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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

28. Jul. 2015
von Don Alphonso
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Der Brandanschlag als Mittel der sozialen Kommunikation

Was du in anderen entzünden willst, muss in dir selbst brennen
Der Algerier Augustinus, Theologe und Ketzerverfolger in Hippo

Also, das ist mir heute Nacht eingefallen: Es gibt ja so Dinge, die in meinen Kreisen nicht nur verboten sind, sondern so verboten, dass sie Kindern gegenüber gar nicht erwähnt werden. Das sind illegale Drogen, Glücksspiel und Prostitution. Niemand sagt zu uns, dass man nicht ins Spielcasino darf. Das tut man einfach nicht. Entsprechend verrucht fühlte man sich dann, wenn man in den 90er Jahren im Babalu tanzen war, einer ehemaligen Rotlichtbar, in der sich damals die Jeunesse Doree der norditalienischen Metropole München drängte. Als ich vor ein paar Jahren im Casino von Monte Carlo speiste, kam ich mir mächtig verdorben vor. Und meine Gemälderestauratorin hat ihr Atelier ebenfalls in einem früher äusserst verrufenen Haus der Stadt. Es ist ein prickelndes Gefühl, 270 Jahre alte Adlige in so einen früheren Animierbetrieb zu tragen, wo dann ihr Teint aufgefrischt wird.

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Heute Nacht ist mir dann allerdings eingefallen, dass mir meine Eltern auch nie verboten haben, anderer Leute Eigentum mittels Brandmitteln zu entzünden. Eine eigens durchgeführte Recherche nun hat ergeben, dass sie mir dafür auch nie ein Placet erteilt hätten. Nachdem meine Erziehung vorbildlich war, darf ich daraus ableiten, dass ein derartiges Verhalten wirklich, absolut und ohne Ansehen der Umstände stets unhöflich ist, sich aus sich selbst verbietet und ganz ehrlich, wer ein gutes Buch hat, der kann doch auch lesen. Allerdings musste ich nun gestern vernehmen, dass Unholde im sächsischen Freital das Auto des Fraktionsvorsitzenden der Linken ihrer Gemeinde angezündet haben, was nicht nur etwas über ihre Bibliothek, sondern auch mutmasslich etwas über ihre Befindlichkeit angesichts der Zuwanderung ausdrückt: In Freital wird von sog. „besorgten Bürgern“ versucht, eine Unterkunft für Asylbewerber zu verhindern. Und wer anderer Meinung ist, wird unter Druck gesetzt. Nun eben wohl auch vermittels eines Brandanschlags gegen ein Auto.

Autos sind, so habe ich in letzter Zeit allerdings von Ignoranten ohne Erfahrung mit der Mille Miglia häufig gelesen, nichts wert. Da sollte man sich nicht so haben, sagte man etwa bei Twitter und Grünen angesichts von Bloccupy, obwohl damals auch Menschen – Polizisten nämlich – in Autos sassen. Man hörte so etwas auch bei den Flora-Krawallen und vor allem bei den vielen Brandanschlägen gegen Autos in Berlin. Linke Zeitgenossen finden die empörten Reaktionen auf solches Treiben angesichts des Rechtsextremismus völlig verfehlt – und es sind eben jene Zeitgenossen, denen das Wort „Rechtsterrorismus“ leicht von den Lippen geht, wenn ein Auto eines Linkenpolitikers in Freital brennt. Der ideologische Heizwert eines Autos ist also nie gleich, sondern rührt von der Einstellung des Halters her: Ist es das Autos eines B.Z.-Autors Schupelius, sieht man bei Indymedia gute Gründe für den Anschlag und brüstet sich, hat Schupelius doch Kritisches zur Migration geschrieben. In Freital dagegen ist es ganz anders. Umgekehrt sehen sich die dortigen Gewalttäter mutmasslich ebenfalls eher im Recht, und vielleicht schütteln sie sich wiederum vor Abscheu angesichts dessen, was man Schupelius angetan hat.

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Ich wurde, wie gesagt, gut erzogen und zwar nicht so, dass ich, wie es das alte Herkommen empfiehlt, beiderlei Herrschaften darauf hinweise, wie weh es tut, wenn eine dicke Platzpatrone im Drilling einen traditionellen Hagel von grobem Salz und gehackten Sauborsten in primäre Körperteile von Sachbeschädigern treibt. Das machen wir hier schon lang nicht mehr und ich weiss davon auch leider nur aus Erzählungen meiner nicht immer so friedfertigen Familie. Daher möchte ich nun den Versuch unternehmen, die beiden Gruppen, die so gern Autos anzünden und sich beschweren, wenn es das falsche Gefährt ist, ein wenig Verständnis für einander zu lehren. Weil, es ist doch so: Der Nazi, nennen wir den um Brandbeschleuniger besorgten Bürger einmal traditionell, der Nazi also hasst Asylbewerber. Die nämlich nehmen ihm in seinen Augen den Job weg, verunstalten seine Heimat, verdrängen ihn aus seiner wenig erbaulich eingerichteten Wohnung, machen laute, fremdartige Musik, essen komische Dinge, haben teure Smartphones und sind eigentlich von der Obrigkeit nur hier angesiedelt worden, um sein Volk, das hier schon immer war und immer das Sagen hatte, zu demütigen und zu unterdrücken. Ein Volk, das nicht mehr aufzumucken wagt, aber er, der Nazi schreitet zur Tat und setzt ein flammendes Fanal. Denn diese Fremden wollen nicht nur von dem profitieren, was andere hier aufgebaut haben, sondern es auch zerstören.

Der andere, der rotlackierte Nazi, um einmal einen historisch gewachsenen Begriff zu verwenden, sitzt also in Berlin und lebte bislang ganz gut von Solikonzerten, den Überweisungen seiner Eltern, Bafög, irgendeiner umgeleiteten Förderung zum Kampf gegen Nazis und Aufträge seiner bei der ARD arbeitenden Freunden oder wie solche Leute eben leben. Die finden nun, dass es in ihrem Kiez zu einer massiven Migrationsbewegung kommt. Leute, die ihm und seinesgleichen die Räume für die finanzierende Aktionen nehmen, Leute, die Heimat der Alteingesessenen mit einer perversen Neigung zur Sauberkeit verunstalten, Leute, die sie aus ihren dank Mietstreik und Dauerprozess billigen Wohnungen verdrängen, Leute, deren Kinder sehr laut Violinkonzerte von Mozart hören, Leute mit nichtveganem Nichtvolxküchengeschmack, Leute mit teuren Smartphones, und sie kommen nur her, weil die Obrigkeit sie hier ansiedelt, um das Volk der Freiheit, das hier schon immer war und immer das Sagen hatte, zu demütigen und zu unterdrücken. Ein Volk, das nicht mal mehr am Ersten Mai eine anständige Randale gegen das Schweinesystem hinbekommt, aber er, der rotlackierte Nazi schreitet zur Tat und setzt ein flammendes Fanal. Denn diese Fremden wollen nicht nur von dem profitieren, was andere hier aufgebaut haben, sondern es auch zerstören.

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Ich lese berufsbedingt oft im Internet Texte, denen ich mich nicht anschliessen kann, und wir reden leider auch viel zu wenig über Gemälderestaurierung und Petersburger Hängung, und zu oft, leider, über unerfreuliche Entwicklungen. Eigentlich müsste ich mich qua Herkunft von beiden besagten Gruppen ebenfalls verfolgt fühlen, aber privat habe ich keine Angst, denn sie sind vermutlich zu beschränkt, auch nur eine Fahrkarte an den Tegernsee zu lösen. Wäre ihre Intelligenz auch nur auf dem Niveau eines deutschen Schäferhundes oder einer Giftnatter auf dem Leuchtenden Pfad, würde ihnen auffallen, dass sie nicht nur Repräsentanten der anderen Weltsicht gleichermassen die Autos anzünden, sondern in der Begründung auch zeigen, dass ihre Interessen deckungsgleich sind: Sie finden, dass sie im Recht sind, sie fühlen sich aber durch Veränderungen bedroht, die möglicherweise die Welt ganz anders betrachten, und zünden deshalb etwas an. Beide empfinden sich als Opfer, das in Notwehr handeln muss und darf. Beide haben Verständnis dafür, dass es das Auto der anderen erwischt, und hätten gern ihren VW Golf II Diesel behalten. Und beide hören auf ihren Solikonzerten Musik, deren Text gebrüllt und gewaltverherrlichend ist, lehnen den Staat ab und stehen Drogen nicht ablehnend gegenüber. Ja, sie könnten sich sogar mit wenigen Worten Veränderung gegenseitig die Bekennerschreiben und Vorwürfe formulieren. Und weil das Anzünden von Autos nicht immer ganz ungefährlich ist, in der Nacht und häufig blau wie eine Strandhaubitze, könnten sie doch auch ihre eigenen Autos in Brand setzen und es dann der Gegenseite zuschreiben.

In der gewonnenen Zeit könnten sie auch mal wieder für Mutter einen Strauss Feldblumen pflücken, einen roten Johannisbeerkuchen oder braune Muffins backen und sich überlegen, ob ein paar hübsche Antiquitäten ihr Wohnumfeld nicht freundlicher gestalten. Oder einen Spielplatz aufräumen. Es gibt da jede Menge Synergien im politischen Kampf, da hat man viel Zeit für anderes, und nicht auszuschliessen ist, dass man sich nach dem vierten Bier und dem dritten Joint doch ganz prächtig versteht und zusammen die Titelmelodie der Biene Maja intoniert. Sehen wir den Tatsachen ins Auge, egal ob Demokrat oder Totalitärer, Benzin brennt immer gleich, und es ist ihm egal, welches Fahrzeug es verzehrt. Wenn man Adressen tauscht, kann man das vielleicht auch direkt unter Freunden machen und die Linkenpolitiker und den Schupelius in Ruhe lassen. Ich stimme vermutlich beiden Meinungen gar nicht zu, ich bin nämlich für die Zerschlagung Deutschlands, Bayern in den Grenzen von 979 bis zur Adria und für die offizielle Wiedereinführung der ohnehin schon vorhandenen Leibeigenschaft, nur halt mit friedlichen Mitteln ohne Brandanschläge. Dennoch würde ich gern andere Meinungen hören, weil sie mich interessieren, und jedes öffentlich geäusserte Argument besser als ein verbranntes Fahrzeug ist. Egal wer der Halter auch immer sein mag.

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Abgesehen davon wird den Leuten mit den Kanistern ohnehin wenig anderes übrig bleiben, denn die Gentrifizierung in Berlin treibt die Autonomen so oder so vor die Stadt zu ihren Noch-Feinden, und da kann es nicht schaden, sich frühzeitig zu integrieren. Das klappt auch in Bayern recht gut: Die Münchner treiben bei uns am Tegernsee zwar die Preise für gebrauchte Lederhosen nach oben, aber auch, wenn wir über sie schimpfen, lassen wir sie kommen und zünden ihre Autos nicht an.

Denn mit denen fahren sie am Ende auch wieder weg.

28. Jul. 2015
von Don Alphonso
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26. Jul. 2015
von Don Alphonso
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Der schönste Biergarten und das obszönste Wort der Welt

It is a proposed global initiative for population reduction which will, in a few decades, lead to a worldwide male population of roughly one to ten percent.
Die arme Bloggerin und Feministin Femitheist Divine über Männer

Habt ihr etwas von denen gemerkt?, frage ich die Bedienung unten im Strandbad, als sie das dick käsebestreute Gemüsepflanzerl bringt. Naaah, sagt die Bedienung, nix, goa nix. Alle sind hier, wie sie immer hier sind, und ich bin ja auch hier. Nichts also hat man davon gemerkt, dass über dem Nordufer des Sees ein Biergarten aufgemacht hat, der seinesgleichen sucht. Vornehm, gediegen, modern und von einem bundesweit bekannten Gastronomen eingerichtet. Ein Biergarten der Superlative. Ein Biergarten, dessen Neu- und Wiedereröffnung bundesweites Thema in den Medien war, mit Presserummel und Pre-Opening für die Prominenz. Mit Erzeugergemeinschaft für die regionale Küche. Herrlich muss es doch sein, da oben zu sitzen, auf den See zu schauen und lokale Spezialitäten zu verspeisen. Aber nix merkt die Bedienung hier unten am Strandbad.

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Nix ist auch die Antwort beim wie immer rappelüberfüllten Francesco, auf italienisch „NOOOnonononoNoooh, niente“. Nichts ist die Antwort beim Konditor, beim Bräustüberl, und oben ist Ostin, wo man zwar nicht so eine schöne Aussicht hat, aber preislich gehoben durchaus mit dem Biergarten des Münchner Gastronomen mithalten kann. Wobei, er ist ja kein Fremdling, denn einerseits soll dieses München gerade mal 40 Kilometer entfernt sein, und zum anderen hat er auch hier ein Haus. Zumindest in Teilzeit ist er also auch einer von uns und hat ebenfalls darunter gelitten, als der alte Biergarten geschlossen wurde, weil der Käufer an dieser Stelle, kurz vor Beginn der Finanzkrise, ein Luxushotel für Ausländer und Teilzeitmigranten errichten wollte. Was nach einem Aufstand der Talbürger und einer höchstrichterlichen Entscheidung verhindert wurde. So ist das eben in Bayern: Was dem Berliner sein liebgewordener Drogensumpf des Görli ist, wo er aktive Integration und Deutschkurse durch Verhandlungen über Haschischpreise mit Migranten betreibt, ist in Bayern halt der Biergarten. Solche Biotope der Lebensart lässt man sich nicht einfach nehmen.

Das Luxusressort also durfte nicht gebaut werden, und ohne andere Ideen bröckelte das Gut über dem See langsam vor sich hin. Dörnröschenschlaf nannten es die Medien und eine Schande für das Tal die Bürger. Die Familie des Besitzers bekam andere Sorgen, und für den normal spätsterblichen Millionär gibt es ja auch noch andere schöne Biergärten, in die man sich setzen kann. Oder man bringt sein Sach selbst mit und setzt sich an den See: Nur wenn man am verlassenen Gut und der schönsten Aussicht vorbei fuhr, gab es da diesen leichten Stich. Ein Juwel könnte es sein, dieses Gut mit dem traumhaften Blick, hinter den Gittern und dem Schild, auf dem „Geschlossen“ steht.

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Das hat auch der Münchner Gastronom so empfunden, mit der Idee einer Wiedereröffnung bei den Besitzern vorgesprochen und den Zuschlag bekommen. Das Konzept mit Restaurant oben und Biergarten unten klang gut, und man hat sich wirklich, wirklich Mühe gegeben. Alles wurde renoviert, umgebaut, verschönert und modernisiert, und die Preise sind so, dass man sich das am Tegernsee, wo die Millionärsquote so hoch wie die Hartz-IV-Quote in Berlin ist, auch leisten kann. Alle Millionäre wollten diesen Biergarten wieder haben. Jetzt ist er da und die Millionäre sitzen weiterhin beim Francecso, lassen den Bentley vor dem Strandbad stehen, bevölkern unter dem Gut den Yachtclub und nehmen den Hugo aus der Dose und loben die Pommes, die sie mit ihren Kindern verzehren und die, wie der Apfelstrudel, wirklich gut sind, wenn sie aus dem Bistrowagen gereicht werden: Eigentlich darf ich hier gar nicht erzählen, wie die Millionäre leben, das passt gar nicht zu den landläufigen Vorstellungen. Die sitzen dann einfach auf Klappstühlen und schauen.

Droben im Biergarten kann man sich nur wundern, wo denn die Gäste bleiben. Ein jeder weiss doch, dass er offen ist, und deshalb habe ich ein paar der hier landläufigen Millionäre gefragt: Warum geht ihr da nicht hin? Die Antwort war mir eigentlich schon vorher klar, weil es mir genauso ging: Das ist nichts für unsereins, sagten sie, das ist mehr was für

und dann sagten sie es, das schmutzige Wort, das garstige, das obszöne

Münchner.

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Ich war natürlich auch dort und habe mir das angeschaut, und es stimmt. Die ganze Anlage ist so, wie sich ein zackiger, nassforsch oktoberfestfreudiger Münchner mit norddeutschem Migrationshintergrund und Meike-Catherine auf dem Beifahrersitz vermutlich einen Biergarten in einer reichen Region vorstellt. Mit einem gepflasterten, kostenpflichtigen Parkplatz, mit einem von aussen schlecht einsehbaren Restaurant, mit sicher nett gemeinten Dekostücken des Landlebens, die alt wirken sollen, mit einem funkelnden Lichtermeer über dem See. Alles ist hochwertig und gediegen und der ideale Rahmen für eine Modenschau der Kleidermanufaktur Habsburg. Man käme sich darunter mit seiner alten, speckigen Hirschlederhose vom Wimmer in Lienz ein wenig unpassend vor, wie so ein lebendiges Dekostück. Es sieht nicht so aus, als dürfte man da die handgestrickten Socken in der Hitze herunterrollen. Was soll man auch von Millionären erwarten, für die auch nur die Sonne scheint. Wenn sie auf einer Holzbank vor ihrer Bierflasche sitzen, und darunter das Wasser an ihr Bootshaus gluckst, zu dem noch ein Anwesen im Tal gehört. Das ist die Reihenfolge hier. Sonne → Bank → Bier → Seewasser → Bootshaus → Villa → Tal. Hinter dem Tal ist die Welt zu Ende, und das Gerücht hält sich hartknäckig, dass hinter Rosenheim die Mangfall, die sich aus dem Tegernsee ergiesst, über den Rand der flachen Erde rund um das Tal ins Weltall stürzt.

Das Auftreten des Münchners da oben im neuen Biergarten nun könnte beweisen, dass diese talmenschenzentrische Weltsicht nicht ganz richtig ist und da draussen auch noch andere Reiche und Millionäre existieren. Befürchtet hat man das schon länger, denn die Süddeutsche Zeitung behauptet von sich, in München gedruckt und nicht vom türkischen Händler mit seinem Moped erstellt zu werden – den nämlich kennt hier jeder, aber diese Leute da im Impressum, was sollen die sein? Man weiss auch von der globalen Flüchtlingskrise, und dass bei den Nobelhotels Leute absteigen, deren Nummernschilder man nicht zuordnen kann und die da offensichtlich wohnen müssen, weil sie sich hier nichts leisten können. Die Welt da draussen ist, sollte sie wirklich existieren, kompliziert und obendrein geschleckt und gestylt und da oben dürfte wohl auch nicht das Hemd aus der Hose hängen. Was sind das überhaupt für Leute, die da hinfahren müssen und nicht einfach laufen können? Sicher sehr Fremde.

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Dereinst, wenn Faschisten, Stalinisten und/oder Feministen die Weltrevolution gemacht haben, wird man uns fraglos ohne Unterschiede mit den Münchnern erst vor das Tribunal und dann an die Kirchhofsmauer stellen, hinter der sich bei uns übrigens ein Barockkleinod erhebt, und das wird ein Trost sein, weil bis dahin hunderte von Generationen von Faschisten, Stalinisten und/oder Feministen in Berlin aus dieser Welt gehen mussten, ohne noch einmal so ein hübsches Kircherl zu sehen. Wir werden dann ohne akzeptable, sondern allenfalls vegane und lactosefreie Henkersmahlzeit einen hohen Preis zahlen, mit unserem Leben und dem Umstand, dass man uns mit den Reichen aus München verwechselt, die Habsburg kaufen und uns auf den Waldfesten mit dem Versuch des Tanzens auf dem Tisch belästigen. Totalitäre, die aus Berlin die Welt sehen, beziehen sich allein auf den Reichtum, gar so, als ob das in einer Welt, in der jeder relativ wohlhabend ist, irgendetwas bedeuten würde. Zwischen St. Quirin und Tegernsee fährt doch ein jeder langsam, egal ob Bentley, Ferrari oder abgeschabter SLK. Darum geht es nicht.

Es geht darum, dass da oben in unserem alten Biergarten jetzt Leute sitzen, die so tun, als sei die Welt hinter dem Tal nicht vorbei, die auf ihre Mobiltelephone schauen und von einer ganz anderen Welt künden, in der sie morgen wieder im Büro und nicht am See sind. Denen hat man das so gebaut. Aber wir wissen, dass unten die Pommes auch schmecken und die Sonne uns auch noch scheint, wenn die längst wieder die Nachteile der Klimaanlagen erleben, weil es in München 9 Grad heisser als am kühlen, schattigen See ist. Beides prägt für das Leben. Millionen sind nur gespeicherte Zahlen auf dem Konto. Heute morgen waren zwei Fesselballone über der Alm vor meinem Fenster, hoch oben in blauer Bergsommerluft, und ganz leise weckten mich die Kuhglocken. Das ist etwas ganz anderes als der Weckdienst, der einen Münchner zum Flughafen scheucht. Den Unterschied merken die da oben im Biergarten, und es wäre mir auch ganz recht, wenn sich das bis zum Beginn der Weltrevolution herumsprechen würde. Für die Aktivistin ist es egal, ob sie von einem Vermieter eines Investors aus München oder vom Tegernsee gequält wird. Aber für uns sind die Unterschiede wirklich wichtig.

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26. Jul. 2015
von Don Alphonso
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21. Jul. 2015
von Don Alphonso
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Der diskrete Charme von Betreuungsgeld und Korruption

They sentenced me to 20 years of boredom for trying to change the system from within
Leonard Cohen, First we take Manhatten

Ich fahre langsam. Es ist ohnehin zu spät, denn die Bayerische Oberland Bahn BOB ist schon auf dem Weg nach München, und diejenige, die sie noch erreichen wollte, ist eine viel zu angenehme Beifahrerin, als dass man schnell irgendwo ankommen und sie abliefern will. Ganz langsam sind wir am Achensee vorbei nach Tirol gefahren, lange sassen wir in der Geisterburg und haben selbstgemachte Limonade getrunken, lange standen wir in der Totenkapelle in Hall, und ich habe die Ikonographie der Metzen und Sünderinnen im späten Mittelalter erklärt, deren Brüste üppig und deren Kleider bunt sind.

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Wenn die kommende Verdammnis schon ewig währt, warum sollte man sich im Diesseits abhetzen, denke ich mir und rolle ganz langsam den Gasteig hinauf, wo das Tegernseer Tal in die sonnenverwöhnte Hochebene der Oberlandes übergeht, und die geschäftstüchtigen Menschen mit Angeboten locken. Die Fremdenzimmer sind belegt, kündet ein Schild, es gibt Entenbraten, und das italienische Einrichtungsgeschäft hat schöne Kinderkissen. Beim Eisenwarenladen denke ich daran, dass ich eine neue Giesskanne für meinen Steingarten beschaffen muss, aus Metall mit Messingaufsatz. Vorne rechts würde dann der Goldschmied kommen, der die schönen Trauringe macht, und links das Stoffgeschäft, bei dem ich noch Vorhänge für mein Schlafzimmer nähen lassen möchte. Man bekommt hier alles, was man als normaler Mensch braucht, und wenn die Beifahrerin nun eine Mutter wäre, die gerade erst Kinder bekommen hat, würde ich sie vielleicht auf die Villa links auf dem Hügel hinweisen, in der unser Kindergarten ist.

Aber die Begleiterin ist keine Mutter von Kleinkindern, und sie sieht in diesem Moment auch nicht all die Schönheit und den Überfluss des normalen Lebens, sondern ein Schild der bayerischen Staatspartei. Dort wird das Thema Einbruchssicherheit angekündigt, über das die Partei mit ihren Untertanen reden will. Pfffh, macht die Beifahrerin, sieht dabei klug und reizend aus, und sie hat nicht unrecht: Verglichen mit anderen Regionen des Landes passiert hier wirklich wenig. Trotzdem ist das ein Thema, und wir haben deshalb im Haus letzthin ein neues Türschloss bekommen: Nach acht Uhr Abends wird abgesperrt. Auch meine Silberkannen auf der Terrasse wurden schon moniert: Da könnte jemand beim Betrachten auf die Idee kommen, hier – in der wohlhabensten Region des ganzen Landes – würden vielleicht sogar nicht ganz arme Leute leben, und dann einbrechen. „Pfffh“ sagt hier niemand mehr. Die Angst geht um im Tal und auch in der kleinen, dummen Stadt an der Donau und überall, wo die Leute eigentlich nur in Ruhe smaragdgrünes Wasser und gute Einkommen geniessen wollen.

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„Wenn das alles ist, womit ihr hier Probleme habt…“, wird mir dann von normalen Stadtbewohnern oft gesagt, und „das sind doch nur Luxussorgen.“ Ein wenig sind solche Einwürfe die jugendliche Abwandlung der Beschwerden der Altvorderen, man habe keinen Krieg miterlebt und wüsste gar nicht, was wirklich schlechte Zeiten bedeuteten. Das ist natürlich alles zutreffend, ändert aber nichts daran, dass man wirklich keine Einbrecher in der Wohnung haben will, und froh ist, dass jemand die Sorgen ernst nimmt. Und ähnlich ist das auch mit dem heute vom Verfassungsgericht gekippten Betreuungsgeld: Natürlich sagen mir Alleinerziehende in den Städten, dass das für sie keine Option ist, sondern angesichts ihrer realen Probleme eher eine Beleidigung. Und wenn sie feministisch sind, schieben sie oft noch das Schimpfwort „Herdprämie“ nach, das natürlich nicht sexistisch ist, weil es von der richtigen Seite kommt und dem Fortschritte der Civilisation dient. Und dass die CSU damit ein ganz bestimmtes Familien- und Rollenbild zementieren will: Das des allein verdienenden Mannes und der Frau, die durch die Familie in Abhängigkeit gehalten wird, und nicht ausbrechen kann.

Auch da haben sie nicht unrecht. Es ist halt nur so: Hier bei uns gibt es viele junge Familien. Über Förderprogramme, die sich wirklich sehen lassen können, über Kauf oder Erbschaften kommen sie an Immobilien. Dann unterschätzen sie vielleicht noch etwas die Anforderungen, die die Kombination von Kind und Berufsleben so mit sich bringen. Und obendrein bietet der Arbeitgeber eines Partners an, dass er auch in Teilzeit von daheim aus arbeiten kann. Für solche Familien ist das Betreuungsgeld durchaus von Vorteil, weil bei so einer Konstruktion die Probleme der Koordination von KiTa, beruflichem Pendeln und nötiger Flexibilität wegfallen. Für einen roadsterfahrenden, kinderlosen Single wie mich ist es egal, ob es hier im Oberland einen Schneesturm gibt, bei dem man das Haus nicht verlassen kann, oder ob die oben erwähnte BOB zwei Wochen wegen umgefallener Bäume langsame Busse einsetzt. Für Eltern, die in München arbeiten und deren KiTa pünktlich schliesst, ist das übel. Bei uns sind die KiTas zwar auch auf solche Fälle eingestellt, aber Kinder bringen Eltern oft dazu, den von Linken ansonsten als kapitalistische Ausbeutung verdammten Beruf nicht mehr in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen.

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Das kleine Problem nun ist, dass sozial bewegte und zu diesem Thema schreibende Journalist_Innen eher selten zu dieser Gruppe heimatverbundener, traditionell lebender und dann auch noch Immobilien besitzender Umlandbewohner in Bayern gehören. Wen immer ich aus dieser Gruppe kenne, der hat im Gegenteil beruflich keine Sorgen, aber ein gutes Einkommen und mehr Interesse am nächsten Konzert von La Brass Banda denn am neuen Buch vom Unterschichtenidol Laurie Penny. Ja, ich darf Twitter sogar entnehmen, dass besonders derbe Äusserungen gegen das Betreuungsgeld von eben jenen kommen, die gar keine Kinder haben, um sie in die KiTa zu bringen und dort zu entdecken, dass der bundesweite Ausbau zu einem massiven Qualitäts- und Personalproblem geführt hat. Oder dass viele KiTas wiederum kirchliche Träger haben und die schon den Kleinsten die Geschichte vom Weihnachtsmann und dem lieben Herrn Jesus Christus erzählen. Auch wissen sie wenig von den dort verteilten Bakterien oder den generellen Problemen der Grossküchen.

Kurz, die Debatte um die KiTa als angebliches Allheilmittel der frühen Nachwuchssorgen wird durch den ideologisch bedingten Kampf um das Betreuungsgeld verhindert. Es darf einfach nicht sein, dass die Ostblock-Idee KiTa nicht jedem besser gefällt als das, was die CSU als mögliche, zwangsfreie Alternative durchgesetzt hat. Beide Eltern haben dem System des Kapitalismus umfassend zur Verfügung zu stehen, damit die Frauen auch wirklich gleichberechtigt sind. Und wenn das Kind in der KiTa ist und die Eltern Vollzeit arbeiten, gibt es auch keinen Grund mehr für Geranien am Fenster: Es ist eh keiner daheim. Da braucht auch keiner einen grossen Garten. Blocks für alle tun es auch, wenn man daheim ohnehin nur schläft. Wer dennoch nur die Kinder in den Mittelpunkt des Lebens stellt und sich der KiTa und ihrer Ideologie verweigert, soll den Aufwand haben, und bekommt nichts. Das betrifft übrigens nicht nur die Millionäre am See, sondern leider, leider auch eine meiner sozial nicht privilegierten Bäckereiverkäuferinnen an der Mangfall, die mit Beruf, Kind, Oma und Betreuungsgeld bislang ganz gut durchkam. Und durchkommen wird, wenn die CSU hier ihre Ankündigung wahr macht und das Projekt auf eigene Rechnung durchzieht.

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Pfffh, höre ich da viele in den Städten sagen, wo die Grossmutter hunderte Kilometer entfernt und die KiTa gegenüber ist, und wo Mütter froh sind, wenn sie nach drei Monaten wieder eine Figur haben, mit der sie auf der Sonnenstrasse flanieren können, und sich alle anderen Optionen offen halten. Die wählen dann die Grünen, weil die als einzige konsequent legal Drogen abgeben wollen, in einer ansonsten ganz anders eingestellten Republik, die ständig die anderen, die Falschen, die Reaktionären wählt: Die Politiker, die Betreuungsgeld zahlen, trotzdem eine Villa für die Kinder reservieren, auf Gemeindegrund Familienförderung betreiben und angesichts von steigenden Einbruchszahlen Tafeln an die Strassen stellen. Es ist wirklich unglaublich, unfassbar, unerklärlich, warum diese Leute hier nicht begreifen, was gut für sie, den sozialen Wohnungsbaublock, Kreuzberg, moderne Rollenbilder und Laurie Penny ist. Statt dessen schulen sie hier alle Kinder in Dirndl und Lederhosen ein, gehen geschlossen wählen und lassen sich vom Betreuungsgeld bestechen.

Ja, sogar das Eis hier ist noch nicht mal vegan, lactosefrei und zuckerreduziert – und solche verantwortungslosen Leute werden das Land mit ihrer Entscheidung noch auf Jahrzehnte unter der schwarzen Knute halten. Pfffh, sagen sie, haben aus ihrer Sichtweise recht und feiern dann die lichten Momente, in denen sie vor dem Verfassungsgericht gewinnen, bevor sie wieder von der Finsternis umfangen werden, die sie niemals begreifen können oder wollen.

21. Jul. 2015
von Don Alphonso
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16. Jul. 2015
von Don Alphonso
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Möchten Sie einen Schäuble aus Marmor im Wohnzimmer?

Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.
Das Testament nach Matthäus

Möchten Sie so eine Statue? Die Frage muss gestellt werden. Die Politik der Bundesregierung bekommt hierzulande Zustimmungsraten, die trotz oder gerade wegen einer ostblöckisch anmutenden Fragestellung enorm gut sind. Das Land ist weitgehend mit dem, was Schäuble der griechischen Regierung an Zwangsmassnahmen aufgedrückt hat, zufrieden, und ich entnehme Zeitungen, dass man ihn für den listenreichsten Menschen seit Odysseus halten sollte, selbst wenn ich glaube, dass die lange Nacht von Brüssel für Europas langfristig so klug wie die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Breschnew und den Ostblock ist. Also, ich will ganz sicher keinen denkenden Schäuble in Marmor in meiner Wohnung, der über den Verbleib eines Schwarzgelds sinniert, aber Sie vielleicht? Ich frage das, weil mein Schreibtisch nämlich ganz unabhängig von der Krise so aussieht.

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Dort stehen vier Gemälde, und sie stehen da nicht zufällig. Ganz links ist ein sehr dreist und selbstbewusst dreinschauender, geharnischter Holländer aus der Zeit der Erhebung gegen die Spanier, der mich daran erinnert, dass die Rechte des Bürgertums nicht einfach nur da sind, sondern stets aufs Neue gegen den missbrauchten Staat und seine Schergen erkämpft werden müssen. Ganz rechts ist eine junge, lächelnde Biedermeierdame aus Bad Tölz, die ich immer anschaue, wenn die die Texte redigiere, denn ihr möchte ich kein Unrecht tun. Zum Beispiel stand vorher hier diesem Text drinnen, dass Schäuble auf Zustimmungswerte kommt, die im Rest des von uns in Leibeigenschaft gehaltenen Europas allenfalls Freibier und die sofortige Einführung des Morgenthau-Plans in Deutschland erhalten. Das habe ich gelöscht, denn die hübsche Tölzerin hat viel zu feine Hände für die Feldarbeit und würde das nur ungern hören, und ausserdem kann sie nichts dafür. Was im Übrigen ja auch ein Leitmotiv der Deutschen ist, wenn es dann schief gegangen ist.

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In der Mitte jedoch sind zwei eindeutig griechische Motive. Einmal eine recht freizügige, pornographische Darstellung des angehenden Geschlechtsverkehrs zwischen Hera und Zeus. Das Original hat Annibale Carracci in Rom für die Galeria Farnese gemalt. Das hier ist eine barocke Kopie, und man hat sie ganz klein gemalt, weil man solche Szenen kaum aufhängen konnte, wenn man kein römischer Kardinal war, der anderen für solche Freizügigkeiten den Inquisitor an den Hals hetzte. Dieses Bild sagt mir, dass jedes Mittel recht ist, die Leser rumzukriegen und jedes Schamgefühl, wie eben auch unter Zeus in Griechenland, falsch empfunden wäre. Für normalen Porno, Sex und Ausschweifungen waren in der europäischen Kunstgeschichte nun mal die Griechen mit ihrer üppigen Sagenwelt zuständig, nachdem die christlichen Leitbilder meist keinen Sex hatten und brutal umgebracht wurden. Griechen sind für den geschichtsbewussten Bildungsbürger der klassische Zugang zu den Lebensfreuden, und so erklärt sich auch das Bild. Es ist der gängige Mythos, der allen geistreichen Menschen bekannt ist, und der sich langfristig durchgesetzt hat – ausser auf gewissen Plakaten in Kreuzberg, Iran und Afghanistan.

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Daneben ist eine junge Dame mit Fez und Mandoline, die sich an Marmor lehnt und den Betrachter anschmachtet. Selbst wenn man die Ruine des Tempels oben rechts übersehen würde, so ist doch klar, dass wir hier ein typisches Motiv des Philhellenismus oder auch der Graecophilie sehen: Das Gemälde stammt aus dem Biedermeier metternichscher Prägung, als der Freiheitskampf der Griechen vielen Bürgern bei uns als Symbol für den Anspruch auf Selbstbestimmung galt. Man hatte ja sonst nichts, ausser Spitzeln und Pressezensur, und deshalb ist auch diese junge, sicher von Liebe und Freiheit singende Griechin für mich weiterhin ein bildungsbürgerliches Ideal. Ich bin zwar nicht mehr so hübsch, aber so freundlich, so schön meine ich aus Tradition singen zu wollen.

Ich habe bewusst die junge Griechin hier auf dem Schreibtisch, und nicht den grossen Türken aus Istanbul. Oder Hermann Josef Abs, Metternich, Bismarck, Hindenburg oder was es sonst noch so als deutsch-österreichische Ideale vergangener Zeiten gibt. Ich darf hier übrigens noch anmerken, dass die beiden griechischen Motive, auf den Fläche bezogen, die teuersten Stücke in der ganzen Wohnung sind, ganze Wagenladungen an Brüning-Büsten hätte man dafür bekommen: Götterporno und Philhellenismus sind immer noch Garanten für freudig abgeräumte Konten. Die Konkurrenz derer, die sich so eine Tradition in die Wohnung hängen wollen, ist ansonsten nur noch bei Rokokoportraits junger, hübscher Damen ähnlich gross. Hässliche, verkniffene Pfaffen, Theologenmütter, Winterlandschaften, Bankenvorstände, Staatsbeamte und röhrende Hirsche dagegen sind günstig zu bekommen, und da sind wir wieder bei der Eingangsfrage, ob nicht vielleicht doch jemand die neue Tradition Europas, die neue Heldengestalt haben will – eben einen Schäuble in Marmor?

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Ich frage das, weil ich allenthalben Texte lese, die den Deutschen ihren Philhellenismus streitig machen wollen. Man sollte sich doch, so meinen Autoren etwa der Springerpresse, die sich wie Karikaturen der feinen Germanenportraits aus „Asterix und die Goten“ benehmen, Schluss machen mit den überkommenen Vorstellungen und die Griechen so nüchtern betrachten wie ein Bilanzbuchhalter nach 27 Jahren Dienst in der Abrechnungsstelle C/7a. So, wie der Grieche endlich arbeiten soll, soll der Bildungsbürger ihm endlich jede Tradition absprechen und froh sein, in Deutschland zu leben, wo man – leider zwangsweise wegen Weltkrieg und Wehrmachtsbordellen – auch ohne Zeusmythen und Freiheitskampf die Gegenwart und ihre Herausforderungen beherrscht. Ausserdem werden Feministinnen zustimmen, die Sagenwelt und die griechische Antike sind die reinste Rape Culture. Griechenland, wird mir zu verstehen gegeben, ist nicht untrennbar mit der Geschichte verbunden. Also auf zu neuen Ufern, her mit einer Wirtschaftsregierung, mehr Integration, dann sind wir für die Herausforderung der Zukunft besser gerüstet. Und Porno kommt heute ohnehin vor allem aus den USA.

Diese Haltung berührt mich seltsam. Nicht, weil sie ganz falsch wäre – tatsächlich ist Kultur viel zu komplex, um sie an „den Griechen“ festzumachen, die ihre heute hoch geschätzte Vasenkunst als arme Schlucker im Töpferviertel Kerameikos im Akkord mit Göttersexszenen erpinselten. Die Haltung berührt mich seltsam, weil wir das in Europa auch schon mal erlebt haben, dieses Versprechen einer besseren Zukunft durch Abschied von bildungsbürgerlichen Idealen und Traditionen: Im Ostblock nämlich. Ich habe zufälligerweise im Nebenfach Klassische Archäologie studiert und kenne die Vorworte, die sich Wissenschaftler im Osten damals abringen mussten: Da wurde mit dem historischen Materialismus argumentiert und weinerlich begründet, warum man sich hier mit dieser Sklavenhaltergesellschaft nach Marx auseinander setzt. Nicht wegen dem Porno. Sondern nur, um zu erkennen, wie gut es doch heute unter dem Sozialismus ist. Ich fand solche geknechteten, unterjochten Wissenschaftler immer ganz schlimm, aber so waren eben die Vorgaben der Partei: Die Ideologie erklärte, wie man die Geschichte einzuordnen, zu kritisieren und zu verdammen hatte. Wäre ja noch schöner, wenn es da eine Alternative zum bestehenden System gäbe.

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Das Abhacken, Verachten und Verhöhnen von Traditionslinien, und mögen sie noch so fragwürdig sein, das Umdeuten der Geschichte, die Vernichtung der Herkunft, ist ein Leitmotiv totalitärer Strukturen. Der Islamische Staat zerstört nicht zufällig jene Museen, auf die die eroberten Landstriche stolz waren. Bei uns benutzt man abgewandelte Beispiele der griechischen Kultur, um sie zu verhöhnen. Es ist schon erstaunlich, wie viel Arbeit, Eifer, Boshaftigkeit und Wut gerade auch bei uns in das Abarbeiten an der Geschichte geht, und an jenen, denen man die Rolle der Kulturträger nicht zugestehen möchte. Das Grosse und das Menschliche, es darf keinesfalls stören, das muss alles ganz klein und unbedeutend werden vor der wahren historischen Mission, die man im untrennbaren Europa durchführen will.

Deshalb frage ich, ob man nicht vielleicht eine Schäublestatuenproduktion aufmachen will, am besten mit Gussmarmor und Hohlformen. Unter Bismarck war das ein profitables Geschäft bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, und es könnte sich unideologisch langfristig lohnen, denn auch vom Einmarsch in Prag bis zum Fall des Ostblocks gab es dort keinen Mangel bei der Nachfrage nach Leninstatuen. Und nachdem unsere Sache, wie ich lese, so viel besser ist und der böse Herr Krugman einfach nur einen Hass auf den guten Herrn Schäuble hat, wird der Westblock auch ohne Blick auf die Geschichte alles besser, noch richtiger und alternativloser machen. Also, schauen Sie sich ruhig einmal um, ob Sie nicht auch Platz für so eine Statue haben, die Ihre richtige Einstellung dokumentiert. In Zeiten der Vorratsdatenspeicherung gibt es dann sicher auch ein Luxusmodell mit der formschön eingebauter Überwachungsinfrastruktur. Nicht dass wir sie bräuchten., wo wir doch alles richtig machen – aber es ist gut, sie zu haben. Fragen Sie dann nicht. Kaufen Sie einfach.

16. Jul. 2015
von Don Alphonso
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13. Jul. 2015
von Don Alphonso
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Das ist ein Putsch gegen die alte BRD

Der Milliardär fordert die unumschränkte Freiheit, durch seine privaten Entschlüsse mit der Weltlage nach Gefallen zu schalten, ohne einen ethischen Maßstab als den des Erfolges. Er kämpft mit allen Mitteln des Kredits und der Spekulation den Gegner auf seinem Felde nieder. Der Trust ist sein Staat, seine Armee, und der politische Staat nicht viel mehr als sein Agent, den er mit Kriegen, wie dem spanischen und südafrikanischen, mit Verträgen und Friedensschlüssen beauftragt. Die Vertrustung der ganzen Welt ist das Endziel dieser echten Herrenmenschen.
Oswald Spengler, Preussentum und Sozialismus

Irland und Portugal. Das sind die beiden Länder der Eurozone, die in der Epoche des Zweiten Weltkriegs keine grösseren Probleme mit dem Vorgängerstaat der Bundesrepublik Deutschland und seinen Herrenmenschen hatten. Die Erfahrungen der anderen Nationen waren in höchstem Masse unerbaulich.

Es hat unendlich viel Arbeit im Grossen und Kleinen und viel Geld der USA gekostet, um nach 1945 mit den anderen Staaten Europas wieder so weit ins Reine zu kommen, dass sie sich auf eine Zusammenarbeit mit Deutschland eingelassen haben. Adenauer in Moskau, Brandt in Warschau, das sind nur die bekanntesten Beispiele dafür, wie man früher die Sache angepackt hat: Demütig. Überhaupt nicht als Herrenmensch. Und auch ein Helmut Kohl muss Maggie Thatcher dezent gefügig gemacht haben, die vor einem viertel Jahrhundert gegen die deutsche Wiedervereinigung arbeitete: Weil sie Angst vor zu viel Machtkonzentration in Berlin hatte. Man hat sie für ihre Ressentiments belächelt. Nach aussen hat man stets darauf geachtet, dass es schöne Erklärungen für die Geschichtsbücher gab. Adenauer und Brandt haben sich damit geschickt vermarktet, und sind vielleicht in besserer Erinnerung, als sie es verdient hätten. Aber die dezente äussere Erscheinung war in diesen historischen Momenten nicht unglaubwürdig.

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Das war nach der Wiedervereinigung keine Selbstverständlichkeit mehr. Das mussten jüngere Politiker erst wieder lernen. Mit Schmerzen. Ein gutes Beispiel sind die Verhandlungen über die „Entschädigung“ der bis dahin noch lebenden Zwangsarbeiter des Dritten Reiches. Da war Deutschland sehr nahe dran, weniger schöne Augenblicke für die Bücher zu fabrizieren. Damals wurde auf Zeit gespielt im Wissen, dass die Zeit für die Überlebenden ablief. Die deutschen Vertreter überzogen es, bis man in den betroffenen Ländern und überall, wo die Nazis waren und ausbeuteten, diesen weitgehend vergessenen Bereich aufarbeitete. Die Regierung Schröder/Fischer war dann so klug, den Nutzen weiterer Verzögerungen gegen den internationalen Schaden der Geschichte abzuwägen und einen Schritt zu tun, der vielleicht nicht ganz makellos ist, aber deutlich besser als, sagen wir mal

– ein Bild mit bewusst positiv aufgeladener Pickelhaube auf dem Kopf eines deutschen Regierungschefs.

– der es dann auch noch so weit treibt, dass in der New York Times steht, hier geschehe ein Staatsstreich gegen ein souveränes Land.

So etwas kommt in keinem Land, in dem die deutsche Wehrmacht hauste, gut an. Da gibt es nämlich neben Brandt und Adenauer noch ganz andere Erinnerungen an die Deutschen, so übel, dass daneben die hauseigenen Nazis und Kollaborateure wie Mussolini, Metaxas, Quisling, Horthy, Mosley und Franco wie Chorknaben wirken.

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Für Schröder und Fischer war es ein primäres Ziel, genau so einen Pickelhauben-Eindruck zu vermeiden. Sie wollten – unter deutlichem Druck – nicht wie die überlegene Wirtschaftsmacht erscheinen, die berechtigte Forderungen wegwischt, als wären es lästige, dreiste Bittsteller. Sie taten es, weil eine einsichtige und taktisch kluge BRD ganz andere Ziele zu erreichen in der Lage ist, als ein Pickelhauben tragendes Zerrbild eines autoritären Staates deutschen Wesens. Nach innen mögen Politiker wie Franz-Josef Strauss auch anders gepoltert haben. Nach aussen haben sich aber die meisten Politiker enorme Mühe gegeben und keine Kosten gescheut, um mit Wilhelm-Zwo-Preussen und Drittem Reich zu brechen. Dazu hat man das Goethe-Institut in die Welt geschickt und Städtepartnerschaften geschlossen – um mal ein Beispiel zu erzählen: Vor zwei Wochen habe ich von einem älteren Herrn in Schweinfurt ein französisches Rennrad gekauft. Er hat das vor 20 Jahren nur erworben, um damit mit einer Gruppe in die französische Partnerstadt zu radeln. Leute tun so etwas. Ohne Zwang, ohne finanziellen Profit, ohne offizielle Repräsentanten, ohne Hintergedanken. So war das in der BRD und in Europa.

Jetzt hat eine Boulevardzeitung Merkel mit einer Pickelhaube gekrönt und das europäische Volk lernt gerade, was „die heimliche Herrscherin Europas“ in der Realität bedeutet: Ultimaten, um überhaupt in Verhandlungen einzusteigen und Gesetze, die in Brüssel geschrieben werden, und in drei Tagen durch das Parlament der Griechen gebracht werden sollen. Nur um „Vertrauen herzustellen“. Wie demütigend die Verhandlungen dann selbst ausgehen, ist unklar.

Für geschichtsbewusste Deutsche ist es diesmal schwierig, eine formschöne Antwort zu finden, wenn andere Länder morgen Begriffe wie „Kanonenbootpolitik“ verwenden. Oder „Münchner Abkommen“. Oder daran erinnern, dass Anweisungen für zu erlassende Gesetze in anderen Ländern zumindest in Westeuropa aus gutem Grund nach 1945 nicht mehr üblich sind. Auslieferung von Vermögenswerten, Eingriffe in die Tarifautonomie und Sozialgesetzgebung sind, wenn ich an dieser Stelle daran erinnern darf, durch die Europapolitik der deutschen Besatzer nicht minder historisch kontaminiert. Natürlich geht es hier nicht um eine militärische Besatzung, sondern um die Rettung einer Gemeinschaftswährung, und es treten nicht nur die Deutschen brutal auf, sondern auch die Regierungen der früher auch nicht gerade deutschfeindlichen Finnen und Litauer. Und natürlich kann der Zweck in den Augen von Technokraten sogar solche Pickelhauben-Mittel für das grosse Ziel des Euro heiligen. Trotzdem: „Vertraut uns“, war das Credo der deutschen Europapolitik der letzten 70 Jahre. „Befolgt unsere Anweisungen, wenn ihr wollt, dass wir euch vertrauen“, ist das neue Motto, und leider ähnelt es dem, was davor unter dem Joch der Deutschen in Konflikten üblich war. Das deutsche „Nie wieder“ hat ein Kleingedrucktes mit Ausnahmen bekommen, heute Nacht in Brüssel, und es könnte von Oswald Spengler geschrieben sein.

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Zu diesem Zwecke hat die deutsche Nation eine Pickelhaube und einen Burgfrieden zwischen den grossen Parteien und Ultimaten und eigentlich unannehmbare Forderungen auf dem Balkan – die Völker Europas können es sich heraussuchen, zu welcher schrecklichen Epoche der deutschen Geschichte sie hier Ähnlichkeiten sehen wollen. Wir liefern sie en gros und en detail frei Haus und so, wie man das aus der Geschichte kennt: Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Gnade, ohne Grossmut, begleitet von Medien im „Serbien muss sterbien“-Stil. Wir achten weder die anderen noch auf das, was in den letzten 70 Jahren an Vertrauen zu unserem eigenen Nutzen mühsam aufgebaut wurde, um dem Kontinent unser Diktat aufzuzwingen. Niemand ist in Moskau mit Adenauer, niemand ist in Warschau mit Brandt so umgegangen, wie wir jetzt mit den Griechen umgehen.

Das ist nicht nur ein massiver Schaden für das in sieben Jahrzehnten aufgebaute Billionenprojekt des neuen Europa. Es ist nicht nur eine bittere Ironie für eine Gemeinschaft, die noch vor Kurzem den Friedensnobelpreis bekam. Es riecht nicht nur nach Napalm der zur Unkenntlichkeit verbrannten Ideale am Morgen. Für diese letzte Nacht in Brüssel werden die Griechen kurzfristig so oder so einen hohen Preis zahlen. Pleite oder Kapitulation und Protektorat, das ist unser Angebot an die Griechen, und für den Rest des Kontinents gibt es keinen Brandt auf Knien mehr, sondern Pickelhauben-Merkel.

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Es ist der Beginn einer neuen Epoche. Die alte war nett, angenehm und lieferte schöne Geschichten des Wohlstands für dieses Blog. Es war ein hübsches Europa für Tee und Kuchen und Gespräche über Thomas Mann. Niemand hatte die Absicht, über Oswald Spengler zu diskutieren. Wir sind gut damit gefahren, auch wenn es nicht immer ganz billig war. Es hat sich für uns langfristig gelohnt.

This is a coup. Das ist ein Putsch gegen Griechenland. Und gegen die alte BRD.

13. Jul. 2015
von Don Alphonso
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10. Jul. 2015
von Don Alphonso
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Österreichische Sklaven oder wie die CSU lernt, den griechischen Schuldenschnitt zu lieben

De gressdn Lumpn kemman vom nechsdn Doaf

Ins gleissend helle Licht unserer bayerisch-deutschen Geschichte tritt der Österreicher gegen Ende des 9. Jahrhunderts in Form des Ungarnsturms, der, aus dem Osten kommend, das schöne Bayernland und weniger wichtige Regionen überfällt, ausraubt, plündert, missbraucht und schändet. Ein halbes Jahrhundert müssen wir uns mit dieser Geissel der Zivilation herumschlagen – dann haben wir sie auf dem Lechfeld besiegt, vertrieben, im Anschluss daran in ihren finsteren Vorbalkan verfolgt und ihnen als Sklaven und Untertanen der Bayern die Kultur gebracht. Der Österreicher hätte also allen Grund gehabt, uns dankbar zu sein, aber nach seiner Entlassung in die Freiheit im 12. Jahrhundert hat er nicht aufgehört, Bayern zu piesaken. Keine Erbfolgekriege, keine Revolutionswirren, die die Horden dieses postungarischen Balkanvolkes das nicht als Vorwand missbrauchten hätten, und bei uns eingefallen wären. Und als wir ihnen in Zeiten der Aufklärung die Pockenimpfung bringen wollten, haben sie unter Andreas Hofer einen Volksaufstand gemacht, weil sie dachten, ohne Pocken wären sie nicht mehr so gottgefällig schön.

bierga

So sind sie, die Österreicher: Ex Oriente nix, gar nix. Ihre räuberische Natur kommt heute noch in Form des Pickerls zum Ausdruck, mit dem sie als Wegelagerer dem Bayern den Weg in seine Kolonie Gardasee erschweren. Das Verhältnis zwischen kulturbringenden Bayern und rückständigen Österreichern war also noch nie wirklich gut, und nicht von ungefähr lautet ein alter Spruch des Oberlandes „Lieber bayerisch sterben als österreichisch verderben“. Dass dann unsere Landesregierung auch noch den Österreichern – und hier wiederum den Kärntnern, die aufgrund ihrer Liebe zu Jörg Haider innerösterreichisch den Ruf der Österreicher unter Österreichern haben, – die Hypo Alpe Adria Bank abgekauft hat, war eine fatale Fehlentscheidung. Österreichs einzige sinnvolle Rolle in der Weltenmechanik liegt im Niemandsland und Pufferzone zwischen Bayern und dem Balkan. Wie kann man da nur eine Bank kaufen, die genau in diesem Balkan, wie man weiss, fragwürdigste Geschäfte macht?

Bayern ist diese Katastrophe im letzten Moment losgeworden, indem man die Österreicher so angesprochen hat, dass sie es verstehen: Indem man sie erpresst hat, die Bank wieder zu nehmen und mitsamt den restlichen maroden Banken dem Untergang entgegen zu taumeln. Teuer war der Spass, aber immerhin war es ein Spass, Österreicher beim Jammern zu hören, dass sie die Schulden der Bank nicht begleichen können und Kärnten mehr oder weniger bankrott sei. Schöne Antworten hätte man ihnen da geben können, im griechischen Stile: Sie hätten ja das ein oder andere Schloss verkaufen können, ihre weltweit zusammengerafften Kunstsammlungen oder auch den ein oder anderen Berg. Oder gleich das Burgenland, wo die SPÖ mit der FPÖ koaliert. Wir hatten über tausend Jahre Zeit, uns Forderungen einfallen zu lassen, wenn wir sie endlich mal auf Knien sehen: Die Abtretung von Salzburg etwa wäre auch keine schlechte Sache. Und die Autobahn an den Gardasee.

biergb

Natürlich wollte Österreich die Zeche prellen und keinen Pfifferling herausgeben, und so traf man sich vor Gericht. Es sah eigentlich ganz gut aus für Bayern, und unabhängig vom Ausgang hätte man der ganzen Finanzwelt auf Jahre bis zur letzten Instanz zeigen können, wie der Österreicher so ist, wenn es ans Zahlen geht. Fraglos hätte das dem Planeten vor Auge geführt, dass unsere Bayerische Sicht der Geschichte die richtige ist, weil wer zahlt, schafft an, und wenn sie gar nicht mehr hätten zahlen können, hätten wir biblisch geantwortet: Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben, und die Leibeigenschaft wieder eingeführt. So hätten sich die paar Milliarden gelohnt.

Statt dessen hat sich der Freistaat Bayern auf Verhandlungen eingelassen und auf die Hälfte der Forderungen verzichtet. Noch nicht einmal die Kärntner dürfen wir versklaven, und es gibt auch keine Garantie, dass die nächsten 77 Jahre nur Bayern das Wettlesen in Klagenfurt gewinnen dürfen.

Ich habe nachgerechnet: Dieser Milliardentribut kostet pro Bayern zweihundert Mark. Das sind hundert Euro oder 20 Mass Bier im Biergarten. Das schenken wir denen einfach so. Um Prozesse zu vermeiden, um das frostige Klima im Alpenraum zu verbessern. Nach tausend Jahren österreichischer Übergriffe stellt sich die CSU hin und wirft ihnen über eine Milliarde hinterher, als Dankeschön für all die Demütigungen. Der Zeitpunkt war wohl gerade günstig, die CSU poltert gegen Griechenland, da merkt das keiner, denken die, wenn sie einen 50-Prozent-Schuldenschnitt durchschmuggeln, als wäre es ein Hektoliter Strohrum vom Achensee für das Waldfest in Kreuth. Das muss man hier erst einmal verdauen. Daher auch der Strohrum.

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Auf der anderen Seite aber zeigt das: So eine Geste ist möglich, sogar gegen Österreicher. Und Kärntner. Nach all der Geschichte ist es auch für die gegen Griechenland so polternde CSU möglich. Was aber hat uns der Grieche getan? Der Grieche hat uns schöne Vasen und Statuen zukommen lassen, mit denen wir unsere Antikensammlungen gefüllt haben, die wir dann nie besuchen. Der Grieche hat uns nie überfallen, nur als Hilfstruppe war er bei den Belagerungen der Türken vor Wien dabei, aber das ist doch nichts, was man als Bayer nicht verstehen könnte. Ja, vielleicht hat das sogar die Österreicher etwas gestutzt, so dass sie eine Weile von uns ablassen mussten. Die Griechenliebe hat uns schöne Bauten in München geschenkt, die Walhalla ist ein griechischer Tempel, in der Residenz gibt es einen Herkulessaal, den wir auch nie besuchen, und die Säulen, die dieses Blog zieren, wurden dort entworfen. Es mag stimmen, dass das politische System der Griechen ganz massive Ähnlichkeiten mit dem hat, das man auch bei den Österreichern vorfindet, aber man muss auch einmal sagen, dass wir von den Griechen kulturell so profitiert haben, wie die Österreicher von uns hätten profitieren können.

Die Bildzeitung versteht das nicht, weil es mit Kultur zu tun hat. Aber wer einen Biergarten besucht, der merkt, dass das Volk die hundert Euro an die Österreicher schon verschmerzt hat. Ein ähnlicher Schuldenschnitt für Griechenland würde pro Person im schlimmsten Falle ungefähr 270 Euro kosten. Aber diesmal nicht nur die Bayern, sondern auch Schwaben, Frankfurter, Rheinländer und jede andere Art von Preussen. Auch die Österreicher müssten zahlen.

Da sehe ich eine gute Möglichkeit für die Staatspartei, aus dem bisherigen Kurs gegen die Griechen heraus zu kommen. Alles, was man braucht, ist eine grössere internationale Krise wie den Zusammenbruch der Aktienmärkte in China. Dann sind die Leute wieder froh, in Europa zu leben. Für die Verluste durch einen Schuldenschnitt haftet der Bund, und es wäre doch gelacht, wenn man das nicht als Grund nehmen könnte, warum wir erstens eine Maut für alle brauchen und zweitens Bayern weniger Bundesfinanzausgleich zahlen will. Das ist zwar hanebüchen und mindestens so dreist wie die Schummelei der Griechen beim Euroeintritt, aber es sichert hier wie dort den Machterhalt, und wir können uns das leisten wie den Apfelstrudel zur Nachspeise.

biergd

Die Österreicher dagegen werden gleich wieder das Geld los, das wir ihnen gaben, und das für ihre marode Bank draufgehen sollte. Das geht an die Griechen. Mit Zins und Zinseszins. Man darf so einen Schuldenschnitt nicht isoliert betrachten, man muss ihn ganzheitlich sehen und als guter Europäer überlegen, wem er am wenigsten schadet: Uns. Und wem am meisten:

….

Ich sehe da also durchaus eine gute Chance, dass die Bayerischen Staatsregierung über das Wochenende eine Wende einleiten kann, die ihnen beim Volke angesichts der nachbarschaftlichen Schuldenversklavung ganz sicher nicht schaden wird, und ich hätte dann gern die Rosenkranzmadonna von Caravaggio aus dem Kunsthistorischen Museum Wien für meine Küche, da ist nämlich noch etwas Platz. Das haben wir heute im Biergarten so besprochen und die P. wird das dem Seehofer, der keine drei Kilometer von hier wohnt, auch so darlegen.

10. Jul. 2015
von Don Alphonso
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03. Jul. 2015
von Despina Castiglione
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Alt und laut: Einstürzende Neubauten als museale Artefakte

Ein handelsübliches Abflussrohr ergibt in der Regel ein „e“

Das ist einer der Sätze, bei denen ich am vergangenen Samstag geschmunzelt habe, als ich ziemlich beeindruckt aus einer Menschenmenge im Haus der Kunst in München Richtung Bühne schaute.

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Wahrscheinlich bin ich relativ leicht zu beeindrucken und oft schon mit ganz einfachen Dingen zufrieden. Etwas Wind um die Nase und die Freiheit, mich auszuspinnen, sind mir viel lieber, als Status und Haltungsnoten. Spieltrieb geht mir vor Geltungsdrang. Experimentierfreude halte ich für ein Zeichen seelischer Gesundheit, den Exzess für ein urmenschliches Bedürfnis und das Hässliche für das notwendige Gegengewicht des Schönen. Es kann etwas durchaus unschön sein, und trotzdem sehr gut. Es ist dann vielleicht ein wenig unkomfortabel, aber die Welt ist nun mal nicht nur Wohlklang, Wahres und Schönes, ich kann da nicht helfen. Und ich lasse mich gerne begeistern, ich mag Menschen, auch wenn es nicht immer danach aussieht, auch, wenn sie mir manchmal beim besten Willen zu anstrengend sind. Anstrengend werden sie mir dann, wenn sie zu glatt, zu schön, zu perfekt sind. Ich mag die Brüche, die Dissonanzen, das menschliche Imperfekt.

Vermutlich sorgen diese Anteile meiner Persönlichkeitsstruktur mit dafür, dass ich als Hübschlerin ohne nennenswerte Ambitionen ganz gut durchs Leben komme, mich an Plastikblumen in billigen Stundenhotels nicht störe und die innere Zerrissenheit meiner Kunden mich nicht erschreckt, sondern anzieht. Für mich hat die Arbeit mit Menschen, die mir die Inkongruenz in ihrer Biographie, ihrem Selbstbild, der nach außen gekehrten Fassade zeigen, so unsagbar viel Reiz und Charme, dass ich mich kaum für eine Alternative erwärmen kann.

Besagte Persönlichkeitsanteile sorgen wahrscheinlich auch dafür, dass ich es manchmal gerne wild und ungestüm mag. Wenn es scheppert und rappelt, ist es meistens gut für mich. Schon immer gewesen. Funkenflug ist wunderbar, und eine der schönsten Arten von Luftbewegung ist, wenn mir von der Musik das Kleidchen flattert. Geht es zur Sache, geht mein Herz auf.

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Was mich durchaus mit einer gewissen Ambivalenz erfüllt. Es gibt Tage, da wünsche ich mir wenig sehnlicher, als ein Strickmuster, das es mir erlaubt, von 9 bis 5 ins Büro zu gehen, einen Mann mit Seitenscheitel und CSU-Ortsverbandsmitgliedschaft lieben, und ein Helene-Fischer-Konzert als kulturelles Highlight betrachten zu können.

Einfache Lösungen, die Flauschigkeit der eigenen Komfortzone, begrenzt von einem recht übersichtlichen Tellerrand. Ein Leben als vermeintlicher gesellschaftlicher Optimalfall. Stattdessen arbeite ich zu unmöglichen Zeiten mit den unmöglichsten Leuten, suche nach der Schnittmenge von schwarzem Block und Ordnungshütern, und gehe auf Konzerte, die andere Leute als Körperverletzung betrachten. Und wieder andere als Avantgarde. Und vermutlich haben beide Seiten ein bisschen recht mit ihrer Einschätzung.

Das jedenfalls dachte ich mir, als ich mutterseelenallein in einer Menschenmenge im Haus der Kunst zu München stand, um mir die Einstürzenden Neubauten anzusehen. Und anzuhören. Also das Gesamtkonstrukt erleben.

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Es ist etwa zwanzig Jahre her, dass ich zum ersten Mal mit dieser Musik in Berührung kam, und ich kann heute noch nicht sagen, was mich mehr gepackt hat: Blixa Bargelds Stimme, seine radikale Wortgewalt, oder die Brachialität der Gesamtperformance. Brachial, das trifft es hervorragend, sowohl konzeptionell als auch deskriptiv. Jedenfalls war ich schlagartig und nachhaltig angetan. Damals, und auch am Samstag.

„Schonungslos“ ist auch ein Wort, das mir einfällt, und „großartig“. Ja, auch „schön“, weil die Musik für mich mit Momenten verknüpft ist, weil sie sich durch meine Biographie zieht, weil ich darin Worte und Ausdruck gefunden habe und mich gesuhlt. Aber einfach „schön“, das wäre zu wenig. Und auch wirklich gelogen, denn rein akustisch lösen geprügelte Stahlplatten bei mir schon auch eher einen Fluchtreflex aus. Zumal ab einer gewissen Lautstärke.

Es braucht aber wohl, um die Zwischenräume leuchten zu lassen, das Hässliche, das Laute, Unangenehme als Gegengewicht. Das Gesamtkunstwerk entsteht nicht durch Negierung dessen, das zu negieren wir neigen, weil es unangenehm ist. Kunst braucht für mich schon auch ein Stück Unfähigkeit, Fehlbarkeit und Pathos. Vor dem Hintergrund der Mittelmäßigkeit wird Besonderes erkennbar, könnte man vielleicht sagen.

Besonders sind die Neubauten. Und laut. Unfassbar laut, habe ich das schon erwähnt?

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In der Dachkonstruktion des Westflügels des Hauses der Kunst finden sich Fensterelemente. Man kann, durchaus, man muss den Gedanken aber erst mal zulassen können, diese Konstruktion als Musikinstrument nutzen. Angst, dass einem das Ding auf den Kopf fällt, darf man sicher haben, aber: Keine Schönheit ohne Gefahr.

Wahrscheinlich muss man konsequent schalldruckorientiert arbeiten, aber dann funktioniert die Umwidmung eines Daches zur Klangerzeugung ganz hervorragend, und manche Frequenzen fahren durch Glas und Metall sehr eindrücklich durch die Magengrube in Richtung Stammhirn. Ziemlich beeindruckend, wenngleich natürlich in etwa das Gegenteil von Belcanto.

Dagegen nimmt sich die Flugzeugturbine, die anscheinend routinemäßig zum Einsatz kommt, fast schon bescheiden aus. Unprätentiöse Außergewöhnlichkeit, ihr Klang: zart, irrsinnig schön für meine Ohren, klirrend (aber ganz anders, als die Dachfenster), und ein wenig erschreckend. Erschreckend, weil völlig fremd. Ungehört in dieser Form. Normalerweise macht auf Flugzeugturbinen ja auch niemand Musik.

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Fast niemand.

Experimentierfreude, Töne zu suchen, fehl schlagen, vielleicht am eigenen, steigenden Anspruch scheitern, und am Ende dann machen, dass Schrott herzzerreißend schön klingt. Eine krude, außergewöhnliche und seltene Mischung aus Haltung und Geschmeidigkeit, braucht es wahrscheinlich, um das Konzept Einstürzende Neubauten 35 Jahre lang durchzuziehen, sich im Haus der Kunst auf eine Bühne zu stellen, und ganz souverän den Zusammenbruch, das in-sich-Zusammenstürzen, zu feiern. Und dabei gut auszusehen. Vielleicht nicht in Höchstform zu sein, aber deswegen nicht minder beeindruckend. Das ist eine Art Metakompetenz, der gelingende Versuch, zwei unvereinbare Gegensätze zu vereinen, indem man sie gleichermaßen vage und treffsicher verkörpert. Oder benennt. Wie gesagt, ich bin von der Sprache Bargelds absolut begeistert.

Ich werde mich deshalb nicht darin versuchen, zu beschreiben, wie unfassbar großartig ich das finde, was dieser Mann mit Worten macht. Nach zwanzig Jahren überrascht, beeindruckt und erfreut mich dieses Phänomen noch regelmäßig. Mehr, als entrückt grinsend und zufrieden nickend im Publikum zu stehen, kann ich da als Statement leider nicht bieten. Sie erleben mich sprachlos, auch angesichts der Setlist, die ich mir, hätte man mich vorab gefragt, genau so gewünscht hätte. „Greatest Hits“, angeblich ironisch, für mich auch sehr episch.

Das Publikum, überhaupt. Für Münchner Verhältnisse eine recht bunte Mischung, den Altersschnitt dürfte ich durchaus gesenkt haben. Die Achtziger habe ich in Windeln verbracht und bin zum Mauerfall mit dem Fahrrad im Kreis gefahren, die meisten Leute im Publikum dürften zu dieser Zeit mit anderen Dingen befasst gewesen sein. Und einige, ganz wenige, noch nicht geboren, was mich sehr gefreut hat. Generationenübergreifender Krawall als anerkannte Ausdrucksform fraglich arrivierter Sub-Kultur. Wie schön, wenn Sachverhalte sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Diversität ist super.

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Differenzierung auch. Deshalb, und weil ich als schüchternes Mauerblümchen mich nicht getraute, die Kamera zum Konzert mitzubringen und ungefragt Menschen zu fotografieren, habe ich mich gestern erneut auf den Weg gemacht, um mir die Ausstellung „Geniale Dilletanten“, in deren Rahmen das Konzert am vergangenen Samstag stattfand (und die Sie noch bis zum 11. Oktober diesen Jahres dort besuchen können), anzusehen. Einerseits empfand ich es als erstaunlich, in ein Museum zu gehen, um eine Zeit zu betrachten, zu der es mich schon gab, andererseits habe ich damals eben Sandburgen gebaut und niedlich ausgesehen. Mein „Wissen“ über das Lebensgefühl dieses Jahrzehnts ist theoretisch. Nicht nur, weil ich sicher in einem der konservativsten Elternhäuser dieser Dekade aufgewachsen bin. Das im Rückblick aufkommende Gefühl des sich genau-dagegen-Wendens hat die Ausstellung aber in mir angestoßen.

Die Ästhetik der Achtziger ist mir nicht fremd: polyesterbezogene Stühle, löchrige Jeans und toupiertes Haar sind Kindheitserinnerungen. Nicht nur, natürlich, aber auch an den seinerzeit schon recht regen Widerspruchsgeist von Klein-Despina, die mit kratzendem Matrosenkragen um den Hals auf dem Spielplatz die Dorfpunks beobachtet und sich dort viel mehr zuhause gefühlt hat, als in der Idylle des Neubaugebiets.

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Das Wort „Dorfpunk“ habe ich übrigens schon einige Zeit nicht mehr gehört, in einem der Filme zur Ausstellung taucht es auf. Widerspruchsgeist, der ich bin, habe ich den Film, der im Eingangsbereich der Ausstellung zu sehen ist erst angeschaut, bevor ich sie verlassen habe. Ihn anzusehen, bevor man das obere Stockwerk betritt, mag eine schöne Einstimmung sein auf das, was es dort zu sehen und hören gibt.

Das ist weit mehr als Einstürzende Neubauten, und viel, das ich noch nicht bewusst gehört und gesehen habe. Fotografien, natürlich. Malerei. Und viel Akustik. Ein weiterer Film, den ich nur in der Ecke stehend verfolgt habe, der Raum in plüschigem Rot wie damals das Kino, in dem ich die unendliche Geschichte angesehen habe. FSK ab 6. Da gab es auch eine Band, von der ich nichts wusste. Und schon bin ich am lesen, herummäandrieren, schauen. Jemand spricht über Gorbatschow. Mir fällt kein Politiker ein, der heutzutage einen auf einem kleinen „i“ endenden Kosenamen trüge. Ein mit Legosteinen gefüllter Kanister. Musik, die ich nur am Rande wahrnehme. Die Frisuren scheinen allmählich wieder in Mode zu kommen.

Nach knappen drei Stunden, die ich nicht alleine in den „Genialen Dilletanten“ verbracht habe, verlasse ich das Haus der Kunst und fühle mich ein bisschen als Punk.

03. Jul. 2015
von Despina Castiglione
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01. Jul. 2015
von Don Alphonso
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Die Entmietung des besten, nettesten und angenehmsten Menschen

Aus Gründen der sozialen Repression sind die Bilder aus der Würzburger Residenz.

Niemand auf diesem Erdenrund erfährt so viel Sympathie und liebevolle Darstellung in den Medien wie der entmietete Kreative, der der Gentrifizierung weichen muss, und angeblich hat das überhaupt nichts damit zu tun, dass wir da etwa einen Akt der finstersten Lobbyarbeit sehen: Natürlich sind die Autoren solcher Sozialschmonzetten selbst in prekären Mietverhältnissen und haben Angst, aus der Wohnlage, die ihre Anwesenheit trotz ihrer nicht normschönen Erscheinung erst so schick gemacht haben soll, wieder verdrängt zu werden. Sie haben ein Motiv, solche Geschichten zu schreiben, aber auch beste ethische Gründe, kaum schlechter als die zum Bau neuer Atomkraftwerke: Zuerst kommen Studenten und Kreative, dann Gutverdiener, dann Spekulanten aus München und letztlich diejenigen, die genau jenen Flair mit urinierten Matratzen am Strassenrand und Geschlechtsverkehr im Hausgang um 4 Uhr Morgens suchen, den sie nun aber selbst mit dickem Auto und dickem Scheck ruinieren.

entmieta

Heute Abend findet in Berlin wieder eine Lesung von Betroffenen statt, und weil ich da leider nicht teilnehmen kann – ich muss gerade die Hausabrechnung für meine Münchner Bestlagenliegenschaft machen – habe ich mir gedacht, ich schreibe hier mal ein Stück reine Fiktion. Ich kenne solche Geschichten zwar aus Regensburg, Nürnberg, München und vermutlich gibt es sie auch in Stuttgart und Baden-Baden. Ich will auch nicht ausschliessen, dass man in Leipzig ähnlich verfährt. Aber in Berlin habe ich so etwas in der Art nur einmal erlebt, und die betreffende junge Dame ist nicht kreativ, sondern bodenständig und aus Buxtehude, was mich erstaunt hat, denn früher dachte ich immer, dass man im Norden diesen Ort erfunden hätte, um Bayern zu tratzen. Buxtehude gibt es aber wirklich und das Mädchen auch, nur ist sie mit ihrem festen Einkommen nicht typisch für jenes Publikum, das in aller Regel bei solchen Lesungen mit der Flasche in der Hand erscheint. Aber man wird ja wohl noch von einer menschenfreundlichen Entmietung des besten, nettesten und angenehmsten Menschen, nämlich einem selbst, träumen dürfen. Erfinden wir also eine holde Maid Gerlinde, die aus welchen Gründen auch immer in Berlin gelandet ist. Stellen Sie sich also meine Wenigkeit gewaschen und im HAZMAT-Anzug – mein Klassismus ist ansteckend – auf einer Bühne im Reichshauptslum vor, wie ich da nicht nur den üblichen Jammer, sondern Erbauliches lese:

Gerlinde entmietet sich – eine unwahre Geschichte.

Es war einmal für sieben Jahren ein Slum, in dem es sehr billige Wohnungen zum kaufen gab. Dort lebte die holde Gerlinde von einer ganz ordentlichen Anstellung. Natürlich hat Gerlinde gelesen, dass es eine Gentrifizierung gibt. Sie hat es auch selbst gemerkt, als irgendwann der Brauch aufhörte, in die nächstbilligere Wohnung zu ziehen und die alte Nebenkostenabrechnung zu ignorieren, so wie das früher war. Irgendwann verschwanden diese billigeren Wohnungen, und plötzlich konnte man nicht mehr so einfach den Vermieterforderungen durch Wegzug entgehen. Das war so richtig doof. Sagten auch alle im Freundeskreis und wedelten mit ihren iPhones, auf denen der neueste Beitrag von Andrej Holm stand, der als Gentrifizierungsexperte herumgereicht wird.

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Allerdings stellte sich dann heraus, dass die erzwungene Begleichung von Nebenkostenschulden keinesfalls ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, und der Teil des Mietvertrages, der Schönheitsreparaturen verlangt, auch eingehalten werden muss. Gerlindes beste Freundin Dorte-Josepha etwa wurde vom Vermieter gezwungen, ihr phantastiches Wandbild beim Auszug zu entfernen, ja, zu zerstören. So geht man mit Student_Innen der UdK nicht um, aber auch die Androhung eines Vermieterwatchblogs hat nichts geholfen: eine drei mal fünf Meter grosse, aktionskünstlerisch angebrachte Vulva musste übermalt werden. Und weil Gerlinde damals half – ohne Kautionsrückzahlung hätte Dorte-Josepha wieder nach Greifswald ziehen müssen – machte sie sich beim Pinseln schon so ihre Gedanken. Zuerst kommen die Kreativen und ziehen gerechterweise in die Wohnungen der Alkis und Rentnerinnen, die sich das nach dem Tod des Mannes nicht mehr leisten können. So weit, so gut und moralisch richtig. Dann sind sie kreativ und nach ihnen kommen Mieter oder gar Käufer, die nicht mehr eine Vulva in Rosa-Violett mit den schärfsten Sprüchen von Laurie Penny und Jessica Valenti sehen wollen.

Dorte-Josepha zog weiter ins nördliche Neukölln, wo sie eine sozial bewegte WG in der ehemaligen Wohnung eines Migranten fand, der wegen der sinkenden Taxieinnahmen wegzog, wohin auch immer. Diese Ecke war jetzt plötzlich schick, und als Gerlinde nach der dritten Mieterhöhung selbst überlegte, ob das nicht etwas wäre, schaute sie bei Immowelt die Preise an. Virtuelles Wohnungsgucken. Was es da so alles gibt. Nur mal so interessehalber auch die Kaufangebote. Die schönen Mietwohnungen waren nach kürzester Zei weg, die Eigentumswohnungen dagegen waren noch da. Eine davon – unrestauriert, aber schon mit Heizung und vertretbarem Bad – war gut gelegen, recht gross, hatte einen Balkon und sah auch sonst nett aus. Und da kam Gerlinde dann die zündende Idee: Wenn da jetzt jeder Kreative hinzieht, geht das dort auch bald los mit der Gentrifizierung. Wo Leute wie sie mieten, kaufen dann später die Münchner.

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Warum also nicht einen Schritt voraus sein, dachte sie sich und rief testweise beim Makler an. Kaufen konnte sie die Wohnung zwar nicht, aber einmal anschauen, das kostet ja nichts. Die Wohnung war wirklich nett und hatte ein schönes Licht in den alten Fenstern, die Strasse war ruhig und dennoch nicht abgelegen, und auf dem Heimweg dachte sie an die Nebenkosten, als sie eine grölende Masse der Kotti-Mietstreikenden sah. Da fühlte sie sich mit ihrer Kaufidee einen Moment nicht gut, ja sogar schäbig. Aber nach den bisherigen Erfahrungen könnte sie dort mieten. Und wäre nach vier, fünf Jahren wieder verdrängt worden. Also fragte sie ganz vorsichtig bei ihren Eltern an. Die waren heilfroh, dass es nur um eine Wohnung und nicht ein Zweitstudium Genderforschung ging und sagten zu, eine Bürgschaft anzugehen, und ihr Vater freute sich, etwas Handwerkliches tun zu können. Ihre Oma gab ihr 20.000 sauer ersparte Euro. Und die Kreditbedingungen waren gar nicht so schlimm. Schlimmer waren die Ausfälle von Dorte-Josepha gegen das Schweinesystem der Vermieter und Wohnungskäufer, denn kaum hatte sich Gerlinde durch den Termin beim Notar gezittert, geriet auch schon die sozial bewegte WG in Bewegung und die immer noch Biokäse essende Hauptmieterin wehrte sich gegen den Zangsveganismus der anderen. Dorte-Josepha zog den Kürzeren und Gerlinde dankte ihrem Erzeuger, der gerade eine neue Badewanne einbaute – so kam ihre Freundin nicht auf die Idee, sich bei ihr einzuquartieren und eine Vulva ins Parkett zu schnitzen.

Natürlich taten die Schulden weh. Wenn jeden Monat die Bank einen gewissen Betrag haben will, kann man nicht mehr auf Dispolimit leben. Das erste Jahr war wegen Rückzahlungsbeträgen brutal, die andere mit leichter Hand für Gras und Tattoos ausgaben. Darunter litt auch Gerlindes Sozialleben, und wenn die anderen über Vermieter schimpften, log sie zwangsweise mit und tat so, als würde ihr die Wohnung nicht gehören. Tut sie auch nicht, dachte sie, sie gehört zu mehr als der Hälfte immer noch der Bank. Aber so ganz stimmte das auch nicht mehr: Die Preise zogen deutlich an, und weil sie sechs Wochen im Jahr auch heimlich an Touristen vermietete – und betete, dass es keiner ihrer Freunde merkte – konnte sie jährlich 4000 Euro mehr als erwartet zurückzahlen. Die Mitarbeit am Dorte-Josephas Internetmagazin „Re_Volt – Eure Krise ist unsere Chance“ fuhr sie deutlich zurück. Die Schulden zwangen sie, nicht mehr jedes unbezahlte Projekt mit einer Arbeit zu unterstützen, die andere selbstverständlich entlohnten. Und von ihrer Oma lernte sie das Kochen mit wenig Geld, anstelle der Adressen der neuesten Veganrestaurants.

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Ab und zu, mit grösser werdenden Abständen kamen Mails von Dorte-Josepha, die mittlerweile in Lichtenberg wohnte, ob sie nicht doch mal wieder Lust auf Aktionen hätte. Da wäre so eine Lesung im Wrangelkiez gegen Gentrifizierung. Gerlinde bekam aber auch eine Mail von Ferdinand. Ferdinands Eltern hatten überhaupt keine Lust, sich ihre Juristenfinger an der Gurgel eines Berliner Vermieters dreckig zu machen und hatten von Anfang an gekauft. Letzthin war sie bei ihm auf dem Balkon, und sie sprachen natürlich nicht über die Nebenkosten, sondern über die Immobilienpreise. Und dass sie eigentlich das Geschäft ihres Lebens gemacht hatte, indem sie nicht auf die Gentrifizierung gewartet hat, sondern sich gleich selbst entmietete. Ferdinand fand das gut. Das erinnerte ihn an die Hausfrauen daheim. Ihre Zielstrebigkeit imponierte ihm. Er hatte an diesem Abend Zeit und als Gerlinde mittelleichten Herzens Dorte-Josepha absagte, dachte sie eigentlich gar nicht an deren Schulden bei ihr, oder an die soziale Gerechtigkeit, sondern nur an den Wein, den Ferdinand aus Baden in Flaschen ohne Etikett bekam und das Glück, ihn an einem Ort zu trinken, den man hat, und dem einen keiner mehr nehmen kann. Was weisst denn Du eigentlich, höhnte dagegen Gerlindes Unterbewusstsein in Richtung Dorte-Josepha, Gentrifizierung und Entmietung sind super, wenn man es richtig macht – dann hat man auch einen schönen Sommerabend statt einer Lesung mit beleidigten Sozialjournalisten und Mietervolksbegehren. Gerlinde sagte dem Unterbewussten, es sollte jetzt still sein, so etwas sagt man nicht. Und schreiben erst recht nicht. Weder an Dorte-Josepha noch in der Süddeutschen Zeitung mit ihrem Themenschwerpunkt Gentrifizierung.

Natürlich wird sie einst die gerechte Strafe treffen. Wenn die Weltrevolution kommt. Und Dorte-Josepha kann ihr nicht helfen, denn wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie bei aktuellen Gentrifizierungsgeschwindigkeit zu diesem Zeitpunkt im Sternbild der Jungfrau.

01. Jul. 2015
von Don Alphonso
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26. Jun. 2015
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Bundesjugendspiele gewinnen und abschaffen

Leid fressds ois zwam, mia lebm nimma lang
Bayerische Volksweise

Alt ist er geworden, noch etwas älter als die meisten. Deutlich älter. Alt wurden wir schliesslich alle, aber beim P. fällt es wirklich auf, wenn man ihn von früher kennt. Ich kann den Gedanken nicht unterdrücken, jetzt, wo der P. vor mir steht. Alt und behäbig, in der Schlange beim Käsewagen auf dem Wochenmarkt steht also, leutselig, gealtert und freundlich, der schlanke, ranke P. von damals in einem Gefängnis aus reichlich Fleisch, und sieht gar nicht mehr so aus, als würde er um mich herum dribbeln und mit Leichtigkeit aufs Tor schiessen können. So wie früher. Damals, in der achten Klasse. In Bayern. Wo die Fähigkeit, unsportliche Leute umdribbeln zu können, sehr viel mit dem Prestige in der Klasse zu tun hat.

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Schulsport habe ich gehasst. Sport ist immer so eine Neigungssache, und die Kinder vom Dorf, deren Eltern sie selbstverständlich im Dreck spielen liessen, standen erst als Ministranten in der Kirche und traten danach die Dorfjugend des Nachbarkaffs beim Fussschienbeinkicken ins Krankenhaus. Meine Eltern achteten bei ihrem Nachwuchs, den damaligen Vorgaben entsprechend, auf grösste Reinlichkeit, mit dem Ergebnis, dass ich seit dem vierten Lebensjahr Heuschnupfen in seiner schlimmsten Form habe. Wenn es dann nach den Wintern warm genug für Fussball in der Schule war, stürmte die Dorfjugend mit dem ganzen Ungestüm der erlittenen Demütigungen im Deutschunterricht heran, und sich ihnen in den Weg stellen, zumal man selbst allenfalls japsen konnte, war keine so gute Idee. Ein Bekannter, der im Tor stehen musste, meinte einmal, seine Hände heben zu müssen, als ein anderer einen Meter vor ihm abzog. Dem sind dann vier Finger gebrochen.

Ich kann mich beim besten Willen nicht an rücksichtsvolles Verhalten beim Schulsport erinnern. Auch von meiner Seite aus nicht. Denn Skifahren konnte ich wie eine Wildsau, das war mein Element, und da gab es dann endlich die Gelegenheit, es denen heimzuzahlen. Mit all der Erfahrung eines Jungen, den sein Leistungsskilehreronkel durch jede Waldschneise von Pertisau bis Chamonix getrieben hat, wusste ich genau, wie man die Dorfjugend von der Buckelpiste in die Botanik abgehen lässt. Ausbremsen, reinwedeln, schneiden, wegstossen, sich freuen, wenn es einen von denen im Wald derbröselt – es war Bayern in den frühen Achtziger Jahren. Helme gab es damals nicht. Alles unter einem Knochenbruch galt da nicht erwähnenswert. Dafür schlug mir dann einer im Sommer den Hockeyschläger über den Kopf. Und aus diesem Geiste heraus waren auch die Bundesjugendspiele bei uns geboren.

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Ich habe mir gerade mal die Website der Spiele, die jetzt per Petition abgeschafft werden sollen, angeschaut und kann sagen: Ganz ehrlich, bei uns war das wirklich keine inklusive Mimimi-Veranstaltung, wo jeder noch so Lahme und Kaputte irgendwie mitgenommen wurde. Die Dorfjugend gewann erwartungsgemäss. Ein paar fürsorgende Eltern hatten ihre Kinder ohnehin gleich lieber krank geschrieben. Leute wie ich hechelten hinterher, übertraten beim Weitsprung dreimal, schmissen irgendwas irgendwohin, und der Direktor, der unsere Schule als eine bayern- und damit deutschlandweit führende Kaderschmiede der technischen Berufe positionierte, räumte dem Klimbim auch nur so wenig Zeit wie irgend möglich ein. Wichtiger war, dass wir wussten, wie sicher die Kernkraft ist und welche Wunderwelt sich hinter Zahlen verbirgt. Das waren für mich auch so Mysterien wie der Schulsport.

Offen gesagt habe ich allenfalls sehr schemenhafte Erinnerungen an diese Spiele, und sie stechen keinesfalls besonders traumatisch aus dem restlichen Sportunterricht heraus, den ich halt mitmachte, weil das Motto bei uns generell „Marschier oder stirb“ war. Ausserdem bekam ich trotzdem eine Ehrenurkunde – leicht gefälscht, aber bestens gemacht von meinem Waldschneisen- und Botanikschubsonkel, und da lernte ich auch die Bedeutung des Clans kennen. Ansonsten galt: Wer nicht mitkommt, ist draussen. Besondere Programme zur Kindsrettung gab es in keinem Fach, statt dessen Lehrer, die schon am Anfang des Schuljahres verkündeten, wer am Ende durchfallen würde. Noch so ein richtiges Bayerisches Abitur, auf das sich ältere Politiker so viel einbilden. Nach meiner Meinung war die Plackerei mit all den Psychopathen nichts, worauf man stolz sein konnte. Im Altbau jedoch gab es im Treppenhaus eine grosse, schwarze Tafel, und auf der waren all die Namen und Todesdaten der Schüler und Lehrer verzeichnet, die im Ersten Weltkrieg gestorben sind. Das waren sehr viele. Und immer nach dem Sport dachte ich mir dann: Da sieht man, wie es endet, wenn man zu den Schnellsten und körperlich Überlegenen gehört.

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Um mir den Abiturschnitt nicht zu ruinieren, habe ich dann Sport in rechtzeitig per grossfamiliär-ärztlicher Verfügung abgelegt, und bin lieber meinen wahren Neigungen zu Büchern nachgegangen. Mit dem Abitur begannen die meisten Sportler mit dem Rauchen und danach, beim Bund, auch mit dem Saufen. Ich war untauglich. Zivilist ist ein Sport, den ich immer gern betrieben habe. Woran ich mich sehr genau erinnere, war der Sommer nach dem Abitur, und meine morgendlichen Rennradfahrten ins Altmühltal, durch das jene Flugzeuge rasten, die mancher meiner Klassenkameraden beim Bund gern geflogen wäre. Ich war damals sehr frei. Die anderen marschierten mit Rucksäcken in Uniformen und erzählten am Wochenende Schreckliches. Selbst für die immerhin zum Abitur gelangte Dorfjugend war so ein Spiess mit Hauptschulabschluss eine traumatische Erfahrung. Rücksichten hat angesichts des drohenden Russen keiner genommen. Was ich damit sagen will: Auch für einen Kreismeister der A-Jugend kann körperliche Betätigung traumatisch werden. Es gab Fahnenfluchten und Einweisungen in die Psychiatrie, einige wirklich schwere Unfälle und noch mehr Alkohol: Habt Euch nicht so, möchte ich fast den Müttern der Aktion Bundesjugendspieleweg zurufen. Es gibt Schlimmeres.

Der P. und ich, wir haben uns lange nicht gesehen, aber wir wissen grob, was der andere macht. Er ist bei der grossen Firma und beschäftigt sich mit Hinterradaufhängung, und ich war in Italien. Beruflich, kein Vergnügen natürlich, so schön habe ich es auch nicht, im Gegenteil. Da war so ein Radrennen über Geröll in der Toskana, auf alten Rädern, aus der Zeit unseres Abiturs oder älter, 2000 Höhenmeter, da fuhr ich mit.

Er könnte so etwas ja nicht, er hat es im Rücken.

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Er war einer von den Sportlichen, aber keiner von den Hinterfotzigen – ich gebe es zu, das ist eine eher seltene Kombination gewesen. Ein feiner Kerl, und sicher auch ein guter Vater seiner Kinder. Übergewichtig, zu lange nichts mehr gemacht, aber was soll man mit Rücken auch tun, zumal die Arbeit auch ihren Tribut fordert

Alle Männer müssen sterben.

Es gibt da einen netten Spruch, den sage ich dann immer: „Sportler leben nicht länger, sie sterben nur gesünder“. Es ist keine Frage, P. hat ein erhöhtes Todesrisiko durch zivilisationsbedingte Verhaltensmuster der Unbeweglichkeit. Und bei mir darf, wenn ich auf dem Rad mit Tempo 90 das Penser Joch hinunter rase, keine Speiche brechen, sonst ist es aus. Seit einigen Jahren greift auch nach meiner Generation unbarmherzig die kalte Hand des Todes, aber niemand kennt Ort und Stunde. Heute mache ich das, was all die Cracks von damals nicht mehr könnten. Die Bundesjugendspiele bringen einem nur bei, in festgelegten Sportarten besser als andere zu sein. Sie erzählen einem nichts über den guten Umgang mit sich selbst und der Balance, die das gute Leben ausmacht. Sie halten vermutlich ein paar Apparatschiks in Lohn und Brot und kommen wie die Grippewelle. Sie schicken Leute auf die Aschenbahn, machen eine Momentaufnahme mit Sieg und Niederlage, und fragen seit all den Jahrzehnten nicht, wie man das Leben langfristig besser macht. Aber das tun Germanys next Top Model und all die anderen Leistungsfetischveranstaltungen auch nicht. Wie man am besten durch das Dasein marschiert, mit einem frohen Lied auf den Lippen und ohne zu sterben, muss jeder selbst lernen. Ein Onkel, der einem eine Urkunde fälscht und ein Arzt in der Verwandtschaft, der das Attest schreibt, sind natürlich hilfreich und individuell eine sehr elegante Art der Abschaffung von Bundesjugendspielen.

26. Jun. 2015
von Don Alphonso
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23. Jun. 2015
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Es gibt keine falsche FDP in der richtigen Oligarchie

Diesen Beitrag widme ich aus Gründen dem Rottach-Egerner Lokalprominenten und einzigartigen Justizentgeher Alexander Schalck-Golodkowski

Vor etwas mehr als 27 Jahren marschierte die Deutsche Demokratische Republik in den Westen ein, wie wir wissen, mit dem Schlachtruf „Wir sind das Volk, und wenn die D-Mark nicht kommt, kommen wir zu ihr“. Die deutschen, demokratischen Republikbewohner entschieden sich also ganz bewusst für die Freuden der im Westen herrschenden Oligarchie, die sie aus den TV-Geräten kannten, traten als Bundesländer beim und übernahmen dann langsam, aber zäh selbst die Schlüsselposten der Bundesrepublik Deutschland. Bei der Gelegenheit verzichtete man auch aus guten Gründen darauf, die ganze Veranstaltung als „Demokratisch“ zu bezeichnen. Als Republikaner sind wir gebunden, als Menschen dagegen hübsch ungleich und egal, wer seitdem an der Regierung war: Unsereins in den guten Lagen ging es jedesmal etwas besser. Regierungen kamen und gingen, Sparpakete wurden beschlossen, aber an den oligarchischen Grundfesten hat niemand je gerüttelt. Das hier ist so eine Oligarchenvilla, allerdings in Brescia, wo die Mille Miglia startet.

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Dieses Nichtrütteln kann man betreiben wie Rot-Grün, indem man Börsen bis zum NEMAX-Crash liberalisiert und dennoch nichts fürchten muss, weil durch HartzIV genug Geld da ist, die Folgen zu dämpfen. Man kann es wie die Merkel-Kabinette machen, denen es gelang, aus einer fundamentalen und wirklich teuren Anlagekrise der Reichen für genau diese Reichen einen Immobilienboom zu schaffen, und die Börsen wieder hochzupäppeln – mit ein paar brutalen Nebenwirkungen für Resteuropa in der sog. „Finanzkrise“, aber Oligarchie ist für die Leibeigenen nun mal aus Prinzip kein Zuckerschlecken. Im Grundgesetz mag etwas anderes stehen, ja gar etwas von Gleichheit, aber die Krisen treffen immer nur Leute, die man gar nicht kennt, und der Aufschwung kommt stets oben an. Keine Ahnung, wie die das in Berlin machen, aber ich kann bestätigen: Es funktioniert. Wie ein perfekt gewarteter Motor eines Oldtimers, bei dem ein Multimillionär keine Kosten scheut, wenn es um Gunstbeweise für Freunde geht.

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Und da spielt es auch keine Rolle, ob die FDP etwas zu melden hat, oder nur Geldnot meldet. So wie sie das nach ihrem Ende als Partei im Bundestag tun muss, weil es da – Ältere werden sich vielleicht erinnern – ein paar praktische Probleme mit der Oligarchieumsetzung gab. Einen vom Geheimdienst transportieren Teppich, eine Dirndlbemerkung eines alten Herrn, einen Ausflug in die römische Dekadenz, eine Hotelier-Parteispende, einen Putsch angesichts des drohenden Niedergangs und eine Leihstimmenkampagne, die nach hinten los ging, sowie Konkurrenz durch die AfD. Es war eine schlechte Zeit für eine Partei, die sich offen wie keine andere zu den wahren Zielen unserer oligarchischen Gesellschaftsordnung bekannte. Aber Ehrlichkeit wird nicht belohnt, und auch so mancher Leser wird gegen meine Interpretation der jüngeren Geschichte protestieren. Oh, schauen Sie mal, ein seltener O.M. mit Startnummer Eins, ganz vorne bei der Mille Miglia.

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Was wollte ich… ach so. Ja. Das sind, werden Sie sagen, bei der FDP doch alte Geschichten. Die Partei hat jetzt Zeit, sich als neue Kraft des Liberalismus zu formieren. Sie hat eine herbe Niederlage kassiert, und jetzt weiss sie, was sie nie wieder tun darf. Sie hat die Gelegenheit, bundespolitisch einen Schnitt zu machen und einen Neuanfang zu schaffen. Weg von der Partei der Besserverdienenden, was ohnehin, wenn ich das hinzufügen darf, ein idiotischer Begriff ist. Wer meint, besser verdienen zu müssen, um in der Oligarchie mitspielen zu können, hat das System nicht begriffen: Geld verdienen kann jeder. Es geht doch wirklich nur um den Besitz, für den man nichts tut, der sich einfach irgendwie einstellt. Nur so geht Oligarchie, das Emporkommen von Ver-Dienenden nennt man Ochlokratie. Aber wie auch immer, der Liberalismus liegt wohl etwas brach, und da wäre es doch fein, wenn nun mit neuem Geist und viel Demut von der FDP bewiesen wird, dass man gelernt hat. Und hat nicht der neue Parteichef gerade seine Mitglieder zum Notopfer aufgerufen? Vielleicht geht denen jetzt ein Licht auf, wie wichtig Solidarität ist. Hoch. Die. Internationale. Solidarität. Schauen Sie, noch ein knallroter O.M.. So einer kostete letztes Jahr bei einer Bonhams-Auktion 2 Millionen US-Dollar.

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Die O.M.s dürfen wegen ihrer frühen Siege bei der Mille Miglia vorne voraus fahren. Das Exemplar mit der Startnummer Eins ist oft dabei, es gehört einem vermögenden Hamburger. Da hat man also die wartenden, angespannten Massen, und dann rauscht so ein roter Wagen heran. Da sind die Italiener natürlich begeistert, so begeistert, wie es viele meiner Bekannten gerade über die FDP-Politikerin Leutheusser-Schnarrenberger sind. Denn die hat in den Jahren der letzten Koalition dafür gesorgt, dass die Vorratsdatenspeicherung nicht mehr kam. Zurecht, wo doch das Vefassungsgericht diese von SPD und CDU beschlossene Massnahme als verfassungswidrig verurteilte. An diese Frau erinnert man sich wieder gerne. Gleichzeitig ist die SPD mit ihrem neuerlichen Ja zum neuen Versuch der Verfassungwidrigkeit und zum TTIP auf dem besten Weg, dort zu landen, wo FDP und ihre griechischen Kollegen von der PASOK schon sind. Beschliessen kann man viel, aber wie soll man mit der Beliebtheit eines betrunkenen Robbenbabytotschägers gewählt werden? Auch Sie wollen jetzt vermutlich nicht das Gesicht von Sigmar Gabriel sehen, daher kommt hier nochmal der O.M. mit der Startnummer Eins, frisch zurück aus Rom, wo die späte Dekadenz zuhause ist.

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Und mit dem Mann auf dem Beifahrersitz.

Den kennen Sie übrigens.

Zwar steht in der Startliste hinter seinem Namen ein CH für Schweiz, aber da arbeitet er nur, wie auch manch andere. Er ist Deutscher. Deutscher Ex-Politiker. Und Ex-Parteichef. Es gibt auch keinen Anlass, warum ein Ex-Politiker nicht hier mitfahren sollte, im Auto eines wohlhabenden Hamburgers. Besonders, wo er doch jetzt beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos arbeitet, und nicht mehr zum Wohl der Bundesoligarchie Deutschland. Sein Name ist Philipp Rösler, und hier braust er im O.M. besser durch Italien als weiland die FDP durch der Krise. Vielleicht erinnert sich noch mancher an den Wahlabend mit diesem Herrn: Gar kein Vergleich zu diesen schönen Bildern, wo er gelöst und heiter durch Italien fährt. Seine Änderungen am Armutsbericht als Wirtschaftsminister begründete er damit, dass es Deutschland so gut wie nie zuvor gehe. Und nachdem die Teilnahme hier – wenn man einen derartigen Wagen nicht selbst kaufen muss – immer noch 7000 Euro plus Mehrwertsteuer für das Zweierteam kostet, muss man ihm Recht geben: Diesem Deutschland der Oligarchen geht es blendend. Wrummmm, donnert der Motor, und grinsend fliegt einer vorbei, den viele angesichts der lieben, liberalen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger schon vergessen haben. Aber er selbst hat ein feines Wochenende in Italien.

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Und zwar exakt an jenem Wochenende, da der neue Parteichef die Mitglieder um Geld für die ramponierte Partei anbetteln musste. Da hat so eine Sause durch das schönste Land der Welt in einem Millionenautos für ein paar tausend hart verdiente Euro schon eine gewisse Grösse für so einen jungen, talentierten Mann wie Herrn Rösler. Das ist nicht das demütige Bitten einer Partei, die Geschäftsstellen schliessen muss: Das ist die ganz grosse Geste. Italien geht es dreckig, aber der Mann, der als Vizekanzler der führenden Oligarchie die Sparzwänge mit getragen hat, fährt ganz vorne mit, grinst über die Windschutzscheibe und nimmt die Huldigungen der Italiener entgegen. Ganz klein steht sein Name auf dem Auto, er ist so schnell vorbei, da merkt keiner, welcher Verantwortliche und Austeritätsprediger da kommt, vorbeisaust und in einer Wolke aus Staub und blauen Abgasen verschwindet: Es geht ihm gut. Das Leben ist schön. Die Oligarchie sorgt für ihre Helfer. Und für die Abgase für den Rest. Im Hintergrund sehen Sie einen Stand der Neofaschisten, die in dieser Krise in Italien und angesichts der Zwänge aus Deutschland bestens gedeihen.

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Rösler macht keinen Hehl aus seinem Treiben, das steht auch im Manager Magazin. Da ist kein Falsch und keine Täuschung wie bei Heiko Maas, der auf Geheiss von Gabriel umfallen musste. Da ist kein hündisches Ankriechen eines geprügelten Köters wie beim SPD-Parteikonvent. Rösler gibt Vollgas, kein Blick zurück, die Strasse ist frei für ihn, und genau so muss man sich auch seine Partei vorstellen, die jetzt wieder Morgenluft ahnt. Ein paar alte Einzelkämpfer für Bürgerrechte wie Gerhart Baum, und ganz viele Junge, die auch mal sehen wollen, was alles geht. Schnell wollen sie sein, so schnell, dass die Zuschauer gar nicht begreifen, was da wirklich auf sie zu kommt. Der lächelnde, gut versorgte Mann, der die Probleme anderen überlässt und Spass mit seinen Privilegien hat: Das, sage ich als Profiteur der Oligarchie, war die FDP. Ob das neue Leitbild der Partei nun der alte, ehrenwerte Herr Baum ist, oder die Aussicht auf so ein Leben – diese Entscheidung ist einfach, wenn meine Analyse der Gesellschaftsform stimmt.

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Wer aber meint, dass es etwas unpassend ist, wenn so einer mit seiner Vorgeschichte so auftritt, sollte er nach meiner Auffassung vielleicht doch etwas mehr tun, als nur alle vier Jahre sein Kreuzerl machen und hoffen, dass die FDP etwas gelernt hat. Mir persönlich ist es egal. Es gibt keine falsche FDP in einer richtigen Oligarchie. Ich kenne das Spiel, die Startnummer Eins und deren Fahrer, und ich achte stets in zarter Fürsorge um den Seelenfrieden der Leser darauf, dass die wirklich fragwürdigen Motive normalerweise nicht den Weg in die Zeitung finden.

23. Jun. 2015
von Don Alphonso
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17. Jun. 2015
von Don Alphonso
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Die Totalitären kommen

הבה נרננה ונשמחה

Ich wohne in Mantua sehr idyllisch. Gegenüber von der Altstadt, am See. Es gibt hier einige sehr hübsche, kleine Villen. Eine davon wurde vor Kurzem ein Raub der Flammen.

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So würde ich das vielleicht formulieren, wenn das hier der Polizeibericht wäre. Ich kann auch berichten, dass das Feuer von Einbrechern vorsätzlich gelegt wurde. Privat möchte ich noch anmerken, dass hier der Lebenstraum eines alten Mannes vernichtet wurde, der sich all die Jahre liebevoll um Haus und Garten kümmerte. Ich weiss das, denn er ist mein Nachbar. Vor zwei Jahren hat er ein Rennrad verkauft, das mir leider etwas zu klein war. Ein netter Herr. Jetzt sind sie dort eingebrochen und haben, entweder weil es dort nichts zu holen gab, oder um Spuren zu verwischen, das Haus angezündet. Innen ist es weitgehend ausgebrannt. Es war ein sehr schönes, kleines Sommerhaus mit einem pittoresken Garten. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es in den Medien Vorgaben, die Herkunft der Täter nicht zu veröffentlichen. Und so ein abgebranntes Privathaus ist natürlich kein Fanal wie ein brennendes Asylbewerberheim.

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Meine Freundin, bei der ich meine Wohnung miete, staucht mich immer zusammen, wenn ich ein Rad in der Nacht draussen hinter dem Haus stehen lasse. Ich amüsierte mich früher über den Türrahmen und die fünf massiven Stahlriegel, hinter denen ich mich einschliessen sollte. Das hat sich etwas geändert, als ich in Brescia Opfer eines Raubversuchs wurde. Ein Herr afrikanischen Ursprungs sprach mich an, und während er auf mich einredete und herumfuchtelte, holte er mit einem Bein aus und versuchte gleichzeitig, mir ein Bein wegzutreten und in mein Sakko zu greifen. Ich bin flink und sportlich und hatte so etwas geahnt, und er trat ins Leere. Aber seitdem frage ich mich schon, was passiert wäre, wenn er sich meine Mutter dafür herausgesucht hätte. Ob er sie getroffen hätte, und ich mich nun seit Jahren um das kümmern müsste, was die Statistik als „Pflegefall“ bezeichnet. So ein Raub geht ganz schnell, trotzdem dominiert das seitdem meinen Eindruck einer ganzen Stadt. Wie viele Menschen der Mann wohl ins Krankenhaus getreten hat? Ganz offen, ich würde ihn mir lieber in einem Auffanglager in der Sahara als in Brescia wünschen. Das ist meine Meinung. Sie ist vielleicht nicht schön, aber so ist es eben.

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Ich weiss natürlich, dass so etwas überall passieren kann. Meine Freundin reagierte auch entsetzt, als ich einmal einem Bettler aus Afrika etwas gab und dabei zu offen meine Geldbörse zeigte. Das sei geradezu eine Einladung für einen Raub. Vielleicht muss ich jetzt noch erzählen, dass sie hier auf dem Land Theater zusammen mit Politikern der Rifondazione Communista macht, aber auch bei denen sieht man keine Schilder mit der Aufschrift „Refugees welcome“. Das kann sich hier niemand leisten, denn das, was die Leute hier speziell von der Migration aus Afrika mitbekommen, sind neben den Händlern mit Fälschungen die organisierten Banden, die jedesmal mit den Märkten auftreten. In Italien muss man auch dort kleine Nummern ziehen und dann in einer Schlange geduldig warten, bis man dran ist. Diese Schlangen werden dann richtiggehend gemolken. Man wird buchstäblich angehauen. Vollkommen distanzlos, penetrant und wenn man Pech hat, an jedem Stand. Das ist ein Problem. Das ist die Alltagserfahrung mit Migration, und sie ist schwer erträglich. Aber die jungen Männer, die das machen und sich dabei hauptsächlich an Frauen halten, sehen nicht so aus, als ob man sich mit ihnen anlegen sollte.

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Es sei denn, man ist dieser Herr hier. Dieser Herr hat eine kaputte Biographie: Er hat sein Studium geschmissen und sich von seiner Frau getrennt. Das ist in so jungen Jahren schon ziemlich schädigend für einen Politiker, und dann läuft er auch noch so rum: Räuberbart, Hoodie, Ohrring. Dieser Mann sieht überhaupt nicht aus wie die Kelten, auf die sich die rechtsradikale Lega Nord lange als Vorfahren berufen hat, er ist dem Tuco aus Sergio Leones Western „The Good, the bad and the ugly“ wie aus dem Gesicht geschnitten. Er könnte einer der Schergen Peppones sein, und hat sogar mal für die Kommunisten kandidiert. Er hat etwas ganz Unerhörtes getan: Als der Papst den Umgang mit den Lampedusa-Flüchtlingen anprangerte, kuschten die anderen Politiker. In Italien ist der Papst eine unangreifbare Instanz. Aber dieser Mann fuhr den Papst derb an, er sollte sich da raushalten. Dieser Mann hat es nicht nur geschafft, die von Skandalen zerrissene Lega Nord wieder aufzubauen. Er hat es geschafft, sie auch im Süden des Landes auszubauen, und momentan nimmt er den Resten der Berlusconiparteien mit dem Thema der Flüchtlinge Wähler, Kandidaten und Kader ab. Sein Name ist Matteo Salvini, und er ist der Chef der Lega Nord. Er fordert, die Lager von Sinti und Roma mit dem Bulldozer einzuebnen und bekam in meiner Drittheimat mit seinem Bündnis jede fünfte Stimme bei den letzten Wahlen. In Verona, wo ich früher war, regiert die Lega unangefochten. Weil sie nicht nur vom Vertreiben gesprochen hat, sondern das auch durchzog; Gegen Prostituierte, gegen Migranten, gegen Arme. Verona ist in dieser Hinsicht eine politische Dystopie, ein Labor für demokratisch legitimierte Ausgrenzung.

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Aber selbst Salvini differenziert. Man kann Salvini nicht pauschal als Ausländerfeind bezeichnen, und dumm ist er nicht: In einer Zeit, da viele Italiener versuchen, in Deutschland Arbeit zu finden, beklagt er sich nicht über die Arbeitsimmigration. Über die Pakistanis, die in Italien die Küchen und die Reinigung in den Touristenhochburgen am Laufen halten, und für niedrige Preise sorgen, sagt er nichts Schlechtes, Er konzentriert sich auf die Migration aus Afrika und vom Balken. Und er wirbt nicht mit einer neuen faschistischen Diktatur, sondern mit „un Paese normale“, mit dem, was in normalen Ländern üblich sei. Was wohl ein Journalist denken würde, ruft er in meinem Mantua, wenn er aus einem normalen Land wie Deutschland hierher käme und sehen würde, wie das alles zusammen mit der inkompetenten Verwaltung und der hilflosen Regierung in Rom in Schieflage gerät. Salvini tritt mit dem Versprechen an, aus Italien ein normales Land zu machen. Wie Deutschland. Und die Reaktion der politischen Kaste in Italien ist die faktische Aufkündigung des Dubliner Abkommens: Natürlich halten sie keinen Flüchtling auf, der nach Deutschland will. Unter Berlusconi wurde das sogar aktiv gefördert. Italien hat eine enorme Wirtschaftskrise seit sieben Jahren, bei Mantua die Folgen eines Erdbebens, manche Leute wohnen immer noch in Zelten, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei weit über 20 Prozent: Quer durch alle Parteien geht der Konsens, dass man die teuren Folgen der Migration in all ihren Schattierungen nicht tragen kann und will.

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Es ist nicht so, dass die Weiterleitung der Flüchtlinge aus Italien der deutschen Politik unbekannt wäre. Eigentlich müssten die meisten, die nach „un paese normale“ Deutschland gelangen, ihre Anträge in den Einreiseländern Griechenland, Italien und Spanien stellen – also in den von der Eurokrise am schlimmsten betroffenen Ländern. Oder, wenn sie vom Balkan kommen, in Rumänien, Bulgarien oder Slowenien. Dieses System ist de facto zusammengebrochen, weil die eigentlichen Einreiseländer die Folgen nicht tragen können. Die Verhältnisse für Flüchtlinge in Süditalien, Griechenland und Bulgarien sind schlimm, wie es auch sonst dort im Moment nicht rosig aussieht. Für Luxus wie teure Beerdigungen ist angesichts all der enteigneten Immobilien, der sozial abgestürzten Mittelschicht einfach kein Geld da. Das, was gern als Flüchtlingsdrama bezeichnet wird, ist die direkte Fortsetzung des Dramas, das diese Länder gerade selbst erleben. Rein rational betrachtet würde die Flüchtlingsmigration in die reichen Länder des Nordens die Krisenstaaten entlasten, kämen nicht stetig neue Flüchtlinge dazu. So, wie es jetzt ist, bleibt das ganze System in einer schwierigen Balance.

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Weil das alles so schwierig ist, und niemand in der deutschen politischen Kaste einen Durchmarsch der Goldenen Morgenröte in Griechenland und von Salvini in Italien will, legt man hierzulande das Dubliner Abkommen auch flexibel aus. Wer in Bayern ankommt, wird nicht einfach nach Italien zurückgeschoben. Die Flüchtlinge werden auf Unterkünfte verteilt, die die Gemeinden bereitstellen und finanzieren. Das Bild oben ist aus meiner anderen Heimat Gmund am Tegernsee, und als ich es bei Twitter brachte, wurde ich angegiftet, dass das ja wohl kaum die Regel sei, eine Unterkunft mit Garten und Tischtennisplatz direkt am Seeufer. Manche Aktivisten in Norddeutschland wollen es nicht wahr haben, dass man sich in den Kommunen wirklich Mühe gibt. Auch am CSU-dominierten Tegernsee, wo es eigentlich keine freien Immobilien gibt. Bei uns hat man die Seeturnhalle zur Verfügung gestellt, nachdem andere Optionen abgelehnt wurden. Vom Landratsamt, in dem ein Grüner regiert. Dort wird peinlichst genau auf den Brandschutz geschaut, den das Land vorgibt. So genau, dass andere angebotene und besser geeignete Immobilien vom Landratsamt abgelehnt werden.

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Das macht es so komplex. Drüben auf der anderen Seeseite hat Bad Wiessee richtig Geld in die Hand genommen und für über eine Million ein Hotel gekauft, um Flüchtlinge unterzubringen. Die Gemeinde hat noch mehr Geld ausgegeben, um das Haus den Vorgaben entsprechend umzubauen. Aber die Vorgaben sind so streng, dass sich allein die Kosten für den Elektrifizierung vervierfacht haben. Es ist ein teures Debakel, und natürlich ist die Gemeinde damit überfordert: Wer konnte schon ahnen, dass der Standard, der jahrelang für gut zahlende Gäste völlig in Ordnung war, nun für die Unterbringung von Flüchtlingen nicht ausreicht. So ist das in Bayern, wo die Verwaltung recht effektiv ist und nicht wie in Berlin Scheine für Hostels verteilt, eine Schule mit immensen Folgekosten besetzen lässt und mit obskuren Geschäftemachern kooperiert. Trotzdem werde ich wegen der Bilder im Netz angeraunzt. Weil das nicht zum sonstigen Bild vom ausländerfeindlichen Bayern passt, das man sich gemacht hat.

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Da mag man mehr die Nachrichten, die aus meiner Heimat an der Donau kommen. Es gibt da eine Disco, die seit Jahrzehnten alle schrägen Vögel der Stadt anzieht. Diese Disco wurde letzthin bundesweit von Aktivisten als „Edeldisco“ beschimpft und von der nicht sonderlich gut informierten Presse als „rassistisch“ gebrandmarkt, weil der Betreiber bestimmte Gruppen aufgrund von Übergriffen nicht mehr eingelassen hat: Neben dem obigen Fall sind da schwarze männliche Asylbewerber, die versuchen, Frauen zu finden, die ihnen ein Bleiberecht verschaffen können. Und Männer aus ethnischen Gruppen, die zu oft Schlägereien angezettelt haben. Die Disco hatte lange Zeit eine sehr offene und integrierende Natur, und die Übergriffe haben das zum Kippen gebracht. Jetzt hat der Betreiber Konsequenzen gezogen, und wird dafür in der öffentlichen Meinung vorgeführt. Was nicht überraschen kann, wenn man sieht, wie auch seriöse Medien in der Post-Pegida-Epoche mit falschen Zahlen arbeiten, um Flüchtlinge als besonders schlecht behandelt darzustellen. Pegida war der Wendepunkt: Seitdem sind Medien vorsichtig geworden. Wenn zwei ethnische Gruppen aufeinander losgehen, ist das allenfalls eine kleine Meldung. Und es wird sicher hier wieder jemand kommentieren, dass wir uns keine Konflikte importieren, sondern alles den Verhältnissen geschuldet ist, die wir selbst verursachen. Das wird von sozial Bewegten und auch einigen Journalisten immer vorgebracht, egal ob bei Khaled, dem Totschlag in der Gerhard-Hauptmann-Schule, beim tödlichen Messerstich in Hamburg, bei den Konflikten im Görlitzer Park. Man kann es so sehen. Vielleicht sind es wirklich nur Einzelfälle.

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Jeder kann daraus seine eigene Erkenntnis schöpfen. Man kann es so sehen, dass in Berlin besonders viele Dealer genau aus den westafrikanischen Ländern unterwegs sind, in denen die Drogenmafia eine grosse Rolle spielt. Man kann auf die katastrophale Lage in Syrien verweisen. Man kann über Boko Haram in Nigeria sprechen und fragen, ob das ein Asylgrund ist, über die Lage im Sudan und warum sich Botschaften weigern, bei der Identifizierung von Leuten zu helfen, die ihre Pässe wegwerfen. Man kann über den Umgang der angeblich willkommenen Menschen in Kreuzberg reden, und über Aktivistinnen, die Übergriffe unter Asylbewerbern erfinden. Pegida konzentriert sich auf die eine Seite, die Antifa auf die andere, solange Flüchtlinge bei ihren Aktionen mitmachen und öffentlich in Erscheinung treten: Dann gibt es auch Webseiten und einen Bus für ihre Touren. Wenn sie nicht mehr mitspielen können, stellt man das Projekt ein und macht ein anderes. Kein Tag vergeht, da nicht eine Seite Nachschub für ihre Sichtweise bekommt. Dabei ist ist alles nicht so einfach, die Kommunistin verbaut neue Schlösser, der CSU-Bürgermeister legt sich für Flüchtlinge mit dem grünen Landrat an, die Unterprivilegierten in Griechenland machen Jagd auf jene, denen es noch schlechter geht, ein Rechtspopulist will eigentlich nur deutsche Verhältnisse. Es gab angesichts von IS-Tourismus und Intensivtätern in Berlin wohl bislang einige Versäumnisse bei der Integration, und wie das jetzt ganz schnell mit so vielen Neuankömmlingen besser laufen soll, ist auch nicht leicht zu beantworten. Es gibt auf der anderen Seite phantastische Erfolgsgeschichten der Integration, die gleichzeitig keinerlei historisch schlechtes Gewissen haben und sich in Bezug auf Wirtschaftsflucht sehr unverblümt äussern – fragen Sie einfach mal den Pizzeriabetreiber Ihres Vertrauens. Das verbrannte Haus in Mantua und mein Bein sind nicht zwingend schlechtere Argumente als Slogans wie „Refugees welcome“. Über all der Debatte thront das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit dem Recht auf Asyl für politisch Verfolgte. Das ist der Rahmen. Der Rest ist Debatte. Sie ist hart und schwierig und nicht nach rechts und links zu führen, sie kann die Le Pens nach oben bringen, die Antifa auf die Strasse oder im besten Fall einen neuen Grundkonsens zu Migration und Integration unter Vermeidung alter Fehler. Diese Debatte ist hässlich, emotional und verlangt nach einer gewissen Einsichtigkeit und Disziplin. Schliesslich soll am Ende keine Medienkampagne und keine Partei entscheiden, sondern die vernünftige Einsicht der Bevölkerung.

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Es sei denn, man macht es sich ganz einfach wie die Totalitären. Natürlich suchen sich die Nazis keinen Arzt aus Syrien für ihre Kampagne heraus, der sich dann hierzulande um andere Flüchtlinge kümmert, sondern einen Flüchtling, der nach der Discothek eine junge Frau vergewaltigt hat. Die junge Frau kann sich wenigstens gegen die Vereinnahmung wehren, aber für die Nazis belegt dieses Einzelbeispiel, dass die Flüchtlingspolitik das Ziel hat, das deutsche Volk auszurotten.

Und natürlich sucht das Zentrum für politische Schönheit keinen Schergen von Gaddafi aus dem Tschad, der wegen seiner Verwicklung in den Bürgerkrieg nicht mehr nach Hause kann, in Libyen auch keine Zukunft mehr hat, und nun in Europa Touristen ausraubt. Sie nehmen eine junge, ertrunkene Frau aus Syrien und provizieren anhand dieses Beispiels mit belasteten Kampfbegriffen von „Schiessbefehlen“ im Mittelmeer, einem „Krieg, dem ausschließlich Zivilisten zum Opfer fallen“ und „bürokratischen Mördern“.

Beide versuchen damit, sich in eine moralisch überlegene Position zu setzen, und man sieht das dann auch bei ihren Aufmärschen, den Märschen der Entschlossenen, auf denen sie ihren Opfer der jeweils anderen Seite gedenken. Völkermord, Abwehrkrieg gegen Zivilisten, da gibt es keine Graustufen mehr, da gibt es nur noch Gut und Böse. Die Totalitären kommen, und sie erwarten, dass der Rest das Maul vor ihren Opfern zu halten hat. Sie heben ihre Fahnen hoch, sie schliessen ihre Reihen fest, Kameraden, die andere erschossen oder von Schiessbefehlen betroffen waren, marschieren mal im Geiste und mal in crowdgefundeten Leichenwägen – man kennt das aus der deutschen Geschichte, in München gab es Ehrentempel für die Toten und etwas nicht Unähnliches wollen sie jetzt auch in Berlin bauen. Anlässe zum Fremdschämen aufgrund der Ähnlichkeit der politischen Aktionen gibt es zuhauf. Aber der Rest hat nicht über das ausgebrannte Haus in Mantua zu diskutieren, über eine ausgebrannte Asylbewerberunterkunft, über Integration oder den Konflikt eines CSU-Bürgermeisters mit einem grünen Landrat, über Schleuser, Mafia in Westafrika, Bedingungen in Jordanien, Stammeskonflikte in Libyen oder die politische Lage in Albanien: Hier geht es um organisierten Massenmord. Niemand, finden sie, sollte es wagen, dieses unfassbare Verbrechen zu relativieren.

Und wie alle Totalitären und Feinde der Freiheit meinen sie damit: Nachdenken, differenzieren und diskutieren. Sie können damit Erfolg haben, weil die Debatte wirklich schwierig, extrem komplex und schmerzhaft ist. Da bieten sie eine einfache, moralisch gut klingende Lösung und Märsche. Man muss nur zahlen und mitlaufen und bekommt eine einfache, in sich stimmige Ideologie. Man gehört zu den Guten und kommt damit sogar ins Fernsehen. Das macht kein Opfer lebendig und kein Verbrechen ungeschehen. Es ändert nichts. Und das ist für sie prima, denn jede neue Unmenschlichkeit beweist ihnen nur, wie recht sie haben, sie, die provokative, obszöne Schande am ideologisch vernagelten Bodensatz einer gefestigten Demokratie, die mit der Aufarbeitung des katastrophalen 20. Jahrhunderts bewiesen hat, dass sie genau diese komplexen Debatten ohne diese Extremisten inzwischen recht gut, flexibel und praxisnah führen kann.

paesel

So gut, dass sogar Antagonisten wie Flüchtlinge und Matteo Salvini wenigstens darin übereinstimmen, in genau so einem paese normale leben zu wollen.

17. Jun. 2015
von Don Alphonso
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11. Jun. 2015
von Despina Castiglione
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Der beste Platz zwischen den Stühlen

„Well, if you want to say yes, say yes
And if you want to say no, say no
‚Cos there’s a million ways to go
You know that there are“

Yusuf Islam (ehemals Cat Stevens), If you want to sing out

 Das oben zitierte Lied stammt aus einem meiner Lieblingsfilme. Ohne eine große Cineastin zu sein: Einige Filme mag ich sehr, und „Harold and Maude“ gehört definitiv dazu. Long Story told short, der blutjunge Harold verliebt sich in die fast achtzigjährige Maude, sie erwidert seine Gefühle und die beiden verbringen einige hochromantische Tage, bis Maude an ihrem achtzigsten Geburtstag selbstbestimmt und geplant aus dem Leben scheidet.

Der Film bricht mit dem ein oder anderen Tabu, er ist kritisch, eine Aufforderung zur sanftmütigen Revolte, zur Übernahme der Verantwortung für das eigene Lebensglück, wie schräg, steil oder verwunden der Pfad auch sein mag, auf dem es zu erreichen ist. Er ist damit auch eine Aufforderung, sich anzustrengen, wenngleich ausnehmend nicht in der neokapitalistisch auf monetären Erfolg und Selbstausbeutung ausgerichteten Art und Weise, die meine Generation vielleicht mit Anstrengung assoziiert. Es geht weder um die perfekte Ehe, noch die perfekte Karriere, noch den perfekten Körper. Es geht um leuchtende Augen und schlagende Herzen und um das Weiterleben nach der persönlichen Katastrophe. Nicht um den sinnlosen Versuch,  diese zu vermeiden. Es knallt immer. Irgendwann. Es werden Fehler gemacht, es passieren hässliche Dinge, die Frage ist nur eben, wie man damit umzugehen gedenkt.

Was mich fasziniert und inspiriert, ist die ungebrochene Freundlichkeit, mit der Maude ihre Kritik anbringt. Bei aller Radikalität, über ihre Lippen kommt kein Vorwurf, es gibt keine Anspruchshaltung, dass ihr Weltbild vom Gegenüber übernommen werden müsste. Ich sitze da mit einer Schüssel Pralinen vor dem Fernseher und applaudiere still. Ich würde mir ein bisschen mehr maude-a-like Umgangsformen wünschen, etwas mehr Charme, etwas mehr Understatement, dafür ein bisschen weniger Hetze und Polemik bei gleichzeitig behutsamerer Wortwahl. Man darf schon ein bisschen aufpassen, was man sagt. Kritik respektvoll zum Ausdruck zu bringen ist eine selten gepflegte Kunst, die ich persönlich schon schätze.

Wissen Sie, man kann beispielsweise für oder gegen die Ehe für alle sein, sie in die Nähe von „Inzucht“ zu rücken, ein Wort, dass ich noch aus meinen Kindertagen im stramm rechtskonservativen Millieu unkompliziert gestrickter Bausparerfamilien kenne, und einfach geschmacklos ist. Wenngleich nicht verwunderlich, ich habe mich ja schon mit den Äußerungen der Urheberin dieses unglücklichen Vergleiches zu meinem Berufsstand auseinandergesetzt. Und mei, daad I do sogn, mi wundats ibarahaupts ned. Das ist eben, was dabei raus kommt, wenn man nicht bereit ist, sich damit abzufinden, dass anderen Leuten andere Sachen gefallen, als einem selbst. Und nicht begriffen hat, dass die eigene Freiheit halt auch nur so groß ist, wie die desjenigen, der genau die gegenteilige Meinung vertritt.

Der Punkt, an dem ein fruchtbarer Dialog möglich wird, ist eben der, an dem ich dem Gegenüber Luft lasse, um aufzusprechen, sich möglichst frei zu bewegen, zu tun, was er oder sie für richtig hält. Dabei muss man sich nicht jeden Blödsinn sagen lassen, dafür hat ja auch kein Mensch wirklich Zeit und Nerven. Ab und zu ist Ignoranz das Mittel der Wahl.

Der Gegenseite den Mund zu verbieten wird allerdings in der Regel nicht zum gewünschten Effekt führen, deswegen plädiere ich dafür, die Verantwortung für das eigene Lebensglück auch an dieser Stelle zu übernehmen, und aus sinnlosen Diskussionen auszusteigen. Weswegen ich beispielsweise mit Leuten, die nicht in der Lage sind, meinen Beruf und das illegale Treiben von Menschenhändlern auseinander zu halten, nicht mehr so gerne diskutiere. Ich werde da einfach zu schnell unfreundlicher, als ich eigentlich sein möchte. Im Grunde meines Herzens weiß ich nämlich Meinungsvielfalt sehr zu schätzen. Deswegen feire ich auch intern jeden Vertreter eines konservativen Ortsverbandes, der sich in meinem Boudoir einfindet und beim spätestens dritten Besuch die Parteimitgliedschaft gesteht. Was nicht heißt, dass ich diese Parteien besonders mag. Aber mich graust fast vor nichts, und ich freue mich, dass ich an der Bruchstelle zwischen gesellschaftlicher Erwartungshaltung und persönlichen Bedürfnissen im Schein der roten Lampe zu Einsichten kommen darf, die meinem Seelenfrieden sehr förderlich sind.

Ab und an muss man sich aber aus der Komfortzone begeben, und so habe ich mich am Wochenende an die frische Luft, genau gesagt ins Bergland, nach Garmisch gewagt, und mir diesen G7-Protest mal live angeschaut. Erstens hat es mich interessiert, zweitens war das Wetter schön, und drittens wollte ich mal wissen, wie es denn bei so einer Personenkontrolle zugeht. Es ist nämlich so, dass ich seit nunmehr bald zwanzig Jahren einen Führerschein besitze und mich auch ansonsten gelegentlich im öffentlichen Raum bewege, aber mit einem derart harmlosen Erscheinungsbild gesegnet bin, dass ich im Leben noch keine Personen- oder Verkehrskontrolle (jaja, Wortwitz) erlebt habe. Also habe ich die Haare zusammengebunden, mich in einen schwarzen Jumpsuit gepackt, schwarzer Rucksack, Sonnenbrille. Sollte linksautonom genug aussehen, dachte ich, und auf nach Garmisch.

Meine Kalkulation war die, dass ich nicht mal den Zug erreichen würde, bevor jemand mich kontrollieren würde. War aber nicht. Ich habe mir eine Banane gekauft, noch eine Zigarette geraucht, versucht, verdächtig auszusehen und mich in den Zug gesetzt und bin nach Garmisch gefahren, unbehelligt. Ebenso unbehelligt bin ich an geschätzten 150 Polizisten vorbei aus dem Bahnhof hinaus marschiert, und das, obwohl ich es nicht mal geschafft habe, freundlich zu lächeln, es war nämlich wirklich alles andere als heimelig und angenehm. Ich mag überzogene Polizeipräsenz nicht so sehr, deshalb arbeite ich ja auch nicht im Puff, obwohl ich eigentlich gerne ab und zu mal eine Woche … egal… Also, raus aus dem Bahnhof, weiter in Richtung Protestcamp. Was gar nicht so einfach war, denn ich habe einen ausnehmend schlechten Orientierungssinn, dazu eine rechts-links-Schwäche, und vor lauter Einsatzfahrzeugen und viel zu warm eingepackten Ordnungshütern wusste ich zunächst nicht, wo ich eigentlich lang wollte.

Linksautonom aussehen, aber das Smartphone mit Apfellogo zücken, um sich von Google den Weg zum Protestcamp weisen zu lassen, das trifft etwa meinen Humor, also mit Knopf im Ohr an Hundertschaften vorbei. Bei völliger Ortsunkenntnis selbstbewusst voranschreiten, als wüsste man genau, wo man hin will, das habe ich in diversen Hotellobbys gelernt, da macht mir so schnell niemand was vor. Hat auch funktioniert, wieder keine Kontrolle, nur Sonnenschein, Bergkulisse und ein Haufen verschwitzter Leute in Uniform. Nach allem, was ich vorab gelesen hatte, von Journalisten, die trotz Akkreditierung nicht in die Stadt durften (gut, einen Helm hatte ich nicht dabei, aber eben auch keinen Zettel, der mich als zu irgend etwas anderem als in der Gegend herumstehen berechtigt ausgewiesen hätte), von hermetischer Abriegelung und befürchteten Krawallen, fand ich die konsequente Nichtbeachtung meiner Person durch die Obrigkeit schon etwas erstaunlich. Zumal man in meinem Berufsstand diesbezüglich eher zur Paranoia zu neigen pflegt. Eine Radfahrerin ist mir fast über die Füße gefahren und wurde daraufhin von einer übellaunigen Polizistin zurechtgewiesen. Das war das aufregendste Ereignis zwischen Bahnhof und Camp.

Das Camp erinnerte mich ein bisschen an die Festivals meiner Jugend, wo man wochenendenweise ohne fließend Wasser auf irgend eines Bauern Wiese diverse Körper- und Geistesfunktionen erforscht hat. Junge Gesichter, ein bisschen Hippiecharme, Volksküche, wilde Frisuren und Batikshirts. Die Wege zwischen den Zelten waren mit rot-weißem Signalband markiert, damit auch ja niemand seine Heringe zu weit im Weg ein- und deswegen ein Genosse hinschlägt. Sehr zivilisiert, nachgerade ordentlich, und zum Abmarsch in Richtung Bahnhofsvorplatz gab es Äpfel und Bananen von der VoKü für alle.

Was es auch gab, war dicker Applaus des gesamten Zuges für den Mann, der die Dixie-Klos entleerte, als sich die Protestierenden in Richtung Auftaktkundgebung in Bewegung zu setzen begannen. In unseren grundlegenden Bedürfnissen sind wir letztlich vereint, allein die Wertschätzung für jene, die uns ihre Erfüllung ermöglichen, variiert, auch im Zusammenhang mit der Erwartungshaltung des sozialen Umfeldes.

Hier war die Wertschätzung jedenfalls groß und fand angemessenen Ausdruck. Wie groß die Wertschätzung ebenfalls anwesender radikalfeministisch linksneurotischer Demonstrant*Innen für mich als Vertreterin des internationalen Hübschlerinnentums gewesen wäre, habe ich dank diverser Diskussionsveranstaltungen antizipieren können und deswegen nicht ausprobiert. Das ist die Form von Diskussion, von der ich oben schrieb, dass ich sie nicht mehr führe. Wenn es sich denn vermeiden lässt. Nichtsdestotrotz muss ich sagen, ich finde es gut, dass Leute auf die Straße gehen, „siamo tutti antifascisti“ und „Bürger, lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Demo ein“ rufen und wegen mir auch teilweise für nicht ausreichend reflektierte extreme Ansichten Position beziehen. Einfalt ist ja glücklicherweise nicht verboten, andere Weltanschauungen wissen das auch zu schätzen, und ein Gleichgewicht findet sich schließlich im Ausgleich. Also kann Garmisch als Tal und G7 als Gipfel der Glückseligen schon ein bisschen Widerspruchsgeist vertragen. Zumal die Polizei eh schon herumstand und Geld kostete. So bekamen die Bürger denn auch etwas geboten für ihr Geld. Wenn sich die Prominenz versteckt, zeigt sich eben das Proletariat, man muss die Feste feiern, wie sie fallen.

Deswegen habe ich auf dem Heimweg auch noch ein Pläuschchen mit einer kleinen Gruppe Polizisten gehalten. Meine persönliche Schnittmenge mit deren Meinungsäußerungen empfand ich themenbezogen als überraschend, großklimatisch mag das anders aussehen, aber das war wohlweislich nicht Thema. Kontrolliert wurde ich natürlich wieder nicht, vielleicht war ich zu freundlich. Ich dachte nämlich zwischendrin an Maude, die ein Bäumchen retten will, und stinkfreundlich, aber bestimmt, den Polizisten, der sie hindern möchte, mit einem geklauten Wagen aus der Stadt zu düsen, fassungslos dreinblickend am Straßenrand stehen lässt. Man muss halt Prioritäten setzen. Und die dann freundlich lächelnd mit Zähnen und Klauen verteidigen.

11. Jun. 2015
von Despina Castiglione
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08. Jun. 2015
von Don Alphonso
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Die öffentliche Hinrichtung als tragende Säule der Volkszufriedenheit

Ich glaube immer an das Gute.
Leo Kirch

Am Mittwoch kamen die neuen Tonträger: Arien von Roberta Invermizzi, Ensemble Lorenzo da Ponte, neapolitanische Sonaten für Violoncello. Seit dem Beginn meines Studiums verfüge ich über keinen Zugang zu einem TV-Gerät mehr, und deshalb weicht meine Vorstellung von Unterhaltung deutlich vom passenden Unterdurchschnitt in diesem Lande ab: Wenn andere Fenster blau erleuchtet sind, funkeln bei mir die Kronleuchter, oder die Röhren des Verstärkers glimmen mit dem rotblauen Schimmer der fliessenden Elektronen vor sich hin. TV erfahre ich immer nur aus zweiter Hand, aus Besprechungen etwa, die ich lieber Alter Musik vorbehalten sehen würde, aber mir ist natürlich bewusst, dass Masse zählt. Ausserdem möchte ich nicht, dass Viola da Gamba und Theorbe so populär wie Mittelaltermärkte werden. Es freut mich, wenn die automatische Fehlererkennung im Schreibprogramm das Wort Theorbe gar nicht kennt. Es darf schon alles so bleiben, wie es ist.

hinra

Besonders brauche ich die Tonträger dann, wenn das Netz wie eine Kloake überläuft von Geschrei und Hass. Mir ist aus meiner Jugend bekannt, dass manche Menschen erstaunlicherweise das TV-Gerät anschreien, wenn dort etwas verkündet wird, das ihnen nicht behagt, obwohl das doch gänzlich sinnlos ist – man hört es auf der anderen Seite des Gerätes nicht. Das wird im Netz weiter gemacht, und vielleicht hoffen sie ja, dass auf der anderen Seite jemand sitzt, der das alles niederschreibt, eine dicke Akte macht und die dann am nächsten Morgen dem Senderchef vorlegt, der dann sagt: „Pardautz. Ja aber Hallo. Das ist doch die Höhe. Ja, wenn Frau K. aus Reamaring und Herr P. aus Berlin a. d. Spree unisono getwittert haben, man sollte unseren Moderator därmen und seine Eingeweide den Hunden vorwerfen, dann machen wir das.“ Übrigens ist es ein Zeichen für die Ambivalenz des ethischen Fortschritts, wenn die Worterkennung nicht nur bei „Theorbe“, sondern auch beim „därmen“ versagt. Falls Sie das noch nie gesehen haben: Da wurde den Opfern bei lebendigem Leib der Bauch aufgeschnitten und der Darm herausgewickelt.

Allerdings ist auf der anderen Seite des TV-Geräts nur eine Frau Krause, und Senderchefs schauen allenfalls auf die Einschaltquote, schnaufen und lassen sich einen Kaffee bringen. Der Chef ist so indolent wie ein Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung beim Verbreiten falscher Zahlen über CSU und Frontex. Das muss man sich mehr so wie einen Regenten in seinem Palast vorstellen, das Unmutsgeheule seiner Untertanen ist am Ende seines Reiches, acht Reiterposttage entfernt, und ich weiss auch gar nicht, ob ich das schlecht finde. Denn Därmen ist eine unerfreuliche Sache und ich bin schon erfreut, dass man den Ungarn, die die Todesstrafe fordern, deutlich nahebringt, wie wenig das auf diesem Kontinent einen Platz bekommen sollte.

hinrb

Es ist also nicht zu erwarten, dass demnächst bei uns Todesstrafen über Abstimmungen in sozialen Medien veranstaltet werden, aber auf den Jubel, den so etwas auslösen würde, durfte ich letzte Woche einen Blick erhaschen: Als nämlich Sepp Blatter und Günther Jauch von ihren jeweiligen Posten zurücktraten. Der eine als Chef des TV-Zulieferers FIFA und der andere als Moderator einer Sprechsendung in der ARD. Zusammen übernehmen sie, wenn ich das zutreffend beobachte, einen grösseren Teil der modernen Abendgestaltung als beispielsweise Sexualität, und das Schnauben und Erregen, das ich so mitbekomme, spricht nicht gerade für ein dezentes Engagement der Zuschauer: Da werden Mannschaften verteufelt und der Jauch gleich mit, wenn er es wagt, Gäste einzuladen und reden zu lassen, die mit der Unverschämtheit einer anderen Meinung vorstellig werden. Eine andere Meinung ist in etwa die 4:0-Führung einer gegnerischen Mannschaft. Aber jetzt ist das alles ja vorbei und der Weg offen für Alternativen. Nicht nur im TV und an der Spitze der FIFA.

Sondern beim hauseigenen Gesprächskreis, den es nun einzurichten gilt. Oder beim Web-TV. Oder beim heimischen Fussballklub. Oder beim Federball im Park. Es muss ja nicht immer Fussball sein, die Sommerabende sind lang und warm, man könnte also aktiv denen da oben zeigen, dass man sie gar nicht braucht. Ein allseits verhasster Ken FM macht seine Videoshow mit schrägen Figuren – all die aufgeklärten Menschen, die aus ethischen Gründen dem Jauch die Pest an den Hals wünschen, sollten da doch formvollendet und mit erheblich tiefsinnigeren Gästen dagegen halten können. Es kann doch wirklich nicht so schwer sein, und die Mittel, die man dafür braucht, kosten heute nicht mehr sonderlich viel. Youtube wartet. Frisbee macht auch Spass. Gebrauchte Rennräder sind gar nicht so teuer. Die Waffen der Massenmobilisierung gegen die Monopole sind längst da, es gibt gar keinen Grund mehr, sich schräge Gäste von Jauch oder unsägliche Sendezeiten von Blatters früherem Verein aufzwingen zu lassen.

hinrc

Ich meine das nicht nur theoretisch – ich schreibe im Netz und habe es nicht nötig, mich an Jauch zu orientieren. Meine Lieblingssportart wird professionell von rollenden Apotheken beherrscht, die angeblich so sauber sein wollen wie die deutsche Bewerbung für die Fussball-WM: Sie werden hier dennoch nie aktuelle Berichte über den Giro dItalia lesen. Der kam vor drei Wochen bei mir vorbei: Ich ging nicht hin. Und wenn sogar ich alter, nicht wirklich weisser, heterosexueller Mann in der Lage bin, den feministischen Diskurs zu formen und meinen schlaffen Körper 2000 Höhenmeter durch die Toskana zu schleppen, dann sollte bei anderen doch wenigstens ein politischer Strick- und Skatabend mit Eierlikör möglich sein. Mit Verweigerung ist es möglich, Einfluss zu nehmen, und wenn es alle tun, wird es sicher auch besser und schöner, weil der Jauch, so sagt er der Konsens, wird nie eine anständige Sprechsendung schaffen. Hasse nicht die Medien, sei die Medien, sage nicht nur ich, sondern auch der von mir beklaute Jello Biafra von den Dead Kennedys. Aber es wird noch nicht einmal versucht.

Mir ist gestern bei der Wahl in der Türkei die Erklärung dafür eingefallen: Weil wir in einer postfeudalen Aufmerksamkeitsoligarchie leben. Manchmal vergesse ich das, aber dan twittert wieder ein sozial bewegter Mensch über den Umstand, dass die vom schwarz arbeitenden Rumänen gebrachte Lieferpizza so teuer ist, und dann fällt mir das Problem mit unseren Klassen wieder ein. Als die Türkei noch das Osmanische Reich war, gab es einen Sultan, und wenn das Volk wütend wurde, liess er einen Wesir mit einer Seidenschnur erdrosseln. Das war damals so üblich, für den Wesir Berufsrisiko und für Sultan und Volk ein erbauliches Schauspiel. Jeder wusste genau, woran er war, und so war das System stabil und bedurfte nur bei grösseren Exzessen der Bereicherung einer regulativen Massnahme an der Gurgel eines Menschen. Im theokratischen Gottesstaat bestimmte der Sultan, wer umzubringen sein. Wir sind gesellschaftlich weiter und überlassen die Benennung der gewünschten Opfer der Allgemeinheit. Treten dann die besagten Leute zurück, ist der Jubel gross, und die Wortführer überlegen, wen sie als nächstes Ziel herausheben können.

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Man hat dieses Geschäft, das für den Sultan wahrlich kein Schönes gewesen ist, an die eigentlichen Nutzniesser ausgelagert. Im Wissen natürlich, dass es für sie sehr viel einfacher ist, sich auf der Wohnlandschaft mit Bier und Lieferpizza unterhalten zu lassen und hin und wieder einen abgetrennten Schädel serviert zu bekommen, als ihre eigenen geistigen Möglichkeiten zu nutzen. Es passt einfach besser zur Zivilisationsstufe, die wir in der menschlichen Entwicklung auf dem holprigen Weg zu Aufklärung gerade erreicht haben. Dass die neuen Leibeigenen mit exakt jenen Mitteln über das Schafott jubeln, mit dem sie etwas für ihre eigene Herzensbildung und kluge Debatten tun könnten, ist da vermutlich weniger ein Systemfehler als schlichtweg althergebrachte Tradition.

Natürlich will ich Herrn Blatter nicht verteidigen oder gar darauf hinweisen, dass ich an sauberen deutschen Sport so wie an saubere Giftgase glaube. Ob jetzt die Deutsche Bank oder die FIFA mit halbseidenen Methoden Gewinne optimiert, spielt bei der moralischen Beurteilung keine Rolle. Ich will nur sagen, dass in der letzten Woche ein wenig zu viel mit der Seidenschnur agiert wurde, und man da vielleicht bei den Selbstentprivilegierten eine falsche Erwartungshaltung erzeugt, das könnte jetzt dauernd so weiter gehen. Auch zweit- und drittklassige Chargen, die als Opfer taugen, wachsen nicht auf Bäumen, und man sollte das Publikum schon im Glauben lassen, dass es sich beim Heben der verbalen Mistgabeln wirklich angestrengt und den Sieg nun endlich, endlich verdient hat. Dann sinkt es zurück in sein Sofa, wählt eine Talkshow aus, und bei mir erklingt unter dem Kronleuchter die wunderschöne Stimme von Roberta Invernizzi.

hinre

Oder ich fahre mit dem Rad. Eigentlich mag ich freie Strassen und bin froh, niemanden zu sehen, der dort seine niedrigen Aggressionen auslebt. Die sollen mal schön vor dem TV-Gerät bleiben. Es ist schon gut, wie es ist, und über Aufklärung reden – na, da kommen noch genug andere, besser geeignete Jahrhunderte entlang der Seidenschnur unserer Geschichte.

08. Jun. 2015
von Don Alphonso
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03. Jun. 2015
von Don Alphonso
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Psychisch stabil mit Schweinshaxn und Bayerisch Creme

Oh Django! After the showers the sun will be shining…

Sie kennen das: Kaum dass Sie sich gewundert haben, warum sich andere Leute einen barocken Stadtpalast angetan haben, sitzen Sie selbst beim Notar und kaufen so ein Objekt, um Steuern zu sparen und das Geld unterzubringen. Sie denken sich vor dem Mahl noch, dass Sie keine Schweinshaxe wie der da drüben essen werden – und da steht dann diese fette, dampfende Gans vor Ihnen, und Sie sehen mit einem Auge, wie hübsch doch die Bayerisch Creme ist, die hier von der Bedienung im Dirndl serviert wird. Am Morgen noch hatten Sie den Vorsatz, ein wenig zu sparen, und am Nachmittag vergrössern zwei neue Paar Schuhe das Platzproblem in ihrer Biedermeierkommode. So geht das immer. Gestern dachte ich mir noch, ach, wenn die Zeitschrift Edition F von einer wütenden Schar Frauen, darunter die auch in dieser Zeitung fast nur rauf und runter gelobte Anti-Stalking-Aktivistin Mary Scherpe, brutal vorgeführt wird, nur weil sie keine Gewaltaufrufe und Hetzjagden wollen, dann sollen ihre Freunde sie mal selbst gegen diese Leute verteidigen.

labile

Leider hat mich dann eine gewisse, in diesen Kreisen wohlbekannte Helga Hansen auch direkt angesprochen, ohne dass sie sich je hätte vorstellen lassen, und darauf verwiesen, dass ich, dessen Beitrag der Urgrund für den Konflikt war, Frauen als psychisch labile „Schlitzerinnen“ bezeichne. Hier. In einem Beitrag, der inhaltlich immer noch zutreffend, aber nicht gerade reich an kunsthistorisch interessanten Brüsten ist. Ich bitte das zu entschuldigen, ich habe aus Mantua viele neue Bilder von nackten Grotesken mitgebracht – ich fürchte, die werde ich alle brauchen.

Ich sollte wirklich mehr an Orten verkehren, wo anstelle von norddeutschen Vortragenden der Friedrich-Ebert-Stiftung fette Gänse und Schweinshaxn vorbei getragen werden, denn die Bayerisch Creme täte ich als Vegatarier gern nehmen, damit die anderen nicht zu dick werden – aber gut. Reden wir halt über psychisch labile Schlitzerinnen. Aber danach eine Bayerisch Creme, gell?

Ja, also, geschrieben habe ich das vor zwei Jahren tatsächlich. Weil es halt psychisch labile Schlitzerinnen gibt. Mir ist auch voll bewusst, dass man das netter sagen könnte. Ich könnte von selbstverletzend Autoaggressiven sprechen, die aber gar nicht wirklich krank sind – krank ist unser Kapitalismus, und das äussert sich dann bei den Sensiblen und Wissenden in derartigen Handlungen. Da darf man nicht sagen, dass sie eine spinnerte Gans ist, und zwar ohne Knödel und Blaukraut, nein, da muss man als nicht Marginalisierter schweigen und ihre Erfahrungen anhören, die die grundsätzlichen Fehler unseres Systems offenlegen, um dann erst sich selbst und das System zu ändern. Nur so und mit der Solidarität der Leidenden weltweit kann Heilung der Gesellschaft gelingen. Falls Sie das etwa an die Ideologie des sozialistischen Patientenkollektivs SPK erinnert: Sagen Sie es nicht so laut, die Säulenheilige der Magersuchtserkrankung Laurie Penny verkauft hochgelobte Bücher mit der Neuauflage einer Idee, die damals in die Arme der RAF führte.

labilb

Aber bis zum nächsten deutschen Herbst werden noch viele schöne Biergartentage kommen, und kurz vor dem schönsten Biergarten der Region habe ich einmal einen Unfall gehabt. Da bin ich unachtsam mit dem Rennrad in eine Kurve und hängen geblieben. Unachtsam war ich, weil mein Freund in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie war, und ich dort die Geschichte einer jungen Frau gehört habe, die sagte, von ihrem Vater vergewaltigt worden zu sein. Ich war jung, leichtgläubig, es war keine einfache Zeit für mich, da macht man sich eben Gedanken, und dann reibt es einen mit Karacho in den Asphalt, als wäre man ein Stück Parmesan auf Spinatknödeln. Aber davor stand mir er Sinn auch schon nicht nach Biergarten. Wie schrecklich, dachte ich mir damals. Missbraucht. Vom eigenen Vater. Man hat ja keine Ahnung, und auch keine Erfahrung: Mit Pflastern verklebt sprach ich mit einer Freundin der Insassin, und sie meinte, ich sollte mit einer Anzeige vorsichtig sein, solche Geschichten würde sie öfters mit wechselndem Personal bringen. Mein eigener Freund war dann zwei Wochen später davon betroffen, wie so ziemlich jeder andere in der Station auch.

Die ganze Geschichte mit all ihren Auswüchsen und Dramen hat mich einen Sommer gekostet, der normalerweise der schönste aller Sommer hätte werden können: Nach dem Abitur, vom Wehrdienst zweifach befreit, jung, trotz der Untauglichkeit sportlich, Führerschein, Studienbeginn eines beruflich, wie man hier sieht, aussichtslosen, aber feinen Faches im November: Andere ziehen los, verführen Frauen und lassen es mit dem Auto der Eltern krachen. In meiner zur Verdrängung neigenden Erinnerung hat in diesem Sommer immer die Sonne geschienen, obwohl damals die B. wegen des nicht erreichten Abiturs von Hochhaus sprang, und ich täglich in der Station drüben war. Man sieht da als junger Mensch zuerst nur die leidenden Freunde. Was das mit den Familien macht, begreift man erst später. Es gab damals eine Reihe von unschönen Geschichten im Westviertel der dummen, kleinen Stadt an der Donau: A so ein Schmarrn, pflegte sich meine Grossmutter zu empören, wenn sie die Geschichten hörte, so ein Gwuisl, ihr brauchts mal wieder eine schlechte Zeit, dann vergeht Euch das wieder, sagte sie – und sie hatte zwar wie immer Recht damit, aber einerseits blieb ich gesund und konnte nichts dafür, und anderseits ist eine schlechte Zeit für alle auch keine schöne Therapie, weil es da nämlich keine fetten Gänse gab, sondern nur einen drastischen Rückgang beim Wildentenbestand der Region.

labilc

Ich würde deshalb nicht so weit gehen wie meine Grossmutter. Aber was man beim Umgang mit psychisch Kranken als Aussenstehender mitbekommt, ist ihre mitunter besondere Fähigkeit, für den kleinsten eigenen Gewinn für andere den maximalen Schaden zu verursachen und sich dann gleich nochmal viel schlechter zu fühlen. Man kann das eine Weile mitmachen, man kann für einen Freund einen Tag opfern, nur um nach ein paar Minuten in einem Wutausbruch abgewiesen zu werden, und sich dann eine Nacht lang zu überlegen, was man falsch gemacht haben könnte. Aber es raubt Kraft und bringt ansonsten intakte Familien und gute Beziehungen in fundamentale Krisen. Man kann viel von mir verlangen, ich bin wirklich ein nachsichtiger Mensch und wenn die Bayerisch Creme aus ist, nehme ich auch ohne Klagen einen Germknödel. Aber ich werde nicht den Fehler machen und in eine Zeit zurück fallen, als mich die Identifikation mit den Betroffenen vom Rad stürzen liess. „Psychisch labile Schlitzerinnen“ beschreibt nicht nur affirmativ Handelnde, die mich an den Rand der Beherrschung bringen – es sorgt dafür, dass es für mich beherrschbar bleibt.

Menschen brauchen eine Distanzierung, um das alles zu verarbeiten. Niemand will an das Zerlegen einer Sau denken, wenn er die Schweinshaxe bekommt – ich bin, weil ich das nicht trennen könnte, sehr bewusst lebender Vegetarier. Den gleichen Abstand brauche ich zu psychischen Erkrankungen. Deshalb bin ich bei der Beschreibung mitunter offen und direkt, und manchmal auch, wenn es die Umstände geraten scheinen lassen, nicht rücksichtsvoll, egal was die diversen Akzeptanzbewegungen an verbaler Erniedrigung von „Normalen“ einfordern, die sie dann gleich als „normschön“ beleidigen. Ich sage offen, dass ich Magersüchtige zuerst einmal nicht schön finde. Dass ich keinen Respekt für erheblich zu viel Fett habe. Dann gehen meine Gedanken erst noch zu Angehörigen, die sich unverdient mit den Folgen herumschlagen müssen, und mitunter für ihre Fürsorge das Getuschel der anderen und den Zorn, die Wunden und das Blut der Kranken abbekommen.

labild

Ich habe in diesem unschönen Sommer meine Lust an Sigmund Freud verloren, und war heilfroh, dass mich meine Abiturnoten nicht mal ansatzweise in die Nähe eines Psychologiestudiums brachten. Geholfen haben mir nicht Adler und Jung, sondern Evelyn Waughs „Wiedersehen mit Brideshead“. Man stumpft deshalb nicht ab, man wird kein Zyniker – man lässt sich nur nicht mehr so leicht vereinnahmen, man bringt keine seitenlangen Wutpredigten mehr zu Eltern, denen damit das Leben zur Hölle gemacht wird, man spielt nicht mehr mit und man hilft nur, wenn es sinnvoll ist. Sinnvoll ist keine Acceptance-Bewegung, man löst Probleme nicht mit Überidentifikation und Bestätigung eines Zustandes, der alle schwer belastet.

In dem Fall der Hetzjagd, der der Grund für diesen Beitrag ist, gibt es gegen die Autorn Ronja von  Rönne im Netz so ein wutentbranntes Pamphlet wie jene, die damals mein Freund schrieb. Heute wird es an das Internet gerichtet, und verbreitet wird es von jungen Frauen, von denen einige mit ihren psychischen Problemen recht offen umgehen. Die Welle im Netz, die offen dargestellte Erkrankung soll allen weh tun – wie schon die Blockempfehlung, mit der die gleiche Dame auffällig wurde, und die sich auch zuerst gegen eine empfindsame Frau richtete. Die suchen sich zum Niederkreischen und zum Vorzeigen ihrer Verletzungen oft die Schwachen und Gefühlvollen aus. Sie haben oft ein Gespür für wunde Punkte. Diese Empfindlichkeit habe ich mit viel Haut auf dem Asphalt vor dem Biergarten abgeschabt. Ich denke da nur „Die armen Eltern“. Und dann bekämpfe ich den Wunsch, noch etwas ganz anderes zu sagen. Das machen sehr viele Betroffene so. Zähne zusammen beissen. Bloss nicht das Trauma verschlimmern. Das Problem in sich reinfressen und sich anstecken lassen. Schlucken, nicht wütend werden, sich lieber motional zerreiben lassen, weil sie das Unbegreifliche verstehen wollen. Man möchte schreien. Schlitzerin und vieles mehr. Man tut es nicht.

labila

Und das Verständnis hat leider dazu geführt, dass da draussen um so lauter vorgeführt wird, wie die aktuelle Sommermode der Viertellebenskrisen aussieht und ich hier lieber das Rezept für die bei uns erfundene Bayerisch Creme verlinke. Es wird mit Gewalt und Nachruck an einen herangetragen, und sie wollen. dass man es mitbekommt. Aber zu wissen, was einem gut tut und was nicht, gehört zum Altwerden dazu. Es sich heraussuchen zu können, gehört zu den Privilegien. Es, wenn es sich anbietet, brutal benennen zu können, wie es ist, gehört zum Charakter. Natürlich mögen erzürnte Marginalisierte es nicht, wenn man mit ihnen nicht über Laurie Penny debattiert, und statt dessen mit „psychisch labile Schlitzerinnen“ die Sache auf das Kernproblem zurückführt. Dieses unfassbare Glück, den ganzen Albtraum diesmal nicht etragen zu müssen, sondern einfach verjagen zu können. Dann regen sie sich furchtbar über einen auf, man kann sich den vorhergehenden Streit um die Deutungshoheit ihrer Krankheit sparen und ohne Internetanbindung in den Biergarten gehen. Da werden nur die dampfenden Gänse aufgeschnitten und heute ist Mittwoch – da gibt es für empfindsame Leute wie mich auch ein veganes Gericht.

Das war alles übrigens Anno 1987 , damals hat noch die CSU-Majestät Franz Josef regiert, ein nicht sonderlich kunstsinniger Mann. Zwei Jahre darauf ist die Mauer gefallen, Berlin wurde hip und ich müsste fast mal fragen, ob es hier bei uns überhaupt noch eine geschlossene Abteilung gibt.

03. Jun. 2015
von Don Alphonso
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01. Jun. 2015
von Don Alphonso
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Keine Ehe für Gift und Galle

We want you, we want you, we want you in the Schnaderhupfer-Crew

Natürlich habe ich eine Meinung zur Ehe für Alle, und die klingt so:

„Liebe schwule Freunde, habt Ihr noch alle Nadeln an der Tanne? Was war so schlecht an den durchtanzten Nächten auf den Boxen im Parkcafe, was war so schlecht am Bad im Brunnen vot dem Justizpalast am frühen Morgen, was war so schlecht an den endlosen Abenden im Morizz – dass Ihr jetzt auch mit diesem Klimbim anfangen müsst und Euch unbedingt wie jeder andere ein heimisches Terrorregime zulegen wollt, das meist nicht mehr darkroomtolerant ist? Wollt Ihr den Spass wirklich aufgeben für eine Ehe, die oft sowieso scheitert? Ihr seid doch auch mal jung und lässig gewesen. Fangt doch jetzt nicht mit sowas an. Ihr seid doch keine liegengebliebenes Apothekersdridscherl.“

Kurz: Die Ehe für Alle ist für einen alten Sac Hahnrei ausgschamten Hallodri echten Libertin immer ablehnenswert, egal wie die sexuelle Orientierung aussieht. Aber gut, natürlich bin ich auch der Meinung, dass der Staat in den Betten der Menschen nichts verloren hat, und wenn es denen Spass macht, sollen sie halt. Und ja, natürlich geht es nicht darum, dass man heiraten muss, sondern dass es einfach die Möglichkeit gibt. Das ist so wie Berlin: Ich will da nicht hin. Aber ich will das Recht haben, da hin zu fahren, mir drei Wohnungen zu kaufen und zu filmen, wie die sozial bewegten Vormieter nach Greifswald umziehen müssen. Das gefällt nicht jedem, aber so ist nun mal die Freiheit der Menschen, die das Gesetz ermöglichen sollte, egal ob bei der Ehe oder bei der Stadtsanierung. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Greifswald ist besser als sein Ruf. Oder zumindest auch nicht schlechter als Berlin.

ehea

Und ich trete dafür ein, obwohl ich den bekanntesten Repräsentanten der Bewegung während der letzten Woche als einen Mobber kennengelernt habe und mich schon frage, ob der nicht auf unsere Kosten was Besseres zu tun haben sollte, als wehrlose Frauen im Netz zu demütigen. An dem und den Grünen, da sieht man mal, wie es ausgeht, wenn man sich dauerhaft bindet, liebe Schwule.

Aber auch der progressive Rest des Landes kommt mit den neuen, aber ihnen nicht ausreichend erscheinenden Rechten für Homosexuelle nicht klar. Und giftet FCK VTKN, um seine ablehnende Haltung gegenüber der katholischen Kirche auszudrücken, die mit erfrischend deutlichen Worten nicht so wie die CDU herumwackelt, sondern das Votum der Iren zur Ehe für Alle knallhart verdammt. Man kann sagen, was man will, aber an Charakter und deutlicher Aussprache fehlt es den Herren in Rom nicht. Damit kommt die Linke im vermerkelten Land der weichen, warmen Hände nicht klar, und hofft einfach darauf, dass die alten Männer irgendwann bald sterben, und mit ihnen Religion, Überzeugung und Vorurteil. Dass man bei mir in Mantua immer noch diverse, längst verstorbene Päpste als Postkarte kaufen kann, wird als schrulliger Witz abgetan. Den Padre Pio, der hier überall herum steht, von den Gärten bis zum autonomen Zentrum, den übersieht man vielleicht. Oder denkt, dass es halt Italien ist und daher anders. Aber bei uns müssen diese alten Männer mit ihren Predigten doch bald ausgestorben sein. Da habe ich eine gute Nachricht. Es gibt wirklich einen schweren Priestermangel, und die Klöster sterben nach all den Jahrhunderten wirklich aus. Es ist vorbei.

Und eine schlechte Nachricht habe ich auch.

eheb

Ihr schaut trotzdem mit dem Ofenrohr ins Gebirge.

Weil, so sieht das aus, wenn FCK VTKN auch beim Verschwinden der Priester nicht hilft. Das ist Gasse, das Dorf neben meiner deutschen Heimat Gmund am Tegernsee. Und dort kommen recht viele aus dem Dorf zu einer Andacht auf der Wiese unter freiem Himmel zusammen. Das organisiert bei uns der Landfrauenbund. Ganz ohne alte Männer im Vatikan. Kommen tun natürlich alle, die Frauen, die Männer, die Kinder, viele kommen in Tracht und das schaut nicht schlecht aus, auf unseren sattgrünen Wiesen mit den leicht im Wind rauschenden Bäumen, wenn unten der Tegernsee funkelt. Das ist keine Kirche, da steht kein Marmoraltar, da sind für die Alten nur ein paar Bierbänke und für alle das Kreuz mit dem, in dem sie den Erlöser sehen. Natürlich werden jetzt immer noch einige Leser vielleicht FCK VTKN murmeln, aber man sollte ruhig mal seine Scheu vor dem Fremden überwinden und sich nähern. Es ist ja schön nicht grad greuslich, und es ist auch nicht unkommod hier am See. Gemma, bewegen wir uns etwas näher, schaumaramoi, ned woah.

ehec

SengaS des? Das sind fei pfeigrod Frauen. Frauen an der Harfe und am Hackbrett, Frauen an der Gitarre und am Bass, eine Frauenmusi ist das und ein Minsitrant ist eine Ministrantin und in der Mitte: Das ist auch eine Frau. Alles Frauen. Sogar ziemlich junge Frauen, so jung, dass sie in der gesunden Bergluft beste Chance haben, jeden FCK VTKN Sager unter uns zu überleben. Da sind keine alten Männer vorn dran und das System, das viele so hassen, weil es ihre Rechte ablehnt, läuft mit Frauen weiter. Das ist für Feministinnen eine schreckliche Vorstellung – aber so ist es. Das ist jetzt nur eine Andacht auf der Wiese, aber sie ist schon recht üppig und ein wenig liturgisch geworden. An dem Tag, da die alten Männer Frauen als Priesterinnen zulassen, machen die hier halt eine richtige Messe, und zwar eine richtig pfundige, aber sonst ändert sich nichts. Weil sich schon alles bis hier her und zu den vorne stehende Frauen geändert hat, übrigens ganz ohne Beihilfe der feministischen Gesellschaftskritik, und der Glaube immer noch da ist. Die FCK VTKN Sager machen Witze über unseren Ministerpräsidenten, der einmal nebennaus gegangen ist. Hier wählen sie ihn trotzdem mit Prozentzahlen, die dafür sorgen, dass die SPD im Bund schon sehr betteln muss, um ein klein wenig etwas an den Rechten der Homosexuellen ändern zu dürfen. Und dafür immer noch geprügelt wird, weil sie so wenig erreicht.

Ich erzähle Ihnen was. Das sind jetzt noch zwanzig Meter von hier und die Leute – ich kenne sie. De san fei ned zwida. Mit denen kann man reden und grad lustig sein. Und die freuen sich auch, wenn man dazu kommt und sie lobt und ein wenig mitsingt. Da könnten Sie jetzt einmal mit ihrem unkommoden FCK VTKN aufhören und hingehen und die etwas loben. Für die schöne Musi und die grünen Wiesen und die stimmungsvolle Andacht. Die tun erst mal nichts Böses, die reden von Glaube, Liebe und Hoffnung, und wer sich auf eine Ehe einlässt, braucht das als Grundbestandteile der Verblendung. Da gibt es also eine gemeinsame Basis. Und geben Sie es zu, an so einer Stelle wäre so eine Ehe für Alle ja auch ganz hübsch, als Feier, oder ebba ned? Man könnte also da rübergehen, weil das da drüben – das sind momentan klar die Mehreren in diesem Land. Und schauen, dass man denen irgendwie nahe bringt, dass wir doch eigentlich alle das gleiche wollen. Liebe, Zuneigung, eine gesicherte Zukunft – das verstehen die schon irgendwie. Und dass sich etwas ändern muss, weil sie sich doch auch geändert haben, und gut ist es geworden. Das kann man doch den anderen auch einmal zugestehen, selbst wenn sie Dirndl und Lederhosen tragen. Wenn es gut geht, sagen die vielleicht sogar in der Partei, dass man sich da doch nicht so haben soll, schliesslich singen die Anderen spontan bei der Andacht so schön mit und und ernst ist es ihnen auch. Eine Ehe für Alle, die auch von Allen mitgetragen wird – dann sind die alten Männer wirklich egal.

ehed

Was ich sagen will: Ich glaube, dass man sich da innerhalb einer Gesellschaft schon verständigen kann, wenn man alte Fronten umgeht. Weil nichts anderes machen die hier bei ihrer Andacht auch – vor hundert Jahren hätte es keine Ministrantinnen gegeben und kein Dirndl ohne Brusttuch. Kommunikation klingt schwierig und es ist so leicht FCK VTKN zu twittern, und Lob gibt es dafür auch, aber schaunS, es is doch wias is: Die schauen sich hier nach einem Partner um, weil dazu macht man das auch ein wenig, gehen zusammen heim, zeugen Kinder und geben denen genau diese Religion und Tradition weiter. Das sind die Leute, die wählen gehen, relativ gebildet sind und die noch überzeugt werden müssen, auf Ihre Seite zu wechseln. Die sind vielleicht ein wenig bodenständig, aber bei denen geht der Diskurs fraglos besser als bei den Rapgesang hörenden Unterprivilegierten oder Flüchtlingen aus Ländern, bei denen Schwulenfeindlichkeit Teil der gelebten Kultur ist. Und es bringt auch mehr als die dauernde politische Selbstbestätigung bei den Patchworkfamilien im städtischen Umfeld, deren Kinder nach all dem genderneutralen Zwangsregeln sich eher nach konservativen Lebensentwürfen sehnen werden, die zu ihren Hormonen passen. Irgendwo muss man realistischerweise bei den anderen anfangen, und hier hat sich schon etwas emanzipiert und entwickelt: Man könnte es ja mal probieren, gleich hier. Nicht über den pseudowissenschaftlichem Umweg eines sexuellen Zwangskoffers in der achten Klasse, denn da werden hier und überall die Eltern rebellisch und freuen sich, wenn alte Männer FCK SCHWLNRCHT sagen. Hier. Auf der Wiese bei Gasse, gleich neben Gmund am Tegernsee. Da muss man das Anliegen nachvollziehen können und den anderen mögen. Lustigerweise geht das bei anderen Bereichen wie Gentechnikverboten und Erhaltung der Natur bzw. Gottes Schöpfung sogar jetzt schon sehr gut.

Aber wenn man denen nur mit FCK VTKN und Gift und Galle und Todeswünschen für ihren Glauben kommt, dann bleibt es halt, wie es ist, und ganz ehrlich, ich weiss auch nicht, ob ich nicht gerade den Grünen eine APO-Wahlperiode zum Nachdenken wünschen würde. Wie das ausgeht, wird in diesem Land jedenfalls nicht bei Twitter entschieden, sondern bei denen, die auch dann kommen und zuhören, wenn eine Frau die Ansprache hält und die Lieder vorsingt. Und die mal so und mal so wählen können und eigentlich schon auch der Meinung sind, dass Leben und Leben lassen wichtig ist.

01. Jun. 2015
von Don Alphonso
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