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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

27. Mai. 2015
von Don Alphonso
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Das Jubiläum der Kriegstreiber

Warm, sonnig, leicht bewölkt bei 29 Grad
Das aktuelle Wetter in Valeggio

Es gibt in italienischen Städten keine Via Valeggio, selbst wenn der Name schön klingt. Valeggio steht für einen peinlichen Moment der italienischen Geschichte. Der Ort am Mincio, dem Ausfluss des Gardasees, und an der Grenze zwischen Venetien und der Lombardei gelegen, wechselte früher oft den Besitzer. Mal gehörte er zu Verona, mal zu Mantua, mal begehrten ihn die Visconti in Mailand und dann, bis zur Abschaffung ihrer Republik unter Napoleon, die Venezianer. Danach kam er zu Österreich. Im dritten sardischen Krieg des Jahres 1866 überquerten hier italienische Truppen den Mincio, um dann gleich bei Costazza vernichtend geschlagen und über den Fluss zurück getrieben zu werden. Gleichwohl kam Valeggio nach dem Krieg auf dem Verhandlungsweg zu Italien. Das war nicht ruhmreich, und kein Grund für eine Via Valeggio.

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Nur eine Tagesreise weiter nördlich verblieb dann auch die Grenze zu Österreich bis zum ersten Weltkrieg. Aber fast fünfzig Jahre herrschte hier Frieden, und man lebte nicht schlecht am Rand des Königreichs Italien. Das Land ist fruchtbar, hier gedeiht der beste Risottoreis, das Klima ist besser als in der Po-Ebene, der Handel mit den Ländern des Nordens führte oft hier vorbei, und bei klarem Wetter sieht man hier die Berge rund um Trient, in denen Österreich und Italien in der Friedenszeit unüberwindlich wirkende Sperrwerke erbauten. Si vis pacem, para bellum. Am 23. Mai 1915 erklärte der italienische König dem österreichischen Kaiser den Krieg. Die Bevölkerung in Italien war daran eher desinteressiert, und die Truppen aus den Südtiroler Bergen standen damals im Ersten Weltkrieg auf dem Balkan, wo sie entgegen ihrer eigentlichen Qualitäten als Infanterie verheizt wurden.

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Nachdenklich will man den Tag hundert Jahre später begehen, sagen italienische Politiker, aber trotzdem ist es hier eine hoch emotionale Sache. Die Gemeinde begeht justament an diesem Tag den grossen und weit über die Grenzen der Region bekannten Antikmarkt, und neben den Ständen sind überall Lautsprecher angebracht, aus denen patriotisches Liedgut der Zeit ertönt. Darunter gehen Touristen ihren Geschäften und Einheimische dem Herumschauen nach: Auch heute herrscht Krise in Italien. Nicht militärisch wie beim reichlich misslungenen Kriegsbeginn, als wenige Südtiroler Milizen die Italiener aufhielten. Die Krise ist finanziell, die Banken sind marode und die Arbeitslosigkeit ist hoch. Valeggio lebt eigentlich ganz gut vom Tourismus, gerade an Tagen wie diesem, aber auch hier haben Geschäfte zu gemacht. Und davor stehen Lautsprecher, und Chöre singen, wie fein doch das Leben als Alpini sei.

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Valeggio ist heute nicht gross und war es früher erst recht nicht, und trotzdem hat es einhundertsiebzig Kriegstote zu beklagen. Militärhistoriker sagen das so einfach: Das Gelände, das sich weiter nördlich erhebt, begünstigte die Verteidiger. Was sie unerwähnt lassen, was vermutlich zum Beruf des Militärhistorikers gehört, und dazu, dass Männerchöre patriotische Lieder singen, ist der Umstand, dass das Gelände die Angreifer benachteiligte. Etwa, weil die Ausrüstung mit Stahlhelmen höchst unzureichend war, im Gestein der Berge die Errichtung von schützenden Stellungen nur schlecht gelingen will, und weil jeder Einschlag einer Granate das Gestein in tödliche oder schwerst verletzende Splitter verwandelte. Einige italienische Futuristen wie Gabriele d´Annunzio schätzten die Überlegenheit der Maschinen über den Menschen, aber Valeggio gedenkt an diesem Tag der Opfer.

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Neben der Kirche steht das Denkmal der Ragazzi del ’99. Dieses Denkmal erzählt viel über Italien, denn es ist bei aller heldenhaften Pose des vorwärts stürmenden Soldaten, in einer Hand die Granate und in der anderen das Gewehr, stümperhaft und plump ausgeführt. Heute hängt dort ein frischer Kranz, aber mit diesen Ragazzi hat es eine besondere Bewandtnis: Das ist der Jahrgang, der gerade 18 Jahre alt geworden war, als er von der Schulbank weg eingezogen und ohne ausreichende Ausbildung an die Front geschickt wurde. Es war die italienische Version von „Im Westen nichts Neues“, und es waren diese Jungen, die dann bei der Schlacht von Karfreit, als die Mittelmächte in die Offensive gingen, besonders schwere Verluste hinnehmen mussten, was eine verharmlosende Umschreibung für vergast, zerfetzt und aufgerieben ist. Es gehört irgendwie dazu, dass man besonders schlimmen Ereignissen besonderen Heldenmut zuspricht, und so steht eben etwas abseits vom Trubel dieses bröckelnde Denkmal. Seit ich es kenne – und die Region ist für mich fast so etwas wie eine dritte Heimat, ich kenne es also schon etwas länger – ist vorne am Gewehr mit einem rostigen Draht ein Küchenmesser als Bajonett befestigt.

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Es gibt eine Geschichte von Don Camillo und Peppone, die nicht in den Filmen auftaucht. Da geht es um den Feiertag von Vittoro Veneto, zum Ende des Krieges. Dann verschwindet Peppone immer aus dem kleinen Ort am Po. Die Geschichte ist der Schlüssel zu seinem gewalttätigen Charakter: Peppone gehört zu diesem Jahrgang und wurde durch den Krieg um seine Jugend betrogen. Er ist, so würde man das heute sagen, von den Ereignissen traumatisiert, wie es auch Don Camillo ist, der den grossen Krieg als Sanitäter erlebte. Das haben beide erkennbar nicht überwunden, wie es das ganze Land nicht überwunden hat, und in Folge des katastrophalen Krieges dann gleich in die Mussolini-Diktatur rutschte. Für die Antifaschisten Don Camillo und Peppone ist das das nächste Unglück, das bis zum Ende des nächsten Krieges andauern wird. Die beiden prügeln sich nicht, weil sie gewalttätig sind. Sie sind Ragazzi del ’99, sie müssen beide ganz langsam, wie sie es dann auch tun, mit ihrem Trauma zurück in ein normales Leben finden. Und das erklärt vielleicht auch, warum das Andenken an diese betrogene Generation nicht so leicht ist, selbst wenn heute viele Männer mit den Alpinihüten durch den Ort laufen.

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Das ist eine andere Generation, die zwar formal noch in der Tradition der alten Truppe steht, aber so gut wie keiner von denen hat noch in einem Krieg gekämpft. Irgendwann hat dann vermutlich auch der Verantwortliche für die Beschallung seine Aufgabe vergessen und die CD nicht mehr neu gestartet. Nur die Fahnen weisen dann noch auf den besonderen Tag hin, und nicht einmal das tun sie weiter nördlich in Südtirol: Dort werden die Fahnen Italiens erst gar nicht ausgepackt. Man weigert sich dort, diesen Tag festlich zu begehen, und weil hier gerade Wahlkampf ist, dürfen sich die Südtiroler deshalb dumme Sprüche der rechten Parteien anhören. Wegen so einem Fetzen Stoff. Manche haben so etwas wirklich an den Ständen ausgelegt, und wer will, kann auch etwas Mordgerät kaufen. Oder aber einen Degen der Zeit, der zu einem Aschenbecher umgeformt wurde.

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Es ist nicht so leicht mit dem Patriotismus, wenn die heldenhafte Musik aus Boxen und Geräten kommt, die in China gefertigt wurden, und grosse Firmen in Mantua und Vicenza die Produktion nach Rumänien verlagern. Es ist nicht so leicht mit einem Krieg, der von militärischen Hassardeuren unter absurd hohen Verlusten knapp gewonnen wurde, und um den späteren Preis einer neuen Diktatur. Es bleiben hundertsiebzig Tote zurück, die zu betrauern sind, gestorben da drüben in den Bergen beim Schiessen auf andere arme Teufel, die sie vielleicht sogar kannten: Das hier ist eine Grenzregion, das Castello steht auf der ersten kleinen Erhebung der Alpen, das verbindet die Menschen öfters, als es trennt.

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Das ist, wie gesagt, meine dritte Heimat und wenn hier das Ende des zweitem Weltkriegs gefeiert wird, ist mehr los. Das ist dann wirklich ein Freudenfest, da muss keiner Boxen aufstellen und den Antikmarkt seltsam beschallen. Da wird dann gefeiert, dass von da an Frieden herrschte, Verständigung, und vor ein paar Jahren auch noch Europäische Einheit, die vor dem Beginn der Sparzwänge ganz gut klang. Dieser Jahrestag dagegen gehört dem Gedenken. Nächstes Wochenende ist Kommunalwahl, da wird man dann sehen, wie viele hier für die Lega Nord stimmen, die Europa und seinen Zwängen den neuen Krieg erklärt hat.

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Ich kaufe ein Rennrad von Grandis, einer feinen Edelschmiede aus Verona, die es noch gibt, während so viele andere Marken längst dem Importdruck aus Fernost zum Opfer gefallen sind. Ob das etwas bedeutet, weiss ich nicht. Es ist ein schönes Stück einer dritten Heimat, die ich mag, und als der Händler sagt, der Preis sei non trattabile, zahle ich ihn halt. Nachgeben ist manchmal gar nicht so schlecht und wohin das Beharren auf den eigenen, einzig richtigen Standpunkt führt, sieht man ja nicht nur bei alten, sondern auch bei neuen Kriegstreibern und ihren Ideologien. Der Kriegstreiber d´Annunzio schimmelt in seiner Gruft drüben am Gardasee, die hundertsiebzig liegen in Kriegsgräbern zwischen dem Ortler und dem Isonzo, und ich fände es fein, wenn Europa wieder etwas weniger Streit und Ausverkauf und den Eindruck einer Zwangsverwaltung bedeuten würde.

27. Mai. 2015
von Don Alphonso
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25. Mai. 2015
von Don Alphonso
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Steinbrück erbt nur über meine Leiche

Seit wann haben hier Mietsleute etwas zu sagen?
Mein Urgrossvater

So kann man das natürlich auch sagen: „Friedrichs lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in Berlin-Kreuzberg.

Ich persönlich weiss nicht, ob die Autorin Julia Friedrichs wirklich zu nur so mittelprächtigen Bedingungen von McKinsey genommen worden wäre, wie sie es in ihrem bekannt gewordenen Buch „Gestatten: Elite“ behauptet. Ich habe das Buch damals gelesen und fand es, höflich gesagt, wenig passend zu dem, was ich in meiner Zeit in der New Economy vom Beratungsgeschäft so mitbekommen habe – da ist vor allem der Umstand, dass sich der Elitenbegriff der angehenden Powerpointschubser so gar nicht mit jenem Leben verträgt, den man landläufig für elitär hält. Berater sind Leute, die über eine Senatorcard twittern, die Elite in diesem Land dagegen twittert nicht und hat es auch nicht nötig, ein Meilenkonto anzuschauen. Es gibt kluge Berater und dumme und verdammt viele, die mit 40 ausgebrannt und arbeitslos sind und das geschickt vertuschen. Es gibt keinen Kausalzusammenhang von Elite und Beratern, den Flaschensammlern der Globalisierung.

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Ich weiss also nicht, ob der mitleidheischende Sozialpornoaspekt, dessen Publikation sich durch die Biographie von Frau Friedrichs zieht, dem erhofften Bucherfolg bei den sozial Bewegten geschuldet ist – sowas verkauft sich nun mal oft, wenn es himmelschreiende Ungerechtigkeiten anprangert, oder wie jetzt, ein „Tabu-Thema“. Momentan wirbt sich Frau Friedrichs durch die Zeitungen und TV und behauptet, irgendwann hätte sie gemerkt, dass manche Freunde sich teure Wohnungen in Berlin hätten leisten können und andere nicht, und die ersteren hätten geerbt und das sei voll fies und demnächst steht sie dazu in der Süddeutschen Zeitung mit Peer Steinbrück, einem Mann, der beträchtliche Einnahmen dem Umstand verdankte, dass er für Unternehmen gut bezahlte Vorträge hielt. Als SPD-Politiker jedoch meint er, man müsste die Erbschaftssteuer für Nichtunternehmensbesitzer erhöhen, um die Einnahmen zu steigern – um sie dann etwa für Integration und Bildung auszugeben. Sie sagen immer „Integration“ und „Bildung“, und am Ende jammert der Generalinspekteur der Bundeswehr, und dann kaufen sie den nächsten abstürzenden Transportflieger, neue Radome für die NSA-Abteilung BND und schlechte Knarren.

Übrigens war Kaiser Wilhelm der II. der letzte – nach unseren heutigen Vorstellungen – demokratische deutsche Politiker der Steinbrückschen Obrigkeits-SPD, der eine Steuer für einen ehrlichen Zweck einführen liess; das war 1902 die Schaumweinsteuer und es war klar, dass diese Gewinne zur Bildung der kaiserlichen Kriegsmarine und zur Integration in das Grossmachtstreben dienten. Aber damals, mit Verlaub, war Berlin auch noch eine Weltstadt, die sich mit Paris und London messen konnte, und nicht nach Wien der zweite Dienstboteneingang zum Balkan. Nur so kann ich mir erklären, was für Leute die Friedrichs und der Steinbrück kennen, und was sie überhaupt vom Erben wissen. Denn was hat Erben mit Wohnungsbesitz zu tun?

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Ich zum Beispiel kenne wirklich niemanden, absolut niemanden, der dem obskuren Friedrichs-Szenario der Berliner Wohnungskäufer mit Nachlass entspricht. Mal NRW-Abitur-tauglich ehrlich: Wer ist bitte so arm, dass er erst über den Umweg des Grabes seiner Eltern eine Wohnung in dieser A-Lage der Bildungsferne kaufen kann? Wenn halbwegs klar ist, dass sich der Nachwuchs irgendwo in einer akzeptablen Region ab Grunewald niederlassen will, bekommt er bei den vermögenden Schichten von den quicklebendigen Eltern eine Wohnung oder bei genehmer Verheiratung ein Haus, deren alte Bewohner weggentrifiziert wurden. Das ist in der sogenannten Elite nicht eine Entwicklung der neueren Zeit. Das war bei uns schon immer so. Man kennt das nicht anders. So entstehen Traditionen und das Gute an denen ist: Diese Leute brauchen keine Sonderausgaben für Integration und Bildung. Die entstehen dabei einfach so. Das ist kein „Tabu-Thema“: Das ist prima.

Ich finde, dass das gerecht ist. Ich möchte zum Erhalt dieser wirklich sozialen Norm, an die sich andere selbst integrieren sollen, wirklich alles haben, was meine Vorfahren erarbeitet haben. Jeden einzelnen Groschen, jeden Stein, die ganze Geschichte und das einzig richtige Bewusstsein. Ich möchte nicht, dass Frau Friedrichs bewirken kann, dass das nicht mehr als richtig gilt, oder auf welche Art und Weise auch immer etwas davon abbekommt. Oder ihre Kinder. Oder sonst jemand in Berlin. Ich gehe ja auch nicht zu denen und klaue ihre alten Matratzen von der Strasse, Die Bewohner dieser Gegend dürfen gern bei Zalando bestellen und ihre gestreckten Drogen weiter im Görlitzer Park kaufen, und damit dafür sorgen, dass die Integration der Dealer nicht voran kommt: Nur nicht mit dem bitte, was mein Clan zusammengetragen hat.

erbea

Und ich will auch nicht Nebenverdiener Steinbrück oder sonst einen Politiker als zwischengeschalteten Profiteur. Ich möchte das alles behalten, und niemand in meiner Familie würde sich wünschen, dass einer von denen etwas bekommt. „sSach zsammhoidn“ ist das erste Familienmotto der besseren Kreise. Es geht wirklich nicht darum, dass ich mehr habe, sondern darum, dass andere davon nichts bekommen. Ich möchte nicht wegen eines asozialen Zwangs weniger besitzen, der bislang zurecht arbeitslose Soziologen einstellt, um Kindern anderer Leute zu erklären, dass sie ein Recht auf mehr hätten.

Denn eine Veränderung der Erbschaftssteuer mit dem Ziel, unser Vermögen über andere Leute auszukippen, hätte einen fatalen Effekt. Niemand würde sich abrackern und Vermögen zusammentragen, wenn am Ende die staatlichen Steinbrückplünderer kommen und den Friedrichs genderneutrale Spielplätze für Kreuzberg schenkten. Stellung, Ansehen, Tradition und Familie sind nun mal durch all die Jahrhunderte eine starke Triebfeder gewesen, das Vermögen zielgerichtet zu bewahren. Das war eine Tugend, alles andere galt bei der Elite als verdammenswert.

erbec

Wer meint, jetzt für so eine Haltung Strafsteuern eintreiben zu müssen, sollte bitte auch gleich sagen, was für eine Elite er gern in diesem Land hätte: In diesem Fall geht das dann wohl eher in Richtung der Neureichen aus China und Russland, die dem Hier und Jetzt die volle Aufmerksamkeit schenken, bevor sie in Ungnade bei ihren sozialdemokratischen Herrschern fallen. Asozial, geschichtsvergessen, vorteilsfixiert und skrupellos: Das sind Verhaltensschemata, die sich erfolgreich der Erbschaftssteuer entziehen können. Und es ist eine Aufforderung an Reiche und Gebildete, keine Kinder mehr zu bekommen und das Geld lieber selbst durchzubringen: Darauf wird dann wieder geklagt, dass speziell wir Besserstehende uns asozial verhalten und zu wenig Nachwuchs zeugen. Das ist nicht fair, aber deshalb schreibe ich noch lange keine rührseligen Bücher, auf denen hinten steht „lebt an der Donau, am Tegernsee und in Mantua und hat eine Leidenschaft für die Mille Miglia“, und beantrage auch nicht den Titel der Hedwig Courts-Mahler des sozialen Ausgleichs. Weil es nicht nur um Geld geht, sondern vor allem um Status.

Erben, das darf ich hier als Vertreter ordentlicher Verhältnisse fern von Berlin-Reichstag und Kreuzberg ausgerechnet zu einer Zeitung sagen, die das „Süddeutsch“ in ihrem Titel verrät, macht keinen Spass. Man übernimmt etwas aufgrund des Todes von Menschen, denen man verpflichtet ist. Es ist bezeichnend, dass die Unterschichten hier von einer Autorin angesprochen werden, die den Kauf von Immobilien nach der Erbschaft beklagt – das ist ein durchaus angemessenes Verhalten zum Umgang mit Verantwortung und Vermögen. Zweihundert Quadratmeter Wohnfläche pro Person sehen nur von unten wie Verschwendung aus, von Oben braucht mal Platz für die die im Erbschein nicht erwähnten, weil vermutlich wertlosen Bilder. In dieser Form ist man von Generation zu Generation ein famoses Vorbild des bürgerschaftlichen Engagements vom Konzertverein bis zum Einbau von staatlich geförderten Denkmalschutzfenstern in den Palazzo, und kann jeden Staat erfreuen. Ein fast kostenfreier Selbstläufer.

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Ich bin ja gerade noch, bis sich das Wetter im Norden bessert, in Mantua und habe mir hier die Hochzeitszeitschrift „Sposa White“ gekauft. Da sind dann die ganzen Schlösser zu sehen, die die anständigen Paare zur Feier mieten möchten. Das strahlt alles Tradition und Jahrhunderte altes Vermögen aus. Damit kann man einen Staat machen. Das verkauft sich gut als Zeitung, als Lebensmodell und sorgt auch dafür, dass sich die Eltern später einmal selbst um Integration und Bildung ihrer Kinder kümmern, und um die Grand Tour nach Italien zur Mille Miglia, die wie jeder Palazzo und jedes Deckenfresko beweist, dass so ein Spektakel Arm und Reich gleichermassen zufrieden stellt, und zur Herzensbildung beiträgt, ohne dass man dafür einen Steinbrück bräuchte.

Was einen Steinbrück braucht, nun, drei Buchstaben: SPD. Deren Mitglieder haben gesehen, was es mit dem Mann zu erben gibt.

erbee

25. Mai. 2015
von Don Alphonso
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15. Mai. 2015
von Don Alphonso
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Väter mit Heiligenschein

an affront to the whole history of mankind
Winston Churchill über die Prohibition

Im Königreich Bayern, das jetzt schon fast hundert Jahre nicht mehr existiert, und auch noch einige Zeit später, als die Zeiten noch schlechter als in jener Epoche wurden, die man als „Gute, alte Zeit“ verharmlost, war der Umgang mit den Einnahmen ein wichtiges Kriterium der Klassengesellschaft. Die Oberschicht definierte sich dadurch, dass sie genug Geld hatte und die Frauen nicht arbeiten mussten, sondern sich um das Anwesen und den guten Haushalt kümmerten mit dem, was ihre Männer ihnen dafür gaben. In den weniger begüterten Kreisen arbeiteten Frauen oft nebenher, aber sie achteten auch darauf, dass ihre Männer das Geld ablieferten, auf dass sie es verwalteten. Denn zu gross war die Gefahr, dass die Männer das Geld bei Bier, Kartenspielen und der Bedienung im Gasthaus verjuxten.

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Deshalb kassierten die auf ihren guten Ruf bedachten Frauen das, was die Männer mitbrachten, so schnell wie möglich und achteten darauf, dass das Geld dem guten Zweck der Familienzukunft zugeführt wurde. Denn die Verlockungen kannte damals ein jeder und zwar von denen, die den Lohn bezahlten, und deren Einnahmen nicht komplett an die Frauen gingen: Die konnten sich so manches Stamperl, manches Kartenspiel und manche Zigarre leisten, während andere froh um den Schnupftabak und Norgerl im Bierglas sein konnten. Nicht ganz zufällig ist „Noagaltrinker“ in Bayern ein sehr unschönes Schimpfwort für sozial Deklassierte, denen früher nichts anderes übrig blieb, als jene Reste in den eigenen Bierkrug zu füllen, die Vermögende stehen liessen. Schlimmer ist allenfalls noch der „Rossboinsammler“, der sich kein Holz leisten kann, sondern gefundenen Pferdekot verheizen muss – so waren sie, die guten, alten Zeiten.

Dieses Blog jedoch hat den Vorzug, aus jener Zeit nicht die Schreckensgeschichten der Untergebenen erzählen zu müssen, sondern aus dem ganzen Schatz der Erfahrungen der gut Eingesäumten berichten zu können, und weil man bei uns der Frau nur einen Teil gab und den Rest verjuxte, ist es nun vielleicht auch an der Zeit, über das Högnerhäusl zu reden. Dasselbige befindet sich in einem Wald auf den ersten Hügeln hinter der kleinen, dummen Stadt an der Donau, und wie es der Zufall nicht haben wollte, lagen aussen herum die Reviere der Jäger aus der Stadt. Diesen Zeitvertreib musste man sich leisten können, und böse Zungen sagen, dass es vielen gar nicht um die Jagd ging, sondern um das Beisammensitzen oberhalb der Stadt, das Schafkopfen, das fette Essen und was man halt sonst so im Högnerhäusl gemacht hat. Das war immerhin so verwerflich, dass diese Gaststätte in meiner Jugend noch den Ruch des Exzesses hatte, und alte Freunde des Anwesens auf dem Heimweg grössere Umwege fuhren, weil die Polizwitschgerl später die Honoratioren nicht mehr achteten, ihnen gar auflauerten und schon ab der vierten Mass aus dem Verkehr zogen, spätestens nämlich als der Veterinär von Köschi – egal. So war das da oben in den Hügeln, und dass mein eigener Grossvater schulschwänzungstaugliche Entschuldigungen für den Nachwuchs kunstvoll verfertigte, nur damit alle dort die fetten Enten essen konnten – das geht Sie, liebe Leser, ja nun wirklich überhaupt nichts an.

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Wie auch immer, dieses sein gelungenes schriftstellerisches Oeuvre verschimmelt heute sicher in einem Speicher des ehemaligen Instituts für höhere Töchter, und dass ich überzeugter Antialkoholiker die wenigen Sektgläser gut weggesperrt aufbewahre, die nicht bei all den Festlichkeiten mit Gewehrknallerei im Hof zu Bruch gingen, hat nostalgische Gründe. Natürlich will ich nicht den Eindruck vermitteln, dass noch in der Bundesrepublik im Eierlikörschwipps mit dem Drilling zur Gaudi auf den Kamin des nebenan liegenden Stadtpalastes geschossen wurde. Aber es passt halt ganz gut zu einer langsam ausklingenden Epoche, in der nicht alle vor Gericht gleich waren, das Sach noch etwas galt und jeder sehr genau über die Verfehlungen der anderen Angehörigen der Ohdvoläh Bescheid wusste. Und nichts sagte, denn man redete nicht darüber und dass Sie mir auch ja nichts davon erzählen, wenn Sie einmal im Högnerhäusl sind, denn das ist heute ein hochanständiges Haus.

Ich erzähle diese vollkommen ehrlichen Geschichten und verschweige die wirklich schlimmen Details nur, weil diese kleinen Sündhaftigkeiten des Wochenendes der Honoratioren vom Fetzenrausch über die Masskrugschlägerei bin zum Nebennausgehen heute ganz anders heissen und sogar echte Folgen haben: Alkoholismus, gefährliche Körperverletzung und Verpflichtung zur Zahlung von Kindesunterhalt sind schon lange nicht mehr gesellschaftlich akzeptierte Normausrutscher. Sie glauben ja gar nicht, wie hier früher der Obstler konsumiert wurde und wenn ich Ihnen alte Bilder zeigen würde, sähen Sie überall Flaschen vor zünftigen, singenden Leuten – heute würde man das mit Asozialen verbinden. Früher war das vollkommen normal und ein Zeichen guter Gastlichkeit, wenn man spezielle Gläser für Sekt, Schnaps, Rum, Champagner, und so weiter hatte. Das steht heute alles im Schrank am Tegernsee und kündet zusammen mit all den Walzenkrügen von einem eher sorglosen Umgang in früher zeittypischen Mengen. Es ist nicht nur das fette Essen in den alten Kochbüchern der besseren Gattinnen – dazu gehörte eben auch das entsprechende Nachspülen.

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Als Antialkoholiker begrüsse ich die Veränderungen sehr. Auch bin ich Vegetarier und würde nie ein Tier erschiessen. Heutige Väter meines sozialen Umfelds sparen natürlich für das Studium der laktosefrei ernährten Kinder in Oxford. Überhaupt sind das gute Menschen, immer und überall. Sie saufen nicht. Sie trinken das schwere Ale aus Kleinstbrauereien nur zur Unterstüzung derselben gegen die Multis. Der Obstler wird bei uns nicht mehr neidrichdad, sondern nachdenklich verkostet. Das Fleisch auf dem Grill kommt natürlich stets vom Biometzger, lebte als Tier gleich hinter dem Högnerhäusl im Altmühltal, knabberte dort am Wacholder, und das schmeckt man. Wild kommt gern auf den Tisch, es gibt nämlich zu viel davon und so leistet man seinen Beitrag zur Rettung des heimischen Bierregenwaldes. Der SUV für Frau und Kinder sichert deutsche Arbeitsplätze. Das neue Sportgerät muss her, weil es der Gesundheit dient. Und das Wochenende am Gardasee ist nur Benzinverschwendung, solange man die Work-Life-Balance nicht berücksichtigt. Spielsucht kann man dank des Internets verstecken oder als Börsenspekulation sogar legitimieren. Man lässt keine Norgerl mehr stehen, aber sehr wohl die Flasche für den Flaschensammler.

Nur der aussereheliche Sex: Für den gibt es keinerlei moralisch einwandfreie Lösung, die den Sünder in einen altruistischen Heiligen verwandeln würde. Es ist nicht so, dass man es nicht versuchen würde, denn manche geben an, sie würden mit ihren spezielleren Wünschen dergestalt ihre Partner entlasten, die das nicht so schätzen. Das ist zumindest eine nachvollziehbare Erklärung, aber es ist noch sehr weit zu jenem Heiligenschein, den das Ale der Kleinstbrauereien, das deutsche SUV und das Abrichten der Kinder auf eine internationale Karriere so strahlend hell über dem Schädel des gehobenen Jungbürgers erscheinen lassen. Mein privater Eindruck ist ja, dass man sich an die moralische Vorzüglichkeit des eigenen Treibens so gewöhnen kann wie an zehn Halbe am Tag, und damit genauso sicher mit dem Auto fährt. Weil so ein SUV nämlich mit überhöhter Geschwindigkeit auf dem Weg zum Kindergarten ganz anders über einen Radler drübergeht, als früher, als dabei noch der Lack verkratzt wurde.

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Heute war Vatertag, und manche benehmen sich so, wie es früher in der Waldschänke nicht unüblich war, ganz so, als wäre den Protagonisten der Hals übervoll von ihrer Bigotterie. Das muss niemandem gefallen und die Vorstellung, dass sich darin eine Unterdrückung, ein Zwang, eine gesellschaftliche Konditionierung äussert, die für einen Tag abgelegt und vergessen werden kann: Diese Vorstellung ist nicht wirklich schön, ja, es fehlen sogar die schönen Bilder, die das archaische, benzolstinkende Ritual der Mille Miglia produziert, auf der gerade zu sein ich das Vergnügen habe. Es gibt heute nur noch selten Anlass, den Männern sofort das Geld abzunehmen, und wie meine Grossmutter so treffend bemerkte, wissen wir heute gar nicht mehr, was Sparen ist. Dafür haben wir für unser teures Treiben immer vorzügliche Begründungen höchster moralischer Integrität. Bis auf die Sache mit dem Sex – da haben die anderen die moralischen Heiligenscheine. Da bekommen wir dann früher oder später Netzsperren wegen der Kinder, Pornoverbote wegen der Heranwachsenden, Gewaltgesetze für Frau Schwarzer, Schutzräume an den Hochschulen und ein Schutzgesetz für Prostituierte, dessen Schutz aus der gleichen trüben Wortquelle wie Schutzgeld kommt.

Mei.

Wie das unter dem Prinzregenten mit den Saisonbedienungen aus Böhmen und Ungarn war – das erzähle ich vielleicht ein andermal.

15. Mai. 2015
von Don Alphonso
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09. Mai. 2015
von Don Alphonso
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Gentrifizierer hinter Gittern

Drei Tage war der Radler nachher platt, jetzt isst er wieder und ist satt.

Wir sitzen auf jeweils zwei Quadratmetern hoch über Lucca und reden über die Hauspreise in Italien, ohne dass ich auch nur eine Sekunde ein schlechtes Gefühl hätte: Günstig ist es momentan, sofern man etwas Vermögen von jener Sorte hat, wie es die Verkäufer hier momentan dringend brauchen. Italiener kaufen Wohnungen in Berlin, weil es dort angeblich mit den Preisen bergauf geht, und Mieter mehr zahlen müssen, wollen sie nicht in die Plattenbauten am Stadtrand abgeschoben werden. Deutsche kaufen dagegen hier in Italien, weil die Preise stark gefallen sind und Italiener eben lieber in Deutschland investieren. In der Oberschicht geht die Rechnung gerecht auf. Natürlich ist es, wenn man die sozialen Schichten betrachtet, nicht ganz gerecht, wenn die einen drei Wohnorte haben und die anderen über die Gentrifizierung jammern, aber die Leute, die die Gentrifizierung ablehnen, lehnen auch Nationalismus ab und sollen sich also bitte nicht so fremdenfeindlich haben, wenn der italienische Käufer als Mietrendite mehr als die Hälfte dessen verlangt, was sie mit Hilfsarbeiten in Cafes, der taz und am Bau von Webseiten erwirtschaften können. Die Deutschen verteilen sich in Italien in den Hügeln und in halb aufgelassenen Dörfern. Und rücken den Italienern nicht in den Städten auf die Pelle. So, wie man das früher gemacht hat.

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Denn wie es früher unter Grossbürgern üblich war, kann man sich unten in Lucca anschauen. Auf den ersten Blick ist es natürlich schön, wenn sich im Erdgeschoss eines Palazzo ein Fenster öffnet, und an der Decke Stuck und Malerei zu sehen sind. In der guten, alten Zeit, als die einen biologisch-dynamisch und dynastisch zuverlässig die gentechnikfreien Schweine in reinster Landluft hüteten und die anderen unter nackten Schweinereien an der Decke prassten und Hof hielten, als sich Lucca eine Republik nannte und tatsächlich aber von einigen reichen Clans beherrscht wurde – in dieser guten, alten Zeit war es anders, als wir es aus modernen Städten kennen: Da wohnten Arme und Reiche nah beieinander, die einen in Hallen und die anderen in Verschlägen hoch oben in den Speichern. Zumindest solange so ein Palazzo keinen neuen Flügel oder Park brauchte, und eine Parzelle der Armen der neue Grund für weitere Lustbarkeiten wurde.

So entstanden dann üppige Anlagen, und niemand fragt heute danach, was aus jenen wurde, die hier vertrieben wurden: Man schaut, wenn man kann, durch das Fenster und versucht einen Blick auf die Gemälde zu erhaschen. Ars longa, vita brevis, sagt der Lateiner und ich will ja nicht zynisch sein, aber diese Vita wird brevissima, ja sogar nach einer Weile nicht existent, wenn Mieter irgendwann weiter ziehen: Häuser und Besitzer sind eine Einheit, Mieter dagegen kommen und gehen. Die Ausmalung, die Gestaltung, den Prunk: Das alles machen die Reichen. Und sie bestimmen, ob man die Fenster öffnet, die Vorhänge zurückzieht und den Passanten einen Blick durch jene Gitter erlaubt, die sie unweigerlich aussperren. Hier ist es gerade anders, hier kann man eintreten und staunen.

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Hübsch, nicht wahr? Für die einen mag es eine Anregung für die Restaurierung ihrer eigenen Denkmalschutzimmobilie sein, für andere ein Vorgeschmack auf Kommendes. Ich höre so viele Klagen über die Gentrifizierung und wie rechtlos und ausgeliefert und sozial ausgesperrt sich die Betroffenen fühlen. Das sieht man es mal, so höhnisch und brutal, wie es früher wirklich war, und was noch ginge: Keine dezente Überwachungskamera, keine gestaffelten Annäherungshindernisse, keine Zurücknahme des Baukomplexes und die Schaffung eines prohibitiven Niemandslandes zum Schutz vor Unerwünschten. Nur eine hohe, dicke Mauer und dann dicke Eisengitter. Maximaler Effekt bei minimalem Aufwand ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit. Heute überlegt man sich als Architekt genau, wie man die äusseren Grenzen besser absichert, wenn die Kundschaft unbedingt von den Villenviertel in die Metropolen zieht. Unsichtbar und flexibel soll das sein, und nicht den Anschein einer Festung vermitteln. Wir sind ja keine Oligarchie mehr, die sich Republik nennt, sondern eine Oligarchie, die sich eine Republik hält und zu diesem Zweck in urbanen Räumen dezent agiert. Bislang. Noch. Mit so hübschen Dachgärten auf den Neubauten, mit Kinderschaukel und Biogarten zum gemeinsamen Kräuterpflanzen.

Diese Dachgärten sind dann die neuen Deckengemälde des neuen demokratischen Zeitalters: Die Sonnenschirme ganz oben lassen den weniger begüterten Zeit-, aber nicht Klassengenossen jenes freudvolle Leben ahnen, das früher durch Deckengemälde Gewissheit wurde. Natürlich war ein Dachgarten damals nicht nötig, denn jeden Feind, der verbrannte Giftstoffe im Sinne des heutigen Grillens serviert hätte, hätte man verurteilt auf die Galeeren nach Pisa verkauft: Man hatte fähiges Kochpersonal und überliess denen die Drecksarbeit in der Küche. Dafür hatte man Deckengemälde und Kronleuchter und Holzläden, mit denen man entscheiden konnte, ob die anderen das sehen dürfen, oder nicht.

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Dagegen wird das „Ich schon, ihr nicht“ heutzutage wirklich dezent kommuniziert – so dezent, dass sich Autonome im Reichshauptslum dieses Landes wirklich in Persona hin bemühen und die entsprechenden Häuser verunzieren müssen, auf dass man den für Berliner Verhältnisse gehobenen Standard erkennen kann – ein Verhalten übrigens, das man nur erklären kann, weil man davon abgekommen ist, solche Leute an die Pisaner zur selbstgeruderten Lustkreuzfahrt zu den Mauren und Mohren kostenneutral abzugeben. Man sieht also, es war nicht alles schlecht im alten Lucca und ich denke auch, dass es gerade derartig innovative Methoden der Sozialeinsparung sind, die auf der anderen Seite zum Prunk und Ruhm der Republik beitrugen. Seien wir ehrlich: Am Ende geht man doch achtlos an alten und neuen Kaschemmen vorbei und hofft, dass man einmal vorgelassen wird und sehen kann, wie hübsch und angenehm es sich in der Oligarchie lebt. Hinter Fenstern, Vorhängen und Gittern, die niemanden einsperren, sondern alle anderen aussperren, sei es neben den Schweinestall oder an ein Ruder, das übrigens keinesfalls unzuverlässig prekär wie eine kreative Agentur ist.

Milde sind wir geworden, milde und auch ein wenig heruntergekommen, wenn wir in T-Shirts statt Brokat dann oben auf den Dachgärten sitzen, Fleischbrocken verbrennen und vielleicht sogar noch überlegen, wie man diese Welt für alle besser machen kann – Gedanken, die in der Republik Lucca und ihren Profiten aus der Seidenzucht fern lagen, weil es in den Handelshäusern Geschäfte unter ihresgleichen gab, und Seide nun mal kein Produkt ist, das sich im Kommunismus von Savonarola über Pol Pot bis zum genderlatzhosenneutralen Sprachwirken gut verkaufte. Vielleicht ist das Verschwinden des echten Prunks auch ein Grund, warum unsere teuren Townhouses eher so wie die Kaschemmen und Abtritte des Mittelalters aussehen, und gemeinhin jede Grandezza vermissen lassen.

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Aber wie so oft: Des einen Niedergang ist des anderen Aufstieg, und aus dem kleinen Spaziergang zu den Oligarchen von Lucca darf auch der Minderbemittelte und sozial Mittelstarke das gute Gefühl mitnehmen, dass er vielleicht doch irgendwann in der Platte am Stadtrand lebensechte Reportagen an die taz verkaufen muss, aber die Mittel zur Abgrenzung und Aussperrung viel freundlicher sein werden. Concierge statt knüppeltragende Dienstboten, hell erleuchtete Fensterfronten statt Gitter, und Balkone, von denen niemand mehr Befehle an das gewöhnliche Volk erteilt, sondern höchstens noch mit Spritz zuprostet: Diese unsere Gentrifizierung ist die Mildeste, die man sich vorstellen kann, und durchaus als Beweis zu werten, dass man allein auf 200 Quadratmetern leben kann, ohne deshalb auf ethisch gehandelten Fair Trade Espresso verzichten zu müssen.

09. Mai. 2015
von Don Alphonso
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27. Apr. 2015
von Don Alphonso
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Das Spiel des Throns, der Recamiere und des Holzbretts

Um viere fuara foad, um finfe wora doard.
Bayerische Redensart über die Endlichkeit des Daseins.

Zwei Quadratmeter.

Zwei Quadratmeter ist der effektiv nutzbare Raum für einen Menschen, und da muss er schon recht ausgebreitet herumliegen, etwa so wie der ehemalige Chef von Arcandor in einem Klinikbett, wo er auf seine Entlassung gegen Sicherheiten warten soll. Soll ein Mensch mit Gewalt grossflächiger verteilt werden, wird es eher diätfördernd, und auch der halbe Quadratmeter, auf den Flüchtlinge auf Schiffen zusammengedrängt werden, sind auch nicht gerade dauerhaft erbaulich. Mit einem wirklich grossen Sofa und einer zusätzlichen Katze schafft man vielleicht drei Quadratmeter, und über den Stuhl, auf dem Herr Piech sass, wissen wir lediglich den Umstand, dass er ihm weggezogen wurde. All die Klassenunterschiede des Menschen sind zwar sehr deutlich erkennbar, spielen sich aber letztlich auf einer doch vergleichsweise kleinen Fläche ab. Oder anders gesagt: Es geht darum, wie man die winzige Krume der Welt, auf der man sich gerade befindet, so angenehm wie möglich zu gestalten.

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Ein Beispiel, weil es gerade vorbei fliegt: Das Ding da oben hat vermutlich eine erste Klasse und Leute mit Senatorkarten und Laptops und einem Ziel, das sie so eilig erreichen müssen, dass sie die Buchung so eines Aluminiumvogels buchen. Da sind sie dann da oben und schauen hinunter, sehen rechts dem Hauptalpenkamm und links die bayerischen Voralpen, und neben ihnen schiebt eine gezwungen freundliche Person einen rumpelnden Aluwagen und reicht auf Plastiktabletts vorgekochtes Zeug, das man am Boden nicht einmal einer Ente im See zumuten würde. Als passionierter Teetrinker weiss ich genau, warum ich nicht gerne fliege: Tee ist meine Droge und wäre meine Droge Crack, käme es wegen der verschnittenen Qualität zu einem Gemetzel, was sich da oben niemand wirklich wünschen kann. Trotzdem lese ich immer wieder, wie erfreut junge Berufstätige sind, wenn sie endlich so eine Senatorcard haben, und millimetergenau berechnet ein wenig mehr Platz für ihre Beine in so einem Fluggerät bekommen.

Es mag für ein Flugzeug tatsächlich gar nicht schlecht sein – allein, kein Mensch käme je auf die Idee, sich am Boden in so einen Sessel zu setzen und sich dergestalt abspeisen zu lassen. Die gleichen Leute, die mich über ihre Senatotcard informieren, würden Zeter und Mordio schreien, würde man sie so in ein Restaurant oder ein Hotelzimmer pferchen. Wir lernen daraus: Luxus ist immer situationsabhängig und eben jene, die oft die höchsten Ansprüche vor sich her tragen, und zwar mit Vorliebe an andere und die Gesellschaft, sind gar nicht so, wenn sie dann letztlich das Maximum haben, das sie bekommen können: Lounge an einem hässlichen Nichtort namens Flughafen und kein Chippendalesofa an Bord. Auch keine Silberkannen und dafür minderwertiges Geschirr.

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So kann man den einem zur Verfügung stehenden Raum also auch ausfüllen, oder auf einem einsamen Hotelbett mit Businessrabatt in einem Hochbunker, dessen Waben alle nach den gleichen Nützlichkeitserwägungen gestaltet werden: Minimale Reinigungszeit, Möbel, die an Abschreibungsfristen angepasst werden, irgendwelche Gediegenheit vortäuschende Dekoration und oben ein Restaurant, von dem aus man wieder auf die Niederungen des Daseins blicken und sich noch einen Cocktail einschenken lassen kann – nur nicht umdrehen und sehen, dass das Elend hier oben nur etwas besser lackiert ist. Man wird, was man erlebt, und wenn ich dann ab und zu im Netz die Innenräume sehe, in der solche Menschen ihre zwei Quadratmeter persönlichen Platz haben, dann sieht das oft ähnlich zweckmässig und austauschbar dekoriert aus. Das Regalsystem von USM Haller wie bei der Vertreterausstellung, die Sessel wie in der ersten Klasse des Flugzeugs und die chromglänzenden Freischwinger wie im Besprechungsraum des Chefs. Und natürlich ein pflegeleichter Fussboden in Schmutzfarben. Und eine Putzfrau, wie im Büro.

So kann man die zwei Quadratmeter, die man maximal besetzt, natürlich auch gestalten, und sich schon mal einen Chefsessel dazu stellen. Vielleicht bin ich ja arg triebgesteuert, aber bei solchen Wohnungen frage ich mich dann immer, wie das wohl wird, wenn man zum interessanten Teil des Daseins kommt, etwa, wenn man minimal zu zweit diese beiden Quadratmeter aufsucht, oder sich einmal den halben Kühlschrank gönnt. Dann aber fallen mir wieder die abnorm hohen Single- und Scheidungszahlen bei modernen Grossstädtern ein, die strukturierten und makellosen Lebensläufe bei Partnerschaftsportalen, die Ansprüche an das Gegenüber und die prozentgenauen Ähnlichkeiten, und schon finde ich derartige Räume nicht weiter überraschend: Sie sind durchaus geeignet, um ein Singledasein mit der nötigen Stilsicherheit zu bestehen. Kein Nippes, keine Fehler, am Abend rührt man sich noch einen Cocktail und findet sich durchaus elitär, während im Gang schon der Rollkoffer auf neue berufliche Herausforderungen wartet. Da passt alles, da braucht man keine Exzesse mehr, wo doch alles so zweckmässig wie im Leichenschauhaus ist. Da hat man übrigens auch zwei Quadratmeter.

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Aber da will man natürlich meistens nicht hin, zumindest nicht so bald. Man glaubt an eine individuelle Zukunft, so wie der Rekrut im ersten Weltkrieg dank der Heldengeschichten an den individuellen Kampf dachte, an Mut und Kraft, und weniger an das maschinelle Töten des Maschinengewehrs. Wir sehen heute langjährige Recken wie Middelhoff und Piech fallen, wir hören ihre Siege und Niederlagen, und für die Angestellten der Postbank geht es aufgrund einer Entscheidung um Alles oder Nichts, wie schon bei den Managern von VW und den Kassiererinnen bei Karstadt. Aus irgendwelchen absurden Gründen jedoch glauben viele, ihre zwei lumpigen Quasratmeter der Zukunft mehr beim Aufsichtsrat sehen zu wollen, wo die aufregenden Schlachten toben, denn dort, wo sie zumeist bleiben. Ich bekomme das hier ja nicht so mit, aber da hinten in der Mitte vom oberen Panorama geht es hoch zum Achenpass, und in Rottach steht direkt an der Strasse ein Denkmal. Mit vielen, vielen Namen und dahinter ein Kreuzerl und Zahlen von 14 bis 18 und liegen tun sie, wenn sie nicht völlig zerfetzt oder verschüttet wurden, in langen Reihen fern der Heimat auf zwei Quadratmeter, irgendwo zwischen Verdun und Isonzo. Wenn wir hier schon über Klassen und Privilegien sprechen: Recht viel unterprivilegierter kann man trotz Gedenkstein nicht sein, und jeder, der etwas Hirn hat, sollte sich eigentlich sagen: Genau andersrum sollte es sein.

Und an diesem Andersrum bin ich auch. Unten am kleinen Yachtclub. Der Flieger ist oben, das Denkmal im Schatten des Hirschbergs, die Manager woanders, die Sonne scheint und die Enten wüssten gern, ob sie etwas von meinem Strudel haben könnten. Das klingt ebenso einfach, wie es schwierig ist, überhaupt erst einmal so weit zu kommen, und das genau so zu tun, aber sonderlich problematisch ist das ab einem gewissen Vermögen nicht. Ich mache das freiwilig, drüben in Bad Wiessee werden sie nach dem Zusammenbruch dazu gezwungen. Einer von denen hatscht leicht krumm mit seinen Stöcken an mir vorbei, geht auf den Steg, setzt sich auf die harten Holzbretter und bleibt sitzen. Das sind fei keine schlechten zwei Quadratmeter, wenn man das mit anderen vergleicht.

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Er bleibt auch lang genug sitzen und findet das gut so, wie es ist. Die Enten fallen über Kinder mit Pommes hier, hinten rauscht die Espressomaschine, es ist etwas windig und nicht zu warm. Da oben ist der Himmel langsam wieder makellos blau, die Kondensstreifen haben sich aufgelöst, aber die Gedanken, wie man seine zwei Quadratmeter in ein anderes Büro, an einen anderen Schreibtisch und Rechner bekommt, die bleiben. Irgendwo da hinten hinter der Endmoräne, wo man den Manager und seine Entscheidungsgewalt fürchtet und nicht erkennen mag, dass er das alles und seine zwei Quadratmeter auch nicht gerade so einsetzt, dass er jetzt einen schönen Tag hätte.

Gestern Abend stand ein Bentley Coupe in Seeglas.

Auf dem Behindertenparkplatz.

Man sollte dem Schicksal so wenig Chancen wie möglich geben, seine unstete Natur zu beweisen, und vorher wenigstens noch die richtigen zwei Quadratmeter finden.

27. Apr. 2015
von Don Alphonso
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22. Apr. 2015
von Despina Castiglione
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Mehrwertsteuerbegünstigter Tugendterrorismus

„Fangen Sie schon wieder an? Ist doch Politik,
hat doch mit Gewissen nichts zu tun.
Grundgesetz, ja Grundgesetz, ja Grundgesetz,
Sie berufen sich hier pausenlos aufs Grundgesetz
sagen Sie mal, sind Sie eigentlich Kommunist?

Franz Josef Degenhardt, Befragung eines Kriegsdienstverweigerers

Sehen Sie, ich bin ganz sicher keine Kommunistin. Ich habe vielmehr mittlerweile eine vehemente Ablehnung gegenüber Ismen aller Art entwickelt. Kommunismus, Feminismus, Katholizismus: Alles nichts für mich, das sind Denkkorsette, und das möchte ich nicht. Die zwicken und lassen einen nicht frei atmen, das kann nicht wirklich gesund sein. Ich schaue mir das alles gerne an, ich bin ja relativ weltoffen, und manches mag auch zutreffend sein, da lerne ich dann gerne hinzu. Ich lasse mich mit Freude eines Besseren belehren. Hat jemand gute Argumente und muss ich nach Würdigung der Tatsachen anerkennen, dass ich mit meiner Behauptung im Unrecht war, ist das vielleicht nicht unbedingt ruhmreich. Dafür aber meist lehrreich. Manche Leute lernen halt gern, andere haben gern recht. Die gerne recht haben sind nach meiner Erfahrung tendenziell die mit den Ismen. Sobald ein Ismus sich an ein Wort hängt, ist es eigentlich dahin. Weil Ismen aus Worten und Ideen Ideologien machen. Und mit Ideologien habe ich grundsätzlich so meine Probleme.

Kommen Sie mir jetzt nicht mit Humanismus. Denken Sie doch mal an den „realen Humanismus“ und seine Errungenschaften in der früheren DDR, dann wird klar, was ich meine, wenn ich sage: Ismen tun auch der besten Idee keinen Gefallen. Und trotzdem habe ich heute beim Frühstück dieses Lied von Franz-Josef Degenhardt angehört. Nicht, weil ich an der Stelle weltanschaulich verklärt wäre, sondern weil ich die süffisant-boshafte Art mag, mit der es ihm singend gelingt, die Abseitigkeit der Argumentation des sich in der komfortablen Position des nicht-betroffen-Seins des den Kriegsdienstverweigerer befragenden Kammervorsitzenden aufzuzeigen. Man kennt eine solche Diskussionskultur heutzutage auch noch: von radikalfeministischen Veranstaltungen und der CSU beispielsweise.

Das Liedchen ist älter als ich, aber ich kann mich erinnern, dass ich auch noch mit Leuten zu tun hatte, die sich um die Möglichkeit, den Kriegsdienst zu verweigern, ernsthaft sorgen mussten. Die wollten aus welchen Gründen auch immer nicht zum Bund, und ich konnte das verstehen, war als Mädchen damals jedoch nicht betroffen und habe mich deswegen nicht weiter mit dem Thema befasst. Mittlerweile dürfen auch Frauen Wehrdienst ableisten, und wer eben nicht möchte, muss – ungeachtet des Geschlechts und natürlich unter Vorbehalt – nicht gegen seinen eigenen Antrieb etwas tun, das er oder sie nicht möchte. Es hat sich einiges im positiven Sinne verändert, und vielleicht möchten Sie mir insofern zustimmen, als dass es begrüßenswert und grundsätzlich erfreulich ist, wenn Eingriffe des Staates in gewisse Grundrechte, die in der Frage des Wehrdienstes durchaus berührt und auch nicht unerheblich beschnitten wurden, unterbleiben. Ich nehme an, Sie schätzen beispielsweise die Unverletzlichkeit ihrer Wohnung oder die Freiheit der Berufswahl auch sehr.

Der besagte Vorbehalt bei der Aussetzung der Wehrpflicht hat etwas mit der Bedrohungslage zu tun, die betrachtet man nämlich seit 2011 als so entspannt, dass man darauf verzichtet, junge Menschen – zur Not mit sanftem Zwang, es gab ja in der Historie des Wehrdienstes die ein oder andere Abstufung in Fragen der Freiwilligkeit – zum Dienst an der Waffe in der Bundeswehr zu bewegen. Wehrpflicht, das drückt ja schon aus, dass es mit dem persönlichen Enthusiasmus der Betroffenen jetzt nicht zwingend so weit her sein musste, wie man sich das nach heutigen Maßstäben wünschen würde. Ich erinnere mich noch, von einem entfernten Bekannten in den Neunzigern mal gehört zu haben, dass er sich aus finanziellen Motiven für eine gewisse Zeit bei der Bundeswehr hatte verpflichten lassen. Er war nämlich gerade Vater geworden, und irgendwo musste das Geld ja herkommen, und beim Bund war auch mit mäßiger Qualifikation ein vernünftiges Auskommen und damit ein Leben außerhalb sozialer Sicherungssysteme zu erzielen, das mag ihn wohl zu dieser Entscheidung gebracht haben.

Dass man heute im Bereich des Wehrdienstes in der Frage nach Freiwilligkeit andere Maßstäbe anlegt als noch zu meiner Kinderzeit, finde ich uneingeschränkt erfreulich. Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der ich gerne – egal welche Arbeit – in einer Armee dienen möchte, und das hat wirklich mannigfaltige Gründe, vornehmlich solche, die in meinem ganz persönlichen Moralempfinden begründet und damit für andere, die vielleicht gerne in einer Armee dienen oder schlicht weniger zimperlich sind, nicht maßgeblich sein können. Hätte ich einen Sohn, ich würde eindringliche Appelle an ihn richten, nicht zur Bundeswehr zu gehen, weil ich es ganz privat für falsch halte. Ich würde wohl meine Erziehung im Großen und Ganzen darauf ausrichten, ihn nicht zu einem Menschen heranwachsen zu lassen, für den der Soldatenberuf die Erfüllung seiner Karriereträume ist. Es würde mir das Herz zerreißen zu wissen, dass mein Kind im Zweifelsfalle auf Befehl Menschen tötet. Denn ich halte das Töten anderer Leute für etwas, das unter annähernd allen Umständen zu vermeiden ist. Außerdem finde ich es höchst unattraktiv, Befehle auszuführen. Nennen Sie mich ruhig ein einfach gestricktes Weichei, das überdies von Politik keine Ahnung hat. Ich sehe das eben so, nach gründlicher Überlegung, da darf ich Sie beruhigen.

Ich sehe es aber auch so, dass es mir nicht anstünde, einem eventuellen Sohn den Gang zum Militär zu verbieten. Weil ich nämlich auch freiheitsliebend bin, und das heißt eben, andere Leute ihre eigenen Fehler machen Entscheidungen treffen zu lassen. Und letztlich ist der Beruf des Soldaten ja nach unseren Gesetzen nicht sittenwidrig. Was, das möchte ich an der Stelle gerne in Erinnerung rufen, auch für Prostitution gilt.

Entsprechend war ich sehr überrascht, als ich im Spiegel las, dass im Zuge der Einführung des sogenannten Prostituiertenschutzgesetzes der 13. Artikel des Grundgesetzes für Angehörige meiner Berufsgruppe eingeschränkt werden soll. Erstens sollen Sexarbeitende nicht mehr in ihren Arbeitsräumen übernachten dürfen, und zweitens sollen wohl damit ihre Wohnräume nicht mehr geschützt sein, weil man ja überprüfen muss, ob dort auch gearbeitet wird. Um ehrlich zu sein, in einem Raum, zu dem „Polizei und Behörden wie Gesundheitsämter…“ jederzeit Zutritt haben, möchte ich auch gar nicht schlafen. Ich könnte das vermutlich auch nicht, ich bin nämlich zart besaitet und würde mich in einer solchen Situation unsicher und ausgeliefert fühlen und kein Auge zu tun. Läge ich da so und könnte nicht schlafen, weil ich ständig um meine Privatsphäre fürchtete, ich meditierte unter Umständen über das Wort Tugendterrorismus und darüber, was es mit Menschen macht, wenn sie nichtmal mehr in ihren eigenen vier Wänden davon ausgehen dürfen, in Frieden gelassen zu werden.

Davon ausgehend, dass es einen Konsens darüber gibt, dass Grundrechte, die das Grundgesetz gegenüber dem Staat sichern soll, für jeden gelten sollten, finde ich die geplante Einschränkung von Artikel 13 GG schon ein starkes Stück. Sie erinnern sich: Die Tätigkeit von Sexarbeitenden wird vom Gesetzgeber nicht mehr als sittenwidrig betrachtet und ist völlig legal. Theoretisch.

In Deutschland gibt es nämlich mehr oder weniger keine Stadt ohne Sperrbezirk, in dem Sexarbeit verboten ist. Ein flächendeckendes Verbot besteht grundsätzlich für alle Gemeinden unter 20.000 Einwohnern, bis 50.000 Einwohner können (und tun das natürlich) Gemeinden Prostitution ganz oder teilweise untersagen, ab 50. 000 Einwohnern gibt es dann per Sperrgebietsverordnung in aller Regel eine dunkle Ecke in einem Industriegebiet, in der wir die völlige Legalisierung und Anerkennung unserer Tätigkeit genießen und ein Zimmer mieten können. Dass die teilweise unverschämten Mieten mit der Verknappung des Raumes, in dem man legal arbeiten kann, einhergehen halte ich jetzt nicht für einen Schluss, der allzu komplexe Gedankengänge voraussetzt.

Nein, ich bin nicht dafür, Großbordelle neben Kindergärten zu stellen, ich finde auch nicht, dass man in der weiterführenden Schule lernen sollte, einen Puff für alle einzurichten, aber für ein moralinsaures faktisches Berufsausübungsverbot unter dem Deckmäntelchen regionaler Sonderverordnungen, die kaum ein Mensch mehr durchschaut, kann ich mich auch nicht erwärmen.

Zusätzlich zu den Kosten, die eine – ich nehme mir ein Beispiel am oben besungenen liberalen und zuvorkommenden Kammervorsitzenden und mache es mal plastisch – , hochmobile und herumreisende migrantische und unter hohem Erwerbsdruck stehende Sexarbeiterin mit in der Heimat zu versorgender Familie hat, wenn sie gesetzeskonform überteuerten, weil in nicht unerheblichem Maß in den Händen windiger Gestalten einiger von mir nur wenig geschätzter Großbordelliers befindlichen legalen Arbeitsraum anmietet, darf sie jetzt auch noch ein extra Hotel bezahlen. Für sich ganz privat. Für nach der Arbeit. Wenn sie nachts um zwei oder drei aus dem Puff kommt und freilich große Lust hat, im Industriegebiet herumzulaufen. Sie wird sich wohl oder übel ein Taxi nehmen und zu ihrem Schlafzimmer fahren. Um dann zum Mittagsläuten, selbstverständlich nach weiteren Extrakosten für den late checkout, wieder ins Sperrgebiet zu gondeln, weil sie im Hotel nicht bleiben kann, ohne eine zweite Nacht zu bezahlen. Und zur Krönung darf sie dann mit dem Finanzamt zu diskutieren, ob die Hotelkosten für das private Zimmer absetzbar sind. Mit mangelhaften Deutschkenntnissen ist das sicher die reine Freude. Aber vielleicht hat der Bordellbesitzer ja auch einen Anwalt oder Steuerberater an der Hand, die meine migrantische Kollegin beraten können, die offizielle Anmeldung als freiwillige und selbstbestimmte Prostituierte und sichere Verwahrung des Hurenausweises samt Nachweis über die erfolgte Gesundheitsberatung übernehmen die Herrschaften ganz gewiss auch gerne.

Denken Sie an mich, wenn in ein, spätestens zwei Jahren die sympathischen und freundlichen Großbordelliers neben ihren Puffs hässliche aber funktionale Hotels hochgezogen haben und von den dann endlich optimal geschützten Huren noch eine zünftige Summe pro Übernachtung abkassieren. Mehrwertsteuerbegünstigt, wohlgemerkt. Wenn Sie etwas Geld übrig haben und als Hotel nutzbare Immobilien in der Nähe von Puffs kaufen können, tun Sie das jetzt. Es ist eine solche Investition auch moralisch nicht zu beanstanden, dient sie doch dem Schutz der ausgebeuteten Frauen in der Prostitution.

22. Apr. 2015
von Despina Castiglione
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17. Apr. 2015
von Don Alphonso
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Ein Debakel – die Uraufführung von “La Sigmar Ladrone”

Unsere SPD befindet sich in einem katastrophalen Zustand
Sigmar Gabriel im Jahr 2009

Es ist alles andere als ein Zufall, dass das existierende Opernrepertoire voll von gewitzten, charmanten und beliebten Dienern und ähnlichen Vertretern der Unterschicht ist. Das bekannteste Beispiel dafür ist die kleine Oper „La Serva Padrona“ von Giovanni Battista Pergolesi, die eigentlich nur ein Pausenfüller der heute nicht mehr gespielten Opera Seria „Il prigionier superbo“ gedacht war. 1733 war die Dienerin als Herrin noch eine Art Unterschichtenklamauk, in dem eine zynische Magd ihren alten Herrn mit allerlei Tricks in die Ehe treibt – heute gilt das Stück als Symbol für den Aufstieg des Bürgertums, selbst wenn dasselbe heute dem Reinigungspersonal genauso fern wie vor dreihundert Jahren ist. Aber egal, das Bürgertum begehrte damals gegen die Ständeordnung auf und die Komponisten lieferten die passenden Figuren.

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So hat Don Giovanni seinen Leporello, Don Alfonso in Cosi fan tutte seine Despina, der Barbier von Sevilla sogar die Hauptrolle in den gleichnamigen Opern, und im Publikum sassen die Aufklärer wie Rousseau oder Diderot und fanden es ganz fantastisch, wenn ein Figaro sagte, er werde seinem Herrn zum Tanze aufspielen. Wagner und Verdi hatten es dagegen nicht so mit rebellischen Nebenfiguren, und so kommt es, dass auch weiterhin Mozart, Rossini, Pergolesi und in letzter Zeit auch neu entdeckte Frühwerke von Händel das Bild des geschickten Aufsteigers in den besseren Kreisen prägen: Witzig, ideologiefrei, mit hoher Intelligenz und Verständnis für die Ansprüche aller Schichten ausgerüstet, und eine oftmalige Dickleibigkeit mit Charme und Liebenswürdigkeit überspielend. Schaut her, sagen alle diese Opern, der Diener ist zwar kein makelloses Geschöpf, aber die Umstände machen ihn so, und er hat, wenn man ihn lässt, aufgrund seiner Erfahrungen durchaus die Fähigkeit, sich zum Guten und Richtigen zu entwickeln, während der Adel in seinen starren Rollen verharrt.

Um so erstaunlicher finde ich es, dass das aktuell multimedial zur Aufführung kommende Stück „La Sigmar Ladrone“ zu deutsch „Der Gabriel als Parteichef“ so gar nicht in diese inzwischen ehrwürdige Stilrichtung passen will. Selbstreferenziell macht sich darin der aus Goslar stammende Capo einer Laienspielertruppe namens Societa Porcheria Damnata, kurz SPD, zum Thema und führt vor, wie man eben diese Truppe mit schlecht intonierten Arien nicht gut aussehen lässt, während im Hintergrund alles in die Brüche geht, die Kulissen fallen und dahinter morsche Bretter zum Vorschein kommen, und das Publikum als Teil der Vorführung zu den Ausgängen drängt. Noch nie mochte der Gabriel allein ein Opernhaus füllen, seit er als Diener eines Don Gerhardo damit beauftragt wurde, Lustspiele für das niedrige – sic – Sachsen zu verwalten, wo man ihn bald mit Schimpf und Schande verjagte. Nachdem aber alle anderen Impressarios der Gruppe beim Publikum keine Gnade fanden, ist er nun oben angekommen. Zu den bekannteren Nummern dieses Knöde Tenors der letzten Zeit gehörte die Arie „Ich bin nur als Privatmann hier / und füttere das braune Tier / mit sanftem Wort und mit Nicken / meine Partei, die kann sich – fügen“ mit dem Dresdner Ensemble Postmodern der Pegida, während seine eigene Truppe offensichtlich Probleme hatte, dem schnellen Ein-Achtel-Takt zu folgen.

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Ebenso erstaunlich war das Duett mit Primadonna Angela mit dem Text „Wir stehen hier und weichen / dem Zwang zur Maut gar nie / nur über unserer Parteien Leichen / heben wir die Hand für sie“, das sein Ende in einem fulminanten Terzett mit mit einem anderen Laiensänger namens Ministro Dobrindt fand: „wir fügen uns dem Zwange / und machen freudig mit / und halten hin die Wange / in die der Horsti tritt“. Auch hier gelang es der Compania des Gabriel nicht, das brillierende Plaudite zu treffen, und der Kritiker kann nicht umhin sich zu wundern, warum sie letztlich doch mürrisch einstimmten. Das stupendiert um so mehr beim Auftritt des grossen Räuberchores von der anderen Seite des Atlantiks, der die Mitglieder und Freunde der Societa Porcheria Damnata ausplündert, mit Hilfe von Schiedsgerichten entrechtet und mit Chlorhühner oral vergewaltigt. Es ist eine wahrhaft schockierende Szene, die in einer Opera Buffo ihresgleichen sucht und überhaupt nicht dazu angetan ist, Sympathien für die Hauptperson dieses Stückes zu entwickeln. In der Gesprächkreisarie lässt Gabriel Verständnis für das Treiben erkennen „In Knechtschaft habe ich ein Volk geführt / mit Bebels Werken gar geheizt / ich weiss genau, was mir gebührt / Schröders Profit mich reizt“.

Zum dramatischen Höhepunkt jedoch geriet eine Szene, die wirklich mehr an „Iwan den Schrecklichen“ denn an „Figaros Hochzeit“ erinnerte. Gabriels Ziehsohn Maas hatte sich monatelang als Wahrer der Bürgerrechte und Freund des Volkes gegeben und sich selbstkritisch geweigert, es ohne Grund auszuforschen und zu bespitzeln: „Wir haben die Verfassung / geschändet und gebeugt / dann vor Gericht verloren / und deshalb sehr bereut.“ Offensichtlich gefiel Gabriel der daraufhin aufkommende Applaus – zum ersten Mal überhaupt – nicht, so dass er Maas in der Verräterarie anging: „Dann nenne anders unsre Spitzel / Grundrechte gelten dem Sozen nicht / ich hau Dich wie ein Schnitzel / fügst Du Dich nicht, du Wicht“. Worauf Maas antwortete „Mein Rückgrat ist gebrochen / wie es mein Gott befahl / noch stets ist die Partei gekrochen / schleimig wie Aal“ – und tatsächlich einen neuen Titel für das mehrfach abgesetzt Spitzeldrama erfand. Nunmehr dürfen die Büttel des Opernhauses also alle Taschen im Foyer nach Lust und Laune überprüfen und festhalten, wer mit wem kritische Gedanken äussert – natürlich nur für den Fall schwerster Verbrechen wie Anzünden des Theaters, Abschreiben von Notenheften oder das heimtückische Verüben von Witzen über Gesangsgruppen, die nach Jahrzehnten des Verlierens immer noch nicht in der Lage sind, die alte, korrupte Garde durch Sänger zu ersetzen, die wieder mehr Leute in die Opernhäuser ziehen könnten.

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Es stellt sich die Frage, was der Regisseurs mit diesem „Apocalypse Now“ unter den sozialen Dienstbotenstücken bezweckt, und wann hier eigentlich einmal die gesellschaftliche Notwendigkeit des Aufstiegs speziell dieser Unterschichten an die Spitze nachvollziehbar begründet wird. Was immer man hört, ist nicht die pfiffige Klugheit des Figaro, sondern nur das herumscheuchende Tsit Tsit von Pergolesis Dienerin, die bei genauerer Betrachtung alle schlechten Eigenschaften der Gosse mit der Hybris des Adels verbindet. Der Protagonist ist nicht mehr ideologiefrei, sondern prinzipienlos, er ist nicht wendig und gewitzt, sondern kriecherisch und unehrlich, und sein Ziel ist nicht die Freiheit, sondern eine alternativlose Despotie über seine Schaupieltruppe. Er ist durch und durch ein Verräter. Während Figaro noch von sich behaupten kann „Man ruft, man seufzt nach mir, will mich bald dort, bald hier!“ kann sich der Rezensent angesichts ähnlicher Sozialschauspiele in Spanien, Italien und Griechenland des Eindrucks nicht erwehren, dass den Gabriel zwar wirklich alle bald wünschen werden – aber nur zum Teufel.

In einem Opernbetrieb, der alle vier Jahre kurzfristig nicht von Firmenspenden und der Kulturmafia, sondern allein von der Gunst des Publikums bestimmt wird, sind das keine besonders guten Voraussetzungen für weitere Akte in diesem Schauspiel. Gabriel kann bis dahin nicht von der Bühne vertrieben werden, und wird fraglos weiter den Kindern im Publikum erklären, warum es besser ist, Lehrer in Goslar als solche dort zu belassen. Warum aber ein Publikum, das Chöre wie „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ gewohnt ist, nun Lobgesänge auf staatliche Repression, Abbau von Bürgerrechten und Unterjochung nach den Wünschen der Wirtschaft anhören soll, ist dem Rezensenten nicht ganz klar.

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Es sei denn, er hätte ich bei der Übertragung getäuscht und das ist gar keine Oper, sondern Realpolitik. Aber da würde mam so einen Typen doch nie so weit kommen lassen, eine Volkspartei vor den Wand zu fahren.

Glaube ich zumindest.

17. Apr. 2015
von Don Alphonso
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14. Apr. 2015
von Don Alphonso
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Soziale Porno-Anomalien der Reichen

Play ethnicky jazz to parade your snazz on your five grand stereo
Braggin’ that you know how the niggers feel cold and the slums got so much soul

Dead Kennedys, Holliday in Cambodia

Es ist Sonntag morgen und ich öffne Zeit.de, das Internetangebot einer Zeitung, deren Redakteure in Zimmern gehalten werden, die etwas kleiner als die meiner Gästewohnung sind, nur ohne Dachterrasse, Kronleuchter und Mahagonimöbel. Trotzdem gehören sie zu den Privilegierten dieses Landes, werden mittelgut bezahlt und gerne herumgereicht, weil sie die Meinung in diesem Land, zumindest bei den Gebildeten, mit beeinflussen. Was serviert mir diese Seite der Privilegierten wohl so am Sonntag?

sozporna

Die Präsidentschaftskandidatur einer Frau, die wegen eines „War on Women“ Stimmen bekommen möchte. Ein Beitrag über Pegida: Tillich warnt vor Ausländerhetze. Darunter bezeichnet Michael Jürgs die ostdeutsche Gesellschaft als pubertierend. Der Ratgeber erklärt, wie introvertierte Hascherl auch Karriere machen können. Die Familienministerin setzt sich für eine bessere Entlohnung von Erziehern und Erzieherinnen ein. Eine Frau wird mit einem Foodblog vorgestellt, obwohl sie nicht kochen kann und das ihrem Mann überlässt. Es wird beklagt, dass Kenia Flüchtlinge des Landes verweisen will, und weiter unten wird empört gefragt, warum wir über Charlie Hebdo trauern und die Kenianer nach dem Massaker an christlichen Studenten allein lassen. Wenigstens will die CDU in Brandenburg mit der AfD brechen. Die italienische Küstenwache rettet derweil Flüchtlinge, aber noch mehr sollen in Seenot sein. Dafür gibt es in der Kultur Good News, denn endlich entdeckt Amerika das Thema Transgender, und die Zeit hat sich ein Haus angeschaut, das sich um die Belange queerer Leute kümmert. Auch toll die Überschrift im Stil der Wehrmachtsberichte: „Der deutsche Jazz hat ein weibliches Gesicht.“ DerrDoitschäh Tschähzzzz, ich stelle mir sowas immer mit der Stimme von Goebbels vor. Ein Feature über die Tiefen der armen Showgrösse Lena Meyer-Landrut ist direkt vor einem fleischlosen Gulasch. Danach ein Beitrag über Konzentrationslager und nochmal Flüchtlinge, diesmal in der Version „hochbegabt“. Cannabis ist super und die Lage der Diamantenschürfer in Banharbaru ist entsetzlich, weil die vom Reichtum nichts abbekommen. Der Sport: Hannover gegen Herta. Hier werden zwei schwarze Spieler abgebildet. Dann noch ein Leseraufruf, wo Flüchtlinge willkommen sind – man soll von seinen Erfahrungen erzählen, sofern sie gut sind. Zum Schluss nochmal Mindestlohn und die schlimme Lage der Taxifahrer in Hamburg.

Das ist nicht die taz, nicht die Jungle World und auch nicht eine Internetpostille der Antideutschen, das ist die Zeit. Und wenn dann einmal eine Autorin der Welt etwas über Feminismus schreibt, in einer Serie mit Pro- und Kontra-Stellungnahmen, sagt eine Studentin auf dem Social-Justice-Warrior-Trip:

meinungsfreiheit heißt vor allem den menschen eine stimme zu geben, die wenig möglichkeiten haben diese zu äußern und gehör zu finden.
sozpornb

Die hätte mal besser die Zeit lesen sollen, da liefert man genau das, was sie will. Jede Menge Mitleid und Bedauern, und wahrscheinlich weinen die Redakteure Nachts noch in ihre zertifizierten Biokissen, weil sie vergessen haben, einen Beitrag über die Adoptionsbedingungen für vegan gepiercte transsexuelle Paare in Peru, deren Schönberginterpretation mit der Ukulele vom Goethe-Institut lobend erwähnt wird, hochzuschalten und dem Publikum nochmal Tränen abzuringen. Die spannende Frage ist jedoch: Warum macht ein Organ der gebildeten und hohen Stände so etwas? Das alles sollte doch nach Wunsch und Möglichkeit überhaupt nicht die eigene Lebensrealität der Leser zeigen, und generell findet man es doch super, wenn einem keine feministische Jazzpianistin so lange auf Cannabis mit der Musik New Yorker Genderhäuser quält, bis man seinen Besitz den Armen der Welt vermacht und den Rest des Daseins mault, dass es wegen der polarnahen Lage von Hamburg vor der eigenen Öltonne nie Sonne geben wird.

Die Antwort ist mir wie so oft beim Umhängen der Bilder gekommen; ich habe da eine neue Rokokoschönheit mit Schleier und der musste eine italienische Strassenszene im Guardistil mit einem dekorativ herumliegenden Bettler weichen. Für solche sozialen Anwandlungen nämlich zahlen und zahlten Gebildete seit jeher viel Geld, man denke nur an die Gemälde von Murillo, die Schule von Barbizon, und es wäre mir auch neu, dass die Sammler von George Grosz mit seinen Freudenmädchen und Spiessern in, sagen wir mal, bildungsfernen Schichten zu finden wären. Sogar bei mir, der ich normalerweise perlenbehängte Schönheiten mit prachtvollen Gewändern bevorzuge, ist so ein Sujet in die Sammlung gerutscht. Nicht allzu oft natürlich, aber schon früher zeigte man sich mit einem Bauernbild von Jean-François Millet im Salon fortschrittlich und weltoffen, und war ansonsten mit dem Reich von Napoleon III. zufrieden. Und sollten Sie einmal in das Bayerische Nationalmuseum kommen – da gibt es auch kunstvolle Elfenbeinskulpturen von Bettlern in zerissenen Kleidern. Das fand man bei Hof ganz wunderbar – es war nicht alles nur parfümierte Beischlafsanbahnung der oberen Klassen wie bei Bustelli. Oder eben den Partneranzeigen in der Zeit.

sozpornc

Dunkel meine ich mich da nämlich erinnern zu können, dass dort mehr der musikalisch begabte Unternehmer im Ruhestand eine kulturell interessierte Dame suchte, die Unterschichten nur in Form von Befehlsempfängern beim Personal kannte – und eben vielleicht aus der Zeitung. Eigentlich wollte ich ja schreiben, wie widerlich ich die Doppelmoral meiner Kollegen mit ihrem Poverty Porn finde, aber wenn ich ehrlich bin, hängt in meiner Küche zwischen den Stillleben und dem Imariporzellan auch so ein Gemälde einer romantisch verrussten Bauernküche. Ich habe auch das Portrait einer Dienstmagd aus dem XVII. Jahrhundert, vermutlich flämisch, auf dem sie ein Huhn rupft. Und dann habe ich noch eine ganze Wand voller Capriccios – was darauf nicht verkleidete, halbnackte Adlige oder durch Hecke geknallte verführte Nymphe ist, ist wirklich arm, kniet betend oder geht sogar einer echten Tätigkeit nach. Ich brauche mich also gar nicht beschweren: Das hatte man schon immer so.

Historiker jedoch werden nun richtigerweise einwerfen, dass all dieser künstlerische Poverty Porn auch durch diese letzten vier Jahrhunderte wenig daran änderte, dass man den schwarzen Mann versklavte und als Leuchterknaben hielt, arbeitsscheue Leute in Armenhäuser steckte und zur Arbeit und Umschulung zwang, Menschen ohne Pass des Landes verwies und bei aller Lust an der Verkleidung in der Oberschicht nur wenig Gefallen an sexuell abweichendem Verhalten weiter unten empfand. Die Kunst beweist uns, dass man sich über die Existenz des Elends voll bewusst war und die Geschichte zeigt, wie gleichgültig sich deren Käufer im vollen Wissen um die Probleme verhielten: Ars der Reichen longa, Vita der Armen brevis. Für das Stück Goldledertapete neben meinem Schreibtisch hätte man eine Familie einen Monat satt machen können und könnte es, den richtigen Kontinent vorausgesetzt, noch immer, selbst abzüglich der Verwaltungsgebühren der Nothilfeorganisationen, sofern sie nicht tebartzen und erster Klasse in die Slums fliegen.

sozpornd

Aber natürlich: Heute nutzen auch wir die Medien, um den Unterdrückten eine Stimme zu geben und ob man das Elend anklickt oder nicht, spielt keine Rolle. Mir selbst ist ja auch erst jetzt aufgefallen, wieviel Elend hier in Öl in meiner Wohnung hängt, über dem grünen Chippendalesofa, auf dem ich Torte esse und mich über neue Auktionserlöse der Schule von Barbizon informiere. Man kann es geradezu als Konstante der bürgerlichen Epoche begreifen, dass wir bestens über den Stand der Welt und seiner unteren 90 Prozent informiert sind. Selbst wenn der Sauhirte von früher heute mit Baugrund reich wird: Es gibt noch genügend anderes Elend. Und auch genug Kunst, die das thematisiert. Wir schauen uns das natürlich an, und überlegen, wo war das noch mal? Das war eine Ausstellung in – war das jetzt Madrid oder Paris? Schahatz, weisst Du noch, diese Bilder da mit den betenden, armen Bauern, die waren? Ach so, Victoria an Albert. Oder doch Tate? Das kann doch niemand auseinander halten.

Es ist halt auch nur beliebiger Porno. Man klickt das an, man schaut es sich an und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Trotzdem hätte ich mir gerade von der Zeit mal wieder etwas mehr Empathie für arme Gemäldesammler wie mich gewünscht, denen die Wände nicht mehr ausreichen und deshalb den Guardi abhängen müssen. Irgendwo muss so ein armes, unterprivilegiertes Waschweib des Rokoko ja seinen Platz finden, und da tragen wir gern unser Scherflein zum Wohlergehen der Welt bei.

ACHTUNG: WEGEN TECHNISCHER ARBEITEN KANN ES HEUTE ZU AUSFÄLLEN BEI DEN KOMMENTAREN KOMMEN.

14. Apr. 2015
von Don Alphonso
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11. Apr. 2015
von Despina Castiglione
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Ich habe heute leider kein Foto für Sie

“I’ve been looking so long at these pictures of you
That I almost believe that they’re real”

The Cure, Disintegration

Wenn ich die Frontkamera meines Smartphones nutze, um geschwind zu überprüfen, ob ich einigermaßen öffentlichkeitstauglich aussehe, erschrecke ich manchmal. Man sieht ja selten wirklich gut aus, wenn man aus einem komischen Winkel, womöglich in wenig schmeichelhaftem Neonlicht, spontan in die Kamera schaut. Deshalb mag ich keine Selfies. Wenn nicht mal ich das sehen möchte, warum sollte ich dann andere damit belästigen? Das ist ein bisschen, wie mit kurzen Hosen, oder auch mit Socken in Sandalen. Kann man machen, ist aber Geschmackssache.

Entsprechend hat mich auch der Hashtag #FacesOfProstitution nicht weiter interessiert. Ich weiß ja, wie Sexarbeitende aussehen, ich sehe das allmorgendlich im Spiegel, und war gerade neulich mit einer lieben Kollegin Pizza essen. Ich kenne die Geschichten, die Diversität, und weiß um vieles, das Sexarbeit jenseits der üblichen Klischees ausmacht. #FacesOfProstitution wendet sich eher an Leute, die eben diese Klischees von Sexarbeit im Kopf haben.

Man findet unter diesem Hashtag, ich habe die Bildersuche von Twitter bemüht, zahlreiche Selfies von sehr unterschiedlichen Personen, die der Sexarbeit nachgehen und recht entspannt aussehen. Obwohl, oder weil sie Sexarbeit machen. Losgetreten hat das Ganze eine Sexarbeiterin, die sich auf Twitter Tilly Lawless nennt und offensichtlich auch nicht glücklich mit der Art ist, in der Sexarbeitende in den Medien gerne mal als Opfer dargestellt werden. Oder als Lobbyisten der sogenannten Zuhälterindustrie, für den Fall, dass sie sich getrauen, aufzusprechen. Ganz selten begegnet mir ein Text, der Sexarbeit als – zugegeben, nicht ganz gewöhnliche – Arbeit begreift und die in diesem Bereich Tätigen nicht als Freaks abstempelt.

Die Süddeutsche Zeitung hat jedenfalls #FacesOfProstitution aufgegriffen, der Text ist weder sonderlich lang, noch böse, nur der im letzte Absatz ließ mich die Stirn kraus ziehen: Nicht über Sexarbeit zu twittern sei auch eine Entscheidung, die Millionen träfen, und dafür gebe es wohl Gründe. Ich möchte der Autorin da uneingeschränkt zustimmen, aber aus einer etwas anderen Perspektive und allgemeiner. Denn ginge es nur um Twitter, bräuchten wir gar nicht diskutieren, dann hätten wir nämlich kein Problem. Es gibt allerdings für Sexarbeitende sehr viele, sehr gute Gründe, sich grundsätzlich nicht öffentlich zu äußern.

„Trau´, schau, wem“ gilt in unserer Branche nicht nur im Umgang mit Kundschaft und Betreibern, sondern insgesamt und allumfassend und anscheinend auch im Umgang mit Medien. Ich kann mir schon vorstellen, dass so ein rotlichtig illustrierter, sensationsheischender Artikel öfter gelesen wird, als einer, der sich mit der komplizierten und zugegebenermaßen in weiten Teilen recht unerotischen Materie auseinandersetzt, wo denn in welchem Bereich der Sexarbeit welche Probleme auftreten und weshalb, und wie eigentlich sinnvolle Lösungsansätze dazu aussehen könnten.

Ich nehme an, Leuten ihr geschlossenes Weltbild zu bestätigen und das mit ein paar anregenden Fotos von nackten Hintern in zwielichtigen Etablissements zu garnieren, ist relativ schnell gemacht und verkauft sich einigermaßen zuverlässig. Im Endeffekt mache ich, wenn das Selbstbewusstsein eines recht einfach gestrickten Kunden mit auswendig aufgesagten Plattitüden aufpoliere und dabei Strapse trage, auch nichts anderes. Ist halt die Frage, ob das gute oder schöne Arbeit ist und ob es womöglich auch besser geht.

Jedenfalls, ich lehne gewisse Kundschaft aus gutem Grund ab, und ich würde auch mit einigen Leuten nicht über Prostitution reden, damit sie später darüber schreiben. Es gibt eine Grenze, und zwar die des guten Geschmacks. Es ekelt mich an, wenn mein Berufsstand einerseits fetischisiert und andererseits marginalisiert wird. Es mag schwer vorstellbar sein, aber auch unsereins schätzt eine gewisse Normalität und gesittete Umgangsformen. Das Maß an moralischer Überheblichkeit, das notwendig ist, um von Sexarbeitenden zu verlangen, sie sollten doch mal Gesicht zeigen, um mit ihren Argumenten gegen die Stigmatisierung, die sie von der Möglichkeit, aktiv an der Diskussion teilzunehmen ausschließt, ernstgenommen zu werden, ist marie-antoinettesk. (Ja, ich weiß, Rousseau. Aber das hätte doch niemand erkannt.) Man muss damit rechnen, dass alles, was man als Sexarbeitende sagt, früher oder später gegen einen verwendet wird. Und mit viel spärlich verhüllter Haut illustriert.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe natürlich gar nichts gegen kontroverse Berichterstattung einzuwenden. Man kann, ja man soll sogar bitte, unterschiedlicher Meinung sein, wenn man eine konstruktive Diskussion führen möchte. In den extremen Positionen liegt selten das rechte Maß, und jede Ideologie oder Weltanschauung darf sich wegen mir gern ein hübsches Stück weit der Vernunft unterordnen. Die Prostitution ist weder ein glamouröses Wellnessevent auf der Insel der Glückseligen, noch ein unbedingt auszumerzender Sündenpfuhl. Sexarbeitende sind weder Helden, noch Opfer, sondern in aller Regel einfach Menschen, die ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen, und sich aus den mannigfaltigsten Gründen für diese Option entschieden haben. Dass Betroffene im Einzelfall  nicht wild darauf sind, ihre Geschichten zu erzählen, erst recht, wenn es Leidensgeschichten sind, liegt möglicherweise daran, dass sie nicht identifizierbar sein wollen um sich beispielsweise vor Beschämung jedweder Art zu schützen. Denn der respektvolle Umgang mit Sexarbeitenden kann ruhig flächendeckend noch ein bisschen geübt werden.

Nur werden so die Geschichten leider beliebig, sie werden von Dritten erzählt, es gibt keine Bilder und keine Sensationen. Es ist letztlich unser Privatleben. Es geht niemanden etwas an, warum sich jemand im Einzelfall ausgerechnet für Sexarbeit entscheidet. Es geht aber eine Gesellschaft etwas an, ob eine Berufsgruppe, und sei sie noch so unliebsam, benachteiligt, in ihren Grundrechten eingeschränkt und vom Diskurs ausgeschlossen wird. Ich würde mir Berichterstattung wünschen, die genau da ansetzt, und sich nicht damit zufrieden gibt, altgediente Klischees von allmählich aus der Zeit Gefallenen zu reproduzieren.

Über die Arbeitsbedingungen zu reden, halte ich für dringend nötig. Und zwar vornehmlich mit Betroffenen und mit Experten, und nicht unbedingt mit denen, die am lautesten schreien. Wenn es sich aufgrund ihres Betroffenseins Menschen nicht leisten können, ihre Position zu vertreten, dann könnte man ja als Journalist einfach mal ihren Positionen trotzdem Gehör verschaffen. Und zwar gerne bis zu dem Punkt, an dem ihre Stimme wirklich vernommen wird. Dass die abwertenden geschmacklosen Äußerungen einer Ordensschwester in der Diskussion um Sexarbeit in Deutschland eher gehört werden, als die Stimmen der Prostituierten, die sich trotz aller Widrigkeiten zu dem Thema äußern, finde ich gelinde gesagt kurios. Natürlich ist die Perspektive derer, die in der Beratung arbeiten, wertvoll. Aber es gibt mehr als eine Beratungsstelle, und inwiefern es der Meinungsbildung der geneigten Leser dienlich ist, immer wieder das gleiche Netzwerk zu Wort kommen zu lassen, diese Frage ist doch bei den Sexarbeitenden wie auch den Beratenden gleichermaßen angebracht. Selbstverständlich müssen die Bedürfnisse gerade derer, die sich nicht selbst zu Wort melden können, unbedingt berücksichtigt werden. Das gilt unbestritten besonders für migrantische Sexarbeiterinnen, die allein schon die deutsche Sprache nicht in ausreichendem Maß beherrschen. Das gilt aber auch für die, die schweigen, weil sie Angst haben, das Sorgerecht für die Kinder zu verlieren, die Wohnung gekündigt zu bekommen oder die Chance auf eine berufliche Umorientierung zu verspielen.

Ich höre von Frauen, die heimlich arbeiten, niemanden in Kenntnis setzen, wo und wann und dass sie überhaupt der Sexarbeit nachgehen. Offiziell sind sie als Tänzerin, Modell, Masseurin tätig, keine Statistik erfasst sie. Weil sie mehr Angst davor haben, als Hure gebrandmarkt zu werden, als vor dem, was ihnen ein Kunde antun könnte. Und diese Frauen sollen Gesicht zeigen und für ihre Anliegen Position beziehen? Sich beim Gesundheitsamt anmelden und womöglich einem Datenaustausch zwischen den jeweils nur teilweise und von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich zuständigen Behörden zustimmen? Während sie in einer rechtlichen Grauzone zwischen unausgegorenem Bundesgesetz und flächendeckenden Berufsausübungsverboten in Form regionaler Verordnungen manövrieren? Und wer aus der Praxis heraus anmerkt, dass derlei Ansinnen eventuell an der Realität vorbeigehen, darf sich als Zuhälterlobbyist beschimpfen lassen? Entschuldigung, ich finde das an Zynismus nicht zu überbieten. Mir ist wichtig, dass die Leute legal und somit sicher arbeiten können. Damit diese Rechnung aufgeht, muss die Legalität aber mehr Schutz bieten, als die Illegalität. Ob die aktuelle Berichterstattung zu einer sachlichen Diskussion beiträgt, die geeignet ist, solche Zustände herbeizuführen, halte ich für hinterfragenswert. Deswegen gibt es von mir leider weder ein Tegernseelfie noch ein #FaceOfProstitution.

 

11. Apr. 2015
von Despina Castiglione
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09. Apr. 2015
von Don Alphonso
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Wohnen ohne Millionen

Wo wohnen hier eigentlich die Nichtmillionäre?

Diese Frage höre ich oft. Da sitze ich also mit Freunden und Bekannten auf der Bank in unserem kleinen Yachtclub, geniesse den Ausblick, und in ihrem Kopf entsteht der Eindruck, dass das alles viel zu gut ist, um echt zu sein. Da muss es doch mit all dieser silbrigen Luft, dem Blick auf die Berge, dem kristallklaren Wasser und dem Kitzeln der Sonne auf der Haut einen Nachteil geben. Es gibt immer einen Nachteil. Der naheliegende Nachteil ist, dass der Tegernsee seit dem Dritten Reich den Spitznamen „Lago di Bonzo“ trägt und tatsächlich keine alltägliche Wohnlage ist. Mal eben zum See gehen können nur ein paar tausend – oft keiner echten Arbeit ausser dem Vermögensbesitz nachgehender – Menschen, und der Rest wohnt nicht hier. Das ist keine Absicht, das ist nun mal so, aber wenn man sich nicht daran gewöhnt hat, stellt man natürlich solche Fragen.

haushama

Ich privat würde das alles ja einfach still geniessen, so wie ich es jetzt nach vier Wochen am See auch wirklich tue, und mich lieber mit den Enten und Schwänen beschäftigen, als mit denen, die keine Millionäre sind und nicht hier wohnen. Wobei es nicht stimmt, es gibt durchaus viele, deren Vermögen kleiner ist, und inzwischen haben wir hier auch Asylbewerber, mit denen ich mich ganz leicht und politisch unkorrekt aus der Frage herauswinden könnte. Ich könnte auch sagen, dass eine Million heute nicht mehr viel ist und eigentlich gar kein Kriterium, aber das erscheint dann doch etwas feige. Die harte Wahrheit ist, dass Nichtmillionäre auch sehr oft Nichttegernseer sind. Und für die gibt es natürlich auch Ecken im Oberland, die man kaum als privilegiert bezeichnen würde.

haushamb

Diese Wiesen hier etwa. Diese Wiesen liegen zwischen dem Tegernsee und dem Schliersee. Egal, wohin man schaut: Nur Wiesen. Es gibt eine sehr reizvolle Rennradrunde zwischen Tegernsee und Schliersee, die ist voll mit derartigen Wiesen, mit denen kann man bei uns die Kühe füttern: Aber das Ziel ist nun mal der See und niemand würde sagen, er fährt eine Runde Tegernsee-Hausham-Schliersee. Hausham nämlich ist der Ort, zu dem diese Wiese gehört, und wenn jemand unbedingt wissen will, wo man hier lebt, wenn man nicht begütert ist: Hausham ist die Antwort. Hausham ist das Ruhrgebiet des Oberlandes. Denn unter diesen Wiesen liegt Kohle, deren Abbau sich schon lange nicht mehr lohnt, und so sieht Hausham heute auch aus. Es gibt dort sogar blockartige Gebäude und eben keinen See, und die Immobilien sind so billig, dass es in Berlin angeblich Penthouses geben soll, die etwas teurer sind. Nachdem man aber auch hier eher kauft als mietet, spüren das die Ruhrgebietsbewohner gar nicht.

Und man muss schon mit Tegernseer Augen hinschauen, um die Unterschiede zu erkennen. Der Trachtenladen etwa hat kein Habsburg wie in Rottach, sondern nur Meindl-Lederjanker der Preisklasse unter 2000 Euro. Es ist nicht so wie in Gmund, wo auf 700 Einwohner ein exklusiver Inneneinrichter kommt. Es sind nur drei Kilometer zum Schliersee, und schon recken sich Fördertürme in den Himmel an der Stelle, wo auch grosse Supermärkte sind, und MichiApostrophS Copy- und Dartshop bietet seine Dienste an. Es gibt Döner. Es gibt eine Metzgerei namens Wurstkutschn. Hausham ist normal und immer noch eine gute Wohnlage, und deshalb wohnen hier die Nichtmillionäre gerne. Ich nehme an, auch Sie, liebe Leser, wollen jetzt lieber insgeheim ein Bild des Schliersees sehen, als MichiApostrophS Copy- und Dartshop, bitteschön:

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Aber. Obwohl Hausham nicht reich ist und keinen See hat und deutlich weniger Millionäre, die an den öffentlichen Wegen zu ihren Villen ein Schild mit der Aufschrift „Privatstrasse“ anbringen, ist es nicht vergleichbar mit dem Szenario, das ich letzte Woche Malte Weldings Buch entnommen habe: Dass nämlich Eltern mit Kindern von Staat und Gesellschaft alleine gelassen werden. Es gibt in Hausham die Lebenshilfe, und wenn Eltern den Eindruck haben, dass die Entwicklung ihrer Kinder nicht optimal verläuft, hilft die. Kostenlos. Man muss den Nachwuchs nur vorbei bringen, dann macht die Lebenshilfe das, und zwar mit einem Angebot, das sich sehen lassen kann. Von Nichttegernsee-Aussen betrachtet würde man sagen, dass es da einen hübschen Ort namens Hausham gebt, in dem in einem modernen, schönen Gebäude zwischen Tegernsee und Schliersee kostenlos das Beste für die Kleinsten und Schutzbedürftigsten getan wird.

Und damit die Eltern auf dem Weg dorthin – die Frühförderung ist durchaus idyllisch gelegen – schnell und leicht finden, werden in Hausham Strassenschilder dafür aufgestellt. Da denkt jemand in der Verwaltung mit und sagt sich: Die Eltern sind vermutlich aufgeregt und verunsichert, schreien ihre Chauffeure vielleicht an, und die lassen wir nicht lange mit dem Kind nervös durch den Ort kurbeln – wir stellen Schilder auf. Oder falls sozial schwächere Eltern mit dem Bus kommen: Die müssen nicht lang laufen. Die sehen sofort, wohin sie ihre Schritte führen müssen.

haushamd

Weil das aber das Ruhrgebiet des Oberlandes ist, gibt es auch Saubuam, hunzvareggde, die im Berliner Stil etwas an das Schild kleben. Und dann kommt die Gemeinde und lässt das wieder freikratzen.

Es ist genau dieses Detail, warum ich hier gern lebe. Nicht, weil es auch im hiesigen Ruhrgebiet schön ist, auch die Ärmeren vom Reiz der Landschaft profitieren, selbst wenn sie gerne am Abend Dartsendungen im TV betrachten und Döner essen, es eine Lebenshilfe gibt, deren Angebot kostenlos und weitere Dienste inklusiv sind, und weil dann noch die Gemeinde daherkommt und sagt, da helfen wir und machen ein Schild. Sondern weil im Falle eines Beklebens jemand kommt und das Schild wieder säubert, damit Eltern die Frühförderung finden. Ich finde das überhaupt nicht spiessig, sondern dankenswert. Das berührt mein Herz. Ja, es ist nur Hausham und dahinter sind die Fördertürme, hier wohnen ganz normale Menschen mit ganz normalen Problemen, die ihren Leberkäs in der Wurstkutschn kaufen statt ihren Kaviar am Yachtclub – aber dieses Schild, es bleibt sauber und hilft denen, die es brauchen. Und die, die es beklebt haben, bekamen eine Kette um den Hals und in Österreich, hinter der Valepp, da haben wir sie in einer Feierstunde in einer Schlucht als Bärenleckerli angehängt.

haushamf

Es ist ein winziges Detail. Man nimmt das normalerweise einfach so hin, ich komme hier laufend vorbei, bei meiner Seenrunde, bei der Spitzingseeausfahrt und bei meiner Tour über die Neureuth und die Gindelalm, die oben zu sehen ist. Das Schild stand hier schon immer, dass es beklebt und gleich wieder gereinigt wurde, ist dagegen neu. Manche wundern sich, warum unsere eigenen Armen ihr relativ benachteiligtes Schicksal so ertragen und nicht gegen die rebellieren, denen sie das Essen zubereiten, die Medikamente verkaufen, als Alte pflegen oder den Müll wegräumen. Das Schild und der Umgang damit ist die Antwort. Selbst im armen Hausham, dessen Söhne auswandern müssen, um andernorts Regisseure werden zu können, in einem Ort ohne jeden See und im Schatten der Berge

wird dieses scheinbar belanglose Schild aufgestellt und gesäubert.

So leben hier die Armen. Jetzt wissen Sie es, und das nächste Mal reden wir dann wieder über die echten Probleme des Dasein, wie etwa, dass die kleinen Tüten beim Konditor Wagner an ihre Grenzen kommen, wenn man mehr als dreihundert Gramm Pralinen einfüllen lässt. Das ist nämlich wirklich so.

09. Apr. 2015
von Don Alphonso
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04. Apr. 2015
von Don Alphonso
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Der Pflegenotstand als soziologisch faire Angelegenheit

Bete nicht um eine geringere Last, sondern um einen stärkeren Rücken.
Theresa von Avila

Machen wir ein kleines Experiment.

Gehen Sie in die Küche, öffnen Sie einen Schrank, mehmen Sie ein handelsüblich verschlossenes Glas mit Kompott oder Marmelade, und öffnen Sie es. Mit einer Hand.

Nun?

Ich liebe Marmelade, ich brauche sie als Brennstoff beim Schreiben, ich mache das dauernd. Mit zwei Händen. Weil es mit einer Hand nicht möglich ist. Noch nicht mal mein eigenes, verpfuscht eingekochtes Marillenkompott bekomme ich auf, oder eine handelslübliche Dose, oder eine Flasche Saft. Mit einer Hand ist das technisch nicht möglich. Auch Espresso kann man nicht kochen. Aber es ist ja nur ein Versuch. Vorerst.

fascha

Aber Sie wissen jetzt, wie hilflos man sich mit einer Hand fühlt. Und nun stellen Sie sich vor, Sie erleben das gleiche, wenn ihr Partner ein Pflegefall ist. Demenz, Krebs, Immobilität, was auch immer. Er ist auf Sie angewiesen, und Sie tun, weil Sie ihn lieben, natürlich alles. Sie tragen diese Last ohne Klagen, weil Sie das Beste für diesen anderen Menschen wollen, und weil man das in konservativ-besseren Kreisen halt so macht. In guten wie in schlechten Tagen. Aber dann passiert Ihnen etwas. Sie sind nicht mehr ganz jung, und der Arm bricht. Und jetzt haben sie nur noch einen Arm zur Verfügung und müssten den Menschen, den Sie lieben, mit Kompott aus dem Glas füttern. Das Sie mit einer Hand aber nicht öffnen können. Sie bekommen dieses eine Glas nicht auf, weil es eben diesen Unfall gab. Das passiert jedes Jahr ein paar tausend Mal und wirft dann pflegende Verwandte aus dem Gefecht gegen die Krankheit, aus der Sorge für den Menschen, den sie lieben und gepflegt haben.

Ich erzähle das hier nicht theoretisch, denn genau das ist in meinem Umfeld passiert. Das ist auch mit Villa und Geld keine schöne Situation, sondern im ersten Moment zum Verzweifeln – da muss eine Operation sein, jemand muss die Pflege während dieser Zeit komplett übernehmen und danach auch sehr viel tun. Es muss immer jemand da sein, denn wenn der andere stürzen sollte, kann man ihn mit dem einen Arm auch nicht aufheben. Natürlich könnte man ihn ins Heim stecken, aber bekommen Sie mal auf die Schnelle einen Platz im Heim. Und wissen Sie, ob der Partner dort gut verpflegt wird? Ob man ihn dann nicht gleich behält? Das sind alles so Fragen, die in meinem Umfeld zum Glück schnell geklärt sind. Man holt sich eine Haushälter_in. Die kostet im Monat ein paar tausend Euro und ist dann rund um die Uhr da und verfügbar, und das ist auch notwendig: Es dauert nämlich ziemlich lang, bis man mit so einem gebrochenen Arm wieder ein Glas mit Kompott aufmachen kann. Die Unterbringung der Haushaltshilfe ist kein Problem, es gibt ja eine Einliegerwohnung in der Villa. Es ist nicht ganz billig, aber so kommt man auch über diese zehn schweren Wochen hinweg. Bei uns.

faschb

Nur: Haben Sie gerade eine Villa zur Verfügung, mit Wohnung für Personal, zehntausend Euro mal eben so, und die nötigen Kontakte, um so eine Lösung so kurzfristig vor einer Operation zu ermöglichen? Nach meiner bescheidenen Kenntnis der Lebensumstände weniger begüterter Schichten ist das nicht wirklich so, und in diesem Fall, so habe ich damals gelernt, bleibt dann eben nur das auch nicht billige Heim für den Pflegefall, so nennt man das im Amtsdeutschen, übrig. Bei Leuten mit kaputten Hüften mag das gehen, Menschen mit Alzheimer leiden da aber unter der unbekannten Umgebung, stürzen dort oft psychisch ab. Niemand geht gern da hin und verliert den Menschen, den er liebt, und sei es auch nur für zehn Wochen. Solange kriegt man kein Glas auf. Und es gibt auch viele Leute, die sich nicht zehn Wochen jeden Tag das Essen kommen lassen können. Aber was soll man tun? Man kann eine Haushaltshilfe nicht herzaubern und in den Schrank stecken, wenn man sie nicht mehr braucht. Es sei denn, es gäbe eine technische Lösung. Sie dürfen mir das glauben: In so einer Lage würden Sie sehr, sehr viel Dankbarkeit für die Menschen empfinden, die in Karlsruhe den Armar-Roboter entwickeln.

Diese elektronische Haushaltshilfe ist noch nicht fertig, aber ich kenne einen Professor aus Zürich, der mir vor zehn Jahren erzählte, dass sie Mitte der 90er Jahre eine autonome Drohne entwickeln wollten, die selbsttätig nachschauen konnte, ob ein Stockwerk tiefer der Kaffee fertig ist. Damals wäre das Ding so teuer wie ein Luxusauto geworden. Vor zehn Jahren konnte man solche Geräte schon im Bastler-Fachhandel erwerben, und heute ist das ein Kinderspielzeug. Ich glaube, dass es mit dem Küchenroboter ähnlich sein wird, und das war beim Kühlschrank und bei der Espressomaschine auch nicht anders: Diese Geräte werden kleiner, leichter, billiger und effizienter. Solange der Roboter in Karlsruhe entwickelt wird, habe ich keine Sorge. Ich glaube, das kann gut werden und sehr vielen Menschen, die viel Liebe und wenig Geld haben, helfen, auch schwere Zeiten besser zu durchstehen, als sie es heute tun müssen. Es sei denn, eine gewisse Berliner Professorin bekommt ihren Willen. Und man kann leider nie wissen, was für ein Politiker dieser Frau ein Ohr leiht, wenn sie meint, wir sollten uns doch besser um die Probleme der Dritten Welt beim Kochen kümmern, statt solche in ihren Augen lächerlichen Geräte zu entwickeln, denn in der Dritten Welt sterben Menschen durch unzureichende Kochgelegenheiten.

faschc

Sehen Sie, normalerweise ist es ja mein Job hier zu erklären, warum es moralisch gut und ethisch richtig ist, wenn ich am Tegernsee faulenze und Sie arbeiten gehen. Das ist nicht wirklich nett, und ich muss mich da mitunter schon verrenken, aber ich bin wenigstens so ehrlich, meine Privilegien toll zu finden. Und ich stehe fast immer nicht dafür ein, anderen absichtlich Chancen und Hilfen zu verbauen. Die Professorin, die genau das tut, ist ganz anders. Sie trinkt, das weiss ich aus ihrem früheren Beitrag, Fair-Trade-Espresso aus ihrer Sivlia-Maschine. Espresso ist Kaffee, und Kaffee wiederum fällt nicht als Manna vom Himmel der Gendergöttinnen, sondern wird in grossen Monokulturen angebaut, die Mensch und Tier den Lebensraum nehmen. Wenn da irgendwo eine faire Kaffeeplantage in den Urwald geholzt wird, ist da nichts mehr, was die Menschen noch normal beim Kochen verbrennen könnten. Dann kochen sie halt zwangsweise mit dem Müll, den sie finden, werden krank und sterben. Eine sozial bewegte Soziologin könnte auch selbstgezupften Brennesseltee oder Wasser aus der Spree trinken, das würde ihren ökologischen Fussabdruck verkleinern, aber sie mag eben lieber den Espresso aus ihrer Silvia-Maschine – sofern sie die noch nicht den Besetzern de Gerhart-Hauptmann-Schule geschenkt hat, deren Einlassungen sie so fleissig bei Twitter verbreitet. Wie auch immer: Sie will keine Küchenroboter, sie hält das für übertriebenen Schnickschnack und die Argumente, dass es eine echte Zielgruppe dafür gibt, dass wir alle nicht jünger und gerade die radikalen Feministinnen und Feministen unter uns dabei meist auch arm und einsam werden, ziehen nicht.

Mir kann es wirklich, wirklich egal sein. Es ist nun mal bei uns so, dass es für solche Zwecke Personal gibt. Bei uns am Tegernsee sind sogar die Heime toll, und Berlin ist weit weg – man hört nur manchmal etwas über die Heime, die sind dort in etwa so wie die Schulen. Natürlich sind die Bedingungen dort noch etwas besser als in Afrika. Aber auch dort sind die Gründe dafür nicht monokausal und bei uns zu suchen, und niemand sollte sich schämen oder beschämt werden, wenn er sinnvolle Lösungen für uns entwickelt. Die sind auch nicht schuldiger als die Soziologin, deren Silvia im Messing-Brühboiler vielleicht auch Buntmetalle enthält, die in Sambia unter übelsten Bedingungen gefördert werden. Aber solche Geschichten stören Feministinnen wohl eher nicht, in den Minen krepieren ja nur Männer.

faschd

Ich wünsche, obwohl linke Soziologen beim Blick in meine Gemäldesammlung regelmässig Magengeschwüre bekommen, keinem etwas Schlechtes, das habe ich nicht nötig und das wäre auch nicht nett. Mir reicht es, wenn es mir gut geht, und wenn andere voran kommen und ein besseres Leben haben, habe ich nichts dagegen. Es kann gut sein, dass solche Roboter helfen, später die Gesellschaft zu entlasten, und vielen Ärmeren das Pflegenotstandsheim auf lange Zeit ersparen. Ich lebe gut in meinen Wohnungen, ich würde nicht mit einem Heim tauschen wollen und später, wenn es sein muss, auch einen elektronischen Helfer anstellen, mit Schürze, Häubchen, Minirock, mit Charakter und der Figur von Gina Lollobrigida und dem Hirn von Josefine Mutzenbacher. Der Soziologe aber checkt diese Privilegien und will, dass wir solche Probleme von den Marginalisierten her angehen und uns besser darum kümmern, dass die erst mal weiter kommen. Man sagt heute, wenn man nicht zynisch, sondern privilegiert und mit Fair Trade Espresso auch ein wenig schwarz-marginalisiert-helfend sein will, zu den eigenen Armen und Bedürftigen nicht mehr „Hunde, wollt ihr ewig leben.“ Man erhebt sich moralisch und hat ein Herz für arme, weit, weit entfernte Frauen am Herd, bis dann der Espresso fertig ist.

Also, denken Sie daran, wenn Sie mit einem gebrochenen Arm in der Küche stehen, die Dose nicht aufgeht und ihr pflegebedürftiger Partner nebenan Hunger hat. Das ist nicht schön, aber angesichts des Elends in der Dritten Welt soziologisch durchaus vertretbar.

04. Apr. 2015
von Don Alphonso
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29. Mrz. 2015
von Don Alphonso
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Aussterben passiert, aber reich sollte man dabei sein

maltee

Inschrift in Gmund

Drei Dinge voraus: Ich bin alles andere als ein Kinderfreund.

Malte Welding habe ich zwar persönlich nie getroffen, aber wir haben gut zusammengearbeitet, schätzen einander und verstehen uns trotz aller kulturellen Unterschiede, von denen noch die Rede sein wird. Zumindest war das bisher so.

Und ich hatte gestern vier Stunden Zeit, sein Buch “Seid fruchtbar und beschwert Euch” auszulesen. Zwischen der kleinen, dummen Stadt an der Donau und München war eine Familie im Zug, die stundenlang nicht in der Lage war, ihren Schreibratzen den Mund zu verbieten, und der Zug fuhr wegen einer Selbstmorddrohung langsam. In Dachau mussten alle in die S-Bahn umsteigen, und auch dort war wieder eine Schreifamilie. Zwischen München und Holzkirchen waren dann alkoholisierte Emojugendliche neben mir, die in der Kinderzone Bier verschütteten, und zwischen Holzkirchen und Schaftlach war eine Jungtrachtengruppe aus der Jachenau.

maltea

Und obwohl ich überhaupt kein Trachtenseppl bin – ich komme aus einer Stadt, und da trug man zu keiner Zeit Lederhosen – war die Trachtengruppe mit ihren Gamsbarten bei den Buben und den hochgesteckten Haaren bei den Daendln doch so erholsam, dass ich mich nun halbwegs ausgeruht und mit geheilten Nervenschäden daran machen kann, mich mit Malte Weldings Aufruf an die Eltern zu beschäftigen, der Politik den Marsch zu blasen. Und mehr Geld und mehr Unterstützung zu fordern, wenn die schreiende, bierverschüttende und wohl nur noch in der Jachenau sauber erzogene Zukunft des Landes demselben geschenkt wird. Dazu wird ein Begriff für eine kinderfeindliche Ideologie eingeführt, die sich nicht darum kümmert, dass Raum und Möglichkeiten für Nachwuchs da sind: Antinatalismus. Das trifft die gesamte politische Kaste von links bis rechts, aber auch Leute wie mich, die der Meinung sind, dass Kinderkriegen ein Privatvergnügen ist, und angesichts einer langen Familiengeschichte finden, dass sich die Leute nicht so aufführen sollen, früher ging das doch auch.

Ja mei. Ich finde auch, dass diejenigen, die die Gleichberechtigung wollten, sich jetzt nicht beschweren brauchen, wenn sie in einer wie immer rücksichtslosen Arbeitswelt gelandet sind, nur mit dem Unterschied zu früher, dass da halt keine Grossfamilie mehr ist, die als Puffer agiert. Das weiss man eigentlich schon vorher. Auch beim breit dargestellten Thema Alleinerziehung hält sich mein Mitgefühl mitunter in Grenzen: Bei der Paarung galt lange Zeit ein gewisses Sexkonsumverhalten als ultima ratio, statt auf das Vermögen und die Dauerhaftigkeit von Beziehungen zu achten. Die eigene Grossmutter verstand früher mehr davon als das Enkelind, das nach der Party das Kondom für nicht so wichtig hält. Malte Welding weiss und beschreibt das auch, aber eben aus der Sicht eines Autors, für den das klassische Grossfamilienmodell eine Vergangenheit ist, die nicht wieder kommt. Was er fordert, und mit vielen Quellen zu belegen sucht, ist, dass sich die Politik den neuen Realitäten zu stellen hat. So wie er sie aus Berlin kennt. Und da sieht er auch das Potenzial an Eltern, sich gegen die alte, graue Politik zu wehren.

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Mit hineingemischt sind auch Vorwürfe gegen überzeugte Singles wie mich, die sich dann von den jungen Familien abwenden und dem Nachwuchs entfremden würden. Unser gemeinsamer Berliner Freund H. sagt es von der anderen Seite aus: Man verliert seine Freunde an deren Kinder. Und ich wiederum sehe das nochmal alles ganz anders, weil ich nicht in Berlin lebe, sondern halt in Bayern, und das auch ganz anders kenne. Es ist nämlich überhaupt nicht so, dass sich eine kinderfeindliche Umgebung abwendet und nur von Ferne zuschaut, wie junge Familien vor die Hunde gehen. Das ist ein typisches Phänomen der grossen Städte, wo man jederzeit unter den Neuzuwanderern neue Freunde und potenzielle Geschlechtspartner findet, die keine Kinder haben, und die Beziehungen generell labil und oberflächlich sind. Ich kenne die Klageweiber, die Malte Welding in der Sache zitiert, aus eigener Ansicht: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ ist die oberste Maxime nicht erst beim Kind. Das geht viel schneller, schon beim Wegzug nach West-Berlin, bei der ehrlich vertretenen Auffassung, dass ausländische Drogenmafiosi im Görlitzer Medellinpark ins nächste Flugzeug und ihre Grosskunden und die Bezirks-Noriegas vor Gericht gehören, oder dass man auch nur etwas von einem retweetet, der derartige Ansichten verbreitet. Natürlich sind solche Facebook- und Twitterfreunde dann nicht mehr diejenigen, die Würste mitschicken, wenn man im Winterurlaub bei ihnen Handschuhe der Kimder vergessen hat.

In halbwegs fest gefügten Gesellschaften mit geringer Fluktuation kann man sich so ein Verhalten gar nicht leisten: Nachbarn, Freunde, Familie und Umgebung hat man oft ein Leben lang. Da sind Kinder halt auch nur eine Phase, die gewisse Veränderungen mit sich bringt, aber keinen Abbruch der Beziehung. Es gibt nur einen Wochenmarkt, einen See, eine Altstadt und einen Konzertverein: Da sind dann alle. Malte Welding beschreibt völlig zutreffend eine bindungsflexible Metropolengesellschaft, die entlang der Familiengründung zerbricht und Singles zurücklässt, in deren Welt keine Kinder vorkommen. Da hat er recht. Und dann den Rest des Landes, der vergreist und überaltert, und in dem Kinder gar nicht mehr vorkommen: Da täuscht er sich nach meiner Meinung.

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Denn ich wohne am Tegernsee in genau so einer überalternden, scheinbar antinatalistischen Gemeinde. Im Gegensatz zu Berlin kann man hier das Defizit an jungen, gut ausgebildeten Leuten nicht beheben, indem man die Eingeborenen in dreckigen Schulen mit Radaunicks zusammensperrt und darauf wartet, dass es die Zuzügler aus Bayern und Baden mit dem Geld ihrer Eltern und dem dortigen Abitur im Durchschnitt schon richten. Je kleiner die Kommune, desto drängender ist das Problem einer überalternden Gesellschaft, und desto mehr hängt sich die ergraute Politik in diesem Bereich auch rein – oft Hand in Hand mit den Unternehmen, die in Weldings Buch auch denkbar schlecht wegkommen. Unsere Firmen investieren Geld in feste und gut ausgebildete Arbeitskräfte, die sie nicht verlieren wollen, und unsere Kommunalpolitiker wissen genau, wie verhängnisvoll der Ruf als Altenghetto ist, das der Jugend nur die Flucht lässt: Dafür legen sie sich sogar, wenn es sein muss, mit der EU an, um höchst vorteilhafte Einheimischenprogramme aufzulegen, die speziell Familien mit Kindern fördern und deren Eigenheime subventionieren. Eigenheime. Keine Sozialbauten, die nur den Fortbestand der Probleme versprechen. Natürlich sind bei uns die Kitas nicht kostenlos wie in Berlin, aber Betreuung ist bei uns kein leeres Versprechen wie in der Drogenhauptstadt, wo man die Kita als ersten Schuss für lau bekommt und danach eine verstrahlte Schulpolitik – und ich habe wenig Zweifel, dass in dem Punkt auch mal ein wütendes Beschwerdebuch aus Berlin kommen wird. Völlig zurecht.

Aber so sehr man hier bei uns den grundsätzlichen Gedanken des Buches einer Fehlentwicklung seit dem Pillenknick zustimmen wird, wird der Aufschrei der Eltern dieser Republik ausbleiben: Weil das Land über weite Strecken nicht Berlin ist, nur wenige in prekären Verhältnissen Berliner Art leben, aber fast jeder noch helfende Familienmitglieder und Freundeskreise hat, und eventuellen Klagen der Mund oft genug mit Geld und Förderung und Schenkungen gestopft wird. Dass eine Stadt zur Finanzierung von links unterwanderten Flüchtlingsaktivisten eine Haushaltssperre ausrufen und Jugendeinrichtungen schliessen muss, und damit durchkommt, gibt es halt in Kreuzberg, wo dann auch taz-Autorinnen dreiste Forderungen erheben. Im Rest der Landes wird man dagegen Probleme haben, die wirklich beklagenswerten Berliner Realitäten zu erkennen. Darüber mag man speziell bei der taz die Nase rümpfen – aber das Problem ist so vielschichtig, dass es nicht reichen kann, moralisch gute Eltern gegen einen bösartigen, kinderfeindlichen Staat in Stellung zu bringen. Und so bitter es für die einen auch sein mag, wenn Milliarden ins Ehegattensplitting fliessen: Ähnlich wie beim ideologisch bekämpften Betreuungsgeld gibt es halt auch viele, die genau damit sehr glücklich werden und ihren Kindern ein phantastisches Leben bieten. Zusammen bleiben. Sich arrangieren und das Beste daraus machen. So wie früher halt auch. Das ist keine ferne Vergangenheit, das ist immer noch das Konzept der meisten Familien. Und deshalb glaube ich nicht, dass es zu einer bundesweiten Empörung der Eltern kommen wird. Wer einen Zweifel daran hat, kann gerne einmal den Kulturschock riskieren, nach Gmund kommen und sich den Spielplatz am See anschauen. Und die Kindergärten und unsere mit heimischen Materialien frisch erweiterte Grundschule. Am besten am Tag der Einschulung, da kommen die Mädchen im Dirndl und die Buben in der Lederhose. Mit einem gewissen Stolz auf die Heimat und die Tradition, deren Träger sie sind.

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Ansonsten bin ich Historiker und halte die Behauptung, dass Kinder später mal irgendwas irgendwie besser machen, zumal in ihrer grossen Masse, für komplett absurd und aberwitzig – jede Erfahrung spricht klar dagegen. Manche Kinder werden toll und manche eine Enttäuschung, manchmal ist es wegen der Eltern und manchmal trotz derselben, dann ziehen sie los und ruinieren den Planeten als egomane Zyniker oder kommen mit bescheuerten Ideologien zur Rettung der Menschheit an, deren einziger Vorzug es ist, dass sie nicht in die Realität umgesetzt werden. In Gmund schaue ich auf Berge, die hier schon standen, als unten im Tal Mönche familienpolitischen Unsinn mühselig auf Pergament malten, und schlafe im Bewusstsein ein, dass sie noch stehen, wenn man später einmal den Homo Sapiens nur noch als Fossil vorfindet. Aussterben gehört nun mal dazu, das ist das Gesetz der Natur, und wenn es die nächste Generation auch vergeigt, dann ist es eben so. Malte Welding hat sehr treffend beschrieben, was sich da früher alles falsch entwickelte, und wer Gründe haben will, der Berliner Republik den Marsch zu blasen, sollte das Buch kaufen.

Oder halt zu uns ziehen, eine gute Ehe führen, nehmen was man kriegen kann, freundlich sein und auf Einheimischenprogramme für junge Familien achten. Das ist spiessig, aber lukrativ, und deshalb für den Einzelnen besser als das Warten auf die Politik.

29. Mrz. 2015
von Don Alphonso
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25. Mrz. 2015
von Despina Castiglione
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Das erotische Potential der Dampfnudel

„Some women like’em skinny
With long fingers too
But a fat man that mambos
Has so much to offer you“
Robert Lucas, Big Man Mambo

Kürzlich war ich in Österreich. Nicht alle Menschen mögen Österreich, aber man muss bei näherer Betrachtung einräumen, dass nicht alles, was von dort kommt, zwangsläufig schlecht ist: Zwar hat man dort die Zwangs Pflichtuntersuchung meinesgleichen schon länger gesetzlich festgeschrieben und weigert sich behördenseitig beharrlich, die dafür unrechtmäßig von den dortigen Kolleginnen eingezogene Gebühren zurückzuzahlen, aber die Bergkulisse ist wirklich sehr schön, ich habe außerdem eine Schwäche für den schnöseligen Dialekt insbesondere der Wiener, Mozart kann ich mir mit Genuss anhören, und Mehlspeisen gibt es dort in hervorragender Qualität. Für mich ist das wunderbar, denn als eine auf annähernd allen Ebenen lasterhafte Person esse ich natürlich gerne, oft und reichlich. Dankenswerterweise bin ich mit einem Stoffwechsel gesegnet, der es mir erlaubt, Kohlehydrate in unglaublichen Mengen aufzunehmen, ohne gleich völlig aus der Form zu gehen.

Und obwohl ich in der nicht unangenehmen Situation bin, meine Wirkung auf die Männerwelt sowohl unmittelbar als auch regelmäßig reflektiert zu bekommen, ist es so, dass ich mich ab einer gewissen Körperfülle nicht mehr wirklich komfortabel fühle. Manche Kundschaft beklagt zwar im Frühjahr den schleichenden Verlust meines Winterspecks, aber es gibt eine Grenze, ab der fühle ich mich ganz subjektiv zu fett, obgleich ich ganz und gar nicht der Meinung bin, weibliche Attraktivität ließe sich daran festmachen, wie weit die Knochen hervorstehen. Allerdings bin ich auch nicht ansatzweise knochig. Ich laufe nicht einmal Gefahr, das in absehbarer Zukunft zu werden. Schon gar nicht nach einem Aufenthalt in Österreich. Zu Präventionszwecken habe ich sicherheitshalber aber handgeschöpfte Schokolade aus einem kleinen Familienbetrieb in nicht unerheblichen Mengen importiert. Man kann ja nie wissen.

Nachdem ich mittlerweile auf rein vegetarische Kost zurückgreife, halte ich mehr oder weniger eine konsequente Kohlehydrat-Fett-Diät. Nichts gegen Gemüse, das mag ich natürlich auch, aber zum Veganer tauge ich nicht. Ich liebe Käse, üppige Sahnesoßen auf Bergen von Nudeln, und stellen Sie sich mal eine anständige Carbonara ohne Eigelb vor. Was anderen der Schweinsbraten oder die gebratene Ente, sind mir die hausgemachte Pasta und die handgefertigten Pralinen oder eine dicke, fette Dampfnudel. Mit in Butter geröstetem Mohn bestreut und anbei eine obszöne Menge Zwetschgenkompott. Ich kann mich einer solchen Mahlzeit mit allergrößter Hingabe zuwenden, werde dafür aber ausnehmend unleidlich, wenn ich hungrig bin. Ich habe allergrößtes Verständnis für Menschen mit Futterneid. Mir ist obendrein nicht fremd, was andere am Fleischessen finden, ich mochte meine Steaks früher „für eine Frau ungewöhnlich blutig“ und kenne die Regung, meine Zähne in jemandes Hals schlagen zu wollen, durchaus aus anderen Zusammenhängen.

Mir ist es aber mittlerweile arg um die Viecher, ich muss zugeben, in dieser Hinsicht zart besaitet zu sein. Trotzdem kann man aber als Fleischesser mit mir seinen Spaß haben. Wie ich bei meinem ersten Gastspiel hier ja angedeutet habe, liegt es mir fern, andrerleuts Essgewohnheiten auf penetrant-unangemessene Weise zu thematisieren, denn ich muss meinen Mitmenschen nicht eine Sache madig machen, nur weil sie mir nicht ins Konzept passt.

Ich habe mich bei besagtem Österreichaufenthalt kürzlich sogar überwunden, von der Käsekrainer meiner Begleitung ein Stück zu kosten, weil ich wenig so fürchte, wie jegliche Art dogmatischer Verblendung. Allerdings, mir war nach der Kostprobe eine halbe Stunde elend, und ich musste die Bilder von steckdosennasigen zartrosa Ferkelchen aktiv verdrängen. Vor Jahren hatte ich so eines mal auf dem Arm, und mit der Zeit hat sich meine Perspektive auf Spanferkel und dergleichen doch verändert. Dabei roch besagte Käsekrainer wirklich sehr appetitlich, so wie für meine Nase auch Brathähnchen und Speck hervorragend duften. Ich kann halt nur nicht mit Genuss reinbeißen. Um ehrlich zu sein, ich mag Fleischprodukte mittlerweile nicht mal mehr gerne anfassen. Ich rate ja zwecks Meinungsbildung gern mal dazu, sich ein eigenes Bild zu machen, und so, wie ich jedem, der sich eine Meinung über Prostitution bilden möchte, zum unverbindlichen Besuch eines Bordells inklusive Plausch mit den Mitarbeitern raten kann, empfehle ich aus den gleichen Gründen den Besuch eines Schlachthauses, ebenfalls inklusive Mitarbeiterpläuschchen. Aber das nur am Rande.

Eine Art von Speck, bei der es mir in Sachen Kontaktvermeidung völlig anders geht, ist allerdings der männliche Bauchspeck. Ich habe da eine Schwäche, Sie können mich anschauen, wie sie wollen. Ich mag Männer mit ein bisschen Bauch. Am allerliebsten: Gut gekleidete Männer mit einem gerüttelt Maß an Kinderstube und ein bisschen mehr Bauch.

Nicht nur, dass ein paar Extrapfund eine gewisse Genussfähigkeit ausstrahlen, und das eine Eigenschaft ist, die ich sehr schätze. Ich fühle mich darüber hinaus Menschen, denen man ansieht, dass sie gerne essen, auf eine basale Art und Weise verbunden. Askese und Selbstkasteiung liegen mir fern. Das ist ein bisschen wie bei Leuten, die über schmutzige Witze lachen können, die sind in aller Regel auch nicht so verkehrt. Schmallippige Ernsthaftigkeit mit hervorstehenden Jochbeinen lässt bei mir die Alarmglocken schellen, ich kann dafür nichts, ich wurde so erzogen. Vor meinem geistigen Auge erscheinen dann das Fräulein Rottenmeier oder der Lehrer Lämpel, während mich ein schier unbezwingbarer Fluchtreflex ergreift.

Sich auch und gerade mit etwas Hüftgold selbstsicher und mit einer zufriedenen Attitüde zu bewegen, finde ich persönlich ausnehmend sexy. Neulich beispielsweise besuchte ich ein Konzert, obwohl Menschenansammlungen nicht wirklich mein Ding sind. Ich mache so etwas aber trotzdem, wenn mir die Musik sehr zusagt, und in diesem speziellen Fall auch, weil ich mich für tanzende, dicke Männer mit außergewöhnlichen Stimmen sehr begeistern kann. Und für inbrünstig vorgetragene Liebeslieder. Nichts gegen in feinsinniger und gendersensibler Sprache verfasste, intersektionale und unglaublich reflektierte Anti-Fatshaming-Kampagnen, aber mich überzeugen Menschen, die breit grinsend und schwitzend das ein oder andere Kilo Lebensfreude schütteln viel mehr, als knatschig vorgetragene Appelle, was ich jetzt bitte alles attraktiv zu finden habe, und was nicht.

Dabei lasse ich mich eigentlich gerne mitreißen. Nur eben bevorzugt von freundlichen, zugänglichen Menschen. Miesepetrig sein, das kann ich selbst ganz hervorragend, da muss ich nur eine Runde ÖPNV fahren oder auf eine radikalfeministische Diskussionsveranstaltung zum Thema Prostitution gehen – optimal wirkt die Kombination aus beidem – und schon habe ich so viel Welthass in mir, dass es für eine mittlere Kleinstadt völlig ausreicht. Ich träume dann auf dem Heimweg manchmal von einem Dasein als Eremitin. Auf den Aleuten. Hinter Natodraht.

Aber eine Tafel Schokolade – ich hatte kürzlich eine mit Pistazienmarzipan und weißem Mohn –  ist in der Lage, mich trotz solchen Unbills recht schnell wieder mit der Welt zu versöhnen.

Ich habe allergrößten Respekt vor Menschen, die einen Marathon laufen können, regelmäßig Sport machen, auf Berge klettern oder was auch immer. Wirklich. Aber ich bin, was körperliche Betätigung angeht, eher träge. Ich muss mich überwinden, regelrecht zwingen, und der Versuchung, mich einfach vom Laufband rollen zu lassen, bei jedem einzelnen Schritt heldenhaft widerstehen. Im Freien laufe ich schon gar nicht mehr, da ist schließlich Wetter, und das kann ich in den meisten Fällen nicht leiden. Und Pollen, ich sage Ihnen, fliegen da draußen momentan auch herum, deswegen möchte ich dort auch nicht sein, um in bunten Wurstpellen durch die Gegend zu zockeln. Es ist nämlich, ich muss es an dieser Stelle gestehen, auch wenn es vielleicht dem Bild der betörenden Femme Fatale abträglich ist, nicht so, dass ich mit unglaublich langen, also zum Laufen ausgelegten Beinen gesegnet bin. Wenn ich jogge, begleitet mich im Geiste immer die Vision eines widerwillig schnaubenden dicken Ponies im Schütteltrab. Geborene Athleten schauen definitiv anders aus.

Sie sehen, ich bin also nicht nur genusssüchtig, kurzbeinig und manchmal boshaft, obendrein bin ich auch noch faul und, zwar meist nur gruppenbezogen, was aber bei genauerer Betrachtung schon wieder ein Übel für sich ist, misanthrop. Witzigerweise sind trotzdem gar nicht so wenige Menschen bereit, für meine geneigte Gesellschaft zu bezahlen. Wobei es das Geld sicher beiden Seiten leichter macht, über gewisse Inkompatibilitäten, die sich nicht selten auf den ersten Blick schon erkennen lassen, hinweg zu sehen, und sich auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren. Ich will da nichts schönreden. Bezahlte Zuneigung ist auch die Kunst des Weglassens, zum Beispiel von Projektionen, überzogenen Erwartungshaltungen und dem Anspruch, dass der Andere verantwortlich wäre für das eigene umfassende Lebensglück. Das Einzige, was wirklich muss, sind Kondome, Vorkasse und grundlegender Anstand. Aber so ist es ist halt auf seine Art ein ehrliches Geschäft, und das ist etwas, das ich schätze. So, wie (nicht nur) ich mir eine aufgeräumte Wohnung wünsche, habe ich auch eine Vorliebe für einen aufgeräumten Emotionshaushalt. Ich sehe zwar immer nur Ausschnitte vom Chaos anderer Leute, aber schon das hilft, dass ich sehr milde auf meinen eigenen Saustall schauen kann.

Vielleicht mag ich deswegen auch etwas umfangreichere, gut gekleidete Männer. Auf eine Weise sagen so ein paar überflüssige BMI-Punkte schließlich: „Schau her, ich lasse es mir gerne gut gehen, ich bin den körperlichen Genüssen nicht grundsätzlich abgeneigt und pfeife ehrlich gesagt darauf, was mir die Schönheitsindustrie erzählt.“ Ich finde das so viel angenehmer, als Zeromachos in taillierten Hemden, die jeden Spaß an der Körperlichkeit verneinen und ihre eigenen Komplexe auf ihre Mitmenschen projizieren. Lieber ein rausgefuttertes Alphamännchen mit Herzensbildung, als einen verkopften High-Potential mit Profilneurose.

Entsprechend wirken beispielsweise die Selbstdarstellungen vieler Männer auf diversen Partnerschafts- und Datingportalen auf mich eher befremdlich. Nach dem, was dort zu lesen ist, habe ich es beim Internetdating unter Privatleuten fast ausnahmslos mit hochgebildeten, blitzgescheiten und ebenso sportlichen wie potenten Männern zu tun, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen und von ausschließlich reinsten Absichten geleitet, in der Hoffnung, eine weibliche Seelenverwandte zum Bergwandern zu finden, angelegentlich einen Blick auf dieses ihrer eigentlich unwürdige Portal werfen.

Nun.

Wir werden uns das mal ansehen.

25. Mrz. 2015
von Despina Castiglione
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22. Mrz. 2015
von Don Alphonso
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Der Klassenkampf mit dem Golfschläger

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“
Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte

Sie kennen das vermutlich von der Werbung, die Ihnen im Netz aufgezwungen wird: Sie haben Interesse an einem Sachverhalt, und irgendein Programm sucht dazu eine Botschaft aus, die zum Kaufe anregen soll. Das nennt man normalerweise kontextsensitiv oder auch kontextidiotisch, so wie mir heute Messer aus Solingen empfohlen wurden, als ich wegen einer Messerstecherei recherchierte: Einserseits habe ich schon Besteck aus drei Jahrhunderten im Übefluss, andererseits pflege ich damit auch nicht lebende Wesen zu malträtieren – ich bin Vegetarier, und um am Ufer des Tegernsees Bärlauch zu zupfen, reichen meine Hände aus.

Solche absurden Momente jedoch bietet die Werbung, die gemeinhin auf Massengeschmäcker zugeschnitten ist, auch im realen Leben, wenn sie auf nicht alltägliche Situationen trifft, und man kann das ja offen zugeben, dass eine Region wie der Tegernsee nur dann normal ist, wenn man dort lebt. Gemessen an den durchschnittlichen Zuständen in diesem Land sind die hiesigen Umstände ein gelebter Ausnahmezustand. Wir hatten gestern etwa Hausbesitzerverammlung, und dort wurde wegen einiger Zigarettenkippen debattiert. Lesen Sie bitte zum Realitätsabgleich Katrin Rönicke, dann verstehen Sie die Unterschiede. Aber wie es nun mal so ist: Unsere eigene Vorstellung der hiesigen Zustände und derjenigen, die man sich dank Werbung imaginiert, ist nochmal weitaus grösser als der Abstand von Berlin zum Leeberg. Nämlich so:

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Die meisten Plakatwände haben wir im Tal ausgerottet und ich vermute, dass auch diese Tafel dereinst fallen wird, denn sie ist einer famosen Aussicht im Weg. Was wir darauf sehen, scheint bei der grossen Allgemeinheit zu wirken, denn tatsächlich versenken viele wider Wissenschaft und besseren Wissens ihre Groschen im Glücksspiel. Mit System. Nun. Was wir hier sehen, ist vermutlich eine Photomontage eines barocken Prunksaales mit Kronleuchtern, in dem jemand Golf spielt. Wer selbst mit Denkmalschutz zu tun hat, lernt mitunter die Leute kennen, die wirklich mit solchen Immobilien geschlagen sind. Aus dieser Erfahrung heraus weiss ich, dass sie schlichtweg nur froh sind, wenn dann erst mal alles sauber restauriert und frisch vergoldet ist, und sie ihren Besitz wegen geplünderter Konten nicht an die Chinesen und Russen verkaufen müssen. So etwas baute man früher, als die Mehrheit des Volkes noch tributpflichtig war und ein Zimmermädchen weniger als eine Tasse Schokolade kostete. Heute sind schon weitaus kleinere Objekte so teuer, dass sich die Besitzer mit Hochzeiten, Hotelflügeln und Restaurants herumschlagen müssen.

Und niemand – ich sage das aus der Erfahrung eines Menschen, der schon einige Kronleuchter gerettet und zu neuem Glanz gebracht hat – würde in so einem Raum einen Golfschläger in die Hand nehmen. Man bekommt bei kleineren venezianischen Lüstern schon einen Herzkaschperl, wenn Kinder sich darunter Stoffpuppen zuwerfen. Kein Mensch tut so etwas mit einem Golfschläger. Kein Mensch könnte sich so etwas bei uns leisten, ohne den Respekt seiner Mitmenschen zu verlieren. Man lernt im gehobenen Wohnumfeld sehr schnell, wie man sich zu verhalten hat, und zwar schon als Kind. Ich könnte nun in eine Debatte abdriften, warum zum Teufel Eltern heute meinen, dass eine Wohnung kindgerecht zu sein hat, wo wir doch an unseren Platz an der Sonne kamen, indem wir jedes Kind zur Schadensvermeidung wohnungsgerecht gezüchtet haben und zum Spielen halt in den Schlossgraben zu den anderen Schweinen schickten – Ludwig XIV. hat das ja auch nicht geschadet. Aber das heben wir uns für den Tag auf, da wir mal wieder über androkozotische – schreibt man das so? – Kindergärten und Eltern reden. Ich würde nun gern auf den Kontext zu sprechen kommen, in dem solche Phantasien gezeigt werden.

chanca

Das ist eines der teuersten Fleckerl dieses Landes, der Leeberg am Malerwinkel zwischen Tegernsee und Rottach. Die Menschen, die sich eventuell so ein Verhalten leisten könnten: Die leben hier. Manchmal. Die meisten leben nicht dauernd hier, das ist nur ein möglicher Wohnsitz unter mehreren. Man mag das vielleicht ungerecht finden, dass wenigen so Vieles und vielen gar nichts ausser eben Lotto vorbehalten ist, aber ich denke, dass der Vergleich zwischen der gelebten Realität und der Werbung doch einiges aussagt: Darüber, wie sich Reichtum äussert, und was die Gewinner im Lotto bestenfalls erwarten würde. Die Werbung lügt, das ist nicht neu, aber in diesem Fall diffamiert sie auch. Es gibt auch hier am See krasse Formen von Verschwendung, es gibt Fettabsauger und Kurpfuscher und ganzheitliche Medizin, es gibt Leute, die Falten hintertackern und andere, die das Elend dann teuer einkleiden. Aber das alles spielt sich letztlich hinter holzverkleideten Wänden und kleinen Fenstern mit grünen Läden ab, die Decken sind oft niedrig und für die Grandezza trifft man sich im Barocksaal des Schlosses, das nebenan steht. Ohne Golfschläger.

Nun wissen wir natürlich, dass die anderen niemals, egal wie viel sie im Lotto gewinnen, aus praktischen Erwägungen nie mit einem Schläger in den Saal kommen, sondern sich bestenfalls von einem Makler in Dubai leimen lassen könnten. Wir wissen, dass Luxus bedeutet, gesund genau hier zu sein und keinen Zwang zu empfinden, etwas tun zu müssen, Herr über die eigene Zeit zu sein und die Aussicht zu haben, dass es genau so bleiben wird. Sol lucet omnibus, sofern sie da sind und das geniessen können. Aber was mich hier in dieser ansonsten elysischen Empfindsamkeit durchaus stört, ist der Gedanke, dass andere wirklich solche schlägerschwingenden Vorstellungen haben könnten: „Wenn ich mal genug Kohle habe, dresche ich Bälle durchs barocke Anwesen, dass es nur so kracht.“ Es könnte doch sein, dass die wirklich so denken und nicht mit dem bescheidenen Ausblick zufrieden sind, den man an dieser Stelle still und demütig geniessen darf.

chancc

Ob deren Frauen dann, wenn man sie einlädt, auch aufpassen, dass sie ihre Pfennigabsätze nicht rücksichtslos in den Seidenteppich treiben, sondern bitte daneben stehen und dann bewegungslos auch die Abnutzung des Parketts verzichten? Weiss man, ob das Nymphenburger Porzellan, das man ihnen serviert, nicht schleunigst entsorgt werden würde, um mit spülmaschinenfester Gebrauchskeramik ersetzt zu werden? Wir haben es hier mit einer Gesellschaft zu tun, die das alte Herkommen und die Verantwortung vor der Geschichte nicht zu würdigen weiss: Über was redet man mit denen? Die eigene Familiengeschichte wird man ihnen wohl kaum anvertrauen wollen.

Früher unter Metternich hätte man den Armen schlichtweg keine derartigen Hoffnungen gemacht. Wer konnte schon wissen, ob er den nächsten Winter mit Typhus überlebt? Da hatten die Armen noch ganz andere Sorgen. Heute kommen sie hierher. Sie sehen in alten Villen ein Konzept von Reichtum, das es gibt und das sich als nachhaltig erwiesen hat, und eines, das einen auch mit Lottomillionen von Federn auf Stroh bringen wird. Das eine ist die Realität, in der sie keinen Platz haben, und das andere das, was sie finanzieren. Man muss sich das auch mal so vorstellen: Auf diesem Plakat wird der Nichtvermögende als Parvenü präsentiert. Es gäbe vermutlich einen Aufschrei, wenn unsereins diese Leute hier so diffamieren würde, es gäbe einen Brennpunkt, würden wir Geld für eine Plakataktion sammeln, die solche Vorurteile bundesweit perpetuiert.

Die Lottogesellschaft macht das einfach so mit dem Geld der Nichtbesitzenden, denen doch klar sein müsste, dass ihr Geld an vielen Orten landet – sie aber ganz sicher nicht als Kulturschädling mit Golfschläger in der Barockgalerie. So sind sie nur in unseren Vorurteilen, und kommen auch selbst dafür auf, dass sie darin genau so bleiben. Wir wollten hier nur brav und still in der Sonne liegen, und gar nicht an sie denken. Die haben angefangen. Wir sollten mal über Sondersteuern für Lottospieler reden.

22. Mrz. 2015
von Don Alphonso
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16. Mrz. 2015
von Don Alphonso
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Schafft endlich Hartz IV ab

Die Poesie wird mit dem Hammer gemacht
Wladimir Majakowski

Armut kostet Lebensfreude. Armut setzt unter Druck. Armut erzwingt bestimmte Verhaltensweisen und bringt Menschen zum schweigen. Armut ist schuld daran, dass man sich nicht öffentlich zu seinem wahren Sein bekennen kann. Armut bringt Menschen dazu, sich zu verleugnen und die Umwelt mit Lügen bei Laune zu halten. Armut ist ein Stigma, das man fürchten muss. Kurz, Armut hat enorme soziale Auswirkungen und zwar gerade bei jenen, auf die es in diesem Lande, in unserem sozialen Gefüge wirklich ankommt: Auf die Vermögenden. Armut, wie sie Hartz IV erzeugt, ist elitenfeindlich.

hiva

Nicht überall natürlich. So unter uns können wir schon darüber reden, was wir so haben und uns noch zu beschaffen gedenken. Wenn ich hier über meine Wünsche berichte, in Meran einen Altersruhesitz zu erwerben, gerade so gross, dass man ihn als älterer Mensch selbst besorgen kann, also nicht mehr als 200 Quadratmeter Denkmalschutz, dann bleibt das hier unter uns. Das erzählt dann auch keiner weiter, und ausser den Lesern bekommt es auch keiner mit. Ich rede hier unter Gleichen mit Gleichen, und wir unterscheiden uns da nur in der Frage, ob andere Orte nicht hübscher wären, und ob einem Olivenhain nicht der Vorzug gegenüber einem kleinen Weinberg zu geben ist. Das sind die kleinen Konflikte, die das Dasein so mit sich bringt, wir können sie kollegial beseitigen. In Meran ist ohnehin nicht genug Platz für uns alle. Was dem einen seine Sommerfrische, ist dem anderen seine Hacienda oder seine Karawanserei, der eine nagelt Barockgemälde an die Wand und der andere ersteigert Nagelbilder von Günther Uecker.

Ich war aber auch mal Nachbar von Uecker. Damals lebte ich in Berlin, für anderthalb Jahre, und Uecker hatte im gleichen Art-Deco-Ensemble eine Art Atelier. Aus dieser Zeit kenne ich viele Berliner. Manche sumpfen ein Dutzend Jahre später immer noch so wie damals, und andere – die Minderheit, aber immerhin – haben es zu etwas gebracht. Aus den Hackern wurden Chefs von Securityfirmen, aus den Studenten Partner in Kanzleien, aus den Internet-Autoren beliebte Sachbuchautoren, die sich mit Themen wie Liebe, Kochen und Kinderkriegen einen Namen machten – oder sie blieben eben mittellose Autoren, ewige Studenten oder versuchten, Projekte über ihre Anhänger zu finanzieren, in denen sie erklärten, wie sich Welt und Internet nach den Vorstellungen zu verhalten habe, die in einem Einzimmerappartment zwischen indischem Lieferessen und Bier entwickelt wurden.

hivb

Manche blieben, was sie sind und twittern darüber, dass sie ihre Nebenkostenrechnungen nicht bezahlen konnten. Andere kauften rechtzeitig Wohnungen, arbeiteten so hart, wie das auch im Westen üblich ist, und sind jetzt für Berliner Verhältnisse vermögend. Exakt eine einzige davon sagt öffentlich, dass sie Gentrifizierung gut findet, die Schliessung von Borzn an der Ecke für richtig hält, keinen Wert auf versoffene Künstler im Rinnsteig legt und gerne noch eine Wohnung kaufen würde, um ihre Mieter Richtung Schöneweide zu entmieten, das Objekt zu sanieren und dann zur finanziellen Absicherung mit hoher Rendite an stubenreine Schwaben zu vergeben, wenn sie Messer und Gabel ohne Gefahr der Selbstverstümmelung nutzen können und deren Eltern bürgen. Eine einzige ist ehrlich.

Die anderen haben das teilweise genau so gemacht und finden das, wenn sie nach Bayern kommen, nicht ganz falsch. Zuerst sprechen sie aber noch instinktiv leise und fügen stets ein „aber“ hinzu, und erklären wortreich, wie schlimm es doch anderen gehe und der Staat versage. Aber nach der dritten Halben im Jägerstüberl lösen sich die Zungen, nebenan feiert die Jugend von Waakirchen den Vermögenszuwachs durch die Immobilienspekulation, und am Ende nehmen sie eine Dampfnudel im Bewusstsein, dass eine weitere Wohnung nicht schlecht sei. Über den ehemaligen Blogger, der nun Firmen berät, wie man das Internet infiziert, wissen sie auch, dass er ein Haus gekauft hat. Mit Garten. Ausserhalb des Autobahnrings, mit Kredit, und er redet nicht öffentlich drüber. Aber eine Mitarbeiterin, die nach drei Jahren Ausbeutung hingeschmissen hat, hat das überall erzählt, dass der J. jetzt Hausbesitzer ist. Das Kapitalistenschwei – ei – ei-eine Halbe noch, Teres, sagen sie dann und fangen sich wieder, wenn sie merken, wo sie sind. Manchmal werden sie rückfällig und verkünden den Mainstream der Linken, der üblich ist, wenn Besitzende und Besitzlose aufeinander treffen.

hivc

Man gibt gegenüber Ärmeren nicht an, das habe ich auch so gelernt. Glaube ich. Vor langer Zeit. Aber das ist doch so, oder? Man tut das nicht. Man lässt niemanden merken, was in der Grube ist, von der man in Bayern meint, dass da das Geld ist, das man holt. Man will nicht, dass der andere sich unterlegen fühlt. Die grosse Halle war deshalb nur eine teure Fehlplanung, ein anderes als das grosse Grundstück hat man nicht bekommen, die Wohnung in Paris war ein Notverkauf von einem Freund – man findet immer Ausreden, damit das alles bescheiden wirkt, wenn andere weniger besitzen. Aber mit Hartz IV kommt eine völlig neue Kategorie dazu, und mit dem Netz, Twitter, Facebook und leichtgläubigen Journalisten der Süddeutschen Zeitung überwinden solche Schicksale auch Klassengrenzen: Anderen geht es schlecht. So schlecht, dass man nicht einmal mehr den kleinsten Röhrenverstärker für die Küche verargumentieren kann. Kein Wachtelei kann man zeigen, nicht einmal darüber reden kann man, dass man noch eine vierte Halbe bestellen konnte, halten sich die anderen doch den ganzen Abend an einem Mineralwasser fest, und schreiben ihre Anklagen gegen das System auf dem iPhone nieder. Kann man da heim in Berlin einfach so berichten, dass man gern im Eigentum wohnt und 7 Prozent mehr Rendite hat? Zumal, wenn man die D. wegen der G. auch einladen musste und die wiederum der J. das alles brühwarm erzählt.

Das ist schrecklich. Denn wozu hat man Vermögen, wenn man dann wieder so tun muss, als wäre man auch nur ein armer Schlucker, warum sitzt man beisammen und lügt sich klein, statt offen über Freuden zu reden. Bei Gesprächen über Sex musste man früher aufpassen, dass der Pfarrer nichts erfuhr und einem das Leben im Dorf erschwerte – heute dagegen ist immer die Gefahr da, dass irgendwo eine grässliche Megäre sitzt, die ihr Leid als Opfer der Systems nutzt, um im Kiez angemessenes Mitleid und einen angenehmen Job nach ihren Wünschen einzufordern. Früher musste der Reiche der Kirche viel vermachen, heute tut er das nicht, aber er lässt sich vom Recht der Ärmeren unterdrücken, und schweigt. Verheimlicht. Stimmt vielleicht sogar mit ein in den Chor der Kapitalismuskritiker und Vermieterfeinde. Da drüben sitzt doch diese Frau R., die bei der SED KPD PDS Die Linke im Bundestag arbeitet und deren Mann in Kreuzberg ein Blog gegen Gentrifizierung betreibt – also Profil flach halten, die anderen tun es doch auch und kaufen nur Bio, weil es ihr Beitrag zur Bewahrung des Planeten und des Uckermärker Bauern und der französischen Gänseleberstopferin ist.

hivd

Das ist eine elende Schweigespirale, ein Unterbietungswettlauf nach unten, und das alles aus der Angst heraus, jemand könnte etwa auf die Idee kommen, man geniesse seine Privilegien und wünschte die anderen dorthin, wo sie mit ihren eigenen Restprivilegien nicht stören. Hartz IV ist der Schreckensbegriff, die Geissel, mit der man unsereins Mores einpeitschen und die Stimme senken lassen will, und deshalb fordere ich hier, dass es weg muss.

Wir könnten es ja in bedingungsloses Grundeinkommen nennen und einen Marketingetat draufpacken, mit dem wir alle hungrigen Twitterer mit mehr als tausend Followern beauftragen, das toll zu finden. Dann werden sie auch von der Süddeutschen Zeitung gefunden, und dort schreiben sie dann, dass es ihnen dank der segensreichen Entscheidung im Bereich der sozialen, hören Sie, sozialen Medien viel besser geht. Eine hochqualifizierte Studentin kommt in den Medien nun mal besser an als Zigtausende im Osten, die nie diesem Schicksal entgehen werden.

Und falls das alles immer noch zu teuer ist, könnten wir es wenigstens in iVhartz umbenennen? iPhone, iPad, iVhartz. Klingt doch gleich ganz anders und wer das hat, kann sich auch nicht beschweren, wenn andere über den Farbabgleich von Barockgemälde und Seidenvorhang reden. NATURseide natürlich. Von schon ausgeschlüpften Maden. Wir achten schliesslich auf den Planten und den sozialen Ausgleich.

16. Mrz. 2015
von Don Alphonso
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