisches Buch über Aufstieg und Fall einer Industrie lesen wollen, die an der Weltspitze stand, innovativ war, und deren Produkte auch heute noch bestehen können – und die trotzdem dem Untergang geweiht war: Kaufen Sie sich “The Golden Age of Handbuilt Bicycles” von Jan Heine.

Ein Prachtwerk, von Rizzoli umgesetzt wie ein Buch über einen Dom oder einen Renaissancemaler. Es beschäftigt sich mit massgefertigten Rädern, die in Frankreich von den 30er bis zu den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts enorm populär waren, mit einem Schwerpunkt auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die ersten Jahre danach.

Damals, erklärt Jan Heine anschaulich, und nicht anders würden es auch die Vorfahren der deutschen Leser berichten, war Benzin extrem knapp, Autos wurden vom Militär und den Behörden eingezogen, die Autoindustrie hatte für den Krieg zu liefern, und die Bahninfrastruktur war gestört. So blieb den Menschen das Rad als Hauptfortbewegungsmittel. Just in dieser Zeit wurden in den grossen Städten und besonders Paris schnelle, leichte und für den Transport von Lebensmitteln geeignete Räder populär.

Sie erlaubten weite Touren auf das Land, und dort den Einkauf von Lebensmitteln für den Schwarzmarkt in der Stadt. Die französische Radindustrie zehrte bis in die 80er Jahre von den Erfindungen und Entwicklungen jener Epoche, und wir verdanken ihr die Schaltwerke, die Kurbeln mit mehreren Kettenblättern, leichte Schutzbleche und Gepäckträger, Cantileverbremsen und den heute so populären Ahead-Vorbau. Ich habe selbst fünf Maschinen aus dieser Epoche – es sind wirklich herrliche Räder, robust, komfortabel, hochwertig, zuverlässig.

Der Niedergang dieser Industrie kam mit der Verfügbarkeit des Automobils. Die Menschen setzten sich lieber in skurrile Selbstmordmaschinen wie eine Isetta oder einen Messerschmidt Kabinenroller, oder auf eine Kreidler Florett oder eine Vespa – alles, was knatterte, stank und Benzin benötigte. Die Menschen kauften nicht mehr beim Bauern, sondern beim Supermarkt um die Ecke. Das Land wurde vom Sehnsuchtsort mit Knödeln und Würsten zum Produzenten degradiert, dessen Milch nie mehr als einen Euro kosten darf, und das Pfund Hack geht nur mit Tiefstpreisgarantie über den Tresen.

Kaum jemand erradelt sich noch einen Speck oder Eier. Das machen ein paar Kenner wie ich, die alte Räder lieben, aber die Mehrheit ist anders. Cem Özdemir fährt mit dem nagelneuen E-Bike zur Industriellenvereinigung, Lindner lässt sich in der S-Klasse ablichten. Ich warte darauf, dass in anderen Medien wunderbar bebilderte Beiträge über klassische Tourenräder, Nervex-Muffen und Kurbeln von Specialites T.A, kommen, die nun bald 70 Jahre alt sind. Es kommt: Nichts.

Es müsste aber so sein, wenn man das Fahrverbot für Diesel ernst meint. Kaum ein LKW fährt mit Strom oder Brennstoffzellen. Die gesamte Versorgung von zivilisierten Städten wie München und Stuttgart bis hin zu lebensfeindlichen Krisenzonen wie Berlin, Kinshasa, Bogota und Düsseldorf läuft nun mal mit grossvolumigen Dieselmotoren. Man kann natürlich “den Diesel” aus der Stadt verbannen, das ist nicht das geringste Problem. Aber dann sollte man auch konsequent sein, und nicht die Russpartikel des LKWs oder Rettungssanitäters gegenüber den Abgasen der Pendler bevorzugen. Emissionen sind gefährlich? Dann muss man eben alle gleich reduzieren, und nicht Menschen aus dem Umland benachteiligen, während die Städte für ihre Belange gern den Diesel aufs Land schicken. Und die Vorfahren können berichten, dass Krankentransport auf dem Leiterwagerl in der ganz schlechten Zeit auch üblich war. Man muss nur wollen, dann geht es ohne Verbrennung und Emission durch Diesel.

Man kann die alten Räder nicht nur nachbauen, man tut es bereits. Jan Heine zum Beispiel lässt alles, was früher schick und praktisch war, wieder herstellen, und es gibt auch Messen und Blogs für die Schönheit des alten, sauberen Gefährts aus Stahl und europäischer Fertigung. Was ich aber lese, und nicht nur ich, sondern auch alle, die in den letzten Jahren neiderfüllt meiner kleinen, dummen Heimatstadt an der Donau den totalen Niedergang gewünscht haben, und dachten, mit dem Abgasskandal würde es endlich so kommen, ist etwas ganz anderes: Der VW-Konzern verkauft wieder blendend. Die Kunden gehen all der Skandel zum Trotz doch wieder zum altbekannten Hersteller. Und kaufen, wo Scheckheft-Reparaturen, Restwert, Betriebszeit und Zuverlässigkeit mitsamt 17-Zoll-Felgen und mehr als 200 PS für den 2 Tonnen schweren Geländewagen geboten werden.

Und sie tragen dadurch bei, dass einer wie ich zwar Räder explizit befürworten, aber gleichzeitig den Reichtum dank Immobilien nahe der Autofabriken mehren kann, ohne auch nur einen Finger zu rühren oder nachzudenken, was mir ohnehin zu schwer fallen würde. Weil das ist nämlich wirklich nicht meines und wider meine Natur, und vermutlich wird man sich auch bei den denkenden Kollegen in den Redaktionen sagen, dass ich damit nicht allein bin: Denn wie sonst wäre es zu erklären, dass trotz Skandal und Aufklärung und Schlagzeilen der Verbrecher von gestern das Luxusgut von heute liefert. Meines Erachtens – ich habe gegen meine Grundüberzeugung nachgedacht – liegt das daran, dass solche Journalisten und der typische Käufer eines hochwertigen Automobils in verschiedenen gesellschaftlichen Sphären lebten. Gestern Abend beispielsweise hat mich ein Kollege aus Hamburg und Berlin bei Twitter angemault, und ich habe einmal nachgeschaut, was er in den letzten Jahren veröffentlichte: Das reicht kaum für einen gebrauchten Dacia, geschweige denn für einen deutschen Mittelklassewagen.

Deutsche Hersteller der Oberklasse wenden sich nun nur mit ihren Car-Sharing-Lösungen an schlecht bezahlte Projektmenschen. Das Hauptgeschäft machen sie mit der fest angestellten Mittelklasse, gut verdienenden Freiberuflern, mit Firmen für dié Dienstfahrzeuge, und Menschen, für die der satte Klang beim Türenschliessen auch beim Drittauto wichtiger als ein paar tausend Euro ist. Es mag durchaus zutreffen, dass eine gewisse urbane Schicht dem Auto gänzlich entsagt und das Prestige bei jungen Menschen gelitten hat. Viele junge Menschen restaurieren auch keine alten, französischen Tourenräder und radeln nicht im Eisacktal – aber für den Markt ist allein relevant, was die Zielgruppe tut und denkt. Supermärkte leben davon, dass jemand billiges Hackfleisch und einen Einmalgrill für den Görlie kauft, und Hotels am Tegernsee profitieren, weil jemand Geld für Kuren und Botox verschwendet, um nicht wie billiges Hackfleisch oder Griller im Görlie auszusehen. Das alles ist in einer ausdifferenzierten Klassengesellschaft mit widersprüchlichen Interessen gleichzeitig möglich. Wer nur sein Kind in Berlin Mitte zur Kita nebenan bringt, sieht die Welt mit anderen Augen als jene, die das Kind zum Pferd oder am Abend zum Konzert bringen, und das hingehauchte Kleid von Moschino nicht in die Kette eines hinreissenden Porteurs von Rene Herse gewickelt sehen möchten. Der erste Typus ist Journalistin, hat wechselnde Partner und schreibt über Nahverkehr und Patchwork. Der zweite Typus kümmert sich erst mal ein paar Jahre nur um Haus, Katze, Kinder, Wellness, Vermögen des Partners und Pferde und liest Frauenzeitschriften.

Und dieser Typ würde es auch nicht ertragen, wenn der Mann 2017 immer noch mit dem zu Abwrackprämienzeiten gekauften Mazda in ein Hotel fährt, in dem alle anderen etwas Besseres in die Tiefgarage stellen. Es liegt in der Natur der meisten Medienmacher, dass sie gern über das Gute schreiben, wie eben Umwelt und Abgasreduzierung, und daher über den Dieselskandal empört sind. Es liegt aber eher in der Natur der Menschen, dass sie kein heiliger Franziskus oder neuer Stalin sind und alles Vermögen sofort und radikal umverteilen. Sie sind vielmehr ein wenig egoistisch, bequem und bedacht, das Leben in exakt jenem Wohlstand zu verbringen, von dem sie meinen, er stünde ihnen zu. Und deshalb werden auf den grossen Parkplätzen vor den Malls die Windschutzscheiben mit “Kaufe Ihr Auto”-Karten verziert, auf dass die alten Wägen ein zweites Leben in Nigeria, Jordanien und im Kongo erhalten, und der Ersatz mehr Raum, mehr PS und mehr farblich passendes Leder hat. Diese Verschwendung ist dem schlecht bezahlten Moralredakteur aus dem ökonomischen Mangel heraus so fremd wie mir, der ich nach der Oberschichtendevise Raffen, Räubern und Reparieren aufgewachsen bin.

Man könnte das Elend der Verschwendung und alle aus ihr entstehenden Ungerechtigkeiten sofort beenden, man müsste nur verführen, es anders zu machen, und die anderen müssten sich verführen lassen. Das neue Strafgericht Gottes mit Feinstaubmassensterben und Dieselpest jedenfalls scheint kaum zu wirken. Die Franzosen wollten nach der automobilen Zwangspause im 2. Weltkrieg nicht wie ein Indochinese unter ihrer Kolonialverwaltung mit dem Fahrrad fahren, und auch jene, die noch nicht so lange hier sind, sehen in geschenkten Rädern die gesellschaftliche Abwertung: Angesichts der Realität der Konsumgesellschaft reicht es offensichtlich nicht, den einen Lebensentwurf zu verdammen, ohne angenehme Alternativen benennen zu können.

Das ist immer so: Der Katholik sieht den Skandal bei den Regensburger Domspatzen und tritt nicht aus der Kirche aus, weil er eine weisse Hochzeit und Taufe für die Kinder will. Der Muslim könnte gegen den Terror demonstrieren, und hält sich lieber an den Fastenmonat. Witwen könnten ihre Villen für Migranten räumen, und Migranten sollten Immobilien besser behandeln,  und schönere Geschichten liefern, und die stünden dann sicher an der Stelle jener bedauerlichen Nachricht, dass die Deutschen einfach nicht verstehen, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Man hat es ihnen schließlich gesagt. Es stand in der Zeitung, ganz gross. Es kann nicht sein, dass die Realität der Realitätskonstruktion Hohn spricht, denken die Autoren auf dem Weg in die Kantine. Sie sind so gedankenverloren, dass sie die mindestentlohnte Tunesierin hinter der Theke beim Verkochtepampeindenblechnapfklatschen nicht fragen, wie es eigentlich jetzt schon Dessert mit Äpfeln geben kann, obwohl die noch gar nicht reif sind und auch nirgendwo in nachhaltig-biologisch vertretbarer Nähe da oben am Hamburger Polarkreis wachsen. Auch haben sie noch nie gefordert, dass es täglich ein Kraut-, Wirsing-, Kohl- und Rübengericht gibt, obwohl man darüber wirklich schöne Geschichten schreiben könnte, so biodynamisch der Eigenanbau kurz nach dem Krieg gewesen ist.

Auch davon könnten die Alten erzählen. Und warum nach der Zeit des Krauts die Epoche des Fleisches kam, der vollen Teller und Tanks und einer Gesellschaft, die sich mit dem Wohlstand so arrangiert, dass sie über die Probleme nachdenkt und die konkreten Folgen ignoriert, bis es nicht mehr anders geht. Das ist der historische Normalfall, radikale Umsetzungen erkannter Probleme findet man bei Wikipedia unter “Holdomor” und “Rote Khmer”, unter “Generalplan Ost”, “Fünfjahresplan”, “Grosser Sprung nach vorn” und dem, was Alte zu allen Zeiten als “gscheidn Krieg” bezeichneten, um Jüngeren die Flausen von Luxus und plakativem Selbstekel auszutreiben.

Also. Es werden teure, deutsche Autos gekauft, die Löhne steigen in vielen Bereichen, die Mieten gehen nach oben, und wer in Sektoren arbeitet, die wirklich absteigen – Medien zum Beispiel – bleibt dabei auf der Strecke und lebt langfristig eher in einer multikulturell geprägten Randlage mit sozialen Herausforderungen. Ginge es der Autoindustrie schlecht, ginge es Medien sogar noch schlechter. Ich verstehe die Verbitterung und all die Rufe nach einem Ausgleich sozialer Gerechtigkeit. Aber ich finde es ausreichend, wenn ich meinen Teil dazu beitrage, indem ich das Radfahren propagiere und beschreibe, wie viel Spass es macht, mit einem alten Umberto Dei oder Chesini die Mille Miglia zu besuchen, oder mit einem vom Schrott geretteten Bianchi die Alpen zu überqueren. Das ist mehr als nichts, und amüsanter als Klagen über ausbleibende Einsicht und Selbstkasteiung von Höherstehenden, die das traditionell einfach nie und nimmer tun werden.

Wir sind so. Wir ändern uns nie.

20. Jul. 2017
von Don Alphonso
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14. Jul. 2017
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Lebende Männer und das Ende der lustigen Witwen

Ich bin eine anständige Frau und nehm’s mit der Ehe genau.
Valencienne in Lehars „Lustige Witwe“

Also wissen Sie, es ist ist doch so: Natürlich gibt es heute Wissenschaft und Untersuchungen und Balkendiagramme, es gibt Modelle und Algorithmen. Das alles hat den enormen Nachteil, dass man sich dafür mit Mathematik auseinander setzen muss, und kein Mensch von Geist und Anstand hat es mit diesem Fach leicht. Ich selbst, wenn ich das anekdotisch evident berichten kann, war darin ein ausgesprochener Versager sowohl im Begreifen als auch in der grundsätzlichen Bereitschaft, mehr als zwei der vier Grundrechenarten zu beherrschen, denn mehr braucht man nicht, wenn die Karriere letzthin im Erhalt des Familienvermögens besteht. Ich stehe Forschung eher ablehnend gegenüber, und auf dem Standpunkt, dass Macchiavelli sein berühmtes Buch vom Fürsten ebenfalls nicht auf Basis von – damals gar nicht möglichen – Untersuchungen der Politologen mit Umfragen und Gesellschaftsanalysen gestaltete, sondern auf Basis sorgfältig ausgesuchter Anekdoten berühmter Menschen. Für das Buch vom Plebs braucht man Forschung und Soziologen, aber ich bitte Sie, doch nicht für Leute von Stand wie Sie und mich.

Das Buch vom Fürsten ist heute noch so populär, weil die anekdotische Evidenz einfach glaubwürdiger als alles andere erscheint: Einen Balken kann man problemlos wie die Süddeutsche Zeitung verlängern und verdicken, und Zahlen durch Auslassungen wie die Zeit fälschen, aber eine wirklich gute, glaubwürdige Anekdote erfinden: Dazu muss man schon mehr als Tabellenkalkulation und Photoshop beherrschen. Mit der anekdotischen Evidenz arbeiteten die Propheten der Bibel und Pornographen der Aufklärung, und deshalb ist für mich die neueste Untersuchung zum Scheidungsverhalten der Deutschen nicht mehr als eine statistische Unterfütterung meiner anekdotischen Beweisführung, die ich dem verdanke, was Politologen als Feldforschung bei der verheirateten Männlichkeit und der Einwirkung ihrer Frauen auf die Lebensverlängerung bezeichnen würden.

Denn als überzeugter Single mit wenig Arbeit und viel Freizeit ist es immer wieder ganz nett, ein altes Rad zu kaufen und es fachgerecht wieder auf die Strasse zu bringen. Gerne kaufe ich Räder in der Nähe und gern hole ich sie persönlich ab, und ich behaupte, schon anhand der Anzeigen Rückschlüsse auf die Besitzer machen zu können. Sehr oft sage ich: Der Verkäufer ist ein Mann, lebt in den angesagten Vierteln des Grossraums München, wo Vollbeschäftigung herrscht, hat vor ein paar Jahren geheiratet und mindestens ein, vermutlich aber eher zwei Kinder, die langsam alt genug sind, um in die Schule zu gehen. Das Rad hat er entweder zu seiner Junggesellenzeit bekommen, oder rund um seine Hochzeit gekauft, um fit zu bleiben. Es ist sicher mehr als ein Zufall, dass meine beiden neuen Räder von Eddy Merckx aus der ersten Kategorie stammen, und die beiden Specialized Roubaix vom zweiten Typus gekauft und praktisch nie gefahren wurden.

Sondern eben anekdotisch evident. Das war früher, als Scheidungen zur Regel werden drohten – und die Mehrheit meiner Altersgenossinnen ist tatsächlich geschieden, ich komme aus der Generation der Scheidungsfreudigen – noch ganz anders. Meine Generation war eine des grossen “Wenn Du meinst, dann mach es”. Es war die Generation der offenen Beziehungen, die das gschlamperte Verhältnis zur notwendigen Erfahrung eines erfüllten Lebens hochkultivierte. Es war die Generation der Doppelcabrioeigentümer, denen zwei Sitze in allen Lebenslagen reichten. Die Benutzung allerlei wenig sicherer Fortbewegungsmittel wie Paraglidingschirme und Motorräder galt als Zeichen der notwendigen Unvernunft in einem ansonsten allzu geregelten Leben. Eventuelle Kritik bügelte man nieder, indem man erzählte, wie man damals am Gardesee fast ertrunken wäre, oder am Monte Baldo, damals noch ohne Helm, mit fast 100 Sachen – ein Guter hält es eben aus und um einen Schlechten ist es nicht schade. Die 80er Jahre waren eben noch eine Zeit, in der das Leben nicht ohne Risiken und der Schulsport nicht ohne Schlägerei war, und die Jugend von Böhmfeld versammelte sich am Sonntag bei der Kirche, um durchfahrende Radler mit Steinen zu bewerfen und mit Mofas zu jagen. So war das damals! Anekdotisch evident und gefährlich.

Das ist nicht ohne Einfluss auf das Lebensalter, und der frühere Tod der Singles, den jede Untersuchung ausweist, ist die direkte Folge: Die einen leben in kürzerer Zeit viel mehr als die anderen in ihrem längeren Leben, das jenseits der 90 ohnehin nicht mehr so schön ist. Davor regierte eine gewisse Wahllosigkeit bei den Vergnügungen, und war der eine spannende Sexualpartner weg, war der andere vielleicht dafür bald wieder geschieden und frei auf dem Markt verfügbar. Wer heiratet und das nicht gerade ernst nimmt, hat auch kein besonderes Interesse an der langfristigen Erhaltung des Partners: So erkläre ich mir, dass sich früher zwar der Beziehungsstatus, aber nicht die Neigung zum riskanten Leben änderte. Damals wäre der Mann im Porsche wild hupend auf die Frau im BMW-Cabrio losgefahren, wo heute der junge Manager im stadtökologisch günstigen Drivenow-Carsharingauto brav darauf wartet, dass eine Mutter mit SUV ihren Anhänger mit Pferd von der Leopoldstrasse entfernt.

Heute ist es nicht mehr so, dass Frauen es befürworten, wenn Männer mit ihren Freunden auf schnellen Rennrädern in Richtung Alpen aufbrechen, um Bräune zu suchen und Schürfwunden zu finden. Im Zeitalter der Trennung war das noch egal, aber in der Epoche der neuen Dauerhaftigkeit ist jede Verletzung, jeder Unfall, jeder blaue Fleck ein Memento Mori. Auch sind Kinderräder heute keine billigen BMX-Schleudern mehr, mit denen der Stahl der Jugend gehärtet wird. Sie sind teuer, sie haben eine komplette Sicherheitsausrüstung, sie haben funktionierende Bremsen, und kein Kind weiss, dass man ohne Helm fahren kann. Und so kommt es eben, dass aus mehr oder weniger grauer Vorzeit in den Kellern des schönen, früher wilden Münchens, nur wenige Kilometer vom Parkcafe entfernt, die Merckxe, Pinarellos und Chesinis in Kellern schlafen, bis die Frau das ideale, perfekte und 700€ teure Kinderrad findet, und außerdem da unten mehr Platz braucht, und auf dem Rad fährt der Mann doch ohnehin nicht mehr: Mit einer Mischung aus Fürsorge für die Kinder und Sicherheitsempfinden für den Partner werden die alten Maschinen abgestoßen, wie man nach dem Ende des zweiten Weltkriegs die Spitfires, Helldivers und Corsairs über Bord der Flugzeugträger warf.

Und alle sind froh und kaufen sich Urban Bikes im Retro-Stil und leben ein ganz neues, ökologisches, nachhaltiges Ideal zwischen den veganen Köstlichkeiten vom Viktualienmarkt und dem, was die Gentrifizierung vom Viertel der kleinen Leute am Schlachthof übrig gelassen hat. Auf der einen Seite gefährdet das für unsereins den Nachschub an passablen Geschiedenen, an den wir uns gewöhnten. Auf der anderen Seite verhindert es die Entstehung neuer lustiger Witwen, mit denen sich unsere Urgrossväter erfreuen konnten, weil damals die Medizin noch nicht so weit war, und eine junge Frau das schnelle Ableben eines alten Mannes noch fördern konnte. Das sind Nebenwirkungen der neuen Häuslichkeit und Dauerhaftigkeit, an die niemand denkt. Aber man muss sich damit abfinden, dass die Nachhaltigkeit, von der alle so viel reden, auch in den Beziehungen umfassend gelebt wird. Früher mietete man für die Hochzeit eine Stretch Limousine oder einen Ferrari. Heute nimmt man mit dem Käfer Cabrio der Grosseltern vorlieb.

Frauen, die ihren Männern das kleine Alltagsglück des schnellen Rades madig machen, denken selbst bei begrenzten Gefahren strategisch mit grosser Risikoaversion. Es ist nur logisch und nachvollziehbar, dass sie in den grossen Dingen des Lebens dann nicht sorglos und frei von Berechnung sind: Wer den Rippenbruch nicht mag, wird den Ehebruch erst recht nicht lieben. Die fürsorgliche Hand, die den gebogenen Rennlenker nicht mag, schätzt auch keine krummen Lebenswege, und plant, was zu planen ist. Es gibt Ziele, und was im Wege steht, muss weichen. Die Durchsetzungsfreude, mit der sich Mini und Fiat 500 durch den Stadtverkehr wühlen, wird nicht geringer, wenn sie mit einem SUV auf die Menschheit und den Partner losgelassen wird. Sie meint es nur gut. Sie denkt langfristig an seine Gesundheit. Sie macht es aus Liebe und Zuneigung in Erwartung eines langen, gemeinschaftlichen Lebens. Und lässt sich, weil alles schon vorher durchdacht wurde, seltener scheiden, und bekommt mehr Kinder, weshalb diverse Gruppen gerade überlegen, wie an älteren Menschen mit zu viel Wohnraum die Deportati den Auszug erleichtert. Alt werden soll nur der eigene Mann – wer im Weg steht, darf sich gern auf der unbekannten Kellertreppe im Altenasyl das Genick brechen.

Noch freue ich mich, wenn ich ein neues Restaurierungsprojekt habe, aber langfristig, steht zu befürchten, werde ich vom Sorgenabnehmer auch zum asozialen Besitzer degradiert, der allein genug Platz hat, um zwei Münchner Mittelschichtsfamilien die Aufzucht ihrer Kinder zu erlauben. Man wird mich nicht mehr fragen, ob ich nicht vielleicht diese und jene Geschiedene attraktiv finde, sondern erwähnen, dass diese und jene Jungfamilie unbedingt dort leben möchte, wo meine Räder stehen. Für den Single, so zeigt ein Beispiel bei Ikea, reicht auch eine Businesswohnung mit 25m² als einziger Wohnsitz. Heute entsorgt unsereins die alten Träume vom Dahingleiten in Richtung der Berge, morgen sind wir selbst das Problem und das Hemmnis für mehr Platz für die neue Generation. Stürbe Deutschland wirklich als Singlegesellschaft aus, wäre man froh um uns, die wir den Wohnraum füllen.

Aber das ändert sich gerade. Und ich fürchte, bei den Genderistinnen, die ideologisch siegen und anekdotisch evident dennoch finanziell auf niedrigstem Niveau leben, wird später einmal nichts außer Mahnungen wegen der Nebenkostenabrechnung zu holen sein. Heute noch schnallen wir das Merckx auf den Gepäckträger und schieben die Minis und 500er von unserer dritten Spur, wo sie nichts verloren haben. Aber es sind viele. Und mir scheint es anekdotisch evident, dass das veränderte Heirats- und Vermehrungsverhalten der Deutschen uns in Zukunft den Raum nimmt, den wir dereinst den Familien genommen haben. Auf natürliche Lösungen wie riskantes Leben oder schnelle Scheidungen kann sich die Singleelite jedenfalls nicht mehr verlassen. Und das gute, alte Argument, dass man eine Familie in weniger als, sagen wir mal, 200m² gar nicht gründen kann, hilft wenig bei denen Entwöhnten, die nicht einmal mehr den Platz haben, um die Träume der Jugend vor dem Zugriff der Ehefrauen zu schützen.

14. Jul. 2017
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Die linke Gewalt gegen Sachen, von der man so viel hört.

Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!
Karl Marx

Mit der Beurteilung der Ausschreitungen von Hamburg ist es wie mit Rückzug einer geschlagenen Armee: Die Linke weiss, dass sie ein Problem hat, und versucht nun, durch langsamen Rückfall und verzögernde Gefechte auf immer neue Verteidigungslinien die bittere Niederlage in der öffentlichen Meinung aufzuhalten. Da war zuerst die Verteidigungslinie “Die Polizei hat provoziert”. Die Polizei hielt sich dann im Schanzenviertel eine Weile zurück, während die Anarchie tobte, und jeder konnte sehen: Randale und Plünderungen haben mit der Provokation der Polizei nichts zu tun. Dann folgte der Versuch zu erklären, dass das eben Autonome seien, die mit linker Politik nichts am Hut haben: Da ist es unpassend, wenn die Parteizeitung Neues Deutschland ein Interview mit den Organisatoren gemacht hat, die brennende Autos schon vorab ankündigen. Zuletzt bleibt dann noch die Verteidigungsstellung, Linke würden nur den Staat und Besitz angreifen, aber keine Menschen: Die verletzten Polizisten, Anwohner und der ein oder andere Reporter können das Gegenteil beweisen. Wer von Dächern Molotowcocktails auf Polizisten wirft, nimmt deren Tod in Kauf.

Aber nehmen wir entgegen der Kriminalitätsstatistik einmal an, es würde stimmen, und die Autonomen greifen nur Besitz an – so, wie es die Gruppe Neonschwarz bei Spiegel Online in einem wohlwollenden Beitrag darlegen durfte, bevor sie zu den Vorgruppen der autonomen “Welcome to Hell”-Demonstration gehörte, und Teile der SPON-Redaktion dann doch lieber die Linie übernahmen, dass die Gewalt nichts mit “Links” zu tun hat. Ignorieren wir die Videos der Polizei und konzentrieren wir uns auf einen Fall, der vielleicht als so etwas wie die “Neue Normalität” linksextremer Gewaltbereitschaft gelten kann: Auf ein Umfeld der Linksextremisten, das sich prinzipiell im Recht sieht, wenn es um die Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols geht, und auch denkt, dass es dafür in der Bevölkerung einen breiten Rückhalt gibt. Solche Aussagen finden sich oft im Internet. Der Berliner Herbert Müller, der als “Genova” das bei Linken beliebte Blog Exportabel betreibt, formulierte im Zusammenhang mit den Ausschreitungen von Hamburg sein Verhältnis zur Gewalt vor drei Tagen so:

Ich glaube, abgesehen von ein paar ehrlich entrüsteten Hausfrauen sind doch alle ganz froh über die Krawalle in Hamburg. Nicht, dass man von solchen Leuten regiert werden oder sich auch nur ernsthaft auf deren Politikverständnis einlassen möchte – aber in Zeiten, in denen der Ausfall von U-Bahnen, die ausfallen, weil Gelder gekürzt wurden, von einer Computerstimme als „Betriebsstörung“ bezeichnet wird, und sich diese Stimme im direkten Anschluss für das nicht eingeholte Verständnis bedankt – in solchen Zeiten ist es doch erfrischend, wenn eine Horde aktiver Menschen daherkommt und irgendwas ganz real kaputt macht. Ich schätze, dass eine Mehrheit der Bevölkerung diese Gewalt gegen das Scheißsystem insgeheim ganz ok findet

In den letzten 10 Jahren haben Linksradikale mit Erfolg versucht, sich als Speerspitze der Mieterbewegungen zu etablieren. Mit den steigenden Mieten und der Gentrifizierung fanden sie Themen, die die Menschen bedrücken und Zugang zu Medien erlauben: Der Aufstieg des Ex-Stasi-Mitarbeiters Andrej Holm vom obskuren, linksradikalen Hausbesetzer über den medial verehrten “Stadtsoziologen“ bis zur Berufung in das Amt des Staatssekretärs durch die Linke im R2G-Senat Berlins illustriert, wie weit man im allgemeinen Linksruck mittlerweile mit Positionen kommen kann, die vor 20 Jahren allenfalls in radikalen Szeneblättchen zu lesen waren. Exportabel-Blogger Herbert Müller ist auch ein Vertreter dieser neuen sozialen Debatte: Mieten, Verdrängung und soziale Stadt sind seine Lieblingsthemen. Heute freut er sich, wenn Canan Bayram, die neue Bundestagskandidatin der Grünen für den Bezirk Kreuzberg, ganz offen für die Enteignung von „Spekulanten“ eintritt:

Schön, dass sie das Wort „enteignen“ in den Mund nimmt. Sie müsste hinzufügen, dass die Entschädigung nur in minimaler Höhe erfolgen sollte.

Es schadet Canan Bayram in dieser Szene sicher nicht, dass sie in den letzten Jahren wohlwollendes Verständnis für das Flüchtlingscamp am Oranienplatz, die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule, die Rígaer Strasse, die Zustände im Görlitzer Park und andere Lieblingsthemen linker Stadtpolitik zeigte. Die Interessen bis hin zur Kritik an der Polizei sind ähnlich, die jeweiligen Positionen von Linksradikalen und Frau Bayram sind in vielen Feldern gegenseitig anschlussfähig.

Aber genauso, wie diese Szene zu den Regierungsparteien in Berlin offen ist, ist sie auch für den Kampf gegen Andersdenkende offen. Ein schönes Beispiel für die linksextreme Doktrin, dass Kapitalismus und Faschismus recht ähnlich sind, lieferte Herbert Müller im Zusammenhang mit Andrej Holm und meinem Beitrag über ihn: Ich habe Holms wohnungspolitische Absichten hinterfragt. Müller, der “radikal linkes Gegensteuern absolut sinnvoll und nötig“ hält, macht aus meiner Bemerkung, dass eine Abwehr bestimmter Thesen linker Gruppierungen inzwischen durchaus bemerkbar ist, eine Verbindung zu den Nazis:

Jedenfalls, wenn wir schon dabei sind: 1933 haben die Kameraden ähnlich argumentiert. Man wird sich doch noch wehren dürfen.

Das ist ein heute durchaus gebräuchlicher Standard in der politischen Diskussion, die zur weitgehenden Entwertung des Begriffs “Nazi“ geführt hat: Was nichts linksradikal ist, ist rechts. Und es gibt natürlich immer noch einen, der eins drauf setzt: Ein Kommentator mit dem Namen “Ein Linker, der es noch sein will“ meldet sich und schreibt darunter:

„Don Alphonso“ heißt in Wahrheit Rainer Meyer.
2010 bekannte er selbst, im Ingolstädter Tillyhaus zu wohnen.
Weiß die Ingolstädter Antifa noch, wie man Inneneinrichtungen geraderückt? ;-)

Kritik an linken Thesen führt zur Ausgrenzung aus dem Diskurs über die Vorortung bei Nazis und endet beim verklausulierten Aufruf zu dem, was Juristen als “schweren Hausfriedensbruch“ bezeichnen, mit den dazu nötigen Informationen. Es findet auf einem durchaus populären Blog eines Berliner Gewaltverteidigers statt, und alles ist so formuliert, dass es vermutlich noch von der Meinungsfreiheit gedeckt und kein Aufruf zur Straftat ist. Es ist gleichzeitig das, was Neonschwarz, Journalisten und linke Politiker ins Feld führen: “Nur“ eventuell Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Gewalt gegen Dinge, aber doch nicht gegen einen Menschen wie mich. Nur gegen die Inneneinrichtig. Weil ich eine andere, nicht linksradikale Ansicht vertrete, die angesichts der Wahlergebnisse und Umfragen in Deutschland eher mehrheitsfähig als Ausschreitungen in Hamburg und Stasimitarbeit ist.

Diese verharmloste “Gewalt gegen Dinge“ ist etwas anderes: Eine totale Absage an Rechtsstaat und Grundrechte wie die Unverletzlichkeit der Wohnung, ein Einverständnis mit gemeinschaftlich ausgeübter politischer Gewalt, die ironische Banalität, einen anderen zu identifizieren und zum Ziel eines Angriffs zu machen, die dafür nötige Ausforschung und Diffamierung – und letztlich, sollte es so weit kommen, auch die Frage, was man tut, wenn einer wie ich in der überfallenen Wohnung ist. Es könnte sein, dass ich justament dann mit dem schweren Schraubenschlüssel aus dem Radlager komme, wenn ein Möbelrücker seine Tätigkeit beginnt. Ich möchte bezweifeln, dass in solchen Momenten höflich um eine Tasse Tee gebeten oder die gemeinsame Umhängung eines Lüsters diskutiert wird.

Und da hat man es in der ganzen Linie, angefangen von der Zuneigung zu Vertretern linker Positionen im Abgeordnetenhaus Berlin über die Bekämpfung der Andersdenkenden bis hin zum blanken, gezielt gegen eine einzelne Person gerichteten, politischen Terror. Es steht in meinem Fall bislang nur im Netz, es ist nur eine Drohung, aber das richtige Bewusstsein ist da. Herbert Müller, das merkt man an seinem Ton, ist kein dummer Steineschmeisser, sondern sicher gebildet, und hat seinen Namen offensichtlich auch unter eine Petition gesetzt, die Andrej Holms Beschäftigung bei der TU Berlin retten soll. Er kann auch anders.

Die Argumentation der Linken ist, dass es nur Gewalt gegen Sachen ist, dass sie durch die Polizei und die Repression des Staates provoziert wurde, dass die Täter sich nicht anders zu helfen wissen und dumm und fehlgeleitet sind. Hier haben wir einen Herrn im fortgeschrittenen Alter, der sich ausdrücken kann, der durchaus reflektiert ist und strategisch denkt, und keineswegs dumm oder verführt ist. Und den es nicht stört, wenn auf seinem Blog Extremisten aufgerufen werden, mich zu besuchen. Das Problem, das in Hamburg offensichtlich wurde, soll von den unter Druck stehenden Linken totdifferenziert und isoliert werden, aber es ist anschlussfähig bis in die Regierungen hinein. […] Die Linke hat den Angriff und die Verhöhnung der Polizei durch eine bis vor kurzem staatlich mitfinanzierte Hate Speech Expertin direkt auf dem Wahlzettel

Gewalt gegen Dinge, darunter stellt man sich landläufig einen aufgeschlitzten Reifen an meinem Fahrrad vor. Gemeint ist aber: Wir zerlegen einem, der uns nicht passt, die Wohnung und den Kernbereich seiner privaten Existenz. Meinungsfreiheit, Persönlichkeitsrechte, Grundrechte: Das alles wird dabei abgelehnt. Und man hat sich daran längst gewöhnt, wenn es beim “Kampf gegen Rechts“ Gastwirte trifft, die unbeliebten Parteien und ihren Meinungen Raum geben. Meine Wohnung wäre da nur ein weiterer Fall, aber seitens der Täter keine neue Qualität. Die Phrase von der Gewalt gegen Sachen, die schreiben Journalisten so leicht hin, wie auch die Blogger und Kommentatoren in Berlin. Es würde vermutlich auch jemand sagen, ich sei mit schuldig, hätte die Leute schließlich provoziert. Die seien halt fehlgeleitet, aber nicht links, und hätten mit ihnen nichts zu tun. Und eigentlich sollte es nur gegen Sachen gehen – mein Problem, wenn ich dabei im Weg stehe. Sollte ich mich wehren, könnte man fragen, ob die Notwehr angemessen war.

Gewalt gegen Sachen ist nicht das Ziel. Das ist nur Ziel ist es, heruntergebrochen auf den Einzelnen, Menschen gezielt fertig zu machen, weil sie eine andere Sicht der Dinge haben. Das reicht als Anlass. Es sind Linksextremisten, sie sind gefährlich und in einer erstaunlich gelassenen Banalität gewaltbefürwortend, und solange sich Teile der Medien und Politik solchen Strömungen öffnen, sie verteidigen und entschuldigen, werden sie sich unterstützt fühlen. Weil sie, einfach gesagt, dadurch in ihrem Tun unterstützt werden.

Korrektur

In einer vorhergehenden Version dieses Beitrags haben wir veröffentlicht: „Der von Heiko Maas geförderte Störungsmelder der Zeit musste gerade zwei Autoren wegen ihrer Tätigkeiten in Hamburg entlassen.“ Dies ist unzutreffend. In dem Blog „Störungsmelder“, das bei „Zeit Online“ erscheint, wurde gar nicht über die Ereignisse in Hamburg berichtet, daher wurde von der „Zeit“ in dem Blog der Terror auch nicht verharmlost. Auch finanziert das Justizministerium den „Störungsmelder“ nicht mit. Die im Beitrag erwähnten Sören Kohlhuber und Michael Bonvalot sind auch keine Mitarbeiter von „Zeit“ oder „Zeit Online“. Sie waren in der Vergangenheit ehrenamtliche Autoren des „Störungsmelder“ und bei G20 weder im Auftrag von „Zeit“ noch „Zeit Online“ unterwegs.

11. Jul. 2017
von Don Alphonso
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05. Jul. 2017
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Der schmutzige, heisse Sex des Alters

My milkshake brings all the boys to the Yard and they’re like, it’s better than yours
Kelis, Milkshake

In meinem langen Leben habe ich viele interessante Gesprächspartner her erleben dürfen, vom polnischen Partisanen bis zum artifiziellen Hagestolz, der tanzend und singend einen Mordaufruf gegen einen Kanzler verbreitete, und es Kunst nannte – Ironie des Schicksals: Der Kanzler hat ihn überlebt. Weit, sehr weit oben in der Rangliste dieser interessanten Menschen steht eine Frau, die sexuelle Wünsche anderer Leute mit der Erfüllung ihrer eigenen finanziellen Wünsche verbindet, und aus diesem nicht ganz undelikaten Grunde auch berichten kann, welche Wünsche da bis ins hohe Alter vorgetragen werden. Ich möchte nicht ins Detail gehen, aber es erscheint mir als gegeben, dass angesichts der Bereitschaft, hohe Preise für besondere Leidenschaften zu bezahlen, der Sex des Alters zuallererst einmal Sex ist, in diversen Spielformen. Und danach erst Essen. Oder was immer andere denken, es könnte der Sex der Alters sein.

Wie auch immer, alt ist man vermutlich, wenn man wie ich ein Stück Marillenkuchen als Bild ins Internet stellt, und darauf warten kann, dass jemand darin einen Ausdruck von “Sex des Alters” erkennt. Das ist ein schönes Beispiel für den Niedergang der Sitten, denn in den Zeiten, da ich erzogen wurde -”erzogen” ist das Gegenteil von dem, was heute in Kitas und Berliner Schulen an Kindern verbrochen wird – in diesen Zeiten wäre niemand auf die Idee gekommen, andere auf ihre sexuellen Vorlieben anzusprechen. Vor allem nicht ältere Menschen, denen man mit Respekt begegnete. Ich beispielsweise kenne auch viele junge Frauen im Internet, die den Nutzer exzessiv mit ihren Yogaerlebnissen oder der Befürwortung von “Fett in Leggins” konfrontieren, ohne sich je über Geschlechtspartner zu äussern. Ich käme nie auf die Idee zu sagen, Yoga und Fett in Leggins seien halt der Sex der jungen Frauen, noch nicht einmal nach dem Zuckervollrausch von 4 Stück Torte im Cafe Prenn zu Sterzing. Wie ich übrigens feststellen musste, hat Prenn gerade Betriebsurlaub – ich käme also nicht nur nie auf die Idee, so etwas zu tun, sondern sogar nie nicht!

Auch sagt niemand zu jungen Menschen, die küssend auf der Parkbank sitzen, das sei wohl das Essen der Jugend. Und niemand macht sich Gedanken, dass Jugend etwas sehr Relatives ist – hat man die Restlaufzeit eines Menschen im Auge, kann es durchaus sein, dass schlecht gelaunte und prekär ernährte junge Frauen, die für alte, weisse Männer stets nur Spott übrig haben, schneller als dieselben ins Grab sinken. Diese Relation ist der Jugend nicht wirklich eingängig, aber wenn man älter wird, kennt man neben dem Wert der Gesundheit auch den Schatz des Überlebens und die lebensverkürzenden Statistiktücken der Sterbetabellen. Jung sein kann jeder, im hohen Alter dagegen darüber reden können, welche Form von Sex man bevorzugt – dazu muss man schon die ein oder andere Klippe des Daseins umschifft haben, und respektlose Sprüche sind da noch das kleinste Problem.

Die Frage nach dem Sex des Alters ist, das wurde mir am Wochenende bewusst, einfach eine Frage der sich ausweitenden Interessen. Denn am letzten Wochenende war das Wetter am Nordrand der Alpen katastrophal: Es gab einen Temperatursturz und Regen, der den am Tag zuvor befahrenen Pass fast in einen reissenden Fluss verwandelte. Ausserdem drohte am Tegernsee eine Invasion der Triathleten, die sich zu echten Radsportfreunden verhalten wie Yogamatten und Gewichtsakzeptanz in Leggins zu echtem Sex. Eigentlich war ein Sturm auf den Gipfel des Reutbergs geplant, der sich majestätisch 15 Meter über dem Moor bei Sachsenkam erhebt und eine grandiose Bayerisch-Cremetorte hat, aber so wurde das natürlich undenkbar. Ich fand mich also am Telephon wieder, und unterbreitete Männern, die noch viele zu überleben gedenken, den Vorschlag, die finanziellen Möglichkeiten des Alters mit der Abtötung des Fleisches zu verbinden: Mit dem Auto über den Brenner, nach Kloster Neustift bei Brixen, und dort auf einen der exzellent ausgebauten Radwege, die man bei Spiegel Online offensichtlich nicht kennt, weshalb man dort von vielen Italienerinnen und keinerlei Hamburger Kolleginnen ausgehen kann.

Und so kam es, dass wir zu dritt mit drei Rädern in den Kofferräumen von zwei Autos – eines davon ein Diesel von einer durch einen Skandal bekannten Marke – mit hoher Geschwindigkeit und Verbrauch über den Achenpass auf die Ellbögenstrecke gelangten, und dort von den obigen Herren in Rot aufgehalten wurden. Die Herren hatten Gewehre dabei, schossen in die Luft, und der Kommandant meldete dem Pfarrer, die Gebirgsschützenkompanie Ellbögen sei mit 50 Mann angetreten. Weiter unten standen die Frauen in Tracht und mit einem Fass voller Schnaps, Hochwürden spendete seinen Segen, weisse Federn wogten im Wind, die Blaskapelle spielte Tiroler Märsche, Bumm, Bumm, Bumbububumm Tätärä. Am Ende gingen alle ins Gasthaus, und der Weg nach Süden war frei.

Am Brenner war der Himmel noch grau, in Sterzing öffneten sich erste blaue Löcher, und hinter Franzensfeste zeigte sich zwar nicht gerade unsere ökologische Gesinnung, aber doch der knallblaue Himmel Südtirols über den heiligen Hallen des Klosters Neustift. Niemand sagt, der Sex des Alters sei die Fähigkeit, einfach einen Tag südlich der Alpen zu verschwinden, Schlutzkrapfen zu bestellen und dann mit dem Rad auf dem Radweg nach Klausen fahren – das ist schon deutlich zu gross für eine ironische Unternote. Ausserdem stimmt es nicht, es ist etwas anderes: Ein geschenkter Tag im Licht, während andere im Dunkeln und Regen und auf der Yogamatte und möglicherweise, ich will ja niemandem etwas unterstellen, auch ohne Sex verharren. Es ist einfach eine andere Lebensweise: Sex macht das Leben auf eine bestimmte Art schön, ein Tag in Südtirol auf eine andere Art.

Was den Sport angeht, ist die Fahrt nach Klausen und darüber hinaus bis zu den Eisackschnellen übrigens kaum erwähnenswert. 70 Höhenmeter geht es mit Gegenwind – heisse italienische Luft stürmt gegen deutsches Tiefdruckgebiet an – hinunter, und auf dem Rückweg mit Rückenwind wieder hinauf. Man radelt durch Parks, entlang von Eisenbahnen und oft mit ausreichendem Abstand zur Strasse, ohne je von Autos bedroht zu sein. Der Weg führt direkt durch die für Autos gesperrte Innenstadt von Klausen, wo drei noch lange leben wollende Herren auf der Hügelkuppe eine kleine Bergwertung ersprinteten, als wären sie wieder 20. Es gibt phantastische Bilder vor Bergkulissen, die einen erheblich sportlicheren Eindruck als die Realität vermitteln. Wasserfälle! Berge! Kurven! Reissende Flüsse! Burgen! Es sieht mächtig aus, es atmet Leistungsbereitschaft und auf dem Rückweg habe ich gefragt, ob sie in Klausen nicht ins Cafe wie hunderte andere Radler wollten.

Sie wollten weiter. Echte Helden! Weiter hinauf an der Eisack entlang nach Brixen, wo wir mit grösster Lässigkeit die edlen italienischen und einen französischen Renner an den Blumenrabatten rebellisch beim Rad-abstellen-verboten-Schild abstellten, und die Eiskarte plünderten. Ganz ehrlich, ich bin nicht gerade ein Freund von Eis, ich bevorzuge fast immer Tee, aber nach 60 Kilometern entlang der reissenden Eisack und all unseren Bergwertungen war so ein Erdbeer-Milchshake wirklich fast so gut wie Sex. Aber es ist eben nicht der Sex des Alltags. Es ist Teil einer Freiheit, die man als junger Mensch schon in meiner Jugend nicht dauernd kannte, und mit dem achtstufigen Gymnasium und dem verschulten Studium und all den Praktika noch weniger kennen lernen wird. Wie auch die Italienerinnen, die wir sahen. Es waren wirklich viele. Es war sehr hübsch. Aber man muss es sich eben leisten können. Wenn etwas der Sex des Alters ist, dann ist es nicht das Essen und der schmutzige, schweisstriefende Sex des Radelns.

Es ist der Umstand, dass die Lebenssituation solche Entscheidungen erlaubt, ohne jede negative Konsequenz. Man muss nicht überlegen. Das einzige echte Hindernis sind zwei, drei Stunden Anfahrt, aber die sind in der schönsten Landschaft Mitteleuropas. Man kann unterwegs Vorräte auffüllen, Geschenke kaufen und ein Hotel mit eigenem Park und Pool und Gemäldegalerie buchen, das vor einem das halbe Haus Habsburg beehrte. Natürlich kann man danach auch in den Kutscherhof gehen und dort vorzüglich essen. Es ist der Umstand, dass man nicht im Regen bleiben muss, sondern diese kleine Wette mit der Wetterscheide Alpenhauptkamm eingehen und gewinnen kann. Es ist noch kein Sex, aber es macht das Alter sexier, als junge Menschen sich das vorstellen können, wenn sie abfällige Kolumnen über alte, weisse Männer schreiben.

Die einen verlieren einen Tag im Regen, die anderen gewinnen einen Tag in der Sonne. Die einen sind schlecht gelaunt und die anderen sehen großzügig darüber hinweg. Möglicherweise wurden auch mehr Kalorien zugeführt, als beim Radeln abgebaut werden: Ein Gedanke, der einen schlagartig zu quälen aufhört, wenn man am nächsten Morgen die winzigen Marillenkrapfen sieht, von denen man zwei nimmt, und später noch mal zwei. Die Luft ist warm, die Gespräche drehen sich um Zweitwohnsitze jenseits der Alpen und die nächste Etappe, die man unter die Räder nehmen möchte. In Hamburg werfen die Jungen ihre Leiber, kaum dass sie aus feuchten Zelten und von quietschenden Luftmatratzen kommen, gegen die Körper der Polizisten, und wir werfen unsere irdischen Gefängnisse gegen Berge, bis die Muskeln hervor bersten: Der Zeit ihren Sex. Dem Sex seine Freiheit. Und die ist nun mal mehr als nur Essen im Alter, Alter. Echt jetzt, ey.

Wenn mir jemand also so respektlos mit dem “Sex des Alters” begegnet, lächle ich, und denke an meine Bekannte mit all den Erfahrungen und Südtirol mit all den Freuden, die Jüngeren vermutlich eher fremd sind. Die lernen das schon noch – sollten sie noch so alt werden und nicht aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit von der nächsten Generation im Neuesten Deutschland als alte, weisse Menschen jenen missmutigen Begehrlichkeiten im Wege stehen, die unsereins noch über 4 Stück Torte hinweg als bedeutungslos abtun konnte.

05. Jul. 2017
von Don Alphonso
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30. Jun. 2017
von Don Alphonso
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Wertlos konservativ

Kann ich zeig’n mein’n Freunden besser mit Messer, was ich gemacht mit Schmutschkinoff
Friedrich Hollaender, Stroganoff

Je nach Umfrage sind 2/3 bis 4/5 der Deutschen für eine Ehe für Alle. Das ist die klare Mehrheit, wenn man von oben auf das Land schaut. Es mag auch den ein oder anderen geben, der sagt, er sei grosso modo dafür, auch wenn er ein paar Vorbehalte hat: Aber Umfragen sind nicht dazu da, um Unsicherheiten und Differenzierungen abzubilden. Neben diesem Regenbogendeutschland, das sich wohltuend vom Treiben des deutschen Flüchtlingspartners Türkei abhebt, gibt es aber auch noch ein anderes Deutschland. Und dieses Deutschland ist eines, das – zumindest nicht offen – nicht gegen Homosexuelle ist. Aber auch der Meinung, dass die Bevorzugung der Ehe zwischen Mann und Frau keine Benachteiligung anderer Beziehungen ist.

Man kann tatsächlich so argumentieren, denn Ehen bringen nicht nur besondere Rechte, sondern auch besondere Pflichten. Anhänger dieser Sichtweise sagen heute nicht mehr, dass man andere Lebensformen benachteiligen oder gar gesetzlich diskriminieren oder verfolgen sollte, wie das früher in Deutschland üblich war. Aber sie sind der Meinung, dass die klassische Familie mit sich liebenden Eltern verschiedener Geschlechter das natürliche Optimum darstellt, und auch optimal behandelt werden sollte. Das kann man als doppelmoralisch bezeichnen, und auf Vorwürfe exzessiver Meth-Parties und Schwulenstrich in Berlin mit Bierzeltexzessen und gschlamperten Verhältnissen von scheinbürgerlichen Bigotten antworten. Das geht wunderbar, wenn man als Abgeordneter der Grünen in Berlin twitternde Mitarbeiter ins Feld führen kann. Aber andere – und das sind gar nicht so wenige – müssen von diesen Leuten gewählt werden.

Und früher war es so, dass diese Leute bewusst Wahlentscheidungen getroffen haben, weil sie in etwa wussten, was sie dafür bekommen würden. Dafür haben Parteien ein Grundsatzprogramm, und nicht alle haben sich damit den Ruf einer Verräterpartei erarbeitet, wie die SPD. Die CSU konnte eine WAA befürworten und dann wieder abblasen, aber ein paar Leitsätze waren verbindlich. Man wusste ungefähr, was man an Filz, moralischer Flexibilität und Opportunismus im Feld der Realpolitik hinzunehmen hatte, damit die grossen Linien der bürgerlichen Vormachtstellung gewahrt bleiben. Das trieb ganze Westviertel in Bayern in die Arme der CSU, was immer deren Söhne und Töchter auch dagegen vorbringen wollten. Heute jedoch wird meine Freude über die Ehe für Alle doch erheblich getrübt vom Mitleid: So viele machten das letzte Mal an der für sie scheinbar richtigen Stelle. Und nun, zum Ende der Legislaturperiode, erleben sie, wie sich SPD-Anhänger fühlen, wenn ihre Partei heilige Grundsätze verrät. Ein, wenn nicht der Grundpfeiler des bürgerlichen Selbstverständnisses wird im Plausch mit einer Frauenzeitung einfach so abgeräumt.

Denn nach bürgerlichen Konventionen – und je weiter man nach Süden und aufs Land geht, desto wichtiger werden sie – ist der Staat ein notwendiges Übel. Das Blut läuft zusammen, Familie über alles, danach die weiteren Verwandten, der Freundeskreis, dann die Gemeinde, die Stadt, manchmal das Land und erst dann die Zentralgewalt – in diesem Gefühl werden in weiten Teiles des Landes immer noch die Menschen erzogen. Darauf ist die Ehe, idealerweise bis der Tod sie scheidet, das grosse Siegel. Wer es nicht so mag – und der Verfasser dieses Beitrags gehört trotz Herkunft aus so einem guten Clan zu den Verweigerern – hat heute keine Probleme mit Ausgrenzung mehr, und kann sich trotzdem zu den Grundwerten des gentilen Denkens bekennen. Ein staatliches Privileg ist da so etwas wie eine Unterwerfungsgeste der latent feindlichen Macht, die einräumt, dass vor dem Gesetz zwar alle Menschen gleich, aber vor dem Clan so unterschiedlich wie Herrschaft und Gschleaf sind. Das klingt hart und wird heute längst nicht mehr so hart umgesetzt, ist aber bei der Frage des Eheprivilegs für das Gefühl nicht bedeutungslos.

Und wird gerade, nachdem die früher zentrale Macht nur noch ein Windbeutel ist, der mit cum Ex Geschäften beraubt, von Banken gemolken und von Brüssel bevormundet wird, in den letzten Jahren wieder deutlich wichtiger. Für diese Gruppe ist die Ehe für Alle zum jetzigen Zeitpunkt sicher nicht mehr auf dem Zenit der Zustimmung, und die Umfragen bei der FAZ verdeutlichen, dass die Leser das Aufweichen der Institution Ehe doch mit deutlicher Mehrheit ablehnen. Es ist vermutlich noch nicht einmal etwas Persönliches gegen Vertreter anderer Einstellungen. Es ist der Eindruck, dass die Zentralgewalt launisch und auf die Schnelle, ohne grosse Debatte, einen Teil des bürgerlichen Selbstverständnisses wegnimmt. Niemand wird etwas weggenommen, sagt Heiko Maas, aber das sagte Frau Merkel auch, bevor zig Milliarden Steuergelder in der Migrationskrise von den Steuerzahlern genommen und in das “Wir schaffen das”-Prinzip gepumpt wurden.

Mir tun die Mandatsträger leid, die jetzt noch zwei Tage haben, ihren erbitterten Widerstand öffentlich zu machen, bevor sie nach Hause und ihren Wählern erklären müssen, wieso sie schon wieder einen Kernpunkt des Selbstverständnisses dem Machtkalkül der Kanzlerin geopfert haben. Zuerst wurden die Deutschen als Nation zu Leuten degradiert, die schon länger hier sind. Jetzt ist die Ehe auch noch noch ein inhaltlich entleertes Ritual, das jeder in Anspruch nehmen kann. Und die nächsten familienpolitischen Angriffszeile sind auch schon bekannt: Abschaffung des Ehegattensplittings und Öffnung des Sorgerechts für mehr als zwei Partner. Es gibt Pressure Groups, die die bürgerliche Welt für überkommen halten und sie abschaffen wollen. Frau Merkel hat diesen unerwartet schnellen Teilsieg erst ermöglicht. Und Teile der Exekutive, die eigentlich getreu den Gesetzen zu handeln hätten, befehlen den Volksvertretern, was sie zu tun und zu entscheiden haben:

Steinmeier als Bundespräsident hätte nicht sein müssen, die Balkanroute haben die Österreicher gegen Merkels Willen geschlossen, so ziemlich jeder Vermieter, den ich kenne, ignoriert ein Gesetz, das versucht, ihm Mietpreise wie im Sozialismus vorzuschreiben, und das alles mit einer dominierenden CDU im Bundestag: Die CDU hat diese Wahl gewonnen, aber ihre Kernanhänger sehen überhaupt nicht wie Sieger aus. Früher wusste man, was man von der Klientelpartei an Wahrung der eigenen Interessen erwarten konnte. Heute ist das Bürgertum eine Verhandlungsmasse in Talkshows. Früher war man wertkonservativ, heute ist man wertlos konservativ. Man hat das eine gewählt und das andere bekommen. Es kann gut sein, dass es bei der Schliessung der Balkanroute eine helfende Hand aus der bayerischen Staatskanzlei gab, die nun auch die Südgrenze mit den Österreichern verrammelt. Aber der Institution Familie konnte man noch schnell zeigen, wo ihr Platz im aktuellen Berliner Geschehen ist. Ich privat würde die Ehe ganz einfach abschaffen und sexuelle Freiheit predigen: Trotzdem habe ich gentile Phantomschmerzen. Nicht weil Homosexuelle heiraten dürfen. Sondern weil deren Lobbyisten danach unsereins weiter als cisheteronormativ diffamieren und bekämpfen werden.

Und den ihnen helfenden Staat, der sie früher unterdrückte, nun als Waffe verwenden, mit seinen Gleichstellungstellen , der Regulierungswut und Gleichmacherei angesichts des Verlangens nach sozialer Gerechtigkeit. Wir passen mit dem Horten von Vermögen und der Suche nach Sicherheit nicht in das Weltbild der schlecht bezahlten Wasmitmedienmacher in den Berliner Mietwohnungen, die Stabilität und Kontinuität nicht kennen, und auch nicht deren Bedeutung. Und niemand kann sagen, was als nächstes kommen mag. Das ungute Gefühl besagt, dass der Staat über den Umweg der von ihm mitverursachten Kinderarmut und dem Ruf nach Chancengleichheit noch mehr als bisher in die Erziehung und Indoktrination der Kinder eingreifen wird – nach der Ehe der nächste Pfeiler der gentilen Weltordnung. Bitte, ich habe keine Kinder und will auch keine. Aber ich kann die Unsicherheit im bürgerlichen Lager, die nun mit dem Ruf nach Artikel 6 des Grundgesetzes und Verfassungsbeschwerde übertönt wird, verstehen.

Denn nach den vier letzten Jahren ist nichts unvorstellbar, und was mir traditionelle Politiker so erzählen, klingt immer gleich und zunehmend gleich verzweifelt: Uneinigkeit nütze nur dem Gegner, zu wenige haben ein klar konservatives Profil, man müsste das aus Sachgründen mittragen, aber man sei sicher, dass am Boden, in der Provinz, die Handhabe dann eine ganz andere sei. Niemand werde bei den Mietpreisen hinschauen, die Flüchtlinge wollten eh alle nach Duisburg und Berlin, der Heiko Maas sitzt mit Anetta Kahane in keinem Biergarten. Das kleine, bürgerliche Paradies kann bleiben, wie es will, und die Wehrpflicht kommt nach der Bundestagswahl teilweise auch wieder. Dann schütten sie eine Halbe auf ihre Magengeschwüre und noch einen Marillenschnaps, weil, in Wirklichkeit, geht es ihnen mit Merkel wie einem Jungsozialisten mit HartzIV und einem SPD-Netzpolitiker mit dem Staatstrojener.
Keiner will das. Aber am Ende machen sie doch mit, wagen keinen Aufstand, und weil der nicht kommt, geht es eben so weiter.

30. Jun. 2017
von Don Alphonso
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27. Jun. 2017
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Sieben polyamore Zwerge für Schneewittchen

Ich bin der kleine Willi und fliege durch die Welt, ich trinke alte Blumen und brauch deshalb kein Geld
Willi aus dem feministischen Klassiker „Biene Maja“

Wenn Sie das Glück haben, noch in der Klassengesellschaft anstelle des Sozialismus zu leben, dann kennen Sie eines der Grundprobleme: Sie können die eine Klasse nicht pauschal diskriminieren, ohne die andere nicht mit Privilegien auszurüsten. Immerhin sind wir inzwischen nach all den freiheitlich-demokratischen Wirrungen so weit gediehen, dass Medien heute klassenlos mehr auf Seiten der Diskriminierten denn auf Seiten der Privilegierten stehen. Diskriminierungen sind schick, man kann darüber reden wie über das Wetter, und der Staat setzt dauernd Kommissionen ein, um neue Benachteiligte zu finden. Mieter, Frauen. Migranten, es wird immer eine beklagenswerte Gruppe geben, um die man sich laut und aufmerksamkeitserregend kümmern muss, solange man als Volkspartei nebenbei gegen jeden Sachverstand Gesetze zur Benachteiligung von Sexarbeiterinnen, Internetnutzern und Freunden der Meinungsfreiheit gestaltet.

Besonders beklagt wurde diese Woche der Rolle der Frauen als Benachteiligte bei Arbeit und Einkommen, und die der Migranten und Armen bei der Suche nach für sie bezahlbaren Wohnungen in Regionen, in denen die Wohnungen eher nicht bezahlbar sind. Schuld hat natürlich das Besitzstreben der Männer und vermögenden Immobilienbesitzer, die oft genug identisch sind, bezeichnenderweise auch im Autor dieser Zeilen. Mit Testosteron und Ellenbogen boxt sich unsereins an die Spitze der Einkommenspyramide, während andere dankbar sein müssen, überhaupt auf einem Jugendportal eine Videokolumne zu Sexpraktiken anbieten zu dürfen. Und als Vermieter partizipieren wir ohne viel Arbeit von den kargen Löhnen anderer Leute, und verfestigen somit die Strukturen des Patriarchats. Und warum?

Weil man, das darf ich hier offen sagen, ebenfalls einer Diskriminierung unterliegt: Der Diskriminierung bei der Wahl des Geschlechtspartners. Frauen, das zeigen Studien immer wieder, sind bei der Partnerwahl aus nachvollziehbaren Gründen auf der Suche nach Männern, die die materiellen Probleme klein halten. Mag in Berlin noch der mexikanische Musiker und der griechische Webdesigner eine angemessene Wahl für ein paar Nächte sein, spielen bei der langfristigen Planung andere Aspekte eine grosse Rolle. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass die Liebe eher dorthin fällt, wo man keinen Kredit für ein Haus aufnehmen muss, und kein Zwang besteht, etwaige Kinder in einem sozial benachteiligenden Opel zur Schule zu bringen. Frauen orientieren sich tendenziell nach oben, was Männer unter konstanten Druck setzt, ökonomisch attraktiv zu sein und zu bleiben.

Das hat Folgen in der Arbeitswelt, es macht Männer zu aggressiven Kämpfern, die zeigen müssen, was in ihnen steckt. Sie konkurrieren und drücken durchaus die ein oder andere Frau weg, die nicht ihre eigene ist. Sie müssen das Maximum aus Gehaltsverhandlungen heraus holen, sie müssen auf der Karriereleiter nach oben oder, wenn das nicht geht, Nachtschichten fahren, sich nach Afghanistan versetzen lassen, und Chancen für mehr Geld rücksichtslos nutzen. Männer sind da zwischen dem Druck der Arbeit und dem Druck der Familie. Das sage nicht nur ich, sondern auch Feministinnen, die den Mann als gesellschaftliches Problem entdeckt haben, und ihn gern an die Gegebenheiten des gleichgestellten Daseins aller Geschlechter, aller Rassen und Benachteiligten anpassen würden. Der Mann soll sich mal entspannen, sich mehr um die Kinder kümmern, daheim sein und den Müll runtertragen, Alte pflegen und seinen gerechten Teil leisten. Er muss begreifen, dass auch seine Arbeit eine Form von Zwang ist, dem er unterliegt – dann vergeht es ihm seine brutale Ader, und er wird fürsorglich, lieb und aufmerksam.

Ein gesellschaftlicher Wandel muss also her: Wenn Männer mehr daheim tun, tun sie weniger in der Arbeit, und Frauen können dort leichter aufsteigen. So ist, vereinfacht gesagt, die Zielsetzung, zu der sonst nur jene heilbringenden Quoten führen, denen wir schon die Spitzenkandidatur von Katrin Göring-Eckardt verdanken. Es ist offensichtlich, dass im Zentrum solcher Bemühungen Männer wie ich stehen, die ihrem Beruf mit einem gewissen Furor und ihrer Bereicherung mit Freude an der Benachteiligung anderer nachgehen: Es gibt nun mal nicht unbegrenzt Platz am Tegernsee, und wenn ich dort bleiben will, dürfen andere nicht kommen. Klagt eine frisch gebackene Mutter mit feministischen Neigungen in Berlin über den Mietmarkt und die Kitas und den doch unerwartet unzivilisierten Mann, ist für mich die Welt in Ordnung – wieder sehe ich welche, die keine Konkurrenz darstellen werden. Früher, als Privilegien noch als gut empfunden wurden, war das kein Problem. Heute sollte man die Freude über den Zusammenprall egalitärer Ideologie und Realität still empfinden, und obendrein nicht betonen, dass die Dominanz weisser, alter Männer insgesamt richtig ist.

Also, das liegt auch mir natürlich weltenfern. Es ist halt nur so, dass hinter den meisten erfolgreichen Männern eine anschiebende Frau steht, und in ihrer Bugwelle weniger erfolgreiche Frauen beiseite gedrückt werden. Die Vorstellung, die Männer könnten weniger tun und weicher werden, würde bedeuten, dass die Ansprüche der Frauen sinken. Oder umgekehrt: Wenn die Ansprüche der Frauen an Männer sinken, müssten sie auch nicht mehr so erfolgsorientiert sein. Das wäre dann der Beitrag der Männer zum Gelingen des Gesellschaftsumbaus – der Beitrag der Frauen wäre noch einfacher.

Sie müssten sich bei der Partnerwahl nicht mehr nach oben orientieren, lange Partner gegeneinander abwägen, und eine neue Garderobe für das erste Treffen kaufen. Sie sollten einfach dem Partner aus der Oberschicht entsagen und langfristig einen Partner wählen, der von Anfang an nicht die geringsten Ambitionen und auch keinerlei Aussicht auf sozialen Aufstieg hat. Das wäre für eine Generation vielleicht nicht wirtschaftlich lukrativ, würde aber den Reichen und Ambitionierten vor Augen führen, dass die früheren Qualitäten und heutigen Laster einfach nicht mehr gefragt sind. Wer vermögend, leistungsbereit und privilegiert ist, muss erkennen, dass seine Vermehrungschancen ebenso wie die Zahl der verfügbaren Frauen gegen Null gehen. Wir sehen schon Ansätze dazu in der Prantlhausener Zeitung, die Männer zu Problemfällen erklärt – jetzt müssen nur noch die Frauen mitziehen, und ihre Präferenzen für alte Privilegien der Problemfälle aufgeben, und deren Träger sexuell ächten. Jeder Porschefahrer auf der Maximilianstrasse muss sehen, welche attraktiven Frauen sich von weichen, zarten Politologen und Sozialforschern das Babboe-Lastenrad fahren lassen. Genau so einer hätte mich übrigens handynierend vor ein paar Wochen beinahe von meinem teuren Colnago C50 geräumt.

Es ist also möglich! Erfolgreiche weisse Männer haben, wenn sie den Crash mit dem neuen Mann überleben, nur noch zwei Optionen: Entweder sie sterben mangels Partnerinnen aus, oder sie passen sich dem neuen Ideal an. Man muss ihnen nur klar machen, und dass keine sexuelle Handlung wie ein Blick ohne Konsens geht, dass Care Arbeit Männer begehrenswert macht, solange es nicht um Rasenmähen beim Schwiegermonster geht. Man sollte sie in Gemüsegrillkurse stecken und sie auf Laktoseintoleranz erfolgreich prüfen. Und ihnen sagen, dass es völlig in Ordnung ist, nur 900 Netto nach Hause zu bringen, die Frau geht das jetzt an und macht die Karriere – Platz ist schließlich genug da, wenn Männer erst einmal ihre neue Rolle vollumfänglich eingenommen haben.

Ist das Erwerbsleben dann erst einmal mehr weiblich dominiert, können die Frauen zusammen auch etwaige Restexemplare wie mich konzertiert abräumen. Solche Männer sind selbst schuld, wenn sie sich nicht frühzeitig dorthin zur Unterschicht begeben, wo nun das Ideal des begehrten Mannes zu finden ist. Man muss das nur wollen und allgemein propagieren, dann gelingt auch die Transformation. Und jede Frau kann das selbst tun: Einfach dort, wo sie früher bei Tinder schleunigst wegwischte, nun einen Heiratsantrag machen.

Das wird Trägern der überkommenen Männlichkeit eine Lehre sein, solange sie keine italienische Kollegin oder deren Schwester oder der Cousine vom Neffen 3. Grades und deren beste Freundinnen mit ebenso überkommener Weiblichkeit haben! Der Umstand, dass nicht alle Länder Europas so fortgeschritten und zivilisiert wie Deutschland sind, birgt natürlich einige Risiken: Wenn man Männer schon gezielt aus dem Genpool ausschliesst, muss man auch dafür sorgen, dass andere hier keine ökonomischen Vorteile ziehen. Da muss der Staat dem Werke beispringen und in Schule, Vorabendserien und Broschüren staatlich finanzierter Fördervereine noch mehr Volksaufklärung betreiben. Aschenputtel heiratet dann keinen Prinzen mehr, sondern Aschenprinzessin den Puttel mit 22 Semestern Genderstudies, und Schneewittchen darf bei den sieben polyamoren Ökozwergen bleiben, während sich der Prinz im Rosengarten verirrt. Natürlich ist das kein leichter Weg, es wird Hürden und Renitente geben, die dreist behaupten, dass es gut ist, wenn die einen oben bleiben und die anderen nur so lange achtlose Babboe-Rowdies sein können, als ich nicht vom schwarzen Colnago C50 auf den schwarzen Mercedes umsteige. Aber Opfer müssen gebracht werden, und eine Umdeutung des fetten Willi als guten Partner der klugen Biene Maja sollte auch den letzten Knaben in seinem von Papa selbst aus Kissenresten genähten Röckchen überzeugen.

Wenn wir uns einig sind, dass Männer wie ich ein Problem darstellen, und es obendrein geniessen, ein Problem zu sein, weil wir gerne Frauen mit grossen Strohhüten und freiem Bauchnabel benzinverschwenderisch durch die Gegend fahren, muss sich alles ändern. Den Benzinpreis tut mir nicht weh, die Reparaturen tun mir nicht weh, die Kampagnen über neue Männlichkeit lese ist nicht – merken werde ich es erst, wenn niemand mehr neben mir auf dem Alcantaraleder oder auf der Terrasse am Tegernsee sitzen will. Es liegt an den Frauen, Nein zu sagen und die kühle Vernunft dorthin folgen zu lassen, wo das gleichgestellte Herz längst schlagen sollte.

Und angesichts der Vermögensverteilung in Deutschland ist es obendrein wirklich leicht, einen Unterprivilegierten zu finden, und glücklich und chancengleich zu leben.

27. Jun. 2017
von Don Alphonso
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22. Jun. 2017
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Leben und Feinde finden am See

Endless days of summer longer nights of gloom, waiting for the morning light
Genesis, Home by the sea

Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen wollen wissen, wie man reich wird. Die anderen wollen wissen, wie man mit guten Freunden glücklich wird. Und ich bin in der vorteilhaften Situation, beide Fragen umfassend, ehrlich und ohne die an dieser Stelle üblichen Lügen von Ehrbarkeit und Zuneigung beantworten zu können. Technisch gesprochen wird man in Deutschland reich, indem man in eine reiche Familie geboren wird, und das Vermögen später übernimmt. Das ist ganz einfach, das machen viele, es funktioniert, man kann an den Tegernsee ziehen, und man muss noch nicht einmal etwas dafür tun.

Die andere Frage kann ich zumindest von meinem Klassenstandpunkt aus beantworten: Man lebt mit wenigen, wirklich guten Freunden, wenn man sich mit aller Welt zuerst einmal befreundet und dieser aller Welt dann das Versprechen glaubt, sie würde einen als Mensch so nehmen, wie man ist. Wenn man dann exakt so ist, wie man ist, kommen nur die Wenigsten damit wirklich klar, weil unerreichbare Privilegien unverständliches Verhalten zur Folge haben. Es kommt nun mal nicht gut an, Menschen mit regulärer Arbeit auf das schöne Wetter unter der Woche hinzuweisen und sie zu einer Radtour einzuladen. Es ist nämlich laut meiner Recherchen in diesem Bereich so: Gewöhnliche Menschen müssen dafür bei einem Vorgesetzten erst einmal um Urlaub bitten oder blau machen, und werden in aller Regel so einen Vorschlag ablehnen müssen. Wenn man das zu oft macht, mit Reisen, in der Freizeit, beim Konsum, beim Wegwerfen, in kulturellen Fragen und Fragen des Unverständnisses, warum andere nicht so können – dann bleiben halt am Ende nur ein paar wenige Freunde übrig, die gut sind, weil es ihnen genauso ergangen ist, und die keine alternativen Freunde haben. So entstehen dann Westviertel und deren Kinder, die gar nicht wissen, dass manche keinen Garten haben. Leute wie ich eben.

Zum Trost kann man sagen, dass es letztlich Feministinnen, Mönchen, ARD-Mitarbeitern und Stasioffizieren auf deutlich niedrigerem Niveau mit ihren festgefügten Vorstellungen auch nicht anders geht. Der Unterschied – und das nun ist das eigentliche Thema – ist die Fähigkeit in meinen Kreisen, andere nicht nur mit schwerer Arbeit und hässlichen Debatten um politisches Fett und korrekter Einstellung zu vergraulen. Unsereins muss nicht lange unüberwindliche ideologische Differenzen aufzeigen, oder Gruppendenken in kleingeistigen Zirkeln praktizieren. Es ist möglich, andere nachgerade abzusprengen, wenn man einfach nicht aufpasst und den absoluten Kardinalfehler begeht: Eigene Privilegien, die andere dringest begehren, verächtlich zu machen. Etwas besitzen und gar nicht zu wollen, was andere nicht haben und auch nicht haben werden. Ich bin bekanntlich einer von den Sozialsten der Sozialisten, die noch Cem Özdemir öffentlich diskriminieren, wenn er mit dem Pedelec zur Industrielobby fährt, während ich selbst alte Räder rette: Trotzdem bin ich – in meiner Rolle als Reflektiertester der Reflektierten – selbst nicht frei von solcher Schuld der Hybris.

Das, was bei anderen das alte Rad ist, das sie im Hof verrotten lassen, ist bei mir “der See”. Der Verlauf der Donau und der Abbau von Kies haben es so gewollt, dass es in bequemer Nähe auf der richtigen Seite der Donau nur einen einzigen grossen, vorzeigbaren See mit guter Infrastruktur gibt. Der See eben, der eine Kneipanlage, Kioske, Wasserwacht, Minigolf, Tennisplätze, ein Restaurant und viele knallgrüne Wiesen haben, die sich an die braunen Stämmen alter deutscher Sumpfeichen schmiegen. Es mag nicht der schönste See sein, und es fehlt ihm ein Bergpanorama und ein Bootsverleih und eine Jahrhunderte alte Geschichte des Reichtums. Kein Kaiser hat hier gekurt, keine Geschichte wurde geschrieben, nur nebenan, als der See noch ein Altarm des Flusses war, gab es im Schmalkaldischen Krieg einmal eine Kanonade. Es ist ein See bei einer kleinen, dummen und vergessenen Stadt mitten in Bayern, die durch ein paar Zufälle reich wurde und trotzdem in der Nähe der Stadt nur diesen einen See hat.

Deshalb fährt in den Ferien und an den Wochenenden gefühlt die ganze Stadt hierher, wie es deren Grosseltern schon taten, als hier noch Kies abgebaut wurde. Es ist die beste aller möglichen Welten für fast jeden, der die Stadt bewohnt. Man könnte auch Industrieanlagen anschauen, Einkaufszentren und ihre Parkplatzuntergeschosse, petrochemische Industrie und jene Neubaugebiete, in denen Menschen vor ihren ökologisch sinnvollen und brandtechnisch riskanten Isolierschaumstoffen Angst haben. Aber in aller Regel einigen sich die meisten doch darauf, dass sie, egal zu welcher Jahreszeit, den See besuchen. Auf die meisten macht der Anblick von Wasser irgendwie einen beruhigenden Eindruck, obwohl man darin ertrinken kann, weil der Mensch ein Landlebewesen ist. Es gibt allerdings auch Ausnahmen von der Regel der hierher Fahrenden: Jene, die nicht zum See fahren, weil sie nämlich dort wohnen. Und dort, wo sie wiederum wohnen, werden Kinder wie ich aufgezogen, die den See mit Apathie und Desinteresse sehen.

Die Stadt ist noch nicht lange reich und die Reichen wohnen noch nicht lange beim See: Wir sind die erste Kindergeneration vom See. Wir waren da früher schon mal vor der Schule schwimmen, während andere in Bussen über die Dörfer herangekarrt wurden. Wir kannten die besten Plätze, wir waren als erste da und wir hatten die grössten Handtücher, Surfbretter und Taucherflossen, um die Claims möglichst umfassend zu gestalten. Es war uns durchaus bewusst, dass es mehr Prestige bedeutet, hierher laufen und die besten Plätze besetzen zu können, als einen weissen Porsche 924 zu benutzen und zu spät zu kommen. Aber an all das gewöhnt man sich schnell, man kennt irgendwann alle Bahnen der Minigolfanlage, man wird älter und ist dann doch ganz froh, wenn man zum Studieren nach München gehen kann.

Für die Eltern, die bewusst hierher gezogen sind, die hier Grundstücke bekamen und ihr Selbstverständnis in Villen und Gärten ausdrückten, in Bungalows, Doppelgaragen und Wohnflächen jenseits von 200m², mit Klavierzimmern und Tischtenniskellern und eigenen Bädern für die Kinder, war der See das Ziel. Es muss auch heute noch so sein, denn die Grundstückspreise sind hier enorm hoch, wenn einmal ein Platz frei wird. Aber die erste Generation, die hier geboren oder aufgewachsen ist – sie nimmt den See, wenn überhaupt, als Wasserfläche im Wald hinter den Häusern zur Kenntnis. Der See ist für mich etwas Abwechslung, wenn ich mit dem Geländerad durch die Auwälder fahre. Im Winter will ich keinen Platten weit draußen vor der Stadt riskieren. Dann fahre ich die Wege um den See ab. Ich treffe dort nie Freunde aus meiner Jugend. Viele sind weg. Und wer noch da ist, geht trotzdem nicht an den See. Wir treffen uns auf dem Wochenmarkt und im Konzertverein, aber nicht am See. Und ich schaffe es selbst nicht zu verstehen, wieso man diesen See und unsere alte Wiese so romantisch findet, dass man dort Zelte aufbauen und Hochzeit feiern muss.

An dieser Stelle hat die K. ganz unromantisch an der Zigarette gezogen und dann hinterhältig dem nicht rauchenden J. einen ausatmenden Zungenkuss gegeben, an dem er fast erstickt wäre. Wir haben hier mitleidlos hässliche Bremsen erschlagen. Heute muss ich dauernd aufpassen, keine Hochzeitsphotographen. Brautpaare, Kinderwagengeschwader und Joggergruppen umzunieten. Es ist viel los am See. Jeder will hier sein und auf einem Steg in den Sonnenuntergang schauen, der sich im Wasser spiegelt. An den Grillstellen bereiten sich muslimisch Familien auf das Fastenbrechen vor, indem sie drei Stunden vor Sonnenuntergang schon das Essen und Trinken üben. Studentinnen werfen sich Bälle beim Beach Volleyball zu und radeln dann in die engen, stickigen Wohnheime, und wünschen sich vielleicht, auch einmal so eine Villa beim See zu haben, wie jene, die ihren Weg säumen. Für mich ist es der See. Er ist halt da.

Ich bin nicht gefühlskalt. Ich verehre den Umstand, dass es fliessendes Wasser gibt, und eine Polizei, die bei uns nach einer Minute da ist. Es gibt viele Privilegien, die ich als essentiell für mein privates Wohlbefinden erachte, und die mich fraglos geformt haben. Aber in der Frage, die hier über Prestige und sozialen Status entscheidet, bin ich seltsam apathisch. Die K. war eine schöne Frau, aber der See war ohne sie eher langweilig. Wenn man mich nun fragt, warum ich im alten Haus in der Stadt wohne, und nicht draußen am See, wo es genug Platz gäbe, schütze ich, schlau durch Schaden, den Heuschnupfen vor, und tatsächlich sind all die Gärten für mich eine Qual. Aber wenn ich ehrlich bin, kann ich mich einfach nicht dazu durchringen, das Besondere, das Privileg zu sehen, und darin mehr als das Gewässer im Wald hinter den Häusern zu erkennen. Das macht angesichts der auseinander brechenden Gesellschaft der Stadt, die auch gut verdienende Manager in kleine Hütten in den Dörfern zwingt und manche sogar über der Donau wohnen müssen, also auf der Seite, wo man nicht wohnt, keinen guten Eindruck. Das wirkt angesichts der Gegebenheiten arrogant und abgehoben, selbst wenn die K., der J., der O. und die S. es auch nicht anders halten. Und vielleicht ihre Eltern besuchen. Aber nicht den See.

Man sollte das nicht tun. Man sollte auch nicht die Augen verdrehen und “ausgeben” sagen, wenn man gefragt wird, wie man die ersparten 20.000 Euro anlegen soll. Man sollte nicht das Silberbesteck von Tante Gerti am Montag auflegen und sagen, das bessere Silber käme erst Dienstag. Man sollte die Namen der Rosen kennen, die im Garten stehen, und nicht sagen, das sei irgendso eine Rose, die hier halt steht. Man sollte über Privilegien nur reden, wenn man angesprochen wird, und dann mit Bewusstsein und Hochachtung. Man sollte nie noch mehr fordern, wenn man oben ist, egal wie viel jene fordern, die weiter unten sind, und sich hier über fehlende Gendersternchen aufregen, während Islamisten auf den Philippinen Frauen massakrieren. Es gibt einen schmalen Grat zwischen Privilegierung und dem richtigen Umgang mit Privilegien, mit viel Decorum und einer gewissen Einsicht in die prinzipielle Ungerechtigkeit des Daseins, der es erlaubt, darauf mit anderen eine gewisse Strecke des Weges zu wandeln. Allerdings hilft oft auch grösstes Decorum nichts, und dann geht es gründlich schief, und man fragt sich, warum man so dumm war, sich für a soichane Hodalumpn zum Polante z’mocha solche Leute auch noch zu bemühen.

Trotzdem klatsche ich jedes Mal frenetisch mit, wenn am See ein Brautpaar gefeiert wird, und lasse die türkischen Kinder mitkommen, wenn sie unbedingt mit mir Rennen fahren wollen. Der See gehört allen, und es ist schön, wenn sie damit mehr verbinden, als ich es je tun könnte. Mein Desinteresse hebe ich mir meistens für die Gelegenheiten auf, zu denen man dergleichen zum Signalisieren der richtigen Standesdünkel und zum Erwählen der für alle Stürme des Lebens angemessen indolenten Partnerin benötigt. Ansonsten meine ich es nicht so, auch wenn es mir immer wieder passiert. Es rutscht mir halt manchmal so raus.

22. Jun. 2017
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17. Jun. 2017
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Katholenfreude, Ketzerpech und Heidenprofit

Sehet die Atheisten auf den Feldern. Sie fahren nicht nach Altötting, sie folgen nicht dem Luther und halten keinen Ramadan, und der Biergarten ernährt sie trotzdem

Es gibt ein einfaches und probates Mittel gegen den Feiertagsneid, der alljährlich Deutschland entlang der konfessionellen Konfliktlinien zwischen Katholischen und Ketzern lutheranischer Prägung spaltet: Das mit Brückentag stets günstig gelegene Fest Fronleichnam fällt einem gar nicht mehr sonderlich auf, wenn das Leben in Wohlstand Arbeit nur aus Erzählungen anderer Leute kennt. Da ist es völlig egal, ob etwas zu feiern ist, oder nicht: Das Leben ist immer gleich festlich und eine erbauliche Angelegenheit, auch ganz ohne Bezug auf Glauben, oder wie in meinem Falle, zum aufgeklärten Atheismus. Allerdings glaube ich auch: Etwa, dass Teller stets voll und die Aussicht schön sein sollten.

Aber nicht allen steht diese einfache und vorteilhafte Lösung des Konflikts zur Verfügung, und wenn ich also an Fronleichnam ähnlich sorglos in den Tag hinein radle, wie ich es immer tue, schallt mir aus dem Netz Missgunst für meine Bilder entgegen: Andere, die im lutheranischen Teil Deutschlands leben, unterstellen mir, dass ich sie mit meinen Bildern beleidigen und quälen will: Die einen sitzen demnach im Biergarten mit Aussicht auf die Landschaft und die anderen im klimatisierten Büro mit Aussicht auf den Feierabendverkehr in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das finden sie nicht gerecht, aber was soll ich sagen: Gerechtigkeit ist ein Thema der SPD, und man schaue sie sich doch mal an, wie weit man damit kommt – nicht weiter als bis zu einer nicht funktionierenden Mietpreisbremse, Möbeln von Westwing und, ich bin gerade guter Dinge und mein Leben ist schön, gnädigerweise vielleicht 18%, also ungefähr beim Fettgehalt auf diesem Bild.

Dass Lutheraner keinen Feiertag haben, liegt ursächlich an der Person, deren Thesenanschlag in Wittenberg momentan gefeiert wird: Luther hatte nicht nur etwas gegen den Ablass, sondern auch gegen den Papst, die Juden, die Heiligenverehrung und den katholischen Glauben an Wunder. So ein Wunder einer blutenden Hostie liegt dem Fronleichnamsfest zugrunde, und man kann Luther wirklich viel vorwerfen – aber nicht, dass er seinen Anhängern nicht überdeutlich gesagt hat, dass es am zweiten Donnerstag nach Pfingsten mit ihm und seiner Lehre keinerlei freien Tag geben würde: “Ich bin keinem Fest mehr feind … als diesem. Denn es ist das allerschändlichste Fest. An keinem Fest wird Gott und sein Christus mehr gelästert, denn an diesem Tage und sonderlich mit der Prozession. Denn da tut man alle Schmach dem heiligen Sakrament, dass man’s nur zum Schauspiel umträgt und eitel Abgötterei damit treibet.“Dieses Schauspiel, das auch die Aufklärung abschaffen wollte, erfreut sich in Zeiten globaler Unsicherheit in meiner Heimat langsam wieder steigender Beliebtheit. Fernen Städtern mag es wie ein anachronistisches Ritual erscheinen, mit einer Monstranz betend durch die Strassen zu ziehen, und darüber einen Himmel aus Stoff zu halten, den zu tragen Privileg der besseren Kreise ist. In den Städten muss man schon warten, bis sie vorbei sind, um zum Radeln zu gehen, aber draußen, auf dem Land, wird das wiederentdeckte Brauchtum noch deutlicher: Dort werden nicht nur seitens der Gemeinden und der Kirche Fahnen aufgehängt, damit jeder sieht, wie wichtig dieses Hochfest für Thron  Bürgermeisterstuhl und Altar sind.

Da kommt es auch zur Einrichtung von öffentlich sichtbaren Altären, mit Bankerl zum Hinknien, mit Heiligenbildern, mit Birkenzweigen und Blumen und Kerzen und Statuen und vielem anderen, das Luther zutiefst suspekt wäre. Aber es ist wie es ist, wir leben nicht mehr in der Zeit der Glaubenskriege, auch bei uns werden Lutheraner aufgenommen, und erwerben hier Grund und Boden. Wenn der Wanninger links und der Gruber rechts ihren Haussegen nach draußen stellen und dazu einen Blumenteppich legen, stellt die kleine Lea-Sophie ihren Eltern die Frage, warum Annamirl und d‘Theres so einen Blumenteppich bekommen, und sie nicht.

Sie will das auch. Und was man so hört, passen sich dann manche eben der umgebenden Kultur an, und so kommt das dann, dass vor allen Häusern zumindest Schmuck auf Blumen zu finden ist, und auch der Lutheraner als ein solcher dafür einen Segen bekommt, der den guten katholischen Willen 500 Jahre nach dem Thesenanschlag anerkennt. Dafür, das muss man aber auch sagen, arbeiten die Söhne und Töchter der Bayern in Berlins Projekten des erhofften Mammons, und so gleicht sich das eben heilsgeschichtlich wieder aus.

Nun ließe sich trefflich darüber reden, wie die Identität in der Heimat von allen gleich gesucht wird, und sich an solche Rituale klammert, an die Freiwillige Feuerwehr, an die Blüten, die verstreut werden, an das gemeinsame Essen der Bratwürste und die Gelegenheit, hier, fern der Berge, Lederhose und Dirndl zu tragen. Es gibt gute Grunde, das zu feiern, und obendrein bezahlt der Arbeitgeber, das Wetter ist prächtig, und es ist nachvollziehbar, warum die Städte der Protestanten da neidisch sind. Die eigentlich interessante Frage ist aber eine andere: Warum sind die Protestanten einem der Kirche entlaufenen Augustinerchorherrn gefolgt, der ihnen klar sagte, dass er so einen Feiertag nicht will? Wieso entschieden sich die Vorfahren der jetzt Maulenden bewusst gegen diesen freien Tag?

Nun, weil sie die kurzfristige Rechnung ohne den langfristigen Sozialstaat gemacht haben. Zu Luthers Zeiten gab es Dutzende von Feiertagen, manche gesamtkirchlich, manche lokal, an denen die Arbeit zu ruhen und der Mensch in der Kirche zu erscheinen hatte. Legion waren zu Luthers Zeiten die Legenden, in denen Arbeitende, Jagende und Sündigende an diesem Tag vom Blitz erschlagen und vom Teufel geholt wurden. Die schnöde, ökonomische Beurteilung des Feiertags gab es schon damals: Für Bauern, die zumeist leibeigen waren, war so ein Feiertag ein freier Tag, an dem keine Arbeit verrichtet werden musste. Es war ein Tag, an dem die Kirche Musik, Schauspiel und Mysterien bot, ein danach ein Tag des Essens, Tanzens und Beisammenseins. Die Landbevölkerung, die heute noch die Häuser schmückt, profitierte von den Gelegenheiten, zu denen die Kirche der weltlichen Herrschaft Grenzen setzte. Daher sind Feiertage im Mittelalter auch so beliebt.

Das änderte sich in der beginnenden Neuzeit in den aufstrebenden Städten. Dort gab es keine Leibeigenschaft, sondern frühkapitalistische Verhältnisse und Arbeitsteilung und Bezahlung für Arbeit. Feiertage hielten Städter von der bezahlten Arbeit ab. Feiertage erzwangen Unterbrechungen bei Handel und Gewerbe, Feiertage kamen mit der Produktivität in Konflikt, und obendrein waren Feiertage in den Städten mit ihren Bettelmönchen und Orden teuer: Zu den Feiertagen hatte man in den Städten nicht nur zu beten, sondern auch für das Seelenheil zu zahlen. Wenn Luther in der damals aufstrebenden Handelsstadt Wittenberg gegen den Ablass wetterte, sprach er sich indirekt für mehr Geld im heimischen Wirtschaftskreislauf aus. Und wenn Luther Heiligenglauben und Feiertage abschaffen wollte, ermöglichte er einheitliche Bedingungen für Produktion und Erwerb von Vermögen.

Man redet bei der Reformation oft über Landesherren, die sich am Gut der Klöster bereicherten – und übersieht dabei die ökonomischen Interessen der Städter beim Zurückdrängen der kirchlichen Verpflichtungen. Die Bauern liefen entweder gleich zu den Radikalen über, die die Leibeigenschaft beenden wollten, oder blieben dem alten Glauben treu. Die Handelsherren, die Silberknappen, die Wollweber und Brauer, die Steinmetze und Fuhrleute dagegen schlossen sich in Scharen Luther an, der die Befreiung von lästiger Glaubensbürokratie versprach. Die Katholiken radikalisierten sich, indem sie bis zum Rokoko immer mehr Prunk und Pomp um ihre Feste und Kirchen errichteten, und die Protestanten räumten die Kirche leer und erklärten wirtschaftlichen Erfolg als Beweis der Zuneigung Gottes für ihr geschäftstüchtiges Treiben. Die einen feierten, die anderen sparten. Evangelische Länder begannen mit der Industrialisierung, katholische Länder blieben oft agrarisch strukturiert.

Es konnte ja kein Papst und kein Luther wissen, dass man ernsthaft anfangen könnte, Schweinehirten und Arbeitnehmern Rechte zu geben, Menschen als gleich vor dem Gesetz zu betrachten, und sie auch noch mitreden zu lassen, indem sie vielleicht nicht die öffentlich-rechtlichen Medien, aber so doch gewisse Parteien wählen konnten, die auf diese althergebrachte Trennung zwischen den Religionen das Prinzip des bezahlten, gesetzlichen Feiertag für alle oben drauf setzten. Es war ein Kardinaltugendfehler, es obendrein den Bundesländern zu überlassen, sich für ihre eigenen Menschen einzusetzen. In Bayern gibt es nun mal eine CSU, die von diesem Mittel der Beschenkung und Bekirchlichung des Landes grosszügigsten Gebrauch zur Verankerung ihrer Herrschaft machte. und das ebenso dreist wie unwidersprochen als Akt der Arbeitnehmerrechte und Besinnung darstellt. Von Luthers Opportunismus lernen heisst nun mal siegen lernen, und wie man an den evangelischen Blumenteppichen sieht: Wenn der Feiertag nur fremdfinanziert wird, ist auch der Abgefallene des Jahres 1517 bereit, 2017 vom katholischen Landfrauenbund das Legen eines Kelchs mit Hostie wieder zu erlernen. Ausserdem schaut es so schön aus und Lea-Sophie durfte informell auch Blumen vor dem Pfarrer verstreuen. So adrett, pardon, fesch war sie im Dirndl. Und Bratwurschtl haben keine Religion, nur die Regierungen in Bundesländern, die mehrheitlich lutheranisch sind, die schon und die arbeiten, bei der Hitze gestern auch wie so eine Art Bratwust im Büro.

Bitte, schauen Sie mich nicht so an, ich bin religiöser Nichtkombattant und außerdem eh kein Freund geregelter Arbeit, ich radle nur über Wiesen und Felder und mache mir Gedanken zu dem, was ich so sehe. Ich finde es besser, wenn Lea-Sophie Blumen verstreut, als dass sie zwangskatholisch gemacht wird, wie das früher üblich war, und ich mag die angenehme Stimmung im Biergarten, wenn alle gut gelaunt beisammen sitzen und sich zuprosten und plaudern.

Am Freitag ist hier eh fast alles zu, die Kinder haben noch Schulferien, da radelt man mit ihnen über das Land und freut sich des Lebens, wie so ein mittelalterlicher Leibeigener, der gerade zwischen Saat und Ernte ein wenig Zeit für sich selbst hat. Es ist eh viel zu heiß für Arbeit.

Wie giftig und z‘wider jene werden, die im Norden in ihren Büros sitzen, bei der Hitze, die nicht weit weg von den Höllenqualen ist, sieht man ja im Internet. Das Arbeiten tut dem Menschen nicht gut.

 

17. Jun. 2017
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11. Jun. 2017
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Heiko Maas und das multiple soziale Organversagen der SPD

Schni-, Schna-, Schnorri.
Beliebtes Kinderlied der Berliner Republik

Also, das wissen Sie selbst, das ist ja bei Ihnen auch nicht anders: Wenn man ein einziges Mal über die Stränge schlägt, erfährt es wirklich jeder. Es reicht, wenn der eigene Sohn mit 14 eine Enduro zusammen mit zwei Freunden kauft, sie ohne Zulassung und Führerschein im Straßenverkehr bewegt, am Stadttor dann der Polizei auffällt und vergeblich versucht, ihr mit einer Slalomfahrt in der Fußgängerzone zu entkommen: Das erfährt dann die ganze Stadt, auch wenn es nur eine winzige Mitteilung der örtlichen Polizei war, die berücksichtigt, dass die betroffenen Väter zur angesehenen Ohd Voläh gehören. Die Väter hoffen, dass die kleine Meldung untergeht, aber erstens haben es alle gesehen, weil gerade an dem Tag alle in der Fußgängerzone waren und zweitens haben alle es allen anderen erzählt, die nicht dort waren. Und so hängt die Geschichte den Söhnen, die heute auch alle zur Ohd Voläh gehören, immer noch nach.

Alle drei sind sie Bereichen gelandet, die sich der Kunde nicht unbedingt heraussuchen kann: Der eine etwa operiert verkehrsbedingte Notfälle im Krankenhaus, die oft genauso dumm sind, wie er früher war. Das ist der Unterschied zum deutschen Justizminister Heiko Maas, der sich nicht nur mit dem UN Hochkommissiariat für Menschenrechte herumschlagen muss, die sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz massiv kritisiert, sondern auch mit Leuten, die für ihn und seine Partei aus freien Stücken stimmen sollen. Heiko Maas ist für Bürgerrechtler so etwas wie die mitgebratene Maus im panierten Schnitzel der SPD – er ist eine Belastung, die man mitwählen würde, so man sich für einen Platz im Schulzzug mit all seinen freundlichen Versprechungen von Umverteilung und Staatsbereicherung durch Steuern entschiede. Es soll Leute geben, die der SPD zutrauen, das Land gerechter zu machen, und manchen, da habe ich keinen Zweifel, ist es egal, ob die SPD dann ein Zensurgesetz macht. So ist der Mensch. Es war auch in der DDR vielen recht, dass die SED und die Blockparteien den mittelprächtigen Wohlstand mit Mauer, Stasi und inoffiziellen Mitarbeitern vom Schlag einer Anetta Kahane sicherten, die nun auch wieder bei der Zensur mitwirkt, obwohl deren Stiftung ganz erstaunliche Finanzen mit kapitalistischen Wertpapieren aufweist.

Aber um diese Bereicherung soll es hier gar nicht gehen, sondern um die Wohnungsbelieferung der Schauspielerin und Partnerin von Heiko Maas Natalia Wörner – und was das aus klassenspezifischer Sicht bedeutet. Wie die Amokfahrt haben alle natürlich auch mitbekommen, dass Frau Wörner ihre Wohnung mit Möbeln des Versenders Westwing hat einrichten lassen. Westwing ist eine Gründung aus dem Portfolio der Samwerfirma Rocket Internet, die bislang noch nicht als besonders sozial in Erscheinung getreten ist, hier aber zugunsten der Schauspielkunst den Hoflieferanten machte. Zum Dank durfte Westwing eine Photostory im Berliner Altbau – wer hätte so etwas außer anständigen Leuten in Bayern nicht gerne? – der Zensurministerpartnerin machen. Die Geschichte wurde zwar von Westwing wieder gelöscht, aber das Internet vergisst die begleitende Bunte-Story nicht. man mag sich die Telefonate zwischen Maas, seiner Partnerin und der seinen Namen verwendenden Firma selbst ausmalen, die zu dieser Löschung führten. Da war es aber schon zu spät. Und eigentlich hätte Maas spätestens bei diesem Fehlgriff zurück treten müssen.

Denn vom einzig richtigen Klassenstandpunkt – dem, auf dem ich und mein Umfeld stehen – ist Maas untragbar. Uns wurde zwar im April 2016 mitgeteilt, dass Maas und Wörner nun ein Paar sind, das sich zum ersten Mal zusammen beim Konzert im jüdischen Museum zeigte, was vermutlich die besondere moralische Qualität der Personen unterstreichen sollte. Aber das ändert nichts am Umstand, dass Maas wie so ein Tapetenhändler in der kleinen, dummen Stadt an der Donau seine Frau hat sitzen lassen, um mit einer Schauspielerin ein gschlampertes Verhältnis einzugehen, wie das vornehme “Liaison” auf Bayerisch heisst. Maas und Wörner gaben der Bild auch brav ein Doppelinterview im November 2015, in dem sie ihre Freundschaft betonten – was man halt so macht, wenn man sich der Geneigtheit skandalöser Presse versichern will. Die Bild mag das für die Massen schön schreiben, aber bei uns an der Spitze der Gesellschaft geht das gar nicht. Da gilt das Sitzenlassen von Frau und Kindern, egal wie man das umschreibt, als Zeichen für einen eklatanten moralischen Mangel. Wer schon seine Frau mit einer Schauspielerin betrügt, würde auch kaum anders mit Wählern umgehen. Das tut man nicht.

Die fraglichen Möbel nun passen perfekt zu dem Bild, das man schon hat. Eine Schauspielerin, deren Partner zu den Grossverdienern unter den Politikern auf Steuerzahlerkosten gehört, lässt sich offensichtlich in Möbeln ablichten, die ein Versender geliefert hat, und haucht zu Protokoll, jede Wohnung habe so ihre kleinen Geheimnisse. Wie etwa die genaueren Details der Entlohnung dieser Home Story, möchte man anfügen, und betonen, dass so vielleicht die Partnerin des Zensurministers lebt, handelt und für Werbezwecke offen ist. Aber niemand, den wir kennen würden und auch niemand, den jemand kennen wollen würde. Wie tief muss man gesunken sein, wenn man sich seine Möbel nicht mal mehr selbst kaufen kann.

Das gibt es bei uns in schlechten Vierteln zwar auch, aber mit Bezugsscheinen für die Caritas würde keiner angeben. Was sind das nur für Leute, die geschmacklosen Plunder beziehen, der insgesamt billiger ist als ein mittlerer Perserteppich vor 40 Jahren ist, und die sich dann auch noch für eine Werbebroschüre im Internet ablichten lassen? Haben die kein Erbe? Oder ist das einfach nur Raffgier, die den persönlichen Gewinn über die Ehre stellt? Es gibt viele Antworten, alle sind irgendwie hässlich, wie auch die Löschung zeigt. Aber das Ergebnis ist immer gleich: Leute mit solchen Ehrbegriffen sollten im Staat keinerlei Macht besitzen. Die wählt man nicht.

Nun sind die Reichen, die gegen ihre Interessen früher rot gewählt haben, damit die Schwarzen nicht zu stark werden, nicht das entscheidende Klientel für die SPD. Für die SPD sind vor allem die kleinen Leute wichtig, und die Jugend, die für Geschenke an Rentner, die eigenen Apparatschiks ernährende Kampagnen und Banken einmal wird aufkommen müssen. Diese heterogene Gruppe bekommt einen Moment, einen ganz kurzen Moment anstelle der blühenden Landschaften der sozialen Gerechtigkeit eine Welt zu sehen, die sie nie betreten wird: Einen Altbau, in dem man Möbel geliefert bekommt und als Partner der Besitzerin großzügig leben kann, auch wenn die Unterhaltskosten für Frau und Kinder möglicherweise nicht ganz ohne Umfang sind. Es mag Werbung sein, für die sich Frau Wörner da auf dem Stuhl räkelt, aber es ist auch die Realität in diesem Land: Es lebt sich halbwegs auf HartzIV mit den Versprechen der Sozialdemokratie, aber besser lebt es sich, wenn man Partnerschaft mit ihrer Machtbeteiligung und lukrative Verträge mit sogenannten Investorenheuschrecken hat. Frau Wörners Wohnung sieht pfeigrod so aus wie das, was sich das gemeine Volk um 1790 die Lebensumstände der Kokotten und Mätressen des französischen Adels vorgestellt hat, mit einem Hoflieferanten, auf den man in Berlin seitens der SPD-Politik grosse Hoffnungen setzt. Und überhaupt nicht wie Bauhaus oder erschwingliche Sozialwohnungen für die Massen.

Es gibt die einen Aufstocker bei der Arbeitsagentur und die Aufstocker mit Agentur, die das Sachleistungszubrot als branchenüblich verteidigen. Damit ist die Homestory aber nicht mehr sozialdemokratisch im Schulzzug als Lektüre für die Massen tauglich. Es gibt eine Partei, die mit derlei Besserverdienenden der Berliner Republik umgehen kann: Sie heisst FDP, und die sie wählenden Immobilienmakler, Pharmalobbyisten und PR-Agenturenbesitzer wären fraglos nicht betroffen, würden sich ihre Partnerinnen so dem Auge einer begrenzenden Öffentlichkeit, die aber keine Gesellschaft ist, präsentieren. Was im einem sozialen Umfeld ein enormer Fehltritt sein mag, ist einem anderen Umfeld vielleicht angemessen, und niemand würde sich wundern, passierte dergleichen der Partnerin eines FDP-Ministers. Für die SPD ist das nun mal unerfreulich, weil deren Kernwähler bei all den Steuern und Abgaben kaum genug Geld im Jahr ersparen können, um sich etwas zu leisten, das dem Ambiente der Werbebroschüre entspricht. Wer hätte gedacht, dass am Schulzzug solche Salonwagen erster Berliner Klasse für die ministerielle Übernachtung angehängt werden?

Da können die anderen noch so ideenlos versagen, Niederlagen bei der Brennelementesteuer kassieren und Cum Ex Geschäften tatenlos zuschauen: Sie leisten sich immerhin keine solchen Fehler, und schon mit seinem Zensurgesetz ist es Maas gelungen, sogar die AfD wie eine Partei der Meinungsfreiheit aussehen zu lassen. Niemand findet sich, der Heiko Maas einen Rücktritt nahe legen würde – es ist Wahlkampf, da ist man froh, wenn die Partner der Gegner aufzeigen, wie die Realität hinter den Versprechungen aussieht. Ich für meinen Teil habe jedenfalls genug gesehen, ich kenne die Unterschiede zwischen echtem Bürgertum und den freigelassenen Aufsteigern, die sich aus Internetkatalog eine Scheinbürgerlichkeit zusammen bestellen.

Bitte, ich habe nicht prinzipiell etwas gegen Politikerkauf, und Termine mit Heiko Maas hat eine SPD-Agentur auch schon für Geld angeboten. Mein Klassenstandpunkt ist nur der, dass ich meine Klasse nicht von Leuten regiert sehen möchte, die ihre Techtelmechtel der Bild, ihre Wohnungen einer Samwergründung und meine Meinungsfreiheit einer Ex-Stasi-IM anbieten.

(Alle Bilder sind übrigens aus dem Palazzo Ducale der Gonzaga von Mantua)

11. Jun. 2017
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04. Jun. 2017
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Im Klimahinterhof der kleinen, deutschen Trumps

Wer die Habsucht beseitigen will, muss ihre Mutter beseitigen, die Verschwendung.
Cicero

Als guter Deutscher hätte ich mich auch beinahe hingestellt, und hätte etwas Übles zu Trump gesagt, einfach, weil es eine gute Gelegenheit ist, um ausfällig zu werden. In Deutschland sollte man seine Meinung dezent formulieren, wenn ein Afghane wiederkommen und Deutsche umbringen will – es könnte schließlich auch sein, dass er ein ehrlicher Anhänger der hochnobelsten ARD-Kampagne SagsmirinsGesicht ist. Aber wenn es darum geht, Trump den Tod zu wünschen. Das ist – wenn schon nicht in den USA, so doch zumindest in Hamburg – tauglich für das Cover eines Magazins.

Man darf also seinen Minusgefühlen nunmehr öffentlich Raum geben, weil Trump jenes Pariser Abkommen gekündigt hat, das bei seiner Einführung vielen als fauler Kompromiss zugunsten von Obamas Wirtschaftspolitik galt und heute, dank Trumps Absage, zum Rettungsplan für den ganzen Planeten aufgewertet wird. Es ist eine phantastische Gelegenheit, ungestraft jede nur denkbare Hatespeech im Netz zu verbreiten, ohne dass ein Zensurminister Heiko Maas sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz verschärfen würde. Natürlich könnte man sich an der Stelle auch über den fortgesetzten Skandal der deutschen und europäischen Regierungen aufregen, die den Handel mit Verschmutzungszertifikaten auch weiterhin erlauben, oder über die Fangquoten, die weniger Fische in dank Parisabkommen weniger erwärmtem Wasser hinterlassen. Wir haben da übrigens auch einen milliardenteuren Atomskandal in Asse und reissen ein Dorf für Braunkohle ab, aber wenn so ein symbolträchtiger Mann so etwas Symbolträchtiges macht, muss man doch auch mitmachen… keine störende Debatte über die Frage, ob unser Verpacken der Häuser in Dämmstoff sinnvoll ist…

Ich hätte auch gern zur Festigung meines guten ökologischen Rufes mitgemacht, aber mich hat der ganz banale Bedarf nach einem dynamobetriebenen und damit umweltfreundlichen Rücklicht zur Werkstätte meines Vertrauens geführt, die sozial engagiert alte Räder, die andere entsorgen, auf- und verwertet. Ich bin dort natürlich mit dem Rad hingefahren, denn ich fahre gern und viel Rad, und es ist gesund. Ich sehe keinen Anlass, etwas Technisches neu zu kaufen, wenn ich es auch gebraucht bekommen kann: Technisches hat heute die unerfreuliche Eigenschaft, nach zwei, drei neuen Generationen wertlos zu sein. Mit iPhone4 wird man in Schulen gemobt, meine Panasonic G5, mit der ich in Italien gearbeitet habe, gibt es gebraucht zum Preis einer Taschenknipse. Jedenfalls, mir wurde in der Werkstatt gesagt, ich sollte doch mal hinten schauen, ob ich da etwas finde.

“Hinten” ist ein Hinterhof, und da sind gerade Räder frisch angekommen. Zwei Institutionen haben Ernst gemacht und Unbewegtes erst mit Bapperln versehen, die darauf hinweisen, dass Unbenutztes dort nicht sein darf: Eine städtische Tiefgarage und ein Studentenwohnheim wollten das nicht mehr. Die Bapperl klebten an den Rädern, vergilbten, blieben vor Ort, weil offensichtlich noch nicht mal jemand die Räder stehlen wollte, und wurden jedes Jahr um neue Bapperl erweitert. 2014, 2015, 2016 – 2017 machten sie dann ernst, und so sind die Räder jetzt hier gelandet.

Es sind viele, viele Reifen sind platt, aber bei weitem nicht abgefahren: Schaut man genauer hin, erkennt man mehr schlechte Pflege als echten Verschleiss. Es regiert nicht der Tod durch Benutzung, sondern das langsame Wegdämmern in Schmutz, Rost und Vergessen. Es sind Räder dabei, die weder schlecht noch billig waren, und deren Ketten kaum je die Ritzel umschlossen: Gekauft, nicht verwendet, vielleicht dem Sohn zum Studium mitgegeben, keinen Platz mehr im Umzugswagen gefunden, zurückgelassen. Das hier ist nicht einmal mehr die Wegwerfgesellschaft. Es ist die Besitzzurücklassgesellschaft, die sich nicht belasten will.

Die wenigsten Räder sind hier wirklich alt. Die meisten sind in den letzten 20 Jahren entstanden, und das neuere Wundermaterial Aluminium ist dabei, Stahlrahmen im Schrottcontainer weit hinter sich zu lassen. Peugeot, Staiger, Hercules und Heidemann steht nur noch selten auf den Rohren, statt dessen englische Begriffe, die Dynamik und Fortschritt symbolisieren. Es sind Versprechen von leichter Mobilität durch neue Technik, aber die Besitzer haben das nur sehr begrenzt in der Realität versucht. Und so stehen die Räder nun hier und warten darauf, ob sich die Reparatur noch lohnt, oder das Dasein nach wenigen Kilometern in jener Vernichtung endet, die man heute als Recycling bezeichnet.

Wobei man betonen muss, dass die gefahrenen Kilometer nicht alles an Bewegung sind, das so ein Rad erlebt. Bis ein Rad heute bei uns steht, sind die Einzelteile oft schon um die ganze Erde gereist. Eisen und Aluminium kommen beispielsweise aus Australien und Afrika. Guinea etwa spielt bei Bauxit eine grosse Rolle. Dort wird der Rohstoff mit immensem Energieaufwand zu Aluminium verarbeitet, weiter zu den Rohrherstellern wie Alcoa in den USA oder Reynolds in England transportiert, mit neuem Energieaufwand neu legiert und gezogen, von da aus nach China gebracht, wo man daraus Rahmen schweisst, und oft ohne grosse Rücksicht auf die Umwelt lackiert: Hersteller gaben früher offen zu, dass die niedrigeren Umweltstandards ein Kostenvorteil sind. Dazu kommen dann Komponenten aus Japan oder Malaysia, und am Ende wird das alles in riesige Kartonagen verpackt, die wir hier benötigen, damit der Restmüll nach seiner Sortierung auch in den Anlagen ordentlich verbrennt. Fast jeder Transport wird mit jenen Ozeanfrachtern unternommen, die besonders schädlich für das Klima sind.

So ist das heute. Früher kamen deutsche Räder bis zur letzten Schraube aus Regionen wie Nürnberg oder Bielefeld, andere aus  St Etienne oder Leeds, Mailand oder Vicenza, heute dominiert Fernost. Aluminium verbraucht weitaus mehr Ressourcen als Stahl, aber trotzdem kauft der umweltbewusste Deutsche Räder aus Fernost, stellt sie in den Keller und fährt dann, weil der Wechsel der Kette oder die Reparatur eines Schlauchen zu stressig ist, doch lieber mit dem Auto. Für die Umwelt hat man schließlich das Rad gekauft, das ist auch schon etwas.

Es ist mit diesem, sehr speziell deutschen Umweltgedanken genau so, wie Trump das sagt: Er hat eine enorme Reichtums- und Arbeitsplatzumverteilung nach Fernost zur Folge. Und, schlimmer noch, er sorgt für die Zerstörung der Umwelt in Afrika und Asien, und obendrein für eine massive Schädigung des Klimas. Die Emissionen, die die Herstellung dieser Schrotträder auf dem Hinterhof in die Atmosphäre geblasen hat, müssten die Besitzer erst gegen die Vergleichsgrösse Verkehr mit Verbrennung von Öl erstrampeln. Tun sie es nicht, geht das Geld eben sinnlos nach Fernost und zum kleinen Teil nach Afrika. Wo man die halbwegs günstigen Preise für Konsumgüter erwirtschaftet, indem man sich nicht sonderlich um Naturschutz und Arbeitnehmerrechte und Demokratie und all das, was wir wohlfeil gegen Trump zu verteidigen gedenken, scheren muss.

Nach meiner bescheidenen Meinung ist der Hass auf Trump auch dem Umstand geschuldet, dass er offen so rücksichtslos ist, wie es viele seiner Kritiker nach Weglassung der menschlichen Bekenntnisse sind. Studenten, die grünste der grünen Gruppen, lassen die Räder ungenutzt zurück, in dem sie lokal anders denken, als sie lokal handeln. Bei uns packt man zwar die Häuser in Styropor, um Heizkosten zu sparen, aber man kauft sich auch alle paar Jahre eine neue Sitzgarnitur aus China, wenn es für deren Vorgänger wieder eine Abwrackprämie gibt. Man klagt über verdächtige Software bei Audi und war vermutlich länger nicht mehr auf Deutschlands Autobahnen, wo man mit 170 gut mitschwimmen kann und nur alle 30 Sekunden von der linken Spur gescheucht wird, wenn die bei 250 abgeriegelten, tonnenschweren SUVs die kleinen Katrins, Cems, Jürgens und Claudias an Bord haben und ganz dringend nach Hause müssen. Wir wollen das, wir brauchen das, es ist unsere Art des Trumpismus. Fahrradleichen pflastern unseren Weg, wenn wir statt im multikulturellen Marxloh doch lieber Urlaub in der knallschwarzen Bergwelt machen, oder in Berlin Bier trinken, das 700 km weiter südlich am Tegernsee gebraut und mit dem LKW gebracht wurde. Und dann twittern wir auf dem neueste iPhone gegen Trump.

Das passende Rücklicht habe ich nicht gefunden, aber ein nur leicht angerostetes DiamondBack DBAxis aus Stahl von True Temper aus God’s own Country. Es hat kaum benutzte Originalreifen und originale Bremsbeläge und kostete, damals, 1991, immense 2800DM, und wurde laut Bapperl im Münchner Süden gekauft . Das hat in den letzten Jahren jemand draußen vergessen, so unbenutzt verrostet, wie es ist. Man kann nicht alle retten, aber das hier habe ich gerettet – und dann gleich ein wenig geschraubt, so dass inzwischen jede Empörung über Trump und wie der die Welt zugrunde richtet, schon ihren Ausdruck gefunden hat. Ich komme viel zu spät für den Aufschrei. Nebenbei habe ich mir auch überlegt, was das für Leute bei uns sind, und dass statt der Aufplusterei im Netz und in den Medien vielleicht mehr bewirkt wäre, wenn jeder in den Keller ginge, sein Rad aufpumpte, es zu reparieren lernte, und sich fest vornähme, mit gutem Beispiel der eigenen Empörung voran zu radeln.

Vielleicht schüttelt es bei der Gelegenheit auch das Gehirn zurecht, und der ein oder andere erinnert sich daran, dass die heutige Klimavorkämpferin der freien Welt im Kanzleramt noch vor ein paar Monaten TTIP und die Aufweichung vieler Standards zugunsten der amerikanischen Wirtschaft befürwortet hat. Vor einem Jahr titelte noch die Süddeutsche Zeitung “Klimapolitik – Mit TTIP zerstören Merkel und Obama ihr eigenes Werk”. So war das, bevor Trump TTIP scheitern liess. Es scheint, manche historischen Fakten werden im Archiv so vergessen, wie andere ihre Räder in den Garagen vergessen.

04. Jun. 2017
von Don Alphonso
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31. Mai. 2017
von Don Alphonso
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Der Sieg gegen Hitler, den Duce und die Ödnis

Deutschland soll Leitmarkt für Elektromobilität werden.
Angela Merkel

Nichts ist vom Inferno an jenem sonnigen Sonntag zu erwarten, als die deutschen Touristen aus dem Bus in Mantua steigen. Keiner ahnt, was sie erwarten wird, als sie vom Parkplatz am Palazzo d’Arco zu Leon Battista Albertis Meisterwerk San Andrea gehen, um sich im dunklen, kühlen Innenraum Erklärungen über die Renaissancearchitektur und die Lösung von der Gotik anzuhören. Vielleicht dringen das drohende Grollen und vereinzeltes Krachen durch die Mauern, als draußen die Hölle losbricht. Aber die Architektur Albertis schützt die Deutschen vor dem Ereignis, für das in der Stadt Absperrungen errichtet werden, und rotweisse Bänder vor Lebensgefahr warnen.

Nach einer Weile wissen sie alles über Alberti, über die Kuppelkonstruktion und die Kapelle von Andrea Mantegna. Sie verlassen die Kirche und steigen hinab über weisse Stufen in das Gewühl und den ohrenbetäubenden Lärm, der die Stadt erfüllt. Es ist laut, es stinkt, Menschen schreien und rennen, und dann rennen auch die ersten Deutschen, denn ein Auto schiesst mit viel zu hoher Geschwindigkeit über die Piazza Venezia. Die Deutschen sind eigentlich, nichts ahnend, auf dem Weg von San Andrea zur Rotonda di San Lorenzo, aber sie werden nicht so weit kommen. Denn das Auto ist ein Delahaye 135CS von 1937, knallblau, und es bremst und bleibt direkt vor ihnen stehen.

Und statt in der Rotunda stehen die kulturbeflissenen Deutschen nun direkt auf dem Weg der Mille Miglia durch Mantua, eilen zum Auto und halten drauf. Sie wissen nicht, dass sie hier eines der Fahrzeuge ablichten, das 1937 Benito Mussolini verärgerte. Denn so ein Delahaye verdrängte mit Laury Schell am Steuer bei der Mille Miglia das private Team des Duce mit Alfa Romeo auf Platz 4, und hätte vielleicht sogar gewonnen, wäre ein zweites Auto unter Richard Dreyfus nicht ausgefallen.

Dafür verärgerten Delahaye und Dreyfus ein Jahr später mit dem Nachfolgemodell 145 auch Adolf Hitler. Der hatte wie der Duce Autorennen als Symbol von Heldentum und Technik entdeckt, und mit enormen Mitteln die Silberpfeile von Mercedes und Auto Union entwickeln lassen. Die Franzosen setzten dagegen einen Preis von einer Million Franc für ein Auto aus, das mit den Deutschen konkurrieren könnte. Delahaye und Dreyfus gewannen die Konkurrenz vor Bugatti, und traten mit finanzieller Hilfe des amerikanischen Erben Laury Schell – der Mann, der schon den Duce gedemütigt hatte – auch beim Grand Prix in Pau an.

Und dort gewann der Jude Dreyfus mit dem französischen, extrem leichten Auto gegen das Werksteam von Mercedes. Dessen Fahrzeuge hatten doppelt so viele PS, verbrauchten aber zu viel Benzin, und verloren mit einem Tankstopp und ruinierten Zündkerzen das Rennen. Ausgerechnet mit Hitlers Lieblingsfahrern Hermann Lang und Rudolf Caracciola am Steuer. Da war die Begeisterung in Frankreich natürlich gross, und die Bestellungen für Delahaye gingen durch die Decke.

Dieser Delahaye hier ist eigentlich jedes Jahr mit von der Partie, wenn die alten Karossen durch die Dörfer und Städte Italiens rasen, und man wird nicht müde, ihn abzulichten. Diese Formen, diese kompromisslose Gestaltung, diese lange Motorhaube und das enge Cockpit, das einzig und allein der Geschwindigkeit dient… die Deutschen stehen davor, sagen Ah und Oh und halten drauf. Speicherkarten füllen sich, Hälse werden gereckt, denn da kommt noch einer.

Und noch einer.

Und noch einer.

Drüben am Parkplatz wartet ein Busfahrer, auf der anderen Seite würde die Reiseführerin jetzt gern die Romanik erklären, aber langsam dämmert den Deutschen, dass sie durch Zufall direkt an einer Rennstrecke mit einzigartigen Automobilen stehen.

Und da nehmen sie – echte Deutsche mit echten Sportsandalen! – mit, was sie kriegen können.

Und stellen die Frage, die man hier häufiger hört: Warum sind diese Autos so schön, und warum sind die Autos heute alle so langweilig.

Ich kann das verstehen, denn wenn ich hier unterwegs bin und Bilder mache, achte ich darauf, dass keine modernen Fahrzeuge zu sehen sind. Sie würden das Bild verschandeln. Und es gibt auch keinen Grund, sie abzulichten. Sie sehen ohnehin alle gleich aus.

Seit gut 20 Jahren sind die neuen Autos alle irgendwie glatt gelutscht, vorne haben sie eine grimmige Visage und hinten den Helm eines zukünftigen Sternenkriegers, während in der Mitte genug Platz für Sophie, Max und Meike an Bord ist.

Diese Autos tun etwas, das den alten Konstrukteuren nie in den Sinn gekommen wäre: Sie orientieren sich an den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen. Autos entstehen heute nicht mehr als zivile Version von Rennautos und deren Erfahrung, sondern durch Analyse der Kundenwünsche, Produktionsabläufe und Kostenreduktion.

Das war früher ganz anders, da überlegte man noch, wie viel PS man maximal aus einem Motorblock holen könnte. Danach überlegte man, wie man diese PS auf die Strasse bringt. Eventuell machte man sich dann noch Gedanken, wie man das Auto zum Stehen bringt, und ganz zum Schluss quetschte man den Fahrer irgendwo hinein, wo nahe beim Tank aus einfachem Blech noch Platz war.

Wenn der Fahrer dann unvorsichtigerweise Kontakt mit dem Auspuff bekam, verbrannte er sich, und wenn er zu schnell in feuchte Kurven ging, rutschte das Heck weg, egal ob beim Maserati oder beim VW Käfer.

Autos sahen damals anders aus, weil sie die Technik in den Mittelpunkt stellten, und das Auto nicht als bewegliche und maximal sichere Schale des Menschen betrachteten. Das wurde erst relevant, als die Motoren und ihre Kraftentfaltung in den 70er Jahren an die Grenzen der Geschwindigkeitsbegrenzung. Versicherungskosten und Ölkrisen kamen.

Davor war Autofahren eine tückische und bisweilen mörderische Angelegenheit, und davon künden neben vielen Beulen bei der Mille Miglia auch Teile, die im Laufe des Rennens hier verloren gingen. Ein Tag zuvor war an diesem Delahaye nämlich noch ein Blech angenietet.

Die Interessen haben sich verschoben. Futuristen, in deren Geiste die Mille Miglia entstand, wollten schnell sein und mit der Maschine die Kunst besiegen. Wir wollen 3-Liter-Verbrauch-Autos statt 3 Liter Hubraum, Beifahrerairbags und ein DVD-System zum Ruhigstellen der Kinder.

Die alten Autos sehen abenteuerlich aus und wurden für Abenteuer gebaut. Heutige Autos sind Ausdruck von Solidität und Sicherheit, so eine Art motorisierter Bausparvertrag mit Rädern. Alle Banken bieten den gleichen, kleinen Zins, alle Autohersteller die gleiche, kleine Motorhaube und die verkniffenen Lampen.

Es sind Autos, deren verklemmtes Äusseres ahnen lässt, dass die Besitzer Beiträge über Transtoiletten, asexuelle Partnerschaft und die richtige Karrierestrategie im Büro lesen.

Es gibt natürlich Autos, die so tun, als ob sie etwas anderes und historisch wären: Fiat 500 und BMW Mini geben sich alt und abenteuerlich, auch wenn sie in aller Regel nur Office Managerinnen von ihrer 2ZKB-Wohnung in Dachau zum neuen, EU-normierten Büro in Schwabing Nord transportieren, hinter vorgeblendeten Travertinplatten, die auch totalitäre Systeme der 30er und 40er Jahre so geschätzt haben.

Voll klimatisiert. Mit dem Coffee-to.Go-Becher von Starbucks im serienmässigen Plastikgetränkehalter. Und einer Warnleuchte, die ihr sagt, wann sie in die Werkstatt fahren soll, damit ihr der Mechaniker als einzige Sauerei des Monats neues Öl in den Motor schüttet. Scheckheftautos halt.

Eine mehr oder weniger stylische Ergänzung zum Erwerbsleben mit der Erwartung einer halbwegs ausreichenden Rente, die sie sicher erreichen, weil die Gefahren heute so gering sind.

Das haben wir heute alles im Griff, das Navi erklärt uns heute den Weg und Amazon, was wir als nächstes kaufen. Maschinen bringen uns nicht mehr um, sie tun, was wir wollen, und die Algorithmen bei Facebook sorgen schon dafür, dass wir auch nur lesen, was wir lesen sollen.

Artikel über emissionsfreie Autos zum Beispiel, über Pedelecs, die uns das Treten erleichtern und nur 50 mal so viel kosten wie das alte, gebrauchte Rad, das nur mal wieder eine neue Kette bräuchte, und eine Hand, die sich mit dem Kettennietdrücker schmutzig macht.

Es ist eine wunderbare Welt der Technik, in der wir leben. Wir müssen nicht reisen, wir sind ohnehin immer mit allen über Smartphones in Verbindung, die genauso identisch wie die Autos aussehen und genauso austauschbar sind, wie Menschen und ihre Arbeit am Bildschirm.

Früher kämpfte man am Steuer von so einem Auto noch mit dem Motor um sein Leben, heute trägt einen die gefällige Technik durchs Dasein. Das ist doch auch nett. Vielleicht sollte man nur nicht mehr von Lebenserwartung, sondern eher von Daseinerwartung sprechen.

Lebenserwartung hat man, wenn man 4,5 Liter Hubraum mit dem Gaspedal auf 3000 Umdrehungen durch eine enge Altstadt kreischen lässt. Daseinserwartung hat man, wenn Helene Fischer im 9 Speaker Audio System behauptet, jemand würde so atemlos durch die Nacht jagen, wie man es bei der Mille Miglia tut.

Drüben bei San Lorenzo hat die Reiseführerin dann irgendwann ihre Schäfchen für einen kurzen Rundgang eingesammelt, die keinen 300SL mehr vor dem Castello mehr sehen werden. Denn der Bus muss schließlich auch weiter zum Palazzo Te, und was sonst noch bei der minutiös geplanten Reise auf dem Programm steht.

Warum sehen Autos heute so erbärmlich aus? Die gleiche Frage könnte man sich auch im Palazzo Ducale stehen, dessen Erbauer elend an der Malaria krepierten, und deren Gewänder selbst in den damals so schlechten Zeiten unendlich prunkvoller als die des Deutschen sind, der in Sportsandalen durch Italien geht. Oder beim Ikea Starterset, von dessen Tellern gegessen wird.

Und bei den Möbeln, der Kunst, und überhaupt allem, was die materielle Kultur unserer Überflussgesellschaft am Ende der technischen Entwicklung ausmacht. Bis hin zum formschönen, genormten Display in der Geriatrie, in der wir ganz anders als am Steuer eines Rennwagens sterben.

Es ist eben so. Der Zeit ihre Kunst, steht auf dem Gebäude der Sezession in Wien, und ich möchte sagen: Unserer Zeit ihre fade, gut übertünchte, voll versicherte und berechenbare Langeweile. Deshalb sehen unsere Autos so aus.

Und deshalb nehme ich jedes Jahr 4 hemmungslose, laute, abgasverpestete Tage Urlaub von dieser Gegenwart.

31. Mai. 2017
von Don Alphonso
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26. Mai. 2017
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Die Durchsetzung sozialer Sicherheit mit öffentlichem Tanz und Enthauptung

Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel mit dir nichts anzufangen!
Augustinus von Hippo

Nicht immer entsteht grosse Kunst in grossen Zeiten: Der Sieneser Künstler Ambrogio Lorenzetti war seiner Epoche weit voraus, als er um das Jahr 1338 den wichtigsten Ratssaal des Palazzo Publico mit dem ausmalt, was die Kunstgeschichte als “Allegorie auf die gute und schlechte Regierung” bezeichnet. Er war damit aber auch aus der Zeit gefallen, denn dieser Höhepunkt der Kunst der frühen Renaissance mit revolutionären, säkularen Bildschöpfungen entstand zu einem Zeitpunkt, da Siena die besten Zeiten schon hinter sich hatte. Gegen 1300 brach das bis dahin dominierende Bankhaus Europas, die Gran Tavola von Siena, nach einer Serie von Hiobsbotschaften zusammen. Es riss dabei den restlichen Kreditsektor der damals blühenden Handelsstadt mit sich, und leitete den ökonomischen Abstieg der Stadt ein. Der Rat der Neun, der zwischen den Gemälden der guten und schlechten Regierung tagte, war in jenen Tagen also auf dem Weg vom Ideal zur Dystopie, bis 1348 mit dem Schwarzen Tod die Hälfte der Bevölkerung starb.

Davon kündet das Bild der guten Regierung nicht. Es versucht, dem Betrachter eine Vorstellung Sienas in den guten Zeiten zu vermitteln. Wir sehen eine prosperierende Stadt des Wachstums, in der der Handel und das Handwerk florieren. Die Häuser sind herausgeputzt, es wird gebaut und vergrößert, die Menschen tragen prächtige Gewänder, und jeder hat seinen angenehmen Platz im Leben. Ins Zentrum dieses Lebens hat Lorenzetti nicht etwa männliche Oligarchen gestellt, sondern eine Gruppe von offensichtlich gut gelaunten Frauen, die sich an den Händen halten, und singen und tanzen. Zu einer Zeit, da man nördlich der Alpen noch schaurige Gabelkreuze schnitzt, steht hier im Mittelpunkt der Öffentlichkeit die Freude an der Körperlichkeit von Frauen.

Das ist es, das viel gepriesene Menschenbild der Renaissance, scheinbar frei von allen Zwängen des Christentums, die man mit dem dunklen Mittelalter verbindet. Die Sichtweise ist nicht ganz korrekt, denn Tanz gab es natürlich auch im Mittelalter. Auch die Kirchen wussten, dass Männer und Frauen zusammen kommen mussten, und Tänze waren da ein probates, durch Regeln moralisch tragbares Mittel. Wir wissen aus der schriftlichen Überlieferung, dass früher sogar in Kirchen profane Feste mit Tanz stattfanden. Es wurde nur nicht auf Wände gemalt, die den Marienbildern und Gekreuzigten vorbehalten waren. Lorenzetti erkor die freie, ungehinderte Bewegung von Frauen in der Gesellschaft zum Herzstück des gesamtgesellschaftlichen Wohlergehens.

Auf der anderen Seite, bei der schlechten Regierung, ist es anders. Diese Seite ist nicht so gut erhalten, aber an einer Stelle erkennt man eine Frau im roten Gewand, die von zwei Soldaten “bedrängt” wird, so nennen es Kunstgeschichtler, um nicht das deutlich anzusprechen, was hier zu sehen ist: Ein Übergriff, bei dem sich die Männer einig sind, einer Frau Gewalt anzutun. Das Motiv ist weniger neu, die Tradition der beiden Älteren, die Susanna im Bad begehren und sexuell missbrauchen wollen, hat eine lange Tradition in der Malerei. Aber es ist recht offensichtlich, dass Gruppentanz und, sagen wir es deutlich, Gruppenvergewaltigung ein antagonistisches Paar in der guten und schlechten Regierung darstellen.

Und das in einem Freskenzyklus, der besonders gern abgebildet wird, wenn sich europäische Politiker in eine lange Tradition des guten Handelns stellen wollen. Lorenzettis Malerei ist eine Inkunabel des gerechten Staatsverständnisses, und dabei übersieht man auch großzügig, dass der den Auftrag gebende Rat der Neun eine Versammlung der Sieneser Oligarchen war, die demokratisch wie die EU-Kommission letztlich der untergeordneten Stadtverwaltung anschafften, wie sie die Stadt in ihrem Sinne zu führen hatte. Es gibt unter den Bildern einen warnenden Appell von Lorenzetti, das Gemeinwohl nicht aus den Augen zu verlieren – und vielleicht hat er auch deshalb die Frauen gewählt, weil das Motiv dem Auge der hohen Herren nicht schlecht gefallen hat.

An der Stirnseite gibt es übrigens noch die berühmte Darstellung der Tugenden, unter ihnen die Figur des Friedens mit einer damals unerhört lasziven Körperhaltung im leichten Sommerkleidchen. Nebenan in der Pinacoteca Nationale kann man sich übrigens anschauen, wie aus den ikonenartigen, steifen Madonnen Duccios mit herabgezogenen Mundwinkeln emotional bewegte, sinnliche und sexuell auch heute noch attraktiv wirkenden Frauen Lorenzettis werden. Kopftücher werden zu leichten, allenfalls zu ahnenden Schleiern, unter den Gewändern wird Figur deutlich: Renaissance ist, wenn aus der Mutter Gottes eine Frau wird, und wenn man diesen Schritt erst einmal gemacht hat, kann man die Frauen auch tanzen lassen.

Dazu sollte man vielleicht wissen, dass öffentliche Tänze in der europäischen Kulturgeschichte stets zu den Symbolen des guten Lebens gehörten. So wird beispielsweise von einem Einzug Kaiser Maximilians in Regensburg berichtet, der von Westen kam und dabei das Bordellviertel passieren musste. Die dort wohnenden Frauen haben ihm zu Ehren eine Tanz aufgeführt, und Maximilian stieg vom Pferd, um mit ihnen zu tanzen: Vor der versammelten Bürgerschaft und seinem eigen Hof. Das, womit die aktuelle Regierung mit ihrem katastrophalen, angeblichen Prostitutionsschutzgesetz vermutlich scheitern wird, hat Kaiser Maximilian durch seinen gesellschaftlich inklusiven Tanz in der Öffentlichkeit allen vor Augen geführt: Diese Frauen, zeigte er, gehören in die Mitte der Gesellschaft, und sind gut zu behandeln, wenn er selbst das schon tut. Gute Regierung durch gutes Beispiel.

In Tübingen soll es bei einer Tanzveranstaltung zu Übergriffen gekommen sein – ein Umstand, der nur in die größere Öffentlichkeit kam, weil der Oberbürgermeister der Stadt eine nachträgliche Entschuldigung der Veranstalter weit verbreitete. Der SWR hat nach eigenen Angaben zwei Zeuginnen ermitteln können, die nur anonym sprechen wollen, und es gibt zwar eine Ermittlungskommission, aber noch keine Anzeige. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die eher links orientierten Betroffenen und Zeugen kein Interesse daran haben, aks Kronzeugen für ein Bild herhalten zu müssen, das nicht der guten Regierung entspricht. Was 2015 bei der Grenzöffnung von vielen Seiten versprochen wurde, sollte Ähnlichkeit mit der guten Regierung Lorenzettis haben, mit Fachkräften und Zuwanderern, die im Durchschnitt gebildeter als die Deutschen sein sollten, und die für ein neues Wirtschaftswunder sorgen und später einmal in unserer überalternden Gesellschaft die Rente zahlen werden. In Köln hatte man eher den Eindruck, das Bild der schlechten Regierung zu sehen, wo unter den Untugenden dann auch die Gerechtigkeit gefesselt und unfähig zum Urteil dargestellt wird. Wir haben jetzt für exakt solche Fälle zwar ein drakonisches “Nein heisst Nein”-Gesetz. Aber auch Betroffene, die schweigen, es ins Leere laufen lassen, und nicht mehr zu jeder Zeit, an jedem Ort ungehindert tanzen.

Manche werden sagen, da würden sich eben patriarchalische Strukturen äussern und Deutsche machten das auch – aber das ist nicht richtig. Patriarchat ist nicht Patriarchat. Tanz ist im europäischen Kontext eine Ritualisierung der Annäherung zwischen zwei Geschlechtern in einem monogamen Rahmen: Es war möglich, miteinander zu tanzen, zum Zwecke einer gewünschten körperlichen Vereinigung – und unter einem immensen sozialen Druck, der diese Entscheidung für einen einzigen Partner dann auch exklusiv umsetzen wollte. Frühere europäische Kulturen waren zwar tanzfreudig, aber vor allem vor dem Hintergrund, dass Menschen erfahren sollten, ob sie gut miteinander umgehen konnten. Andere Kulturen haben da andere Vorstellungen, und bei den Saudis tanzen dann eben Männer zusammen mit Schwertern. Auch das ist Ausdruck einer bestimmten Haltung, aber eben nicht einer alteuropäischen Tradition, die bei uns schon im Kindergarten eingeübt wird. Man muss die dahinter stehende Moral nicht mögen, die früher auf Exklusivansprüche am Partner abzielte, Schon Boccaccios Decamerone ist nicht umsonst voll mit Geschichten, die in genau jener Zeit diese Moral hinterfragen. Aber auch dort finden zwischen Männern und Frauen Gespräche, Musik und Tänze gleichberechtigt und nach klaren Regeln statt, die allen bewusst sind.

Lieblich sind die Bilder von Lorenzetti, und den Rat der Neun gibt es schon lange nicht mehr, so dass man heute dazu neigt, hier eher ein Idealbild der Gesellschaft zu sehen als das, was es ist: Eine Handlungsanweisung, bei denen die Guten eine Belohnung und die Schlechten buchstäblich ein Schwert in den Nacken bekommen. Wenn sie als Fürsten nicht taugen, wird ihnen die Krone entrissen. Das sind für unser heutiges Verständnis teilweise radikale Vorstellungen von Gerechtigkeit, aber so war das damals in den Städten der Renaissance: Entweder man ordnete sich dem System und seinen Zielen unter, oder man wurde radikal ausgeschlossen und vertrieben, die Bürgerrechte wurden entzogen und die Häuser gebrandschatzt. Es gilt als feinsinnig, die Gemälde Lorenzettis zu bewundern, aber seine Empfehlungen entsprechen doch eher dem, was Donald Trump gerade nach dem Anschlag von Manchester gesagt hat: Man müsste diese Leute aus den “Communities” verdrängen.

Man könnte natürlich auch das eine oder andere Element aus der Darstellung der guten Regierung entfernen ohne dass dessen Grundaussage irreversibel geschädigt wäre. Die Wirtschaft würde immer noch florieren, wenn die Frauen nur noch in einem abgeschlossenen Haus tanzten, mit einem Wächter davor, der andere aufhält und einem Podesta, der aus Parteiräson schweigt. Es wäre vielleicht etwas, sagen wir, irritierend, und es wäre nicht mehr die absolute Sicherheit der guten Regierung, sondern eine relative Sicherheit mit Lebensrisiken. Genauso könnte man übrigens dann auch argumentieren, dass auf der anderen Seite gar keine schlechte Regierung dargestellt ist, sondern nur eine gute Regierung in ihren alternativlosen Möglichkeiten, mit den unvermeidlichen Lebensrisiken des 14. Jahrhunderts, in der es keinem schlechter geht. Also Allegorie der guten Regierung und der Regierung mit Herausforderungen, die gar nicht so auffallen, wenn der Bürgermeister endlich den Mund halten würde.

Ich mag, das möchte ich hier sagen, Lorenzetti sehr, und man kann natürlich immer im Schlechten das Gute sehen: Wäre Siena nach dem Fresko nicht so abgestiegen und verarmt, hätte man die Gemälde vermutlich später abgeschlagen, bepickelt und mit weniger brutalen, gefälligeren Darstellungen übermalt. Ein ist ein Unglück für Siena, und ein Glück für die Kunstgeschichte. Natürlich hätte ich damals nicht leben wollen, und auch heute möchte ich, dass man immer, überall, nach Lust und Laune hemmungslos und selbstbestimmt körperlich sein kann, in bester, europäischer Tradition, und dieser Konsens von allen verstanden und getragen wird, sofern sie nicht Bekanntschaft mit dem Richtschwert und seiner heutigen Entsprechung machen wollen. Weit sind wir gekommen in der Entwicklung, aber das dachte man in Siena auch, als man Lorenzetti den Auftrag gab. Unsere Freiheiten waren und sind kein Naturzustand, und schnell weg, wenn man sie nicht entschlossen und ohne falsche Rücksichten verteidigt.

26. Mai. 2017
von Don Alphonso
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22. Mai. 2017
von Don Alphonso
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Leitkultur mit rasenden Autos und Furien

Dieser Text kommt mit einem riesigen Umweg zum eigentlichen Thema, nur um möglichst viele Autobilder unterzubringen.

Immer, wenn ich in Italien war, erwarten mich daheim Neid und Missgunst. Früher hasste ich den Mai, weil ich vom Heuschnupfen geplagt war, heute hassen andere meinen Mai, weil ich den Birkenpollen und dem Heuschnupfen in Italien entgehe, und dabei nicht nur die L’Eroica, sondern auch die Mille Miglia mitnehme.

Und das Vergnügen zudem auch entsprechend offen darstelle, privat, und was bei von Lohnarbeit Abhängigen beruflich wäre. Zu Neid und Missgunst gesellt sich mitunter auch Eifersucht, wenn ich daheim nicht nur das Land, sondern auch seine Bewohnerinnen lobpreise. Das könnte mir auch diesmal passieren, denn in Brescia war ein ganzer Schwarm von Italienerinnen in Rokokokostümen, die sich auch so charmant verhielten, wie man das bei Diderot gern liest.

Knicks hier, Küsschen da, mit Fahrern in der Mitte und angeblich gibt es auch ein Bild eines deutschen Journalisten, den sie von zwei Seiten abbusseln also das geht Sie gar nichts an und hat Sie auch nicht zu interessieren, jedenfalls, Startnummer 180 bis 220 habe ich irgendwie verpasst. Es war eine sehr gelungene Aufführung, großherzig, sinnenfreudig, sie verschmolzen mit den Kostümen jener opulenten Epoche, die noch wusste, wie man mit der Leibeigenschaft Klassengrenzen befestigt. Sehr italienisch jedenfalls.

Dann war da Italienerin in Mantua, die einen Pudel hatte. Es war heiß, und sie hatte daher auch Wasser für den Pudel dabei. Und damit der Pudel nicht etwa aus der Flasche trinken muss, hatte sie auch ein pinkfarbenes Schlabbertässchen dabei. Und damit sie sich nicht etwa bücken und dem Hund das Wasser selbst geben muss, hatte sie auch einen Mann dabei, der das tat, während sie gut aussah und Sportautos bewunderte. Diese Rollenverteilung ist sehr, sehr italienisch!

Schliesslich würde ich daheim vermutlich erneut den Fehler machen und von italienischen Müttern erzählen, die nach der Geburt ihrer Kinder nicht wie Parteimitglieder der Grünen aussehen, sondern stilvoll mtt hochhackigen Schuhen, das Kind hinten drauf, durch die Städte radeln und in jedem Detail perfekt sind. Das zu erzählen ist ein Fehler, ich habe hier in der Zeitung auch einmal über “Italienerinnen in Bewegung” geschrieben, und zwar so euphorisch, dass ich mich nach meiner Heimkehr nicht etwa an Seiten einer Frau, sondern allein auf ihrem Sofa wiederfand. Aber es ist wahr und sehr, sehr, sehr italienisch!

Daheim jedenfalls hat man den Eindruck, dass ich zwar stets bereit bin, die Italienerin als solche in höchsten Tönen zu loben, wohingegen die Einheimischen weitaus weniger Komplimente erhalten. Ja, es wird mir gar nachgesagt, ich neigte dazu, nichtitalienische Frauen aufgrund ihrer Erscheinung in die Nähe der Grünen zu rücken, was überhaupt nicht stimmt, meistens jedenfalls, außer sie sind Parteimitglieder und lehnen alte Autos und andere Freuden des Patriarchats ab.

Trotzdem reagieren Frauen oft ungehalten auf mein Lob, fühlen sich zurückgesetzt und werden spitz bis garstig. Dann wird mir bedeutet, dass ich doch auch ganz nach Italien ziehen könnte, wenn dort alles so perfekt und schön ist, ein Haus kaufen, eine Italienerin heiraten, und ein Auto mit mehr als 2 Sitzen erwerben, für die Kinder und die Eltern der Braut und alle anderen Angehörigen. Dann wären alle zufrieden. Nur zu! Niemand möchte meinem Glück im Wege stehen, niemand würde mich allzu sehr vermissen. Bis dahin weiss ich ja, wo für das Übernachten das Sofa steht. In schweren Fällen auch: Mein Auto.

Das wird mir diesmal nicht passieren, denn ich war vorgestern ein wenig südlich von Maranello, in den nördlichen Ausläufern der Toskana. Es gibt dort winzige, vergessene Bergstrassen zwischen Weilern und Höfen auf den Bergen, die längst von breiten Strassen im Tal als Hauptverkehrswege abgelöst sind. Das macht sie so attraktiv für die Mille Miglia: Die alten Fahrzeuge können auf gesperrten Bergstrecken hemmungslos fahren, die anderen müssen ins Tal ausweichen.

Das ist überall bekannt, die Mille Miglia ist ein riesiges Fest, und ich bin dem Tross entgegen die Bergstrasse hinauf gefahren, so weit es eben ging. Am Ende standen Offizielle und die Polizei an einer Zeitkontrolle, die die Strasse wirklich blockierte, und winkten mich auf einen Parkplatz. Ich tat, was mir von der Polizei gesagt wurde, bedankte mich, Grazie, mille Grazie, stieg aus, und machte mich auf die Suche nach den besten Positionen, um das Geschehen in Bildern einzufangen. Das wird mir jetzt niemand glauben, der mich kennt, aber: Ich war sogar zu früh da.

Noch rauschten neumodische Ferraris durch die Landschaft. Als guter Deutscher tat ich das, was Deutsche immer tun, wenn sie, im tiefsten Inneren Romantiker, in Italien sind: Ich setzte mich auf die lehmige Erde und dachte mir in Selbstbescheidung: Du bist 100 Kilometer offen durch Italien gefahren, du bist in der schönsten Landschaft der Welt, ab und zu fährt ein Ferrari vorbei und die Sonne scheint – du sitzt nicht nur auf einem Berg, sondern an der obersten Spitze der menschlichen Entwicklung, nur ganz wenige haben es so schön wie du. Geniesse es. Sie werden schon noch kommen.

Ich war also, romantisch mit erfüllter Italiensehnsucht gesegnet, zufrieden und diszipliniert. So ist der Deutsche nun mal. Sie kamen dann auch, nach gut einer Stunde, als die Sonne schon tief stand, und das Licht zunehmend schlechter wurde.

Denn es war schon recht spät am Abend, und über der Poebene bildete sich ein rabenschwarzes, wagnerianisch-dramatisches Hitzegewitter. Einzelne Wolken zogen hoch über die Hügel und verdeckten die Sonne.

Ich machte das, was Deutsche immer tun, wenn sie aufs Sofa geschickt werden oder die Sonne verschwindet: Ich fügte mich ins Unvermeidliche. Ich stellte die ISO-Zahl auf 800 und begann, mit langer Belichtungszeit zu operieren.

Das ging oft grässlich schief und manchmal waren die Ergebnisse vorzeigbar, wenn man ein Faible für durch Bewegung verwischte Bilder hat.

Wie gesagt, die Strasse ist gesperrt und stark abschüssig, da kann man es laufen und den Bildberichterstatter mit Blende 3,5 verzweifeln lassen.

Langsam zog ich mich über den Bergrücken zurück zur Kontrollstelle, wo das Licht noch etwas besser war, und die abgebremsten Autos leichter zur Beute meiner Kamera wurden. Man muss eben nehmen, was man kriegen kann.

Dort standen weiterhin die Rennbevollmächtigten – was für ein schönes, deutsches Wort! – und die Polizei. Vom Berg herab kamen die Bugattis, BMWs und OSCAs, aber vom Tale herauf kam ein kleiner, roter Wagen, und seine Fahrerin war definitiv zu spät, um noch gute Bilder zu bekommen.

Das wollte sie aber auch gar nicht. Sie wollte durch. Sie ignorierte den ersten Bevollmächtigten und seine Pfiffe, und der zweite stellte sich ihr in den Weg – nur um gleich wieder zur Seite zu gehen, denn sie bremste erst im letzten Moment und auch nur, weil sie sonst in einen entgegen kommenden Jaguar gekracht wäre. Auf den Mann hätte sie keine Rücksicht genommen.

Der Leiter der Kontrollstelle kam herüber und erklärte ihr, was er allen schon gesagt hatte: Hier findet ein historisches Rennen statt. Hier kann man nicht durch.

Das steht auch auf einem Schild im Tal. Nur Anwohner werden durchgelassen. Alle anderen müssen zurück ins Tal und ihre Ziele auf der neuen Strasse ansteuern. Es sind maximal 10, 15 Kilometer Umweg.

Und die Signora sollte jetzt weg vom Endpunkt einer Zeitwertung, weil hier manche doch recht flott durchrauschen. Es rauschten derer fünf hupend durch die vom roten Kleinwagen gebildeten Engstelle, bis sie ihren Wagen laut zeternd über die Strasse auf den Parkplatz fuhr.

Und ausstieg und reihum begann, alle Anwesenden zu beschimpfen und gröblich zu insultieren. Was das für eine Frechheit sie, sie so zu behandeln. Ihr den Weg zu verbieten. Das sei schließlich ein freies Land, und sie sähe es überhaupt nicht ein, noch mal ins Tal zu fahren. Und warum die Polizei das zulasse. Es klang, als würde jemand eine feministische Kolumne der Zeit brüllen, und danach noch eine von Spiegel Online.

Nachdem sie alle beschimpft, verflucht und beleidigt hatte, wurde sie nicht festgehalten, weil sie eine gesperrte Strasse befuhr, einen Beamten beleidigt und einen Rennoffiziellen beinahe überfahren und andere gefährdet hatte. Sie stieg in ihr Áuto, schrie noch ein paar Minuten, die sich so endlos wie ein Vortrag der Familienministerin zur Gleichstellung anfühlten, und fuhr dann wieder hinunter, nicht ohne vorher eine Halteanweisung zu ignorieren und einen unschuldigen Aston Martin DB2 beinahe seitlich in die lehmige Erde der Toskana zu bohren.

Ich ging zu meinem Wagen, zeigte in ihre Richtung und meinte, sie sei wohl un poco verrückt, aber der Polizist sagte nur, so seien Frauen eben. Das ist sehr, sehr, sehr, sehr italienisch, dachte ich mir, denn die Vorstellungen von dem, was eine legitime Konfliktsituation und was strafrechtlich relevant ist, gehen wohl im internationalen Vergleich ziemlich auseinander. Die eigenen Normen hat man so verinnerlicht, dass sie nicht weiter bemerkbar sind – es sei denn, sie werden in Frage gestellt. Die deutsche Norm lautet; Beleidige nie einen Polizisten. Die italienische Norm lautet: Warte, bis die Furie ins Auto steigt und verschwindet.

Natürlich darf man nicht verallgemeinern, aber ich verallgemeinere schon bei Rokokokostümen, Hunde- und Männerhalterinnen und modischen Müttern, da kommt es auf einmal mehr nicht an. Man kann die Idee einer Leitkultur und einer Identität leicht verneinen, wenn man sich über Normen einig ist: Dann scheint es, als gäbe es so etwas gar nicht, weil es jeder automatisch tut, und man es nicht als relevant ansieht. Niemand käme auf die Idee, Ehebruch in Deutschland zu einer gesellschaftlichen Norm zu erklären: Das wird halt bei uns so gemacht, bis hinauf zum höchsten Politikerinnen und Politikern gleich welcher Partei. Dass es sehr wohl etwas mit unserer Identität zu tun hat, merkt man erst, wenn man in die andernorts geltende Scharia blickt. Es muss ja nicht gleich Steinigung sein, aber es gibt international sehr unterschiedliche Vorstellungen, welches Verhalten statthaft ist. Ausbrüche wie da oben am Berg mögen in Italien Teil des Lebensgefühls und der Selbstverwirklichung sein – in Deutschland würde so ein Benehmen, gerade bei nichtigen Anlässen, bald jede private und berufliche Beziehung sprengen.

Es verträgt sich überhaupt nicht mit den Normen, den kulturellen Vorstellungen von Interaktion, und das, obwohl nur die Alpen zwischen Deutschland und Italien liegen. Mir ist natürlich auch das eisige Anraunzen der Menschen in Berlin fremd, aber dort oben über Maranello wurde auch offensichtlich, dass die typische Bayerin ganz sicher keine nördliche Voritalienerin ist, auch wenn solche Mythen gern verbreitet werden. Man denkt darüber einfach nicht nach, wenn man daheim ist. Aber wer nicht glaubt, dass es so etwas wie eine spezifisch deutsche Leitkultur gibt, sollte einfach längere Zeit im Ausland verbringen – es muss noch nicht einmal Iran oder Nordkorea sein.

Ich bin danach wieder den Berg hinunter gefahren, eingeklemmt zwischen einem rasenden Delahaye und einem Polizeiwagen, der mir bedeutete, dass ich bitteschön hier auch absurd illegales Renntempo und mit quietschenden Reifen über Rondelle fahren sollte, wo die Menschen nur darauf warteten. Es gibt eine Leitkultur, in Deutschland wird man dafür eingesperrt und in Italien bejubelt. Dafür schläft man in Deutschland allenfalls allein mit der Leitkultur auf dem Sofa, wenn in Italien längst das Nudelholz spricht.

So ist das. Und dafür hat es sich gelohnt, nach Maranello zu fahren, auch wenn die Bilder nicht ideal geworden sind.

22. Mai. 2017
von Don Alphonso
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20. Mai. 2017
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Die moralische Ungnade der spätesten Geburt

Erfindung ist nützlicher als die Wahrheit
Benito Mussolini

Mir geht seit einem Jahr ein Erlebnis durch den Kopf, das ich gern aufgeschrieben hätte, aber so richtig fand sich nie die Gelegenheit. Ich habe in der Eremitage von Bayreuth zwei ältere Herrn kennengelernt, Jahrgang 1926. Das war, wir erinnern uns, keine besonders gute Zeit, und sie sollte noch schlechter werden: Als die beiden 7 Jahre alt waren, übernahm die NSDAP die Macht im Deutschen Reich, und zusammen mit 120 anderen Jungen besuchten sie hier ein Gymnasium.

Daher gab es hier ein jährliches Klassentreffen, und obwohl dort noch Disziplin herrscht und jeder, der kommen kann, auch kommt, waren nur noch 10 in der Lage, dem Ruf zu folgen. Zwei davon also sassen auf einer Bank mit Blick auf die Wasserspiele, wir kamen ins plaudern. Ich erzählte, dass bei meinen Klassentreffen auch nicht mehr als 10 Anmeldungen vorlagen, der Rest schwänze, so haben sich die Zeiten geändert – und einer der beiden sagte dann, naja, es hätten ja auch nur 70 bei ihnen den Krieg überlebt.

Weil man sie nämlich 1944 nach einem Notabitur eingezogen und in die Wehrmacht gesteckt hätte, und damals sind von den 120 Abiturienten 50 gefallen, in Gefangenschaft gestorben oder anders ums Leben gekommen. Das Wasser plätscherte und lief über dicke Brüste der Nymphen herab, die neckisch mit Tritonen spielten, die Sonne schien, und da kam ich doch etwas ins Grübeln. Wer mit 7 Jahren unter die Herrschaft der Nationalsozialisten kam, der hat sie nicht gewählt. Der hatte auch bis zu seinem 18. Lebensjahr, praktisch gesehen, keine Chance, dem System zu entgehen, und wurde ebenso unvermeidlich zum Opfer der Einberufung, als der Krieg längst verloren war.

Neben mir sassen also zwei steinalte Männer, die damals einen Karabiner frisch von der Schulbank weg in die Hand gedrückt bekamen, um auf Amerikaner, Russen und Briten zu schiessen, und die schlechte Chancen hatten, das zu überleben. Also, jedenfalls deutlich schlechtere Chancen als ich im Flugzeug, das mich nach meinem Abitur in der alten BRD nach Kalifornien brachte, um ein Auto zu kaufen und die 8 Zylinder auszufahren. Da sassen wir, das Wasser plätscherte, und ich sagte mir das, was ich mir als Historiker oft sage:

Aus der Geschichte lernen heisst nicht, dass der eine die historische Wahrheit hat und alle anderen daraus lernen müssen. Aus der Geschichte lernen heisst, dass es viele Sichtweisen und Erfahrungen gibt, und das Erste und Wertvollste, was man daraus lernen muss, ist die Einsicht in die eigene begrenzte Beurteilungsfähigkeit. Wenn man das aus der Geschichte gelernt hat, ist man immun gegen das Übelste, das man aus der Geschichte lernen kann: Dem Irrglauben, man sei die Spitze der menschlichen Entwicklung, und könnte sich, um diese heilsgeschichtliche Position zu belegen, auf der eigenen, voreingenommenen Interpretation der Vergangenheit herum trampeln.

Die beiden Männer neben mir wurden später übrigens Lehrer, stiegen auf zum Direktor und Schulrat, und dienten Demokratie und Verfassung mit einer ganz anderen Hingabe als Hakenkreuz und Reichsadler. Das war damals eben so, die Generation, die Deutschland von den Naziherrschaft als Trümmerlandschaft erhielt, war die Generation der Wehrmacht und der Luftwaffenhelferinnen. Keiner von denen hatte 1933 Nazis oder Rechtsreaktionäre gewählt. Die Zeiten waren schlecht, sie haben mit der BRD etwas daraus gemacht, das – ich denke, das ist Konsens – besser war.

Natürlich mit ihrer Sicht der Dinge, und das schloss in weiten Teilen der Gesellschaft eine historisch fragwürdige Sicht der Wehrmacht mit ein. Von Helmut Schmidt, dessen Wehrmachtoffiziersbild gerade abgehängt wurde, gibt es ein Interview über den deutschen Herbst 1977, in dem er sich abfällig über Helmut Kohl äußert, und Franz Josef Strauss lobt: Kohl hatte keine Kriegserfahrung, während Strauss und Schmidt als Offiziere damals gewusst hätten, was nun zu tun sei, und die nötige Härte mitbrachten. Ob das Interview nun, da Baader und Meinhof langsam zu Popikonen gemacht werden, vielleicht auch in die Giftkammer des Staatsfunks kommen mag?

Es war ein weiter und harter Weg, die Verbrechen der Wehrmacht aufzuarbeiten und im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern, nachdem man sich auch in den Parteien, die sich jetzt als Sieger der Debatte geben, jahrzehntelang genau davor gedrückt hat. Hitlers Generäle sind längst unter Erzielung hoher Pensionen tot, wir arbeiten uns an Wehrmachtsdevotionalien und den letzten Überlebenden ab. Es war lange Zeit eine hässliche Debatte, heute sind es kinderleichte Siege, und zu gern wüsste man, ob und wenn ja wer in Frau von der Leyens Familienalbum nun ebenfalls der Damnatio Memoriae zum Opfer gefallen ist.

Es ist jedenfalls immer ein Alarmzeichen, wenn ein Kampf gewonnen ist, und nun schlagartig alle bei den Siegern sein wollen: Das, was die Franzosen 1944/45 als Resistance de la derniere minute kennenlernen mussten, hat frappierende Ähnlichkeit mit dem dem neuen deutschen Antifaschismus, grad so, als wären CDU und CSU seit jeher führende Protagonisten der Aufklärungsarbeit gewesen, und hätten nie Vertreter auf den Begräbnissen von Wehrmachtsgrössen gehabt. Aus Relativierung wurde Abgrenzung, nur der wichtige Teil der eigenen Hinterfragung, der erscheint mir bei all den Internet- und Medienantifaschisten etwas schwach ausgeprägt.

Dabei erzählt die Geschichte leider sehr oft, dass nicht alles, was das absolut Böse bekämpfte, absolut gut sein muss, und Italiens Duce Mussolini zeigte mit seinem Schlingerkurs in Bezug auf Hitler mit Militäraufmärschen am Brenner und Alpenbefestigung gegen Deutschland, wie man das machen kann, ohne selbst jemals erfreulich gewesen zu sein. Immerhin, die strengen deutschen – und damit sehr identitär deutschen, weil der wahre, überzeugte Deutsche, der macht keine halben Sachen und lässt sich nicht von kleinlichen Bedenken aufhalten, wenn es um die Bekämpfung des Falschen geht – die strengen deutschen Kriterien ziehen hier südlich der Alpen noch nicht ganz. Mussolini, der nach erfolglosen Versuchen als sozialistischer Journalist zum faschistischer Diktator wurde, hatte nicht wie Hitler nur 6, sondern 18 Jahre relativer Ruhe im eigenen Land Zeit, die Orte mit einem immensen Bauprogramm mitunter futuristisch, meist aber neoklassizistisch zu prägen.

Und wer hier meint, wegen faschistischer Architektur die Augenbraue heben zu müssen, hat wahrhaft viel zu tun. Italien ist voll davon, das Regime hatte operettenhafte Züge und liebte es, die eigenen Ansprüche in Beton, Marmor und Ziegelstein abzubilden. Mitunter hat man Inschriften und Liktorenbündel entfernt. Der Rest steht da noch immer wie zu des Duces Zeiten, und Brescia, wo ich vorgestern war, hat davon einen ganzen Aufmarschplatz in der Stadt. Auf dem dröhnen die Motoren wie in den Träumen Marinettis.

Denn die Mille Miglia ist wieder in der Stadt, 1000 römische Meilen rasen alte Automobile durch Italien. Das Ereignis feiert 90. Geburtstag, und was könnte man da nicht alles zur eigenen moralischen Versicherung aufarbeiten. Den Todeskult durch Maschinen, den Futuristen feierten, der krankhafte Glaube an die technisierte Zukunft, die Neuinszenierung eines brandgefährlichen Rennens mit hohem Blutzoll als Bühne für den faschistischen Neuen Menschen. Mussolini schickte seinen eigenen Fahrer an den Start, auf Siegerbildern posieren dreckverschmierte Männer neben Schwarzhemden, und der Sieg galt als Frage der nationalen Ehre.

Weshalb auch die Deutschen noch in der Weimarer Republik mit Mercedes und dann, hocherfolgreich mit BMW dank ausgefeilter Aerodynamik, im III. Reich um Siege kämpften, wie dann auch nach 1948 erneut erfolgreich seitens der BRD mit Mercedes – und alle sind sie wieder in Brescia am Start. Natürlich ist das Kapitel vor dem 2. Weltkrieg geprägt von Idealen der damals Neuen Zeit, und heute sitzen die Menschen in einer vom Faschismus errichteten Loggia und schauen zu, wie sich Alfas und Fiats jener Tage mit laut brüllenden Motoren ein Duell liefern.

Die unangenehme Botschaft ist natürlich, dass unter Faschismus wie unter Demokratie, ohne Rücksicht auf die damit früher transportierten Ideale, die Menschen sich hinreissen lassen, mit Fahnen zu winken und – zumindest früher – ihre Favoriten lobten, das eine Land richtig und das andere falsch fanden, dafür auch dopten und betrogen, und was man eben so tut, wenn man am Ende als Gewinner verewigt werden will. Man hat inzwischen gelernt, das nationale Prestige anders auszudrücken, aber für wahrhaft kritische Geister bliebe viel, was hier zu bemängeln wäre. Auch jetzt, nachdem die Kanzlerin souverän von Oben nach Unten das eigentlich parteipolitisch gewünschte Ziel der Elektroautofizierung der Nation aufgegeben und der nationalen Industrie die Erlaubnis erteilt hat, noch lange weiter Verbrennungsmotoren zu bauen.

Denn natürlich ist das hier laut und dreckig, und auf den Strassen liegt Sand, sonst würden die Autos in den Kurven auf den öligen Ausscheidungen ihrer Vorgänger wegrutschen. Es ist ein unmodernes und archaisches Vergnügen: 1927 hielt man das noch für die Zukunft, heute würde man vermutlich eher 3km-Lastenradrennen in Berlin zur nächsten Kita organisieren, um die Fähigkeit zu demonstrieren, den Alltag nachhaltig zu meistern, mit veganem Siegerbankett und energetisch gereinigtem Sodawasser im Holzpokal. Was hier gefeiert wird, ist eine Fortbewegung, die absehbar in wenigen Jahrzehnten als verabscheuungswürdige Diktatur in unseren Städten gelten wird.

Man wird sich dann beweisen müssen, dass man besser ist, oder noch besser, das Optimum.. Und man wird Studien erwähnen, nach denen Zigtausende damals, in unserer Zeit, durch mehr Autoabgase ums Leben kamen. So schlimm war das, was manche damals sogar noch in Brescia feierten: Der reinste Massenmord. Ich kann allerdings nicht garantieren, dass ich dann brav auf einer Bank sitze und bedächtig dazu nicke, mit Blick auf ein trocken gelegtes Wasserspiel, weil wir das Süsswasser dann nicht verschwenden, sondern lieber nach Äthiopien spenden..

Vielleicht mache ich auch keck und dreist den Mund auf und erwähne – vorsichtig natürlich, man weiss dann schliesslich, wie das mit der Ermächtigung von Heiko Maas und seinem Zensurgesetz ausgegangen ist – dass es kein Zeichen besonderer Sicherheit ist, wenn man das Leben der Vorgänger schlecht redet, um sich selbst zu erhöhen. Wer das braucht, mit dessen Selbstsicherheit kann es nicht wirklich weit her sein. Kann es gar sein, dass ein paar Defizite des Optimums mit so einer Abgrenzung überdeckt werden sollen?

Auch Mussolini hat sich schließlich, wenn etwas in seinem perfekten Staat schief ging, über die althergebrachten Unarten seiner Landsleute und historisch bedingte Inkompetenz der Eliten beklagt. Man sieht also, für eine schlechte Tradition muss man noch nicht mal in der Wehrmacht gewesen sein. Und die Tradition des ungehemmten Hedonismus, die man damals, 2017 noch lebte, war gar nicht so schlecht wie ihr dann weit verbreiteter Ruf.

(Wie üblich bei der Mille Miglia und auf Wunsch der Leser sind hier alle motorpornographischen Bilder 1000 Pixel breit, ohne Rücksicht auf Datenvolumen)

20. Mai. 2017
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Die gebaute Islamophobie im Alten Europa

Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Recep Tayipp Erdogan

Kommen Sie mit mir noch ein paar Kilometer mit, über die Hügel meiner Teilzeitheimat nördlich von Siena, hinunter ins Tal hinter dem verlassenen Dorf des Patriarchats – über einen steilen Schotterweg kommen wir in das schmale Seitental der Elsa, das heute die Weinbauregionen Chianti und Chianti Classico trennt. Ich möchte Ihnen da noch etwas anderes zeigen.

Wir sind in einem Italien, italienischer könnte es kaum sein, und rollen langsam den ersten Hügel des klassischen Chiantigebietes hoch. Es sieht hier auch nicht anders aus als auf den Hügeln ein, zwei, drei vier Hügelketten weiter. Italien wie aus dem Bilderbuch, sollte man meinen, und wenn es hier um Identität geht, hört man am ehesten von den Konflikten, die Florentiner im Norden und Sienesen im Süden im späten Mittelalter in dieser Region ausgetragen haben, und die künstlerische Begleitung dieser Machtkämpfe, aus denen die Renaissance erwuchs: Duccio, Simone Martini und die Brüder Lorenzetti in Siena, Giotto, Brunelleschi und Michelangelo in Florenz.

Burgen künden von den damaligen Konflikten in ihren späteren Ausbauphasen. Aber wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass die Streitigkeiten zwischen Städten und verfeindeten Clans in der Toskana dank der Kunst bedeutender wirken, als sie wirklich waren. Lokale Fehden, Streitereien um Käffer und Kirchen, ein paar Strauchdiebe, teils mit und teils ohne Adelstitel, dazu ein paar Bank- und Handelshäuser, die zwei Jahrhunderte gute Geschäfte machten und dann bedeutungslos wurden: Die toskanische Renaissance hat eine gute Propaganda, und dadurch wird anderes überdeckt. Wie etwa die Epochen davor.

Wir biegen ab auf eine kleine, marode Seitenstrasse praktisch ohne Verkehr, denn die Strasse wird oben in einem Dorf enden, hinter dem nur noch undurchdringlicher Wald die Heimat der hiesigen Wildschweine ist. Gegenüber liegt ein weltbekanntes Weingut, hier zerfallen ein paar Häuser, und man ist schnell auf dem kleinsten Gang, denn die Strasse wird steil, sehr steil, und verlangt dem Radler alles ab. Das Tal bleibt weit unten zurück, und wenn man hier so hoch keucht, wundert man sich schon, warum dieses Dorf hier ganz, ganz oben auf einem Berg liegt, ganz hinten beim Wald. Man fragt sich im Pinienduft, was das früher für eine Plackerei gewesen sein muss, alles, was man brauchte, auf den Berg zu schaffen.

Es findet sich hier oben, auf einer Terrasse mit bestem Blick über das Tal, und an ganz klaren Tagen vielleicht sogar bis zum Meer, eine alte Kirche, die Zeugnis vom frühen Ausbau des Landes zu Beginn des letzten Jahrtausends ablegt. Sie ist schlicht, hat wuchtige Mauern, kleine Fenster und nur wenige Ornamente, und erinnert mehr an einen Bunker denn an eines dieser lichterfüllten Gotteshäuser der Gotik. Sie wurde gebaut und nicht erweitert, was durch den überschaubaren Erfolg dieser abgelegenen Gründung erklärbar ist: Es war zu weit oben auf dem Berg für friedliche Zeiten. Aber der Ort selbst entstand nicht in Zeiten des Friedens, sondern in einer Epoche der multikulturellen Bedrohung Europas.

Damals gab es noch keine Abos der Zeit, die den Menschen erklärten, wie großartig Bereicherung durch andere Kulturen denn sein können. Statt dessen litt Europa im späten 9. und 10. Jahrhundert massiv unter Einfällen von Leuten, die bei den Einheimischen nicht bejubelt wurden, und das auf Routen, die heute auch wieder benutzt werden. Aus Skandinavien, von wo aus die EU mit Gendertheorien und Müllmöbeln überschwemmt wird, kamen damals die Wikinger auf Booten, die leider noch nicht auseinander fallendes Geraffel von Ikea, sondern hochwertig genug für Einfälle waren. Auf der heutigen Balkanroute kamen die Ungarnstürme, die erst beendet wurden, als wir Bayern die Österreicher erfolgreich versklavten. Und über das Mittelmeer kamen die Sarazenen, deren Nachfolger heute kurz vor den Küsten vor allem von Deutschen abgeholt werden, was in Italien inzwischen für Wut und Ärger sorgt. Die Sarazenen kamen, genau genommen, bis Korsika und Sardinien, und setzten sich bis ins 11. Jahrhundert dort an den Küsten fest.

Nur über Ungarn unter Orban darf man heute noch ohne Risiko Unausgewogenes sagen, Skandinavier, Sarazenen und Subsaharabewohner dagegen sind freundlich zu behandeln, aber das ändert nichts an den historischen Fakten: Haupteinnahmequellen der Sarazenen waren, das ist von beiden Seiten des Konflikts verbürgt, Raub und vor allem Sklavenhandel. Dieses Italien hier an der etruskischen Riviera war keine Nation, sondern aus Sicht der einfallenden Muslime eine Region, die wirtschaftlich, politisch und religiös ideale Eigenschaften für Raubzüge aufwies. Die Zentralgewalten in Europa waren schwach oder bekriegten sich gegenseitig, und so konnten die Invasoren aus Skandinavien, dem Balkan und Nordafrika weitgehend ungehindert ihrem religiös erlaubten und geförderten Tagewerk nachgehen. Die Sarazenen kamen dabei bis weit in die Schweiz, nach Rom und Frankreich, aber die am schlimmsten betroffenen Regionen waren nah, ländlich, zersiedelt und schlecht verteidigt. Wie hier.

Das änderte sich erst im 10. Jahrhundert, als sich Europa konsolidierte und zuerst – ex Bavaria lux – in Süddeutschland die Ungarn vernichtend geschlagen und daraufhin das heutige Österreich erobert wurde. Danach räumte man im Norden mit den Wikingern auf und zwang sie teils mit militärischer Gewalt, teils mit Handel und teils mit kultureller Verführung, sich entweder zu integrieren oder unterzugehen. Und die Epoche der Sarazenen endete um 1030/50, als sich die Handelsstädte Genua und Pisa verbündeten und die Inseln im Mittelmeer nach zwei Jahrhunderten und schweren Kämpfen befreiten. Danach beginnen der Aufstieg der Toskana und die Renaissance, deren Bauten man in Pisa bestaunen kann. Aber solange die Sarazenen auf den Inseln waren, baute man wie hier oben kleine, festungsartige Kirchen in zurückgesetzter Lage, und hoffte, dass die Angreifer genügend Opfer in Massa Maritima hinter den Sümpfen der Maremma oder bei Volterra auf einem Berg über der Ebene fanden.

Die Vernichtung der sarazenischen Herrschaft auf Korsika und Sardinien beendete die Sklavengewinnung an Europas Küsten nicht, aber sie nahm zumindest einiges an Druck von der direkten Grenz- und Kriegsregion, deren Zeichen Kirchen wie diese sind: Hoch oben, gut gesichert, und allem misstrauend, was vom Meer kommen mag. Insofern hat hier auch einmal und vermutlich ohne Absicht Aydan Özoguz (SPD), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung recht, die letzte Woche im Tagesspiegel (https://causa.tagesspiegel.de/gesellschaft/wie-nuetzlich-ist-eine-leitkultur-debatte/leitkultur-verkommt-zum-klischee-des-deutschseins.html) zur Leitkulturdebatte sagte: “Schon historisch haben eher regionale Kulturen, haben Einwanderung und Vielfalt unserer Geschichte geprägt.“

Davor sagte sie aber auch etwas, das wissenschaftlich nicht haltbar und eher bei der antideutschen Antifa zu verorten ist, und in Italien, der Türkei und vielen anderen Ländern mit Sicherheit ihre politische Karriere sofort beendet hätte – also etwas, das auch wieder sehr deutsch ist: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Das ist schon für Deutschland eine Fake News, und es war auch hier definitiv im 10. Jahrhundert anders. Wer hier war, konnte Landwirtschaft betreiben, wer drüben bei den anderen war, musste auf Ruderbänken sitzen, als Sexsklavin auf dem Markt stehen oder als gezwungener Söldner den Kopf für Erdogans Vorgänger hinhalten. Und das alles nicht nur im fernen hohen Mittelalter, sondern bis zur technischen Entwicklung der eisernen Dampfschiffe, die erst im 19. Jahrhundert Komponisten die Stoffe für Opern wie “Die Italienerinnen in Algier“ von Rossini entzogen: Mit der europäisch eindeutig einseitig kulturellen Kanonenbootpolitik gelang es, die Piraterie im Mittelmeer zu beenden. Davor hatte man es in Europa vor allem mit dem Wunsch nach kultureller Sicherheit zu tun. Wer hier in den Pedalen stehend hoch keucht und seinen Schweiss auf dem Asphalt vergiesst, der fühlt körperlich, wie wichtig diese kulturelle Sicherheit den Menschen gewesen ist. Es ging da nicht nur um die Frage, ob Siena oder Florenz den Steuereintreiber schickt. Es ging schlichtweg um alles.

So gesehen könnte man die Kirche hier oben aus heutiger Sicht als gebaute Islamophobie bezeichnen, und es stimmt vermutlich sogar. Die Menschen waren auf allen Ebenen der Gesellschaft in ihrer Kultur verhaftet, egal ob die Aspekte aus unserer heutigen Sicht gut oder böse waren. Heute mag das anders sein, Eliten sind zunehmend mobil und international durch die Wirtschaft geprägt, aber hier oben werden immer noch Gebete wie vor 1000 Jahren gesprochen. Manche unten in den Städten haben für sich alternative Kulturräume entdeckt. Sehr viele davon arbeiten in den Medien. Aber hier oben und an vielen anderen Orten ist man noch nicht ganz so weit. Da wünscht man sich auch weiterhin kulturelle Sicherheit in Selbstbestimmung.

Und Kontrolle darüber, wie viel Fremdheit man haben will. In die Flanke der Kirche hat man später auch ein gotisches Fenster im französischen Stil gebrochen, und die Via Francingena, die unten im Tal nach Rom führte, war für alle in dieser Region mitsamt den Fremden ein wichtiger Wirtschaftszweig. Historisch gesehen gibt es durchaus Beispiele, dass Kulturen mit hoher kultureller Sicherheit sehr wohl bereit waren, mehr Fremde aufzunehmen: Idealbeispiele sind die italienischen Städte der Renaissance, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzten und deutsche Handelshäuser, flämische Maler, Juden und, wenn sie im Frieden kamen, auch Muslime vertrugen. Aber dazu mussten erst einmal die Inseln im Mittelmeer erobert werden, im Sinne der kulturellen Sicherheit, und alle mussten helfen, das Wohlergehen der Stadt zu fördern. Es gab keine lohnende  Einwanderung in Sozialsysteme, sondern in harte Arbeit und Anpassung fordernde Kulturräume. Wer sich wie manche Adelsgeschlechter nicht anpasste, flog raus, und danach plünderte man seine Häuser. So war das früher mit der Leitkultur in Europa.

Ich bin nur ein von der Sonne verbrannter Radler, der sich hier oben vor der Kirche ein paar Gedanken macht, über Geschichte, aus der niemand etwas lernen muss. Aber vielleicht, möchte ich sagen, gibt es auch heute noch signifikante Teile der Bevölkerung, für die Sicherheit und Identität mehr ist als der Wunsch, nach 22 Uhr noch eine U-Bahn ohne jedes Risiko und ohne Belästigung fahren zu können. Gewisse Aspekte unseres aktuellen Daseins – die SPD fordert gerade heute nach der Wahlpleite in NRW, kriminelle Ausländer abzuschieben, und es wird über Migrantenquoten für Klassen diskutiert – scheinen darauf hinzuweisen, dass die Distanz zwischen der Kirche hier und der Küste Korsikas nicht die einzige ist, die wir heute in Europa noch erfahren können, und möglicherweise wäre eine differenzierte Debatte ohne den vorschnellen Vorwurf islamophober Einstellungen und Rückständigkeit wirklich hilfreich. Aber was weiss ich schon, Ich bin nur ein Radler, lang genug hier gesessen, und so löse ich die Bremsen, und rausche wieder hinunter ins Tal.

17. Mai. 2017
von Don Alphonso
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