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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

28. Apr. 2016
von Schlimme Helena
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Wie man Frauenaugen leuchten lässt

Ich weiß nicht, ob ich berechtigt bin, diesen Text zu schreiben. Denn ich muss Ihnen vorneweg gleich etwas mitteilen, sofern Sie es an meinem Namen nicht bemerkt haben: Ich bin eine Frau.

Das wird Sie vielleicht überraschen, vielleicht auch nicht.

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Vermutlich wird der eine oder andere von Ihnen das bereits vermutet haben. Aber ich betone es lieber gleich zu Beginn, damit wir uns nicht am Ende in die Wolle bekommen, und ich Ihnen sagen muss, dass ich doch eben nur eine Frau bin. Ganz normale Frauen haben heute in den Medien eigentlich nichts zu sagen. Wir haben nur das Recht, uns Einschätzungen über unser Leben von 30-jährigen Jungautorinnen anzuhören, die genau wissen, was gut für uns ist.

Denn wissen Sie, mit uns Frauen ist es so: Wir wissen wirklich nicht, was gut für uns ist. Wir sind ein bisschen, nun, sagen wir mal, dumm. Wir bekommen das gerade vom Team Recherche der SZ – eine Analyse dazu finden Sie hier – wieder erklärt. Was dort steht, reiht sich ein in unsere bereits bekannten Laster: Wir verdienen im Schnitt weniger Geld als Männer, wir interessieren uns sogar weniger für Karriere und Statussymbole als Männer. Wir sind dafür aber bereit, mehr Geld, von dem wir ja folglich weniger haben müssen, für Schönheit und Nahrung auszugeben. Und wir ergreifen lieber soziale Berufe, als uns für Technik zu begeistern. Natürlich, Sie haben Recht, sind wir nicht alle so. Aber die Tendenzen liegen im Vergleich auf der Hand. Im Vergleich zu den Männern.

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Hinzu kommt, dass wir so verflucht weich sind. Und damit meine ich nicht unsere zarte Haut und unsere sanften Kurven. Ich meine, wir sind emotional so richtig, richtig verweichlicht. Wir kreischen in Konzerten, wir quietschen wenn man uns ein Baby in die Hand drückt, und wir schreiben Textnachrichten in epischen Längen, damit unser Gegenüber sich auch ja wohl fühlt. Wir beziehen gerne Dinge auf uns, so dass wir häufiger autoagressives Verhalten zeigen als Männer. Wir wollen gefallen, wir wollen geliebt werden und wir wollen das alles in hübsch dekorierten Orten haben, gerne mit Blümchen und viel Milchschaum. Natürlich stößt das nicht überall auf Gegenliebe.

Nun könnte man einwerfen, dass wir Frauen doch schon immer so gewesen seien. Wir hätten bei Eva, der Schlange und Adam mit diesem Benehmen begonnen und bis heute einfach nicht aufgehört. Und weil das schon immer so war, waren wir auch schon immer auf Hilfe von außen angewiesen. Früher hatten wir dafür unsere Männer. Sie halfen uns, den richtigen Arbeitgeber zu finden und achteten darauf, dass wir unsere Pflichten als Mutter und Hausfrau nicht vernachlässigten. Waren wir überfordert, konnte uns der Ehemann mit seiner schützenden Hand die notwendige Kündigung schreiben, so dass wir wieder mehr Raum und Zeit für das Wesentliche hatten. Damit war gesellschaftlich gesichert, dass unsere Kinder eine liebevolle und nicht überlastete Mutter daheim hatten, um gesund heranzuwachsen. Wohingegen der Mann alleine in der rauen Arbeitswelt kämpfte, um uns ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen.

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Was dann geschehen ist, kann ich Ihnen leider nicht sagen. Vielleicht waren die Männer es müde, alleine in den Stürmen der Arbeitsmärkte zu segeln. Vielleicht hat die ein oder andere Tochter aus weniger gutem Elternhaus in der Welt jenseits des Haushalts nach Grenzen gesucht, die ihr daheim verwehrt wurden. Aber unser angeleitetes und sorgenfreies Leben brach Stück für Stück weg. Wir mussten lernen, selber zu entscheiden, ob wir einer Berufstätigkeit nachgehen wollten, obwohl wir eine Familie zu bekochen hatten. Wir fingen an vermehrt zu studieren, und die ersten Verrückten fingen an, Rechte für uns zu fordern. Die gleichen Rechte, wie sie die Männer hätten. Obwohl wir uns nach wie vor weigerten, die gleichen Pflichten wahrzunehmen. Öffentliche Parkplätze und deren oft beklagter Missbrauch durch uns Frauen mit schräg gestellten Autos sind nur einer von vielen stummen Zeugen.

Natürlich, ich will ja nicht polemisieren, sind wir nicht alle dumm. Das nicht. Nur der Großteil von uns eben. Und dass wir wie ein Haufen orientierungsloser Hühner sind, die weiterhin eine fürsorglich leitende Hand benötigen, ist selbst der superschlauen Elite von uns aufgefallen. Sie haben sich daher, nicht ohne die tatkräftige Unterstützung einiger Männer, zusammengetan und überlegt, wie uns zu helfen sei. Besonderes Augenmerk lag dabei natürlich auf den Müttern unter uns. Denn es ist gesellschaftlich besonders heikel, wenn ausgerechnet wir Mütter mit unserem Leben alleine gelassen werden. Das würde nämlich nicht nur uns, die Frauen, betreffen, sondern die gesamte künftige Generation unseres Landes gleich mit.

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Weil wir uns leider aber inzwischen an den Geschmack der Freiheit gewöhnt hatten, konnte das Rad nicht ganz zurückgedreht werden. Das ist die Krux mit den Privilegien. Selbst der Dümmste gibt seine Vorteile, wie berufliche Freiheit, nicht gerne ab. Und weil wir nicht hinterher kamen mit dem Haushalt und dem Arbeiten, einige Verwirrte von uns wieder in altes Verhalten verfielen und ganz daheim blieben sobald sie Kinder hatten oder andere wiederum dennoch Vollzeit (man stelle sich das mal vor!) gearbeitet haben, statt sich ihrer Familie zu widmen, musste eine neue Struktur geschaffen werden. Ein neuer Rahmen, an dem wir uns orientieren konnten, ohne die Zukunft des ganzen Landes aufs Spiel zu setzen. Dies ist nun mit vereinter Hilfe von Politik, Feminismus und vielen klugen Männern und superklugen Frauen geschehen.

Wir dürfen jetzt nämlich als Mütter gemeinsam mit den Vätern Teilzeit arbeiten.

Ja! Sie haben richtig gelesen! Wir dürfen das jetzt! Und wenn wir das machen, dann belohnt uns Vater Staat mit einem Taschengeldzuschuss. Unser Mann ist dann öfter daheim, um nach dem Rechten im Haushalt zu schauen. Wir können dennoch unseren elterlichen Verpflichtungen im Haushalt und bei den Kindern nachkommen und ab und an bleibt sogar genug Zeit übrig, damit wir entspannt selber den Pizzateig für das Abendessen belegen und uns dazu ein Glas Rotwein und eine hübsche Gesichtsmaske gönnen. Welch ein Fortschritt! Dazu bekommen wir von unseren Freundinnen und Freunden aus feministischen Kreisen dann noch ein wenig die Welt erklärt, so dass wir politisch auch auf der Höhe bleiben (irgendein Depp hat uns nämlich aus Versehen das Wahlrecht eingeräumt, aber das ist ein anderes Thema) und nicht nur über Deko und so reden, wenn wir mal abends mit dem Mann ausgehen. Das wäre heutzutage nämlich ein bisschen peinlich, so ungebildet und unengagiert zu sein. Es ist also, das kann sogar ich als Frau erkennen, so wie früher, fast alles wieder in Ordnung.

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Fast? Naja. Ein paar Durchgeknallte unter uns haben auch Kinder, und den Mann dazu irgendwie vergrault. Was ja auch verständlich ist. Nicht jeder Mann hält das aus, wenn er nicht regelmäßig etwas Anständiges zu essen bekommt und dafür aber ellenlange SMS sein Smartphone verstopfen. Und für diese „Alleinerziehenden“ haben die entscheidenden Kreise noch nicht so richtig die Lösung gefunden. Aber ganz unter uns, ich vertraue da auf unsere Politiker, auf den Feminismus und nicht zuletzt auf unsere Gesellschaft. Gemeinsam werden die es sicher schaffen, auch diesen gefallenen Schwestern den richtigen Weg aufzuzeigen. Und im Bundeshaushalt findet sich dafür vielleicht sogar auch ein kleiner Taschengeldzuschuss, um die Augen der Alleinerziehenden wieder richtig leuchten zu lassen. Zeit wäre es ja.

28. Apr. 2016
von Schlimme Helena
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23. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Jugend ohne Gott und migrationsfinanzierte Rente

Sie werden schon sehen, daß jede Epoche die Epidemie hat, die sie verdient. Jeder Zeit ihre Pest.
Ödön von Horváth

Die Pest waren wir. Vom v. S. war bekannt, dass er hinter Jungs her war. Bei seiner nicht ganz unbekannten Frau versteht man das, war alles, was wir uns damals dachten, wenn wir ihn an der grossen Bar sitzen sahen. Der P., der damals ein bekannter Schauspieler war, musste hin und wieder etwas gebremst werden, wenn er sich im Suff zu schnell den Frauen näherte, aber wenigstens soff er kein Bier, denn er hatte selbst im Exzess etwas bleibenden Sinn für das, was sich schickt. Seine Kollegin K., in eo ipso tempore fast eine Berühmtheit in den Gazetten und erkennbar magersüchtig, kannte ich nur wegen ihrer Stürze, bei denen sie, ebenfalls gut mischintoxiniert, indiskret und laut wurde. Wer das war, musste man mir erst erklären, denn ich hatte kein TV-Gerät. Es gab bessere Abendunterhaltung für die Angehörigen der besseren Kreise. Eine alte Villa im Park, Boxen, eine Tanzfläche, München.

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Der kleine Mann war auch immer da, wenn er in München war. Wir haben ihn nicht weiter beachtet, warum auch. Es war ohnehin klar, dass er kommen würde, denn jeder ist damals gekommen, einen besseren Platz gab es nicht, also kam auch er. Er hatte damals eine schwierige Phase, so eine Art Karriereknick, wie ihn die Schauspieler K. und der P. Mitte der 90er auch noch bekommen sollten, und der v. S. war ohnehin schon recht alt und ist nicht lang danach gestorben, aber nicht an AIDS, wurde damals kolportiert. Man steht unbeteiligt neben dem Auf und Ab derer, die sich das Schicksal nicht mehr heraussuchen können und etwas sein müssen, um etwas zu gelten. Uns war das fremd. Wir waren, was wir damals gewesen sind. Jung, gut angezogen, auf der richtigen Seite, aus guten Familien und ohne Zwang, dort drinnen das Frischfleisch zu geben, oder die Gaffer. Der kleine Mann kannte das Haus, er mochte es, und sass an der hinteren Bar und trank.

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Zur Kenntnis haben wir ihn auch nicht genommen, weil das gewöhnliche Volk das durchaus gemacht hat. In die Villa im Park konnten manche, vor allem die Richtigen, aber alle konnten in ein Zelt draussen am Olympiagelände, riesig, laut, unüberschaubar, populär und es waren dort Menschen, die Turnschuhe trugen und mit denen man nicht über Gaultier und Comme de Garcons sprechen konnte. Irgendwer hatte das Gerücht verbreitet, dass das Zelt nun der ultimative Ort sei, und der kleine Mann dort in Erscheinung treten würde. Der kleine Mann machte aber nur lustlos seinen Job, den er in München zu tun hatte, trank bei uns etwas an der Bar und verschwand irgendwann. Es war Sommer und warm. Er war auch nicht mehr ganz jung und der Job, die Termine, die Reisen, das war stressig. Für uns war es der Ort zum Tanzen, für ihn der Ort zum Rumsitzen auf einem rotplüschigen Barhocker, wo man sich recht gut unterhalten konnte. Oder schweigen und abschalten, auch wenn man eigentlich bekannt war und draussen vor der Stadt, im Zelt, viele vergebens auf einen warteten.

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Es war also nur ein normaler Sommerabend unter Leuten, die zu ihren Bedingungen und Wünschen ihre Vergnügen haben wollten, und die anderen als die Pest galten. Das Neue, das Besondere, es brauchte damals lang, um sich durchzusetzen. Vieles wird vergessen, manches wird zum besten Hit der 80er und 90er und sogar auf den Hochzeiten gespielt, die heute, bei mir nebenan im barocken Spiegelsaal, das Publikum erfreuen, sofern es eingängig genug ist. Summer of 69. Denn draussen vor der grossen Stadt, tanzte sich der Pöbel dazu seine Füsse platt und wartete auf eine Erscheinung, die nie kam und bei uns so banal wie der v. S. blieb. Man darf nicht vergessen, sein Abstieg vom Höhepunkt war damals noch nicht vorbei, und wer später mit 57 noch Konzerte mit Liedern seiner Jugend gibt, ist wohl sehr verliebt in diese grosse, aber verblichene Vergangenheit. Ich kann das verstehen, denn diese Zeit war gut.

Ich kenne diese Sehnsucht. Wenn ich an den leeren, bedeutungslosen Hüllen vorbei fahre, die früher das Parkcafe oder das Nachtcafe waren, verspüre ich auch einen kleinen Stich, selbst wenn es heute nicht mehr meine Welt wäre – wir alle haben uns damals geschworen, nicht Lustgreise wie der v. S. zu werden, denn das Beispiel war nicht schön. Übrigens, weil wir gerade bei den Toten sind, auch Guido Westerwelle hat da mal eine Veranstaltung gemacht. Die FDP mit kostenlosen Drinks im Nachtcafe, die Apothekerpartei beim Jugendfang. Wir haben die Augenbrauen höher als bei den Halbnacktauftritten der K. gezogen. Bei Westerwelle war das Nachtcafe plötzlich voll mit Leuten, die dort nicht hingehörten und aussahen, als müssten sie Geld erst noch verdienen. Es war nicht eben erbaulich. So gesehen kann man unseren stillen Umgang mit dem kleinen Mann an der hinteren Bar als höchste Form des Respekts bezeichnen. Nichts stand mehr im Mittelpunkt unseres Lebens als wir selbst. Wir waren eine Jugend ohne Gott, zynisch, privilegiert, selbstbezogen, ignorant, und es war uns auch voll bewusst. Wir waren der lokale Pestausbruch unserer Zeit, mehr nicht.

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Die nächste Jugend bekommt dagegen die Zukunftsseuchen in unerfreulicher Weise zu spüren, denn der Weg vom Tanzen in der Villa im Park zu den angemessenen Beschäftigungen ist für Paradiesvögel mit schillerndem Gefieder aus Lebenslauflücken wahrlich nicht mehr so leicht – und ausserdem ist Exzess heute auch nicht mehr elitär, sondern Berghain-RTLII. Diese Berufsjugend, die mangels Maschinenbaustudium nicht viele so richtig brauchen, kämpft daher politisch um eine Grundsicherung im Alter; sie macht sich Gedanken, sie glaubt, dass eine neue Art Sozialismus ihr späteres Dasein retten und sie vor der Angst befreien kann, beim Sammeln von Pfandflaschen mit der Konkurrenz von Jüngeren aus fernen Ländern konfrontiert zu sein. In der Musik des kleinen Mannes und in unserem Leben gab es ausser der Party von 1999 keine Zukunft, nur Gegenwart, aber das hat sich grundlegend geändert. Die Rente ist wohl erst nach dem 70. Lebensjahr sicher, so man darauf angewiesen sein sollte. Das ist eine lange, elende Perspektive. Sie ist auch nicht schöner als die Pest.

Es scheint mir auch, als gäbe es nach der Neujahrsnacht von Köln nur noch wenige Stimmen, die behaupten, wir hätten mit der Migration vorwiegend junger Männer unser demographisches Problem und die Frage der Rentensicherung gelöst, wie das so schön von Qualitätsjournalisten bei ZEIT, Spiegel und der Prantlhausener Zeitung versprochen wurde, wie früher im Neuen Deutschland die Fortschritte des Sozialismus. Diese Zuversicht wird gerade unter dem Stichwort Rentenreform von den Herrschenden kassiert, und vermutlich ist es sogar richtig, sich als Minderbemittelter Sorgen zu machen – schliesslich bekam man gerade Menschen mitsamt Folgekosten “geschenkt“, zusätzlich zu denen, die man schon hat und jetzt bald in Ruhestand gehen wollen. Man weiss nie, wie lange das Leben dauert, und was es an Chancen und Risiken mit sich bringt. Was ich aber im Parkcafe gelernt habe, und was auch ein Grund sein mag, warum der Pöbel vor der Stadt umsonst auf jenen wartete, den wir nicht beachteten: Angenehmer Wohlstand ist immer auf Inseln daheim. Brücken, die andere zu den Inseln des Wohlstands bauen, dienen vor allem dem entschädigungslosen Abtransport der Beute. Das ist bei der Mitgliedschaft im richtigen Club nicht anders als bei der Vermögensverteilung – und um die geht es eigentlich, wenn man über Rente spricht. Grundsicherung ist ein hübsches Wort, bedeutet aber auf der anderen Seite Grundgeldeintreiben des Staates. Grundsicherungsfreunde wollen eine Party für alle, die dann aber für wenige nicht mehr schön ist. Unserer Zeit eine leichte Magenverstimmung.

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Gerecht ist das natürlich nicht. Mag sein, dass wir nach solchen durchtanzten Sommernächten die Vorlesungen ignorierten oder gar irgendwann das Studienfach wechselten. Mag sein, dass wir dort wenig über das echte Leben gelernt haben, und auch wir studierten nicht Maschinenbau. Was wir aber wussten war, dass es uns gut ging und man nur eine gewisse Anzahl von v. S., P. und K. erträgt, bevor die Stimmung kippt. Es ist wichtig, dass die richtigen Leute Zutritt bekommen und die Mischung stimmt. So ähnlich ist das, glaube ich zumindest, auch bei der Almosenpolitik. Und weil sie kein exklusiver Club ist, sondern eine Boazn auf Malle, wo von Leuten wie Schäuble im Tonfall von H.P. Baxxter befohlen und durch Lücken in den Sozialgesetzen ausgenutzt wird, ist es nur natürlich, dass man froh ist um alles, was man sonst noch so besitzt. Es gibt ein Dasein neben der staatlichen Almosen. Es gedeiht auf Inseln, zu denen es nur wenige Brücken gibt. Da ist es schön, da würde man gern bleiben, und wenn sich manche selbst einladen und kämpfen wollen, so achtet man um so mehr auf den eigenen Strand. Natürlich wird die Rentendebatte bitter. Natürlich wird es zur Kanonenbootpolitik gegen Vermögende kommen, und diejenigen, die uns geschenkte Menschen versprachen, werden jetzt Geschenke von unseren Erbschaften haben wollen. Denn wenn ihre Rente nicht sicher ist, sollen es unsere Vermögen auch nicht sein.

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Was haben wir uns damals über den Gastauftritt von Westerwelle im unserem Nachtcafe gewundert. Also wirklich. Aber manche von uns werden jetzt überlegen, ob man den Lindner nicht als Türsteher engagieren soll. Jeder Zeit ihre Pest, aber zu jeder Zeit versuchten auch die Klugen, sie draussen zu halten.

23. Apr. 2016
von Don Alphonso
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18. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Ziegen, Folter, Migration – alles eine Frage der Moral

Die Wahrheit brütet den Hass.
Pietro Aretino

Es gibt weltbewegende Entwicklungen, die gross beginnen und dann stark nachlassen: Das ehedem prächtik, kriegsluesternde und gar gyerige Sultanat der Tuercken ist auf einen rechtsbeibestandenen Erdogan gekommen, bei dem es allein der Respekt vor Frauen verbietet, von einem Klageweib zu sprechen. Das Christentum begann als charmante jüdische Sekte mit Verständnis für Ehebruch – ecce! wenngleich nicht mit Vierbeinern, sondern nur unter Menschen – und wurde zur moralinsauren Zwangsreligion. Und die wunderschöne Hetäre und erste Feministin Phryne hätte es sich wohl auch nicht träumen lassen, was für eine nicht normschöne, sexfeindliche Gruppe sich heute mit heftig schlankgephotoshopten Profilbildern über fehlende Binnen-Is und den Umstand beschwert, dass man zum Verkauf von Waren dann doch lieber auf wirklich schöne Menschen ohne galligen Gesichtsausdruck zurückgreift.

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Wir Journalisten scheitern dagegen nicht an unserer Vergangenheit: Unser Ahnherr hiess Pietro Aretino und gilt gleichermassen als Erfinder der modernen Bildillustration, des Clickbaits, der Pornographie, der geschmierten Lügenpresse, der Revolverblätterei, bezahlter PR-Schleichwerbung, Tendenzschmiere und, wenn es sich mal ergab und keiner zahlen wollte, auch Journalismus. Seinen Namen verdankt er dem Umstand, dass sein Vater nur Schuster war und er einen hübscheren Namen brauchte – so nannte er sich eben Pietro Aretino, Peter aus Arezzo. Ich verstehe das und heisse Don Alphonso. Don! Alphonso.

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Und wie es sich für Aretinos Jünger und umfassenden Nachfahren gehört, habe ich diesmal Italien nicht bereist, ohne seiner Heimatstadt die Aufwartung zu machen. Hier auf diesem Platz hat Pietro Aretino gelästert und bei Waschweibern jene Schimpfwörter gelernt, die er später in den Kurtisanengesprächen zum Weltkulturgut erhob, hier lernte er die Sitten der Armen und die Laster der Reichen kennen, hier ist die Stadt, die für einen Feuerkopf wie ihn bald viel zu klein war und die er verlassen hat, um sein Glück dort zu suchen, wo das Geld und das kostenlose Mahl lockte. Pietro Aretino ist eben wie ein Autor eines modernen Jugendportals von Spiegel Online gewesen – nur konnte er auch noch schreiben, hatte Geist und Verstand, wollte wirklich gut leben und hätte für den modernen Moralismus, unter dessen Joch und für einen Armendöner man in Hamburg und Berlin dreimal täglich Kutschera, Seehofer, Kelle und alle Klassenkameraden mit schönem Haus und Familie zu verfluchen hat, nur Spott und Verachtung übrig. Und vielleicht einen abgenagten Knochen.

Von einer Ziege.

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Und so lange sich andere nicht auch auf alte Grösse zurück besinnen, muss mir keiner einen Vorwurf machen, wenn ich auch nicht viel besser als der Stifter meiner Religion bin. Ich sitze also auf der Piazza in Arezzo, schaue mir die bislang noch selten anzutreffenden, hier aber sehr hübschen Japaner an, und verdaue eine übermässige Portion Trüffel mit etwas Pasta, ohne mir auch nur einen Gedanken über das Elend der Welt zu machen. Ich sitze hier, weil es schön ist. Und weil die Franziskanerkirche von Arezzo nicht einfach so besucht werden kann. Nur 25 Menschen dürfen für 30 Minuten hinein. Am besten ist es, man reserviert vorher im Internet. Jetzt ist noch Vorsaison, jetzt bekommt man noch Karten, wenn man an der Kasse nachfragt, und sich eine, anderthalb Stunden gedulden kann. Denn die Franziskanerkirche von Arezzo beherbergt im Chor eines der Hauptwerke der abendländischen Kunst: Die Legenden vom wahren Kreuz, gemalt vom Renaissancekünstler Piero della Francesca.

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Und deshalb ist immer nur einer kleinen Gruppe der Zutritt zum ansonsten eher schmucklosen Raum gestattet. Es ist eine echte Franziskanerkirche, fast eine Scheune, und die Augen müssen sich beim Durchschreiten erst an die Dunkelheit nach dem gleissenden Licht auf der Piazza gewöhnen. Dann tritt im Chor, hinter dem ohnehin schon spektakulären Kreuz eines Cimabue-Zeitgenossen, die Malerei von della Francesca hervor.

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Erzählt wird, gut sichtbar im gesamten Hauptchor der Kirche, die Geschichte des Holzes, aus dem das Kreuz Christi bestand. Der Legenda Aurea zufolge stammt der Baum dafür aus dem Paradies, das Holz wurde schon von der Königin von Saba verehrt, dann im 4. Jahrhundert von der heiligen Helena wieder entdeckt, später von den heidnischen Sassaniden verschleppt und letztlich doch wieder von der Christenheit erobert. Piero della Francesca nutzt die bewegte Geschichte, um seinen damals revolutionären Ansatz der perspektivischen Malerei umzusetzen, und verbindet äusserst brutale Schlachtszenen mit phantastischen Bildern schöner Frauen, wie hier der Königin von Saba und ihres Gefolges.

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Eine Szene wird in der Kunstgeschichte aber gern übersehen: Links an der Rückwand des Chores und daher vom Kirchenschiff und den Gläubigen aus bestens zu erkennen, ist eine Folterszene. Als die heilige Helena, die Mutter von Kaiser Constantin, in Jerusalem nach dem echten Kreuz Christi sucht, weigern sich die Juden, ihr zu erzählen, wo das Kreuz ist. Weshalb Helena laut Legende droht, sie alle verbrennen zu lassen, und mit Folterungen beginnt: Sieben Tage lässt sie die Juden in einer trockenen Grube hungern und dursten. Dann werden sie heraus geholt und verraten den Fundort des Kreuzes.

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Sehen Sie, ich glaube an Pietro Aretino. Ich bin vermutlich kein moralisch guter Mensch und flexibel in meinen Ansichten. Ich lerne gern dazu. Ich bin Zyniker, und manche mögen das nicht und schreiben schlimme Dinge über mich. Aber obwohl ich nach meinem bisweilen turbulenten Dasein etwas abgehärtet bin, stehe ich doch staunend vor diesem Bild. Da sind sich also Auftraggeber, Kirche, Maler und Gemeinde einig, dass sie so eine Folterszene haben wollen. Sie alle, liebe Leser, werden gelernt haben, dass die Franziskaner eher “die Guten“, sind, aber um 1450 ist in ihrem Chor diese Malerei, die zeigt, wie man mit jenen umgeht, die nicht auf Linie sind. Eine Woche in Israel in einer Grube ohne Nahrung, das ist fraglos brutale Folter. Piero della Francesca malt also den Juden am Seil mit einem leidenden Gesicht.

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Und den Folterer, der ihn bei den Haaren packt und den Kopf hochreisst, mit dem leichten Lächeln im Wissen, dass diese Methode funktioniert hat. Dass sie den Fundort des Kreuzes erfahren und eine wichtige Reliquie gefunden wird. Dieser Mann macht alles richtig und weiss, dass er die einzig richtige Stellung im grossen Heilsplan hat.

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Man darf nicht den Fehler machen, die Malerei der Frühreinassance mit unserem Wissen des Antisemitismus zu betrachten. Man muss das abstrahieren. Aber auch dann ist es noch ein bemerkenswertes Beispiel für fraglos höchste Kunst bei einer inneren Einstellung, die den meisten Zeitgenossen heute als klar falsch gelten dürfte. Wir sind heute von der Verwerflichkeit des Treibens überzeugt, aber die Gemeinde war damals der absoluten Überzeugung, dass es richtig war, so zu handeln. Deshalb kommt mir, erlauben Sie mir bitte diese Bemerkung, auch immer die Trüffelpasta hoch, wenn ich etwas von “christlichem Abendland“ höre. Das hier ist eines der wichtigsten Kunstwerke des Abendlandes, und es ist moralisch nicht weitab von Dachau und den Baukränen, an denen im Iran Homosexuelle und andere Abweichler aufgehängt werden.

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Man tut so etwas eigentlich nicht. Es gehört sich nicht. Es ist unhöflich. Piero della Francescas Meisterwerk sollte den Aufgeklärten da eine Mahnung sein. Etwa, dass man andere heute nicht mit dem gleichen moralischen Imperativ alle in eine braune Grube werfen sollte, weil sie nicht der Meinung sind, dass das Heil des neuen wahren Kreuzes in einer Politik der offenen Grenzen zu finden sei. Für den, der mittelalterlichen Aberglauben ablehnt, ist das Fresco ein dezenter Hinweis, dass vielleicht nicht alle ausgegrenzt werden sollten, die nicht an eine neue Legenda Aurea vom rentenzahlenden Facharbeiter und vom gelösten demographischen Problem glauben wollen, und verleugnen, dass am Ende alle Brüder sein werden und keinesfalls Pariser und Brüsseler Zustände drohen. Die migrationsmoralpolitische Überheblichkeit unter dem Gefolge der Kanzlerin ist dagegen gar nicht fen von der Überzegung des moralisch Richtigen, die man im Chor von Arezzo sehen kann. Das ging schon damals nicht ohne die exklusiv richtige Moral und heute erst recht nicht. Wahrer Vernichtungswillen gegen Andersdenkende braucht die moralische Komponente wie die Atombombe das Plutonium. Der Zweck heiligt die Mittel. Manchmal bekommt man dafür das Ritterkreuz, 72 Jungfrauen, einen schönen Platz im Kirchenchor, oder eine Kolumne.

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Langfristig bekommt man jedoch, das möchte ich als Jünger von Pietro Aretino anfügen, das höhnische Gelächter späterer Generationen, die aus dem Schaden etwas klüger wurden. Man sollte Piero della Francescas Meisterwerk unbedingt anschauen. Und als Dessert danach Pietro Aretinos Kurtisanengespräche lesen. Da ist die ganze Weisheit und der Charme, die Offenheit und die Lebensfreude, und obendrein ist es ein Meisterwerk der frauenemanzipatorischen Literatur, ehrlich und sexpositiv. Es wird alles offen besprochen und argumentiert, ohne Denkverbote und falsche Scham.

Nur über die einzig richtige Moral und Ziegen findet sich nichts darin.

18. Apr. 2016
von Don Alphonso
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14. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Ohne Ziegen: Verbotsminister Heiko Maas und seine willigen Helferinnen

Religion können wir nicht anbefehlen, da es niemandem in den Sinn kommen wird, dass er gegen seinen Willen glaubt
Theoderich der Grosse

Die Spätantike verdankt ihren schlechten Ruf vor allem jenen Jahren nach 402 n.u.Z., als der römische Kaiserhof vor allem im oberitalienischen Ravenna anzutreffen war, weil der sumpfige Ort besser geeignet schien – man kennt das vom Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin. Ravenna steht für den Niedergang der Sitten, denn obwohl auf der einen Seite das Christentum rigide Moralvorstellungen umsetzte, verlustierten sich auf der einen Seite hochgestellte Persönlichkeiten mit niedrigstem Treiben, sofern das damals eben ohne Crystal Meth möglich war. So mancher Würdenträger liess seine Familie sitzen, um sich mit einer Dame von schauspielerischem Ruf zu verlustieren. Das Volk maulte und fand, dass sich diese Gespielin wohl nie mit dem Herrn eingelassen hätte, wenn er nicht mächtig geworden wäre. Der Mächtige revanchierte sich damit, indem er das Volk überwachen liess, seine Spitzel ausschickte und in Verbindung mit der Kirche den ein oder anderen lockeren Brauch unter einem moralischen Vorwand verbieten liess. So bigott ging das damals zu im spätantiken Ravenna. Mit dem Bundesjustizminister und Vorratsdatenspeicherungsfreund Heiko Maas hat das natürlich so wenig zu tun wie mit der sexuell motivierten Penetration von Ziegen – das muss man in eo ipso tempore als Autor wohl explizit dazu sagen.

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Mir geht es bei Heiko Maas auch um etwas ganz anderes: Ravenna, das möchte ich nach dem kulturgeschichtlich bedeutsamen Incipit betonen, ist längst nicht mehr der stinkende, faulende Sündenpfuhl, der es einmal war. Man muss bei der nun anhebenden Betrachtung der Gegenwart diese wohlbekannte, schändliche Vergangenheit ignorieren. Ravenna ist heute eine wirklich sehr hübsche, mittelkleine Stadt ohne besondere Bedeutung, und kann exemplarisch für jene urbanen Räume gelten, die mit dem Richtschwert des Geschmacks zwischen italienischer Eleganz und deutschen Tennissocken scheiden. Es ist nicht die Modemetropole Mailand, es ist nicht allzu reich, und am Abend haken sich die Damen bei ihren Männern – so sie welche haben – unter und ziehen durch die Fussgängerzonen. Dort war ich gestern auch auf der Suche nach einem Restaurant. Die gibt es hier nicht. Dafür gibt es Modegeschäfte. Irgendwie passt das ja auch zusammen, der aktuelle Schlankheitswahn und das Fehlen von Restaurants. Das heisst, ich fand zwei vegane Restaurants, dann passt es natürlich wieder, aber ich wollte essen und nicht in drapierten Tellern herumstochern.

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In Ermangelung von Speisekarten schaute ich mir daher Italienerinnen an, und das, was sie sich anschauen: Schaufenster nämlich. Das kann ich gefahrlos tun, denn erstens passen mir keine Frauenkleider, zweitens trage ich sie nicht und komme auch drittens nicht in Versuchung, dort etwas zu kaufen, denn ich habe schon in Sachen Fetisch gesündigt: Für eine sehr schöne Frau liegt ein Seidentuch mit Mosaikmotiven im Auto. Es geht Sie ja nichts an, wir wurden uns nicht vorgestellt, aber gewisse Aspekte der spätantiken Dekadenz gefallen mir sehr und andere bekomme ich, ohne dass ich hochgestellter Beamter sein oder meine Familie verstossen müsste. Ich musste nichts mehr kaufen, um Frauen glücklich zu machen, also schaute ich. Und beim Schauen ist mir etwas aufgefallen. Und es hat wirklich nichts mit Ziegen zu tun.

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Sondern mit Stevie Schmiedel und ihrer feministischen Lobbyorganisation Pinkstinks. Dazu habe ich in den letzten Tagen recherchiert, weil Pinkstinks Heiko Maas bei seinem Gesetzesvorhaben angeblich geholfen hat, die Werbung in Deutschland den Zielen der islamischen Republik Iran anzunähern – ein weiteres schönes Beispiel für die spätrömische Dekadenz, sich Arbeiten von Persönlicheiten machen zu lassen, die mir und anderen bislang eher als Ideologen, oder auch ordinäre Shitstormer bei Hasskampagnen und reichlich überzogene „Schöne Firma wäre schade wenn ihr was passiert“-Aktionen aufgefallen sind. Vielleicht will Maas später noch Minister für Inquisition und Scheiterhaufen werden, bei der Projekt-18%-SPD muss man ja nehmen, was man kriegen kann, aber wie auch immer: Laut aktuellen Berichten soll, wie das so ähnlich schon im grünen Kalifat Friedrichshain-Kreuzberg praktiziert wird, gegen „sexistische“ Werbung rechtlich vorgegangen werden können. Maas möchte, dass zukünftig Gerichte darüber befinden, was in der Werbung zulässig ist. Pinkstinks, seine Berater, treten mittlerweile mit der entsprechenden Selbstherrlichkeit und Freude am Petzen auf. Begründet wird das gesamte iconoclastische Vorhaben mit den Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen in Köln, die mutmasslich zumeist von Migranten verübt wurden, in deren Herkunftsländern sexpositive und westliche Frauen ansprechende Werbung wegen rigider Moralvorstellungen unterdrückt wird. Die Argumentation von Maas als Steigbügelhalter der Genderideologie ist so schlüssig wie das Verbrennen von Hexen nach Naturkatastrophen im christlichen Mittelalter.

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Man könnte also sehr wohl Fragen nach der Wirksamkeit solcher Gesetze stellen, aber Maas und Gabriel hat das auch nicht bei der Vorratsdatenspeicherung interessiert. Schmiedel und ihren Mitstreitern dagegen geht es nicht nur um blanken Sexismus und eine Empfehlung für das neue Buch von Julia Schramm, sondern vor allem um Rollenbilder, die ihnen nicht gefallen, und in die Menschen nicht gepresst werden sollen. Menschen sollen nicht zu Objekten gemacht werden, finden Schmiedel und ihre neuen Helfer in sozialdemokratisch geführten Ministerien. In Ravenna stehen Frauen dagegen mit leuchtenden Augen vor Kleidern an Modepuppen wie dieser.

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Es geht hier nicht um die Begattung der Gattung Capra aus der Familie der Bovidae, und auch nicht darum, Genderistinnen zu schockieren: Aber das Schaufenster ist heil, niemand beschmiert es, es gibt keinen Aufstand, im Gegenteil, der venezianische Lüster an der Decke zeigt, dass die Geschäfte besser laufen als bei einer “Wutmutter“-Initiative mit vier Teilzeitstellen. Nachdem auch in Italien die meisten Frauen berufstätig sind – ohne übrigens auf Förderung durch Ministerien zu schielen – und sich ihre Kleidung selbst kaufen, muss an dieser Stelle davon ausgegangen werden, dass sie die Objektifizierung der Frau auf einen kirschroten Kussmund bei zurücktretenden Gesichtskonturen so wenig stört, wie ein eregierter Penis den antiken Römer bei der Figur des Priapus – in der Mythologie u.a. der Beschützer der Ziegen – störte. Zur Frage, warum Priapus in Berlin und Ankara heute nicht mehr verehrt wird, will ich mich nicht einlassen. Statt dessen weitere Rollenbilder.

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Schrecklich. Die Arme der Frau, vom Gewicht herabgezogen und die schlaffe Hand nicht zur Faust geballt, und schwer mit Schmuck behängt. Wirklich viel Schmuck. In Ravenna schätzt man das.

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Ein Hemd mit aufgedruckten Handtaschen. Wirklich viele Handtaschen. Ich verstehe das nicht, aber Frauen hüllen sich nun mal in Kleidung, die Handtaschen zeigt. Es ist eindeutig Objektifizierung. Ganz schlimm. Das Leichenhemd des Konsumverzichts.

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Gold um den Hals und kein Kopf. Fällt eigentlich niemandem auf, was wir da jeden Tag in Schaufenstern als Werbung vorgeführt bekommen? Müsste da nicht sofort noch ein Gesetz her, dass Modepuppen Gesichter tragen müssen, die den Erfolg des Feminismus in der Gesellschaft verdeutlichen? Jutta Ditfurth, Marine Le Pen, Andrea Nahles, Frauke Petry, Sarah Palin, Claudia Roth, Petra Pau, sie alle könnten doch Modell dafür stehen, dass es auf das ankommt, was im Kopf ist. Den Damen von Ravenna ist es egal, sie huschen hinein und kaufen und gehen nachher ins Cafe an der Piazza del Populo, und was gibt es da aus Schokolade?

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Schuhe mit hohen Absätzen. Das alles findet seine Abnehmerinnen, und mein privater Eindruck ist ja, dass die Objektifizierung, die mit Schönheit und Fetisch immer einhergeht, von Frauen und Männern gleichermassen gewollt ist. Sonst könnten Modefirmen und Sportwagenhersteller, Parfumlabore und Schneider gleich alle Tore schliessen. Natürlich geht es um Reduktion auf sexuelle Reize und attraktive Rollen, denn der Hinweis auf Gewünschtes und das Vertuschen von weniger angenehmen Aspekten erzeugt erst das Begehren. Sehr viele Menschen möchten tatsächlich das Objekt sexueller Begierden sein, auch wenn alte Hofeunuchen, die Satzung des Reichsfrauenbundes und neue Genderforschung da anderer Neinung sein sollten. Das ist nicht werblich, sondern umfassend menschlich, und erhebt den Menschen über Geissbock und Ziege. Man nennt die Ausprägung solcher Rollen gemeinhin Zivilisation, und nur, weil Werbung wie unter den Taliban rechtlich verfolgt werden soll, habe ich, wie vermutlich die meisten Menschen, immer noch eine private Meinung über die Hierarchien des Begehrens, geboren aus Verhaltensmustern und Objektifizierung. Was oben steht, geht Sie nichts an, aber das darf ich hier anmerken: Die Ziege ist fraglos ganz unten auf dem Nullniveau des Undenkbaren, und sie ist da wahrlich nicht allein. Aber bevor ich mit 35.973 weiteren Zeichen Auskunft gebe, wer ihr da Gesellschaft leistet, möchte ich lieber noch ein Bild aus dem Campo Santo, dem Friedhof am Dom von Pisa zeigen.

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Es ist ein Bild, ein Rollenbild, das mir wirklich gefällt – und das, obwohl ich hohe Absätze sonst so gar nicht schätze. Aber die hier, die mag ich. Weil hier eine Frau mit rot lackierten Nägeln über eine Grabplatte schreitet, in der ein toter, moralinsaurer Würdenträger der Kirche verfault. Er hat damals viel Geld dafür gezahlt, dass er an einem Ort liegt, an dem für sein Seelenheil gebetet wird. Nun also schlendert eine Frau über ihn hinweg und möchte anderen gefallen. Die sexuelle Freiheit, der Wunsch nach Begierden und die Lust an der Auffälligkeit – sie alle schreiten über die Bigotten der Vergangenheit hinweg. Denn die sündige Fleischeslust ist unsterblich, ganz im Gegensatz zu den Bigotten. Und Ziegen.

14. Apr. 2016
von Don Alphonso
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10. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Alternativlos: Deutsche Machthaber wie Schinken räuchern

Ein Beytrag, worin geschildert wyrd die Historia teutscher Herren, welche sint krepieret beym Staatsversagen und dero Kadaver conservieret wurden, statt dergleichen im Amte zu halten, wie es heutigentaggs Sitte seyn mag.

Zwischen dem Kopf des Schweins und dem Rumpf fehlen bereits der Hals und etliche Rippen, weshalb man das Tier nicht mehr auf den ersten Blick erkennt. Ausserdem wurden die Beine vorab entfernt, um daraus Schinken zu machen. Man könnte den Rest des Schweins für eine übergrosse Wurst halten, wenn man nicht zu genau hinschaut: Aber ich bin Vegetarier und daher ethisch neutral, und erkläre hier oben in der guten Luft von Montalcino als Cicerone nur zu gern, wo der abgehackte Kopf des Schweins mit weit aufgerissenem Maul zu sehen ist. Und dass hier tatsächlich ein weitgehend erhaltenes Tier am Stück liegt, das nun zerteilt wird. Sollte jemand in meiner Begleitung nun Lust auf den in Italien ansonsten nicht so oft anzutreffenden Schweinsbraten haben, so wäre nun die Gelegenheit, und der Metzger hackt mit dem Beil gern eine Scheibe… nein? So bleich um die Nase? Aber bitte, das hier ist doch nur ehrlich, da sieht man, dass man wirklich frisches italienisches Schwein und kein umetikettiertes Borstenvieh aus einem ukrainischen Kühlhaus bekommt… wirklich nicht?

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Andere Länder, andere Sitten: Ist das Fleisch als Teil einer Leiche erkennbar, vergeht so manchem zartbesaiteten Deutschen die Lust. Menschen stören sich nicht daran, wenn der Fleischwolf Hack ausspuckt und undefinierbare Leichenfetzen auf ihrer Tiefkühlpizza liegen, wenn Fischstäbchen allerlei abschreckendes Meeresgetier enthalten, und wer das ganze Schwein auf dem Mercato Contadino eklig findet, der sollte sich vielleicht nicht mit der Produktion von Leberkäs beschäftigen. Aber nein, es ist natürlich die grundehrliche, ganze toskanische Sau, die augenblicklich Unlust beim Fleisch erzeugt: Eine von Übelkeit begleitete Unlust, die vom deutschen Reisenden erst überwunden wird, wenn es später zum Brunello sanft geräucherten Schinken gibt. Das geht dann doch wieder. So ist der Mensch. Er will die Sau nicht und die AfD nicht und die Briefkastenfirmen in Panama nicht, aber den Schinken und die migrationsferne Schule für die Kinder und die Ablöse für die Schrottküche seiner Immobilie, die nimmt er gern.

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Kurz, der Deutsche als ein solcher ist auch nicht besser, er hält nur nichts mehr aus und hätte gern die weiche, moralisch-imperative Variante. Dafür hat er auch die passende Kanzlerin und ihren Herrn Altmaier, die das Debakel der Flüchtlingskrise verursacht haben und nun wollen, dass die Bundesländer den für die zart Regierenden menschlich schwierigen Teil mit Abschiebungen lösen, statt dass sie persönliche Konsequenzen ziehen. Früher war alles, nun, anders, da zahlte man noch für die falsche Politik konsequent mit dem Leben, und dazu gibt es nicht weit von Montalcino und dem zertrennten Schwein ein anschauliches Beispiel: Fährt man ins Tal hinunter, erscheint bald der schöne Ort Buonconvento. Dort starte ich demnächst zu einer heldenhaften L’Eroica, und vor fast genau 700 Jahren war dort auch der deutsche Kaiser Heinrich VII.. Er weilte dort mit dem Ziel, die nahe Stadt Siena zu belagern und zu erobern, die Anführer des Aufstands gegen ihn zu massakrieren und was sonst damals so üblich war, um Andersdenkenden Zwänge aufzuerlegen, deren totaler Herrschaftsanspruch kaum hinter TTIP und CETA zurückstehen würde. Aber wie auch immer, Heinrichs Heer war 1313 bereits ähnlich dezimiert wie die Wählerschaft der SPD, Siena hielt sich, und er selbst erkrankte an Malaria und starb recht plötzlich. So kann es gehen.

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Niemand hatte mit diesem schnellen Tod gerechnet. Die Stadt Pisa, treuester Anhänger von Heinrich auf italienischem Boden, wollte ihm ein würdiges Begräbnis geben, hatte zu jenem Zeitpunkt aber nichts dergleichen vorbereitet. Heute wissen Parteien vorab, dass sie bei einer Koalition mit Frau Merkel bis zur nächsten Wahl ihr eigenes Grab schaufeln, aber damals galt es als unschicklich, durchreisenden Kaisern zu Lebzeiten ein Grabmal zu offerieren. Man hatte auf der einen Seite also die Leiche des Kaisers. Und auf der anderen Seite kein Prunkgrab, das ihm angemessen gewesen wäre. Dazu gab es auch noch warmes, italienisches Klima, das der Verwesung Vorschub leistet. Das sind handfeste Gegensätze, über sie man sich nicht wie über ein holländisches Referendum hinweg mogeln kann. Das ist ähnlich unangenehm wie ein türkischer Autokrat, der Milliarden und Köpfe von Humoristen fordert, während er daheim Menschenrechte mit Füssen tritt.

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Nun war 1313 nicht gerade die Epoche, da man muslimischen Nationalisten exzentrische Wünsche devot erfüllte, und interkulturelle Dispute wurden mit mit ihnen in einer Schwertlänge Abstand geführt. Man mag das aus heutiger Sicht verurteilen, aber damals hätte niemand seinen Hofnarren auf Zuruf der Halsgerichtsbarkeit übergeben. Das waren eben harte Zeiten, hart beim handwerklichen Umbringen der Gegner, hart in Fragen der einzig richtigen Weltanschauung, hart aber auch gegen sich selbst und hart für die Untertanen des Kalifen, der sich die Köpfe von versagenden Feldherren in Honigtöpfen zur Ansicht bringen liess, was Erdogans Anhängerschaft heute als Teil einer grossen Epoche gilt.. Die deutschen Truppen jedenfalls kannten die Honigtopfmethode nicht und brachten die Leiche ihres Herrschers von Buonconvento zum schönen Ort Suvereto und taten, was getan werden musste, um die Leiche haltbar zu machen: Dortselbst wurde Heinrich auf Feuer langsam geräuchert und damit haltbar gemacht. Technisch gesehen geht das bei einem deutschen Herrscher nämlich auch nicht anders als bei einer toskanischen Wildsau. Die Flüssigkeiten verlieren sich, und übrig bleibt der luftgtrocknete Regierungsschinken, der zwei, drei Jahre noch durchaus appetitlich aussieht. Sie, liebe Leser, haben sich doch auch sicher schon gefragt, wo das Wort “Kaiserfleisch“ seinen Ursprung haben mag.

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Solcher Art waren also die deutschen Recken: Kurz entschlossen, durchsetzungsfreudig, und ohne falsche Feinheit, wenn eine Sache zu stinken beginnt. Davon könnte man sich auch heute eine Scheibe abschneiden. Also, von dieser Grundhaltung meine ich, nicht vom Schinken. Chronisten jedenfalls berichten, dass Heinrich 1315 tatsächlich am Stück und nicht beknabbert im Dom von Pisa beerdigt wurde, als sein Grab endlich fertig war. Und Suvereto macht kein allzu grosses Aufheben um die Kompetenz der Stadt beim Räuchern grosser Fleischstücke, sondern überzeugt heute mit einer phantastisch erhaltenen, entzückenden Altstadt auf dem Berg. und gegenüber dem Rathaus mit einem ziemlich vollen Restaurant namens l’Ciocio. Man muss ja nichts mit Schinken nehmen, es gibt genug Fleischloses.

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Am ersten Sonntag im Mai kämpft man dort um Fässer, die durch die Strassen gerollt werden, und als ich mich letztlich dort wieder erhob, hatte man auch mit als Fass benutzen können. Denn ich habe einiges probiert, so dass ich zwar nicht als Schinken, sondern als eine Art fassförmiger Stopfganter zu enden drohte. Es ist dort wirklich sehr gut und mir wurde auch versichert, dass man in Suvereto keine Deutschen mehr räuchert. Dafür findet sich dort vieles mit Trüffel von zartem Geschmack, man weiss, wie man Nudeln richtig selbst herstellt und kocht, und eigentlich will man gar nicht mehr weiter. Ab und zu kommen ein paar Bogenschützen in historischen Kostümen vorbei, um oben in der Burg mit Blick aufs Meer Strohmänner mit Pfeilen zu spicken. Kurz, der Umgang mit Ankommenden ist hier durchaus differenziert und im l’Ciocio sitzt man fraglos auf der richtigen Seite der historischen Entwicklung.

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Manche sagen ja, es gäbe kein richtiges Leben im Falschen, aber ich sage, dass am Ende immer die einen geräuchert werden und die anderen sie essen, und dabei keine derartigen Fragen stellen. Niemand findet es richtig, geräuchert zu werden, und trotzdem kommt es vor. Man sollte diese Realität im Auge behalten, will man nicht später einmal die falschen Seiten der Geschichtsschreibung mit seinem Schicksal füllen. Wenn ich mir die Politiker so anschaue, wie sie einfallen und faltig werden, dann frage ich mich auch, ob sie nicht vielleicht schon ein wenig vom Dasein vorgeräuchert werden. Am besten bleibt man einfach in Suvereto sitzen und wartet, bis die Küche wieder aufmacht. Denn das Leben ist kurz, der Pfeil fliegt schnell, aber die Speisekarte ist lang.

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10. Apr. 2016
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07. Apr. 2016
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Unterbezahlung als gerechter Lohn für Banausen

Angelina, Angelina, please bring down your Contertina
and play a welcome for me, when I be coming home from sea.
Harry Belafonte

Es ist noch nicht allzu lang her, da betrat man den Dom von Siena, fand hinter dem Eingang im Dunkeln einen hölzernen Kassenverschlag, und löste dort eine Karte. Heute muss man die Karten im Seitenschiff des “Neuen Doms“ kaufen, einer Bauruine des Mittelalters, schräg gegenüber am anderen Ende des Areals. Die Verkäufer sitzen hinter dicken Glasplatten. Vor dem Dom selbst sind Annäherungshindernisse. Und Wachleute mit Metalldetektoren prüfen, ob man Waffen dabei hat. Die Zeiten, da man einfach so in eine Kirche gehen kann, sind, sofern es sich um ein Meisterwerk des Christentums handelt, in Italien mittlerweile vorbei. Unachtsame Besucher sehen nur, dass die alten Holzverschläge entfernt wurden. Kundige erkennen ein ausgefeiltes Sicherheitskonzept, mit dem potenzielle Terroristen auf Abstand gehalten werden.

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Natürlich steigt in so einer Bigletteria auch die Anforderung an das Personal. Solche Posten in Holzverschlägen waren lange Zeit ein zwar nicht gut bezahlter, aber sicherer Beruf im italienischen System der staatlichen Patronage, der wenig verlangte und wenig Aufstiegschancen bot. Italien hat unendliche Mengen an Museen und Kulturgütern, und ebensolche Mengen an Personal, das Karten verkauft, mehr oder weniger aufpasst und das Wunder vollbringt, dass trotz meist vorsintflutlicher Sicherheitstechnik weitaus weniger passiert, als man annehmen möchte. Nur an den herausragenden Werken müssen Mitarbeiter aktiv Leistung bringen. Jetzt, in der Vorsaison, ist die Arbeit überschaubar. In der Saison ist das anders. Aber noch sind die Japaner im Büro und die Chinesen im Stau, die Amerikaner essen Fast Food, und die Deutschen bleiben mit schlechter Laune unter sich.

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Die Deutschen… ja, das ist so eine Sache mit denen. Ob sie in 20, 30 Jahren immer noch so gern nach Italien kommen werden? Auf der einen Seite ist da die Angst vor dem Terror in islamischen Ländern, die plötzlich Pools in Südtirol schöner als Buchten in der Türkei erscheinen lässt. In Kirchen werden in Europa keine Religionskriege zwischen den Konfessionen mehr ausgetragen. Und statt Körperverhüllung sieht man in San Vincenzo, wo ich gerade logiere, erwartbar erste Haut bei 27 Grad und blauem Himmel. Italien braucht keine Zonen für westlichen Lebensstil, es ist durch und durch westlich. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob die Deutschen eine neue Italiensehnsucht entwickeln. Ich sehe zu viele mufflige deutsche Kinder, die lieber in ihre Mobiltelephone statt auf römische Ruinen starren. Jugendliche, die sich von dem angesprochen fühlen dürften, was ich jüngst auf einem Müllportal lesen musste: Vom Gefühl, ein “unterbezahlter Millenial“ zu sein. Tatsächlich wird so ein junger Mensch mit Geldsorgen – die Miete in Kreuzberg! Das neue iPhone! – dann lieber einen Pauschalurlaub dort buchen, wo es deutlich billiger und kulturell weniger bedeutend ist.

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So eine gewisse miesmuschelige Grundunzufriedenheit junger Menschen, die sich alle um besonders beliebte Jobs streiten und bereit sind, für miesen Lohn in einem windigen Verschlag am Rechner zu sitzen, mit einer stupiden Hilfsarbeit, die auch nicht fordernder als das Ticketabreissen ist, wie etwa das Erstellen eines Quiz oder eines Listicles – so eine Unzufriedenheit braucht das deutsche System. Diese Unzufriedenheit ist die beste Propaganda für unseren Leistung betonendes Mechanismus, verbunden mit der Erwartung, dass man irgendwann den Sprung zum gut bezahlten PR-Dienstleister schafft und dort vielleicht ein Viertel von dem bekommt, was der total unschicke Schulkamerad mit dem Maschinenbau- oder Informatikstudium ganz selbstverständlich erwarten kann. Die leicht depressive Grundunzufriedenheit, die junge Medienleute pesthauchen, macht das Dasein hässlich, sie ist so eine Art Ganzkörperverhüllung für die gute Laune, der Dünger für Privilegienforderung und ohne echte Leistungsfähigkeit – so hat gerade die Prantlhausener Zeitung einen feministischen Propagandaartikel beim Guardian abgeschrieben, und darin, welch Wunder, die Gender Pay Gap beklagt. Und die H&M-Jeans passt auch nicht, wie gemein. Das ist wichtig. Alte Trümmer sind egal.

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Ich kenne so eine vulgärdeutsche Lebenseinstellung weder aus meinem deutschen noch aus meinem italienischen Umfeld. Mein deutsches Umfeld spricht eher selten über Einkommen, weil das nur eine nette Komponente des Vermögens ist. Mein italienisches Umfeld arbeitet wirklich, reisst sich die Beine aus, eröffnet Bars, arbeitet nebenher noch auf dem Wochenmarkt und tut alles, um an Immobilienbesitz zu gelangen, sucht nach privater Sicherheit, konzentriert sich auf das Wesentliche, ohne zu klagen – dafür sind sie viel zu stolz. Kein Italiener – es handelt sich dabei nicht um Millenials, sondern um Menschen mit Ehre, Anstand und realistischer Einschätzung der Möglichkeiten – würde sich trotz der Wirtschaftskrise öffentlich als unterbezahlter Angehöriger einer Verlierergeneration bezeichnen und nach dem Staat und Quoten plärren. Sie arbeiten, was geht, und so lange, bis es eben für sie passt. Das ist auch nicht immer schön und gerecht, aber sie tun etwas, damit sich das ändert.

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Deshalb mag ich auch diese zufriedenen und bemühten Wärterinnen an den drittklassigen Denkmälern im Hinterland an der freien Luft. Es gibt dort zwei Arbeitsplätze und momentan vielleicht acht Touristen, die zu beaufsichtigen sind, und die Hälfte davon wäre aufgrund der Vergreisung körperlich nicht mehr in der Lage, Kulturgut nach draussen zu schleppen. Es reicht, die Stühle unter den Baum zu stellen, von dem aus das Areal zu überblicken ist, ein gutes Buch und eine Sonnenbrille dabei zu haben, und die Füsse auf das Mäuerchen davor zu legen. Das ist nicht gut bezahlt, macht aber erkennbar zufrieden und glücklich. Seit vielen Tagen scheint hier die Sonne. Im Osten geht sie über Siena auf, im Westen über dem Meer unter, dazwischen ist eine Art literarisches Picnic an einem der schönsten Plätze der Erde. Die Römer wussten schon, warum sie hier ihre luxuriösen Bauten errichtet haben. Marmorsäulen gleissen im Sonnenlicht, ein Lächeln umspielt die Lippen der Lesenden. Würde ich etwas fragen, bekäme ich eine freundliche, hilfreiche Antwort. Das Leben ist schön. Alle sind zufrieden. Im Schatten schläft eine dicke, schwarze Katze. Um uns herum versinkt die Welt im Chaos – hier steht sie still und bietet jedem, was er braucht.

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Ich erkläre etwas über die Konstruktion römischer Theater, über die Aufführungspraxis und die Akustik solcher Gebäude, und bin ganz erstaunt, dass ich die Raumabfolge der Thermen übersetzen und erklären kann. Man glaubt gar nicht, was sich alles an sinnlosen Informationen in der Gehirnmüllhalde, die während der Grand Tour aufgehäuft wurde, bestens erhalten hat. Am Geländer fühle ich, wie das Eisen nachgibt, weil es entlang der Wasserwege längst vom Rost zerfressen ist. Oben in den Mauern brechen Rosmarin und Currykraut den Stein, ein leichter Wind fächelt Luft vom Meer herüber. Seit den Tagen, da drüben an der Küste auf der Via Aurelia die Legionen nach Norden marschierten, um die Germanen vom Baum zu pflücken und ihnen die Vorteile der Reinlichkeit nahe zu bringen, ist die Führerschaft in Europa auch gen Norden gewandert, und hält sich in den Kreisen, die die Berliner Republik unter sich aufteilen wollen. Dort liegt die Macht, sofern die Niederländer nicht anders entscheiden. Hier unten ist aber immer noch die Grösse der Geschichte.

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Und die zufriedenen Wärterinnen hier unten und ihre männlichen Kollegen oben bei den etruskischen Tempeln. Man kann nicht alles haben, Kultur verträgt sich nun mal nicht gut mit dem Verlangen nach Aufstieg in einer von Leistung und Geld geprägten Gesellschaft. Man muss Kompromisse eingehen, und hier besteht dieser Kompromiss aus einem eher kleinen Verdienst, Blick über die schönste Landschaft der Welt, einem Buch und viel Sonne. Woanders wird dagegen strategisch geplant und intrigant gewühlt, um in einem engen Büro nach vorne zu kommen, und das ausgerechnet in Berufen wie meinem, die, bei Lichte betrachtet, in den letzten 20 Jahren schlimmer verrottet sind, als die Eisengeländer, die unsereins beim Betrachten der Ruinen vor dem Absturz bewahren sollen. “Unterbezahlt“ ist für die nächste Generation nicht mehr als der Einstieg in die Altersarmut. Die Wärter sitzen auf festem Grund, und die Mauer sieht solide aus. Sie und ich, wir sind, jeder auf seine Art und Weise, ganz oben in der Zivilisation angelangt, selten und wenigen ging es besser. Mag sein, dass sie mehr mit neuen Touristenströmen zu tun bekommen, wenn es andernorts noch schlechter geht, und irgendwann muss auch ich wieder nach Deutschland, um mein Rad und frische Kleidung zu holen und nach Siena umzuziehen. Aber in diesem Moment, an diesem Nachmittag, gehen einige Menschen in ihrer Arbeit zufrieden auf – sie, weil sie ein gutes Buch lesen, und ich, weil ich ihre lächelnde Zufriedenheit beschreiben und erklären darf.

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Es gibt tatsächlich noch ein Leben ohne Klage und Jammern, ohne immer neue Forderungen und Befürchtungen, dass es bald wieder knallen könnte, ein wenig vergessen und entkoppelt vom Strom der immer gleichen, immer gleich schlechten Nachrichten, die ihren sumpfigen Grund im Verlangen nach Mehr und nach Unterwerfung von anderen haben. Die Katze schnurrt, wenn man sie streichelt, und die Säulen, die die alte Gesellschaft stützten, künden von Lustspielen, in denen man noch herzlich über dreiste Aufschneider lachte, die nichts leisteten und dennoch mehr Geld verlangten. Buffone nennt sich so einer in der Commedia dell’Arte. Wirklich, wir sollten seine über H&M-Hosen jammernden Enkelinnen mehr verlachen. Und die Wärterin, die alle gewitzte Weisheit der Colombina in sich vereint, beim Verlassen des Theaters an einem der schönsten Plätze der Welt freundlich grüssen.

07. Apr. 2016
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31. Mrz. 2016
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Schwan, Spatzl, dumme Gans – Genderdebattieren mit Relativcharme

Wenn Männer aufhören, Charmantes zu sagen, hören sie auch auf, Charmantes zu denken.
Oscar Wilde

Ich bin bekanntlich der höflichste Mensch von der Welt, wohlerzogen und allen Menschen und ihren Schwächen zugetan. Aber auch der höflichste Mensch der Welt sieht sich immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie er diese Contenance angesichts der Realität tapfer erhält. Bayerische Freunde etwa verstehen meine liebevolle Nachsicht für die ethischen Defizite von radikalen Feministinnen überhaupt nicht, und vertreten die Ansicht, sie selbst würden beim Beschreiben derer Tolldreistigkeiten nicht an sich halten können. Böse und bitter wäre ihre Wortwahl, justiziabel wäre vieles und überhaupt, auf grobe Birkenstock-Klötzinnen gehöre auch ein grober Keil. Man ist nicht wirklich zufrieden mit meiner nachsichtigen Haltung und wundert sich, warum ich so gelassen bleibe.

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Die Frage wird im Frühling wieder aktuell, denn diese Szene hat erkannt, dass sie beim Thema Flüchtlinge nur verlieren kann. Flüchtlinge haben ganz andere Sorgen als ihre Forderungen nach Einführung des Binnen-I und rosa Röckchen für Jungs.  Wo kämen wir denn da hin, wenn Medien immer nur über die Forderungen in Idomeni berichteten und nicht über den genderneutralen Umbau der Gesellschaft? Daher machen Aktivistinnen und die befreundeten Medien nun langsam einen Schwenk: Mit #imzugpassiert melden eine Kunststudentin und die üblichen Empörten, was ihnen alles so im Zug widerfahren ist, und wie viel Alltagssexismus sie erleben. .

Damit steht wieder die wichtigste Sorge der Welt – das Wohlergehen der Aktivistinnen mit erkennbaren Interviewbegierden – im Zentrum der Darstellung. So werden heute aus inszenierten Kamagnen Nachrichten gemacht. Mein Trick, um angesichts von nicht nachprüfbarer Behauptungen der immer gleichen „Wozu-Polizei-wenn-ich-es-twittern-kann“-Aktivistinnenblase und ihrer Helfer in den Medien weiterhin höflich zu bleiben, ist das Verfassen von Texten, die schonungslos ausdrücken, was ich mir denke. Ich schreibe Emails, die die ganze tiefere Vielschichtigkeit der bayerischen Sprache umfassen. Ich mache aus meinen Wünschen, was die berufliche Zukunft vonunkritischen Kollegen angeht, keinen Hehl. Ich verweise auf die Nachteile eines Daseins in kleinen Mietwohnungen und darauf, dass Schulfreundinnen mit Kindern, Haus und Garten jenen Wert für die Gesellschaft haben, den sie für sich in Anspruch nehmen. Diese Mails schicke ich dann an Namederbetreffendenperson@gschupfteHenna.netwoah oder summarisch an info@zentralratderschiachn.mistamseln und dann geht es wieder. So bin und bleibe ich öffentlich der höflichste Mensch von der Welt, denn meine Mails erreichen nie ihr Ziel. Aber ich habe sie abgeschickt, und das fühlt sich gut an.

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So sind wir doch eigentlich alle, und darauf basiert auch die bessere Gesellschaft, aus der ich sehr wohl und andere nicht kommen, was man bisweilen leider auch merkt. “Schlucken, Alfonsius, schlucken“, brachte mir meine Grossmutter bei, und wer klug ist, denkt sich einfach seinen Teil, merkt sich den Vorfall und wartet auf eine günstigere Gelegenheit der Rache. Das ist nicht nett, aber sehr wohl höflich, und das Schöne am Leben in gehobenen Verhältnissen ist, dass wir auch wirklich die Zeit und das Vermögen haben, um jenen günstigen Moment erwarten zu können. Anderen fehlt das Vermögen und die Geduld, die preschen dann gleich mit ihrer Meinung vor, wie etwa eine anonym agierende Person bei Twitter, die gestern ihren Beitrag zum Aufmerksamkeitsschwenk hin zum Feminismus leistete: Eine glaubhafte “JournalistinHH“, die sich wirklich so unausgewogen benimmt, wie ich das von schlecht bezahlten Personen in einem krisengeplagten Beruf am Polarkreis erwarte, bezeichnete die Zeitschrift Capital wegen des Frauenbildes als “Drecksblatt“. Und der kritisierte Chefredakteur blieb ihr mit einer Bemerkung über “dumme Gänse“ nicht allzu viel schuldig.

Natürlich reagieren nun manche schnell und nennen das Sexismus. Das ist ganz erstaunlich in einer Epoche, die ansonsten dazu neigt, Unschönes eher sprachlich zu verbergen. Wir leben in einem druckertintenklecksenden Saeculum, in dem Menschen aus der Subsahararegion stammen, weil es uns peinlich ist, über ihre Hautfarben zu sprechen. Wer nach Deutschland migriert und seine Herkunft verschleiert, gilt nicht als illegal, sondern als anzuerkennender Altfall, wobei darin immer das Versäumnis deutscher Behörden zum Ausdruck kommt. Wir sagen nicht mehr arm oder gar Grattler, wenn es um sozial Benachteiligte geht. Sie sind benachteiligt, also Opfer zumindest der Umstände, wenn nicht gar des Systems oder der Reichen. Wir sprechen bei brüchigen Biographien von Unterprivilegierten und drücken damit aus, dass ein Defizit besteht, was die umgebende Gesellschaft zu beheben hätte. Radikale Feministinnen gehen einen Schritt weiter und sprechen von einer ganzen Rape Culture, die eine Kollektivschuld am Elend der Frauen und ihrer obszönen Vorwürfe trägt. Wie betrachten nicht mehr den Einzelnen, denn wir kriegen eins auf die Nuss, wenn Menschen als illegal, Schwarze, Barackler etc. bezeichnen. Wir bevorzugen Worte, die den gesamten sozialen Kontext mit abbilden und Opfer kreieren, gelten daher als höflich und bewusst, und stellen uns damit auf die Seite der Guten. Ich passe mich da auch an und bringe hier, wie gewünscht, viele Frauenbilder.

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Dem Wohlverhalten widerspricht jedoch die Neigung des Netzes, einzelne auszugrenzen und dann gemeinschaftlich anzuprangern – momentan eben denjenigen, der mit “dumme Gänse“ weit unter dem bleibt, was ich privat andere vielleicht in falsch adressierte Mails schreiben würden. Aber es erscheint mir als guter Moment, unseren gesamtgesellschaftlichen Konsens der Ursachenbetrachtung bei der Beurteilung zu bedenken. Wir sehen durchaus, dass hier die Bereitschaft besteht, Kosenamen zu verwenden, statt die Drecksblattsagerin analytisch zu hinterfragen. Dieses Verhalten gilt uns normalerweise als Charme, wenn wir etwa nach Stunden der weiblichen Nichtentscheidung im Wäschegeschäft immer noch “Spatzl“ sagen, wenn wir längst “zum Geier“ meinen. Wir sagen Spatzl, aber einen Heiratsantrag würden wir gerade eher nicht machen. Wir passen den Charme den Umständen an, und reagieren nicht abfällig – wir sind immer noch nett. Liebenswürdig. Nur halt relativ zu der uns umgebenden Gesellschaft. Der Charme ändert sich, aber er bleibt.

Das ist der Grund, warum ich doch als höflichster Mensch der Welt darum bitten möchte, vom Wort “Sexist“ Abstand zu nehmen. Wie haben hier nun mal eine Eskalation der wüsten Beschimpfung und relativ dazu eine massvoll ornithologische Bezeichnung. Hätte JournalistinHH gesagt, sie wünschte sich mehr Frauen, wäre die Antwort vielleicht Spatzl gewesen. Hätte sie ihr Anliegen in einem erfreulichen Tonfall vorgetragen, hätte man sicher die schwanengleiche Eleganz ihrer Überlegungen gelobt. Charme entfaltet seine Schwingen relativ zum Umfeld, und wenn wir das in Betracht ziehen, dürfen wir den Einzelnen nicht ohne Rücksicht auf die Umstände verurteilen. Ich sehe hier keinen Sexismus.

Ich sehe nur einen Relativcharmeur.

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Ich finde das Wort sehr schön, denn es glaubt an das Gute und macht gleichzeitig die Problematik des Daseins deutlich. Auf diesem Niveau ist es möglich, sich weiter gepflegt auszutauschen, auch über grundsätzlich andere Auffassungen hinweg. Es schlägt keine Türen zu, es lässt wissen, dass sich die Tür bewegen kann. Es nimmt Rücksicht auf menschliche , nur allzu menschliche Schwächen, und wirkt deeskalierend. Es ist nicht diskriminierend und klingt auch noch recht hübsch. Es würde niemanden dazu animieren, sich in einen Schreikampf zu stürzen, der keinem etwas bringt. Das Wort hat keinen Absolutheitsanspruch und verhindert, dass andere das Werk von Julius Streicher durchsuchen, ob der nicht vielleicht auch schon “Drecksblatt“ gesagt hat. Relativcharmeur ist ein charmantes Wort. Es trägt zur zivilisierten Gesellschaft vorbildlich bei.

Wir sollten es öfters verwenden. Höflichkeit kostet schliesslich nichts und stört später auch nicht beim Zücken des Dolches in jenen Momenten, die sich dafür wirklich empfehlen.

31. Mrz. 2016
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Soziale Teilhabe an Millionen und Crystal Meth

Zum Reichtum führen viele Wege, und die meisten von ihnen sind schmutzig.
Cicero

Als schlechterer Sohn aus besserem Hause ist mein Interesse an Leistungserbringung naturgemäss begrenzt, und es ist mir fast ein wenig peinlich, dass ich dennoch gern gelesen werde. Manchmal jedoch gebe ich mir auch Mühe und überprüfe meine Annahmen, bevor ich sie niederschreibe. Wie auch immer, ich habe als im Internet nachgelesen und mein Verdacht war richtig: Es gibt in Deutschland keine Leibeigenschaft mehr. Sie wurde meist schon vor über 200 Jahren ersatzlos gestrichen. Ehemalige Leibeigene müssen also nicht mehr auf der Scholle ihrer Grundherren Naturalien erwirtschaften, sie können einfach gehen, wenn es ihnen nicht gefällt. Ich persönlich finde, dass Leibeigenschaft und Sklaverei deutlich besser als ihr Ruf waren und die Abschaffung vielleicht nicht völlig durchdacht wurde, wie man das ja auch von Grenzöffnungen und Einladungen zu Invasionen so kennt: Fest steht aber, dass der Deutsche nach Lust, Laune, eigenem Vorteil und zur Gestaltung der besten aller möglichen Welten umziehen kann, wohin er gerade möchte.

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Das ist wichtig, weil letzte Woche die Klientelpartei der ehemaligen Leibeigenen und Sklaven, die zur Mehrheitenbeschafferin herabgesunkene SPD, durch ihre Friedrich-Ebert-Stiftung beklagte, dass die im Grundgesetz geforderten, vergleichbaren Lebensverhältnisse im Land kaum noch existierten. Dazu veröffentlichte sie im “Sozioökonomischen Disparitätenbericht 2015“ Datensätze, die meine deutschen Wohnorte von ihrer besten Seite zeigen und die Areale, in den die SPD noch etwas zu melden hat, weniger günstig darstellen. Möglicherweise hat das auch etwas mit Politik zu tun, aber bei den Gründen für die auseinander gehende Entwicklung hält sich die FES nicht auf. Pünktlich zum Bekanntwerden des hauptsächlich von Bayern getragenen Bundesfinanzausgleichs also zeigt die FES, wie prima es mancherorts läuft, und wie schrecklich woanders – und das, obwohl das rotgrüninsolvente Bremen heute auch Medienpolitik wie die CSU unter Strauss macht. Das allein reicht wohl nicht aus.

Ja, also, die Sache ist nur, und bitte, das weiss ich von einer hochintelligenten Volkswirtschaftlerin: Wenn in einem Land die Unterschiede zu gross werden, kommt es zu massiven Wanderungsbewegungen. So entstand etwa das Ruhrgebiet, so entstanden Kurorte, so entstanden Opernhäuser – überall zogen spezielle Einrichtungen spezielle Gruppen nach sich. Das hat sich nicht grundlegend geändert, meine Heimat weist tatsächlich eine heftige Einwanderungsbewegung auf. Aber es kommen bei weitem nicht alle, obwohl die Regionen Vollbeschäftigung haben und ihre Mitarbeiter auch aus dem Ausland beziehen. Es gibt bei uns menschenverschlingende Pullfaktoren und woanders menschenverachtende Pushfaktoren, erklären mir die Daten der FES. Eigentlich müsste es da zu einem Ausgleich kommen, denn die Menschen sind ja keine Leibeigenen mehr, solange sie nicht gerade im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter politischen Vorgaben arbeiten. Und da denke ich mir: Könnte es nicht eventuell sein, dass die Karten nicht alle relevanten Faktoren abbilden?

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Ein Kriterium, das die FES natürlich in Berlin nicht kennt, ist beispielsweise das Thema Hubschraubereinsätze. Sehen Sie, wenn Sie in Berlin zum Beispiel keine Möglichkeit haben, Ihre fragwürdige und begrenzt kluge politische Überzeugung wie unsereins in den Leitmedien zu verkünden, nehmen Sie eine Spraydose und schreiben das an die Wand. Dann kommt vielleicht der Büroleiter eines momentan krank geschriebenen Abgeordneten und vertreibt Ihre “Gib Handy“-Forderung auf seinem privaten Account. Das ist bei uns in Bayern anders, wir jagen solche Freunde des Schrifttums mit dem Polizeihubschrauber. Oder Sie nehmen die Ungleichheit der Verhältnisse in Deutschland zum Anlass, nicht auf die Weltrevolution zu warten – Sie bereichern sich mit Schwarzfahren, lehnen auch die Herrschaft des Kontrolleurs ab und greifen den an. Dafür bekommen Sie in Duisburg Hilfe von körperbetonenden Clans. Bei uns in Bayern jagt man Sie mit dem Hubschrauber. Oder Sie versuchen, das soziale Ungleichgewicht mit dem Vorzeigen eines Messers in Ihrem Sinne zu verändern. In Bremen mag es dafür eine rotgrüne Integrationssendung geben, die Ihre Motivation verständnisvoll begleitet. Bei uns in Bayern werden Sie mit dem Hubschrauber gejagt. Natürlich kann man die Teilhabe am Reichtum fordern, aber Reichtum erleuchtet auch Strassen mit dem gleissenden Licht des Suchscheinwerfers, wenn die Teilhabe nicht systemkonform ist.

Ich weiss, wie sich das anfühlt, denn ich war in Wackersdorf. Es ist laut, und so schnell kann man gar nicht laufen. Das nimmt man vielleicht in Kauf, wenn man eine Wiederaufbereitungsanlage verhindern will, aber bei alltäglichen Metropolenhobbies wie Sprayen, Schwarzfahren oder schwerem Raub kann einem das Gehubschraubere ziemlich auf die Nerven gehen. Die FES müsste also auch mal eine Karte machen, wo die Hubschraubereinsätze gegen Systemkritiker der Tat verzeichnet sind. Da würde meine Heimat dann ganz schlecht aussehen. Und es kann natürlich sein, dass manche ihre Prioritäten danach ausrichten, ob sie danach ihre Freunde zum Prahlen oder einen Anwalt aus der U-Haft anrufen. Weitere nette Karten könnte man auch zum Thema “Überwachung des Tanzverbots am Karfreitag“ und “Straffreiheit bei illegalen Autorennen“ machen, zur Verfügbarkeit von Drogen und zur Geschäftsöffnung. Bei uns am Tegernsee wird am Morgen gebacken, und nach vier Uhr Nachmittags ist das Angebot begrenzt. Wenn Sie hier einen dieser modernen Coworking-Plätze wollen, müssen Sie extra zahlen, wenn Sie nach 20 Uhr Zugang haben wollen. Das sind auch alles Kriterien, die für Menschen wichtig sind.

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Die FES könnte aufschlussreiche Karten über die Wohnraumkosten in wirtschaftlich entwickelten Regionen machen und mit dem sozialen Wohnungsbau im Norden vergleichen. Sie könnte Karten des Landes zeigen, wo man die Menschen mit fast geschenkten Grundstücken und 0%-Zins-Krediten erpresst, ein Eigenheim zu bauen, statt sich der sozialen Gemeinschaft anzuvertrauen. Sie könnte meine Freunde, die Miris von der Bergmannstrasse fragen, wo der Bayer den in Berlin unverkäuflichen Seidenteppich holt, und die Alkoholkranken davor, warum sie die bayerische Wirtschaft mit Tegrnseer Hell stützen. Mein Gefühl sagt mir, es entstünde mit all den säuferleberweichen Faktoren kein Modell der Ungleichheit mehr, sondern ein Bild der Diversität, die unterschiedlichsten Glücksvorstellungen multioptionale Räume zur Selbsterfüllung bietet. Höre ich nicht dauernd, Deutschland sei bunt, vom Grau unserer Gebirgsjägertrachten bis zum Blau der Junkievenen? Und warum konzentrieren sich ausgerechnet Sozialisten auf die Vermögensverteilung? Selbst bei Marx bis Pol Pot werden doch ganz andere Lebensziele in den Vordergrund gerückt. Da muss die FES deutlich nachbessern, um den Menschen und nicht die Ideologie in den Mittelpunkt zu stellen. Teilhabe ist universell zu betrachten.

Wie gesagt, wem die Verhältnisse in Ort A nicht behagen, der kann jederzeit Ort B aufsuchen und dort teilhaben, wo es besser ist. Würde man wirklich versuchen, einzelne Faktoren überall anzugleichen, könnte es schnell passieren, dass auch anderes aus dem Ruder läuft: Zu meiner Zeit in Berlin war die jetzt ruhige Wohngegend rund um die Lychener Strassse unter dem Namen LSD-Viertel bekannt – heute ist es nach der Gentrifizierung nicht mehr weit bis zur Bürgerwehr, die Unpassende mit Golfschlägern verscheucht. Geld ist nun da, aber die Matratzen auf dem Bürgersteig sind selten geworden. Man muss da wirklich mal wegkommen vom schnöden, monokausalen Mammon und das alles gesamtheitlich als Biotope betrachten, die einer vielschichtigen Gesellschaft ihre nötigen Experimentierfelder überlässt, mit Mut zum Scheitern. So funktioniert die Freiheit. Das hohe Vermögen im Landkreis Miesbach kommt mit steinalten Millionären und das Hochgefühl in Berlin mit 0,6 Gramm Crystal Meth für 70 Euro.

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So endet das, was als wehleidiges Geflenne ob sozialer Unterschiede begann, in der formschönen Dialektik des historischen Materialismus. Wenn sich jeder in Freiheit verwirklichen wollte, aber die Ansprüche daran unterschiedlich waren, musste man schon immer mit unterschiedlichen Konzepten innerhalb eines Landes leben. Der Austausch der Freiheitsbegriffe ist durch den Ortswechsel möglich, und dass damit eventuell andere Nachteile verbunden sind – nun, man kann auch in der besten aller möglichen Welten nicht alles haben, noch nicht mal als schlechterer Sohn aus besserem Hause. Das war auch für mich eine harte Lektion, aber ich habe überlebt, und auch die FES wird vielleicht irgendwann verstehen: Man kann hübsche Karten haben und befreundete Journalisten und Genderkongresse und Sigmar Gabriel und 50 Millionen Euro mehr für den Kampf gegen Rechts und eine wirkungslose Mietpreisbremse und TTIP und Pack-Beschimpfung der eigenen Wähler– die Garantie, langfristig über 5% der Stimmen zu bekommen, hat man danach nicht mehr. So ist das eben mit der desperaten Disparität in unserem schönen Land der Möglichkeiten und der Teilhabe.

27. Mrz. 2016
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Der Genderzünder für den sozialen Sprengstoff

Allhier con Fortitudo aingeschlogn undt nydergeleckt zu Josefi, Anno Salvationis MMXVI

Vorurteile sind schrecklich. Vorurteile muss man bekämpfen. Eisern. Täglich sehe ich im Netz derbe Sprüche von Netzfeministinnen, und immer sage ich mir: Die sind nicht alle so. Nicht alle leben, wie man das manchmal auf Bildern sieht, in einer polyamoren Bettbeziehung mit leeren Pizzakartons und Hausstaubmilben. Manche tun das nur, weil sie Aufmerksamkeitsdefizite haben, und sind in Wirklichkeit ganz nett. Ich habe mich sogar schon mal einen Abend mit einer bekannten deutschen Netzfeministin unterhalten, ohne zu wissen, wer das war, und erst jetzt, nach Jahren, würde sie mir gern die Augen auskratzen. Man muss wirklich genau hinschauen und differenzieren, egal ob bei Genderideologen oder bei ihren nächsten Verwandten, den nicht minder lauten Rechtspopulisten,. Die einen hassen den weissen Mann als Patriarchat und die anderen den dunklen Mann als Domplattenwüstling. Beides ist natürlich grundfalsch – man darf einfach nicht verallgemeinern.

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Auch nicht dort,wo manche momentan noch glauben, die Grünen hätten einen Wahlsieg errungen. Es stimmt, dass die CSU-Tarnorganisation der Kretschmann-Grünen die stärkste Partei im sonnigen Baden-Württemberg wurden, aber man muss auch erkennen: Die grün-rote Regierung wurde eindeutig abgewählt. Auch die Grünen haben 70.000 ihrer alten Wähler – immerhin sechs Prozent ihrer Klientel – an die AfD verloren. Weniger als andere, aber das ist schon erstaunlich. Und ausserdem hat die AfD dort mehr als in jedem anderen westlichen Bundesland geholt: 15,1 Prozent ist wirklich viel. Insofern ist es auf den ersten Blick nicht verwunderlich, wenn sich nun unter der Führerschaft des VVN-BdA ein Bündnis aus Gewerkschaften, Linken, Grünen und Sozialdemokraten bis zu Blockupy formiert, das sich „Aufstehen gehen Rassismus“ nennt und behauptet, mit der AfD wäre die alte Abgrenzung der Gesellschaft nach Rechts gestört – und man bräuchte eine neue Abgrenzung, um die AfD ausserhalb des gesellschaftlichen Konsenses zu halten. Zu dem Zweck wollen sie mit einem bundesweiten Schulungsprogramm “Stammtischkämpfer*innen“ ausbilden, die rote Linien neu ziehen.

Mit Bierfuizl.

Oh mei. Ich hoffe, die Stammtischkämpfer*innen überlegen sich das vorher zweimal und erstellen eine Karte der Biergärten, wo es nur Plastikmesser, Babbadegglgschirr, Gummimasskrüge und keinerlei Spiesse zum Ochsenbraten gibt. Da können sie es vorsichtig versuchen und dann die Idee der gelebten Realität anpassen. Aber Josefimesserstechereispass beiseite, da sieht man halt, wie vorschnell die Linke urteilt: Den Gegner halten sie für einen dumpfen Stammtischbruder, der Jahrzehnte in seinen Vorurteilen gegärt wurde. Alte weisse Männer in Tracht. Das Patriarchat halt. Dabei zeigt die Wahlanalyse aus dem Südwesten etwas ganz anderes. Den höchsten Zuspruch hat die AfD bei jungen Leuten bis Mitte 40. Und auf drei Männer, die da ihr Kreuzerl machen, kommen zwei Frauen, die genauso entscheiden. Fast jeder fünfte wählt AfD. So viele kann man in der Realität nicht ausgrenzen, wenn man seinen Arbeitsplatz oder die Apanage der Eltern behalten will. Die AfD-Wählerschaft ausgrenzen können Berliner Hipster, die auf Bento und anderen Müllkippen arbeiten. Aber in Schwaben geht das allein wegen der schieren Menge nicht.

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Weil ich so ein lieber Kerl bin und auch Müllkippenarbeiter°innen nicht diskriminiere, möchte ich auf ein anderes Problem hinweisen. Der Aufstand geht selbstverständlich davon aus, dass es nur am Rassismus liegen kann, wenn 70.000 früher bejubelte Grünenwähler nun für die AfD stimmen. Das passt zur gelebten Praxis von Aktivisten, sich ihre eigene Blase zurecht zu blocken, die mit ganz einfachen Pauschalurteilen ohne jedes Nachdenken die Weltsicht braun eintrübt. Auf dem Dorf, wo man sich nicht aus dem Weg gehen kann, muss man dagegen differenzieren. Es mag schon sein, dass die Migrationspolitik ein wichtiger Aspekt war. Aber in Schwaben ist der Anteil der AfD auch signifikant höher als in Rheinland-Pfalz. Und dazu habe ich, ausgehend von meinen eigenen Erfahrungen auf dem Dorf, eine Theorie. Eine Theorie, warum ausgerechnet so viele jüngere Erwachsene so gewählt haben.

Weil sie an mehreren Fronten bedroht werden. Die klassische Flüchtlingsaktivistin der Medien lebt in einer grossen Stadt zur Miete und hat selten feste Bindungen – falls doch, wird sie oft bald alleinerziehende Mutter. Das ist ein Metropolenphänomen und möglich, weil dort vor allem gemietet und nicht an die Zukunft gedacht wird. Die jungen Familien bei uns in den kleineren Orten wollen nach Möglichkeit etwas Eigenes. Und alle haben sie Angst, die Gemeinden könnten Flächen, die für Neubauten oder Einheimischenprogramme vorgesehen sind, auf Jahre mit Notunterkünften blockieren. Fehlender Wohraum in der Heimat ist für junge Menschen, die als Doppelverdiener auf die Nähe der Grosseltern angewiesen sind, eine existenzielle Sorge. Das Haus besitzen oder nicht besitzen entscheidet darüber, wie das Leben im Alter sein wird. Schulkapazitäten, die für Migration abgezweigt werden, gelten als schlecht für den eigenen Nachwuchs. Mir sind diese Elternreaktionen auch fremd, aber man muss damit leben, dass sie allergisch auf alles reagieren, was das Elterndasein noch zusätzlich erschwert. Sie sind nicht so dumm, dass sie Willkommensklassen sehen und nicht verstehen, dass hier die Mittel sind, die ebenso für kleinere Klassen verwendet werden könnten. Das fordern alle Eltern. Dafür ist in ihren Augen zu selten Geld da. Jetzt ist das anders. Für junge Familien hat der Verteilungskampf längst begonnen.

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Und dann ist da noch die grün-rote Regierung in Schwaben. Die Regierung, die unbedingt Geld für sexuelle Toleranz ausgeben wollte. Die einen Bildungsplan entwickelte, der Kinder darüber aufklären sollte, dass es neben der Kernfamilie auch noch viele andere Optionen gibt. Nur damit wir uns hier richtig verstehen: Ich lehne Familienleben füt mich auch ab, ich bin aufgeklärt und aufgeschlossen und absolut der Überzeugung, dass niemand etwas bei den Freuden anderer Menschen mitzureden hat, die sich freiwillig zu Taten verabreden, so abseitig sie auch sein mögen und wenn es Genderpraktika bei der taz sind. Inhaltlich bin ich für sexuelle Toleranz. Aber Toleranz heisst nicht, das alte Zwangsweltbild des Klerikalismus durch den Genderismus zu ersetzen. Toleranz heisst, dass man auch etwas doof und daneben finden kann, und das ist speziell bei sexuellen Vorlieben und Beziehungen sehr wichtig. Ich kann alle Eltern verstehen, die nicht wollen, dass das, was sie ihren Kindern vorleben – eine gute Beziehung in der gesellschaftlichen Norm– nur als eine Möglichkeit unter vielen gelten soll. Weil es dem Genderwohlfahrtsausschüssen von GEW, SPD Grünen und angeschlossenen Esoterikerinnen in den Kram passt.

Was da entstand, ist nicht Rassismus. Es ist das – so kommt es immer wieder zur Sprache – komische und sich selbst verstärkende Gefühl, dass junge Familien auf vieles verzichten, was für andere selbstverständlich ist. Man ordnet sich unter, man gibt anderen Menschen ein gutes Leben, man lässt es nicht nach Belieben krachen und leistet seinen Beitrag für Kinder und Gesellschaft. Und dann kommt der Staat daher und bringt den Kindern bei, dass es gar nicht so altmodisch sein muss. Ein Obergrüner sagt, dass man sich auch mit Chrystal Meth in Berlin erwischen lassen kann, und viele neue Chancen verdient. So viel kann die Kernfamilie diesem Staat also kaum wert sein. Dazu kommt noch die Einwanderung, die mit jenem Geld finanziert werden soll, mit dem man auch Familien fördern könnte. Es geht um eine Migrationsheilslehre, aus der die Facharbeiter erwachsen und die jene demographischen Probleme lösen soll, die junge Familien eigentlich auch lösen, und zwar selbst finanziert, und jetzt zusätzlich für andere zur Kasse gebeten werden. Es werden Milliarden für Migranten ausgegeben, die Wohnungen brauchen und auch bekommen, und dazu die deutschen Nachbarn, die auf dem freien Wohnungsmarkt keine Alternative finden. Da sollen die zukünftigen Rentenzahler entstehen. Die sicheren zukünftigen Rentenzahler müssen sich für Willkommenklassen schlank machen und erfahren dann, wie überkommen klassische Familien sind – während der Staat Sexratgeber für Machokulturen erstellt, weil die Migration demographisch und sexuell völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Der intakte Kern der Gesellschaft wird in den Augen dieser Betroffenen zur Disposition gestellt, denn die Nachwuchs- und Rentensorgen löst die Migration, und wer den Mund aufmacht, muss alternativlos ausgegrenzt werden, von Kriminellen über den staatlich finanzierten Kulturdemobetrieb bis zur öffentlich-rechtlichen Moderatorin: Vorwürfe von Sexismus, Rassismus und Phobien sitzen locker.  So gesehen ist das Wahlergebnis wenig überraschend. Es hat gereicht, den weithin verhassten Bildungsplan zum Teufel zu jagen.

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Man kann die AfD mit guten Gründen bigott und reaktionär nennen – aber die Familien sind ihr glaubhaft näher als die Genderlobbyisten. Sie spuckt den Familien nicht ihre Genderideologie höhnisch ins Gesicht, sie ist nur rückständig, durchvonstorcht, und daher für viele das kleinere Übel. Das ist, so banal es klingt, eine Ursache ihres Erfolgs. Ich bin als Bürgerversammlungsbesucher hier nur der Überbringer dieser Botschaft, die viele jüngere Kolleginnen in den Medien vehement ablehnen. Aber diejenigen, die das Beste für ihre Kinder wollen, müssen schauen, wo sie bleiben. Speziell im kritischen Alter, wenn die Kinder in der Ausbildung sind, und dazu noch das Vermögen entstehen sollte. Da werden sie gerade verachtet, verlacht, und in den Leitmedien steht etwas über Transkinder und Röcke für Jungen.

Das kann man machen. Man kann dann auch Stammtischkämpfer schicken. Ich würde vorschlagen, vorher einfach mal mit den Leuten zu reden. Also, den jungen Familien und ihren Sorgen zwischen Konstanz und Tübingen zuhören. Oder wenigstens mal ein Buch über Fehleinschätzungen der Motivation anderer Leute lesen. Verdun, Stalingrad, immer wieder wollten Deutsche blutrote Linien zu Gegnern ziehen und nie ist das gut ausgegangen. Fahrt hin, setzt euch dazu, hört hinein und haltet den Mund oder wenigstens eine Armlänge Abstand zum Radius des Bierkrugeinschlags. Ich halte mich raus. Ich bin nur Kriegsberichterstatter, kein Sanitäter, mein Verbandskasten im Roadster ist abgelaufen, und der geliebte Pizzakarton kommt einen sicher nicht im Krankenhaus besuchen.

19. Mrz. 2016
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Identitäre Bewegungen in Dirndl und Lederhose

I bin a Bauasbauanbua Bauasbua Bauasbua
La Brass Banda

KRCKS machte die Feder, und das Auto sackte vorne wirklich etwas ab. Dabei bin ich gar nicht schnell gefahren, das Loch in der österreichischen Strasse war nur so tief wie die Bückhaltung der Kanzlerin vor Sultan Erdogan bei der Ablieferung des Tributs, und Sportfahrwerke, das erklärte mir der Mechaniker, stehen unter hohem Druck. Federn wie die, die ich brauche, brechen oft. Sie hätten sie gar nicht auf Lager, das würde Tage dauern. Ich könnte aber schon noch weiter fahren, nur nicht so schnell. Vor mir lagen noch zwei Pässe und ein Auftritt auf einem Podium. Ich kam direkt vom Tegernsee und war noch ortstypisch bekleidet, was ohne Federbruch eigentlich egal ist – ich hatte ja ein schnelles Auto und Hotelzimmer zum Umkleiden. Aber die Feder kostete mich 2 Stunden, und so brannte ich feuerspuckend wie Merkel dann heute Abend nach den Wahlergebnissen ein Höllenengel über die Pässe und erschien so, wie man bei uns daheim angezogen ist. Mit einer warmen, weichen Miesbacher Joppe, über und über bestickt.

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Ich habe damit kein Problem. Eine ganz ähnliche, kurze Jacke mit Ausblick auf das männlich-straffe Sportfahrgestell gab es in meiner durchgetanzten Jugendzeit auch von Thierry Mugler. Das, was heute als hochgeschlossener Lodenjanker gilt, schneiderte Jean-Paul Gaultier, und ich bringe es bis heute nicht über das Herz, diese Kostüme der Orgien und der Liebe.zu entsorgen. Nach meiner Vorgeschichte auf den Boxen des Parkcafes ist es mir herzlich egal, ob ich angeschaut oder angefasst werde. Es macht mir nichts aus, wenn ich auffalle, “Schamlos“ ist mein Zweitname, und ich wäre bei der Debatte nur gern neutral gekleidet erschienen, weil es um meine Tätigkeit für die FAZ ging. Aber so war es eben und da sass ich dann mit meiner kurzen, boleroartigen, reich bestickten und flauschigen Joppe und neben mir eine schlanke Frau aus Berlin, die die Joppe anfasste. Und fragte, wo die denn her sei und was die Stickerei bedeuteten.

Ich hätte sagen sollen, dass ich sie als Geschenk von einem Dorfältesten der Uiguren bekam, als ich über deren Fluchtursachen recherchierte. Oder dass sie ein altes Stück von Mugler ist, mit dem ich früher das Glockenbachviertel – hmhm, jaja, genau das darkgeroomte Sündenviertel – und das Morizz unsicher machte. Dass ich sie von einer indigenen Schneiderin aus Kanada über Etsy bezogen habe. Alles wäre besser gewesen als die Wahrheit: Dass ich vom Tegernsee komme, dass der Jäger Karl aus Miesbach diese Joppen seit hundert Jahren so macht, dass sie bequem sind und die Stickerei – nun, das sind deutsche Eichenblätter, aber man kann auch Enzian, Edelweiss oder Ahorn haben. Oder Hirsche und Gämsen. Das erzählte ich treudoof, und ihre Hand zuckte zurück, als hätte sie die Joppe gebissen. Die Kleidung war also gar kein Ausdruck einer Diversity, die der Norm widerspricht: Das war Tracht. Gerüchteweise gibt es das nur noch im Musikantenstadl, und hier nun sass es neben ihr und schämte sich auch nicht.

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Wenn jetzt durch die Medien der Aufschrei ertönt, weil ein Unternehmer Blech im Gesicht ablehnt und ordentliche Hosen verlangt, dann ist das ein offener Streit zwischen gültigen Normen. Die eine Norm wird von Privat-TV und Online-Portalen gefeiert, die andere gilt Wirtschaftsmedien als unverzichtbar. So weit komme ich mit meiner Joppe gar nicht mehr. Es gibt uns nicht mehr. Wir tauchen nirgendwo auf, wir werden allenfalls als schräge Subkultur aufgefasst und nicht das, was wir wirklich sind: Träger von Kleidung, die so ist, weil sie zur Natur und zum Klima passt. Wenn ich in der kleinen, dummen Stadt an der Donau bin, kann ich Cashmeremäntel tragen. Am Tegernsee gibt es Schneestürme, in denen ich damit erfrieren würde, und Regentage, an denen man ohne Jägerhut und Lodenmantel besser gar nicht vor die Tür geht. Auch für mich war das eine harte Lektion, aber ich habe es begriffen. Das führt dann zu Verhaltensweisen, die die Generation Primark nie verstehen wird, wie etwa dem Trachtenmarkt der Neurether in Gmund am Tegernsee, von dem Sie – im Gegensatz zu Modemessen in Berlin und Hamburg – noch nie etwas gelesen haben. Und sich auch gar nicht vorstellen können, was das ist. Owa epa kimmds.

bauanc

Die Neureuther sind der hiesige Trachtenverein, benannt nach dem Berg, der Gmund im Süden abschliesst: Die Neureuth. Einmal im Jahr hängen diese Neurether alles, was nicht mehr passt, was vom verstorbenen Opa kommt, was durch neue Tracht und Dirndl ersetzt wird, auf Kleiderbügel, und bringen es in den Neureuther Saal. Und wer da nicht pünktlich um elf Uhr mit einem Riesen Haufen anderer Leute vor der Tür steht, geht leer aus. Ganz Gmund ist vollgeparkt mit SUVs, Cabrios, S-Klassen und sogar Autos von Schadmünchnern. Niemand hätte es finanziell nötig, sich in einem Saal, auf dessen Bühne die Kinder toben, mit anderen um getragene Stöpselhüte, Mieder, Fuchsfelle, Janker, Mäntel und Schürzen zu streiten. Aber die Neureuther haben das “guade Sach“, sie haben Schneiderarbeiten vom Jäger Karl und von der Sanktjohanserin aus Kreuth und all den anderen, die hier wirklich noch schneidern und nicht nur verkaufen: Da gibt es kein Halten. Da wird Fleisch in Dirndl gestöpft, dass man gar nicht weiss, wo man hinschauen soll. Da reicht die Schlange einmal um den ganzen Saal, wenn die Beute bezahlt wird. Das sind nicht nur die Alten, sondern auch die Jungen. Besonders viele junge Frauen „jeder Art und Sorte“, wie es bei Don Giovanni so schön heisst.

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Es hat in vielerlei Hinsicht Ähnlichkeiten mit Fetisch-Subkulturen. Meine Co-Autorin Despina Castiglione erzählt mir manchmal wüste Geschichten, wie welche Neigung erfüllt werden will: Das kenne ich. Hier müssen es echte Hirschhornknöpfe sein. Natürlich hasse ich Body Modifications. Aber ich habe mir einen schwarzen Janker für festliche Anlässe gekauft, der hinten einen Gurt hat: Da ist ein Tribal auf der Höhe eingestickt, wo bei anderen das Tattoo sitzt Sie können hier stundenlang über Säcklernähte sprechen, und warum bei uns die Stickerei auf der Lederhose grün sein soll: Alle Anzeichen, die man von anderen Subkulturen so kennt, sind hier anzutreffen. Die Abgrenzung. Die Rollenspiele. Und ihre kunstgerechte Durchbrechung. Aber echt muss es sein, authentisch und niemand anderes soll es haben. Vereint in den Normen, aber individuell in der Ausprägung. Das war in meiner wilden Jugend auch nicht anders. Es gibt Diversität innerhalb von Gruppen und – zumindest sollte es in der Folge so sein – Diversität der Gruppen innerhalb der Gesellschaft. Erst die eigene kulturelle Identität erlaubt es, die Diversität aller zu akzeptieren.

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In Wirklichkeit ist es aber eher so, dass der Teil, der Diversity predigt, damit nur die Gruppen bevorzugen möchte, die ihm passen. Die anderen werden marginalisiert, verschwiegen, ausgegrenzt. Für Regionales gibt es jenseits der Lokalmedien eine Quote, und es ist die Nullquote. Man hört liebend gern den Geschichten der Migranten zu und fordert, die Deutschen müssten sich in ihre vielfältigen kulturellen Eigenheiten integrieren, aber diese Toleranz endet, wenn in den Medien Bilder von Gamsbärten oder Politikerinnen mit Dirndl auftauchen. Das machen bis weit in die CDU hinein Kreise, die keine kulturelle Identität mehr brauchen, weil die Ideologie ihren Platz eingenommen hat – der eine lehnt das Land mit „No borders, no nations“ ab, der andere mit TTIP und CETA. Ich werde den Eindruck nicht los, dass die innerdeutsch-progressiven Gruppen so gut wie keinen Kontakt mehr zur Provinz haben, dass es kaum Wanderer zwischen den Welten gibt, und wenn doch, dann müssen sie mit Sanktionen für ihre Herkunft leben. Auf die Heimat kann man in Deutschland schimpfen, aber nie sagen, dass die andere Gruppe überhaupt nicht so verbohrt ist, wie man ihr das nachsagt.

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Weil da neben Dirndl und Janker auch Einladungen des von den Kirchen betriebenen Asylhelferkreises hängen. Für eine Einführungsveranstaltung über den Islam. Damit man die Lebenswelt der Flüchtlinge besser versteht. Ich weiss nicht, ob so etwas bei der Berliner Modewoche hängt, vielleicht sind die dort auch alle schon so aufgeschlossen, dass sie wie der Justizminister finden, dass das islamistische Regime der Türkei einen Platz in Europa verdient. Aber bei uns jedenfalls hängt diese schlichte Einsicht in die eigenen Defizite auf dem Trachtenmarkt neben der Einladung an Kinder, zum Volkstanz zu kommen. Ganz einfach. Die Leute schleppen das guade Sach zu ihren Autos und freuen sich auf den Frühling, wenn sie wieder draussen sitzen und den Lodenmantel gegen Dirndl und kurze Hosen tauschen können. Es läuft hier nicht jeder so rum, an den Feiertagen mehr und beim Baden weniger, aber es ist Teil der kulturellen Identität, und daher ist der Trachtenmarkt der Neureuther wichtiger als die Modemesse in Berlin. Das ist hier so, in Tölz, Berchtesgaden, eigentlich überall in der Provinz, vor der manche Politiker inzwischen inzwischen Angst haben. Es ist eine Angst, die man mit Chrystal Meth und Medien bekämpfen kann, die das Land in gute Fortschrittliche und böse Reaktionäre teilen. Der richtige Deutsche darf so eine kulturelle Identität nicht haben, und sie darf auch nicht mit deutschen Eicheln bestickt sein, denn das ist viril und sogar sexuell anspielend – Kenner wissen, was die deutsche Eiche in München ist.

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Flüchtlinge sind da eine nette Scheindebatte. Eigentlich geht der hochtoxische Streit um Identitäten und entfremdete Normen, und langsam habe ich Zweifel, dass sie zusammen kommen werden. Da sehe ich schwarz. Die Berliner Autorin, die allergisch auf meine Joppe reagierte, musste jedenfalls nachher mit dem Bus zum Hotel fahren, ich sah sie im Vorbeifahren an der Haltestelle.

13. Mrz. 2016
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03. Mrz. 2016
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Das Schnee-Crystal, meth dem die Grünen talwärts fahren

Sie rappen hin, sie rappen her, dazwischen kratzen’s an die Wänd‘.
Falco, Der Kommissar

Vom März bis Mai des letzten Jahres war ich eines der bevorzugten Ziele des grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck sowie seines Büroleiters Sebastian Brux auf Twitter. Ich hatte über den Fall einer Autorin des Westfalenblatts geschrieben, die ihren Job verlor, nachdem ihr harmloser Beitrag über Schwulenhochzeiten durch eine überzogene Darstellung einer gewissen Charlotte Obermeier einen Shitstorm ausgelöst hatte. Volker Beck bedankte sich damals bei Obemeier für die Kampagne. Inzwischen ist Obermeier, die bei der Grünen Jugend Berlin auch schon mal einen Deportationswunsch in Bezug auf mich veröffentlichte, Mitarbeiterin von Volker Beck. Kurz, möglicherweise bin ich in Bezug auf Volker Beck nicht neutral, aber das bin ich auch nicht bei meinem Landrat, den wo hier alle nur Beppo heissen, der wo auch a Greana ist, und ein sauberes Mannsbild mit Handschlagqualität, Familienvater und fähiger Masskrugheber. So eine Art Kretschmann des Oberlandes. Das, worauf Berliner Grüne mit Grausen blicken, aber halt auch das, was grün und und bei uns mehrheitsfähig ist.

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Beck ist nur grün. Seine Erklärung zum Drogenfund beinhaltet einen Satz, der programmatisch für die Grünen stehen kann: Er habe stets für eine liberale Drogenpolitik gekämpft. Das ist zusammen mit dem Drogenfund und dem Sitzkleben auf dem Volksvertreterstuhl eine sehr typische Haltung einer früher durchaus wählbaren Partei – bei uns im Westviertel der kleinen, dummen Stadt an der Donau hatten die Grünen lange Zeit eine solide Basis, weil sie sich für eine bessere Welt einsetzten. Denn in Bayern hatten viele genug von der “Wir sehen das so, wir machen das jetzt, wir scheren uns nicht um die Folgen“-Haltung der Staatspartei. Unser alter Landrat von der CSU war auch so einer. Er hat sich auch für einen gastfreundlichen Landkreis eingesetzt, als er sein luxuriöses Geburtstagsfest von der Sparkasse teilweise bezahlen liess. Er hat sich auch für den Tourismus eingesetzt, als die Sparkasse eine Reise in die Schweiz finanzierte. Als man ihm Unregelmässigkeiten bei der Doktorarbeit nachweisen konnte, zuckte er nur mit den Schultern und machte weiter wie Volker Beck, als man ihm Unregelmässigkeiten bei einer Veröffentlichung zu Sex mit Minderjährigen nachweisen konnte.

Becks Verhalten ist auch hier bei uns im Oberland nicht unbekannt, und es funktioniert noch nicht einmal bei der CSU im knallschwärzesten Landkreis der Republik, wo die Einschulung in Dirndl und Lederhose erfolgt. Do hod da Seehofa selbst higlangd, dass der widerstrebende Landrat in der Versenkung verschwand. Diese “Wir haben uns schon immer für das Wohl Aller eingesetzt und tun daher, was uns selbst am besten taugt“-Haltung zieht sich wie ein rotschwarzer Faden durch die Geschichte der CSU: Egal ob Wackersdorf oder Rhein-Main-Donau-Kanal, egal ob atomwaffenfähiges Uran im Münchner Forschungsreaktor oder dritte Startbahn in München, Donauzerstörung in Niederbayern oder Hotelneubau in Kaltenbrunn: Die CSU dachte aus Sicht ihrer Gegner immer zuerst an ihren eigenen Vorteil, dann an das Hinbiegen der Gesetze und erst zum Schluss daran, wie man es dem Volk zu seinem eigenen Wohle hinein drückt. Diese Methode, das höhere Ziel für niedrige Verhaltensweisen, die jetzt von Volker Beck für sich in Anspruch genommen wird, erlaubte es den Grünen erst, in Bayern Fuss zu fassen.

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Für die CSU gibt es keinen Weg zurück in die Zeit von Franz Josef Strauss. Bei den Grünen ist das anders, die setzen noch auf Volksbeglückung mit Zwang, ohne Rücksicht auf Verluste. Sie sagen: Wir sind schon immer für eine liberalere Sexualpolitik eingetreten, also musst ihr damit leben, dass wir mit euren Kindern in der Schule sehr ernste Worte über ihre sexuelle Orientierung reden. Bei der CSU hiess das: Wir sind für Anstand, also zetteln wir eine Revolte für das Schulkreuz und das Morgengebet an. Beide wollen in das Leben der Kinder mit ihrer eigenen Ideologie hineinpfuschen, in beiden Fällen gibt es viele Eltern, die sich dagegen wehren. Wer die intolerante Zeit vor dem Kruzifixurteil als Teil einer in Ethik unterrichteten Minderheit miterlebt hat, will auch nicht zwangsweise eine intolerante Zeit der verpflichtenden Genderhinterfragung, in der die von den meisten bevorzugte sexuelle Lust als fragwürdig gilt. Wer dagegen demonstriert, wird mit einer Photomontage diffamiert und mit Gewalt eingeschüchtert. Friedliche Wackersdorfveteranen kennen das noch von ihrer Rolle als Opfer der Staatspartei.

Aber wer sich im Recht fühlt, fühlt sich auch im Recht, es anderen aufzudrücken. Die Grünen sind schon immer für eine liberalere Flüchtlingspolitik eingetreten, also freuen sie sich, wenn eine Schule widerrechtlich besetzt wird, und wenn es am Ende einen Toten gibt, unterschreiben sie Verträge, die den Bezirk finanziell in Schieflage bringen. Sie sind schon immer für Tierrechte, also soll sich das Volk gefälligst an den Veggieday halten. Sie sind für soziale Gleichheit, also müssen andere mit ihrem Schulexperimenten leben. Während Wähler der Grünen in Berlin alles tun, damit ihre Kinder auf Schulen mit niedrigem Migrantenanteil kommen, zu den passenden Leuten, wie der Apfelstrudel in die Vanillesosse oder gleich auf eine Privatschule, am besten von den Kirchen betrieben. Da landeten übrigens früher in Bayern die Kinder der besonders linientreuen CSU-Anhänger.

methc

Ältere wie ich erinnern sich in Bayern noch gut, wenn mal wieder ein regionaler CSU-Grande im Suff einen Unfall gebaut hat – wie der Vater einer Bekannten, der König von °°°°-ing, der nach dem Volksfest beim Ausparken zwei Autos weg-S-klassierte und gegenüber der Polizei lallte, das sei schon so gewesen. Da hat sich die CSU-dominierte Lokalpresse auch erst einen Maulkorb verpasst und dann Respekt vor der Privatperson gefordert, so wie das jetzt die Medienfreunde von Volker Beck tun. Man müsste doch auch seine Verdienste sehen – dem einen seine Prozessionen auf Altötting und Stammtische mit der Lokalpresse sind dem anderen seine Christopher Street Days und vertraulichen Hintergrundgespräche. Früher haben sich die Grünen als Alternative zu den verkrusteten Strukturen, ihrem Filz und ihrer totalitären Meinungsmacht angeboten. Der Hauptstadtjournalismus von heute ist dagegen voll mit Typen, die für die Dealer vom Görli eintreten, und jederzeit andere als Nazis bezeichnen, wenn die auf den Zusammenhang von Drogenhandel, Gewalt und Migration hinweisen.

Die Grünen hatten in der Vergangenheit unzweifelhaft wichtige Erfolge, die sie für sich in Anspruch nahmen, wie die CSU die Erfolge Bayerns für ihre eigenen ausgab. Das Gefühl, das einzig Richtige getan zu haben, besser zu sein, mehr zu verstehen, ist die Droge, auf der die Grünen und ihre Helfer in den Medien talwärts fahren. Dass eine Haltung, die vor 20 Jahren in einer anderen Welt richtig war, in der Gegenwart und im Extrem ausgelebt, grundfalsch sein kann, übersehen sie im Rausch der Erfolge. Die Gleichberechtigung der Frauen ist heute gesellschaftlicher Grundkonsens, Binnen-I, Männerhass und Privilegien für alle nur denkbaren sexuellen Minderheiten werden es auch nach dem tausendsten Beitrag der bei den Grünen angedockten Genderextremistinnen nicht sein. Wenn die meisten Flüchtlinge erkennbar schlecht ausgebildet sind, wird die Gesellschaft nicht die Lügen glauben, sie seien Ärzte und Facharbeiter. Im Bereich der Pädokriminalität haben die Grünen mittlerweile – und mitunter nicht gerade freiwillig – verstanden, dass man mit extremen Standpunkten auch mal daneben liegen kann. Kann gut sein, dass die Legalisierung für Haschisch irgendwann kommt, so wie man heute auch locker mit Pornographie umgeht – sofern man kein Grüner ist und fehlende Genderneutralität bemängelt. Aber die Überwindung des Abstandes zwischen Drogenliberalisierung und Crystal-Meth-Sucht ist demokratisch nicht möglich. Crystal-Meth-Konsum schadet Drogenliberalisierung wie Päderasten, egal ob grün oder in kirchlichen Einrichtungen, dem Ansehen von Homosexuellen. Es schadet wie Zwangsprostitution dem liberalen Umgang mit freiwilliger Sexarbeit. Oder wie besoffene Bürgermeister in der S-Klasse dem Anschein einer Volkspartei als Wahrer von Recht und Ordnung, und ein Hypo-Alpe-Adria-Skandal der Wirtschaftskompetenz einer Staatspartei.

methd

Historisch betrachtet waren die Grünen notwendig. Viele ihrer Vorstellungen sind ein wertvoller Beitrag zur politischen Debatte. Gegenwärtig aber frage ich mich schon, wie die Zivilisation, die mit den Grünen erreicht wurde, heute vor ihnen und ihren bilderfälschenden Extremisten, Gesinnungsschnüfflern und Steinewerferfreunden geschützt werden kann. Und die Antwort ist leicht:

Mit dem Verbleib von Volker Beck im Bundestag. Der Umstand, dass die Grünen mittlerweile die gleiche Moral und die gleichen Selbstreinigungskräfte wie die Alte CSU haben, mag angesichts der linken Alternativen vernachlässigbar erscheinen. Man täusche sich nicht: Die Alte CSU hatte sehr duldsame Wähler. Die Anhänger der Grünen sind oft besserverdienend und wollen cleane Kids, und mag es auch für Volker Beck nicht die Höchststrafe sein, wenn er auf seinem Sitz kleben bleiben kann: Bei den Grünen als Partei sieht das anders aus. Die müssen meth ihm als Repräsentanten leben.

03. Mrz. 2016
von Don Alphonso
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29. Feb. 2016
von Don Alphonso
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Kleinere Wohnungen für kleine Leute

Montags kein Brot, Freitags kein Bier,
Erich, dafür danken wir dir.

„Bist Du nicht sehr einsam, wenn Du so eingeschneit wirst?“, wollte die Anruferin wissen. Sie ist Anruferin, weil sie eigentlich kommen wollte, aber wer schlau ist, bleibt jetzt daheim und lässt andere auf eisglatten Strassen in die Gräben krachen, um nie im winterverzauberten Oberland anzukommen.

baua

Nein, antworte ich und schaue hinaus. Nein, wirklich nicht. Es geht mir gut. Die Vorräte reichen noch drei Tage, die Heizung ist warm, die Katze schläft auf dem Sofa, ich höre Telemann und blättere in der World of Interiors. Das ist Zufriedenheit: In einer warmen Wohnung am Ende des Landes und der Zivilisation sitzen, Telemann hören, hinaus schauen auf den Bergwald und ein Magazin lesen, in dem Briten. Italiener und Franzosen beklagen, dass die Houses, Palazzi und Chateaus eigentlich viel zu gross sind, aber verkleinern kann man sie auch nicht, immerhin sind es historische Bauten, und Bibliotheken und Sammlungen pflegen ohnehin in neue Räume zu wuchern. Ich mag solche Klagen und Sorgen. Es gibt so viel hässliches Elend auf der Welt, von Afghanistan bis zu Altmaiers Tweets, da ist es doch erfreulich, wenn es auch einmal schönes Elend gibt. Zum Beispiel, dass Rokokogemälde für Wände zu klein sind, oder Flügel über den Balkon in den ersten Stock gebracht werden musste. Ein jeder trage seine eigene Last, so ist es gerecht, und so wird auch niemand überfordert.

baub

Denn mit grossen Liegenschaften muss man umgehen können. Arme Leute haben da nichts zu suchen. Oh, bitte, das ist natürlich nicht meine Meinung, und so etwas steht natürlich auch nicht in der World of Interiors, ganz im Gegenteil, dort gibt es auch Arme, aber sie sind anders und werden nicht müde zu erzählen, welche Unsummen so ein Restaurierungsprojekt verschlingt. Manche können sich die Rettung ihrer Liegenschaften auch nur Raum für Raum leisten, erst den Salon, dann die Galerie, dann das Treppenhaus, dann die Deckengemälde – aber solche Arme meine ich nicht. Ich meine schon richtig Arme. Also, das heisst, als arm sollte man sie eigentlich nicht bezeichnen, sozial bedürftig ist auch fies, und irgendwie haben Kollegen das voll drauf, das mit der nicht diskriminierenden Schreibe. Die können wirklich sagen, dass Arme in grossen Wohnungen nichts verloren haben und man ihnen sowieso besser Baracken hinstellt, bei denen an allen Ecken und Enden gespart wird. Und zwar so, dass es weder unten ein Parkettende noch oben eine Deckengemäldeecke gäbe.

bauf

Deshalb finde ich diesen Beitrag hier bei allem Grusel auch phantastisch. Gleich zu Beginn erklärt er den Lesern, dass die Wilmersdorfer Witwe mit ihrer riesigen Gründerzeitwohnung eine Klischee ist. Das freut natürlich gleich jeden Sozialneidigen, denn wer ausser Erben, Vermögensverwaltern und Organisatoren mehrmonatiger Weltreisen mag schon solche Witwen? Eben. Niemand. Dann stimmt der Leser also freudig zu, um es dann gleich richtig hinein gerieben zu bekommen: Berliner leben oft in zu grossen Wohnungen, die ihnen zu teuer sind. Steht da wirklich. Die verfügbaren Wohnungen passen weder zum Einkommen noch zum Dasein als Single, also werden zwei Strategien vorgeschlagen: Kleinere Wohnungen und deutlich billigeres Bauen. Maximal 40m² für einen Kleinhaushalt und 1550 Euro Baukosten für den Quadratmeter.

baud

Ich werde nie so ein wortgewandter Journalist sein, als dass ich überteuert vermietete Baracken aus Rigips mit Styroporverkleidung auf billigen Flächen einer ehemaligen Sondermülldeponie mit der Panegyrik “Absenkung von Baustandards, um Baukosten zu senken und kleine Einheiten lukrativer zu machen“ loben könnte. Aber letztlich ist as auch egal, denn das ist es, was angesichts des Zustroms von Flüchtlingen aus Bürgerkriegsregionen wie Schwaben, Syrien, Irak und Bayern nach Berlin tatsächlich gefordert wird. Eine Absenkung der Standards und weniger Wohnraum. Für mich – der ich übrigens sehr wohl allein in Wilmersdorferwitwenverhältnissen lebe, nur echte Spätrenaissance statt Gründerzeit – wäre das so, als sagte mir jemand: „Dir geht es zu gut. Check mal Deine Privilegien. Wir haben hier Bedürftige, pass Dich besser mal denen an.“

Ich möchte das nicht. Ich empfände das offen gesagt als Frechheit, und natürlich sagt mir das auch keiner: Ich bin am richtigen Ende der sozialen Nahrungskette. Aber anderen wird das sehr wohl nahegebracht. Da gibt es ein Problem, da ist ein Mangel, da muss man eben weniger Raum auf mehr Leute verteilen. Statt fünf Prozent mehr Mehrwertsteuer zehn Prozent weniger Wohnfläche. Letzthin las ich in der Prantlhausener Zeitung einen Beitrag, man bräuchte heute keine Bücherregale mehr – da liegt es nahe zu sagen: Mieter, du hast ein iPhone und raubkopierte Bücher, die vier Quadratmeter weniger schränken dich nicht ein, du kannst dann auch viel leichter umziehen. Simplifiziere dein Leben, löse den Blick von irdischem Tand, hebe die Augen zu wahren Werten der Gemeinschaft und werde eins im Glauben mit deinen Brüdern und Schwestern, woher sie auch kommen mögen, um das Himmelreich mit seinen Clouds und transzendenten Netzwerke – habe ich Ihnen schon erzählt, dass ich in einem ehemals berüchtigten Jesuitenseminar wohne, einem Bollwerk der Gegenreformation?

baue

Also, für mich wäre das jedenfalls eine grobe Beleidigung des Geistes, aber wenn es Linke gibt, die sich jetzt hinter Merkel scharen, warum sollte es keine Mieter geben, die mit weniger Raum nicht auch zufrieden sind? Es ist schliesslich für eine gute Sache, und man hat gelesen, dass es die Wilmersdorfer Witwe mit der Gründerzeitwohnung gar nicht gibt. Da muss dann eben jeder alternativlos etwas mithelfen und seinen Beitrag leisten, und auch die Planwirtschaft der DDR mit ihrer Platte war deutlich besser als ihr Ruf – dann steigt aus den Trümmern der Gründerzeitwohnung die sozialistische Weltrepublik. Mit der Jugend des deutschen Volkes kann man das machen, die ist noch leicht für die grosse Frage der Zeit zu entflammen: Der Glaube versetzt Berge. Dieser bergeversetzende Glaube muss uns alle erfüllen.

Nur Zyniker vom Tegernsee würden dann sagen, dass die letzten beiden Sätze, so talkshowaktuell sie auch klingen mögen; aus der Sportpalastrede von Goebbels stammen, und der Zuwachs an Wohnraum im alten, demokratischen Westen eines der Kernversprechen des sozialen Aufstiegs war. Offen gesagt kenne ich auch niemanden, der denkt, er sollte sich räumlich verkleinern. In meinem Umfeld geht es immer nur um Zukäufe, und ob es Migration gibt oder nicht, ist vollkommen egal, denn dieses Preissegment ist ohnehin nicht für alle gedacht. Was mich aber an solchen beifallsheischenden Beiträgen der Verkleinerungspropaganda wirklich erstaunt, ist der Unterschied zu Herrn Goebbels: Der wollte im Sportpalast die Plutokraten, die Luxusgeschöpfe, die reichen Drückeberger, die Privilegierten, also Leute wie Sie und mich im eigenen Volk für den Krieg einspannen, der vor allem in seiner sozialen Dimension total werden sollte. Heute geht man ganz selbstverständlich davon aus, dass man für viele Baracken brauchen wird, und Kunden hat, die ohnehin keine andere Wahl haben.

bauc

Das alles ist weder mein Wunsch noch meine Erfindung, das fordern andere und dem Volk ist es, mag es scheinen, völlig egal – nur der bei den Grünen unbeliebte Herr Danisch und ich, wir regen uns darüber auf. Ich finde das wirklich ungerecht. So etwas entmutigt die Menschen, wenn sie lesen, dass es für sie nur halb so teuer sein darf. Die Standards sind für sie angeblich zu hoch. Was soll das werden? DDR der späten siebziger Jahre? Wohnpappe? Ist die Ikeasozialisierung schon so weit fortgeschritten?

Gerne würde ich das weiter ausführen, aber leider bin ich zeitlich etwas pressiert: Ich muss noch schnell dem Verkäufer einer Schäferszene aus dem Boucherumfeld – ich habe sie erstanden, weil sie mich an die Malereien in der Villa Pisani erinnert hat – mitteilen, dass er sie auf keinen Fall in die kleine, dumme Stadt an der Donau schicken soll, sondern hierher, weil ich ja am Tegernsee eingeschneit bin, in meiner winzigen Behausung am Ende der Zivilisation, und ausserdem habe ich sogar noch etwas Platz, um das Gemälde aufzuhängen. Danach wird es aber wirklich schwierig. Das ist schon ein Elend, wenn man so wenig Platz hat.

29. Feb. 2016
von Don Alphonso
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25. Feb. 2016
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Die Überwindung afghanischer Zustände durch Freiheit und Armut

Wer in der Demokratie die Wahrheit sagt, wird von der Masse getötet.
Platon

Es wird Frühling, und das merkt man an drei unvermeidlichen Anzeichen: Die Dividenden gehen ein. Der Reichtumsbericht, auch bekannt als das Frühjahrsgutachten der Immobilienwirtschaft, wird veröffentlicht. Und solange es noch kalt ist und die Menschen frieren und schlecht gelaunt sind, so sie weder das erste noch das zweite Anzeichen freudig stimmt, veröffentlicht der paritätische Wohlfahrtsverband seinen wie immer erschreckenden Armutsbericht. Dann beklagen die Medien auch, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Dieses Jahr jedoch hörte ich auch anderes. Die Prantlhausener Zeitung hat auf die Methodik der relativen Armutsdefinition hingewiesen und der Überzeugung Ausdruck verliehen, man dürfte diesen scheinbaren Armutsbefund auf keinen Fall gegen die Kosten für die Flüchtlinge – hier würde ich korrigierend anmerken, Migranten, unter denen auch echte Flüchtlinge sind – ausspielen.

arma

Sicher regt sich bei der Prantlhausener Zeitung jemand auf, wenn ich nun behaupte, dass man mit den zig Milliarden, die da ausgegeben werden, auch das Kindergeld für einkommensschwache Familien und die Betreuungsangebote verbessern, statt Schulen durch Integrationsexperimente belasten könnte, und ich will heute auch gar nicht so sein und auf etwas ganz anderes hinaus: Dass ich nämlich nichts für die weiter auseinander gehende Schere von Arm und Reich kann. Wer dieses Blog hier kennt, weiss um meinen nichtsnutzigen Charakter und um meine Aversion gegen geregelte Arbeit: Nichts, gar nichts habe ich ernsthaft unternommen, um mich zu bereichern. Ich sass lediglich in meinen Wohnungen und habe Gemälde umgehängt. Das allerdings reicht laut Frühjahrsgutachten der Immobilienwirtschaft schon aus: “Gaga“ nennt man dort die Preisentwicklung in den besseren Lagen der Republik, die, Sie ahnen es, von den besseren Kreisen bewohnt werden.

Das fliesst natürlich in die Berechnung des Vermögens der Deutschen mit ein, und sorgt – auf dem Papier – für wirklich hübsche Renditen durch den Umstand, dass die Füsse auf Parkett ruhen und auch im Bad ein Kronleuchter funkelt. Mir gefällt das, aber Autoren der Prantlhausener Zeitung sind als Mieter so sauertöpfisch, wie sie über diese Entwicklungen schreiben. Prantlhausen ist zwar reich, aber das drängt prekär Beschäftigte nun mal an den gesellschaftlichen Rand, ohne Aussicht, sich dort jemals selbst eine Wohnung kaufen zu können. Über Gründe und Folgen lässt sich viel debattieren, aber wenn man solche Entwicklungen vom Wasmitmedienende her denkt, wirkt ein Armutsbericht exakt so bedrohlich wie die Aussicht auf das Alter in einer Wohnanlage des Hasenbergls. Ich bin nicht indolent, ich kann die Klage über die Preissteigerung schon verstehen – nur einstimmen möchte ich nicht. Ich kann nichts dafür, das ist der Markt. Ob ich die Preise, die für meine Münchner Wohnung aufgerufen werden, noch als rational betrachte, spielt keine Rolle. Es ist nicht meine Schuld, nur mein Besitz.

armb

Gestern bin ich von meinem Besitz hinaus zum See geradelt, und traf dort die S.. Die S. hat eine ältere Schwester und diese Schwester wiederum, oder besser, ihre Zeugung, war der Grund, warum die Eltern der S. gschwind hom heirodn miassn – so wollte es damals das ungeschriebene Gesetz der Bajuwaren, das vor dem Pillenknick keinerlei Rücksicht auf tatsächliche Neigungen nahm, so wie heute noch in den ländlichen Regionen von Afghanistan. Man kommt nicht umhin zuzugeben, dass die beiden vollkommen unterschiedliche Wesen repräsentierten, denn ein Partner war enorm sittenstreng und der andere so locker, dass man sich wirklich fragen musste wie das überhaupt… aber es war jedenfalls so und obwohl die beiden nach Einschätzung ihrer Freunde überhaupt nicht passten, heirateten sie, bekamen wunschgemäss noch die S., sparten, bauten ein grosses Haus, kümmerten sich auch um die beiden Schwiegermütter und hielten zusammen – und am Ende dieser Entwicklung standen eben die S. und ihre Schwester als ordentliches Heiratsmaterial mit Aussicht auf sehr erbauliche Erbschaften. Ich sage das, weil die Schwester der S. nämlich eine wirklich gute Ehe führt und die S. zwar von einem greislichen Hodalumpn geschieden und alleinerziehende Mutter ist, aber genug Diridari da ist, damit sie sich keine Sorgen machen muss.

Selbsterfüllung geht natürlich anders als lebenslanges Zurückstecken zugunsten der Kinder, Verzicht auf Affären und Berücksichtigung der Tilgung des Hauskredits bei der Urlaubsplanung. Aufgeschlossene, junge Menschen verlassen daher die Enge ihrer spiessigen Heimat und ziehen zu anderen Fortschrittlichen nach Berlin. Theoretisch ist das eine prima Sache, denn dort finden sie Ihresgleichen und haben somit Aussicht auf ein erbauliches Leben nach eigener Vorstellung: Eine Konvenienzehe des neuen Typs, orientiert an Genderideologie, Offenheit und respektvollem Umgang bei gegenseitiger Gewährung aller Freiheiten. Stets sitze ich in Bayerisch-Kundus erfreut nickend vor dem Rechner, wenn ich Bilder der Hochzeiten von Piratenpolitikern und feministischen Aktivistinnen sehe, und denke mir: Das ist es, das neue, von Zwängen befreite Deutschland. Sie gehen ihren eigenen Weg in die Zukunft. Selbstbestimmt und eigenverantwortlich. Nicht so wie bei uns früher in Afghanistan.

armc

Das klingt alles phantastisch, bis durchsickert, dass die Feministin dann doch irgendwann zum Mitarbeiter eines Kollegen nebenhinaus ging und das nicht so wirklich gut ankam. Es findet seine Fortsetzung in Frauen, die dachten, Kinder gehen so nebenher und die Mutterrolle unterschätzten, während die Männer dachten, alles geht so weiter wie früher. Gewisse Aspekte des Familiendaseins, die Disziplin erfordern, gehen auch in Berlin nicht nebenher, und die eine oder der andere wollten zwar nur Partner und Modekind, aber keine Verantwortung. Und weil da alle so multioptional und flexibel dank Mietwohnung sind, kommt es eben zu Scheidungen. Auch bei uns, aber vor allem in Berlin. Und dann, verrät mir der Armutsbericht wiederum, sei das Armutsrisiko bei alleinerziehenden Müttern besonders hoch. 42 Prozent im Bundesschnitt. Und Berlin hat den höchsten Anteil an Alleinerziehenden: Das betrifft dort jede dritte Familie, und fast 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen.

Bei uns in Bayern ist der Anteil der Alleinerziehenden in Folge von talibanöser Spiessigkeit, afghanischer Stammesmoral und Hang zur Versorgungsehe im Eigenheim mit 17 Prozent nur halb so hoch. Was für Dramen des privaten Unglücks und der fehlenden Erfüllung werden sich hier hier hinter den nackten Zahlen und Goldkantengardinen verbergen, mag nun mancher rufen. Wo soll da die alternativ-genderqueere Wagenburg Nachwuchs finden, um sich gegen den Ansturm der Flüchtlinge tatkräftig zu wehren? Dazu weiss ich nichts; denn ich kenne zwar durchaus Alleinerziehende, die wirklich die besten Eltern sind, die man sich wünschen kann. Aber wo es in meinem Umfeld klappt, da klappt es auch. Selbst wenn deren wohnküchigen Neubauträume nun nicht wirklich das Ambiente darstellen, dem ich gewogen wäre. Am Faktum, dass eine deutlich niedrigere Trennungsquote als in Berlin möglich ist, ändert das überhaupt nichts. Womit sich natürlich die Frage stellt, ob all die Bewussten und Gendernormierten in Berlin und diejenigen, die Deutschland erneuern und privat wie der Bundesjustizminister enden wollen, nur mit geringerer Besoldung – nicht auch ein ganz wenig selbst dafür verantwortlich sind, dass es im Frühjahr auf Seiten der weniger Glücklichen diese reichlich hohen Zahlen und Schlagzeilen des Armutsberichts gibt. Ja, es erstaunt mich auch, dass im Schatten von Fernsehturm und Böll-Stiftung nicht jeder bereit ist, seinen Unterhaltsanteil zu erbringen. Vielleicht ist auch mancher Kerl unter der filzbärtigen Hipsterschale innerlich immer noch ein Pascha geblieben.

armd

Ich habe vor diesem Beitrag noch einmal nachgeschaut und nein, es gibt nirgendwo Angehörige einer Hochrisikogruppe für Armut, deren Schicksal zu meinem Besitz beitragen würde. Wirklich. Das sind zwei völlig von einander unabhängige Erscheinungen, die Immobilienpreise auf der einen und die Folgen privater Missgeschicke auf der anderen Seite. Das hängt nicht zusammen, allein schon, weil ich niemanden ausbeute und auch garantiert keinerlei Anteil an Trennungsentscheidungen der anderen habe und wenn doch, halte ich mich an meine eigene Schicht. Das ist keine soziale Schere, deren Teile eine Verbindung hätten.

Vielleicht sollten sich Medien also ein wenig genauer mit den Ursachen von Armut und Reichtum beschäftigen. Beides kann einem wie ein Unfall passieren, aber manche sind selbst wirklich ein klein wenig verantwortlich. Das eine bedingt nicht zwingend das andere, so wie, sagen wir mal, eine etwas grössere Gemäldesammlung den Umstand, dass einer allein gut und gern 170 m² Residierfläche benötigt. Das ist dann wirklich etwas ganz anderes, und sollte kein Anlass für sozialneidvolles Vergleichen in der Prantlhausener Zeitung sein.

25. Feb. 2016
von Don Alphonso
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23. Feb. 2016
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Die Partei des kleineren Übels

Ich bin der Jesus Christus der Politik.
Silvio Berlusconi

Ich trage feine, schwarze Norwegerschuhe von Ricchetti aus Parma, ein Hemd meiner Schneiderin in der Altstadt von Mantua, ein hellgraues Cashmeresakko aus Tuch der F.lli Cerutti, und eine von der letzten Reise mitgebrachte Krawatte der Cravattificio di Siena – und darauf, sehr zu meinem Ärger, einen Zahnpastafleck, der entstand, weil meine Begleitung fünf Minuten zu früh klingelte und ich mit der Kombination von Zahnreinigung, Sprung zur Sprechanlage und „ÜchgommglüchDroiminudn“ hineinrufen erheblich überfordert war. Dafür wurden Krawatten von den Kroaten ursprünglich erfunden: Als Latz, damit beim Massaker kein Blut auf die Kleidung spritzt. Aber im Konzert stört das.

pkub

Dass ich verunziert bin, fällt mir allerdings erst in der ersten Hälfte des Konzerts bei Faure auf. In der Pause entschuldige ich mich für einen Moment und restauriere mein Aussehen an einem Ort mit fliessendem Wasser. Dergestalt wieder sozial akzeptabel, gehe ich zurück durch die Scharen der Konzertbesucher, und bekomme unabsichtlich Gesprächsfetzen mit, die sich diesmal nicht mit dem Umstand beschäftigen, dass die Pianistin des Trios Hosen trug: Also das mit der Ukraine …. Wenn in Libyen wirklich so viel warten…. diese Beitragserhöhung der Krankenkasse… die Russen werden uns noch…. ich halte die Eurokrise ja immer noch für gefährlich… die Doris meinte gestern, dass Zwangseinquartierungen kommen… die Katalanen sind die nächsten… die AfD ist da doch das kleinere Übel… Vor zwei Jahren war das Hauptthema der Umstand, dass die Plätze in der Tiefgarage viel zu klein für die Autos geworden sind, heute hat sich der Blick geweitet: Nichts von dem, was zu sehen ist, ist schön. Und oft vernehme ich, dass man gar keine gute Lösung haben will. Man wäre ja schon glücklich, wenn es ein kleineres Übel gäbe.

Und nachdem an diesem Tag bekannt wurde, dass die SPD unter Gabriel für manche inzwischen ein grösseres Übel als die AfD ist, scheint diese Meinung nicht nur bei den besseren Kreisen verbreitet zu sein – obwohl die AfD selbst genug neues Übel in ihren Programmen stehen hat. Und da ist mir schlagartig eingefallen, was dieses Land jetzt braucht, um die Zukunft zu bestehen:

Die Partei des Kleineren Übels PKÜ

pkuc

Eine Partei, die wirklich nur einen einzigen, aber überall, auf allen Feldern anwendbaren Zweck verfolgt: Das kleinere Übel zu sein. Das fängt schon sichtbar bei der Führung an, die fotogen etwas hübscher als Merkel, Gabriel und Seehofer sein sollte. Als Parteilogo nehmen wir historisch gebildet und im Sinne des, wie manche so schön sagen “christlich-jüdischen Abendlandes“ Pontius Pilatus, Jesus und Barabbas. Das zeigt dann auch, dass wir es todernst meinen. Und wenn dann wieder ein Politiker davon spricht, dass uns eine historische Aufgabe erwartet, fordert die PKÜ sofort und nachdrücklich statt dessen gegenwärtige Zugaben. Sieht ein Politiker eine Bewährungsprobe auf das Volk zukommen, fällt ihm die PKÜ sogleich in den Rücken und weist darauf hin, dass das Bewährte keinerlei Probe nötig hat. Will einer die Herausforderungen der Zukunft angehen, weisen wir vehement darauf hin, dass wir selbst aber auch Forderungen an diese Zukunft haben und diese Einseitigkeit nun wirklich nicht sein kann. Das politische Deutschland ist aktuell mit seinen Phrasen ein williges Opfer, das um solche verbalen Prügel der PKÜ bettelt.

Wer uns auf etwas einschwören will, dem teilen wir mit, dass ihm unser guter Name reichen muss. Wenn einer höhere Investitionen verlangt, fordern wir höhere Rendite. Es gibt kein Feld, in dem nicht jemand Wünsche hat, die andere unterstützen sollen: Wir treten dafür ein, dass es so schlimm nicht werden darf. Das tun andere bei ihren Lieblingsthemen zwar auch, aber die PKÜ macht es immer und überall und setzt sich so nicht dem Vorwurf aus, sie sei links- oder rechtsextrem. Sie ist nur beim Übel extrem und weist stets darauf hin, dass es angenehmere Varianten und Optionen gibt. Um dem Vorwurf des Populismus zu entgehen, verpflichten sich die Mitglieder der PKÜ dazu, hin und wieder auch wirklich kleinere Übel vorzuschlagen, die auch etwas schmerzen können. Es kann aber nicht angehen, dass andere das grosse Übel monopolartig unter sich aufteilen und das kleine Bioübel aus regionaler Produktion benachteiligt wird. Natürlich ist auch das kleine Übel ein Übel, aber auch davon kann die Gesellschaft profitieren. Die PKÜ überzeugt mit brutaler Ehrlichkeit und hat nichts zu verbergen – das muss nur das grosse Übel tun.

pkue

Ihre minderüblen Würdenträger lassen sich zwar von Lobbyisten fördern, zahlen aber den Aperitif und das Dessert selbst – das ist mehr als die Pommes von Frau Merkel in Brüssel. Alle akademischen Grade sind alle bei Amtsantritt abzulegen, dem Schatzmeister wird vor jeder Reise in die Schweiz ein Sparschwein um den Hals gehängt, in die freundliche Finanzhelfer auch etwas für die Armen in Afrika stecken müssen. Unter dem grossen Übel ist jede Menge Gestaltungsspielraum, das die PKÜ nutzen kann: Sollte eine andere Partei nachziehen und ebenfalls ein etwas kleineres Übel fordern, sagt die PKÜ, dass ihre Forderung Erfolg hatte, und wenn andere so leicht zu überzeugen sind, muss da noch mehr geben: Es wird immer ein Übel geben, das man unterbieten kann.

Natürlich wird die PKÜ auch auf das Problem der Finanzierung ihres kleineren Übels stossen. Dabei wird sie sich am ganz grossen Übel schadlos halten und es zugunsten ihrer Wähler plündern. Besonders übel sind soziale Experimentalbrennpunkte wie Bremen und Berlin, die sich ihre Vorstellungen anderweitig bezahlen lassen. Die PKÜ steht auf dem Standpunkt, dass die anderen Parteien, deren grosses Übel man bekämpft, auch Wähler haben, die für dieses grosse Übel stimmen. Daher wird die PKÜ dafür sorgen, dass diese Wähler auch die Folgen zu spüren bekommen. Das ist ganz im Sinne einer echten Verantwortungsdemokratie, die klar ein kleineres Übel als die Verschwendungssucht durch den Bundesfinanzausgleich ist. So wäre die Unterkunftsfrage für Asylbewerber sofort gelöst, wenn jeder Wähler von CDU, Grünen, PDS und der letzte sozialdemokratische Wähler, ein gewisser Herr Stegner aus Niedersachsen der norddeutschen Polarregion gesetzlich dazu verpflichtet werden, ihre sozialen Parteiideale tatsächlich auch mit der Abgabe von Wohnraum zu leben. Jeder, der im Bereich Umwelt und Flächenversiegelung sowie Stadtplanung tätig ist und dort um das Gemeinwohl kämpft, wird bestätigen, dass das Zusammenrüchen willkommensfreudiger Menschen das kleinere Übel im Vergleich zum Neubau sozialer Brennpunkte ist. Ich bin mir sicher, dass diese Verantwortungsdemokratie Linke wie Rechte sofort erkennen lässt, wie nah sie innerlich doch der PKÜ – und damit letztlich auch sich selbst – stehen. Damit wird die PKÜ auch helfen, die Spaltung in unserer Gesellschaft – ein grosses Übel, an dem die anderen Schuld sind – zu überwinden. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass die PKÜ nach dem Ende der Sanktionen gegen den Iran dortselbst weitreichende Weitergabemöglichkeiten nach Russland erlaubt, was fraglos das kleinere und profitablere Elend als die bislang geltenden Sanktionen sind.

pkud

Deutschland hat in dieser Hinsicht bislang keine besonders ausgeprägte Tradition, wie etwa das glanzvolle Edwardianische Zeitalter Englands oder die schönen Tage Italiens unter den völlig zu Unrecht geschmähten Borgias und Berlusconis. Auch das ist ein grosses Übel, das es zu beseitigen gälte, wobei wir uns verpflichten, nur Bung Bung statt Bunga Bunga zu machen. Was letztlich das grosse und das kleinere Übel ist, kann man jeden Tag neu ideologiefrei und prinzipienlos definieren. Das klingt weitaus schlimmer, als es de facto ist: Die bessere Gesellschaft war schon immer ideologiefrei und prinzipienlos, wenn es um ihre eigenen Vorteile ging. Und auch, wenn andere keine Gelegenheit haben, Schuhe von Ricchetti zu tragen und Debussy zu lauschen, so könnten sie zumindest dieses Ideal von uns lernen. Charakter, seien wir ehrlich, ist wie Religion Privatsache und hat in der Politik nichts verloren. Ob ich selbst von einer PKÜ beherrscht werden möchte, weiss ich nicht. Aber es wäre schön, wenn es so eine honorige und ihre Ideale auslebende PKÜ als Drohinstrument statt der üblen AfD gäbe, an der sich die Etablierten wundscheuern und leiden – weil sie die Vorschläge bringt, die für andere nicht jene moralisch gute Dimension haben, die man braucht, um wahrhaft grosses Übel anzurichten. Man sah ja leider an den Piraten, was aus radikal pragmatischen Ideen wird, wenn Idealisten wie Ponader etwas zu melden haben. Das darf der PKÜ nicht passieren: Ideologiefrei – amoralisch – prinzipienlos. Das braucht dieses Land.

Der Fleck ist inzwischen sehr gut aus der Krawatte gegangen.

23. Feb. 2016
von Don Alphonso
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16. Feb. 2016
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Prügeleinsatz und Integrationsarbeit

Die grössten Kritiker der Eiche wollen rustikalen Reiche

Meine Heimatstadt ist klein und dumm und liegt an der Donau. Internationale Magazine behaupten zwar, sie sei eine der führenden Wachstumsregionen und ein Magnet für Karrierebewusste, aber ich komme von hier, meine Familie lebt seit vielen Generationen hier, wir haben den langfristigen Überblick und wissen, dass sie klein und dumm ist. So war es schon immer, und ganz ehrlich, mir ist es lieber, wenn eine Stadt klein und dumm ist, statt gross und sehr dumm und versifft und von ungepflegten Menschen bewohnt, die das für das angemessene Lebensmodell des ganzen Landes halten. Vor elf Jahren war ich noch in einem Ort namens Berlin a. d. Spree, da vertritt man diese Meinung, weil man nie rauskommt und mit dem Fahrrad eine Stunde braucht, bis man etwas erreicht, das man als „Natur“ bezeichnen könnte. Das ist in der kleinen, dummen Stadt an der Donau anders; Dort bin ich nach fünf Minuten in Landschaft und nach 20 Minuten auf den ersten Hängen des Jura. Auf kleinen, verkehrsfreien Strassen.

pruega

Danach gehe ich zum Konditor, denn 40 Kilometer in der winterlichen Kälte zehren an der lebensnotwendigen Fettschicht. Und an diesem Sonntag fragte mich die Verkäuferin etwas, das sie mich lang schon einmal fragen wollte: Sogns amoi, warum homs eigndli imma an Prigl hindn in da Doschn dabei? Auf Deutsch: Entschuldigen Sie bitte meine unstillbare Neugier, aber warum führen Sie in der Rückentasche ihrer Lycrabekleidung immer einen Prügel mit sich? Mit Prügel meinte sie eigentlich ein „Steckerl“, also einen gut 40 cm langen Ast. Und tatsächlich schaut so etwas stets bei mir hinten hinaus, und an diesem Prügel und seiner Verwendung nun entzündet sich die Frage, was Intergration in diesem Land bedeuten kann, und welche Standards da gesetzt werden müssen. Denn der Grund, warum ich einen Prügel mit mir herumschleppe, ist einfach: Wenn ich keinen mit mir führe, werde ich in der Natur keinen finden.

Zumindest nicht entlang meiner normalen Radstrecke, die vor allem über offenes Land führt. Dort aber brauche ich einen Stock, weil ich gern Bilder von meinen Rädern mache. Das ist so eine Marotte von Sammlern, die viele Stunden aufwenden, um aus alten Schrotthaufen wieder funkelnde Schönheiten zu machen, und das Problem ist, dass Rennräder keine Ständer haben. Man muss sie also entweder irgendwo anlehnen, was auf Bildern aber meistens nicht gut wirkt, oder man klemmt einen Stock in die Kurbel, und stellt sie so in die freie Natur. Die grosse Herausforderung für solche Bilder ist nicht die richtige Blende – hier f2 – oder die Brennweite – 100 mm – oder das Objektiv – Pentax M – sondern die Beschaffung eines Stocks.

Das merke ich nämlich, wenn ich einmal den Stock vergesse und dann entlang der ersten zehn Kilometer meiner Runde nach einem Ersatz suche. Wenn ich keinen Ast abbreche, was ich aus Prinzipien der Naturfreundschaft unterlasse, muss ich einen Ast suchen, der abgebrochen ist. Das klingt angesichts der Strassenrandbegrünung mit Hecken, Streuobstwiesen, alten Apfelbäumen, Bäumen bei den vielen Kapellen und Marterln, Fussballplatzbegrenzungen und Schrebergärten einfach. Irgendwo, sollte man denken, muss doch ein Ast herumliegen. Letztes Wochenende war es wieder so weit, da hatte ich meinen Prügel vergessen und gedacht, ich werde schon etwas finden. In Irgertsheim hinter der Kirche ist schliesslich ein Zwickel zwischen meiner Strecke, die auf der Jurahöhe verläuft, und der Strasse, die ins Donautal führt. Dazwischen liegt ein hundert Meter langes Reservat mit alten Obstbäumen, Holunder, Schlehensträuchen – so wie das früher eben an den Wegrändern war. Hier hat sich das noch gehalten, und da hat es sicher auch Prügel, die für meinen Zweck taugen.

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Hat es auch. Ich bin ganz langsam gefahren und habe genau geschaut. Es hat Prügel. Zwei. Einer war zu kurz und schon weich und morsch. Der andere taugte für meinen Zweck. Und wenn Sie mich jetzt fragen, was das Deutschland ausmacht, in dem ich lebe, würde ich sagen, dass es diese Hecke ist, und der Umstand, dass darin im Februar auf hundert Meter Länge nur zwei Holzstücke beim Aufräumen übersehen wurden.Zigarettenschachteln, Flaschen, Coffee2go-Becher – gibt es hier gar nicht. Es ist nur eine kleine Baumlandschaft einer kleinen, kaum befahrenen Strasse. Trotzdem gibt es hier jemanden, der das so sauber hält, dass ich mit Müh und Not einen passenden Prügel finde. So sauber ist das hier gemacht worden.

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Mir ist das auch meistens nicht bewusst, es fällt mir erst auf, wenn ich so einen Stock brauche. Vor drei Jahren habe ich mir einen Reifen zerschnitten und hätte ihn mit einem untergelegten Stück Plastik so weit stabilisieren können, dass sich sicher nach Hause komme: Meine Suche nach einem passenden Stück Müll am Strassenrand begann in Bergen und endete in Attenzell fünf Kilometer weiter, als ich aufgab und einen Landwirt um ein Stückerl Plastik bat. Auf fünf Kilometer in Berlin hätte ich ARD-oktoberfestlügenstatistisch 9 alte Kühlschränke, 70 Matratzen, 24 Sofas, 92.779 Stücke Plastikmüll, 42 Dealer mit afrikanischer Herkunft, 27 angekettete Fahrradleichen und Dutzende hilfsbereite Jugendliche gefunden, die mir für 200 Euro ein ganzes neues Rad beschafft hätten, dauert nur zehn Minuten Batschi. Man wird sich also zumindest darauf einigen können, dass die Vorstellungen von „ausreichender Sauberkeit“ in Deutschland weit auseinander liegen. Aber wir müssen auch sehen, dass ein ordentlicher Bayer im Slum an der Lage nichts verschlimmert. Umgekehrt wäre das ganz anders. Und deshalb möchte ich hier die Frage aufwerfen, ob großstädtisch entsozialisierte Leute – eine Personengruppe, in der sich viele Wasmitmedienmachende finden – wirklich den richtigen ethischen Rahmen kennen, der in dieser Frage bei uns die Grundlage jeder Debatte ist.

Ich habe nämlich massivste Zweifel, ob das Volk, das einen Kasten Wasser am Lageso für Hilfe und den Kauf von Tabletten bei Achmed dem Senegalesen im Görli für gelungene Integration in die Wirtschaft hält, bei uns selbst irgendwie integrierbar wäre. Wer auch nur eine Augenbraue oder einen Mundwinkel bei der Beschreibung sauberer Hecken verzieht, hat das falsche Mindset für meine Heimat, und von diesen Heimaten gibt es in Deutschland sehr, sehr viele. Die Menschen hier finden das gut. Die Bürgermeister bekämen Probleme, würden sie es anders machen. Und dann ist da noch der Punkt, dass man sich hier – wirtschaftlich und moralisch oben – sagt: „Andere sind für uns kein Maßstab.“ Der Umstand, dass es Berlin gibt, erlaubt keinem, hier etwas wegzuwerfen. Natürlich ist das ein hohes, weltweit kaum gekanntes Niveau – aber die Leute hier reagieren sehr sensibel darauf, wenn es nicht mehr eingehalten werden sollte. Hinter der Hecke kommt ein Neubaugebiet, voll mit jungen Familien: Die Gärten sagen alles über den Stellenwert von Zucht, Sitte und Ordnung.

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Und das in einer Region mit einem Ausländeranteil, der ähnlich hoch wie in Berlin ist, und starker Migration aus Restdeutschland – echte Bayern stellen hier kaum noch die Mehrheit. Was sich hier zeigt ist, dass eine gemeinsame Herkunft weitaus weniger relevant als gemeinsame Lebensvorstellungen ist – so, wie das Opernpublikum international ähnlich ist und Drogenabhängige überall vergleichbares Sozialverhalten an den Tag legen, so ist man sich hier eben über den wünschenswerten Zustand der Hecke einig. Das ist noch lange nicht die Anspruchshaltung der hiesigen Oberschicht, sondern die banale Realität, die man sich erst bewusst macht, wenn man einen Stock braucht. Das muss man klarstellen, wenn man wirklich von Integration spricht: Diese Hecke definiert den Normalzustand, zu dessen Einhaltung jeder ohne Rücksicht auf Stand und Herkunft beizutragen hat, der integriert sein will. Wer meint, dass Berliner oder Duisburger Standards auch schon reichen, um Teil der Gesellschaft zu werden, muss fairerweise auch vermitteln, dass solche Abstriche oder gar Verhandlungen um weitere Absenkungen nur dort gemacht werden.

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Der hiesige Standard tut nicht weh, man kennt das nicht anders. Es gibt genug, die sich hier integrieren und von den Vorteilen des Systems profitieren wollen, und andere, die das nicht wollen: Die suchen sich dann einen Ort, an dem sie sich die Freiräume nehmen, die ihnen geboten oder mangels staatlicher Ordnung nicht verweigert werden. Das ist nichts Neues, nur so funktionieren Failed States. Aber man sollte sich schon bewusst machen, dass diejenigen, die leichter Integration das Wort reden und glauben, dass wir das schaffen, sehr eigene Zielvorstellungen und keine Ahnung von unseren Hecken und ihrer normativen Allmacht haben. Möglicherweise steht dem Land deshalb eine grössere Debatte um die kulturellen Grundlagen bevor, und unten, im Donautal, ist der Eichenwald voll mit der regionalen Unterart Quercus alapam ducens. Da bedient sich der Eingeborene, wenn er keine Steckerl, sondern wirklich Prügel schlagende Argumente braucht.

16. Feb. 2016
von Don Alphonso
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