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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

25. Sep. 2016
von Don Alphonso
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Keinen müden Cent für den privilegierten Gender-Iwan

Isch glaub, jetzt kennt ganz Barcelona mein‘ Arsch!
Gina-Lisa Lohfink, Ikone des neuen deutschen Feminismus

Wissen Sie, immer, wenn ich Texte schreibe, fühle ich mich benachteiligt. Andere können die Gelegenheit nutzen und sich in felixkrulleresker Manier die schönsten Stammbäume und üppigsten Lebensumstände erfinden, auch wenn sie nur in einem gemieteten Wohnloch jenseits des Mittleren Rings und nicht im Münchner Süden hausen. Ich dagegen zähle qua begüterter Geburt, und zwar nicht nur meiner, sondern der vieler Vorfahren, ohnehin schon zu den besseren Kreisen in der besten Region eines der reichsten Länder dieser besten aller möglichen Welten: Wenn ich Sie über meine Lebensumstände belügen würde, hätte ich überhaupt nichts davon, weil ich ja schon oben bin, wohin sich andere prahlen. Aber andere, die könnten Ihnen was berichten! Nicht nur von den Häppchen, mit denen sie abgespeist werden, wenn sie zu einer Buchvorstellung gehen, sondern wirklich das Blaue vom Himmel lügen.

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25 Jahre nach der Eroberung der BRD durch die DDR scheint das aber nicht mehr modern zu sein, und statt dessen geben junge Kader von den Roten Klöstern ungeniert zu, dass die kapitalistische Situation ihrer sozialistischen Medien ihr Leben klein, mies und hässlich macht. So abscheulich, dass sie an ihren Resopaltischen über dem Güterbahnhof Texte verfassen, die höhere Erbschaftssteuern fordern. Wer ein schnelles Auto oder eine Villa – zum Glück keinen Stadtpalast der Spätrenaissance, in dem ich das hier schreibe – will, sollte doch selbst arbeiten. Aber 99% vom Erbe, so fordert es die Prantlhausener Zeitung und wundert sich dann über sinkende Verkäufe in Prantlreichtumshausen – sollte an die Gesellschaft zurück gehen. Ganz ehrlich: Kein Mensch, der ein halbwegs angenehmes Dasein in Familientradition führen kann, würde so etwas Unterschichtiges schreiben.

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Denn Unsereins ist zäh und wird meist sehr alt, und weil das so ist, tritt der Erbfall erst im fortgeschrittenen Alter ein – was wir unseren Eltern und Grosseltern von Herzen gönnen. Schenken und Überschreiben ist viel schöner, denn damit kann man das Vermögen noch geniessen, wenn man jung ist – alt und krank macht der schönste Yachtclub keinen Spass. Das Erarbeiten von Vermögen ist dagegen stressig, lebensverkürzend, oft freudlos und dauert lang. Ausserdem kennen wir doch die neuen Iwans und ihre StaSis der Gerechtigkeit: Sässe man mit 70 endlich im Roadster auf dem Weg zur Villa, stünde in der Prantlhausener Zeitung, dass kein Mensch mehr als 250 PS braucht, in der ZEIT würde eine Genderautorin über alte, weisse Männer in schnellen Autos rassisteln, die fettakzeptierende Latzhosenfrauen mit Lastenrädern voller Vegankörnern überholen, und sogar im Münchner Merkur täte so ein Grattler den Mund aufreissen und behaupten, 7 lumpige Zimmer würden für einen Menschen reichen und man sollte doch eine Einliegerwohnung für Migranten hergeben, deren Lohn noch subventioniert werden muss.

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Man sieht: Es hört nie auf, es wird immer einen geben, der die Hand aufhält und glaubt, die Privilegien, die andere haben, würden ihn dazu berechtigen – und dann wundert er sich, warum er nicht mal eine Stelle als Spucknapfreiniger der Villen im Münchner Süden bekommt. Man könnte über so viel Schönes und Gutes schreiben – etwa, dass die Silberkannenpreise seit dem Brexit auch den Ärmeren Zugang zu etwas Luxus erlauben. Statt dessen wird über Privilegien gesprochen, die sie nie erreichen werden, und über die sie deshalb auch gar nicht kompetent mitreden können. Ausser natürlich über die Privilegien, die sie selbst verteilen können. Nehmen wir nur mal, weil ich da als alter, weisser Mann unvoreingenommen bin, das Thema Frauenrechte.

Da gab es diese Woche nämlich zwei drastische Gesetzesverschärfungen. In Polen hat die rechtsreaktionäre Mehrheit im Parlament das Recht auf Abtreibung weitgehend abgeschafft. Wir schreiben 2016, und ein Vollmitglied der EU zeigt überdeutlich und an den eigenen Frauen, was es vom Fortschritt der Rechte der Frauen hält: Gar nichts. Polnische Kirche, polnische Nationalisten, Leute, gegen die die AfD wie ein queerfeministisches Multikultifestival wirken, entscheiden über andere, als wäre es die islamische Republik Iran. Das wird ohne Frage Auswirkungen auf Deutschland haben, Stichwort Abtreibungstourismus, und da hätte man nun wirklich mal alles zusammen, was Frauenfeindlichkeit und Patriarchat ausmacht. Deutsche Medien bringen eine Meldung, das war’s.

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In Deutschland werden Grundrechte mit Füssen getreten, denn gibt es ein gerade verabschiedetes, angebliches Prostitutionsschutzgesetz, gegen das die Sexarbeiterinnen und Verbände mit aller Kraft kämpfen. Es ist ein Gesetz, das datenschutzrechtlich Anlass zu grösster Sorge gibt, es zwingt Frauen zu einer Registrierung, die ein lebenslanges Stigma sein kann, wenn die Daten in die falschen Hände gelangen, es macht sie erpressbar und, wenn sie aus Ländern mit Verbot und Verfolgung von Prostitution stammen, möglicherweise auch zu Opern staatlicher und privater Willkür. Begründet wird das Gesetz mit der “saloppen“ Lüge der nach dem Gina-Lisa-Skandal immer noch nicht zurückgetretenen Frau Schwesig, es gäbe strengere Regeln für eine Pommesbude als für ein Bordell  – offensichtlich hat Frau Schwesig noch keine bayerische Sperrbezirksverordnung gesehen. Alle Betroffenen verweisen auf die Erfahrungen aus anderen Ländern, dass dieses sogenannte Schutzgesetz mit Registrierungszwang für die Entstehung illegaler Strukturen sorgen wird, denen die Betroffenen dann wirklich hilflos ausgeliefert sind. Aus Gelegenheitsprostitution entsteht ein Gesetzeskonflikt, und der aus dem Gesetz entstehende Aufwand begünstigt Grossbordelle, die alles andere als frauenstärkend sind. Das Gesetz verschlechtert die Lage von zehntausenden Frauen in Deutschland,, viele davon in prekären Situationen, drastisch.

Und was ist das grosse Frauenthema in den vulgärsozialistischen  Iwan-Medien, die mich enterben möchten?

Eine 26-jährige Akademikerin aus Berlin, die in einem Internetbeitrag ihre angeblichen Erfahrungen mit der CDU schildert: Ein Senator in Berlin habe sie aus einer Situation mit ihrer Tochter als “grosse, süsse Maus“ bezeichnet, und angeblich mit derben Worten einen offensichtlichen Förderer der Frau gefragt, ob er mit ihr Sex hätte. Die Frau ist eine Seiteneinsteigerin in der Union, bekam ohne die übliche Ochsentour einen guten Listenplatz und zog bei der Wahl mit der CDU in die Bezirksversammlung Berlin Mitte ein – und wirft ihr jetzt vor, ein Hort des Sexismus zu sein. Sie beklagt, dass man sie nicht zur Chefin der dortigen Frauenunion gewählt habe, und dass ein Bundestagsabgeordneter Streit mit ihr hatte. Da können die erwähnten CDU-Mitglieder übereinstimmend dementieren, was sie wollen, und ihrerseits über massive Probleme mit der karrierebewussten Frau berichten; Es ist wie bei Tim Hunt. Geglaubt, abgeschrieben, in den Vordergrund gerückt wird die Frau, der es bei ihrem Weg in ein Mandat nicht flauschig und glatt genug zugegangen ist. Die nicht mehr zu berichten weiss als eine etwas schräge Begrüssung und etwas, das an sich vollkommen normal ist: Dass Vorgesetzte, zumal, wenn es um öffentliche Mandate geht, genau hinschauen, ob die Nominierung und Förderung auf Basis fachlicher Kriterien stattfindet.

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Millionen Polinnen. Die Erwerbsbasis von Zehntausenden von Frauen in Deutschland. Eine unzufriedene, 26-jährige angehende Juristin mit Mandat, errungen als Seiteneinsteigerin in eine Partei: Nur sie ist relevant und schafft es auf die Titelseiten. Die wird von Journalistinnen privat gestützt und öffentlich hofiert, auch wenn die politische Intrige fragwürdig ist. Die anderen… müssen halt eine Engelmacherin aufsuchen. Oder, wenn sie nicht registriert werden wollen, Strafverfolgung riskieren. Meine Privilegien tun anderen nicht weh, denn wenn sie sich andere nach oben arbeiten, können sie sich auch schöne Häuser kaufen. Aber diese Leute in den Medien, sie könnten entscheiden, was sie in ihren Medien besprechen: einen selbststilisierten Einzelfall oder massenhafte strukturelle Benachteiligung, Entrechtung und Diskriminierung. Sie reden über die Verteilung meines Reichtums und über das Schicksal der deutschen Akademikerin in einer Partei. Die anderen sind dagegen irrelevant. Die jungen Akademiker in den Medien bringen die junge Akademikerin in der Partei.

Das sind echte Privilegien. Sicher, ich habe so viel Wohnraum wie ein Dutzend randgesellschaftlicher Onlineredakteure in Prantlhausen zusammen. Aber deren Lebensumstände sind nichts gegen all die Frauen, deren Nöte und Sorgen real sind – und in den Hintergrund treten, weil eine einzige weisse, junge Frau, die nicht mit diskriminierenden Stockphotos von Rotlicht und High Heels bebildert wird, bei einer Partei schlecht ankam, und mit ihrem Shitstorm-Text dafür sorgt, dass die nächsten Seiteneinsteiger erst mal vier Jahre Plakate kleben werden. Solange es noch solche Privilegien gibt, die Medien selbst erzeugen, ist der erarbeitete Reichtum einiger Clans doch völlig irrelevant. Wir sind da, relativ zu diesen Themenentscheidern gesehen, die Guten und Sozialen: Wir schätzen polnische Haushälterinnen und entziehen sie damit dem dortigen Parlament. Und wenn die 99% Erbschaftssteuer kommt, werde ich das Geld eher frauenbereichernd bei einer öffentlichen Sexorgie vor dem Bundestag verprassen und das als Fortschreibung von Felix Krull zur Kunstaktion ernennen, als dass Schwesig auch nur einen einzigen roten Heller in ihre iwanesken Finger bekommt.

25. Sep. 2016
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Passo Continuo: Über das Abhacken von Kreuzen und Köpfen

Die Benutzung von Fahrrädern in der Öffentlichkeit durch Frauen ist wegen Schamlosigkeit haram.
Beschluss des religiösen Führers der islamischen Republik Iran.

Die letzte Etappe des Tages mit der Königsetappe führt in Patsch hoch zum Zimmer Nummer 16 des Grünwalder Hofes, in die Badewanne, wieder steil die Treppe hinunter auf die Sonnenterrasse, und zu erlösenden Worten wie “Johannesbeerschorle“, “Kürbiscremesuppe“ und “Schlutzkrapfen“. Danach folgt ein letzter Aufstieg die Treppe hoch, das Umfallen auf das Bett und der tiefe, feste Schlaf eines Bergbauern nach einem Tag bei der Heuernte mit Sense und Rechen. Das habe ich als Kind übrigens in Südtirol gelernt, vielleicht könnte ich es auch noch, und als ich drei Tage davor bei Brandenberg an einem Mann vorbei kam, der es auch noch konnte – da verspürte ich den Wunsch, anzuhalten und zu fragen, ob ich den Rechen auch einmal werfen dürfte.

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Wenn man das mal einen Tag lang gemacht hat, versteht man vieles, was einem vorher fremd war. Man versteht die Hüte und warum sie in den Dolomiten hinten Quasten haben, um den Nacken vor Sonnenbrand zu schützen. Man versteht die weiten Hosen, die einen beim Ausschreiten nicht behindern, und man versteht die Hemden, die sich für die raumgreifende Bewegung weit öffnen lassen, aber eben nicht ganz, damit am Ende der Knopfleiste kein Knopf ist, der bei der Arbeit ausreissen könnte. Da oben steht kein rückständiger Mensch mit Sepplhut, da oben steht einer, der sich der Natur und der Arbeit anpasst, auf der Alm den kleinstmöglichen ökologischen Fussabdruck hinterlässt, und nicht alle zwei Wochen im Internet Klamotten aus China frustshopt.

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Wer einmal so einen Tag gearbeitet oder einen hohen Berg mit letzter Kraft im Abendlicht erklommen hat, braucht kein Internet und keine Disco und keinen Fitnessclub mehr. Der braucht ein ordentliches Essen, viel Käse und Butter auf die Schutzkrapfen, und danach ein Bett. Ich bin nur geradelt, jeden Tag im Schnitt 1500 Höhenmeter rauf und runter, aber auch ich schlafe lang und gut. Am nächsten Morgen weckt mich der Wind auf. In Italien ist das Wetter umgeschlagen, hinten im Wipptal zeigen sich über dem Brenner die Vorboten von Regen und Sturm, und es ist an der Zeit, dass ich nach Hause komme, bevor es mich auf der letzten Etappe meiner Reise irgendwo auch noch erwischt.

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Denn das Wetter in den Bergen ist unberechenbar und gefährlich. Das vergisst man schnell, wenn vier Tage lang die Sonne scheint. Aber wer einmal in ein Unwetter mitten im Bergwald in ein Unwetter hinein gekommen ist, der weiss, dass Blitze wirklich hell sein können und wie der Donner klingt. Wie ein aufgeschreckter Hase rennt und rast der Mensch dann dorthin, wo er Schutz findet, und wenn er keinen findet und letztlich durchnässt, aber lebendig und gebeutelt alles überlebt hat, wird er vielleicht klüger und achtet mehr auf die Zeichen der Natur. Unvorsichtig wie ich bin, habe ich schon einige Stürme in den Bergen erlebt, und es ist wie mit den Quasten am Dolomitenhut: Danach versteht man besser, warum Bergbauern so viel Angst vor Blitz und Hagel haben. Blitzeinschläge in weniger als 100 Meter Entfernung lassen auch hartgesottene Atheisten wie mich schneller “Mein lieber Gott“ sagen, als es uns gefallen möchte.

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Bergbewohner gehen da gleich einen Schritt weiter und stellen das auf, was viele Besucher aus dem Norden immer wieder irritiert: Hier ist alles voller Flurkreuze, oder wie man in Bayern sagt, Marterl. Manchmal erinnern sie an Menschen, die an dieser Stelle vom Blitz erschlagen wurden, öfters jedoch ist es der Dank dafür, dass der Blitz 50 Meter weiter weg in den Boden fuhr, ein anderes Haus erwischte, oder die Ernte schon eingebracht war, bevor der Hagelschlag über das Land kam – wir sprechen über Epochen, da man nicht einfach ins Geschäft gehen konnte, sondern bei Missernten verhungerte. Im Flachland wurden viele Kreuze während der letzten Jahrzehnte von der Flurbereinigung entfernt oder aus Desinteresse dem Verfall überlassen. In den Bergen sind sie dagegen so üblich und weit verbreitet, dass sie mir gar nicht mehr auffallen. Ausser, wenn es solche prächtigen Exemplare wie das Hubertuskreuz im Eingangsbereich des Grünwalder Hofes geht.

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In der Franzosenzeit, während der napoleonischen Kriege kam noch mehr Unheil als das Wetter über das Land, und die Menschen hier reagierten auf Kontribution und unerwünschte Aufklärung, indem sie nicht nur ihre Häuser und Fluren, sondern das ganze Land unter den Schutz den Kreuzes stellten.

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Von daher rührt der Brauch der in der ganzen Region verbreiteten Gipfelkreuze, die jemand bei mir daheim, ein Tal weiter bei Lenggries, mit der Axt beschädigt. Oder durch einen beleuchteten Halbmond ergänzt, wie vor Kurzem der in Shanghai lebende Künstler Christian Meier in seiner Schweizer Heimat. Die einen denken, es ist gut, wenn diese schöne und immer noch gefährliche Gegend den Schutz eines höheren Wesens geniesst. Die anderen wollen das nicht, und sie würden wohl auch gern etwas provozieren, und das als Kunst auf den Markt bringen.

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Es ist schön, durch dieses kulturell erfüllte Land zu fahren und zu wissen, dass da wohl nicht mehr als eine Anzeige wegen Sachbeschädigung heraus kommt, oder die Aufforderung, den beleuchteten Halbmond aus Gründen der Sicherheit und des Naturschutzes wieder zu entfernen. Solche Aktionen gibt es immer wieder, sei es die Genderumschreibung des Jägers von Fall oder die Idee von Greenpeace, ihre Botschaft für die anwesenden Journalisten mit einem Laserbündel auf die intakte Bergwelt über Schloss Elmau zu schreiben, wo die ‚Wildtiere das eher nicht gewohnt sind. Städter meinen oft, dass hier alles herhalten darf, um die eigene Ansicht zu verbreiten und die andere zu schmähen: Glücklicherweise leben wir in Mitteleuropa in einer Epoche, in der man damit schlimmstenfalls vor ein säkulares Gericht kommt. Es wird schon Gründe geben, warum die Herren Künstler und Aktivisten das bei uns machen, und nicht mit einem Davidstern, einer Lasershalombotschaft oder einem Axtübergriff bei der grossen Moschee von Mekka, wo man andere Vorstellungen von Kunstperformances hat.

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Und natürlich darf man sich in den Städten auch darüber freuen, wenn es den Hinterwäldlern – natürlich jenen bei uns, die Künstlern nicht mehr vor dem Freitagsgebet öffentlich den Kopf abschlagen oder sie zu Tode peitschen – mal wieder richtig schön provoziert wurden.Das gehört alles zur Meinungsfreiheit, die selbst nun wirklich nicht tolerant sein muss. So wenig wie die Menschen hier in Tirol, die demnächst vermutlich in den Dörfern den ganz ähnlich intoleranten Herrn Hofer wählen werden, weil sie sich von der Hauptstadt Wien nicht verstanden fühlen, und nicht die islamistische Türkei in der EU haben wollen, wie es den Herren in Brüssel und der Wirschaffendas-Frau von Berlin aber für ihre globalen Strategien zusagt. Künstler, die Halbmonde aufstellen, Kreuzabhacker und höhnische Städter, die ihrerseits aber sofort nach dem Verfassungsschutz rufen, wenn Rechtsextremisten vor einer Moschee einen ähnlich übel gesinnten Schweinekopf ablegen, tragen allesamt nicht dazu bei, dass man sich besser verstehen täte.

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Dabei ist dies ein sagenhaft gast- und menschenfreundliches Land. Wer den Beichtstuhl nicht mag, findet buchstäblich daneben das Biertischbankerl. Ich bin auch eher eine scheue, misstrauische Krähe, ich kann gut allein sein und brauche sicher keine Gemeinschaft von Gläubigen, aber dieses Bayern, dieses Tirol und dieses Südtirol, sie meinen es während meiner Alpenüberquerungen alle gut mit mir. Speziell auf dem Rad. Da bekommt man dauernd ein Schnapserl angeboten, da soll man sich hersetzen und erzählen, was man erlebt hat, und zuhören, was andere so sagen. Wenn sie hier dann gewählt haben, und die deutsche Presse Landstriche ausweist, die man wegen des falschen Wahlkreuzes besser meiden sollte, dann hat das nichts mit dem Land zu tun, das ich bereist habe. Offen gesagt weiss ich auch gar nicht, was die Menschen hier wählen und warum.

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Es gibt, beispielsweise im Inntal, ein paar historisch extrem belastete Orte, wo man das historische Böse und Gute im Zeichen des Kreuzes wirklich anschauen und diskutieren kann. Aber jene, die hier einfach zu viele Kreuze sehen, bräuchten schon mich als Führer, damit sie den historischen und sozialen Unterschied zwischen der ährengoldenen St. Notburga in Maurach für die Mägde, der Stadtpfarrkirche von Schwaz für die oftmals rebellischen Silberbergknappen, und dem Jesuitenkolleg in Hall für die schwarzen Soldaten der Religion erkennen.

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Manchmal hilft Wissen, und manchmal Unwissenheit. Zwischen diesen drei Sehenswürdigkeiten fahre ich diesmal teilweise auf der Nordseite des Inns entlang. Es ist ja nicht weit von Patsch bis zum Tegernsee, ich probiere einfach etwas Neues und biege bei Schwaz über den Inn ab. Hier ist keine viel befahrene Landstrasse, hier gibt es Alleen, und vielleicht versuche ich nächstes Jahr auch, ihnen nach Westen bis in die Schweiz und zu den Quellen des Inns zu folgen, bevor es über den Malojapass hinunter zum Comer See geht.

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Hier jedenfalls geht es an Schloss Tratzenberg vorbei nach Jenbach und zu einer Strasse, die direkt hinauf zum Achensee führt: Nur halb so lang wie die neue Bundesstrasse weiter östlich. Das klingt nach einer feinen Idee.

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Bis ich dann zum letzten Mal auf dieser Reise, die mir wirklich etwas abverlangte, stöhne, ächze und schiebe. Mit 23% geht es nach oben! Ja mei laiba Gotthimmevata! Da fällt man vom Glauben ab. Da tanzen einem die Sterne vor den Augen, da hört man die Berggeister über die Schwäche lachen, die uns Sterbliche jeden Tag einen Schritt näher zum Grab bringt – und zwei, wenn wir nichts dagegen tun. Niemand verlangt von uns heute noch Demut vor einem höheren Geschöpf – aber hier am Berg kann man sie lernen. Der Künstler liess seinen Halbmond mit dem Helikopter auf den Berg fliegen, die Einheimischen schleppen das Kreuz selbst hinauf, und manche von denen, die sich verlachen, würden vom Stangerl fallen, wenn sie das tragen müssten.

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Ich krieche einfach nur so für mich hoch, dann weiter entlang des Achensees und über den Achenpass hinunter zum Tegernseer Tal, wo im grossen Kloster längst die Moderne gelehrt wird, und hinter der Endmoräne der Grossraum München schnell die Mythen der Berge vergessen lässt. Es ist warm. Walrossgleich baden dicke Einheimische im See und prusten Regenbogen in die Bergluft. Ich habe mir halt einen anderen Weg herausgesucht. Glücklich sind wir alle, egal ob wir die Freude im Wasser oder auf dem Teer finden.

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Man kann es sich aussuchen. Das ist das Grosse an unserer Zeit und in unserer Region: Jeden Pass, jeden Unglauben, jede Freude und alle Verachtung, alles ist möglich. Man muss nichts achten. Andere müssen dann Schilder aufstellen, um jene zu erinnern, die selbst nicht verstehen:

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Wer schlau ist, benimmt sich so, dass es erst gar keine Schilder braucht, und man ihm von Herzen ein Schnapserl anbietet. Auch wenn man es als Antialkoholiker und Atheist mit einem “Vergeltsgott, aber wenn ich jetzt trink, hauts me um“ ablehnen muss. Aber es ist eine schöne Geste. So ist das in den Bergen. Und vielleicht kommt ja noch ein goldener Oktober.

21. Sep. 2016
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18. Sep. 2016
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Als politischer Flüchtling aus Berlin in Bayern überleben

Auf den Bergen wohnt die Freiheit, auf den Bergen ist es schön,
wo des Königs Ludwigs Zweiten  alle seine Schlösser stehn.

Vor zwei Wochen gaben im Internet Tausende von progressiven, fortschrittlichen Menschen zu Protokoll, dass nach dem Wahlergebnis von Mecklenburg-Vorpommern ein Urlaub in dieser Region für sie nicht mehr vorstellbar ist. Statt dessen werden sie vermutlich Hamburg, Sylt, oder eine günstige Flugreise in wahrhaft demokratische und menschenfreundliche Länder wie die Türkei Ägypten oder Saudi-Arabien buchen, wo man die Vollverschleierung der Frau als Mittel ihrer Emanzipation staatlich toleriert oder gar fördert, und wo es auch keine Lesungen von Birgit Kelle gibt. Oder sie machen bei uns Biourlaub auf dem Biobauernhof im gentechnikfreie Landkreis Rosenheim. Auch das stösst in Berlin sicher auf mehr Verständnis als das Strandliegen in einem Bundesland, in dem mehr als jeder 5. Wähler trotz totaler Volksaufklärung nicht begriff, was er tat.

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Heute nun wird in Berlin gewählt, und neueste Umfragen zeigen, dass unsere progressive und fortschrittliche Metropole rund um das grüne Kalifat Friedrichshain-Kreuzberg möglicherweise auch von Fehlgeleiteten bewohnt wird, obwohl die Kräfte des Antifaschismus, Antisexismus und der Philanthropie mit abgerissenen Plakaten, Brandanschlägen und gewalttätigen Auseinandersetzungen dem Wähler sehr eindrücklich erklärt haben, welches Zeichen er nun zu setzen hat. Auch der regierende Bürgermeister der SPD hat noch einmal in aller Deutlichkeit verkündet, dass er von Wählern nach der Auszählung ein Ergebnis von unter 10 Prozent für die Kräfte des Rückschritts und der Finsternis sehen will. Es kann nämlich aus Sicht der wahren Bewahrer der deutschen Willkommenskultur in den Schlangen vor dem Lageso und den Baracken auf dem Tempelhofer Feld nicht so sein, dass all diejenigen, die sich abgehängt und benachteiligt fühlen, nun anders entscheiden, als man sich das für das Ansehen der Stadt wünscht.

Dennoch ist zu befürchten, dass die Argumente bei vielen nicht hinreichend verstanden wurden. Deutschland kann seine Grenzen nicht schützen, wir können nicht beweisen, dass Menschen ohne Pass älter als 18 Jahre sind, wir müssen sie dann besonders betreuen und das kostet halt deutlich mehr als ein Kind, das auf Hartz IV angewiesen ist. So will es das Gesetz. Manche Zyniker behaupten auch, dass die steigende Zahl von Migranten dazu beiträgt, die Qualität der schulischen Bildung zu reduzieren – ganz so, als hätte der Berliner Schulabschluss seinen glänzenden Ruf bei Universitäten und Firmen nicht ganz allein durch seine hohen, normativ-faktischen Ansprüche an die Prüflinge gewonnen.

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Kurz, es steht also zu befürchten, dass besonders im Umfeld der Partei “Die Linke“ und bei den noch ernsthaft arbeitenden und das alles finanzierenden Kernwählern der SPD, sowie bei Unionsanhängern, die die integrative Kraft der freien Drogenmarktwirtschaft an U-Bahnen in ihrer Verblendung nicht erkennen, weil sie keine Joints rauchen und ihre Privilegien nicht checken, der ein oder andere sein Kreuz an einer Stelle machen wird, die dem Ansehen von Berlin nicht förderlich sein wird. Vielleicht äussert sich auch mancher Brummi- und Wirtschaftslenker total frauenfeindlich gegen Frau Merkel, weil sie in ihrer Weisheit – darauf kommt es an! – es für eine gute Idee hält, Syrern ihre Führerscheine mit einem Kredit umschreiben zu lassen: Damit sie in der Logistik mit 40-Tonnern, den Lebensadern der deutschen Wirtschaft, mit hohen Anforderungen an Leistung und Zuverlässigkeit, den Einheimischen zeigen können, was sie zu leisten in der Lage sind (Eventuell brauchen sie auch eine Zusatzausbildung, aber wer wird denn kleinlich sein und nachfragen, in Nordkorea ist das auch nicht üblich). Man wird nach 18 Uhr vielleicht auch sagen, dass Frau Merkel das mit ihrer Politik gar nicht verursacht hat, und dass es nichts mit ihrer einsamen Entscheidung am Parlament vorbei zu tun hat, und nun vielmehr das offen zu Tage tritt, was schon immer in den Deutschen war.

Aber was ist zu tun, wenn ARD und ZDF nicht in der Lage sein werden, die schon vorbereiteten Kommentare mit dem Titel “Höhenflug der AfD gestoppt“ zu bringen? Was bleibt Berlinern, wenn ihre geliebte Stadt wie ein Vorort von Mecklenburg-Vorpommern entscheidet und die Bäckereiverkäuferin, der Bierlieferant für den Späti, der türkischstämmige Gemüsehändler und der ein oder andere aus der Mitte der Gesellschaft, die so radikalisiert ist, falsch wählt? Diese Progressiven müssen dann jahrelang damit leben, in einer Stadt zu wohnen, die möglicherweise das beste städtische Ergebnis für die AfD aufweist. Kann man wohnen, wo man eigentlich nicht mal Urlaub machen würde?

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Für politisch korrekte Menschen bleibt, so sie ihren Schwur gegen die Barbaren an der Ostseeküste ernst meinen, eigentlich nur eine einzige konsequente Haltung: Emigration dorthin, wo die AfD keine Alternative ist. Das Land gibt es, es heisst Bayern, denn dort wird die AfD von der CSU vergleichsweise klein gehalten. Ausserdem sind die Schulen dort anerkannt sogar noch etwas besser als in Berlin, und es gibt Arbeit für jene, die bereit sind, sich in den kapitalistischen Prozess einzubringen. Es mag nicht ganz optimal für jene sein, die sich eine freie Arbeit mit Kulturfördermitteln des Staates im Kampfe gegen Hate Speech und für die richtig-progressive Kunstfreiheit erhoffen, aber eines steht zumindest fest: Wir haben mehr hier Jobs und weniger AfD-Wähler als das gesamte, ostblöckische Umland von Berlin.

Ich möchte daher die Gelegenheit nutzen, schwankenden Berlinapostaten eine Handreichung für eine mögliche Migration in meine schöne Heimat darzubieten: Was immer Sie tun – geben Sie sich als Wirtschaftsflüchtling und keinesfalls als politisch Verfolgter aus. Sicher, das Asylrecht sieht es anders, aber der Wald- und Wiesenbayer hat gute Erfahrungen mit anpackenden und sich in das System einordnenden Leistungsfreunden. Da ist der Bayer gar nicht ah so. Wer hier bereit ist, die Arbeiten zu übernehmen, die der Bayer übrig lässt, und seine Miete in der Wohnung des Bayern angemessen begleicht, wird gern aufgenommen. Weniger beliebt dagegen sind Leute, die ihren Umzug mit den aufkommenden rechten Tendenzen in der Heimat begründen: Wir lesen hier auch Spiegel Online und bekommen schon mit, wie das Neue Deutschland der Nichtwerktätigen seine willkommenskulturellen Theorien gegen unsere schöne Heimat in Stellung bringt. Natürlich steht es Ihnen frei, Ihren Aufenthaltsort in den Grenzen der BRD frei zu wählen, selbst wenn Sie davor Zonenbewohner waren, aber dem gütlichen und kommoden Auskommen ist es durchaus förderlich, die neue Heimat als Chance zur Integration und nicht als umzupflügenden Urwald zu betrachten. Sonst beginnt nämlich das Problem schon bei der Wohnungssuche und wird bei der Arbeit nicht kleiner. Bedenken Sie bitte, dass das Volk, das Sie als Gast aufzunehmen bereit ist, kein besonderes Interesse an Vorschlägen zur Verbesserung hat, wenn sie auf Berliner Erfahrungen begründet werden.

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In Ihrem Dasein unter der Tarnung eines Wirtschaftsmigranten ist es völlig in Ordnung, wenn Sie bei uns die ökonomischen Vorteile preisen und betonen, wie gern Sie zur Mehrung derselben beitragen. Sie dürfen gern Hausbaupläne kommunizieren, und die Meinung vertreten, ein SUV sei für die Kinder nun mal sicherer als ein Lastenrad. Es steht Ihnen frei, Ihre Landlustneigungen hier auf Biobauernhöfen auszuleben und von Ihren neuen Erfahrungen bei der Heuernte zu berichten. Weniger gern gesehen sind dagegen Hinweise auf die tatsächlichen Beweggründe Ihrer Flucht. Das Herumlaufen mit Bierflasche wird nicht gern gesehen, und trotz der in Berlin von Feministinnen verbreiteten Legenden über sexuelle Exzesse unserer Festkultur reagieren die Einheimischen gar nicht erfreut, wenn Sie beabsichtigen sollten, unsere Feiern zur Selbstbedienung an unser Fleisch und Blut zu begreifen: Das ist nicht der Darkroom im Berghain, wo Wähler aufgerufen werden, das Richtige anzukreuzen. Ein Pakistani wäre in Niederbayern vor Kurzem beinahe selbstjustiziert worden, weil er die freizügige Festkultur nicht richtig einordnen konnte. Pakistan, Berlin: Geographie ist des Bayern grosse Schwäche, also vertrauen Sie nicht darauf, dass Sie hier anders als jeder andere Wirtschaftsflüchtling im Falle des Fehlverhaltens beurteilt werden.

Versuchen Sie einfach, hier unauffällig zu bleiben, so lange Sie Berlin politisch nicht mehr ertragen, weil auch die Mutter von Leona in ihrer KiTa nicht richtg wählte. Setzen Sie sich her, beseufzen Sie die Landschaft, und es nimmt Ihnen hier auch keiner krumm, wenn Sie auf regionale Herkunft der Nahrung bestehen. Sie können einen Teil Ihrer Einstellungen durchaus geschickt an die hier lebende Otwoläh Haute Volee anpassen, und wenn Ihnen die Musik zu leise ist, nehmen Sie einfach eine Bank näher an der Blasmusikkapelle. Nach vier Bierkrügen werden Sie den Unterschied zwischen dem Anton aus Tirol und dem DJ aus dem Berghain ohnehin nicht mehr erkennen. Wir verlangen von Wirtschaftsflüchtlingen lediglich Anpassung bei der Art des Rausches, aber keinesfalls ein generelles Verbot. Ihre synthetischen Drogen lassen Sie aber besser daheim: Sie entsprechen nicht der hier gängigen Vorstellung von Bio.

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Der Rest ist ganz einfach: Am Berg sagt man “Grüss Gott“ oder “Servus“, Multikultitime ist ab 18 Uhr mit dem italienischen Hugo oder Spritz, und wenn Sie die Strassenbahn blockieren, nehmen Sie einen 7er BMW mit Starnberger Kennzeichen anstelle Ihres Schrottrades. Achten Sie ein wenig auf ihr Äusseres und tragen Sie Ihren Hipsterbart nach der althergebrachten Mode des Werdenfelser Landes. Erscheinen Sie pünktlich bei der Arbeit und erzählen Sie am Montag, wie schön Ihre Kinder das Bergwandern in der Alpenluft fanden, und dass die Laktoseintoleranz ebenso wie das ADHS überhaupt keine Themen mehr sind, seitdem Sie hier dem Bayerischen Volke dienen dürfen. Die CSU übergehen Sie einfach schweigend und schwappen es mit einem Biah nobe, ausser es geht um die Bewahrung der Naturschönheiten und des Altbaubestandes: Da darf man, vereint mit unseren renitenten Fortschrittsverweigerern, gern auch mal den Mund aufmachen.

Es ist also gar nicht so schwer, sich hier als Wirtschaftsflüchtling zu integrieren. Sollte der Reichshauptslum in fünf Jahren wieder politisch gereinigt sein, weil sich unter der drohenden RotRotGrün-Regierung nur noch Antifas, staatlich geförderte Stiftungen. Parlamentarier. Drogenhändler, Leuten, denen alles egal ist, und Bentoautorinnen dort halten können, können Sie immer noch zurück und beim Wiederaufbau des zerstörten Landes helfen. Vielleicht haben Sie sich sogar so weit bei der Freiwilligen Feuerwehr integriert, dass die Ihnen auch ein paar Hilfsgüter und schweres Gerät für das Bohren von Brunnen und den Aufbau von Schulen überlässt.

18. Sep. 2016
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16. Sep. 2016
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Passo Continuo: Sportpolitik ist Lustmordpolitik

Wie’s die Bücher überprüft ham, ham’s glei gmerkt die Schwindelei,
Und zum Franz und mir ham’s gsagt, Ja, des war aner von euch zwei
Georg Kreisler, Der gute, alte Franz

Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen sind unten und die anderen sind auf dem Gipfel. In meinem normalen Dasein gehöre ich zu jenen auf dem Gipfel, nur ist der Gipfel am vergangenen sonnigen Septembertag das Pfitscher Joch auf 2248 Meter Höhe, und wenn ich nicht oben erfrieren oder die Schutzhütte aufsuchen will, muss ich da runter, wo längst kein Sonnenlicht mehr hinab fällt. Kurz, ich stehe im Begriff, ohne ausreichende Beleuchtung reichlich schnell 1300 Höhenmeter nach Sterzing zu brennen. Sterzing ist da ganz unten und hinten.

franza

Manche werden jetzt behaupten, das sei gefährlich, aber das ist, wie anderes, auf das wir noch zu sprechen kommen werden, ein gefährlicher Trugschluss: Die wenigsten sterben bei der Abfahrt von unbeleuchteten Pässen in der Gebirgsfinsternis. Die meisten Deutschen sterben, statistisch gesehen, im Altersheim, in der Geriatrie und in der Intensivstation. Das sind nachweislich die lebensgefährlichsten Orte der deutschen Gegenwart, und wer dort erst einmal eintritt, hat wirklich schlechte Überlebenschancen. Die Mortalität am Berg ist dagegen überschaubar und ausserdem, wenn man in finsterer Nacht eine Serpentine übersieht – Hoppla! – dann merkt man es gar nicht so. Jedem klar denkenden Menschen müsste also bewusst sein, dass ich hier auf der Rüttelpiste und nachher auf der dunklen Strasse sehr viel sicherer als an Orten bin, von denen uns eine heimtückische Krankenhausindustrie einredet, sie seien der Gesundheit und dem Wohlergehen verpflichtet.

franzb

Antizyklisch denke ich dann auch im Schwarzen Adler, denn dort habe ich zum ersten Mal seit dem Beginn meiner kürzesten und doch sehr langen Reise etwas Zeit, das Internet zu frequentieren. Normalerweise, so hat man das den Menschen vom Turnvater Jahn über Leni Riefenstahl bis zu den Staatsdopingprogrammen in Ost und West eingeredet, sollte man Sportler sehen, sie ehren, und ihrem Vorbild nacheifern. Mir geht es da ganz anders, denn wann immer ich so ein Steroidmonster, einen Epofresser, einen Eigenblutjunkie oder andere Apotheken und Entsagungsirre in Bewegung sehe, bekomme ich Hunger und könnte essen, bis ich platze. Profisportler sehen ist für mich eine der ungesündesten Beschäftigungen, die ich mir vorstellen kann: Ich bekomme miese Laune, und ihr faschistoider Motivationssprech aus ehrgeizzerfressenen Restseelen lässt mich von einem Bad in Zwetschgendatschi träumen. Wenn ich ehrlich bin, gibt es auf diesem Erdenrund wenig, was ich mehr als Berufsleistungssportler meide.

franzc

Das sind für mich Demotivationsmonster, denn ich werde nie auch nur ansatzweise so weit kommen. Ich bin eher unsportlich. Ich war für den Bund untauglich. Ich habe Heuschnupfen. Ich war vom Sport befreit. 100 Meter laufen, und ich war platt. Wenn ich meinen Körper auf einen Pass schleppe, den sie leichtfüssig überwinden, dann ist das für mich sehr viel. Ich habe mir das hart erarbeitet. Ich brauche keinen dürren Spargel, der mir als abschliessenden Tritt noch in die Ernährung hinein pfuscht. Ich mache das Internet auf, sehe den Franz Beckenbauer, mache das Internet sofort wieder zu und gehe noch schnell zur Sport Pizzeria, um die Schlutzkrapfen im Magen unter einem öligen Fettbetondeckel einer Quattro Formaggi zu begraben. Dann schlafe ich ein.

franzd

Erst am nächsten Morgen begreife ich dann, warum der Beckenbauer da zu sehen war: Hat sich der Beckenbauer Franz doch von einem halbstaatlichen Wettanbieter sein Ehrenamt mit ein paar Millionen vergüten lassen, um das sog “Sommermärchen“, das meine Heimatstadt in eine grölende Säuferzone verwandelte, zur Zufriedenheit der Partner durchzuführen. Ich erinnere mich da sehr gut an eine Kanzlerin, die in etwa so sportlich wie ein Ziegelste jubelnd für die Kameras aufsprang. Ich erinnere mich an eine eventbegleitende Medienkampagne, in der die Nazis nicht vorkamen, die vor meinem Haus “Wir sind keine Fussballfans, wir sind deutsche Hooligans, wir haben Euch was mitgebracht, Hass, Hass, Hass“ und anderes gebrüllt haben. Jetzt also, 11 Jahre später, wird der ganze Moloch endlich von seiner Geschichte eingeholt.

franzf

Welche Wonne, welche Lust, herrscht nunmehr in meiner Brust. Und weil ich das ganze Frühstück – 2 Vintschgerl, 4 Semmeln, ein Eimer Jogurt, 2 Stück Apfelstrudel, 2 Stück Torte, 2 harte Eier, ein gefühltes Pfund Käse, Obstsalat, alle Säfte, Milch, Butter, Bananen – beinahe beim Lachen über Beckenbauer und den DFB und seine mit drin hängenden Hilfspolitiker und die Kahanestiftung, die sich auch über den DFB Geld geben lässt, über dem Bildschirm verteilt hätte, fahre ich nicht gleich heim. Ich stelle mein Gepäck im Hotel unter und nehme den Jaufenpass in Angriff, bevor ich diese Transalp mit dem Brenner wieder auf Nordkurs bringe. Gestern war ich mir noch unsicher, was ich nach den Strapazen am Pfitscher Joch tun würde, heute weiss ich es: Da oben auf 2094 Meter gibt wahre Tortengebirge.

franze

Denn natürlich gibt es Menschen, die etwas für unser Land tun. Jede Pflegekraft, jede Kindergärtnerin, jede Ärztin im Praktikum, jeder Müllmann und auch der ein oder andere Schriftsteller tut etwas für dieses Land, ohne dass deshalb ein Wettanbieter, der von der Spielsucht der Leute profitiert, einen generösen Vertrag anbieten würde. Die Geschäfte auf Gegenseitigkeit mit dreckigen Diktaturen, die sportlich unterlegte Mediengrossereignisse über den Erdkreis verschachern, tun herzlich wenig für unser Land. Wenn ich versuche, gesund und trainiert zu bleiben, ist das dem Staat genauso egal, wie wenn ich jeden Tag drei Schachteln rauchen und danach eine Flasche Wodka trinken würde. Ich beklage mich nicht. Ich mache das für mich selbst. So wie alle anderen auch und besonders dann, wenn sie dafür ökonomische Vorteile für sich sehen. Dann wird getan, was nötig ist, um den Erfolg zu sichern, egal ob in den Hinterzimmern der Spritzenpfuscher oder der Sportfunktionäre.

franzg

Vielleicht bin ich diesmal besonders schnell, weil ich kein Gepäck dabei habe. Vielleicht liegt es aber auch an der Befriedigung, dass zumindest ganz kurz, bevor wieder willige Helfer in Politik und Medien zu ihren Idolen und Apparatschiks dahinter stehen, einen Tag lang das Licht auf diese dunklen Geheimnisse solcher Verbände fällt. Verbände, die, würden sie mit Wurstwaren oder Eisenbahnschienen statt mit politisch gewünschten Emotionen handeln, nicht jahrelang von einem Skandal zum nächsten stolpern dürften, bis dann endlich amerikanische Behörden anfingen, das aufzudecken, was andere erkennbar eher nicht so gerne taten. Das hat Folgen. Formel 1, Tour de France, Fussball-EM, Olympia: Der Funke der Begeisterung will längst nicht mehr leicht auf die Massen überspringen. Die Begeisterung ist da, als ich mich mit zwei anderen alten Männern zusammentue und durch die Serpentinen nach oben in die Bergwälder schraube, 1520, 1610, 1722 Meter über dem Meeresspiegel.

franzh

Es ist ein phantastischer Spätsommertag. Nicht zu warm, nicht zu kalt, sonnig mit ein paar pittoresken Wolken an einem Himmel, so blau wie auf einem Rokokogemälde. Es kommt ein leicht kühler Wind aus den Bergen, die Beine fühlen sich gut an, saftig und flink, die Kurven tauchen auf, nähern sich und verschwinden wieder. Heute ist die Welt ein klein wenig gerechter als sonst und hier oben noch etwas schöner, als man sich das unten vorstellen kann. Früher, als Kind, war der Sommer vorbei, wenn die grossen Ferien vorbei waren. Hier oben könnte man glauben, im ewigen Bergsommer angekommen zu sein.

franzi

Es ist die Stunde der langsamen Dilettanten und lahmen Amateure. Alles ist im Lot. Mein Weg nach Sterzing war hart und anstrengend, ich habe unterwegs viele Fehler gemacht und mich grandios überschätzt. Ich sollte nun die Gelegenheit nutzen und aus meinen Defiziten lernen. Ein Besinnungsaufsatz über das rechtzeitige Aufbrechen und die gewissenhafte Planung wäre angemessen, aber wem hier oben die Sonne lacht, der ist letztlich doch auf der richtigen Seite.

franzj

Oben steht eine Japanerin wie aus Porzellan mit weiten, leicht durchsichtigen Kleidern, mondänem Strohhut und riesiger Sonnenbrille, um die Taille herum in etwa so breit wie mein Handgelenk. Sie ist mit dem Bus aus Meran gekommen und applaudiert, während ich mich die letzten Meter an ihr vorbei wuchte. Arigato gozaimasu, bedanke ich mich mit dem Restjapanisch, das ich einer früheren Mieterin verdanke. Solange mir das nach 1150 Höhenmetern verbeugend noch über die Lippen geht, bin ich sportlich genug

franzk

für die letzte grosse Herausforderung am Berg für einen echten Mann: Die Früchtesahnetorte.

franzl

Dann geht es hinunter nach Sterzing. Ich habe diesmal eine Kamera am Unterrohr befestigt und möchte dazu zwei Dinge sagen: 1. bin ich normalerweise 3 Minuten schneller unten, ich bin also recht langsam gefahren. 2. Versuchen Sie das nicht daheim auf der Kellertreppe.

In Sterzing kommen von der anderen Seite, über den Brenner, zwei Deutsche an, die mit dem Rad nach Venedig wollen. Ich empfehle ihnen mein Hotel, denn das Frühstück ist wirklich vorzüglich und unter Transalp-Veteranen berühmt. Sie sind in Lenggries losgefahren und haben den Fehler gemacht, den dort alle Anfänger machen: Sie haben in Innsbruck übernachtet und haben den steilen, alle Kraft kostenden Anstieg hoch nach Patsch erst am nächsten Morgen in Angriff genommen. Der raubt einem alle Kraft, und deshalb ist man in Sterzing oft völlig am Ende. Sie wollen trotzdem über das Grödner Tal und Cortina weiter: Wahrer Sportsgeist. Da haben sie einiges auf sich genommen. Aber nichts ist so schlimm wie das, was mir nun droht:

franzm

Der Heimweg. Keine viertel Stunde den Brenner hoch, und Sterzing ist nur noch eine idyllische Miniatur in einer grandiosen Landschaft. Zwei Tage kämpfte ich mich ab, um hierher zu kommen, dann fahre ich wieder heim. Beckenbauer, der DFB, die Kanzlerin, ich: wir machen Fehler. Aber ich erkenne sie wenigstens und gebe es zu. Das passiert mir nie wieder. Nächstes Jahr, wenn es wieder wärmer wird, bleibe ich länger, und flechte weitere Pässe, Schlutzkrapfen, alte, weisse Männer und Japanerinnen in meine Reise ein. Ganz langsam, ganz entspannt. Nie mehr als 2000 Höhenmeter und 100 Kilometer an einem Tag.

franzn

Dann komme ich auch meist noch vor der Dunkelheit an meinen Zielen an. Überraschend leichtfüssig überschreite ich die von willkommenskulturell bedingten Polizisten gesäumte Grenze, auch bekannt als das freundliche Gesicht der Kanzlerin in der Ausgabe von 2016. Ich durcheile die Ellbögenstrecke zwischen Pfons und Patsch, und der Grünwalder Hof bietet heute die erste herbstliche Kürbiscremesuppe an. Dann noch Schlutzkrapfen und Butter drüber, und ich versinke im Bett, vergesse den Beckenbauer, den DFB, ihre Geschäfterl mit den Freunderln, und schlafe den Schlaf der gerechten Pilger im Namen des Wohlbefindens, die noch lange dem lebensgefährlichen Krankenbett der Mörderintensivstationen zu entgehen gedenken.

16. Sep. 2016
von Don Alphonso
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14. Sep. 2016
von Don Alphonso
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Passo Continuo: Kluge denken, Unbelehrbare siegen

Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.

Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Optimisten und Pessimisten. Optimisten werden sagen, dass das Pfitscher Joch der drittniedrigste Übergang zwischen Nord- und Südtirol ist, und es schon werden wird. Pessimisten werden sagen, dass es von Mayrhofen bis zum Pfitscher Joch 1650 Höhenmeter sind, und die letzten 500 Höhenmeter teilweise geschoben werden müssen. Und dann gibt es noch die Unbelehrbaren wie mich. Die laufen ausser Konkurrenz und sind gestern erst in stockfinsterer Nacht in Mayrhofen angekommen, weil sie sich grandios verschätzten, und sahen so elend aus, dass der freundliche Wirt vom Waldcafe ihnen ein Schnapserl anbot. Unbelehrbare buchen trotzdem auf der anderen Seite in Sterzing ein Zimmer im Schwarzen Adler und geben an, so gegen 16 Uhr dort sein zu wollen. Vier Stunden rauf, eine Stunde Pause mit Alpenpanorama, eine Stunde runter.

ginza

Diese Stunde Pause und noch eine verbrauche ich nicht am Gipfel auf 2248 Höhenmeter, sondern in Ginzling. Der Plan war, hoch zum Schlegeisspeicher zu stampfen und das Joch zu stürmen, die Realität dagegen sieht aus wie ein Märchenland. Da kann man nicht einfach geistlos durchstampfen. Das hat auch etwas damit zu tun, dass es steiler als erwartet durch eine Schlucht nach oben geht, und mir der letzte Tag doch noch in den Knochen steckt.

ginzb

Allein schon die von einem reissenden Bach in den Fels gegrabene Klamm und die gewundene Strasse, die sich darüber entlang der Felsen schlängelt, sind atemberaubend. Ein Brocken Via Mala, ein paar Stücke Ardeche, ein Licht von unnatürlicher Reinheit auf schwarzen Tannen. Die Strasse ist steil, hart und nimmt auf die Wünsche von Radlern nach Entspannung keine Rücksicht.

ginzc

Aber der Vorteil am Rad ist, dass man alle 20 Meter anhalten kann, wo Autos immer weiter müssen. Ich kann unter überhängenden Felsen warten, in engen Kurven, und als das Tal sich dann weitet, darf ich auch verweilen. Ich darf das. Autos müssten schon eine Panne haben, um verweilen zu dürfen.

ginze

Deshalb schaffe ich die ersten 400 Höhenmeter nur in luxuriösen zwei Stunden, und widme mich dann auch weiterhin lieber architektonischen Studien. Wie diesem Ensemble von Sommerfrischehäusern aus der Spätzeit der k.u.k.-Monarchie, als diese Region touristisch erschlossen wurde.

ginzd

Völlig fertig und ausser Atem Stoisch warte ich weiter oben dann auf den richtigen Moment, bis sich erste Quellwölkchen verzogen haben, um dieses Bilderbuch-Gehöft an einem versunkenen Felsen abzulichten.

ginzf

Andere Radler kommen, andere Radler gehen. Ich müsste bei ihrem Anblick so etwas wie sportlichen Ehrgeiz empfinden, aber keine Wade zuckt nervös. Viel zu schön hier. Wer wird sich denn abhetzen. Und ausserdem habe ich noch so viel Zeit.

ginzg

Wohin, fragt mich einer. Nach Sterzing, antworte ich, und er sagt Oha und Na dann gute Fahrt, ganz so, als hätte er Zweifel, ob ich das schaffe. Dabei bin ich schon auf 1250 Meter, und 1000 Höhenmeter sind doch kein Problem. Ich fühle mich gut. Die Sonne scheint. Da oben, erzählt er, gäbe es auch eine Schutzhütte.

ginzh

Ich erfreue mich an den hiesigen Rindern und ihrer stoischen Gelassenheit. Die machen es richtig. Sie haben alle Zeit der Welt und Wiesen, auf denen man sich auch am liebsten wälzen würden, so gut duften sie. Oder ein Picnic machen, mit Körbchen und Silberbesteck. Das ist daheim, das passt nicht aufs Rad, aber dafür finde ich eine ruhige Stelle am Fluss.

ginzi

Es kommt ein alter, weisser Man vorbei, während ich meine Vorräte an Vintschgerln aufbrauche, geht mit den Füssen ins Wasser und fragt mich, wohin ich unterwegs bin. Über das Pfitscher Joch nach Sterzing, sage ich, und er fragt, wie lange ich da denn brauchen würde. 2 Stunden hoch, eine Stunde runter, sage ich, und er sagt, da oben gäbe es aber auch eine Schutzhütte. Es ist früher Nachmittag an einem schönen Spätsommertag.

ginzj

Das Licht funkelt im klaren Wasser. Es ist schön, meine Beine fühlen sich gut an, und es ist nicht mehr weit. Ich verstehe nicht, warum er über Schutzhütten redet. Vielleicht ist es ja ein hübsches Photomotiv, wer weiss. Dann breche ich wieder auf und rolle Richtung Mautstrasse.

ginzk

Es geht über Serpentinen nach oben. Serpentine, Rampe, Serpentine, Rampe, Serpentine, Rampe, und so weiter, immer höher, immer langsamer, denn die Rampen sind steil und die Luft wird merklich dünner. Unter mir rauscht der Bach in einer Klamm, über mir ragen die Gipfel bis auf 3500 Meter auf. Irgendwann sind alle Rampen, die von Serpentinen unterbrochen werden, vorbei.

ginzl

Es kommt dafür eine lange Gerade in 400 Meter langen und rustikalen Tunnels. Es ist da drin niedrig und eng, und ich wäre überhaupt nicht überrascht, träfe ich hier ein paar Zwerge, die mich fragten, wohin ich fahre und mich auf die Schutzhütte hinwiesen. Zwerge wären mir lieber als Autos, deren durch Amplen gebremste Kolonnen ich lieber abwarte. Es ist, mit einem Wort, gespenstisch. Es zehrt an den Nerven. Irgendwann ist es glücklicherweise vorbei.

ginzm

Oben an der Ampel wartet ein Berggott auf einem riesigen BMW-Motorrad. So stelle ich mir einen Berggott vor, langer, weisser Bart, hochgewachsen, steinalt, listige Augen, und er ruft mir zu: Wohin? Sterzing, rufe ich zurück. Heute noch, fragt er und als ich fröhlich Ja! rufe, sagt er anerkennend Haha. Haha, rufe ich zurück und mache eine Pause für Wasserfall und Vieh.

ginzn

Dann taucht, erst in der Ferne wie die Mauer einer verbotenen Stadt, die senkrechte Wand des Stausees auf. Nur deshalb wurde diese Strasse angelegt, die ich mich nun hoch kämpfe, davor war das Pfitscher Joch in neuerer Zeit eine kaum begangene Abkürzung über die Berge. Aber was heisst schon Abkürzung. Als ich fast oben bin, steht die Sonne schon etwas tiefer. Es hat alles etwas gedauert.

ginzo

Dann bin ich oben, und kann die kläglichen Reste der Gletscher bestaunen. So schön es dort unten im Tal ist – die Aussicht hier oben auf den Klimawandel ist bitter. Als der Stausee vor 60 Jahren gebaut wurde, reichten die Gletscher fast bis an den See.

ginzp

Am Beginn der letzten Etappe – 500 Höhenmeter Wanderweg zum Joch – kaufe ich zwei Stocknägel als Erinnerung, vom Stausee und vom Pass. Wohin, fragt der Verkäufer, und als ich sage, dass ich nach Sterzing will, bietet er mir ein Schnapserl an und fragt mich, ob ich bei der Schutzhütte anrufen will. Meine Schutzhütte ist der Schwarze Adler in Sterzing, wo ich eigentlich vor einer Stunde ankommen wollte, nach dem ursprünglichen Plan, also bedanke ich mich und fahre los.

ginzq

50 Meter. Danach bin ich gut durchgerüttelt. und steige ab und schiebe.

ginzr

Genau genommen gibt es hier eine enzige Trage- und Schiebepassage. Sie beginnt 50 Meter hinter dem Gatter und endet auf dem Gipfel.

ginzs

Sie ist erst flach und mit Leuten gesäumt, die einen auf die Schutzhütte hinweisen, und weiter hinten leer und steil. Mein Rad wiegt 20 Kilo. Es ist nicht wirklich die reine Freude, es hier hoch zu tragen. Dann endlich, der Grat.

ginzt

Und die Schutzhütte. Dachte ich. Von unten. Hier oben stellt sich aber heraus, dass es erst eine Alm ist, und der Grenzübergang auf dem nächsten Berg liegt, eine halbe Stunde weiter. Sagt ein Mann und bietet an, schnell bei der Schutzhütte anzurufen, ob da noch ein Platz frei ist. Offensichtlich kamen hier heute noch mehr Unbelehrbare vorbei, die glaubten, der Weg über das Zillertal nach Italien sei eine Abkürzung.

ginzu

Ich lehne ab und marschiere weiter. Da unten, ganz weit weg, der helle Fleck: Das ist der Stausee. Dazwischen liegt die angebliche Abkürzung nach Italien. Ich denke nicht mehr, was auch prima ist, wenn man zu den Unbelehrbaren gehört. Ich schiebe. Ich trage. Ich gehe voran. Denken hätte vor zwei Tagen geholfen, als ich aufbrach, jetzt hilft nur noch die Kraft der Beine und ein starker Rücken.

ginzv

Als ich oben ankomme, geht gerade die Sonne über den Bergen unter. Immerhin ist hier kein Mensch mehr, der mich auf die Schützhütte hinweist, die sich hier jenen öffnet, die nicht mehr 35 Kilometer und 1300 Höhenmeter ins nächtliche Pfitschtal hinab stürzen wollen.

ginzw

Denn wer ist schon so wahnsinnig, so etwas über Schotterstrecken und enge Serpentinen zu tun?

Nur die wahrhaft Unbelehrbaren. Eine Stunde später entschuldige ich mich in Sterzing an der Rezeption für meine äussere Erscheinung und dafür, dass es etwas länger gedauert hat. Draussen rabenschwarzt die Nacht über Weise, Dumme und Unbelehrbare.

14. Sep. 2016
von Don Alphonso
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13. Sep. 2016
von Don Alphonso
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Passo Continuo: Der Zillertaler Kürzenjäger

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist die gerade Linie.

Vor ein paar Wochen bestieg ich mit einem Freund die Neureuth. Wir setzten und auf eine Bank, schauten auf die Berge, und ich erzählte, wie sich die Strasse dort unten nach Italien schlängelt, und was für ein Glück es ist, sie befahren zu können.

direta

Ist das die einzige Route, fragte mein gemeinhin zu jeder Schadtat bereiter Freund und Kupferstecher, der Autoverkehr nicht mag. Aber nein, fabulierte ich ins Blaue der Bergluft hinein und wies direkt gen Süden. Da hinten geht auch noch ein Weg direkt durch die Berge. Eine phantastische Abkürzung direkt zum Zillertal und zum Alpenhauptkamm! Man muss nur mal die Valepp rauf, dann die Brandenberger Ache hinunter, und schon ist man im Inntal. Dann noch das Zillertal auf dem Radweg hoch, und schon steht man vor dem Alpenhauptkamm. Ich habe mir das auf der Karte angeschaut: Es geht hinter dem Tegernsee einmal kurz hoch, da schwitzt man, aber entlang der Wildflüsse ist das sicher kühl und besonders für heisse Sommertage gut geeignet. Probier das doch mal aus, sagte er, und ich nahm mir vor, es zu tun, wenn ich vier Tage Zeit und schönes Wetter hätte. So wie seit gestern.

diretb

Seit gestern bin ich also wieder unterwegs auf der Diretissima nach Sterzing über den Alpenhauptkamm, um dort – eventuell – das Penser Joch zu fahren, das mir beim letzten Male versagt blieb. Weil es so einfach ist – 300 Meter die Valepp zum Wechsel hoch, ins Inntal runter, nach Mayrhofen rauf – liess ich mir etwas Zeit beim Frühstück, beim Packen, bei der Radkontrolle und schaute auch erst ganz zum Schluss, wo genau Mayrhofen eigentlich im Zillertal liegt. Das war so gegen 13 Uhr, und ich scrollte auf der Karte immer weiter nach Süden, weiter, noch weiter, bis ich begriff:: Ich muss mich beeilen – und ganz hinter ins Zillertal. Sehr weit. Aber auch sehr direkt. Und ich bin diesmal etwas langsamer, weil ich mit einem Querfeldeinrennrad fahre.

diretc

Das ist ein Rennrad für grobe Verhältnisse: 38mm breite Reifen mit Noppen wie ein Sexspielzeug, ein massiver Alurahmen, ein hoch gelegter Lenker für eine bequeme Position, Cantileverbremsen und eine Bergradübersetzung. Im Winter verkaufte jemand einen heftig genutzten Rahmen der Marke Gunsha und schrieb, vielleicht möchte jemand ein Stadtrad daraus bauen – ich erschuf für weniger als 500 Euro ein Bergmonster, mit dem ich Mountainbiker jagen kann. An guten Tagen. Wenn sie langsam und über 80 sind. Dann überhole ich sie damit nämlich. Manchmal. Wenn es keine Hiesigen sind, de Hiesigen bleiben schnell bis zum letzten Tag. Diesmal ist es nicht ganz so, denn die Valepp hinten im Tegernseer Tal ist ein brutal steiler Anstieg, das Rad ist mit Gepäck schwer, und die Konkurrenz ist jung und drahtig, weshalb ich sie ziehen lasse und meine eigene Geschwindigkeit krieche.

diretd

Sehr malerische Namen haben sie hier übrigens für ihre Berge. Zum Glück muss ich zur Erzherzog-Johann-Klause und nicht auf einen Schinder, einen Blankenstein oder gar einen Elendssattel. Nur zur Klause und dann ab nach Italien.

direte

An einem im Übrigen perfekten Tag. Sonnig, blau, warm, aber nicht heiß, mit flirrender Bergluft, die nach Alpenkräutern riecht. Ist man erst mal oben auf der Valepp, geht es eigentlich nur bergab oder gerade aus. Durch enge Schluchten, unter denen Wildbäche tosen, und später über breite Almen in Richtung Österreich mit feinem Kiesel, wie man ihn gern auf der Auffahrt zur eigenen Villa hätte. Ich rolle dahin und bin glücklich.

diretf

Bis zur Grenze nach Österreich. Ich will ja nichts über unsere entlaufenen Sklaven sagen, aber dort wird der Belag schlagartig rau und grob – die österreichische Präsidentschaftswahl unter den Wegen. Die verblichenen Schilder weisen nur noch grob in die korrekte Richtung. Und aus dem feinen Waldweg wird kein flussbegleitender Pfad gen Italien, sondern eine brutal ansteigende Geröllpiste mit vielen kleinen, fiesen Abfahrten über blanken Stein. Es geht vor allem bergauf, während sich der Fluss durch die Felsen nach unten frisst. Auf der Karte sah das ganz anders aus.

diretg

Was. Soll. Das? Unten in der Wildnis ist tatsächlich der Bach, oben unter nacktem Fels in extremer Bergeinsamkeit schindet sich der Mensch ein paar Meter nach Süden, dann entlang eines Seitentals erst nach Osten über Felsen hinunter und über spitze Steine gen Westen hinauf. Das mag in der Luftlinie die Diretissima sein, in der Realität ist es eine brutale, heisse, unbarmherzige Geröllpiste, auf der bergauf die Beine und bergab die Felgen vom harten Bremsen glühen. Irgendwann kommt eine Quelle, die ich gefühlt leer trinke.

direti

Zeit und Ort habe ich längst vergessen, die Sonne steht irgendwo, Uhr habe ich keine dabei, als ich über einen absurd steilen Geröllhang, an in die Gegenrichtung schiebenden, Schweissbäche hinter sich lassenden weissen, alten Männern vorbei an der Erzherzog-Johann-Klause ankomme. Dort möchte ich etwas essen, treffe aber einen alten, weissen Mann – hier gibt es scheinbar nur alte, weiss, drahtige und topfitte Männer – der ein Navigationsgerät hat und meint, erstens ginge es nach Brandenberg noch ein paar mal bergauf, zweitens sei die Strecke auch weiterhin kurvig, und drittens seien es von Pinegg vor dem grossen Anstieg nach Mayrhofen, Moment, 58 Kilometer und ob ich Lampen dabei hätte?

diretj

Er wünscht mir mit einem Unterton totaler Hoffnmungslosigkeit viel Glück. Schon sitze ich wieder auf dem Rad und überlege, wieso da vorne ein Anstieg kommen soll, aber zuerst einmal geht es bergab und dann wieder, weil da unten die enge Kaiserklamm ist, wieder bergauf. Kurz vor Pinegg ist dann der Weg nicht ausgeschildert, weshalb ich mich auf meinen Orientierungssinn verlasse, und deshalb nicht bei der Kaiserklamm in der Wildnis krepiere, sondern berichten kann, dass man sich immer schön rechts halten sollte, auch wenn da kein Pfeil nach Pinegg hinüber weist.

diretk

Von Pinegg nach Brandenberg führen zwei Wege, Der eine wird sofort steil, und der andere erst nach 200 Meter Abfahrt. Dafür wird er dann um so steiler.

diretl

Sehr steil. Steil und kurvenreich, nach Osten, nach Westen, manchmal auch 30 Höhenmeter hinunter und wieder hinauf, man weiss nie, wo man gerade ist.

diretm

Aber es ist schön. Wirklich schön. Von Deutschland aus kommt aus besten Gründen kaum jemand hier her. Deshalb ist es nicht überlaufen, sondern vergessen, übersehen und einfach schön. Die Sonne funkelt, Katzen sitzen im Gras, Kinder spielen, Balkone hängen voller Geranien.

diretn

Kilometer um Kilometer, Rampe um Rampe habe ich mich durch die Wildnis gequält, um das zu finden. Wie schön wäre es, jetzt zu verweilen und zu bleiben, sich an einen Tisch zu setzen und Schlutzkrapfen zu essen.

direto

Aber ich muss weiter nach Brandenberg. Schnell. Sonst komme ich in die Nacht auf meiner “Diretissima“, die wirklich alles andere als direkt ist, auch wenn sie, von Brandenberg aus zurück nach Deutschland gesehen, schön gelegen ist.

diretp

Es geht hinunter ins Inntal. Schnell und rauschend und mit 80 Sachen. Hier ist dann endlich die Abfahrt, die die ganze Strecke nach meiner Vorstellung hätte sein sollen, und als ich dann endlich in Brixlegg am Inn ankomme, geht die Sonne auch schon hinter dem Karwendel unter. Diretissime.

diretq

Und ich muss diretissime noch 40 Kilometer und 200 Höhenmeter das Zillertal hoch, trotz alle der Schinderei. Ich verfahre mich bei Bruck und muss einen zusätzlichen Berg erobern, es wird finster um mich herum, und ich war in Brixlegg schon am Ende meiner Kräfte. Aber es wird endlich kühler, ich esse noch zwei Bananen, und dann rollt es gen Süden. Es rollt richtig gut. Diretissime in Richtung Alpenhautkamm. Ich weiss, dass es nicht so ist, aber von vorne beginnt etwas zu ziehen, die hoch aufragenden Berge haben scheinbar eine magnetische Kraft. sie saugen mich auf. Es wird dunkel, es wird finster. Es könnte angsteinflössend sein.

diretr

Aber ich rolle immer weiter, werde schneller und schneller. Ich fühle mich gut, auch noch nach 1400 Höhenmetern und 90 Kilometern. Als ich in Mayrhofen bin, ist es gerade erst Nacht, und der Wirt meint, das Pfitscher Joch morgen nach Südtirol, das geht direkt hoch, das werde ich sehen: Ein Kinderspiel! Wenn man erst mal oben auf 2276 Meter angekommen ist, geht das ganz schnell.

13. Sep. 2016
von Don Alphonso
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11. Sep. 2016
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Leibeigenschaft ist auch nicht mehr das, was sie mal war

Denken ist eine Anstrengung, Glauben ein Komfort.
Ludwig Marcuse

Du kannst sie doch nicht da oben schlafen lassen, sagten meine Eltern, wenn ich Besuch von mehr als einer Person hatte. “Da oben“ ist meine alte, erste Wohnung in der Altstadt, und sie ist alles andere als gross: Knapp 27m², und man wundert sich, wie dort 3.000 Bücher, eine kleine Küche, ein Doppelbett und ein enges Bad Platz haben. Die Erklärung ist einfach: Gute Raumaufteilung und ein luftiger Blick hoch über der Stadt, der sie hell macht. Meine Eltern jedenfalls fanden, dass ich, wenn ich mehr als einen Gast habe, ihnen als vobildlicher Gastgeber doch die grosse Wohung überlassen und in die kleine Stube im Dach gehen sollte. Alles andere wäre peinlich. So winzig! Das geht doch nicht.

denka

Es ist die Sicht von Menschen gewesen, die wenig für das Leben in der Altstadt übrig hatten. Die Altstadt war bis in die 50er Jahre fast alles, was es an Stadt gab, und danach, in der Epoche der Neubauten und Blocks extrem unbeliebt. Dass wir das alte Haus noch haben, lag an der Beharrlichkeit meiner Grossmutter und am Umstand, dass ich bei der erstbesten Gelegenheit so eine Art familieninternes Rigaer94 gemacht habe: Kaum hatte ein Sachverständiger gesagt, dass die Wohnung im Dachstuhl wegen der Treppe hinauf umfangreich umgebaut werden müsste, was aber wegen des Denkmalschutzes nicht ginge, weshalb sie unvermietbar sei – schon hatte ich den ersten Kronleuchter, dem inzwischen Dutzende im ganzen Haus folgten, an die Decke gemacht. Ich formte Stuck und Bücherregale selbst, ich schliff alte Balken ab, und kehrte zurück in “de oide Kaluppn“, die der Familie nunmehr weit über 150 Jahre Schutz und Heimat war.

denkb

Das war vor einem Viertel Jahrhundert. Damals galt ich als erstaunlicher Exot, andere Familien verkauften gerade noch ihre Altstadthäuser. Heute ist die Stadt trotz Hitze rappelvoll, denn es ist Tag des offenen Denkmals, und Horden ziehen durch herunter gekommene Bruchbuden aus Mittelalter und Barock, die allen höchst begehrlich erscheinen. Es winkt Denkmal-AFA beim Steuersparen, und die ideale Wohnlage in einer dummen, kleinen Stadt an der Donau, deren Reichtum seinesgleichen sucht. Altstadtvermieter ist inzwischen wieder ein Bombengeschäft, sofern man so ein Haus hat, und entsprechend wird hier saniert, was noch zu sanieren ist.

denkc

Es ist ganz leicht, die Anzahl der verfügbaren Wohnungen stagniert, die Anzahl der Zugezogenen, die vom Reichtum angelockt werden, steigt. Und deshalb werden nicht nur die grossen Häuser der Patrizier renoviert, sondern auch alte, schlechte Stadtbauernhäuser, in denen bis vor ein paar Jahren noch Migranten aus Bosnien Parolen an den Wänden hinterliessen.

denkd

Wirklich schäbige Bruchbuden, mit abgetretenen Treppen, maroden Dächern und Decken so niedrig, dass man keinen Kronleuchter aufhängen kann. Vielleicht, so hoffen Käufer, kann man die alten Dielen unter dem Linoleum noch retten. Vielleicht finden die Mieter alte Dachkammern romantisch. Vielleicht sind ihnen die Nachteile egal. Es ist gut möglich, denn der Blick auf Hausmauern, die nur einen halben Meter entfernt sind, schockieren heute längst keinen mehr.

denke

Es kommen Junge und Alte, es kommen Geldige und nicht ganz so Vermögende, es kommen andere Besitzer und solche, die es gern wären. Es ist etwas Stolz auf die eigene, schöne Heimat dabei, auch wenn nicht jeder Speicher wirklich schön ist. Es ist manchmal auch die Überlegung dabei, wie es sein wird, wenn man alt ist und draussen vor der Stadt in einem zu grossen Haus lebt, und nicht alles, wie in der Stadt, ohne Auto erledigen kann. Man stöhnt nicht mehr über die Restaurierungskosten, sondern über die Geldentwertung.

denkf

Man plaudert. Man plant. Man überlegt. Man hört, dass es so gut wie unmöglich ist, ein altes Haus in der Stadt zu kaufen. Man arbeitet heute Türen und Fenster wieder auf. Man hat verstanden, dass Menschen auch gewisse Nachteile des Altbaus in Kauf nehmen, wenn sie die Vorteile geniessen können. Man hat keine echte Konkurrenz. Neubau verheisst schon lang kein Prestige mehr. Auch wenn nun schlaue Leute kommen und denen, die kein altes Haus haben, ein anderes Angebot machen. Comfortapartments. Bis 28m². 194 Stück.

denkg

Das ist aus der Tagespresse. Dort wirbt ein Konsortium um Investoren, die Neubaulöcher, so würde der Patrizier sagen, für teures Geld an Investoren verkaufen. In der Altstadt sieht man die enge, aber gleichzeitig praktisch gelegene Wohnsituation vergangener Zeiten: Die Moderne bietet mit der “Comfortwohnung“ auch nicht mehr Platz, aber dafür den Blick aus Ausfallstrassen, eine Eisenbahnlinie und andere trostlose Investitionsobjekte, mit denen die Familie K. diese Ecke der Stadt früher verschandelte. Zum Glück ist das weit draussen. Da, wo niemand wohnen will. Ausser denen, die keine Alternative haben.

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Ich finde das schrecklich. Meine kleine Dachwohnung war nur eine Wochenendbleibe, denn ich lebte damals in München. Die Comfortapartments sind dagegen als dauerhafter Lebensraum ernst gemeint. Sie sind nur scheinbar im Widerspruch zu den steten Wünschen nach mehr Wohnfläche, der den Deutschen nachgesagt wird: In Wirklichkeit sagt der Durchschnitt gar nichts, denn auf jeden von meiner Art kommen 7 andere, deren Wohnraum wir statistisch von 45m² auf 30 verkleinern (und da rechne ich Zweitwohnsitze nicht mit). Ich kenne eigentlich nur so Leute wie mich: Das heisst, dass viele nicht mehr Platz als solche Comfortapartments haben. Bitter. Aber so ist das in der Single- und Dienstleistungsgesellschaft. Hart arbeiten, hart zusammenrücken. Aber eben draussen vor der Stadt.

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Man baut solche Waben nicht so, wie ich das bei meiner Gästewohnung gemacht habe, weil es gerade ging – man macht das da draussen mit Bedarfsanalysen und Einrechnung der zukünftigen Entwicklung. Man bietet das nicht zufälligerweise jenen an, die Geld haben: Sie wissen, es gibt die Besitzenden und diejenigen, die zwangsweise mit dem Raum auskommen müssen. Es ist, im Gegensatz zur Altstadt, alles durchdacht und geplant. Es muss eben reichen. Mehr ist nicht da, für jene, die dort einziehen.

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Und noch etwas. Es gibt eine App. Die Wohnanlage hat eine App, mit der man sie verwalten kann. Der Mieter wird dadurch zu einer Funktion auf dem Mobiltelefon.

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Ich habe heute, wie immer, viel Dreck gesehen. So ist das nun mal, wenn Häuser abgewohnt sind, und restauriert werden müssen. In einem Raum kamen 170 Farbschichten hervor, aufgetragen in 550 Jahren. Das sind Spuren des Lebens. Aber dieses neue Objekt da draussen hat eine Verwaltung und eine App und einen Rundumservice für den Besitzer und einen, der je nach Finanzkraft Comfort oder Comfort L/XL bewohnen darf.

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Hin und wieder mache ich hier Witze darüber, dass die Leibeigenschaft besser als ihr Ruf war, und der aufgeklärte Absolutismus weder Merkel noch AfD zugelassen hätte, und darüber sollte man auch mal nachdenken. Ist es so viel besser, Verwaltungsgegenstand einer App zu sein? Es heisst nicht “Sklaverei“. Andere Städte haben auch 21m² zu bieten. Es ist die Zukunft des Wohnens, die man überall bekommen wird. Genau diesen Comfort. Solange man es sich leisten kann.

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Jedenfalls, das, was meinen Eltern für Gäste als unzumutbar hielten, ist jetzt Mittelklasse-Comfort. Die Villen, die man früher einfach so baute, können sich viele nicht mehr leisten. Die Claims in der Altstadt sind verteilt. Die einen sind drin und die anderen draussen, hinter der App.

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Und einmal im Jahr geht man in alte Häuser und schaut sich an, wie es früher war, und wie das Leben sein wird, das die meisten sich nicht mehr werden leisten können. Wir leben in einer Welt, in der der Comfort bei 21m² beginnt. Das hätten sich meine Eltern nicht träumen lassen, als sie meinten, so eine Dachkammer, das ginge allenfalls für das Wochenende. Eventuell, wenn ich das so deutlich sagen darf, erscheint die Entwicklung dieser Gesellschaft weitaus weniger vorteilhaft, als man vielleicht glauben möchte, wenn man durch längst vergangene, mittelalterliche und überwunden geglaubte Bausubstanz streift. Politiker versprechen Ihnen mehr Wohnungen. Aber keine Villen und Paläste.

denko

Denken Sie mal drüber nach.

11. Sep. 2016
von Don Alphonso
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08. Sep. 2016
von Don Alphonso
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TMT: Auch das Glück lässt sich erzwingen

Die einzigen Gipfelgespräche, die wirklich einen Sinn haben, sind die der Alpinisten
Luis Trenker

Was ist Glück?

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Die Balkontür auf dem Patscher Sattel öffnen, barfuss auf das alte, vom Sonnenlicht silbrig gewordene Holz hinaustreten, das Blau eines frühen Tages im Gebirge sehen – wie am ersten Tag meiner transalpinen Reise, nur kühler.

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In einem Haus sein, in dem man den Schlüssel beim Verlassen einfach an das Brett hängen kann, weil sie einem vertrauen, selbst wenn sie einen erst zwei Tage kennen. Einfach anrufen soll ich, wenn ich das nächste Mal Richtung Süden vorbei komme, um den Jaufenpass zu bezwingen. Sie freuen sich, wenn ich komme.

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Am Vortag eine neue Umwerferschelle in Sterzing finden, die passt, und es erlaubt, wieder alle Gänge auf dem weniger als 500 Euro teuren Rad zu schalten, das ansonsten brav gedient hat. Gib mir einen Fünfer, das passt, sagte der Händler, als er von meinem Weg über die Berge gehört hatte.

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Nicht nachdenken. Nachdenken macht nicht immer glücklich, und würde vielleicht zur Erkenntnis führen, dass dies schon der letzte Tag ist, und das Abenteuer der Alpenüberquerung hin und zurück in fünf Tagen, vom Tegernsee nach Meran und zurück, nun unweigerlich enden muss. Nicht denken, nur sein. Da hilft so ein steiles Gefälle hinunter ins Inntal, und der Fahrtwind bläst die feuchten Augen trocken.

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Nehmen, was man kriegen kann. Es ist der letzte Tag des Ausrollens in einem kleinen Abenteuer mit 36 Grad Hitze im Tal und Graupelschauer auf 2000 Meter Höhe, mit Blitz und Sonnenschein. Wenn da etwas Kultur am Wegesrand zu finden ist, und Zeit bleibt, weil dieser letzte Tag mit einem dicken Sicherheitspolster geplant ist, dann sollte man auch absteigen und verweilen können.

tmtif

Das ist, kurz vor dem steilsten, schnellsten Stück bei Ampass hinunter nach Hall in Tirol, die Wallfahrtskirche. Wer hier oben angekommen ist, hat das schlimmste Stück der alten Brennerstrasse hinter sich, und wer hinab fährt, tauscht die im Übermass vorhandene Geschwindigkeit gegen ein phantastisches, lebensfrohes Stück Rokoko ein, das man so in abgelegen scheinenden Dörfern gar nicht erwarten würde.

tmtig

Ich bin in den den vergangenen Tagen bergauf wie ein Verdammter zum Höllentor gekrochen, und ich bin hinunter gerast; als wären alle Teufel hinter mir her, aber eigentlich möchte ich ja so federnd leicht durch das Dasein schweben, wie dieser Engel. So geht es mir auch gerade. Es geht mir gut. Ich muss nur noch 40 Kilometer durch das Inntal, und dann den Achenpass wieder hinauf und hinunter, und dann habe ich es geschafft.

tmtih

Das Hochkraxeln zum Achensee ist dann, um ehrlich zu sein, kein Schweben mehr, aber Glück ist auch, an einem Brunnen zu halten und die heissen Arme und das Gesicht ins kalte Quellwasser zu halten. Andere sitzen vielleicht gerade beim exklusiven Wein und sprechen über brombeerige Noten und Abgang, und denken, dass wir Glücklichen, wir Reichen dieses Planeten, das auch tun sollten, um unser Konsumglück zu erfüllen. Neben mir brummt der Verkehr den Achenpass hoch, ich fühle den leichten Wind auf der nassen Haut und schütte eine Flasche kaltes Wasser in mich hinein: Ein grösseres Glück kann es in diesem Moment für mich nicht geben.

tmtii

Andere würden beim Weg nach oben vielleicht die Lastwagen sehen, aber ich bin positiv gestimmt, und sehe die Bergwiesen und den Blick hinüber ins Zillertal. Ich habe Zeit, ich kann überall halten, und mich auf eine Wiese setzen. Es ist der letzte Tag, es sind nur 800 Höhenmeter, nichts im Vergleich zu den früheren Tagen. Glück ist auch nicht das Wissen, dass so eine Tour möglich sein wird. Glück ist, sich deshalb keine Gedanken mehr zu machen.

tmtik

Als ich dem Jaufenpass von Meran aus hoch gefahren bin, habe ich an einer Plattform Rast gemacht und ins Passeier Tal hinunter geschaut. Hinter mir hielt ein Auto, ein alter Mann stieg aus, und schleppte sich auf zwei Gehstöcken zum Geländer.

Is scho schein, sagte er im südalpinen Dialekt.

Jo!, sagte ich.

tmtij

Nehmen, was man kriegen kann, solange es geht. Egal ob auf zwei Stöcken oder auf einem technisch längst obsoleten Rennrad, das jahrelang Staub in einer Garage ansetzte, und mich fast durchgehend treu über alle Berge und durch alle Kurven brachte. Und durch alle Vollbremsungen wie die beim Neuwirt in St. Peter, weil ich da im Vorbeifahren etwas las, was ich vorher nie gesehen hatte, und das eigentlich alles erklärt.

tmtil

Andere wissen vielleicht, wie hoch ihr Kalorienverbrauch gewesen ist, und wie schnell sie einen Pass hoch fahren. Andere sind echte Sportler. Ich bin nur ein Geniesser in Bewegung. Ich halte gern an, ich achte nicht auf den Schnitt, ich brauche lang und sehe viel. Glück ist natürlich auch, irgendwann oben auf einem Pass zu sein. Ein Glück. Unter vielen.

tmtim

Glück ist es, wenn der Heimweg nicht durch Industrieansiedlungen oder Städte führt, sondern auf einem gesperrten Weg entlang des Achensees. Vor 100 Jahren war das noch der Treffpunkt der Innsbrucker feinen Gesellschaft, als man noch kein Wellness kannte und Luxus die Fahrt mit dem Raddampfer 1. Klasse zum Cafe und zur Torte war. Weit sind wir seitdem gekommen, wir haben Diätpläne, Aspirin, wenn der Bildschirm zu sehr flimmert, und wir haben sogar Tabletten für unsere Depressionen, wenn das alles nicht so schön ist.

tmtin

Und noch ein Stück weiter, dann unten am Tegernsee, in Deutschland, daheim. Hier ist es auch schön. Insgesamt war ich schneller als gedacht, es lief alles viel besser als erwartet, und deshalb sitze ich noch eine Stunde am See. Vermutlich sollte ich mir ein paar tiegreifende Gedanken zu einer metaphysischen Bedeutung der Reise machen, aber mir fällt nichts ein. Ich denke nicht. Ich sitze in der Sonne und bin glücklich, erschöpft und gerade klug genug, um vor Anbruch der Dunkelheit heim zu fahren, wo sich die Nachbarn, vor denen ich vor 5 Tagen geprahlt habe, nun anhören dürfen, dass alles gut gegangen ist.

tmtio

Eines bleibt dann noch zu tun. Ich habe in Meran zwei Stockschilder gekauft. Eines mit Meran, das ich am Vorbau befestige. Denn wo immer ich auch hinfahre, geht es jetzt emsig wie ein Geissbock in Richtung Meran. Meran ist wirklich schön. Ein Ort, an dem man glücklich sein kann.

tmtip

Und ein weiteres Schild vom Jaufenpass für das Sattelrohr. Damit ich, wenn ich das nächste ‚Mal vom Sattel aus zweifelnd auf meine Beine schaue, mich daran erinnere, dass ich dort von beiden Seiten aus zum Gipfel gekommen bin. Wenn das geht, geht alles. So einfach ist das. Deshalb macht man es, und wenn andere schneller, jünger, stärker, klüger sind, dann ist es eben so. Ich bin kein Sportler. Ich bin nur vom Tegernsee nach Meran und zurück auf einem spottbilligen Rad gefahren, und bin gesund, glücklich und zufrieden heimgekommen.

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Das ist alles.

08. Sep. 2016
von Don Alphonso
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04. Sep. 2016
von Don Alphonso
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TMT: Die höchsten Pässe haben die dicksten Torten.

never fly straight and level for more than 30 seconds in a combat area

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Der helle Streifen, der am Grat entlang führt, die Strasse dort oben: Das ist das Ziel. Und das Rad dort unten ist mein Rad. Es sind 180 Höhenmeter dazwischen. Ich weiss, es sieht ernüchternd aus. Aber in Wirklichkeit ist es schon fast ganz oben. Es sind nur noch drei Kilometer. Da liegen schon 37 Kilometer hinter mir. Und über 1600 Höhenmeter Anstieg. Und eine Aufzugfahrt hinunter im schönen Meran, das an diesem Morgen gar nicht so schön, sondern noch nass vom Regen der Nacht ist.

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Ich wohnte ganz oben unter dem Dach, wo die Alleinreisenden einquartiert werden, und traf im Aufzug den gefühlt einzigen anderen halbwegs jungen Menschen: Eine Deutsche, die mit Wanderschuhen offensichtlich ebenfalls hoch hinaus wollte. Sie sagte, sie wisse nicht, ob Wandern heute eine gute Idee wäre. Ich antwortete, sie sollte, egal was passiert, an mich denken: Meine Idee sei, egal, was sie tun würde, mit Sicherheit noch schlechter.

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Denn meine Wohnung am Tegernsee, wo meine Reise begann, liegt auf ziemlich genau 800 Höhenmeter. Die erste Etappe endete auf 1000 Höhenmetern. Und Meran liegt auf rund 350 Höhenmetern. Das bedeutet, dass die Heimreise erheblich mehr Kletterei mit sich bringt, als die Anreise. Die am wenigsten brutale Variante ausser der Aufgabe und mit dem den Bus nach Hause fahren bedeutet, auf genau dem Weg zurück zu fahren, auf dem ich gekommen bin. Über den Jaufenpass, über den Brenner und die Ellbögenstrecke nach Patsch. Das sind, auf etwas mehr als 100 Kilometer veteilt, insgesamt 2600 Höhenmeter nach oben. Und am Beginn steht erst der durch stetes Auf und Ab gekennzeichnete Weg durch das Passeier Tal nach St. Leonhard, und dann der ganze Jaufenpass bis auf 2094 Meter. Das klingt hart, aber alle anderen Optionen – über das 2550 Meter hohe Timmelsjoch oder über das 2210 Meter hohe Penser Joch mit 40 Kilometer Umweg – wären noch viel schlimmer. Daran dachte ich, als ich das Ortsschild von Meran hinter mir liess: Schlimmer geht immer.

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Ich radelte hier also nicht als alter, weisser, leicht übergewichtiger Mann in mein sicheres Verderben, ich war hier unter dem grauen Himmel in der besten aller für mich gerade möglichen Welten. Ich bin die Strecke herunter öfters gefahren – hinauf ist es sogar mit dem Auto ermüdend, und da sass ich also auf meinem Rad, an dem eine neue Umwerferschelle zumindest zwischen 2 der 3 Kettenblätter schaltete, und wusste, welche Strecke mich erwartet. Aber nicht, ob ich das schaffen würde. Allein, es könnte schlimmer sein, dachte ich mir.

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Ich könnte auch ganz alt sein, in einem Reisebus für Radreisen sitzen, mich hinauf nach St. Leonhard fahren lassen, und danach mit anderen, wirklich alten Menschen, das Tal wieder hinunter rollen. Es ist fraglos bequemer, für den Moment im Bus zu sitzen, aber das ganze sonstige Dasein, das einen zu solchen Krücken verdammt – das ist nicht mehr so schön wie meines, in dem ich meinen Beinen ein gewisses Misstrauen entgegen bringen kann. Ich wusste da unten nicht, ob ich das schaffe. Die im Bus wissen, dass sie niemals mehr aus eigener Kraft nach oben kommen werden. Ich radelte in der Unsicherheit des Lebens. Sie sassen in der Sicherheit der Vergänglichkeit. Ausserdem konnte ich bei einem Stand am Wegesrand anhalten, und mich mit frischem Apfelsaft betanken.

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Wohin, fragte der Verkäufer, und ich sagte, nach Patsch über den Jaufenpass und den Brenner, und bekam ohne zu fragen einen Rabatt, denn wer so von allen guten Geistern verlass mutig ist, so eine Strecke unter die Räder zu nehmen, und zusätzlich noch Speck und getrocknete Steinpilze in seine Satteltaschen stopft, der verdient sich hier schon einen gewissen Respekt. Früher brachte der Bergbursch dem Dearndl daheim Enzian und Edelweiss mit, aber in Zeiten des Naturschutzes ist es eben etwas zum Essen, das mit eigener Kraft über die Berge getragen wird. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich also schon zweimal mit meiner kommenden Leistung geprahlt und ausserdem damit Rentner im Bus diskriminiert: Es gab kein Zurück mehr.

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Und so machte ich ein Bild von den ins Tal rollenden Rentnern, deren Bus mich kurz hinter Meran überholt hatte und die erst jetzt, 20 Kilometer weiter, ihre Räder ausgeladen hatten, als ich in Richtung Jaufenpass stampfte. Dort pinkfarbene Funktionskleidung, E-Motore im Tretlager und Schutzbleche, hier Lycra mit italienischer Tricolore und Squadra-Aufschrift, ein harter Tritt in die Pedale und ein Rad, das weniger als ein Ersatzakku gekostet hat. Mit den einen geht es abwärts, aber der eine, der ist zu Höherem geboren. Neben mir donnerten ein paar Rocker aus dem Rheinland vorbei, Bomm, bodobodobomm,, Bobobomm Bomm, es klang wie der Soundtrack zum Film Battle of Britain. Und dann begann der lange, lange Weg hoch in die Wolken.

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Es ist nicht direkt schön. Es ist auch kein famoser Bergsieg. Es ist, das musste ich unterwegs ehrlich anerkennen, eine Schinderei mit teilweise phänomenaler Aussicht. Es ist ein Kampf nicht nur gegen den Berg und die Schwerkraft, sondern auch gegen die eigene Verzagtheit, weshalb ich mich immer wieder umdrehte, hinab schaute und mir sagte: Schau. Das ist alles schon hinter dir. So weit bist du schon gekommen. Die Beine schmerzen noch nicht. Die Lunge brennt noch nicht. Trink einen Schluck, dann geht es weiter.

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Weiter vorbei an den Rockern, die sich zwischenzeitlich zum Essen in einen Gasthof gesetzt haben. Vorbei an Preiselbeerzupfern im Wald, vorbei an Wasserfällen und Gedenksteinen, die vom Tod derer künden, die nicht weiter kamen. Vorbei an Wiesen und Höhenmarken, durch Tunnel und Bergwälder, über lange Geraden und enge Serpentinen.

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Und wenn man ehrlich sein wollte, ist es gar nicht so schlimm. Die Südrampe ist zwar lang, aber weniger steil als die Nordrampe. Der Unterschied zwischen 8% und 9% klingt unbedeutend, aber es ist auf einem schwer beladenen Rad der Unterschied zwischen beständigem Aufstieg und verbissenem Kampf. Je höher man kommt, desto lebensfeindlicher wird die Landschaft – aber zur Selbsterkenntnis gehört auch, dass man in der letzten Kehre, auf 2000 Meter, das Leben sehr viel deutlicher als sonst fühlt.

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Es ist einsam. Jeder kämpft für sich allein, jeder ist für sich selbst verantwortlich, und genauso hätte ich unten im Aufzug sagen können, dass es regnen wird, und ich mich gerne anbiete, der Touristin das versteckte Cafe Saxifraga zu zeigen, und auf der Sommerpromenade bis zum Sisi-Denkmal zu schlendern. Es gibt immer eine Alternative und einen Bus nach Hause. Man trifft eine Entscheidung. Manchmal scheitert man. Manchmal, davon künden die Kreuze, überlebt man es nicht. Manchmal hat man nur noch einen Kilometer, wird von den Rockern in der Bergeinsamkeit überholt und schliesst auf einen anderen Kämpfer auf, in einer grandiosen, steingewordenen Landschaft auf einer Strasse, die Gott am 7. Tag gebaut hat.

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Irgendwann – eigentlich viel schneller als gedacht, nach drei Stunden – bin ich oben.

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Es gibt Torte. Eine riesige Himbeersahnetorte im 50er-Jahre-Format. Hier oben haben sie den Diätfaschismus im Tal überlebt.

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Und auf der Nordseite einen Regenbogen über das gesamte Tal hinweg.

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Bomm, bodobodobomm,, Bobobomm Bomm, kommen die Rocker von hinten, die oben applaudiert haben, als ich angekommen bin. Ich schwinge mich in den Sattel und fahre da runter. 12 Kilometer, 1150 Höhenmeter nach Sterzing, nur bergab, durch Regen und Sonne, und ich bin schnell, sehr schnell, viel schneller, als ich mir das eigentlich vorgenommen habe. Normalerweise setzt irgendwann die Erkenntnis ein, dass zwischen einem und dem Asphalt nur ein mit 7 bar aufgepumpter, 23 mm breiter und 210 Gramm schwerer Reifen ist, und sollte der platzen, sind es nur 2 Zentimeter Styropor auf dem Kopf, und 1 mm Lycra, die einen schützen. Dann bremst man. Oder auch nicht. Diesmal nicht. Nirgendwo, wo es nicht unbedingt sein muss.

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Nur unter uns, sagen Sie es nicht weiter, mein Cabrio geht 250 und wenn man damit offen fährt, wirkt das schon irgendwie schnell. Aber das hier, auf schmalen Reifen direkt in der Luft, die das einzige ist, was einen beim Sturz in die Tiefe noch bremst, während rechts der Bergwald und links der Abgrund vorbeifliegt – das ist nochmal eine ganz andere Erfahrung von Geschwindigkeit. Als Radler ist man normalerweise am rechten Rand. Aber nicht hier. Hier nimmt man sich auf der Ideallinie alles, was man von der Strasse kriegen kann.

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Drei Stunden später bin ich wieder in Patsch an meinem alten Hotel. Ich bin durch die sengende Hitze über die Rampe nach Gossensass geklettert und im Wipptal in ein weiteres Berggewitter gekommen, ich habe einen dreifachen Regenbogen gesehen und mich immer weiter voran gekämpft. 800 Höhenmeter Kraxelei blieben noch, aber es ist nichts, wenn man einmal den Jaufenpass hinauf und hinunter gefahren ist, sich dort genommen hat, was man kriegen konnte, und das Adrenalin immer noch in den Adern kocht.

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Man siegt nicht über den Berg. Über den Berg kann man nicht siegen, er ist einfach da und wird noch lange da sein, wenn es den Server, auf dem dieser Text liegt, längst nicht mehr gibt, das Verlagshaus in der Hellerhofstrasse abgerissen ist und das Hotel in Patsch verfällt, und ich und alle Leser vergessen sind. Man kann über seine Zweifel siegen, seine Ängst, die Unsicherheit und vielleicht, ein wenig, eine Weile, auch über den eigenen Verfall. Und über die Ironie, die man als Schutz zu brauchen meint, bis man im Bett liegt, draussen die Sonne untergeht und einfach nur das ist, was man ist: aus eigener Kraft 110 Kilometer weiter und 2600 Meter höher.

Die einen schaffen viel mehr, die anderen kommen nie so weit. So einfach ist das, eigentlich.

04. Sep. 2016
von Don Alphonso
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31. Aug. 2016
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TMT: Knubbelknie und fette Beine

I’m dirty, mean and mighty unclean

Ich entschuldige mich an der Rezeption in Meran für meine äussere Erscheinung. Ich komme durch die Hitze am Brenner nach Meran, und durch den Graupelschauer eines Gewitters oben am Jaufenpass. Nach dem zweiten Tag der Alpenüberquerung sehe ich auch etwas ausgemergelt aus, weil man gar nicht so viel essen kann, wie man an Kalorien verbrennt. Freundinnen vibrierender, schmutziger, heissgelaufener Männlichkeit mit der Reinlichkeit eines durchschnittlichen Berliner Hipsters könnten meiner Erscheinung etwas abgewinnen, aber der Rest würde mich dorthin schicken, wohin auch auch sofort gehe: Unter die Dusche. Um dann am nächsten Morgen ordentlich am Buffet zu erscheinen und den dortigen Rentnern einen guten Eindruck zu vermitteln. Wie man das in Meran eben so macht.

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Jetzt, da in den meisten Bundesländern die Schule wieder begonnen hat, wird Meran von den ansonsten viel geschmähten Alten förmlich überrannt, die die frei gewordenen Hotels für lange, ausgedehnte Wanderurlaube zur Weinverkostung und zur Busfahrt zurück zum Hotel nutzen. Meran böte genug gute Gründe für eine Rentenkürzungsdebatte, denn das junge Leben sitzt längst wieder im Büro oder in der Fabrik, und hat so gar nichts mit den viel photographierten Grazien gemein, die auf dem Kurhaus, in Stein gemeisselt, fröhlich tanzen. Es sind übrigens eher vier Grazien, die, um es höflich auszudrücken, gar nicht dürr oder eingefallen daher kommen. Sie sind wohlgenährt, und dennoch richten sich alle Kameras auf sie.

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Es sind auch keine Rubensschönheiten und Botero hat sie nicht gemeisselt, aber wenn man sie heranholt und genauer betrachtet, dann sieht man durchaus voluminöse Oberschenkel, die mit Muskulatur aufwarten. Man sieht sehr runde Brüste mit Nippeln durch den antikisierenden Chiffon der leichten Sommerkleidchen, und vor allem sieht man, dass die Becken durchaus mehr gebärfreudig denn schmal sind. Alles an ihnen ist rund. Es ist mit Sicherheit das beliebteste Photomotiv der Stadt: Vier feminine, runde, hopsende Frauen in leichten Kleidern auf dem Kurhaus, die das pralle Leben aufführen und keine Ahnung davon haben, was ich so alles über Körper erfahre.

tmtmerc

Ich lese zwar keine Frauenzeitschriften, aber feministische Blogs und linksbizarre Hassprojekte, in denen Crystalmettis moralische Vorgaben machen und Ex-Stasiletten von wildlaufenden Schweinen raunen – man will wissen, was die gegen einen Rechtsmittel prüfende Seite so denkt, daheim in Deutschland, hinter den Bergen (weiss man übrigens schon, welche moralisch wichtige Initiative diesmal die Gruppe des Tortenwerfers auf Meuthen mit Staatsgeldern gefördert hat?). Bei den Drogenkäufern und den DDR-Vorgeschichten bleibt es bei ihrer überlegenen Menschlichkeit, der 100% richtige Reinheit, aber bei Feministinnen muss ich mich öfters durch einen Wust von Körperleid quälen, bevor ich die ein oder andere Spitze in meine Richtung finde: Die meisten finden sich zu fett. Viele berichten von vergeblichen Diäten und langen Frustrationen. H&M ist böse, weil sie in deren Kleider ihre Schenkel nicht bringen und die Brüste zu gross sind. Sie sehen Fettrollen, ausladende Hintern und beklagen, dass sich ihre Oberschenkel aneinander reiben.

tmtmerd

Nun habe ich gerade gut durchtrainiert mit 60cm einen Oberschenkelumfang, den viele Frauen gern als Taille hätten. Ob meine Beine aneinander reiben, weiss ich nicht – ich habe noch nie darauf geachtet. Wenn etwas nicht passt, trage ich es eben eine Nummer grösser. So lange mir bei einem Trachtenfest 3 Frauen auf den lederbehosten Hintern hauen, kann der Schinken nicht ganz schlecht geformt sein. Ja, ich bin etwas zu füllig, aber das sind viele und angesichts der sonstigen Kriterien bei der Partnerwahl kann ich mich über mangelnde Gelegenheiten nicht beschweren – andere sind noch unförmiger, MdB der Grünen oder sonstwie ein absolutes No-Go. So genau kenne ich die Kriterien nicht, weil Frauen da keine Auskunft geben – aber es gibt fraglos in der Provinz einen funktionierenden Markt für weisse, heterosexuelle, ungebundene Männer mit mehreren Wohnsitzen, Sportwagen und unrasierten Beinen wie dorische Säulen. Männer, die nicht ins Berghain gehen könnte, aber dafür durch Wände, Unwetter und Katastrophen. Männer, die sich ihre Seife seit 30 Jahren beim immer gleichen Imker auf dem Wochenmarkt kaufen und manchmal auch Felgenreiniger nehmen, wenn nichts anderes da ist. Männer, denen die Badausstattung egal ist, weil sie dort keine Minute länger als nötig sind. Männer, die umgekehrt nicht wissen, was die bei Feministinnen so verhassten Knubbelknie sein sollen. Es gibt bei Frauen Unterschenkel und Oberschenkel und ein Gelenk dazwischen, und das war es. Ich kann ich bei Frauen an vieles erinnern – aber Knie? Das galt – “Iiiich hab Dein Knie gesehen“ – doch das letzte Mal in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als erotisch, bevor es Internet und Pr0neaux gab, und Flaschenöffner in Dirndlform.

tmtmere

Doch, so etwas wird in Meran mit wahrer Begeisterung gekauft. Schwer vorstellbar, dass ein derartiger Käufer Verständnis für Hashtags hat, in denen Frauen fordern, man sollte sie für ihre Pfunde oder nicht der Mode entsprechenden Oberweite bemitleiden. Die meisten Älteren hier haben ganz andere und echte Sorgen wegen ihrer Körper: Sie brauchen Stöcke, Ebikes und Stützstrümpfe. Sie haben vielleicht noch ein, zwei Jahrzehnte zunehmend vereinsamt zu leben. Sie stehen dauernd an Gräbern irgendwelcher Freunde und schauen Krebs und Demenz zu. Niemand hat hier auch nur einen Funken Verständnis für eine 30-Jährige, die völlig überzogene Ansprüche an das Leben hat, ideologische Forderungen wie zur Kulturrevolution stellt und am Ende glaubt, dass ihre Einsamkeit etwas mit ihren Knubbelknien zu tun haben muss. Das alles wird übrigens, wenn sie erst 35 oder 40 oder so alt sind, dass sie eine Ex-Stasilette sein könnten, auch nicht besser. Apropos Social Media Stasi: Das hängt in meinem bevorzugten, vor allem von Frauen frequentierten Haushaltswarengeschäft unter den Lauben:

tmtmerf

Auch hier sehen wir eher der Jugend zugetane, aber nicht auf aktuelle Körperideale der Frauenzeitschriften und der sie rezipierenden Feministinnen Rücksicht nehmende Vorstellungen von Form und Fülle. Wenn Menschen bereit sind, für so ein Holzbrett Geld auszugeben, sind sie auch bereit, sich mit solchen Körpern anzufreunden, selbst wenn sie nicht in H&M-Sommerkleider passen. Und die runden Damen auf dem Dach der Kurhauses werden vielleicht auch gar nicht wegen der durchsichtigen Kleider abgelichtet, sondern allein wegen der hemmungslos guten Laune, die sie verbreiten. Es kommt alles auf die richtige Mischung an. Niemand in perfekt. Alle haben ein paar Nachteile und Schattenseiten. Die verbirgt man, wenn man nicht gerade als Blogger damit sein Geld verdient, und stellt das Positive heraus.

tmtmerg

Wenn man erst mal die grauen Haare mit Tüpfelhyänenpunkten aufpeppen muss, ist es zu spät. Diese Phase des Daseins kommt früh genug und dauert unerquicklich lang. Viel wird von solchen angeblich Knubbelknieenden auch von der absehbaren Altersarmut gesprochen: Das mag sein, aber besonders bitter ist es, vorher die Jugend an sinnlose Ideale und unerfüllbare Ansprüche verschwendet zu haben. Andere gehen zum Jungbauernball in Wattens oder zur Schaumparty in Warngau: Die haben auch eine Facebookseiten, aber auch gute Laune und andere Prioritäten, und sind, möglicherweise, oft auch glücklich. Ich kam auf meinem Weg nach Meran mitunter an alten Paaren vor ihren Häusern vorbei, die mich freundlich grüssten.

tmtmerh

Ich habe ihre Knie nicht angeschaut, und meine Beine wirbeln zu schnell, als dass man sie mit ihren Schrammen, Narben, Borsten und Knien genauer anschauen könnte. Morgen bin ich wieder auf dem Weg nach Hause, als rollendes Gesamtbild auf den Pässen. Ich werde glühen, brennen und schwitzen und kein Cover der Cosmopolitan zieren, aber das Leben bei den Brüsten packen, wenn ich sie fassen kann. So einfach ist das hier. Man muss nehmen, was man kriegen kann, bevor man nur noch mit dem Rollstuhl in das barrierefreie Luxushotel geschoben wird, um sich an der Rezeption für die Umstände zu entschuldigen, die man machen wird, statt für den Dreck der Strassen und die Hitze, die die nackten Oberschenkel verstrahlen.

tmtmeri

Daran wird man in den Bergen öfters als an Knubbelknie erinnert. Der grosse Gegensatz ist nicht zwischen den Photoshopkunstwerken und der Realität, sondern zwischen Leben und Tod. So einfach ist das hier. Die einen sind auf dieser Welt, die anderen liegen unten.

31. Aug. 2016
von Don Alphonso
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29. Aug. 2016
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TMT: Jedes Problem lässt sich mit Gewalt lösen.

I will win this fight

Draussen wird es langsam dunkel, aber die Scheinwerfer der Urlauberautos machen die Europabrucke weit unter mir zu einem leuchtenden Band inmitten der alpinen Finsternis. Ich bin 100 Kilometer weit gekommen, auf 1000 Meter hoch, ich habe zwei Pässe überwunden und die Gluthitze im Inntal überlebt, und nun sitze ich am Fenster und denke nach.

tmtga

Denn ich habe keinen Umwerfer mehr am Rad. Meine geplante sub500challenge mit der Idee, auf einem billigen Rad, billiger als der Durchschnitt, nach Meran zu gelangen, in zwei Tagen über vier Alpenpässe: Sie droht zu scheitern. Wegen eines kleinen Metallstiftes. Ich sitze da, schaue in die Nacht, und zitiere Brecht:

Den Haien entrann ich, den Tiger erlegte ich,
aufgefressen wurde ich von den Wanzen.

tmtgb

Hinter mir läuft die historische Wanne des Gasthofes voll mit Wasser, und als ich dann zwischen dem letzten Licht vor dem Fenster und den orangen Kacheln schwerelos liege, da sage ich mir: Eigentlich – gibt es auf dieser Welt kein Problem, das sich nicht mit brutaler Gewalt lösen lässt. Denn eigentlich fährt mein Rad ja noch. Ich bin nur nicht mehr in der Lage, mit dem Umwerfer zwischen den Kettenblättern zu schalten. Theoretisch könnte ich die Kette auf das jeweilige Blatt von Hand legen, was eine ziemliche Sauerei wird, und dann, wenn es nötig wird, auf ein anderes Blatt heben, was noch mehr Sauerei wird. Im Prinzip, sage ich mir plätschernd und schwerelos, habe ich die Wahl zwischen Aufgabe und einem Beitrag in der FAZ, in dem ich eingestehe, dass ich versagt habe – denn es ist morgen Sonntag und da bekomme ich kein Ersatzteil.

tmtgc

Oder es wird eine Riesensauerei, und ich rufe, dreist wie ich nun mal bin, die sub500ohneUmwerferchallenge aus. Ich habe dann keinen Schaden, sondern eine weitere Herausforderung, die mit Geistesgegenwart, Tatkraft und Riesensauerei zu meistern ist. Einen Sturz vortäuschen und mich 8 Wochen auf Arbeitgeberkosten krank schreiben lassen Aufgeben kann ich immer noch, wenn es doch nicht geht. Das klingt mir nach einem guten Plan, und so beginnt am nächsten Morgen der eine einzige Weg, das herauszufinden. Mit stolzgeschwellter Brust gehe ich die breite Treppe hinunter, vorbei an Schiessgewehr und Hirschgeweih, und lehne auf dem Perserteppich wie ein Mann stehend ein Taxiangebot ab: Nun wird sich zeigen, aus welchem Holz ich geschnitzt bin.

tmtgd

Ich belade den Drahtesel, schiebe probeweise einen Ast zwischen Kette und Blatt, hebe die Kette an, und drehe zurück: Das geht überraschend gut, und für die Hände ist das gar nicht so schlimm. Ausserdem ist mir in der Nacht noch eingefallen, dass ich eigentlich bis Gries am Brenner für die leichte Steigung nur das mittlere Kettenblatt brauche, dann bis zum Brenner das kleine, das grosse Blatt hinunter bis Sterzing, und der Jaufenpass läuft dann im kleinsten Gang – von da aus geht es 1700 Meter hinunter nach Meran. So oft werde ich also gar nicht schalten müssen, sage ich mir, als ich auf die Ellbögenstrecke abbiege.

tmtge

Die Ellbögenstrecke, das ist die alte Römerstrasse und der mittelalterliche Handelsweg nach Italien, und wer nur die Autobahn kennt, der weiss nicht, wie schön die Strecke zu den blühenden Zitronen sein kann. Die Strasse schmiegt sich am Tal entlang, führt durch malerische Dörfer, und windet sich immer wieder in Seitentäler hinein und hinaus. Das ist wirklich wunderschön.

tmtgf

Dabei vergisst man schnell, dass ein Anstieg in St. Peter 20% erreicht, aber ich sage ja immer: Es gibt nichts, was sich mit brutaler Gewalt gegen den eigenen Körper nichts bewältigen lässt, selbst wenn ich oben wie meine eigene Leiche aussehe. Ausserdem wird es danach wieder schön, und bei der nächsten 20%-Steigung fällt die Kette beim Antritt von ganz selbst auf das kleine Kettenblatt, was mir, den Abgang über den Lenker verhindernd, Gelegenheit für eine akrobatische Einlage bietet. So ist das hier. Viel zu schön für Jammerei, obwohl es nun wirklich einigen Anlass dafür gäbe.

tmtgg

Effektiv sitze ich zwar auf einem fahruntauglichen Rad für eine Strecke, die auf der anderen Seite des Tales gerade von den Teilnehmern des Ötztaler Radmarathons bewältigt wird. Effektiv bin ich dauernd im Grenzbereich zwischen abspringender Kette und letztem Quentchen Luft in der Lunge. Effektiv komme ich aber auch an dieser Lüftlmalerei vorbei, mache ein Bild, und sage mit: Genau das ist es. Genau deshalb bin ich hier. Haien entrinnen. Tiger erlegen. Nicht von den Wanzen gefressen werden. Niemand hat gesagt, dass es leicht wird. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.

tmtgh

Und so kommt es, dass ich mich langsam auch wieder dem lahmen Gaul anfreunde, der meinen Weg teilt. Sicher, er hat keinen Umwerfer, sicher, er wollte mich einmal abwerfen, und ja, er mag nicht der Schönste unter den Asini Drahtini sein, aber er hat mich doch bin hierher getragen, er hat seine Last geschleppt und bergab, das muss man sagen, läuft es gut. Viel stabiler, als ich erwartet habe. Trotzdem nehme ich mir ganz fest vor, kein Risiko einzugehen und, wie es manche Irre tun, die am Jaufenpass an unübersichtlichen Stellen ein Wettrennen mit Autos machen. Ich werde kein Auto überholen, ich werde es ganz gemächlich angehen lassen.

tmtgi

Dann ist die Ellbögenstrecke vorbei, und ich gelange auf die Brenner Staatsstrasse. Und zwar mitten in einen Stau, verursacht vom Schlussfahrzeug des Ötztaler Marathons. Ich könnte, eingekeilt zwischen Autos, warten. Aber von hinten kommen einige Nachzügler des Marathons, an die hänge ich mich dran, und überhole Autos. Viele Autos. Bergauf. Ohne Hast. Auch meine Begleiter beeilen sich nicht, sie sind aus der Wertung gefallen und werden unterwegs eingesammelt. Aber mein Weg geht weiter, es läuft richtig gut, und nach etwas Smalltalk über die kommende L’Eroica mit einem Österreicher, der auf einem historischen Puch unterwegs ist, bin ich auch schon auf dem Brenner. Vor ganz vielen Autos weiter unten.

tmtgk

Die Brennerabfahrt hat lange Geraden und weite Kurven. Es ist nicht zwingend nötig, die Bremse zu betätigen. Es ist also nicht so, dass ich hier Autos überhole und meinem Schwur untreu werde – frei von Sünde und unschuldig rolle ich hinunter, wie mich die Schwerkraft zieht. Aber nicht die anderen. Vielmehr bremsen diese Kisten an Stellen, wo es gar nicht nötig wäre, und unterholen mich, der ich einfach konstant meine Geschwindigkeit halte und freundlicherweise nach links ausweiche, um ihnen rechts Platz für das Bremsen zu lassen. Leider gibt es keine “Kavalier der Strasse“-Plakette mehr, sonst hätte ich sie mir gegenüber einem Dutzend überladener Kombis und Kleinbusse mit überwiegend norddeutschen Kennzeichen verdient. Dafür fahre ich dann, auch um die Reifen abkühlen zu lassen, in Sterzing zu Prenn. Für eine Torte sofort und einen ganzen Apfelstrudel für Meran.

tmtgl

Viertel nach Zwei mache ich mich wieder auf den Weg. Vor mir steht der Jaufenpass. Vor 10 Jahren erschien es mir unmöglich, ihn zu bewältigen. Ich habe dann lang trainiert und bin dennoch beim ersten Versuch fast gestorben, so hart war er. Ich habe dazugelernt, ich habe spezielle Räder gebaut, ich bin immer wieder hierher gekommen, und inzwischen teste ich hier meine Räder für die L’Eroica. Ich weiss, wie ich mir die Kraft einteilen muss, um in Sterzing zu starten und oben nicht auszusehen, als hätte ich den Notarzt nötig. Ich fahre sogar in halbwegs passablen Zeiten da hinauf, und mit vergleichsweise wenig Pausen – wenn ich erst in Sterzing anfange. Diesmal ist es etwas anders. Diesmal habe ich 10 Kilo Gepäck und bereits 600 Höhenmeter in den Beinen.

tmtgm

Ich fahre also los und freue mich, dass bald erste Wolken die Hitze der Sonne lindern. Der Bergwald nimmt mich auf, bald ist die erste Kehre erreicht, ein Viertel, ein Drittel der Strecke liegt hinter mir, es wird noch etwas schattiger und wolkiger, und ab der Hälfte der Strecke ist der Himmel grau. Dunkelgrau. Ausserdem ist es überhaupt nicht mehr warm, und bei 1800 Meter fallen die ersten Tropfen. Regen. Graupel. Dann wird es hell, direkt neben mir, sehr hell, und während ich noch denke “Das wa“ macht es auch schon KRACHBUMM, und ich füge hinzu “r aber nah.“ aber so ist es nun mal auf der sub500ohneumwerferabermithitzegraupelblitzunddonnermittenambergchallenge.

tmtgn

Wer kam auf die Idee, so etwas zu tun? Die Antwort ist so gar nicht nach meinem Geschmack, als ich nass werde, und die Einschläge stets in der Nähe bleiben. Bei 1900 Meter hört der Regen auf, das Jaufenhaus kommt in Sicht, und dahinter der Pass und weitere Wolken.

tmtgo

Bei 2075 Meter gehe ich noch einmal völlig sinnlos aus dem Sattel, aber ich will, dass es aussieht, als würde ich hochbrennen. Diesmal bricht kein Umwerfer, weil keiner mehr da ist.

tmtgp

Dann bin ich oben.

tmtgq

Bis hinuter nach St. Leonhard folgt eine 1500 Höhenmeter tiefe Abfahrt. Bis zur Baumgrenze bin ich allein unterwegs, dann sind vor mir drei Autos. Ganz vorne ein Toyota mit hessischem Kennzeichen. Ganz vorne und ganz langsam in allen Kurven. Dahinter bekommen zwei einheimische offensichtlich die Krise und überholen, weil sie das überforderte Elend nicht mehr mit ansehen können. Aber ich habe ja einen Schwur und ruiniere lieber meine Bremsklötze, als dass ich diese Person, die nicht fahren kann, von hinten eine eine bekannt Ex-Stasilette aussieht, und hier nichts verloren hat, auf dieser schmalen Strasse überhole. Ich bin friedlich. Bis dann eine verlorene Plastikflasche auf der Strasse liegt, und als ich mir denke “Sie wird doch da nicht drüberfahren“ – fährt sie drüber, und die Flasche schiesst unter dem Auto hoch zu mir.

tmtgr

Ich bin ein Homme de Lettres. Ich pflege meine Gefühle adäquat auszudrücken, ich zitiere Brecht und sage immer Bitte und Danke. Aber was sagt man einer Hessin, die nicht fahren kann, auf der Strasse durch die Kurven schlingert, und der es völlig egal ist, wenn man hinter ihr auf dem Rennrad fliegenden Flaschen ausweichen muss? Den unartikulierten Schrei hört sie durch das geschlossene Seitenfenster und den Fahrtwind und die Reifengeräusche, als ich aus dem Sattel gehe und mit dem grössten Gang und schnellster Frequenz an ihr vorbei ziehe, obwohl sie auf der Geraden beschleunigt. Doch dann kommt die nächste enge Kurve. Einer muss jetzt bremsen. Ich bremse nicht.

tmtgs

Denn ich bin nicht den Haien entronnen und ich habe nicht Tiger erlegt, um mich von Wanzen fressen zu lassen. Eine Stunde später bin ich in Meran. Es ist möglich, in zwei Tagen von Tegernsee über vier Pässe nach Meran zu fahren, mit einem Rad, das weniger als 500 Euro kostet, dessen Umwerfer man manuell bedienen muss, durch Blitz und Donner und Hitze, und das wie eine Eins steht, wenn man brüllend, schwitzend und ganz tief über dem Lenker geduckt auf der Gegenfahrbahn, weniger als einen Meter neben dem Abgrund, der Hessin zeigt, was ein echter Bayer ist.

Denn es gibt auf dieser Welt kein Problem, das sich nicht mit brutaler Gewalt und einem Viner Pro Team lösen lässt.

29. Aug. 2016
von Don Alphonso
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28. Aug. 2016
von Don Alphonso
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TMT: Vom Zweifel abfallen.

Bitte nicht um weniger Last, sondern um einen stärkeren Rücken.
Theresa von Avila

Um 7 wollte ich los, um halb 10 bin ich dann so weit, und steige endlich aufs Rad, für die grosse Bewährungsprobe. Es fängt also schon mal gut an, denn zweieinhalb Stunden Verspätung sind in meiner Familie beim Aufbruch in den Urlaub rekordverdächtige Zeiten, und bei mir hat noch kein Urlaubsplan den Kontakt mit der frühstückenden, Kommentare beantwortenden Realität überlebt. Ausserdem prahle erzähle ich dem Nachbarn noch ausgiebig von meinen kommenden Heldentaten, die sich dadurch etwas verspäten. Dann fahre ich los.

tmtfh

Ich komme bis hier her, etwa 4 Kilometer weit, dann will ich auf das grosse Kettenblatt schalten. Es passiert nichts. Ich versuche es nochmal. Nichts. Nochmal. Die Kette bleibt unbeirrt auf dem mittleren Kettenblatt. Gestern Abend ging das noch alles. Ich steige ab, drehe an ein paar Schrauben und ziehe die Schelle, die den Umwerfer hält, ganz fest. Immerhin, sage ich mir, scheitere ich in schöner Umgebung, wenn das wirklich das Ende sein sollte. Es gibt keinen Schaden, wo nicht ein Nutzen dabei ist, und der Tegernsee ist doch auch schön. Und es haben sich so viele Zweifel in der Nacht aufgestaut, dass ich die Idee, in zwei Tagen über vier Pässe nach Meran zu fahren, gar nicht mehr so gut finde. Vor allem nicht bei den vorhergesagten 36 Grad im Inntal. Ich probiere es nochmal. Es macht Krk und kurz Rtrtrt, und dann sitzt die Kette da, wo sie sitzen soll. Ich bin wieder im Geschäft, mit meinem billigen sub500challenge-ProTeam aus dem Hause Viner.

tmtfi

Drei Stunden später bin ich in Maurach am Achensee und betrete lächelnd die Wallfahrtskirche St. Notburga. Es ist eine der hübschesten Rokoko-Kirchen des gesamten Alpenraums, und eine Nonne fragt mich, wo ich herkomme und wo ich hin will. Als sie von meinem Plan hört, bietet sie mir erst mal ein Schnapserl an, und ich glaube, das sagt viel über die Gastfreundschaft der Menschen – und die Sinnhaftigkeit meiner Idee. Aber ich lehne als Nichttrinker dankend ab und erzähle ihr

Die Geschichte der alten, korpulenten Frau im Tigerkleid auf dem pinken Elektrorollmobil, worin ich von allen Zweifeln abfalle.

tmtfj

Das war nämlich in Tegernsee. In Tegernsee gibt es am Schloss eine Ampel, und die war rot, und zwang mich zum anhalten. Um mich herum kochte schon die Luft, der Schweiss floss in Strömen, und der sonst so silbrig-leichte Sauerstoff der Region klebte wie zäher Brei in den Lungen. Menschen sahen mich und mein Gepäck und schüttelten den Kopf. Die Ampel wäre eine gute Gelegenheit gewesen, den Plan zu überdenken, umzukehren, das Rad in den Roadster zu werfen und mit dem Auto zu fahren – man sieht es auf den Bildern ja nicht, ob das Rad aus der Gluthitze am Achenpass oder vom Beifahrersitz des Roadsters kommt, und den Rest erfinde ich einfach dazu. Das hätte ein zweifelnder Autor sich hier in Tegernsee denken können. Statt dessen surrte eine korpulente Frau in Tigerkleid über die Strasse. Vielleicht 40 25 15 Jahre älter als ich. Die Haare waren passend zum Kleid gefärbt, und der Wagen war pink. Knallpink. So rollte sie an den Tegernsee-Arkaden vorbei Richtung See, Srrrrrrrrrrr.

tmtfk

Da bin ich von allen Zweifeln abgefallen. Denn ich habe meine gesunden, dicken Beine, ich habe Kraft in den Oberschenkeln und einen breiten Rücken, an dem schon viele Messer zerbrochen sind. Ich sitze auf einem billig zusammengekauften Rad und habe einen weiten, harten, heissen Weg vor mir, aber was da auch immer kommen mag: Ich werde nicht als alter, reicher Mensch in so einem pinken Elektrodings in Tegernsee vor mich hinrumpeln. Ich bin nicht reich genug für all den Goldschmuck, und ich wohne nur in Gmund, ich muss richtig arbeiten für mein Geld, und aus Tegernseer Sicht fährt da ein Irrer durch die Hitze, während seine Kollegen bei der Präsentation des neuen Panamera in Rottach luxuriös im Stau stehen.

tmtfl

Aber ich habe meine Beine, die Kraft und alle Herrlichkeit der Natur um mich. Ich kann das tun. Ich kann selbst entscheiden. Es hängt nur an mir allein. Niemand muss mir ein Auto borgen, das ich mir nicht leisten könnte, niemand bezahlt mir ein pinkes Rollmobil. Jeder Meter, jeder Pass, alles Glück, die Höhen zu bezwingen und am See entlang Richtung Italien zu radeln, das alles liegt in mir selbst. Und sollte ich nur die leiseste Schwäche zeigen, denke ich an das, was der reichen Frau am Tegernsee in ihrem Tigerkleid noch bleibt. Dann geht es wieder. Dann fliege ich weiter.

tmtfm

Das erzähle ich der Nonne, die in St.Notburga Führungen macht, und sie erzählt mir, dass die Gemeinschaft, die hier betet, gerade wieder viel Zulauf hat, und sie erklärt mir die alten und neuen Denkmäler, die die Menschen zum Innehalten bewegen sollen. Der Leichnam der heiligen Notburga wurde von einem Ochsengespann mit eisernem Willen, ohne auf die Menschen zu hören, hier hinauf an an den Achensee gezogen, eines der vielen Wunder der Beschützerin der Mägde, und wie so ein Ochs möchte auch ich sein, wenn es weiter geht. Stur und unaufhaltsam. Ich fülle die Flaschen am Friedhofsbrunnen nach. Es ist gutes Wasser.

tmtfn

Der Weg in die Hölle ist bekanntlich mit Freuden gepflastert, und genauso ist es am Achensee, wo es zuerst lange und schnell hinunter ins Inntal geht. Ich lasse die Bremsen los, und ganz ehrlich: So heiß ist es gar nicht. Wirklich. Im Bergwald, mit 80 Sachen, ist es fast ein wenig kühl auf dem Rad. So schlimm ist es also gar nicht, denke ich mir, als ich um Serpentinen jage und über lange Geraden viel ungebremster zu Tale donnere, als ich mir das eigentlich, vorsichtig wie ich bin, vorgenommen habe. Aber es läuft ja so schön. Bis zum Inn. Wo es wirklich 36 Grad hat, und keinen Bergwaldschatten. Wo ich dauernd daran denke, dass es anderen im pinken Rollmobil noch schlechter geht, auch wenn man es kaum glauben mag.

tmtfo

Vor dem Hitzschlag suche ich den Kirchhof von Schwaz und eine schattige Bank auf. Ich esse, was ich essen kann, und starre eine Stunde in die flirrende Luft. Es geht den Umständen entsprechend gut. Ich weiss, dass ich es bis nach Hall schaffen würde, wo wir bei meiner ersten Alpenüberquerung genächtigt haben. Diesmal jedoch ist da am Ende ein langer, brutaler Anstieg. Nichts ist mir als schlimmer in Erinnerung geblieben als der Weg hinauf zum Patscher Sattel. Ich könnte auch in einem pinken Rollmobil – da stehe ich auch schon wieder auf meinen Beinen und klettere aufs Rad, und schinde mich weiter nach Hall und hinauf nach Ampass.

tmtfp

Es geht. Irgendwie. Ich krieche von Schatten zu Schatten, ich mache Pausen, ich schaue nicht auf die Uhr, und zurück kann ich auch nicht mehr. Es ist ungefähr so steil, wie ich das in übler Erinnerung habe, und es ist heisser als damals, aber ich habe viel trainiert. Ich fühle mich nach einem Tag auf dem Rad in Ampass so mies, wie ich mich früher hier frisch aufgestanden und gefrühstigt fühlte. Das ist Erfolg: Der Moment, da es einem richtig dreckig geht, kommt genauso. Aber er kommt später.

tmtfq

Ich könnte natürlich auch ein Tigerkleid tragen und – schon drehen sich die Pedale frisch weiter, schon schwindet die nächste Rampe unter den ochsensturen Tritten, während die Sonne auf der salzig-nassen, echsenhaft funkelnden Haut glänzt. Es kommt Aldrans, es kommt Lans, es kommt ein Schild “Patsch 4km“.

tmtfr

Dann taucht auf der Bergflanke der Wallfahrtsort Heiligwasser auf. Unterhalb davon ist mein Ziel, der Bergwald umfasst mich mit seinem Schatten, es wird etwas kühler, und ich sage mir: “Kette rechts!“. Ich will da nicht einfach vorfahren, ich will vorbrennen, ich will am Ziel so aussehen, als sei ich ein ganz Wilder, der bis zum letzten Zentimeter kämpft. Ich schalte. Ich betätige den Umwerfer. Es macht Krcks und dann Rtrtrtrtrtrtrt. Etwas stimmt nicht. Ich halte an und steige ab. Der Umwerfer hängt schräg im Kettenblatt. Ganz locker. Die Umwerferschelle ist gebrochen. Wie bei einem 500-Eure-Kaufhausrad.

tmtft

Zum Glück ist der Grünwalder Hof schon in Sichtweite.

tmtfs

Ich rolle vorsichtig hin. Ich erzähle an der Rezeption mein Leid und frage, ob vielleicht irgendwo ein Radgeschäft ist. Es gibt welche. Unten in Innsbruck, 8 Kilometer von hier, und 600 Meter weiter unten. Und die haben morgen alle zu, weil Sonntag ist. Das heisst, dass ich die vorderen Kettenblätter nicht werde schalten können. Ich kann nicht zurück, weil es sinnlos ist. Ich kann weiter, weil ein verfluchter, 1mm dicker Dorn am Rad vom Racing Team Dorn – ja, ich habe auch gelacht – aus seiner Halterung gebrochen ist.

tmtfu

Draussen baut sich eine Gewitterfront über dem Ötztal auf, und ich lasse mir ein Bad einlaufen. Auf der alten Kommode liegt mein Fiasko und wird bis zum jüngsten Tag nicht mehr den Umwerfer befestigen. Ich habe immer noch meine Beine, aber der pinkfarbene Rollwagen in Tegernsee fährt jetzt besser als mein Rad.

Ist das das Ende von Tegernsee-Meran-Tegernsee?

Wird die Hauptfigur nun verzweifelt die Familie anrufen, damit sie kommt und ihn abholt?

Oder kauft Don Alphonso einfach ein anderes Rad und fährt damit weiter?

Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn Sie Don Alphonso sagen hören wollen: “Es gab noch kein Problem in der Menschheitsgeschichte, das sich nicht mit brutaler Gewalt lösen liess, und es gibt nur einen Weg, das herauszufinden!“

28. Aug. 2016
von Don Alphonso
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27. Aug. 2016
von Don Alphonso
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TMT: Das Dynamit der Tugend

See me ride out of the sunset on your color TV screen

Ich stand während der letzten Wochen vor unbegreiflichen Rätseln. Ich sah den Neue-Rechte-Pranger und dachte mir, so mangelklug, dass sie die CDU darin aufführen, können die doch gar nicht sein. Ich sah den Hasskommentar gegen Thomas de Maiziere und dachte mir, wer zum Teufel stellt sich nach so einer Nummer mit und will anderen dann etwas über Hatespeech sagen? Ich sah eine hamasfreundliche, Judenhass vertreibende Organisation in einem nationalen Komitee, das uns erzählen will, dass Hass keine Meinung sei. Und ich beschäftige mich mit einem sogenannten Prostitutionsschutzgesetz, von dem mir noch jede Sexarbeiterin sagte, dass es sie entweder ihrer Existenzgrundlage beraubt oder sie in die Arme von Grossbordellen treiben wird – und das alles mit dem Segen eines Hauses, das die Quote in Aufsichtsräten durchgesetzt hat, eine Oktoberfestlügnerin protegiert und Parties bezahlt, während Alleinerziehende jenseits von schrägen Ideen immer noch schauen können, wo sie bleiben.

tmtfa

Wie, fragte ich mich, kommt man auf solche Ideen.

Seit heute morgen weiss ich es, denn heute morgen habe ich ein Hotel gebucht, und dann noch eines. Das erste Hotel ist genau 100 Kilometer und 1000 Höhenmeter Aufstieg vom Tegernsee entfernt, hinter dem Achenpass und dem Inntal genau oben auf dem Patscher Sattel. Das nächste Hotel ist in Meran, nochmal 105 Kilometer weiter, und dazwischen liegen die Ellbögenstrecke, der Brenner, Sterzing und der Jaufenpass – zusammen rund 1700 Höhenmeter. Dazu habe ich also genau zwei Tage Zeit, und wer so dumm ist, sich so etwas zuzumuten, sollte vielleicht auch etwas Verständnis haben, wenn Frau Schwesig anderen, deren Dasein ihr egal sein dürfte, ein noch erheblich übleres Schicksal mit Kontrollwahn, Grundrechtseinschränkung, Bürokratieirrsinn und Stigmatisierung zumutet. Ich schade allenfalls mir selbst und nicht der Gesellschaft, aber als ich heute morgen reservierte, dachte ich mir: Das willst du doch eigentlich gar nicht. Du hast da gerade einen ganz dummen Plan. Denken Politiker so etwas auch manchmal, oder schalten die einfach den inneren Trump ein?

tmtfb

Wäre ich ehrlich, was ich selten bin, weil ich generell betrachtet eine Kunstfigur bin, und öfters mit dem Politikbetrieb in Berührung komme, und der zusätzlich abfärbt, würde ich an dieser Stelle die Wahrheit gestehen: Dass ich vor ein paar Wochen bei jemanden, den ich nicht sonderlich schätze, die Visualisierung seiner grossen Radtour sah: 90 km und 30 Höhenmeter im Berliner Umland. Dabei beklagte er – deutlich jünger als ich – sich vehement, dass er nun erledigt sei, und ich wollte schon tippen: Quäl dich du Sau, wenn da zwei Pässe drin sind, darfst Du jammern, vorher schweig, Schwächling! Man ahnt jetzt vielleicht, warum ich die Route mit 100km-Abschnitten und jeweils zwei Pässen ausgesucht habe, aber ich habe bei der Politik auch gelernt, dass man seinen miesen Charakter besser hinter hohen Werten versteckt: Der Wunsch nach dem Verbot angeblich sexistischer Werbung kommt schliesslich auch von einer staatlich geförderten “NGO“, die den Justizminister gern beraten und in Berlin mitspielen würde. Der sportliche Ehrgeiz, andere zu Brei zu fahren, könnte mir gar als Diskriminierung schwabbeliger, ungewaschener Hipster mit Fusselbärten ausgelegt werden, und deshalb möchte ich als Begründung lieber die Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt meiner Bemühungen stellen, so dass eventuelle Seitenhiebe im Glanze in meiner Tugendgloriole kaum auffallen, so wie etwas Crystal Meth ja auch keiner grünen Karriere dauerhaft schadet.

tmtfc

Es ist nämlich so, dass das durchschnittliche Rad in Deutschland für 557 Euro verkauft wird. Das ist nicht eben viel, und das sind auch Räder, bei denen sich Reparatur selten lohnt. Sie landen dann bei Abwrackaktionen, wo man für ein altes Rad noch 50 Euro Rabatt bekommt, oder gleich im Sperrmüll, weil irgendwelche Ersatzteile kaum mehr erhältlich sind. Mit einem Rad dieser Preisklasse kommt man vielleicht mit viel Zeit den Jaufenpass hinauf, aber ob ich mich mit so etwas, 90 km/h schnell, hinunter ins Passeier Tal stürzen würde – nun, ich denke, bei aller ministrablen Dummheit, die mir innewohnt: So doof bin ich dann auch nicht. Sprich, der Durchschnitt kauft ein Rad, das ihn von Höherem ausschliesst und nach wenigen Jahren ersetzt wird. Und wieder Geld kostet.

tmtfd

Deshalb fahre ich auch diesmal mit einem Rad, das weniger als einer dieser Drahtesel kostet. Es handelt sich dabei um ein für 256€ ersteigertes Viner Pro Team. Viner – eine Verkürzung des Namens der Rahmenbaulegende VIviano NERozzi – ist eine der besten italienischen Marken. Der Rahmen ist eine Spezialanfertigung für einen Radhändler aus Augsburg, doch der stieg bald um auf einen Carbonrahmen. Der Rahmen, zusammengesetzt aus hochwertigem Deda SC61.10-Aluminium und Carbonteilen, war früher enorm teuer, aber heute steht Alu bei Käufern nicht mehr hoch im Kurs. Das Rad hatte die durchaus ordentliche Campagnolo Veloce Gruppe und ganz billige Räder. Ich habe eine kleine 3-fach-Kurbel drangeschraubt (Shimano XTR, mit Pedalen 50 Euro), einen leichten Carbonlenker (FRM für 30 Euro), eine anderen Sattel (Prologo für 30 Euro) und vor allem leichtere Laufräder.

tmtfe

Die sind von 4ZA aus Belgien und eigentlich für den Querfeldeinsport. Damit wird das ganze Rad 1,3 Kilo leichter, aber morgen wird es wieder mit 9 Kilo Gepäck und mir beladen. Die Laufräder sind für Fahrer bis 95 Kilo zugelassen, also bin ich noch im grellrotgelb grünen Bereich. Der ganze Spass hat also gut 100 Euro weniger als das Durchschnittsrad gekostet, und fast nur die Hälfte eines Ikearades. Es hat eine 24-29-Untersetzung für die steilsten Berge und brutal packende Bremsen, es wiegt nackt nur um die 8 Kilo und fährt sich so schön, dass es fast als sexuelle Dienstleistung deklariert werden müsste. Das alles mit gebrauchten, nachhaltigen Teilen – keine Cruise Missile, kein strategischer Langstreckenbomber musste dafür eingeschmolzen werden. Das ist doch schön! So grün muss man erst mal leben und radeln.

tmtff

Ach so, und – es ist fast vollständig in der EU gefertigt, während das Durchschnittsrad längst komplett aus China kommt. Manche fühlten sich sicher diskriminiert, als ich Sie mit 250 von der linken Spur geschubst habe, als ich es von Augsburg an den Tegernsee brachte: Das fühlt sich nur so an, in Wirklichkeit ist der Container auf dem Frachtschiff aus China voll mit Wegwerfrädern die Sünde, und nicht meine 20 Liter auf 100 Kilometer. Rein und silbern blinkend steht es da, mein Spezialaufbau für kleines Geld, unschuldig und ohne Sünde ausser der Sache mit dem Osterberg hinunter, weil da steht zwar Tempo 30 aber es geht innerorts 70, und dass ich die Pedelecgruppe am See beim Überholen mit „Schleichdseich, Elegdrosoacha“ angebrüllt habe, war auch nicht ganz nett. Aber ansonsten ist es ein schöner Gegenentwurf zu unserer ignoranten Wegwerfgesellschaft, die stets das Neue braucht und das Alte zu schätzen verlernt hat. Das habe ich doch jetzt schön gesagt.

tmtfg

Das also ist die #sub500challenge und #TMT: Mit einem selbst umgebauten Billigrad geht es morgen früh vom Tegernsee nach Österreich durch die Sommerhitze, über den Alpenhauptkamm nach Meran, und dann irgendwie zurück an den Tegernsee. Da ginge übrigens auch ein Bus, aber vielleicht sitze ich demnächst in Meran und buche das Hotel in Sterzing, während ich mir denke: Das mit dem 50 Kilometer langen Anstieg von Bozen zum Penser Joch ist eine noch dümmere Idee als der Jaufenpass oder ein Abo der taz. Keine Frage, ich werde viele Tugenden signalisieren müssen, um das öffentlich zu meinem Ruhme darzustellen.

Wie so eine Kahanestiftung. Es wird ganz, ganz schrecklich. Warum fahre ich nicht mit dem Auto Aber wenn Sie mich sehen, winken Sie, ich winke dann huldvoll zurück. Also, wenn ich den Arm noch heben kann.

27. Aug. 2016
von Don Alphonso
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23. Aug. 2016
von Don Alphonso
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Mit dem TeamGinaLisa-Gas gegen weisse Männer zum Reichtum

Ich war gerade beschäftigt. Ist Manuela Schwesig schon zurückgetreten?

Stellen Sie sich einmal vor, Sie lebten nicht in einer vibrierenden Metropole, in der sie von wildfremden Menschen begeistert angetanzt werden, und Stimmen der ganzen Welt hören, wenn Sie die U-Bahn verlassen, und diese Stimmern schöne Träume versprechen, Haschischhaschisch Coke Crystalmeth Crack Tagesspiegel Heroin or bike havegoodbikeforyou. Statt dessen lebten Sie in einem retardierten bayerischen Grossraum, etwas auf dem Land, wo es Felder gibt, Mirabellenbäume, Festanstellung mit Sozialversicherung (für Berliner “kapitalistisches Schweinesystem“) und schlechten Internetempfang.

ginalisab

Sie benutzen dort öffentliche Verkehrsmittel, die pünktlich kommen und sauber sind, also Sekundärtugenden aufweisen, mit denen man nach der Weltrevolution keinen Gulag betreiben würde. Und Sie lesen darin die regionale Presse. Auf der ersten Seite geht es gleich los: In Gössweinstein hat eine Asylbewerberunterkunft gebrannt. Wären Sie in Berlin, hätte Ihnen der Journalist Matthias Meisner schon eine reingehetztagt. Das Neue Deutschland hätte mit dem, was man hier eine dreiste Bildfälschung heisst (Wahrheitsministerien nennen das “Archivbild“), behauptet, die Polizei schliesse einen rechtsextremistischen Hintergrund nicht aus. Die lahme, gedruckte Zeitung konfrontiert Sie dagegen mit eimer langweiligen, aber auch irgendwie bedrückenden Wahrheit; Zwei Bewohner haben unglaublicherweise im Gegensatz zu dem, was in der Zeit ständig zu lesen ist, keinen Deutschkurs und keine Facharbeit gemacht, sondern eine Wasserpfeife geraucht und die Kohle unachtsam entfernt. Die beiden jungen Männer werden wohl kaum das Geld haben, den immensen Schaden des abgebrannten Gasthauses zu bezahlen. Das schaffen dann wir.

ginalisac

Und dann – der Bus schaukelt gerade durch das schöne Dünzlau – lesen Sie weiter, dass hier, gerade hier ein gebrochen deutsch sprechender Mann arabischen Aussehens eine junge Frau im Bad bei einem Einbruch überfallen und verletzt haben soll. Die Fahndung blieb bislang erfolglos, weshalb noch kein feministisches Blog der Zeit die Polizei fragen kann, was ihr eigentlich einfällt, die schöne, flüchtlingsreduzierte Verbrechensstatistik zur Beruhigung des Volkes in Unordnung zu bringen.

Eine weitere Topmeldung besagt, dass das Innenministerium jetzt wieder dringend Freiwillige für die ehrenamtliche, unbewaffnete Sicherheitswacht sucht. Das geht ganz still und leise, es gibt keinen Aufschrei mehr wie früher, als die Wacht unter Verdacht stand, eine Bürgerwehr zu sein: Man hat sich hier daran gewöhnt, die Befürchtungen waren doch erheblich zu pessimistisch. Dass man jetzt aber mehr Personal braucht, ist kein gutes Zeichen. Es sind keine schönen Nachrichten, und weit und breit kein weltoffener, progressiver Mitarbeiter des Holtzbrinck-Konzerns, der Ihre Zweifel gleich mal der Social Media Stasi melden würde, wagten Sie es, Ihre Sorgen bei Facebook zu formulieren. Sie fahren weiter, kommen an – pünktlich – und sehen düstere, bedrohliche Gestalten. Sie sind überall – auf Bus selbst.

ginalisad

Dessen Werbefläche hat nämlich die Kripo gemietet und mit vermummten Einbrechern bepflastert, gegen die Sie sich am besten in einem Gespräch mit der Polizei oder mit einen Besuch ihrer Website absichern. Gehen Sie dazu nicht über die Prangerseiten der Anetta-Kahane-Stiftung, lesen Sie dort keine Hassartikel gegen Minister, informieren Sie sich darüber, was Sie in Zeiten steigender Einbruchskriminalität selbst tun können. Alles ist so schön friedlich hier. Aber jeden Tag lesen Sie bei uns diese Geschichten, kein Zenso willkommenskultureller Sonderbeauftragter passt hier auf, dass auf jeden bedauerlichen Einzelfall ein paar Kinderaugen kommen, und in der Arbeitspause wird sogar das Schicksal der jungen Frau angesprochen, die sicher schwer unter dem Eindruck des Einbruchs leidet, statt, wie manche das gern sehen, zu erklären, dass die Deutschen sich bei der Integration mehr anstrengen müssen. So, liebe Leser, so unmenschlich und beschränkt geht es bei uns zu. Das muss man wissen.

Und deshalb gehen verblendete, aufgehetzte Frauen hier zu DM und kaufen Tierabwehrspray, das es dort gibt. Für mich, der ich längere Zeit des Jahres in Italien lebe, ist das alles andere als eine Überraschung. Italien denkt in gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gar nicht daran, illegale Einwanderer finanziell zu unterstützen, und so gibt es dort einen gewissen Graubereich des Vermögenstransfers, den nicht alle begrüssen. Die einen brauchen Geld, um nach Deutschland zu kommen, die anderen wollen es behalten, und das ist sicher mit ein Grund, warum in Supermärkten der schlechteren Ecken von Mantua direkt an der Kasse, gut sichtbar Pfefferspray erhältlich ist, während vor der Tür Gestalten mehr oder weniger dezent die Einkaufenden um Geld angehen. Oder ihnen ungefragt die Einkaufswägen abnehmen. Niemand muss dort so tun, als ginge es beim Spray um Tiere, da steht ganz gross Autodifesa drauf, und die Dosen sind, wie in Italien so oft, wohlgeformt und in rosa mit Sternchen. Wenn die Drogeriekette DM nun hierzulande kritisiert wird, weil Pfefferspray wenig helfe, so ist das eine sehr deutsch-romantische Debatte. Und obendrein eine sehr feuilletonistische Diskussion, denn die wohlfeile Antwort schöngeistiger Menschen – alle Menschen werden Brüder – bedarf noch eines gewissen Weges der Vermittlung universeller Werte, und bis dorthin wünscht sich manche von den Medien Aufgehetzte einfach – und seien sie nur minimal – bessere Chancen der Gegenwehr. Die erlösende Erkenntnis, dass in Wirklichkeit der alte, weisse Mann und sein Patriarchat die Wurzel alles Übels ist, und am Ende auch den Migranten bedingt, der hierzulande unter Druck fragwürdig handelt, ist bei ihnen noch nicht angekommen.

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Es gibt da also einen gewissen Bruch in unserer Gesellschaft: Die einen möchten das Gefühl der Sicherheit auf kleinem Wege sofort, und die anderen langfristig durch die Überwindung des weissen Patriarchats. Erstere werden von Zweiteren gerade etwas wegen ihrer ungebildeten Kurzsichtigkeit schikaniert, und der Umstand, dass die Heldin der Feministinnen Gina-Lisa Lohfink gerade (noch nicht rechtskräftig) wegen Vortäuschung von Vergewaltigung verurteilt wurde, macht den Diskurs auch nicht entspannter. “Macker gibt’s in jeder Stadt, bildet Banden, macht sie platt“ singen sie vor dem Gerichtsgebäude, und als ich sie erblickte – kam mir eine Idee. Eine Idee, wie man mit Pfefferspray reich werden kann. Gerade in Deutschland, wo es noch Ablehnung gibt. Das ist auch eine Chance.

Das Pfefferspray ist nur verpönt, weil das Interesse daran mit der Migration kam. Niemand bei der Zeit hätte etwas dagegen, wenn es dagegen einem guten Zweck zugeführt würde. Man müsste einfach das richtige Ziel darauf vermerken, dass es den aus ehrenwertesten Motiven handelnden Oktoberfestlügnerinnen und SPON-Autorinnen, Rapehoaxverbreiterinnen und ausnahmslosen Gewaltfreundinnen zusagt. Also nicht Tierabwehr darauf schreiben. Sondern:

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Besonders in Bayern toxikologisch hoch wirksam
Praxiserpobt von #TeamGinaLisa!
No Nation, no Borders – Kartoffeltoxin and you give orders!
20% Mackeryperit-Anteil
Spezialmischung für den kaukasischen Angreifertypus!
Ob CCC-Congress oder Polyamorie – dieses Spray verfehlt die Wirkung nie!
Will er seine Privilegien nicht checken, soll er an diesem Gas …

Und so weiter , solange man konform mit den Schriften der Anetta-Kahane-Stiftung und deren Hatespeechbeauftragter behaupten kann, dass es keine Hatespeech gegenüber privilegierten Gruppen geben kann. Schlimmstenfalls ist man metaironisch auf der Maus ausgerutscht, und in der Rape Culture ist Gegenwehr Pflicht. Glaube keiner, dass irgendein gendersensibler Autor der überregionalen Presse beim weissen, alten Mann Nachsicht walten lassen würde. Stünde etwa noch dabei, dass es sich besonders für AfD-Mitglieder eignete, gäbe es sicher die ein oder andere Ministerin, die sich werbend dafür zeigen würde – wir leben schliesslich auch in einer Epoche, da sich eine Ministerin auch zum TeamGinaLisa erklärt – ohne nach einem anderslautenden Urteil wegen ihrer mangelnden Zurückhaltung zurückzutreten. Alles geht, man muss nur mitgehen. Ein paar Kisten von Weissmannvertilger in Berliner Drogerien, und niemand wird sich mehr beschweren, wenn es neutraler gestaltete Sprays auch an anderen Orten zu kaufen gibt.

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Rücksicht auf weisse Männer ist nämlich überbewertet, die tun nur so nett, wenn sie mit ihrer Frau absteigen und langsam schieben, die haben das Reizgas verdient! Vielleicht kann man auch eine Halbjahreskollektion entwerfen, passend zum H&M-Look aus Nähfabriken der Dritten Welt, der neben dem Klassiker der Latzhose- auch bekannt als Beinburka – so stilbildend für die wahren Verteidigerinnen der Frauenehre gegen das weisse Patriarchat ist.

23. Aug. 2016
von Don Alphonso
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12. Aug. 2016
von Don Alphonso
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Schöne Strafzinsen für die Grube bei der Bauernbank

Oh mei. Oiso nah.

Ist mir das alles peinlich.

Es fängt schon damit an, dass fremde Leute doch tatsächlich “Raiffeisenbank“ schreiben, wenn sie über hier jüngst eingeführte Strafzinsen für das Tagesgeld berichten. Raiffeisenbank in Gmund am Tegernsee, da, wo ich eine FAZ-Aussenstelle für Reichtum, gutes Leben und Torten mit Almblick betreibe. Es gibt hier keine Raiffeisenbank, Das sagt hier niemand. Wer dort Geld liegen hat, sagt natürlich “Bauernbank“. Bei Bauernbank weiss hier jeder, was gemeint ist. Da, wo die Bauern ihre Genossenschaft haben.

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Und dann wird auch noch von Tagesgeldkonto geschrieben. Tagesgeldkonto gibt es hier bei uns natürlich auch nicht, weil wo kämen wir denn da hin. Das ist die Gruabm, oder auf Hochdeutsch die Grube.

Mit der Gruabm hat es folgende Bewandtnis auf sich: Wenn bessere Kinder überzogene Wünsche vortragen, so antworten die Eltern meist “Jo du Drietschahl moansd I hau mas Mei ans Discheck hi schau dassd nauskimst“, zu Deutsch: “Junge Dame, bitte haben Sie Verständnis, dass Ihre armen Eltern aufgrund sonstiger Verpflichtungen nur unter grössten Entbehrung Ihren Wünschen entsprechen könnten, weshalb wir Sie ersuchen möchten, uns ein wenig diskreten Freiraum für weitere Überlegungen Ihrer Abgabe an ein Waisenhaus zu schenken.“ Der andere, seltenere Spruch geht so: “Jo moansd Du mia homma Gruabm mim Göid?“, wobei dieser Satz die Frage aufwirft, ob die Familie unterhalb des Plumpsklosetts einfach nur mit der Schaufel hinein stechen müsste, um das Geld dortselbst zu fördern. Das Risiko bei dieser Frage ist, dass ein Kind “Jo freile bei da Bauanbank“ antwortet, was nämlich nicht selten stimmt: Bewegliches Geld für Geschäfte liegt bei besseren Familien irgendwo, aber die Reserven für schlechtere Zeiten werden gern den bombensicher haftenden Bauernbanken anvertraut.

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Glücklicherweise ist es jedoch so, dass Kinder dieses System im ganzen Umfang erst begreifen, wenn sie selbst Kinder haben und genötigt sind, denen selbst Mores beizubringen. Es gibt also beständig, seit langem, eigentlich überall bei uns die Neigung, so eine Grube bei der Bauernbank zu haben, und da machte es überhaupt nichts aus, wenn der Zins niedrig war: Hätte man schnell mal den ein oder anderen grösseren Betrag dringend gebraucht, hätte man ihn dort geholt. Meistens geht das bei meinen Mitmenschen hier anders herum, und die Beträge kommen eher herein. Die legt man irgendwohin, wo man nicht nachdenken muss. Und deshalb werden die Gruben grösser und grösser und belasten nunmehr unsere Bauernbank.

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Wobei es da ja um läppische Summen geht. Diese Wiese zum Beispiel ist diejenige, auf die ich von meiner Terrasse aus schaue. Sie gehört einem alten Mann, der in einem Rollstuhl sitzt. Momentan ist sie an einen Bauern verpachtet, und vielleicht, wenn der Bürgermeister es schafft, sie aus dem Flächenschutzprogramm zu nehmen, wird das einmal Baugrund. Dann sind das Abermillionen. Das ist aber dem Mann im Rollstuhl egal, und den Kühen ist es auch lieber so. Kann sein, dass sich einige Erben einmal ärgern, wenn es kein Baugrund wird. Aber wer ernsthaft meint, die paar hunderttausend Euro, die pro Anleger strafbezinst werden, spielten da eine grössere Rolle – der kennt die Bauernbankanlegerbauerndörfer hier nicht.

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Da sind nämlich wirklich grosse, alte Höfe. Der Tourist sieht nur Wiesen und Bäume und macht sich keinen Eindruck vom Vermögen, das hier im Grund und Boden steckt. Wer hier einmal mit einem Waldbauern durch seinen Forst gegangen ist und gehört hat, was hier für Werte in den Himmel wachsen, was hier Generationen lang aufgebaut wurde, der kann sich über den Gehauf in den deutschen Medien wegen der paar Gruabm bei der Bauernbank nur wundern. Die wahre Rendite ist dunkelgrün, 30 Meter hoch und braucht Jahrzehnte, um realisiert werden zu können. Die Gruabm haben bei Bauern nichts mit Reichtum zu tun, das ist nur ein Teil der Sicherheit.

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Deshalb merkt man hier auch gar nichts von der Aufregung. Es ist schon nett, in einer Gemeinde zu leben, wo die Bauern zu viel Geld in der Gruabm haben, aber das ist halt so und hat auch damit zu tun, dass man hier nur sehr selten bauen darf. Baugenehmigungen sind kaum zu bekommen, wir leben mitten im Landschaftsschutz, und während woanders die Gruabm spätestens geleert wird, wenn die Kinder heiraten, werden hier nur ehemalige Gesindehäuser aufgestockt. Wer sein Geld nicht weltweit verbreiten will, geht halt zur Bauernbank. Und wer zur Bauernbank geht, hat sonst keine hohen Ansprüche an materielle Güter. Es gibt bei uns Bauern, die sich alles mögliche leisten könnten. Trotzdem bekommt das dritte Kind auch noch den Bulldog vom ersten, und die Mädchen stricken im Winter Mützen für den Hofladen.

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Das weiss man alles nicht, wenn man hier nicht lebt. Das verstehen Wirtschaftsseiten nicht, weil für sie das Vermögen nur dort ist, wo das Konto ist, und nicht im Wissen, dass es mit der Familie weiter geht und dass es vielen reicht, wenn sie am Abend auf der Bank vor dem Haus in der Sonne sitzen, und der Enkel neben ihnen spielt. Wer hier nicht lebt, glaubt an die Mär vom Tegernseemillionär und macht vielleicht Bilder von der AAA-Lage St. Quirin, die auch zu Gmund gehört und Leute beheimatet, die man superreich nennt. Die Bauern wohnen oberhalb, versteckt zwischen Wiesen und Baumreihen, und es macht ihnen nichts aus, wenn die Genossenschaft, bei der sie selbst Teilhaber sind, darauf achtet, dass die Bücher sauber bleiben. Die Gruabm will man nicht bei einer Bank, die in London zockt. Unsere Bauernbank macht sich noch Gedanken um ein paar hundert Euro bei 100.000 Einlage. Das ist in meinen Augen die gute Nachricht hinter der Geschichte. Anleger haften für Verluste. Und da wird auch auf Reiche keine Rücksicht genommen. Man schaut hier noch auf Heller und Pfennig. Bauernbank halt.

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Wer das nicht will, kann ja woanders hin gehen. Auf den Lüftlmalereien wird noch gesoffen, gekartelt und gehurt, da geht das Geld noch dahin und das Tal ist voller Legenden über verzockte Höfe. Die Realität ist längst eine andere: Erst im letzten Winter haben die Staatsanwälte hinten in Rottach ein Anwesen ausgenommen, weil da ein betrügerischer Anlageberater das Geld seiner Kunden mit Autorennen durchgebracht hat. Oberhalb des Sees geht es ruhig zu, man denkt nicht in Jahren, sondern sehr viel weiter, wie es eben so ist, wenn man nicht ein Mensch ist, sondern Teil einer Geschichte, die aus bitterster Not und Armut kommt und heute, weil man Glück hatte und das nahe München so reich ist, eine Gruabm bei der Bauernbank hat. Und ein Hoftor voller Schilder. Und einen Anteil an der Käsereigenossenschaft des Tegernseer Tales.

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Das sind die grossen Geschichten, die hier das Leben bestimmen. Strafzins mag den Anleger in Hamburg schrecken, und die überflüssigen Millionen werden den Ruf der Gemeinde mehren, aber so ist das hier nicht. Es ist ein Fragment eines Daseins, das man nicht versteht, wenn man nicht das Ganze kennt. Es ist ein mikroökonomisches Warnsignal in einem davon weitgehend entkoppelten, makroökonomischen System, in dem es Dinge gibt, die man bewerten kann, und andere, die sich entziehen. Ich habe davon ein ganz kleines Eckerl am äussersten Rand so einer Wiese, die nicht mir gehört – aber ich kann sie anschauen, und ich, wir alle, wir profitieren davon, egal wie reich wir laut Gruabmstand angeblich sind.

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Heute Nacht waren die Sternschnuppen da. Aber was an so einem diamantfunkelnden Sternenzelt dran ist, verstehen jene nicht, die nur schnell ein Bild der Bauernbank, vom See, oder der Gemeinde aus dem Internet herunter laden und in ihren alarmistischen Beitrag bauen.

12. Aug. 2016
von Don Alphonso
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