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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

28. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Lustvoll der Ausrottung entgegen

PRVDENTI NON DEFICIT ALTER

Ich glaube, ich rieche auch nach der Dusche noch nach den Abgasen von Bugattis, Ferraris, O.S.C.A.s und vor allem nach diesem Maserati, Startnummer 437. Ich bin hinter ihm durch blaue Schwaden über die Strasse gelaufen, da war die Luft mit Teufelspest gesättigt, irgendwie klebt das in den Poren.

mop

Ich habe es immer noch in der Nase. Vielleicht ist es Einbildung, vielleicht etwas Sehnsucht nach den tollen, lauten, nassen, heissen, stinkenden Tagen. Ich bin mir nicht sicher, ob mir der Geruch nicht doch gefällt, aber ich lasse das Verdeck zurück gleiten und mich dann, 270 Kilometer weit über die Toskana und die Poebene durchblasen und saubertrocknen.

mon

Bei Poggibonsi bekomme ich Gesellschaft, ein britischer Aston Martin zieht auf die zweispurige Autobahn. Ich muss nicht auf den roten Pfeil mit der Aufschrift 1000MIGLIA auf dem Heck schauen, ich weiss, was er hier tut. Italien ist gerade voll mit schnellen Autos, und in einem Tunnel fährt er neben mich, lässt die Seitenscheibe runter, und dann hören wir uns an, wie es klingt und bebt, wenn ein Aston Martin und ein 3,5-Liter-V6 im Tunnel im Duett wie zwei Höllenhunde losbrüllen.

mor

Nicht schlecht, aber wenn man ehrlich sein soll: Alte, gerade, glühend heisse Eisenrohre direkt an der Brennkammer klingen immer noch besser.

moh

Und danach rollen wir gesittet weiter durch die Landschaft, und bekommen Gesellschaft durch andere Schlachtenbummler. Lauter Männer, die sich gerne alte Automobile anschauen und deshalb an einem Mittwoch oder Donnerstag im Mai in ein anderes Auto steigen, nach Italien fahren und das betrachten. Weil es geht. Weil wir privilegiert sind und über das eigene Leben bestimmen. Wir sind hier, weil andere es nicht sein können, aber so ist das eben. Es gbt auf dieser Welt für manche einen Platz im Büro, für andere auf dem Migrationsschiff und für ein paar wenige, meist in diese Welt so geborene Menschen einen Ledersitz in einem schnellen Wagen auf der Autostrada zwischen Siena und Florenz.

mod

Einfach nur, weil sie ein paar andere Autos anschauen wollen. Ganz einfach.

mnc

Würden wir uns alle durch den Berufsverkehr quälen oder die Autobahn hinaus nach Starnberg mit anderen verstopfen, mit all den Opels und Minis, wären viele auch nicht begeistert. Hier sind wir in Italien, wir stören keinen und tun etwas für die italienische Wirtschaft. Kinder drücken sich die Nasen an den Scheiben der Fiats und Lancias platt. Wir kennen diesen Blick. So haben wir gerade auch geschaut.

mof

Auf die antiquierten Objekte unserer Begierden.

mnt

Wir sind nicht schlecht oder böse, die Welt ist halt so, es gibt ein Unten und ein Oben und das Oben – mit all seinen Nachteilen – haben sich die meisten nicht herausgesucht. Wir sind keine amoralischen Verschwender wie die letzten, degenerierten Medici, die das Grossherzogtum Toskana zugrunde richteten, aber auch kein heiliger Franz, der drüben in Assisi allen Besitz ablehnte. Wir sind eine Notwendigkeit des Schicksals und wenn wir es nicht täten, würden es vermutlich andere machen. Die Menschen in den Booten vor Libyen träumen nämlich nicht von einem Rad oder einem alten Auto, sondern von dem Dasein, das wir leben.

mok

Ein Dasein mit vielen Freiheiten. Es ist nicht schlecht, es ist einfach so, und es war schon früher so. Der Kapitalismus hat diese Autos ermöglicht und diese Strassen, er hat dem Kommunismus besiegt und auch im Osten muss sich keiner mehr Vorwürfe anhören, wenn er sich hier dekadente Bilder anschaut. Natürlich sind das auch Bilder einer Klassengesellschaft. Aber deshalb sieht es auch nicht aus wie das Wolga- und Trabbitreffen in der Uckermark.

mnv

So gleitet der Wagen also Richtung Florenz, ein jeder ist auf seinem Platz und eigentlich ist es viel zu schön, um sich vom neokommunistischen Nachfolgeasozialen ausrotten zu lassen, aber: Obwohl ich niemandem etwas zuleide tue, obwohl ich meine Anwesenheit im Sinne der Bildberichterstattung gut begründen kann, und Pressefreiheit auf dieser Strasse lebe, stehe ich daheim auf der Abschussliste. Denn das Volk liest nicht viel von den eleganten Linien eines Jaguars XK120

mnq

oder vom Donnern eines SSK.

moi

Das Volk liest eher, dass die Mietpreisbremse nicht funktioniert. Verbrämt heisst das von “Journalisten“ die nichts Gescheites gelernt haben und deren Medien ihnen keine Teilnahme an der Mille Miglia erlauben, und die damit PR in eigener, wohneigentumsloser Sache betreiben, dass Vermieter zu viele Anteil an ihrem geringen Einkommen erhalten. Ich höre so ein Gewinsel nie von Softwarearchitekten, das kommt immer nur aus den Städten, die das Schreibpersonal in Randlagen rausgentrifizieren. Das ist nicht schön. Aber viele Automarken der Mille Miglia gibt es nicht mehr, und über deren Arbeiter verloren diese Leute keine Träne.

moo

Tränen kommen nur bei den eigenen Problemen. Nie von den edelblauen Abgasen echter Autos mit echten Fahrern.

moj

Warum soll ich jetzt mitfühlen, wenn sie nun in den schlechteren Vierteln die beengten Wohnverhältnisse einer Arbeiterfamilie kennenlernen? Nun, weil sie die Auffassung vertreten, dass die Mietpreisbremse verschärft werden soll. Dass sie dabei indirekt zugeben, dass sie das benötigen, um mehr Geld für Grundbedürfnisse wie Pizzalieferdienste und iPhones zu haben, stört sie vermutlich weniger als mich das leicht unsaubere Framing des Bildes. Jeder eben auf seinem Platz beim Klagen.

mnm

Natürlich rede ich mich leicht. Natürlich habe ich das nicht erarbeitet, das haben Generationen getan, genossen, bewahrt und dann so viel weiter gegeben, dass es auch für andere noch reichte. So geht das nun mal. Vollkommen mit eigener Hände Arbeit, ganz allein, macht das aufgrund der staatlichen Fürsorge bei uns ohnehin keiner, und selbst dann reicht das, wie es der sozial engagierte Schreiber an sich selbst erleben muss, nicht zu meinem Platz in der Toskana. So ist es nun mal.

mnk

Dennoch stehen wir uns nun antagonistisch gegenüber. Jahrelang wurden in Deutschland die Mieten künstlich niedrig gehalten, dass solche Nachwuchstalente ihre Autorenkarrieren billig in vielen Städten basteln konnten, während unsereins nebenbei Rohre entkalkte und Siphons leerte. Jahrelang haben uns solche Figuren von den Freuden des Zinspapiers und des Neoliberalismus erzählt. Jetzt gewinnen wieder die Hausbesitzer. Wie zu Bugattis Zeiten. Es ist nicht meine Schuld, wenn opportunistische Wiesel auf der falschen Seite der Geschichte enden und unter die Räder kommen.

mnp

Wobei wir dennoch alle herangezogen werden, wenn es um die Finanzierung von Elektrotrabbis nach dem 5-Jahresplan der Volkskammer Parlament geht. Zudem kommt sicher noch, wenn sich zeigen sollte, dass nicht ganz so viele Ärzte aus dem nicht ganz syrischen Kabul und Casablanca kamen, eine neue Debatte über Benzinsteuern. Rente mit 73 ist schon im Gespräch. Mit 73 sehen wir als Playboys sicher nicht mehr so gut aus wie dieser BMW328.

mnx

In meinem Fall ist es egal, meine Ablehnung der Unterschicht im eigenen Beruf reicht für Beiträge, bis ich 180 bin. Tatsache ist aber, dass auch überall gerade mehr Vermögenssteuer gefordert wird, um angebliche Reiche zu schröpfen, und wegen Gerechtigkeit. Was danach übrig ist, soll beim Vererben auch nochmal wegen Gerechtigkeit geschröpft werden. Und damit es beim Manne nicht so viel wird, soll zur Frau hin eine in amerikanischen Studien berechnete Gender Pay Gap zwangsgeschlossen werden. Dafür witd dann auch Objektifizierung in der Werbung verboten – laden Sie sich das nächste Bild runter, bevor es eine Frauenbeauftragte wegklagt.

mos

Oh, und haben Sie schon gelesen, dass es bei Besitz und dessen Einzug jetzt eine Beweislastumkehr nach Willen der SPD gegen soll? Seitdem bin ich für die Einführung einer 10%-Hürde bei Wahlen. Wir haben den Kommunismus besiegt, damit wir alle schöne Autos kaufen können und nicht, um den Stalinismus durch die Hintertür einzuführen – für alle, die von Gabriel keine eigenen TTIP-Schiedsgerichte geschenkt bekommen, um ihre Ziele unbelastet vom Rechtsstaat mit den Gabriels dieser Welt auszuklüngeln.

mnn

Natürlich steht nirgendwo, dass man mich jetzt explizit ausrotten möchte. Man würde mir schon das nackte Leben und vielleicht ein Rad lassen, und eine neue Kette alle vier Jahre. Gerade kam diese Prognosstudie zur regionalen Entwicklung in Deutschland – da bin ich an allen Wohnorten ganz vorne mit dabei, und der Reichshauptslum Berlin ist beim Reichtum auf Platz 400 von 402. Ich verstehe, dass das Begehrlichkeiten weckt, das geht mir hier bei manchen Auto ganz ähnlich.

mns

Trotzdem lesen Sie hier keinen Beitrag, in dem ich ein bedingungsloses Grund-Millemigliateilnehmen fordere, oder eine Staats300SL in Spritzfarben. Ich komme aus der richtigen, alten Klassengesellschaft, wo man den Staat so weit wie möglich meidet und die eigenen Dinge selbst regelt “Da kommt die Fürsorge“ war in den Zeiten dieses Automobils etwas ganz Schreckliches.

mnl

Heute ist es üblich, die Fürsorge des Staates zu rufen für jeden, der da kommen und fordern mag. Das sind viele und wir, nun, wir sind zwar gerade auf der Autobahn Richtung Ziel in Brescia schon viele und hinter Modena ein paar Tausend PS im Convoi, alle zusammen, aber in absoluten Zahlen eine Minderheit. Als solche wird man geschützt und bevorzugt, wenn man zu den kopftuchtragenden Antisemitinnen gehört, Verständnis für die Terrortruppe der Hamas kurzfristig verschweigt und Feminismus vorgaukelt. Aber nicht als mitelalter weisser Mann, bei dem alle nur die wehenden Haare im Fahrtwind sehen, und nicht die Arbeit, die in Zeiten wie diesen die Erhaltung und Bewahrung des Geerbten bedeutet. Und die Benzinrechnung will auch kein Politkommissar zahlen.

mnd

Ich komme damit schon zurecht, und mehr habe ich auch gar nicht von diesem Staat erwartet. Vermutlich ist es ohnehin wie bei der Mietpreisbremse, man macht erkennbar wirkungslose Gesetze und am Ende staunen die Kollegen wieder, dass sie erneut für alles und für die geschenkten Menschen zahlen müssen. Wenngleich sie weniger Risiken als normale Arbeiter erdulden müssen, weil sie ihre Rübe-Ab-Forderungen für unsereins sprachlich eloquenter als Islamisten und deshalb konkurrenzlos vortragen.

mnb

Aber bis dahin werde ich vermutlich immer wieder neue Verteilungswünsche für mein Gut und das anderer Leute lesen, und Selbstbereicherungsverlangen durch Leute, die auch mal im Uranbergwerk zeigen könnten, was wirklich in ihnen steckt. Ich hätte durchaus Achtung vor der arbeitenden Klasse der neuen DDR, aber wenn schon, dann bitte richtig und in Wismar. Denn in so einem Land der sozialen Gleichschaltung braucht man auch wieder billigen Strom für die Elektrotrabbis.

mnw

Ich bin mit Rene Brosig dennoch einer Meinung, dass wahrhaft gerechte Verteilung nach Leistung nicht geht, weil wir die arbeitsscheuen Linksaktivisten nicht verhungern lassen können – aber weitergehende Forderungen sind wirklich nicht gut begründet. Selbst wenn die SPD sie ins Parteiprogramm aufnimmt, um von ihrem Ausverkauf durch TTIP abzulenken.

mno

So ist das. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen, es darf gern sozial bequem wie das Alcantaraleder unter mir sein. So geht es dahin mit den anderen, die alle das schöne Wetter geniessen. Aber letztlich bin ich dann doch recht froh, als ich meinen Drittwohnsitz Mantua erreiche – reichlich spät, um mich von der Mille Miglia drüben in Brescia noch zu verabschieden.

mnr

Statt dessen gehe ich in den Palazzo Ducale und schaue die herrlich arroganten Höflinge der Gonzaga auf den Fresken von Andrea Mantegna an. Solange, bis sie abgeschlagen werden, weil das kulturferne Plebs in den Gazetten gleiche NVA-graue Wände für Alle verlangt, die Stoffverschwendung durch gerafften Goldbrokat verurteilt, die Frauenquote nicht erfüllt sieht –

moq

und am Ende bemerkt, dass Andrea Mantegna gar keine Frau war, wie es die feministische Kunstgeschichte in Nordrhein-Westfalens Hochschulen lange geglaubt hat.

28. Mai. 2016
von Don Alphonso
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25. Mai. 2016
von Don Alphonso
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1000 Meilen Heimat

Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt.
Filippo Marinetti

Heimat steht da. Fett. Heimat. Der ganze Satz lautet “Wer die Heimat liebt, spaltet sie nicht“ und ist eine Wahlaussage des grünen Kandidaten Van der Bellen. Ich stehe im Stau in Innsbruck, es regnet, es schütttet, und Van der Bellen steht auf einer sonnigen Bergwiese, wo die Wahlkampfstrategen ihn postiert haben. Van der Bellen wird von Städtern gewählt, denen die Lage der Bergbauern in ihrer Heimat sonstwo vorbei geht, aber es ist eine schöne Kulisse, und die Grünen haben sich jetzt mal überwunden, das Wort Heimat auf ein Plakat zu drucken. Es blieb ihnen wenig anderes übrig, Hofer von der FPÖ überschwemmte das Land mit dem Wort Österreich. Die FPÖ beschwor, die Grünen machten Zugeständnisse. Das Land war schon vor der Wahl gespalten in Städte und ländliche Regionen, das hat sich jetzt fortgesetzt.

mml

Gewonnen hat nicht Van der Bellen, sondern der Konflikt zwischen denen, die das Land kennen und denen, die davon nur ab und zu eine Bergwiese zu sehen bekommen, wenn sie die Stadt verlassen. Ich quäle mich durch den Stau und den Regen Richtung Bundesstrasse hoch zum Brenner, wo die von Innsbrucker Gentrifizierern angeschwollenen Dörfer in den Wolken verschwinden, vorbei an den Kapellen, die an Andreas Hofer und seine Tiroler Bauern erinnern, die von hier aus die Bayerisch gehaltene Stadt Innsbruck eroberten, und dort ihr moralisch strenges Bergbauernregiment errichteten. Keine neumodischen Impfungen mehr, die in Gottes Heilsplan eingreifen, keine unzüchtige Kleidung: Der Kampf des Landes gegen die Stadt und der Stadt gegen das Land ist alt, eine Konstante in der europäischen Kultur.

mms

Ich mache eine Landpartie, ich fahre nicht nach Brescia in der Lombardei zum Start der Mille Miglia im Regensturm, sondern ein paar Kilometer weiter nach Valeggio sul Mincio, einem Dorf am westlichen Rand des Veneto.

mmz

Ich komme genau rechtzetig an. Ich habe mich kaum unter einer Markise vor dem Schauer verkrochen, da überschlägt sich auch schon die Stimme des Moderators, und der erste Wagen kommt an. Ein O.M. wie der, der 1927 die erste Auflage der Mille Miglia von Brescia nach Rom gewonnen hat. Belissima ruft der Moderator, er wird es noch öfters an diesem Tag sagen, und die Menschen und die Tropfen klatschen, klatschen, klatschen.

mmn

Es ist ein echtes Dreckswetter, und trotzdem ist Valeggio auf den Beinen. In früheren Jahren mied der Corso der schönsten klassischen Autos den Ort, da raste man am Abend und in der Nacht nach Verona. Seit ein paar Jahren wurde die Geschwindigkeit rausgenommen, die früher übliche Raserei gibt es nicht mehr, und die Autos müssen sich auch nicht durch den Berufsverkehr von Verona quälen: Die Mille Miglia fährt die kleinen Landstädte an, die sich bereitwillig öffnen und den Weg frei machen.

mmx

Valeggio ist eine dieser Perlen entlang der Strecke, die nur wenige kennen. Angeblich die Stadt, in der die Tortellini erfunden wurden, und dazu gibt es auch eine Sage, ein grosses Fest und 364 andere Tage im Jahr Restaurants, die gut von der Legende leben. Valeggio ist ein Fressdorf, beliebt bei Bauernhochzeiten, Geburtstagen und sonntäglichen Familientreffen. Wenn die Fahrer Zeit hätten, würde man ihnen ja gern Tortelli servieren, scherzt der Moderator, als dann die Kaskade der Alfa Romeos knatternd in das Dorf einfällt.

mmk

Vor dem Krieg hat hier meistens Alfa Romeo den Sieg davongetragen. Es war die Zeit des Faschismus, und die Mille Miglia so etwas wie die Leistungsschau der italienischen Automobilbauer. Mussolini persönlich engagierte sich, dass die Richtigen die Lorbeerkranz trugen. Seine Paladine liessen sich mit den Helden der Landstrasse ablichten, Tote wurden billigend in Kauf genommen: Es gab in der Frühzeit des Automobils viele gefährliche Rennen, aber das gefährlichste Spektakel, die Mille Miglia versteht man nur, wenn man Gabriele d’Annunzio und Filippo Marinetti gelesen hat. Futurismus, Faschismus, Automobilismus.

mmu

Das Auto verbindet Stadt und Land, es erlaubt Austausch und klammert zusammen, was sich sonst unversöhnlich gegenüber steht. Es erlaubt dem Dorfbewohner, die Stadt zu besuchen, ohne dauerhaft den Dreck zu erdulden, und dem Städter, das Landleben ohne den hier typischen Schweinegeruch zu geniessen. Faschismus möchte immer kleine Gegensätze einigend überwinden, um grosse Kriege zu führen, so wie heute totalitäre Feministinnen und muslimische Antisemitinnen gemeinsame Sache gegen den weissen, alten, gerne jüdischen Mann machen – nur baut die Rassenkunde des 21. Jahrhunderts keine Autobahnen und keinen Alfa mehr, von einem Bugatti ganz zu schweigen. Das wäre ja echte, schmutzige Arbeit und kein angenehmer Bildschirmtäterinnenposten.

mmj

Über die braune Geschichte redet hier keiner. Hier ist man wieder stolz, Teil der Strecke zu sein, die Brescia, die Heldenstadt des Risorgimento, mit der ewigen Stadt Rom verbindet. Rund um Valeggio fanden entscheidende Schlachten gegen die Österreicher statt, überall sind Denkmäler, Italien wurde hier geschmiedet, und die rechtspopulistische Lega Nord stellt in Valeggio den Bürgermeister: Mit der Mille Miglia trifft eine Legende der faschistischen Ära auf einen Ort voll mit nationalistischer Tradition.

ssklb

In Deutschland gäbe es dann wohl eine Tagung der Böll-Stiftung und Antifas, die Bilder von Besuchern ins Netz stellen würden, aber in Valeggio ist es einfach ein Fest. Ein grosses, lautes, regenersäuftes und trotzdem jubelndes Fest. Die Reifen schlingern über den Veroneser Marmor, mit dem der grosse Platz belegt ist, die Motoren donnern, und man winkt sich zu. Valeggio ist stolz, Teil des Zuges zu sein, der mit Erinnerung an eine heldenhafte Geschichte das Land zu mehr als der Summe der einzelnen Teile macht. Heimat. Emotion. Vollgas.

mmy

Damit können Deutsche schlecht, ganz schlecht umgehen, mit so einem emotionalisierten Heimatbegriff, mit Stolz auf die eigene Nation und der Bereitschaft, Autos zu feiern und Mussolini dahinter zu ignorieren. Denn Deutsche nehmen die Gewaltrülpser migrantischer Rapper begeistert auf und sind entsetzt, wenn sich Frei.Wild zu Südtirol bekennen. Verkniffen ist der Heimatbegriff wie auf einem Plakat von Van der Bellen, es fehlt der souveräne Umgang mit dem, was man als positive Seite der Geschichte erkennen kann, und wenn man um die von der separatistischen Lega Nord geprägten politischen Verhältnisse von Valeggio weiss, wird es besonders bedenklich.

ssklc

Nur: Gleich hinter Valeggio kommt die Grenze zur Lombardei, und dort ist die knallrote Region Mantua. Peppones Land. Valeggio ist Welthauptstadt der Tortelli, aber die Strasse runter liegt Roverbella, und das ist die Welthauptstadt des Risotto und wird von einer linksliberalen Juristin regiert. In Roverbella warten meine Freunde aus dem roten Mantua. Nichts, gar nichts unterscheidet die Begeisterung in Valeggio von der in Roverbella. Mantua, Veneto, das ist ein Jahrhunderte alter Konflikt, aber wenn die Autos herandonnern, alle am Strassenrand nass spritzen und mit dem Dreck der Strasse taufen, ist es ein Land: Das schönste Land der Welt. Auch noch im Regen.

mmd

Das kann man, eingedenk der Geschichte, befremdlich finden, aber ich war dabei, ich bin jedes Jahr dabei, und so ein notdürftig auf Strassentauglichkeit umgebauter Rennwagen bringt einen in 40cm Entfernung auch auf andere Gedanken. Es ist eine laute Demonstration der Einigkeit des Italiens, das der Moderator immer und immer wieder beschwört, und genug Probleme wird man morgen wieder haben. Heute, für vier Stunden, ist man Rennstrecke. Emotion. Begeisterung.

sskl

Ohne es böse oder ausschliessend zu meinen. Der Bentley, der Käfer, der Peugeot, der Cadillac, der Mercedes SSKL, der den Alfas einmal den Sieg wegnehmen konnte – sie alle werden genauso bejubelt. Das Land, die Städte, sie geben sich lustvoll dem verbindenden Element hin. Da ist eindeutig eine nationale Komponente. Vermutlich, das habe ich zumindest immer so erlebt, tut dieses Selbstbewusstsein den Menschen gut.

mmi

Oder anders gesagt: Es gibt wohl einen Mittelweg zwischen dem verklemmten Umgang mit Heimat, den die Eunuchen im genderislamintegrationsgrünen Harem zwangsweise hervorkramen, und der inhaltslosen Fahnenschwenkerei für ein Land, das durch Borniertheit und Tabubrüche auch nicht gerade schöner wird. Zusammenhalt muss nichts Schlechtes sein. Identität gibt es nun mal, daran ändern nicht mal Gulags. Multikulti und italienische Faschisten etwas. Am Umstand, dass die Organisationsform “Nation“ halbwegs bewährt ist und im Gegensatz zu Grenzenlosigkeit von Siedlungsraum im Osten über das Kalifat und Stalins Internationale bis zu No borders no nations von der Mehrheit gewünscht wird, kommt man aktuell wohl nicht vorbei. Und dann kann man das auch dröhnend feiern.

mmo

In Berlin gibt es eine Formel E. In Valeggio sind alle nass, ich brauche Hustenbonbons und die Streckenwärter stecken sich schnell eine Pizza in den Mund, bevor die Nachkriegsgeschosse brüllend in den Ort einfallen. Die Stimmung ist prächtig, die Luft stinkt nach schlecht verbranntem Benzin und wer es nicht kennt, wird es vielleicht auch nicht verstehen.

mmc

Sie feiern ein verbindendes Element ihres Landes. Sie sind stolz, wenn sie Teil davon sind. Sie übersehen die Schattenseiten der Vergangenheit. Wir fördern dafür den Kauf von Elektroautos, und unsere Familienministerin feiert DDR-Nostalgieveranstaltungen und mal wieder Überwachungsgesetze, die Sexarbeiterinnen benachteiligen. Das ist auch sehr deutsch.

mmmb

Aber ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Genderpseudowissenschaften.

mmw

Hier kommen die roten Knaller aus Mailand. Es kommt die Lust. Es kommt die Begeisterung. Es kommt der Regen und der Dreck von 1000 Meilen.

mna

Et in Arcadia ego.

25. Mai. 2016
von Don Alphonso
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21. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Fastenzeit für den Leichenwurm

So schnei schdiabd da Mensch ned
Meine Grossmutter

Mit einem leisen Schmatzen versinken meine Schuhe im Schlamm, Der Himmel ist graublau, die Luft ist feucht vom Starkregen der Nacht, und um das Auto herum breitet sich eine Sumpflandschaft aus. Es ist wirklich sehr früh am Morgen. Hinter mir liegt eine unruhige Nacht und vor mir der Anlass, warum ich schlecht geschlafen habe. Etwas mehr als 105 Kilometer auf dem Rad.

erob

Das klingt nicht so schlimm. 105 Kilometer werden die meisten schon schaffen, wenn sie einen Tag Zeit haben. Erschwerend kommt hinzu, dass das Rad historisch sein muss. Meines ist 40 Jahre alt. Und so alt sind auch die Bremsen, was ein Problem ist, denn die Strecke ist nicht gerade eben. Zwischen Start und Ziel in Buonconvento, südlich von Siena, liegen mehr als 2000 Höhenmeter. Das ist in etwa so viel wie zwei Mal der Jaufenpass über die Nordrampe von Sterzing aus. Und die Mehrheit dieser Höhenmeter werden auf grobem Schotter absolviert, egal ob bergauf oder bergab. Und deshalb schmilzt die Gruppe praktisch aller Menschen, die 105 Kilometer radeln könnten, heute auf anderthalb tausend zusammen, die bereit sind, sich die Strapazen anzutun. L’Eroica heisst die Veranstaltung.

eroa

Ich weiss, was ich hier im Schlamm tue. Vier mal habe ich teilgenommen, vier mal bin ich angekommen. Beim ersten mal habe ich mein müdes Fleisch wieder und wieder gegen verregnete Berge geworfen und auf einer Spur Blut und Schweiss nach oben gezerrt. Die Berge wollten nicht so wie ich und der Körper wollte auch nicht. Ich habe überlebt, aber es fühlte sich wie der Tod an. Tot ist man, wenn der Körper aufgibt. Dieser mein Körper und die Berge, die wollten mich damals tot machen. Danach habe ich viel trainiert und gelernt, mich mit den Bergen abzufinden. Trotzdem bin ich bei den nächsten Terminen wieder am Ende wie ein nasser Sack vom Rad gefallen. Jedes Mal dachte ich ans Aufgeben. Jedes Mal musste ich den Körper irgendwie über diese verdammten Berge schleifen. Auch im letzten Herbst im Regen, in 70 verdammten Kilometern im Dauerregen. Immerhin, es war das erste Mal, dass ich am Ende nicht wie ein nasser Sack umgefallen bin.

eroc

Und nun stehe ich wieder in Buonconvento, und die Schuhe versinken im Schlamm. Regnen soll es den ganzen Tag, sagt der Wetterbericht. Ich könnte daheim im Bett liegen und schlafen, ich könnte den Dom von Siena besuchen, ich könnte schlau sein und mir sagen: “Lieber Mann, Du hast vor diesem Tag einen Monat mit dem Training ausgesetzt. Zuerst warst Du drei Wochen mit dem Auto in Italien, und dann mit schwerem Heuschnupfen daheim in einer verriegelten Wohnung. Du bist keinen Meter gefahren. Du hast Asthma, ein Bein ist zu kurz und die Füsse sind unterschiedlich. Geh nach Hause, lass Dir ein Attest schreiben und Dich als behindert einstufen, und kauf Dir vergünstigte Fahrkarten mit dem Zug. Da kommst dann auch überall hin. Es gibt Leute, die aus ihrer Behinderung erfolgreiche Blogs machen! Kein Schulkamerad würde Dich je hier erwarten. Du musst niemandem etwas beweisen. Das hier ist so ziemlich der letzte Ort, wo ausgerechnet Du jetzt sein müsstest. Und Du weisst, dass Du jetzt nur leiden, leiden und nochmals leiden wirst.“

erod

Aber genau das ist es: Dass alle, die einen früher beim Fussball spielend leicht umtänzelten, die einen beim Laufen zurückgelassen haben und so mühelos am Reck durch die Luft flogen, jetzt erdenschwer irgendwo in Deutschland Wochenende haben, sich im Bett von der Arbeit und dem Kantinenessen erholen, und genauso wie ich die Einschläge näher kommen hören. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen und unsere Reihen lichten sich – erst die Herzinfarkte, später dann Gehirnschlag, Krebs und noch unschönere Dinge. Das geht gerade los und wird nicht aufhören, bis wir alle unter der Erde sind. Mir reicht es, dass meine Schuhe schon 2 Zentimeter tief im Schlamm sind. Tiefer soll es nicht zu den Leichenwürmern hinunter gehen. Ich lasse die Bedenken am Auto zurück und fahre durch das offene Tor raus aus Buonconvento, und werde gleich von einem Tandem abgehängt: Schweizer auf Hochzeitsreise.

eroe

Die Strasse ist noch feucht. Aber es regnet nicht.

erof

Also wirlich gar nicht. Kein einziger Tropfen.

erog

In den Tälern liegt romatischer Dunst, es ist zu Beginn etwas kühl, aber ich bewege mich und werde schnell warm.

eroh

Es ist schön. Auch an den steile Anstiegen ist es schön. Die Sonne scheint. Die Speichen zerteilen das Licht in Fraktale des Glücks und der Freude.

eroi

Ich bin in Italien. Das Land ist schön. Sagenhaft schön. Vielleicht gibt es ein schöneres Land auf dieser Welt, aber dann würde man vielleicht sterben. Vor Glück. Hier hat es eine herbe Note, wenn es mörderisch steil bergab geht und dann wieder fast unbezwingbar nach oben. Aber es ist schön. Nur schön.

eroj

Und es regnet nicht. Überhaupt nicht. Die Wettervorhersage ist so glaubwürdig wie ein Wahlversprechen der SPD, und ich fliege über Steigungen hinauf, die Sigmar Gabriel nie wird hochkeuchen können. Merkel auch nicht. Nichts gegen Fette, ich will sie auch nicht beleidigen, ganz im Gegenteil, man braucht Negativbeispiele, um sich positiv zu entwickeln. Ich fahre nicht schnell, ich habe keinen Ehrgeiz, ich will hier nur ankommen, und zum ersten Mal habe ich überhaupt keine Zweifel, dass es gelingen wird.

erok

Natürlich habe ich zu stöhnen und zu japsen. Natürlich steige ich ab und schiebe. Natürlich kostet mich der Anstieg nach San Angelo in Colle Kraft und Zeit. Natürlich fliegen andere an mir vorbei. Aber mit mir zusammen schiebt eine vergnügte Gruppe Italienerinnen und Italiener, die auch keinen grossen Ehrgeiz haben. Das Licht funkelt durch das Laub. Es ist Frühsommer. Es ist anstrengend und schön. Es gibt hier nichts, gar nichts, was nicht schön wäre. Vielleicht bin sogar ich ein wenig schön, der ich schiebe, aber eben leichtfüssig und fröhlich singend: Tutto vanita, sono vanita, vivete con goia e semplicita… Der Schlamm ist längst getrocknet, weisser Staub knirscht unter den Schuhen, und irgendwann werden wir auch alle Staub sein. Aber nicht heute. Heute leben wir.

erol

Debil grinsend erreiche ich den Gipfel, wo ich letztes Jahr noch an das Aufgeben dachte. Debil grinsend knalle ich über die Schotterpiste nach Castelnuovo del Abbate, und beim langen, langen Anstieg nach Montalcino vergeht mir zwar das Grinsen, aber nie das Gefühl, diesmal auf der richtigen Seite zu sein. Manche finden ja, man sollte sein Fett akzeptieren und damit zufrieden sein, dann werde die Gesellschaft schon aufhören, einen zu diskriminieren – die Berge hier diskriminieren einen, bis sie einen umgebracht haben. Nichts verspottet die Schwäche so sehr wie ein Berg, den man nicht schafft. Dieser Berg wollte mich letztes Jahr umbringen. Dieses Jahr komme ich darüber hinweg.

erom

In Montalcino gibt es Eintopf. Es gibt Sonne, Sonne, Sonne, es gibt Komplimente für mein Rad und staunende Touristen, die sich das alles gar nicht vorstellen können. Geniesserreisen in der Toskana, Wine Tasting mit Brunello, und dann sitzt da einer an der Loggia und bekommt nach 60 staubigen Kilometern einen Eintopf… wie kann man nur.

eron

Letztes Jahr habe ich mich das auch gefragt und dieses Jaht, ein paar Kilo leichter und etwas besser trainiert, ist die banale Antwort: Ich will es so. Ich will nichts anderes. Ich will genau hier sein. Staubig, hungrig, zufrieden und mit nochmal 45 Kilometern vor mir.

eroo

Es folgen nämlich nach einer rasanten Abfahrt die schönsten Abschnitte der Strecke. Eine dreidimensionale Postkartenidylle.

erop

Ich baue deshalb fast einen Sturz. Ich begaffe die Landschaft, ich verliebe mich in die Kurven der Hügel und in das satte Grün, und schaue gar nicht mehr auf die Strasse. Und fahre kerzengerade in ein Stopschild vor einer Baustelle. Andere rutschen in der Berliner U-Bahn auf einem glitschigen Dönerpapier aus, ich falle beinahe in Baustellen der Toskana. Jeder stirbt für sich allein, aber selbst der Tod macht immer noch Unterschiede.

eroq

Passiert ist dann aber nichts. Alles bestens. Also weiter, immer weiter, noch ein Hügel, noch einer, Schafherden, Gehöfte, Wälder, blauer Himmel, Sonne, Sonne, Sonne. Es war der schlimmste Tag seit Wochen angekündigt, es wurde der schönste Tag, den man sich vorstellen kann. Sollte ich je erklären müssen, was unverschämtes Glück ist: Dieser Tag. Denn natürlich regnet es. Es schüttet. Hinter Montalcino, als ich längst weg bin. Die Gewitter sind eine feine Kulisse, geben dem Radler den Eindruck, den Gefahren zu trotzen – und ziehen dann ab.

eror

Alles fügt sich. Das ganze Leben fügt sich. Hier der Berg, da die Muskeln, dort die Sonne, hier die gebräunte Haut. Nicht das Schicksal peitscht mich diesmal nach oben, die Himmelsmechanik lässt mich über den Planeten wandern. Ein jeder an seinen Platz und mich zwischen die Wiesen und Pinien, die Kette auf die Ritzel und der tropfenden Schweiss in die Erde. Es kommt der Hunger, es kommt der Durst, es kommt die Kontrollstation, und noch ein Buffet mit toskanischen Spezialitäten und stilsicher gekleideten Frauen und Männern, die einem alles geben, was man will.

eros

Es kommt die Abfahrt und der Sturm, der einen dabei umtost, es kommen Kurven, die Gott erschuf, als er am siebten Tag gut gegessen hatte und etwas Entspannung brauchte, es gehen alle Skrupel und ja, natürlich sollte man sich auf einer vierzig Jahre alten Kiste mit schlechten Bremsen nicht einfach der Schwerkraft hingeben, aber der Stachel des Todes ist woanders und egal, wo die Hölle gerade siegen mag: Es ist so einfach. Es ist so viel Freude. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, aber der Krampus hat jetzt mal Pause und das Rad liegt wie ein Brett auf dem Asphalt. Über 2000 Meter geht es hinauf, aber über 2000 Meter geht es auch hinunter.

erot

Und dann, eher als gedacht, auch wieder hinunter nach Buonconvento. Ich falle nicht wie ein nasser Sack vom Rad. Kein Kind schaut mich mitleidig an. Auf den Bildern sehe ich gut aus, als ob ich nochmal 20 Kilometer fahren könnte, und so ist es auch. Ich bin gut durch, etwas erschöpft, aber nicht am Ende der Kräfte. Es geht mir gut. Ich habe nicht nur überlebt, ich habe gelebt.

erow

Die Kumpane tragen ihre Ehrenmedaillen, die beweisen, dass auch sie das Zeug zum Helden haben. Zu sechst sind wir aufgebrochen, zu sechst im Ziel eingelaufen. Alle haben dieses l’Eroica-Grinsen im Gesicht. Das versteht keiner, der es nicht mitgemacht hat.

erou

Man kann auch daheim bleiben und grillen. Das Leben hat viele Seiten, und manche sind auch wirklich schön. Man muss das hier nicht tun. Man macht das aus freien Stücken, und redet auch nicht darüber, dass man angefressen ist und die Tage bis zum Oktober zählt, da in Gaiole die 20. Auflage stattfinden wird – dann vielleicht wieder mit Schlamm und Regen, wer weiss das schon, und noch schlimmer, mit deutschen Reportern von Onlineportalen, die auf den Radtrend aufspringen. Und denken, 145 Kilometer in der Toskana, das wird sicher angenehm.

erov

Das ist es. Mit etwas Erfahrung und Übung ist es wirklich schön, die Wunden verheilen, die Krämpfe vergehen, Knochen kann man mit Nieten aus Titan zusammensetzen, so dauerhaft wie Titan bleibt auch die Erinnerung, und so schnell stirbt der Mensch nicht, sagte meine Grossmutter immer. Und hatte natürlich wie immer recht.

(Natürlich können wir Kollegen der Konkurrenz keine Garantie auf unsere Familienweisheiten geben.)

21. Mai. 2016
von Don Alphonso
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13. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Fahrradalltag Berlin: Du kommst als Mensch und bleibst als fetter Hasser

Mantva me genvit, Calabri rapvere, tenet nvnc Parthenope. Cecini pascva, rvra, dvces.

Das ist die Grabinschrift des römischen Dichters Vergil: “Mantua hat mich geboren, Kalabrien hat mich dahingerafft, jetzt hält mich Neapel. Besungen habe ich Weiden, Äcker und Helden.“ So etwas hätte vielleicht auch auf meinem Grab stehen können, denn ich war anderthalb Jahre in Berlin, habe monatlich ein Kilo zugenommen und wäre bald gestorben. Das war ganz einfach, ich habe meine alten, südlichen Ernährungsgewohnheiten beibehalten, die Stadt gehasst und den Sport weitgehend eingestellt. Früher, in München, bin ich im Sommer öfters mit dem Rennrad die 90 Kilometer über Weiden und Äcker heldenhaft heim zur kleinen, dummen Stadt an die Donau geradelt – nach meiner Berliner Zeit habe ich ein Jahr gebraucht, bis ich dazu wieder flüssig in der Lage war. Immerhin bin ich nicht totgefahren worden. Einem Freund einer Bekannten wurden von einem abbiegenden Laster beide Beine abgequetscht.

fethasa

Ich bin nicht gerade ein zurückhaltender Radfahrer. Ich empfinde keine Furcht, wenn ich auf dem Jaufenpass oder Penserjoch langsame Autos überhole. Ich bin selbstbewusst und kenne die Risiken, ich verhalte mich entsprechend und habe genug praktische Übung im Abrollen. Natürlich sind bei uns in den Bergen die Wege voll mit Marterln für Leute, die die Risiken falsch eingeschätzt haben, und bei der l’Eroica gab es auch schon den ein oder anderen Toten. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, und ich sage mir, wenn es hier und jetzt sein muss, dann ist es zwar etwas früh, aber in schöner Landschaft und in glücklichen Momenten. Mir ist voll bewusst, dass ein 23mm schmaler Rennreifen mit 9 bar Druck nicht platzen darf, wenn ich einen Opel in einer Serpentine innen überhole. Die Sache in Berlin ist nur, dass es dort Opelfahrer gibt, die als Stärkere auf riskante Art den Schwächeren überholen, sich bei einer Beschwerde angegriffen fühlen, aussteigen, einen krankenhausreif schlagen – und dabei auch noch Unterstützung durch einen Passanten erhalten.

fethasb

Es ist eine einfache Entscheidung zwischen Schmerzen: Pässe gibt es vor allem in den Bergen und prügelnde Opelfahrer vor allem in wuchernden Megaslums wie Berlin. Das war vor zehn Jahren auch nicht anders. Ich hätte bis zur ersten offenen Landschaft sieben Kilometer durch den Norden Berlins radeln müssen. Das war mir einfach zu riskant. Radwege sind für Berliner Parkplätze, Müllabladeflächen und Kinderwagenschiebezonen. Rennräder sind für den Strassenzustand auf dem Niveau von Bukarest ungeeignet. Berliner Autofahrer sind brandgefährlich, es gibt dort eine mörderische Vollgasszene und eine Polizei, die sich zu wenig darum kümmert. Und obendrein noch den Berliner Kampfradler, der sich als Antifaaufmarsch auf zwei Rädern und Artgenossen als Gegner betrachtet. Der krönende Abschluss der Genpoolreduzierung ist der wackelnde Fixiefahrer, auf der falschen Strassenseite handynierend – manche wollen auch einfach sterben.

fethasc

Ich habe es jedenfalls mit einem Bergrad probiert, an manchen ruhigen Abendstunden, auf wenig befahrenen Strecken. Aber es war im besten Fall laut, hässlich, stinkend und für Lunge und Seele keine Erholung. Ich bin ebenso genervt abgestiegen, wie ich in Berlin öffentliche Verkehrsmittel verlassen habe. Ich bin im Kiez viel zu Fuss gegangen, und war ansonsten froh, mich von der Stadt mit dem Blech des Automobils abgrenzen zu können. Fortbewegung ist dort eine Form der Isolation, der Ignoranz und der Risikoanalyse. Der andere ist potenziell gefährlich, man ist immer geneigt, ihm einen Fahrfehler oder schlimmes Verhalten zu unterstellen.

fethasd

Auch in Staggia halten dauernd Leute bei mir an. Aber niemand tut das, um mir auf den Mund zu hauen. Wenn ich am Selbstauslöser der Kamera justiere, vermuten sie einen Defekt oder einen Sturz und fragen, ob sie helfen können. Wenn ich mein Rad vor der Bäckerei stehen lasse, lerne ich nach dem Einkauf Leute kennen, die sich über das Rad unterhalten. Wenn ich eine alte Villa ablichte, schauen Joggerinnen, was ich da mache, und erzählen mir, was sie über das Haus und seine Besitzer wissen, und dass das ein wirklich schöner Ort wäre. Auf den schmalen Strassen rast niemand. Ich werde behutsam überholt. Man behandelt mich gut und menschlich und respektvoll. Ahhhh. L’Eroica, sagen einige, die den Zweck meines Aufenthaltes kennen.

fethase

Es gibt da über kleine Orte wie jene, in denen ich lebe, eine interessante Architekturtheorie. Sie sind mit geringen Mitteln in der Lage, grandiose urbane Räume zu schaffen, die dann die Gemeinschaft formen. Diese Räume fehlen den grossen Nachkriegsstädten, weil man zugunsten des Verkehrs darauf verzichtet hat, sie für Menschen frei zu halten. Die kleinen Orte haben dagegen einen Raum, um ungestört soziale Beziehungen auf kleinstem Niveau zu erlernen und zu fördern: Bankerlsitzen für die Alten, Flanieren für die Jungen, Spielen für die Kinder. Ohne Kosten in einem Cafe, ohne Zwang, einfach so. Dann ergibt sich das Zusammengehörigkeitsgefühl ganz von allein, man praktiziert es schliesslich dauernd. Alles fügt sich, jeder findet auf seine Weise einen Platz. Und wenn die Gesellschaft nur offen genug ist, ist da auch genug Raum für Unterschiede und Akzeptanz – eine ganze Reihe führender Stadtstaaten der Renaissance sind auf diese Art und Weise entstanden. Aber dafür braucht man auch den Raum, und deshalb reagierten diese frühen Bürgerstädte immer sehr allergisch, wenn jemand versuchte, in öffentliche Plätze einzugreifen. Man wusste damals um die Bedeutung dieser Freiräume.

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In Italien wirft man überall den Autoverkehr aus den Innenstädten, mach eine Zona Traffico Limitato, und sofort wächst wieder das schöne Leben und der freundliche Umgang. Es ist eine radikale Lösung, aber sie bringt auch radikal gute Ergebnisse, weil der Freiraum die Menschen mehr als das Automobil anzieht. Ganz gerecht ist das natürlich nicht, denn von so einer Zona profitieren vor allem die Menschen mit Zeit. Man kann nicht alle retten, aber mit vielen gut auskommen. Hier sind alle freundlich, aber in Berlin schlägt ein Opelfahrer einen Linkenpolitiker und noch einer mischt sich ein. Das ist nicht einfach nur eine Lokalnachricht. Es ist eine kulturelle Kluft, und sie hat meines Erachtens viel mit Isolation zu tun. Isolierte Menschen tun so etwas. Clans, das erlebt man – bisher – in Afghanistan, können auch übel isolieren und steinigen, da geht dann der Zusammenhalt in eine falsche Richtung. Aber ich gleite hier mit dem Rad durch Wolken des Wohlwollens. In Berlin wäre ich schwacher Kämpfer in einem Verteilungskrieg um die Strasse.

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Dortselbst will man nun mit basisdemokratischen Methoden erreichen, dass Radfahrer mehr Raum auf den Strassen bekommen. Die Idee an sich ist lobenswert, aber eingedenk der Mentalität diverser Autofahrer, Kampfradler und Autoanzünder so hilflos, als würde die UN bei Steinigungen in Afghanistan mehr Abstand für die Opfer fordern. Schutzzonen, das hat man schmerzhaft im zerfallenden Jugoslawien erkennen müssen, sind nur so gut wie die Durchsetzung des Schutzes. Wie viele Apache-Kampfhubschrauber hat die Polizei bei uns, und was sagen die Grünen in Kreuzberg zu Uranmunition? Der zerrissene Asphalt der Gassen kleiner italienischer Orte ist nicht viel besser als Berliner Prachtboulevards – der Zustand der Infrastruktur ist nicht das entscheidende Kriterium. Es geht um die Mentalität der Bewohner, um das soziale Bewusstsein, das definiert, wie sich Verkehr abspielt. Sieht man sich als Gemeinwesen, ist Verkehr kein Problem. Hat man einen Verkehr wie in Berlin, gibt es offensichtlich uneingestandene Probleme im Miteinander der Kulturen und Klassen. Amazon setzt eins drauf und will die Stadt mit Lieferung innerhalb einer Stunde noch mehr mit Kurieren belasten: Wer zahlt, schafft an, wen der nächste Lieferwagen überrollen wird. Da rettet einen auch kein Fahrradalltag-Hashtag.

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Manche glauben an den langsamen Wandel, aber ich glaubte an mein schönes Leben. Ich war vor 10 Jahren schon nicht mehr ganz jung und sah meine persönliche Zukunft nicht als Laborratte eines verkehrspolitischen Asozialexperiments. Ich zog heim gen Süden und lebte dort auf, wo Vergil geboren wurde, und weder Neapel noch seine vorsibirische Partnerstadt könnten mich halten. Es gibt einfach Failed Cities und gescheiterte Stadtgesellschaften, und das Berliner Argument, dass es in Mogadischu noch schlimmer sei, will ich nicht bestreiten: Ich lasse als toleranter Mensch anderen gern ihre Meinung. Wo ich bin, haben ganze Kommunen die Kraft, sich gemeinschaftlich zur Citta Slow zu entwickeln. Dort gibt es dann innerhalb der urbanen Mobilität einfach keine gewalttätigen Übergriffe auf andere. Man geht von den Menschen aus und verändert die Menschen.

So wie in Berlin. Nur im Guten.

13. Mai. 2016
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08. Mai. 2016
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Die Dämonen am Tor von Monteriggioni

TNT Hey Hey Hey

Ich habe ein Rennrad gekauft.

Manche Stammleser werden jetzt grinsen, weil sie wissen, dass ich schon mehr als ein Rad habe. Die genaue Zahl kenne ich nicht, aber an einem Ort ist ein Speicher voll und an einem anderen ein Keller. Ich habe wirklich viele Rennräder, die meisten sind eher älter – man könnte sie als Erfüllung von Jugendträumen bezeichnen. Gerade eben habe ich eines verschenkt. Das ist der Beweis, dass ich nicht habgierig bin, ich schraube nur gern und fahre auch gern. So, wie manche gern zur Beruhigung in den Biergarten radeln und Bier trinken.

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Das ist es: Ein 1974er Capelli, und es ist ganz oben oberhalb meines Wohnortes, auf dem Berg von Lecchi über Staggia Senese. Es gehörte früher einem passionierten Rennfahrer, und er hat es verkauft, weil er zu alt dafür wurde. Aber immerhin, von 1974 bis 2016 hat er sich damit, so weit es ging, bewegt. Es ist ein phantastisches Rad dieser Epoche, alle Komponenten sind hochwertig, das Aluminium funkelt noch, der Lack schimmert und die berüchtigten Galli Super Criterium Bremsen mit ihren teuren Titanachsen sind bergab lebensgefährlich weich. Speziell hier, wo es steil bergab geht. Von einer scharfen Rechtskurve auf eine enge Brücke, auf der kein Rennradler mit einem Auto zusammen Platz hat. Diese Kombination aus miserabler Bremse, altem Gummi, schlechter Strasse und wenig Platz kann natürlich auch schon mal die Lebenserwartung drastisch senken, aber den Beitrag schreibe ich unten in Staggia, und ich habe überlebt. Das ist schon einiges.

daemb

Denn langsam komme ich in das Alter, in dem die statistische Unwägbarkeit meine Anwesenheit auf Leichenfeierlichkeiten von Menschen erfordert, über die man nicht mehr sagt “er hat noch gelebt?“, sondern “er war doch noch gar nicht so alt“. Hier in Italien kleben noch immer die grossen, öffentlichen Todesanzeigen an den Wänden, zwei etwa an der Pizzeria, wo mein Weg vor Castellina in Chianti abzweigt und nach einem 14%er bergab wieder einen 14%er hoch nach Lecchi führt. Da entwickelt man einen Sinn dafür, wie schnell es gehen kann. Und wie langsam, wenn der Berg sich auftürmt. Und wie man körperlich so drauf ist, in der, geben wir es zu, Ouvertüre zur zweiten und vermutlich auch letzten Lebenshälfte. Ein älterer Herr würgt, keucht und jammert sich den Berg zur Pizzeria hoch, und deutsche Touristen meines Alters denken sich in der Pizzeria, dass diese Italiener einen an der Klatsche haben, sich bei diesen Temperaturen so zu schinden. Da bin ich also mitten im Leben vom Tod umfangen. Und nur wenn ich mich im Gegenlicht vor der Toskana so sehe, könnte ich auch noch deutlich jünger sein. Allein, dem ist nicht so.

daemc

Mit 30 ist man auf dem Gipfel seiner Kräfte, mit 80 – oder bei mir, weil ich vermögend bin, auch erheblich später – liegt man stocksteif bereit für den Leichenwurm. Macht also 50 Jahre, statistisch verliert man pro Jahr 2% Leistungsvermögen, Geschmeidigkeit, Reaktionsschnelligkeit und Beweglichkeit. Das geht ganz langsam, weshalb auch immer noch ein hippes Craft Beer oder ein Wodka hinter die zum T-Shirt-Kragen mutierte Binde passt, ohne dass man wie ein Suchtl wirken würde. Tourenradeln im Alter geniessen die meisten nun mal auf einer Terrasse sitzend mit Blick auf Geschundene, und die Veränderungen sind auch nur ganz langsam. Man merkt das vielleicht im Abstand von 4, 5 Jahren, wenn man sich erinnert, was früher mühelos ging und 1000 Craftbeere a 5 Euro die Flasche später nicht mehr geht. Fünf Jahre sind in unserem Alter schon 10% Restlebenslaufzeit, da gehört der Verschleiss dazu, sagen manche und nehmen noch einen Schluck.

daemd

Es ist eine ganz leichte abschüssige Gerade, die zur Leichenstarre führt, und es ist wirklich erstaunlich, was so ein Körper manchmal alles wegsteckt. Der eine wird vom Teer zusammen gehalten und steinalt wie Helmut Schmidt, und der andere verstirbt früh auf dem Jägersitz, ohne den Sturz des Kommunismus erleben zu können, wie Franz-Josef selig. Das ist Statistik. Der Rest ist geschicktes Marketing. Etwa, dass Craft Beer irgendwie natürlicher sein soll, oder light Zigaretten wirklich light, oder das Schmerzmittel Cannabis nur selten blöd macht und nicht zu Crystal Meth in Berlin führt. Und Fahräder?

daeme

Das hier ist Monteriggioni. Monteriggioni ist die Grenzfestung von Siena gegenüber der Florentiner Festung von Staggia Senese. Staggia ist durch einen Fluss geschützt, Monteriggioni durch einen steilen Berg. Und immer, wenn ich zur l’Eroica fahre, führt hierher meine erste Testrunde. Staggia → Monetiggioni → Abbadia Isola → ein Schotterstück Via Francigena → Val di Elsa → über den Höhenzug zwischen Val di Elsa und Staggia zurück. Ein kleiner Vorgeschmack auf die Grausamkeiten, die da kommen werden. Monteriggioni jedenfalls hat einen enorm knackigen Anstieg, den niemand auf dem Rad fährt und einen weniger knackigen Anstieg, der fahrbar ist und um so steiler wird, je höher man zum Gipfel kommt. Man hat das Schlimmste, wie auf vielen Hügeln der Toskana, immer noch vor sich, man gewöhnt sich nie an die Grausamkeiten, die da kommen. Es fahren, wie gesagt, nur wenige Menschen mit dem Rad hier hoch, und am Übelsten ist es direkt am Tor,. 2010 bin ich mit einer Übersetzung von 39 vorn 26 hinten irgendwann abgestiegen. 2014 hatte ich ein Rad mit Untersetzung dabei, damals ging das einfach – und kaufte danach ein De Rosa mit 39/26. Und schaffte es hoch, mit brennender Lunge. Das Capelli nun hat, anderthalb Jahre Schinderei weiter, 41 vorn und 23 hinten. Und ich komme hoch. Und niemand schaut mich, wie früher, entsetzt oder mitleidig an. Ich gehe aus dem 42 Jahre alten Sattel, presse alle Kraft in Lenker und Pedale, und sage T-N-T Hey Hey und explodiere, so empfinde ich das wenigstens, wie eine Feuerfettwalze da hinauf. Direkt auf die Dämonen meiner Schwäche am Tor zu, die mich früher ausgelacht haben.

daemf

Die Leute schauen wirklich anders, wenn da einer nicht mehr absteigt, sondern über die ganze Toresbreite hin und her fliegt und aussieht, als würde er mit gefletschten Zähnen die Haxen abnagen. Auch Ältere in meinem Weg werden plötzlich behende, wenn ich zum Sturm ansetze. Ich habe es selbst probiert und 400 Euro für ein eigentlich vollkommen sinnloses Rennrad ausgegeben, und niemand kann das verstehen. 39/26, 41/23, das sagt den meisten Menschen überhaupt nichts, so wie sie sich die 2% Verlust jedes Jahr nicht vor Augen halten. Und es bedeutet auch nichts, wenn man jung ist, und der Körper schnell wieder schlank und geschmeidig und aufnahmebereit für das nächste Bier wird. Aber ich bin seit dem Herbst 2010 über fünf Jahre älter geworden und habe gute Menschen sterben sehen. Ich fahre mit anderen, die in meinem Alter erheblich stärker und schneller sind. Ich werde nie zur Spitzenliga gehören, aber dennoch war Monteriggioni vor 6 Jahren ein Dämon, der mich bremste. Jetzt brenne ich darüber hinweg, obwohl ich 20% mehr Kraft aufbringen muss.

daemg

Das wurde mir wahrlich nicht in die Wiege gelegt: Ich war gut begründet unter Franz Josef Strauss für den Barras untauglich, und wenn ich das dort hoch schaffe, schafft das eigentlich jeder. Trotzdem stehen da oben E-Bikes und Amerikaner keuchen sich hoch, Japaner schützen sich vor der Sonne und Deutsche stopfen etwas in sich hinein. Hier sind hunderte. Einer ist mit dem Radl da, und mit schweissverklebten Augen und wie Pech stinkend sehe ich Tote, viele Tote. Mit Puls 180 kommen die Visionen der Pilger, auf deren Spuren ich wandle, ganz von allein. Manche, die sich damit auskennen und ihre Dämonen mit Gift betäuben, sagen mir, was ich erzähle, klänge ein enig wie im Drogenrausch. Wenn es so ist, dann sollten diese Leute statt Alkohol, Zigaretten, Street Food und Crystal Meth mal einen hohen Alpenpass probieren. Das ist Höllenfahrt und Auferstehung in Einem.

daemh

Mitten im Leben sind wir alle vom Tod umfangen, niemand kennt Ort noch Stunde, aber ich kenne jetzt die Übersetzung, mit der ich hoch nach Monteriggioni komme. Dafür musste ich ein Rad erwerben, und keiner der Jungen ohne Gebrechen kann es verstehen. Sie wissen noch nicht, wie es sein wird, wenn die Dämonen sie als leichtes Opfer gejagt haben, an jeder Steigung, an jedem Berg. Niemand ausser mir kann sie in Monteriggioni erkennen, niemand kann es nachempfinden, wie es ist, wenn man die Dämonen dann endlich vor sich hat und wie Gottes strafendes Schwert über sie kommt. Ich peitsche nicht mein Rad durch das Tor, sondern meine Dämonen. Dafür habe ich die funkelnde Geissel aus Stahl und Leichtmetall bezahlt. Dafür bin ich wieder hier.

daemi

Natürlich kann man sich mit den Dämonen gut stellen, und sie auch wohldosiert aus der Flasche nehmen, in Venen spritzen oder rauchen. Man kann von den anderen Fat Acceptance verlangen und behaupten, Fett sei politisch und eine Normschönheit Unterdrückung. Jede angefressene, angesoffene Zelle sei wertvoll, Recht auf Rausch und bitte keine Regeln für Drogen. Dann kommen die Dämonen aber irgendwann wieder, stärker als je zuvor, beim Absturz, beim Schuheanziehen, bei der ersten Treppe, in der Bandscheibe, und die Gesichter werden fahl und grau, als wären es Mitglieder der Bundesregierung. Man entkommt den Dämonen nicht. Die Pilger, die auf dieser Strasse nach Erlösung und Vergebung suchten, wussten das noch. Man muss sich den Dämonen irgendwann stellen, oder sie reissen einen zur Hölle hinab. Wir aufgeklärten Atheisten und Ungläubige haben keine Hoffnung auf eine Ewigkeit, die uns danach noch bliebe. Das ist der Preis, den wir für diese Epoche bezahlen: Es gibt in dieser unserer absurd reichen Welt keine Erlösung als Gratisbeigabe. Aber die Dämonen sind in allen Ritzen und Ecken des Daseins geblieben, und warten auf die Schwäche.

Es gibt nur das, was uns die Dämonen antun.

Oder wir den Dämonen.

 

Sie sollten ein wenig mehr für ihre Gesundheit tun, liebe Leser.

08. Mai. 2016
von Don Alphonso
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06. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Wie man Draghis Helikoptergeldangriff überlebt

Es gehört zu den Merkmalen eines Politikers, sich grundsätzlich an nichts erinnern zu können.
Eberhard von Brauchitsch

Das Dasein als Atheist hat den leicht fragwürdigen Vorteil, dass man nicht vor seinen Schöpfer wird treten müssen, denn den gibt es dann – im Gegensatz zum Tod, leider – nicht. Als Junggeselle muss man auch nicht vor den Traualtar und Priester treten. Aber es kommt der Tag, da muss man vor seine Vermögensverwalterin treten und ein paar Dinge klären. Weil ein Mitglied der Familie ein höheres Tier bei eben jener Bank war, bei der ich hauptsächlich bin, blieb ich lange von solchen Angeboten verschont, aber als ich gerade von meiner letzten Italienreise nach Hause kam, klingelte das Telephon. Da wären ein paar Unterschriften zu leisten, neue Gesetzeslage und so, und nachdem ich ja gleich wieder nach Italien entfloh – exakt in die Bildmitte unten -, machte ich den Termin gleich am nächsten Tag.

dragha

Dortselbst benahm ich mich vorbildlich und gar nicht gierig, zeigte mein totales Desinteresse für neue Anlageformen und erklärte meine Lebenseinstellung: Dass jedem von uns, egal ob reich oder arm, maximal 2 Quadratmeter gegeben seien, auf denen wir gerade sein könnten, und das wichtigste Ziel im Leben sei lediglich, gesund und verpflichtungsfrei diese 2 Quadratmeter an einem schönen Ort zu haben. Das klingt fast so schick, nachhaltig und bescheiden wie Diogenes in der Tonne und verschweigt natürlich, dass man 2 Quadratmeter hoch über der Altstadt mit Blick auf bedeutende Baudenkmäler meiner dummen, kleinen Heimat an der Donau nur mit einem weiteren bedeutenden Stadtpalast besitzen kann. Und auch 2 Quadratmeter Terrasse mit Blick auf die Alm am Tegernsee gibt es nicht allein. Alle haben wir diese 2 Quadratmeter, aber soziale Klassen entstehen, weil die einen es sich nicht aussuchen können und die anderen einen enormen Aufwand und viele weitere 2 Quadratmeter brauchen, um ihre bescheidenen Wünsche zu erfüllen. Die fehlen dann natürlich den anderen.

draghb

Das wissen Sie alle natürlich von daheim und ich weiss es auch, aber man muss es der Vermögensverwaltung nicht so brutal sagen. Es reicht, wenn die Berliner schon der Meinung sind, sie müssten sich daran irgendwie beteiligen, denn dann wäre es vorbei mit den schönen 2 Quadratmetern. Aber wie auch immer, ich habe also meine Lebensmaximen vorgetragen, ein wenig erzählt, was ich so habe, und einiges wohl auch übersehen, aber ich sehe es panamaisch : Wenn ich nicht daran denke, muss es auch kein anderer wissen. Dass ich nicht ganz arm bin, kann man meiner Kenntnis der Immobilienpreise entnehmen und dass ich nicht reich bin, meinem Gejammer über teure 25 Liter Verbrauch meines Autos, wenn man nur mal rechtzeitig die Staatsoper in München erreichen will. Nachdem Sie, liebe Leser, auch nur über Statistiken lachen können, die den Reichtum in Deutschland bei einer läppischen viertel Million Vermögen beginnen lassen.werden Sie auch verstehen, dass es nur angemessen war, wenn ich den Eindruck von Mittelklasse entstehen liess.

draghc

Natürlich wollte ich nicht unhöflich sein, und als ich gefragt wurde, ob ich denn irgendwelche Wünsche an die Bank hätte – da habe ich, rein interessehalber, gefragt, wie es denn mit einem Kleinkredit aussehen würde. Also wirklich nicht viel, aber etwas über dem Überziehungsrahmen, und weil die Zinsen gerade so günstig sind, und die Immobilienpreise in Italien so gefallen sind, ein paar Hunderttausend. Doch, bekam ich zu hören, bei meinen Sicherheiten ginge das durchaus, da könnte man eine Frage an den Fachmann im Haus stellen. Wir plauderten dann noch etwas über die Schönheiten Italiens,stellten fest, dass ich als “Arbeiter“ eingespeichert war – das letzte Mal war ich tatsächlich hier, als ich im hiesigen Grosskonzern mit 17 Jahren Ferienarbeit leistete – und weil im harten Daseinskampfe anderer Leute “Taugenichts“ ebenso wenig ein Beruf zu sein scheint wie “Sohn“, steht da jetzt “Autor“. Ich stieg auf mein 40 Jahre altes Schweizer Rennrad, radelte heim und fand in meinem Postfach schon die Nachricht, das mit dem Kredit wäre gar kein Thema und ich sollte mich melden, wenn ich etwas Passendes gefunden hätte.

draghd

Gleich nach einer Petition von Change.org für mehr soziale Gerechtigkeit, die ich sofort unterschrieben habe. Denn nur zu gut erinnere ich mich an jene Tage meiner Jugend, als meine Eltern die zutreffende Ansicht vertraten, dass ein Sohn aus besserem Hause in München nicht zur Miete wohnen sollte, und mit Blick auf die Raubmordsteuerlast des Staates einen Teil dieser Wohnung auf Kredit kauften. Trotz exzellenter Verbindungen ins Haus und bekannter Bonität war das damals in den späten 80er Jahren keinesfalls eine Sache von einem Heimradeln – da wurde alles sehr genau geprüft, Sicherheiten wurden einer ausgiebigen Bewertung unterzogen, der Wohnungsverkäufer musste sich etwas gedulden . So war das eben in der alten Bundesrepublik. und ich verstand auch als gänzlich unerfahrener Mensch, warum in meinen Kreisen jedes Familienmotto lautet: “Es geht nichts über den Koffer“. Jetzt also hatte ich eine ungefähre Anfrage gemacht, ohne ernste Hintergedanken, und eine enorm schnelle Zusage. Ich stand auf, ging zum Fenster und schaute, ob da oben irgendwo ein Hubschrauber mit Herrn Draghi kreiste.

draghe

Aber so etwas geht heute wohl elektronisch. Ich warf ein paar frische Hemden in den Koffer, denselben in das benzinsaufende Monster, legte das gut verpackte Rennrad auf den Beifahrersitz und tat, was echte Autoren, die keine Söhne sein dürfen, so tun: Ich ging in die Arbeit. Die ist gerade bei Siena, nennt sich “l’Eroica“ und bedeutet, dass ich 105 km und 2100 Höhenmeter über Schotter radle, um darüber einen unterhaltsamen Text zu schreiben. Mein Quartier liegt in Staggia Senese in einem kleinen Palazzo in einer Mauer, und gleich vor der Tür erhebt sich ein Höhenzug Richtung Poggibonsi, dessen kleine Strassen giftige Steigungen zwischen Weingärten und Olivenhainen versprechen. Und eine Abzweigung hoch zum Friedhof, die ich nicht nehme, weil ich schon vor die Vermögensverwalterin getreten bin und das reicht jetzt auch erst mal, der Schöpfer kann warten. Der erste kleine Ort auf dem Weg heisst Lecchi, und den kennen Sie alle wegen seines erfreulichen Hotelrestaurants in der gleichnamigen Villa, nehme ich an. Jedenfalls, wenn Sie das nächste mal von Staggia nicht rechts hoch zur Villa fahren, sondern an der Kreuzung gerade aus blicken

draghf

ist da ein Haus mit Vendesi-Schild. Mitten im Chianti-Classico-Gebiet, 12 km von San Gimignano und 22 km von Siena entfernt, sehr ruhig. Es ist zur Strasse schmal und nach hinten hinaus lang, und dahinter geht es gleich wieder ins Tal – unverbaubarer Bergblick in zwei ‚Richtungen und deshalb schwang ich mich auch sofort wieder auf mein Rad und radelte ganz schnell weg. Sie kennen das ja aus Apokalypse Now, wenn die Hubschrauber kommen: Wer weiss, ob nicht hier aus dem Blau des toskanischen Himmels Herr Draghi auftaucht und mich mit Helikopterkrediten mit 2,3% Zinsen bewirft, bei real 5% Geldentwertung, versagender Riesterrente und wimmernden Bausparkassen … dem Mann traue ich alles zu. Also schnell weiter, und ausserdem habe ich ja schon etwas in geschlossenen Ortschaften – was ich bräuchte, wäre etwas abgeschieden, einsam und fern des Trubels. Man kann von Lecchi rechts hinunter Richtung Castellina in Chianti rasen, das kennen Sie sicher wegen des Weinguts Fonterutoli der Marchesi Mazzei von Ihren Hoflieferanten, aber ich blieb diesmal oben auf dem Hügel und

draghg

da steht es.

Und führe mich nicht in Versuchung.

Ausserdem steht es zwar eindeutig leer und verfällt vor sich hin, ein paar Einschüsse künden von der Achtlosigkeit der Hiesigen, aber ein Vendesi-Schild findet sich nirgends. Trotzdem, de facto zahlen wir mit entgangenen Zinsen die Kosten der Eurokrise, das Geld verliert seinen Wert und wer weiss, was denen einfällt, wenn erst mal das Bargeld verboten wird. In Zypern sah man bereits, wie weit dieses Europa zu gehen bereit ist, und momentan drängt es unsereins das Geld geradezu auf. Da oben im Turm könnte man ein schönes Lesezimmer einrichten, alte Flinten über den Kamin hängen und ausserdem jeden EU-Notenbankmitarbeiter von weitem erkennen, dessen Ankunft nichts Gutes verheisst: “Nein, Herr Draghi, Ihren Bargeldeinzieher haben wir nicht gesehen, wir haben die toskanische Landschaft mit Gemüsebeet gepflegt, wir sind Selbstversorger.“

draghh

Es hätte genau die richtige Grösse für einen Einpersonenhaushalt, also 200 m², dazu, wenn man mehr will, rund 100 m² Nebengebäude für die Kleinigkeiten, die das Leben so mit sich bringt. Gästewohnung, Ziegenzucht, Harem, man weiss ja nicht, was noch alles kommt, jetzt, da der Sultan der Türkei mit Befehlen an die Kanzlerin bestimmt, was in Europa geschieht und als Humor gilt. Über den Zweig der Via Francigena, der direkt am Haus vorbei führt, wälzen sich auch keine plündernden Heerhaufen mehr. Ganz im Gegenteil, Frau Merkel hat gerade erneut die Herren aller Länder, die in Florenz bereit sind, den Reisenden für einen kleinen, privaten Obolus in öffentliche und an sich kostenlose Parkplätze einzuweisen, zu sich eingeladen, und hätte gern einen offenen Brenner – die Zuglinie Rom-Verona ist weit weg von hier.

draghi

Doch, es ist hübsch hier, etwas abgelegen und in einem Land, in dem die Mehrheit die EU von Brüssel inzwischen ablehnt, und das weder Wirtschaftskrise noch Schulden in den Griff bekommt – aber auch in Deutschland wird es nicht immer aufwärts gehen. Wer einen hellen Kopf hat, sagen alle Vermögensverwalter, setzt auf kluge Verteilung des Vermögens, und weil es mit als Abstinenzler nicht möglich ist, das mit Wein und a la berlinoise mit Crystal Meth zu tun, frage ich morgen meine Vermieterin, ob sie weiss, was mit diesem Haus los ist. Ich bin nämlich der festen Überzeugung, dass dereinst auch Juncker, Draghi und Erdogan unaufschiebbare Termine haben werden, und selbst Frau Merkel wird dereinst das Schicksal treffen, das Horst heissen könnte. Ich will nur auf der richtigen Seite der Geschichte mit meinen 2 Quadratmetern sein und Platz für ein paar Gemälde haben. Und damit den italienischen Immobilienmarkt ankurbeln, damit das Schicksal Europa wieder freundlich anlächelt.

draghj

Ich bin also überhaupt nicht europaskeptisch, sondern weiterhin überzeugter Europäer, nur eben aus der ausgewogenen Epoche von Bettino Craxi und Ludwig Erhard, von Friedrich Karl Flick und Albert Camus. Sonst würde ich nämlich nach Graubünden reisen, wo es de facto noch Goldwährung gibt.

06. Mai. 2016
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28. Apr. 2016
von Schlimme Helena
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Wie man Frauenaugen leuchten lässt

Ich weiß nicht, ob ich berechtigt bin, diesen Text zu schreiben. Denn ich muss Ihnen vorneweg gleich etwas mitteilen, sofern Sie es an meinem Namen nicht bemerkt haben: Ich bin eine Frau.

Das wird Sie vielleicht überraschen, vielleicht auch nicht.

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Vermutlich wird der eine oder andere von Ihnen das bereits vermutet haben. Aber ich betone es lieber gleich zu Beginn, damit wir uns nicht am Ende in die Wolle bekommen, und ich Ihnen sagen muss, dass ich doch eben nur eine Frau bin. Ganz normale Frauen haben heute in den Medien eigentlich nichts zu sagen. Wir haben nur das Recht, uns Einschätzungen über unser Leben von 30-jährigen Jungautorinnen anzuhören, die genau wissen, was gut für uns ist.

Denn wissen Sie, mit uns Frauen ist es so: Wir wissen wirklich nicht, was gut für uns ist. Wir sind ein bisschen, nun, sagen wir mal, dumm. Wir bekommen das gerade vom Team Recherche der SZ – eine Analyse dazu finden Sie hier – wieder erklärt. Was dort steht, reiht sich ein in unsere bereits bekannten Laster: Wir verdienen im Schnitt weniger Geld als Männer, wir interessieren uns sogar weniger für Karriere und Statussymbole als Männer. Wir sind dafür aber bereit, mehr Geld, von dem wir ja folglich weniger haben müssen, für Schönheit und Nahrung auszugeben. Und wir ergreifen lieber soziale Berufe, als uns für Technik zu begeistern. Natürlich, Sie haben Recht, sind wir nicht alle so. Aber die Tendenzen liegen im Vergleich auf der Hand. Im Vergleich zu den Männern.

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Hinzu kommt, dass wir so verflucht weich sind. Und damit meine ich nicht unsere zarte Haut und unsere sanften Kurven. Ich meine, wir sind emotional so richtig, richtig verweichlicht. Wir kreischen in Konzerten, wir quietschen wenn man uns ein Baby in die Hand drückt, und wir schreiben Textnachrichten in epischen Längen, damit unser Gegenüber sich auch ja wohl fühlt. Wir beziehen gerne Dinge auf uns, so dass wir häufiger autoagressives Verhalten zeigen als Männer. Wir wollen gefallen, wir wollen geliebt werden und wir wollen das alles in hübsch dekorierten Orten haben, gerne mit Blümchen und viel Milchschaum. Natürlich stößt das nicht überall auf Gegenliebe.

Nun könnte man einwerfen, dass wir Frauen doch schon immer so gewesen seien. Wir hätten bei Eva, der Schlange und Adam mit diesem Benehmen begonnen und bis heute einfach nicht aufgehört. Und weil das schon immer so war, waren wir auch schon immer auf Hilfe von außen angewiesen. Früher hatten wir dafür unsere Männer. Sie halfen uns, den richtigen Arbeitgeber zu finden und achteten darauf, dass wir unsere Pflichten als Mutter und Hausfrau nicht vernachlässigten. Waren wir überfordert, konnte uns der Ehemann mit seiner schützenden Hand die notwendige Kündigung schreiben, so dass wir wieder mehr Raum und Zeit für das Wesentliche hatten. Damit war gesellschaftlich gesichert, dass unsere Kinder eine liebevolle und nicht überlastete Mutter daheim hatten, um gesund heranzuwachsen. Wohingegen der Mann alleine in der rauen Arbeitswelt kämpfte, um uns ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen.

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Was dann geschehen ist, kann ich Ihnen leider nicht sagen. Vielleicht waren die Männer es müde, alleine in den Stürmen der Arbeitsmärkte zu segeln. Vielleicht hat die ein oder andere Tochter aus weniger gutem Elternhaus in der Welt jenseits des Haushalts nach Grenzen gesucht, die ihr daheim verwehrt wurden. Aber unser angeleitetes und sorgenfreies Leben brach Stück für Stück weg. Wir mussten lernen, selber zu entscheiden, ob wir einer Berufstätigkeit nachgehen wollten, obwohl wir eine Familie zu bekochen hatten. Wir fingen an vermehrt zu studieren, und die ersten Verrückten fingen an, Rechte für uns zu fordern. Die gleichen Rechte, wie sie die Männer hätten. Obwohl wir uns nach wie vor weigerten, die gleichen Pflichten wahrzunehmen. Öffentliche Parkplätze und deren oft beklagter Missbrauch durch uns Frauen mit schräg gestellten Autos sind nur einer von vielen stummen Zeugen.

Natürlich, ich will ja nicht polemisieren, sind wir nicht alle dumm. Das nicht. Nur der Großteil von uns eben. Und dass wir wie ein Haufen orientierungsloser Hühner sind, die weiterhin eine fürsorglich leitende Hand benötigen, ist selbst der superschlauen Elite von uns aufgefallen. Sie haben sich daher, nicht ohne die tatkräftige Unterstützung einiger Männer, zusammengetan und überlegt, wie uns zu helfen sei. Besonderes Augenmerk lag dabei natürlich auf den Müttern unter uns. Denn es ist gesellschaftlich besonders heikel, wenn ausgerechnet wir Mütter mit unserem Leben alleine gelassen werden. Das würde nämlich nicht nur uns, die Frauen, betreffen, sondern die gesamte künftige Generation unseres Landes gleich mit.

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Weil wir uns leider aber inzwischen an den Geschmack der Freiheit gewöhnt hatten, konnte das Rad nicht ganz zurückgedreht werden. Das ist die Krux mit den Privilegien. Selbst der Dümmste gibt seine Vorteile, wie berufliche Freiheit, nicht gerne ab. Und weil wir nicht hinterher kamen mit dem Haushalt und dem Arbeiten, einige Verwirrte von uns wieder in altes Verhalten verfielen und ganz daheim blieben sobald sie Kinder hatten oder andere wiederum dennoch Vollzeit (man stelle sich das mal vor!) gearbeitet haben, statt sich ihrer Familie zu widmen, musste eine neue Struktur geschaffen werden. Ein neuer Rahmen, an dem wir uns orientieren konnten, ohne die Zukunft des ganzen Landes aufs Spiel zu setzen. Dies ist nun mit vereinter Hilfe von Politik, Feminismus und vielen klugen Männern und superklugen Frauen geschehen.

Wir dürfen jetzt nämlich als Mütter gemeinsam mit den Vätern Teilzeit arbeiten.

Ja! Sie haben richtig gelesen! Wir dürfen das jetzt! Und wenn wir das machen, dann belohnt uns Vater Staat mit einem Taschengeldzuschuss. Unser Mann ist dann öfter daheim, um nach dem Rechten im Haushalt zu schauen. Wir können dennoch unseren elterlichen Verpflichtungen im Haushalt und bei den Kindern nachkommen und ab und an bleibt sogar genug Zeit übrig, damit wir entspannt selber den Pizzateig für das Abendessen belegen und uns dazu ein Glas Rotwein und eine hübsche Gesichtsmaske gönnen. Welch ein Fortschritt! Dazu bekommen wir von unseren Freundinnen und Freunden aus feministischen Kreisen dann noch ein wenig die Welt erklärt, so dass wir politisch auch auf der Höhe bleiben (irgendein Depp hat uns nämlich aus Versehen das Wahlrecht eingeräumt, aber das ist ein anderes Thema) und nicht nur über Deko und so reden, wenn wir mal abends mit dem Mann ausgehen. Das wäre heutzutage nämlich ein bisschen peinlich, so ungebildet und unengagiert zu sein. Es ist also, das kann sogar ich als Frau erkennen, so wie früher, fast alles wieder in Ordnung.

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Fast? Naja. Ein paar Durchgeknallte unter uns haben auch Kinder, und den Mann dazu irgendwie vergrault. Was ja auch verständlich ist. Nicht jeder Mann hält das aus, wenn er nicht regelmäßig etwas Anständiges zu essen bekommt und dafür aber ellenlange SMS sein Smartphone verstopfen. Und für diese „Alleinerziehenden“ haben die entscheidenden Kreise noch nicht so richtig die Lösung gefunden. Aber ganz unter uns, ich vertraue da auf unsere Politiker, auf den Feminismus und nicht zuletzt auf unsere Gesellschaft. Gemeinsam werden die es sicher schaffen, auch diesen gefallenen Schwestern den richtigen Weg aufzuzeigen. Und im Bundeshaushalt findet sich dafür vielleicht sogar auch ein kleiner Taschengeldzuschuss, um die Augen der Alleinerziehenden wieder richtig leuchten zu lassen. Zeit wäre es ja.

28. Apr. 2016
von Schlimme Helena
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23. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Jugend ohne Gott und migrationsfinanzierte Rente

Sie werden schon sehen, daß jede Epoche die Epidemie hat, die sie verdient. Jeder Zeit ihre Pest.
Ödön von Horváth

Die Pest waren wir. Vom v. S. war bekannt, dass er hinter Jungs her war. Bei seiner nicht ganz unbekannten Frau versteht man das, war alles, was wir uns damals dachten, wenn wir ihn an der grossen Bar sitzen sahen. Der P., der damals ein bekannter Schauspieler war, musste hin und wieder etwas gebremst werden, wenn er sich im Suff zu schnell den Frauen näherte, aber wenigstens soff er kein Bier, denn er hatte selbst im Exzess etwas bleibenden Sinn für das, was sich schickt. Seine Kollegin K., in eo ipso tempore fast eine Berühmtheit in den Gazetten und erkennbar magersüchtig, kannte ich nur wegen ihrer Stürze, bei denen sie, ebenfalls gut mischintoxiniert, indiskret und laut wurde. Wer das war, musste man mir erst erklären, denn ich hatte kein TV-Gerät. Es gab bessere Abendunterhaltung für die Angehörigen der besseren Kreise. Eine alte Villa im Park, Boxen, eine Tanzfläche, München.

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Der kleine Mann war auch immer da, wenn er in München war. Wir haben ihn nicht weiter beachtet, warum auch. Es war ohnehin klar, dass er kommen würde, denn jeder ist damals gekommen, einen besseren Platz gab es nicht, also kam auch er. Er hatte damals eine schwierige Phase, so eine Art Karriereknick, wie ihn die Schauspieler K. und der P. Mitte der 90er auch noch bekommen sollten, und der v. S. war ohnehin schon recht alt und ist nicht lang danach gestorben, aber nicht an AIDS, wurde damals kolportiert. Man steht unbeteiligt neben dem Auf und Ab derer, die sich das Schicksal nicht mehr heraussuchen können und etwas sein müssen, um etwas zu gelten. Uns war das fremd. Wir waren, was wir damals gewesen sind. Jung, gut angezogen, auf der richtigen Seite, aus guten Familien und ohne Zwang, dort drinnen das Frischfleisch zu geben, oder die Gaffer. Der kleine Mann kannte das Haus, er mochte es, und sass an der hinteren Bar und trank.

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Zur Kenntnis haben wir ihn auch nicht genommen, weil das gewöhnliche Volk das durchaus gemacht hat. In die Villa im Park konnten manche, vor allem die Richtigen, aber alle konnten in ein Zelt draussen am Olympiagelände, riesig, laut, unüberschaubar, populär und es waren dort Menschen, die Turnschuhe trugen und mit denen man nicht über Gaultier und Comme de Garcons sprechen konnte. Irgendwer hatte das Gerücht verbreitet, dass das Zelt nun der ultimative Ort sei, und der kleine Mann dort in Erscheinung treten würde. Der kleine Mann machte aber nur lustlos seinen Job, den er in München zu tun hatte, trank bei uns etwas an der Bar und verschwand irgendwann. Es war Sommer und warm. Er war auch nicht mehr ganz jung und der Job, die Termine, die Reisen, das war stressig. Für uns war es der Ort zum Tanzen, für ihn der Ort zum Rumsitzen auf einem rotplüschigen Barhocker, wo man sich recht gut unterhalten konnte. Oder schweigen und abschalten, auch wenn man eigentlich bekannt war und draussen vor der Stadt, im Zelt, viele vergebens auf einen warteten.

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Es war also nur ein normaler Sommerabend unter Leuten, die zu ihren Bedingungen und Wünschen ihre Vergnügen haben wollten, und die anderen als die Pest galten. Das Neue, das Besondere, es brauchte damals lang, um sich durchzusetzen. Vieles wird vergessen, manches wird zum besten Hit der 80er und 90er und sogar auf den Hochzeiten gespielt, die heute, bei mir nebenan im barocken Spiegelsaal, das Publikum erfreuen, sofern es eingängig genug ist. Summer of 69. Denn draussen vor der grossen Stadt, tanzte sich der Pöbel dazu seine Füsse platt und wartete auf eine Erscheinung, die nie kam und bei uns so banal wie der v. S. blieb. Man darf nicht vergessen, sein Abstieg vom Höhepunkt war damals noch nicht vorbei, und wer später mit 57 noch Konzerte mit Liedern seiner Jugend gibt, ist wohl sehr verliebt in diese grosse, aber verblichene Vergangenheit. Ich kann das verstehen, denn diese Zeit war gut.

Ich kenne diese Sehnsucht. Wenn ich an den leeren, bedeutungslosen Hüllen vorbei fahre, die früher das Parkcafe oder das Nachtcafe waren, verspüre ich auch einen kleinen Stich, selbst wenn es heute nicht mehr meine Welt wäre – wir alle haben uns damals geschworen, nicht Lustgreise wie der v. S. zu werden, denn das Beispiel war nicht schön. Übrigens, weil wir gerade bei den Toten sind, auch Guido Westerwelle hat da mal eine Veranstaltung gemacht. Die FDP mit kostenlosen Drinks im Nachtcafe, die Apothekerpartei beim Jugendfang. Wir haben die Augenbrauen höher als bei den Halbnacktauftritten der K. gezogen. Bei Westerwelle war das Nachtcafe plötzlich voll mit Leuten, die dort nicht hingehörten und aussahen, als müssten sie Geld erst noch verdienen. Es war nicht eben erbaulich. So gesehen kann man unseren stillen Umgang mit dem kleinen Mann an der hinteren Bar als höchste Form des Respekts bezeichnen. Nichts stand mehr im Mittelpunkt unseres Lebens als wir selbst. Wir waren eine Jugend ohne Gott, zynisch, privilegiert, selbstbezogen, ignorant, und es war uns auch voll bewusst. Wir waren der lokale Pestausbruch unserer Zeit, mehr nicht.

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Die nächste Jugend bekommt dagegen die Zukunftsseuchen in unerfreulicher Weise zu spüren, denn der Weg vom Tanzen in der Villa im Park zu den angemessenen Beschäftigungen ist für Paradiesvögel mit schillerndem Gefieder aus Lebenslauflücken wahrlich nicht mehr so leicht – und ausserdem ist Exzess heute auch nicht mehr elitär, sondern Berghain-RTLII. Diese Berufsjugend, die mangels Maschinenbaustudium nicht viele so richtig brauchen, kämpft daher politisch um eine Grundsicherung im Alter; sie macht sich Gedanken, sie glaubt, dass eine neue Art Sozialismus ihr späteres Dasein retten und sie vor der Angst befreien kann, beim Sammeln von Pfandflaschen mit der Konkurrenz von Jüngeren aus fernen Ländern konfrontiert zu sein. In der Musik des kleinen Mannes und in unserem Leben gab es ausser der Party von 1999 keine Zukunft, nur Gegenwart, aber das hat sich grundlegend geändert. Die Rente ist wohl erst nach dem 70. Lebensjahr sicher, so man darauf angewiesen sein sollte. Das ist eine lange, elende Perspektive. Sie ist auch nicht schöner als die Pest.

Es scheint mir auch, als gäbe es nach der Neujahrsnacht von Köln nur noch wenige Stimmen, die behaupten, wir hätten mit der Migration vorwiegend junger Männer unser demographisches Problem und die Frage der Rentensicherung gelöst, wie das so schön von Qualitätsjournalisten bei ZEIT, Spiegel und der Prantlhausener Zeitung versprochen wurde, wie früher im Neuen Deutschland die Fortschritte des Sozialismus. Diese Zuversicht wird gerade unter dem Stichwort Rentenreform von den Herrschenden kassiert, und vermutlich ist es sogar richtig, sich als Minderbemittelter Sorgen zu machen – schliesslich bekam man gerade Menschen mitsamt Folgekosten “geschenkt“, zusätzlich zu denen, die man schon hat und jetzt bald in Ruhestand gehen wollen. Man weiss nie, wie lange das Leben dauert, und was es an Chancen und Risiken mit sich bringt. Was ich aber im Parkcafe gelernt habe, und was auch ein Grund sein mag, warum der Pöbel vor der Stadt umsonst auf jenen wartete, den wir nicht beachteten: Angenehmer Wohlstand ist immer auf Inseln daheim. Brücken, die andere zu den Inseln des Wohlstands bauen, dienen vor allem dem entschädigungslosen Abtransport der Beute. Das ist bei der Mitgliedschaft im richtigen Club nicht anders als bei der Vermögensverteilung – und um die geht es eigentlich, wenn man über Rente spricht. Grundsicherung ist ein hübsches Wort, bedeutet aber auf der anderen Seite Grundgeldeintreiben des Staates. Grundsicherungsfreunde wollen eine Party für alle, die dann aber für wenige nicht mehr schön ist. Unserer Zeit eine leichte Magenverstimmung.

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Gerecht ist das natürlich nicht. Mag sein, dass wir nach solchen durchtanzten Sommernächten die Vorlesungen ignorierten oder gar irgendwann das Studienfach wechselten. Mag sein, dass wir dort wenig über das echte Leben gelernt haben, und auch wir studierten nicht Maschinenbau. Was wir aber wussten war, dass es uns gut ging und man nur eine gewisse Anzahl von v. S., P. und K. erträgt, bevor die Stimmung kippt. Es ist wichtig, dass die richtigen Leute Zutritt bekommen und die Mischung stimmt. So ähnlich ist das, glaube ich zumindest, auch bei der Almosenpolitik. Und weil sie kein exklusiver Club ist, sondern eine Boazn auf Malle, wo von Leuten wie Schäuble im Tonfall von H.P. Baxxter befohlen und durch Lücken in den Sozialgesetzen ausgenutzt wird, ist es nur natürlich, dass man froh ist um alles, was man sonst noch so besitzt. Es gibt ein Dasein neben der staatlichen Almosen. Es gedeiht auf Inseln, zu denen es nur wenige Brücken gibt. Da ist es schön, da würde man gern bleiben, und wenn sich manche selbst einladen und kämpfen wollen, so achtet man um so mehr auf den eigenen Strand. Natürlich wird die Rentendebatte bitter. Natürlich wird es zur Kanonenbootpolitik gegen Vermögende kommen, und diejenigen, die uns geschenkte Menschen versprachen, werden jetzt Geschenke von unseren Erbschaften haben wollen. Denn wenn ihre Rente nicht sicher ist, sollen es unsere Vermögen auch nicht sein.

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Was haben wir uns damals über den Gastauftritt von Westerwelle im unserem Nachtcafe gewundert. Also wirklich. Aber manche von uns werden jetzt überlegen, ob man den Lindner nicht als Türsteher engagieren soll. Jeder Zeit ihre Pest, aber zu jeder Zeit versuchten auch die Klugen, sie draussen zu halten.

23. Apr. 2016
von Don Alphonso
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18. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Ziegen, Folter, Migration – alles eine Frage der Moral

Die Wahrheit brütet den Hass.
Pietro Aretino

Es gibt weltbewegende Entwicklungen, die gross beginnen und dann stark nachlassen: Das ehedem prächtik, kriegsluesternde und gar gyerige Sultanat der Tuercken ist auf einen rechtsbeibestandenen Erdogan gekommen, bei dem es allein der Respekt vor Frauen verbietet, von einem Klageweib zu sprechen. Das Christentum begann als charmante jüdische Sekte mit Verständnis für Ehebruch – ecce! wenngleich nicht mit Vierbeinern, sondern nur unter Menschen – und wurde zur moralinsauren Zwangsreligion. Und die wunderschöne Hetäre und erste Feministin Phryne hätte es sich wohl auch nicht träumen lassen, was für eine nicht normschöne, sexfeindliche Gruppe sich heute mit heftig schlankgephotoshopten Profilbildern über fehlende Binnen-Is und den Umstand beschwert, dass man zum Verkauf von Waren dann doch lieber auf wirklich schöne Menschen ohne galligen Gesichtsausdruck zurückgreift.

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Wir Journalisten scheitern dagegen nicht an unserer Vergangenheit: Unser Ahnherr hiess Pietro Aretino und gilt gleichermassen als Erfinder der modernen Bildillustration, des Clickbaits, der Pornographie, der geschmierten Lügenpresse, der Revolverblätterei, bezahlter PR-Schleichwerbung, Tendenzschmiere und, wenn es sich mal ergab und keiner zahlen wollte, auch Journalismus. Seinen Namen verdankt er dem Umstand, dass sein Vater nur Schuster war und er einen hübscheren Namen brauchte – so nannte er sich eben Pietro Aretino, Peter aus Arezzo. Ich verstehe das und heisse Don Alphonso. Don! Alphonso.

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Und wie es sich für Aretinos Jünger und umfassenden Nachfahren gehört, habe ich diesmal Italien nicht bereist, ohne seiner Heimatstadt die Aufwartung zu machen. Hier auf diesem Platz hat Pietro Aretino gelästert und bei Waschweibern jene Schimpfwörter gelernt, die er später in den Kurtisanengesprächen zum Weltkulturgut erhob, hier lernte er die Sitten der Armen und die Laster der Reichen kennen, hier ist die Stadt, die für einen Feuerkopf wie ihn bald viel zu klein war und die er verlassen hat, um sein Glück dort zu suchen, wo das Geld und das kostenlose Mahl lockte. Pietro Aretino ist eben wie ein Autor eines modernen Jugendportals von Spiegel Online gewesen – nur konnte er auch noch schreiben, hatte Geist und Verstand, wollte wirklich gut leben und hätte für den modernen Moralismus, unter dessen Joch und für einen Armendöner man in Hamburg und Berlin dreimal täglich Kutschera, Seehofer, Kelle und alle Klassenkameraden mit schönem Haus und Familie zu verfluchen hat, nur Spott und Verachtung übrig. Und vielleicht einen abgenagten Knochen.

Von einer Ziege.

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Und so lange sich andere nicht auch auf alte Grösse zurück besinnen, muss mir keiner einen Vorwurf machen, wenn ich auch nicht viel besser als der Stifter meiner Religion bin. Ich sitze also auf der Piazza in Arezzo, schaue mir die bislang noch selten anzutreffenden, hier aber sehr hübschen Japaner an, und verdaue eine übermässige Portion Trüffel mit etwas Pasta, ohne mir auch nur einen Gedanken über das Elend der Welt zu machen. Ich sitze hier, weil es schön ist. Und weil die Franziskanerkirche von Arezzo nicht einfach so besucht werden kann. Nur 25 Menschen dürfen für 30 Minuten hinein. Am besten ist es, man reserviert vorher im Internet. Jetzt ist noch Vorsaison, jetzt bekommt man noch Karten, wenn man an der Kasse nachfragt, und sich eine, anderthalb Stunden gedulden kann. Denn die Franziskanerkirche von Arezzo beherbergt im Chor eines der Hauptwerke der abendländischen Kunst: Die Legenden vom wahren Kreuz, gemalt vom Renaissancekünstler Piero della Francesca.

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Und deshalb ist immer nur einer kleinen Gruppe der Zutritt zum ansonsten eher schmucklosen Raum gestattet. Es ist eine echte Franziskanerkirche, fast eine Scheune, und die Augen müssen sich beim Durchschreiten erst an die Dunkelheit nach dem gleissenden Licht auf der Piazza gewöhnen. Dann tritt im Chor, hinter dem ohnehin schon spektakulären Kreuz eines Cimabue-Zeitgenossen, die Malerei von della Francesca hervor.

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Erzählt wird, gut sichtbar im gesamten Hauptchor der Kirche, die Geschichte des Holzes, aus dem das Kreuz Christi bestand. Der Legenda Aurea zufolge stammt der Baum dafür aus dem Paradies, das Holz wurde schon von der Königin von Saba verehrt, dann im 4. Jahrhundert von der heiligen Helena wieder entdeckt, später von den heidnischen Sassaniden verschleppt und letztlich doch wieder von der Christenheit erobert. Piero della Francesca nutzt die bewegte Geschichte, um seinen damals revolutionären Ansatz der perspektivischen Malerei umzusetzen, und verbindet äusserst brutale Schlachtszenen mit phantastischen Bildern schöner Frauen, wie hier der Königin von Saba und ihres Gefolges.

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Eine Szene wird in der Kunstgeschichte aber gern übersehen: Links an der Rückwand des Chores und daher vom Kirchenschiff und den Gläubigen aus bestens zu erkennen, ist eine Folterszene. Als die heilige Helena, die Mutter von Kaiser Constantin, in Jerusalem nach dem echten Kreuz Christi sucht, weigern sich die Juden, ihr zu erzählen, wo das Kreuz ist. Weshalb Helena laut Legende droht, sie alle verbrennen zu lassen, und mit Folterungen beginnt: Sieben Tage lässt sie die Juden in einer trockenen Grube hungern und dursten. Dann werden sie heraus geholt und verraten den Fundort des Kreuzes.

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Sehen Sie, ich glaube an Pietro Aretino. Ich bin vermutlich kein moralisch guter Mensch und flexibel in meinen Ansichten. Ich lerne gern dazu. Ich bin Zyniker, und manche mögen das nicht und schreiben schlimme Dinge über mich. Aber obwohl ich nach meinem bisweilen turbulenten Dasein etwas abgehärtet bin, stehe ich doch staunend vor diesem Bild. Da sind sich also Auftraggeber, Kirche, Maler und Gemeinde einig, dass sie so eine Folterszene haben wollen. Sie alle, liebe Leser, werden gelernt haben, dass die Franziskaner eher “die Guten“, sind, aber um 1450 ist in ihrem Chor diese Malerei, die zeigt, wie man mit jenen umgeht, die nicht auf Linie sind. Eine Woche in Israel in einer Grube ohne Nahrung, das ist fraglos brutale Folter. Piero della Francesca malt also den Juden am Seil mit einem leidenden Gesicht.

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Und den Folterer, der ihn bei den Haaren packt und den Kopf hochreisst, mit dem leichten Lächeln im Wissen, dass diese Methode funktioniert hat. Dass sie den Fundort des Kreuzes erfahren und eine wichtige Reliquie gefunden wird. Dieser Mann macht alles richtig und weiss, dass er die einzig richtige Stellung im grossen Heilsplan hat.

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Man darf nicht den Fehler machen, die Malerei der Frühreinassance mit unserem Wissen des Antisemitismus zu betrachten. Man muss das abstrahieren. Aber auch dann ist es noch ein bemerkenswertes Beispiel für fraglos höchste Kunst bei einer inneren Einstellung, die den meisten Zeitgenossen heute als klar falsch gelten dürfte. Wir sind heute von der Verwerflichkeit des Treibens überzeugt, aber die Gemeinde war damals der absoluten Überzeugung, dass es richtig war, so zu handeln. Deshalb kommt mir, erlauben Sie mir bitte diese Bemerkung, auch immer die Trüffelpasta hoch, wenn ich etwas von “christlichem Abendland“ höre. Das hier ist eines der wichtigsten Kunstwerke des Abendlandes, und es ist moralisch nicht weitab von Dachau und den Baukränen, an denen im Iran Homosexuelle und andere Abweichler aufgehängt werden.

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Man tut so etwas eigentlich nicht. Es gehört sich nicht. Es ist unhöflich. Piero della Francescas Meisterwerk sollte den Aufgeklärten da eine Mahnung sein. Etwa, dass man andere heute nicht mit dem gleichen moralischen Imperativ alle in eine braune Grube werfen sollte, weil sie nicht der Meinung sind, dass das Heil des neuen wahren Kreuzes in einer Politik der offenen Grenzen zu finden sei. Für den, der mittelalterlichen Aberglauben ablehnt, ist das Fresco ein dezenter Hinweis, dass vielleicht nicht alle ausgegrenzt werden sollten, die nicht an eine neue Legenda Aurea vom rentenzahlenden Facharbeiter und vom gelösten demographischen Problem glauben wollen, und verleugnen, dass am Ende alle Brüder sein werden und keinesfalls Pariser und Brüsseler Zustände drohen. Die migrationsmoralpolitische Überheblichkeit unter dem Gefolge der Kanzlerin ist dagegen gar nicht fen von der Überzegung des moralisch Richtigen, die man im Chor von Arezzo sehen kann. Das ging schon damals nicht ohne die exklusiv richtige Moral und heute erst recht nicht. Wahrer Vernichtungswillen gegen Andersdenkende braucht die moralische Komponente wie die Atombombe das Plutonium. Der Zweck heiligt die Mittel. Manchmal bekommt man dafür das Ritterkreuz, 72 Jungfrauen, einen schönen Platz im Kirchenchor, oder eine Kolumne.

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Langfristig bekommt man jedoch, das möchte ich als Jünger von Pietro Aretino anfügen, das höhnische Gelächter späterer Generationen, die aus dem Schaden etwas klüger wurden. Man sollte Piero della Francescas Meisterwerk unbedingt anschauen. Und als Dessert danach Pietro Aretinos Kurtisanengespräche lesen. Da ist die ganze Weisheit und der Charme, die Offenheit und die Lebensfreude, und obendrein ist es ein Meisterwerk der frauenemanzipatorischen Literatur, ehrlich und sexpositiv. Es wird alles offen besprochen und argumentiert, ohne Denkverbote und falsche Scham.

Nur über die einzig richtige Moral und Ziegen findet sich nichts darin.

18. Apr. 2016
von Don Alphonso
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14. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Ohne Ziegen: Verbotsminister Heiko Maas und seine willigen Helferinnen

Religion können wir nicht anbefehlen, da es niemandem in den Sinn kommen wird, dass er gegen seinen Willen glaubt
Theoderich der Grosse

Die Spätantike verdankt ihren schlechten Ruf vor allem jenen Jahren nach 402 n.u.Z., als der römische Kaiserhof vor allem im oberitalienischen Ravenna anzutreffen war, weil der sumpfige Ort besser geeignet schien – man kennt das vom Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin. Ravenna steht für den Niedergang der Sitten, denn obwohl auf der einen Seite das Christentum rigide Moralvorstellungen umsetzte, verlustierten sich auf der einen Seite hochgestellte Persönlichkeiten mit niedrigstem Treiben, sofern das damals eben ohne Crystal Meth möglich war. So mancher Würdenträger liess seine Familie sitzen, um sich mit einer Dame von schauspielerischem Ruf zu verlustieren. Das Volk maulte und fand, dass sich diese Gespielin wohl nie mit dem Herrn eingelassen hätte, wenn er nicht mächtig geworden wäre. Der Mächtige revanchierte sich damit, indem er das Volk überwachen liess, seine Spitzel ausschickte und in Verbindung mit der Kirche den ein oder anderen lockeren Brauch unter einem moralischen Vorwand verbieten liess. So bigott ging das damals zu im spätantiken Ravenna. Mit dem Bundesjustizminister und Vorratsdatenspeicherungsfreund Heiko Maas hat das natürlich so wenig zu tun wie mit der sexuell motivierten Penetration von Ziegen – das muss man in eo ipso tempore als Autor wohl explizit dazu sagen.

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Mir geht es bei Heiko Maas auch um etwas ganz anderes: Ravenna, das möchte ich nach dem kulturgeschichtlich bedeutsamen Incipit betonen, ist längst nicht mehr der stinkende, faulende Sündenpfuhl, der es einmal war. Man muss bei der nun anhebenden Betrachtung der Gegenwart diese wohlbekannte, schändliche Vergangenheit ignorieren. Ravenna ist heute eine wirklich sehr hübsche, mittelkleine Stadt ohne besondere Bedeutung, und kann exemplarisch für jene urbanen Räume gelten, die mit dem Richtschwert des Geschmacks zwischen italienischer Eleganz und deutschen Tennissocken scheiden. Es ist nicht die Modemetropole Mailand, es ist nicht allzu reich, und am Abend haken sich die Damen bei ihren Männern – so sie welche haben – unter und ziehen durch die Fussgängerzonen. Dort war ich gestern auch auf der Suche nach einem Restaurant. Die gibt es hier nicht. Dafür gibt es Modegeschäfte. Irgendwie passt das ja auch zusammen, der aktuelle Schlankheitswahn und das Fehlen von Restaurants. Das heisst, ich fand zwei vegane Restaurants, dann passt es natürlich wieder, aber ich wollte essen und nicht in drapierten Tellern herumstochern.

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In Ermangelung von Speisekarten schaute ich mir daher Italienerinnen an, und das, was sie sich anschauen: Schaufenster nämlich. Das kann ich gefahrlos tun, denn erstens passen mir keine Frauenkleider, zweitens trage ich sie nicht und komme auch drittens nicht in Versuchung, dort etwas zu kaufen, denn ich habe schon in Sachen Fetisch gesündigt: Für eine sehr schöne Frau liegt ein Seidentuch mit Mosaikmotiven im Auto. Es geht Sie ja nichts an, wir wurden uns nicht vorgestellt, aber gewisse Aspekte der spätantiken Dekadenz gefallen mir sehr und andere bekomme ich, ohne dass ich hochgestellter Beamter sein oder meine Familie verstossen müsste. Ich musste nichts mehr kaufen, um Frauen glücklich zu machen, also schaute ich. Und beim Schauen ist mir etwas aufgefallen. Und es hat wirklich nichts mit Ziegen zu tun.

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Sondern mit Stevie Schmiedel und ihrer feministischen Lobbyorganisation Pinkstinks. Dazu habe ich in den letzten Tagen recherchiert, weil Pinkstinks Heiko Maas bei seinem Gesetzesvorhaben angeblich geholfen hat, die Werbung in Deutschland den Zielen der islamischen Republik Iran anzunähern – ein weiteres schönes Beispiel für die spätrömische Dekadenz, sich Arbeiten von Persönlicheiten machen zu lassen, die mir und anderen bislang eher als Ideologen, oder auch ordinäre Shitstormer bei Hasskampagnen und reichlich überzogene „Schöne Firma wäre schade wenn ihr was passiert“-Aktionen aufgefallen sind. Vielleicht will Maas später noch Minister für Inquisition und Scheiterhaufen werden, bei der Projekt-18%-SPD muss man ja nehmen, was man kriegen kann, aber wie auch immer: Laut aktuellen Berichten soll, wie das so ähnlich schon im grünen Kalifat Friedrichshain-Kreuzberg praktiziert wird, gegen „sexistische“ Werbung rechtlich vorgegangen werden können. Maas möchte, dass zukünftig Gerichte darüber befinden, was in der Werbung zulässig ist. Pinkstinks, seine Berater, treten mittlerweile mit der entsprechenden Selbstherrlichkeit und Freude am Petzen auf. Begründet wird das gesamte iconoclastische Vorhaben mit den Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen in Köln, die mutmasslich zumeist von Migranten verübt wurden, in deren Herkunftsländern sexpositive und westliche Frauen ansprechende Werbung wegen rigider Moralvorstellungen unterdrückt wird. Die Argumentation von Maas als Steigbügelhalter der Genderideologie ist so schlüssig wie das Verbrennen von Hexen nach Naturkatastrophen im christlichen Mittelalter.

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Man könnte also sehr wohl Fragen nach der Wirksamkeit solcher Gesetze stellen, aber Maas und Gabriel hat das auch nicht bei der Vorratsdatenspeicherung interessiert. Schmiedel und ihren Mitstreitern dagegen geht es nicht nur um blanken Sexismus und eine Empfehlung für das neue Buch von Julia Schramm, sondern vor allem um Rollenbilder, die ihnen nicht gefallen, und in die Menschen nicht gepresst werden sollen. Menschen sollen nicht zu Objekten gemacht werden, finden Schmiedel und ihre neuen Helfer in sozialdemokratisch geführten Ministerien. In Ravenna stehen Frauen dagegen mit leuchtenden Augen vor Kleidern an Modepuppen wie dieser.

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Es geht hier nicht um die Begattung der Gattung Capra aus der Familie der Bovidae, und auch nicht darum, Genderistinnen zu schockieren: Aber das Schaufenster ist heil, niemand beschmiert es, es gibt keinen Aufstand, im Gegenteil, der venezianische Lüster an der Decke zeigt, dass die Geschäfte besser laufen als bei einer “Wutmutter“-Initiative mit vier Teilzeitstellen. Nachdem auch in Italien die meisten Frauen berufstätig sind – ohne übrigens auf Förderung durch Ministerien zu schielen – und sich ihre Kleidung selbst kaufen, muss an dieser Stelle davon ausgegangen werden, dass sie die Objektifizierung der Frau auf einen kirschroten Kussmund bei zurücktretenden Gesichtskonturen so wenig stört, wie ein eregierter Penis den antiken Römer bei der Figur des Priapus – in der Mythologie u.a. der Beschützer der Ziegen – störte. Zur Frage, warum Priapus in Berlin und Ankara heute nicht mehr verehrt wird, will ich mich nicht einlassen. Statt dessen weitere Rollenbilder.

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Schrecklich. Die Arme der Frau, vom Gewicht herabgezogen und die schlaffe Hand nicht zur Faust geballt, und schwer mit Schmuck behängt. Wirklich viel Schmuck. In Ravenna schätzt man das.

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Ein Hemd mit aufgedruckten Handtaschen. Wirklich viele Handtaschen. Ich verstehe das nicht, aber Frauen hüllen sich nun mal in Kleidung, die Handtaschen zeigt. Es ist eindeutig Objektifizierung. Ganz schlimm. Das Leichenhemd des Konsumverzichts.

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Gold um den Hals und kein Kopf. Fällt eigentlich niemandem auf, was wir da jeden Tag in Schaufenstern als Werbung vorgeführt bekommen? Müsste da nicht sofort noch ein Gesetz her, dass Modepuppen Gesichter tragen müssen, die den Erfolg des Feminismus in der Gesellschaft verdeutlichen? Jutta Ditfurth, Marine Le Pen, Andrea Nahles, Frauke Petry, Sarah Palin, Claudia Roth, Petra Pau, sie alle könnten doch Modell dafür stehen, dass es auf das ankommt, was im Kopf ist. Den Damen von Ravenna ist es egal, sie huschen hinein und kaufen und gehen nachher ins Cafe an der Piazza del Populo, und was gibt es da aus Schokolade?

maash

Schuhe mit hohen Absätzen. Das alles findet seine Abnehmerinnen, und mein privater Eindruck ist ja, dass die Objektifizierung, die mit Schönheit und Fetisch immer einhergeht, von Frauen und Männern gleichermassen gewollt ist. Sonst könnten Modefirmen und Sportwagenhersteller, Parfumlabore und Schneider gleich alle Tore schliessen. Natürlich geht es um Reduktion auf sexuelle Reize und attraktive Rollen, denn der Hinweis auf Gewünschtes und das Vertuschen von weniger angenehmen Aspekten erzeugt erst das Begehren. Sehr viele Menschen möchten tatsächlich das Objekt sexueller Begierden sein, auch wenn alte Hofeunuchen, die Satzung des Reichsfrauenbundes und neue Genderforschung da anderer Neinung sein sollten. Das ist nicht werblich, sondern umfassend menschlich, und erhebt den Menschen über Geissbock und Ziege. Man nennt die Ausprägung solcher Rollen gemeinhin Zivilisation, und nur, weil Werbung wie unter den Taliban rechtlich verfolgt werden soll, habe ich, wie vermutlich die meisten Menschen, immer noch eine private Meinung über die Hierarchien des Begehrens, geboren aus Verhaltensmustern und Objektifizierung. Was oben steht, geht Sie nichts an, aber das darf ich hier anmerken: Die Ziege ist fraglos ganz unten auf dem Nullniveau des Undenkbaren, und sie ist da wahrlich nicht allein. Aber bevor ich mit 35.973 weiteren Zeichen Auskunft gebe, wer ihr da Gesellschaft leistet, möchte ich lieber noch ein Bild aus dem Campo Santo, dem Friedhof am Dom von Pisa zeigen.

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Es ist ein Bild, ein Rollenbild, das mir wirklich gefällt – und das, obwohl ich hohe Absätze sonst so gar nicht schätze. Aber die hier, die mag ich. Weil hier eine Frau mit rot lackierten Nägeln über eine Grabplatte schreitet, in der ein toter, moralinsaurer Würdenträger der Kirche verfault. Er hat damals viel Geld dafür gezahlt, dass er an einem Ort liegt, an dem für sein Seelenheil gebetet wird. Nun also schlendert eine Frau über ihn hinweg und möchte anderen gefallen. Die sexuelle Freiheit, der Wunsch nach Begierden und die Lust an der Auffälligkeit – sie alle schreiten über die Bigotten der Vergangenheit hinweg. Denn die sündige Fleischeslust ist unsterblich, ganz im Gegensatz zu den Bigotten. Und Ziegen.

14. Apr. 2016
von Don Alphonso
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10. Apr. 2016
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Alternativlos: Deutsche Machthaber wie Schinken räuchern

Ein Beytrag, worin geschildert wyrd die Historia teutscher Herren, welche sint krepieret beym Staatsversagen und dero Kadaver conservieret wurden, statt dergleichen im Amte zu halten, wie es heutigentaggs Sitte seyn mag.

Zwischen dem Kopf des Schweins und dem Rumpf fehlen bereits der Hals und etliche Rippen, weshalb man das Tier nicht mehr auf den ersten Blick erkennt. Ausserdem wurden die Beine vorab entfernt, um daraus Schinken zu machen. Man könnte den Rest des Schweins für eine übergrosse Wurst halten, wenn man nicht zu genau hinschaut: Aber ich bin Vegetarier und daher ethisch neutral, und erkläre hier oben in der guten Luft von Montalcino als Cicerone nur zu gern, wo der abgehackte Kopf des Schweins mit weit aufgerissenem Maul zu sehen ist. Und dass hier tatsächlich ein weitgehend erhaltenes Tier am Stück liegt, das nun zerteilt wird. Sollte jemand in meiner Begleitung nun Lust auf den in Italien ansonsten nicht so oft anzutreffenden Schweinsbraten haben, so wäre nun die Gelegenheit, und der Metzger hackt mit dem Beil gern eine Scheibe… nein? So bleich um die Nase? Aber bitte, das hier ist doch nur ehrlich, da sieht man, dass man wirklich frisches italienisches Schwein und kein umetikettiertes Borstenvieh aus einem ukrainischen Kühlhaus bekommt… wirklich nicht?

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Andere Länder, andere Sitten: Ist das Fleisch als Teil einer Leiche erkennbar, vergeht so manchem zartbesaiteten Deutschen die Lust. Menschen stören sich nicht daran, wenn der Fleischwolf Hack ausspuckt und undefinierbare Leichenfetzen auf ihrer Tiefkühlpizza liegen, wenn Fischstäbchen allerlei abschreckendes Meeresgetier enthalten, und wer das ganze Schwein auf dem Mercato Contadino eklig findet, der sollte sich vielleicht nicht mit der Produktion von Leberkäs beschäftigen. Aber nein, es ist natürlich die grundehrliche, ganze toskanische Sau, die augenblicklich Unlust beim Fleisch erzeugt: Eine von Übelkeit begleitete Unlust, die vom deutschen Reisenden erst überwunden wird, wenn es später zum Brunello sanft geräucherten Schinken gibt. Das geht dann doch wieder. So ist der Mensch. Er will die Sau nicht und die AfD nicht und die Briefkastenfirmen in Panama nicht, aber den Schinken und die migrationsferne Schule für die Kinder und die Ablöse für die Schrottküche seiner Immobilie, die nimmt er gern.

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Kurz, der Deutsche als ein solcher ist auch nicht besser, er hält nur nichts mehr aus und hätte gern die weiche, moralisch-imperative Variante. Dafür hat er auch die passende Kanzlerin und ihren Herrn Altmaier, die das Debakel der Flüchtlingskrise verursacht haben und nun wollen, dass die Bundesländer den für die zart Regierenden menschlich schwierigen Teil mit Abschiebungen lösen, statt dass sie persönliche Konsequenzen ziehen. Früher war alles, nun, anders, da zahlte man noch für die falsche Politik konsequent mit dem Leben, und dazu gibt es nicht weit von Montalcino und dem zertrennten Schwein ein anschauliches Beispiel: Fährt man ins Tal hinunter, erscheint bald der schöne Ort Buonconvento. Dort starte ich demnächst zu einer heldenhaften L’Eroica, und vor fast genau 700 Jahren war dort auch der deutsche Kaiser Heinrich VII.. Er weilte dort mit dem Ziel, die nahe Stadt Siena zu belagern und zu erobern, die Anführer des Aufstands gegen ihn zu massakrieren und was sonst damals so üblich war, um Andersdenkenden Zwänge aufzuerlegen, deren totaler Herrschaftsanspruch kaum hinter TTIP und CETA zurückstehen würde. Aber wie auch immer, Heinrichs Heer war 1313 bereits ähnlich dezimiert wie die Wählerschaft der SPD, Siena hielt sich, und er selbst erkrankte an Malaria und starb recht plötzlich. So kann es gehen.

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Niemand hatte mit diesem schnellen Tod gerechnet. Die Stadt Pisa, treuester Anhänger von Heinrich auf italienischem Boden, wollte ihm ein würdiges Begräbnis geben, hatte zu jenem Zeitpunkt aber nichts dergleichen vorbereitet. Heute wissen Parteien vorab, dass sie bei einer Koalition mit Frau Merkel bis zur nächsten Wahl ihr eigenes Grab schaufeln, aber damals galt es als unschicklich, durchreisenden Kaisern zu Lebzeiten ein Grabmal zu offerieren. Man hatte auf der einen Seite also die Leiche des Kaisers. Und auf der anderen Seite kein Prunkgrab, das ihm angemessen gewesen wäre. Dazu gab es auch noch warmes, italienisches Klima, das der Verwesung Vorschub leistet. Das sind handfeste Gegensätze, über sie man sich nicht wie über ein holländisches Referendum hinweg mogeln kann. Das ist ähnlich unangenehm wie ein türkischer Autokrat, der Milliarden und Köpfe von Humoristen fordert, während er daheim Menschenrechte mit Füssen tritt.

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Nun war 1313 nicht gerade die Epoche, da man muslimischen Nationalisten exzentrische Wünsche devot erfüllte, und interkulturelle Dispute wurden mit mit ihnen in einer Schwertlänge Abstand geführt. Man mag das aus heutiger Sicht verurteilen, aber damals hätte niemand seinen Hofnarren auf Zuruf der Halsgerichtsbarkeit übergeben. Das waren eben harte Zeiten, hart beim handwerklichen Umbringen der Gegner, hart in Fragen der einzig richtigen Weltanschauung, hart aber auch gegen sich selbst und hart für die Untertanen des Kalifen, der sich die Köpfe von versagenden Feldherren in Honigtöpfen zur Ansicht bringen liess, was Erdogans Anhängerschaft heute als Teil einer grossen Epoche gilt.. Die deutschen Truppen jedenfalls kannten die Honigtopfmethode nicht und brachten die Leiche ihres Herrschers von Buonconvento zum schönen Ort Suvereto und taten, was getan werden musste, um die Leiche haltbar zu machen: Dortselbst wurde Heinrich auf Feuer langsam geräuchert und damit haltbar gemacht. Technisch gesehen geht das bei einem deutschen Herrscher nämlich auch nicht anders als bei einer toskanischen Wildsau. Die Flüssigkeiten verlieren sich, und übrig bleibt der luftgtrocknete Regierungsschinken, der zwei, drei Jahre noch durchaus appetitlich aussieht. Sie, liebe Leser, haben sich doch auch sicher schon gefragt, wo das Wort “Kaiserfleisch“ seinen Ursprung haben mag.

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Solcher Art waren also die deutschen Recken: Kurz entschlossen, durchsetzungsfreudig, und ohne falsche Feinheit, wenn eine Sache zu stinken beginnt. Davon könnte man sich auch heute eine Scheibe abschneiden. Also, von dieser Grundhaltung meine ich, nicht vom Schinken. Chronisten jedenfalls berichten, dass Heinrich 1315 tatsächlich am Stück und nicht beknabbert im Dom von Pisa beerdigt wurde, als sein Grab endlich fertig war. Und Suvereto macht kein allzu grosses Aufheben um die Kompetenz der Stadt beim Räuchern grosser Fleischstücke, sondern überzeugt heute mit einer phantastisch erhaltenen, entzückenden Altstadt auf dem Berg. und gegenüber dem Rathaus mit einem ziemlich vollen Restaurant namens l’Ciocio. Man muss ja nichts mit Schinken nehmen, es gibt genug Fleischloses.

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Am ersten Sonntag im Mai kämpft man dort um Fässer, die durch die Strassen gerollt werden, und als ich mich letztlich dort wieder erhob, hatte man auch mit als Fass benutzen können. Denn ich habe einiges probiert, so dass ich zwar nicht als Schinken, sondern als eine Art fassförmiger Stopfganter zu enden drohte. Es ist dort wirklich sehr gut und mir wurde auch versichert, dass man in Suvereto keine Deutschen mehr räuchert. Dafür findet sich dort vieles mit Trüffel von zartem Geschmack, man weiss, wie man Nudeln richtig selbst herstellt und kocht, und eigentlich will man gar nicht mehr weiter. Ab und zu kommen ein paar Bogenschützen in historischen Kostümen vorbei, um oben in der Burg mit Blick aufs Meer Strohmänner mit Pfeilen zu spicken. Kurz, der Umgang mit Ankommenden ist hier durchaus differenziert und im l’Ciocio sitzt man fraglos auf der richtigen Seite der historischen Entwicklung.

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Manche sagen ja, es gäbe kein richtiges Leben im Falschen, aber ich sage, dass am Ende immer die einen geräuchert werden und die anderen sie essen, und dabei keine derartigen Fragen stellen. Niemand findet es richtig, geräuchert zu werden, und trotzdem kommt es vor. Man sollte diese Realität im Auge behalten, will man nicht später einmal die falschen Seiten der Geschichtsschreibung mit seinem Schicksal füllen. Wenn ich mir die Politiker so anschaue, wie sie einfallen und faltig werden, dann frage ich mich auch, ob sie nicht vielleicht schon ein wenig vom Dasein vorgeräuchert werden. Am besten bleibt man einfach in Suvereto sitzen und wartet, bis die Küche wieder aufmacht. Denn das Leben ist kurz, der Pfeil fliegt schnell, aber die Speisekarte ist lang.

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10. Apr. 2016
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07. Apr. 2016
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Unterbezahlung als gerechter Lohn für Banausen

Angelina, Angelina, please bring down your Contertina
and play a welcome for me, when I be coming home from sea.
Harry Belafonte

Es ist noch nicht allzu lang her, da betrat man den Dom von Siena, fand hinter dem Eingang im Dunkeln einen hölzernen Kassenverschlag, und löste dort eine Karte. Heute muss man die Karten im Seitenschiff des “Neuen Doms“ kaufen, einer Bauruine des Mittelalters, schräg gegenüber am anderen Ende des Areals. Die Verkäufer sitzen hinter dicken Glasplatten. Vor dem Dom selbst sind Annäherungshindernisse. Und Wachleute mit Metalldetektoren prüfen, ob man Waffen dabei hat. Die Zeiten, da man einfach so in eine Kirche gehen kann, sind, sofern es sich um ein Meisterwerk des Christentums handelt, in Italien mittlerweile vorbei. Unachtsame Besucher sehen nur, dass die alten Holzverschläge entfernt wurden. Kundige erkennen ein ausgefeiltes Sicherheitskonzept, mit dem potenzielle Terroristen auf Abstand gehalten werden.

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Natürlich steigt in so einer Bigletteria auch die Anforderung an das Personal. Solche Posten in Holzverschlägen waren lange Zeit ein zwar nicht gut bezahlter, aber sicherer Beruf im italienischen System der staatlichen Patronage, der wenig verlangte und wenig Aufstiegschancen bot. Italien hat unendliche Mengen an Museen und Kulturgütern, und ebensolche Mengen an Personal, das Karten verkauft, mehr oder weniger aufpasst und das Wunder vollbringt, dass trotz meist vorsintflutlicher Sicherheitstechnik weitaus weniger passiert, als man annehmen möchte. Nur an den herausragenden Werken müssen Mitarbeiter aktiv Leistung bringen. Jetzt, in der Vorsaison, ist die Arbeit überschaubar. In der Saison ist das anders. Aber noch sind die Japaner im Büro und die Chinesen im Stau, die Amerikaner essen Fast Food, und die Deutschen bleiben mit schlechter Laune unter sich.

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Die Deutschen… ja, das ist so eine Sache mit denen. Ob sie in 20, 30 Jahren immer noch so gern nach Italien kommen werden? Auf der einen Seite ist da die Angst vor dem Terror in islamischen Ländern, die plötzlich Pools in Südtirol schöner als Buchten in der Türkei erscheinen lässt. In Kirchen werden in Europa keine Religionskriege zwischen den Konfessionen mehr ausgetragen. Und statt Körperverhüllung sieht man in San Vincenzo, wo ich gerade logiere, erwartbar erste Haut bei 27 Grad und blauem Himmel. Italien braucht keine Zonen für westlichen Lebensstil, es ist durch und durch westlich. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob die Deutschen eine neue Italiensehnsucht entwickeln. Ich sehe zu viele mufflige deutsche Kinder, die lieber in ihre Mobiltelephone statt auf römische Ruinen starren. Jugendliche, die sich von dem angesprochen fühlen dürften, was ich jüngst auf einem Müllportal lesen musste: Vom Gefühl, ein “unterbezahlter Millenial“ zu sein. Tatsächlich wird so ein junger Mensch mit Geldsorgen – die Miete in Kreuzberg! Das neue iPhone! – dann lieber einen Pauschalurlaub dort buchen, wo es deutlich billiger und kulturell weniger bedeutend ist.

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So eine gewisse miesmuschelige Grundunzufriedenheit junger Menschen, die sich alle um besonders beliebte Jobs streiten und bereit sind, für miesen Lohn in einem windigen Verschlag am Rechner zu sitzen, mit einer stupiden Hilfsarbeit, die auch nicht fordernder als das Ticketabreissen ist, wie etwa das Erstellen eines Quiz oder eines Listicles – so eine Unzufriedenheit braucht das deutsche System. Diese Unzufriedenheit ist die beste Propaganda für unseren Leistung betonendes Mechanismus, verbunden mit der Erwartung, dass man irgendwann den Sprung zum gut bezahlten PR-Dienstleister schafft und dort vielleicht ein Viertel von dem bekommt, was der total unschicke Schulkamerad mit dem Maschinenbau- oder Informatikstudium ganz selbstverständlich erwarten kann. Die leicht depressive Grundunzufriedenheit, die junge Medienleute pesthauchen, macht das Dasein hässlich, sie ist so eine Art Ganzkörperverhüllung für die gute Laune, der Dünger für Privilegienforderung und ohne echte Leistungsfähigkeit – so hat gerade die Prantlhausener Zeitung einen feministischen Propagandaartikel beim Guardian abgeschrieben, und darin, welch Wunder, die Gender Pay Gap beklagt. Und die H&M-Jeans passt auch nicht, wie gemein. Das ist wichtig. Alte Trümmer sind egal.

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Ich kenne so eine vulgärdeutsche Lebenseinstellung weder aus meinem deutschen noch aus meinem italienischen Umfeld. Mein deutsches Umfeld spricht eher selten über Einkommen, weil das nur eine nette Komponente des Vermögens ist. Mein italienisches Umfeld arbeitet wirklich, reisst sich die Beine aus, eröffnet Bars, arbeitet nebenher noch auf dem Wochenmarkt und tut alles, um an Immobilienbesitz zu gelangen, sucht nach privater Sicherheit, konzentriert sich auf das Wesentliche, ohne zu klagen – dafür sind sie viel zu stolz. Kein Italiener – es handelt sich dabei nicht um Millenials, sondern um Menschen mit Ehre, Anstand und realistischer Einschätzung der Möglichkeiten – würde sich trotz der Wirtschaftskrise öffentlich als unterbezahlter Angehöriger einer Verlierergeneration bezeichnen und nach dem Staat und Quoten plärren. Sie arbeiten, was geht, und so lange, bis es eben für sie passt. Das ist auch nicht immer schön und gerecht, aber sie tun etwas, damit sich das ändert.

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Deshalb mag ich auch diese zufriedenen und bemühten Wärterinnen an den drittklassigen Denkmälern im Hinterland an der freien Luft. Es gibt dort zwei Arbeitsplätze und momentan vielleicht acht Touristen, die zu beaufsichtigen sind, und die Hälfte davon wäre aufgrund der Vergreisung körperlich nicht mehr in der Lage, Kulturgut nach draussen zu schleppen. Es reicht, die Stühle unter den Baum zu stellen, von dem aus das Areal zu überblicken ist, ein gutes Buch und eine Sonnenbrille dabei zu haben, und die Füsse auf das Mäuerchen davor zu legen. Das ist nicht gut bezahlt, macht aber erkennbar zufrieden und glücklich. Seit vielen Tagen scheint hier die Sonne. Im Osten geht sie über Siena auf, im Westen über dem Meer unter, dazwischen ist eine Art literarisches Picnic an einem der schönsten Plätze der Erde. Die Römer wussten schon, warum sie hier ihre luxuriösen Bauten errichtet haben. Marmorsäulen gleissen im Sonnenlicht, ein Lächeln umspielt die Lippen der Lesenden. Würde ich etwas fragen, bekäme ich eine freundliche, hilfreiche Antwort. Das Leben ist schön. Alle sind zufrieden. Im Schatten schläft eine dicke, schwarze Katze. Um uns herum versinkt die Welt im Chaos – hier steht sie still und bietet jedem, was er braucht.

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Ich erkläre etwas über die Konstruktion römischer Theater, über die Aufführungspraxis und die Akustik solcher Gebäude, und bin ganz erstaunt, dass ich die Raumabfolge der Thermen übersetzen und erklären kann. Man glaubt gar nicht, was sich alles an sinnlosen Informationen in der Gehirnmüllhalde, die während der Grand Tour aufgehäuft wurde, bestens erhalten hat. Am Geländer fühle ich, wie das Eisen nachgibt, weil es entlang der Wasserwege längst vom Rost zerfressen ist. Oben in den Mauern brechen Rosmarin und Currykraut den Stein, ein leichter Wind fächelt Luft vom Meer herüber. Seit den Tagen, da drüben an der Küste auf der Via Aurelia die Legionen nach Norden marschierten, um die Germanen vom Baum zu pflücken und ihnen die Vorteile der Reinlichkeit nahe zu bringen, ist die Führerschaft in Europa auch gen Norden gewandert, und hält sich in den Kreisen, die die Berliner Republik unter sich aufteilen wollen. Dort liegt die Macht, sofern die Niederländer nicht anders entscheiden. Hier unten ist aber immer noch die Grösse der Geschichte.

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Und die zufriedenen Wärterinnen hier unten und ihre männlichen Kollegen oben bei den etruskischen Tempeln. Man kann nicht alles haben, Kultur verträgt sich nun mal nicht gut mit dem Verlangen nach Aufstieg in einer von Leistung und Geld geprägten Gesellschaft. Man muss Kompromisse eingehen, und hier besteht dieser Kompromiss aus einem eher kleinen Verdienst, Blick über die schönste Landschaft der Welt, einem Buch und viel Sonne. Woanders wird dagegen strategisch geplant und intrigant gewühlt, um in einem engen Büro nach vorne zu kommen, und das ausgerechnet in Berufen wie meinem, die, bei Lichte betrachtet, in den letzten 20 Jahren schlimmer verrottet sind, als die Eisengeländer, die unsereins beim Betrachten der Ruinen vor dem Absturz bewahren sollen. “Unterbezahlt“ ist für die nächste Generation nicht mehr als der Einstieg in die Altersarmut. Die Wärter sitzen auf festem Grund, und die Mauer sieht solide aus. Sie und ich, wir sind, jeder auf seine Art und Weise, ganz oben in der Zivilisation angelangt, selten und wenigen ging es besser. Mag sein, dass sie mehr mit neuen Touristenströmen zu tun bekommen, wenn es andernorts noch schlechter geht, und irgendwann muss auch ich wieder nach Deutschland, um mein Rad und frische Kleidung zu holen und nach Siena umzuziehen. Aber in diesem Moment, an diesem Nachmittag, gehen einige Menschen in ihrer Arbeit zufrieden auf – sie, weil sie ein gutes Buch lesen, und ich, weil ich ihre lächelnde Zufriedenheit beschreiben und erklären darf.

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Es gibt tatsächlich noch ein Leben ohne Klage und Jammern, ohne immer neue Forderungen und Befürchtungen, dass es bald wieder knallen könnte, ein wenig vergessen und entkoppelt vom Strom der immer gleichen, immer gleich schlechten Nachrichten, die ihren sumpfigen Grund im Verlangen nach Mehr und nach Unterwerfung von anderen haben. Die Katze schnurrt, wenn man sie streichelt, und die Säulen, die die alte Gesellschaft stützten, künden von Lustspielen, in denen man noch herzlich über dreiste Aufschneider lachte, die nichts leisteten und dennoch mehr Geld verlangten. Buffone nennt sich so einer in der Commedia dell’Arte. Wirklich, wir sollten seine über H&M-Hosen jammernden Enkelinnen mehr verlachen. Und die Wärterin, die alle gewitzte Weisheit der Colombina in sich vereint, beim Verlassen des Theaters an einem der schönsten Plätze der Welt freundlich grüssen.

07. Apr. 2016
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31. Mrz. 2016
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Schwan, Spatzl, dumme Gans – Genderdebattieren mit Relativcharme

Wenn Männer aufhören, Charmantes zu sagen, hören sie auch auf, Charmantes zu denken.
Oscar Wilde

Ich bin bekanntlich der höflichste Mensch von der Welt, wohlerzogen und allen Menschen und ihren Schwächen zugetan. Aber auch der höflichste Mensch der Welt sieht sich immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie er diese Contenance angesichts der Realität tapfer erhält. Bayerische Freunde etwa verstehen meine liebevolle Nachsicht für die ethischen Defizite von radikalen Feministinnen überhaupt nicht, und vertreten die Ansicht, sie selbst würden beim Beschreiben derer Tolldreistigkeiten nicht an sich halten können. Böse und bitter wäre ihre Wortwahl, justiziabel wäre vieles und überhaupt, auf grobe Birkenstock-Klötzinnen gehöre auch ein grober Keil. Man ist nicht wirklich zufrieden mit meiner nachsichtigen Haltung und wundert sich, warum ich so gelassen bleibe.

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Die Frage wird im Frühling wieder aktuell, denn diese Szene hat erkannt, dass sie beim Thema Flüchtlinge nur verlieren kann. Flüchtlinge haben ganz andere Sorgen als ihre Forderungen nach Einführung des Binnen-I und rosa Röckchen für Jungs.  Wo kämen wir denn da hin, wenn Medien immer nur über die Forderungen in Idomeni berichteten und nicht über den genderneutralen Umbau der Gesellschaft? Daher machen Aktivistinnen und die befreundeten Medien nun langsam einen Schwenk: Mit #imzugpassiert melden eine Kunststudentin und die üblichen Empörten, was ihnen alles so im Zug widerfahren ist, und wie viel Alltagssexismus sie erleben. .

Damit steht wieder die wichtigste Sorge der Welt – das Wohlergehen der Aktivistinnen mit erkennbaren Interviewbegierden – im Zentrum der Darstellung. So werden heute aus inszenierten Kamagnen Nachrichten gemacht. Mein Trick, um angesichts von nicht nachprüfbarer Behauptungen der immer gleichen „Wozu-Polizei-wenn-ich-es-twittern-kann“-Aktivistinnenblase und ihrer Helfer in den Medien weiterhin höflich zu bleiben, ist das Verfassen von Texten, die schonungslos ausdrücken, was ich mir denke. Ich schreibe Emails, die die ganze tiefere Vielschichtigkeit der bayerischen Sprache umfassen. Ich mache aus meinen Wünschen, was die berufliche Zukunft vonunkritischen Kollegen angeht, keinen Hehl. Ich verweise auf die Nachteile eines Daseins in kleinen Mietwohnungen und darauf, dass Schulfreundinnen mit Kindern, Haus und Garten jenen Wert für die Gesellschaft haben, den sie für sich in Anspruch nehmen. Diese Mails schicke ich dann an Namederbetreffendenperson@gschupfteHenna.netwoah oder summarisch an info@zentralratderschiachn.mistamseln und dann geht es wieder. So bin und bleibe ich öffentlich der höflichste Mensch von der Welt, denn meine Mails erreichen nie ihr Ziel. Aber ich habe sie abgeschickt, und das fühlt sich gut an.

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So sind wir doch eigentlich alle, und darauf basiert auch die bessere Gesellschaft, aus der ich sehr wohl und andere nicht kommen, was man bisweilen leider auch merkt. “Schlucken, Alfonsius, schlucken“, brachte mir meine Grossmutter bei, und wer klug ist, denkt sich einfach seinen Teil, merkt sich den Vorfall und wartet auf eine günstigere Gelegenheit der Rache. Das ist nicht nett, aber sehr wohl höflich, und das Schöne am Leben in gehobenen Verhältnissen ist, dass wir auch wirklich die Zeit und das Vermögen haben, um jenen günstigen Moment erwarten zu können. Anderen fehlt das Vermögen und die Geduld, die preschen dann gleich mit ihrer Meinung vor, wie etwa eine anonym agierende Person bei Twitter, die gestern ihren Beitrag zum Aufmerksamkeitsschwenk hin zum Feminismus leistete: Eine glaubhafte “JournalistinHH“, die sich wirklich so unausgewogen benimmt, wie ich das von schlecht bezahlten Personen in einem krisengeplagten Beruf am Polarkreis erwarte, bezeichnete die Zeitschrift Capital wegen des Frauenbildes als “Drecksblatt“. Und der kritisierte Chefredakteur blieb ihr mit einer Bemerkung über “dumme Gänse“ nicht allzu viel schuldig.

Natürlich reagieren nun manche schnell und nennen das Sexismus. Das ist ganz erstaunlich in einer Epoche, die ansonsten dazu neigt, Unschönes eher sprachlich zu verbergen. Wir leben in einem druckertintenklecksenden Saeculum, in dem Menschen aus der Subsahararegion stammen, weil es uns peinlich ist, über ihre Hautfarben zu sprechen. Wer nach Deutschland migriert und seine Herkunft verschleiert, gilt nicht als illegal, sondern als anzuerkennender Altfall, wobei darin immer das Versäumnis deutscher Behörden zum Ausdruck kommt. Wir sagen nicht mehr arm oder gar Grattler, wenn es um sozial Benachteiligte geht. Sie sind benachteiligt, also Opfer zumindest der Umstände, wenn nicht gar des Systems oder der Reichen. Wir sprechen bei brüchigen Biographien von Unterprivilegierten und drücken damit aus, dass ein Defizit besteht, was die umgebende Gesellschaft zu beheben hätte. Radikale Feministinnen gehen einen Schritt weiter und sprechen von einer ganzen Rape Culture, die eine Kollektivschuld am Elend der Frauen und ihrer obszönen Vorwürfe trägt. Wie betrachten nicht mehr den Einzelnen, denn wir kriegen eins auf die Nuss, wenn Menschen als illegal, Schwarze, Barackler etc. bezeichnen. Wir bevorzugen Worte, die den gesamten sozialen Kontext mit abbilden und Opfer kreieren, gelten daher als höflich und bewusst, und stellen uns damit auf die Seite der Guten. Ich passe mich da auch an und bringe hier, wie gewünscht, viele Frauenbilder.

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Dem Wohlverhalten widerspricht jedoch die Neigung des Netzes, einzelne auszugrenzen und dann gemeinschaftlich anzuprangern – momentan eben denjenigen, der mit “dumme Gänse“ weit unter dem bleibt, was ich privat andere vielleicht in falsch adressierte Mails schreiben würden. Aber es erscheint mir als guter Moment, unseren gesamtgesellschaftlichen Konsens der Ursachenbetrachtung bei der Beurteilung zu bedenken. Wir sehen durchaus, dass hier die Bereitschaft besteht, Kosenamen zu verwenden, statt die Drecksblattsagerin analytisch zu hinterfragen. Dieses Verhalten gilt uns normalerweise als Charme, wenn wir etwa nach Stunden der weiblichen Nichtentscheidung im Wäschegeschäft immer noch “Spatzl“ sagen, wenn wir längst “zum Geier“ meinen. Wir sagen Spatzl, aber einen Heiratsantrag würden wir gerade eher nicht machen. Wir passen den Charme den Umständen an, und reagieren nicht abfällig – wir sind immer noch nett. Liebenswürdig. Nur halt relativ zu der uns umgebenden Gesellschaft. Der Charme ändert sich, aber er bleibt.

Das ist der Grund, warum ich doch als höflichster Mensch der Welt darum bitten möchte, vom Wort “Sexist“ Abstand zu nehmen. Wie haben hier nun mal eine Eskalation der wüsten Beschimpfung und relativ dazu eine massvoll ornithologische Bezeichnung. Hätte JournalistinHH gesagt, sie wünschte sich mehr Frauen, wäre die Antwort vielleicht Spatzl gewesen. Hätte sie ihr Anliegen in einem erfreulichen Tonfall vorgetragen, hätte man sicher die schwanengleiche Eleganz ihrer Überlegungen gelobt. Charme entfaltet seine Schwingen relativ zum Umfeld, und wenn wir das in Betracht ziehen, dürfen wir den Einzelnen nicht ohne Rücksicht auf die Umstände verurteilen. Ich sehe hier keinen Sexismus.

Ich sehe nur einen Relativcharmeur.

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Ich finde das Wort sehr schön, denn es glaubt an das Gute und macht gleichzeitig die Problematik des Daseins deutlich. Auf diesem Niveau ist es möglich, sich weiter gepflegt auszutauschen, auch über grundsätzlich andere Auffassungen hinweg. Es schlägt keine Türen zu, es lässt wissen, dass sich die Tür bewegen kann. Es nimmt Rücksicht auf menschliche , nur allzu menschliche Schwächen, und wirkt deeskalierend. Es ist nicht diskriminierend und klingt auch noch recht hübsch. Es würde niemanden dazu animieren, sich in einen Schreikampf zu stürzen, der keinem etwas bringt. Das Wort hat keinen Absolutheitsanspruch und verhindert, dass andere das Werk von Julius Streicher durchsuchen, ob der nicht vielleicht auch schon “Drecksblatt“ gesagt hat. Relativcharmeur ist ein charmantes Wort. Es trägt zur zivilisierten Gesellschaft vorbildlich bei.

Wir sollten es öfters verwenden. Höflichkeit kostet schliesslich nichts und stört später auch nicht beim Zücken des Dolches in jenen Momenten, die sich dafür wirklich empfehlen.

31. Mrz. 2016
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Soziale Teilhabe an Millionen und Crystal Meth

Zum Reichtum führen viele Wege, und die meisten von ihnen sind schmutzig.
Cicero

Als schlechterer Sohn aus besserem Hause ist mein Interesse an Leistungserbringung naturgemäss begrenzt, und es ist mir fast ein wenig peinlich, dass ich dennoch gern gelesen werde. Manchmal jedoch gebe ich mir auch Mühe und überprüfe meine Annahmen, bevor ich sie niederschreibe. Wie auch immer, ich habe als im Internet nachgelesen und mein Verdacht war richtig: Es gibt in Deutschland keine Leibeigenschaft mehr. Sie wurde meist schon vor über 200 Jahren ersatzlos gestrichen. Ehemalige Leibeigene müssen also nicht mehr auf der Scholle ihrer Grundherren Naturalien erwirtschaften, sie können einfach gehen, wenn es ihnen nicht gefällt. Ich persönlich finde, dass Leibeigenschaft und Sklaverei deutlich besser als ihr Ruf waren und die Abschaffung vielleicht nicht völlig durchdacht wurde, wie man das ja auch von Grenzöffnungen und Einladungen zu Invasionen so kennt: Fest steht aber, dass der Deutsche nach Lust, Laune, eigenem Vorteil und zur Gestaltung der besten aller möglichen Welten umziehen kann, wohin er gerade möchte.

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Das ist wichtig, weil letzte Woche die Klientelpartei der ehemaligen Leibeigenen und Sklaven, die zur Mehrheitenbeschafferin herabgesunkene SPD, durch ihre Friedrich-Ebert-Stiftung beklagte, dass die im Grundgesetz geforderten, vergleichbaren Lebensverhältnisse im Land kaum noch existierten. Dazu veröffentlichte sie im “Sozioökonomischen Disparitätenbericht 2015“ Datensätze, die meine deutschen Wohnorte von ihrer besten Seite zeigen und die Areale, in den die SPD noch etwas zu melden hat, weniger günstig darstellen. Möglicherweise hat das auch etwas mit Politik zu tun, aber bei den Gründen für die auseinander gehende Entwicklung hält sich die FES nicht auf. Pünktlich zum Bekanntwerden des hauptsächlich von Bayern getragenen Bundesfinanzausgleichs also zeigt die FES, wie prima es mancherorts läuft, und wie schrecklich woanders – und das, obwohl das rotgrüninsolvente Bremen heute auch Medienpolitik wie die CSU unter Strauss macht. Das allein reicht wohl nicht aus.

Ja, also, die Sache ist nur, und bitte, das weiss ich von einer hochintelligenten Volkswirtschaftlerin: Wenn in einem Land die Unterschiede zu gross werden, kommt es zu massiven Wanderungsbewegungen. So entstand etwa das Ruhrgebiet, so entstanden Kurorte, so entstanden Opernhäuser – überall zogen spezielle Einrichtungen spezielle Gruppen nach sich. Das hat sich nicht grundlegend geändert, meine Heimat weist tatsächlich eine heftige Einwanderungsbewegung auf. Aber es kommen bei weitem nicht alle, obwohl die Regionen Vollbeschäftigung haben und ihre Mitarbeiter auch aus dem Ausland beziehen. Es gibt bei uns menschenverschlingende Pullfaktoren und woanders menschenverachtende Pushfaktoren, erklären mir die Daten der FES. Eigentlich müsste es da zu einem Ausgleich kommen, denn die Menschen sind ja keine Leibeigenen mehr, solange sie nicht gerade im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter politischen Vorgaben arbeiten. Und da denke ich mir: Könnte es nicht eventuell sein, dass die Karten nicht alle relevanten Faktoren abbilden?

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Ein Kriterium, das die FES natürlich in Berlin nicht kennt, ist beispielsweise das Thema Hubschraubereinsätze. Sehen Sie, wenn Sie in Berlin zum Beispiel keine Möglichkeit haben, Ihre fragwürdige und begrenzt kluge politische Überzeugung wie unsereins in den Leitmedien zu verkünden, nehmen Sie eine Spraydose und schreiben das an die Wand. Dann kommt vielleicht der Büroleiter eines momentan krank geschriebenen Abgeordneten und vertreibt Ihre “Gib Handy“-Forderung auf seinem privaten Account. Das ist bei uns in Bayern anders, wir jagen solche Freunde des Schrifttums mit dem Polizeihubschrauber. Oder Sie nehmen die Ungleichheit der Verhältnisse in Deutschland zum Anlass, nicht auf die Weltrevolution zu warten – Sie bereichern sich mit Schwarzfahren, lehnen auch die Herrschaft des Kontrolleurs ab und greifen den an. Dafür bekommen Sie in Duisburg Hilfe von körperbetonenden Clans. Bei uns in Bayern jagt man Sie mit dem Hubschrauber. Oder Sie versuchen, das soziale Ungleichgewicht mit dem Vorzeigen eines Messers in Ihrem Sinne zu verändern. In Bremen mag es dafür eine rotgrüne Integrationssendung geben, die Ihre Motivation verständnisvoll begleitet. Bei uns in Bayern werden Sie mit dem Hubschrauber gejagt. Natürlich kann man die Teilhabe am Reichtum fordern, aber Reichtum erleuchtet auch Strassen mit dem gleissenden Licht des Suchscheinwerfers, wenn die Teilhabe nicht systemkonform ist.

Ich weiss, wie sich das anfühlt, denn ich war in Wackersdorf. Es ist laut, und so schnell kann man gar nicht laufen. Das nimmt man vielleicht in Kauf, wenn man eine Wiederaufbereitungsanlage verhindern will, aber bei alltäglichen Metropolenhobbies wie Sprayen, Schwarzfahren oder schwerem Raub kann einem das Gehubschraubere ziemlich auf die Nerven gehen. Die FES müsste also auch mal eine Karte machen, wo die Hubschraubereinsätze gegen Systemkritiker der Tat verzeichnet sind. Da würde meine Heimat dann ganz schlecht aussehen. Und es kann natürlich sein, dass manche ihre Prioritäten danach ausrichten, ob sie danach ihre Freunde zum Prahlen oder einen Anwalt aus der U-Haft anrufen. Weitere nette Karten könnte man auch zum Thema “Überwachung des Tanzverbots am Karfreitag“ und “Straffreiheit bei illegalen Autorennen“ machen, zur Verfügbarkeit von Drogen und zur Geschäftsöffnung. Bei uns am Tegernsee wird am Morgen gebacken, und nach vier Uhr Nachmittags ist das Angebot begrenzt. Wenn Sie hier einen dieser modernen Coworking-Plätze wollen, müssen Sie extra zahlen, wenn Sie nach 20 Uhr Zugang haben wollen. Das sind auch alles Kriterien, die für Menschen wichtig sind.

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Die FES könnte aufschlussreiche Karten über die Wohnraumkosten in wirtschaftlich entwickelten Regionen machen und mit dem sozialen Wohnungsbau im Norden vergleichen. Sie könnte Karten des Landes zeigen, wo man die Menschen mit fast geschenkten Grundstücken und 0%-Zins-Krediten erpresst, ein Eigenheim zu bauen, statt sich der sozialen Gemeinschaft anzuvertrauen. Sie könnte meine Freunde, die Miris von der Bergmannstrasse fragen, wo der Bayer den in Berlin unverkäuflichen Seidenteppich holt, und die Alkoholkranken davor, warum sie die bayerische Wirtschaft mit Tegrnseer Hell stützen. Mein Gefühl sagt mir, es entstünde mit all den säuferleberweichen Faktoren kein Modell der Ungleichheit mehr, sondern ein Bild der Diversität, die unterschiedlichsten Glücksvorstellungen multioptionale Räume zur Selbsterfüllung bietet. Höre ich nicht dauernd, Deutschland sei bunt, vom Grau unserer Gebirgsjägertrachten bis zum Blau der Junkievenen? Und warum konzentrieren sich ausgerechnet Sozialisten auf die Vermögensverteilung? Selbst bei Marx bis Pol Pot werden doch ganz andere Lebensziele in den Vordergrund gerückt. Da muss die FES deutlich nachbessern, um den Menschen und nicht die Ideologie in den Mittelpunkt zu stellen. Teilhabe ist universell zu betrachten.

Wie gesagt, wem die Verhältnisse in Ort A nicht behagen, der kann jederzeit Ort B aufsuchen und dort teilhaben, wo es besser ist. Würde man wirklich versuchen, einzelne Faktoren überall anzugleichen, könnte es schnell passieren, dass auch anderes aus dem Ruder läuft: Zu meiner Zeit in Berlin war die jetzt ruhige Wohngegend rund um die Lychener Strassse unter dem Namen LSD-Viertel bekannt – heute ist es nach der Gentrifizierung nicht mehr weit bis zur Bürgerwehr, die Unpassende mit Golfschlägern verscheucht. Geld ist nun da, aber die Matratzen auf dem Bürgersteig sind selten geworden. Man muss da wirklich mal wegkommen vom schnöden, monokausalen Mammon und das alles gesamtheitlich als Biotope betrachten, die einer vielschichtigen Gesellschaft ihre nötigen Experimentierfelder überlässt, mit Mut zum Scheitern. So funktioniert die Freiheit. Das hohe Vermögen im Landkreis Miesbach kommt mit steinalten Millionären und das Hochgefühl in Berlin mit 0,6 Gramm Crystal Meth für 70 Euro.

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So endet das, was als wehleidiges Geflenne ob sozialer Unterschiede begann, in der formschönen Dialektik des historischen Materialismus. Wenn sich jeder in Freiheit verwirklichen wollte, aber die Ansprüche daran unterschiedlich waren, musste man schon immer mit unterschiedlichen Konzepten innerhalb eines Landes leben. Der Austausch der Freiheitsbegriffe ist durch den Ortswechsel möglich, und dass damit eventuell andere Nachteile verbunden sind – nun, man kann auch in der besten aller möglichen Welten nicht alles haben, noch nicht mal als schlechterer Sohn aus besserem Hause. Das war auch für mich eine harte Lektion, aber ich habe überlebt, und auch die FES wird vielleicht irgendwann verstehen: Man kann hübsche Karten haben und befreundete Journalisten und Genderkongresse und Sigmar Gabriel und 50 Millionen Euro mehr für den Kampf gegen Rechts und eine wirkungslose Mietpreisbremse und TTIP und Pack-Beschimpfung der eigenen Wähler– die Garantie, langfristig über 5% der Stimmen zu bekommen, hat man danach nicht mehr. So ist das eben mit der desperaten Disparität in unserem schönen Land der Möglichkeiten und der Teilhabe.

27. Mrz. 2016
von Don Alphonso
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19. Mrz. 2016
von Don Alphonso
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Der Genderzünder für den sozialen Sprengstoff

Allhier con Fortitudo aingeschlogn undt nydergeleckt zu Josefi, Anno Salvationis MMXVI

Vorurteile sind schrecklich. Vorurteile muss man bekämpfen. Eisern. Täglich sehe ich im Netz derbe Sprüche von Netzfeministinnen, und immer sage ich mir: Die sind nicht alle so. Nicht alle leben, wie man das manchmal auf Bildern sieht, in einer polyamoren Bettbeziehung mit leeren Pizzakartons und Hausstaubmilben. Manche tun das nur, weil sie Aufmerksamkeitsdefizite haben, und sind in Wirklichkeit ganz nett. Ich habe mich sogar schon mal einen Abend mit einer bekannten deutschen Netzfeministin unterhalten, ohne zu wissen, wer das war, und erst jetzt, nach Jahren, würde sie mir gern die Augen auskratzen. Man muss wirklich genau hinschauen und differenzieren, egal ob bei Genderideologen oder bei ihren nächsten Verwandten, den nicht minder lauten Rechtspopulisten,. Die einen hassen den weissen Mann als Patriarchat und die anderen den dunklen Mann als Domplattenwüstling. Beides ist natürlich grundfalsch – man darf einfach nicht verallgemeinern.

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Auch nicht dort,wo manche momentan noch glauben, die Grünen hätten einen Wahlsieg errungen. Es stimmt, dass die CSU-Tarnorganisation der Kretschmann-Grünen die stärkste Partei im sonnigen Baden-Württemberg wurden, aber man muss auch erkennen: Die grün-rote Regierung wurde eindeutig abgewählt. Auch die Grünen haben 70.000 ihrer alten Wähler – immerhin sechs Prozent ihrer Klientel – an die AfD verloren. Weniger als andere, aber das ist schon erstaunlich. Und ausserdem hat die AfD dort mehr als in jedem anderen westlichen Bundesland geholt: 15,1 Prozent ist wirklich viel. Insofern ist es auf den ersten Blick nicht verwunderlich, wenn sich nun unter der Führerschaft des VVN-BdA ein Bündnis aus Gewerkschaften, Linken, Grünen und Sozialdemokraten bis zu Blockupy formiert, das sich „Aufstehen gehen Rassismus“ nennt und behauptet, mit der AfD wäre die alte Abgrenzung der Gesellschaft nach Rechts gestört – und man bräuchte eine neue Abgrenzung, um die AfD ausserhalb des gesellschaftlichen Konsenses zu halten. Zu dem Zweck wollen sie mit einem bundesweiten Schulungsprogramm “Stammtischkämpfer*innen“ ausbilden, die rote Linien neu ziehen.

Mit Bierfuizl.

Oh mei. Ich hoffe, die Stammtischkämpfer*innen überlegen sich das vorher zweimal und erstellen eine Karte der Biergärten, wo es nur Plastikmesser, Babbadegglgschirr, Gummimasskrüge und keinerlei Spiesse zum Ochsenbraten gibt. Da können sie es vorsichtig versuchen und dann die Idee der gelebten Realität anpassen. Aber Josefimesserstechereispass beiseite, da sieht man halt, wie vorschnell die Linke urteilt: Den Gegner halten sie für einen dumpfen Stammtischbruder, der Jahrzehnte in seinen Vorurteilen gegärt wurde. Alte weisse Männer in Tracht. Das Patriarchat halt. Dabei zeigt die Wahlanalyse aus dem Südwesten etwas ganz anderes. Den höchsten Zuspruch hat die AfD bei jungen Leuten bis Mitte 40. Und auf drei Männer, die da ihr Kreuzerl machen, kommen zwei Frauen, die genauso entscheiden. Fast jeder fünfte wählt AfD. So viele kann man in der Realität nicht ausgrenzen, wenn man seinen Arbeitsplatz oder die Apanage der Eltern behalten will. Die AfD-Wählerschaft ausgrenzen können Berliner Hipster, die auf Bento und anderen Müllkippen arbeiten. Aber in Schwaben geht das allein wegen der schieren Menge nicht.

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Weil ich so ein lieber Kerl bin und auch Müllkippenarbeiter°innen nicht diskriminiere, möchte ich auf ein anderes Problem hinweisen. Der Aufstand geht selbstverständlich davon aus, dass es nur am Rassismus liegen kann, wenn 70.000 früher bejubelte Grünenwähler nun für die AfD stimmen. Das passt zur gelebten Praxis von Aktivisten, sich ihre eigene Blase zurecht zu blocken, die mit ganz einfachen Pauschalurteilen ohne jedes Nachdenken die Weltsicht braun eintrübt. Auf dem Dorf, wo man sich nicht aus dem Weg gehen kann, muss man dagegen differenzieren. Es mag schon sein, dass die Migrationspolitik ein wichtiger Aspekt war. Aber in Schwaben ist der Anteil der AfD auch signifikant höher als in Rheinland-Pfalz. Und dazu habe ich, ausgehend von meinen eigenen Erfahrungen auf dem Dorf, eine Theorie. Eine Theorie, warum ausgerechnet so viele jüngere Erwachsene so gewählt haben.

Weil sie an mehreren Fronten bedroht werden. Die klassische Flüchtlingsaktivistin der Medien lebt in einer grossen Stadt zur Miete und hat selten feste Bindungen – falls doch, wird sie oft bald alleinerziehende Mutter. Das ist ein Metropolenphänomen und möglich, weil dort vor allem gemietet und nicht an die Zukunft gedacht wird. Die jungen Familien bei uns in den kleineren Orten wollen nach Möglichkeit etwas Eigenes. Und alle haben sie Angst, die Gemeinden könnten Flächen, die für Neubauten oder Einheimischenprogramme vorgesehen sind, auf Jahre mit Notunterkünften blockieren. Fehlender Wohraum in der Heimat ist für junge Menschen, die als Doppelverdiener auf die Nähe der Grosseltern angewiesen sind, eine existenzielle Sorge. Das Haus besitzen oder nicht besitzen entscheidet darüber, wie das Leben im Alter sein wird. Schulkapazitäten, die für Migration abgezweigt werden, gelten als schlecht für den eigenen Nachwuchs. Mir sind diese Elternreaktionen auch fremd, aber man muss damit leben, dass sie allergisch auf alles reagieren, was das Elterndasein noch zusätzlich erschwert. Sie sind nicht so dumm, dass sie Willkommensklassen sehen und nicht verstehen, dass hier die Mittel sind, die ebenso für kleinere Klassen verwendet werden könnten. Das fordern alle Eltern. Dafür ist in ihren Augen zu selten Geld da. Jetzt ist das anders. Für junge Familien hat der Verteilungskampf längst begonnen.

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Und dann ist da noch die grün-rote Regierung in Schwaben. Die Regierung, die unbedingt Geld für sexuelle Toleranz ausgeben wollte. Die einen Bildungsplan entwickelte, der Kinder darüber aufklären sollte, dass es neben der Kernfamilie auch noch viele andere Optionen gibt. Nur damit wir uns hier richtig verstehen: Ich lehne Familienleben füt mich auch ab, ich bin aufgeklärt und aufgeschlossen und absolut der Überzeugung, dass niemand etwas bei den Freuden anderer Menschen mitzureden hat, die sich freiwillig zu Taten verabreden, so abseitig sie auch sein mögen und wenn es Genderpraktika bei der taz sind. Inhaltlich bin ich für sexuelle Toleranz. Aber Toleranz heisst nicht, das alte Zwangsweltbild des Klerikalismus durch den Genderismus zu ersetzen. Toleranz heisst, dass man auch etwas doof und daneben finden kann, und das ist speziell bei sexuellen Vorlieben und Beziehungen sehr wichtig. Ich kann alle Eltern verstehen, die nicht wollen, dass das, was sie ihren Kindern vorleben – eine gute Beziehung in der gesellschaftlichen Norm– nur als eine Möglichkeit unter vielen gelten soll. Weil es dem Genderwohlfahrtsausschüssen von GEW, SPD Grünen und angeschlossenen Esoterikerinnen in den Kram passt.

Was da entstand, ist nicht Rassismus. Es ist das – so kommt es immer wieder zur Sprache – komische und sich selbst verstärkende Gefühl, dass junge Familien auf vieles verzichten, was für andere selbstverständlich ist. Man ordnet sich unter, man gibt anderen Menschen ein gutes Leben, man lässt es nicht nach Belieben krachen und leistet seinen Beitrag für Kinder und Gesellschaft. Und dann kommt der Staat daher und bringt den Kindern bei, dass es gar nicht so altmodisch sein muss. Ein Obergrüner sagt, dass man sich auch mit Chrystal Meth in Berlin erwischen lassen kann, und viele neue Chancen verdient. So viel kann die Kernfamilie diesem Staat also kaum wert sein. Dazu kommt noch die Einwanderung, die mit jenem Geld finanziert werden soll, mit dem man auch Familien fördern könnte. Es geht um eine Migrationsheilslehre, aus der die Facharbeiter erwachsen und die jene demographischen Probleme lösen soll, die junge Familien eigentlich auch lösen, und zwar selbst finanziert, und jetzt zusätzlich für andere zur Kasse gebeten werden. Es werden Milliarden für Migranten ausgegeben, die Wohnungen brauchen und auch bekommen, und dazu die deutschen Nachbarn, die auf dem freien Wohnungsmarkt keine Alternative finden. Da sollen die zukünftigen Rentenzahler entstehen. Die sicheren zukünftigen Rentenzahler müssen sich für Willkommenklassen schlank machen und erfahren dann, wie überkommen klassische Familien sind – während der Staat Sexratgeber für Machokulturen erstellt, weil die Migration demographisch und sexuell völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Der intakte Kern der Gesellschaft wird in den Augen dieser Betroffenen zur Disposition gestellt, denn die Nachwuchs- und Rentensorgen löst die Migration, und wer den Mund aufmacht, muss alternativlos ausgegrenzt werden, von Kriminellen über den staatlich finanzierten Kulturdemobetrieb bis zur öffentlich-rechtlichen Moderatorin: Vorwürfe von Sexismus, Rassismus und Phobien sitzen locker.  So gesehen ist das Wahlergebnis wenig überraschend. Es hat gereicht, den weithin verhassten Bildungsplan zum Teufel zu jagen.

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Man kann die AfD mit guten Gründen bigott und reaktionär nennen – aber die Familien sind ihr glaubhaft näher als die Genderlobbyisten. Sie spuckt den Familien nicht ihre Genderideologie höhnisch ins Gesicht, sie ist nur rückständig, durchvonstorcht, und daher für viele das kleinere Übel. Das ist, so banal es klingt, eine Ursache ihres Erfolgs. Ich bin als Bürgerversammlungsbesucher hier nur der Überbringer dieser Botschaft, die viele jüngere Kolleginnen in den Medien vehement ablehnen. Aber diejenigen, die das Beste für ihre Kinder wollen, müssen schauen, wo sie bleiben. Speziell im kritischen Alter, wenn die Kinder in der Ausbildung sind, und dazu noch das Vermögen entstehen sollte. Da werden sie gerade verachtet, verlacht, und in den Leitmedien steht etwas über Transkinder und Röcke für Jungen.

Das kann man machen. Man kann dann auch Stammtischkämpfer schicken. Ich würde vorschlagen, vorher einfach mal mit den Leuten zu reden. Also, den jungen Familien und ihren Sorgen zwischen Konstanz und Tübingen zuhören. Oder wenigstens mal ein Buch über Fehleinschätzungen der Motivation anderer Leute lesen. Verdun, Stalingrad, immer wieder wollten Deutsche blutrote Linien zu Gegnern ziehen und nie ist das gut ausgegangen. Fahrt hin, setzt euch dazu, hört hinein und haltet den Mund oder wenigstens eine Armlänge Abstand zum Radius des Bierkrugeinschlags. Ich halte mich raus. Ich bin nur Kriegsberichterstatter, kein Sanitäter, mein Verbandskasten im Roadster ist abgelaufen, und der geliebte Pizzakarton kommt einen sicher nicht im Krankenhaus besuchen.

19. Mrz. 2016
von Don Alphonso
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