Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

21. Nov. 2017
von Don Alphonso
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Das schwarz-grüne Angebot, das man ablehnen kann

Male parta male dilabuntur

Sehen Sie, es gibt zwei Arten von Journalisten auf dieser Welt:: Die einen haben solche gute Ideen für Politiker, die sie auf Wohnungssuche schicken wollen, und die anderen können sich das Schreiben leisten. Ich kann es mir leisten, und ich denke deshalb gar nicht so weit wie diese Kollegin, der das Bewinken der Untertanen von einem Balkon aus als Qualifikation nicht ausreicht. Die Vorstellung. Politiker auf erschwerte Wohnungssuche zu schicken, mag reizvoll sein, wenn man dieses Schicksal selbst erleidet. Aber wie so oft denkt man in Berlin nicht an die unmenschlichen Folgen für die Bessergestellten: Das Mietsuche-Praktikum würde Vermietern wie mir die Bürde auflasten, sich mit Politikern herumzuschlagen, die es gar nicht ernst meinen. Solche Politiker erlebe ich ohnehin schon zu oft, eigentlich immer sogar, und ich will sie ehrlich gesagt nicht auf meinem Sofa. Oder auf dem Flur. Oder im Haus.

Denn hier ist es gerade so, dass das Haus im 417. Jahr seiner letzten Bauphase in eine Situation kommt, die wieder etwas mehr Aufmerksamkeit erfordert. Da kann ich keinen Stress brauchen. Nach über 100 Jahren hat sich die Hauptwasserleistung in Krümel aus Kalk und Rost verwandelt, Böden mussten aufgerissen und Wände geschlitzt werden, und bei all den Umständen und anderen Entwicklungen hat es sich nun ergeben, dass dort, wo das Malheur zugeschlagen hat, zum ersten Mal seit 1960 ein Leerstand zu verzeichnen ist. So ist es nun mal mit dem Vermieten, nichts währt ewig, und man kann es sich vorstellen: Nachdem diese Räume immer benutzt, aber aufgrund des Geschäftsbetriebs nie restauriert wurden, steht nun erst mal eine Phase der sanften Erneuerung an. Dachte ich, als ich die Scheiben zur Strasse hin verklebte. Aber dann kam die schwarz-grüne Koalition zu mir.

Die schwarz-grüne Koalition hat sich nicht vorgestellt oder gar angekündigt. Sie sieht auch nicht wie Frau Merkel oder Frau Göring-Eckardt aus. Die schwarz-grüne Koalition, oder besser, der Vertreter ihrer Politik, der da vehement an das Fenster klopfte, das ich abklebte, ist etwa 1,70 gross, männlich, stämmig, hat dichtes, rabenschwarzes Haar mit einem nicht übertönten Graustich, und trägt weder einen bunten Hosenanzug noch ein pinkfarbenes Wickelkleid. Statt dessen Turnschuhe, Jogginghose, eine dem Alter deutlich über 50 Jahren nicht angemessene Lederjacke, und ein für den Vorwinter zu weit geöffnetes Hemd. Dass er beim Abkleben wegen der grün-schwarzen Koalition kam, die damals noch von der FDP bereichert wurde, konnte ich nicht wissen: Vielleicht, dachte ich, will er etwas über den Vormieter wissen, vielleicht ist es Kundschaft, oder er soll noch etwas holen, wer weiss. Und so sperrte ich auf und fragte ihn nach seinem Begehr. Es sei so, erklärte er, dass er auf seinem Weg durch die Stadt schon gesehen hätte, dass hier etwas frei werde. Und da habe er einen interessanten Vorschlag für mich, sofern ich ihn einmal das Objekt schnell anschauen ließe – wie viele Quadratmeter seien das? Deutlich über 100? So etwas in der Art wohl – also, die könnte er gut brauchen. Allerdings nicht als Laden.

Sondern, und da begriff ich erst, dass hier die gut verkleidete schwarz-grüne Koalition vor mir stand, als Wohnmöglichkeit. Er würde mir pauschal im Monat einen recht hohen Betrag geben, wenn er alles haben könnte. Er würde das alles restaurieren, ich müsste mich um überhaupt nichts kümmern, er würde Sanitäranlagen einbauen, eine Kochgelegenheit und Trennwände, und weil das nach vorne offen sei, würde man im Haus auch gar nichts mitbekommen. Ich wüsste doch sicher auch, sagte die schwarz-grüne Koalition, wie schwierig es sei, hier in der Stadt Wohnungen zu finden, und da würde er eben gern das anbieten, was jeder zumindest braucht: Einen Platz zum schlafen und leben. Womit die schwarz-grüne Koalition natürlich im Kern recht hat.

Denn diese Stadt ist wegen der Migration übervoll. Wir haben hier Bildungszuwanderer, die an den Hochschulen studieren, wir haben hier innerdeutsche Wirtschaftsflüchtlinge, die beim Autokonzern arbeiten wollen, wir haben sagenhaft hässliche Neubaugebiete in den Dörfern entlang meiner Radstrecke, um die Not zu lindern, und etliche Containerdörfer und eine komplette Kaserne vor der Stadt wegen der ungelösten Folgen der Migration von 2015 bis heute. Wir schaffen das, aber eben nur so weit, dass wir sie in Containern und Kasernen belassen, weil es in der Stadt einfach zu wenig Wohnraum gibt – sogar für die alten Einheimischen. Auf den Dörfern vor der Stadt ist es kaum billiger als in den Dörfern rund um München.

Wer eine Wohnung hat, der hat sie, und wer keine hat, der kann sich ein Business-Apartment mit 20m² an einer Ausfallstrasse für 140.000€ kaufen. Ich schreibe seit 2007 darüber, dass mit der Finanzkrise die Immobilie wieder schwer im Kommen ist, aber viele behaupteten, das stimme angesichts der schwindenden Bevölkerungszahlen nicht. Jetzt haben wir zum Misstrauen in das Geld und Aktien noch einen Geburtenboom, eine massive EU-Migration wegen der Wirtschaftskrisen, und eine irreversible Migration der offenen Grenzen von minimal 200.000 mit einem atmenden Deckel pro Jahr. Dazu kommen Hunderttausende, die hier ohne Aufenthaltsberechtigung leben, Leute, die einfach untertauchen und Grenzen, die so offen sind, dass ein Nigerianer zum Niederstechen seiner Ex-Freundin aus Italien anreisen kann. Und dazu kommt wegen solcher Geschichten sehr wenig Bereitschaft, im Sinne der Willkommenskultur privat zu vermieten. Deutschland hat zwar den Reichtum und das Sozialsystem, das die Migration durch viele Länder interessant macht, aber in den reichen, urbanen Zentren, die bei der Migration angesteuert werden, einfach nicht den nötigen Platz zur Unterbringung.

Es sei denn, man nimmt es den einen weg, zerteilt es in kleine Schnipsel und gibt die den anderen. Ich habe mich im Internet umgeschaut – für eine solche Schlafgelegenheit, die dem Mindestansprüchen gerade so genügt, zahlt man ab 350€ pro Monat. Schlau wie ich war, habe ich die schwarz-grüne Koalition dann nicht durch die Räumlichkeiten geführt, denn weitere Zimmer hätten sicher weitere Begehrlichkeiten geweckt. Jedenfalls wären die Kosten für den Umbau bei so einer Belegung nach 2 Monaten wieder eingenommen, und von da an muss man als Mittelsmann eigentlich nur noch kassieren. Es könnte so einfach sein, wenn die schwarz-grüne Koalition jemand fände, der zusammen mit ihrem Vertreter mitmachen will.

Sehen Sie, die Vertreter der migrationsfreundlichen Parteien haben gern ein Beispiel gebracht: Deutschland sei wie eine Kneipe, in der schon 80 Leute sind, und dann kommt halt noch einer dazu. Die Realität ist allerdings in den Städten ganz anders, 10 von den 80 leben wirklich gut, 30 leben vertretbar, die restlichen 40 streiten sich um 30 Wohnungen, und dazu kommen 2 mit der EU-Migration und 2 Flüchtlinge, und absehbar, dank schwarz-grüner Koalition, noch der Familiennachzug. Das wird dann für die unteren 40 noch enger. Wie eng, davon hatte die schwarz-grüne Koalition in Form ihres Ermöglichers bei mir eine sehr gnadenlose und konkrete Vorstellung. Und auch davon, was ihm diese Hilfsleistung bringen würde. Niemand hat nachprüfbare Zahlen, wie viele Menschen beim Nachzug noch kommen würden, aber er weiss jetzt schon genau, wie viel er damit verdienen kann.

Damit steht er besser da als die Lehrer, die Sozialämter, die Kindergärten und die anderen Wohnungssuchenden, die ebenfalls Lösungen für die Folgen der Migration brauchen. Würde ich zusagen, ahnte ich zwar kaum, wer da wie lange im Haus lebt, aber fraglos würde sich für die Betreffenden die Lage verbessern. Ich weiss nicht, ob diejenigen, die gern Politiker auf Wohnungssuche schicken würden, angetan wären, wenn alle Vermieter zu ihnen sagten: Bedaure, die schwarz-grüne Koalition hat uns ein deutlich besseres Angebot gemacht, da kannst du nicht mithalten, dein Raum ist gut genug für vier von ihnen. Vermutlich würde sich die Begeisterung darob in Grenzen halten, während über die deutschen Grenzen hinweg die Nachricht ginge: “Wohnraum gefunden. Na also – geht doch! Die Deutschen halten ihr Versprechen.” Gebe 20 den Raum, gebe 200 den Wunsch, das auch zu bekommen.

In einer Art Merkelaffekt hätte ich natürlich jetzt auf den Gedanken kommen können, des Profits und guten Moral wegen – liebt nicht jeder solche Herbergsgeschichten zu Weihnachten? Ist es nicht wieder Zeit? Könnte man die Geschichte nicht an Bento.de verkaufen? – die Grenzen zu öffnen. Aber wie es es nun mal so ist: Ich habe höflich, aber bestimmt mitgeteilt, dass ich das erstens nicht zu entscheiden habe und zweitens die Pläne schon ganz andere sind. Leider. Es würde sicher auch mit dem Denkmalschutz nicht gehen, das Gemäuer hier unten ist noch aus der ersten Bauphase von 1300, das würde nie genehmigt werden. Natürlich könnte mir die schwarz-grüne Koalition ihre Nummer aufschreiben, aber wirklich, ich könnte da keine Hoffnung machen. Tatsächlich gibt es Pläne, was hier zu machen ist, und das unterscheidet dieses Haus mitsamt Kostenaufstellung und Zeitplan deutlich von dem, was bei der Migration einfach so laufen gelassen wird, ohne Rücksicht auf die Folgen und in Erwartung, dass der Markt es schon irgendwie mit dem Einziehen von Rigipswänden im Denkmalschutzbau lösen würde. Hauptsache, die Menschenrechte von Menschen, die noch nicht hier sind, werden über alles andere gestellt. In Berlin winken sie vielleicht bald wieder vom Balkon, ihr Zuarbeiter winkte mir, als er ging.

Es gibt eben zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, die einen überlegen vorher, was sie tun, und die anderen überlegen nachher, wie sie die Folgen den anderen aufhalsen. Beides kann sehr wohl bürgerlich sein, da habe ich überhaupt keine Zweifel, und wichtig ist mir eigentlich nur, dass das Haus nach Merkel-Eckardt nicht wie der Prenzlauer Berg nach Honecker aussieht.

21. Nov. 2017
von Don Alphonso
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14. Nov. 2017
von Don Alphonso
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Der identitäre Reichsbürgereintopf für weltoffene Städter

Brava, cosa rara!
Don Giovanni

Wer historisch überleben will, und das nicht nur mit der nackten Haut, sondern angenehm und privilegiert, kommt nicht umhin, sich zu überlegen: Was ist historisch betrachtet variabel und volatil, was ist beständig, und wie bleibe ich auf sicherem Boden, der mich trägt? Manche glauben, die Nation sei so ein verlässlicher Orientierungsrahmen, aber wie man in der UdSSR, Spanien oder Schottland sieht, muss das nicht sein. Schuld am möglichen Auseinanderbrechen in Deutschland sind nicht Separatisten, die bei uns von einem starken Südstaat und einer abhängigen, unterentwickelten Nordkolonie vom Main bis an die Überflutungsregionen der Nordsee träumen, sondern schon heute die unterschiedliche Handhabung des angeblichen Rechtsstaates, vor dem alle ungleich sind. Denn in Berlin können Sie mit 15 Gramm Gras wieder straffrei durch den Görlitzer Park ziehen und dergleichen als zugewanderter Händler auch anbieten. Bei uns in Bayern dagegen können Sie als Zuwanderer eine Hausdurchsuchung erleben, bei der überhaupt keine Drogen gefunden werden, und trotzdem wird zwischen den grünen Wiesen überlegt, wie man den vorab schon ausgestellten Haftbefehl gegen Sie nicht doch umsetzt.

Ein Land, ein Rechtssystem, zwei Auslegungen, und vermutlich bald acht Fernbustickets von Traunstein nach Berlin, wenn die Betroffenen schlau sind: Dafür ist Traunstein auch ein reizendes Örtchen im Chiemgau und so sauber, wie Berlin dreckig ist. Das eine einige Deutschland Vaterland, das gibt es nicht – und ich würde in der historischen Betrachtung nicht darauf wetten wollen, dass der Staat oder die EU in 50 Jahren noch da sind. Manche wünschen sich ein Deutschland wie in Berlin, andere hätten gern eines wie in Traunstein, die einen leben mit hoher Sozialhilfequote und die anderen mit Vollbeschäftigung, die einen wollen Staaten abschaffen und die anderen ihre Identität behalten, die einen reden über das, was der Deutschlandfunk willkommenskulturell fordert, die anderen haben Radio Alpenwelle fest im Autoradio eingestellt. Die einen sieht man in den Medien, die anderen sind schon immer da. Die Nation bröselt zwischen diesen Polen vor sich hin, weil niemand Interesse hat, da noch das Gemeinsame zu finden. Ich würde mich also rein aus Eigeninteresse nicht auf die marode Bestandsnation als Garant für gehobene Lebensansprüche verlassen.

Was jedoch immer Bestand hatte, war die Trennung der Gesellschaft in Eliten und Benachteiligte, und durch alle Zeiten kann man festhalten, dass es sich bei den obersten 10% gut gelebt hat. Auf einen Don Giovanni kamen ein Leporello, drei Masettos und fünf Zerlinas, weshalb man meines Erachtens auch Verständnis haben muss, wenn Don Giovanni hin und wieder – da’s ihm gleich ist, ob sie bleich ist, ob sie bettelt, oder reich ist, nimmt er Weiber jeder Art und Sorte – klassenübergreifend bereit war, anderen ein Bankett zu bereiten: Auf zu dem Feste, froh soll es werden, singt Don Giovanni, und dass alle wild durcheinander tanzen sollen. Denn so eine Zerlina und so ein Masetto, die hatten früher wenig zu lachen, die Winter waren ohne Klimaerwärmung kalt, und die Ernährung der Gente Plebea gestaltete auch eher eintönig. Ich weiss das, nicht aus der eigenen Familie, aber weil ich zu viel Besteck habe, um es noch in Schubladen unterzubringen: Das Tafelsilber für den täglichen Gebrauch liegt bei mir in einer Schüssel aus Südtirol.

Die Schüssel ist ein Geschenk meiner Grosstante, deren Küche sie lange Jahre zierte. Wie es in ihrer Zeit eben so üblich war, reiste man im Sommer in die Berge, und sobald man sich ein Motorrad oder ein Auto leisten konnte, auch über die Berge, nach Südtirol, wo es schöner und wärmer ist. Ganz Deutschland reiste damals entweder nach Rimini oder nach Meran, und nahm mit kleinen Kammern in Pensionen vorlieb, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann: Ohne WLAN und fliessendes Wasser. Ich kenne das übrigens noch aus meiner eigenen Kindheit, und es hat mir nicht geschadet, ganz im Gegenteil, ich mochte das. Damals jedoch, als die Schüssel in den Besitz meiner Grosstante gelangte, war das Fehlen des Komforts noch obligatorisch: Wer wandern wollte, gab sich mit dem schönen Wetter zufrieden, und achtete ansonsten nicht sehr auf die Gebräuche des gutbürgerlichen Alltags daheim.

Jedenfalls, meine Tante wohnte damals im Sarntal zwischen Sterzing und Bozen, recht weit oben, in einem abgelegenen Bauernhof, und fand dortselbst Gefallen an der Schüssel, die in der Küche aufbewahrt wurde. Wie das eben so ist, mut gebrauchten Schüsseln: Man benutzt sie erst auf dem Tisch und dann,. wenn sie nicht mehr brauchbar sind, zur Speisenbereitung. Diese Schüssel jedenfalls ist gross, fasst gut und gern zwei, drei Liter Inhalt, und war früher das gute Stück der Tiroler Familie, das auf den Tisch gestellt wurde. Da kam der zusammengekochte Brei hinein, und dann löffelte jeder mit seinem individuellen Löffel heraus, was er erhaschen konnte. Die Gier und der Hunger jedenfalls waren so gross, dass die gesamte Glasur im Bodenbereich abgekratzt und angeschabt ist, und der nackte Ton hervorschaut. So gross war früher der Hunger dort oben im Sarntal, dass man lieber Lasur wegkratzte, als Essensreste in der Schüssel zu lassen.

Es war nicht alles gut in der alten Zeit, wenn man nicht bei den guten Leuten lebte, und als meine Grosstante die Schüssel sah, war das Schlimmste schon vorbei. In Deutschland konnten sich schon normale Menschen, Stück für Stück, jene Porzellanservice mit Goldrand leisten, die momentan gnadenlos aussortiert werden, weil man sie nicht in die Spülmaschine stecken kann. Schüsseln auf dem Tisch gerieten aus der Mode, statt dessen kamen kleine Suppentassen auf, die nachzufüllen waren, so gering war ihr Inhalt, und so schnell änderten sich die Essgewohnheiten mit dem Wirtschaftswunder. Auch in Südtirol hielt das Massenporzellan seinen Einzug, und die alte Irdenware wurde in die Küche verbannt. Die Zeiten waren so weit, dass meine Grosstante um die alte Schüssel bitten konnte, und sie auch erhielt. Solche Schüsseln werden heute noch eher als Küchenzier für Touristen produziert, aber ich, Kind Bayerns, habe damit auch noch das Kochen gelernt: Deshalb habe ich so viele alte Tonschüsseln in meinen Küchen. Weil sie von der Tomatensuppe über die Kürbistarte bis zum gefüllten Omelett wirklich praktisch bei der Zubereitung sind. Gegessen wird natürlich von Porzellantellern aus dem Wirtschaftswunderbestand von 1880 oder 1960. Und mit Messern Löffeln, Vorlegegabeln, Käsemessern und Gabeln in diversen Grössen, die in der alten Südtiroler Schüssel liegen.

Und fast immer denke ich an meine Grosstante, die darin das Besondere erkannte, und an den Hunger und die Armut der Menschen, die sie zwangen, den Boden abzukratzen. Ich bin Atheist, ich bete nicht, aber ich bin dankbar, so weit oben in der globalen Entwicklung zu stehen, dass ich mein Essen und die Tafelfreuden selbst bestimmen kann. Das ist ein enormer Luxus, den wir da im Vergleich zu unseren Vorfahren haben, und gemeinhin sollte man denken, dass alle sich der Erkenntnis anschliessen und den uns zur Verfügung stehenden Überfluss an Nahrung, Besteck, Tischtüchern, Servietten, Porzellan und Bleikristall zu schätzen wissen. Irgendwelche unserer Vorfahren haben irgendwann auch mal so eine Schüssel voll mit Brei gemeinschaftlich mit dem Löffel in der Faust, die orale Futteröffnung nah an dem dampfenden Mahl, mit Inbrunst und Fressneid geleert, und hätten sich über ihre spätesten Nachfahren gewundert, die das Muranoglas von der Hochzeitsreise der früheren Nachfahren auf den Flohmarkt tragen.

Wir sind weit gekommen. Nebenbei, weil wir hier gerade so ein Muranoschüsselchen sehen. Kennen Sie Bowls?

Das ist jetzt der Trend unter jenen, die vom Hab und Gut ihrer Vorfahren nichts mehr wissen wollen. Junge, urbane Eliten lassen sich im Restaurant Schüsseln hinstellen, mit allerlei, das gesund ist und in die grosse Gattung der Breispeisen gehört, und löffeln das dann aus. Es ist noch nicht völlig zusammen gekocht, wie man das früher machte, sondern nur so halb, wie man das früher machte, wenn einem im langen Germanenwinter das Brennholz ausgegangen ist. Dazu kommen sog. “Dips”, die auch wieder eine Art Brei sind. Gerne werden historische Getreidesorten verwendet, aber niemals etwas mit Weizen. Gesalzen wird vorsichtig, und Zucker gibt es so wenig wie in jenen Zeiten, da man dieses weisse Gold noch in Silberdosen wegsperrte. Bowls sind gesund, höre ich, und umweltverträglich, nehme ich an, denn ein Löffel spült sich leichter ab als ein ganzes Bestecksystem für drei Gänge. In der Küche stehen Leute, die genau wissen, was man in einen Menschen tun muss, dass er die Tage in der Stadt so überlebt, wie der Bergbauer früher den Winter: Modisch abgehungert und fettarm und einer Lebenserwartung, von der ich als Historiker weiss, dass sie Alzheimerausbreitung durch Frühabsterben keine Chance geben wird. Selten ein Schaden, wo kein Nutzen dabei ist, sagte meine Grossmutter immer.

Was haben wir noch gelacht, als wir früher die Rechten verspotteten: Deutsche, esst deutsche Bananen! Niemals hätten wir gedacht, dass die neuen Linken uns später einen fast echt arischen, antiallergenen, laktose- und glutenfreien Urkornbrei empfehlen würden. Wir kommen aus Epochen, die von unserem Luxus nur träumen könnten, und dann sitzen junge Menschen in überteuerten Schnellrestaurants und schicken sich per Instagram Bilder von Schüsseln, Löffeln und Breisorten, denen ihre Urgrosseltern glücklich entgangen sind. Ich weiss, Bowl-Esser fühlen sich als die Spitze der Entwicklung der aufgeklärten Gesellschaft, aber eigentlich würde ich so einen Rückfall zum Brei in Schüsseln eher bei der deutschidentitären Bewegung auf Thüringer Rittergütern erwarten. Der Reichsbürger träumt davon, dass er in seinem Bunker so etwas aus seinen Notrationen löffelt, während draußen der Endbürgerkrieg tobt. Auf der langen und rückschlagsreichen Entwicklungsleiste von der Erbsensuppe in der Armee seiner Majestät/Reichswehr/Wehrmacht/Bundeswehr und den jeweiligen Näpfen bis zu Baccarattellern für mit Gesellschaftsfinger angepiekste Salatbeilagen ist die Bowl jedenfalls näher an Schützengräben und Baracken, denn an Villen und Schlössern. Der Vergleich mit der Südtiroler Bauernschüssel ist da noch schmeichelhaft. Ich habe mir das letzte Woche in München angeschaut, die Entwicklung des Menschen geht da nicht zum Höheren, sondern zur Gleichzeitigkeit von Napfleerung und Handy-Whatsapp-Füllung. Das geht nur mit einem Löffel und einer Schüsel, bei der mittels Schwerkraft das Essen aufgeschaufelt und walhalla-style in Mund gestopft werden kann.

Stetig muss sich unsereins überlegen, wie wir an der Spitze bleiben und den sozialen Abstand erfolgreich bewahren, bis wir einer Zerlina vorsingen können, sie solle auf das Schloss mit einem kommen, sie könnte nicht widerstehen, es sei nicht weit von hier. Die Harvey Weinsteins häufen dazu Macht und Geld an, aber es scheint mir, als sei das vielleicht gar nicht zwingend nötig: so, wie sich der Nachwuchs heute auch bar aller Ambitionen mit Business-Appartments zufrieden gibt, für die Ikea dann ein komplettes Möbelstystem liefert – genauso hat er das mit Messer und Gabel und Gängen und Konversation am Tisch erlebt, und als unpassend empfunden. Nun fällt er zurück in den oralen Tiefflug über der Schüssel mit dem Löffel zu des Grossvaters Weltensbrandbohne, und wie seinem Ahnherrn unter dem urgermanischen Reetdach gereicht ihm das auch zur Zufriedenheit. Er dankt vorher nicht mehr Gott – oder Odin? – für das Brot, aber vielleicht gibt er dem serbischen Essensausfahrer 50 Cent Trinkgeld. Schnell muss es gehen, praktisch muss es sein, und es ist ganz anders als alles, das ich in der guten Kinderstube gelernt habe. Es ist fraglos diese Diversity, von der man momentan so viel hört.

Und es ist gar nicht so schlecht, wie man meinen sollte, denn es entbindet unsereins vom erbitterten Zwang – keine Ruh bei Tag und Nacht, nichts mehr was mir Freude macht – mit den anderen nach vorne in eine bessere Zukunft zu marschieren, die uns dann gleicher macht., als es den gerne Ungleichen gefallen könnte. Ich schreite in meine Zukunft voran, ohne an den Tischsitten zu rütteln, die anderen werfen das alles weg und loben die Schüssel, in der alles zusammen gekippt wird. Rafinesse und Kapriziertheiten für die einen, Schüsseln und Näpfe für die anderen – wenn wir uns alle einig sind, dann steht einer guten Zukunft in einer Region bei einvernehmlicher Teilung der Klassen eigentlich nichts mehr in jenen Wegen, die sich fürderhin überscheidungsfrei trennen werden.

14. Nov. 2017
von Don Alphonso
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10. Nov. 2017
von Antje-Susan Pukke
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Der weite Weg zu Wolke Sieben

Eben noch nieselte es draußen nur, jetzt prasselt der Regen an die Scheiben. November. Wenn es draußen tagsüber gar nicht mehr richtig hell wird, wenn der Wind immer kälter weht, wenn die Bäume das letzte Laub verlieren, wenn es einen nach drinnen zieht in die Wärme. Heißer Tee, Bücher, kramen in alten Briefen und Fotos, endlich mal die alte CD-Sammlung sortieren, frühere Lieblingsalben hören und dabei auch auf Stücke stoßen, die einen wieder einmal an die Endlichkeit erinnern.

Komm großer schwarzer Vogel, komm jetzt! 
Schau, das Fenster ist weit offen, 
Schau, ich hab‘ Dir Zucker aufs Fensterbrett g’straht. 

 Komm großer schwarzer Vogel, komm zu mir! 
Spann‘ Deine weiten, sanften Flügel aus 
und leg’s auf meine Fieberaugen! 
Bitte, hol‘ mich weg von da!

Der eigene Tod, ein Thema, das viele so gerne verdrängen und dabei wäre es doch so wichtig, das nicht zu tun, finde ich nicht erst seit Kurzem.

Wenn der österreichische Liedermacher Ludwig Hirsch mit seiner sanften Stimme den Tod heraufbeschwor, wenn er über die Todessehnsucht sang, war ich, damals gerade 20, nicht traurig, sondern fasziniert. Das hatte nichts Düsteres für mich, im Gegenteil. Irgendwo da oben im Himmel gibt es noch ein Leben, es ist nicht alles vorbei, wenn man stirbt. Man trifft sich wieder, vielleicht auf Wolke sieben, tauscht Erinnerungen aus, feiert zusammen …

Schon als Kind liebte ich Friedhöfe und schon als Teenager las ich in der Tageszeitung gerne die Todesanzeigen mit ihren Gedenksprüchen. „Alles hat seine Zeit, und jedes Ding unter der Sonne hat seine Stunde“ oder „Der Tod ist das Tor zum Licht am Ende eines mühsam gewordenen Lebens“ – so etwas gefiel mir.

Viele, vor allem die Freunde, fanden das merkwürdig. Wir waren ja alle noch blutjung und starteten gerade erst in unser eigenes Leben, in die Zukunft. Erklären konnte ich das damals nicht, warum mich der Tod und alles, was damit zusammenhängt, schon so früh interessierte. Erst später kam mir, dass es vielleicht auch an den Beerdigungen auf dem kleinen Dorf lag, in dem meine Großeltern lebten und in dem ich als kleines Kind die langen Sommerferien verbrachte.

Der Friedhof und die Kirche mitten im Ort, das Totengeläut, die langen Trauerzüge, der Leichenschmaus nach der Beerdigung in der Dorfwirtschaft, die üppigen Speisen, die aufgetischt wurden, der Schnaps, der floss und von dem ich nippen durfte. Die Trauer und die Tränen, die sich langsam auflösten in Gelächter, wenn die lustigen und skurrilen Geschichten über die Verstorbenen erzählt und wenn gelästert und gestichelt wurde.

Nein, der Tod, der hatte und hat nichts Bedrohliches, er gehört einfach zum Leben, nicht nur an Allerheiligen und Allerseelen und am Totensonntag, wenn die Friedhöfe bevölkert sind und die Gräber mit Totengestecken geschmückt werden, weil man das halt traditionell so macht.

Bei vielen, die ich kenne, ist das Thema mit dem jährlichen Ritual abgetan, man hat der Verstorbenen gedacht und seine Pflicht getan. Für den Rest des Jahres ist der Tod nichts, worüber man spricht, außer, wenn jemand, dem man nahesteht, schwer krank ist oder stirbt.

Wenn man die Menschen aber ein wenig anstupst, reden sie doch über ihn und über ihre damit verbundenen Ängste und Sehnsüchte. Wenn ich etwa schwärme von diesen Friedhöfen in Mexiko, auf denen es keine schlichten Grabsteine gibt, sondern alles voller Plastiksachen ist, ganz gemäß dessen, was die Toten geliebt haben. Ein Meer von Autos in allen Farben, Musikinstrumente und Tanzschuhe, dazu Getränkedosen und Nachahmungen von Orangen, Süßigkeiten, Chilischoten, also all das, was die Toten im Leben geliebt und am liebsten getrunken und gegessen haben.

„Das gefällt mir“, sagte nicht nur einer, dem ich das erzählte und redeten über ihr eigene Beerdigung. Eine Seebestattung wäre schön oder ein Grab in einem Friedwald unter einem schattenspendenden Baum. Was nach ihrem Tod sein soll, wissen viele also sehr genau.

Warum aber setzen sich viele nicht mit der Zeit davor schon mitten im Leben intensiver auseinander? Vielleicht würden sie ja sogar ein glücklicheres, ein zufriedeneres Leben führen? Nur etwa 30 Prozent der Menschen würden nichts bereuen am Ende ihres Lebens, schreibt etwa die Palliativpflegerin Bronnie Ware in ihrem immer noch aktuellen Bestseller “5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“:

  • Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten.
  • Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.
  • Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
  • Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten.
  • Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt.

Nicht nur Bronnie Ware hat übrigens festgestellt, dass die Menschen gar nicht so viel Angst vor dem Moment des Sterbens an sich haben, sondern vor dem „wie“.

Wie ist das, wenn man alt und gebrechlich ist, wenn man Pflege braucht, wenn es auf das Ende zugeht? Liegt man dann alleine dement in irgendeinem Heim, in Windeln gebettet und muss gefüttert werden? Bekommt man genug Zuwendung, ist da jemand, der hilft beim Loslassen, wenn es in diese andere Welt geht oder stirbt man einsam zuhause? Hat man einen Unfall und liegt vielleicht jahrelang im Koma? Bekommt man die Diagnose „Krebs“ und kämpft jahrelang um sein Leben? Nein, leiden will niemand, allein die Vorstellung macht Angst und vielleicht ist das ja ein Grund, dass man lieber über seine Beerdigung redet als über Patientenverfügungen und Testamente.

Dabei wäre schön, wenn sich noch mehr Menschen schon in jüngeren Jahren Gedanken über die Endlichkeit machen würden und nicht erst, wenn der Tod näher rückt.

„Wie können wir uns eine Vorstellung vom Leben machen, von unserem jetzigen Leben, wenn wir nicht anerkennen, daß es irgendwann ein Ende haben wird?“. Das fragt Studs Terkel gleich zu Anfang seines Buches „Gespräche um Leben und Tod. Grenzerfahrungen, Ängste, Wünsche und Hoffnungen“. Und er stellt fast erstaunt fest, dass die im Buch versammelten Geschichtenerzähler, allesamt auf die ein oder andere Art und Weise mit dem Tod konfrontiert, kaum zu bremsen gewesen seien, wenn sie einmal angefangen hätten, zu reden.

Wenn ich könnte, würde ich das Buch, das bei mir seit Erscheinen in Deutschland im Jahr 2002 ganz vorne im Bücherregal liegt und in dem ich immer wieder gerne lese, zur Pflichtlektüre für jeden machen. Geschrieben hat es der Pulitzer-Preisträger Terkel, als er bereits fast 90 Jahre alt war. Seine Art, den Tod seine innig geliebten Frau Ida, die mit 87 starb, und den eigenen nahenden zu verkraften

Zu Wort kommen in 47 Portraits Ärzte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Notaufnahmen, Kriegsveteranen und Pfarrer, Unternehmer und Obdachlose, ein Polizist, Feuerwehrleute, eine Hiroshima-Überlebende, HIV-Infizierte, ein Mensch, der irrtümlich in der Todeszelle saß und viele mehr. Allen ist gemein, dass die Konfrontation mit dem Tod, ihre Auseinandersetzung mit ihm, ihren Blick aufs Leben verändert hat.

Der Tod gehört mit zum Leben, er sei Teil davon, erzählt etwa eine Krankenschwester. Das allerdings habe sie erst lernen müssen. Die meisten Menschen wüssten, wann ihre Zeit gekommen sei: „Ich weiß, ich muss sterben“, diesen Satz habe sie nicht nur einmal gehört. Ihre Antwort anfangs: „Wir werden alles für Dich tun, was in unsere Macht steht.“ Erst viel später änderte sich das und sie sagte: „Vielleicht stirbst Du wirklich. Aber was kann ich jetzt für Dich tun, um es Dir leichter zu machen?“

Den Tod annehmen als etwas, was eben nicht in der Macht von Menschen steht. Vielleicht ist wirklich das das Geheimnis, um sich mit ihm schon im Leben intensiver auseinandersetzen zu können und zwar nicht nur an einzelnen christlichen Feiertagen wie Allerheiligen, Allerseelen oder Totensonntag.

Bemerkenswert ist übrigens in den „Gesprächen um Leben und Tod“, dass alle irgendwann auf das Thema „Glaube“ zu sprechen kommen. „Ich bin nicht religiös, aber ich glaube an etwas Höheres“, ein Satz beispielsweise, der immer wieder vorkommt. Fest steht, dass diejenigen, die an etwas glauben, leichter mit dem Tod umgehen. Mit dem der ihnen Nahestehenden, aber auch mit dem eigenen.

Schön, zu lesen, dass es nicht nur für mich etwas Tröstliches hat, an ein Leben nach dem Tod und eine Wiedervereinigung mit großer Feier auf Wolke sieben zu glauben.

10. Nov. 2017
von Antje-Susan Pukke
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08. Nov. 2017
von Don Alphonso
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Humansteuernder Klimaschutz mit dem Kreuzbergalm-Plan

Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.
Friedrich Nietzsche

Mit den Wegbeschreibungen ist das ja immer so eine Sache: Adressen sind nur gut, solange Metalldiebe nicht die Schilder stehlen. In Berlin habe ich Gästen aus Bayern die Anfahrt oft so erklärt: Irgendwann steht links ein zerbombter Flakturm mit Drogis und rechts immer eine Gruppe finsterer, sie beliefernder Gestalten an einem S-Bahn-Eingang, da biegst du ganz schnell rechts ab und dann gleich wieder links, und nicht weiter fahren, weil das Knacken unter den Reifen zwei Strassen weiter, das sind dann schon die Patronenhülsen von den arabischen Hochzeiten, aber die wollen nur ballern. Am Tegernsee dagegen sind die Schilder manchmal überwuchert, da sage ich einfach: An der Kirche links abbiegen, bis zur Alm fahren und wo rechts die Kühe stehen, links rein.

Patronenhülsen haben wir hier nicht, die Böllerschützen schießen mit reinem Schwarzpulver, und Gras gibt es hier schon, aber es wird nicht geraucht, sondern von den Kühen mit einem unnachahmlichen Rupfgeräusch gefressen. Dazu bimmeln die Glocken, hin und wieder wird gemüht, oft liegen die Kühe einfach so auf der Wiese, und um 16 Uhr versammeln sie sich pünktlich am Gatter, wo der Bauer sie zum Melken abholt. Wenn sich der Bauer verspätet, werden sie ungeduldig und äußern sich lautstark, aber ansonsten ist das hier ein Bild wie aus der Werbung für Milchprodukte. Weil sich die Alm bis über 800 Meter hinauf zieht, gilt die Gegend als besonders geförderte Bergregion. Es greift die Alpenkonvention, und die Baumreihen, die historischen Hage, die die Landschaft prägen, stehen unter Naturschutz. Hier weidet das echte Miesbacher Fleckvieh, und es erzeugt sogenannte Heumilch.

Heumilch muss man heute hervorheben, denn nur ein winziger Teil der Milch in Deutschland entsteht so, wie man sich das vorstellt und neben meiner Terrasse sieht: Indem eine Kuh eine Weide abgrast, verdaut und dergestalt die Milch entsteht. Das Industrieprodukt, das in Supermärkten als “Milch”, “Butter” oder “Käse” verkauft wird, ensteht durch das Einfüllung von Futtermitteln grosser Konzerne in Kühe, die zu Hunderten in Ställen gehalten werden, und weder frisches Gras schmecken noch eine Wiese sehen. Auch tragen sie keine Hörner, sie bekommen keine Glocken und lassen ihren Trieben keinen freien Lauf: Sie stehen dort in genormten Gittern, während sie bei mir im Schatten der Bäume dösen, oder mitunter auch wild über die Anhöhe galoppieren. Manchmal kommt ein Stier dazu, da ist dann was los. Einmal ist eine Kuh auch ausgebüchst und stand dann bei mir Garten. So ist das halt bei uns.

50 Wochen im Jahr würde man diese Milchwirtschaft hier loben, denn sie ist biologisch, und kommt mit dem aus, was die herrlich grünen Weiden hergeben. Es ist naturnah, die Rinder sind sich selbst überlassen, sie brauchen weitaus weniger Medizin, entwickeln keine Traumata und haben mitunter auch eine phantastische Aussicht, zu der ich Sie jetzt auch mitnehme. Denn neben meiner Alm gibt es hier auch noch andere Viehbetriebe, und eine der schönsten liegt oberhalb von Tegernsee: Die sogenannte Kreuzbergalm, weder verwandt noch verschwägert mit dem Kreuzberg im Reichshauptslum. Der Kreuzberg bei uns erhebt sich ´zwischen Tegernsee und Schliersee, und wenn man genau unten am Tegernseer Schlosspark beginnt, sind es exakt 500 Höhenmeter zum Gipfel und zur Alm.

Und 50 Wochen im Jahr gäbe es auch überhaupt nichts zu bemängeln, wenn man da hinauf radelt, durch den schattigen, würzig riechenden Bergwald im letzten Novembersonnenschein. Wir sind hier im Einklang mit der Natur, der ökologische Fußabdruck ist sogar mit Pedelec klein, vor allem, wenn man wirklich alles mit dem Rad und nicht mit dem Pedelec fährt. Rechts des Weges plätschert ein kristallklarer Bergbach, die Farben des Herbstes pinseln den Mischwald grellbunt, und weil Samstag ist, kommen einem auch gut gelaunte Menschen entgegen, die geahnt haben, dass es in den Bergen doch noch schön wird. Grüss Gott und Servus schallt es durch den Wald, an einem der letzten Tage der 50 guten Wochen, während derer man vernünftig darüber reden kann, wie sich der Mensch in der Natur und mit ihr verhalten sollte.

Und das ist dann nach einer Stunde gegenseitiger Freundlichkeiten der Bergkameraden die Alm. Nach Osten sieht man den Wendelstein, weiter bis zum Wilden Kaiser, und bei guter Fernsicht erheben sich, schon weiß mit dem glitzernden Schnee des kommenden Winters prunkend, die Hänge des Großvenedigers.

Und nach Westen sieht man den Hirschberg, den Wallberg, die markante Spitze des Leonhardsteins, Ross- und Buchstein, die Blauberge, und das Karwendelmassiv. Es ist eine Pracht und in ihr, im Sommer, bis vor ein paar Wochen, stehen hier die Kühe und fressen Gras in einem ein Panorama, besser könnte es in keinem Luxushotel sein. Es gibt hier kein Spa, nur die Wassertröge, in die Menschen sich nicht legen dürfen, und wenn man zum Gipfelkreuz geht, sollte man auf Kuhfladen achten. Jetzt jedoch ist das alles bereits getrocknet und schon wieder Teil der Grasnarbe geworden. 50 Wochen im Jahr wird das alles respektvoll betrachtet, denn tatsächlich sorgt der Dungeintrag der Kuh auf der Alm dafür, dass der Humus anwächst. Auf einer Alm fäkalieren sich die Kühe selbst so nach oben, wie der Berliner sich mit sog. Kulturschichten voll mit Spritzbestecken, Patronen, alten Matratzen und zertrümmerter Sanitärkeramik ebenfalls stratigraphisch nach oben bewegt – nur ohne Milch, dafür aber mit Genderforschung. Die auf der Alm entstehende Erde wiederum ist ein Kohlenstoff- und Energiespeicher: Nicht umsonst wird Kuhdung in der 3. Welt bis heute als Brennmaterial verwendet. Hier wird er der neue Untergrund für frisches Gras. Grob gesagt ist es so, dass eine Kuh auf der Alm mit der Entstehung von Dung und dem Kohlenstoffspeicher Erde das wieder ausgleicht, was man ihr die zwei fehlenden Wochen im Jahr während der Weltklimakonferenz anlastet: Ihre Methanproduktion.

Denn Kühe geben nun mal Fäkalien, Milch und Methan, und Methan wiederum soll 23 mal so klimaschädlich wie CO2 sein. 50 Wochen lang ist man froh, eine Kuh auf der Wiese zu sehen, 2 Wochen lang, während der Weltklimakonferenz, verteufelt man die Kuh als Klimakiller, und besonders gern tun das Grüne, die ohnehin meinen, der Veggieday sollte in Grundgesetz, und der Umstand, dass sie ihre Hybridleasingautos im Wahlkampf jetzt gegen Ministerlimousinen eintauschen wollen, sollte besser beschwiegen werden. Die Kuh eignet sich als Sinnbild für den übermäßigen Fleischkonsum des Westens ideal, um die Probleme dort zu suchen, wo es keinen grünen Wähler gibt, sondern nur ein paar rebellische Milchbauern, die inzwischen unten im Tal ihre eigene Heumilchkäsegenossenschaft aufgemacht haben. Eine Kuh hat bei der Wahl keine Stimme, die kann man als Klimakiller bezeichnen, auch wenn sie bei uns eine einzigartige Kulturlandschaft am Leben erhält – mitsamt den darin herumwuselnden Insekten, die andernorts aussterben. So ein Drecksvieh hat mich hier oben übrigens jetzt im November noch gestochen.

Während die Kühe bereits unten im Stall sind und weiterhin getrocknetes Heu bekommen, für echte Milch und echten Käse, der nach Bergkräutern schmeckt, treffen sich also 25.0000 aus 190 Ländern nicht naturnah mit dem Gleitschirm eingeflogene Politiker mit Anhang  und überlegen sich, was sie mit “der Kuh” machen, die wegen ihrer Methannatur so gefährlich zu sein scheint, wie “der alte, weisse Mann” wegen seines Testosterons. Es gibt da durchaus Ideen Frankenstein’scher Art: Mit der Fütterung von Mais leidet zwar der Pansen der Kuh, aber die Methanabgabe lässt sich senken. Man kann auf theoretisch das Methan aus der Kuh absaugen, oder an die Kuh naturfremde Zusatzstoffe verfüttern, die die Methanentstehung reduzieren. Und man kann Hochleistungsrinder produzieren, die bei gleichem Methanmenge mehr Milch erzeugen. Das alles kann man prima in engen Ställen machen, damit die Milch bezahlbar bleibt und die Ökobilanz für das Klima besser wird. Denn die Kuh ist der Klimakiller, sagt der Mensch, dem Klimakiller Kuh darf man schon mal ein Loch in den Pansen machen, oder ihm Genmais vorsetzen. Und bei einem Milchpreis unter 40 Cent ist es nur eine Frage der Zeit, bis der freilaufende Klimakiller Kuh, der sein Methan in die Bergluft ablässt, durch das Bauernsterben von selbst verschwindet. Man kann genetisch sicher ein methanarmes Milchmonster bauen, gegen das ein Miesbacher Fleckvieh ein elender Minderleister ist. Hauptsache, die Öko- und Firmenbilanzen stimmen.

Heute beginnen die Hage im Oberland mit ihren eingebetteten Weiden in etwa bei Warngau, früher waren sie auch weiter nördlich zu finden – einfach, weil die Heumilch die einzige Milch war, die es gab. Damals war es auch so, dass die Menge der erwirtschaften Nahrungsmittel die Menge der lebenden Menschen definierte. Gab es weniger zu essen, lebten weniger Menschen, da gibt es einen historisch problemlos nachweisbaren Zusammenhang. Dass heute so viele Menschen in Deutschland täglich Fleisch und Milch essen können, anstelle von Getreidebrei und ein Huhn alle vier Wochen, und dass wir nicht mehr im September Apfelkompott einkochen und Eier für den Winter mit Kalk überdecken, liegt am technischen Fortschritt, der es erlaubt, tausend Kühe in einem Stall den Winter durchzufüttern. In Zeiten von Sense und Heuwagen war das noch unvorstellbar. Jetzt geht das, jetzt entsteht das Methan, jetzt merken wir, dass es nicht gut ist, und machen zwei Wochen im Jahr “die Kuh” verantwortlich. Auch wenn einem jeder seriöse Wissenschaftler die restlichen 50 Wochen mitteilen wird, dass die Kuh am Tegernsee auf der Alm mit Grasfütterung kein Umweltproblem darstellt.

Ich kenne die Milchbauern hier persönlich, und sie haben mir versichert, dass sie überhaupt kein Problem haben, die 30.000 Menschen der Region zwischen Bad Tölz und Miesbach vollauf und in der ökologisch gewünschten Form mit Milch und Fleisch zu versorgen. Bei uns stimmt die Bilanz, teilweise geht unsere Milch auch bis nach Italien, und das Fleisch in die besten Restaurants der Münchner. Wenn woanders die Viehzucht das Klima wirklich killt, dann liegt das nicht daran, dass es dort zu viele Kühe gibt – sie werden wegen zu vieler Menschen nur falsch gehalten. Bei der Produktion von Futtermittel fällt zudem auch noch extrem klimaschädliches Lachgas an, und der Anbau von Mais, getränkt in Pflanzenschutzgift, gilt als mitverantwortlich für das Insektensterben.

Wenn wir nun der Meinung sind, wir sollten da etwas grundlegend ändern, weil es sonst zu spät ist und wir in der Klimakatastrophe fegefeuergleich rösten – nun, nichts hindert uns daran, den Viehbestand den natürlichen Ressourcen unserer Heimat anzupassen, und den bevölkerungspolitischen Rest dem freien Spiel der Kräfte in der Nahrungskette zu überlassen. Bei uns neben der Alm sehe ich keine Probleme, in Berlin wird man vielleicht die Freuden der Ziegenzucht in Hipsterkreisen neu entdecken: Sie glauben gar nicht in war für entvölkerten Trümmerlandschaften so eine Zige noch etwas zum Essen findet, und Milch und Fleisch liefert, weitgehend methanfrei übrigens.

Klimaskeptiker behaupten, es würde sich alles schon wieder einrenken, egal wie viel Methan aus Megaställen der Züchter in Umwelt entweicht. Das glaube ich nicht. Aber als Historiker kenne ich den interdisziplinär unbestreitbaren Kausalzusammenhang zwischen Nahrungsverfügbarkeit und menschlicher Population. Das gleicht sich tatsächlich wieder aus. Ich jedenfalls sehe der Zukunft mit dem Glockenklingeln der Kühe auf meiner Alm gegenüber im Ohr mit grösster, klimaneutraler Gelassenheit entgegen. Es muss nur noch jemand diesen Kreuzbergalm-Plan der natürlichen Viehpopulation, der viele mit Berge mit Kreuzen schaffen wird, der Weltgemeinschaft in Bonn erklären. Jeder grüne Privilegienchecker wird das sicher einsehen und zustimmen.

(Falls Sie das nicht wollen: Suchen Sie sich einen guten Metzger, schauen Sie nach Produkten aus richtiger Milch von guten Käsereien, und fahren Sie mehr Rad. Das ist ein Anfang. Sterben werden wir trotzdem alle.)

08. Nov. 2017
von Don Alphonso
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05. Nov. 2017
von Don Alphonso
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Die Gleichstellung von Fett und Kleinwägen

The inherent vice of capitalism is the unequal sharing of blessings. The inherent virtue of Socialism is the equal sharing of miseries.
Winston Churchill

Sie will unbedingt an mir vorbei, koste es, was es wolle. Es ist etwas absurd, denn ihr sandfarbener Smart, der perfekt zu den blonden Haaren passt, ist nicht wirklich eine Konkurrenz. Aber ich bin nur auf dem Mittleren Ring unter all den zur Arbeit strebenden Münchnern, weil die Autobahn gen Süden voll mit Baustellen ist. Sie hat es eilig, ich habe Zeit. Auf sie wartet sicher irgendwo ein Meeting oder ein Kunde, bei dem sie gut auszusehen hat. Ich habe mich weder geduscht noch rasiert, ich bin dreckig ins Auto gestiegen, denn dort, wohin mich die Lebensfreude zieht, werde ich gleich schmutzig. Sie hat eine Stunde Lebenszeit im Bad verbracht, um äußerlich das Beste aus sich heraus zu holen, und noch Besseres drüber zu malen, nur mich jetzt mit dem Smart zu bedrängen. Vielleicht hat ihr Büro im Münchner Süden Bergblick. Während sie die erste Stunde arbeitet, um ihre Kleidung und Kosmetik zu finanzieren, kann sie mit dem Ofenrohr in diese Berge schauen, und wenn sie genau hinschaut, sieht sie vielleicht sogar mich.

Denn das Leben ist ungerecht und es gibt zwei Arten von Menschen, die einen wollen nach vorne und die anderen sind es schon. In der Welt der Offices und Business Parks bräuchte sie mit ihrer Zielstrebigkeit keinerlei Belästigungsvorwurf, um an mir Faulpelz vorbei zu ziehen, so wie sie ihren Smart in die jeweils schnellere Kolonne quetscht. Sie würde um eine bessere Position mit allen Mitteln kämpfen, um eine bessere Mietwohnung bezahlen zu können, denn Kauf in München ist für Singles der Smart-Klasse eher aussichtslos, da hat sie den richtigen Zeitpunkt verpasst. Und während ich sie an der Auffahrt zur Salzburger Autobahn überhole – hoppla, das Gaspedal geht aber leicht – ist mir bewusst, bin ich “aware“, wie man das heute so schön sagt, dass es nicht gerecht ist. Den Erfolgreichen freie Bahn, aber ich mag halt keine energischen Drängler. Sie biegt ab zu ihrem Büro im Plattenbauareal des Münchner Südens, ich fahre an den Tegernsee. Sie hat acht Stunden vor sich und berechnet aus Gründen des Vorankommens nur sechs, ich schreibe irgendwann am Abend meinen Beitrag runter, während draußen Kuhglocken bimmeln und sich der schöne Tag dem Ende zuneigt.

Denn das Wetter war viel zu schön für Arbeit und eigentlich finde ich ja, dass jeder an so einem prächtigen Spätherbsttag das Recht haben sollte, die Gunst der sonnendurchfluteten Stunden zu nutzen und noch einmal Adieu zu den Bergen zu sagen, die sich majestätisch über der Schlamm- und Schotterebene Münchens und Restdeutschlands erheben. Viele tun es auch, aber noch mehr zeigen Leistungsbereitschaft und ziehen den Beruf mit aller Kraft durch, weil sie andere Prioritäten haben. Die Ungerechtigkeit entsteht, weil ich mir meiner Privilegien voll bewusst bin. Aber andere kennen die Annehmlichkeiten meines Daseins gar nicht und denken, sie seien schon privilegiert, wenn ihr Schreibtisch im Großraumbüro Blick auf die Berge hat, wenn sie den Kopf verrenken, und sie im Meeting Protokoll führen dürfen. Denn wer schreibt, der bleibt, und nicht nur, wenn er bei den Grünen in Österreich petzt.

Das ist, wenn es nicht gerade um meine Privilegien geht, dann auch der Moment, da es dem Staat und Politikern immer wieder gefällt, von sozialer Gerechtigkeit und Gleichstellung zu reden. Sie zerren ein Negativbeispiel wie mich hervor – Wenigleister mit vorteilhafter Geburt und erfreulicher Tagesgestaltung je nach Gusto und Wetter – und verweisen darauf, dass es anderen schlechter geht, oder sie in verbissener Art mehr tun, und bieten sich als Problemlöser an. Sei es, dass sie den Leistungsstand in Gymnasien senken, damit mehr als 0,5% der Berliner dort eine Chance haben, sei es, dass sie höhere Erbschaftssteuern fordern, sei es, dass sie Frauenquoten bei der Beförderung und in Führungspositionen verlangen, auch wenn hemmungsloses Drängeln in untermotorisierten Autos nicht wirklich ein Kennzeichen sozial kompetenter Gestaltung der Welt für alle anderen ist. Im Prinzip, grosso modo, bei sehr oberflächlicher Betrachtung und gefragt, ohne dass ich zu dem von mir ohnehin eher vernachlässigten Nachdenken komme, würde ich auch sagen: Ja, mehr Gerechtigkeit und Gleichstellung wäre nett.

Was ich damit ohne viel Nachdenken meine ist: Wenn jemand krank ist und einen Rollstuhl braucht, sollte er ihn ohne monatelangen Grabenkrieg mit den Behörden bekommen. Und es ist eine Schande, dass bei uns Rentner Flaschen sammeln müssen, während Afrika-Überweisungen mit Western Union aus dem Sozialsystem heraus in Deutschland florieren können, weil man sogar angehenden Terroristen einen Aufenthaltsstatus unbürokratisch ohne Anhörung gibt, was den Missbrauch des Systems natürlich fördert. Ich meine die totale Nacktmachung der Deutschen für ein Hartz-IV-System, das aber auf der anderen Seite auch Personen verdaut, die Pässe wegwerfen. Oder ganz eigennützig gesagt: Die Hetzjagd auf private Vermieter, die nicht am Versagen der Politik beim Bau günstigen Wohnraums schuld sind – die ist auch nicht wirklich gerecht. So hat eben ein jeder Anlass zur Klage und kann das auch begründen, und sogar im Kern den sozialen Forderungen vieler Parteien recht geben – ohne sie dann zu wählen, was die nordwestdeutsche Rentnerpartei SPD gerade wieder erlebt hat.

Denn so sozial, dass ich jede Gleichstellung gut finde, bin ich dann auch nicht, und das habe ich kurz vor der steilsten Kurve bei der ersten Etappe meiner Bergabschiedstour gemerkt. Wie immer bin ich meinen Hausberg gefahren, die Neureuth, die am Ende ein grandioses Bergpanorama bietet, und einen Forstweg aufweist, der gut fahrbar ist. Für mich im Trainingsstand 2017 zumindest, 2008 wäre ich an diesem kleinen Hügel fast noch zugrunde gegangen, wie alle, die ein Konditionsproblem haben, und ein Leben in der Ebene, das ihnen die Erkenntnis der eigenen Gebrechlichkeit vorenthält. Früher war dieser Hügel für mich an der Grenze des Möglichen, früher habe ich hier gelitten, aber ich habe trainiert und gelernt, beim Weg nach oben im Sattel zu bleiben. Irgendwann ist es gelungen, auch die steilsten Kurven durchzutreten, und letztlich war ich so weit, dass ich von unten bis oben auf dem Rad bleiben konnte. Die Zeiten für den Berg wurden kürzer, aus einer dreistündigen Schinderei wurde ein Abendradspaziergang von 52 Minuten, was für 550 Höhenmeter nicht ganz schlecht ist. Mag die Dränglerin auch fleissiger im Büro sitzen: Am Berg kann mein Ehrgeiz grenzenlos und mein Willen belastbar wie ein Stahlträger sein.

Die schlimmste Stelle am ganzen Berg ist die einzige 180°-Serpentine mit über 20% Steigung, und vor und nach dieser Kurve sind auch noch zwei eklige Rampen- Im Winter fliegen hier viele Rodler in die Bergbotanik, im Sommer steigen die meisten Radler irgendwo ab. So tat es auch der fette, alte, weisse Mann, der mich kurz vor der Kurve surrend und langsam tretend mit dem Pedelec überholt hatte. Seine ganze Konzentration war darauf gerichtet, schlingernd das ungeahnt steile Terrain zu meistern, über das ihn der Elektromotor nach oben zog. Während ich von hinten heran keuchte, öffnete er seine Flasche und goss Flüssigkeit in einen orange-grün bespannten Bauch, ohne jeden Ehrgeiz, die Sache in einem Zug zu bewältigen. Warum auch. Er mag im Tal alt und fett und wenig mobil sein, er keucht vermutlich schon nach einem Treppenabsatz, aber hier ist er mir dank Motor gleichgestellt.

Man kann darüber diskutieren, ob es Menschen, die nicht trainieren und ihren Körper fit halten, erlaubt sein soll, dort zu sein, wo sie dank eigener Kraft nicht hin gelangen. Ich finde es gut, dass Menschen mit Gehbehinderung auf der anderen Seite mit dem Auto nach oben gefahren werden, ich habe selbst hier schon Kinder mit dem Rodel nach oben gezogen. Ich versuche, aufmunternd gegen andere zu sein und sie zu bekräftigen, dass ihnen der Gipfelsieg gelingen wird. Und natürlich ist auch im Kern nichts dagegen einzuwenden, wenn fette, alte Männer, die es sonst nicht schaffen, ein Pedelec zur Hilfe nehmen. Was ich dann aber nicht brauche und will, ist ein weiterer Überholvorgang durch so einen Herrn, der mir dann zuruft: Glei hommas g’schafft!

Na, möchte ich da zurückrufen, Du hosd gor nixn gschafd, Du blahda Gogge! Eam schaug ned oh, faula Seggl hoggd aufm Mofa und moand, des sei ah no wos, a so a Schbruchbeidl. Gesagt habe ich dann aber, Na, a wengal is scho noh, aber eigentlich meinte ich da: Dreckiger Flachlandtiroler, du bist hier zum ersten Mal und laberst einen Hiesigen voll, nach lumpigen 150 Höhenmetern von 500 auf Deinem Pedelec – dabei habe ich nicht mal die Hälfte und Du hast nur den Elektromotor, um Deine Schwäche aufzuheben. Ich kenne nicht nur den Weg nach oben, ich kenne auch den Weg, um aus einem Zustand wie Deinen langsam, mit Härte gegen sich selbst, mit Schweiss und Blut einen zu machen, der es wirklich geschafft hat. Du hast mir nicht zu sagen, dass wir es geschafft haben. Ich hätte Dir eigentlich zu erklären, warum Du es nie schaffen wirst. Ich bin so höflich, es nicht zu tun. Also erzähle Du mir nichts vom Vorankommen am Berg. Ich fahre hier hoch. Du wirst hochgefahren. Ich leiste. Du versagst. Wir sind hier nicht, weil Du etwas kannst. Wir sind hier, weil Du mir von einem tumben Elektromotor gleichgestellt wirst.

Natürlich waren wir erst bei einem Drittel der Strecke, natürlich ahnte er nicht, was da oben noch an einem Steilstück kommen würde, an dem man nicht mehr fahren kann, sondern zu Fuss aufsteigen muss. Deshalb war ich letztlich dann 20 Minuten vor ihm oben, und er sah aus wie seine eigene Leiche – nach lumpigen 100 Höhenmetern, an denen wir dann wirklich gleichgestellt waren. Ich muss ganz ehrlich sagen: So hat er mir besser gefallen als beim Überholen. Das ist jetzt nicht nett und nicht höflich, drückt aber das Problem mit der ganzen Gleichstellung aus: Letztlich wird da ein Mechanismus aus Regeln erzeugt, der Unterschiede verschwinden lässt, den einen hilft und die anderen zumindest nicht fördert. Das ganze ist erträglich, wenn die Geförderten sich bewusst sind, dass sie hier privilegiert werden, und sich entsprechend verhalten.

Aber auf dem Weg zum sozialen Olymp werden massenhaft solche Pedelecs der Gleichstellung angeboten, bei der Inklusion in der Schule, bei Unterrichtsmaterialien, die Jungen benachteiligen, bei der Berufungspraxis und Genderlehrsofas der Universitäten, bei den Abertausenden von Förderungseinrichtigen, die Aberzigtausende von Helferstellen in staatlich finanziertes Lohnbrot bringen. Es wird mit einem enormen Verwaltungsaufwand die Beseitigung von Ungerechtigkeiten betrieben, mit Flyern für einen Anspruch auf Wohnungen in Berlin nach 6 Monaten, mit Karriereprogrammen und Quoten und Fake News wie 21%-Gender-Pay-Gap. Das kann man machen, aber es trifft auf eine Gesellschaft, in der viele erlebt haben, wie diese Gleichstellung nicht zwingend allen nutzt, und doch einige massiv benachteiligt. Es gibt da welche, die alles, was sich ihnen bietet, bis zum Maximum ausreizen, und andere, die der Meinung sind, dass ein Sozialsystem nur funktioniert, wenn nicht jeder wirklich alles nimmt, was er kriegen kann. Das sind dann wiederum Menschen, die durchaus sozial und in sozialen Systemen denken, aber nicht zwingend Parteien wählen, die noch mehr Systeme versprechen, die asozial ausgenutzt werden können. Besonders hässlich wird es, wenn einem dann jemand vom Schlage Gabriel-Merkel-Schulz-Altmaier-Roth-Göring-Eckardt vom Balkon aus zuruft, man werde das schon zusammen schaffen. Nur hier noch eine Erbschaftssteuer und da noch eine Mietpreisbremse und dann noch eine Quote und spezielle Förderprogramme, und wer sich beschwert, wird von den staatlich geförderten Neuen Deutschen Medienmachern mit ihrem 1984er Neusprechkatalog konfrontiert.

Es gibt auf diesem sozialen Berg viele Pedelcs und gleichzeitig enorm viele, die um einen Rollstuhl kämpfen müssen, und denen keiner hilft, eine Wohnung zu finden. Es gibt, ganz konkret, so viele dieser Pedelecs, dass sich auch unten viele fragen, ob nicht die Gleichstellung der anderen einer der Gründe ist, warum´sie selbst zurück bleiben. Mir kann es letztlich egal sein, ich kämpfe für mich allen gegen die Berge in meiner Abschiedstournee vor dem Winter, und ich weiss, was ich kann und was meine Privilegien sind. Ein halbtoter Pedelecfahrer oben auf meinem Berg ist mir so egal, wie es mir egal ist, dass die Dränglerin in ihrem Büro die ersten Grippeviren der Saison einfängt. Da bin ich herzlos, aber ich habe nicht den Eindruck, dass die neuen sozialen Versprechungen des Staates beim Post-HartzIV-Volk, das letztlich bezahlen muss, als netter und liebevoller empfunden werden.

05. Nov. 2017
von Don Alphonso
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30. Okt. 2017
von Don Alphonso
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Auf der Suche nach der verlorenen Gesprächskultur

1934 durfte Karl Radek, Pseudonym “Parabellum”, richtiger Name eigentlich Karol Sobelsohn und aus einer jüdischen Familie im damaligen Österreich-Ungarn stammend, als sowjetischer Kulturfunktionär eine Rede halten. Erlaubt hatte ihm das ein gewisser Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, der sich damals aber schon Josef Stalin nannte, und das Amt des Generalsekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion bekleidete. 1929 hatte sich der frühere Trotzki-Anhänger Radek Stalin unterworfen und ihm die Treue geschworen, weshalb er als bei der Ersten Konferenz der sowjetischen Schriftsteller seine Meinung vortragen durfte. Über Valentin Louis Georges Eugène Marcel Proust – der nur Pseudonyme verwandte, wenn er selbst Kritiken über seine eigenen Bücher schrieb – sagte Radek also 1934:

In Prousts Seiten liegt die alte Welt wie ein alter, nutzloser Köter sonnenbadend herum und leckt endlos ihre Wunden.

Das war gegenüber Proust und seinen elfenzarten, elquenten Romanfiguren sehr unhöflich.

So also urteilte also Radek im Sinne Stalins über Marcel Proust, den Schriftsteller und Beobachter der Großbourgeoisie, über den asthmatischen Sprössling einer katholisch-jüdischen Familie, der die Erstveröffentlichung seines Romanwerks “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” selbst bezahlte, und über einen verzweifelten Sucher, der nach einem wenigstens finanziell abgesicherten Leben mit unglücklichen Beziehungen zu Männern, Depressionen und chronischen Krankheiten 1922 gestorben war.

1937 ließ dann Stalin seinen Untertan Radek in einem Schauprozess wegen seiner alten Beziehungen zu Trotzki anklagen, ihn einfach so – es war schließlich die Zeit des Stalinismus – von seinem privilegierten Posten absetzen, zu 10 Jahren Arbeitslager verurteilen und nach Sibirien verbannen, wo Radek 1939 ums Leben kam – bis heute ist nicht geklärt, ob der Kommunist von anderen Opfern seiner eigenen Politik im Sinne Stalins oder von Stalins Schergen umgebracht wurde.

Was ich daraus gelernt habe, ist zweierlei: Sozialismus ist noch ungesünder als Asthma. Und es ist gar nicht so schlecht, nach der Meinung Dritter wie ein alter, nutzloser Köter sonnenbadend herum zu liegen und endlos seine Wunden zu lecken, denn man kann auch in Sibirien in einem Arbeitslager jahrelang schuften, bevor man ermordet wird. Langfristig hat sich übrigens auch nicht die Beurteilung durch Radek für Prousts Werk durchsetzen können, Radeks Bücher wie “Die Entwicklung der Weltrevolution und die Taktik der kommunistischen Parteien im Kampfe um die Diktatur des Proletariats” sind heute, um es großbürgerlich höflich zu sagen, allenfalls noch einem kleinen Publikum eingeweihter Kenner ein fester Begriff. Und auch dort ist man, zumindest im sozialistischen Deutschland, vielleicht nicht mehr ganz so gut auf Radek zu sprechen, der zwischenzeitlich auch einmal mit einem Schulterschluss mit völkischen Kreisen gegen das Bürgertum liebäugelte – während man Proust höchsten vorwerfen kann, er habe sich in seinen Chauffeur nicht klassengerecht verliebt.

Ach so, und sein Duell mit einem Kritiker. Und seinen Umgang mit damals ziemlich verrufenen Leuten wie Andre Gide, der später sehr kritisch über die Sowjetunion schreiben sollte. Außerdem, das muss man wohl so sagen; war Proust nicht wirklich an einem sozialen Ausgleich zwischen den Klassen interessiert, und gewisse Aspekte der Dekadenz finden sich tatsächlich in seinem Werk. Also, wenn man ganz ehrlich ist, würde man jetzt nicht zwingend im bürgerlichen Kontext einen Sohn haben wollen, der vollumfänglich und selbstzerstörerisch wie Proust lebt – besser als ein berufsrevolutionärer und menschenverachtend mörderischer Radek ist ein Proust schon, aber die Frage würde sich natürlich stellen, ob ein Sohn seine Extravaganzen nicht ein wenig eingrenzen könnte. Trotzdem, in durchaus bürgerkritischer Buchform ist Proust im Bürgerhaushalt immer willkommen, und einem Schriftsteller verzeiht man in einem Akt kultureller Großzügigkeit vieles, was andernorts für gehobene Augenbrauen sorgen möchte.

Man könnte die Liste derer, die das Bürgertum letztlich mit all ihren Gehässigkeiten freudig übernommen hat, fast grenzenlos erweitern. Norman Mailer. Friedrich Hollaender. Pitigrilli. Stefan Heym. Evelyn Waugh. Lion Feuchtwanger, übrigens trotz seines stalinfreundlichen Werks über Russland. Andre Gide. Heinrich Heine. Kurt Tucholsky. Ludwig Börne. M. G. Lewis. Byron. Diderot. Die Berüchtigten von einst, sofern sie sich wuschen, Villen und Paläste nicht niederbrannten, sondern friedlich bewohnten, und ihre mörderischen Adern soweit im Zaum hielten, als dass sie ihre bösen Instinkte in zitierbare Sätze umleiteten, sie alle waren willkommen. Manche hatten es nicht mit Frauen und Familien, und manche konvertierten später zum Katholizismus. Mit literarischer Verehrung der Germanisten eingespeichelt und später als Schullektüre zerkaut, hat das Bürgertum noch die meisten Kritiker als neue Würze für den jeweils alten Kanon gefressen. Und letztlich nur die Radekknochen den Geiern überlassen, auch wenn Radek im Kontext mit seinem eigenen Schicksal unfreiwillig etwas bürgerlich Zitierbares mit dem Satz über Proust geschrieben hat. Grosso modo aber: Vorne kommen die Fortschrittlichen hinein, hinten fallen die Veralteten und Peinlichen heraus.

Man kann diesen bürgerlichen Geschmacksopportunismus, gepaart mit politisch angemessener Verdrängung früherer Fehler, mit Inbrunst hassen, und auch heute noch sagen, dass diese Welt veraltet ist, zu wenig von der Zukunft annehmen will, und melancholisch-sinnlos auf Vergangenes zurückblickt, während die Insekten sterben und Themen wie Sexismus kaum beachtet werden. Momentan bekommt unsereins das wieder vermehrt ab, weil wir in Verdacht stehen, in den düsteren Ecken des bürgerlichen Kanon habe noch zu viel “Völkisch-Nationalistisches” überlebt, ja das Unerwünschte würde sogar in Form neuer Bücher von der radikalisierten Mitte dazu gebestsellert, was uns dazu triebe, falsche Wahlentscheidungen zu treffen, so wie es der in Deutschland gescheiterte Revolutionär Radek nach den linken Putschversuchen der Weimarer Republik auch gesehen hat. Wir würdigten den Einsatz der tapferen Verteidiger der richtigen Meinungen auf der Buchmesse nicht, und sollten uns so verhalten, dass man wieder mit uns redet, damit wir die richtige Meinung erfahren, übernehmen und dann selbst verkünden. Wir räudige Hunde, die wir am Tegernsee in der Sonne sitzen und nicht damit klarkommen, dass unsere Zeit abgelaufen ist.

Gern übersehen wird natürlich, dass Proust seine Suche der verlorenen Zeit aufnahm, als die beschriebene Epoche schon in den Schützengräben des 1. Weltkriegs untergegangen war, und seine Leser wussten, dass diese Epoche nicht mehr wiederkehren würde. Sie haben, das hat Radek nicht begriffen, in der nichtkommunistischen Welt einfach andere Schlussfolgerungen gezogen, um zu überleben. Der Komintern übernahm Radeks Linie und begnügte sich damit, diese Weltsicht den immer gleichen Anhängern einzureden. Mit den anderen nicht reden, die Sozialdemokraten als Sozialfaschisten zu bezeichnen, den eigenen Willen mit Gewalt durchsetzen, das alles waren keine erfolgreichen Strategien, aber immerhin haben sie dazu geführt, dass man sich auf Seiten der Kommunisten betreffs der Anderen einig war. Wer doch diskutieren wollte, oder nur verdächtigt wurde, andere Meinungen zu hören, wurde gesäubert. Aber, Ironie des Schicksals, dadurch wurden die Verfolgten auch verdaulich für den bürgerlichen Kanon, wie etwa Ilja Ehrenburg. Denn das Bürgertum lächelt nicht nur den eigenen Dissidenten hold zu, sondern auch den Dissidenten der anderen – nie aber deren Linientreuen.

Das Mittel der gesellschaftlichen Säuberung – auch das lernt jeder, der einmal die gesammelten Werke Radeks, das Neue Deutschland und die hamburgisch-antibürgerlich-schlechtgelaunten Publikationen beiseite lässt und Proust oder Gide liest – ist in diesen dominierenden Kreisen immer noch die Nichteinladung anstelle der Ausmerzung. Auch das ist wirksam, und nichts befördert diese Haltung so sehr wie die Verweigerung eines Gesprächs, denn was soll man mit unhöflichen und schlecht erzogenen Leuten reden, die nicht reden wollen. Da entstehen dekadente Salons ohne Überschneidungen, ohne Austausch, ohne Bereitschaft, dem anderen eine geistreiche Bemerkung oder einen funkelnden Gedanken zu gönnen. Zum Ausschluss muss man gar nicht mehr die Tochter der Gastgebers verführen, es genügt, wie im Frankreich der Dreyfus-Affaire, dass man in Verdacht gerät, die falsche Seite nicht falsch genug ´zu finden. Radek hat nicht verstanden, dass der Kommunismus die schlechtesten Seiten der Alten Welt, die Proust beschrieb, auf einer anderen Ebene fortführte. Und 80 Jahre nach der Verurteilung von Radek gibt es immer noch welche, die denken, eine möglichst intensive Beschallung mit der einzigen Wahrheit, an die man präzise zu glauben habe, würde etwas helfen.

So funktioniert Proust nicht, und das Bürgertum auch nicht, zumindest nicht so lange, als man es nicht in einen Gulag sperren kann. Natürlich sieht die Bourgeoise aus wie ein alter Hund in der Sonne, aber der Eindruck täuscht – im Inneren gibt es Bewegungen, Debatten, widerstreitende Ansichten und manchmal auch eine gewisse Bissigkeit, die man solchen Leuten gar nicht zutrauen würde. Dafür weiß der alte Hund augrund seines langen Lebens, was verdaulich ist, und was nicht. Manchmal möchte er gestreichelt werden, manchmal will er seine Ruhe, und manchmal ist er brennend eifersüchtig – etwa, wenn darüber nachgedacht wird, wie man den nächsten Hund gut behandeln will, der da bald aus südlichen Regionen kommen wird. Oder wenn man gar zur Entscheidung kommt, solche alten Hunde seien nicht mehr stubenrein, die könnten weg.

Radek wurde verurteilt und umgebracht, die Schriftsteller, an die er sich wandte, nahmen sich sein Urteil zu Herzen und schrieben für schlechte Privilegien und Hungerlöhne Zeug auf gilbendes Papier, das nach Stalins Tod gesäubert wurde, oder bei uns nach 1989 erhältlich blieb, aber nun mal kaum mehr gelesen wird. Die Dogmatiker verschwinden, aber die Plauderer, die sich seitenweise über ein Kleid an einer schönen Frau freuen können – sie bleiben.

Also, bitte, natürlich muss niemand reden. Ich kann auch schweigend meine Biedermeierdamen bewundern und Proust lesen, und zuschauen, wie das Europa, das wir einmal kannten, wie die alte Sowjetunion zerbricht, weil man öfters mal denkt, man müsste nicht reden, und könnte andere ausgrenzen, entmachten und wegsperren.

30. Okt. 2017
von Don Alphonso
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24. Okt. 2017
von Don Alphonso
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Mit dem Winterrad die Privilegien anderer Gesinnungsterroristen checken

Sportler leben nicht länger, sie sterben nur gesünder.

Während ich das hier schreibe, versucht sich die Pressestelle eines Ministeriums einen Eindruck vom Umfang enes Förderungsdebakels zu machen, betreffs einer heftig finanzierten Organisation, die im Begriff “deutsche Dreckskultur” aus der taz keinerlei Hate Speech erkennen kann. Die neue Sitzungsperiode des Bundestages fängt also schon einmal gut an. Und weil man vermutlich noch eine gewundene Antwort entwirft, die dem Ministerium besser nicht gleich die erste kleine Anfrage einbringen sollte, hatte ich viel Zeit und etwas in meinen Augen Sinnvolles getan: Ich habe ein Rad restauriert.

Restauriert habe ich es nicht, weil ich den nächsten “So kommen Sie mit ihrem Rad durch den Winter“-Beitrag verfasse. Wir sollten hier so ehrlich sein und den Tatsachen ins Auge sehen. Die meisten Leser von Medien, die hierzulande solche Beiträge in diesen Wochen publizieren, leben in Deutschland. In Deutschland ist der Winter kalt und die Tage sind kurz. Jede Mutter, die irgendwie kann, fährt ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, weshalb vor meinem Haus jetzt schon täglich der Verkehr zusammen bricht. Im Winter sind die Strassen voll mit Autos, und die 200 Teilnehmer der Critical Mass Raddemo schmelzen auf eine kleine, steinharte, rein männliche Truppe von 25 Helden zusammen, die der Zumutung des Wetters trotzen. Niemand spricht mehr über Fahrverbote. Auf die Frage “wie komme ich mit dem Rad gut durch den deutschen Winter” gibt es nur eine richtige Antwort: Seien Sie privilegiert genug, den Winter in Italien verleben zu können. Da geht das wirklich. In Deutschland ist das nie gut, es ist immer kalt und brutal und und grau und hässlich wie ein Jamaika-Streit um die Versorgung mit Staatssekretärsposten.

In Deutschland, um den nötigen, grundlegenden Serviceteil eines derartigen Heuchlerbeitrags abzuarbeiten, sollten Sie wenigstens so wie ich leben: Mit drei Zimmern zwischen Bett und Arbeitssofa an der warmen Heizung, an einem Empiretisch aus Mahagoni und mit einer silbernen Teekanne darauf. Dann verlassen Sie das Haus nur, wenn das Wetter halbwegs erträglich ist, und können dann auch mal mit dem Rad fahren. Aber bitteschön fahren Sie nicht mit dem guten, neuen Rad: Der Winter setzt Rädern bei uns schlimm zu. Kaufen Sie bei einem Gebrauchtmarkt lieber ein altes Bergrad der Mittelklasse und fahren Sie es runter: Die 50 Euro sind billiger als die Nachwinterinspektion bei den speluncae latronum, wo man alle pfennigguten Verschleißteile erneuert und Ihnen dann einen Betrag abnimmt, für den Sie auch schon ein halbes Neurad oder einen Phototermin mit einem Ex-Minister bekämen.

Das hier ist so ein ideales Winterrad: Ein 22 Jahre altes Scott American von 1995, ein ganz normales Rad der oberen Mittelkasse, das bei uns auf dem Fundamt endete. Ich habe es schneller repariert, als ein Bundesministerium erklären kann, warum mit Geld überschüttete Handlanger des Hauses meinen. “deutsche Dreckskultur” sei keine Hate Speech: Es war also nicht sonderlich schwer oder arbeitsintensiv, und ich musste lediglich Lenker und Vorbau austauschen: Den Lenker, weil er verbogen war, und den Vorbau, damit man bequemer sitzt: Im kalten deutschen Winter muss keine geduckte Rennhaltung sein, denn Fahrtwind vereist den Fahrer.

Ansonsten – Sie merken, wir sind immer noch im öden Serviceteil, und das Veganervorführen kommt noch – ist die Ausstattung so gut wie unzerstörbar:Eine ungefederte Stahlgabel, ein pulverbeschichteter Aluminiumrahmen, der kaum rosten wird, relativ breite und hochwertige Felgen von Mavic, und eine Deore LX mit nur 7 Gängen hinten. Die Reifen sind breit und profiliert, um auch im Schnee voran zu kommen. Eine Scheibenbremse oder gar einen Elektromotor hat es nicht. Es ist völlig unscheinbar, und Diebe klauen dann eher dem kommenden Aussenminister das grüne Rad, der dadurch noch einmal die Nöte jener hier beheimateten Bevölkerung kennen lernt, bevor er um die Welt reist, und sich Sorgen um jene macht, die erst noch kommen, um hier noch nicht so lange zu leben. Wenn der Frühling erwacht, wäscht man das Winterrad ab, stellt es in den Keller, und holt wieder das gute Rad hervor. Das Rad ist einerseits funktional, andererseits aber, gemessen an den Versprechungen der Konsumwelt, ganz, ganz unten. Es ist in Radform so eine Art intersektioneller Feminismus, jede Art der eigenen Benachteiligung lässt sich damit konstruieren, und das ist auch der Grund, warum man wirklich genau so ein Rad haben sollte.

Denn nehmen wir einmal an, jemand möchte einen dazu ermutigen, die Eßgewohnheiten vegan auszurichten. Richtig, sagen Sie dann, es ist furchtbar, was mit den Tieren geschieht – und da geht es ja nicht nur um Massentierhaltung, sondern auch um Umweltschäden durch Benzin, wenn afrikanische Flussdeltas verdreckt werden oder die Fische bei Tankerunglücken sterben, ganz grässlich, man fragt sich, wie Menschen es überhaupt verantworten können, hier nicht die Folgen zu betrachten und zu bedenken, wie viel Tierblut doch im Benzin steckt. Aber Sie, Sie fahren natürlich auch im Winterrad und zwar wirklich umweltbewusst – und hier nun kommt die technische Ausführung aller Details, die Sie bei Ihrem Winterrad bedenken und die anderen sträflich, sträflich übersehen, wenn sie vegan essen, aber tiermassenmordend Auto fahren.

Oder jemand möchte Ihnen erklären, dass wir die Grenzen öffnen müssen, weil der deutsche Raubbau an der Natur für Klimaerwärmung sorgt und das wiederum die Menschen zur Flucht treibt. Sie haben ein 22 Jahre altes Rad gerettet, sagen Sie mit einem liebevoll-nachsichtigen Gesichtsausdrucks eines fastpensionierten Soziologielehrers aus dem schönen Münster, dem ein Schüler gerade erzählt hat, er sei AfD-Erstwähler, und tragen alte Kleider auf, wenn Sie damit durch die Stürme radeln. Sie machen die Klimaveränderung nicht, ihr Tweedsakko ist 10 Jahre alt und mit Cashmere, aber jene, die bei H&M kaufen, und meinen, sie hätten im Winter Anrecht auf neue Garderobe, diese Menschen, die sollten sich mal überlegen, warum sie eigentlich nicht auch die Freuden der sieben Gänge hinten im Winter gegen ihren perversen Luxus eintauschen, denn so eine Kette halte 3000km und es gäbe kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleider und man wäre gern bereit, zur Rettung des Klimas und der Grenzen die Vorteile einer 95er Deore LX zu erklären, als die wären: …

Sie verstehen, was ich meine. Niemand fährt in Deutschland im Winter gern mit dem Rad durch, noch nicht mal ich mache das, wir sind alle mal bequem und faul und suchen uns eine andere Moral, die wir anderen zu unserer eigenen Überhöhung verdeutlichen. Wir tun das mit der charakterlichen Verkomm Vollkommenheit, mit der Cem Özdemir seinem Akku- und Stromrad  nachsagt, es sei „emissionsfrei“. Ein 1995er Scott American, im Winter durchgefahren – man kann das ja einfach behaupten, wenn das Rad zumindest herumsteht – schlägt das alles. Jeder grüne Dienstpedelecminister ist dagegen die reinste Umweltbelastung, die sich fragen lassen muss, wo eigentlich der Strom für das Rad produziert wird, und warum so ein abgehobeneer Luxusradbesitzer sich zu fein zum proletarischen Treten ist. Das Scott ist ein Rad ohne jedes Privileg, und daher ideal geeignet, jeden anderen zum Check seiner Privilegien zu zwingen. Die Flugzeugbenutzer. Die Bahnfahrer, die sich über Verspätungen beschweren. Die Leute, die Bus eine Heizung erwarten. Die Klimaretter, die mehr als 7 Grad in ihrer Wohnung haben. Die Warmduscher und die sozial Gerechten. Die Metoo-Verbreiter mit China-Handies und Atomstrom. Die Leute, die der Meinung sind, dass man mehr vom eigenen perversen Luxus abgeben sollten, und dabei gern bei anderen anfangen. Sie alle kann man darauf hinweisen, dass man selbst.

Im Winter!

In Deutschland!

Bei diesem Wetter!

Konsequent!

Alles!!!

Mit einem 22 Jahre alten Scott American wenn nicht etwa mit einem 6000€ teuren Scott CR1 macht, das man bei der Caritas gekauft und gerettet hat, um seiner Verantwortung im Gegensatz zu Privileg X gerecht zu werden. Man selbst ist nicht nur dabei, man radelt dem Fortschritt voran. Man hat längst für sich selbst die richtigen Konsequenzen gezogen, während andere immer nur reden.

So macht man sich natürlich keine Freunde, denn niemand mag Tugendterroristen, die noch extremer als man selbst sind, und einen dann auch noch eine halbe Stunde lang die Feinstaubreduktion bei Verwendung ihrer alten Coolstop-Beläge im Unterschied zu den neumodischen Scheibenbremsen anderer Leute Pedelecs erklären. Jede billige Chinagabel mit Federung enthält Öl, ja Öl zur Dämpfung und ein weiteres Argument, warum der andere bei einem wahrhaft ganzheitlichen Ansatz nicht aufgepasst hat. Man wird sich hüten, Ihnen gegenüber noch einmal Themen anzuschneiden, die Ihnen die Rolle des entbehrungsreichen Franziskus unter all den fettigen Tartuffes überlassen, die auch nur erzählen, was sie irgendwo über Glyphosat und Raubbau in der Dritten Welt gelesen haben. Denn die Zeiten, in denen die Bigotterie noch mit Kirchenbesuchen, Reliquien, Beichtzetteln und Rosenkranz mühsam erworben wurde, sind vorbei. Die richtige Gesinnung bekommt man billig in den richtigen Tugendmedien. Aber es gibt nun mal zwei Arten Menschen auf dieser Welt, die einen werden von einem ausgebeuteten Lieferanten mit der Prantlhausener Zeitung beliefert, und die anderen haben ein seelenschwarzes Scott American von 1995 und behaupten, es ohne Rücksicht einzusetzen. Auf der Strasse und im Gespräch, mit allen Details, die den Fanatiker ausmachen und Amateure der Bigotterie schnell ermüden.

Man darf halt dann bei Twitter kein Video posten, wie man mit dem SLK einen neuen Rekord nach Mailand in den Asphalt gebrannt hat, mit 18l/100km zur Caravaggio-Ausstellung, und dann weiter an den Comer See. Dieser grosse Verzicht ist der wahre Preis der Tugend. Ansonsten lohnt sich das Scott aber wirklich.

24. Okt. 2017
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Die Zeit des Redens ist im Augstein-Berg-Sargnagel-Tunnel vorbei

Civilizations die from suicide, not by murder.
Arnold J. Toynbee

Ich mag Menschen mit Prinzipien, denn ich bin selbst einer, und ich mag Menschen mit Moral, denn ich habe davon mindestens zwei, je nach Bedarf, und diesen Bedarf gibt es in meinem Leben oft. Weil, schauen Sie, bei SPON wird gerade von einer Frau Berg der Schwarze Block der Antifa mitsamt seinen Methoden gegen “Rechts” gelobt, und da kann es natürlich sein, dass auch ich, wenn ich meine Heimatregion verlasse, mir so einen gedruckten Spiegel trotz meiner Ablehnung von Gewalt gut sichtbar hinter die Windschutzscheibe lege. Das ist zwar schlecht für meinen sonst eifrig gepflegten Ruf als Bildungsbürger, aber gut für die Sicherheit bei der Fahrt durch weniger vom Schicksal begünstigte Regionen, die eine Antifa-SPON-Koalition aufweisen. Irgendwann einmal, wenn es wieder nötig sein sollte, mache ich das. Si fueris Romae, Romano vivito more; si fueris alibi, vivito sicut ibi.

Das „wunderbare Buch“ ist diese anarchistische Kampfschrift. Allerdings bin ich für die Verhältnisse meiner echten und adaptierten Heimatregionen sicher näher an der Antifa denn am gesellschaftlichen Grundkonsens, der in vielerlei Hinsicht für mich selbst völlig unwählbar ist: In Bayern haben CSU, AfD und Freie Wähler eine erhebliche Mehrheit. Meine Sieneser Bekannten träumen von einem Großherzogtum Toskana. Die Lombardei und Venetien stimmen heute unter rechter Dominanz über ihre Autonomie ab, Meran liegt in Südtirol und dort herrscht die SVP, und dazwischen muss ich durch Österreich. Ich drehe privat die Hand nicht zwischen ÖVP, SPÖ und FPÖ um, das sind meiner Erachtens alle die Gleichen – aber die öffentliche Meinung meint auch dort einen massiven Rechtsruck zu erkennen. Und schon bei den Wahlen zu den Länderparlamenten in Österreich vernahm ich von deutschen Aktivisten ein Stöhnen und die Ansage, dass sie nun nie mehr in Linz anhalten, sondern immer nur zwischen dem auch nicht mehr so ganz roten München und dem rotgrünen Wien durchfahren würden.

Denn in Wien, da gibt es die Stefanie Sargnagel und den Robert Misik und den Falter und das Tatblatt und den Standard und die Futurezone und man hört FM4 und niemand rückt am Sonntag in Tracht aus, um mit dem Gewehr zur Blasmusik in die Luft zu schiessen. Wien ist wie Berlin, nur halt auf österreichisch und der Kaffee ist besser, und Wien steht für Österreich auch genau so, wie Berlin für Deutschland steht: Überhaupt nicht nämlich, und so erklärt sich auch die Vorliebe deutscher Medien für Protagonisten einer Wiener Kulturkruste, unter der man bei Wahlen öfters mal mit grossem Entsetzen feststellt, dass dort mehr die Krone als das Werk von Frau Sargnagel gelesen wird. Auch ist Österreich in seiner Gänze kein Klagenfurter Vorlesewettbewerb, sondern ein bergiges Land. Wäre es Afghanistan, würde man in Deutschland die Diversität der verschiedenen Stämme loben, aber es ist halt nur Österreich, und dass dort keine Frauen beim Ehebruch gesteinigt werden, und statt Haschisch mehr echte Heumilch produziert wird, hilft im öffentlichen Ansehen auch nicht weiter: In all den Tälern, auf dem hügeligen, flachen und bergigen Land, da haben sie jetzt den Kurz und sogar den Strache gewählt. Obwohl ihnen die Süddeutsche Zeitung deutlich gesagt hat, dass sie das nicht tun sollen.

Und Frau Sargnagel reist umher, tröstet ihre Anhänger und fordert weiter die Abschaffung des Männerwahlrechts. So ist das. Frau Sargnagel wundert sich öffentlich, warum der Stand des Neurechten Götz Kubitschek noch auf der Buchmesse steht, und die Deutschen wundern sich, wie man Kurz und Strache wählen kann, wenn es doch auch so liebreizende, kluge, witzige, charmante, spannende und authentische Stimmen des Volkes wie Frau Sargnagel gibt, die so wunderbare Texte aus dem Leben schreibt. Es ist ein Mysterium der Filterblasen in den immer gleich denkenden Metropolen, die überhaupt nicht verstehen, warum man jenseits der Innenstadtbereiche nicht mehr den wohlmeinenden Empfehlungen zur Handarbeits-Antifa, Aufstehen gegen Rechts, Twittern für Metoo, zu veganem Streetfood und politischen Slogans auf Jutetaschen folgen will. No Borders, No Nations heisst die Devise, und es mag auch sein, dass Migranten in die Innenstädte kommen – aber um die Innenstädte herum, da bilden Regionen mit unerträglichen Einstellungen eine neue, nationalistische Grenze des Grauens.

Weshalb man in Berlin schon nicht mehr in’s verpönte und alles umgebende Brandenburg fährt, sondern “auf’s Land”. Und bis zum letzten Freitag konnte man sich auch in den Zug setzen und nach Prag fahren, was bis dahin auch so eine schöne, beliebte, urbane, kunstsinnige, entspannte Metropole war. Also, wenn man nicht so genau hinschaute und es in Ordnung fand, dass für den Tourismus der Prager so weggentrifiziert wurde, wie der biertrinkende Prolet der DDR auch aus Friedrichshain gen Lichtenberg zu verschwinden hatte, wo man ihm nun Siedlungen für jene Flüchtlinge zugesellt, für die man im multikulturellen Kreuzberg leider, leider keinen Platz hat. Berlin schafft das, mit etwas gutem Willen ging es, und Prag war auch nicht anders, wenn man ignorierte, dass die Prager Lehrerin während der Ferien bei der deutschen Kulturelite putzte, die dafür im touristischen Prag das Wohnen verteuerte – bis Freitag. Jetzt gab es dort Neuwahlen. Sie gingen klar für Kräfte aus, die dem deutschen Primat in Europa nicht folgen, und, schauen Sie, weil auch ein wenig tschechisches Blut in meinen Adern fliesst, möchte ich vielleicht darauf hinweisen, dass es da so ein paar historisch bedingte Vorbehalte gegen deutsche Protektion gibt: Vielleicht schaffen es die deutschen Feuilletons es ja diesmal, die Tschechen und ihren freien Willen so rücksichtsvoll zu behandeln, dass sie nicht wie jüngst die viel gescholtenen Polen auf die Idee kommen, die Frage der Weltkriegsreparationen neu zu eröffnen.

Das wäre wirklich sehr nett. Gerade Bayern hatte wegen der Benes-Dekrete, der uneinsichtigen CSU und ihrer chauvinistischen Flüchtlingsverbände jahrzehntelang ein unnötig miserables Verhältnis zu den Tschechen. Da sollte man nicht hin, wurde einem im kalten Krieg gesagt, so wie jetzt öfters mal zu lesen ist, dass ein anständiger Deutscher auch nicht nach Sachsen fährt. Sachsen ist mit der Wahl in Tschechien jetzt aber auch nur noch der nordwestliche Frontstaat einer politisch unerwünschten und aus Hamburger und Berliner Sicht nicht hinzunehmenden Großregion, die Ostdeutschland (außer Berlin), Polen, Bayern, Tschechien, die Slowakei, die Schweiz, Österreich (außer Wien), Ungarn und Oberitalien umfasst. Ich lebe und ich reise dort, und ich kann schon mal sagen: Der restdeutsche schwarze Block der Antifa, den Frau Berg im SPON beschwört, diese Sturmtruppen des einzig wahren Lichts wären in dieser Zone der Finsternis nicht wohl gelitten. Und als Menschenfreund, der stets bereit ist, beiden Seiten ihre Moral zu belassen, solange man mir meine Privilegien lässt, erkenne ich natürlich das Problem, wenn nun die verbliebenen Städte der Aufklärung Wien und Berlin isoliert in feindlicher Umgebung bleiben müssen. Niemand hat die Absicht, durch Sachsen, Tschechien und Österreich einen neuen Danziger Korridor zu legen.

Und Flugreisen, das hat man in progrünen Wiener Kreisen gerade wieder getestet, sind zwischen Berlin und Wien auch nicht wirklich eine Option, weil es da immer noch ein Problem mit dem Flughafenbau gibt. Was also tun, wenn auf dem Erdenrund andere als die gewünschten Lichter angehen und es für das Ansehen der urbanen Eliten unverzichtbar ist, den Abscheu vor falschem Wählerwillen durch boykottierende Verachtung auszudrücken? Wenn man schon nicht mal mehr nach Prora und Usedom zu den Modernisierungsverweigerern fährt, kann man erst recht nicht über die Höcke-Babis-Strache-Transversale nach Wien. Es muss einen sicheren Fluchtweg zwischen den Metropolen der Erleuchtung geben, damit man sich ungehindert trösten und der einzig richtigen und alternativlosen Einstellung in den richtigen Cafes und staatlich bezuschussten Lesebühnen versichern kann. Ich bin moralisch flexibel, ich würde mir auch den Spiegel bei den Reisen ins Antifaland ins Auto legen, aber man kann natürlich von gefestigten Aufklärern nicht erwarten, dass sie die Verlagsvorschau des Antaiosverlags oder Kopp-Bestseller beim Sachsentransit vorweisen. Ich habe nachgedacht, und weil ich ja dauernd durch die Berge fahre und am Brenner-Basistunnel vorbei komme, auch eine Lösung gefunden:

Wir brauchen einen Augstein-Berg-Sargnagel-Tunnel von Hamburg nach Berlin und weiter nach Wien, in die Frontstadt des neuen, kalten Kriegs in Europa. Der Weg ist, zugegeben, nicht ganz kurz, aber er garantiert wie die Geisterbahnhöfe im Berlin der DDR, dass niemand in Kontakt zu anderen Leuten kommt, die eine abweichende Meinung haben, oder gar auf die Idee kommen, diskutieren zu wollen, und das auch unter der unverschämten Bedingung, dass sie einem am Ende nicht zustimmen und auch nicht drei Metoo-Tweets und eine Spende für das Zentrum für politische Schönheit absetzen müssen. Ich lebe hier in so einer AfD-Hochburg mit 15,1% – Sie glauben gar nicht, was die Leute hier alles so öffentlich sagen, ohne dass man ihnen dafür einen Stand der Kahanestiftung vor die Nase setzt. Der Augstein-Berg-Sargnagel-Tunnel dagegen könnte Intershops einplanen, mit TV-Geräten, die nur drei Staatsfunkprogramme empfangen, und Bücher aus sauber gereinigten Bestsellerlisten. Kurzweil würden nur der Spiegel, Die Zeit, Der Standard, die taz und die Untergrundversion von linksunten.indymedia bieten.

Der Wahrheitsexperte Leo G. Fischer von der Titanic hätte die richtigen Voraussetzungen für die nötigen Säuberungen. Bei der Süddeutschen Zeitumg könnte man eine Abzweigung errichten, und dort einen Zukunftspark Europa 3000 aufbauen, wo alle friedlich und im Konsens zusammen leben, wie auf einem Wandgemälde in Peking. An jedem Kilometer gäbe es ein Notruftelefon, mit dem man beim NDR anrufen und die Fakten auf die richtige Einstellung prüfen lassen kann, und das Gratisinternet dort unten wird von Heiko Maas persönlich handkuratiert. Über den Augstein-Berg-Sargnagel-Tunnel kann man auch schnell die Einsatzkräfte der Antifa verlegen, wenn es nötig ist, und in alle Belüftungsschächte sind natürlich Gedankenfilter aus reinem Globuli eingebaut. Von Hamburg aus geht es dann in die Welt, sofern sie eben noch weit und richtig denkend ist, also momentan noch Schweden, Kanada, Brooklyn, die EU-Kommission in Brüssel und das Silicon Valley.

Dass der Rechtsruck nur eine Phase ist, das hört man über Ungarn nun schon seit Orbans Amtsantritt, und es sieht gerade nicht so aus, als würde sich die als finster wahrgenommene Zone zeitnah verkleinern. Ich befürchte zwar, dass nach BER und Elbphi und den diversen Korruptionsskandalen in Wien der Bau des Augstein-Berg-Sargnagel-Tunnels ebenfalls eine gewisse Weile dauern könnte, und wegen leichter Konstruktionsfehlern auch an Orten herauskommt, die man gar nicht eingeplant hatte, wie etwa Pjönjang, Teheran oder Mogadischu. Aber für das reine Gewissen der urbanen und tonangebenden Eliten, die die richtige Einstellung haben und nur mit ihresgleichen reden wollen, sollte der Gesellschaft kein Preis zu hoch sein.

Was? Die Kosten? Ach was, die sind läppisch, die Kosten für die Untergrundversorgung mit dem staatstragenden Augstein-Berg-Sargnagel-Tunnel kann man gleich mit dem Rundfunkbeitrag einziehen, und den laufenden Betrieb über die oberirdische Autobahnmaut finanzieren, während da unten natürlich jeder zur Erreichung der E-Auto-Quote einen staatlich geförderten Gratis-Tesla bekommt In knallgrün, Sondermodell Göring-Eckardt.

22. Okt. 2017
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19. Okt. 2017
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Berliner Schulpolitik als Fluchtursache in der 3. Welt

Jugend will, daß man ihr befiehlt, damit sie nicht gehorchen muß.
Jean-Paul Sartre

Da, schauen Sie mal, Jamaika! Sind die nicht drollig, die Politiker? Oder da, Österreicher, die nicht verstehen, was sie wählen müssen! Hübsch, nicht? Oh, und ein Sexskandal mit Hashtag! Das müssen Sie alles gelesen haben. Sie müssen doch nicht an so schwere, komplexe Themen wie Schule denken, das sind nur Nachrichten von letzter Woche, da lässt sich jetzt ohnehin nichts mehr ändern und… Ach? Sie sind doch unzufrieden, wütend, enttäuscht, weil die IQB-Studie genau das bestätigt, was Sie schon länger mit ihren Kindern erlebten? Also, wissen Sie, ich habe ja keine Kinder, ich lese nur manchmal Fragen junger Mütter aus Berlin oder Nordrhein-Westfalen, mit wem sie schlafen müssen, damit ihre Töchter auf eine gute Schule kommen. Also gut. Reden wir über den Schulbericht. Aber bitte mit dem richtigen Klassenstandpunkt.

Es sind ja nicht nur meine Bekannten, die in Berlin ein Problem haben, und mehr oder weniger still beim Versuch vor sich hin leiden, eine gute Schule zu finden. “Gute Schule” ist da ein Synonym für “niedriger Anteil an lernproblematischen Kindern mit MiHiGru”, aber das sagt man selten so deutlich. Es gibt manchmal, etwa nach der Bundestagswahl, einen wütenden Beitrag in der Bild über die Zustände in den Toiletten Berliner Schulen, und ich denke, da hat die Bild auch recht – das ist alles in einer Linie mit dem, was ich von sozial bewegten Müttern höre, die eher die taz lesen. Ich dagegen pflege keine Kinder, ich pflege einen wohlgeratenen Zynismus und Vorurteile. Ich sage, dass all die Freiheiten Berlins, die offenen Grenzen, die Spaliere von kommunikationsfreudigen Drogenhändlern, die letzthin in der ZEIT gelobt wurden, das Fehlen der Schlagstock- und Sozialkontrolle (außer bei fehlenden Gendersternchen) und die dort gelebte Seelenerziehung ohne Einflüsse westdeutscher Spießermoral, nun auch unvermeidliche Auswirkungen auf Verwaltung und Schulen haben. Man kann nicht erwarten, dass in so einer gelebten Freiheit Matratzen auf der Strasse entsorgt und Graffiti gemalt werden, und Ämter und Schulen gleichzeitig streng und effektiv die Kinder erziehen, wie ihre Eltern es daheim in Tübingen und Straubing erlebt haben.

Das Ergebnis ist, von der Höhe meines bayerischen Klassenstandpunkts aus betrachtet, dass Kinder, die in Berlin nach der vierten Klasse in die verbliebenen Gymnasien wechseln könnten, beim westdeutschen Bildungs- und erstaunlicherweise auch AfD-Spitzenreiter Bayern in die dritte Klasse zurückgestuft werden müssten, um den bis dahin erberlinerten Rückstand aufzuholen. Dort lernen sie zwar nichts über so wichtige Sozialkompetenzen wie “Puff für Alle” oder homosexuelle Genderorientierung. “Zuhören” ist in Bayern kein Kriterium zur Beurteilung von Schülern, sondern Grundvoraussetzung, wenn der Weg nicht direkt zum qualifizierten Hauptschulabschluss führen soll. Aber wer wirklich, wie so oft geäußert, nur das Beste für das eigene Kind will, müsste sich eigentlich fragen, warum er nicht konsequent ist und dorthin zieht, wo Schulen schon einen neuen Anstrich erhalten, weil die Schlossfarbe ein wenig ausgebleicht ist. So wie bei uns am Tegernsee.

Zugegeben, der Aufmarsch der Kinder in der ersten Klasse mit Dirndl und Lederhosen entlang der einzig bekannten Geschlechtergrenze ist jetzt nicht jedermanns Sache. Aber wenn ich wählen müsste, ob ich meiner Tochter ein rosa Dirndl kaufe oder mit einem Berliner Bildungspolitiker ins Be… also, ich wüsste, was ich dann täte. Ich erkläre das auch immer wieder meinen Berliner Bekannten, und darunter sind auch einige, deren Kompetenzen bei uns gesucht werden, denn wir haben Vollbeschäftigung. Die Antwort ist oft gleichlautend: Berlin sei nun mal billig, da könnte eine Alleinerziehende oder ein Paar auch mit wenig Geld, aber einer günstigen Sozialwohnung zwei Kinder erziehen. Das ist bei uns am Tegernsee – die Mieten liegen hier längst über 10€/m² und wer hier lebt, kauft ohnehin eher – kaum möglich. Früher habe ich das einfach so akzeptiert, aber wegen der neuen Schulstudie habe ich Zweifel, ob das gerechtfertigt ist.

Nehmen wir einfach mal Gmund am Tegernsee, wo diese entzückende Brücke voll mit Kindern über die Mangfall führt. Eine Wohnung, die lediglich durch eine parkartige Alm mit Seeblick von der Grundschule getrennt ist, kostet mit 100m² momentan 1100€. Das sind natürlich 600€ mehr als eine Sozialwohnung in Berlin, aber dafür bekommt das Kind auch eine Spitzenausbildung im deutschen Vergleich. Laut Studie liegen die Kinder in den schlechten Schulstandorten Bremen und Berlin in der vierten Klasse schon ein halbes Jahr zurück. Hat eine Familie zwei Kinder, ergibt sich in vier Jahren Grundschule ein kombinierter Nachholbedarf von einem Jahr. Da kann die Familie einfach zuschauen, und mit den langfristigen Folgen in Form von schlechteren Chancen bei Studium, Arbeitsmarkt und dem gesamten Dasein leben. Oder es steuert dagegen an, und bringt das Kind privat mit selbst geleisteter Nachhilfe auf den nötigen Stand. Bei uns ist die Miete zwar teurer, aber die bessere Schulbildung bekommt das Kind gratis von bayerischen Staat.

Wer bei uns arbeitet und einigermaßen normale Voraussetzungen hat, kommt leicht auf einen Stundenlohn von 20€ netto. Ein Paar erarbeitet die Differenz zur teureren Wohnung also in 30 Stunden pro Monat. Die beiden Berliner Kinder dagegen verlieren im Vergleich zu ihren bayerischen Gegenstücken bei 120 Monatsstunden rund jeweils 15 Stunden Lernleistung pro Monat – eine Lernleistung, die Berliner Eltern theoretisch selbst nachtragen müssten, nur damit ihre Kinder dann nach Berliner Vorstellungen verhasste Streber sind, und durch den Schulhof geprügelt werden. Die günstigere Miete in Berlin wird unter diesen Gesichtspunkten von der Eigenleistung der Eltern für das Schulversagen wieder aufgefressen. Vielleicht ist es auch einfach so, dass Berlin genau das in die kurzfristige Wohnungsförderung steckt, was Bayern in die langfristige Erziehung investiert. Und sage mir bitte keiner, die Grosseltern in der westdeutschen Provinz würden in solchen Heimkehrfällen nicht gern die ein oder andere Wohnung verfügbar machen, oder zumindest mit Geldscheinen diese Einsicht honorieren.

Andere Aspekte sieht so eine Untersuchung erst gar nicht, aber ich möchte darauf verweisen, dass man sich am Tegernsee teure Urlaube in den Bergen sparen kann – man wohnt schließlich schon dort, wo andere sich den Urlaub nicht mehr leisten können. Natürlich entwickeln sich Kinder anders, wenn um sie herum kein Moloch einer Stadt ist, sondern ein Naturschutzgebiet. Natürlich sind Kinder erheblich gesünder, wenn weniger CO2 und Feinstaub in der Luft ist, und natürlich sind sie entspannt, wenn der Spielplatz zum Spielen da ist, und nicht als Lager für zerbrochene Flaschen dient. Außerdem ist die Beziehung zwischen Eltern und Kindern deutlich besser, wenn das unangenehme Lernen in die Schule ausgelagert wird, und die Eltern keine Nachhilfelehrer, sondern nur für die Gaudi da sind. Neigungsgruppe Kajak und ein Schulstrand beim späteren Gymnasium Tegernsee sind zwar nicht so wild wie Sprayerkurse in Berlin, aber es gibt nun mal bestimmte Klagen von Eltern, die ich hier in den Bergen noch nie gehört habe, und aus Berlin dauernd lese.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich besuchte ein bayerisches Elitegymnasium, das schon Ende der 12. Klasse mit dem Abiturstoff mehr oder weniger durch war, und das uns in den MINT-Fächern noch zu Inhalten jenseits des Lehrplans peitschte, die ich nie brauchen sollte. Bei uns konnte man vor versammelter Mannschaft gedemütigt werden, wenn man nur einen Zettel mit Tesa an eine Glastür hängte. Es gab nur Frontalunterricht und teilweise sadistische Lehrer, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Der Drill, den wir damals erlebten, war definitiv zu viel, und ohne die damals übliche Freiheit am Nachmittag wäre das System kaum auszuhalten gewesen. Auch das damalige System hat kleine, brutale Bestien hervorgebracht, die einem von hinten den Hockeyschläger über den Kopf schlugen. Und ich, der ich Sie heute hier beplaudere, war in Deutsch wegen meiner nicht erwünschten literarischen Phantastik ein ausgesprochen schlechter Schüler, weil ich von den Normen abwich. Es ist schon gut, dass es die bayerischen Gymnasien unter Strauss nicht mehr gibt, die Kinder nur betrichterten und kaum in ihren Eigenheiten förderten. Berliner Freiheiten und Unterrichtsausfälle wären bei uns unvorstellbar gewesen.

Aber auf der anderen Seite sieht man jetzt, dass das gegenteilige Extrem mit Schreiben nach Gehör, Abschaffung von Noten, Inklusion und Betrachtung von Schulen als Kostenfaktoren mit gleichzeitiger Sozialisierung der Defizite auch nicht gut ist. Man hätte den Druck, den ich zu spüren bekam, schon damals durch den Wechsel auf eine andere Schule beenden können, und Debatten um gute und schlechte Schulen kenne ich hier auf dem Land nicht: Es gibt hier im Hintergrund ein rigides Kontrollsystem der Schulen, das Berliner Verhältnisse verhindert, lange bevor sie entstehen. Dafür haben wir hier keine Späties und kein Berghain und statt der Volksbühne nur Bergfilmtage. Es ist anders, weil es ein anderes Land ist. Aber wenn ich das Schicksal meiner Kinder wirklich ins Zentrum meiner Bemühungen stellen würde, verstünde ich nicht, wie man denen ein anerkannt und nachweislich schlechtes System zumuten kann, das in einer von Bildung abhängigen Nation wie Deutschland eine lebenslange Benachteiligung zur Folge haben wird. Zumal, wenn es 600km weiter südlich ganz anders ist.

Natürlich importiert man mit Berlinern ein gewisses Risiko, wie Berlin zu werden, weshalb dieser Beitrag bei meinen bayerischen Mitmenschen nicht ungeteilte Zustimmung finden wird. Aber ich habe keine Zweifel, dass nur die wenigsten dem Ruf folgen werden, denn in Berlin regt man sich über die Zumutungen einen Tag lang auf, um die restlichen 364 verächtlich auf Regionen zu schauen, die nicht so frei und aufgeklärt sind, und mit mehr Geld die Berliner Misere beheben sollen. Abweichler fallen schnell der Damnatio Memoriae anheim. Und dann gibt es dort noch all die Privatschulen, die es erlauben, später unbeschwert von persönlicher Erfahrung und verprügelten Kindern darüber zu urteilen, welche Beurteilung von Migration und globaler Fairness jene ist, die man zu vertreten hat, um so im einzig wahren Konsens zu sein.

Die sozialen Methoden der grossen Freiheit in Berlin wirken natürlich nur zufällig wie der ideologische Drill an einem bayerischen Provinzgymnasium unter Strauss.

19. Okt. 2017
von Don Alphonso
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14. Okt. 2017
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Separatismus als Dünger der guten Staaten

No dumb bastard ever won a war by going out and dying for his country.
George S. Patton

Also, wissen Sie, Sie kennen das vermutlich auch. Sie leben gedankenfrei und angenehm in den Tag hinein, die Sonne lacht vom Herbsthimmel, und in der Silberkanne schimmert der Tee. Von der Wand werden Sie angelächelt, von den Schönheiten Ihrer Gemäldegalerie, und eigentlich ist alles in Ordnung.

Sie waren gerade noch in Italien, und die Sexskandale anderer Leute berühren Sie nicht, weil Sie, wie Tucholsky das einmal so schön formuliert hat, alle bekommen, die Sie wollen, weil Sie nur die wollen, die Sie auch kriegen. Viele wollen auch nur einen einzigen Partner und Kinder, und haben es, und sind einigermaßen zufrieden. Sie haben Freunde, eine Unterkunft, fließendes Wasser und sprudelnde Apanagen, Ihre Bäckerin kennt Sie mit Ihrem Namen und der Biergarten, den Sie im milden Wetter mit Ihrer Anwesenheit beehren, erfreute schon Ihre Urgrosseltern. Es passt. Sie sind hier daheim. Glauben Sie. Sie täuschen sich. Und zwar bundesamtlich:

Das hat vor kurzem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Internet abgesetzt. Ein Bundesamt, das für Asylbewerber und nicht für Deutsche zuständig ist, und im Zweifelsfall auch mit verantwortlich für die Ausreise bei Ablehnung des Asylverfahrens sein sollte, verwendet das Wort “Geflüchtete”, das ich bis vor 2 Jahren eigentlich nur aus dem Wortschatz des linksextremen Flügels der Piraten mit ihren Neusprechanwandlungen kannte. Härter – und so etwas kenne ich noch nicht einmal von K-Gruppen – ist die Bezeichnung für länger hier lebende Migranten und auch für Angehörige des deutschen Staatsvolkes, die laut Grundgesetz den Souverän und damit auch de Beherrscher dieser Behörde stellen: Beheimatete. Beheimatet ist das faule Miesbacher Fleckvieh im Oberland, der possierliche Bachratz ist in den Kanälen an der Spree beheimatet, und möglicherweise ist auch die ein oder andere betäubungsmittelgesetzwidrige Pflanze nahe des ein oder anderen Bundesamtes beheimatet. Aber so schön kann ein Herbsttag gar nicht sein, dass ich – und viele andere mit mir – gerne von einem Amt mit Flora- und Faunabezug degradiert werde, egal wie die Begründung des Amtes für Neusprech lauten mag. Und ich mag es nicht, selbst wenn das in einer Traditionslinie zum ostdeutschen Diktum “die, die schon länger hier sind” steht. Ich bin deutscher Staatsangehöriger und nicht einfach nur hier “beheimatet” von einer Behörde, die im Ämterchaos der letzten Jahre auch Herrn Amri und seine Tarnidentitäten hier mit beheimatete.

Auch das freundlichst gesonnene Gehirn eines deutschen Staatsbürgers einer kleinen, dummen, oberbayerischen Stadt an der Donau kommt nicht ganz um den kurzen Moment herum, da es einen Gedanken wagt, und der lautet in etwa so: Es ist ein Amt. Theoretisch könnte eine Mehrheit der Wähler zwar Parteien wählen, die das Amt wegen dieser Unverschämtheit auflösen und dafür sorgen, dass die Freunde antideutscher Beleidigungen nie wieder Staatsgeld bekommen. Aber so weit wird es nie kommen, noch nie wurde eine derartige Organisation freiwillig von Abgeordneten aufgelöst, sondern im Falle des Versagens immer nur erweitert, mit teuren Stellen versehen und mit Geld überschüttet. Man wird diese Leute und diese Ämter nicht los, irgendwo in Berlin ist ein Ministerium, ein Staatssekretär, ganz viele Beamte dazwischen, und jede Eingabe würde dort versanden. Wie gesagt, ich war gerade in Italien, einem Land mit starkem Bewusstsein für Region und Nation, wo selbst linke Politiker Schärpen mit Trikolore stolz um die Bäuche tragen: Da würde man sich beleidigt fühlen. In Deutschland muss. man. damit. leben.

Nun könnte man zum Biergarten fahren und das hinunterschwappen und im Bier ersäufen, aber ich bin Antialkoholiker und trinke dort nur Johannesbeerschorle. Ausserdem war ich gerade in Italien, ich habe da gute Bekannte, und da sagen sie einem in der Toskana: Ja, gut, der Luciano war zwar aus Ligurien, aber er war trotzdem einer von uns! Oder in Oberitalien, links vom Po, da sagen einem dunkle Südländerinnen von der Lega Nord mit Funkeln in den mediterran schwarzen Augen, dass sie ja eigentlich, genetisch betrachtet, blonde, weisse Kelten wie die meisten Bayern sind, und daher eigentlich zum Staat Padanien gehören. Ich reiste durch Südtirol, wo Ansichten zur Volkszugehörigkeit an Schulen gelehrt werden, die bei uns einen sofortigen Strafstand der Kahane Stiftung auf dem Pausenhof zur Folge hätten. Dann bin ich auf der Landstrasse zum Brenner hoch, und siehe da: Mitten im grenzenlosen Europa hat man während meiner Abwesenheit über die Strasse nach Tirol ein nagelneues Zöllnerhaus errichtet. Nur wegen der Einreiseversuche der Geflüchteten.

In Tirol wird dieses Wochenende gewählt, und es ist absehbar; dass dort zwei Parteien eine grandiose Mehrheit einfahren werden, die eigentlich verfeindet sind: Denn die Vorgänger der einen waren die Austrofaschisten und die Vorgänger der anderen das, was man in Österreich verschämt als “Drittes Lager” bezeichnet, vulgo die Deutschnationalisten. Es ist herrlich, wieder nach Deutschland zu kommen, wo völkisches Denken bei weitem nicht so ausgeprägt ist, aber zwischen “nicht völkisch” und “bereit, sich beim Twitter einer deutschen Behörde als “Beheimateter” beleidigen zu lassen” ist ein unüberbrückbarer Abgrund. Meine toskanischen Freunde würden da ihr altes Grossherzogtum oder gar Stadtstaaten der Renaissance dagegen halten, meine Mantuaner Bekannten würden sich für das – historisch völlig absurde – Padanien erwärmen, in Südtirol gäbe es einen Volksaufstand und in Tirol würde man darauf hinweisen, dass man als Erzherzogtum ohne das rote Wien auch gut gefahren ist. Kurz, so eine amtliche Arroganz gegenüber den Menschen ist der Funke, der besser vom Pulverfass des Separatismus ferngehalten wird.

Denn der Separatismus sieht den Menschen und Bürger ganz anders. Er kann nur gedeihen, wenn er den Menschen besser behandelt, ihm mehr verspricht und mehr Anerkennung bietet, als eine ferne Zentralregierung. Das wird gemeinhin als Populismus verdammt, ganz im Gegensatz zu Forderungen, Bundesländer in Deutschland oder Staaten in der EU wegen unerwünschter Wahlergebnisse auszuschließen. Aber ich habe da ein wenig nachgedacht und bin als Bayer zu einem anderen Ergebnis als ein Deutscher gekommen. Weil, schaun’S, es ist doch ah so:

Wir haben in Deutschland aus guten Gründen eine Demokratie und eine soziale Marktwirtschaft. Beides ist dazu da, um weder politisch noch gesellschaftlich eine Gruppe zu stark werden zu lassen. Keine Gruppe soll am Bratspiess der anderen enden. Das wurde lange Zeit geglaubt, aber inzwischen gibt es Zweifel, ob es wirklich noch so funktioniert. Die Wirtschaft brummt, die Löhne stagnieren, die Abgaben steigen. Der Staat sagt in Form der Kanzlerin, er könnte die Grenzen nicht schützen, und “jetzt sind sie nun mal da”. Diese Politik ist alternativlos, und sie bleibt alternativlos, wenn in Brüssel eine Kommission, die kein Bürger direkt wählen kann, eine E-Auto-Quote beschließt und eine Vergesellschaftung der Staatsschulden fordert. Ich kann heute zu der einen Bäckerin gehen und morgen zur anderen, ich kann den Biergarten wechseln und – noch – das Auto. Im Bereich der Wirtschaft und Gesellschaft bin ich einigermaßen frei, aber der Staat als ein solcher, mit den Sendern, denen er Zwangsgebühren der Bürger gibt und die ihn stützen, mit seinen Behörden und Ämtern – der ist Monopolist. Und es gibt da auch, so meine Erfahrung der letzten 10, 12 Jahre, keine Chance, etwas zu ändern. Deutschland ist wie das bleierne Österreich, das ich nach all den Jahren der grossen Koalition 1999 kennenlernte: Gelähmt, festgefahren, ein Schlaraffenland für Parteileute, die heute Politiker und morgen Aufsichtsräte bei Gas und Bahn sind, und übermorgen BER und Elbphi in den Sand setzen, und das – im Gegensatz zu den hier lebenden Eliten – auch völlig normal finden.

Eine Konkurrenz zu diesem Staat wäre das, was viele hoch qualifizierte Italiener, Südtiroler und Tiroler übrigens tatsächlich tun: Auswandern. Zumeist nach Deutschland. Wo sie übrigens phantastische Arbeit machen. Für Deutsche allerdings ist es – weil Deutschland nun mal an der Spitze steht – schwer, eine Alternative zu finden, in der es sich ohne grossen Aufwand und Anpassung besser leben lassen würde. Wir sind eine bessere Alternative für all die laut Schengenabkommen unerlaubt Eingereisten, die durch Italien und Österreich kommen, um sich mit einer mobilen Küche von einem Amt verwöhnen zu lassen, das Deutsche als Beheimatete bezeichnet. Die Vorteile, die wir fraglos bieten, gefallen vielen besser als ihre eigenen Staaten. Eine derartige soziale Migration nach Oben ist für Deutsche nicht möglich, außer vielleicht nach Monaco und Liechtenstein, die als erbliche Fürstentümer politisch nur wenig alternativloser als Deutschland sind. Der deutsche Staat kann seine Politik machen, trotz des allgemeinen Unmuts, weil er keine Alternative hat. Er kann mehr Steuern verlangen und Ämter ausbauen und Verbrennungsmotoren verbieten und Katrin Göring-Eckardt zur Ministerin machen, weil selbst das kaum zu einem Massenexodus führen wird.

Wasa bleibt da also sonst noch übrig?

Also, wenn ich ganz ehrlich bin, kommen meine Vorfahren zwar auch aus dem Elsass, Ungarn, Österreich, Franken, Tschcchien und noch einigen anderen Destinationen – aber der mischvölkische Bayer als ein solcher hat ja schon im frühen Mittelalter das durchgemacht, was die Archäologie als Ethnogenese, die Volkswerdung bezeichnet. Da falle ich kaum auf, und wenn die Katalenen ohnehin gerade die Sympathien der einen gewinnen, und andere die Politik von “no borders, no nations” machen und antideutsche Parolen von Amts wegen schwingen: Da stört es doch sicher keinen, wenn man, sagen wir mal, entlang historischer Stammesräume mit gemeinsamen Werten zum Entschluss kommt, man würde ohne diesen Staat, der seine Grenzen nach Eigenbekunden nicht schützen kann, sein eigenes Ding machen. Zumal man die anderen sich von Amts wegen auch jederzeit neue Beheimatete machen können – da stört es nicht, wenn ein paar andere ihre eigenen Grenzen machen. Das geht ganz schnell, ich habe es ja am Brenner gesehen. Eine Baracke in die Strassenmitte, fertig ist die Alternative zu Beheimatetenland, und vorbei ist das untrennbare Zusammenwachsen.

Man muss es nicht zwingend so weit kommen lassen, aber so eine deutliche Autonomiebestrebung stellt eine gewisse Marktwirtschaft in staatlichen Dingen wieder her, wenn die Parteien das nicht mehr vermögen. Der Staat muss dann zeigen, dass er besser als sein Ruf ist, Angebote machen und Nachfrage nach sich erzeugen – und ich darf hier schon verraten, dass mit weiteren Beschimpfungen der Bürger seitens staatsnaher Medien wenig zu holen ist. Dieser Staat hat es geschafft, bis Sri Lanka und Somalia jenes Ziel der Träume zu werden, das er für viele hier nicht mehr ist. Ich denke, das müsste nicht so sein, wenn der Staat nur wollte. Wenn man ihm erklärt, dass man auch selbst diesen besseren Staat in kleineren Räumen machen würde, muss er sich Mühe geben. Die letzte Wahl hat doch recht deutlich gezeigt, dass das Land, in dem wir gut und gerne leben, keines ist, in dem bisherige Regierung und ihre Teilnehmer einfach so weiter machen können. Und wenn der Staat netter zu den Separatisten wird, muss er auch wegen der Gleichheit netter zu allen anderen werden. Was glauben Sie, wie schnell die Transferleistungsempfänger an der Berliner Volksbühne die gemeinsame deutsche Nation wieder loben würden, wenn es einen bayerischen Separatismus mit Steuereinbehaltung nach Südtiroler Vorbild gäbe.

Das ist der Markt und seine Macht. Davor würden wir alle langfristig profitieren, denn er würde für einen Wettbewerb sorgen. Natürlich habe ich nicht wirklich Lust, den Main verminen zu lassen und Passierscheine für Schwaben auszustellen, und allein unter Bayern möchte ich vielleicht auch nicht leben. Aber wer den Mund nicht aufmacht und dreiste Forderungen erhebt, wird nun mal gern überhört, und was den einen ihre Bertelsmannstiftung oder die Initiative Neue Marktwirtschaft, könnte dem Bürger eben seine Abgrenzungstendenz von nur noch Beheimateten sein.

Und falls es doch dazu kommt – nun, Reiche entstehen und zerfallen, Istrien, Österreich. die Schweiz und die Provence gehörten im Mittelalter auch mal zum Vorgängerreich von Deutschland, da beschwert sich heute auch keiner mehr. Immerhin kann das Amt für Migration und Geflüchtete dann am Reichstag die Inschrift zu

Den Beheimateten und wer nun mal hier ist

ändern lassen. Aus dem Stammesherzogtum Bayern kommen sicher keine Einmischungen in die inneren Angelegenheiten der kleinstdeutschen Lösung.

14. Okt. 2017
von Don Alphonso
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10. Okt. 2017
von Antje-Susan Pukke
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Wanderungen in der Mark der Anderswählenden

Jedem Besiegten wird es schwer, den Grund seiner Niederlage an der einzig richtigen Stelle, nämlich in sich selbst zu suchen.
Theodor Fontane

 

Die Flüchtlingsfrage. Da haben sie sich also am Wochenende geeinigt, die Unionsparteien. Wenn es nach dem Willen von CDU und CSU geht, soll die sogenannte Netto-Zuwanderung aus humanitären Gründen pro Jahr nicht mehr als 200.000 Menschen betragen. Dazu kommt ein ganzes Paket aus Vorhaben wie Flüchtlingsursachen bekämpfen, illegale Migration reduzieren, Schlepperkriminalität bekämpfen, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Flüchtlingsfrage also, sie steht einmal wieder im Vordergrund der aktuellen politischen Debatten.

Die Flüchtlingsfrage, sie überlagert so vieles. Das dachte ich bereits vor zwei Wochen kurz nach der Bundestagswahl, als ich über einer Landkarte von Brandenburg saß und in Gedanken noch einmal, wie ich das 1998 ganz real tat, durch das Land reiste. Von Berlin aus in den Norden nach Neuruppin und Rheinsberg, dann in den Westen nach Templin, von da aus in den Süden über Eberswalde und Straußberg nach Cottbus und wieder hoch in den Norden über Potsdam und Berlin. Nein, die Sommerreise, die ich mit einer Kollegin unternahm, war kein Urlaub und auch keine Wanderung auf den Spuren Fontanes. Sie diente der Suche nach dem, was sich, ein knappes Jahrzehnt nach der Wende, getan hatte. Wie die Menschen dort leben, was sie denken, was sie fühlen, wie es ihnen ergangen ist.

Warum die Erinnerungen an diese Reise gerade so kurz nach der Bundestagswahl hoch kam? Ganz einfach: Weil gerade das AfD-Ergebnis der Bundestagswahl in Brandenburg mich an etwas erinnerte, was ich bereits 1998 wahrnahm: Dass es nämlich viele Probleme dort gab und dass die sich irgendwann, wenn sie nicht gelöst würden, in nicht allzu gutem Sinne Bahn brechen würden. Und genau das geschah bei der Wahl. Lag die AFD 2013 noch bei 6,0 Prozent, ist sie jetzt dort mit 20,2 Prozent zweitstärkste Kraft. 14,2 Prozentpunkte mehr also und die neuen Stimmen kamen nicht nur von ehemaligen CDU-Wählern und Wählerinnen.

Die Sommerreise also. Eine der wichtigsten Lehren, die ich daraus zog: Vielen ging es in den Gesprächen um ihre ganz eigenen Probleme. Um Arbeitslosigkeit, Abstieg, Armut, aber auch um die  nicht verarbeitete Vergangenheit. Und was auch eine große Rolle spielte: Das Gefühl, vom Westen überrollt worden zu sein.

Wir haben unter anderem mit Landwirten über die Schwierigkeiten geredet, sich eine neue Existenz aufzubauen, genauso wie mit Vertretern einer Arbeitsloseninitiative, deren Mitglieder jeden Montag demonstrierten und die doch wussten, wie sinnlos das ist. Wir waren in der Lausitz in einem kleinen Dorf, in dem viele Bewohner und Bewohnerinnen verzweifelt und doch vergeblich dagegen ankämpften, dass ihre Häuser dem Braunkohleabbau geopfert werden sollten. Der Gang bis hinauf auf höchste europäische Ebene war später erfolglos, der ganze Ort wurde abgerissen, die Menschen umgesiedelt. Sie fühlten sich mit ihren Problemen ganz einfach alleine gelassen.

Wir führten zudem Gespräche in einer Begegnungsstätte, in der Sozialarbeiter versuchten, trotz der damals hohen Arbeitslosenquote eine Perspektive zu bieten. Und sie versuchten das, was schon längst da war, zu bekämpfen: das rechte Gedankengut. Das trat auch bei der Unterhaltung mit den jungen Menschen offen zutage und war für uns Besucherinnen erschreckend. Gleich in der Nachbarschaft lebten viele Vietnamesen, wir sprachen mit einigen von ihnen. Sie fühlten sich nicht direkt bedroht, aber auch nicht willkommen geheißen. Kontakte zu Deutschen gab es kaum, man beäugte sich gegenseitig misstrauisch.

Für mich machte das damals alles den Eindruck einer Ruhe vor dem großen Sturm und die ist uns damals an vielen Orten begegnet. Die stillere latent in vielen Köpfen vorhandene Fremdenfeindlichkeit genauso wie der ganz offen zur Schau gestellter Rechtsextremismus. Nicht nur einmal empfand ich die bevorzugt zu mehreren auftretenden Glatzköpfe als bedrohlich.

Die Ausschreitungen 1991 in Hoyerswerda nahe der brandenburgischen Grenze  gegen Asylbewerber und Vertragsarbeiter und die 1992 im weit entfernten Rostock-Lichtenhagen, die vielen darauffolgenden Angriffe auf Asylbewerber und Asylbewerberheime, hatten ihre Saat bereits überall gelegt und sie war aufgegangen. Die vermeintlich Schuldigen an der eigenen Misere, die Ausländer,  waren gefunden, das sollte so bleiben.

Zurück in München beschloss ich zwar, an den vielen Themen, denen ich begegnet war, dran zu bleiben und nach ein paar Jahren die Fahrt zu wiederholen. Aber es war schließlich doch so, dass ich das aus den Augen verlor. Es gab zu viele neue Themen, zu viele neue Aufgaben, Brandenburg war irgendwann weit weg. Ich habe den Menschen nicht mehr zugehört. Dabei hatte ich durchaus den Eindruck, dass es gerade das ist, was sie brauchen. Ein Ventil, jemanden, der zumindest versucht, sie zu verstehen.

Als AfD und Pegida aufkamen und im Osten gleich sehr stark wurden, habe ich anfangs zwar noch stets gesagt und geschrieben, dass man auf die Leute zugehen müsse, dass noch nicht alles verloren sei. Dass man zwar die Hardliner nicht mehr überzeugen könne, aber vielleicht doch welche von denen, die Pegida zunächst nicht in erster Linie aus Protest gegen eine vermeintliche Islamisierung  zuliefen. Man befasse sich gar nicht erst mit ihren sozialen Alltagsnöten, so lautete mein Vorwurf. Aber da war es bereits zu spät. Eine Mehrheit an Journalisten, Politikern und eine Mehrheit in der Gesellschaft hatten sich bereits dafür entschieden, mit diesen Menschen nicht den Dialog zu suchen, sondern sie zu bekämpfen.

Dumm, zurückgeblieben, frustriert, ungebildet, undankbar ob des Segens der Wiedervereinigung, nicht fähig, die DDR-Vergangenheit zu verarbeiten – nur einige der vielen Negativworte und -wörter über die Protestierer. Dass die das nicht mit einer Umkehr goutierten, sondern darauf mit noch stärkerer Identifikation mit AfD und Pegida reagierten, lag auf der Hand. Was da geschah wollten bloß so viele nicht wahrhaben. Die neue Partei und Pegida taten das, was die sogenannten Etablierten versäumt hatten. Sie boten denen eine politische Heimat, die keine hatten. Das Abwerten und das Belehren, all das, was sie als Arroganz verstanden, war bei den Neuen nicht vorhanden. Dafür zuhören, Verständnis zeigen, sich an Stammtischen austauschen, Netzwerke im Arbeitsbereich bilden. Dass sie bei weitem nicht für alle politischen Probleme eine Lösung haben, fiel unter den Tisch. Zugute kam ihnen noch die sogenannte Flüchtlingskrise ab Herbst 2015. „Für die ist Geld und Aufmerksamkeit da, für uns nicht“, lautete ab spätestens da die Devise.

Apropos „Flüchtlingskrise“. Eine seltsame Allianz gab es die letzten zwei Jahre zudem in vielen Medien, bei vielen Politikern, bei vielen der „Refugees wellcome“-Menschen. Der Grundtenor: „Das schaffen wir schon“. Probleme, die schon längst in der Luft lagen, wurden totgeschwiegen. Wer wie ich und einige andere schon vor ein oder zwei Jahren darauf aufmerksam machte, dass man sich durchaus einmal Gedanken machen sollte wie das alles weitergeht, der wurde rasch in die rechte Ecke gedrängt. Nicht zuhören, verdrängen, das war die Devise. Um nur einige Beispiele zu nennen: Der nötige Ausbau der Infrastruktur, der sich verstärkenden Mangel an bezahlbarem Wohnraum vor allen in Großstädten, wurde kaum benannt. Genauso wenig wie der soziale  Sprengstoff, der in der drohenden Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt im Niedriglohnsektor liegt. Abgetan als Ängste „sozial Abgehängter“.

Nicht nur in Ostdeutschland, sondern im ganzen Bundesgebiet wurde auf diese Ängste in immer größer werdenden Teilen der Bevölkerung nicht eingegangen. Die Quittung dafür gab es am 24. September.

Fazit: Das ganze Geschrei von vielen Seiten gegen die AfD und deren Wählerinnen und Wählerinnen statt einer kritischen Analyse des eigenen Verhaltens hat also in der Tat wenig gebracht. Zu hoffen ist jetzt nur noch, dass es nicht so weiter geht. Dass gerade die Politikerinnen und Politiker wieder verstärkt auf die Menschen vor Ort zugehen, dass  sie zuhören, dass sie aber vor allem handeln.

Und was den Umgang mit den Neuen im Bundestag und in den Medien betrifft, da wäre eine Entmystifizierung ganz angebracht. Vielleicht hilft dabei ja auch der Blick von außen. Wie hieß es in der Neuen Zürcher Zeitung kurz nach der Wahl so schön?

„Deutschland nützt die grosse öffentliche Aufregung … wenig. Wer über den Einzug von voraussichtlich 94 unerfahrenen, teils rüpelhaften, teils rassistischen, teils amateurhaften, teils ganz unauffälligen Abgeordneten der Alternative für Deutschland in den Bundestag schockiert ist, sollte das besser diskret für sich behalten. Denn lautes Lamentieren hilft der auf Skandalisierung und inszenierten Widerstand gegen die Etablierten angewiesenen Protestpartei nur.“

10. Okt. 2017
von Antje-Susan Pukke
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07. Okt. 2017
von Don Alphonso
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Wie der stählerne Individualismus gehärtet wurde

Dieser Beitrag erfüllt nicht die Frauendarstellungsquote nach dem Staatsratbeschluss vom 3. Juni 1963.

Wie soll das Kind denn heißen?
Alphonso.

Also Don Alphonso, sagte der Priester und vermerkte vor 300 Jahren unabänderlich Namen und Geburtsdatum im Taufbuch. Damit war man eine Nummer in der Kirche, auf ewig und ohne Ausweg, und Staaten verfahren heute nicht anders, mal abgesehen davon, dass seine niedrigunwohlgeborenen Büttel einen nicht mehr mit “Don” ansprechen. Versichertennummer, Steuernummer, Aktenzeichen, Hausnummer, Identifikationsnummer, und ab jetzt auch IP-Nummer, wenn man etwas weniger Nettes über den Zensurminister Maas und seine Partnerin, die Ex-Stasi-IM Kahane sagt, und es unter das NetzDG fallen könnte: Nummern will der Staat. Nummern sind das Gängelband, an dem der Bürger durch das Leben geführt wird, und wenigstens im Urlaub möchte man davon seine Ruhe haben.

Meine Aversion gegen Nummern – überflüssig zu sagen, dass meine mathematischen Fähigkeiten noch schlechter als meine Neigung zum Decorum gegenüber weniger sozial Bevorzugten sind, ich würde mich dauernd bei der Zahl meiner Leibeigenen verrechnen, ganz schrecklich – bekam allerdings im schönen Gaiole in Chianti einen Dämpfer, weil dort ein alter, weißer Mann an einem Tisch saß, und Armbinden mit individuellen Startnummern beschrieb. Armbinden sind in ihrer historischen Ableitung auch so eine etwas schwierige Sache, aber man fragte mich, ob ich nicht auch so eine Nummer möchte, schließlich gehöre ich gewissermaßen inzwischen zur Familie, und somit machte man mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Ich, Don Alphonso, Startnummer 4275.

Mir liegen Massenveranstaltungen eigentlich nicht. Es macht mir auch überhaupt nichts aus, wenn ich allein auf dem Rad oder zu Fuß unterwegs bin. Mit Beifahrer im Roadster könnte ich auch nicht laut bei der Missa Cellensis mitsingen. Trotzdem bin ich also in Gaiole in Chianti unter 7000 Menschen, die ganz ähnliche Leidenschaften wie ich haben, und lasse mir auch noch eine Nummer an den Arm malen, zusätzlich zu den anderen Nummern, die auf meinem Rücken und am Rad befestigt sind.

Und das letzte Mal, als ich freiwillig eine Nummer bekam, ging es schief: Die SPD, die mir so eine Mitgliedsnummer ausstellte, war mal vor langer Zeit eine liberale Partei des sozialen Ausgleichs. Heute ist diese SPD eine nordwestdeutsche, lustfeindliche Regionalpartei, die für Vorratsdatenspeicherung. Quotenzwang, Netzzensur, Genderzwamg. und den Versuch steht, die Folgen ihres eigenen Versagens in den Regierungen bei der Migrations- und Wohnungspolitik auf die Allgemeinheit und die Vermieter abzuwälzen. Und mit einer, nämlich meiner Mitgliedsnummer, weniger.

Warum also eine Nummer hier, in Gaiole, unter vielen anderen, die ein harmonisch-vorgestriges Bild einer vergangenen Epoche auferstehen lassen? Und warum komme ich nicht einfach so hierher, und fahre die Strecken allein und unabhängig? Weil es anders ist. Ganz anders. Als Journalist war ich auf Parteitagen von Parteien und auf Demonstrationen, auf denen mich Leute mit Megaphonen anstachelten, dumme Reime wie “Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Daten klaut” zu rufen. Ich war bei Veranstaltungen mit Choreographie, die minutiös geplant wurden, damit alles auf einen Höhepunkt zusteuert, der dann mit dem richtigen Applaus bedacht werden muss. Der Delegierte, der empörte Bürger, der für seine Rechte auf die Straße geht: Sie werden zu Teil eines Ganzen, das weit weniger ist als die Summe der einzelnen Teile. Sie werden Deko, Kulisse, Teil eines Kameraschwenks in einem 30-Sekunden- Einspieler einer TV-Station. Da ist so ein Gas-Gerd mit koreanischer Frau im Wahlkampf oder eine Hinwerf-Petry nach der Wahl, egal wie man zu ihren Ansichten steht, wenigstens einmal eine individuelle Abwechslung.

Und so ist das hier in Gaiole auch. Natürlich sitzt jeder auf einem alten Rad, aber alle Räder sind unterschiedlich. Die Marken haben oft längst keine Bedeutung mehr, der Erbauer meines RUFA Sports etwa war ein Herr Rickert und hat längst den Lötkolben abgegeben. Der Hersteller meiner Pedale, in die ich trete, ist vor Jahrzehnten untergegangen, und meinen Sattel zieren kein Markenschilder, sondern nur Dellen und Flecken und Kupfernieten, die von der Radhose blank poliert wurden. Nichts passt an diesem Rad wirklich zusammen, es ist ein bunter Hund – aber es ist mein bunter Hund, und ich bin mittlerweile über viele tausend Höhenmetern, von der Hitze Italiens bis zu den verscheiten Höhen der Südtiroler Pässe mit ihm verwachsen. Mich gibt es hier nur ein einziges Mal.

Und die jungen Amerikanerinnen, die alle das gleiche “Velociraptor”-Trikot, die gleichen karierten Socken und Miniröcke tragen – sie werden schon vom ersten Berg zerblasen zu Einzelkämpferinnen, die jede für sich ihre eigene Geschichte in die weißen Schotterpisten der Toskana schreiben. Das hier ist kein Aufmarschgebiet für Massen. Es sind enge, steile und gefährliche Wege, die den Menschen als Individualisten fordern.

Wir sind hier, wir keuchen laut, wir werden vom Regen eingesaut. Oben Nass und unten Schlamm, wir beissen unsre Zähne zsamm – so könnte man hier rufen, aber nebenan fliegt eine Asiatin singend den Berg hinauf und zeigt, dass jeder mit sich allein ist, mit seinen Stärken und offen zu Tage tretenden Defiziten. Ich beispielsweise hatte diesmal eine Nummer mehr als sonst dabei, aber eine Regenjacke weniger – was ab 25 Kilometer, wie soll ich sagen, einen eklatanten Mangel an Voraussicht offenbarte.

Sehen Sie, es gibt normalerweise immer zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, die einen sind oben und die anderen sind unten, aber hier ist jeder mal keuchend oben auf dem Berg, und dann wieder im Tal – die einen behutsam und vorsichtig, weil sie an ihre Knochen denken, und die anderen schnell, weil sie das alles schon kennen und wissen, dass sich das Rad mit hoher Geschwindigkeit auch auf losem Untergrund stabilisiert. Die einen kreischen vor Freude und die anderen lassen ihre Bremsen aus Angst kreischen.

Aus Gründen der Körperstählung war ich übrigens schon am Freitagabend hier oben: Allein beim Sonnenuntergang. Dort wo jetzt Rotkäppchen mit dem candyroten Colnago steht, war nur einsamer Wald.

Und dort, wo eine nackte Steinmauer die Weinberge von Brolio stützt, ist nun ein flinker Herr, der sein möglichstes tut, ein Rad wieder fahrbar zu machen. Denn das Schaltwerk hat den harten Antritt den Berg hinauf nicht überstanden, und so gilt es nun, den Weg mit nur einem Gang zu bewältigen. Ich weiß, wie das ist, ich habe im Frühjahr selbst mein kleines Kettenblatt verloren. Im ersten Moment ist es schrecklich, aber im Abstand von einem halben Jahr – ein Meisterstück der Selbstüberwindung und Stärke.

Hier oben war am Freitag niemand, aber jetzt zieht sich eine bunte Perlenkette hinunter ins Tal. Man sollte denken, man sollte befürchten, dass tausende von Individualisten, manche alt, manche jung, manche lahm, manche blitzschnell und manche beim Versuch, an Rotkäppchen und den amerikanischen Velociraptoren dran zu bleiben – auch so etwas soll es gerüchteweise geben – einander behindern und zu Fall bringen. Aber rücksichtsvoll und dynamisch ist das Chaos, und löst sich zum allgemeinen Wohlbefinden auf.

Allein, ganz ohne Nummer, hat man genug Grund, auf das eigene Keuchen zu hören, und sich dumme Fragen zu stellen wie “schaffe ich das” oder “wie weit ist es noch zum Ristoro”.

Zusammen kann man sich die anderen anschauen, man überholt die einen und wird von anderen überholt, man sieht stramme Wadeln und in Merinowolle gepferchte Bäuche, und Menschen aller Länder und Altersstufen. Sie alle sind irgendwie – schön. Nicht Teil einer Masse, sondern jeder für sich ein Unikat.

Angeblich soll es geregnet haben und heute, vier Tage danach, meine ich mich auch düster erinnern zu können, dass es von oben zwischenzeitlich feucht war, und von unten Dreck nach oben spritzte. Mein Begleiter behauptet auch standhaft, dass ich nicht die 75 Kilometer gefahren bin, sondern aus Bequemlichkeit nur 46 Kilometer gefahren sein soll. Das stimmt natürlich nicht, denn erstens habe ich auf den leicht angeschlagenen Begleiter aufgepasst.

Und zweitens ist es meine Aufgabe als Bildberichterstatter, die schönsten Momente einzufangen, und je mehr Frauen sich unter den Helden tummeln, desto besser ist das nachher für die Auswahl der passenden Photos. Hinter mir war eine junge, pinupartige Dame in Hotpants, und ich habe mir an der Abzweigung zwischen drei Routen gedacht: Folge der Schönheit. Keinesfalls habe ich also geschwächelt oder gar Rücksicht auf meine Gesundheit genommen.

Es war einfach mein individuelles Schicksal, und es hat sich, das kann ich offen sagen, sehr gelohnt. Denn auf dem Weg zum Ristoro der kürzesten Runde trifft man vielleicht nicht die stärksten Muskeln, aber doch die lustigsten Leute.

Sogar ein Vertreter des anderen deutschen Staates, der 1989 meine BRD übernehmen sollte, war mit einem Textima-Hemd anwesend. Der ganze Stolz des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik mitten in der Toskana!

Ob uns der neue Staatsrat mit grüner Staatsfeinstaubsicherheit solche Autoreisen ins Ausland wohl noch erlauben wird? Oder solche Bilder von Frauen, die Männern das Essen reichen?

Immerhin fließt hier der Wein vor der Abfahrt ins Tal noch in Strömen, und beim Essen wird auf hohen Fett- und Zuckergehalt geachtet. Das passt alles so gar nicht in die Anforderungen, die die deutsche Gesellschaft in ihrer Vorstellung von entsagungsreicher Gesundheit pflegt.

Vielleicht aber sehen die Menschen hier vor der Kulisse des Chianti gerade deshalb so, entschuldigen Sie das undeutsche Fremdwort, “zufrieden” aus.

Sie peitschen sich den Berg hoch, keuchen, japsen, geben den Nachzüglern aufmunternde Klapse auf den Hintern, und dann legen sie die Arme umeinander und lächeln sich an.

So ist das hier. Alle haben ein Ziel, aber es gibt unendlich viele Geschichten, mit denen es erreicht wird. Die Nummer prangt nur am Arm, aber im Kopf fährt jeder sein eigenes Rennen. Mit dem Berg muss man sich alleine abkämpfen, aber die Freude hat jeder.

Das Gehirn des Menschen merkt sich das. Wie gesagt, es hat geregnet, es war ein Tag mit schlechtem Wetter zwischen zwei Tagen mit schönstem Sonnenschein, und ich weiß genau, dass ich gefroren habe. Der Mann mit der Nummer 4275 ist nur die kürzeste Runde gefahren.

Aber ich, ich bin im milden Wetter der Toskana Berge hinaus geflogen und in Täler gerast. Ich habe gelacht und gegessen und nicht gebremst, als andere abgestiegen sind, und die Räder vorsichtig den Berg nach unten schoben. Ich habe Oi! Oi! Oi! gerufen, als ich das RUFA durch eine Gruppe aus Lettland eine Rampe hinauf gewuchtet habe.

Und ich habe Bilder vom Begleiter gemacht, wie er mit gefletschten Zähnen die letzte Steigung erklomm, vorbei an anderen, denen hier die Kraft ausgegangen ist. Das bleibt im Gedächtnis. In zwei Wochen werde ich mich nicht einmal mehr daran erinnern, dass ich wirklich in meinem dünnen Hemdchen unterkühlt war, und das hier nach einer fiebrigen Nacht röchelnd im Bett geschrieben habe.

In der Erinnerung werde ich immer neben meinem Begleiter hinauf zum Ziel nach Gaiole fahren, und rechts und links werden Italiener applaudieren. In meiner Erinnerung werde ich die 4725 vergessen und ganz oben auf den Hügeln im Sonnenschein stehen. Das ist das Angebot, das die L’Eroica einem macht, und es ist so ganz anders als die Abnummerierung, die man sonst so im Leben bekommt, damit man sich einfügt, unterordnet und das tut, was für andere, aber nicht für einen selbst das Beste ist.

Kein Mitleid bitte wegen der Grippe. Ich wollte es genau so und was ich wollte, und viel mehr, habe ich auch bekommen.

07. Okt. 2017
von Don Alphonso
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03. Okt. 2017
von Don Alphonso
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Die Freiheit ist ein Fetischismus mit Bunnykostüm

Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach nur verprasst.
George Best

Ich bin vermutlich – wie Sie und alle anderen emotionalen Menschen auch – das, was man mit etwas schlechter Absicht als Fetischisten bezeichnen könnte. Meine letzte Woche war voll mit fetischistisch bedingten Handlungen, denn am Montag ereichte mich ein Gemälde, am Mittwoch zog ich mich fein an, dann besuchte ich ein Konzert mit Triosonaten von Schubert, und in der Pause trank ich einen Orangensaft. Ich habe Leidenschaften und gebe dafür weitaus mehr Geld als der durchschnittliche Mensch aus. Mich dürstet es nach einer bestimmten, teuren, klar definierten Welt der Kultur, die zum Glück weitgehend deckungsgleich mit den Idealen der besseren Gesellschaft ist. Mein Fetisch fällt daher nicht auf.

Würde ich aber erzählen, dass ich mir in der Nacht für ähnliche Unsummen von einem Playboy Bunny Drinks servieren liess, und mit ihm über Hugh Hefners Playboy sprach, gäbe es einige hochgezogene Augenbrauen. Und das, obwohl die Servierkräfte im Theater erheblich schlechter als Damen in Häschenkostümen bezahlt werden. Auf dem Weg zu einem Schuberttrio zerbersten an Musikhochschulen Dutzende von Lebensträumen. Der Fetisch Kultur ist so stark, dass wir Musik genießen, für die viele junge Menschen jahrelang vergeblich übten, nur um an Aufnahmeprüfungen zu scheitern und vielleicht Säfte in der Pause verkaufen. Das nehmen wir für den wohligen Schauer der sich umschmeichelnden und vereinigenden Harmonien in Kauf. Aber der wohlige Schauer, mit einer Frau mit Plüschhäschenohren zu plaudern und sie besser als eine gescheiterte Musikstudentin zu bezahlen – der ist gesellschaftlich nicht akzeptiert, auch wenn man auch dort über Schubert reden könnte.

Die aktuellen Zeiten, in denen Werbung von grünen und roten Politikern wie in der Weimarer Republik verboten und zur Denunziation aufgerufen wird, wenn sie unerwünschte Rollenbilder transportiert, sehen jedenfalls darin eine Herabwürdigung, auch wenn es sich, ähnlich wie Kunst oder Musik, von der Nachfrage her um einen Fetisch handelt, und bei der Befriedigung um ein banales Geschäft. Das Klaviergeklimper der Kinder gibt es umsonst, ins Telefonbuch kann jeder kritzeln und unfreundliche Menschen, die andere anpöbeln, sind zwar in Form der öffentlich rechtlichen Medien sehr teuer, aber im Gegensatz zum netten Bunny vom Konsumenten nicht für die Zuneigung bezahlt. Wobei ich natürlich nicht ausschließen würde, dass solche Medien nicht auch ihre freiwillig zahlenden Kunden finden: Ich bin tolerant, und wieso sollte es nicht Freunde der aus dem sonstigen Programm herausragenden Gesellschaftsserie der Mainzelmännchen geben, wie es auch Liebhaber von Plüschohren auf Frauen gibt?

Ich bin eigentlich gar nicht mehr hier, denn gleich nach dem Konzert stopfte ich meine Reisetasche auf den Beifahrersitz, schnürte mein 1972er RUFA Sport auf den Gepäckträger meines 272PS starken Nichtdiesel-und-deshalb-Umwelt-Roadsters, und machte mich röhrend auf dem Weg in die Toskana. Fetischisten haben bekanntlich ihre Rituale bei ihrem Treiben, und immer Anfang Oktober ist in Gaiole in Chianti die L’Eroica. So, wie es beim Konzert um die Musik geht, und nicht um die gescheiterten, musischen Abiturientinnen, und im Playboy um die guten Interviews und nicht um die nackten Frauen, geht es in der Toskana bei dieser Veranstaltung vordergründig um Sport. Radsport für Jedermann. Es geht darum, auf staubigen Pisten viele Höhenmeter zu fahren. Aber deshalb gibt es noch lange keinen Grund, zwei Tage davor in kurzen, hautengen Lycrahosen, so körpernah wie ein Bunnykostüm, auffälligen Wolltrikots mit Werbeaufschrift, bunten Socken und vorne hasenohrgleich aufgestellten Käppchen in einer toskanischen Kleinstadt die eigenen körperlichen Vorzüge, soweit vorhanden, zu präsentieren.

Was ich und ganz viele Tausende aber getan haben, und ich bin so weit gegangen, dass ich mir ein Leibchen mit dem eigenen Namen habe fertigen lassen, wie so ein Bunny mit Namensschildchen, damit es Besucher gleich wieder erkennen. Bunnies tragen phantasievolle Namen wie Esmeralda oder Claudette, ich heisse laut Aufschrift Don Alphonso, und hätte das Leibchen einen längeren Reissverschluss, würde ich ihn auch weiter öffnen, und mir dabei auf die Unterlippe beissen, wegen der Hitze, Sie verstehen das sicher. So angetan ging ich also in der Toskana umher, und suchte mach Objekten, die mir bei der Fetischisierung meines Urlaubs helfen. Unsereins liebt Chrom und fein gearbeitete Muffen, ziselierte Gabelköpfe und Inschriften wie Boschetti, Patelli und Brev. Campagnolo, die an alte, weisse Männer und ihre Taten erinnern.

Erschwerend kommt natürlich die Bereitschaft dazu, sich auf dem Rad allen Widrigkeiten der Natur, Staub, Regen und Hitze mit Freude und Begeisterung willig hinzugeben. Im Konzert können Frauen noch behaupten, sie brauchen neue Kleider, um gut auszusehen, und niemand wird das verübeln, selbst wenn dabei die gleichen Sexualisierungsstrategien wie beim Playboyhäschen bemüht werden. Hier in Gaiole ist der körperliche Aspekt, getrieben von Adrenalin und Testosteron, schon sehr viel deutlicher ausgeprägt, und weniger von Ritualen begrenzt. Was uns jedoch in unseren hautengen Kleidern vor moralischer Verdammnis bewahrt: Wir sind Männer.

Da ist den Feministinnen die Sexualisierung egal, denn erstens wollen sie uns gar nicht und zweitens haben sie hier keine Gelegenheit, gut aussehenden, klugen und durchaus selbstbewussten Frauen, die genau wissen, was sie für ihr Verhalten verdienen können, ihre ideologisch bedingte Unterdrückungshilfe aufzuzwingen. Dass beim Anblick von mitfahrenden Frauen Männermuskeln platzen und Herzen am Anschlag pumpen, weil 9 alte Trottel und ein Homme de lettres mit Don-Alphonso-Leibchen einem Mädchen in Hotpants gleichzeitig zeigen wollen, wie stark sie von Darwins Gesetz der natürlichen Auslese auch heute noch geprägt sind, findet keinerlei Niederschlag in roten oder grünen Koalitionspapieren – auch wenn es hier sogar pinkfarbene Frauenradschuhe gibt.

Aber wehe, 10 Männer würden mit Geld um die Gunst einer Frau im knappen Hasenkostüm wetteifern, und ein Mann wie Hugh Hefner profitiert davon: Dann wird ihm der Hass und die Verachtung über den Tod hinaus nachgebrüllt. Dabei liegt es in der Natur der Menschen, um Partner zu wetteifern, und es in den jeweiligen Fetischszenen zu kanalisieren: Musiker bewundern das Spiel der Finger auf Hölzern, die für Geigenbauer des Rokoko geschlagen wurden. Radfahrer verstehen es anzubandeln, wenn eine Frau ein candyrotes Colnago zu den Gipfeln peitscht. Manche haben ein Faible für Plüschohren, die ich privat – wir sind hier ja unter uns, nicht wahr – deutlich kleidsamer als Tätowierungen und Piercings und blaue Haare finde. Und sexuell bedürftige Metropolenbewohner gehen freiwillig auf Veranstaltungen des Gunda-Werner-Instituts oder der Friedrich-Ebert-Stiftung, und wollen wissen, was Kopftücher, Judith Butlers Thesen gegen Israel und extremes Übergewicht in Leggins mit der Freiheit der Frau zu tun haben.

Ich finde es auch legitim, wenn jemand mit solchen Tätigkeiten Geld verdient. Die Männer, die jene zwei Rahmen fanden und aufbereiteten, die ich zwanghaft gekauft habe, sollen schließlich auch leben. Ich finde es schön, wenn aus einem im Chiantigestrüpp versteckten Städtchen eine Welthauptstadt voll mit begeisterten Menschen wird, die alle dem gleichen Lebensideal huldigen. Es tut niemandem weh, auch wenn gewiss hier gepredigte, körpersaftige Rollenideale manchen nicht gefallen mögen – das ist bei jedem Kult und bei jeder Lebensvorstellung so. Man tut das, weil man es tun will, und man sich davon für sich selbst Vorteile verspricht. So ist eben der Markt, und viele, die meisten, eigentlich alle, wollen einfach nur gut behandelt und mit ihren Wünschen verstanden werden. Wir verdanken es Menschen wie Hugh Hefner, dass wir das heute divers und frei ausdrücken können, und nicht wie mancher Radstar der 50er Jahre mit Seitenbeziehung oder Religionskritiker in Saudi-Arabien öffentlich fertig gemacht werden. Die Freiheiten unserer hellen und dunklen Leidenschaften können nur in Toleranz ausgelebt werden. Manche, die Hefner jetzt verteufeln, haben vermutlich vergessen, dass ihre eigene Freiheit zur abweichenden Meinung früher genauso verteufelt wurde.

Man muss eigentlich froh um Leute wie Hugh Hefner sein, die die alte Ordnung zerstört haben, nur um in der neuen Ordnung neue Todfeinde zu finden, und dann wieder um die Freiheit kämpfen – und wenn es die Freiheit der Frau ist, für gute Bezahlung im Häschenkostüm Drinks zu servieren, und die Freiheit des Mannes, dafür einen hohen Preis zu bezahlen. Es liegt in der Natur der Sache, dass Freiheit die Unterschiede in ihrer ganzen Breite zu Tage treten lässt, und leider sind die letzten schönen Tage in Gaiole auch die letzten Tage vor dem Inkrafttreten des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes des Zensurministers und SPD-Mitwahlverlierers Heiko Maas, das in Deutschland eine neue, private Zensurinfrastruktur erzwingt. Das ist nicht gut in Zeiten der Empörung, in denen bestimmte linke Fetischgruppen die Vorlieber der anderen als Hate Speech definieren, und sie entsprechend gern zur Löschung melden möchten. Ich verstehe nicht, wie man in so einer Zeit der neuen geistigen Prüderie und Gedankenunfreiheit beim Tode von Hugh Hefner Zufriedenheit ausdrücken kann.

Aber egal, et in Arcadia ego. Natürlich gibt es auch bei uns hier Intoleranz. Manche meinen, italienische Räder müssen italienische Komponenten tragen, und Traditionalisten werden vielleicht die Nase ob meines Hemdes rümpfen. Aber so ist das hier eben, alle kommen zusammen, und am Sonntag fährt jeder sein eigenes Rennen gegen die weissen, staubigen Strassen, und ist auf seinem eigenen Rad die Quelle des Glücks oder des Versagens. Man kann hier nur sich selbst einen Vorwurf machen, wenn man nicht ankommt. Und natürlich fragt man sich in Staub, Hitze oder Regen ab und zu, ob man es bei einem Playboy-Häschen, bei einem Hauskonzert mit Schubert oder einfach nur daheim im warmen Bett nicht weitaus besser hätte. Das zu entscheiden, ist die Freiheit des Menschen. Was man dann trotzdem tut, ist Leidenschaft, Gier, Fetisch, Obsession und Hingabe, und manchmal, wenn man stürzt und blutüberströmt weiter kämpft, ist es in den Augen mancher Betrachter auch fast schon krank.

Aber nur fast.

Jedoch, im grauen Berlin sitzt dann eine Aktivistin an ihrem Rechner, und schreibt eine Anzeige an den Werberat, weil sie irgendwo zu viel Fleisch und Haut auf einem Plakat gesehen hat.

03. Okt. 2017
von Don Alphonso
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25. Sep. 2017
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Die Helden des Flüchtlingssommers als AfD-Schurken

Machn’S a Sondersendung
Horst Seehofer

Laut Frau Özoguz gibt es keine deutsche Leitkultur jenseits der Sprache. Darüber kann man diskutieren, aber bei mir daheim, auf dem Dorfe Gmund am Tegernsee, da gibt es schon eine Leitkultur. Die Trachtenträgerquote liegt am Wahltag bei über 80% und die Quote für die Partei von Frau Özoguz ist so niedrig, dass sie nach der gerupften CSU, der Millionärspartei FDP und der AfD, versehen mit einem befremdlichen Kandidaten, noch dahinter auf Platz 4 liegt. Nur 0,7% bräuchten die Grünen hier, um die nordwestdeutsche Regionalpartei SPD nach dem Verlust jedes 4. Wählers auch noch zu schlagen. Es gibt bei mir im Wahlkreis keine Leitkultur mehr, bei der die SPD von Frau Özoguz als relevanter Teil zu identifizieren wäre. Die SPD wurde hier geschlachtet und weggeputzt.

Und das, obwohl wir hier Übervollbeschäftigung und Reichtum und Bildung haben, und eigentlich überall an der Spitze stehen. So richtig Abgehängte, sei es in Fragen der Kultur oder der Klassen, gibt es hier nicht, oder jedenfalls nicht genug, um das gute AfD-Ergebnis auch nur ansatzweise zu erklären. Man kann der Region viel vorwerfen, aber der Tourismus spielt eine grosse Rolle, und sie ist sehr gastfreundlich. Auch Frauen mit Vollverschleierung werden anstandslos bedient, man hat sich an die Erscheinung der Gäste aus der arabischen Welt schon lange gewöhnt. Flüchtlinge sind im Tegernseer Tal und auch in Südbayern mit dem rigiden Integrationsgesetz seltener geworden. Bei den Gebliebenen gibt es auch phantastisch funktionierende Modellprojekte in der Gastronomie. Trotzdem sind der Alpenrand, das grössere Umland von München, und der Bogen hoch am Inn zur Donau verantwortlich für das Abschneiden der AfD, die hier insgesamt die zweitstärkste Partei nach der CSU ist – und das mit einem im übrigen lausigen Organisationsgrad.

Für die SPD ist der Niedergang in Hamburg vermutlich wichtiger als ihre aufgeriebene Nachhut an den Alpen, und weil die CSU trotzdem jeden einzelnen Wahlkreis in Bayern direkt und überragend gewonnen hat, schlägt sich die Niederlage auch nicht so schlimm im Bundestag nieder. Und trotzdem, dieser schmale Streifen Land und seine seltsam gekleideten Dorfbewohner, die hier der CSU einen Denkzettel verpasst haben: Die werden jetzt wichtig.

Um zu verstehen, was jetzt kommt, muss man hier während der Asylkrise in den Bürgerversammlungen gewesen sein. Normalerweise tritt dann der Bürgermeister auf, erzählt den Bier trinkenden und Tracht tragenden Anwesenden, dass alles bestens ist, mahnt mehr Blumenschmuck an und referiert die blendende Haushaltslage. Ärmere werden mit Einheimischenprogrammen ruhig gestellt, so sie heiraten und Kinder bekommen möchten; man klagt über die Zuganbindung und schüttet Wohltaten über dem Volk aus. Während der Asylkrise war das anders, da mussten auch hochrangige Politiker aus München kommen, weil der Volkszorn auf dem Land brannte. Bei uns hatte kurz vor diesem denkwürdigen Treffen ein polizeibekannter Einzelfall aus einer Turnhalle vorbeifahrende Autos demoliert, und war auf Wachleute und Polizei losgegangen – in der Folge machte auch Bilder vom Zustand der Sanitäranlagen die Runde, und man muss schon sagen, dass die Willkommenskultur danach keine Leitkultur mehr war.

Auch nicht für die CSU. Die Angereisten aus München wurden gefragt, was das soll: Auf der einen Seite sei die Grenze offen, und die Region müsste die Hauptlast der Krise tragen. Wenn Sie, liebe Leser, sich auf der Karte anschauen, wo die AfD in Bayern besonders stark ist: Das sind, vom Sonderfall München einmal abgesehen, die ländlichen Gegenden entlang der Endpunkte der Brenner- und Balkenrouten. Die Gebiete, die damals die Hauptlast bei der Erstversorgung trugen, und denen später nicht sonderlich gedankt wurde. Das „Wir schaffen das“ war bei uns ein „Ihr macht das halt“. Dafür gingen bei den Bürgermeistern wenig verständnisvolle Briefe von Gästen ein, die die Gegenden als Urlaubs- und nicht als Krisenregionen besuchen wollten. München bekam ein Konzert für die grossartige Leistung der Helfer, wir am Tegernsee bekamen, und das war absehbar, ein Raumproblem durch anerkannte Asylbewerber und viele Überstunden für die Gemeindemitarbeiter. Das waren nicht eben die angenehmsten Momente, und die jungen Männer, die erst einmal die Existenz Deutschlands in reichsbürgerlichem Untertone anzweifelten, stellten bei solchen Veranstaltungen das kleinste Problem dar. Das grosse Problem war wirklich die Frage: Wie kann die CSU gegen eine Politik sein, wenn sie gleichzeitig Teil der Regierung ist, die diese Politik macht.

Die Antwort war immer, wenn ich drin saß und Spezi statt Bier trank, die gleiche. Die grosse Koalition sei so gross, dass sie auch ohne CSU problemlos weiter machen könnte. Die CSU könnte natürlich die Fraktionsgemeinschaft verlassen und die Regierung aufkündigen – dann wäre sie eben die einzige Oppositionspartei, während Grüne und Linke sofort bereit wären, den politischen Kurs von Merkel zu stützen. Man würde nichts gewinnen, aber sich alle Möglichkeiten des Einflusses selbst nehmen. In der Regierung könnte die CSU auf eine europäische Lösung zur Begrenzung der Zahlen hinarbeiten, und dann hoffen, dass die Partner anders als Merkel denken. und die Obergrenze via Brüssel käme. Man sei da in guten Gesprächen. Man bitte die Anwesenden um Geduld. Man wisse genau, wo die Probleme liegen. Man erklärte die enormen Herausforderungen bei der Rückführung und zeigte jedes Verständnis für die Sorgen der Betroffenen. Zähn zsambeissn, oweschwobm, woadn, da Seehofa duad, wosa ko. Ausserdem habe man Freunde und wirtschaftlich verbandelte Partner im Balkan, die auch betroffen sind. Ein Austritt aus der Regierung sei wirklich nur das allerletzte – und wenig sinnvolle – Druckmittel.

Letztlich wurde die Balkanroute durch Österreich geschlossen, Merkel protestierte dagegen, und Seehofer war wohl nicht traurig. Aber das kam sehr spät, und die Leute treibt die Angst um. Vorletzte Woche gab es bei mir an der Donau einen Vergewaltigungsversuch mitten in der Stadt durch einen Mann mit dunkler Hautfarbe. Zwei grössere Gruppen Araber und Afrikaner haben sich vor meinem Haus eine Auseinandersetzung geliefert, die weit über dem Rahmen des Gewohnten lag – wir diskutieren über die Sicherheitslage in Afghanistan, aber in jener Nacht war die Sicherheitslage von Kabul vor meinem Haus. Wir haben den Fall der ermordeten Sexarbeiterin in Regensburg – der Täter sollte abgeschoben werden, aber der Staat scheiterte. Es fällt schwer, das alles noch als Einzelfälle abzutun, und dann gibt es hier eben auch Leute, die das überhaupt nicht mehr differenzieren wollen. Das sind gar nicht so wenige.

Mein Eindruck ist, dass man das nicht an der Zurückgebliebenheit einiger bayerischer Regionen festmachen kann, sondern an den Erfahrungen des sog. deutschen Sommermärchens, als die Medien in Berlin feierten und bei uns die meiste Arbeit angefallen ist. Man – ich übrigens auch – hat die Bilder vom Bahnhof gezeigt, wo ein paar hundert, maximal wenige tausend Leute klatschten. Wenn man aber über den Kontext reden wollte, über Risiken und Folgen, die sich buchstäblich vor der Haustür abspielten, verlor man schnell die Freunde in Berlin. Heute machen hier Geschichten die Runde, wie die von dem LKW, dessen Gerettete nach drei Tagen spurlos verschwunden sind. Das Misstrauen, dass es bei diesem System erneut zu einem Staatsversagen an der Grenze und gleichzeitig im Kernland der CSU kommen könnte, ist gross.

Daher kommt vermutlich die Schlappe für die CSU und SPD im südostbayerischen Raum. Daher kommt das gute Ergebnis für die AfD. Aber diesmal ist es anders, die SPD steht für eine grosse Koalition nicht mehr zur Verfügung, und es kann eine Jamaika-Koalition geben. Die wird dann wegen der Grünen sicher nicht die Abschiebungen beschleunigen, Grenzen schützen und Leute ohne Papiere abweisen, oder mehr sichere Drittstaaten ausweisen. Sie wird eher die hier ohnehin schon überfüllten Gemeinden, in denen die eigene Ärmeren kaum Wohnraum finden, mit Familienzusammenführungen belasten. Das ist hier bei uns auch ein soziales Problem: Es gibt keinen Leerstand, den man dafür aktivieren könnte. In Italien warten Hunderttausende, die dort nicht bleiben wollen, und Frau Merkel hat gesagt, man könnte die Grenze nicht schützen. Die einen wählen daher AfD und die anderen immer noch zähneknirschend CSU. Aber die Stimmenverteilung ist im Bundestag so, dass Jamaika nur mit CDU, Grünen und FDP möglich ist, wenn die CSU auch mitmacht. Wenn ein Austritt etwas bringen würde, hieß es damals in den Bürgerversammlungen, dann würden wir das schon versuchen. Jetzt bringt es etwas, und wenn die CSU wieder kneift und wieder nur langsame, aber wenig effektive Ränkespiele macht und hofft, dass die Afrikaner aus Italien ohnehin alle nach Berlin wollen, wie das auch einmal ganz offen gesagt wurde – dann droht 2018 von den Bierbänken bis zu den feinen Cafes eine krachende Niederlage in Bayern.

Die CSU steht bei Dörfern wie meinem, die ihr Kernland darstellen, im Wort. Die Räume waren voll, alle haben es gehört, jeder sollte damit beruhigt werden; Die CSU würde alles tun, was in ihrer Macht steht. Jetzt steht deutlich mehr in ihrer Macht, und nun lässt sie die CDU spüren, dass sie nicht mehr nur austauschbarer Quengler ist, sondern unverzichtbarer Teil einer neuen Regierung. Mag sein, dass an der CDU nicht vorbei regiert werden kann. Aber die Stimmen sind nun mal so verteilt, dass Jamaika ohne CSU nicht geht. Und die Stimmung im Land ist nun mal so, dass die Leute fragen, warum sie für das ganze Elend der Welt zuständig sein und es hier finanzieren sollen. Das mag aus Berliner Sicht kleingeistig, dumpf und ohne Privilegiencheck sein. Wenn es egal ist, ob Teile der CSU-Wähler dauerhaft nach rechts abdrücken, kann das gepflegt ignoriert werden. Es sind ja nur ein paar Wahlkreise ganz im Süden. 2015 warfen sie noch die Helden der Willkommenskultur, weil keiner sie gefragt, hat, ob sie die Völkerwanderung betreuen wollen. 2017 sind sie die neuen Hochburgen der Unberührbaren, weil viele dort die Erfahrung nicht so toll fanden, und keine Neuauflage wünschen.

Ich halte nichts von CSU oder AfD und habe sie nicht gewählt, aber für die CSU geht es gerade um alles, weil die paar Dörfer hier unten für sie und ihren Anspruch deutlich wichtiger als für die gerümpften Nasen in den Berliner Feuilletons sind. Sicher, es ist a wengal unkommod, wenn jetzt die Begehrlichkeiten von Frau Göring-Eckardt und die Wünsche von Herrn Lindner sowie das weitere Schicksal von Frau Merkel hier bei uns mit entschieden werden. Vielleicht knickt die CSU auch erneut ein und verliert nächstes Jahr ganz schrecklich. Aber nur, weil sich bei der CDU keiner findet, der Frau Merkel sagt: “Du Angie, das war’s, so geht es nicht weiter”, muss das noch lange nicht für jene gelten, denen gerade sehr deutlich hineingedrückt wurde, dass es so nicht weiter geht.

Soweit also mein Bericht aus einem fernen Alpentale nahe der Grenze, das so unbedeutend scheint, und über dessen Leitkultur man woanders natürlich auch kritische Töne verlieren darf, besonders, wenn man hier wie die SPD ohnehin nichts und schon gar keine Heimat mehr zu verlieren hat.

25. Sep. 2017
von Don Alphonso
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20. Sep. 2017
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Nirgendwo erfriert man mondäner als in Cortina

Ein Gipfel gehört dir erst wenn du wieder unten bist.Denn vorher gehörst du ihm.
Hans Kammerlander

Die Haut duftet nach ätherischen Ölen, die Bademäntel sind kuschelig weich und blütenweiss, der ganze Körper ist durch die Massage entspannt. Alle Bäder sind in vollen Zügen genossen, während durch das Panoramafenster die schneebedeckten Spitzen der Sextner Dolomiten herein funkeln. Draussen ist es bitterkalt, in der Nach hat es geschneit und tagsüber gab es schwere Regenschauer, aber hier unten, in der Wellnesszone des Sport Hotels von Innichen, merkt das junge Paar nichts davon. So vergehen die Stunden mit Reinigung und Erholung des Körpers, und sie nimmt dann noch ein Glas Wasser und er einen Rotwein, bevor sie in mit dem Aufzug hinauf zu ihrer warmen, geräumigen Suite fahren. Alles wird hier getan, damit die Gäste entspannt und wie neugeboren in einer watteweichen Wolke von Wohlgerüchen und Wärme dem Alltag entgehen. Sie steigen also in den Aufzug, betrachten sich im Spiegel – gut, jung und schön sehen sie aus – und drücken auf dem Knopf zum ersten Stock. Aber dann hält der Aufzug im Erdgeschoss, die Tür geht auf, und dort steht breitbeinig das hier:

1,81 Meter gross, normalerweise 87 Kilo Trockengewicht schwer, aber es ist nass von Regen und Schweiss. Es kommt von draußen, aus dem frühen Winter in dem Dolomiten, und von ganz oben aus dem Eis, wo die Wolken nicht warm, sondern glitschig und dunkelgrau sind. Was da vor den sauberen Menschen in ihren Bademänteln steht, ist eiskalt, es tröpfelt und trägt ein höchst geschmackloses, grün-pinkes Trikot mit ausgestopften Taschen, in denen noch Müll und fettklebrige Werkzeuge stecken. Die muskulösen Beine füllen eine Kniebundhose in der Farbe Schlammbraun aus, und wenn man nach unten schaut, erkennt man, dass die ehemals gemusterten Kniestrumpfe ebenfalls monoton schlammbraun wie jene Sturzbäche in den Bergen sind, die sie durchwaten mussten.

Um die abgetretenen und von Stürzen abgeschabten Schuhe bilden sich kleine, schlammbraune Pfützen auf den edlen Schieferplatten. Es riecht seltsam, ein paar Dreckspitzer sind auch noch in den Augenbrauen, und dann sagt es ins doch leicht verstörte Gesicht der Frau im Bademantel hinein: “Entschuldigen Sie bitte meine Erscheinung, ich bin leider nicht ganz gesellschaftsfähig, denn ich komme gerade mit dem Rad aus Cortina.” Dann betritt es den Aufzug. Im ersten Stuck huscht die Frau an dem schlammbraun-grün-pinken Schmutzberg vorbei, und der Berg und ihr Mann grinsen sich an. Vielleicht wäre der Mann ja auch lieber draußen gewesen, und hätte mit mir den Passo Tre Croci genommen. Denn der kalte, aber immer noch mobile Schmutzberg, das bin ich. Und dass ich hier ankommen und Wellnessfreunde verschrecken würde, habe ich zwischenzeitlich auch nicht mehr erwartet.

Denn gut zehn Kilometer vor Cortina d’Ampezzo stand ich an genau dieser Stelle, und schaute auf die Wolken unter mir. Die Wolken über mir schütteten weiter eiskalten Regen auf mich, und das Wasser war längst durch die Regenjacke und beide, übereinander getragenen Trikots auf die Haut geflossen. Eigentlich war ich gerade wegen des angesagten schlechten Wetters nach Innichen gefahren: Normalerweise nämlich fahren mir die Italiener bei der L’Eroica immer blitzschnell davon, während ich die Berge hinauf krieche. Aber hier, bei der Eroica Dolomiti, sollte es kalt sein, zwischen 0 und 10 Grad, und da rechnete ich nichtsowirklicharischaussehender Nichtganzrecke dank meiner Abhärtung gute Chancen aus, den ein oder anderen durch die Kälte erstarrten Italiener niederzuringen. Das war ein guter Plan, aber an dieser Stelle schon komplett gescheitert.

Denn an dieser Stelle hatten mich schon lange vier Nachzügler trotz der Kälte in kurzen Hosen munter plaudernd überholt, und alle anderen waren schon weg, als ich wegen eines technischen Defekts zu spät an den Start rollte. Ich eilte ihnen natürlich hinterher, immer den Pfeilen nach. Erst den Pfeilen nach, die nach Cortina wiesen, und dann gegen die Pfeile, die zurück nach Innichen zeigten, in der Annahme, dass gegen den Rückweg der Hinweg verlaufen müsste. Irgendwann stand ich an einem mörderischen Anstieg, und mir wurden zwei Umstände bewusst: 1. Ich habe mich verfahren. 2. Es wäre für die Jagd auf Italiener sinnvoll gewesen, sich vorher einmal die Karte anzuschauen. Aber es ist, wie es ist, sagte meine Grossmutter immer und nasser konnte ich da auch schon nicht mehr werden. Dachte ich. Bevor ich umdrehte und merkte, dass ich nun mit eiskaltem Ostwind aus der sibirischen Steppe zurück fahren musste.

Ich fand im Nebel zwar keinen Richtungspfeil, aber immerhin einen Einschnitt im Gebirge bei Toblach und darin ein Haus und davor eine alte Frau, die Zeitung las. Ich wusste, dass irgendwo Cortina auf meinem Weg lag, und fragte sie:

Grüss Gott. Wo geht es hier nach Cortina.
Wohin?
Cortina.
Aber das ist 35 Kilometer entfernt!
Ja, genau, da muss ich hin.
Mit diesem Rad? Sie deutete auf mein graziles 1972er RuFa Sport, das nicht ganz so aussieht, als wäre es den Belastungen eines Unwettertages in den Bergen gewachsen.

Mit diesem Rad.
Bei dem Wetter?
Bei dem Wetter, es ist halt so.
Also, sagte sie, da fahren Sie hier den Berg hoch und dann den Berg wieder hinunter, und dann kommen Sie auf den Radweg. Aber da kann man bei diesem Wetter nicht fahren! Da hat es oben Schnee, da erfrieren Sie!

Ich bedankte mich, fuhr los und musste dann 20 Kilometer lang erkennen, dass die alte Frau vielleicht ein wenig mehr Ahnung als ich hatte – wie gesagt, Grossmütter haben immer recht – so wie auch die vier nachzügelnden Italiener mehr Kraft in den Beinen hatten, als sie mich überholten und spielend leicht zurück ließen. Von da an war ich allein. In einer Gegend, die bei Sonnenschein sicher zu den schönsten Orten der Welt zählt. Sogar im Regen ist es noch schön.

Und ab einem gewissen Punkt ist man so dreckig, dass jeder neue Dreck am alten Dreck nicht mehr haftet und wieder hinunter fällt, solange man nicht durch besser klebende Kuhfladen fährt. Hin und wieder kam ich an weggespülten Brücken vorbei und kletterte durch Geröllfelder, ab und zu sah ich eine Kuh im Nebel. Und irgendwann war ich auch oben auf dem Passo Cimabanche – dem ersten und niedrigsten von drei Pässen. Von da aus rollte ich noch ein paar Meter in den Wolken weiter, um wenigstens Cortina gesehen zu haben. Bis eben zu jenem Punkt über der Schlucht, wo die Wolken unter mir lagen, und noch weiter unten lag meine Motivation. Unter mir waren also Wolken und Wildbäche und eine schwierige Abfahrt, hinter mir in 200 Meter Entfernung ein Lokal. Und ich sagte zu mir:

Ich werde heute keinen Italiener mehr fangen. Es ist kalt. Ich bekomme gerade eine Lungenentzündung. Da hinten gibt es Tee, Kuchen und Wärme, und in Innichen im Sport Hotel liegt mein weisser, flauschiger Bademantel auf dem Bett. Ich muss nur umdrehen, Kuchen essen, abfahren und dann stundenlang im Warmbad liegen. Was ich erlebt habe, reicht leicht aus, um meinen Lesern zu erklären, warum man auch mal aufgeben können muss. Gesundheit, das ist die Lektion, ist das Wichtigste! Ich war bei der L’Eroica schon oft am Aufgeben, jetzt wäre es mal an der Zeit, es zu tun. Dann hörte ich von hinten ein Rauschen, und um die Kurve schoss ein Pulk Radler auf Carbonrädern.

Eeeeeh, Eroici!, rief mir einer zu und winkte. Ich winkte zurück, und dann kam noch ein Pulk und noch ein Pulk, und ich aber gab auf und drehte um und fuhr heim. Also, ich mein, ich habe mir wirklich vorgenommen, das zu tun. Echt. Aber tatsächlich schaffte ich die Kurve nicht ganz, und die Schwerkraft zog mich hinunter. Von hinten kam noch ein Pulk, ich hängte mich dran und krachte mit ins Tal. Du bist von Eroica, fragten die anderen, ich sagte ja, und sie sagten anerkennend Eeeeeh in die eisige Bergluft, und so brannten wir hinein nach Cortina.

Wo, unglaublich, die Sonne schien. Sie schien auf Touristen und auf Radler auf Carbonräder und auf den Allerletzten der Eroici, aber sie schien nicht auf Wegweiser, die ich finden sollte. Immerhin fand ich eine Karte, die mir endlich erklärte, dass ich auf den Passo Tre Croci und danach auf den Passo San Angelo musste, um wieder nach Hause zu kommen. Was ich nicht fand, waren die Pfeile zu diesen Pässen, weshalb ich zweimal die scharfen Rampen im Ort hinauf und hinunter fuhr, bis ich die richtige Abzweigung fand. Dann setzte ich mich erst eine Weile auf die Bank in die Sonne.

Denn ist man erst mal Letzter, überholt einen keiner mehr, und man hat alle Zeit der Welt. Ausserdem ist Cortina wirklich schön in seinem halben Dornröschenschlaf, manche Wolken erstrahlten golden und andere funkelten wie bizarrer Silberschmuck an den Hängen des Monte Cristallo. Ist man erst mal Cortina, muss man ohnehin zu diesen hübschen Wolken, denn es führt kein flacher Weg zurück, und wenn man am Passo Tre Croci an so einem Frühwintertag erfriert, steht in der Biographie: gestorben am Passo Tre Croci, Cortina d’Ampezzo.

Das klingt wahnsinnig mondän, nach Louis Trenker und einem Schurken aus einem Bond-Film, viel besser als „in der Therme von Bad Gögging auf der Seife ausgerutscht und noch 5 Jahre mit Schädelbruch im Koma gelebt“, also fuhr ich weiter, und siehe: In der klaren, sonnigen Bergluft fühlte es sich gar nicht so kalt an, wie es wirklich war. Es war eine Schinderei in schöner Landschaft, das kann ich berichten, und außerdem ist man irgendwann oben, wenn man überlebt, und das ist ein gutes Gefühl. Noch besser ist es, auf 1809 Meter die Bremsen los zu lassen und nach unten zu schiessen.

1750 Höhenmeter, 1700. 1650, 1600, 1550, und dann fällt einem ein, dass eigentlich schon nach 150 Höhenmetern eine Abzweigung hätte sein sollen, und war da bei Tempo 80 in den Augenwinkeln nicht ein Pfeil? Es geht hier doch gar nicht mehr nach Misurina.

Das sind so die Momente, in denen es gut ist, wenn man den Moment der totalen Verzweiflung schon oberhalb von Cortina hatte. Umdrehen, hochkriechen, weiter, immer weiter. Mit pfeifenden Lungen kroch ich am Lungensanatorium vorbei, über dem sich die Drei Zinnen erheben, und sagte mir: Schau, immerhin kriechst Du noch japsend, die Kinder da drinnen japsen nur noch in den Betten. Es geht Dir nicht gut, Du bekommst mindestens eine Grippe, aber in den Bergen um dich herum sind Abertausende sinnlos im Ersten Weltkrieg gestorben.

Manche liegen immer noch unter dem Geröll, ihre Lieben haben nie erfahren, was ihnen geschehen ist, aber du bist einer der privilegiertesten Menschen der Welt: Niemand schiesst auf dich, keine Armee setzt gegen dich Giftgas ein, nur ein paar Grüne, Rote, Schwarze, Blaue, Minister, Staatssekretäre, Bild- und NDR-Journalisten und Ex-Stasi-IMs hinter den Bergen hassen dich, du hast immer die Wahl. Du hättest auch im Wellnessbereich liegen können. Du wolltest aber das hier. Also hör auf zu jammern und quäl dich, du faule, verweichlichte, übergewichtige Sau. Da vorne ist der letzte Pass.

Und von da aus ging es 20 Kilometer nur hinunter nach Toblach. Der Salzgehalt sorgte dafür, dass die Tränen, die der Fahrtwind aus den Augen presst, nicht am Gesicht festfroren. Die Sonne verschwand hinter den Bergen, König Laurins Rosengarten flammte rot im Abendlicht, aber nichts, nichts konnte einen jetzt noch aufhalten. Die Schwerkraft tat ihr Werk. Und siehe: Es war gut. Es war sehr gut. Es war phantastisch. Es war absoluter Wahnsinn, das alles geschafft zu haben, am Leben zu sein und vielleicht der Letzte zu sein, der den Berg hinunter donnernd, Kurven schneidend, alle Vorsicht aufgebend am Ziel ankommt. Aber auch jener Letzte, der nicht aufgegeben hat und sich durchkämpfte, und nicht wie andere in Cortina den Bus zurück nahm.

Du könntest runter in den Wellnessbereich, es ist noch genug Zeit zum Heldendinner, sagte der Veranstalter im Hotel, als ich endlich ankam. Ich drückte auf den Knopf am Aufzug, stellte mich breitbeinig und tröpfelnd und dreckig und glücklich und stolz hin, und sagte: Besser nicht, was sollen denn die Leute da unten von mir denken. Und dann ging die Tür auf und da standen sie in ihren flauschigen Bademänteln, mit Wasser und Rotwein in der Hand und starrten mich an.

Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt. Die einen wollen Wellness, und die anderen wollen lieber nach 40 Kilometer im Regen am Passo Tre Croci erfrieren, und dort neben der Strecke begraben werden. Sie wollten Wellness.

20. Sep. 2017
von Don Alphonso
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