Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

31. Mrz. 2018
von Don Alphonso
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Leben wie Don Giovanni, überleben wie Leporello

You think you’re mad too unstable
Kicking in chairs and knocking down tables
In a restaurant in a West end town
Call the police there’s a mad man around
Pet Shop Boys, West End Girls

An einem kalten Januartag fuhr ich zu einem Mann, der viel Schlechtes über mich gehört hatte: Ich sei unkontrollierbar, höflich formuliert menschlich äußerst schwierig, und man würde es keine vier Wochen mit mir aushalten – dann würde ich eine brennende Lunte in die Pulverkammer werfen. Davon wusste ich nichts, aber erstens stimmte das alles aufs Wort und zweitens hatte man mir erzählt, mit dem Mann würde man es kaum aushalten, eine ganze Feuilleton-Redaktion sei vor ihm geflohen, ich sollte um Himmels Willen nicht glauben, dass er es ernst mit meinem Konzept für ein Blog über die eingebildete Oberschicht in einem bayerischen Westviertel meinen würde: Keine vier Wochen würde ich mit ihm aushalten. Nach acht Wochen wäre ich für diesen Mann barfuss durch die Hölle gegangen und hätte dafür bezahlt: Wenn er in seinem Stuhl saß, die genagelten Schuhe auf dem Tisch und die Cola neben sich, scheinbar entspannt und guter Laune, bis er einen Gedanken hörte, der neu und dreist war, um dann blitzartig wie ein Raubtier nach vorne zu schnellen – das machen wir!… Der Mann, der Nachts um drei anrief, weil er sah, dass ich noch Kommentare freischaltete und sagte, er hätte da eine Idee und wenn ich um 7 den Text schicke, geht er gleich nach vorne… Der Mann, der in Empörung baden konnte wie Siegfried im Drachenblut… der hatte am Tag vor seinem Tod noch so viele Pläne.

Und so theatralisch wie die erste Fahrt nach Frankfurt war auch dieser Dies Ater. Ich war auf dem Jaufenpass, die Sonne schien, und wie aus dem Nichts tauchte oben, als wir gerade angekommen waren ein Bergunwetter auf. Wir schossen auf den Rädern die 1150 Höhenmeter zurück ins Tal, die tiefschwarzen Wolken grollten hinter uns, und unten las ich dann die Nachricht. Meine Blogs waren mit diesem Tag vorbei, ich bot meine Kündigung an, aber der damals neue Onlinechef Mathias Müller von Blumencron wollte, dass ich trotzdem weiter schrieb. Es ging also weiter, und es wäre jetzt eigentlich vorbei, denn diesmal hat die FAZ beschlossen, diese meine Blogs nicht mehr unter ihrem Dach fortzuführen – relativ kurzfristig, mit mir sehr unangenehmen und überflüssigen Nebenwirkungen im Netz, aber auch einigen Nettigkeiten wie diverse sehr ernste Angebote, mich genau dort weiter schreiben zu lassen, wo ich hier das Blog zusperre.

Eines habe ich nicht kurz entschlossen wie damals in Januar, sondern nach reiflicher Überlegung angenommen. Die Fürsorge und Solidarität ist – für so einen kleinen, unbedeutenden Blogger und freien Mitarbeiter – sehr angenehm. Und es ist, zusammen mit dem Umstand, dass ich diesen Text in der Toskana schreibe, in einem sehr komfortablen Hotel und nach einer Radtour zu einem spannenden Thema, das nicht mehr hier laufen wird, schlichtweg keine Laune in mir, zu sagen: Aus, vorbei, das war’s. Das sagt man nicht, es stimmt auch nicht. Deshalb möchte ich hier exemplarisch über einen anderen Herren sprechen, der sich nach schicksalhaften Momenten derrappelt, den Staub des Höllenfahrt von sich abschüttelt und in die Schänke geht, um sich einen neuen Herrn zu suchen: Leporello, der faule, gefräßige, abergläubige, zynische, sexistische Diener von Don Giovanni, der schon in seiner ersten Arie losmault: Keine Ruh bei Tag und Nacht, nichts was mir noch Freude macht, schmale Kost und wenig Geld, das ertrage wem’s gefällt… und dann will er kein Diener mehr sein.

Ich mag Leporello. Er ist auf eine nette Art verdorben bis in die Knochen, man kann ihm nichts übel nehmen. Gut, er deckt den Mord seines Herrn am Komtur, aber das machen wir ja alle, er sagt aber auch Don Giovanni ins Gesicht, dass er ein Schuft ist und von den Frauen lassen sollte – und ist für vier hingeworfene Doublonen sofort wieder bereit, zum Komplizen seines Chefs zu werden. Dieser Dienstbote und Handlanger ist mindestens ein ebenso schlimmer Finger wie Chef: Nicht nur, dass er die an Frauenverachtung nicht zu überbietende Registerarie singt – dass dies Büchlein Stoff erhalte, schwärmt er bisweilen sogar für Alte – wer diese lustvolle Aufzählung einmal gehört hat, beschwert sich nie wieder über Eugen Gomringer. Nein, er macht sich in dieser Arie offensichtlich auch an Donna Elvira heran, die er mit dem Ausruf “Oh bella, Donna Elvira” begrüßt hat. Im weiteren Verlauf vergreift er sich an einem Bauernmädchen aus dem Gefolge von Zerlina und Masetto, und im zweiten Akt erzählt Don Giovanni, wie er, der Leporellos Mantel trug, von dessen Freundin begehrt wurde, Metoorello vergreift sich also selbst an hoch und niedrig geboren Frauen, und hat neben her noch eine Liebschaft laufen.

Im zweiten Akt redet er sich ein, es sei in Ordnung, seinem Herrn das Essen zu stehlen, und Don Giovanni und er loben danach zusammen den Koch und die Prasserei. Leporello hat das moralische Bewusstsein eines Einzellers, vielleicht gibt es sogar moderne Politiker, die ethischer als er agieren – und er kommt damit durch. Immer. Er bettelt im richtigen Moment um Gnade, als Don Ottavio und die anderen Moralapostel ihm. weil sie ihn für Don Giovanni halten, den Garaus machen wollen. Er denkt, er sei mit seinem Herrn verloren, als der Komtur als steinerne Statue auftaucht – aber dem geht es nur um Don Giovanni, während sich Leporello unter dem Tisch verkriecht. Man kann sagen, was man will; Der Mann hat einen phantastischen Überlebensinstinkt im Angesicht grösster Gefahr, als Don Giovanni direktemang zur Hölle fährt.

Es gibt zwei Arten von Menschen in den Opernhäusern dieser Welt: Die einen lassen sich moralisch belehren und finden die Strafe gerecht, die anderen lernen, dass man einfach nicht zu viele Leute gegen sich aufbringen sollte, das Niederstechen von Vätern vermeidet, und es in Spanien vorsichtigerweise bei 1002 Frauen belässt, bevor man an eine Scherereien machende Donna Elvira gerät – und dass man als Leporello immer wieder den Kopf aus der Schlinge zieht und aufpasst, dass es immer einen gibt, den die Hölle auf der Abholliste vor einem stehen hat. Das macht das Leben noch nicht frei von Verwicklungen, aber: Leporello ist die zweitübelste Gestalt der Oper, und hat am Ende als einziger die Freiheit.

Denn am Ende singen die Beteiligten, was sie jetzt tun werden. Donna Elvira geht ins Kloster und wird sich jede Nacht in die Arme eines Don Giovannis wünschen. Don Ottavio, der Inbegriff des besten Freundeswürstchens, das nie eine Frau abbekommt, muss mit seinen Sexwünschen, für die er Don Giovanni gemeuchelt hätte, noch ein halbes Jahr der Trauer seiner Angebeteten abwarten. Und in dieser Zeit wird Donna Anna noch ein Studium des Genderismus anfangen und ihn jeden Tag mit ihren Variationen über Judith Butler und Sabine Hark konfrontieren, und den Besuch einer Lesung mit Stefanie Sargnagel für gelungene Abendgestaltung halten. Der gewalttätige Masetto und die naive Zerlina gehen in ihr Bauernhaus, er wird sie mit seinen überzogenen Ehrbegriffen schikanieren. und sie wird sich nach ein paar Jahren fragen, warum sie sich damals im Schloss so angestellt hat: Eine Nacht mit den Giovanni wäre letztlich lustiger als ein Leben mit diesem prügelnden, eifersüchtigen Tropf. Nur Leporello packt seine Siebensachen und dazu vielleicht noch das ein oder andere, was Don Giovanni jetzt eh nicht mehr brauchen wird, und geht in die Schänke, um einen besseren Herren zu finden.

Besser, sagt er. Nicht gut, nicht ethisch, nicht wohlerzogen und keusch, kein Don Ottavio, es reicht Leporello, wenn der neue Herr etwas besser als Don Giovanni ist, der gerade zur Hölle fuhr. Leporello ist durchaus lernfähig, aber eben nur genau so weit, wie es zur Beibehaltung schlechter Moral und fragwürdiger Methoden nötig ist, und das auch nur aus Sorge um das eigene Wohlergehen. Und wie man sieht: Das reicht schon, um eine beliebte Opernfigur zu werden. Die Ansprüche des Publikums sind gar nicht so hoch, jeder kennt die streberhaften Don Ottavios, die gern in der Liebe und im Berufsleben Ethik oder Sachgründe vorschieben, um ihre eigene, schmierige Agenda zu betreiben. Leporello ist feige und egoistisch, gierig und wollüstig – bei ihm weiß man, woran man ist, und deshalb hat er vielleicht aus das beste Ende bekommen. Ein Ende, das ein neuer Anfang ist, eine Gelegenheit, ein neues Register anzulegen und dem Herrn genau das zu sagen, was man eigentlich nicht sagt. Leporello hat in etwa so niedrige Ansprüche an sein Dasein wie ich an meine Texte, mir wohnt der gleiche Widerwille inne, anderen eine Botschaft zu verkaufen, die ich gar nicht habe, und die in meinem flexiblen Dasein auch langfristig hinderlich wäre. Leporello machte am Ende alles richtig, und ich möchte dem Publikum nicht anders dienen.

Ich hoffe, ich habe Sie, liebe Leser, über all die Jahre seit der Fahrt nach Frankfurt halbwegs gut unterhalten, Sie hatten hier angenehme Gespräche, bei denen die Gedanken wild durcheinander tanzten, hier Menuette, dort Sarabanden, und fühlten sich moralisch nicht belehrt – so etwas tut man nicht, das liegt nicht in meiner Absicht, wirklich, ich wollte nie mehr tun als plaudern, und bin Frank Schirrmacher unendlich dankbar, der sagte: Das – diese unausgegorene Idee des übel beleumundeten Vogels aus Bayern, der da in sein Büro schneite – das machen wir. Einen besseren Herrn werde ich nicht finden, es war eine phantastische Zeit, ich bekam enorme Privilegien und Möglichkeiten, und – ausnahmsweise mal – ganz ehrlich: Ich danke herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und all die Anregungen und Kommentare.

Es war mir ein Vergnügen und eine Ehre, für Sie zu schreiben, und

es würde mich freuen, Sie irgendwann, demnächst in einer

anderen Schänke des Netzes zu treffen, um über

die Stützen der Gesellschaft zu

plaudern. Ihr Don

Alphonso.

31. Mrz. 2018
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29. Mrz. 2018
von Don Alphonso
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Für Gerechtigkeit müssen wir von Murlo zu Sant’Antimo gehen

I overloaded and I saw the light, decadence was on my mind.
ZZ Top, Delirious

Es gibt drei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen sagen, Rache werde in ihrem Hause stets kalt serviert, andere meinen, man sollte sie lieber heiß unter den Gegnern auftischen, und die Dritten nehmen einfach, was sie kriegen können, im Leben wie in der Rache. Das ist dann meistens die Oberschicht und letztes Jahr kam ich gerade aus Italien zurück, als bei Spiegel Online ein ausgesprochen dummer Artikel über die italienischen Radwege und ihre Entwicklung stand. Obwohl es nicht angemessen ist, bei mir in der Crustata-Etage des Lebens mit Blick über die Crete Sienesi

Leute mit Aufmerksamkeit zu adeln, die ihre Texte aus der schieren Notwendigkeit des Knäckebroterwerbs im Hamburger Hafenviertel verfassen, setzte ich mich hin und schrieb einen heißblütigem Text, in denen ich belegte, dass die Autoren weder italienisch übersetzen können, noch wissen, was in Italien wirlich geplant ist.  Ausserdem habe ich “Der Pate” gesehen und weiß, dass man für Gerechtigkeit zu Don Vito gehen muss: Ich ließ mich also dazu herab, diese Autoren bei meinen italienischen Freunden so zu denunzieren, wie Feinde sonst nur meine Texte denunzierten. Meine Freunde hätten nun sagen können, dass sie den Don Salvatore in Hamburg informieren, aber sie hatten einen anderen Vorschlag: Bei Gelegenheit würden sie mich mal etwas herumführen, damit ich wirklich sehe, was man in Italien so alles tut. Und so kam es zum obigen Bild, und zu dem hier kam es auch:

Das ist in Murlo, einem kleinen Ort direkt an zwei phantastischen Radwegen: An den langen und bestens ausgebauten Strecken der L’Eroica, die hier im Herbst vorbei führt, und an der Grand Tour della Val di Merse. Vermutlich gibt es am nördlichen Polarkreis allenfalls Heideradwege, die auch so heissen und aussehen, mit lauter Knäckebrotbäumen und als Spezialität des Landes ein grosses Garnichts und ein Abo von Spiegel Daily dazu – ich weiß es nicht, ich war da noch nie. Hier jedenfalls gibt es eine Grand Tour, Grand! Tour!, liebe Leser, für Räder, und nicht nur das – sondern auch eines jener “alten Gemäuer”, das zu einem Radhotel umgebaut wurde, Es ist ein sehr altes Gemäuer, alle Apartments – ich residiere gerade auf eigene Kosten in üppigen 50m² – tragen die Namen von Radheroen, meines Beispielsweise von Andrew Hampsten, aber es gibt auch “Gino Bartali”, und an den Wänden prangen Bilder von Campagnolonaben und Radheroen. Es gibt im Keller eine Werkstatt und neben dem Empfang schöne Radklassiker. Und jeden Morgen diese Aussicht, hier ist es seit 5 Tagen am Stück sonnig und warm.

Wie ist eigentlich das Wetter in Hamburg so? das möglich? Radfahren hat in Italien, prinzipiell gesprochen den Stellenwert, den es in Deutschland nie haben wird. Während ich also im Hotel Bosco alla Spina Bilder von speziell für uns Freunde des Velozipeds kreierte Nachspeisen zeigen könnte, halbgefrorene schwarze Schokoladenwürfel mit weisser Cremefüllung, die Luxusversion des Nege Schokokusses mit Schaumfüllung, während von hinten das Buchenholzfeuer angenehm knistert – hoppla! –

erreichen mich Nachrichten aus München, dass ein Radverleiher aus Singapur seine Räder meistens wieder einzusammeln gedenkt: Es gab, ich habe des selbst beim Durchqueren der Stadt auf der Hinreise gesehen, zu viele Fälle von Vandalismus, Diebstahl und Beschädigungen. Keine Ahnung, warum selbst Münchner ihren Frust an Rädern auslassen, die im Gegensatz zu Autos keinem wirklich weh tun, und sogar als schlechtes Konzept immer noch besser als das private Auto sein sollten. Es ist aber so. Der Deutsche mag das Rad nicht. Der Italiener achtet es, und er verehrt die Helden, die sich darauf bewegen. Sie kombinieren Weinflaschen und chromglänzende Boliden mit langer Geschichte, weil man das hier kennt und versteht.

Radfahrer sind Eroici, die nicht verschwitzt den normalen Hotelgast in der Lobby stören, und man bereitet ihnen hübsche Räume nach ihren Bedürfnissen. Es ist alles eine Frage des Zugangs zum Menschen: In Bosco della Spina ist der Radfreund der Gipfel der Schöpfung, in Deutschland ist der Dieselfahrer auf einer Stufe mit dem Giftmörder. Hier kommt sicher viel Feinstaub aus dem aromatischen Bucheholzfeuer – am nächsten Morgen ist die Lunge dennoch so rein wie die Luft über der Toskana.

Wir setzen uns also aufs Rad – ich habe inzwischen ein Neues gekauft, nachdem das alte Rad nicht reparierbar ist, ehrlich, ich habe alles versucht, es musste sein, es hat überhaupt nichts mit Habgier zu tun, fragen Sie Don Vito, er ist ein Mann von Ehre! – wir setzen uns also aufs Rad und fahren etwas durch die Landschaft. Wir finden hier:

Ausgezeichnete Beschilderungen, die einen sogar wissen lassen, dass man die nebenan liegende Etruskersiedlung am besten zu Fuss erreicht.

Exzellente Erklärungen auf Italienisch und Englisch, wie der Weg aussieht, und was man bedenken sollte.

Traumhafte Ausblicke vom Etruskermuseum, zu dem ein anderes Schild weist. Ich mein, das ist Italien. Wenn Italien neben Rädern noch einen historisch bedingten Fetisch hat, dann sind es Schilder.

Die Wege hier mögen kurvig und steil sein, manchmal hat man auf den Routen eine schöne Aussicht, und manchmal einen Tunnel aus Bäumen.

Aber es kommt garantiert irgendwann ein Schild, das auch Orientierungslose sicher nach Hause bringt. Es gibt zum Beispiel im Altmühltal oder auf dem Bayerisch-Tirolerischen Radweg ebenfalls eine gute Beschilderung. Aber hier steht an jeder Kirche, an jedem Kastell und jeder alten Mühle, was sie ist, wer sie gebaut hat und warum sie wichtig war.

Die Italiener verstehen sich auf die Künste, das Radfahren weitgehend autofrei zu machen, und dem Radler Gelegenheit zu bieten, auch zu verweilen. Man muss nur die Augen offen halten. Das alles gehört zusammen. Nicht erst seit gestern: Das Auto wurde in Italien nie so dominant wie in Deutschland. Trotz der Hügel und Anstiege: Das Land hat Raum für das Radvolk. Radler sind keine verkehrstechnischen Störenfriede, sondern geschätzte Gäste. Die Denkweise ist hier nicht: Wir müssen Radfahrern auch etwas bieten. Die Denkweise ist: Wir geben den Radfahrern, was sie wollen. Über diesen Erkenntnisprozess sind wir übrigens schon an Montalcino vorbei gefahren, hinunter nach Sant’Antimo. Dort gibt es das berühmte Kloster.

Und eine berühmte Radsammlung.

Die Colnagos, die Tommasinis, die hängen hier nur so rum, es ist fast so voll wie bei mir auf dem Speicher.

Ich könnte hier oben als Radsammler, Antialkoholiker und Vegetarier ewig verweilen, denn ich mag Räder, und unten, wenn man die Treppe hinunter geht, gibt es Alkohol und Fleisch.

Ich bin da unten also etwas deplaziert, mit meinem Wasser und mit meinem Pecorino, und manche werden mich für so irre halten, wie ein deutscher Vertriebler in seinem Kombi mich am Jaufenpass hält – aber ich war tatsächlich in einem der besten Weingüter der Welt, Ciacci Piccolomini d’Aragona.

Einer der besten Winzer der Welt hätte mir eingeschenkt

und den Schinken gereicht, während über mir die alten Räder der toskanischen Heroen baumelten.

Ich lehnte ab.

Denn irgendeine Tugend muss man ja haben, und zum Ausgleich für mein Karma – das Regenwürmerdasein ist besser als sein Ruf! – habe ich die Tischrunde damit unterhalten, dass in Hamburg Leute leben, die glauben, in Italien wären die Radrouten in einem schlechten Zustand. Lautes Gelächter erfüllte den Saal, Gläser wurden nachgefüllt, und danach gingen wir noch in den Weinkeller, und feierten das gute Leben, das man eben kennen muss, um es leben zu können, hier im warmen Herzen der Toskana.

Wo der Thymian blüht.

Und man immer noch einen Kilometer fahren will.

201 Kilometer wären es von hier aus noch nach Rom, zwei Tagesetappen mit Umwegen über Orvieto und Assisi. Dorthin fahre ich dann im Mai mit der Mille Miglia – nicht mehr hier bei der FAZ, aber Sie als Leser sind dann herzlich eingeladen, mich und die Stützen der Gesellschaft am neuen Ort zu begleiten.

29. Mrz. 2018
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27. Mrz. 2018
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Von alten, weissen Männern lernen

Tutto sbagliato, tutto da rifare!
Gino Bartali

Ich habe in meinem Leben schon viele dumme Ideen gehabt. Das ist angenehm, denn so manche dumme Idee mündete in gern gelesene Beiträge, und das wiederum in den willkommenen Umstand, dass ich technisch gesehen nicht arbeite, sondern lediglich mehr oder weniger dumme Einfälle in schicklicher Ausformulierung an den Mann und die Frau bringe. Manchmal habe ich aber auch gute Ideen, und eine davon ist dieses Bild vom letzten Freitag am Tegernsee.

Der See ist auf 721 Meter, die Wolkendecke auf 900, und dazwischen ist sehr, sehr viel Schnee. Ich übertreibe nicht, obwohl das nicht selten hier gemacht wurde: Hinten im Kreuther Tal liegen öfters noch 2 Meter Schnee. 2 Meter! Da kann man unmöglich Sport treiben, das sehe ich so, das sehen Sie sicher auch so, denn wenn es anders wäre, wären Sie ja beim Baden oder Radfahren auf dem Bild. Ganz sicher jedoch sehen es die Italiener so, mit denen ich hier bin, und denen ich zur Begründung meines minimalen Übergewichts – ich übertreibe nicht, sehen Sie! – und meines lausigen Trainingszustandes dieses Bild zeige. Da würde auch kein Italiener Rad fahren, ich habe eine Art Schneebonus, ich bin der Tedesco, der aus dem Neve kam, ich verdiene Nachsicht beim Hinterherzockeln und Hochachtung, wenn ich nicht wie ein nasser Sack vom Rad falle. Denn ich habe das Bild und kann es herzeigen. Ich glaube, ich speichere es und zeige es ganzjährig in Italien herum.

Wie auch immer. Es war dann gar nicht so schlimm, und die Strecke von Murlo nach Buonconvento führt nicht nur durch eine der schönsten Regionen der Welt, es ist auch ein idealer Parcours für schnelles Fahren: Es geht lange leicht bergab, Steigungen können rasch niedergetreten werden, die Strade Bianche sind in einem sehr guten Zustand, und ich hatte am Abend davor gut gegessen und lang geschlafen. Ich tat so, als verstünde ich die Bundesgenossen nicht, die vom Mörderrennen Paris-Brest-Paris erzählten, und diese Teilnahme bedeutet, dass sie, wären sie nicht auf einer Sonntagskaffeefahrt mit mir, mich auch stehen lassen würden, wenn sie nur mit 2 Zehen auf einem Kinderrad kurbelten. Aber es war Sonntag. mein Italienisch war schlecht, und weil andere noch langsamer und älter als ich waren, ist mein trauriger Zustand erst gar nicht aufgefallen.

Ich brauchte noch nicht mal den schmutzigen Trick eines 24er Kettenblatts vorne und eines 28er Ritzels hinten, der am ersten Tag für Debatten gesorgt hatte, ob das noch legal für die L’Eroica sei: Manche sagten, dreifach vorne ginge am klassischen Rad überhaupt nicht – das waren die Recken mit den “kleinsten” 42er- Kettenblättern vorne und hinten maximal 24. Auch solche Leute gibt es, und sie fanden es kritikwürdig. Ich konterte, dass laut Regeln jedes Rad mit Originalteilen bis 1987 erlaubt ist, solange es Hakenpedale, Rahmenschalthebel und offen liegende Bremszüge hat – und meine Dreifachkurbel und das Schaltwerk gab es bereits im Herbst 1986. Ausserdem erwähnte ich den Schnee und zeigte das Bild herum, und danach gab es einen Anstieg, da hätte sich manch einer auch meine radtechnische Spitzfindigkeit gewünscht. Es kam also alles gut zusammen. Bis – ironischerweise – Buonconvento.

Denn in Buonconvento gibt es ein radlerfreundliches Cafe namens “Le Dolcezze di Nanni” mit einer Sammlung alter Räder und im Kontrast voll mit zuckerreicher Süßigkeiten. Und während wir da so standen und plauderten, war draußen ein alter, steinalter Mann, der die Räder anschaute, die wir idyllisch davor platziert hatten. Meines, den Eindruck hatte ich fraglos, sah er besonders kritisch an.

Und dann kam er herein. Wie sich herausstellte, war es ein alter Chamption der Gruppo Sportivo Buonconvento, der vor 60 Jahren heldenhaft jene Region unter die Räder nahm, die heute das L’Eroica-Land ist. Ich verkleide mich in einem gelben Trikot mit Kaffeewerbung und trinke in Wirklichkeit nur Tee, wenn ich mich mit einer Dreifachkurbel über Hügel schummle, aber der alte Mann hatte die grosse, alte Zeit noch selbst gestaltet. Da gab es noch keinen Tourenbus, der einen notfalls einsammelte. Da gab es bestenfalls 8 Gänge und Ritzel, so klein wie ein Keks, während meine grössten Ritzel so üppig wie ein riesiges Panforte sind, damit meine Waden, hart wie die durch den Wolf gedrehten Feigen im Panforte, das alles noch treten können .

45 Zähne vorne waren üblich, und damals drückte man sich mit baumstammdicken Oberschenkeln, vor Schmerz schreiend, die Berge hoch. Damals dopte man nicht grünbiologisch mit Eigenblut, damals liess man sich noch echt chemisches Nitroglycerin geben. Wir spielen das hier nur nach. Der alte Mann hat es gelebt.

Und obwohl der alte Mann beim Gehen einen Krückstock braucht, fährt er weiter alles, was geht, mit dem Rad. In diesem hohen Alter. Seine ganze Existenz war eine Beschämung meiner Schwäche, und mein Bild mit dem Schnee wollte er auch nicht sehen. So war das am Sonntag. Man kommt als verhinderter Held aus dem Schnee und fährt als Asche vor dem Altar der grossen Geschichte nach Hause.

Heute bin ich dann zuerst zur Post, um einen Brief mit einem Vertrag zwengs der weiteren Bloggerei abzuschicken. Manche sagen ja, es heult sich leichter in der S-Klasse, ich aber sage, Verträge unterschreiben sich leichter mit Blick auf die südliche Toskana.

Und danach bin ich eine Strecke gefahren, die ich bislang nur von der Hektik der Rennen in schemenhafter Erinnerung hatte: Von Murlo über Radi nach Siena und, so war es geplant, über Buonconvento zurück. Von Murlo nach Siena fährt man ausschließlich auf den weissen und fast autofreien Staubstrassen der Toskana, die Landschaft ist überwältigend schön, das Gras ist schon zartgrün, und die wellige Streckenführung ist gerade die richtige Herausforderung für einen untrainierten Deutschen.

Am Ende taucht dann plötzlich die Skyline des mittelalterliche Siena auf. Ich bin das alles recht langsam gefahren, um dann auf dem Heimweg auf Asphalt Tempo zu machen. Zum Schluss wollte ich noch an der asphaltierten Auffahrt nach Murlo vorbei, denn der Weg hoch ist hässlich. Es kommen 3 Berge nacheinander, und ab Buonconvento gibt es einen Altweibersteig mit ruppigen Feldwegen, der nur einen Berg statt derer drei aufbietet.

Aber auf dem Altweibersteig habe ich in der Hektik überschaltet, die Kette ist hinter die Ritzel gefallen und hat eine Speiche abgerissen. Das Laufrad passte gerade noch so in den Rahmen.

Mit so einem eiernden Laufrad kann man keine Feldwege mehr fahren, sonst reissen noch mehr Speichen. Also fügte ich mich ins Unvermeidliche und fuhr zurück auf die Strasse. Als ich am ersten Berg von den dreien runterschalten wollte, ging das nicht mehr. Ich hatte offensichtlich irgendwo noch ein Schaltungsrädchen verloren.

Zum Glück fand ich nach einer halben Stunde Suchen noch die Schraube, die früher das Rädchen hielt. Nach einigem Herumprobieren stellte sch heraus, dass die Kette auch über die Schraube allein lief – aber nur mit maximaler Spannung bei ungesundem Schräglauf der Kette, wenn ich vorne das 50er Kettenblatt benutzte, und hinten das 24er Ritzel. Jede leichtere Übersetzung führte zu heftigen Fehlschaltungen und unerträglichem Kettenrattern auf der Schraube. 3 Berge, 7 Kilometer, 3 Anstiege mit bis zu 10%. Und 50-24. Immerhin fuhr das Rad noch, und man muss mit dem zufrieden sein, was noch geht. Der alte Mann mit dem Krückstock fuhr ja auch noch. Die Sonne ging unter. Es gab nur einen Weg, es herauszufinden. Das marode Rad, die Flachlandübersetzung, drei Anstiege und ein mittelalter, weisser Mann in einem Trikot der späten 70er Jahre. Das ist alles. Mehr gibt es nicht. Man hat sich zu fügen, wie mit dem Krückstock, wenn die Gelenke einen nicht mehr tragen.

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es, im hohen Alter noch so fit wie der Alte aus Buonconvento zu sein, und dem Schicksal zu sagen: Vielleicht brauche ich beim Gehen eine Krücke, aber solange es geht – put me back in my bike. Diese alten Menschen sind die wahren Helden, sie haben nicht gejammert, als sie die Länder aufbauten und sich mit maroden Rädern jeden Tag zur Arbeit begaben. Sie haben jedes Recht, die kleinen Kettenblätter und die Luxussorgen der Gegenwart – genderistische Sprachvorschriften, Rundumbetreuung für angebliche Minderjährige, die den Pass verloren haben, Feinstaubgrenzwerte – verächtlich anzuschauen. Ich würde gern so ein alter, weisser Mann werden, und es mag nicht schön ausgesehen haben, wie ich mich langsam, die Tritte zählend, mit der Übersetzung seiner Jugend da hinauf nach Murlo getreten habe. So, wie man das früher gemacht hat, weil man nichts anderes hatte. Ein Berg, zwei Berge, drei Berge, und der letzte Berg ist der schlimmste. Man muss die Zähne zusammen beissen und an sich glauben. Jedes Jahr verliert man an Kraft, die Sünden der Jugend rächen sich, es sterben Leute um einen herum und andere fahren im hohen Alter noch, mit der Krücke am Rad, durch Buonconvento. Am letzten Berg wäre ich so gern abgestiegen, aber dann dachte ich an den Alten und wenn der noch fährt, sagte ich mir, dann komme ich da oben auf dem Rad an.

Und wenn es das Letze ist, was ich tue.

Das Letzte vor diesem Beitrag war dann allerdings das Salz, das ich mit ölverschmierten Händen über die Pizza schüttete. A Pfund Dregg brauchd der Mensch im Joah, sagte meine Grossmutter immer, und sie hatte damit natürlich wie immer recht. Die Jungen, die nicht recht haben, sind schon vorher gestorben, und achteten davor wohl kaum die Alten mit dem Krückstock am Rad.

27. Mrz. 2018
von Don Alphonso
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25. Mrz. 2018
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Die hohe Kunst der NoWork-Life-Balance

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen,

sagen manche, und ich sage dann immer: Das sind verbiesterte Menschen, mit denen es nicht einmal eine Katze aushält, denn wer eine Katze hat, der arbeitet an Dosen und Verpackungen, damit jemand isst, der meistens nur faul herumliegt und darauf wartet, dass ihm Türen geöffnet werden. Gestern Abend hat mir dann auch ein Mensch in Murlo geholfen, meine Bleibe zu finden, während die Katzen vor dem Ort nichts, aber auch wirklich gar nichts Hilfreiches beizutragen hatten. Wohlgenährt sind sie trotzdem.

Es gibt wirklich bessere Sprüche, wie etwa “In der S-Klasse weint es sich leichter”, was durchaus stimmt, und auch andere Dinge sind der S-Klasse leichter zu bewerkstelligen, aber ich will Ihnen jetzt keine Geschichte über einen lindgrünen W126 aus dem Besitz eines Dresdner-Bank-Chefs und dessen Tochter nach einem Tanzturnier erzählen, denn das geht Sie nämlich gar nichts an und außerdem haben wir ja schon festgestellt, dass es im Kern durchaus richtig ist. Noch richtiger ist aber neue, gestern erst erfundene Spruch “Neben dem SLK lacht es sich leichter”, der mir so eingefallen ist, als ich spontan mit meinem vom winterlichem Salzschmutz verunzierten Auto kurz hinter Siena angehalten habe, mich in die im Vergleich zur Nacht am Tegernsee 25 Grad wärmere Frühlingsluft stellte und spontan an jemand denken musste, der vorgestern etwas Unfreundliches über mich ins Netz schrieb: Vielleicht hat er recht, aber dem Vernehmen nach lebt er in einer WG in Münster, und da möchte ich schon einmal fragen, was einem Rechthaben hilft, wenn man das nach 50 Jahren auf dem Erdenrund nur in einer WG hat, in der vermutlich auch über Marx gesprochen und der Hausdienst genderneutral paritätisch geregelt ist. Er hat also vielleicht Recht und ich habe lachend neben meinem Auto diese Aussicht.

Morgen bekommt er vielleicht nicht nur recht, sondern auch die Nebenkostenabrechung, und ich kann wieder hierher fahren, so ist das auf der Welt. Es gibt vieles, was sich in der S-Klasse leichter tut, es lacht sich leichter neben dem SLK und gearbeitet habe ich auch nicht – nur um am Ende meiner Reise auf jemanden zu treffen, der die Auffassung vertritt, das mache überhaupt nichts, ich sollte Platz nehmen, es ist ihm wirklich egal, ich könnte Slumlord aus Berlin oder Münster sein und von der Miete leben, die andere erwirtschaften, oder von Aktien, oder von was auch immer man weitgehend eigenarbeitsfrei leben kann: Egal. Essen soll ich trotzdem, meint der Koch im Hotel, und bestätigend knistert dazu das aromatische Holz im offenen Kamin. Und so ist es dann auch gekommen. Wenn man davor lange gearbeitet hat, muss man sich an dieses Prinzip des Genusses ohne Leistung erst mal wieder gewöhnen.

Wirklich, das gehört zu den wichtigen sozialen Problemen der Erbengesellschaft, über die in unseren herzlosen Medien viel zu wenig gesprochen wird. Nicht dass Sie jetzt vielleicht denken, ich würde arbeiten, weil ich das aufschreibe: Nichts da, ich habe das gestern und heute ganz langsam begriffen und hätte es meiner Posse, mit der ich hier unterwegs bin, heute zum Gaudium am Tisch erzählt, aber für derartige komplexe Themen der experimentellen Soziologie reicht mein Italienisch nicht aus, und deshalb erzähle ich es Ihnen. Ich habe hier ziemlich lang sehr, sehr viele Kommentare freigeschaltet und beantwortet und Bilder bearbeitet, ja sogar ein paar Teste habe ich geschrieben, die manche lasen und andere nicht verstanden, also, ich habe technisch gesprochen bei der FAZ gearbeitet und langsam geht es jetzt darum, mich wieder erfolgreich ins Erwerbslosenleben einzugliedern. Bei unsereins endet das gemeinhin mit dem hemmungslos überzogenen Studium. Alle um einen herum tun etwas, und wie das so ist in besseren Kreisen, man stellt Konventionen nicht Frage und ehe man es sich versieht, übt man eine Arbeit aus, ohne sich zu fragen: Muss ich das überhaupt oder würde das Familienvermögen nicht leicht reichen? Sie kennen das alle, man gerät in einen Trott und denkt nicht nach, und erst beim Blick zurück stellt man fest: Es wäre auch ganz anders gegangen.

Das habe ich heute verstanden, weil ich mit meiner italienischen Posse von Murlo über Montalcino nach Abbazia Sant’Antimo gefahren bin – nicht etwa auf einer normalen Strasse, sondern auf den staubigen Pisten der L’Eroica. Was mir vorab erzählt wurde, war “Wir radeln rüber nach Montalcino”. Murlo liegt auf einem Hügel. Montalcino liegt auf einem Hügel. Nachträglich habe ich keine Ahnung, wie ich auf die Idee kam, dass es eine 20km lange Hügelkette zwischen diesen Orten geben könnte, aber wirklich, ich hatte so etwas im Gefühl. Andere denken, wer nicht arbeitet, soll nicht essen, ich denke, es gibt eine Hügelkette, es stimmt beides nicht Jedenfalls, nach ein paar Kilometern wurde mir klar, dass wir auf dem Weg zum mörderischen Aufstieg nach Castiglion del Bosco sind. Wir, 20 ziemlich fitte Italiener und ein Deutscher, der von November bis gestern nur einmal auf dem klassischen Rennrad saß, um die Sattelhöhe seines neuen Koga Miyata einzustellen. So rein körperlich waren die letzten Monate schon mal eine gute Vorbereitung auf die Leistungsfreiheitsgesellschaft.

Aber obwohl ich Ihnen mein gesammeltes Leid verschweige, war es hier in den Hügeln der Toskana doch eine gute Einführung in dieses gemütliche Dasein ohne allzu viel Stress: Kein Internet, kein Mobiltelefon, nur Staub und Schotter und klare Luft mit Aussicht. Ich würde lügen, behauptete ich, ich sei wie ein Adler hochgeflogen – nur bergab bin ich gefahren wie ein abstürzendes, tiefgefrorenes Suppenhuhn – aber irgendwann ist man oben. Die Lungen pfeifen, und irgendwer kam auf die grandiose Idee, beim Frühstück nach 4 Monaten Vanillehugel- und Tortendiät jetzt doch einmal konsequent zu fasten: Das war ich, und das hatte ein unangenehmes Brennen in den Beinmuskeln zur Folge. Aber: Man ist oben und sieht, was man schon an Höhenmetern erreicht hat.

Und dann überkommt einen das innere Gefühl mit aller Macht, dass es reicht, wirklich, und dass das, was an Rampen und Geröll noch vor einem liegt, gar nicht mehr sein muss. Es gab sogar einen Besenwagen, ich hätte jederzeit einsteigen können. Aber in diesem kurzen Moment ist man kein staubbedeckter Jammerlappen, sondern ein Sehender und Verstehender: Man erkennt, dass man wirklich etwas getan hat, das einen mit Hochachtung erfüllt. Niemand braucht da noch Höherachtung, es reicht, man hat getan, was man konnte, und damit wäre es dann eigentlich auch gut. Mehr muss überhaupt nicht sein. Da vorne wartet keine Herausforderung mit besserer Aussicht mehr, es ist da ganz nett, und man kann hier wirklich verweilen und auch anderen beim Schieben zuschauen. Auch das ist eine Beschäftigung: Unbezahlt und in diesem Moment, da die Beine nicht mehr wollen, auch unbezahlbar. Geld ist gar nicht so wichtig.

Denn mit dem Selbstwertgefühl steigt auch die Geringschätzung kommender Verpflichtungen. Wer bin ich denn, denkt man sich, dass ich herumschubsen lassen müsste, wenn ich selbst hier hoch komme. Ich bin da, wo ich hingehöre, dies ist mein Platz oben, und das kann mir hier und auch sonst im Leben niemand nehmen. Es ist gut, wie es ist, besser muss es nicht zwingend werden. Andere nehmen vielleicht jetzt den Lift zu höheren Posten und müssen sich artig verhalten, ich kann hier zur Flasche greifen und gierig in mich hineinschütten, ohne Rücksicht auf andere. Niemand hat eine Erwartung an mich. Niemand möchte, dass ich anderer Leute Vorstellungen umsetze. Und heute morgen ging eine prächtige Sonne über der Toskana auf und küsste mich liebevoll. Ich glaube, das ist das Denken, die Erkenntnis, die man allen vermitteln muss, die arbeiten, ohne dass es finanziell nötig wäre. Vielleicht war auch einfach nur zu wenig Sauerstoff in meinem Hirn, weil die Lungen so pfiffen, aber da oben, da schien mir das alles sehr logisch, richtig und auch sozial angemessen.

Erst danach bin ich weiter gefahren, und im weiteren Verlauf war ich gar nicht einmal der Langsamste. Ich hielt gut mit und sagte einer aus meiner Posse, dass ich ab Anfang April viel Zeit und mich gerade dazu entschlossen hätte, mich bei der L’Eroica Nova mit Profibeteiligung anzumelden, bei der auch die Zeit gemessen wird. Wie bei jedem Entzug gibt es auch Rückfälle, das ist mir schon bewusst, aber nicht nur kann man in der S-Klasse vieles besser vollbringen, man kann in der Toskana Leistung auch wie ein Hobby aussehen lassen. Hauptsache, man bricht bewusst die Regeln und lässt es sein, bevor es einen selbst zerbricht, und verlässt sich auf das, was man dank der Geburt hat – ich verstehe gar nicht, warum sich da manche so aufregen, was kann denn unsereins dafür, damit wird man geboren, das sucht sich keiner aus. Wir sollten das nutzen. Dann kommen schon die Köche und sagen einem, dass es richtig so ist, und außerdem ist man barock und lebenslustig auch attraktiv – nicht weil man besser schreibt, man fuchselt weiterhin auch nur schnell etwas herunter, aber es gibt auf dieser Welt ohnehin zu viele Zielstrebige, die Chef anstelle des Chefs werden wollen. Für einen wie mich kommen bei dieser Nichtkonkurrenz dann schon die Alternativen, sie liegen auf dem Weg herum. Aber ich will eigentlich nur lachend neben dem Auto in der Toskana und zufrieden mit dem Erreichten oben in Castiglion del Bosco stehen. Begrenzte Geister brauchen begrenzte Ziele, ist meine Devise, und ich bin fest überzeugt, dass meine vorösterliche Arbeitsentsagung dauerhaft erfolgreich ist.

Dem Mario habe ich aber vor dem Kloster trotzdem mit Kette rechts gezeigt, was ein echter Deutscher am Berg zu leisten vermag, selbst wenn er danach wie ein nasser Sack vom Rad fällt weil einfach so überholen lasse ich mi

25. Mrz. 2018
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Die erste Ansprache des Volkes an seinen Ministerpräsidenten

All the King’s horses, and all the King’s men,
Could not put my heart back together again.

Es war einmal vor langer, langer Zeit, ein Königreich in einem schönen Land. An der Spitze stand ein Monarch mit einer vom Volke übertragenen Allgewalt. Egal ob er Schüler in Wackersdorf zusammenschlagen ließ oder seine Amigos herzlich grüsste, ob er einen größenwahnsinnigen Transrapid wollte oder mit einer Flurbereinigung oder einem Rhein-Main-Donau-Kanal seit Jahrhunderten gewachsene Kulturlandschaften zerstörte – das Volk sagte Ja zu jedem Monarchen, den die feudalistische Staatspartei ihm nach internen Königsmorden vorsetzte. Das änderte sich erst, als man meinte, dem Volk jemand von fränkischem Geblüt zumuten zu können – das war dem Volk dann mit dem G8 und anderen Fehlentwicklungen doch zu viel, und so musste sich ein neuer Monarch erst einmal von einer anderen Partei dulden lassen, bis er dann die altbekannten, weißblauen Verhältnisse durchsetzen konnte.

Weil er öfters seine eigenen Parteifreunde als das Volk züchtigte, hielt man ihn für einen guten Landesvater – bis das Land von Fremden überrannt wurde und offensichtlich wurde, dass der König nicht allzu viel Macht hatte. Größere Teile des Volks wählten deshalb eine Partei, die versprach, so wie ein alter, brutaler und korrupter König zu agieren, und der König, der die Wahl deshalb verlor, wurde von den parteiinternen Gegnern abgesetzt und nach Berlin geschickt, weil auch ein ehemaliger König als Minister immer noch über den anderen den Watschenbaum umfallen lassen kann, und warum sollte es der Merkel besser gehen als der CSU. Der neue König jedoch, jünger und schon wieder ein Franke, also ein halber Ausländer nach den strengen Kriterien des beliebten, völkisch-intraethnischen Rassismus im Kernland des Landes, hatte schon vor langer Zeit angekündigt, dass er damals noch als Minister zu einem Fest ins tiefste Oberbayern kommen würde. Der Ort heißt Reutberg, da gibt es eine Klosterbrauerei, und die feiert Josefi in einem Bierzelt: Was ein echter König sein will, muss hier das Volk hinter sich vereinen, und so begab es sich also, und hier verschwindet die mythische Märchenvergangenheit unter der journalistisch erforderlichen Realität, dass der König, der hier nur “da Södah” heißt, also in die Grenzregion zwischen Bad Tölz und Miesbach reiste. Man setzte ihn im Zelt in die erste Reihe, weshalb er vielleicht gar nicht merkte, wie das Zelt von hinten ausgesehen hat.

Es gibt Umfragen, die belegen, dass die Bayern mit dem König Horst nicht zufrieden waren, aber das ist ein Bierzelt, in das leicht 2000 Menschen passen würden. 2000 Milchbauern, Villenbesitzer, Tegernseeoligarchen und Kieswerkseigentümer, die hier eine Jagdhütte haben. Es ist Sonntag Abend, 19 Uhr, und es ist der erste, allererste Auftritt des neuen Ministerpräsidenten in einem Bierzelt vor dem gemeinen Volk. Und das Zelt, dessen Besucher am Freitag noch Rosis Nummer verkündete, ist nur zu 2/3 voll. Vorne kreischen welche eingedenk des Spitznamens aus dem Singspiel auf dem Nockherberg “El Marco”, hinten gähnt die Leere. Das hätte es früher nicht gegeben, höchstens bei der SPD und noch schlimmer, wenn der Hofreiter Anton auftritt, der wo im Bundestag mit seinem Dialekt so miserablig wie hier mit seinen Autoverbotsvorstellungen ankommt. Jedenfalls, voll war es nie nicht und auch auf dem Pressebiertisch war noch a Platzerl frei, oder auch zwei oder drei, jedenfalls, später setzten sich auch noch Musiker dazu.

Manche glauben ja, die Sache mit der Identität sei etwas Verachtenswertes mit Fremdenhass und Sepplhut, aber dann tritt der Bürgermeister von Sachsenkam auf die Bühne. Kloster Reutberg und Sachsenkam gehören seit jeher zusammen, die reichen Bauern brachten dort ihre unverheirateten Töchter unter, die Kinder gingen dort zur Schule, und die Brauerei, die hier den schweren Josefibock ausschenkt, ist eine Genossenschaft, die aus der alten Brauerei des Klosters hervorgegangen ist. Aber wie es eben so ist, in Bayern sterben die Klöster, weil es keinen Nachwuchs gibt, und auch Reutberg ist von der Schliessung bedroht. Das alles erzählt im schweren Dialekt der Bürgermeister, und dass die Gemeinde weiter ein Kloster haben will – aber das bischöfliche Ordinariat kümmere sich nicht um die Zukunftsperspektiven, ein Plan der Gemeinde versacke im Getriebe der kirchlichen Administration, und der Verdacht steht im Raum, es könnte dem Bistum um den wertvollen Landbesitz des Klosters gehen, der bei der Auflösung an die Kirche und deren Verwaltung im fernen Freising falle. Das sind hier die Probleme, die die Menschen bewegen, und da soll der Ministerpräsident doch bitte mit dem Bistum reden, damit das Kloster bleiben kann. Der donnernde Applaus zeigt: Er ist mit dieser Vorstellung nicht allein.

Dann kommt der Maerz August.

Der Maerz August ist der Chef der Brauereigenossenschaft und würde man so einen Charakter erfinden, er erschiene viel zu phantastisch – sage ich, andere fänden ihn vielleicht überzogen. Jedenfalls, es ist wie es ist, und der Chef steigt, zwei Maßkrüge in der Hand, auf das Podium, und nimmt erst einmal einen Schluck. Einen langen Schluck. Unten sitzt das Volk und wartet, und der Chef steht da und trinkt. Dann setzt er langsam ab, stellt die Bierkrüge auf das Rednerpult, und begrüßt den Ministerpräsidenten.

Der Ministerpräsident wird nachher sagen, der Chef sollte sich beim Nockherberg als Festredner bewerben, nachdem die derbleckende Bavaria dieses Jahr in Rente gegangen ist, und ganz ehrlich, ein wahreres Politikerwort wurde auf dem Erdenrund gar nie nicht gesprochen. Denn der Chef trinkt nicht nur aus, er schenkt auch ein. Er sagt dem Söder brettlbreit ins Gesicht, dass sich das letzte Wahlergebnis für die CSU auch umdrehen könnte, wenn sie so weiter macht wie bisher, von 37 auf Sieben und Drei, nur diesmal halt mit noch einem Komma dazwischen. Der Saal johlt vor Vergnügen. Der Chef erzählt, wie das hier mit der Situation der Hebammen ist und wie sich die Reduzierung der medizinischen Versorgung auf dem Land auswirkt, und dass die Kinder nicht mehr in der Klinik, sondern eher auf den Bundesstrassen zur Welt kommen werden, weil die Strassen so verstopft sind. Der Saal tobt vor Begeisterung. Der Chef, der seine Wirtsleut gegenüber in der Klosterschänke kennt, erzählt, wie das so ist mit der Bürokratie und was so ein Wirt heutzutage alles für Behörden ausfüllen muss, die ihm alle das Leben schwer machen, bis zur Risikoanalyse für das Personal. Und dass es kein Wunder sei, wenn die jungen Leute dann lieber zum Staat gingen, als selbst etwas aufzubauen oder zu erhalten. Das kommt hier sehr gut an. Worte des Lobes für den Ministerpräsidenten hatte er auch, den werde man schon integrieren und außerdem sei der Franke gewissermaßen ein Bollwerk gegen die Preussen. Aber man merkt es, die Unzufriedenheit ist gross, es sollte sich schnell etwas ändern, und nicht nur wegen der Wahlergebnisse: sondern auch, weil es um den Fortbestand der Heimat geht. Die Asylbewerber und die Lasten der Integration sind da nur ein Problem unter vielen: Der Staat, der sich mehr um sich selbst als um die Bürger kümmert, ist in seiner Gesamtheit der Grund für diese amüsant und bissig vorgetragene, aber inhaltlich knallharte Kritik, mit der der Chef der Brauerei dem Chef der Regierung das Standgas einstellt, wie man hier so schön sagt.

Das ist jetzt der Moment, da sich der König nach den Gesetzen der Bierzelts an die Spitze des Volksheeres stellen und mit einer flammenden Rede den Krieg gegen alles, was nicht passt, ausrufen sollte. Darauf wartet das Publikum.

Söder greift das gekonnte Grummeln aber nur auf, indem er sagt, er spreche jetzt das Schlusswort – es ist eine undankbare Aufgabe, nach so einem deftigen Forderungskatalog aus der Provinz die Linien einer Politik zu erklären, die gross sein soll, dafür aber das Placet der Anwesenden dringend braucht. Söder betont immer wieder seine gute Beziehung zum Bundestagsabgeordneten der Region, er kritisiert wie alle Brüssel und auch Berlin, und wann immer er Identität und Heimat anspricht, wird die Zustimmung laut – aber halt nie so laut wie davor, als sehr viel deutlicher gesagt wurde, wo hier die Probleme liegen. Beim Islam sagt Söder etwas durch Nichtsagen: Die hier lebenden Muslime, die sich gut verhalten, würden natürlich zu Deutschland gehören. Den Seehofer-Spruch mit dem Islam an sich meidet er, er meint nur, dass der Islam in Bayern keine „kulturgeschichtlichen Wurzeln“ habe. Es ist überhaupt ein ganz neuer Söder, gar nicht mehr der frühere Wadlbeisser, mehr so der Politikerklärer und Umverständnisbitter, recht staatstragend und gar nicht darauf erpicht, das Zelt zum Dröhnen zu bringen. Das meiste hätte er auch im Bayerischen Rundfunk oder bei Anne Will sagen können, ohne dass sich jemand erregt hätte. Es war eine ordentliche Rede über den Stellenwert der Heimat, und er hat betont, wie wichtig Deutschland für die EU und Bayern für Deutschland ist. Aber es ist halt vielleicht nicht so schlau, sich nach zwei Reden über echte Probleme und Wünsche hinzustellen und den Leuten zu erzählen, es ginge ihnen so gut wie nie zuvor, wenn draußen Immobilien für junge Familien unbezahlbar werden, die Banken keinen Zins mehr zahlen und das Auslaufen des Soli der einzige Punkt ist, den man bei Rekordraubzügen des Staates als Erfolg verkünden kann. Es gibt Bierzeltreden, da hängt das Publikum an den Lippen der Volkstribunen. Hier hat jemand einen Vortrag gehalten, und man merkt am Geräuschpegel im Saal: Das war nicht genug für das Gemüt und den Ärger.

Man bedankt sich höflich für das Kommen. Aufgestanden sind sie am Ende trotzdem: Nicht für den Applaus, der bestenfalls anerkennend und alles andere als frenetisch war. Sondern für die Bayernhymne, die sie dann wirklich alle gesungen haben, im Zelt neben dem sterbenden Kloster auf einer eisig gefrorenen Wiese unter einem rabenschwarzen Nachthimmel, von dem Milliarden Sterne durch die kalte Bergluft auf das Land schauen. Drinnen war es laut, aber der Berichterstatter musste schnell zu seinem Auto, und nach ein paar Schritten war der Ausklang der Hymne schon fast nicht mehr zu hören. Ich glaube, die meisten hatten sich den Söder als politischen Rammbock gegen Berlin und Merkel vorgestellt: Da kam so gut wie nichts. Das hier ist das Kernland der CSU, aber auch der Freien Wähler und inzwischen sogar der AfD, und wer hier die Massen nicht erreicht, wird es im Rest des Landes trotz einer ruinierten SPD nicht leicht haben. Der Funke sprang nicht über, egal wie die Fans “El Marco” riefen. Vielleicht wählen sie ihn, und vielleicht reicht es, weil er auch jüngere Politiker_Innen berufen hat, und bei den Frauen in der Stadt besser ankommt.

Aber ich weiß noch, wie es früher einmal war, und ob die CSU noch zwischen dem empfundenen Realsozialismus der Groko und dem Zorn daheim vermitteln kann – das kann ich nicht sagen. Es kamen mir auf dem Heimweg am Zelt vorbei noch viele Leute entgegen, die schnell wieder gingen. Wenn die Leute nachher im Bierzelt nicht mehr zusammen hocken, ist es ein ganz schlechtes Zeichen.

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Kulturelle Identität vor dem moralischen Sperrbezirk

Hey Baby Baby Baby I glaub Dei Muada woass ned wos ia oanzige Dochda grod machd
Spider Murphy Gang

Er ist am Ende. Er ist am Tisch in sich zusammengefallen, und verbirgt sein Gesicht zwischen seinen Armen. Der Lärm, das laute Reden von Tausenden um ihn herum dringt nicht mehr zu ihm. Aber niemand stirbt hier allein, und deshalb setzt sich nach einer Stunde ein anderer zu ihm: Ebenso jung, ebenso rotgesichtig, die Droge macht sein Blut heiß, und er schaut den Verlorenen eine Weile an. Dann erdröhnt der 1982er Hit “Hallo Klaus” von Nickerbocker & Biene, und der Dazugekommene beginnt, den Fertigen zu schlagen. Er schlägt ihn im Takt mit den flachen Händen ins Gesicht, und um sie herum singen alle:

I wui nua – Schlag von rechts – zruck zu Dir – Schlag von links
I wui nua – Schlag von rechts – zruck zu Dir – Schlag von links
Konnst Du mia – Schlag von rechts – no omoi vazeihn – Schlag von links
I hob vui – Schlag von rechts – vui zu bereihn – Schlag von links

Die Schläge prasseln also auf das rote Gesicht des Fertigen ein, und nach einer Weile macht er auch die Augen einen Spalt weit auf. Er schaut regungslos in das rote, fleischige Gesicht seines Gegenübers, der ihn anlächelt und anspricht, und ihm jedes Mal, wenn er wieder die Augen zu schliessen droht – I wui nua – Schlag von rechts – zuck zu Dir – Schlag von links – wieder ins Gesicht haut. Irgendwann bleiben die Augen offen, und die Hand des Geschlagenen tastet sich am Tisch entlang, bis sie einen Halt findet. Sie findet den Halt im Henkel des riesigen, halbvollen Bierkrugs aus Glas, der noch auf dem Tisch steht. An ihm richtet sich der Geschlagene auf, und lallt den Schläger an, es gehe schon wieder und dann bricht die Hölle los, die Hammondorgel kreischt los und alle anderen singen, was hier jeder kennt: In München steht ein Hofbräuhaus, doch Freudenhäuser müssen raus, damit in dieser schönen Stadt das Laster keine Chance hat…

Der Fertige, der Schläger, die Männer in ihren uniformen Strickjacken und Lederhosen, die grünen Hüte auf dem Kopf und die Mädchen mit den sorgsam geflochtenen Haaren und dem Glühen im Gesicht von der ungewohnten Menge des Josefibocks, sie alle waren nicht dabei, als das Lied 1981 von den Radiosendern in Bayern wegen Obszönität boykottiert wurde. Sie waren noch lang nicht geboren, als wir Skandal im Sperrbezirk auf Kassetten in der Schule tauschten. Bei uns sackte auch niemand bei den Festen in Tracht und mit grünem Hut auf dem Kopf zusammen. Bei uns sang man das in einem Austragshaus im Donaumoos unter niedrigen Decken, gewärmt von einem altem Kohlenofen und beim erfolglosen Versuch, den Korken irgendwie in die Weinflasche zu bugsieren, weil er sich der Entfernung mittels einer Gabel widersetzte. Hätte ein eingeschlafener Erzengel mit seiner rauchenden Zigarette ein Loch ins Raum-Zeit-Kontinuum gebrannt, und mein heutiges Ich würde wieder das Austragshaus betreten, und meinen damaligen Freunden erzählen, dass ihre Kinder dereinst genau das Verbotene singen würden, was wir hier sangen und was in der Schule konfisziert wurde, aber eben in einem Festzelt zum kirchlichen Feiertag des heiligen Josefs und zwar aus tausend Kehlen, mit Musik von einer Trachtenkapelle, damals noch die Heimat stockkonservativster Einstellungen, und alle, wirklich alle in 100% Tracht singen das – das hätte keiner geglaubt. Es ist aber so gekommen.

Wahrscheinlich haben wir – zivilisationstechnisch gesehen – gesiegt und den Laden auch übernommen, ohne das wirklich zu wollen, jedenfalls, sie spielen unser Lied und sie können es nach über 30 Jahren alle auswendig. Nur tragen sie hier nicht das, was wir damals getragen haben, sie singen unsere Lieder und kleiden sich wie unsere Grossväter. Meine Mutter erzählt, dass es Mitte der 60er Jahre in Bayern noch vollkommen normal waren, wenn Lehrerinnen im Unterricht ein Dirndl trugen. Feministinnen erzählen, dass des eine schlimme Zeit war und damals Männer ihren Frauen noch das Arbeiten verbieten können. Tausend Kehlen aus Trachten erzählen mir, die Lungen unter herausgepressten, jungen Brüsten schreien mich an, dass die Rosi ein Telefon hat und sie ihre Nummer haben, und unter 32 16 8 herrsche Konjunktur die ganze Nacht. Der Geschlagene hält sich am Masskrug fest und versucht, seine Umgebung durch die Alkoholschwaden in Blut zu begreifen. Ich halte mich wie damals am Apfelschorle fest und treibe haltlos durch die Nebelschwaden meiner Erinnerung. Damals gab es bei der Jugend kein Gefühl für das Josefifest, das wurde zu unserer Zeit abgeschafft, und erst in den letzten Jahrzehnten wieder erfunden und, wie man sieht, okkupiert. Es ist nicht das Alte. Es ist – erklärungsbedürftig.

Am nächsten Tag stehe ich stocknüchtern in zwei Schlangen. Zuerst einmal in einer Schlange vor dem Neureuther Saal in Gmund, weil um 10.30 Uhr der Trachtenmarkt beginnt. Eine Stunde später stehe ich in einer zweiten Schlange, die sich vom Eingang bis zum Ausgang des Saales und zur Kasse erstreckt. Vor, hinter und neben mir sind viele junge Leute, manche von hier und manche aus München, zwei Drittel Frauen, und sie alle haben gerafft und geplündert und gedrängelt und schamlos zugegriffen, so wie ich auch. Deshalb ist man hier, und wer nicht schnell zugreift, sieht das erhoffte Dirndl an einer anderen Frau. Die besseren Sachen sind ganz schnell weg, die anderen, die später kommen, finden halt kein absolut ungetragenes Schneiderdirndl für 100 Euro mehr, schwarz mit rotem Samtbesatz, wie es die junge Frau vor mir gekauft hat. Die ist zwar nicht von hier, wird darin aber sicher blendend aussehen, und dann nimmt sie noch zwei Hüte, einen für sich und einen für einen Freund. So verbreitet sich das aus den Tälern zwischen den Bergen hinein in die urbanen Räume.

Es gibt in den Medien gewissen Beiträge, die deutlich abweichende, rechte und identitäre Meinungen mit einer Eiterblase vergleichen, an denen der Betrachter im übertragenen Sinne fasziniert und angeekelt herumdrückt. Vermutlich würden solche Autoren Festzelte und Räume, von denen diese seltsame, ethnisch begründete Uniformierung anhand der Geschlechtergrenzen hinaus in die Städte gelangt, auch als Krankheitsherde betrachten. Man geht gegen Seehofer vor, weil der sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, und es mag tatsächlich etwas überheblich sein, das als Angehöriger eines Stammes zu sagen, der selbst das Land vor 1500 Jahren von den Römern übernahm, die auch nicht dachten, dass die Männer aus Böhmen zur Provinz Raetia gehören. Aber der Islam ist nun mal mit der Übernahme zweimal in den letzten Jahrhunderten vor Wien gescheitert, und jetzt ist es hier halt so, wie es ist, und die ein oder andere nüchterne junge Frau, die hier im Saal einkauft, wird nachher vor dem Spiegel überprüfen, dass es möglichst viel Brust aus dem Mieder drückt, und später mit dem schweren Masskrug in der Hand singen: Und wenn dich deine Frau nicht liebt, wie gut dass es die Rosi gibt! Das gehört sicher nicht zur Scharia.

Die Haltung eines Ministers zum Islam, Tellkamps Einstellung zur Migration, bis hin zum  verlorenen Häuflein von Pegida in München, gegen das Tausende auf dem Marienplatz ansingen, das sind die leichten Übungen der Kulturdebatten über die Bedeutung der Identität in Deutschland. Da wird etwas greifbar, da stellen sich manche offen hin und bieten sich für den Gegenschlag an, da ist man sich auch weitgehend einer Meinung und erklärt, welche Sichtweise besser, ehrlicher und wünschenswerter wäre: Bestrafe einen, erziehe hundert. Die Grenze des Sagbaren wird von wenigen erweitert, das wird stets aufs Neue beklagt, und viele hätten die Grenze gern enger – wir kennen das noch gut aus dem Radioboykott gegen “Skandal im Sperrbezirk”, da wollte man das öffentlich Sagbare über die Doppelmoral dieser schönen Stadt München auch eng halten. Denn nur weil es Meinungsfreiheit gibt, muss noch lange nicht alles sagbar sein, dachten die Chefs der Sender damals. Darunter brodelte aber schon 1982 das hedonistische Aufbegehren der Jüngeren. Jetzt wird die neue kulturelle Identität meiner Heimat im Sperrbezirk der Medien wieder nicht zur Kenntnis genommen, und man zeichnet das Bild einer weltoffenen Jugend, die Dieselverbote will, Migration wünscht und global denkt. Und draußen vor der grossen Stadt, wo der Diesel entscheidet, ob man dabei ist oder nicht, entsteht etwas, das nüchtern, offen gesagt, bisweilen ziemlich erschreckend ist. Aber hier ist keiner nüchtern. Hier wird gesoffen. Und einen regierungsamtlichen Twitterchannel von no Hatespeech, der erklärt, was sagbar ist und was nicht – den gibt es hier auch nicht. Am Sonntag kommt dann der Söder vorbei, und man wird sehen, was er zum Islam sagt, und wie das hier ankommt.

Ich kenne auch die andere Seite. Ich kenne den Glauben, dass mehr Diversität die Gesellschaft besser machen soll. Das sagen mir Linke genauso wie Freunde der neoliberalen Globalisierung, und am Ende würden wir alle durch die Aufgabe von Kompetenzen und Privilegien von dieser Entwicklung dank einer besseren und reicheren Gesellschaft profitieren. Ich kenne sogar Beispiele, die das bestätigen könnten: Das berühmte bayerische Barock wäre ohne die Einflüsse italienischer Bauleute und Künstler nicht denkbar, und der heutige Spargel aus der Donauebene wird von Polen gestochen, deren Vorfahren schon die Polka in die Volksmusik der Bayern getragen haben. Ich sehe nur in er aktuellen Debatte, die in der eigenen Zivilisation so viel Schlechtes, Falsches und Überkommenes sieht, das alles bis aufs Messer bekämpft werden muss, zur Not auch in Komplizenschaft mit Linksextremisten, einfach kein Angebot an diese Welt hier draußen. Da ist einfach nichts, was hier gefallen könnte, da wird keine Kirchendecke ausgemalt und da wird nicht zusammen musiziert. Die Rolle, die in dieser Theorie bleibt, ist die des Zahlens und des Mundhaltens und des Schämens ob der eigenen Identität, die im schlechtesten Fall eben so aussieht, dass der eine Besoffene vom anderen so lange gewatscht wird, bis er mit glasigem Blick aufwacht und gleich wieder nach dem Bier greift. Aber über uns hängt ein Plakat und darauf steht:

Wer unbedingt den Islam zu Deutschland gehören lassen will, muss sich auch die Frage stellen, was dieses gemeinsame Deutschland eigentlich ist. Und wenn das hier ein Teil Deutschlands ist, muss man diese Sichtweise hier auch, sogar hier, auch wenn es weh tut und schwierig ist, so erklären, dass es akzeptiert wird. Ich fürchte, das wird allenfalls gehen, wenn man erst um Verzeihen bittet, für das, was in den letzten Jahren so alles über Eiter und Dunkelheit und Wahn gesagt wurde, und dazu ist man auf der anderen Seite sicher noch nicht bereit, egal wie oft man sie behutsam und nachsichtig auf die linke und linkslinke Wange schlägt. Momentan läuft es in der öffentlichen Debatte eher so, dass man Migration und Islam drinnen und das hier draußen haben will. Sperrbezirkspolitik. Wir Älteren kennen das noch von Gauweiler.

Aber wir kennen halt auch die Nummer von der Rosi. Und am Korken vorbei sind wir damals auch an den Wein gekommen, weil wir der widerborstigen Flasche irgendwann kurzerhand den Hals abgeschlagen haben.

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Privilegienkritik als sozialer Fehltritt

Alles, was ist, wie groß und gut es sei, besteht seine Zeit, erfüllt seine Zwecke und geht vorüber.
Franz von Assisi

Dafür, dass wir alle in einer Klassengesellschaft leben, wird erstaunlich wenig über die Klassengrenzen gesprochen. Meines Erachtens liegt das daran, dass sich viele mit Klassen gut eingerichtet und keine Lust haben, an diesen Grenzen zu rütteln; es könnte ja sein, dass sie dann einstürzen und Leute darüber klettern, denen man so gar nicht vorgestellt werden möchte. Das Nachlassen der früher immens wichtigen Debatte – damals ging es mehr um das Erhöhen solcher Grenzen – mag auch mit dem Netz zu tun haben, in dem jeder problemlos jeden Anspruch und jede Forderung formulieren kann. Das ist ein Ventil vor dem Marsch auf die neuen Bastilles der Postmoderne, da findet man Gleichgesinnte, die genauso träge und unfähig sind, und ohne Hosen vor dem Rechner sitzen, dort hat man einen Lotusessertraum von einer besseren Welt, in der jeder findet, dass man auf der richtigen Seite ist und die richtigen Ansprüche vertritt. Kurz, es ist so wie bei einem Kaffeekränzchen in besserer Wohnlage auf den Tegernsee, nur schlechter angezogen und in chancenlos und gemieteten Wohnungen. Gestern etwa schwappte das hier an mir vorbei.

Die Frau, die das formuliert, ist Presse- und Öffentlichkeitsreferentin eines mir bis dato vollkommen unbekannten Vereins namens Damigra, der als Förderer vier Finanzierungstöpfe der Bundesregierung nennt: Die Ministerien für Inneres und Familie, das Projekt MUT der Integrationsbeauftragten sowie die Aktion “Demokratie leben”. Wenn das nicht privilegiert ist! Ich war zu faul nachzuschauen, wie viel Geld Damigra für die Vernetzung von Migrantinnenorganisationen und Pressearbeit bekommt, und es ist in diesem Kontext hier auch nicht wichtig. Es geht mir auch gar nicht darum, welche ablehnenden Sichtweisen gegen Männer und Heterosexualität heutzutage bequem verbreitet werden können, weil der Transfer von öffentlichen Geldern solchen Institutionen und ihren Mitarbeitern eine privilegierte Stellung schaffen – ich kenne nur ein paar heterosexuelle Männer am Band bei der Audi, die mit ihren Steuern solche Eskapaden finanzieren. Die hätten zwischen dem Anschweissen von Kotflügeln oder dem Einbau von Klimaanlagen sicher nicht die Zeit, bei Twitter gegenüber Frau Schick eine abweichende Sicht der Dinge zu formulieren, etwa, wie es ist, bei einer Sonntagsschicht Maschinen zu reinigen und aus der kalten, seifigen Kühlflüssigkeit stundenlang scharfkantige Fräsabfälle zu schöpfen.

Ich könnte auch mal meine weissen, heterosexuellen Bauarbeiter im Hinterhaus fragen, was denn ihre Privilegien so beim Verputzen meiner Wände sind, aber vermutlich denkt Frau Schick gar nicht so weit, und dafür bin ich ihr sogar dankbar. Weil, wissen Sie, wenn wir über Klassen reden, müssen wir natürlich nicht nur über Klassengrenzen reden, was heute gar nicht mehr so einfach ist: Der von mir verehrte Gustav Meyrink zum Beispiel sprach einmal bei Unterschichten vom “instinktiven Hass des krummbeinigen Dorfköters auf den hochgezogenen Rassehund”. Das war ziemlich böse treffend und man muss davon ausgehen, dass kein Lektor einem Autor so etwas heute noch durchgehen lassen würde, wollte er nicht die feuilletonistisches Verdammung des Hochverrats-Scherbengericht bei dessen Jahrestagung auf der Buchmesse Leipzig riskieren. Sie sehen ja, auch ich klaue dieses formidable Zitat nicht, ich setze es in Anführungszeichen, und Meyrink ist tot, den kann kein irdischer Tellkamp-Mo… wo war ich? Ach so, richtig, also die Klassengrenzen, ja, das ist ein unangenehmes Thema, und Frau Schick lenkt den Blick zum Glück und zutreffend auf den Aspekt des Klassenbewusstseins.

Denn als Aussenvorstehende, die ihre Reputation aus den Zuwendungen des Staates ableiten kann, erkennt sie natürlich, dass es drinnen ganz anders läuft. Das Ausfüllen von Förderungsanträgen ist Menschen von Stand ein Graus, nicht zu Unrecht geht man davon aus, dass der Staat schon selbst weiß, was seine verdammte Pflicht und Bringschuld ist. Die gleiche Regierung, die Frau Schick und darüber hinaus zum Glück auch unsere Opernhäuser fördert, hat schließlich in den letzten Jahren durchaus freundlich die Banken gestützt, die Wirtschaft entlastet und die HartzIV-Repression knallhart durchgezogen. Im Ergebnis sind die Aktiendepots und Geldanlagen der Reichen heute wieder werthaltig, kaum jemand spricht mehr über die Risiken des europäischen Peso, und die, die das Risiko genau kennen, investierten in der Folge in Immobilien, die dank einer wirkungslosen Mietpreisbremse auch langfristig gut zu refinanzieren sind. So von oben betrachtet kann man sich zwar durchaus über Stilfragen der staatlichen Leistungen und des Kabinetts beschweren. Aber Sie lesen es ja selbst immer wieder, die Schere zwischen Arm und Reich geht auf und meine Wohnung am Tegernsee, die vor zehn Jahren eine schwer verkäufliche Erbsache war, ist heute eine hochbegehrte Investition, obwohl es immer noch die gleiche Wohnung ist. Vermögensberater, die mir vor 10 Jahren abrieten, loben heute meine Weitsicht und locken mit günstigen Krediten. So ist das.

Ich fordere das nicht. Ich gehe nicht zur Bank und bitte darum. Das wird mir angetragen. Und es ist nun mal ein Kennzeichen der besseren Kreise, dass sich viele bemüßigt fühlen, einem etwas anzutragen. Die eine Klasse bekommt Prospekte von Aldi, wir am Tegernsee bekommen auf dickem Karton gedruckte Einladungen zu Lesungen, die von einem 5-Gänge-Menü begleitet werden, auf Wunsch auch vegan, und man würde sich sehr freuen, uns begrüssen zu dürfen – demnächst kommt Axel Hacke vorbei, naja. Ich habe das nicht erfunden, ich bräuchte es nicht, es ist einfach der Umgang, den man hier so pflegt, und wie es halt so ist mit Privilegien: Man gewöhnt sich daran. Vielleicht nimmt man sie nicht wahr, vielleicht geht man nicht hin, aber es ist ein nettes Gefühl, dass man diese Optionen hat und, so man darauf eingeht, auch entsprechend willkommen geheißen wird. Es ist nicht so, wie Frau Schick denkt, dass ich auf die Barrikaden ginge, wenn das Anspruchsdenken nicht bedient wird. Ich gehe dann eben woanders hin. Und zwar ohne jede offensichtliche Gemütsregung. Man bekommt das als Kind eingebläut, dieses Selbstverständnis, dass man schlechte Behandlung nicht praktizieren sollte – und es umgekehrt auch selbst nicht nötig habe, das zu erdulden.

Das ist übrigens mindestens geschlechtsunabhängig, wie jeder weiß, der einmal Geschäfte in der Maximiliansstrasse besucht oder das Wellnessprogramm gehobener Hotels erlebt hat. Ich sage das ganz ehrlich, mich kann man mit dem Getue scheuchen, ich brauche keinen Wassersommelier und keine original indischen Yogalehrer, und meine Fingernägel an den Pranken sind die eines Bergsteigers und Radmechanikers. Aber ich lebe stoisch damit, dass andere die Umsorgung wollen. Nicht nur, weil sie es können. Sondern auch, weil sie finden, es müsse so sein. Diese Haltung weit oben in einem der reichsten Länder der Erde während der reichsten Zeit der Weltgeschichte mag überheblich sein – das hört halt nur niemand besonders gerne. Intern verkneift man sich daran jede Kritik, die Armen sind schließlich auch nicht mehr das, was sie mal waren. Ein neuer Franz von Assisi könnte wohl auch nicht mehr auf eine kirchlich verordnete Dankbarkeit verlassen, sondern nur auf einen Chor staatlich finanzierter Antidiskriminierungsbeauftragter, der findet, dass der Verzicht ja wohl das Mindeste ist und die Verantwortung für den Kolonialismus noch immer nicht erkannt wurde.

Es gibt da draußen so viele, die kein Verständnis für das Selbstbewusstsein haben, und weil dabei auch immer viele sind, die die angemessenen Manieren vermissen lassen – wie gesagt, man wird auf Twitter einfach so belästigt, versuchen Sie das mal in besseren Kreisen, da sind Sie sofort unten durch – schottet man sich ab und meidet Räume mit Leuten, die einen nicht verstehen und auch keine Dienstleistung erbringen. Der Staat ist zur Gleichbehandlung verpflichtet, die Bürger sind es, auch wenn oft ein anderer Eindruck propagiert wird, zum Glück nicht. Die einen regen sich auf und zahlen nachher trotzdem Miete. Die anderen haben einen Immobilienfonds im Portfolio und passen bei der Partnerwahl genau auf, dass sie so etwas nicht in der Ehe erleben. Und wenn sie es nicht aufpassen, tun es ihre Mütter. Ich verstehe durchaus, warum das akademische Proletariat so einen Hass auf die Familie und das Ehegattensplitting hat: Die Familie ist nicht nur der Kern der Gesellschaft, sondern auch das Fundament der Klassen. Mütter erziehen Kinder anders als Kitas. Und dass diese Erkenntnis selbst in Zeiten von Kitas nicht ausgestorben ist, zeigt die Suche junger Eltern nach möglichst guten Kindergärten und Schulen: Selbst im Niedergang bleibt der Wunsch vorhanden, unter sich zu sein, und etwas Besonderes geboten zu bekommen.

Darüber kann man sich natürlich beschweren, zumal es wirklich nicht unbedingt ein schöner Zug ist, speziell, wenn der elitäre Gestus in Kombination mit einer Haltung daher kommt, als sei der Privilegierte trotzdem der heilige Franz von Assisi, weil die Wachteleier auf dem Pausenbrot aus glücklichen französischen Wachteln plumpsen und die Meersalzbutter von freilaufenden Rindern der Normandie stammt. Ganz ehrlich, so etwas macht man wirklich besser unter sich auf dem Land, und nicht in gentrifizierten Vierteln grosser Städte mit einem hohen Anteil an staatlich bezahlten Berufsdiskriminierten, die elitäre Doppelmoral für schlechter als die einfache Moral der Gleichstellung halten. Die Beschwerde mag legitim sein und begründet, sie mag darin eine Verderbnis erkennen und würde sie uns besser kennen, würde sie noch viel mehr Schlechtes finden. Einfach, weil man sich bestens mit der Ungerechtigkeit arrangiert hat, und auch damit, darin nicht gestört zu werden. Man lässt sich da gegenseitig den Freiraum und regt sich allenfalls über die wirklich grossen Verbrechen auf: Erbschleicherei, Vermögenssteuer, Windräder an der falschen Stelle und Verschwendung, die exakt dort beginnt, wo die eigenen elementaren Bedürfnisse vom Wochenende in Siena bis zur Hautcreme mit dem Preis gediegenen Silbers enden. So schafft man es, zu leben, wie man es eben kennt, ohne sich dafür dumme Bemerkungen anhören zu müssen, von denen man leider ausgehen muss, dass es sie jenseits der Klassengrenzen vermutlich auch öfters gibt.

Dazu hätte ich übrigens auch keine Bestätigung gebraucht, man merkt das hier im Netz leider immer wieder, und verlernt im Laufe der Jahre solche Flausen wie “man kann doch einmal ganz offen darüber reden”. Darüber spricht man einfach nicht, wenn man seine Ruhe will.

15. Mrz. 2018
von Don Alphonso
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12. Mrz. 2018
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Das richtige Gefühl für Heimat siegt

Sie waren zufrieden mit sich. Ihr Wahlspruch war: Bauen, brauen, sauen.
Lion Feuchtwanger

Früher war das mit den freien, gleichen und demokratischen Wahlen in Bayern ganz einfach: Es gewann die Partei, die man in Deutschland kaum mit Freiheit, Gleichheit und Demokratie in Verbindung bringt. Manche sagen ja, die CSU sei die letzte Volkspartei, aber ich denke, sie ist nach dem Ende der SED die letzte Staatspartei gewesen. Und wenn man wie ich immer die anderen wählte, hatte das erstens keine Bedeutung, weil die CSU eh machte, was sie wollte, und zweitens konnte man sagen, wenn die CSU mal wieder einen Skandal verursachte: Ich habe sie nicht gewählt, weil die eh machen, was sie wollen. Es war eine angenehme Art, der eigenen Verantwortung zu entgehen. Aber seit Neuestem wähle ich zwar weiterhin nicht CSU, aber dafür Wahlgewinner. Erst gestern ist mir das in Gmund wieder passiert, jetzt – nach dem grünen Landrat – schon zum zweiten Mal.

Das war überhaupt nicht zu erwarten, denn Gmund, wo auch Ilse Aigner ihr Wahlkreisbüro hat, war lange, lange Zeit fest in der Hand der CSU-Granden. Wer bei Google sucht, findet da auch einige Skandale, aber einer der Gründe für die Partei war beispielsweise der Konditor Wagner, der einen Tages durch ein Missgeschick herausfand, wer ich bin und was ich beruflich mache: Der war von meinen Texten über Gmund, der Perle am nördlichen Tegernsee, wenig begeistert, obwohl ich oft seine famosen Torten abbildete. Aber er beschwerte sich auch auf eine nettere Art als die meisten Twitternutzer und versuchte nie, mich irgendwie zu bestechen. Er meinte nur manchmal: So, was hom’Sn heid wieda gschriem? Und das war es dann auch. Dann ging der alte Wagner in Pension, weil er sich nach einem langen Arbeitsleben mit der selbst aufgebauten Konditorei jetzt auch um sein Privatleben, die Familie und etwas mehr um die Gemeinde kümmern wollte, und starb statt dessen bald am Herzinfarkt. Das war schlimm.

Vor ein paar Wochen habe ich dann auf dem Weg von Gasse zum Oberbuchberger Hof den Herrn Bürgermeister getroffen, ebenfalls von der Partei, und er grüsste mich freundlich – ich habe den starken Verdacht, dass auch er weiß, wer ich bin und was ich hier treibe, und daher scharf beobachtet, dass ich Hodalump nix Falsches nicht schreibe über unsere schöne, gemeinsame Heimat. Ich hätte eigentlich allen Grund, etwas gegen ihn zu haben, weil er auf die schlechte Idee kam, die Alm gegenüber meiner Wohnung aus dem Alpenschutzgebiet zu nehmen und zu bebauen. Natürlich braucht Gmund Wohnraum, aber nicht vor meiner Terrasse anstelle meiner Kühe. Zum Glück sah das Landratsamt die Sache genauso wie all die dort oben wohnenden nicht ganz armen Menschen, und hat die Bebauung untersagt. Das hat den Bürgermeister so geärgert, dass er im Gegenzug überlegt hat, gemeinsame Leistungen für andere Talgemeinden, die an diesem Beschluss beteiligt waren, zu reduzieren. Der Bürgermeister war hier nach inzwischen 18 hauptamtlichen Berufsjahren nicht wirklich der Typ Mensch, der mit Widerspruch gut umgehen konnte.

Ich grüsse ihn trotz des Anschlags auf meine Aussicht, weil ich auf der anderen Seite seinen brachialen Charme schätze – stellen Sie sich Don Camillos Peppone mit guter oder schlechter Laune vor, so nett kann dieser Bürgermeister sein, und seine Wutausbrüche sind fast so gut wie die von Luis de Funes. So etwas wird heute gar nicht mehr gebaut und wenn doch, gibt es sicher eine von Beraterwieseln angeregte Brüsseler Vorschrift dagegen. Er hat auch fraglos komödiantisches Talent, er ist manchmal ein Spaßvogel und seine Schreiben an seine Untertanen im Gemeindeboten zeigen deutlich, dass er auch um seine Außenwirkung und sein Temperament weiß. Er war einer, der siegen wollte, und das auch mit Methoden, die eher rustikaler Natur waren. Jedenfalls, im Gegensatz zu mir ist er aber auch einer, der weiß, wann es genug ist, und im Gemeindeboten schrieb er zum Schluss nach einer abgeschmetterten Anzeige gegen ihn noch einmal auf, warum ihn das so ärgert:

Bevor er dann das tat, was jeder gute Demokrat tut: Platz für eine neuen CSU-Kandidaten machen, dem dann vom Volke per Wahl gehuldigt wird. Und weil das hier eine bayerische Vorzeigeregion ist und die Demokratie auch bayerisch, war der neue Kandidat der CSU der Sohn des alten Bürgermeisters. Andernorts, wo sich lesbische Netzwerke üppig dotierte Genderprofessixstellen mit gefälligen Gutachten zuschieben, würde man sich am gentilen Prinzip vielleicht stören, aber warum sollte eine Gemeinde anders laufen als ein Bauernhof. Und außerdem könnte dann der Neue auf den mit allen Tegernseewassern gewaschenen Erfahrungsschatz des Alten zurückgreifen. Außerdem, fügten Parteianhänger hinzu, habe man es als Gemeinde natürlich leichter, wenn Bürgermeister und Staatsregierung Parteifleisch vom Parteifleische sei. Dass es überhaupt so weit gekommen ist, dass die Partei ernsthaft Werbung machen muss, liegt am Debakel um den alten CSU-Landrat: Der musste zurücktreten und – man höre und staune – ein Grüner hat gewonnen. Ein Grüner! Was den Menschen hier nicht alles einfällt. Am Ende wollen sie nicht einmal den Sohn des Alten als Bürgermeister.

Vor zwei Wochen war die erste Runde, und angetreten sind neben dem Parteikandidaten auch noch ein Roter, der mit einem für die Bundes-SPD bald formidablen Ergebnis von etwas mehr als 13% ausschied, und a gschdandns Mannsbuid von den Freien Wählern, das für das Wahlplakat noch nicht einmal den Rasierapparat bemühte und wirkte, als bewerbe es sich für den Posten eines Wilddiebbandenchefs. Der von der Partei dagegen trug die brave, rote Jacke der Bergwacht und man kann jetzt nicht sagen, dass er wirklich etwas falsch gemacht hätte: er lag nur nach der ersten Runde knapp an zweiter Stelle. Und gestern nun habe ich natürlich wieder nicht die Partei gewählt, sondern die anderen und siehe da: Der Unrasierte, der wo verhaut ausschaugt und im echten Leben im Baureferat von Miesbach arbeitet, hat gewonnen.

Warum, darüber streitet man sich hier noch, aber es mag etwas mit dem früher beliebten Biergarten von Kaltenbrunn zu tun haben, den der Schörghuber mit Hilfe der Partei zu einem Luxushotel umbauen wollte, und daher dem alten Pächter gekündigt hat. Neu und besser sollte das alles werden und internationale Gäste anziehen, die angeflogen kommen und nicht wie der hiesige Klein- und Mittelmillionär zu Fuss am Strandbad vorbei laufen. Dazu gab es in der Gemeinde fast so eine Art Bürgerkrieg, bis am Ende ein Gericht in München einen Strich durch die Hotelpläne machte. Dann starb auch der Schörghuber – es sind ziemlich viele Leute gestorben in den letzten Jahren – und der junge Käfer machte daraus einen Biergarten, wie zugezogene Münchner und Sylter sich vorstellen, dass ein Biergarten aussehen sollte. Wengadem Schmarrn dem greislign sitzen dann Leute wie ich auf der anderen Seite in Seeglas oder am Gasteig und verzichten auf das Privileg, “Tegernsee meets Sylt”-Wochen zu Sylter Preisen in diesem pardon hochgschissnen Sparifankerlbiergarten der wo eine Parodie ist, wenn man ihn mit dem alten Biergarten vergleicht.

Es sind solche – im Prinzip – Kleinigkeiten wie die Alm oder der Biergarten, die hier entscheiden. Andere müssen mit Nachverdichtung leben oder finden keinen Parkplatz, brandgefährliche Gangs betreiben Spielhöllen, Bordelle und vegane Kindergärten in der Nachbarschaft, und es passieren Elbphis und BERs und Stuttgart21. Bei uns baut man geräuschlos mit dem Geld der Staatsregierung ein Haus für Migranten und denkt daran, dort bald Einheimische unterzubringen, und reißt schnell nach dem Ende der Notunterkunft die alte Seeturnhalle weg: So muss man sie nicht sanieren und bei der nächsten Einladung aus Berlin hat man leider, leider keinen Raum, der bezogen werden könnte. Das ist vielleicht nicht nett gegenüber anderen Gemeinden, und da erkennt man, wie gewieft bei uns Lokalpolitik gemacht wird.

Aber die Alm. Und Kaltenbrunn. Und der Umstand, für den der Bürgermeister nichts kann, aber der in seiner Zeit wegen der Merkel auftrat: Nämlich, dass sich die Immobilienpreise in den letzten 10 Jahren verdreifachten und zu wenig Bauland da ist. Und die generelle Unzufriedenheit im Tal mit dem Gefühl, dass man mehr und mehr zur Kulisse in einem Tourismuskonzept verkommt. Und dass wir jetzt auch mal wieder dran sind. Und dass noch weniger Modernisierung noch besser wäre. Dass einfach wieder mehr für die ganz normalen Leute in den ganz normalen 250m²-Villen getan werden sollte. So eine Gemeinde hat schließlich auch eine soziale Verantwortung für die Bürger und ihre Bedürfnisse. Das hörte man hier immer wieder.

Und so ist es jetzt halt gekommen, und es muss auch kein Signal für den Fremdfranken Söder sein, der am kommenden Sonntag den Hiesigen beim Josefifest in Reutberg seine Aufwartung machen wird (hier wird von diesem Unterwerfungsritual berichtet). Manche sagen, dass sich alles ändern muss, damit alles bleiben kann, wie es ist, aber hier denkt man, alle anderen sollten sich besser ändern, damit es ist, wie es bleiben kann. Der unrasierte Wilddieb von den Freien Wählern war irgendwie uriger, kantiger, nicht so glatt und schon die Plakate rochen nach Testosteron: Das kommt hier nun mal an, und die Bewahrung der Heimat hat er so massiv betont, dass man woanders die Schulen geschlossen hätte, damit die Kinder gegen ihn demonstrierten. Die Staatspartei und ihr Kandidat haben trotzdem noch 47% bekommen, und müssen sich nicht gerupft fühlen. Der andere ist nicht der Sohn vom alten Bürgermeister, aber vielleicht auf seine Art ein Original wie der alte Wagner eins war. Die Siegerparteinamen ändern sich, die Vorliebe für bodenständige Charaktere bleibt.

Es muss nichts mit der Grossen Koalition in Berlin und mit Frau Merkel zu tun haben. Wirklich nicht. Es gibt viele kleine, lokale Gründe, warum die alte Macht sich nicht mehr durchsetzen kann und durch Leute bedrängt wird, die noch etwas regionaler und traditioneller sind. Erst beim zweiten Nachdenken sollte das den Bürokraten und Berlin und Brüssel vielleicht etwas Sorgen machen, aber bis dahin haben wir hier einen weiten Weg. Noch.

12. Mrz. 2018
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06. Mrz. 2018
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Feine Leute, von denen man viel erzählt

Ich brauch Krawatten, und neue Schuh
Georg Kreisler, Der Musikkritiker

Vor ein paar Wochen hatten wir einen erheblichen Abwasserleitungsschaden, und wie es so ist; Am Ende kommt man nicht umhin, den Notdienst zu rufen. Da steht man nun draußen in der Kälte und wartet mit Handwerkern auf den Pumpenwagen einer Firma, die heutigentags führend in Fragen ökologischer Entsorgung ist, und hochgestellten Persönlichkeiten und Institutionen hilft, umweltgerecht zu agieren, und zwar schon in 4. Generation. Es ist kalt im Hof, es dauert, und hier kommt nun das enzyklopädische Wissen meiner Grossmutter um die düsteren Seiten der kleinen, dummen Stadt an der Donau ins Spiel. Meine Grossmutter nämlich kannte auch Generation 1 bis 3 dieser Biodynastie noch aus der Zeit, als diese mim Leiterwagerl aus da Schleifmüi kemman is, um anderen die Kanäle auszuräumen. Alldieweil wusste sie zu berichten, dass der Firmengründer im Altstadt-Amüsierbetrieb namens BaBaLu – damals waren die Bordelle noch in der Innenstadt – in einem rückwärtigen Zimmer nicht allein zu Tode kam. Herzinfarkt. Es gibt belastendes Material über jeden, der hier etwas zu melden hat, und ich habe mir das alles gemerkt, nur falls einer von den anderen mal auf die Idee käme, die Geschichte von meinem Grossvater und dem Blasrohr – das geht Sie nämlich nichts an.

Oder habe ich Ihnen schon die Geschichte von der spätmittelalterlichen Skulptur aus dem Riemenschneiderumfeld erzählt, die jahrzehntelang jeden Sonntag nach der Hausgangreinigung mit dem nassen Schrubber abgewaschen wurde – nein? Nicht? Die Geschichte ist so grauslig und kulturfern, die kann man gar nicht laut erzählen, jedenfalls, es gibt weniger schöne Geschichten aus jedermanns Geschichte, und daran hat die schlimme erste Hälfte des 20. Jahrhunderts natürlich auch ihren Anteil. Die wirklich gute, alte Zeit, die hat es nie gegeben, die Studiertenquote war in typischen Kleinstädten minimal, und das Verständnis von Kultur nicht sonderlich ausgeprägt. Die Klaviernoten eines Vorfahren haben sich erhalten, und es ist erstaunlich viel der Sorte “Heil Dir im Siegeskranz” und “Heiteres zum Tanztee” erhalten. Der Vorfahr konnte spielen. Aber nicht gerade Schönberg oder Schostakowitsch, der am kommenden Mittwoch hier im Konzerverein erklingen wird. Der eine Clan hat es vom BaBaLu zum Bioentsorgungsmittelständler gebracht, der andere von “Geschichten aus dem Wienerwald” auf dem eigenen Piano zu Monteverdi aus dem eigenen Röhrenverstärker. Unsere Welt ist voll mit Erinnerungen über den Weg, den wir gegangen sind. Gestern zum Beispiel, da habe ich auf dem Dachboden des Restaurierungshinterhauses – früher kakerlakenbelastete Mehlkammer, demnächst unter der Hand vergebener “luxuriöser Altbau mit historischen Dielen in der Innenstadt” alte Zeitschriften gefunden:

Da berichtet Film und Frau” 1964 von der Wohnung des Berliner Filmproduzenten R. in Grunewald auf drei Etagen, in der besagter R. arbeitet, Gäste empfängt und mit seiner Frau wohnt. Auf knapp 70m². Ich schreibe das hier gerade um 3 Uhr morgens, weil mir die Vorstellung, nur 70m² Wohn- und Arbeitsraum mit einer Frau teilen zu müssen, eine schlaflose Nacht beschert hat. Und bitte, 1964 hatte der Filmproduzent noch nicht mal eine Alternativwohnsitz am Tegernsee. Wo haben diese Leute damals ihre Gemäldesammlung untergebracht? Was war das für eine Zeit, als eine Zeitschrift für den gehobenen Anspruch verschachtelte Wohnlöcher auf drei Etagen als vorbildlich anpreisen konnte? Ich habe, mich im Bett wälzend, nachgedacht: Der zweite Weltkrieg ist damals noch keine 2 Jahrzehnte vorbei, in Berlin sind immer noch Trümmerberge, gerade erst wurde der Osten eingemauert und offiziell gilt noch immer die Wohnungszwangswirtschaft: So waren eben die Zeiten. Gehobene Ansprüche drückten sich auf kleinerer Fläche als heute aus. Das ist immer so: Denkt man ein wenig nach, geht man etwas reflektiert mit der eigenen Geschichte um, sieht man, dass der Fortschritt besserer Kreise nicht gerade auf einer Rennstrecke stattgefunden hat.

Ein anderes Beispiel von 1965 ist das Buch “München wie es schreibt und isst”, herausgegeben von Georg von Hatzfeld. Niemand würde heute auf die Idee kommen, ein Risotto als etwas Besonderes zu betrachten, aber doch: Auf Seite 161 wird über das Rundfunkrestaurant Mövenpick berichtet, und über jemanden, der ein “Risotto mit Champignons, Steinpilzen, Reis Violon und Tomatenconcasse, gratiniert” bestellt – und dann die Frage aufwirft, ob er wegen dieser Wahl nicht als “Snob” dastünde. Die überbackene, kindertaugliche Reispampe ohne Trüffel von 2018 war 1965 in einem der besten Restaurants einer Metropole noch etwas, das einen überzogen extravaganten Anschein hatte. Währenddessen empfiehlt die Zeitschrift Constanze vom Dachboden im gleichen Jahr gefüllte Würste mit Kartoffelbrei. Und die nächste Ausgabe verspricht ein Loblied auf das Sauerkraut. So war das also Mitte der 60er Jahre mit den gehobenen Ansprüchen. Dazu einen guten Tropfen Moselwein, damals vermutlich noch glykolisiert. Mercedes wirbt historisch schambefreit mit technischer Kompetenz, abgeleitet aus einem 1937 entworfenen Kriegsflugzeugmotor.

Es gibt Kompromittierendes über Alle und Jeden, die eine Geschichte hinter sich her durch die Zeiten schleppen, auch ganz ohne Opa bei der Partei und der gehässigen Tante als Stasi-IM. Allein schon, weil es die wirklich guten, alten Zeiten selbst für die Vermögenden nicht in der scheinbar allgemein gültigen Form gab, in der sie heute gern imaginiert werden: Ein Jacob Burckhardt im Bücherschrank machte keinen zum Historiker, die bei der Säkularisation unter den Nagel gerissene Schnitzerei entsprach nicht der Sammelleidenschaft eines Aby Warburg, und die besseren Salons, nun, die gab es schon, aber Thema waren da wohl mehr die Hinterzimmergeschichten des BaBaLu denn die neueste Inszenierung von Max Reinhardt. Wiener Barock der Familie von 1870 galt mehr als Gelsenkirchner Barock der anderen von 1955. Und ich habe die arge Befürchtung, dass die Familiengeschichten der kleinen, dummen Stadt an der Donau die historische Realität besser repräsentieren, als jene Paradebeispiele deutscher Salontugend vom Weimarer Musenhof den bis zu den Manns, denen es nachzueifern gegolten hätte. Auch in Hatzfelds Schmöker von 1965 wird von einer Elsa von Brabant berichtet, die zu Richard Wagners Melodien als Entkleidungskünstlerin auftritt – so war das früher, als “tout München” kam.

Jetzt habe ich schon so viel über unsereins geschrieben, dass für mein eigentliches Thema kein Platz ist, aber das ist nicht so schlimm, denn es geht um andere. Nämlich Leute ohne diese zwielichtige Geschichtserfahrung. Die gibt es natürlich auch, Armut schändet nicht, aber ist ganz schlecht im Überliefern, weil, so genau wollte das ohnehin keiner wissen. Aber während sich unsereins kulturell eher seitwärts denn nach oben entwickelte, werden wir mit den Ergebnissen der sozialen Reformen der neueren Bundesrepublik konfrontiert: Personen, die vielleicht nicht unbedingt vermögend wurden, aber sich doch im erheblichen Umfang Bildung und Stil aneigneten. Wir treffen auf Akademiker, die nur aus Büchern wissen, was die kanonische Kultur ist, und den Humus, aus dem diese hohe Kultur neben viel Unkraut und Bodendeckern erwächst, gar nicht kennen. Weil das natürlich niemand aufschreibt oder gar öffentlich erzählen würde, was mein Grossvater mit dem Blasrohr angestellt hat. Diese gereinigte Form der kulturellen Bildung strebt nach Höherem und nicht ins BaBaLu. Im Reich dieses akademischen Irrtums herrschte schon immer die französische Küche und nie das Pilzrisotto mit zu viel Parmesan, dort intonierte man immer die Wesendonklieder und nicht “Wenn die Igel in der Abendstunde”, dort hob man mit Kennerblick die Hand im Auktionshaus und räumte nicht bei Pfarrern nach deren Tod schnell die Wände leer. Wie das, weil wir gerade dabei sind, die Grosseltern von der I. gemacht haben, die auch noch stolz darauf waren, aber diese Provinienz oberbayerischer Barockmalerei und der Monstranz im Herrgottswinkel würde die I. heute ganz sicher nicht lesen wollen, glaube ich.

Aber im Ergebnis kommt es dergestalt zu Momenten gegenseitiger Verwirrung. Beispielsweise übernahm ein bekannter Münchner Biokoch vor einigen Jahren ein Lokal am Tegernsee, in dem ich unabhängig vom Pächter ab und zu etwas zu tun habe. Das dort zelebrierte Ritual war in seiner Dialektik aus Wirtshaus und Luxus nicht wirklich das, was ich mir privat antun würde. Aber ich entnehme Berichten von selbsternannten Feinschmeckern aus München, dass man dort zu sein hatte, und genau diesen Mischmasch aus Regionalität und Weltoffenheit gut finden musste. Mit meiner Ablehnung von Opern mit Regietheaterinszenierung stoße ich immer wieder Leute vor den Kopf, die als erste in ihrer Familiengeschichte Karten für Bayreuth ergattern und sich überhaupt nicht erklären können, wieso ich mit dem Gärtnerplatztheater sehr zufrieden bin. Ich komme aus einer Familie, in der potenzielle Schwiegertöchter abgelehnt wurden, weil sie den Apfelstrudel nicht zu bewundern bereit waren, und kann mich nun von hochnäsigen Adabeis, zu deren Taufe Leberkässemmeln serviert wurden, belehren lassen, dass ihr angemieteter, persönlicher Ernährungscoach Zucker für hochproblematisch hält. Universalgelehrtheit ist heute nicht einmal mehr in der immer weiter wuchernden Kulturgeschichte möglich: Trotzdem kommen aus dem akademischen Betrieb Leute, die dann wenigstens im Internet aller ´Welt – fast immer anhand von Kunst, die sie selbst gar nicht besitzen – erklären wollen, wie gut sie sich auskennen, auch wenn hinter dem Fachwissen erst einmal ein reichlich banaler Griff ins Buchregal steht. Es gibt so vieles, was man wissen und kennen müsste, und es ist so unendlich leicht, diese Ansprüche an andere zu stellen. Diese “wie wir alle aus dem Briefverkehr zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger wissen”-Gelehrsamkeit ist ein wenig viel für ein Bürgertum, das in der Realität allenfalls die Briefe der Lieselotte von der Pfalz kannte, und die Briefe der Gefährlichen Liebschaften, Und es gibt diese “wenn 90% der Zuschauer in der Pause gehen, ist es gut”-Haltung, mit der momentan die Münchner Kammerspiele auffallen. und die dann prompt von kunstsinnigen Panegyrikern verteidigt werden, das sei halt jetzt so.

Vielleicht tue ich da vielen Unrecht, aber mir fällt diese Verachtung für unsere, sagen wir mal, gehobene Relativkultur besonders oft bei jenen auf, die ansonsten gern betonen, dass sie aus Arbeiterfamilien oder einfachen Verhältnissen kommen, und sich in ihre Sphären hoch gebildet haben – die reden dann auch gern von Klassismus. Oft habe ich tatsächlich nicht den Eindruck, dass diese akademische Schicht, die man in meinen Kreisen als “brotlos” bezeichnet, finanziell besonders gut geht. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Definition von neuen kulturellen Standards, die so ein gängiger Sparkassendirektor oder eine Ärztin mit normaler Arbeitszeit gar nicht erreichen kann. Und es geht um die philosophischen Normen, die nur schwer in Einklang mit den Dünkeln, weniger lichten Seiten und Unbildungen der real existierenden Bordschwahsie Bouorgewous Burscheoisi feinen Leuten zu bringen sind. Bürgerliche Tugend ist eher, den Mund zu halten aus Sorge, sich mit Unwissen bis auf die Knochen zu blamieren, und neuen Stoff für gehässige Anekdoten zu liefern. In diese Lücken der Stille stossen jene, die glauben, es gäbe beim ökonomisch verrammelten Tor zum sozialen Olymp auch noch einen intellektuellen Nebeneingang.

Ich habe da so meine Zweifel. Tradition, so fragwürdig sie auch sein mag, ist sicher nicht alles, aber man merkt schon den Unterschied des eigenen Clans zu jenen, die sich von ihrer Sippe gelöst haben, und nun ganz nach oben wollen. Dorthin, wo unsereins sicher nicht ist, wenn er, 400 Jahre Baugeschichteim Rücken, den Handwerkern in einer kalten Winternacht über ein kaputtes Rohr hinweg die Geschichten der feinsten Kreise aus weniger feinen Zeiten erzählt. Wir sind so. Die anderen sind anders. Das muss man trotz Bildung leider so sagen. Dazu gehört man erst, wenn der Urahn Geschichten geliefert hat, die am über einem verstopften Rohr erzählen kann.

06. Mrz. 2018
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28. Feb. 2018
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Kinder aus Burgen, Villen und Teppichbodenhaltung

Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.
Theodor Herzl

Man sagt gemeinhin, vor dem Tod wären alle gleich, aber ich sage, es macht schon einen Unterschied, ob man nach drei Jahren Verwesung vor dem laufenden Fernseher aufgefunden wird, oder nach dem letzten Vorhang von Don Giovanni mit gerade erst einsetzender Leichenstarre in der Loge eines Rokokotheaters. Es gibt einige schöne Tode und ganz viele, deren Natur nur mit dem Wort hässlich zu umschreiben ist, und so grundsätzlich der Umstand der Unvermeidlichkeit auch sein mag, so unterschiedlich ist die individuelle Ausgestaltung. Darin unterscheidet sich der grosse Tod nicht von seinen kleinen Ableitungen – neben Krankenhausaufenthalten als Kassenpatient fallen mir dazu der Familienseuchenherd Kita und die vielen Keime ein, die von dort aus die Keimzellen des Staates gerade reihum befallen.

Ich sage es Ihnen, wie es ist: Das grosse Rodelvergnügen mit befreundeten Familien fällt in diesem Winter nicht nur wegen der unerträglichen Kälte aus – wie Sie sehen, ist am Rodelhang gegenüber meiner bescheidenen Bleibe am Tegernsee auch am Wochenende nichts los. Das Gaudium fällt auch aus, weil die Mütter alle gerade erst langsam auf dem Weg zur Genesung sind, während die Väter wie üblich erst die Viren in die Großraumbüros trugen, bevor sie ihre Durchseuchung auch als solche begriffen haben und daheim bleiben, wo sie nun röcheln und jammern. Nur ich schreibe in Bergeseinsamkeit in der alpinen Aussenstelle fern der Klimanlagen des Todes und automatisch gesteuerter Durcherregerlüftung, und Kinder habe ich auch keine – sollte der Natur mal eine wirklich fiese Mutation ihrer Grippekrankheiten einfallen, werde fraglos ich Fortpflanzungsverweigerer zu den Überlebenden gehören, die den neuen genetischen Flaschenhals der Menschheit bilden. Man hatte das ja auch schon bei Pest, die das ein oder andere entlegene Alpental verschonte, warum sollte das beim nächsten Mal anders sein? Einen leichten Vorgeschmack bekomme ich jetzt schon dank der KiTakinder von Bekannten und Leuten, von denen ich im Netz lese, verbunden wie immer mit den üblichen Klagen, da hätten das Betreuungspersonal für den Nachwuchs eben besser aufpassen müssen

Ich schreibe Betreuungspersonal, weil ich das zumindest hier in der privilegierten Wohnlage öfters höre. Das ist mit diesen jungen Frauen zur Kinderumsorgung so unterschiedlich wie mit dem Tod, für manche sind es Betreuerinnen, weil gute KiTas Mangelware sind und man es sich nicht mit ihnen verscherzen will, und für manch andere, denen reiche Voralpengemeinden auf Wunsch alle Optionen bieten, nur das Personal: so eine Art gesunkenes und ausgelagertes Kulturgut, das früher die Haushälterin war und heute eben in Putzfrau und KiTa-Personal zerfällt. Das mag arrogant klingen und ist vielleicht auch etwas überheblich aber erstens, wer ist das nicht und zweitens, die Schuld tragen unsere KiTas selbst.

Denn die KiTas wissen durchaus, dass sie gesellschaftlich bestenfalls zweite Wahl sind, was allein schon durch ihre Herkunft aus Ostdeutschland begründet ist. Das Ideal ist bei uns ist – wir sind hier schließlich in der besten aller möglichen Welten – dass der Mann das Geld nach Hause bringt und die Frau sich um die Villa und die vier Pferde auf der Koppel kümmert. Sie als Leser mögen das für eine Überspitzung halten, aber diese Koppel mit den vier Pferden, die drei blonden Töchtern und einer blonden Mutter gehören, befindet tatsächlich bei uns auf dem nächsten Grundstück. Nach vorne hinaus hat man egalitär Sonne, See und Berge, nach hinten hinaus die immer noch erheblichen sozialen Unterschiede in einer Welt, die von aussen betrachtet in sich geschlossen reich wirkt. Und wie es dann nun mal so bei uns ist; Die frühere Kinderindoktrinationsanstalt aus dem Merkelteil des Landes mit ihren klassenloser Vorstellungen wird entsozialisiert und feudalisiert. Deshalb heissen KiTas in meiner Heimatregion, wenn sie besser sind, oft Villa, Burg oder Schloss. Man wundert sich fast, dass noch niemand auf die Idee kam, hier neben dem herzoglich-bayerischen Brauhaus Tegernsee, dem sogar Berliner verfallen sind, auch eine herzoglich-bayerische Kindertagesumsorgung “Prinzessin Augusta” oder “Erzherzog Anton Maria Eusebius” oder so etwas in der Art anzubieten – das ginge bei uns wie Freibier vom Fass.
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Aber auch so gibt es jetzt schon diesen halbironischen Schlag in den Feudalismus: Es mag nur eine Zwergerlburg sein, eine KiTa mag nur in einer alten Fabrikantenvilla sein, weil die halt da war und gefüllt werden musste – das passiert hier so, wie vieles andere geschieht, aus einer gewissen Unachtsamkeit heraus, die man zwangsläufig entwickelt, wenn die wahren Objekte sozialer Diskriminierung längst der Verdrängumg zum Opfer gefallen sind. Es gibt hier Orte mit vier, fünf rechtskonservativen Gemeinderatsparteien, aber keine Linke: Das Streben nach Höherem findet hier einfach keine Gegner, die sich über feudalistische und grossbürgerliche Namensgebung schon für die Unterbringung der Kleinsten empören würden.

Und wie es halt dann mit Schlössern, Burgen und Villen so ist, Sie kennen das ja: Das geht eben nur mit einer gewissen neofeudalistischen Hierarchie, die dann in Begriffen wie Betreuungspersonal zum Ausdruck kommt. Das ist immer noch netter als “Büttel” oder “Magd” oder was es da sonst noch an schönen Begriffen aus der guten, alten Zeit für das Gesinde gibt, drückt aber soziale Schichtung und Dominanz adäquat aus: Die KiTas haben angefangen, mit solchen prestigeträchtigen Anspielungen zu arbeiten. Sie müssen sich nicht wundern, wenn Eltern diese Gelegenheit mit beiden Händen ergreifen, solange es eben geht und die KiTaseuche sie nicht hinwegrafft. Man muss nehmen, was man kriegen kann, in diesem nach oben ausgerichteten, sozialen Konstrukt, in dem wir leben. Das Personal kann immerhin damit reüssieren, dass es zum Schloss- und Burggesinde am Tegernsee gehört, das ist auch schon etwas, wenn man es mit den freigehegelosen Kinderraubritterburgen mit Teppichbodenhaltung der Schadmünchner vergleicht.

Es gibt eben solche sozialpolitische Seuchenherde und solche – die einen lassen die Eltern erst um Aufnahme wimmen und dann über Grippe klagen, und die anderen lauern nur auf die Einrichtung theoretisch sozialer Einrichtungen, um sie zu befallen, zu mutieren und zum Wirtstier zu machen, das gefälligst den eigenen Ansprüchen zu dienen hat. Das ist hier der Lauf der Welt, mein Eisenwarenhändler hat auch Schilder mit der Aufschrift “Privatstrasse” oder “Privatparkplatz”, die irgendwelche findigen Geister dann bedenkenlos an öffentlichen Strassen anbringen, um sich gegen die Invasion von Wochenendmigranten zu wehren. Am Sonntag war hier Bürgermeisterwahl und ein Kandidat ist mit dem Vorschlag aufgefallen, mit der grossen, dem öffentlichen Wohle dienenden Ampel 5 Kilometer vor dem Tal doch einfach den Verkehr zu regeln: Wenn zu viele kommen, bleibt die Ampel eben länger rot und man hat im Tal länger seine Ruhe. So denkt man hier laut nach: Zugbrücke hoch, wer zu arm ist, hier zu leben, soll auch nicht kommen. Der berechtigte Aufnahmestopp der Tafel in Essen ist nichts gegen unsere Diskriminierungsvorstellungen gegenüber der ganzen einfallenden Welt, aber es regt keine uckermärkische Pastorentochter auf.

Nimmt es dann noch jemand Wunder, wenn all die Prinzen und Prinzessinnen in Burgen leben, die der Staat für sie einrichtet? Es ist natürlich nicht gaBerlnz kostenlos, aber dafür muss auch niemand Angst haben, jemand könnte mit einer von Berliner Sexualkundlern ausgearbeiteten LBGT-Broschüre erklären, wie das heute so mit frühkindlichen Transsexuellen ist, oder was man sonst heute so für geeigneten Fortbildungsstoff halten mag – die fragliche Initiative, die das mit Segen des Berliner Senats macht, nennt sich übrigens Queerformat, Format wie „Formatieren“. Bei uns ist das undenkbar: Man hat selbst schon gehobene Ansprüche, da ist wenig Platz für die steigenden Ansprüche anderer Leute. Statt dessen gibt es Rollenspiele wie “so funktioniert der Bauernhof”, was auch im Rokoko schon frühzeitig den kommenden Herren des Landes spielerisch nahe gebracht wurde. Mag die KiTa auch eine bundeseinheitliche Einrichtung sein – ihre Normierung anhand ideologischer Vorgaben im Grossen wurde dankenswerterweise vergessen, und so ist hier diejenige Einrichtung begehrt, die so wenig wie möglich an den bestehenden Zuständen dieser besten aller möglichen Welten ändert. Vielleicht muss sich wirklich alles ändern, aber der Veränderung werden bei uns dann alle Knochen im Leib gebrochen, damit alles so bleiben kann, wie es ist, und die Veränderung nichts zu melden hat.

Ich mein, es ist jetzt 100 Jahre her, dass die Monarchie die Flucht ergreifen und ins Exil gehen musste, und seit 50 Jahren wirken hier die 68er mit dem Wunsch, einen neuen, besseren Menschen zu erschaffen: Dass die besseren Kreise dennoch nicht einem Pol-Pot vorgestellt werden wollen, und nicht von hochherrschaftlichen Anspielungen und Privilegien lassen können, und dass hier schon die Formbaren im Gefühl aufwachsen, eigentlich in ein Schloss zu gehören, spricht Bände über die reale Bereitschaft, von Privilegien zu lassen. Das bleibt auch so, wenn Fernsehsender aus dem Norden mit Filmen über die Flucht aus Europa den Menschen hier eindrücklich nahelegen, jetzt gefälligst mal ihre Privilegien zu checken. Auswege aus dem vorgestrigen Denken und der Gier, etwas Besonderes sein zu wollen, gab es zuhauf. Ständig wird berichtet, wie wichtig die vergleichbaren Lebensverhältnisse seien und dass man doch bitte auch an die nächste Generation denken sollte, die gerechter und einsichtiger als ihre Eltern in die Notwendigkeiten der veränderten Zeiten sein sollten, die in der klassischen Kleinfamilie das Übel und in der Migration das Heil für das Neue Europa erkennen.

Statt dessen werden die unterfinanzierten KiTahütten des Nordens mit Kinderschlössern bekriegt. Es ist eigentlich ein Skandal, aber was soll man tun, so ist es nun mal mit den bürgerlichen Freiheiten: Ein jeder kann sie antibürgerlich verwenden, und wenn die einen dort ihre Experimentierfelder für sexuelle Identitäten finden, beharren andere auf starre Regeln und Rollenbilder wie unter dem Prinzregenten. Es kann beides geben, nur der Virus, der die Eltern befällt, der hat die immer gleiche genetische Konsistenz, als wäre es eine unvermeidliche GroKo in Berlin. Dort kann man übrigens auch nicht rodeln, weil die Eltern am Wochenende die ramponierten KiTas in Eigenleistung renovieren müssen, wenn sie denn wieder gesund geworden sind.

28. Feb. 2018
von Don Alphonso
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23. Feb. 2018
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Der Dieselkrieg der alten 68er gegen die Jugend

Man soll sich nicht selbst loben Punkt

Man soll sich nicht selbst loben Komma aber ich weiß ja nicht, wie die Leserschaft sich so durch den Tag bewegt hat – ich jedenfalls, wenn ich das anmerken darf, bin vom Haus meiner Vorfahren zum Haus meiner Eltern und zurück geradelt. Kalt war es, aber auch irgendwie schön, und ich habe den Gefahren vom schlecht geräumten Radweg bis zum Kita-Ausflug heldenhaft getrotzt.

Dann bin ich noch zum Bäcker und zur Bank und zum Radgeschäft, teils mit, teils gegen den erbärmlich kalten Ostwind, und sitze nun beim Tee mit guten 20 Kilometern in den Beinen und sage das ohne jedes Selbstlob: Das war gut, das war richtig, das fühlt sich sauber an. Ich habe auch ein wenig mitgezählt: Auf jeden radelnden Schicksalsgenossen im Kampf gegen die sibirische Kälte bemerkte ich so zwischen 20 und 50 Autos. Also jene Sprit- und Dieselsäufer, denen es demnächst vielleicht an den Kragen geht, weil die Grenzwerte von Stickoxiden überschritten werden, und irgendwelche Forscher Modelle entwickelt haben, nachdem dieses Zeug in der Luft jedes Jahr für zehntausende vorzeitige Tode verantwortlich sein soll. Man soll sich ja nicht selbst loben, aber vermutlich habe ich demzufolge für den ein oder anderen heute ein paar Lebensminuten erstrampelt – ich finde, Sie könnten ruhig etwas dankbar sein und hoffe, die Minuten kommen nur denen zugute, die ich persönlich schätze. Als geborener Elitist kommt es mir natürlich nicht nur darauf an, Gutes zu tun, sondern das Gute für die meines Erachtens Guten zu tun. Für Erdogan rollen deutsche Panzer – mit Diesel übrigens! -, ich strample lieber für nette Zeitgenossen.

Das hier ist übrigens so eine hübsche dieselfreie Strampelmaschine, auf der niemand loszieht, um Zivilisten abzuschlachten. Ein Hercules Damenrad von ungefähr 1967. Es wurde hier in meiner Heimatstadt abgegeben, und es ist in einem bemerkenswert guten, praktisch ungenutzten Zustand , was bei Alltagsrädern normalerweise selten ist. Das hier hat noch die originalen Reifen und stand vermutlich die meiste Zeit in der Garage, wo es verstaubte. Es gibt so eine bestimmte Phase, Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre, da kommt so etwas öfters zur Abgabestelle: Praktisch unbenutzte Alltagsräder, gekauft, aber nicht gefahren. Ich habe den Vorgänger dieses Rades aus den späten 50er Jahren als Herrenmodell: Es wurde lange Zeit gepflegt und gefahren, so dass es Patina trägt. Aus dieser späteren Epoche habe ich dagegen ein Göricke und ein Pärchen von Motobecane – alle diese Räder sind fast ladenneu.

Hübsche Muffen, schöner Chrom, eine Glocke mit dem italienisch klingenden Namen Anello. Wie, fragt man sich, kann es sein, dass die Besitzerin darauf nicht durch den Aufbruch der Neuen Zeit geradelt ist? Wie ist es möglich, dass sie nicht mit wehendem Rock durch die Scharen der damals immer noch üblichen, schwarzen Kriegsräder geflogen ist, und dabei, wenn schon keine Maobibel, so doch ein Bändchen von Cocteau schwenkte? Das Rad ist ein luxuriöses Modell, es ist schön bemalt und funkelt und glänzt und ist fast schon italienisch. Es könnte die Filmrequisite für die Hauptfigur einer französischen Sommerkomödie sein. Es ist viel zu hübsch, um altdeutsch zu wirken. Ich habe es ausprobiert, es fährt sich auch schön. Aber auch nur unter mir, die Besitzerin wollte nicht.

Man kann sich bei Statista anschauen,  wie sich der grosse Konkurrent zum Rad entwickelte: Das Automobil. Wissen Sie, als ich klein war, gab es in der Strasse vor meinem Haus weder eine Einbahnstraßenregelung noch ein Parkverbot – es war so wenig Verkehr in der Altstadt der damaligen 70.000-Einwohner-Stadt, dass jeder sein Auto abstellte, wo es ihm gerade passte. Beim Blick auf die Zahlen ist völlig klar, warum das so war: 1960 waren gerade einmal 4,5 Millionen Autos zugelassen, 1965 immerhin schon 9,3 Millionen, 1970 waren es dann schon 14 Millionen und 1975 trotz der Ölkrise und nachlassender Konjunktur 18 Millionen. Die Koalition aus FDP und SPD geriet in die Krise, aber 1980 waren schon 23 Millionen KfZ unterwegs, 1985 unter Kohl 25 Millionen und 1990 kurz vor der Wiedervereinigung 31 Millionen. 1995 war das Land bei 40 Millionen, 2000 waren es 42 Millionen, und seitdem sind die Zahlen relativ konstant etwas um dieses Niveau herum. Der Markt ist gesättigt, wer ein Auto will, der hat eines, und viele benutzen es. Ausschließlich.

Es ist meines Erachtens überhaupt kein Zufall, dass die Zahl der Automobile ausgerechnet mit den 68ern, der ersten Wohlstandsgeneration und gleichzeitig letzten Vollbeschäftigungsgeneration, so schnell und dauerhaft nach oben geht. Das Bild der Zeit dominieren junge Menschen in Enten, oder in mit Pril-Blumen beklebten KdF-Wagen, die die Kinder der Nazis dann lieber naturnah Käfer nannten, mit einem elenden Dreckschleuderboxermotor im Heck. Oder man kaufte sich einen Bulli und fuhr damit an einen Strand zum Kiffen. Ober man klaute einen Sportwagen und liess sich, wie Andreas Baader, dabei beobachten und festnehmen und einsperren und verurteilen. Die Erzählungen von Terroristen sind voller Autos, die Filme der Zeit machen das Auto zur Ikone: Die 68er sind die Generation, die Stalin las und nach des Führers Sternenfahrzeugmarke schielte. Nur Dutschke wurde mit dem Rad in der Hand beschossen. Der normale Provinz-68er dagegen malte das Peace-Zeichen auf Vaters 911.

Bezeichnenderweise ist der einzige Beitrag jener Zeit zur Radkultur das Bonanzarad – ein Versuch, Merkmale des Motorrades durch gefälschte Teleskopgabeln und Sitzbänke auf das Fahrrad zu übertragen. Den Kindern wurde damit verdeutlicht, dass sie bald auch ein Moped und Motorrad bekämen, und so ist es eben kein Wunder, dass so ein Damenrad schnell einmal eingemottet wurde, wenn endlich des ersehnte Auto in der Garage stand. Die 68er haben Deutschland erst zu einer Autonation gemacht, die 68er sind die Freie-Fahrt-für-freie-Bürger-Epoche geworden, und sie haben alles mitgenommen, was sie kriegen konnten. Jetzt sind sie in Rente und können aus den Städten heraus fahren, wann immer es ihen passt. Vielleicht werden sie in Zukunft auch mal warten müssen, bis die Grenzwerte für Stickoxide nach dem Berufsverkehr wieder fallen. Das sind eben so die Vorteile des Rentnerdaseins. Vom Dieselverbot betroffen sind dagegen jene, die den Generationenvertrag für sie erfüllen und noch arbeiten müssen. Und natürlich die jüngeren Leute, die sich keine Wohnung und auch kein Auto leisten können.

Wissen Sie, man hört ja oft die Klagen, dass die Alten den Jungen alle Chancen wegnehmen und verprassen, was die Jugend heran schafft. Man hört den Ärger über Bigotte, die gleichzeitig besitzen und fordern, selbst wenn Altersarmut ein evidentes Problem ist. Aber in den Köpfen ist nun mal das Bild der in Saus und Braus lebenden Rentner, die ihr Leben lang gerafft haben, und anderen nichts vergönnen. Ich sehe das alles normalerweise differenzierter, aber ich komme noch aus einer Generation, die nach dem Nachtcafe mit dem quietschgelben Fiat Uno Turbo oder dem roten Golf GTI und 200km/h um 5 Uhr Morgens von München über die Autobahn nach Hause raste. Dort stehen heute überall Verkehrsleitsysteme, die nicht mehr als 120 erlauben. Und die Alt-68er und ihre Erben, die Grünen. sagen jetzt, dass bittschön weniger individuelle Mobilität sein soll, dass die Jugend doch bitte den ÖPNV nutzen soll, der gar nicht darauf vorbereitet ist, und dass gefälligst eine dieselfreie Verkehrswende zu kommen habe. Gerade noch für Stiftungen taugliche Lebenskiffer, die besoffen den Käfer ihrer Eltern in die Tiefgarageneinfahrt einklemmten, Alkoholfahrer und Radverweigerer und Gurtmuffel, die früher jede Dreckschleuder fuhren, bis sie auseinander gefallen ist, und die heute ganz selbstverständlich mit dem Auto fahren, weil alles unter 15 Grad plus bekanntlich mörderisch ist, sagen der Jugend jetzt, dass die guten Zeiten vorbei sind. Mit Ausnahme von Joschka Fischer vielleicht, der nach dem Außenamt zu BMW wechselte.

Denn es geht um die gute Sache, und natürlich wissen alt gewordene 68er auch, dass NOx, so es denn tatsächlich Leben verkürzt, zuerst einmal die irdischen Tage der Alten beendet. Da sollen die kommenden Generationen von zwangsmobilen Menschen bitte Rücksicht nehmen, da soll der Staat Milliarden für die Umstellung einplanen, und da müssen manche halt damit leben, dass ihre Autos wertlos sind. Das fällt diesen Leuten nach 5 Jahrzehnten Vollgas und Autobahn und am Wochenende mal schnell an den Gardasee reichlich spät ein – zufällig genau dann, wenn die einen gebrechlich werden und die anderen dem Winter mit dem Flugzeug in die Karibik entkommen. 50 Jahre lang wurde das Auto unverzichtbar gemacht, in manchen Innenstädten bekommt man ohne Baumarkt auf der grünen Wiese und Auto keinen Nagel mehr – und jetzt plötzlich entdeckt man Feinstaub und Gifte in der Atemluft und möchte, dass andere verzichten und das Auto stehen lassen.

So wie man selbst vor 50 Jahren das Hercules hat stehen lassen. Dazu gibt es Kommentare und Belehrungsjournalismus und Untersuchungen, nach denen jungen Leuten, die noch nicht wissen, was Kinderhaben bedeutet, das Auto gar nicht mehr so wichtig ist. Das Vermögen in diesem Land ist verteilt, und so, wie man die Wohnkatastrophe vom Investorenloch zum Businessapartment schön schreibt, treibt man die Autoreduzierung mit dem edlen Motiv der Atemwegsschonung und des generellen Umweltschutzgedankens voran. Das lese ich zumindest in den Medien. Trotzdem ist das Hercules nun schon seit zwei Wochen im Angebot, und keine Frau konnte sich dafür erwärmen. Ich frage mich daher, ob der Trend weg vom Auto im Jahre 2018 nicht vielleicht ebenso eine in den Redaktionen gezüchtete Chimäre ist, wie es die Willkommenskultur im Jahre 2015 war. Wie Sie vielleicht wissen, habe ich neben Rädern auch noch ein Automobil, so eines flaches, breites Ding, das man öffnen kann und bei 250 km/h abgeriegelt werden muss. Ich weiß, wie mich die Mütter, die ihre Kinder von der Schule gegenüber abholen, mit diesem Auto anschauen, und ich kenne ihre Ignoranz, wenn ich mit dem Rad komme. Letztere ist in etwa so deutlich wie bei dem Hercules. Vielleicht freunden Sie sich dennoch besser mit meiner Empathie für alte Fahrräder an und kaufen welche, die Sie dann herzeigen können, und sich selbst lobend dreist lügen, sie wären damit trotz Eiseskälte 20km gefahren.

Denn meine ökototalitären NOx-dieselfeindlichen Umwelthilfenverstärkungskollegen anderer Medien werden mit Verweigerern ihrer Anweisungen sicher nicht so nett umgehen.

23. Feb. 2018
von Don Alphonso
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15. Feb. 2018
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Die Früchte des Zorns im Donaumoos

Look at the faces, listen to the bells, it’s hard to believe we need a place called hell
INXS, Devil inside

Wenn ich mit anderen über Heimat rede, ist das immer eine reichlich elitäre Angelegenheit, denn meine Wohnorte, egal ob der immens erfolgreiche Wirtschaftsraum an der Donau oder das Tegernseer Tal, sind in sich elitär. Ich argumentiere natürlich lieber mit dem Tegernseer Tal, denn es ist nicht nur eine der reichsten Regionen des Landes, sondern auch stark von einer Heimatkultur geprägt, und obendrein schön.


Sehr schön.

Atemberaubend schön.

Man muss nur so ein Bild zeigen und das Wort “Heimat” dazu schreiben, und viele finden das gut. Denn es ist schön, rein und, weil kaum Menschen zu sehen sind, unschuldig. Raunzt mich einer an, dass da unten auch Nazis wohnten, die die Natur vergötterten, raunze ich zurück, dass sie das bildungsfern angesichts eines Heiligen Berges der Deutschen Literatur sagen, auf den Thomas Mann mit Familie sich persönlich von Bauernburschen hat hoch tragen lassen.

Dann zeige ich noch ein Bild von unserem Wetter oben mit Blick auf die Nebelschwaden darunter und sage bedauernd, dass das Leben im Nebel manchen die Laune und den Blick trübt, man muss das verstehen, diese schlechte Laune. Wenn ich auf der genau anderen Seite des Landes leben würde, in Hamburg nämlich, und für die Zeit Social Media machen würde, oder von Berlin aus schriebe – dann hätte ich angesichts der dortigen Zustände auch mehr Probleme, Heimat anzuerkennen. Denen fehlt einfach einer von Thomas Manns Zauberbergen und die Landschaft, in der August Macke malte. Von der Enge einer Mietwohnung in Berlin heraus würde ich vielleicht auch schreiben, dass man den Begriff der Heimat dem rechten Rand überlassen sollte [http://www.zeit.de/kultur/2018-02/heimatministerium-heimat-rechtspopulismus-begriff-kulturgeschichte/komplettansicht]. Und wäre mein Arbeitsplatz nicht das Gipfelplateau des Wallbergs, und wären im flammenden Licht der Sonne nicht alle Gleitschirmflieger, Bergsteiger und Rodler, egal ob blond oder alt oder indisch wie jener Herr, dem ich das Bremsen auf dem Rodel erklärte, so schöne Menschen, wie es hier jeder ist, hätte ich die Industriekloake der Alster vor mir und dahinter nur noch den Wattensumpf des Eismeeres, in dessen Schlick die deutsche U-Boot-Waffe gammelt, würde ich vielleicht auch nach einem Interview zu Indianerkostümen den Deutschen raten, sich doch mal als, wörtlich, Kartoffeln zu verkleiden.

Bei der Zeit bin ich mittlerweile geneigt, bei solchen Aussagen von Vorsatz auszugehen, denn schon 2016 machte das Blatt Furore, als es in Bezug auf die deutschen Handballer mit dem Schimpfwort “Kartoffel” auf sich aufmerksam machte. Nun also bringt die Zeit im Kartoffelkontext ein Interview mit einer Dresdner Wissenschaftlerin, die im Bereich “Critical Whiteness” arbeitet und erklärt, warum gewisse Kostüme kolonialrassistisch sind und gefährliche Stereotypen reduplizieren. Es ist wenig erstaunlich, dass die Zeit nach Trans-Kindern und Regenbogenfamilien nun auch diese Strömung der Social Justice Bewegung aus den USA entdeckt, und dem Deutschen dazu noch hineindrückt, er sollte doch als Kartoffel gehen. Bis vor ein paar Jahren war das Wort in dieser beleidigenden Form lediglich in linksradikalen und antideutschen Kreisen verbreitet. Und, wenn man einer Autorin von Bento glauben kann, die früher auch schon durch unsensible Aussagen aufgefallen ist, als Schimpfwort innerhalb türkischer Kreise für Deutsche.

Kurz, während ich auf dem Berg sitze und ein schönes Bild meiner Heimat nach dem nächsten mache, wird in der Zeit unter dem Nebel Heimat als Begriff des rechten Randes umgedeutet, schon deutschen Kindern wegen ihrer Verkleidung Kolonialrassismus unterstellt, und die Mehrheitsgesellschaft im antideutschen Duktus kritisiert. Es gibt, so lese ich allenthalben, keine unschuldige Heimat, die Natur sei nur vorgeschoben, und weil es durchaus so sein mag, könnte ich nun behaupten, dass ich von meinen thomasmannesken Bergen herab gerodelt bin, dem Inder “brake! Brake!” vor einer tückischen Eisplatte zurief, und dann ins Donaumoss fuhr, um eine Antwort zu schreiben.

Das wäre leider gelogen, die Wahrheit ist, dass meine Ciabattabäckerin am letzten Samstag in Urlaub ging und ich Brot vorbestellt hatte. Also setzte ich mich am Samstag ins Auto und fuhr zum Wochenmarkt. Oder besser, ich habe es versucht, denn offensichtlich haben viele Berliner und Norddeutsche die antideutschen Kommandos nicht verstanden, und verstopften in beide Richtungen die Autobahn der heimatlichen Berge. Das ist nicht nur ein Armutszeugnis für den Erziehungsjournalismus, sondern auch der Grund, warum ich eine Stunde zu spät auf dem Wochenmarkt angekommen bin. Da blieb mir also nichts anderes übrig, als ins Donaumoos zu fahren. Nach Karlshuld, am Faschingssamstag.

So wie der Tegernsee der Inbegriff des Tourismusbayern ist – voller Kultur und Berge und Sonne und Reichtum und einem glasklaren See – ist das Donaumoos das genaue Gegenteil. Es ist ein ehemaliges,m menschenleeres Sumpfgebiet, das ab 1795 entwässert wurde. Es ist dort sehr oft immer noch oft neblig, der Boden ist schwarz und wenig fruchtbar, kilometerlang ziehen sich die Dörfer an Strassen entlang, mit kleinen, gedrungenen, alten Häusern, aus denen die Armut spricht, und wo sie auf den Abriss warten, für wenig gelungene Neubauten. Man hat im 19. Jahrhundert vor allem Menschen aus der zu Bayern gehörenden Pfalz dort angesiedelt. Sie sprachen anders, und das merkt man bei echten Leuten “de ausm Moos kumma”, immer noch: “Des is a andere Rass“, sagen wir in Bayern. “Dea kimmt ausm Moos” war früher eine abwertende Bezeichnung und bedeutete arm, fremd und ungebildet. Neben Pfälzern wurden dort auch Sträflinge und sozial schwierige Elemente angesiedelt, weshalb bei uns, in der Stadt, lange auch das Wort “Zuchtheisla” ein Synonym für Menschen aus dieser Region war. Die Entwässerung des Donaumooses war vor allem ein Projekt der Landgewinnung für den bayerischen Staat, aber nicht für die neuen Bürger: Meine Heimatstadt war damals Landesfestung, und die Dörfer, die südlich davon angelegt wurden, waren mitten im Schussfeld. Bei Hagau ist heute noch eine grosse, offene Batterie im Gelände erkennbar: Hätte sich der Feind hier angenährt, hätten bayerische Kanoniere ohne Zögern die Siedlungen der Pfälzer und der Armen zerschossen.

Man sagt immer “Der ersten Tod, der zweiten Not, der dritten Brot”, wenn es um Besiedlung geht, aber im Donaumoos stimmt das nicht. Von 1795 bis nach dem 2. Weltkrieg war das hier die Armenhaus des Landes Bayern. Noch im meiner Klasse der 80er Jahre waren viele Söhne der Bauern nördlich der Donau, aber kaum jemand aus dem Moos. Die alte Abneigung der Bürger, die durch den Spruch “Über die Donau zieht man nicht” zum Ausdruck kommt, hat ihre Ursache in der Fremdheit der Kolonisten. Und natürlich ist “Kardoffe” und “Kardoffebauer” im Sinne eines unfähigen, ungebildeten und sozial fragwürdigen Landbewohners seit jeher eine schwere Beleidigung. Dass es besser wurde, dass das Moos heute mit Immobilienpreisen aufwarten kann, unter denen Hamburger winseln und Berliner nach Lichtenberg umziehen, liegt allein am Boom der großen Stadt mit ihren weltweit begehrten Autos. Langsam werden die alten, schlimmen Geschichten vergessen, die noch Teil meiner eigenen Jugend waren. Eine Generation ist das vielleicht her. Und man sollte denken, dass Menschen mit dieser Geschichte Jahrhunderte langer Diskriminierung geläutert sind , wenn sie in der türkischen Pizzeria Dolce Vita einen schnellen Imbiss nehmen, bevor sie später im Tanzlokal Octagon Discofox bei der Ü30-Party tanzen.

Wie gesagt, ich kenne die Leute hier, manche sind Freunde, und wenn ich während des Studiums von München nach Hause geradelt bin, wurde ich hier immer gastfreundlich empfangen. Ich finde das alles hier, das Leben, die Schautafeln, mit denen Geburtstage und Hochzeiten in aller Öffentlichkeit gefeiert werden, überhaupt nicht peinlich. So ist das halt hier. Man muss diese soziale Wärme aus der Geschichte verstehen: Heimat war für diese Menschen der nasskalte, schwarze Boden, das kleine, niedrige Haus, die Familie und das Dorf. Es sind 21 Kilometer in die Stadt, früher eine Tagesreise hin und zurück. Wenn hier im November wochenlang Nebel herrscht, rückt man zusammen. Diese Heimat ist nicht schön und sie ist nicht touristisch, und trotzdem sind hier die Gärten voll mit weißblauen Fahnenmasten. Man hätte die Leute vor 110 Jahren mit Feldbatterien über den Haufen geschossen, wenn der Feind durch ihre Dörfer gekommen wäre. Trotzdem hängen hier an den Feiertagen die Fahnen des Freistaates. Sie haben kein internationales Essen jenseits der Pizza, der Gasthof heisst Scharfes Eck, und ist gleichzeitig Dorfmetzger, 21 Kilometer von der Stadt entfernt.

Davor ist ein Kreisel, und als ich dort ankam, sperrte die Polizei den Weg. Am Samstag war der Pferdefaschingszug. Voran schritt die Gemeindekapelle Hohenwart in regionaler Tracht mit langen Röcken und Hosen und mit einem Trommler, der den Marschtakt vorgab.

Und dahinter kamen die Pferde und die Maschgerer, manche als Einhörner und manche, natürlich, als Indianer.

Und danach kam eine Person in Einhornkostüm und kehrte alle Pferdeäpfel gleich wieder zusammen, damit die Strasse sauber ist.

Es ist leicht, über Heimat in den Bergen zu reden und leicht, als Publizist oder Forscherin oder Social Media Mitarbeiterin im Kreise eines multikulturellen Umfelds die Auffassung zu vertreten, die Kinder hier seien auf eine dumme Art rassistisch, und statt der Fahnenstangen sollte man lieber in Kartoffelkostüme investieren. Es passiert nichts, weil die wenigsten hier zur Kenntnis nehmen, was Critical Whiteness Forscherinnen auf Basis staatlicher Transferleistungen und gefeierte Autoren über sie denken. Das Donaumoos ist keine Gegend von schönen Geschichten, ich kannte einen, der betrunken schwimmen wollte und nie am anderen Ufer ankam, und das Bauernhofsterben macht den Menschen hier schwer zu schaffen. Sie haben oft mit ihren schwarzen Böden den Baugrund, mit dem sie vermögend oder sogar reich werden können, während Süsskartoffeln heute für Biokonsumenten auch garantiert aus Asien kommen sollten. Es ist nicht gerade viel Heimat hier, und beim letzten Donauhochwasser drohten viele die Existenz zu verlieren. Damals war ich auch hier. Das war alles nicht schön. Die Leute hier sagen, dass man halt vor der Flut nicht davonlaufen kann. Und generell war es eine Fehlentscheidung, das Moos zu besiedeln. Nur hat man 1795 seinen Wert als Naturraum nicht erkannt. Jetzt ist es halt die Heimat, die sie haben. Auch die Heimat dessen, was in Hamburg und Berlin als rechter Rand gilt.

Es gibt hier drei grössere Parteien, die in Fragen der Heimat rechts von jener CSU sind, bei deren linken Rändern nach allgemeiner Vorstellung spätestens der rechte Rand beginnt – ich las gerade einen Beitrag, dass jetzt sogar die Kabarettistin Lisa Fitz unter Rechtsverdacht steht. Jedenfalls, die AfD, die Freien Wähler und die separatistische Bayernpartei bekamen hier zusammen 25% der Zweitstimmen. Jedem 4. ist die CSU nicht hart rechts genug.

Die bevorzugten Parteien üblicher Journalisten sind SPD, Grüne und Linke. Die haben in Karlshuld zusammen gerade einmal 20%.

Natürlich wird viel über ein Ministerium gespottet, das sich Heimatministerium nennt und eigentlich vom Zuschnitt her, nüchtern betrachtet, ein Ministerium für Infrastruktur und ländliche Raumentwicklung ist. Wenn jeder 4. Rechts von der CSU wählt, ist das ein deutliches Zeichen der Unzufriedenheit und der Meinung, dass diese Heimat hier jetzt auch einmal an der Reihe sei, dass die Sparkasse gefälligst ihre Filiale behalte und die nächste Poststelle nicht 10km entfernt in einem Supermarkt ist. Der in meinen Berufskreisen so vielgeforderte Breitbandausbau ist hier kein Problem, die Frage ist hier -und noch verschärft im Osten des Landes – inwieweit die Lebensqualität noch verschlechtert wird, während der Staat drüben im Oberstimm für viel Geld für neue Sicherheitskräfte für das Transitlager ausgibt. Man kann das alles ignorieren und lächerlich machen, die Leute als Kartoffeln beschimpfen und als Rassisten und als rechten Rand. Was juckt einen in Berlin schon der Milchpreis, was bedeutet in Hamburg der Hochwasserschutz an der Donau, wenn schon Indianerinnen auf Pferden und die positive Aufladung als Heimat andere zum rechten Rand machen. Zum Feind. Zu Kartoffeln halt. Wenn sie sagen, der Staat und die Medien müssen gegen Rechts aktiv werden, dann meinen sie das hier.

Natürlich geht die Zeit hier nicht ins Scharfe Eck und erklärt bei Bier und Weisswürsten, warum man rechter Rand ist und gefälligst andere Kostüme tragen sollte. Hier bei uns, auf beiden Seiten der Donau, kommt die AfD und legt Listen zur Abschaffung des “Staatsfunks” aus, die Leute kommen gern, und niemand steht davor und demonstriert. Der rechte Rand ist hier längst die Mehrheit.

Die alte Feldbatterie bei Hagau dagegen ist überwachsen, dahinter ist ein Baggersee vom Kiesabbau, und daneben liegt Daddy’s Boazn, wo man sich nach dem Eisstockschiessen aufwärmen kann. Niemand würde die Dörfer hier heute noch mit Kruppgeschützen beschießen, aber die Verachtung, die Abwertung, die als richtig betrachtete Ausgrenzung, die Achtlosigkeit und die Herabwürdigung zum Kartoffel, die gibt es heute noch. Wer den Aufstieg der Rechten in breiten Schichten sehen will, ein Aufstieg, der die Linken zum bedeutungslosen Rand verkommen lässt wird hier bei uns fündig. Wer die Ursachen finden will, sollte auch nach Hamburg und Berlin fahren.

15. Feb. 2018
von Don Alphonso
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10. Feb. 2018
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Her mit den leicht bekleideten Romanen

Sie schaut her, und ich schau hin – Schwupps! – Heidi, nun bin ich drin!
Demetrius Schrutz

Ich bin – eigentlich – der ideale Kunde für Verlage. Und wenn mein wohlgesonnenes Auge auf dem stetig wachsenden Bücherstapel am Sofa ruht, verzeichnen mich die deutschen Verlage sicher auf der Seite der wirklich guten Kunden. Immer noch. Der Buchmarkt lebt, ähnlich wie Konzertveranstalter, von Menschen wie mir. Von einem kleinen Teil der Bevölkerung, der Zeit und Geld hat und wirklich gern liest. Von denen, die wirklich noch in kleine Buchgeschäfte gehen. Wenn ich in Bad Tölz bin, zum Beispiel, gibt es eine hübsche kleine Buchhandlung. Da gehe ich praktisch immer hinein und kaufe ein Buch. Da gibt es, wie in der dummen, kleinen Stadt an der Donau oder in Wasserburg, einen Buchhändler, der selbst liest und mir zutreffend sagen kann, was mir gefallen könnte.

Manchmal lese ich auch den Waschzettel und sage mir: Das probieren wir mal. Das sind dann meistens die Rohrkrepierer, bei denen ich nach 50 Seiten den Eindruck habe, man müsste mir die Innenwände meines Gehirns mit Kernseife ausschrubben. Natürlich mag man das unter denen, die nicht nur aus Freude lesen, anders sehen, aber einmal lieh sich meine Mutter am Tegernsee ein Werk eines eher akademischen, deutschen Nachwuchsautors aus und rief mich an, nur um mir mitzuteilen, dass das Buch ganz schrecklich sei und sie nicht gedenke, da auch nur einen einzigen weiteren Absatz zu lesen. Manchmal kaufe ich Bücher, weil ich mir sage: Es mag sein, dass es mir beim ersten Anschein nicht gefällt, aber man muss alles mal probiert haben. Dadurch kam ein in den Medien Vielgerühmter mit beachtlicher Preissiegerliste in meiner Wohnung, und ich fand ihn selbst ganz schrecklich. Früher empfand ich es als persönliche Niederlage, ein Buch nicht auszulesen, Inzwischen bin da radikal: Es gibt keinen Grund, sich von so einer Person nach einer gewissen, ernsthaften Abmühung am Text auch nur eine weitere Minute Lebenszeit vergällen zu lassen. Ich lasse mich schließlich auch nicht zwingen, Leberkäse zu essen. Im Sommer darauf griff meine Mutter ins Regal und lieh sich ein Buch von Deborah Levy aus, weil sie dachte, es könnte spannend sein. Das habe ich mir damals rein äußerlich auch gedacht, sicher irgendeine französische Poolgeschichte, und wir beide fanden es dann belastend. Da bin ich auf Cover und Waschzettel hereingefallen.

Wenn man eine weitere Wohnung bezieht, wächst eine Bibliothek der dort gekauften Bücher, und daher habe ich etwas Überblick über meine immer noch häufigen, aber seit Studentenzeiten klar abnehmenden Erwerbungen. Zwei von drei Büchern sind Monographien und Ausstellungskataloge über Kunst, denn ich gehe in kein Museum, ohne mir nicht mindestens ein Buch zu kaufen. Das ist geblieben, wie es schon immer war. Bei Belletristik könnte ich nun geschickt ablenken und Ihnen die bibliophile Ausgabe der Prínzessin Brambilla dem Verlag Artur Wolf, Wien, zeigen, und erzählen, wie ich dieses Buch im Privateinband mit Kennerblick aus einer roten Plastikkiste auf dem Flohmarkt zog. Ich könnte versonnen im weimarschen Musenhof von Wilhelm Bode blättern und sie darauf hinweisen, schauen Sie mal, dass das Buch noch 1919, ein Jahr nach der Revolution, von Mittler&Sohn, königliche (!) Hofbuchhandlung verlegt wurde, und gemütlich in eine Debatte über monarchistische Kultur in der Weimarer Republik abrutschen. Seit 1901 hatte dieses Werk damals bereits 17.000 Exemplare verkauft, und es liest sich erfrischend. Und es ist als Buch nach 100 Jahren mit seinem Dünndruckpapier der allerschlechtesten Zeit immer noch in einem famosen Zustand.

Ich lese also auch “alte Schinken”, die andere achtlos dem Wohnungsausräumern überlassen. Ich habe meine Vorlieben und gebe für eine gute Gestaltung der Bücher auch gern mehr Geld aus. Ich komme aus einem lichten Tale und singe ein Lied, das lautet “Kommet zu mir, Verleger, bringt mir Eure Güter, die jungen, heissen Feger, die delektieren die Gemüter”. Aber das Tal wird zu einer nebligen Schlucht, und während überraschenderweise der grässlich klingende Titel Krematorium von Rafael Chirbes tagelanges Lesevergnügen nahe an Gabriel Garcia Marquez lieferte, rutschte meine Stimmung bei Veronique Ovalde, Die Männer im allgemeinen gefallen mir sehr, zunehmend in den Abgrund Bei manchen schlechten Büchern lese ich hinten wenigstens nach, was aus den Figuren wurde, aber mittlerweile ist mir das mitunter egal.

Es ist nicht durchgehend so, dass “alle jungen Frauen und alle deutschen Autoren” langweilig wären, und nachdem ich Nora Gomringer persönlich erlebt habe, habe ich ihre Bücher gekauft und mit Genuss gelesen. Ich stehe nur in Buchläden vor den Regalen und merke selbst, wie spanische oder portugiesische Namen und deren Titel meine Aufmerksamkeit bekommen. Das ist nicht neu, in meiner Jugend galt zum Beispiel Jorge Amado als absolute Pflichtlektüre für jeden, der sich auf amüsante, linksliberale Art mit den Kulturen und Widersprüchen Südamerikas auseinander setzen wollte. Es kann sein, dass “Das Nachthemd und die Akademie” heute noch einen neuen Verleger fände, aber “Dona Flor und ihre zwei Ehemänner”, “Die Geheimnisse des Mulatten Pedro” und “Die Abenteuer des Kapitäns Don Vasco Moscoso“? In einem Land, in dem Mohrenapotheken wegen ihres Namens unter Druck gesetzt werden, wäre Amado einer der ersten Kandidaten für das Autodafé der Bildungsfernen. Was glauben Sie, wie oft bei Amado Frauen, gern auch mit Hinblick auf ihre teilweise afrikanische Abstammung – Amado geht damit ganz offen um – auf den Hintern… Das könnte man heute nicht mehr neu verlegen. Dauernd reden die Leute und Sex, Essen und soziale Gerechtigkeit – zwei von drei Themen haben im von jungen Frauen dominierten Verlagswesen gar nichts mehr verloren. Aber ich merke beim Lesen, dass Amado, Ibargüengoitia und andere immer noch bei jüngeren Autoren Lateinamerikas durchscheinen.

Das geht auch in Italien, wo das Erbe von Calvino nicht unbedingt vergessen ist. Aber wenn ich vor Deutschen stehe, und die machen klar die Mehrheit in Buchläden aus – da denke ich mir: Wenn ich das jetzt kaufe, und es ist schon wieder ein Literaturbetriebsprodukt mit Blick auf Studienaufenthalte in Rom und Stadtschreiberposten in Bochum, dann denken die Verlage, sie könnten sich das leisten, und publizieren noch mehr von dieser Sorte. Meine Experimentierfreude bestätigt sie in der Einfallslosigkeit anämischer Stilisten, die wahrhaft schöne Themen nur in ironischer Verblendung oder gestelzter Distanzierung aufnehmen, mit dem klaren Ziel, überall ein Problem zu sehen. Oder eine Nazigeschichte. Oder ein Vergewaltigungstrauma. Oder eine ansteckende Krankheit. Oder einen Mutter-Tochter-Konflikt, den ich auf meinem Sofa nicht lesen will, und auch nicht gern im Regal meiner geschätzten Buchhandlungen sehe.

Im Ergebnis dominieren zwar Frauen die Bestsellerlisten, aber sie tun es mit geringer werdenden Umsätzen. Das kann ihnen gleichgültig sein, der Ruhm ist ihnen gewiss. Aber auf der Kundenseite finde ich wie viele andere weniger, was ich einfach gerne haben will. Ich ertrage nur einen gewissen Anteil Experiment auf sicherer Freude, ich werde ungehalten, wenn jedes dritte Buch ein Flop ist, und kaufe dann lieber noch eine Kunstmonographie.

Es macht mich nicht ungebildeter, mein Schwerpunkt verlagert sich, und wenn ich dann höre, dass der Buchhandel mit Einbrüchen zu kämpfen hat, denke ich mir nur: Ach? Soso. Ja, das mag sein. Wissen Sie, früher wurden Buchgeschäfte gleichermaßen von Männern und Frauen besucht, heute stelle ich oft fest, dass auf einen Kunden drei, vier Kundinnen kommen. Vielleicht bin ich nicht der einzige, der nicht schon wieder Bücher über Ekzeme und SS-Opas lesen will.

Literatur war nie die Literatur für alle, aber früher angelte die gewerkschaftliche Büchergilde Gutenberg den Arbeiter wie den besseren Sohn mit Büchern von B. Traven – ein weisser, deutscher Mann, der die grausame Geschichte von indigenen Völkern für seinen eigenen Weltruhm benutzte und an Hollywood verkaufte. Man fühlt geradezu das aufgeregte Tastenhämmern von Schwarzrandbrillenträgern, die einen Rollkragenpulli tragen und sich deshalb trotz Tätigkeit für SPON für Feuilletonisten halten, um so einen Kolonialrassisten zur Strecke zu bringen, denn bei Christian Kracht konnten sie sich damit ja auch schon ins Scheinwerferlicht inquisitionieren. So trägt der Betrieb dazu bei, dass das eine in die Vorschauen kommt, und das andere vielleicht eher nicht, und wer will schon den verbliebenen Markt der mittelalten, weissen Frauen mit sozial korrektem Bewusstsein gefährden, um verlorene Leserschichten anzusprechen, denen nur mit viel Sex und Gewalt eine undogmatische Ahnung der richtigen Einstellung angeboten werden konnte.

Also, komplizierte Gouvernantenliteratur kaufe ich nicht, um Verlage nicht auf falsche Ideen zu bringen, Amado kann man auch drei, vier mal lesen, ohne dass es langweilig werden würde, es kostet auch nichts, und Museen freuen sich natürlich, wenn teure Werke über Bustellis laszive Porzellanarbeiten, Photographie im Moulin Rouge oder die Beziehungen zwischen Rom und den Barbaren zum Festpreis verkauft werden. Ich bin Kunde, man liefere nach meinem Plaisier: Hic Rhodus, hic salta. Tanja Blixen hat es doch auch geschafft, auf 65 Seiten sieben Skandale der besseren Kreise mit Sex und Gewalt unterzubringen: Beziehungen können ohne 180 Seiten Leiden an der deutschen Geschichte formvollendet scheitern.

Und Wagenbach möchte ich von der Kritik meistens ausdrücklich ausnehmen.

10. Feb. 2018
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04. Feb. 2018
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Die Aufgabe der Klimaziele und Dämmplatten

DIN EN 13169 EPB

Jede Region des deutschen Landes pflegt Eigenheiten, die dazu angetan sind, dass sich alle anderen mit Schaudern abwenden: An der Nordsee werden schleimige Muscheln als Delikatesse gehandelt, in Niedersachsen wird etwas als “Brot” verkauft, das bei uns Backstein heißt und in der Architektur verwendet wird, in Berlin halten sie einen rot-rot-grünen Senat für eine Regierung und ich habe schon einmal nicht fetttriefende Krapfen in Hessen gegessen, da war der Marmeladeanteil bei weniger als 0,2%. Allerdings sollte ich mich nicht beschweren, denn auch meine Heimat kann beim Wettbewerb der Absonderlichkeiten, wie immer, einen Spitzenplatz erreichen. Wir haben den Leberkäs. Stur behauptet der Bayer, es würde sich nicht um aufgekochte Schlachtabfälle, Darminnereien, Hirn und zerkleinerte Küchenrollen handeln, die mit Blut für roten und Urin für weißen Leberkäse entsprechend gefärbt werden, sondern um eine Spezialität. Aber ich komme von hier und kenne die echten Rezepte aus der alten, schlechten Zeit und habe nie verstanden, wie die Menschen in meiner Heimatstadt jeden Tag brav zum Metzger L. pilgern konnten, um dort am Mittag dieses Gericht so sehr in Senf zu tunken, dass es nicht mehr nach dem schmeckt, was es wirklich ist.

Aber wie auch immer, der Metzger K. alteingesessen seit dem 18. Jahrhundert an dieser Stelle dort unten im schlechten Viertel der Stadt, musste vor 14 Jahren schließen. Nicht etwa, weil der Einheimische nicht weiter zu Mittag dort Senfflecken auf sein erst 5 Tage getragenes und damit sehr frisches Hemd geträufelt hätte, sondern weil moderne EU-Forderungen in dem alten Gemäuer nicht mehr zu erfüllen waren. Man hätte die Produktion, die man im ganzen Viertel gerochen hat, aus der Altstadt weg verlagern müssen. Dazu sahen sich die Eigentümer nicht mehr in der Lage, zumal deren Kinder ein Professor in den USA und eine Lektorin in München wurden, und so wurde die Metzgerei geschlossen. Das barocke Haus wurde vorbildlich restauriert, und über dem Bereich, in dem früher der Leberkäs produziert wurde, mauerte man ein sogenanntes Townhouse kubistisch auf. In den Augen der Hiesigen fügte sich der Kasten nicht ins Bild, denn dort, wo andere ihren Giebel hatten, war hier einfach nur die Mauer der Dachterrasse.

Und während ansonsten von den Bürgern versucht wird, den Umbau ihrer Häuser in der Altstadt mit wenig Aufwand zu betreiben, war hier ein richtiger Architekt anwesend, der dem Vernehmen nach ganz von sich aus bereit war, das Objekt auch noch nach den Umweltidealen der Merkelepoche mit Schaumstoff einzupacken. In der Althausszene herrscht ansonsten die Überzeugung vor, niemals einen alten Putz zu entfernen, denn so gut wie der alte Putz wird kein neuer. Der aufgestockte Kubus jedoch wurde eingepackt, neu verputzt und grün bemalt. Schaut her, sagte das Ensemble, ich bin nicht mehr die Quelle Eurer heiß geliebten Schlachtabfälle mit Hirn und Augen und Reinigungspapierbeimischung, ich bin ein neues Haus, ein Vorbote der Zukunft, ich sehe aus, als würden die Bewohner nicht einen Kaffee trinken, sondern ein kenianisches Spitzengewächs zelebrieren. Einst roch ich nach Tod und Verwesung, hinter meinen Mauern wurde Fleisch durch den Wolf gedreht wie der Schulz durch die Koalitionsverhandlungen. Heute bekommen wir jeden Donnerstag die Zeit und verachten jeden, der seinen täglichen Bedarf nicht mit einem abgasfreien Spaziergang durch die pittoreske Altstadt erledigen kann. Hier ist mit einer Ausnahme fast jedes alte Haus so saniert, dass kein Oida Schdodara die Schleifmühl, in der der kubistische Gentrifiziererbrocken liegt, noch als das erkennen würde, was sie früher war: Ois Glosscheamviadl fiad Hobara, Heislleid und Graddler.

Diese Hybris und die Trennung des Einheimischen von seiner Lieblingsspeise bei seinem Lieblingsmetzger sorgten dafür, dass das Haus nicht nur ein Haus, sondern auch ein Symbol für eine wenig erbauliche Veränderung war: Neue Verordnungen hatten nicht nur einen Traditionsbetrieb hinweg gerafft, sondern auch noch Dämmplatten in die Stadt und an ein herausragendes Gebäude gebracht. Obwohl Dämmplatten so nahrhaft wie Leberkäs oder Berliner Spitzengastronomie sind, blieb in den rachsüchtigen Köpfen der Einheimischen der Eindruck: Unsere Metzger nehmen sie uns, und dann zwingen sie uns Styropor auf, für den Klimawandel. Vor dem Klimawandel gab es hier unten jährlich drei, vier Überschwemmungen, wenn die Schneemassen in den Alpen tauten oder einfach mal schlechtes Wetter war, monatelang waberte der giftige Donaunebel, und im Winter musste man jeden Morgen nach den eisigen Nächten Schnee räumen. Jetzt hat sich der Mensch endlich aus der späten Eiszeit herausgeheizt – prompt muss der Metzger schließen, und das alte Haus mit immensen Kosten eingeschäumt werden. Wie bei anderen Herausforderungen der Merkelzeit darf man ja den Mund nicht mehr aufmachen, aber gerade populär war diese Veränderung, die in die Altstadt kam, ohne dass man sie von der Stadtmauer mit Kanonen hätte beschießen dürfen, bei uns nicht.

Die Bauarbeiter kauften gegenüber bei der Bäckerei ein, die zur Mittagszeit dann ebenfalls Leberkäs angeboten hat, erzählten der Verkäuferin von den Problemen beim Umbau und wie es so ist, wusste dann auch die ganze Stadt, dass nicht alles glatt ging. Es kam einfach viel zusammen, und wer hier lebt und vorbei geht, schaut wissend das Gebäude an und denkt sich: Das war keine gute Idee. Was da passiert ist, was da der Stadtgesellschaft angetan wurde, da muss man sich Sünden fürchten. Das kann nicht gut gehen. Und tatsächlich, wenn man genau hinschaut, sieht man inzwischen Verfärbungen im Putz entlang mutmaßlicher Schaumplattenkanten. Irgendwas, vermutet man, stimmt da hinter der Fassade nicht, sonst gäbe es die schwarzen Linien nicht.

Und besonders resistent gegen mechanische Belastungen ist der Umbau trotz Armierungsfolie auch nicht. Sie kennen das: Wenn man etwas nicht besonders mag, weil es einem gegen die eigenen Wünschen zugemutet wird, dann sieht man plötzlich jedes fragwürdige Detail. Zumal auf die besitzende Klasse nicht nur die Dämmplatte für das Klimaziel, sondern auch der Energieausweis für dreiste Mieter aus dem Norden dazu kommt, die, wenn es ihnen nicht passt, doch in ein gedämmtes Kasterlhaus ins Donaumoos ziehen sollen, zu den anderen Zuchthäuslern, die da vor 150 Jahren zwangsangesiedelt wurden, zefix owara.

Also, das Haus war ein Anlass für schlechte Laune, obwohl es eigentlich die Altstadt verschönerte und ein klarer Gegensatz zu dem Haus dahinter gewesen ist, das seit Jahrzehnten unrestauriert vor sich hin bröckelte. Nun aber geschah es, dass dessen Besitzer dieses ältere Haus ohne Genehmigung hat abreißen lassen, ein Frevel der besonderen Art, der in unserer kleinen Stadt für sich schon ein Skandal ist. Aber wie es nun mal so ist, das andere Haus ist weg, und jetzt sieht man von hinten erst, wie die Isolierung wirklich gemacht wurde.

Warten Sie, warten Sie, das ist noch gar nichts, dass dieses topmoderne Ensemble hintrücks der alte, überklebte Schleifmühlslum wie eh und je ist. Seit Tagen steht der Stadtbewohner vor dem Desaster und schaut sich nicht nur die alten Kacheln alter Bäder an, sondern auch, was da alles am verhassten, sagen wir es gradaus, wie es ist, Schaumstoff zu erkennen ist. Da wurde nämlich ganz schön mit Schaum rumgeschmiert.

Und was ist dieses schimmlig aussehende, dunkelgrüne Zeug da?

Diese Abstände zwischen Isolierungsschicht und Mauer, gehören die wirklich so? Man hört doch so viel von Schimmel an Grenzflächen, die das Wasser nicht verlassen kann. Und wie schaut es mit dem Kamineffekt aus, wenn das einmal brennt und von beiden Seiten Sauerstoff nachkommt? Man fragt ja nur, nicht wahr. Und da, ui, schaugn’S nur, pfeigrod, die Platte, die ist unten schon in sich geborsten. Wie ist das eigentlich im Winter, wenn da Feuchtigkeit eindringt und gefriert, reisst das nicht die vorhandenen Spalten noch mehr auf?

Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang mit diesen komischen Linien auf der anderen Seite? Nemmas’es ned peasenlich, ma frogd ja nua, so wengam Mitleid. Jo, es is fuachtboa, fuachtboa, sog i Ehana, fuacht-boa. Es ist eine Sensation, und die Merkelregierung wird wieder Millionen für Plakate ausgeben müssen, die für Dämmung werben: Aber wir sehen, wie das ist, wenn einmal das Nachbarhaus weg bricht. Eigentlich müsste hier den ganzen Tag ein Vogt des Umweltministeriums stehen und Anweisungen verteilen, wie der Bürger die Schäden zu beurteilen hat und warum das alles kein Problem sein kann, wo es kein Problem sein darf. Ich war gestern auf dem Wochenmarkt und habe allen gesagt, sie sollen schnell herüber laufen und sich das anschauen, aber die meisten kannten es schon. So ist das hier bei uns, es kam halt einfach viel zusammen.

Es gibt Eisbärenvideos im Netz und Forscher, die schon vorher wissen, was sie in Antarktis und der Sahara als Belege für die kommende Katastrophe finden wollen, aber die Dämmerei ist allgemein verhasst, und was man hier jetzt bei uns findet, das will man nicht zwingend am eigenen Haus. Für Wochen und Monate sieht jetzt jeder, wie das wirklich ist, und wir sind alle gespannt, wie das mit dem Neubau laufen wird. Denn der Abreißer hatte keine Baugenehmigung, das kann sich noch sehr lange hinziehen, und so lange wird der Nordwind Regen gegen die offene ´Mauer peitschen, neben der das offene Styropor mit seinen Rissen und Fugen klebt. Es wird ein epischer Großversuch, wir haben alle schon Photos gemacht, um die Entwicklung zu dokumentieren, und warten gespannt auf den Tag, an dem zu erkennen ist, wie die Wand darunter wohl aussehen mag. Altstadt, Laufnähe, jeder kennt jeden und es is wias is, sagen wir in Bayern. Es ist vielleicht gar nicht so schlimm, aber die Klimaziele haben wir innerlich schon aufgekündigt, bevor Merkel und Schulz erklären, warum die Nation an ihren eigenen Vorgaben scheitert, und was nun an Projekten getan werden muss, auf die hier auch keiner so wirklich Lust hat. Kein Eisbär kann so hungrig sein wie ein Bürger, der den Leberkäs vom K. kannte und ohne Aussicht auf Befriedigung seiner Gelüste an der ehemaligen Metzgerei vorbei gehen muss. Das verstehen die hohen Herren und Damen in Brüssel und Berlin nicht. Sie schicken Forscher für ihre Wunschergebnisse um die Welt und erwarten, dass sie am Ende von den Hiesigen die Wunschergebnisse bei der Wahl bekommen.

Dass sie sich da mal nicht so täuschen, wie ein Dämmplattenbewohner.

04. Feb. 2018
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02. Feb. 2018
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Kein Mitleid mit Millenials

Sei still Bub, lass sie reden, was wir tun, geht niemand etwas an.

Nachdem noch kein Reichtum vom Himmel gefallen ist, wurde er hier unten irgendwie erschaffen, und wie es immer so ist: Des einen Vermögen ist das, was der andere nicht hat. Das sorgt natürlich dafür, dass es hier, in meiner kleinen, dummen Stadt an der Donau, unausrottbare Legenden über die bekannten Familien gibt, die man nicht laut sagt, sofern mehr als 200 Leute in einem Saal sind. Kein Ton! Also, zum Beispiel, da ist die Familie B., Sanitärdynastie, da sollen die Schwestern 1890 den Erstling, der wegen Frauengeschichten nichts taugte, mit Ratzengift aus dem Weg geräumt haben, aber der Firma tat es gut. Bei den G.s lief das Immobilienvermögen wieder zusammen, nachdem eine Tante mit Neigungen, alles der Kirche zu vermachen, in 17 Meter Höhe aus den Fenster schlafwandelte, so um 1927 war das. Gewissen Konditorenclans wird nachgesagt, dass sie Kakerlaken an Stelle von Korn gern mitverbacken haben, und die angesehene Familie K. hat jahrzehntelang über einen sudetendeutschen Hausmeister ein Haus vermietet, das rot angemalt war, und eine nackte Frau im Schaufenster zeigte, zu sehr hohen Preisen an durchreisende Damen. Naja. Sie kennen das sicher auch, diese Indiskretionen und Gerüchte, schauderhaft, das sagt man doch nicht.

Aber immerhin blieb das unter denen, die wussten, um wen es ging, und es stand nicht etwa, Gott bewahre, offen im Internet, das wäre ja schrecklich, und würde die besseren Kreise mit manchen Scharten und Schrunden versehen. Es ist wenigstens keine pauschale Herabwürdigung von Vermögenden, die auf die ein oder andere Art, gut oder böse, das Hab und Gut der Familien mehrten. So etwas machen wir hier nicht, das wäre ja langweilig. Gemacht wird es allerdings im Berliner Tagesspiegel von einem gewissen Christopher Lauer, seines Zeichens früherer Piratenpolitiker im Abgeordnetenhaus zu Berlin, und heute, soweit ich weiss, Mitglied der SPD, wo man dieses Talent angesichts der eigenen ruhmreichen Wahlsiege gern haben wollte. Ich habe seine Karriere etwas aus den Augen verloren, aber nun gibt es im Netz auch eine Textfassung seiner Wutrede. Lauer, mit Geburtsjahr 1984 tatsächlich Millenial, sprich der um das Jahr 2000 herum volljährig geworden Jugend, kritisiert im Zuge der #diesejungenLeute-Kampagne generell ältere Semester, die den Jungen die Chancen rauben. Erfreulicherweise hat Hadmut Danisch den Videoauftritt nicht nur in großer Schrift für Ältere transkribiert, sondern auch schon umfassend einen anderen Standpunkt eingenommen, so dass sich jeder eine gefällige Sichtweise erwählen kann. Allerdings ist da ein Satz von Lauer, bei dem ich auch etwas anmerken möchte:

Die ältere Generation, insbesondere die Baby-Boomer, die fliegen ja ins gemacht Nest, ne? Wirtschaftswunder, stabile Sozialsysteme, gute Löhne, feste Arbeitsplätze, nicht soviel Konkurrenz, und man konnte sich Wohnungen für 50.000 Mark kaufen, und die dann easy-pisi abbezahlen, weil man eben wusste, dass man fest angestellt ist.

Es geht ihm um Personen wie meine eigenen Eltern, und weil es meine Eltern sind, habe ich zu dieser Goldenen Zeit, von der der nachgeborene Lauer da berichtet, auch etwas beizutragen – ich restauriere gerade eine Wohnung aus jener Zeit. Zum Beispiel, dass man in halbwegs akzeptablen Lagen halbwegs guter Städte niemals Anfang der 70er Wohnungen für 50.000 D-Mark bekommen hätte, die für eine Familie ausreichten. Diese Zeit, in der die jungen Leute selbst zwischen Berufsanfang und Familiengründung standen, war alles andere als sicher, 1973 gab es eine Ölkrise und 1979 noch einmal. Dazwischen lag Rezession und RAF-Terror. Von 1964 bis 1969 herrschte bei Audi mit damals 12.000 Mitarbeitern in der Region eine schwere Krise, die die Wirtschaft der ganzen Region in ihren Grundfesten erschütterte: Es war nichts sicher, niemand konnte wissen, wie es weiter ging, die Eltern eines Bekannten mussten ihre Drogerien aufgeben: Trotzdem kostete damals ein kleines, älteres Haus mit Garten schon 150.000 Mark.

Aber daran führte damals kein Weg vorbei, denn dem Bürgertum, das Dutzende von wenig schmeichelhafte Begriffe für Mieter kannte, war es unvorstellbar, selbst in den sozialen Wohnungsbau zu gehen. Auch viele Gastarbeiter, die in die Stadt kamen, legten jeden Pfennig beiseite, um sich ein eigenes Haus leisten zu können. Beim Abbezahlen von Bankschulden halfen in den 70er Jahren die relativ hohe Inflation, die auf der anderen Seite das Geldvermögen verrnichtete, und die teilweise erheblichen Lohnsteigerungen, sowie die steuerliche Absetzbarkeit von Krediten. Vor allem half aber eine Sparsamkeit, die aus heutiger Sicht teilweise groteske Züge hat: Zahnpastatuben wurden zerschnitten, um alles heraus zu holen, Spülmittel wurde verdünnt, und der mir als Paradies erscheinende Apfelstrudel und der Zwetschgendatschi waren in der Erntezeit alles, was es an Süßspeisen gab. Kein Sirup, wir haben eigenen Apfelsaft, kein grüner Wackelpudding, weil zu teuer, keine Barbie und kein MonChichi, weil damit fangen wir erst gar nicht an, Fußballsammelbilder galten als Teufelswerk, und nie konnte mein Vater es sehen, wenn ich eine Digitalkamera ohne Bereitschaftstasche trug. Der Anblick einer ungeschützten Kamera war ihm unerträglich, denn er wusste, was Objektive früher gekostet hatten, und wie man sie begehrte. Es war einfach eine andere Welt.

Aber eben auch eine, die Prioritäten gesetzt hat, und nach Familie, Immobilie und Abitur für die Kinder kam ganz lange Zeit: Nichts. Rückblickend habe ich überhaupt nicht den Eindruck, dass meine oder andere Eltern die Kinder kurz gehalten hätte, ganz im Gegenteil, die Kindheit war schön und erlebnisreich und viel, viel besser als das, was die Generation davor in der Nachkriegszeit an Armut, Kälte, Beengung und Hunger erleben musste. Die Freizeit dieser Tage würde nicht mehr dem heutigen Sicherheitsdenken entsprechen, und die gebauten Häuser waren Symbole der Überwindung der Nachkriegsnot. Sie war aber ganz sicher nicht easy-pisi. Tischgespräche drehten sich oft um Finanzen, Belastungen und Kosten, denn meine Eltern wollten und bekamen ihr eigenes Haus im eigenen Garten. Niemand hat sich deshalb beklagt, das haben alle bauenden Eltern eisern gegen alle Krisen und Unsicherheiten durchgezogen. Dieser Wille zum Eigentum hat die Gesellschaft verändert: Hatten 1993 noch 38,8% der Bevölkerung Wohneigentum, sind es jetzt 52,4%. Das ist im internationalen Schnitt immer noch seher niedrig, in Italien und ähnlichen Ländern ist die Partnersuche ohne Wohneigentum eher schwierig. Da sparen 4, 5 Generationen an Häuser hin: Das sind Leute, die den deutschen Weg als „easy-pisi“ bezeichnen könnten.

Aber nicht die Wütenden in Berlin, wo Herr Lauer sagte:

„Wohnungen kaufen kannste Dir heutzutage abschminken, wenn Du n einer Stadt wie Berlin oder sonstwo leben willst, weil es ist halt astronomisch teuer. Wenn Du nicht gerade irgendwo in der Uckermark leben möchtest.“

Berlin war, abgesehen von einem kurzen Hype in den späten 90er Jahren, finanziert durch dummes, deutsches Zahnwaltgeld aus dem Süden, spottbillig. Es wurde in den 90er Jahren viel zu viel mit überzogenen Renditeerwartungen gebaut, die Fonds gingen reihenweise pleite, und als dann noch die New Economy zusammen brach, wurde Berlin wirklich günstig. 2008 kam die Finanzkrise dazu, die Banken wurden mit Geld geflutet, und die Zinsen sanken auf Null: Das enorme Überangebot, die Krisen und der Umstand, dass gezielte Wohnimmobilieninvestitionen bei Deutschen bis 2008 ungefähr so beliebt wie Rattengift waren, machten Berlin zur billigsten Hauptstadt von Lissabon bis Peking. Und die jungen, zugewanderten Menschen fanden es prima, dass sie alle paar Monate mit einer Robbe in die nächste, bessere Mietwohnung umziehen konnten. Man wollte flexibel sein, sich nicht festlegen, keine Verantwortung übernehmen, und so stand ich eines Tages in einer wirklich schönen, sonnigen Altbau-Wohnung am Humboldthain, und ein zerknitterter Makler ganz ohne Porsche verlange dort für den Quadratmeter keine 700 Euro. Mehr war damals einfach nicht zu erzielen. Selbst die abgelegenen Dörfer meiner Heimat waren teurer als Berlin.

Das war nicht nur eine kurze Phase. Vom Ende der New Economy 2002 bis zum vollen Ausbruch der Eurokrise 2010 waren Immobilien schlichtweg unterbewertet, und speziell in Berlin extrem günstig zu bekommen – ich kenne einen geplatzten Fonds in Charlottenburg, bei dem der Quadratmeter Wohnfläche nur 500 € erbrachte.. In meiner Familie herrschte Ende der 80er Jahre noch die Überzeugung, dass Kaufen in München langfristig erheblich günstiger als die Mieten wäre. Der – zugegeben kleine – Preis war, dass kein Kind auf die Idee kommen konnte, den Wohnort Knall auf Fall zu wechseln. In Berlin erfand man eine Mieterbewegung und dachte, es werde schon gehen, egal wie viele andere Prekäre, Kanzleien, Firmensitze, Künstler, Zweitwohnsitzhabenwoller, Hostelbetreiber, Migranten innerhalb und außerhalb der EU und AirBnB-Weitervermieter in die Stadt zogen. Die Bevölkerung ist arm und kann sich oft keinen Kauf leisten. Aber die Paradiesvögel der digitalen Boheme, die ich kennenlernte, waren oft nicht wirklich arm, sondern auf der Suche nach der Hauptstadt und Projekten und nicht gezwungen, wie Egon Plawumkowski um 9 Uhr Toiletten anzuschließen. Man probierte etwas aus. Man hatte eine Idee, Man wollte etwas Neues machen, vom Esoterik TV bis zur Bitcoin-Börse. In der Lauerklasse der Berliner Öffentlichkeit gibt es viele, die jahrelang suchten und heute politischen Aktivismus betreiben. Easy-Pisi halt. Immer tun, was einem richtig erscheint, wie: Aufstand der Millenials gegen die fetten, eingerosteten, alten Privilegieninhaber, gegen die Leute, denen bis 2003 von nassforschen Vermögensverwalter erklärt wurde, Immobilien seien ein Klumpenrisiko mit Nullrendite.

Für die Aufpeitschérei braucht man einen Anlass, einen Dreh, einen Spin, und Neid ist da eine starke Waffe, wenn es zur Umverteilung, zur sozialen Gerechtigkeit, zum BGE kommen soll. Die Erzeugung des Neids geht nicht mit Wochenendausflügen ins Schambachtal statt Kurzflügen nach London, das geht nicht mit Wählscheibentelefon mit Kostenliste statt iPhone, das geht nicht mit Leberwurstsemmel statt Angus-Beef-Burger, das geht nicht mit einem 15 Jahre betriebenen Schwarz-Weiss-Fernseher statt Netflix und Amazon Prime, und es geht auch nicht mit Zwetschgendatschi statt Essenlieferung mit 25€ Mindestbestellwert. Das muss man ausblenden, um die Alten als Reiche zu diffamieren, die sich angeblich auf wenig lautere Art bereichert haben. Man muss ihre seit 1973 nicht mehr existierende Vollbeschäftigung und die Bedrohung durch Kurzarbeit und Frühverrentung verschweigen, um Praktika und prekäre Beschäftigungen dagegen zu halten. Ich sage es nur ungern, aber wer eine falsche Lebensentscheidung trifft und trotz Hochschulbildung Berufe wählt, die nicht gut bezahlt werden, hätte seine Studienentscheidung überdenken sollen. Das ist das Risiko, das diese Leute – und ich gehöre mit meinem Studium selbst klar zu ihnen – eingegangen sind. Manchmal geht es gut, manchmal macht man Photos und Texte am Markt einer Stadt vorbei, in der sich jeder zweite zum Künstler berufen fühlt. Es gibt hierzulande deutlich schlimmere Schicksale als unzufriedene Millenials des westdeutschen Besitzbürgertums, die sich nicht genug gefördert sehen und eine Wohnung in Mitte zum Uckermarkpreis erwarten. Und meine Bäckereiverkäuferin, die jetzt mit 30 Jahren und ihrem Freund neben ihren Eltern ein Haus in einem Vorort baut, erscheint mir deutlich gesetzter.

Die Risiken meiner Eltern waren ganz andere. Diese Risiken wurden ernsthaft besprochen und überwunden. Keiner hätte sich bei uns mit einem vulgäre Video beim Tagesspiegel über die Lage beklagt. Man hat die Zähne zusammen gebissen und getan, was getan werden musste, und das alles auch ohne die Untaten, die früheren Generationen nachgesagt wurden. Man hat es getan, und nicht öffentlich über die eigenen Probleme geredet.

Sondern nur über ökonomisch passende Stürze der Tanten und peinliche Auftritte der Kinder anderer Leute.

02. Feb. 2018
von Don Alphonso
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