Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

22. Mai. 2017
von Don Alphonso
293 Lesermeinungen

111
25424
     

Leitkultur mit rasenden Autos und Furien

Dieser Text kommt mit einem riesigen Umweg zum eigentlichen Thema, nur um möglichst viele Autobilder unterzubringen.

Immer, wenn ich in Italien war, erwarten mich daheim Neid und Missgunst. Früher hasste ich den Mai, weil ich vom Heuschnupfen geplagt war, heute hassen andere meinen Mai, weil ich den Birkenpollen und dem Heuschnupfen in Italien entgehe, und dabei nicht nur die L’Eroica, sondern auch die Mille Miglia mitnehme.

Und das Vergnügen zudem auch entsprechend offen darstelle, privat, und was bei von Lohnarbeit Abhängigen beruflich wäre. Zu Neid und Missgunst gesellt sich mitunter auch Eifersucht, wenn ich daheim nicht nur das Land, sondern auch seine Bewohnerinnen lobpreise. Das könnte mir auch diesmal passieren, denn in Brescia war ein ganzer Schwarm von Italienerinnen in Rokokokostümen, die sich auch so charmant verhielten, wie man das bei Diderot gern liest.

Knicks hier, Küsschen da, mit Fahrern in der Mitte und angeblich gibt es auch ein Bild eines deutschen Journalisten, den sie von zwei Seiten abbusseln also das geht Sie gar nichts an und hat Sie auch nicht zu interessieren, jedenfalls, Startnummer 180 bis 220 habe ich irgendwie verpasst. Es war eine sehr gelungene Aufführung, großherzig, sinnenfreudig, sie verschmolzen mit den Kostümen jener opulenten Epoche, die noch wusste, wie man mit der Leibeigenschaft Klassengrenzen befestigt. Sehr italienisch jedenfalls.

Dann war da Italienerin in Mantua, die einen Pudel hatte. Es war heiß, und sie hatte daher auch Wasser für den Pudel dabei. Und damit der Pudel nicht etwa aus der Flasche trinken muss, hatte sie auch ein pinkfarbenes Schlabbertässchen dabei. Und damit sie sich nicht etwa bücken und dem Hund das Wasser selbst geben muss, hatte sie auch einen Mann dabei, der das tat, während sie gut aussah und Sportautos bewunderte. Diese Rollenverteilung ist sehr, sehr italienisch!

Schliesslich würde ich daheim vermutlich erneut den Fehler machen und von italienischen Müttern erzählen, die nach der Geburt ihrer Kinder nicht wie Parteimitglieder der Grünen aussehen, sondern stilvoll mtt hochhackigen Schuhen, das Kind hinten drauf, durch die Städte radeln und in jedem Detail perfekt sind. Das zu erzählen ist ein Fehler, ich habe hier in der Zeitung auch einmal über “Italienerinnen in Bewegung” geschrieben, und zwar so euphorisch, dass ich mich nach meiner Heimkehr nicht etwa an Seiten einer Frau, sondern allein auf ihrem Sofa wiederfand. Aber es ist wahr und sehr, sehr, sehr italienisch!

Daheim jedenfalls hat man den Eindruck, dass ich zwar stets bereit bin, die Italienerin als solche in höchsten Tönen zu loben, wohingegen die Einheimischen weitaus weniger Komplimente erhalten. Ja, es wird mir gar nachgesagt, ich neigte dazu, nichtitalienische Frauen aufgrund ihrer Erscheinung in die Nähe der Grünen zu rücken, was überhaupt nicht stimmt, meistens jedenfalls, außer sie sind Parteimitglieder und lehnen alte Autos und andere Freuden des Patriarchats ab.

Trotzdem reagieren Frauen oft ungehalten auf mein Lob, fühlen sich zurückgesetzt und werden spitz bis garstig. Dann wird mir bedeutet, dass ich doch auch ganz nach Italien ziehen könnte, wenn dort alles so perfekt und schön ist, ein Haus kaufen, eine Italienerin heiraten, und ein Auto mit mehr als 2 Sitzen erwerben, für die Kinder und die Eltern der Braut und alle anderen Angehörigen. Dann wären alle zufrieden. Nur zu! Niemand möchte meinem Glück im Wege stehen, niemand würde mich allzu sehr vermissen. Bis dahin weiss ich ja, wo für das Übernachten das Sofa steht. In schweren Fällen auch: Mein Auto.

Das wird mir diesmal nicht passieren, denn ich war vorgestern ein wenig südlich von Maranello, in den nördlichen Ausläufern der Toskana. Es gibt dort winzige, vergessene Bergstrassen zwischen Weilern und Höfen auf den Bergen, die längst von breiten Strassen im Tal als Hauptverkehrswege abgelöst sind. Das macht sie so attraktiv für die Mille Miglia: Die alten Fahrzeuge können auf gesperrten Bergstrecken hemmungslos fahren, die anderen müssen ins Tal ausweichen.

Das ist überall bekannt, die Mille Miglia ist ein riesiges Fest, und ich bin dem Tross entgegen die Bergstrasse hinauf gefahren, so weit es eben ging. Am Ende standen Offizielle und die Polizei an einer Zeitkontrolle, die die Strasse wirklich blockierte, und winkten mich auf einen Parkplatz. Ich tat, was mir von der Polizei gesagt wurde, bedankte mich, Grazie, mille Grazie, stieg aus, und machte mich auf die Suche nach den besten Positionen, um das Geschehen in Bildern einzufangen. Das wird mir jetzt niemand glauben, der mich kennt, aber: Ich war sogar zu früh da.

Noch rauschten neumodische Ferraris durch die Landschaft. Als guter Deutscher tat ich das, was Deutsche immer tun, wenn sie, im tiefsten Inneren Romantiker, in Italien sind: Ich setzte mich auf die lehmige Erde und dachte mir in Selbstbescheidung: Du bist 100 Kilometer offen durch Italien gefahren, du bist in der schönsten Landschaft der Welt, ab und zu fährt ein Ferrari vorbei und die Sonne scheint – du sitzt nicht nur auf einem Berg, sondern an der obersten Spitze der menschlichen Entwicklung, nur ganz wenige haben es so schön wie du. Geniesse es. Sie werden schon noch kommen.

Ich war also, romantisch mit erfüllter Italiensehnsucht gesegnet, zufrieden und diszipliniert. So ist der Deutsche nun mal. Sie kamen dann auch, nach gut einer Stunde, als die Sonne schon tief stand, und das Licht zunehmend schlechter wurde.

Denn es war schon recht spät am Abend, und über der Poebene bildete sich ein rabenschwarzes, wagnerianisch-dramatisches Hitzegewitter. Einzelne Wolken zogen hoch über die Hügel und verdeckten die Sonne.

Ich machte das, was Deutsche immer tun, wenn sie aufs Sofa geschickt werden oder die Sonne verschwindet: Ich fügte mich ins Unvermeidliche. Ich stellte die ISO-Zahl auf 800 und begann, mit langer Belichtungszeit zu operieren.

Das ging oft grässlich schief und manchmal waren die Ergebnisse vorzeigbar, wenn man ein Faible für durch Bewegung verwischte Bilder hat.

Wie gesagt, die Strasse ist gesperrt und stark abschüssig, da kann man es laufen und den Bildberichterstatter mit Blende 3,5 verzweifeln lassen.

Langsam zog ich mich über den Bergrücken zurück zur Kontrollstelle, wo das Licht noch etwas besser war, und die abgebremsten Autos leichter zur Beute meiner Kamera wurden. Man muss eben nehmen, was man kriegen kann.

Dort standen weiterhin die Rennbevollmächtigten – was für ein schönes, deutsches Wort! – und die Polizei. Vom Berg herab kamen die Bugattis, BMWs und OSCAs, aber vom Tale herauf kam ein kleiner, roter Wagen, und seine Fahrerin war definitiv zu spät, um noch gute Bilder zu bekommen.

Das wollte sie aber auch gar nicht. Sie wollte durch. Sie ignorierte den ersten Bevollmächtigten und seine Pfiffe, und der zweite stellte sich ihr in den Weg – nur um gleich wieder zur Seite zu gehen, denn sie bremste erst im letzten Moment und auch nur, weil sie sonst in einen entgegen kommenden Jaguar gekracht wäre. Auf den Mann hätte sie keine Rücksicht genommen.

Der Leiter der Kontrollstelle kam herüber und erklärte ihr, was er allen schon gesagt hatte: Hier findet ein historisches Rennen statt. Hier kann man nicht durch.

Das steht auch auf einem Schild im Tal. Nur Anwohner werden durchgelassen. Alle anderen müssen zurück ins Tal und ihre Ziele auf der neuen Strasse ansteuern. Es sind maximal 10, 15 Kilometer Umweg.

Und die Signora sollte jetzt weg vom Endpunkt einer Zeitwertung, weil hier manche doch recht flott durchrauschen. Es rauschten derer fünf hupend durch die vom roten Kleinwagen gebildeten Engstelle, bis sie ihren Wagen laut zeternd über die Strasse auf den Parkplatz fuhr.

Und ausstieg und reihum begann, alle Anwesenden zu beschimpfen und gröblich zu insultieren. Was das für eine Frechheit sie, sie so zu behandeln. Ihr den Weg zu verbieten. Das sei schließlich ein freies Land, und sie sähe es überhaupt nicht ein, noch mal ins Tal zu fahren. Und warum die Polizei das zulasse. Es klang, als würde jemand eine feministische Kolumne der Zeit brüllen, und danach noch eine von Spiegel Online.

Nachdem sie alle beschimpft, verflucht und beleidigt hatte, wurde sie nicht festgehalten, weil sie eine gesperrte Strasse befuhr, einen Beamten beleidigt und einen Rennoffiziellen beinahe überfahren und andere gefährdet hatte. Sie stieg in ihr Áuto, schrie noch ein paar Minuten, die sich so endlos wie ein Vortrag der Familienministerin zur Gleichstellung anfühlten, und fuhr dann wieder hinunter, nicht ohne vorher eine Halteanweisung zu ignorieren und einen unschuldigen Aston Martin DB2 beinahe seitlich in die lehmige Erde der Toskana zu bohren.

Ich ging zu meinem Wagen, zeigte in ihre Richtung und meinte, sie sei wohl un poco verrückt, aber der Polizist sagte nur, so seien Frauen eben. Das ist sehr, sehr, sehr, sehr italienisch, dachte ich mir, denn die Vorstellungen von dem, was eine legitime Konfliktsituation und was strafrechtlich relevant ist, gehen wohl im internationalen Vergleich ziemlich auseinander. Die eigenen Normen hat man so verinnerlicht, dass sie nicht weiter bemerkbar sind – es sei denn, sie werden in Frage gestellt. Die deutsche Norm lautet; Beleidige nie einen Polizisten. Die italienische Norm lautet: Warte, bis die Furie ins Auto steigt und verschwindet.

Natürlich darf man nicht verallgemeinern, aber ich verallgemeinere schon bei Rokokokostümen, Hunde- und Männerhalterinnen und modischen Müttern, da kommt es auf einmal mehr nicht an. Man kann die Idee einer Leitkultur und einer Identität leicht verneinen, wenn man sich über Normen einig ist: Dann scheint es, als gäbe es so etwas gar nicht, weil es jeder automatisch tut, und man es nicht als relevant ansieht. Niemand käme auf die Idee, Ehebruch in Deutschland zu einer gesellschaftlichen Norm zu erklären: Das wird halt bei uns so gemacht, bis hinauf zum höchsten Politikerinnen und Politikern gleich welcher Partei. Dass es sehr wohl etwas mit unserer Identität zu tun hat, merkt man erst, wenn man in die andernorts geltende Scharia blickt. Es muss ja nicht gleich Steinigung sein, aber es gibt international sehr unterschiedliche Vorstellungen, welches Verhalten statthaft ist. Ausbrüche wie da oben am Berg mögen in Italien Teil des Lebensgefühls und der Selbstverwirklichung sein – in Deutschland würde so ein Benehmen, gerade bei nichtigen Anlässen, bald jede private und berufliche Beziehung sprengen.

Es verträgt sich überhaupt nicht mit den Normen, den kulturellen Vorstellungen von Interaktion, und das, obwohl nur die Alpen zwischen Deutschland und Italien liegen. Mir ist natürlich auch das eisige Anraunzen der Menschen in Berlin fremd, aber dort oben über Maranello wurde auch offensichtlich, dass die typische Bayerin ganz sicher keine nördliche Voritalienerin ist, auch wenn solche Mythen gern verbreitet werden. Man denkt darüber einfach nicht nach, wenn man daheim ist. Aber wer nicht glaubt, dass es so etwas wie eine spezifisch deutsche Leitkultur gibt, sollte einfach längere Zeit im Ausland verbringen – es muss noch nicht einmal Iran oder Nordkorea sein.

Ich bin danach wieder den Berg hinunter gefahren, eingeklemmt zwischen einem rasenden Delahaye und einem Polizeiwagen, der mir bedeutete, dass ich bitteschön hier auch absurd illegales Renntempo und mit quietschenden Reifen über Rondelle fahren sollte, wo die Menschen nur darauf warteten. Es gibt eine Leitkultur, in Deutschland wird man dafür eingesperrt und in Italien bejubelt. Dafür schläft man in Deutschland allenfalls allein mit der Leitkultur auf dem Sofa, wenn in Italien längst das Nudelholz spricht.

So ist das. Und dafür hat es sich gelohnt, nach Maranello zu fahren, auch wenn die Bilder nicht ideal geworden sind.

22. Mai. 2017
von Don Alphonso
293 Lesermeinungen

111
25424

     

20. Mai. 2017
von Don Alphonso
354 Lesermeinungen

112
30080
     

Die moralische Ungnade der spätesten Geburt

Erfindung ist nützlicher als die Wahrheit
Benito Mussolini

Mir geht seit einem Jahr ein Erlebnis durch den Kopf, das ich gern aufgeschrieben hätte, aber so richtig fand sich nie die Gelegenheit. Ich habe in der Eremitage von Bayreuth zwei ältere Herrn kennengelernt, Jahrgang 1926. Das war, wir erinnern uns, keine besonders gute Zeit, und sie sollte noch schlechter werden: Als die beiden 7 Jahre alt waren, übernahm die NSDAP die Macht im Deutschen Reich, und zusammen mit 120 anderen Jungen besuchten sie hier ein Gymnasium.

Daher gab es hier ein jährliches Klassentreffen, und obwohl dort noch Disziplin herrscht und jeder, der kommen kann, auch kommt, waren nur noch 10 in der Lage, dem Ruf zu folgen. Zwei davon also sassen auf einer Bank mit Blick auf die Wasserspiele, wir kamen ins plaudern. Ich erzählte, dass bei meinen Klassentreffen auch nicht mehr als 10 Anmeldungen vorlagen, der Rest schwänze, so haben sich die Zeiten geändert – und einer der beiden sagte dann, naja, es hätten ja auch nur 70 bei ihnen den Krieg überlebt.

Weil man sie nämlich 1944 nach einem Notabitur eingezogen und in die Wehrmacht gesteckt hätte, und damals sind von den 120 Abiturienten 50 gefallen, in Gefangenschaft gestorben oder anders ums Leben gekommen. Das Wasser plätscherte und lief über dicke Brüste der Nymphen herab, die neckisch mit Tritonen spielten, die Sonne schien, und da kam ich doch etwas ins Grübeln. Wer mit 7 Jahren unter die Herrschaft der Nationalsozialisten kam, der hat sie nicht gewählt. Der hatte auch bis zu seinem 18. Lebensjahr, praktisch gesehen, keine Chance, dem System zu entgehen, und wurde ebenso unvermeidlich zum Opfer der Einberufung, als der Krieg längst verloren war.

Neben mir sassen also zwei steinalte Männer, die damals einen Karabiner frisch von der Schulbank weg in die Hand gedrückt bekamen, um auf Amerikaner, Russen und Briten zu schiessen, und die schlechte Chancen hatten, das zu überleben. Also, jedenfalls deutlich schlechtere Chancen als ich im Flugzeug, das mich nach meinem Abitur in der alten BRD nach Kalifornien brachte, um ein Auto zu kaufen und die 8 Zylinder auszufahren. Da sassen wir, das Wasser plätscherte, und ich sagte mir das, was ich mir als Historiker oft sage:

Aus der Geschichte lernen heisst nicht, dass der eine die historische Wahrheit hat und alle anderen daraus lernen müssen. Aus der Geschichte lernen heisst, dass es viele Sichtweisen und Erfahrungen gibt, und das Erste und Wertvollste, was man daraus lernen muss, ist die Einsicht in die eigene begrenzte Beurteilungsfähigkeit. Wenn man das aus der Geschichte gelernt hat, ist man immun gegen das Übelste, das man aus der Geschichte lernen kann: Dem Irrglauben, man sei die Spitze der menschlichen Entwicklung, und könnte sich, um diese heilsgeschichtliche Position zu belegen, auf der eigenen, voreingenommenen Interpretation der Vergangenheit herum trampeln.

Die beiden Männer neben mir wurden später übrigens Lehrer, stiegen auf zum Direktor und Schulrat, und dienten Demokratie und Verfassung mit einer ganz anderen Hingabe als Hakenkreuz und Reichsadler. Das war damals eben so, die Generation, die Deutschland von den Naziherrschaft als Trümmerlandschaft erhielt, war die Generation der Wehrmacht und der Luftwaffenhelferinnen. Keiner von denen hatte 1933 Nazis oder Rechtsreaktionäre gewählt. Die Zeiten waren schlecht, sie haben mit der BRD etwas daraus gemacht, das – ich denke, das ist Konsens – besser war.

Natürlich mit ihrer Sicht der Dinge, und das schloss in weiten Teilen der Gesellschaft eine historisch fragwürdige Sicht der Wehrmacht mit ein. Von Helmut Schmidt, dessen Wehrmachtoffiziersbild gerade abgehängt wurde, gibt es ein Interview über den deutschen Herbst 1977, in dem er sich abfällig über Helmut Kohl äußert, und Franz Josef Strauss lobt: Kohl hatte keine Kriegserfahrung, während Strauss und Schmidt als Offiziere damals gewusst hätten, was nun zu tun sei, und die nötige Härte mitbrachten. Ob das Interview nun, da Baader und Meinhof langsam zu Popikonen gemacht werden, vielleicht auch in die Giftkammer des Staatsfunks kommen mag?

Es war ein weiter und harter Weg, die Verbrechen der Wehrmacht aufzuarbeiten und im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern, nachdem man sich auch in den Parteien, die sich jetzt als Sieger der Debatte geben, jahrzehntelang genau davor gedrückt hat. Hitlers Generäle sind längst unter Erzielung hoher Pensionen tot, wir arbeiten uns an Wehrmachtsdevotionalien und den letzten Überlebenden ab. Es war lange Zeit eine hässliche Debatte, heute sind es kinderleichte Siege, und zu gern wüsste man, ob und wenn ja wer in Frau von der Leyens Familienalbum nun ebenfalls der Damnatio Memoriae zum Opfer gefallen ist.

Es ist jedenfalls immer ein Alarmzeichen, wenn ein Kampf gewonnen ist, und nun schlagartig alle bei den Siegern sein wollen: Das, was die Franzosen 1944/45 als Resistance de la derniere minute kennenlernen mussten, hat frappierende Ähnlichkeit mit dem dem neuen deutschen Antifaschismus, grad so, als wären CDU und CSU seit jeher führende Protagonisten der Aufklärungsarbeit gewesen, und hätten nie Vertreter auf den Begräbnissen von Wehrmachtsgrössen gehabt. Aus Relativierung wurde Abgrenzung, nur der wichtige Teil der eigenen Hinterfragung, der erscheint mir bei all den Internet- und Medienantifaschisten etwas schwach ausgeprägt.

Dabei erzählt die Geschichte leider sehr oft, dass nicht alles, was das absolut Böse bekämpfte, absolut gut sein muss, und Italiens Duce Mussolini zeigte mit seinem Schlingerkurs in Bezug auf Hitler mit Militäraufmärschen am Brenner und Alpenbefestigung gegen Deutschland, wie man das machen kann, ohne selbst jemals erfreulich gewesen zu sein. Immerhin, die strengen deutschen – und damit sehr identitär deutschen, weil der wahre, überzeugte Deutsche, der macht keine halben Sachen und lässt sich nicht von kleinlichen Bedenken aufhalten, wenn es um die Bekämpfung des Falschen geht – die strengen deutschen Kriterien ziehen hier südlich der Alpen noch nicht ganz. Mussolini, der nach erfolglosen Versuchen als sozialistischer Journalist zum faschistischer Diktator wurde, hatte nicht wie Hitler nur 6, sondern 18 Jahre relativer Ruhe im eigenen Land Zeit, die Orte mit einem immensen Bauprogramm mitunter futuristisch, meist aber neoklassizistisch zu prägen.

Und wer hier meint, wegen faschistischer Architektur die Augenbraue heben zu müssen, hat wahrhaft viel zu tun. Italien ist voll davon, das Regime hatte operettenhafte Züge und liebte es, die eigenen Ansprüche in Beton, Marmor und Ziegelstein abzubilden. Mitunter hat man Inschriften und Liktorenbündel entfernt. Der Rest steht da noch immer wie zu des Duces Zeiten, und Brescia, wo ich vorgestern war, hat davon einen ganzen Aufmarschplatz in der Stadt. Auf dem dröhnen die Motoren wie in den Träumen Marinettis.

Denn die Mille Miglia ist wieder in der Stadt, 1000 römische Meilen rasen alte Automobile durch Italien. Das Ereignis feiert 90. Geburtstag, und was könnte man da nicht alles zur eigenen moralischen Versicherung aufarbeiten. Den Todeskult durch Maschinen, den Futuristen feierten, der krankhafte Glaube an die technisierte Zukunft, die Neuinszenierung eines brandgefährlichen Rennens mit hohem Blutzoll als Bühne für den faschistischen Neuen Menschen. Mussolini schickte seinen eigenen Fahrer an den Start, auf Siegerbildern posieren dreckverschmierte Männer neben Schwarzhemden, und der Sieg galt als Frage der nationalen Ehre.

Weshalb auch die Deutschen noch in der Weimarer Republik mit Mercedes und dann, hocherfolgreich mit BMW dank ausgefeilter Aerodynamik, im III. Reich um Siege kämpften, wie dann auch nach 1948 erneut erfolgreich seitens der BRD mit Mercedes – und alle sind sie wieder in Brescia am Start. Natürlich ist das Kapitel vor dem 2. Weltkrieg geprägt von Idealen der damals Neuen Zeit, und heute sitzen die Menschen in einer vom Faschismus errichteten Loggia und schauen zu, wie sich Alfas und Fiats jener Tage mit laut brüllenden Motoren ein Duell liefern.

Die unangenehme Botschaft ist natürlich, dass unter Faschismus wie unter Demokratie, ohne Rücksicht auf die damit früher transportierten Ideale, die Menschen sich hinreissen lassen, mit Fahnen zu winken und – zumindest früher – ihre Favoriten lobten, das eine Land richtig und das andere falsch fanden, dafür auch dopten und betrogen, und was man eben so tut, wenn man am Ende als Gewinner verewigt werden will. Man hat inzwischen gelernt, das nationale Prestige anders auszudrücken, aber für wahrhaft kritische Geister bliebe viel, was hier zu bemängeln wäre. Auch jetzt, nachdem die Kanzlerin souverän von Oben nach Unten das eigentlich parteipolitisch gewünschte Ziel der Elektroautofizierung der Nation aufgegeben und der nationalen Industrie die Erlaubnis erteilt hat, noch lange weiter Verbrennungsmotoren zu bauen.

Denn natürlich ist das hier laut und dreckig, und auf den Strassen liegt Sand, sonst würden die Autos in den Kurven auf den öligen Ausscheidungen ihrer Vorgänger wegrutschen. Es ist ein unmodernes und archaisches Vergnügen: 1927 hielt man das noch für die Zukunft, heute würde man vermutlich eher 3km-Lastenradrennen in Berlin zur nächsten Kita organisieren, um die Fähigkeit zu demonstrieren, den Alltag nachhaltig zu meistern, mit veganem Siegerbankett und energetisch gereinigtem Sodawasser im Holzpokal. Was hier gefeiert wird, ist eine Fortbewegung, die absehbar in wenigen Jahrzehnten als verabscheuungswürdige Diktatur in unseren Städten gelten wird.

Man wird sich dann beweisen müssen, dass man besser ist, oder noch besser, das Optimum.. Und man wird Studien erwähnen, nach denen Zigtausende damals, in unserer Zeit, durch mehr Autoabgase ums Leben kamen. So schlimm war das, was manche damals sogar noch in Brescia feierten: Der reinste Massenmord. Ich kann allerdings nicht garantieren, dass ich dann brav auf einer Bank sitze und bedächtig dazu nicke, mit Blick auf ein trocken gelegtes Wasserspiel, weil wir das Süsswasser dann nicht verschwenden, sondern lieber nach Äthiopien spenden..

Vielleicht mache ich auch keck und dreist den Mund auf und erwähne – vorsichtig natürlich, man weiss dann schliesslich, wie das mit der Ermächtigung von Heiko Maas und seinem Zensurgesetz ausgegangen ist – dass es kein Zeichen besonderer Sicherheit ist, wenn man das Leben der Vorgänger schlecht redet, um sich selbst zu erhöhen. Wer das braucht, mit dessen Selbstsicherheit kann es nicht wirklich weit her sein. Kann es gar sein, dass ein paar Defizite des Optimums mit so einer Abgrenzung überdeckt werden sollen?

Auch Mussolini hat sich schließlich, wenn etwas in seinem perfekten Staat schief ging, über die althergebrachten Unarten seiner Landsleute und historisch bedingte Inkompetenz der Eliten beklagt. Man sieht also, für eine schlechte Tradition muss man noch nicht mal in der Wehrmacht gewesen sein. Und die Tradition des ungehemmten Hedonismus, die man damals, 2017 noch lebte, war gar nicht so schlecht wie ihr dann weit verbreiteter Ruf.

(Wie üblich bei der Mille Miglia und auf Wunsch der Leser sind hier alle motorpornographischen Bilder 1000 Pixel breit, ohne Rücksicht auf Datenvolumen)

20. Mai. 2017
von Don Alphonso
354 Lesermeinungen

112
30080

     

17. Mai. 2017
von Don Alphonso
533 Lesermeinungen

175
33119
     

Die gebaute Islamophobie im Alten Europa

Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Recep Tayipp Erdogan

Kommen Sie mit mir noch ein paar Kilometer mit, über die Hügel meiner Teilzeitheimat nördlich von Siena, hinunter ins Tal hinter dem verlassenen Dorf des Patriarchats – über einen steilen Schotterweg kommen wir in das schmale Seitental der Elsa, das heute die Weinbauregionen Chianti und Chianti Classico trennt. Ich möchte Ihnen da noch etwas anderes zeigen.

Wir sind in einem Italien, italienischer könnte es kaum sein, und rollen langsam den ersten Hügel des klassischen Chiantigebietes hoch. Es sieht hier auch nicht anders aus als auf den Hügeln ein, zwei, drei vier Hügelketten weiter. Italien wie aus dem Bilderbuch, sollte man meinen, und wenn es hier um Identität geht, hört man am ehesten von den Konflikten, die Florentiner im Norden und Sienesen im Süden im späten Mittelalter in dieser Region ausgetragen haben, und die künstlerische Begleitung dieser Machtkämpfe, aus denen die Renaissance erwuchs: Duccio, Simone Martini und die Brüder Lorenzetti in Siena, Giotto, Brunelleschi und Michelangelo in Florenz.

Burgen künden von den damaligen Konflikten in ihren späteren Ausbauphasen. Aber wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass die Streitigkeiten zwischen Städten und verfeindeten Clans in der Toskana dank der Kunst bedeutender wirken, als sie wirklich waren. Lokale Fehden, Streitereien um Käffer und Kirchen, ein paar Strauchdiebe, teils mit und teils ohne Adelstitel, dazu ein paar Bank- und Handelshäuser, die zwei Jahrhunderte gute Geschäfte machten und dann bedeutungslos wurden: Die toskanische Renaissance hat eine gute Propaganda, und dadurch wird anderes überdeckt. Wie etwa die Epochen davor.

Wir biegen ab auf eine kleine, marode Seitenstrasse praktisch ohne Verkehr, denn die Strasse wird oben in einem Dorf enden, hinter dem nur noch undurchdringlicher Wald die Heimat der hiesigen Wildschweine ist. Gegenüber liegt ein weltbekanntes Weingut, hier zerfallen ein paar Häuser, und man ist schnell auf dem kleinsten Gang, denn die Strasse wird steil, sehr steil, und verlangt dem Radler alles ab. Das Tal bleibt weit unten zurück, und wenn man hier so hoch keucht, wundert man sich schon, warum dieses Dorf hier ganz, ganz oben auf einem Berg liegt, ganz hinten beim Wald. Man fragt sich im Pinienduft, was das früher für eine Plackerei gewesen sein muss, alles, was man brauchte, auf den Berg zu schaffen.

Es findet sich hier oben, auf einer Terrasse mit bestem Blick über das Tal, und an ganz klaren Tagen vielleicht sogar bis zum Meer, eine alte Kirche, die Zeugnis vom frühen Ausbau des Landes zu Beginn des letzten Jahrtausends ablegt. Sie ist schlicht, hat wuchtige Mauern, kleine Fenster und nur wenige Ornamente, und erinnert mehr an einen Bunker denn an eines dieser lichterfüllten Gotteshäuser der Gotik. Sie wurde gebaut und nicht erweitert, was durch den überschaubaren Erfolg dieser abgelegenen Gründung erklärbar ist: Es war zu weit oben auf dem Berg für friedliche Zeiten. Aber der Ort selbst entstand nicht in Zeiten des Friedens, sondern in einer Epoche der multikulturellen Bedrohung Europas.

Damals gab es noch keine Abos der Zeit, die den Menschen erklärten, wie großartig Bereicherung durch andere Kulturen denn sein können. Statt dessen litt Europa im späten 9. und 10. Jahrhundert massiv unter Einfällen von Leuten, die bei den Einheimischen nicht bejubelt wurden, und das auf Routen, die heute auch wieder benutzt werden. Aus Skandinavien, von wo aus die EU mit Gendertheorien und Müllmöbeln überschwemmt wird, kamen damals die Wikinger auf Booten, die leider noch nicht auseinander fallendes Geraffel von Ikea, sondern hochwertig genug für Einfälle waren. Auf der heutigen Balkanroute kamen die Ungarnstürme, die erst beendet wurden, als wir Bayern die Österreicher erfolgreich versklavten. Und über das Mittelmeer kamen die Sarazenen, deren Nachfolger heute kurz vor den Küsten vor allem von Deutschen abgeholt werden, was in Italien inzwischen für Wut und Ärger sorgt. Die Sarazenen kamen, genau genommen, bis Korsika und Sardinien, und setzten sich bis ins 11. Jahrhundert dort an den Küsten fest.

Nur über Ungarn unter Orban darf man heute noch ohne Risiko Unausgewogenes sagen, Skandinavier, Sarazenen und Subsaharabewohner dagegen sind freundlich zu behandeln, aber das ändert nichts an den historischen Fakten: Haupteinnahmequellen der Sarazenen waren, das ist von beiden Seiten des Konflikts verbürgt, Raub und vor allem Sklavenhandel. Dieses Italien hier an der etruskischen Riviera war keine Nation, sondern aus Sicht der einfallenden Muslime eine Region, die wirtschaftlich, politisch und religiös ideale Eigenschaften für Raubzüge aufwies. Die Zentralgewalten in Europa waren schwach oder bekriegten sich gegenseitig, und so konnten die Invasoren aus Skandinavien, dem Balkan und Nordafrika weitgehend ungehindert ihrem religiös erlaubten und geförderten Tagewerk nachgehen. Die Sarazenen kamen dabei bis weit in die Schweiz, nach Rom und Frankreich, aber die am schlimmsten betroffenen Regionen waren nah, ländlich, zersiedelt und schlecht verteidigt. Wie hier.

Das änderte sich erst im 10. Jahrhundert, als sich Europa konsolidierte und zuerst – ex Bavaria lux – in Süddeutschland die Ungarn vernichtend geschlagen und daraufhin das heutige Österreich erobert wurde. Danach räumte man im Norden mit den Wikingern auf und zwang sie teils mit militärischer Gewalt, teils mit Handel und teils mit kultureller Verführung, sich entweder zu integrieren oder unterzugehen. Und die Epoche der Sarazenen endete um 1030/50, als sich die Handelsstädte Genua und Pisa verbündeten und die Inseln im Mittelmeer nach zwei Jahrhunderten und schweren Kämpfen befreiten. Danach beginnen der Aufstieg der Toskana und die Renaissance, deren Bauten man in Pisa bestaunen kann. Aber solange die Sarazenen auf den Inseln waren, baute man wie hier oben kleine, festungsartige Kirchen in zurückgesetzter Lage, und hoffte, dass die Angreifer genügend Opfer in Massa Maritima hinter den Sümpfen der Maremma oder bei Volterra auf einem Berg über der Ebene fanden.

Die Vernichtung der sarazenischen Herrschaft auf Korsika und Sardinien beendete die Sklavengewinnung an Europas Küsten nicht, aber sie nahm zumindest einiges an Druck von der direkten Grenz- und Kriegsregion, deren Zeichen Kirchen wie diese sind: Hoch oben, gut gesichert, und allem misstrauend, was vom Meer kommen mag. Insofern hat hier auch einmal und vermutlich ohne Absicht Aydan Özoguz (SPD), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung recht, die letzte Woche im Tagesspiegel (https://causa.tagesspiegel.de/gesellschaft/wie-nuetzlich-ist-eine-leitkultur-debatte/leitkultur-verkommt-zum-klischee-des-deutschseins.html) zur Leitkulturdebatte sagte: “Schon historisch haben eher regionale Kulturen, haben Einwanderung und Vielfalt unserer Geschichte geprägt.“

Davor sagte sie aber auch etwas, das wissenschaftlich nicht haltbar und eher bei der antideutschen Antifa zu verorten ist, und in Italien, der Türkei und vielen anderen Ländern mit Sicherheit ihre politische Karriere sofort beendet hätte – also etwas, das auch wieder sehr deutsch ist: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Das ist schon für Deutschland eine Fake News, und es war auch hier definitiv im 10. Jahrhundert anders. Wer hier war, konnte Landwirtschaft betreiben, wer drüben bei den anderen war, musste auf Ruderbänken sitzen, als Sexsklavin auf dem Markt stehen oder als gezwungener Söldner den Kopf für Erdogans Vorgänger hinhalten. Und das alles nicht nur im fernen hohen Mittelalter, sondern bis zur technischen Entwicklung der eisernen Dampfschiffe, die erst im 19. Jahrhundert Komponisten die Stoffe für Opern wie “Die Italienerinnen in Algier“ von Rossini entzogen: Mit der europäisch eindeutig einseitig kulturellen Kanonenbootpolitik gelang es, die Piraterie im Mittelmeer zu beenden. Davor hatte man es in Europa vor allem mit dem Wunsch nach kultureller Sicherheit zu tun. Wer hier in den Pedalen stehend hoch keucht und seinen Schweiss auf dem Asphalt vergiesst, der fühlt körperlich, wie wichtig diese kulturelle Sicherheit den Menschen gewesen ist. Es ging da nicht nur um die Frage, ob Siena oder Florenz den Steuereintreiber schickt. Es ging schlichtweg um alles.

So gesehen könnte man die Kirche hier oben aus heutiger Sicht als gebaute Islamophobie bezeichnen, und es stimmt vermutlich sogar. Die Menschen waren auf allen Ebenen der Gesellschaft in ihrer Kultur verhaftet, egal ob die Aspekte aus unserer heutigen Sicht gut oder böse waren. Heute mag das anders sein, Eliten sind zunehmend mobil und international durch die Wirtschaft geprägt, aber hier oben werden immer noch Gebete wie vor 1000 Jahren gesprochen. Manche unten in den Städten haben für sich alternative Kulturräume entdeckt. Sehr viele davon arbeiten in den Medien. Aber hier oben und an vielen anderen Orten ist man noch nicht ganz so weit. Da wünscht man sich auch weiterhin kulturelle Sicherheit in Selbstbestimmung.

Und Kontrolle darüber, wie viel Fremdheit man haben will. In die Flanke der Kirche hat man später auch ein gotisches Fenster im französischen Stil gebrochen, und die Via Francingena, die unten im Tal nach Rom führte, war für alle in dieser Region mitsamt den Fremden ein wichtiger Wirtschaftszweig. Historisch gesehen gibt es durchaus Beispiele, dass Kulturen mit hoher kultureller Sicherheit sehr wohl bereit waren, mehr Fremde aufzunehmen: Idealbeispiele sind die italienischen Städte der Renaissance, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzten und deutsche Handelshäuser, flämische Maler, Juden und, wenn sie im Frieden kamen, auch Muslime vertrugen. Aber dazu mussten erst einmal die Inseln im Mittelmeer erobert werden, im Sinne der kulturellen Sicherheit, und alle mussten helfen, das Wohlergehen der Stadt zu fördern. Es gab keine lohnende  Einwanderung in Sozialsysteme, sondern in harte Arbeit und Anpassung fordernde Kulturräume. Wer sich wie manche Adelsgeschlechter nicht anpasste, flog raus, und danach plünderte man seine Häuser. So war das früher mit der Leitkultur in Europa.

Ich bin nur ein von der Sonne verbrannter Radler, der sich hier oben vor der Kirche ein paar Gedanken macht, über Geschichte, aus der niemand etwas lernen muss. Aber vielleicht, möchte ich sagen, gibt es auch heute noch signifikante Teile der Bevölkerung, für die Sicherheit und Identität mehr ist als der Wunsch, nach 22 Uhr noch eine U-Bahn ohne jedes Risiko und ohne Belästigung fahren zu können. Gewisse Aspekte unseres aktuellen Daseins – die SPD fordert gerade heute nach der Wahlpleite in NRW, kriminelle Ausländer abzuschieben, und es wird über Migrantenquoten für Klassen diskutiert – scheinen darauf hinzuweisen, dass die Distanz zwischen der Kirche hier und der Küste Korsikas nicht die einzige ist, die wir heute in Europa noch erfahren können, und möglicherweise wäre eine differenzierte Debatte ohne den vorschnellen Vorwurf islamophober Einstellungen und Rückständigkeit wirklich hilfreich. Aber was weiss ich schon, Ich bin nur ein Radler, lang genug hier gesessen, und so löse ich die Bremsen, und rausche wieder hinunter ins Tal.

17. Mai. 2017
von Don Alphonso
533 Lesermeinungen

175
33119

     

13. Mai. 2017
von Don Alphonso
388 Lesermeinungen

72
21495
     

Der romantische Kadaver des Patriarchats im Chianti

Wenn Menschen mich treffen wollen, so ist mir’s um jene leid, nicht um mich.
Katharina von Siena

Es ist immer so eine Sache mit der menschlichen Geschichte: Bewegungen neigen dazu, sich als Heilsbringer der Fortschritts zu inszenieren. Die Grünen machen das beim Umweltgedanken, die 68er bei der sexuellen Revolution, und die EU und ihre Helfer  beim Frieden in Europa. Das alles kann man bezweifeln: Der Widerstand gegen Gentechnik in der Landwirtschaft wird bei uns von Bauern getragen, die mit den Grünen nichts am Hut haben. Besonders die Anonymität des Internets hat die Verbreitung sexueller Praktiken und Freiheiten enorm erleichtert, die von der Unterwäschewerbung bis zur Nebenerwerbsprostitution früher fortschrittlichen Kräften heute viel zu weit gehen. Und der Frieden in Europa kann auch vor allem damit zu tun haben, dass moderne Demokratien generell nur höchst selten gegeneinander Krieg führen. Außerdem werden bei solchen Vereinfachungen der Bürgerkrieg in Nordirland, der Algerienkrieg und der Falklandkonflikt gerne übersehen.

Ein anderes Übel, das es angeblich gerade noch zu überwinden gilt, ist das Patriarchat des Westens, dem im Gegensatz zum Patriarchat des Islam keinerlei multikulturellen Schutz- und Minderheitenrechte eingeräumt werden. Diesem Patriarchat des Westens werden momentan viele Fehlentwicklungen angelastet, sei es der amerikanische Präsident, sei es das Körperideal, das Frauen eingeredet wird, seien es Panels auf Konferenzen mit zu geringem Frauenanteil oder Gender Pay Gaps, deren fragwürdige Behauptung zu verbreiten ministeriell auch in Deutschland gewünscht ist. Überall kann man das Patriarchat sehen, überall hat es seine Finger im Spiel, und so gesehen dürfte es den Ort gar nicht geben, an den ich Sie nun mitnehmen möchte. Es ist ein kleines Dorf auf dem Höhenrücken nördlich von Staggia Senese, und es ist so vergessen, dass ich unten im Tal erst lange fragen musste, um wenigstens ein paar Informationen darüber zu bekommen.

Im Übrigen ist es so versteckt, dass man es aus den umgebenden Tälern kaum sieht, und obwohl meine übliche Trainingsrunde nur 200 Meter östlich davon entlang führt, habe ich es selbst erst jetzt, nach drei Jahren, für mich entdeckt. Es ist zwar ganz oben auf dem Gipfel, aber alle Wege sind hier tief eingesunken oder zwischen Olivenhainen und Weingärten angelegt. Man sieht nur an zwei kleinen Stellen, dass dort oben zwischen den Bäumen noch etwas sein muss. Und selbst das erkennt man nur rückblickend, wenn man das Geheimnis des Ortes schon erfahren hat. Ich möchte an dieser Stelle zugeben, dass ich mich hier zuerst einmal verfahren musste, denn es gibt einen steilen Schotterweg hinunter nach Bellavista, was ein ziemlich trostloses Industriegebiet ist, und den wollte ich erkunden. Wie ich da aber so vor mich hin radelte, kam eine Abzweigung, und wie immer in der Toskana, kein Schild. Und so bog ich rechts und falsch ab, und fand mich zwischen einem angedeuteten, unversperrten Tor wieder, und auf einem Kiesweg hinauf zu Häusern.

Man sieht schon aus der Ferne an den Fensterhöhlen, dass hier niemand mehr lebt. Normalerweise ist es in Zeiten wie unseren, da in Italien hunderttausende Illegale auf dem Weg von Sizilien in Richtung Kerneuropa sind, keine sonderlich gute Idee, sich in verfallenden Gebäuden herumzutreiben. Die Gefahr ist groß, auf Clandestini zu treffen, die wenig begeistert von Gesellschaft sind. Aber unten im Tal ist Poggibonsi, eines der Zentren des Weinbaus im Chianti, dort gibt es eine grosse, afrikanische Gemeinde, bei der man untertauchen kann: Es gibt keinen Grund, sich fernab des Ortes in der Hitze auf diesen Berg zu quälen, außer man trainiert für die L‘Eroica. Sollte man entdeckt werden, kann man sich immer noch als Deutscher ausgeben, der sich auf dem Weg nach Bellavista verfahren hat. Also weiter.

Es ist herrlich. Man möchte die Heerscharen derer, die heute noch vom Patriarchat schreiben, unten in Poggibonsi an die Hand nehmen und hier über sonnendurchglühte Staubpisten und an all den Hainen und Stechinsekten vorbei hoch schleifen, und ihnen, dehydriert, verstaubt und verschwitzt, dann sagen: Schaut. Das ist es, das Patriarchat. So war es wirklich Auf der linken Seite und auf der rechten Seite stehen Gebäude. Das Gebäude rechts ist gross: Das war ein Stall und ein Speicher. Überall sind grosse, mächtige Tore für den Reichtum des Landes.

Das Gebäude links ist kleiner und schmäler: Da sind die Hausnummern für die Bewohner eng an eng an kleinen, niedrigen Türen. Dafür, dass es nur ein Haus ist, hat es sehr viele Hausnummern auf beiden Seiten. Und weitere Hausnummern für den ersten Stock. Ich zähle hier sechs Hausnummern. Vier unten, zwei oben. Manche haben aus ihren Fenstern nur den Blick auf den Stall. Das sind die kleinen Türen für die notwendigen Untertanen des Reichtums des Landes.

Das ist überhaupt nicht die romantische, weitläufige Toskana aus dem Prospekt, sondern ein fruchtbarer Hügel, auf dem kein Quadratmeter verschwendet wurde. Was man heute vielleicht als große Terrasse mit grandiosem Blick sehen würde, war früher, angezeigt durch einen alten, vergessenen Pflug und einen Karren, einfach nur landwirtschaftliche Betriebsfläche. Auf der hatten diejenigen zu arbeiten, die gegenüber in den Kammern hausten. Aus dem einfachen Grund, weil es hier oben keine andere Arbeit gibt.

Es sei denn, man wohnte am anderen Ende des Ortes. Auch da finden sich weitere Scheunen und ein Wohnhaus. Alles ist praktisch und schmucklos, kein Blumenkübel, keine Palme, keine Zierde, statt dessen die bekannte Enge für jene, die im Patriarchat unten standen, und es bedienen mussten. Das hintere Haus hat eine Art Brücke, einen eigenen Zugang, zu einem Hof.

Und dieser Hof nun ist in der Mitte der Siedlung, und er ist wirklich groß und selbst in diesem verlassenen und heruntergekommenen Zustand immer noch prachtvoll. Er hat zu den Bauern nach vorne hin ein riesiges, hohes Tor aus Eisen, Würde man die Bäume im Osten und Westen stutzen, hätte man von dort oben einen phantastischen Blick auf Radda in Chianti, San Gimignano und Volterra. Aber das alles hat seine guten Tage längst hinter sich, und vor dem Eingang zum Palazzo verdorren zwei Pinien in Blumenkübeln.

Es steht also ein Palazzo inmitten dieses Dorfes, mit Knechten und ihren Familien und den Scheunen im Süden, und Räumen für das Personal jenseits der Brücke im Norden. Hinter dem Zaun des Palastes ist alles, was den Ort zu einem Dorf macht: Die Kirche gehört dazu, das Wappen der Herrschaft über dem Zugang, geschätzt die Hälfte der gesamten Wohnfläche, die im Dorf verfügbar ist, denn der Palazzo ist weitläufig, hoch, mit einem Seitenflügel und sogar mit einem Wehrturm versehen. Es gibt hinter dem Palazzo auch einen kleinen Park für das Lustwandeln.

Aber davor eben das Tor, und das entschied, wer hier wann Zugang zu allen Entscheidungsebenen des Lebens hatte. So funktionieren die Kraale der indigenen Völker in Südafrika, so funktionierte das hier: Der Herr im Zentrum, mit aller Macht, und alle andere um ihn herum. Das Personal für ihn hatte leichter Zugang als das Personal für Kühe, Schafe, Oliven, Schweine und Wein, also alles, was wir heute als toskanische Salami, getrockneten Schinken, Chianti, Öl und Peccorino so schätzen – und deren Herstellung teilweise über Clandestini in der Landwirtschaft wir so wenig sehen wollen, wie der Herr hier oben seine Knechte, zu denen sich keine Sichtachse des Palastes öffnete.

Das war echtes Patriarchat, und es ist hier in aller Kargheit, Schlichtheit und Härte erhalten. Der Ort beschönigt nichts, er zeigt Klassengrenzen und Dominanz in der Architektur. Die einen waren dazu da, das Land zu bewirtschaften, und die anderen, jene zu bedienen, die die Profite erhielten. Die konnten entscheiden, wem sie eine Hochzeit erlaubten, wer in die Kirche durfte, wer den Park betreten konnte und wer bei unpassendem Verhalten sofort eines der Wohnlöcher bei den Ställen zu verlassen hatte. Wer das ablehnte, konnte sich einen anderen Herrn suchen, bei dem aber altes Herkommen und Sitten nicht anders waren.

Gleichzeitig ist es aber auch ein Patriarchat, das nicht mehr funktioniert – noch nicht einmal mehr bei der arbeitsintensiven Landwirtschaft in den Hügeln der Toskana. Es kamen viele Faktoren zusammen – Industrialisierung gleich unten in Bellavista, Bürgerrechte, sozialer Wohnungsbau, Verfall der Agrarpreise, schließlich auch gehobene Ansprüche. Im Italien der 70er Jahre waren solche Gebäude in der entlegenen Provinz vielleicht noch zumutbar, heute ist es sogar den Clandestini zu abgelegen. Niemand muss sich mehr von einem Herrn das Leben vorschreiben lassen. Die Enkel der abhängig Lebenden versuchen zumeist, gerade weil die Erinnerung nicht schön ist, selbst Eigentümer im Tal zu werden. Und so wird aus dem früheren Palazzo mit Anspruch ein zerfallender Ort, in dem die Fussböden durchbrechen, und die Natur Besitz von Treppen und Höfen ergreift.

In zwanzig Jahren, wenn nichts geschieht, wird man vielleicht noch den öffentlichen Weg durch den Ort frei halten, aber der Rest wird untergehen. Man kann es sich jetzt noch anschauen und ahnen, wie eng und stickig das Leben hier oben gewesen sein muss, wenn man nicht zu den oberen 10% im Palazzo gehörte. Das Patriarchat konnte nur überleben, weil es konkurrenz- und alternativlos war. Heute ist das anders, und jeder, der möchte, kann einen anderen, besseren Weg finden. Es gibt Förderprogramme und Vereine, Girls Days und Gleichstellungsbeauftragte. Es gibt staatliche Bekümmerung Benachteiligter und einen Kapitalismus, die dem Patriarchat, das Jahrtausende in Europa dominierte, mit Steuerlasten und Konkurrenzdruck das Genick gebrochen haben. Es war, das gebe ich als Angehöriger der lange andere dominierenden Klasse gern zu, nur für unsereins eine gute Zeit. Heute könnte es für jeden eine gute Zeit werden, der nur die Alternativen dazu nutzt.

Wenn die auch nicht gefallen – nun, das westliche Patriarchat kann nichts dafür, es ist seit Jahrzehnten machtlos und tot, und hier oben, am Rande des Waldes, in dem die Wild- und Stachelschweine hausen, kann man in aller Härte noch sehen, wie es war. Ich fände es nur angenehm, wenn man die großen, palastartigen Aspekte des Patriarchats nicht in einen Topf mit den Industriebauten in Bellavista, der Bank Monte Paschi oder anderen Formen des modernen Kapitalismus werfen würde. Das ist neu, das hat mit uns nichts zu tun, bei uns unterdrückte man noch offen mit Knute statt unsichtbar mit Staatsverfügung, Kredit und Gehaltszettel. Und, wie gesagt, jeder kann es heute anders und besser machen. Das Patriarchat ist schon überwunden.

Wer es heute noch besiegen will, tritt nur auf einem Kadaver herum, um zu verbergen, wie schäbig das Ergebnis des Sieges für viele bislang ist. Beschweren Sie sich bitte nicht bei uns. Wenn es nach uns gegangen wäre, sähe die Welt noch immer aus, wie dort oben auf dem Berg, und zum Ende der Ernte dürften Sie auch alle einmal durch das Tor auf unseren Hof, um das Glitzern der Kronleuchter durch die Fenster im Piano Nobile zu bewundern. Es gäbe draußen an langen Tischen Essen und Wein und Musik für alle, bis niemand mehr laufen kann! Das wäre nach meiner Meinung für Sie auch hübscher, als wenn Sie heute in Frankfurt hoch zu den Wolkenkratzern schauen müssen, oder in der Elbphilharmonie 0,1l fragwürdigen Spumante teuer bezahlen.

13. Mai. 2017
von Don Alphonso
388 Lesermeinungen

72
21495

     

09. Mai. 2017
von Anne Hufnagl
172 Lesermeinungen

55
21466
     

Glaube, Liebe, Zeigenwollen.

Vorbemerkung: Anne Hufnagl hat den schönsten Tag des Lebens als Berufsalltag – als Hochzeitsphotographin begleitet sie Paare zum Standesamt, zum Altar und zu rauschenden Festen, die heutzutage oft mit „überkommenen Geschlechterklischees“ in Verbindung gebracht werden. Nur – die Realität ist eben anders, kann Anne Hufnagl berichten:

Hochzeit traditionell in weiß? Mit einem kitschigen Blumenstrauß? Den die Braut womöglich im Laufe der Feier schwungvoll über die Schulter wirft, damit sich die nächsten Hochzeits-Kandidatinnen um die Trophäe balgen können? Die Ehe als Institution ist tot, das war doch längst abgemacht. Und die ewig gleichen Rituale bei Trauung und Feier scheinen vielen aus meiner Generation wie ein dumpfes Echo aus fernen Tagen. Und dennoch: die Paare, die ich als Hochzeitsfotografin begleite, entscheiden sich sehr bewusst für solch wiedererkennbare Motive. Die Bilder, die sie sich von ihrer Hochzeit wünschen, sollen sagen: Wir sind zu zweit, wir sind verbunden. Seht alle her!

Sie sitzen mir gegenüber, jung, Ende Zwanzig vielleicht. Sie in schicker Bluse, er im Polo, die Stimmung ist angespannt. Vor wenigen Sekunden habe ich meinen Preis für die Hochzeitsfotos genannt, den sie schon von der Webseite kannte. Er hörte ihn offensichtlich zum ersten Mal und atmete hörbar ein. „Ganz schön teuer!“, platzt es dann aus ihm heraus. „Thorsten!“, faucht sie ihn an, und weiter: „Qualität kostet nun mal! Ich will mir an so einem Tag keine Gedanken übers Geld machen!“. Schnitt, ein anderes Paar, ein anderes Vorgespräch. „Wir sparen uns das alles selbst zusammen, wir studieren noch. Wir wollen eine Gartenhochzeit bei uns feiern, nichts Pompöses. Aber die Fotos sind uns halt wichtig, für Facebook und so, du weißt schon.“

Beide Paare werden am Ende buchen, beide Paare werden ihre Fotos ein halbes Jahr später glücklich überall herumzeigen – bei Facebook, bei Instagram, in einer Online-Galerie. Es wird Fotobücher geben, filmpostergroße Abzüge über dem Sofa. Als ich frage, ob ich einige Fotos auch in meinem Portfolio zeigen darf, ist Thorsten der erste, der ja sagt. Denn am Tag der Hochzeit habe ich seine Braut in ihr Kleid geschnürt, weil niemand anders die komplizierte Schnurführung verstand, und durch meine Heldentat größere Katastrophen verhindert.

Kern meiner Arbeit ist allerdings nicht die Tagesrettung durch waghalsige Korsett-Manöver, sondern das Festhalten der hochzeitlichen Inszenierung in ästhetischen Fotos. Wichtig dabei ist, dass alles möglichst natürlich und ungestellt aussieht – die klassischen „Hochzeitspaar steht da und grinst debil in die Kamera“-Fotos sind so out wie Bubbletea. Dennoch handelt es sich bei guten Hochzeitsfotos in der Regel nicht um Zufallsprodukte, sondern um sorgfältig ausgewählte und festgehaltene Momente. Es gilt, die Aufmachung und Inszenierung des Paares in die Fotos zu übernehmen und dabei das Individuelle, was trotz aller Traditionen jeder Hochzeit innewohnt, herauszuarbeiten.

Die Außenwirkung ist seit je her ein wichtiger Pfeiler der Ehe. Heute, durch die vielfältigen Möglichkeiten, das eigene Bild des gelungenen Lebens via Internet Millionen Menschen zugänglich zu machen, ist sie für viele vielleicht sogar der wichtigste. Sieht man sich das Ausmaß des betriebenen Aufwands heutiger Hochzeiten an, ist es kaum zu glauben, dass wir in Deutschland eigentlich noch vergleichsweise kleine Brötchen backen. In Amerika wird mit mindestens doppelt so großen Kanonen gedonnert, und die bis zu 1.000 Gäste einer prachtvollen indischen Hochzeit würden über uns vermutlich wohlwollend, aber müde lächeln.

Dennoch hat sich auch in Deutschland im Laufe der letzten Jahre eine Kultur des Zeigenwollens etabliert. War es bis vor ein, zwei Jahrzehnten noch schicklich, die rauschenden Feste hinter verschlossenen Türen zu feiern und mit den eigenen finanziellen Möglichkeiten nicht hausieren zu gehen, ist diese womöglich typisch deutsche Bescheidenheit heute überwunden. Wer hat, der kann, und vor allem: der zeigt.

Mehr denn je richten sich Hochzeiten nicht überwiegend nach innen, auf das Paar und die engste Familie, sondern nach außen, an die Öffentlichkeit – seht, wir zelebrieren unsere Liebe. Das muss pauschal übrigens nichts Schlechtes sein, in anderen Kulturen wird es seit Jahrhunderten so gehandhabt. Warum nicht offensiv dazu stehen, dass man sich für den traditionellen Bund zweier Menschen entscheidet. Vielleicht unterstützt es tatsächlich auch die Bindung – wer einmal so laut „We are one“ gerufen hat, dem liegt gewiss auch daran, nicht gleich übermorgen „Sorry, war doch ein Fehler“ einzugestehen. Letztlich folgt diese Kultur des Zeigenwollens einfach auch der generellen Entwicklung von Technik und Gesellschaft. Früher lagen zwischen dem Moment des Fotografierens und dem Teilen dieses Moments mit anderen noch Stunden, Wochen oder gar Monate, in denen Filme entwickelt, Bilder vergrößert und Dia-Abende organisiert wurden. Inzwischen teilen wir augenblicklich, was wir sehen, was wir essen und auf wessen Hochzeit wir gerade tanzen. Und wenn wir es nicht sofort mit der ganzen Welt, wenigstens aber mit der Familien-Whats-App-Gruppe teilen – ist es dann überhaupt wirklich passiert? Pics or it didn’t happen!

Nun ist Heiraten heutzutage ja nicht ganz unumstritten. Die Grün-Links-Liberalen wollen die Ehe für alle, die CDU/CSU will den althergebrachten heterosexuellen Familienbund, die ganz Modernen wollen das archaische Unterdrückungsinstrument am Liebsten komplett abschaffen – und die jungen Leute? Die wollen heiraten, weil es sich eben „richtig anfühlt“ – und wer, wenn nicht der größte Zyniker und Miesepeter, will dagegen etwas sagen. Aus steuerlichen Gründen heiraten von meinen Hochzeitspaaren die Wenigsten, es ist ihnen schlicht egal, ob sie hier und da einen Euro sparen können. Die Hochzeit ist ohnehin so teuer, dass sich das kaum lohnt. Stattdessen ist in den Eheschwüren die Rede von Liebe, von Augenhöhe, von gegenseitiger Unterstützung, von gemeinsam Durchlebtem und einer Zukunft, in der beide zusammen stärker sind als allein. Kein Wort von Unterdrückung, von Zwang, von Selbstaufgabe, wofür „Ehe“ in den Augen vieler Kritiker ja angeblich vor allem steht. Wie krass die jungen Leute sind – denn sie glauben an die Liebe. Man kann das natürlich naiv finden, man kann Scheidungsraten ins Feld führen und spätere Patchworkfamilien, unglückliche Daheimbleib-Mütter und Männer, die kaum Elternzeit nehmen. Man kann das Ende der Liebe förmlich kommen sehen, während die wunderschönen Bräute noch glücklich in die Kamera lächeln und ihre Männer im Hochzeitsrausch mit den Kumpels anstoßen. Man kann sich aber auch einfach mit dem Paar freuen, sich mitreißen lassen vom Wissen, das jedenfalls an diesem einen Tag, in diesen Momenten, eine Liebe vollkommen und ohne Zweifel sein kann.

Man wird also als Zyniker nicht unbedingt Hochzeitsfotograf, sondern vielleicht doch lieber Anwalt oder Politiker. Denn wenn man diesen Tag in all seinen Facetten verstehen und fotografieren möchte, muss man vor allem eines: offen sein und verdammt nah rangehen. An die Leute, an die Gefühle, an alles, was da so passiert. Dabei ist es für mich von Vorteil, dass ich Menschen grundsätzlich mag (auch hier hätte der Zyniker Schwierigkeiten) und Leute mich wiederum auch gerne mögen. In liebevoller Aufdringlichkeit bin ich bei nahezu allen Momenten des Tages dabei, sehe die Braut morgens ungeschminkt und unausgeschlafen, diene als Lexikon der Hochzeitsbräuche („Auf welcher Seite muss ich denn das Strumpfband tragen?“), beruhige, wenn es hektisch wird, denn ich habe dieses „Heiraten“ schon ziemlich oft mitgemacht, und bleibe dadurch auch über die Hochzeit hinaus mit vielen Paaren freundschaftlich verbunden. Es braucht echtes Interesse am Wesen zweier Menschen und den Willen, ein Paar genauso abzubilden, wie es sich selbst sehen möchte, um den Job des Hochzeitsfotografen gut auszufüllen.

Denn es geht für mich nicht primär darum, etwas Eigenes mit dem Paar zu inszenieren – wie sollen Fotos Erinnerungen wecken, wenn sie gar nichts Echtes abbilden, sondern nur die Idee des Fotografen. Stattdessen ist es meine Aufgabe, meine Paare so einzufangen, wie sie an diesem besonderen Tag sein wollen. Vielleicht mit ein wenig Überhöhung und ein bisschen mehr Pathos, aber das ist auch das Einzige, was ich mir an eigenem Zuckerguss erlaube.

Aber wie sehen sich Hochzeitspaare eigentlich heute? Wie möchten sie wahrgenommen werden? Man würde jetzt annehmen, dass aufgrund unserer sich immer mehr diversifizierenden Gesellschaft und dem allgegenwärtigen Hang zur Individualisierung auch das Heiraten immer ausgefallenere, womöglich gar absurdere Formen annimmt. Jedoch: Das Gegenteil ist der Fall. Tradition steht im Mittelpunkt fast jeder Hochzeit, die ich begleite. Da werden Bäume vom Hochzeitspaar zersägt, Bettlaken in Herzform zerschnitten, kaum ein Paar kommt ohne Hochzeitskerze aus der Kirche – eine Tradition, die sich immerhin schon seit dem Mittelalter hält. Brautsträuße werden geworfen, Strumpfbänder vom Bräutigam erkämpft und der traditionelle Hochzeitstanz fehlte im letzten Jahr nur bei zwei von knapp fünfzig Hochzeiten. Dabei zwingt die Hochzeitspaare niemand dazu, all diese Bräuche aufrechtzuerhalten, sie könnten alles anders machen. Tun sie aber nicht. Selbst das Heiraten ohne Trauzeugen, die gesetzlich nämlich gar nicht vorgeschrieben sind, ist die absolute Ausnahme. Vielleicht liegt das ja daran, dass manche Traditionen, wie zum Beispiel Trauzeugen als enge Freunde, die per Definition ein Auge auf das Brautpaar haben und im Falle aufziehender dunkler Wolken am Beziehungshorizont mit Rat und Tat bereit stehen, eben gar nicht so schlecht sind. Vielleicht ist der Hang zu Traditionen und Bräuchen für viele auch eine Art Anker in einer Welt, in der „alles kann, nichts muss“, wo alles immer noch freier und noch individueller sein soll. Die Sehnsucht nach etwas Greifbarem.

Die moderne Hochzeit bleibt also eine archaische, dem Gendergleichmachungsfrauenbefreiungsantireligionsapparat zutiefst verhasste Institution, die dennoch von ihren Fürsprechern voller Inbrunst, Lebensfreude und ja! Liebe zelebriert wird. Weiße Kleider, teure Ringe, rauschende Feste, das Versprechen, nur einander zu lieben und sich zu ehren und zu unterstützen, komme was wolle: inmitten der hippen Tinder-Generation mit ihren polyamourösen Beziehungen und dem Widerstand gegen alles Althergebrachte hat sich eine Gegenkultur etabliert, die in unzähligen Instagram-Fotos, mit Hochzeitsmagazinen, Hochzeitsblogs und Facebookpostings daran erinnert, wie Beziehung eben auch sein kann. Verbindlich, traditionell, vielleicht ein bisschen altmodisch. „Whatever works“, wie es so schön heißt. Und scheiden lassen kann man sich notfalls ja immer noch.

 

09. Mai. 2017
von Anne Hufnagl
172 Lesermeinungen

55
21466

     

04. Mai. 2017
von Don Alphonso
369 Lesermeinungen

118
25884
     

Gehen wie ein Italiener

Ich fühl mich einsam, wenn ich allein durch die Wüste gehen muss
Ich stell mir vor, die Sphinx gibt mir einen Zungenkuss
Die Ärzte, Gehen wie ein Egypter

Zu neuen deutschen Leitkultur des öffentlichen Moralherzeigens gehören drei urdeutsche Merkmale: Erstens das Verbot einer Leitkultur, vorgetragen etwa vom Tagesspiegel („Darf es nicht geben“). Zweitens eine  innerdeutsche Ablehnung anderer Minderheiten („Wir sind nicht Lederhose“ der Grünen Jugend in der Welt). Drittens das Bekenntnis zum neuen, besseren, durch Zuwanderung veredelten Volkskörper, der auf gar keinen Fall die Ideologie des vorhergehenden, inzwischen hinweggefegten, biodeutschen Systems der 50er Jahre benötige. Da zittern die morschen Knochen der “alten, weissen Männer”! Deutschland hat sich verändert. Mal wieder.

Normalerweise würde ich nun erklären, warum die Grünen nächstes Jahr aus dem bayerischen Lederhosenlandtag fliegen und Mitarbeiter des Tagesspiegels nicht ganz zufällig in einem Slum hausen, und auf dem Weg zur Arbeit mit der S-Bahn durch einen Cordon der nochnichtsolangehierseienden Drogenkultur geleitet werden. Aber ich bin in Italien. Italien ist das schönste Land der Welt, es ist unendlich freundlich zu mir, und das Wetter ist auch sommerlich. Ich plumpse in Italien wie eine fette Hummel in den Honigtopf, und ich passe mich hier so perfekt an, dass mich alle für einen der ihren halten. Wenn ich sprachlich an eine Grenze komme, bewundere ich das Land und alles ist gut.

Wobei der Deutsche in mir sehr genau registriert, dass er mit vielem, was er hier sieht, überhaupt nicht einverstanden ist. Wer hier länger lebt, erkennt auch die – aus deutscher Sicht – Schattenseiten des italienischen Systems. Mit jemandem, der beim Begriff “deutsche Leitkultur” echt preussische Pickelhaubenpickel bekommt, war ich auch hier, und der hiesige entspannte Schlendrian, der an den Umgang Berliner Bürgerämter mit den Leibeigenen, nur in freundlich, erinnert, warf ihn aus der Bahn. Es fehlte ihm einfach die urdeutsche Hingabe an die Pflichterfüllung. Die ist so deutsch, dass Deutsche sie erst erkennen, wenn andere ihr nicht entsprechen. Daheim ist das so normal wie Atmen, aber in Italien ist nichts normal.

Es gibt hier vieles, das man ganz einfach anders und besser machen könnte. Aber man müsste es anders machen und umdenken, und alle müssten mitmachen. Das klappt manchmal wie beim Rauchverbot und manchmal nicht, wie bei den Steuern und Abgaben, Öffnungszeiten von Museen und beim Bau von Rennrädern, wo man immer erst die Gewinde in deutscher Präzision nachschneiden sollte und nie weiss, ob sich unter dem Columbus-SLX-Aufkleber nicht ganz anderes Rohr verbirgt. Ich kenne hier einen Rahmenbauer, der die wüstesten Geschichten über Marken mit bestem Ruf erzählt: Wenn Stahlkünstler A einen Exportengpass hatte, gravierten Stahlkünstler B, C und D seinen Namen in unbrauchbare Reste, lackierten sie neu und verschickten sie nach Amerika.

In Deutschland wäre das Betrug, in Italien ist es kreative Problemlösung. Aber was soll ich sagen: Ich bin auf der L’Eroica-Rennserie in der Toskana und sehe Amerikaner, die mit Tränen in den Augen, von der Emotion überwältigt, diese teuer erworbenen Schrottkisten wie eine Monstranz zum Start tragen. Es hat also funktioniert. Warten Sie, ich zeige Ihnen das an meinem neuen Capodivento-Rahmen mit der italienischen Flagge.

In den 70er Jahren wurde es schick, das Tretlager mit Bohrungen zu versehen, um den Rahmen leichter zu machen. Das brachte vielleicht 10 Gramm und wäre sinnlos gewesen, weil man mindestens 20 Gramm Rostschutzlackierung im Rahmen hätte aufbringen müssen. Das ist aufgrund der Enge der Rohre schwierig, also umging man das Problem durch schiere Nichtlösung, und so kommt einem an dieser Stelle der Rost entgegen. “Produkthaftung” ist nicht ohne Grund das unitalienischste Wort der Welt – aber dafür kauft man auch nicht italienisch.

Man sieht diese unterschiedliche Auffassung auch beim Rennen selbst. Als ich hier zum ersten Mal startete, dachte ich, es sei eine kostümierte Rundfahrt, die sich einfach einen harten Anschein gibt. Ich baute ein ganz normales Rennrad, mit dem ich daheim jeden Berg hoch komme, und erlebte eine der schlimmsten Niederlagen meines Lebens. Solche Anstiege kann man sich auch in wüsten Träumen nicht vorstellen, es ging an meine ´Substanz, und danach sagte ich mir das, was man sich oft sagt: Nie wieder! In der Erinnerung ist es aber doch ganz schön, die Schmerzen werden vergessen und die Begeisterung kommt zurück, und man erinnert sich genau an den Hügel, als die Italiener alle schon ganz unten abstiegen, aber der Deutsche, der ging aus dem Sattel, der drosch das Rad nach oben, bis es wirklich nicht mehr ging! Gut, danach war der Deutsche auch wirklich platt und bekam einen Asthmaanfall, während die Italiener plaudernd an ihm vorbei liefen, aber so ist der Deutsche nun mal: Lieber sterben als versagen.

Und wenn man doch versagt hat, wenn man den Italienern hinterher laufen muss, setzt beim Deutschen die Problemlösungskompetenz ein. Mein erstes Rad für die Toskana war ein herkömmliches Colnago, mein zweites Rad dagegen ein Spezialprojekt, in das alle meine Erfahrungen geflossen sind. Es hatte optimierte, unzerstörbare Reifen. Es hatte einen hohen Lenker. Es war deutlich länger gebaut und hatte flachere Winkel. Es war weicher für all die Erschütterungen durch die Schotterpisten, und es hatte ein drittes, kleines Kettenblatt vorne und einen riesigen Zahnkranz hinten. Die Italiener stiegen ab, ich schaltete runter und blieb auf dem Sattel. Gut, es gibt auch alte Männer hier, die aussehen, als bräuchten sie einen Stock, und dennoch mit riesigen Kettenblättern die Berge hoch und an mir vorbei drückten. Aber immerhin musste ich fast nicht mehr absteigen. Die Suche nach einer technischen Lösung ist sehr deutsch, und beim Start in Buonconvento am Sonntag war ich auch zuversichtlich, gegen all die diesmal erlaubten, neuen Räder zu bestehen.

Ehrensache! Hatten sich doch eher kleine Italiener, fast so kurz wie der deutsche Zensurminister, auf riesige, ultramoderne 29er gequetscht, um mit breiten Reifen unheldenhaft über jenen Schotter zu rollen, auf dem unsereins heldenhaft Haut und Knochen riskiert. Früher glaubten manche, 7 Löcher im Tretlager machten sie schneller, heute glauben sie, dickere, schwerere Reifen und Vollfederung machten sie schneller. Auf 20 Minuten unpünktlich erfolgte der Start, und zwischen all den Rennrädern wurden die 29er ganz schnell nach hinten an das Ende des Feldes durchgereicht.

Ansonsten ist es hier eben so, wie es ist. Man fährt zusammen, schaut sich in der Landschaft um und sieht irgendwo eine steile, weisse Schotterpiste im Grün der Crete Sienesi, und denkt sich: Wer baut solche Strassen und wer soll da bitte hoch kommen? An der Schotterpiste biegt man ab und erfährt, dass einem die Éhre zuteil wird, hier Beinmuskeln und Lungenvolumen gegen den Berg zu werfen. Alle schalten hektisch hinunter, und dann trennt sich schnell die Spreu vom Weizen: Die einen legen ihr ganzes Gewicht in die Pedale und ziehen hinauf, die anderen steigen plaudernd ab und schieben. Der Deutsche jedoch zündet seine technische Geheimwaffe und kurbelt hochfrequent und mit Untersetzung den Berg hinauf. Es ist kaum schneller als das Laufen, aber es sieht aus, als könnte man hier wirklich bestehen.

Von Betrug reden, wäre verfehlt, denn ich komme aus Deutschland, und da sagt die Kanzlerin, Saudi-Arabien würde etwas gegen den Terror unternehmen und in Zeitungen steht geschrieben, Migranten würden zukünftig die Rente bezahlen, was bedeutet, dass Sie und ich nicht befürchten müssen, als Flaschensammler zu enden. Das ist die deutsche, eherne Leitkultur der Wahrheit, da ist so ein kleines, verstecktes, französisches Kettenblatt unter all den schönen, aber riesigen Kurbeln der Italiener allenfalls das, was man als Alternative Fakten bezeichnet. Deutsche betrügen nicht, Deutsche gleichen mangelndes Training im Winter durch geistige Höchstleistungen aus. So sehe ich das, und die ersten Bergsiege geben mir recht.

Und so halte ich mit und komme auch voran. Sicher, ich bin am Berg nicht schnell, aber bergab lasse ich die Bremsen einfach los und fliege todesmutig in Abgründe, während meine Begleiter die Bremsen betätigen. Sie tun das, weil der Italiener als ein solcher das Überleben dem deutschen Heldentod vorzieht, so, wie er auch lieber die Grenzen zieht, als dass er edel, hilfreich und alternativlos im Strassengraben sagt: Jetzt bin ich aber nun mal da. So ist er, der Italiener, und insgesamt strample ich mit und komme gut voran, in einer Landschaft, die Seelen erblühen lässt.

20 Kilometer vom Start entfernt kommt noch ein Hügel, und wie gewohnt keuchen die Gefährten und ich schalte auf mein kleines, französisches Kettenblatt, kurble eine halbe Umdrehung munter weiter, und dann blockiert die Kette, während mich der Schwung der eigenen Beine fast über den Lenker zieht und ich schlingernd zum Halt komme. Möglicherweise ist ein Kettenglied steif, denke ich mir, und lobe mich für die deutsche Gründlichkeit, einen Kettennietdrücker – was für ein herrliches urdeutsches Wort, fast so schön wie Netzdurchsetzungsgesetz – mitzuführen. Ich wehre Hilfsangebote ab, drehe das Rad um und suche das widerborstige Glied. Statt dessen finde ich ein vom heftigen Schalten offensichtlich verbogenes, kleines Kettenrad. Meine Geheimwaffe ist kaputt. Und schlimmer noch, Ersatz wird seit 30 Jahren nicht mehr gebaut, und das französische Spezialwerkzeug, das ich nun bräuchte, ist in Deutschland.

Es sind nur zwei Zähne, aber man kommt nicht an sie ran. Ich versuche alles, mit Fingerspitzengefühl, mit Gewalt, mit Fluchen, mit brutaler Gewalt, mit bayerisch Fluchen, jozefixkruzinesenbianbamundhollaschtaudnhundsvarecksbladlhalleluia, es wird besser, es geht drei, vier Umdrehungen, dann klemmt es wieder. Ich habe noch 52 von 72 Kilometern und 1200 von 1500 Höhenmetern vor mir, und de facto ein Rad wie ein Italiener: Das kleinste Kettenblatt mit 42 statt 26 Zähnen und das grüsste Ritzel mit 28 Zähnen. Damit fahre ich vielleicht Hügel mit 8% hoch. Aber nicht das, was am Ende des Berges auf der anderen Seite des Tales sichtbar wird: Den mörderischen Anstieg hoch zum höchsten Punkt von San Quirico d’Orcia. Dort oben ist eine grandiose Festung des Mittelalters, die heilige Katharina von Siena lebte und schrieb dort – ich, das ist absehbar, werde schieben.

Immerhin schiebt man hier in der schönsten Landschaft der Welt. Es könnte schlimmer sein. Und so schön sehen die Gesichter derjenigen, die sich mit letzter Kraft an einem vorbei drücken und den Körper in die Pedale stemmen, auch nicht aus. Es dauert etwas länger, aber man hat mehr Zeit, sich umzuschauen. Man will ja eigentlich gar nicht so schnell sein, denn wo immer man später ankommen wird, wird es kaum schöner sein. Manche Italiener hier halten schon nach 5 Kilometern an und setzen sich in ein Cafe und sehen dabei auch nicht schlecht aus. Es ist eben immer eine Frage der Zielsetzung: Will man Bergsiege erreichen oder ein schönes Leben?

Nach einer Weile kommen die anderen nicht nur von hinten, sondern auch von vorne. Das bedeutet, dass dort oben die erste Raststation ist, und also gar nicht mehr weit weg sein kann. Manchmal, wenn es geht, fahre ich, manchmal schiebe ich, meine Beine melden sich schon, wenn es nicht mehr geht, und irgendwann ganz weit oben steht ein Mann am Strassenrand und winkt mir zu. Nach links, bitteschön, da ist die Verpflegungsstelle, und da sind auch die anderen, die etwas langsamer sind, und zeigen nicht das geringste Anzeichen von Scham, dass das Hauptfeld längst über die nächsten Hügel entschwunden ist.

Eigentlich ist es gar nicht so schlecht, denn ich war hier noch nie, und der Ort ist wirklich hübsch. Weil es ohnehin zu spät ist, die anderen noch zu erreichen, verweile ich etwas und schaue mir die verwinkelten Häuser an, statt hier einfach sinnlos vorbei und in die Tiefe zu stürzen.

Weiter hinten schiebe ich hoch zum nächsten Castello und bleibe einfach eine viertel Stunde sitzen, um die Landschaft zu geniessen. Da vorne ist Montalcino und dahinter wieder Buonconvento. Der sorgenfreie Italiener in mir vergessen, sich die Route im Internet anzuschauen, aber ich gehe mit italienischer Gelassenheit davon aus, dass es nun zurück zum Start geht.

Wieder unten im Tal freut sich der Deutsche in mir, dass die 29er gerade erst am Fusse des Berges angekommen sind, den ich gerade hinunter gerast bin – trotz meiner Schieberei habe ich fast eine Stunde Vorsprung. Gleichwohl muss der Deutsche in mir die Entdeckung machen, dass es nach links zurück nach Montalcino gehen würde, und der Pfeil des Weges unerbittlich nach rechts zeigt. Oder, wie es hier üblich ist, in Richtung der nächsten staubigen Piste, die ich mit dem kleinen Kettenblatt bezwingen würde. Jetzt ist es halt so, dass ich fahre, bis ich absteigen muss. Aber je länger die Strecke wird, je weiter ich komme, je mehr Berge sich in meinen Weg stellen, desto öfters merke ich: So schlimm ist das gar nicht. Ich gehe aus dem Sattel, ich drücke mich hoch, es tut zwar etwas weh, aber andere kämpfen auch, manchmal steigen wir dann ab und manchmal kommen wir zusammen oben an.

Es folgt eine neue Abzweigung nach links zurück nach Buonconvento und ein neuer Pfeil nach rechts zur nächsten Rampe. Eigentlich bin ich schon deutlich am Ende meiner Kräfte, und vielleicht habe ich auch schon einen Hitzschlag, der das Gehirn außer Kraft setzt und mich deshalb nur vegetativ den Berg hochfahren liess, aber ich ergebe mich, man kann es eh nicht ändern und que sera, sera. Und wie ich dann so radle, merke ich, dass der Schotter gar nicht mehr so hart über den Sattel ins Gesäss geleitet wird. Der Schotter wird angenehmer, weicher, der Hinterreifen bügelt ich immer besser weg, je weiter ich komme, das ist prima, und nach ein paar hundert Meter stelle ich mit wissenschaftlicher Präzision fest, dass ich hinten massiv Luft verliere. Es ist dies meine 7. L’Eroica, noch nie habe ich hier einen Platten gefahren. Jetzt ist es so weit. Aber ich habe deutsche Ersatzschläuche und eine deutsche Pumpe dabei, und das alles ist doch alles kein Problem.

Ich wechsle den Schlauch und pumpe. Der Schlauch wird voll, ich pumpe weiter, der Schlauch wird voller, das Pumpen wird schwerer, und dann macht es leise krks, wie eine Grille, und das Pumpen wird ganz leicht. Ich pumpe weiter und sage mir, es kann doch nicht sein, dass eine deutsche Qualitätspumpe so versagt, wie ein deutscher Technikspezialist an einem französischem Kettenblatt, ich pumpe und pumpe und langsam verliert der Reifen auch wieder Druck. 20 Kilometer vor dem Ziel habe ich ein ruiniertes Kettenblatt, einen platten Reifen und eine gebrochene Pumpe, und obendrein schon längst kein Wasser mehr in der Flasche. In der schönsten Landschaft der Welt und einer der regenärmsten Regionen Europas. Da sage ich mir mit dem Innersten meines Deutschtums: Und wenn es das Letzte ist, was ich tue – ich komme mit diesem Rad in Buonconvento an. Blutige, verantwortungslose Schwüre ohne substanzielle Berechtigung, das können wir Deutsche gut. Wir haben ja nicht umsonst eine Regierungschefin, die sagt, wir schaffen das.

Aber es kommt anders, es kommt italienisch und es kommt mit einem Geländewagen, der anhält, und ein grosser, bärtiger Italiener steigt aus und fragt, gerade als der Reifen wieder ganz leer ist, ob er helfen kann. Ich erkläre mein Problem, und er holt eine steinalte italienische Silca Standpumpe aus dem Kofferraum, und knallt Luft in den Reifen. Bene, fragt er, und ich sage naja, denn beim Pumpen habe ich auch gemerkt, dass das Hinterrad einen Achter hat, und der wiederum eine Ursache: Éine gebrochene Speiche, eine deutsche, alte und eigentlich unverwüstliche Prym-Speiche. Aber da kann man eben auf die Schnelle nichts machen.

Natürlich könnte ich jetzt in den Wagen steigen, das wäre auch noch eine Option, aber sie ist weder deutsch noch italienisch, sondern nur dann erlaubt, wenn wirklich keine Alternative bleibt. Ich öffne die Bremse hinten, denn ich bremse ohnehin kaum mehr, stelle erfreut fest, dass das Rad noch in den Rahmen passt, und fahre weiter. Eigentlich bin ich wirklich am Ende, aber auch in jenem tranceartigen Zustand, in dem einem alles egal ist, so wie einem italienischen Beamten die Frage, ob der Antrag eines anderen heute noch bewilligt wird. Es gibt nur noch mich, ein Ziel und eine Strecke, die zu überwinden ist, mit welchen Mitteln auch immer.

Und weil ich so fertig bin, schreite ich nicht mehr wie ein arischer Recke durch die Landschaft, ich wanke ein wenig, wie die Italiener das auch tun, wische mir den Schweiß aus dem Gesicht und denke mir überhaupt nichts mehr dabei. Ich steige viel seltener ab, als ich dachte, aber wenn ich es tue, mache ich es mit der Würde des Einsichtigen in die eigene Begrenztheit. Innen treibt der Deutsche weiter, von aussen nehme ich es mit Gelassenheit. Ich ertrage Schweres mit Würde. Sprezzatura nennen Italiener das, was ich nun zeige, bis zur letzten Abfahrt, an der ich mir die Frage stellen sollte, ob es wirklich weise ist, mit Tempo 90 und einer gebrochenen Speiche diesen Steilhang hinunter nach Buonconvento zu jagen.

Aber so sind wir Deutsche und Italiener halt alle, vielleicht ist es auch nur männlich und die, die es überleben, sind dann voreingenommen und sagen, ach was, Tempo 90, das hält mit der gebrochenen Speiche schon, das hat schon immer funktioniert, keine Angst. Die Angst und alle Befürchtungen, sie enden hier bei der letzten wilden Jagd mit der Schwerkraft, die einen aus allen Strapazen entlässt und eine kleine Träne der Rührung mit dem Fahrtwind waagrecht nach hinten wandern lässt. Männer weinen nicht. Männer kennen keinen Schmerz. Männer kommen an, wenn sie nicht sterben, egal ob Geröll, Kettenblätter, Steigungen, Pumpen, Hitze, Speichen, Durst oder Schläuche dagegen sprechen. Und wenn es sein muss, auch nur auf dem letzten verbliebenen Kettenblatt, weil 10 km vor dem Ziel auch noch der Umwerfer streikte.

Am Ziel reissen mir begeisterte andere alte Italiener das alte, geschundene und staubverschmierte Rennrad aus den Händen und lassen sich damit ablichten. Ich bekomme den letzten Stempel mit einer sehr späten Uhrzeit, aber ich habe es überstanden. Man hängt mir eine Medaille mit rotweissgrünem Band um den Hals. Etliche haben es nicht geschafft, manche mussten aufgeben, aber ich bin hier, aus eigener Kraft und mit dem eigenen Rad, und es war offensichtlich noch nicht das Letzte, was ich getan habe.

Statt dessen schiebe ich italienisch locker hinüber zum Markt, um das zu tun, was wir Italiener immer tun, wenn wir etwas vollbracht haben: Wir belohnen uns. Deshalb gibt es bei uns in Italien auch überall diese Inschriften, auf denen steht, wer von uns hier wann was gebaut hat und warum das ein Grund ist, stolz zu sein. So sind wir halt, so bin ich auch, und auf dem Markt treffe ich den Mechaniker mit der Pumpe wieder. You made it, sagt er, und wir reichen uns die Hand. Meine ist sonnenverbrannt, verschwielt und an den Spitzen dreckig wie wie eine Schmutzkampagne von Correctiv, aber so muss das in Italien eben sein

Und dann schreite ich leicht federnd durch Buonconvento, die gebrochene Speiche klimpert das Lied vom Überleben, die Sonne scheint, und wie ich da so als zufriedener, braun gewordener alter Mann von allen Mühen und Zielen befreit durch den Ort gehe, falle ich nicht mehr auf, und bin mehr als nur angekommen. Ich kam als Deutrscher und gehe aus Buonvonvento wie ein Italiener.

04. Mai. 2017
von Don Alphonso
369 Lesermeinungen

118
25884

     

02. Mai. 2017
von Don Alphonso
436 Lesermeinungen

115
38387
     

Die deutsche Leitkultur der Doppelmoral und der Nationalstolz der Anderen

Europa bleibt niedergedrückt unter dem Alp des Despotismus und der Lüge
Giuseppe Garibaldi

Wer nicht zu jenen Glücklichen gehört, die ihren Lebensmittelpunkt in den schönsten Regionen des Landes frei wählen können, stellt mitunter eine Frage, die mir öfters zu Ohren kommt. Man sitzt am Tegernsee herum, das Wasser ist karibisch-grün, die Sonne scheint, Schnee glitzert auf den Bergen, und dann kommt die sehr deutsche Frage, die ein Gran Verbitterung in das allzu perfekte Glück schütten soll: Natürlich ist es schön, aber wenn man hier lebt, gewöhnt man sich nicht daran, und erscheint es einem nicht als gewöhnlich, langweilig und banal? Tegernsee, Karibik, Toskana – wird das nicht abgeschmackt?

Daran musste ich denken, als ich am Freitag mein Auto am Tegernsee beladen habe, um nach Italien zu fahren. Normalerweise halte ich nämlich am Tegernsee an, mache ein perfektes Bild und frage mich öffentlich, warum zum Teufel ich das Paradies hier verlasse. Man gewöhnt sich also nicht daran. Das liegt auch am Umstand, dass es nicht immer so schön ist und, hätte ich am Freitag ein Bild gemacht, nur eine weisse Wand der dicken Wolken zu sehen gewesen wäre. Das hier ist schon zwei Stunden im Schneesturm weiter, oberhalb von Innsbruck, bei 30 Zentimeter Neuschnee Ende April und -2°Celsius.

Es ist eine wirklich reizvolle Gegend mit einem wunderbaren Blick auf das Inntal und das Wipptal und die Berge, aber in diesem Moment wollte ich mich nur weiter durch die Schneemassen zum Brenner wühlen. Hinter dem Brenner hörte der Schneefall auf, in Brixen kam die Sonne heraus, und kurz nach dem ersten Bild herrschten ein paar Kilometer südlich von Bozen strahlend blauer Himmel, 17 Grad und Sonnenschein. Das Glück, immer an schönen Orten zu seiu, hätte man nur, wenn man ständig mitreisen kann. Vielleicht gewöhnte man sich dann an die Schönheit, keinesfalls aber hätte man eine Heimat, die wohl auch für die meisten zum dauerhaften Wohlbefinden gehört.

Natürlich ist Italien im Frühling besonders schön, wenn Deutschland in Eis und Schnee erstarrt, aber noch wichtiger war mir, dass ich auf dem Weg nach Buonconvento war. Buonconvento ist nach Eigenaussage eines der schönsten Dörfer Italiens, und mir wurde es auch als eines der schönsten Dörfer der Welt angepriesen, auf Italienisch natürlich, Das geht in Italien ganz schnell – alte Rennräder, so schlecht und rostig sie auch sein mögen, haben Weltmeisterstreifen und Titel wie Campione del Mondo, die Bauern hier sagen, der Trüffel sei der Beste der Welt und besser als der Trüffel meiner Bekannten in der Poebene, der auch der beste Trüffel der Welt ist.

Zu Gast bin ich, das kann man wirklich so sagen, auf der wichtigsten Veranstaltung der Welt für alte Rennräder, denn zuerst ist die L’Eroica Nova und eine Woche später die L’Eroica Montalcino, mit den staubigsten Pisten der Welt, den steilsten Anstiegen der Welt, mit den schönsten alten Rädern der Welt und natürlich der schönsten Landschaft der Welt, und das auch dann, wenn man wegen der deutschesten Kälte nicht zu den trainiertesten, ältesten, aber doch weissesten Männern der Welt gehört.

Also habe ich mich im Ort nicht lange aufgehalten, und mich auf mein Rad geschwungen, um in der Sonne etwas Farbe zu bekommen, und die perfekteste Funktion meines mit deutscher Perfektion gebauten Spezialrades zu überprüfen. Nur Italiener pflücken Opas Rad mit brüchigen Reifen aus der Garage, der Deutsche will die beste Leistung und bezwingt das Schicksal mit technischer Perfektion, was auch der Italiener anerkennt, wenn er deutsche Autos kauft.

Ich fuhr also los, bog auf den ersten extrem steilen Feldweg ab und flog, wie wir Deutsche das so machen, mit einer Mischung aus Trutz, Kraft, Todesverachtung und eisernem Willen dem Blau des Himmels entgegen. So ist das immer, wenn ich aus Deutschland komme, ich brauche ein, zwei Tage, um mich an die lässigen, ach was, lässigsten Menschen der ganzen Welt insoweit anzupassen, dass man nicht sofort aus meinem Tritt auf meine Herkunft aus den níchtschönsten Schneeland der Welt schliessen kann.

Wie so oft in Italien und unbegreiflich für Deutsche wurde aus der breiten, steilen Kiesrampe ein doppelter Feldweg, dann eine getrocknete Spur in der lehmigen Erde, und genau dort, wo man einen schönen Blick auf Montalcino hat – hier kommt der beste Rotwein der Welt her, sagen sie – hörte der Weg dann einfach so auf, Das könnte einen Deutschen aufregen, aber ich bin schon alt und sage mir, immerhin hört der Weg an einem der schönsten Orte der Welt auf.

Da stand ich also, und hinter mir hörte ich ein Keuchen und ein Fluchen, denn ein kleiner, nicht eben dünner Italiener hatte vermutet, der Deutsche da weiss sicher, wo es lang geht, und war mir in der Annahme der deutschen Leitkultur gefolgt, bis er auf dem rutschigen Ton der Crete Sienesi ins Schlingern kam. Er stieg ab, stapfte zu mir und sagte: Bello! Was “schön” heisst. Italiener machen das oft, bei Hunden, Rennrädern, Cabrios, Äckern, Weinbergen, Häusern, Frauen, Kindern: Sie finden das, was sie sehen, schön, und verleihen der Bewunderung nach Möglichkeit so, dass es jeder merkt, empathischen Ausdruck. Der Deutsche, siehe oben, ist ein Miesmuffel, der Italiener kann vorbehaltlos das Schöne sehen, besonders, wenn es Italienbezug hat. Wir kamen ins Gespräch und überein, dass es sich hier fraglos um die schönste Gegend der Welt handelt und es das Schönste auf der Welt sei, hier morgen zu radeln.

40 Kilometer hinter uns ist die Krisenbank Monte Paschi, und die von Deutschland verschuldete Migrationskrise über das Mittelmeer wird auch hier erkennbar: Egal. Das ist das schönste Land der Welt. Dann fuhren wir wieder mach Buonconvento, wo die Kleinsten gerade ein Rennen absolviert hattem und mit Pokalen und Medaillen durch die Gegend rannten:

Überall die italienische Tricolore, an Bändern und an Häusern, dazu Fahnen des Ortes, eines der schönsten der Welt, der Region, der alten Republik Siena, das Dorf hatte sich schön gemacht und festlich geschmückt. Ich verabschiedete mich vom Italiener wie von einem alten Freund, ging auf den Markt, und fand einen wirklich schön gemachten Rahmen der längst untergegangenen Firma Capodivento. Der Händler sagte, es sei ein Artigiani gewesen, ein Kunsthandwerker, der den Rahmen gebaut hat, und verwies auf die vielen schönen, liebevollen Details: Gravierte Schriftzüge und ein Gabelkopf, den das italienische Wappen ziert.

Der Rahmen war – nicht billig. Aber er ist schön, bellissimo, noch so ein Wort, ein Superlativ, das Italienern ständig über die Lippen geht, und den Deutschen so gar nicht: Ich nahm ihn trotzdem, denn solche Qualität findet man heute nicht mehr so leicht, Danach wühlte ich mich durch die Kiste mit den Offerte, den Sonderangeboten, die von alten Teamtrikots ohne jedes Prestige gebildet werden. Ich habe dafür ein Faible, ich mag es ironisch, ich habe schon ein Trikots der Feuerwehr Messina, eines Mafiahotels in Ventimiglia, eines Umzugunternehmens aus Verona und als Vegetarier ein Hemd eines Luxuswurstwarenherstellers an der Adria – alles nicht vergleichbar mit den begehrten Namen der grossen, ruhmreichen Teams Raleigh, Colnago, Peugeot und Bianchi. Ich wühlte mich also durch die vergessenen Geschmacklosigkeiten vergangener Zeiten, und fand darunter ein blaues Trikot mit 12 Sternen: Gruppp Sportivo Europa Unita.

Grösse 46. Der Händler verdrehte erkennbar die Augen, und ich dachte mir: Für Heiko Maas müsste es nur wenig kleiner gemacht werden. Der würde das auch tragen. Heiko Maas, der Inbegriff der neuen, deutschen Leitkultur, der auf Twitter Aussagen wie “verdammter Nationalismus” lobt und mal wieder einer Kulturperson hinterher läuft, wie schon bei der Antifa-Band Feine Sahne Fischfilet. Heiko Maas würde es passen, denn er ist untergross und würde sich vermutlich auch hier im Fahnenmeer Italiens und der Toskana damit zeigen, damit jeder, aber auch wirklich jeder seine richtige Gesinnung erkennt. Verdammter Nationalismus. Das sagt sich mit voller Überzeugung leicht, wenn man aus der Schulgeschichte gelernt hat. Und zudem verschweigt, dass dieses unnationalistische Deutschland in den letzten Jahren 150 Milliarden Euro für Kredite gespart hat, während andere Länder der EU, wie eben das krisengeschüttelte Italien, solche Milliarden in der Eurokrise für die Geschäfte der Geldhäuser aufbringen mussten. Und müssen, denn die Krise ist hier noch lange nicht vorbei. Man kann sich den Nationalismus wohlfeil sparen, ihn weit von sich weisen, wenn die Regierung, in der man sitzt, darüber mitentscheidet, welcher Rentner in Deutschland für die schwarze Null Flaschen sammelt, und gut am Umstand spart, dass die Jugendlichen hier arbeitslos und billige Aushilfsjobber nördlich der Alpen sind. Im neuen Deutschland jenseits des verdammten Nationalismus geht das alles ohne Fahne und Bellissimo. Das gute, nicht nationalistische Gefühl muss man sich erst mal leisten können.

Ich könnte hier über alle Preise verhandeln. Ich kann es mir leisten, es nicht zu tun. Ich nehme, was mir gefällt, und bin dankbar, es zu haben. Ich werde gut und menschlich behandelt, weil die Menschen hier in ihrer Tradition und Herkunft ruhen, und nicht in einer schwarzen Null eines egoistischen Nationalstaates, der gern so tut, als wäre die Vormacht des alten, bösen Deutschlands etwas ganz anderes als jene Vormacht, die inzwischen überall in Europa ein Wahlkampfschlager der Verachtung ist.

Der Himmel dehnt sich grenzenlos in EU-Blau von Horizont zu Horizont über Buonconvento. Man feiert hier das Rad, das ein Deutscher technisch erfunden hat, und Italien, das es zu einem Lebensgefühl machte. Es geht hier enorm nationalistisch zu, von den Medaillen der Kinder bis zum Gabelkopf meines neuen Rahmens. Und ich fühle mich ausgesprochen wohl.

02. Mai. 2017
von Don Alphonso
436 Lesermeinungen

115
38387

     

27. Apr. 2017
von Don Alphonso
419 Lesermeinungen

166
50832
     

Die Schuld der 68er an der Kopftuchinvasion

Auch wenn man gut konsumiert, kann man dahinvegetieren.
Rudi Dutschke

Monte Carlo, St. Moritz, der Tegernsee – Sehnsuchtsorte verkaufen sich am besten, wenn sie an manchen Ecken so aussehen, dass Besucher und Bewohner mitunter innehalten, schauen, und sich sagen: Also wirklich, wie vor 50 Jahren, nichts hat sich verändert. Es könnte tatsächlich ein blauer Sportwagen mit Grace Kelly um die Ecke kommen, es könnte wirklich Aristoteles Onassis in einer Lobby sitzen, und bei uns am See würde es keinen wundern, säße da drüben auf dem Schiff Gunter Sachs mit Brigitte Bardot, ein Teil der Flick-Sippe, oder, noch wahrscheinlicher, einer der vielen Altnazis, die es 1967 in Mengen am See gab, und die auch wirklich Nazis waren, und nicht nur Leute, die den Thesen der Antideutschen und Genderaktivistinnen in den Hamburger Medien nicht vollumfänglich zustimmen.

Aber auch, wenn es noch genau so erscheint und die alten Schiffe vor der immer gleichen Bergwelt über das klare, blaune Wasser gleiten: Es ist nicht mehr 1967. Mag das Holz an Deck noch sauber geschrubbt sein, so hat sich doch viel verändert, und wo es früher obligatorisch war, einen Hut zu tragen, sieht man heute mehr und mehr Kopftücher. Das war ein schleichender Prozess, aber wenn man heute in einen Biergarten geht, sieht man das oft. Kaum wird das Wetter schön, kommen hier Fremde und tragen Kopftücher, wie es der Prophet befahl. Besonders die Alten machen das. Man sollte denken, dass es nach 1967 auch 1968 gab und überall die Menschen begriffen haben, wie sinnlos es ist, Propheten nachzueifern. Aber die tragen nun mal Kopftücher. Alte, weisse Männer mit Kopftüchern, die dem Radsportidol Marco Pantani nacheifern. Pantani hatte eine Glatze und trug ein Kopftuch, und alte, weisse, haarlose Männer, die hierher radeln, folgen ihm und tragen ebenfalls ein Kopftuch auf ihren Glatzen über den Altersflecken. Sonnenbrillen und Lycrahemden. 1967 hätte man so in kein Restaurant gehen können. Heute ist es üblich.

Und am Montag war es hier brechend voll mit Rentnern, allesamt bestens gelaunt, gesund und spendierfreudig. Die einen friedhofsblond, die anderen mit Kopftüchern, alle ziemlich fit, und Krücken trug nur ein junger Vater, dem sein Gebrechen vermutlich den Fluch der Arbeit ersparte, der in jenen sonnigen Stunden die meisten unserer Altersgenossen traf. Diese Leute hier werden nicht ohne Grund von Links und Rechts in die Zange genommen. Für Linke sind es teure, alte, weisse Menschen, fast so alt wie die meisten bekannten Vertreter der Grünen, die vermutlich das Falsche wählen, keine Rücksicht auf die Jugend nehmen und jetzt noch von einem Rentensystem profitieren, das für kommende Generationen nur Plackerei bis 70 mit folgender Altersarmut verspricht. Vermutlich haben sie recht. Und für die Rechten, die auch recht haben, sitzen hier die Alt-68er nach ihrem langen Marsch durch die Institutionen, die sie für sich geplündert haben und eine Welt erschufen, in der es erst möglich wurde, dass ein Zensurminister mit einer ´Schauspielerin durchbrennen kann, ohne aus dem Amt gejagt zu werden, eine Ex-Stasi-IM über Meinungsfreiheit befinden darf, und die Kanzlerin die Kontrolle über die Grenzen aufgibt.

Tatsächlich herrschte 1967 noch ein erheblich anderer Geist in diesem Lande, und obendrein der Kalte Krieg und der Eiserne Vorhang. Vor diesem Hintergrund war es natürlich leicht, eine Kommune zu gründen, deren Filmmaterial von modernen Pr0neauxseiten abgelehnt werden würde. Es war verführerisch, Ho-Ho-Ho Chi Minh zu beschwören und zu wissen, dass Schulen trotzdem dringend Lehrer brauchten. Wer hätte ahnen können, dass freundliche Herren wie Camus und Sartre eine spätere Ikone der schmollenden weiblichen Laune einschleppten. Die Zeiten waren so kohlrabenschwarz und rechtsdoktrinär, dass alles dagegen mitmarschieren durfte, was wollte, von der RAF-Anhängerschaft über Pädophile, Stalinisten und Maoverehrer bis zu Waldschraten, deren Nachfolger gerade um die 5%-Hürde kämpfen. Die meisten waren aber vermutlich eher wie der junge B..

Der junge B. ist inzwischen auch ein steinalter Mann, aber damals war er noch kommender Erbe eines Sattlergeschäfts, Student und der Meinung, man müsste in unserer sehr kleinen, sehr dummen Heimatstadt an der Donau auch einmal die Strukturen aufbrechen. Deshalb lud er seine Freunde ein, und fuhr mit dem geliehenen Porsche Cabrio seines Vaters, voll besetzt mit Maobibelschwenkern und Demonstranten hinter sich, die Strassen auf und ab. Das hat seinem Ruf damals schwer geschadet und alle haben es seinem Vater hineingedrückt. Heute ist der junge B. auch der alte B., und seine Firma stellt hier die Zelte für das 501. Jubiläum des Reinheitsgebotes auf. Demonstrieren war gefahrlos: Der Osten würde schon nicht kommen und einem den Porsche nehmen, und die unterdrückten Völker sollten zwar vom Joch des Kapitalismus befreit werden, dann aber Afrika und Asien als Leuchttürme des neues, sozialistischen Menschen entwickeln, zu denen der dekadente Mensch des Westens aufschaut. Heute spielt der B. eine wichtige Rolle bei den regionalen freien Wählern – das sind die, die Flüchtlinge vor das Kanzleramt fahren. Nicht im Porsche und nicht mit Maobibeln.

Die breite Mehrheit wollte aber keine Revolution, sondern einfach modernes, demokratisches und gleichberechtigtes Leben im Wohlstand, dazu ein Haus, einen Garten, zwei Kinder, und zwei Autos, vier Wochen Urlaub in Italien, ohne Krieg und Napalm und Nachrüstung. Man wollte die repressive Ära Adenauer nicht mehr. Man wollte die uniformierte Gesellschaft auflösen Wenn man heute in Lycra und Kopftuch im Biergarten sitzt und auf den Sprizz wartet, ist das Veränderung, die gefällt, in einem Klosterbrauereikontext, der gern so bleiben kann. Was man aber 1968 ganz sicher nicht wollte, sind Leute, die mit gebrochenem Deutsch der Polizei erzählen, wo sie einen tödlich verletzten Rentner findet. Man ging nicht auf die Strasse für die Zuwanderung eines Messerstechers, und auch nicht für einen psychisch labilen Migranten aus Afghanistan, der versucht, sich im Amri-Stil Autos anzueignen und dabei Menschen verletzt. Für solche Erscheinungen demonstrieren 30 Kilometer nördlich die Nachfahren der Waldschrate am Flughafen, weil das Abschiebeland Afghanistan nicht sicher ist. In den Augen der Alt-68er hier ist es vielmehr so, dass sich die Sicherheitslage für alte Menschen der Lage in Afghanistan drastisch annähert. Und daran ändern auch die Tricks der regierungsnahen Medien nichts, die die abnorm gestiegene Gewaltkriminalität durch Zuwanderung relativieren wollen.

Tatsächlich haben die 68er das Land nachhaltig und unumkehrbar verändert – nicht einmal die AfD will zurück zum gesellschaftlichen Klima unter Adenauer, in dem der krawattenlose Gauland sozial geächtet wäre, von den feministischen Vorreiterinnen der Partei ganz abgesehen. Aber die 68er, die mit Kopftuch und restauriertem Porsche Cabrio hier sitzen, sind mittlerweile so etabliert, dass sie gefahrlos die Sehnsuchtsorte ihrer Väter wieder für sich entdecken können. Niemand macht hier ein Streikplenum, niemand wirft Steine ins Idyll, und nachher sind sie alle am See und lassen sich auf dem Boot zwischen den Villen der echten, alten, lange toten Nazis über das Wasser fahren. Nächstes Jahr ist 1968 50 Jahre her. Es gibt keine Traditionslinie von der damaligen Ablehnung der Religion hin zum Verständnis für wahhabitischen und schiitischen Islam, die genau jene Repression leben, die damals gesprengt wurden. Es gab nur damals schon laute Provokateure, und es gibt sie heute mit van der Bellen und seiner Kopftuchaufforderung und dem feigen Verstecken hinter Juden wieder. Aus 68 heraus mutierten später grüne Kirchenvertreter, die sich freuen, weil es Menschen geschenkt gibt, und das Land religiöser wird. 1968 positionierte sich die SPD gegen die Macht der Kirchen, heute lehnt der SPD-Kanzlerkandidat Kirchenaustritte als Zeichen der politischen Opposition ab.

Es hat sich viel getan, in diesen letzten 50 Jahren. 68 ist nicht tot, es ist nur damit beschäftigt, einbruchssichere Fenster zu kaufen und darauf hinzuwirken, dass die Enkel auf eine Schule mit minimaler Migrantenquote kommen. 68 hat verstanden, dass es als Feindbild herhalten muss, aber noch sitzt es mit Piratenkopftuch im Biergarten, und die anderen müssen arbeiten. 68 weiss, was es wollte, was es sich später anders überlegt hat, und was es jetzt auf gar keinen Fall haben will. 68 findet den niedrigen Benzinpreis gut, weil 68 grosse Motoren hat, aber auch, weil die Saudis dadurch weniger verdienen und daher merklich weniger Clans in die Kliniken am See schicken, was die Zahl der anderen Kopftücher ebenso reduziert wie die Zahl der Mietwagenraser. Öffentlich sagt 68, dass es ihm egal sein kann, denn in diesem Alter ist die Entwicklung nur noch für die Nachfolgenden schlimm. Aber die Grünen kann 68 leider wirklich nicht mehr wählen. 68 ist immer schuld. Da kommt es auf einmal mehr auch nicht mehr an. Vielleicht hat 68 schon zu viele Dummheiten mitgemacht, um erneut Fehler zu begehen.

Grace Kelly, Aristoteles Onassis und Gunter Sachs sind schon länger tot, aber die frühere Gemahlin von Sachs Brigitte Bardot lebt noch, und verbindet ihr Anliegen für den Tierschutz mit einer Affinität zu Le Pens Front National. Wahrscheinlich erinnert sich 68 noch an die Bilder der jungen BB und denkt sich, dass sie eben noch eine richtige Frau war. Alle werden älter, aber der See bleibt, wie er ist, und wird auch dann noch Freunde finden, wenn die neuen Revolutionen und Veränderungen längst gescheiterte Fehleinschätzungen sind.

27. Apr. 2017
von Don Alphonso
419 Lesermeinungen

166
50832

     

22. Apr. 2017
von Don Alphonso
340 Lesermeinungen

73
30051
     

Lebenslanges Lernen als lebenslange Knechtschaft

People have a nasty habit of getting dead around you.
Lieutenant Donnelly

Das Wort “lebenslang” hat nicht immer einen guten Beigeschmack: Lebenslang kann man im Gefängnis sitzen, lebenslang hat man es mit unerquicklichen schwarzen Familienschafen wie mir zu tun, lebenslang muss man sich mit den Begehrlichkeiten des Staates auseinandersetzen, der einen und seinen Besitz auch nach dem Tode noch besteuern will. Unangenehme Erscheinungen haben die unangenehme Eigenschaft, sehr langlebig zu sein, und sollten die Grünen da demnächst eine Ausnahme machen, gibt es genug andere Parteien, die die allgemeine Restlaufzeit mit neuen Gesetzesvorhaben auch nicht schöner gestalten. Gelegenheiten zum Aussterben vermeiden unangenehme Dinge mit einem phänomenalen Gespür für Anpassung. Würden sie das nicht tun, würden sie fraglos untergehen, und man könnte sie vergessen. Statt dessen muss man lebenslang an ihnen lernen, und wie das ist, das können Sie an Ihren bislang nicht ans Netz angeschlossenen Verwandten sehen, die nunmehr gezwungen werden sollen, ihren Beitrag zum Sehrunangenehm-, Perfide- und Gemeinwesen anderer mittels Internet, Computer und Finanzamtprogrammen festzustellen.

Es gibt, das gebe ich gern zu, einige Kritikpunkte am Umstand, dass manche sehr viel und andere sehr viele weniger besitzen. Ich finde da auch nicht alles gerecht, wenn es um Leute geht, die so reich sind, dass ich nie in die Gefahr komme, ihnen ähnlich zu werden. Der normale Mensch denkt vermutlich, das würde sich dann in grossen Wohnflächen und Optionen zur Freizeitgestaltung äussern, in legalen und illegalen Rauschmitteln und dem, was ihm Folgen von Derrick und Tatort so erzählen. Manches mag stimmen, manches ist überzeichnet, und manches kommt gar nicht vor, obwohl Reichtum fraglos eine wichtige Rolle bei der Nichtbewältigung von Veränderung spielt: Wer Vermögen hat, kann auf das lebenslange Lernen weitgehend verzichten.

Nehmen wir beispielsweise die Kunst. Wenn Sie über ein fundiertes Wissen über die europäische Kultur verfügen, und es ab und an durch Museumsbesuche an hübschen Orten auffrischen, und danach bei Tee und Torte im Museumscafe verdauen, sind Sie für alle Belange des Daseins gerüstet. Das Wissen darf im Laufe des 20. Jahrhunderts gern abflachen. Niemand wird einen schräg anschauen, wenn man die Karten für Alban Bergs Wozzeck verfallen lässt, der in immer neuen Inszenierungen auch so ein lebenslanges 12-Ton-Übel des erstarrten Opernrepertoires ist, wie so ein atonal blubberndes Schwefelloch am Fusse eines erloschenen Vulkans. Es ist nicht nur legitim, sondern sogar eine gewisse innere Haltung, nichttoten Kunsterschaffern und nochnichtsolangtoten Revolutionären mit einer gewissen Reserviertheit entgegen zu treten. Man hat im 20. Jahrhundert genug Leute gesehen, die meinten, man müsste Internetkunst oder Kunst auf Videobändern oder Kollagetechniken lernen: Die Erfahrung lehrt nun einmal, dass man bei Dürer die Vermögenden, bei Pollock deren das Falsche studierende Kinder und bei Hirst und seinen Pillenschränken sogar nur Russen und Chinesen erlebt. Also wirklich.

Mindestens so divers wie die Kultur ist auch jener Teil der Gesellschaft geworden, den man heute nicht mehr öffentlich als arm, sondern als sozial benachteiligt bezeichnen sollte – Armut ist ein Zustand, soziale Benachteiligung dagegen etwas, das anderen angetan wird, weshalb man auf die sozial Bevorzugten losgehen und sie diskriminieren darf. Das bleibt nicht bei Worten, wie ich von Medizinern und Anwälten erfahre: Früher war arm halt arm, vielleicht mitunter auch grob, aber gemeinhin duldsam gegen die Götter in Kittel und Robe. Früher hatte man nichts, wenn man arm war, heute ist Armut immerhin so konsumfähig, dass sie sich verschiedene Rollen der Armut heraussuchen kann, und viele davon sind nicht eben angenehmer Umgang. Manche lernen das offensichtlich aus Gangstervideos, andere aus Realityserien, oder sie lesen feministische Interviews bei Zeit Online: Heraus kommt nicht mehr eine Unterschicht, sondern viele, die unzufrieden sind und jeweils eine eigene Anspruchshaltung entwickeln, die der Staat allein mit mehr Zuwendungen nicht befriedigen kann.

Ich bekomme das nur am Rande mit, wenn gewisse Leute in der Disco die Strasse runter keinen Einlass bekommen, was manche vielleicht als Racial Profiling bezeichnen werden – es ist jedenfalls so, dass sie mittlerweile der Meinung sind, das Gitter an meinem Weinstock sei so eine Bar für selbstgepanschte Alkoholika, und sie hätten ein Recht, sich hier in der Nähe der anderen, die zum Rauchen draußen sind, zu berauschen. Es gibt Forderungen nach Quoten und Teilhabe, ein Wort, das nicht ganz zufällig aus dem Bereich der körperlichen Behinderung auf andere Gruppen – und zwar durchaus freiwillig – ausgeweitet wurde. Geht der Versuch an Teilhabe jenseits gesetzlich erwünschter Möglichkeiten in Streit über, müssen das dann die Notärzte ausbaden. Von denen kenne ich zwei Typen: Die einen wollen Kinder, damit die Welt nicht den anderen überlassen wird, die anderen wollen keine, weil sie diese erlebte Welt für unzumutbar halten. Von ihnen, aber auch von Kindergärtnerinnen, Lehrern, Krankenschwestern und Betreuern erwartet man, dass sie in der Lage sind, sich auf das einzustellen, was in Zeiten aufgeweichter sozialer Normen so entstanden ist. Aber die Benutzeroberfläche, die Vermögende zum Steuern des Rests präsentiert bekommen, vom Sanitärreiniger und Abgeordneten über das Kurpersonal und Bedienung bis zum Vermögensberater, ist dagegen immer noch so, wie das früher auch schon war. An den Umgangsformen, die ich als Kind erlernte, hat sich in meinem Lebensumfeld nicht das Geringste geändert, und die Nummer für die Lösung des Alkoholproblems mit Tätlichkeiten auf der Strasse ist immer noch 110.

Obwohl wir uns alle einig sind, dass unter und jenseits der uns bekannten Kontaktzone trotz Bereicherung und Umverteilung vieles unschön und schwierig geworden ist, werden wir nicht ebenfalls mit erleichterten Sozialvorschriften belohnt. Es wird bei unsereins immer mit dem Wort “Verantwortungsethik” geschaut, ob wir, die Verantwortlichen, auch wirklich ethisch sind. Das Amüsante an der Sache ist jedoch, dass Verantwortungslosigkeitsethik technisch gar nicht mehr möglich ist: Jeder Trachtenschneider zahlt übertariflich, kein Stromanbieter liefert noch 100% reines Atom, kein Metzger hat noch Fleisch aus der Slowakei im Angebot. Sogar die miesesten und zynischsten Multis tun etwas für den Regenwald und Arme in Afrika und die Verbesserung der Welt. Man müsste schon wirklich sehr weit abseits des für Vermögende zumutbaren Lebensumfeldes aktiv werden, um Firmen zu finden, die einem kein gutes Gefühl geben und ihre Schattenseiten verschweigen wollen.

Ich mein, ernsthaft, versuchen Sie mal, heute wie Ihre Vorfahren noch eine neue Silberkanne aus Material zu bekommen, das Sklaven abbauen mussten. Früher war das gar nicht anders möglich, heute müssen sie dafür alte Exemplare kaufen. Oder geschliffenen Marmor, für den sich wirklich ein Arbeiter tothustete: Das geht in dem Segment, in dem wir uns bewegen, gar nicht mehr. Wir dürfen unsere Verantwortungsethik nicht mehr mit dem Ochsenziemer gegenüber Knechten ausleben und wir können es auch nicht indirekt tun, weil es unschicklich ist. Spätestens seit der weitgehenden Vernichtung des Perserteppichgeschäfts wegen der bei uns verrufenen Kinderarbeit hat alles ein weissgebleichtes Gewissen. Nur Kinder ärmerer Leute müssen nicht wissen, was die ökologischen Folgen von Chicken Wings und Fischstäbchen zeitigen. Uns wird die regionale, nachhaltige Küche fast schon aufgezwungen. Für Vermögende gibt es längst eine Art Autopilot zum richtigen Verhalten. Vorgestern etwa wurde ich beim Blumenkauf nachgerade in Richtung heimisch und saisonal statt importiert und eingeflogen gedrückt, mit dem Hinweis, dass die Beschenkte das sicher so möchte. Was sie übrigens auch tat. Ich verschwende nur dann Gedanken an die Ethik, wenn es mir dazu dient, andere nicht so Ethische zu diskriminieren und vorzuführen – der Rest geschieht automatisch, weil es heute eben so verpflichtend ist, wie das Tragen eines Hutes vor 100 Jahren oder die Rolle der Frau in Afghanistan.

Man denkt da nicht drüber nach, man macht es einfach. Man lernt natürlich nicht dazu, denn würde man lernen, würde man die abscheulichen Industrieböden und Laminate verbieten und jeden, der es sich halbwegs leisten kann, zu Perserteppichen verdammen, um Fluchtursachen und Armut zu bekämpfen. Bei den hier noch nicht so lange Lebenden würde man Intarsienarbeiten und Majolika in Auftrag geben, und Billyregale und Pressglas verbieten, aber es ist halt, wie es ist, und ich brauche nichts mehr, meine Ingwertöpfe sind leider schon da, und auch etwas älter aus chinesischer Sklavenarbeit der Ming-Epoche. Ich sage, wie es ist: Die Zeiten ändern sich, aber das heisst nicht, dass alle gleich viel lernen müssen. Der Nachfahr des chinesischem Sklaven baut heute, solange seine Finger noch mitkommen, das technische Gerät, das jene überfordert, die beim Bildungswettlauf versagen. Frauen haben Berufe erlernt und müssen jetzt lernen, gegen Männer zu bestehen. Manche denken, das Erlernen von Vorschulmandarin durch Kinder ist gut, um gegen die Nachfahren der Vasenmaler zu bestehen.

Aber ich sage Ihnen: Reich geboren werden ist besser. Wirklich. Das sagt jeder, der es schon einmal gemacht hat, und es erleichtert die Sache ungemein. Das muss man nicht lernen, das verteht man von selbst.

22. Apr. 2017
von Don Alphonso
340 Lesermeinungen

73
30051

     

17. Apr. 2017
von Don Alphonso
644 Lesermeinungen

237
103502
     

Eine neue Heimat für Grüne und Erdoganwähler

„Ihr könnt unseren Einzug in die Parlamente und der Polizei nicht verhindern. Wir ,Schwarzköpfe‘ werden die Parlamente erobern. Dann habt ihr hier nichts mehr zu melden.“

Öczan Mutlu soll das laut der Anzeige eines Polizisten 2001 bei einem Streit gesagt haben, als es darum ging, ob sein Auto abgeschleppt wird. Damals war Mutlu noch aufstrebender Jungpolitiker der Grünen, der es von der Bezirksverordnetenversammlung Kreuzberg in das Abgeordnetenhaus Berlin geschafft hatte. Anlass für seinen Konflikt mit dem Polizisten war der Besuch des Bundespräsidenten in einer Schule, bei dem Mutlu eine tragende Rolle spielen, aber nicht mit dem Auto in den Schulhof fahren konnte. Das wenig staatsmännische Auftreten Mutlus führte zu einer Aufhebung der Immunität und zu einem Freispruch in der zweiten Instanz. Seitdem war Mutlu, um es höflich zu sagen, wegen anderer Ereignisse selbst bei den Grünen nicht unumstritten. Trotzdem ist er seit der letzten Wahl für die Grünen im Bundestag und dort Sprecher für Bildungspolitik. Sollte er das obige Zitat tatsächlich so gesagt haben, ist seine Vorhersage zumindest für ihn teilweise eingetreten, selbst wenn Berliner Polizisten immer noch in der Lage sind, Autos abzuschleppen – besonders, wenn sie liegen bleiben.

Als Deutscher, der in der Türkei geboren wurde, hat Mutlu ein besonderes Interesse an der innenpolitischen Entwicklung des Landes, und als Direktkandidat für den Wahlkreis Berlin Mitte mit einem hohen Anteil an Migranten wird er auch im Herbst für die Grünen direkt wählbar sein. Mutlu hat das Referendum in der Türkei und unter Auslandstürken kritisch mit Wortmeldungen bei Twitter begleitet, und wie etliche andere Politiker und Beobachter seine Sicht der Dinge dargestellt. Zum famosen Abschneiden des Erdoganlagers gibt es etwa diesen nachdenklichen Beitrag über eine Art innertürkischen Rassismus, oder die Wortmeldung der Linken-Abgeordneten Sevim Dagdelen, die ebenfalls kein Kind rechtskonservativer Traurigkeit ist: Als vehemente Kritikerin der deutschen Türkeipolitik sieht sie die Verantwortung bei Erdogans Netzwerken in Deutschland, die man jahrelang gewähren liess. Mutlu dagegen sucht und findet die Schuld auch bei der Integrationspolitik:

“Wir haben es nicht geschafft, ihre neue Heimat zu werden“

Man muss das ganz langsam lesen und nachdenken, was das bedeutet. Wir, die Deutschen, die, die ein grünennaher Funktionär als Köterrasse ebenfalls ohne juristische Konsequenzen bezeichnete, oder, die wir laut Kanzlerin schon länger hier sind, haben es nicht geschafft, die Heimat von Personen zu werden, die recht genau wissen, was Erdogan in den letzten Jahren getan und gesagt hat. Und ihn dann gewählt haben, und mit ihm eine Despotie auf Basis von Nationalismus und Islamismus, die nur dann mit den mitteleuropäischen Wertvorstellungen zusammen geht, wenn man zufälligerweise gerade eine ganze Panzerfabrik an das Regime liefert und es mit Milliarden bezahlt, damit es nicht wieder Migranten als erklärtes Druckmittel auf die Balkanroute entlässt. Wir hätten demzufolge die Verantwortung, auch die Heimat von jenen eilig zusammengetrommelten Leuten zu werden, die letzthin in meiner Heimatstadt teils vollverschleiert und teils mit der osmanischen Kriegsflagge durch die Stadt liefen, und das Zeichen der – nach unseren Vorstellungen – rechtsextremistischen Grauen Wölfe machten.

Die gute Nachricht ist eine andere: Von den 3,5 Millionen türkischstämmigen Menschen haben nur 1,5 Millionen einen türkischen Pass, die Wahlbeteiligung lag – leider – wegen der Repressionen bei nur 50%, und nur unter diesen Leuten hatte Erdogan eine deutliche Mehrheit. Es geht also nicht um “die“ Türken in Deutschland, sondern um eine Minderheit, die kein Problem damit hat, die Demokratie zugunsten einen Präsidialsystems abzuwählen. Das ist fraglos unangenehm, aber es ist nicht pauschal das, was manche als “die Türken“ bezeichnen.

Man könnte an dieser Stelle nun darüber reden, ob es überhaupt wünschenswert ist, die Heimat dieser Gruppe unter den Türkischstämmigen zu sein – nach meiner Auffassung sollten islamistische Nationalisten konsequent sein und ihre Heimat dort wählen, wo islamistischer Nationalismus die Staatsdoktrin ist. Deutschland ist bislang eher laizistisch und sogar so antinationalistisch, dass es seit dem heimatkritischen Kongress der Grünen in Bayern nach fast einem halben Jahr das erste Mal ist, dass ich von einem Grünen überhaupt das Wort Heimat in einem positiven Kontext vernehme. Grüne sagen sonst eher Sprüche wie “no borders, no nations“, und Heimat bringt es meist nun mal mit sich, dass sie einen begrenzten, geographischen Raum mit einem bestimmten, in staatliche Strukturen übersetzten Volkswillen darstellt. Heimat ist etwas, das von Grünen stets hinterfragt wird. Es ist gefährlich, nationalistisch, es bräunelt und hat eine toxische Tradition, ist wörtlich „historisch durch völkische Bewegungen vorbelastet“ und wie das ausgehen kann, zeigt die Geschichte immer wieder – die Pervertierung von Heimatbegriffen, Hass auf andere und nationalistische Arroganz sah man gerade wieder beim Referendum in der Türkei.

Und für Leute, die das wollen, sollen wir Heimat bieten. Seit dem Beginn der Migrationskrise greifen Grüne und ihre Verbündeten und staatlich finanzierte Kontrolleure jene an, die das sagen, was man in meiner Heimat oft hört: Dass man sich inzwischen fremd im eigenen Land fühlt. Wer sich so äußert, gehört zu den Dunkeldeutschen, den Intoleranten und Gegnern der Weltoffenheit. Es wird vom Sächsit geschrieben und davon, dass eine abweichende Meinung zur Migration eine Schande für das Land sei. Mutlu selbst forderte jüngst eine Sonderstaatsanwaltschaft gegen Hatespeech. Man sollte Migration als Chance und nicht als Überfremdung betrachten – letzteres sei ein Begriff der Rechtsextremisten. Nun wählt eine radikale Minderheit mit üblen Folgen für die Türkei einen Potentaten, neben dem auch deutsche Rechtsextremisten wie ein Kinderfasching in einer Kita in Berlin-Kreuzberg wirken. Sie bejubeln rassistische Ausfälle gegen die Deutschen und andere Europäer, und Aussagen, denen zufolge uns Erdogans Türken tatsächlich überfremden werden: Genau hier wünscht sich ein Grüner in Berlin für diese Leute mehr Heimat bei uns, die wir bereitzustellen hätten. Heimat, das nehme ich aus dieser Aussage mit, ist plötzlich doch gut, wenn jemand anderes sie kriegen soll. Nur für Deutsche ist Heimat riskant und gefährlich, und Mutlu geht aus guten, warnenden Gründen mit, wenn es darum geht., die Deutschen an ihre Verbrechen in Afrika des deutschen Vorvorvorvorgängerstaates unter Kaiser Wilhelm II. hinzuweisen.

Man kann die Absage, die eine Minderheit in Deutschland mit der Wahl gegen die positiven Werte des Westens formuliert hat, nur begrenzt schönreden. Erdogans Anhänger folgen einer Ideologie, die die Grünen mit Sprüchen wie “keinen Fussbreit“ bekämpfen, wenn sie von Deutschen kommt. Mutlu würde vermutlich nie auf die Idee kommen, Neonazis in Berlin zu rechtfertigen, weil man sie nicht genug mitgenommen und ihnen die Heimatlichkeit des neuen, migrationsfreundlichen Deutschlands nicht mit allen Vorteilen ausreichend erklärt hat. Dass das Gefühl der Fremdheit und der Ablehnung anderer Lebensformen im schlimmsten Fall zu Gewalt und Diktatur führen kann, ist keine neue Erkenntnis. Das Problem bei der radikalen türkischen Minderheit ist, dass sie nicht nur Erdogans abfällige Einschätzung Deutschlands und Europas und die historische Überschätzung des osmanischen Reiches teilt. Sie will nicht die Heimat, die die laizistisch-demokratische Türkei früher einmal war, und erst recht nicht das, was Deutschland ist.

Ein Deutschland, das sich so verbiegt, dass eine derartig integrationsresistente Minderheit sie irgendwie als Heimat begreifen kann, ein Deutschland, das mit einer derartigen Verachtung auf sich selbst blickt, dass es Erdogans Sichtweise entspricht: Das gibt es bei Grünen durchaus, wenn sie wegen angeblicher Nazis nach neuen Bomben für Dresden rufen und behaupten, Verschleierung befreie die Frauen im Sinne unserer Emanzipation. Es wäre ein Deutschland, das Milli Görüs und andere Extremisten hofieren würde, aber auch gleichzeitig eines, das für die Deutschen keine Heimat mehr ist. Die Geschichte der Einwanderung immer auch eine Geschichte der Anpassung der Einwanderer – nur Eroberte und Versklavte mussten Neuankömmlingen in der menschlichen Geschichte so weit entgegen kommen, dass die sich mit all ihren Radikalen heimisch fühlen konnten. Das ist übrigens exakt das, was Erdogan in den Schulen über den Aufstieg des osmanischen Reiches lehren lässt. Mit den Grünen hat Mutlu die Partei gefunden, mit der man mit diesem für Radikale angenehmen und alle ihre Gegner eher anstrengenden Heimatbegriff in den Bundestag kommt.

Sofern die Grünen gewählt werden, von denen, die bislang noch etwas zu melden haben. Ich wohne in einer Gegend, in der man auf Heimat viel Wert legt und durchaus freundlich gegen jeden ist, der sich den Gegebenheiten anzupassen weiss. Hier wird kein Kopf verschleiert und das Tuch über der Brust wurde auch schon lange eingemottet. Im kommenden Herbst könnten heimatbewusste Regionen wie meine dafür sorgen, dass die Grünen und Herr Mutlu bundespolitisch nur noch wenig Grund haben, sich hier heimatlich zu fühlen.

Es geht übrigens auch anders: Der Gewinner meines Wahlkreises hat ägyptische Wurzeln, ist bei der CSU und hat definitiv nichts hören lassen von wegen, wir müssten radikalen Muslimbrüdern eine Heimat werden.

17. Apr. 2017
von Don Alphonso
644 Lesermeinungen

237
103502

     

13. Apr. 2017
von Don Alphonso
589 Lesermeinungen

124
34636
     

Bereicherung durch Raub oder Sekundärtugenden

When his troubles will begin will be when by any chance something goes wrong with the governing machine.

Meine Lieblingsbeschreibung des Deutschen an sich ist über 100 Jahre alt: In seinem Reisebuch “Three Men on the Bummel”, das eine Radfahrt dreier Briten durch das damalige deutsche Kaiserreich ironisch und liebevoll beschreibt, wird der Autor gegn Ende hin noch einmal ernst und sagt, wie er die Deutschen sieht: Romantisch, fleißig, aufrichtig, selbstlos und diszipliniert. Ein wunderbares Volk, um in ihm von Hamburg in den Schwarzwald zu gelangen und sicher zu sein. Aber er schreibt auch, dass diese – heute würden wir sagen, Sekundärtugenden – in der Übertreibung als Pedantierie, Heroismus und Kadavergehorsam gefährlich werden könnten. Three Men on the Bummel erschien 1900 – 14 Jahre später sollte sich auf tragische Weise zeigen, wie zutreffend die Analyse in ihren negativen Ausformungen gewesen ist.

Jeromes Überlegungen zum obrigkeitssaatlichen Denken münden im Ausspruch, dass der Deutsche, verurteilte man ihn zum Tode und gäbe man ihm einen Strick, tatsächlich zum Galgen gehen und sich selbst aufhängen würde. Das ist natürlich überzeichnet, aber seit einiger Zeit wurde hierzulande die Willkommenskultur staatlich verordnet, und prompt zeigten die Umfragen Zustimmung wie das letzte Mal beim Ausbruch des ersten Weltkriegs. Und auch heute, da wir bei mir daheim laut Kriminalstatistik in Oberbayern Nord 2016 einen Anstieg der Kriminalität von 7% haben, und rund 1% der Bewohner als Flüchtlinge 11,7% der Straftaten begehen, darunter auch Übergriffe mit 551 deutschen Opfern, finden sich noch immer genug Personen, die nicht von der bei der Zeit und der Prantlhausener Zeitung proklamierten Begeisterung abweichen wollen. Ein schönes Beispiel ist ein Medienmacher, dem in Berlin der Keller ausgeräumt und teure Räder offensichtlich gezielt entwendet wurden: Derselbe beklagte sich damals über die nicht seltenen Einbrüche, und vor kurzem aber darüber, dass einfach zu viel über Kriminalität berichtet werde. Auch eine bekannte Gattin eines bekannten Ex-Stasi-Mitglieds, die sonst voller sozialistischer Tugenden ist, beklagte die Überführung ihres zweirädrigen Privateigentums in andere Hände. Unter Mielke wäre das nicht passiert!

So ist der Deutsche eben auch unter dem roten Lack: Romantisch und gleichzeitig ein wenig pedantisch, wenn es um Fragen des Eigentums geht, aber gleichzeitig gehorsam, wenn sich Polizeidienststellen politisch gewollt jenseits von Bayern schwer tun sollen, die Realität, die nicht unproblematische Entwicklung und deren Verursacher – die Zahl der deutschen Tatverdächtigen bleibt rückläufig, andere Tatverdächtige füllen die Lücken – zu erkennen. Bei uns ist das anders, denn die spektakulären Einbrüche in Verbindung mit Tötungsdelikten in Königsdorf und Meiling gehen nicht einfach so als regionale Einzelfälle unter, wie etwa der Raubmord von Bad Friedrichshall oder der Mord von Neuenhaus. Sie werden breit diskutiert. Und ich sehe mich dann hin und wieder genötigt, auch im Kreise der Besorgten auf das Positive hinzuweisen: Es gibt bei uns auch den regionalen Einzelfall der ganz erstaunlichen Sicherheit. Wie etwa beim Radständer eines von mir geschätzten Gasthauses, der die hiesigen Men on the Bummel zum Verweilen einlädt.

Denn der Radständer wurde vor ein paar Monaten wegen des gestiegenen Andrangs von Radlern neu gestaltet. Es ist überhaupt keine Frage, dass sich hier ohne jeden Zwang und Parkplatzgebühr und gefälschte Statistik eines Ministeriums, aber mit schönen, neuen Radrouten, die Zahl der Radler vergrößert, und so brauchte man eben auch mehr Platz für all die schönen, neuen Gefährte, die bei uns sie Strassen zieren. Weil Räder auch einmal Platten haben und Ersatzteile benötigen, hat der nächste Radelhändler dort auch zwei Rahmen anmontiert, und in diesen Rahmen steht zu lesen, wo er zu finden ist. Bei den Rahmen handelt es sich um offensichtlich gebrauchte und schadhafte Exemplare des Simplon Pavo. Wer nur ein wenig Ahnung von der Materie hat, der weiss, dass hier nicht alter, billiger Schrott hängt, sondern zwei früher wirklich teure Rahmen mit ebenfalls nicht billigen Komponenten. Natürlich schaut da jeder hin, und viele schauen auch, wie die Rahmen befestigt sind.

Die Sättel sind von ein paar Schrauben durchbohrt und am Holz befestigt, und so schwanken die Rahmen, deren Neupreis auf dem Niveau eines gebrauchten Kleinwagens lag, also im zarten Frühlingswind des Voralpenlandes. Sie tun das seit Monaten und seit diesen Monaten unterdrücke ich den Impuls, bei dem Radgeschäft anzurufen und zu fragen, ob man den blauen Rahmen nicht doch haben und restaurieren kann, denn das hier ist eine Form des Überflusses, der mir weh tut. So ein Rahmen gehört auf die Strasse, da müsste man retten, was zu retten ist. Nach meinem privaten Gerechtigkeitsempfinden, das dank meiner Herkunft nicht komplett deutsch, sondern teilweise ritterlich, ja gar fränkisch-raubritterlich ist, wäre es vielleicht ethisch vertretbar Als guter, pedantischer Deutscher käme ich natürlich nie auf die Idee, mir etwas anzueignen, und ich sehe auch bei anderen, dass sie mit der Hand überprüfen, ob der Rahmen vielleicht entfernbar wäre. Aber jeder lässt ihn hängen.

Obwohl es technisch gesehen vermutlich kein Problem wäre, sich zu bereichern. Man könnte in der Nacht, wenn hier wenig los ist, mit der Säge an den Balken gehen. Oder mit dem Schraubenzieher an den Sattel. Oder mit dem Inbus die Sattelstütze vom Rahmen trennen, oder sich mit etwas Schrauberei zumindest der wirklich schönen Gabel bemächtigen. Für den Kenner gibt es hier kein ernsthaftes Hindernis. Und bei Ebay ist die Mutter der Idioten, die auch einen beschädigten, prestigereichen Rahmen kaufen würden, natürlich auch immer schwanger. Noch nicht einmal einen anderen Radler würde man schädigen, keiner müsste deshalb den Heimweg zu Fuss antreten, man könnte sich sagen, man führte den Rahmen nur seiner eigentlichen Bestimmung zu und protestiere gegen die kapitalistische Verschwendung. Wir alle stellen dort unsere Räder ab, wir alle schauen den Rahmen an und denken, wie es wäre, mit ihm über die Berge nach Italien zu fliegen. Und wir alle haben ein Multitool dabei.

Ich besitze, gut verborgen in den Innereien meiner Anwesen, über hundert Räder und gegen mindestens 10 ist der Pavo eine billige Plastikschleuder – letzte Woche habe ich erst ein Siegerrad einer Deutschlandrundfahrt neu aufgebaut. Ich habe das überhaupt nicht nötig, sage ich mir, auch wenn es mich irgendwo schmerzt. Wie alle anderen. Manchmal stehen einige zusammen davor und seufzen. Gelegenheit macht Diebe, sagt ein altes Sprichwort, aber hier sind nun mal eben Deutsche, wie Jerome K. Jerome sie beschrieben haben, und seit Monaten macht sich keiner an den Schrauben zu schaffen. Vielleicht steht irgendwo eine Kamera, und es handelt sich um Sozialexperiment – sollte es so sein, wird dort eher die Linse verfaulen, als dass jemand die Gelegenheit nutzt. Die Versuchung ist da. Das ist nicht zu bestreiten, denn man könnte sich moralisch den Raub schönreden. Aber es tut keiner.

Wie lange würde ein Spitzenmodell eines beliebten Herstellers in Berlin offen zugänglich an seinen Schrauben am Holz hängen?

Lebensqualität ist, sich diese Frage stellen und auf die unschöne Antwort mit einem Schulterzucken reagieren zu können.

Ich bin hier öfters und verunziere mein Rad nur ungern mit einem Schloss. Schon früher hatte ich den Eindruck, dass es möglich ist und keinerlei Gefahr droht. Andere halten es ähnlich, und die Cabrios auf dem Parkplatz werden offen gelassen. Die Rahmen, ohne anwesenden Besitzer und eigentlich überflüssig, schreiben die Sicherheit noch ein weiteres Kapitel fort. Die nötige Disziplin und das Übereinkommen ist da, auch wenn hier täglich Hunderte vorbei kommen. Es liegt sicher auch daran, dass die meisten hier sich so ein Rad leisten könnten, wenn sie wollten. Aber auch daran, dass es noch ein altmodisches Verständnis von dem gibt, was man tut, und was man nicht tut. Eine Art Leitkultur im Sinne gemeinsamer Eigentumswerte, die es sogar zulässt, dass die Rahmen in Wind und Wetter vor sich hin gammeln und das Eigentum über kurz oder lang irreparabel wird. Schlecht für den Rahmen, aber ein Ausweis der Sekundärtugenden der Hiesigen.

Man kann die Unterschiede in diesem früher so disziplinierten Land, das seit Jeromes Klassiker schon lange nicht mehr so unschuldig wahrgenommen wird, auch positiv erfahren. Es ist nicht nur so, dass die Menschen den Eindruck haben, es würde viel passieren. Es ist auch so, dass die Menschen hier an vielen, kleinen Selbstverständlichkeiten erlebten, wie sicher es trotz der regionalen Vielzuvielfälle ist: Weil die Bretterzäune hier so niedrig sind, dass man einfach drüber steigen kann. Weil beim Bäcker ein Schild aufgestellt wird, um darauf hinzuweisen, dass jemand seinen Geldbeutel verloren hat. Weil ein jeder darauf achtet, dass die Steingärten vor den Häusern jetzt erblühen, und es früher keinem als Problem erschien, dass die Polizei ihre einzige Dienststelle am anderen Ufer des Sees hat. Wenn man hier solche Rahmen ungesichert aufhängen kann, kann es insgesamt nicht so schlimm sein.

Schwer liegt das Multittool in meiner Tasche, aber schwerer wiegt das Gewissen, und ich möchte auch in Zukunft auf die Kraft der verbindlichen Sekundärtugenden verweisen können. Sollte der Rahmen doch einmal fehlen: Dann habe ich vermutlich beim Radladen angerufen und ihn rechtmäßig erworben, um nach Italien zu fahren.

13. Apr. 2017
von Don Alphonso
589 Lesermeinungen

124
34636

     

09. Apr. 2017
von Don Alphonso
545 Lesermeinungen

96
30162
     

Mit grossem Krach in die perfekte Ehe

Da diese Art zu „Schießen“ erhebliche Gefahren birgt, und auch schon schwere Unfälle verursacht hat, gerät der Brauch immer mehr in die Kritik, und dadurch in vielen Ortschaften mehr und mehr in Vergessenheit. Außerdem kann es aufgrund der Uhrzeit (meist zwischen vier und fünf Uhr morgens) zu strafrechtlichen Konsequenzen wegen Nachtruhestörung der Nachbarschaft komme.

BAMM! dröhnt es über den ersten Hügel des Mangfallgebirges, und wer jetzt noch nicht wach ist, hört nach ein paar Sekunden wieder ein BAMM! Es ist die Nacht nach dem Anschlag in Stockholm, es ist 5 Uhr morgens, als die Explosionen die Scheiben klirren lassen und alle Leute an die Fenster treiben, Dort drüben, am Bauernhof, flammt er kurz orange auf, das nächste BAMM! kracht entlang der Bergrücken und rollt hinüber bis Ostin. Es ist viel zu laut für ein normales Gewehr, eine Horde von Discobesuchern wäre in diesem Moment sicher schlagartig wieder nüchtern; und würde Deckung suchen. Aber der aus dem Schlaf gerissene Bergrandbewohner hat inzwischen schon verstanden, dass hier kein Anschlag und kein Massaker in der ansonsten totenstillen Alpennacht zu befürchten ist: Zusammen mit allen anderen in 2 Kilometer Umkreis wecken Böllerschützen den Bräutigam auf. Denn es ist 5 Uhr morgens, und der etwas archaische Brauch will es, dass der schönste Tag des Lebens mit der Böllerei beginnt; und mit einem sehr frühen Frühstück mit Alkokohl fortgesetzt wird.

Um 12 ist dann Hochzeit in der Pfarrkirche, und alle kommen in archaisch-festlicher Tracht. Ich gehöre nicht dazu, aber das hier ist halt ein Dorf, und der übliche Lebensweg des Müßiggängers überschneidet sich aufgrund der lokalen Gegebenheiten mit dem Zug des Brautpaares: Man wird vom Böllern geweckt, man sieht die Gesellschaft an der Kirche, und weil grosse Hochzeiten grosse Gastwirtschaften brauchen, sitzt man schon beim Essen mit Bergblick, als die Gesellschaft dort auch einfällt, Geschenke mitbringt und die Musik aufmarschiert. Bei mir daheim hat es sich eingebürgert, Standards wie “Summer of 69” zu spielen, hier ist das alles noch etwas rückschrittlicher und von Blasmusik untermalt.

Das Wetter ist fast perfekt, ein klein wenig diesig, aber sonnig und gerade so warm, dass man gut tanzen kann. Der Vater des Bräutigams ist reich an Kühen und noch reicher an Wiesen, und eine der Wiesen ist eigentlich Baugrund, seit 40 Jahren schon, und könnte parzelliert und verkauft werden: Statt dessen stehen die Kühe drauf, weil der Bauer das Geld gar nicht benötigt. Es geht auch nicht überkandidelt zu, das Auto für das Brautpaar ist normal und kaum geschmückt, auch wenn man hier vermutlich noch ganz anders auftrumpfen könnte. Es gibt hier keinen Platz für Powerpointvorträge über die lustigsten Ereignisse im Leben der Braut, und langsam, ganz langsam ahne ich, dass es an der Zeit wäre, in unseren doch eher unromantischen Zeiten ein ein paar Worte zu finden, die dem Ganzen eine, sagen wir mal, gesellschaftskritische Note verleihen. Und darauf zu verweisen, wie brüchig das Eheglück heute doch ist. Es kann doch nicht sein, dass so eine Bilderbuchhochzeit an einem Ort, an dem sich andere den Urlaub gar nicht mehr leisten können, so sauber und frei von allen Komplikationen verläuft.

Beim Böllerschiessen jedenfalls sind die jungen Männer hier erfahren, getrunken wird erst danach, und man hörte deshalb keinen Sanitäter. Auf dem Kirchhof standen alle friedlich beisammen, Konflikte wegen unterschiedlicher Herkunft sind hier angesichts des vorherrschenden Katholizismus nicht zu erwarten gewesen, und wolkenlos spannte sich der Himmel vom Allgäu bis zum Berchtesgadener Land. Die Küche im Gasthof ist bekannt gut, und wer wirklich einen Haken finden will – und ich weiss, viele wollen das, denn das Glück in Deutschland darf nie komplett und unschuldig sein, und auch nach vielen Milliarden der Wirtschaftshilfe muss man mit der Kanzlerin der Migrantenherzen noch in Sack und Asche gehen, für Verbrechen des Kolonialismus, zu denen kein lebender Mensch und auch kein Vater eines lebenden Menschen und kein zukünftiges Kind etwas kann, so ist das hier, denn “wir” hätten “uns an Afrika” versündigt, ja Sünde, ohne das Erbsündigen und sozialistischen Sichtweisen aus Vorwendezeiten geht es in Deutschland nicht – wer also auch hier einen Haken finden und das Gift des Zweifels in den Kelch der Lebensfreude schütten will, der denkt jetzt: Aber wartet nur, wehe wehe, wenn ich auf das Ende sehe.

Das Ende, so nimmt man nach meiner Erfahrung im Umgang mit schlecht gelaunten Mitmenschen an, kommt nämlich auch hier. Nicht zwingend wegen Fragen der Sauberkeit und des Haushalts, die beständig am Glück nagen und das Wohlbefinden so lange erschüttern, bis sich die Wege trennen. Dafür ist zu viel Geld da, dafür wäre es zu einfach, das Problem mit Dienstboten zu bereinigen. Aber, so vernehme ich immer wieder, der Bruch droht, wenn man wirklich beisammen ist und Probleme stemmen muss, die noch jede Beziehung auf eine harte Probe gestellt haben. Was der Urlaub nicht dahin rafft, so höre ich, würde spätestens der gemeinsame Hausbau schaffen. Über Grundrissen und Küchenaufteilung, Induktionsherden und massgeschreinerten Kachelöfenbänken und die Position des Kruzifixes in der Zirbelholzstube, so nimmt man an, bricht der gleiche Unfrieden über das Paar herein, den andere aus dem gemeinen Stadtvolk vom gemeinschaftlichen Besuch bei Ikea für ein paar Teelichter – wirklich nur Teelichter, Schatz, und keinesfalls mehr! – kennen. Ist das Haus erst einmal fertig, so die übliche Meinung, ist die Ehe und die Liebe vorbei.

(Im Bild: Männertreu. Blumen, die sehr schnell ihre Blüten verlieren)

Und ganz ehrlich, ich habe tatsächlich eine Freundin, der so etwas passierte. Allerdings hat sie mich explizit nicht zu ihrer Hochzeit eingeladen, weil sie damals schon richtig vermutete, ich würde dortselbst Missgunst böllern und Dinge sagen als wie dass sie gar nie nicht zu diesem Hornochsen da passen tut und spätestens beim gemeinsamen Hausbau würde das alles aber sauber in die Brüche gehen und sie daraufhin wieder dekorativ auf meiner Schäsloongsch rumflacken. Brautpaare hören das offensichtlich nicht so gerne, selbst wenn es die Wahrheit ist, zu der ich qua Beruf verpflichtet bin, ein so ein schiacha Hornochs wie der Gatte war. Es stimmt also. Manchmal. Häuser können Ehen ruinieren, und eigentlich könnte man missgünstig dreinschauen, wenn der Bräutigam seine Zunge in den Hals der Braut steckt und denken, dass er ihr später dann an die Gurgel gehen könnte. Oder aber – wir erinnern uns, wir sind im bayerischen Oberland und manches ist hier anders – warum eigentlich der Hausbau nicht vor der Hochzeit betrieben wird. Quasi als Generalprobe, ob es wirklich passt.

Denn früher war das so: Wer auf dem Land eine Hochzeitserlaubnis haben wollte, musste eine Immobilie vorzeigen können. Wer kein Haus hatte, egal wie klein, bekam einfach keine Erlaubnis. Heutzutage gilt uns das als Form der brutalen Unterdrückung durch die Obrigkeit: Warum besitzen, wenn einem die begrünte Neuauflage der SED in Berlin billige Mieten garantiert, und der Berater der Linken das Loblied auf die Enteignung singt. Jeder kann heiraten, wie er will, und dann mieten, wie er möchte, und zwei Wohnungen mieten, wenn es auseinander geht. Mein Gefühl jedoch sagt mir, dass die alte Regel mit dem Wohnraumnachweis vielleicht doch nicht so schlecht war, zumal sie in Italien durch die Ansprüche der Braut an den Mann faktisch immer noch gilt: So eine Hausbeschaffung bedeutet wirklich Stress, Streit und Ärger, und sie verlangt Sparsamkeit, Kompromissbereitschaft und Disziplin. Wer erst an einem Haus bewiesen hat, dass er sein Leben so weit im Griff hat, hat die nötige Erfahrung, um alle kommenden Stürme des Daseins zu bewältigen. Vielleicht also war das gar nicht so böse gemeint, denn auch heute noch müssen Brautpaare zusammen Stämme durchsägen: So ein eigenes Haus bei der Eheschließung ist die grosse Version des kleinen Brauchtums im Pfarrhof – und deutlich mehr als ein Jahr des Zusammenlebens in einer gemieteten Wohnung des Regimes der alten oder neuen DDR mit ihren traditionell hohen Scheidungsraten.

Man ahnt es vielleicht: Wer wollte, konnte das laute Böllern beim Bauernhof gegenüber kommen sehen, denn der Sohn hat weiter unten, schräg links von meiner Terrasse, die letzten zwei Jahre schon sein eigenes Haus zusammen mit der Braut gebaut. Das ist hier halt so, statt festgeschriebener Mieten gibt es hier Einheimischenprogramme mit billigen Grundstücken und günstigen Krediten, und statt der Maledivenreise die geschreinerte Bank für den Kachelofen. Das Ärgste hat das Brautpaar schon lang hinter sich, als die Knallerei das Tal aus dem Schlaf reisst, das Nest ist gemacht und die Konflikte, sie ansonsten nunmehr drohen würden, sind überstanden. Es gibt keinen Grund, am wolkenlosen Blau des Himmels und an den ernsten Absichten des Paares zu zweifeln. Es ist alles schon da, wie früher, nur heute ohne Obrigkeit, die ansonsten die Hochzeitserlaubnis nicht erteilt. Das hier ist das Land, in dem wenige Mieter sind und viele Ehen, die wirklich halten.

Für solche Kreise wäre ich dennoch zu zynisch, denn auch ich kenne das Gift des Zweifels und bin unromantisch genug, es ohne jede Hemmung zu unpassenden Momenten einzusetzen. Aber wir haben hier nun mal ein gemachtes Nest, und es ist wirklich hübsch, sowie das passende Paar und eine Doppelgarage, und Katzen und Hund wird es auch geben. Man weckt nicht das ganze Tal auf und weist es auf das Kommende hin, wenn man es nicht wirklich ganz ernst meint. Und vielleicht war es bei meinen Bekannten einfach auch nur der grosse Fehler, dass bei uns die Häuser einfach da sind, oder von den Eltern hingestellt werden, wenn es so weit ist: Dann nimmt man das auch nicht ernster als eine Mietwohnung in der Stalinallee, und sorgte eine Weile dafür, dass auch bei uns sie Scheidungsrate in die Höhe ging. Die Millenials bei uns revoltieren gerade gegen diese Einstellung. Vor 20 Jahren jedenfalls war bei uns das Wecken mit Böllerschüssen tatsächlich etwas unüblich. Heute knallt es hier wieder jedes Wochenende.

Meine Altersgenossen haben sich, so scheint es, für diese jungen Leute ganz umsonst durch Scheidungen und individuelle Selbstverwirklichungsexzesse mit Konsens-Sex, Soda und Yoga gequält.

09. Apr. 2017
von Don Alphonso
545 Lesermeinungen

96
30162

     

05. Apr. 2017
von Don Alphonso
687 Lesermeinungen

150
25272
     

Der Klimawandel als verbindliches Höllenfeuer der Moderne

Der Weise äußert sich vorsichtig, der Narr mit Bestimmtheit über das kommende Wetter.
Wilhelm Busch

Wissen ist tödlich, zumindest, wenn es das falsche Wissen ist. Ich beispielsweise hatte durch einen Zufall Seminare in Paläoethnobotanik. Das sind die Leute, die mit einem Bohrer in Sumpfgebiete gehen, die fernab der Zivilisation zu finden sind, und lange ungestört blieben. Dort versenken sie dann einen langen Bohrer im weichen Grund, und nehmen eine lange, weit hinunter reichende Sumpfprobe. Jedes Jahr werden in so einen Sumpf Pollen eingetragen, die sich dort unter Luftabschluss erhalten und nach unten sinken. Je tiefer die Probe, desto älter die Pollen. Auf diese Art sind Wissenschaftler in der Lage, relativ gut zu erkennen, welche Pollen wann eingetragen wurden, was Rückschlüsse auf die Pflanzenwelt der Vorgeschichte zulässt.

Bisher ist das alles noch harmlos, man bohrt dabei im Sumpf, man wäscht Sumpfmaterial aus, man schaut ins Mikroskop und vergleicht Pollen. Dann wartet man auf die C14-Datierung der jeweiligen Schicht. Paläoethnobotaniker können einem viel über das Auftauchen und Verschwinden von Weiden erzählen, auf die Gräserpollen schliessen lassen, oder über Ackerbau und Baumsorten. Wird beispielsweise der Wald abgeholzt, wie etwa in den Alpen zur Gewinnung von Metallen, Salz und Glas, schlägt sich das im Ausbleiben von Baumpollen auch in den Sümpfen nieder. Machen die Pest oder der Schwede die Menschen nieder, ergreift die Natur wieder Besitz vom besiedelten Raum, und Getreidepollen verschwinden. Auch diese Erkenntnis ist – außer für die früheren Menschen – nicht tödlich.

Tödlich wird es für unsereins erst, wenn man in der Konzertpause zwischen Rameau und Haydn plaudert und ganz beiläufig erwähnt, dass der gelbe Weinstock schon Triebe entwickelt, aber der blaue Weinstock bislang wenig Anstalten macht, sich mit Knospen zu zeigen. Normal ist es anders herum, und man gibt in solchen Momenten leichtfertig der Sorge Ausdruck, der blaue Weinstock könnte im strengen Winter Schaden genommen haben, und durch den Frost zugrunde…. DASKANNGARNICHTSEIN, wird man deutlich verwarnt, und dann kommen von Leuten, die in Biologie, Physik und Chemie nachweislich noch schlechter als ich waren, hochgenaue Auflistungen, dass auch dieser Winter viel zu warm war. Früher redete man über das Wetter, um zu plaudern, heute ist es lebensgefährlich. Speziell, wenn man sich düster an 6000 Jahre alte Pollenproben erinnert, und daran, wie bunt und warm und angenehm es damals in der Jungsteinzeit gewesen sein muss – die Wissenschaft geht davon aus, dass die frühen Bauern aufgrund des vorteilhaften Klimas und der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln deutlich mehr Zeit als wir gehabt hätten, um Rameau anzuhören oder sich Sorgen um das Klima zu machen, und daher andere sozial zu töten – vermutlich aber hatten sie einfach Sex, und das sogar ohne Tinder, meint die lebensgefährliche Wissenschaft.

Denn während sich da eine Kaskade der Allgemeinbildung über einen ergießt, angereichert mit dem, was in den letzten Tagen angesichts von Temperaturrekorden im späten März zu hören war, formen sich im Kopf gewisse Erinnerungen an das Studium. Das Klima spielt in der menschlichen Geschichte eine wichtige Rolle, Kälte ist in unseren Breiten eher selten willkommen und mag, verbunden mit Missernten, die sogenannten Völkerwanderungen ausgelöst haben. Schlechte Ernten in Ägypten führten zu Unruhen im antiken Rom, und um das Jahr 1300 herum begann eine kleine Eiszeit, die das rapide Wachstum Europas zusammen mit anderen Faktoren dauerhaft beeinträchtigte. Mode jener Tage ist nicht so stoffreich, weil die Menschen die Prunkentfaltung liebten, sondern wegen der Kälte, die damals den Planeten heimsuchte. Mir ist auf die Schnelle kein alter Chronist des Jahres 1320 bekannt, der das Wetter seiner Jugend von 1270 verdammte und schrieb: Hurra, endlich kühl! Man darf auch Eiszeiten natürlich nicht verteufeln, der Mensch war klug genug, sich anzupassen, aber in einer Zeit, da jede Winterwärme durch Baumfällen und Holzhacken errungen werden musste, und die Hühner monatelang wegen der Kälte keiner Eier legten, möchte man heute nur bedingt leben.

Es ist die Phase, in der sich Weinbau in vielen Regionen nicht mehr lohnte, und nur Flurnamen wie Weinberg blieben. Es ist die Zeit des Aufstiegs von Bier als flüssigem Nahrungsmittel, und die Glastechnik machte Fortschritte, denn man nahm von der Sonnenenergie, was man kriegen konnte, und war mit simplen Holzläden vor den Fenstern nicht mehr zufrieden. Das fellreiche Russland wurde zum begehrten Handelspartner, und es entwickelte sich ein wahrer Kult um die Heizung mit üppigen und reich verzierten Kaminen. Es war kalt, deutlich kälter als heute, und die Menschen passten sich an. Nach dem Ende der letzten Eiszeit, als die grossen Jagdtiere ausstarben, passten sie sich auch schon an und jagten kleine Tiere, die mit kleinen Steinwerkzeugen, sogenannten Microlithen zerteilt werden konnten. Der Homo sapiens sapiens hat, zusammen mit seinem Cousin, dem Neandertaler, eine durchaus erfolgreiche Geschichte der klimatischen Anpassung hinter sich. Und außerdem ist Bisamrattenessen lustiger, als vom Mammut niedergetrampelt werden – so hat jede Epoche und jedes Klima eben seine Vor- und Nachteile. Wäre aber die letzte grosse Eiszeit langsam bruchlos bis zu uns Jetztmenschen ausgeklungen, hätte es hier kaum Ackerbau gegeben, und vermutlich würden wir uns auch nicht im Foyer des Theaters über Klimaschwankungen unterhalten.

Bisher war die Unterhaltung eher einseitig, denn man wurde belehrt, dass es a) viel zu warm war und b) der blaue Weinstock jetzt noch gar nicht treiben darf und c) wir uns schleunigst ändern müssen, sonst wird das furchtbar. Tödlich wird es, wenn man an dieser Stelle nun mit Wissen kommt und Dinge sagt, die durchaus wahr sind: Etwa, dass die Alpen, historisch betrachtet, während langer Phasen überhaupt keine Gletscher aufwiesen, weil es viel zu warm war, und die üppige Fauna und Flora in diesen Zeiten nicht eben Nachweise von Klimatod waren. Auch die Erwähnung von erstaunlichen Funden in Feuchtbodensiedlungen, die auf ein fast mediterranes Klima auch nördlich der Alpen in der Jungsteinzeit schliessen lassen, kommt nicht eben gut an. Man sagt das halt so, wie man anderen, die mit schrecklichen Ängsten ankommen, wohlgesonnen sein will: Nein, Tante Friede, der Leberfleck muss kein Hautkrebs sein, nein, Onkel Theo, das ist nicht der Motor, der seinen Geist aufgibt, sondern nur ein Loch im Auspuff. Man möchte Hoffnung spenden und einfach nur darauf hinweisen, dass wir nicht diesen Sommer alle sterben werden, sondern gerade am Übergang zu einer menschlich gemachten, langfristig nicht unproblematischen, aber bislang weitgehend im Rahmen historischer Werte liegenden Wärmephase sind. Und dass Grund zur Hoffnung besteht.

Da ist es aber schon zu spät, das Urteil ist schon gesprochen, denn bei der Erwärmung zerfällt die Menschheit in zwei Klassen: Die einen, die die Wahrheit erkannt haben und nicht müde werden zu betonen, was sie alles tun, vom kfw55-Haus bis zur Tesla-Aktie, und die anderen wie mich, der ich zwar laufend Räder von Schrott rette, aber nicht ganz überzeugt bin, dass auf die westlichen Ursünden der Industrialisierung zwangsweise das Flammenschwert der Auslöschung folgen muss. Es zeigt sich in der menschlichen Geschichte immer wieder, dass Menschen unschöne Dinge ohne jede göttlich-gerechte Strafe tun – das macht mich skeptisch, wenn wissenschaftliche Prognosen zu ähnlich dem Inferno sind, das früher von Kanzeln gepredigt wurde. Ich glaube an den Klimawandel und finde Beschneiungsanlagen in den Alpen auch grundfalsch. Ich glaube aber, positiv gesagt, auch an die Anpassungsfähigkeit des Menschen. Ausserdem muss man auch mal aufrechnen: Natürlich sterben in heissen Sommern alte Menschen schneller. Dafür sterben sie in warmen Wintern seltener an Knochenbrüchen auf Eis. Auf jede historische Weltenkatastrophe kommen viele Generationen, die fit genug waren, sich den Neuerungen zu stellen. Individuell ist natürliche Auslese nicht immer schön, aber so als Menschheit sind wir statistisch trotz teils drastischer Klimaschwankungen so weit gekommen, dass das Wetter lange Zeit nur noch ein Smalltalk-Thema war. Jetzt ist es anders, und man wird sehen, was die eingeleiteten Massnahmen bringen. Bei manchen Reaktionen wie Dämmung von Gebäuden habe ich Zweifel in Sachen Sinnhaftigkeit, mitunter meine ich auch, Lobbyisten am Werk zu sehen.

Ich bin also kein Klimaskeptiker, was man momentan in der öffentlichen Debatte nur sein darf, wenn man sich ohnehin schon als Erbschaftssteuergegner geoutet hat- dann ist es egal. Ich bin Klimakatastrophenvorhersageskeptiker. Das ist eigentlich nichts Besonderes, Vorhersagen sind immer mit Unsicherheiten belastet, und zur Verfeinerung von Modellen und wissenschaftlicher Erkenntnis gehört nun mal der gesunde Zweifel und das kollegiale Hinterfragen ohne Denkverbote. Ich erkenne sehr wohl Unterschiede zwischen der gelassenen Einstellung eines pollenzählenden Paläoethnobotanikers und der Art, mit der in der politsch-moralischen Nichtdebatte verkürzt Ergebnisse aus Modellen über die Entwicklung der Zukunft als endgültige Wahrheit mitsamt Handlungsanweisungen verkauft werden. Ich bin da ein gebranntes Kind: Die Lehrergeneration vor den heutigen Lehrern bläute uns ein, dass höchstens alle 100.000 Jahre ein Atomkraftwerk in die Luft fliegen wird. Möglicherweise braucht der Mensch auch Horrorszenarien, und man muss wirklich die Hölle predigen, damit er im Diesseits aktiv wird. Nur habe ich es als Radsammler momentan vor allem mit alten, grundsoliden Stahlrädern zu tun, die ausrangiert werden, um energetisch sehr aufwändige Alufahrräder mit Elektroantrieb, Akkus und vielen nicht kompatiblen Kunststoffteilen Platz zu machen. Ich bin nicht Klimaskeptiker, es ist offensichtlich, dass sich das Klima ändert. Ich bin Klimakatastrophenvorhersageskeptiker. Und ganz besonders Klimakatastrophenvorhersagesorgenmacherskeptiker, denn der Mensch passt sich historisch gesehen immer nur so weit an, dass er sich anderen Menschen überlegen fühlen kann.

Das ist übrigens nun wirklich mal eine Konstante der Geschichte, die es erlaubt, Vorhersagen auch über die Zukunft dieser Spezies und des Planeten zu machen – aber leider auch lebensgefährlich, wenn man es den Falschen bei Themen erklären möchte, die das gute, alte Höllensündenfeuer wieder entfachen.

05. Apr. 2017
von Don Alphonso
687 Lesermeinungen

150
25272

     

31. Mrz. 2017
von Don Alphonso
547 Lesermeinungen

152
35485
     

Die Tutti Frutti des Brexits

She’s dressed in yellow, she says „Hello,
Come sit next to me you fine fellow.“
Young MC – Bust A Move

Tutti Frutti – Soft and Chewy steht auf der Süssigkeitenwerbung, die das knallgelbe T-Shirt der Frau vor dem Lebensmittelgeschäft ziert, und sie lächelt lustvoll dem Betrachter entgegen. Sie sieht nicht eben wie Angela Merkel aus, und entspricht auch nicht dem Frauenideal ihres Menschrechtspartners Erdogan: Sie ist jung, emanzipiert und ein türkischer Popstar, dessen Werbung vor dem Geschäft zu sehen ist. Versprochen wird nach ihrem Konzert in München auch eine “After Show Party”, die vermutlich ein leicht anderes Bild muslimischer Frauen liefern dürfte, als es sich die moderne deutsche Feministin vom Schlage einer Manuela-Gina-Lisa Schwesig mit Verschleierungsverständnis vorstellen will. Irgendwas mit Sex und Flirten und ausgelassener Lebensfreude. Kurz, ich befinde mich vor dem multiideologischen west-östlichen Lebensmittelgeschäft, dessen Besitzer als Kommunist aus der Türkei floh, nun überzeugter Anhänger der CSU ist, und darin keinen Widerspruch sieht. Da hängen solche Plakate auch mal neben Reiseangeboten nach Mekka.

Ich besorge, was zu besorgen ist, und an der Kasse sind zwei Männer aus Schwarzafrika vor mir. Sie reden erregt auf Englisch auf die Dame an der Kasse ein, die nur türkisch und deutsch spricht, und nach einigen weiteren Fehlversuchen, die ich für arabisch halte, wenden sich beide Parteien an mich und fragen, ob ich vielleicht dolmetschen kann. Es geht nicht um Merkel oder Erdogan, was man bei der Aufregung vielleicht hätte vermuten können, sondern um etwas bedeutend Wichtigeres: Bohnen. Bohnen orientalischer Art, die ganz anders als unsere grünen Bohnen sind, denn diese Alternative mögen die Herren aus Schwarzafrika nicht. Nach ihrem Geschmack gehören zum Huhn orientalische Bohnen, und von denen haben sie schon alle erworben, hätten aber gern noch mehr. Es geht also darum, ob es noch in der Nähe ein anderes türkisches Geschäft gibt, das solche Bohnen führt. Aufgrund der Gentrifizierung – die Söhne und Töchter der ersten Generation der Lebensmittelhändler betreiben längst Edeka-Märkte, die kaum mehr Kolonialwaren orientalische Waren führen – ist das hier einer der wenigen Läden, die geblieben sind.

Das ist nicht gut, denn zum Huhn gehören nun mal Bohnen, und so fragen sie mich, wann sie denn mit der nächsten Lieferung rechnen dürfen: Dienstag lautet die Antwort, leider nicht eher, aber Dienstag ganz bestimmt und gern auch mehr als üblich. Alle Augen leuchten wieder, alle sind zufrieden, und als wir nach draußen gehen, fragen mich die beiden Herren noch, ob hier denn wirklich keiner englisch spräche. Ich erkläre ihnen, dass die Lingua Franca hier in Deutschland auch für Zuwanderer aus aller Welt nun mal Deutsch sei, und viele des Englischen nicht mächtig wären – insofern, füge ich erzieherisch hinzu, wäre Deutsch schon gut, wenn man hier dauerhaft durchkommen wollte. Nononono, sagt einer, das sei nicht beabsichtigt, Deutsch hätten sie versucht und das sie viel zu schwer und außerdem würden sie auch nicht bleiben wollen, sondern lieber nach England.

Offensichtlich wurde in ihrem Heim das Memo nicht verteilt, dass in der Öffentlichkeit positive Aussagen über die Insel nach dem Brexit zu unterbleiben haben, wenn man weiterhin als guter Europäer gelten will. Eigentlich sollte der Deutsche auch wieder Fähnchen schwenkend auf Plätzen aufmarschieren, das Heil im Anschluss anderer Länder sehen, und sich im Internet beteiligen, wenn es darum geht, mit Hashtags andersdenkende Volksgenossen auf europäische Linie zu bringen: Man macht sich momentan wenig Freunde, wenn man an Europa herumkrittelt, oder sogar beim Brexit mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker kommt, obwohl es in der offenen Gesellschaft gar kein Volk mehr gibt, sondern nur noch Leute, die unterschiedlich lang hier sind. Jedenfalls, die beiden Herren sind nicht aus Neigung hier im schönen Bayernland, sondern aufgrund der aktuellen Reiseprobleme auf die Insel, die sie klar bevorzugen. Ich schwöre, ich habe an dieser Stelle auch das gesagt, was man sagen muss, um ein guter Europäer zu sein: Dass sie Insel nach dem Brexit abzustürzen droht und man nicht weiss, was dann aus diesem Land wird.

Dabei habe ich aber ein paar Punkte übersehen, die mir nun erklärt wurden: England habe nun mal ein britisches System, und das sei besser. Man würde dort Englisch sprechen und hätte daher keine Probleme. In England gibt es eine angesehene nigerianische Gemeinschaft, an die sie Anschluss suchen würden. Ausserdem seien die Winter milder als hier in Deutschland. England sei großartig. Vermutlich muss man in England auch nicht bis Dienstag auf die richtigen Bohnen warten und Angst haben, dass die Gentrifizierungswelle früher oder später auch den letzten orientalischen Laden in einer bayerischen Kleinstadt platt macht. So ist das, wenn man in der besten aller möglichen Welten, im Zentrum des wirtschaftlichen Aufschwungs, in der führenden Boomregion mit Vollbeschäftigung steht und versucht, deren Vorteile zu erklären: Zwei Nigerianer erklären einem, dass man von Commonwealth und seinen Vorzügen keine Ahnung hat.


Das hat mir sehr zu denken gegeben. Ich mein, ich tue das wirklich nicht oft. Ich gehe über die Argumente deutscher Minister gnadenlos hinweg wie über Ex-Stasileute von Holm bis Kahane, und Denken ist nicht so wirklich meine Sache, das strengt nur, an und die ganze Klugheit ist im Gegensatz zu einem Hektar Acker eh weg, wenn man stirbt. Aber eigentlich wollte ich mein Soll an Britenkritik dadurch erfüllen, dass ich der Leserschaft Ratschläge beim Erwerb hoffentlich bald günstiger Silberkannen erteile. Ich hatte schon gute Ideen, mit welchen alten Skandalen ich die Unterschiede der vielen Georges erkläre, die die Briten haben. Ich wollte erzählen, welche Lügen ich mir ausgedacht habe, um die Inschriften auf meinen Kannen von Erstbesitzern, mit denen ich nie etwas zu tun hatte, in die gloriose Geschichte meines Clans zu integrieren. Wie man das halt so macht in unserem alten Europa, denn es gibt sogar ihre Freunde bespitzelnde Stasis, denen nach der Wende die jüdische Identität wieder eingefallen ist, und damit beliebt bei echten Ministern sind. Jedenfalls, ich wollte auch meine ironischen Noten zu den neuen deutschen Ressentiments gegen Engelland beitragen, aber ich habe es mir anders überlegt.

Vielleicht liegen wir nämlich falsch und sind in unserer eigenen Sichtweise des aufsteigenden Landes gefangen. In unserer Sicht ist das Vereinigte Königreich eine frühere Weltmacht, die immer weniger mit unserem Aufstieg mithalten konnte. Ein zweimaliger Sieger der Weltkriege, der nach 1945 verhängnisvolle Fehlentscheidungen getroffen hat, von Strukturkrisen gebeutelt wurde und es nicht verstanden hat, eine neue Rolle zu finden, die zu den neuen, globalen Verhältnissen passte. In der Epoche, in der es für Deutschland nur nach oben ging, ging ein koloniales Weltreich verloren. Gemessen an den Erfolgen der deutschen Wirtschaft schaut es dort wirklich düster aus. Diese deutsche Arroganz muss man sich erstmal leisten können, und mit der dominierenden Rolle in der EU kann sich Deutschland das auch leisten, solange nicht Le Pen, Beppe Grillo oder die Visegradstaaten in Machtpositionen kommen. Unsereins ergötzt sich an Nachrichten, der Brexit könnte jeden Briten 5000 Pfund pro Jahr kosten.

Vielleicht gibt es global aber auch noch eine andere Sichtweise. Vielleicht komt man global mit dem sanften britischen System des “indierct rule” viel besser zurecht als mit der Statthalterschaft, die die Deutschen in Griechenland und Zypern während der Finanzkrise praktiziert haben. Möglicherweise ist es für Inder, Pakistanis und viele andere aufsteigende Nationen wirklich leichter, sich mit den Briten allein zu verständigen, als mit diesem seltsamen Gebilde EU und seiner Bürokratie, das bei weitem nicht so dauerhaft und stabil wie die britische Demokratie – bei all ihren Fehlern – ist. Wir tun so, als sei es das Schlimmste der Welt, wenn wir Verbindungen reduzieren. Möglicherweise finden sich andere, die gern bereit sind, die von uns aufgegebenen Positionen einzunehmen. Vielleicht wollen sie sogar in der Nähe der EU sein, ohne dafür in der EU selbst sein zu müssen. Und vielleicht können sie auch besser mit dem britischen Nationalgefühl umgehen, als mit den von einer Europafahne nur mühsam überdeckten Nationalinteressen vieler Länder, von denen manche interessant sind, und andere möglicherweise schon bald wieder freiwillig an der Seite Putins.

Und gemessen an den Zuständen in dieser Welt jenseits von Deutschland ist die Insel immer noch ein vergleichsweise guter Ort, um zu leben, und gesegnet mit einer Sprache, die jeder leicht lernen kann. Deutschland hat den FC Bayern, Mercedes und des Ruf der Perfektionisten, aber damit kommt man in der restlichen Welt nicht sonderlich weit. Die Briten dagegen waren die dominierende Nation, und ihre Kolonien haben viel von ihnen gelernt und übernommen. Es muss einen Grund geben, warum sich zwei Nigerianer von mir mit dem festen Vorsatz verabschieden, früher oder später in einem Land anzukommen, das man nach übereinstimmenden Meinungen vieler Leitartikler nur verlassen kann. Wir sehen bei den Türken immer nur Kopftücher und Erdogan und die Tradition von Scharia und Islam, und nie sexy Frauen mit knallgelben T-Shirts und sexuell mehrdeutigen Sprüchen. Vielleicht machen wir bei den Briten den gleichen Fehler, und betrachten immer nur die abgewirtschaftete Insel, die in den letzten Jahrzehnten mit uns nicht mithalten konnte, statt als das Zentrum einer alten Weltkultur, die bis heute prägend wirkt, und das nicht im Mindesten in einer schlechten Art und Weise.

Also, was ich noch sagen will: Kaufen Sie mit ihren Euro noch schnell Silberkannen, denn was man hat, das hat man, und man kann es auch wieder reexportieren, wenn die Gefahren innerhalb der EU dazu geführt haben, dass der Euro global nur noch als “Brüsseler Peso” bekannt ist.

31. Mrz. 2017
von Don Alphonso
547 Lesermeinungen

152
35485

     

27. Mrz. 2017
von Don Alphonso
421 Lesermeinungen

113
24102
     

Nordkoreanische Propaganda und Schaumstoffsozialismus für Deutschland

Lasst die Früchte herabfallen und ihr süßes Aroma die Luft über dem Meer der Apfelbäume erfüllen, am Fuße des Chol Pass
Kim Jong-il

In jeder Stadt gibt es gute und weniger gute Viertel. In den guten Vierteln wohnt man, in den weniger guten Vierteln wohnt man nicht, auch wenn gewisse andere Leute das tun. Und dann gibt es noch Viertel, die es zwar gibt, aber die man nur von der Durchreise her kennt. So ein Viertel ist im Süden meiner kleinen, dummen Heimatstadt an der Donau, und es erstreckt sich entlang der Ausfallstrasse zur Autobahn eintönig und hoch bebaut dahin. Auf der linken Seite war früher im kalten Krieg das Gelände für die Pioniere, auf der rechten Seite standen dicht an dicht Sozialblocks, oft bewohnt von den Angehörigen der hier stationierten Soldaten.
Es ist ziemlich genau das falsche Ende von der Stadt, nah am Verkehr und an der petrochemischen Industrie, fern des Seeviertels, wo man hier wohnt. Wie gesagt, ich kenne das alles nur von aussen, ich bin weder in die Strassen dahinter noch in die Blocks eingedrungen. Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurden die Blocks grundlegend saniert und frisch gestrichen, die Militäranlagen wurden aufgelöst, und auf den Freiflächen entstehen gerade teure, kleine, kubische 1-Zimmer-Wohnungen in Reihenschachtelblocks. Dazwischen ist aber immer noch die vierspurige Aufmarschstrasse hinüber zur Autobahn. Rechts sieht es aus wie das Pjöngjang des Kim Il-sung, links dagegen wie das neuere Pjöngjang des Kim Jong-Il. Es gibt sogar einen Gebrauchtwagenhandel mit einem Trabi als Wahrzeichen. Und überdimensionierte Hotels, architektonisch ohne jeden Bezug zu den gewachsenen Strukturen der Stadt. Halt wie in Pjöngjang, vielleicht nicht ganz so deutlich wie im Neubaugebiet in Frankfurt zwischen Messegelände und dem Verlagsgebäude der FAZ, aber es ist schon etwas beklemmend.

Ich komme hier eigentlich nur vorbei, wenn ich an den Tegernsee fahre. Das ist mein Durchfahrland und so fern meiner Lebensrealität wie Nordkorea, und normalerweise öffne ich an dieser Ampel dort entweder das Verdeck meines Roadsters, oder ich suche eine passende Musik für die Fahrt in den Süden heraus. Etwas, das keiner, der hier lebt, versteht oder hören will, aber ich beschalle sie trotzdem. Mit einer Messe von Biber etwa oder mit einer Kastratenarie von Paisiello, die feiner komponiert als das Lamento der Grünen nach den Wahlen im Saarland ist. Franco Fagioli klingt auch besser als Anton Hofreiter. Ich rausche so durch, wie ich durch alles andere Unschöne dank meiner Abstammung ebenfalls durchrauschen kann. Und so wäre ich auch diesmal durchgefahren – wäre an einer Werbetafel nicht die Wandzeitung der Regierung zu lesen gewesen, mit einem maoistisch bunten Propagandabild, das in dieser Umgebung nicht ganz passend ist.

Ernsthaft, niemand, der hier wohnt, lebt so. Das ist tatsächlich wie in Pjöngjang, wo man den Arbeitern und Bauern schöne Propagandabilder einer reichen Zivilisation zeigt, während die Menschen dort in ihren Wabenbauten hausen und für die Hoffnung auf das Dargestellte, aber Unerreichbare schuften. Menschen, die hier wohnen, andere Menschen, die gegenüber in einen unförmigen Hotel an einer Kreuzung sind, und dort sicher nicht verweilen, weil sie dort sein wollen, sondern weil die Planung von Amt und Firma sie dort einquartiert hat, schauen also auf eine ältere Dame mit dem, was manche für Insignien des Wohlstandes halten. Chanelkostüm. Weisse Schuhe mit hohen Absätzen. Die niemand bei uns auf altem Fischgrätparkett wie auf dem Bild trägt, weil das Parkett in aller Regel geschont wird. Ein Beistelltisch des Klassiszismus.

Man merkt langsam, hier rutscht die Propaganda ab ins Parvenühafte, denn die Dame ruht auf einem nicht dazu passenden, weil weiss lackierten und falsch bezogenen Sessel. Mit goldenem Zierrat. Der Sessel ist kein Original, sondern eine plumpe Nachahmung echter Empiresessel, und passt nicht zum Tisch. Das Teeservice: Schreiend bunt und plump. Dahinter ist eine einfarbig blaue Wand ohne abgetrennte Sockelzone, die eigentlich Kennzeichen eines gehobenen Lebensstils in alten Mauern wäre. Ich gebe zu, in der Küche habe ich das auch nicht, und dort hängen bei mir manche Bilder wirklich weit hinunter. Aber in repräsentativen Räumen hängt man die Bilder näher zusammen, man würde mehr auf die Rahmung achten, und die Bilder im Sinne der Petersburger Hängung so anordnen, dass man alles gleich gut betrachten kann. Darunter käme dann die Sockelleiste, an der die Stühle. Tische und Kommoden stehen sollten. Vor allem aber sollten die Bilder wenigstens echt sein. Wer sich die Wandpropaganda der Regierung genau anschaut, erkennt die krude Mischung mit röhrendem Hirsch und modernistischem Farbklecks neben dem Kopf der angeblichen Sammlerin.

Wirft man nur einen kurzen Blick auf das Bild, könnte man vielleicht denken, dass Reiche in ihrem natürlichen Habitat wirklich so aussehen. Es gibt tatsächlich ein paar Symbole wie Fischgrätparkett und bunte Wände, die dem Leben der Vermögenden entlehnt sind. Die Staatspropaganda und ihre beauftragten Handlanger haben eine schemenhafte Ahnung von Wohlstand, wie vermutlich auch mittlere Apparatschiks unter der Kimdynastie wissen, dass gutes Leben besser als die triste Realität aussehen sollte. Sie sind aber nicht in der Lage, das abzubilden, worum es ihnen eigentlich geht. Reiche Kunstsammler würden nicht die Fehler machen, die in diesem Bild zu sehen sind. Aber offensichtlich denkt sich die staatliche Propaganda, dass diese – nennen wir es deutlich, Lügenwandpresse – für das Zielpublikum in der weniger begüterten Schicht schon genügen wird, weil dort ähnlich krude und ungeschliffene Vorstellungen von Reichtum heimisch sind.

Und wie in Pjöngjang hat das Regime auch hier eine Botschaft mit einem Angebot und einem Versprechen, ohne auf die Nebenwirklungen hinzuweisen. Beworben wird, wenn man es genau betrachtet, das teure Verpacken von Häusern in Styropor zugunsten der Bauwirtschaft und Dämmindustrie. Versprochen wird eine staatliche Hilfe von “bis zu 30%” der Kosten. Man muss sich das wie das Wirtschaftswachstum von bis zu 30% in Korea vorstellen: Denkbar ist tatsächlich vieles, die Realität kann allerdings auch darunter bleiben, wie jeder schnell bemerkt, der sich tatsächlich mit den Zuschüssen aus begrenzten staatlichen Fördertöpfen beschäftigt. Versprochen wird dafür Reichtum, der es erlaubt, auf Fischgrätparkett Bilder anzuschauen, die Arme in ihren Wohnungen mit Flatscreen und Wandtattoo mangels Bildung tatsächlich nicht als von der Agentur auf Berliner Trödelmärkten zusammengekauften und ministeriellen Bildungsfernen teuer berechneten Kitsch erkennen. Es wird Reichtum versprochen, der durch Sparen entsteht, wenn man erst einmal eine teure Dämmung anbringt und danach Heizkosten einspart. Gerade so, als seien die paar lumpigen Euro für die Heizung bei unsereins etwas, dem man Relevanz beimessen würde.

Bei anderen ist das natürlich anders, weshalb heute Wärmedämmung ein Grund für die so beliebte Schiessscharten-Architektur in Dominowohnsilos ist. Es gibt tatsächlich Menschen, für die die jährliche Heizkostenabrechnung ein Schock und eine teilweise bedrohliche Geldforderung ist, speziell, wenn sie als Mieter leben. Das Ministerium – vermutlich noch unter der Ägide von Kigmar il-Gabr Sigmar Gabriel – verschweigt natürlich wie jede gute Propaganda, dass der Wohnraum mit altem Fischgrätparkett begrenzt ist, und heute schon von denen bewohnt wird, für die Sparen an den Heizkosten eher nur peripher von Bedeutung ist. Selbst wenn man Geld spart, heisst das noch lange nicht, dass man deshalb je in den Genuss eines solchen Fussbodens käme. Altbauten in guter Lage sind wie eine angemessene Bildung – entweder man hat man, oder man bekommt sie von den Vorfahren mit. Oder man wartet auf die Weltrevolution, nach der jedem alles gehört und für alle ein goldenes Zeitalter anbricht. Solange das aber nicht geschieht, muss man befürchten, dass an die Spitze der Regierung gespülte Personen weiterhin die schlechten Viertel mit falschen Bildern vom guten Leben plakatieren, um damit echten und ideologischen Schaumstoff zu verkaufen.

Wie gesagt, ich fahre da nur durch, und unsereins hinter den dicken Mauern der Spätrenaissance betrifft das alles nicht – wir dürfen die originalen Denkmalschutzfassaden gar nicht verschandeln. Ausserdem hat unsereins auch ein langes Gedächtnis und erinnert sich an Barbara Hendricks, die das Bauwesen in der Hauptstadt der DDR leitet und ganz offen sagt, dass sie dem jungen Werktätigen kein Parkett, sondern nur 30m² gönnen möchte. Ich komme zwar von der anderen Seite, aber die Vorstellung, dass jungen Menschen qua Regimedoktrin der Lebensraum zugewiesen und eine andere Lebensvorstellung gar nicht mehr staatlicherseits in Erwägung gezogen wird, behagt mir auch. Grosse Anwesen für wenige, das lernt man bei der Besichtigung von Schlössern, lassen sich eben nur bewerkstelligen, wenn auf der anderen Seite viele in kleinen Anwesen hausen müssen. Und die Darstellung meiner Klasse als etwas arrogante, abweisende alte Schachtel auf gefälschtem Empiresessel vor Kitsch und Plunder ist zwar beleidigend – aber auf der anderen Seite auch gelungene Abgrenzung von unten: Ihr könnt sparen und Styropor kaufen, sagt die Regierungslügenwandzeitung, aber so wollt ihr auch nicht werden, bleibt lieber unter euch in eurem netten, heimeligen,gedämmten 30m²-Pjöngjang, und spart bitte Ressourcen.

Ja, genau. Also, vor so einer Wandzeitung in unserem kleinen Pjöngjang an der Donau stehe ich, wenn ich das Verdeck aufmache, und Richtúng Tegernsee abbiege. Der Verbrauchsanzeiger hinter den 6 Zylindern erzählt etwas von 16 Litern, aber ich höre eine dramatische Händelarie und nach mir kommt der stockende Berufsverkehr mit vielen kleinen, während der Abwrackprämienepoche planwirtschaftlich gekauften Blechbüchsen, und die Fahrer können sich dann das triste Grau der Wohnblocks anschauen, oder eben das Plakat mit dem Versprechen, dass es auch ganz anders ginge. Wie es nun mal so ist, in einer Welt, die der Mehrheit den real existierenden Schaumstoffsozialismus bietet, und zum Dank Vertrauen in die weisen Entscheidungen der ewigen Präsidenten erwartet.

27. Mrz. 2017
von Don Alphonso
421 Lesermeinungen

113
24102