Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

17. Aug. 2017
von Don Alphonso
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Nicht ganz Detroit an der Donau

Wir haben alle Vorteile der Kleinstadt gegen die Nachteile der Grossstadt eingetauscht.
Herr B., Ladeninhaber

”Huhu T.”, schreibt die Jungredakteurin, die normalerweise im Jugendportal zu Genderrollen berichtet, aber dank ihrer 4 abgebrochenen Semester BWL nun Urlaubsvertretung in der Wirtschaft macht, “also der Beitrag über unseren Faktencheck war echt supi, meine Mom fand das Bild von mir ganz toll, ich soll GaLieGrü sagen <3. Ich habe eine grandiose Idee, die sicher bei den Lesern hier oben gut ankommt: Ich möchte einen Beitrag über Auditown machen, der es jetzt mit dem Dieselskandal und den Einsparungen nass reingeht, hihi. Meinst Du, es geht mit der Werbeabteilung klar, wenn ich frage: Wird Auditown das neue Detroit? Weil, gestern war die Jana da und die Jana macht den Social Media Kanal von einer Umwelt-NGO und die meint, dass das genau so wird.”

Denn jahrelang erfreute sich die Auditown, die die Leser dieses Blogs nur als “dumme, kleine Stadt an der Donau” kennen, wohlwollender Berichterstattung. Vollbeschäftigung, Zuzug, Export, Einkommen, Lebensqualität, Kultur, Reichtum, soziale Leistungen, Innovation, Preissteigerung bei Immobilien – egal welche Umfrage von Wirtschaftsinstituten, immer war die Region ganz vorne mit dabei, und so kamen die Journalisten aus aller Welt und versuchten zu ergründen, was dieses masslos gewordene Kaff an die Spitze gebracht hat. Meines Erachtens sind das zwei Dinge gewesen: Sehr viel Dusel und sehr engagierte, sturköpfige Menschen, die anpacken, nicht jammern und von ihren Grosseltern wissen, dass nur die Asozialen zu den Ämtern gehen, wie Berlin zum Länderfinanzausgleich. Möglicherweise schreibt der T. jetzt auch der Jungredakteurin zurück, dass der Detroitvergleich sicher ein prima Thema ist, aber man stehe Air Berlin als Kunde nahe, und sie soll jetzt erst mal das soziale Schicksal der Fluglinien-Angestellten bedauern. Sie wird daher keinesfalls darauf hinweisen, was für steuerbegünstigte Dreckschleudern und Lärmmacher Luftflotten mit ihren Businesskunden, die sich für die Bahn zu fein sind, im Vergleich zum Diesel darstellen. Und mir die Gelegenheit bieten, vorher mit 0 Semestern BWL einen strategischen Erstschlag über die Stadt zu schreiben. Nämlich jetzt.

Ich mein, schauen Sie, als ich geboren wurde, hatte die Stadt gerade einmal halb so viele Einwohner wie heute, und schon vier schwere Krisen hinter sich. Sie stieg im 14. Jahrhundert zur Residenzstadt eines Herzogtums auf, das zeitweise immens reich war, und stürzte ein Jahrhundert später zur vergessenen Nebenresidenz ab. Sie stieg langsam mit der berühmten Universität und der Gegenreformation wieder zu einem bedeutenden Zentrum der Gelehrsamkeit auf – mein Wohnhaus ist ein Seminar aus jener Epoche. Sie überstand dank der Festung im Gegensatz zum Rest des Landes den 30-jährigen Krieg unbeschadet. Die Franzosen unter Napoleon beseitigten die Festung, und die Universität wurde nach München verlegt: Für die Stadt war das eine Katastrophe. Aber das Königreich Bayern leistete sich mit dem Bau der Landesfestung unter Klenze die grösste und sinnloseste Staatsausgabe, die erst vom Rhein-Main-Donau-Kanal, der WAA Wackersdorf und dem Länderfinanzausgleich an Dummheit übertroffen werden sollte. Meine Familie profitierte damals enorm von einer monopolartigen Brotbelieferung der Rüstungsarbeiter. 1918 kam der nächste Zusammenbruch, die “ganz schlechte Zeit”, und besser wurde es erst, als sich hier Petrochemie und eine Spinnereimaschinenfabrik ansiedelten.

Ach so, und es gab hier auch noch ein Ersatzteillager der Auto Unión, deren Zentrale in Zwickau in der sowjetisch besetzten Zone lag. In diesem Lager wurde die westdeutsche Auto Union gegründet, die zuerst unter Mercedes und dann unter Volkswagen mit rückständigen Zweitakt-DKWs Mitte der 60er Jahre beinahe pleite gegangen wäre. Ich sage aus gutem Grunde “dumme, kleine Stadt an der Donau”. Es kam aber anders, man baute ein Auto namens “Audi”, es war nicht ganz unbeliebt, und heute sind hier Petrochemie und Spinnereimaschinen bedeutungslos.

Tatsächlich hat die Stadt ein halbes Jahrhundert des stürmischen Fortschritts hinter sich, und wenn Sie bei mir aus dem Fenster schauen, sehen Sie oben alle Epoche vereint. Das grosse Dach mit der Apsis gehört zum Münster der mittelalterlichen Residenzstadt. Das kleinere Gebäude links daneben ist die Hohe Schule der Gegenreformation, Das langgestreckte Dach gehört zum bedeutenden Jesuitenkolleg des Barock, und das Backsteingebäude ist Teil der Biedermeier-Festung. Und davor ist ein Studentenwohnheim der Universitäts- und Wirtschaftsstadt, die nun im Zentrum des sog. Dieselskandals steht. Grad so, als wäre der trickreiche Umgang mit Harnstoff – oder wie wir sagen, Odel – für im Kern immer noch bayerische Landökonomen etwas Ungewöhnliches.

Jetzt also muss Audi wegen des Skandals Milliarden einsparen, und die 2016er Überlegung, dass die Stadt mittelfristig dank des Wachstums im Jahr 2030 160.000 Menschen beherbergt, erscheint auch etwas übertrieben. Möglicherweise ist das Wachstum erst einmal vorbei, ja, es kann auch sein, dass die Stadt etwas zurück fällt. Und wissen Sie was? Ich finde das gar nicht so schlecht. Denn selbst für einen Profiteur wie meine Person, die den Rest des Lebens durch überteuertes Vermieten auf der faulen Haut liegen könnte, sind die unangenehmen Folgen offensichtlich.

Zum Beispiel da drüben, wenn ich aus der Altstadt zu unserem traditionellen Biergarten fahre. Da drüben ist das Grundstück der Frau P., die zu einer Zeit öko war, als das unter Reichen keinesfalls gut angerechnet wurde. 4000m² feinstes Westviertel benutzte Frau P. lediglich, um ein paar Ziegen, Schafe und Hühner herum laufen zu lassen. Ohne jede Gewinnabsicht. Wir Kinder konnten sie, wenn sie im Garten war, auf dem Heimweg von der Schule um Eier bitten. Einfach so, weil sie ein Faible für Tiere und Landwiertschaft hatte. Frau P. ist vor ein paar Jahren gestorben, und ihre Kinder haben das Grundstück an einen Bauträger verkauft. Die Kinder können mit dem Gewinn und dem restlichen Erbe in Frührente gehen, und der Bauträger muss sich überlegen, wie er den bezahlten Rekordpreis von gerüchteweise 5 Millionen wieder erwirtschaften will. In dieser Bestlage und der Nähe der neuen Villa des Audichefs konnte man vor der Krise mit neuen Rekordpreisen für Wohnungen rechnen. Mit den absehbaren Preissteigerungen von über 5% pro Jahr war das ein bombensicheres Geschäft. Aber jetzt, wo die Gratifikationen von Audi nicht mehr so üppig sind, stagniert auch der Immobilienmarkt.

Es war hier so überhitzt, dass der Makler die Strasse runter keine Angebote für die Stadt hatte, sondern nur noch für das Altmühltal, München, das Oberland und Dubai. Die Mieten haben teilweise 20€/m² übertroffen. Und mit dem Geld kamen komische Leute: Schräg hinter der Villa meiner Familie im Westviertel zog ein leitender Mitarbeiter in ein Haus neben einem der schönsten Gärten des Viertels. Damit er diesen Garten mit seinen Bäumen nicht von der Steinwüste seiner Terrasse und seinem Golfrasen aus sieht, hat er eine verspiegelte Verblendung errichten lassen. Der Professor K. vom Klinikum hat das Grundstück neben seinem gekauft und lässt es verwildern – “damit da keiner von denen hinziehen kann”. Ich will nicht sagen, dass bei uns Krieg herrscht, aber die Verdrängungsprozesse sind unübersehbar. Es ist einfach zu viel Geld in der Stadt, und es geht nicht mehr in prunkvolle Kirchen oder Schlösser wie früher, sondern in Verschwendung, Luxus und absurdes Wegwerfverhalten.

Selbst die Profiteure hatten in den letzten 10, 15 Jahren das Gefühl, dass einem hier das Leben entgleitet. Man hat zwei Museen gebaut, die kein Mensch besucht. Man hat den Reichen die obige Mauer gebaut, damit die Reichen die Pendler nicht sehen müssen. Man hat einen riesigen Kreisel mit einem Autodenkmal gebaut, bei einem riesigen Einkaufsviertel mit doppelstöckigen Parkplätzen und einem Cafe mit Blick auf den Parkplatz. Entlang meines Radwegs soll dort, wo jetzt noch ein Feld ist, eine 7-stöckige Wohnanlage entstehen – Gerüchten zufolge stockt das Vorhaben nur, weil die Ärzte nebenan kein niedriges Blockvolk neben sich haben wollen und klagen. Das neue Auslieferungslager der Audi hat mir den alten Weg ins Altmühltal verlegt. Ganz ehrlich: 2010 war die Stadt schöner als heute und 2000 schöner als 2010. Vollbeschäftigung hatten wir schon damals. Was wir noch nicht hatten, waren Werbeplakate an der Autobahn, hier abzubiegen und sich bei der Firma zu bewerben.

Und weil die Firma sparen muss, fällt beim Open Air Konzert für Alle diesmal aus Kostengründen das Feuerwerk aus, weshalb ich niemanden dorthin begleiten muss, und in den Biergarten kann. Der Erfolg hat längst die ersten Villen abgerissen und an ihrer Stelle enge Klötze gestellt. Der Erfolg errichtet keine Villen und Kathedralen, sondern Würfelhäuser in unüberschaubarer Menge. Es kommen Leute wegen des Geldes und fühlen sich fremd. Es ist keine Entscheidung für ein soziales System oder eine Heimat, sondern für Einkommen und das Prestige des Arbeitgebers, und wenn es sonst nichts gibt, fällt so eine Gemeinschaft eventuell auch auseinander. Künstlich, das ist der Eindruck, den viele haben, wenn sie die Viertel des Erfolgs sehen, der sich anschickt, all die Gärten, Felder und Blumenbeete anzufressen, die seinem Bestreben im Weg sind. Da hilft auch keine künstliche Festkultur an jedem Wochenende darüber hinweg.

Früher, in den Zeiten der Deutschland AG, wussten Journalisten noch, dass es auch ungesundes Wachstum gibt, das durch seine Nebeneffekte den eigenen Untergang nach sich zieht – das war, bevor Telekom-Aktien, die New Economy, Zalando, Air Berlin und Solarworld nach oben geschrieben wurden. Ganz so schlimm war es hier nicht, der Aufstieg war kontinuierlich und nachhaltig, aber wenn nun die Zeit der Konsolidierung des Erfolgs auf hohem Niveau kommt, ist das immer noch ganz oben in einem der obersten Länder dieses Planeten.

Und sollte es wirklich eine Krise geben: Die Region hat ihre Vorräte. Es ist durchaus möglich, kleiner zu denken, ohne dass das Leben hier gleich hässlich wird. Weniger Menschen würden hier momentan nur eine Linderung der Wohnungsnot nach sich ziehen. Ein paar Spekulanten würden bluten, ein paar Einkaufszentren nicht entstehen, und vielleicht kann ich sogar meine alte Radstrecke mit den Apfelbäumen am Rand behalten. Einige Mitarbeiter der Firma müssten eventuell kleiner bauen. Der Konzernüberschuss bei VW würde sinken, aber der gehört den Niedersachsen, die an Hungerwinter und Sturmfluten gewohnt sind. Ein, zwei deutsche Winter mit nachlassender Radeuphorie und Erkenntnissen über Akkuleistungsverlust in der Kälte hält man hier schon durch, während man fleißig an gut klingenden, urbanen Mobilitätskonzepten arbeitet, über die wieder nett geschrieben wird

.

Und wenn es ganz schlimm kommt, und wirklich wieder marodierende Horden aus dem Norden wie früher die Schweden kommen: Zwei alte Festungsringe stehen hier noch, ein Wassergraben ist auch noch da, die Kanonen hat man im Museum aufgehoben, und die alte Bäckerei im Hinterhaus ist schnell wieder eingerichtet.

 

17. Aug. 2017
von Don Alphonso
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14. Aug. 2017
von Don Alphonso
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Der hohe Preis der Tugendsignale

Die Stärke ist die Grundlage aller Tugend.
Jean-Jacques Rousseau (steckte seine eigenen Kinder in Waisenhäuser)

Das hier ist mein Wolhauser.

Ein grandioses Stück aus Frankreich. Es kam als Wrack zu mir. Jemand wollte aus dem verbeulten, geschundenen, rostigen und verkratzten Rahmen ein Rat Single Speed machen. Das ist ein Stadtrad mit abgerissener Optik, aber dafür hätte er sich halbwegs mit der Technik auskennen müssen. Er schaffte es nur, das Rad zu zerlegen, in den Keller zu bringen und liegen zu lassen. Bis er Geld für eine Autoreparatur brauchte und es an mich verkaute. Seitdem ist es mein L’Eroicarad, und so, wie es sein soll: Ein phantastisches Stück, dem man seine harte Geschichte und die Patina seit 1970, aber nicht das Versagen des Zerlegers ansieht.

Das ist ein Team Raleigh von 1977. Es sieht nicht nur aus wie neu, es ist neu. Es ist seit 1977 einmal um den Block gefahren. An Weihnachten 1977 durch den neuen Besitzer, der damit beschenkt wurde. Der wartete dann auf den Frühling, hatte dann Besseres zu tun, im Sommer auch, und außerdem war damals der Radhype rund um Didi Thurau, der auf so einem Rad eine Weile die Tour de France anführte, auch schon wieder vorbei. Die nächste Strecke fuhr ich nach dem Erwerb von seinem Sohn und Erben damit letztes Jahr zum Phototermin.

Das hier ist ein Cicli Razzo aus einer kleinen, feinen italienischen Manufaktur. Mit Chrommuffen. 1982 kaufte es ein Deutscher nahe Rimini für sein Ferienhaus und fuhr damit, ab und zu, laut Familiensaga zum Cafe. Meistens aber nicht, weil es zu heiß war. Es hat immer noch das erste Lenkerband. Und keinen Kratzer.

Das ist ein Somec, ein tolles, nervöses Rad aus einer berühmten Schmiede. Gekauft und gebaut wurde es 1984 in Augsburg, und bei einer der ersten Fahrten schmiss es den Besitzer auf den Strassenbahnschienen. Das war ihm eine Lehre, und er fuhr wieder Auto, bis er starb und seine Erben das Rad an mich weiter gaben. Es ist unter mir mehr als unter seinem Erstbesitzer gelaufen.

Das ist ein Enik Tourmalet, das Spitzenmodell des deutschen Herstellers von 1987. Es wurde so gekauft, so ein, zweimal bewegt, und stand dann so jahrzehntelang im Keller, weil der Besitzer merkte, dass der Sport für ihn nichts ist. Es war 1987 mein Traumrad, das ich gekauft hätte, hätte ich 3400 DM locker machen können. Wie man sieht, man muss nur warten. Andere heben es im Neuzustand für einen auf.

Das ist ein Specialized Roubaix Expert von 2011, gekauft von mir für genau 3000 Euro weniger, als der Erstbesitzer bezahlte. Der ist damit vielleicht 300 Kilometer gefahren, bis sein Kind kam, und jetzt macht er das gar nicht mehr. Die Kosten lagen bei 10 € pro Kilometer. Wenn ich alles zusammenrechne, kostet der Kilometer in meinen benzinsaufenden Monster SLK350 vom Stuttgarter Band bis zum neuen Leben in Algerien oder Moldawien 0,80 Euro. Wahrer Luxus ist nicht, auf Ledersitzen mit 250 Sachen offen zu fahren. Wahrer Luxus ist, so ein Rad zu kaufen und nicht zu benutzen.

Und das hier ist ein Reiserad für Damen von Radsport Rabe in München. Als ich in München studierte, gab es einen Boom bei Trekkingrädern und Mountainbikes, und Rabe war eines der Geschäfte, die jenes Besondere hatten, das man damals als prestigeträchtig ansah. Sattelstützen für 200 DM, Titanschrauben, Kohlefasernaben. Und hochwertige Rahmen, die nach eigenen Vorgaben in Italien gelötet und pulverbeschichtet wurden. Wer zu einer grossen Radreise aufbrechen wollte, konnte sich damals einen Randonneur von Koga Miyata von der Stange kaufen, wie den hier, der als Stadtrad missbraucht, weggeworfen und von mir restauriert wurde.

Oder er ging eben zu einem der spezialisierten Händler, erklärte seine Wünsche, und liess sich von Experten das Optimum zusammenstellen. So ein Rad ist das Rabe. Es ist nicht in der obersten Liga, die damals bei 5-6000 DM anzusiedeln war. Aber es ist ein durchdachtes Rad mit hochwertigen, dauerhaften Lösungen, und dürfte um 3000 DM gekostet haben. Also 1/5 dessen, was damals ein neuer VW Golf kostete.

Abgesehen von Verschleissteilen wie Kette, Ritzel und Reifen sollten das Rad und die Komponenten tatsächlich weitaus mehr als jene 50.000 Kilometer halten, die bei hochwertigen Produkten dieser Szene damals als Minimum angesehen wurden. So gesehen würden sich die 3000 DM lohnen, denn der Kilometer würde selbst bei Totalverschleiss mit anschliessender Entsorgung gerade einmal 3 Cent kosten. Tatsächlich wurde das Rad am letzten Freitag nach 25 Jahren entsorgt, während man in Hamburg den neuen Beitrag von Hasnain Kazim einplante. Ich habe von diesem Autor noch nie ein Bild auf dem Rad oder den Bericht einer Alpenüberquerung gesehen, aber als Vorreiter bin ich natürlich tief gerührt, wenn unsere bayerischen Umweltschutzgedanken, die wir dank schwäbischem Erfindungsgeist schon lange mit schönem Erfolg praktizieren, nun auch in den rückständigen und reaktionären Regionen des Landes ankommen, wo mit Containerschiffen und Ozeanriesen heute noch die Öko-Pest der Weltmeere gebaut und gefeiert wird. Fahren Sie mal nach Hamburg, ich war dort: Es sieht wirklich aus wie ein Moloch, aus dem trotz Aufklärung und Fortschritt immer noch die Genderbeiträge der Zeit und die Stickstoffoxide der Schiffsdiesel auf die Welt losgelassen werden.

Entsprechend begeistert sind im Internet die Reaktionen, an die ich mich hier ebenfalls anschließe: Tausende stellen fest, dass sie auch mit dem Rad fahren könnten, und sind überzeugt von den Argumenten bei Spiegel Online. Fairerweise müsste man dazu noch sagen, dass der Mensch mit der Verbrennung von Nahrung und deren teurer Herstellung durch Landwirtschaft nicht emissionsfrei ist. Das Ganze ist nur halbwegs bio, weil das Rad mit seinen guten Wirkungsgrad dem miserablen Wirkungsgrad des maximal 200 Watt leistenden Motors Mensch entgegenkommt. Es gibt Untersuchungen, dass vier Menschen auf Rädern auf 100 Kilometer in der gesamten Ökobilanz nicht besser als 4 Leute in einem kleinen Auto sind. Ich finde es besser, in mich einen Kaiserschmarrn und eine Torte zusätzlich zu stopfen, als mein Auto mit 10 Litern zu betanken. Aber jede Fortbewegung, das muss man sagen, belastet die Umwelt.

Man kann nun dagegen argumentieren, dass Sondereffekte wie die Gesundheit das aufwiegen, während Linke dann wieder sagen, dass es zu viele alte, weisse Männer gibt, die in Bezug auf Umwelt und Gleichberechtigung mit ihrem Dasein als Schaden zu betrachten sind – die Zeit hat auch dazu einen genderistischen Beitrag (Triggerwarnung Genderismus, Hate Speech, Feministische Wissenschaft). Aber das geht, wenn man das Rabe und seine Besitzerin anschaut, oder all die anderen Räder, am Thema vorbei. Das eigentliche Thema ist, dass es viele gute Vorsätze wie im Spiegel gibt. Aber enorm viel schlechte Umsetzung. Legion sind die Räder, die im Frühjahr gekauft werden, im Herbst aufgrund mangelhafter Pflege ohne Öl auf der Kette schon knirschen, im im nächsten Frühling nicht mehr ausgepumpt werden, weil das mit dem Ventil zu kompliziert ist. Bei der Abgabestelle, die ich kenne, sind die wenigsten Räder mehr als ein paar tausend Kilometer gelaufen. Sie werden benutzt, solange sie gehen, und wenn die erste Reparatur ansteht und nicht ganz billig ist, kaufen sich die Menschen lieber etwas Neues.

Und so kommt es, dass das Signalisieren von Werten mit dem Kauf eines Fahrrades in der realweltlichen Umsetzung überhaupt nicht ökologisch oder gesund ist. Das Rabe ist ausweislich der abgefahrenen Kette etwa 4000 Kilometer gelaufen, und wäre mit einer neuen Kette ohne Schaltprobleme weiter gefahren. Eine Kette und ein Kettennietdrücker kosten 25 Euro, aber dazu reichte es offensichtlich nicht. Statt dessen verstaubte und verrostete das Rad, das sicher mit besten Absichten und einem Brooks-Damensattel gekauft worden war, vor sich hin. Kosten pro Kilometer: rund 0,40 Euro. Nicht billiger als ein Mittelklassewagen Anfang der 90er Jahre. Und die gesamte Umweltbilanz, hätte man es verschrottet, wäre pro Kilo auch nicht besser als ein Auto.

Natürlich hört man das in abgelegenen Weltregionen am Nordpolarkreis, die gerade erst das Licht der Aufklärung und die Vorzüge unserer an Transalp und L’Eroica gestählten Konstitution bewundern, nicht gerne, weil man vor allem zeigen möchte, was man für die Umwelt zu kaufen bereit ist. Aber Tugenden müssen auch gelebt werden, wie nachhaltige Lebensmittel, Geschlechtsverkehr mit Kondom, mehr Sport und weniger hirnlose Serienglotze und Zigaretten. Jeder weiss im Prinzip, wie Tugenden aussehen, und wie schwierig es ist, sie gegen Gewöhnung und Bequemlichkeit durchzusetzen. Es gibt tausend gute Gründe, mit dem Rad zu fahren. Und immer einen besseren Grund, warum es gerade heute nicht geht und dann morgen sein wird, sofern dann noch genug Luft im Reifen ist.

Das Rabe hätte bei guter Pflege jahrzehntelang seine Dienst tun können. Es wurde benutzt, wie man einen Schwamm in der Küche benutzt: Als Verschleissteil, lieblos und desinteressiert. Kein Lager wurde je gefettet, keine Schraube gelöst, der Vorbau war eingerostet und im Schaltkäfig klebte der Dreck. Da ist nach dem Kauf einer pinkfarbenen Klingel keine Liebe und keine Zuneigung mehr spürbar, nichts von jener “tender loving care”, von der Briten so gern reden. Es war halt da, solange es lief. Es sah nie einen Berg, den Gardasee, die Hügel der Toskana oder den Radweg nach Wien. Es hätte 1992 so viel passieren können. Es passierte, dass es bei einem Altmetallcontainer abgeladen wurde. Woanders würde man es hineinwerfen – bei uns gibt es eine Verwertung, die rettet, was zu retten ist, und manchmal komme ich dort vorbei, und dann sehe ich es und denke daran, wie ich als Student in München keine 3000 DM hatte, um so ein Rad zu kaufen.

Entschuldigen Sie also, wenn ich als Freund des Velozipeds nur lachen kann über alle, die jetzt wieder einen neuen Anlass finden, das Rad zu propagieren. Sie haben recht, wie während der Ölkrise, während Didi Thuraus Radsiegen, wie beim Aufkommen des MTBs und jetzt, beim Siegeszug von 29er und Pedelecs. Es sind Moden, die alle dazu führten, dass nach dem Kauf erst einmal die alten, nicht benutzten Räder weggeworfen wurden. Heute bieten die Radhäuser bei uns wieder Verschrottungsprämien für alte Räder an. Es ist gut und richtig, absolut richtig, kurze Strecken mit dem Rad zu fahren, besonders in den Städten. Man ist schneller und macht die Städte schöner. Aber man muss es tun und ab und zu eben auch mal das Rad putzen, die Reifen aufpumpen, alle 200 km die Kette ölen und lernen, wie man eine Schaltung und Bremsen einstellt. Wenn man das nicht kann, wartet man im Sommer öfters mal einen Monat auf einen Termin im Radgeschäft, und wird dabei oft auch noch abgezockt.

Wäre man ehrlich, würde man ganz andere Dinge sagen: Quäl Dich, Du Sau. Der Regen macht Dir nichts, Du bist nicht aus Zucker. Schnee tut nicht weh. Wenn du in Deinem Alter nicht den Jaufenpass hoch kommst, ist es nicht zu steil: Du bist krank und musst etwas tun. Schraub das gefälligst selbst hin. Die Kette ist schmutzig, aber Du kannst Dir nachher die Hände waschen. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Er repariert sich nicht selbst. Tu was. Lerne erst mal, Dein Rad selbst auf die Reihe zu bekommen, vielleicht bekommst Du dann Dein Leben auf die Reihe. Schmerz ist nur Deine Schwäche, die den Körper verlässt. Klar bist Du pleite, wenn Du nicht mal die einfachste Dinge selbst machen kannst. Und, ganz wichtig: Überleg Dir vorher, ob Du das tun willst. Sonst endet das Rad wie Dein halber ungetragener Kleiderschrank.

Nichts davon ist geeignet, um bei Twitter die eigene moralische Überlegenheit gegenüber Autofahrern zu demonstrieren. Eigentlich müsste ich froh sein, dass nun auch andere Massenmedien das Richtige predigen, aber das da oben ist neben der Kette der Grund, warum das Rabe nicht mehr fahrbar war:: Im unteren Schaltungsrädchen hat sich ein Faden verfangen, der es blockiert. Man hätte nur eine einzige Schraube lösen müssen. Ich brauche 4, 5 Stunden, um es wieder zu dem Rad zu machen, das es einmal war, und ich sollte mich freuen. Es ist ein guter Tag für das Rad, für mich und die Bewegung. Aber innerlich koche ich, innerlich möchte ich die Erstbesitzerin eine dumme Nuss nennen und mich dann denen zuwenden, die nur Hass und Verachtung für ihre sparsamen Nachkriegs-Vorfahren übrig haben, die den Schimmel vom Brot schnitten und Räder jahrzehntelang pflegten, damit Geld für eine bessere Zukunft der Jugend da war. Manchmal sehe ich bei uns noch Damen der Gesellschaft, die beim Bäcker etwas vom Vortag nehmen, und dahinter die übernächste Generation im Hoodie von H&M, die ihren Coffee2Go-Becher auf die Strasse werfen, weil es zu stressig ist, vor der Schule daheim noch selbst Kaffee zu machen und anschließend die Tasse auszuspülen – man muss sich in der Quality Time informieren, was bei den Jugendportalen und Whatsapp an Peinlichkeiten steht. Oh, ein Beitrag ´über das Radfahren. Ja, Dieselpendler sind echt übel, das liken sie, damit jeder ihr richtiges biologisches Bewusstsein kennt.

Bald breche ich wieder in die Berge auf. Ich werde brandneue Pedelecs und Familien am Strand sehen, und steinalte Männer auf historischen MTBs und Rennmaschinen am Berg. Ob ich jemanden von Konkurrenzblättern oder ein menschliches Tugendsignal treffen werde, hoch oben über den Bäumen – das weiss ich nicht. Aber dann ist es egal, ein Zusammentreffen ist wirklich ohne jedes Risiko, denn die Wut, die mich treibt, die schwindet, wenn ich allein mit dem Berg bin, und das tue, wovon andere reden.

14. Aug. 2017
von Don Alphonso
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08. Aug. 2017
von Don Alphonso
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Fahrverbote als Turbodiesel der Gentrifizierung

Ha bel mentir chi vien da lontano.

Also wissen Sie, nur unter uns gesagt, es gibt schon gute Argumente für Fahrverbote in den Innenstädten. Es ist zwar bigott, die nicht hier Wohnenden auszusperren und sich selbst von den anderen mit Diesel-LKWs die Versorgungsgüter bringen zu lassen, die man braucht. Aber abgesehen davon bin ich jetzt nicht wirklich ein Feind von Fahrverboten. Die pure Existenz radzerstörender Unterschichten stört mich beispielsweise deutlich mehr, während ich wie alle Menschen von Stand an einem Vermögenszuwachs interessiert bin – nur das garantiert mir, dass ich nicht wirklich einer geregelten Arbeit nachgehen muss. Ausserdem wohne ich selbst in Altstädten, und dort liegt auch günstig die ein oder andere Immobilie, die mein Dasein erleichtert.

Unsere Klassengesellschaft und ihre Parteien wollen es nun mal so, dass neben Hochgestellten wie unsereins, wir verstehen uns da, nicht wahr, auch noch weniger Glückliche existieren, die noch wirklich arbeiten müssen, um Sinne von Verwaltung, Vertrieb und Produktion und nicht nur in Form von staatsfinanzierten Genderprangern. Diese arbeitenden Leute sind diejenigen, die den Reichtum des Landes schaffen, und damit sie besonders viel Reichtum schaffen, wollte es die Politik, dass sie flexibel und anpassungsfreudig sind, und wenig Kosten verursachen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, weitere Strecken zwischen Wohnort und Arbeitsstätte zu pendeln: Nur das erlaubt der Wirtschaft, kostengünstige Cluster mit kurzen Wegen anzulegen, ohne dass abgelegene Regionen massiv benachteiligt werden. Früher konnte jeder Dorfschmied ein Hufeisen fertigen und jede Bauer ein Fohlen aus dem Pferdeleib ziehen, während die Dümmsten die Schweine hüteten. Heute gibt es neben Autofabriken und Krankenhäusern auch noch Stiftungen für den Kampf gegen Rechts. Damit die Nachfahren von Bauern, Handwerkern und sozial Minderbemittelten nicht alle in die Städte ziehen, gibt es für die einen kostengünstiges Pendeln mit Dieselautos, und für die anderen Internet.

Es geht nicht anders. Sehen Sie, unsere grössten Liegenschaften sind in einem Zentrum des Abgasskandals, und wer hier arbeitet und nicht nur als grüner Musiklehrer, der weiss, dass hier die Maschinen den Takt vorgeben. Wenn der Einsetzer für den hinteren rechten Kotflügel nicht kommt, stockt der Produktionsablauf, und es muss Ersatz her. Kommt der Ersatz aber wie der erste Mann aus dem gleichen unzugänglichen Kaff zwischen der Stadt und dem Altmühltal, und würde ihn ein Fahrverbot aufhalten, hätte die Firma ein Problem. Ein gewisser Krankheitsstand ist finanzierbar, ein generelles Fahrverbot hätte für die Produktion unabsehbare Folgen. Und wer mir sagt, man könnte mit dem Rad fahren, den lade ich ein, mit mir bei 36 Grad mal die semialpine Steigung von Gungolding nach Hofstellen zu radeln, wie ich das letzte Woche gemacht habe: Wer danach noch 8 Stunden am Band Kotflügelwuchten überlebt, mit dem rede ich gern über diese umweltfreundliche Option. Für die anderen pflücke ich Blumen auf den Feldern und lasse sie mit Genesungswünschen auf die Intensivstation bringen, oder ich schreibe einen freundlichen Nachruf mit nur ganz wenig satirischen Spitzen.

Führende EKD-Ratsmitglieder, Journalisten, Politiker, Berufsempörte: Ich kann wirklich nur jeden einladen, die öffentlichen Verkehrsmittel im ländlichen Raum nach dem Kahlschlag bei den Zugverbindungen auszuprobieren. Der grün Bewegte mag das, weil sein Radweg im Altmühltal die ehemalige, aufgelassene Eisenbahnstrecke ist. Aber wer hier lebt und als Kind ins städtische Gymnasium musste, aus einem Kaff wie Zandt, der hatte mit 15 seine aufgebohrte 50er Enduro und mit 16 den Roller, damit der Schulweg nicht mehr anderthalb Stunden, sondern nur noch 30 Minuten dauerte. Man akzeptierte die Motorisierung als Preis für die begrenzte Verstädterung und die Bereitschaft, draußen im Grünen zu siedeln. Man hat das so nachdrücklich gefördert, dass die Altstädte in den 60er Jahren verslumten, und als ich Ende der 80er Jahre die angemessene Vorstadtvilla am See verliess, um wieder im alten Stadthaus zu wohnen, galt ich als Exot. Ich galt auch als Exot, weil ich im Sommer mit dem Rad die 80 Kilometer von München nach Hause fuhr. Heute darf ich mich daher, wenn man sich meinen zweisitzigen 3,5Liter V6 und die 40 echten Glühbirnen in den Kronleuchter wegdenkt, als grünen Vorreiter bezeichnen. Heute lebt man wieder in der Altstadt. Das Cabrio steht vandalensicher in der Tiefgarage und mit dem E-Bike geht es auf dem Wochenmarkt, wo die Bergpfirsiche aus Fernost ganz frisch sind.

Zumindest in Städten wie meinen, die schon weitgehend durchgentrifiziert sind. Wer hier rechtzeitig kaufte, kann sich nun über satte und de facto wertlose Buchgewinne seiner Immobilie freuen, und so mancher machte damit sein Glück. Besonders, und nun muss ich etwas über meine Drittheimat Mantua erzählen, wenn er in einer Region mit Fahrverbot lebt. In Mantua haben wir das nämlich unter der Bezeichnung ZTL, Zona Traffico limitata. Ich habe zur ZTL den schönsten Weg entlang des Sees mit dem Rad, mich stört das überhaupt nicht. Aber wer innerhalb der ZTL kaufte, erlebte etwas Bemerkenswertes: Während die Immobilienpreise in Mantua während der Finanzkrise sanken, blieben sie in der ZTL auf einem respektablen Niveau. Grund ist die lebenswerte Altstadt, die Städter hinein lässt uns alle anderen zwingt, draußen zu bleiben: Denn wer jetzt in der Stadt arbeitet, für den ist es mit der ZTL deutlich besser, auch in der Stadt zu wohnen. Wer drinnen wohnt, darf drinnen und draußen fahren, wie er will. Wer draußen wohnt, darf das nicht. In Italien macht man sich darüber keine Illusionen: Die ZTL ist ein Privileg für die Stadtbewohner, sie haben Parkplätze und dürfen fahren, und die anderen müssen schauen, wo sie bleiben.

Die deutschen Kollegen der schreibenden Zunft meinen bei ihren Beiträgen über solche Projekte zu erkennen, dass Innenstädte wie Mantua, Bergamo oder Ferrara lebenswert sind und aufblühen. Sie zeigen Bilder wie aus dem Modemagazin von wohlgekleideten Damen, die auf dem Rad durch die Sommerluft zwischen den Palästen dahin gleiten und sich im Cafe mit Freundinnen treffen, ohne dass ein Auto die Konversation stören würde. Wenn die Autoren wollten, könnten sie auch einen Vergleich mit Brescia ziehen, wo es keine ZTL gibt, die Stadt an schönsten Plätzen vollgepackt ist, und in der westlichen Altstadt tatsächlich noch Sanierungsbedarf erkennbar wäre, würde man sich dort unter die herumlungernden, finsteren Gestalten wagen. Da haben sie fraglos recht.

Sobald eine ZTL eingerichtet wird, gibt es einen guten Grund mehr, in den Innenstädten zu wohnen, und einen guten Grund weniger, draußen zu sein: Ärzte, leitende Beamte, Geschäftsbesitzer und reiche, gut angezogene Damen wie aus dem Modemagazin erwerben dann herzlos grosse, repräsentative Wohnungen, auf deren Fläche früher zwei Familien hausten. Auch sorgen Firmen dafür, dass für wichtige Mitarbeiter nahe der Zentralen ausreichend Wohnraum aufgekauft und vermittelt wird. Und wie sich jeder nördlich und südlich der Alpen vorstellen kann: Das geht nur, wenn dieser neuen, schönen, gut aussehenden und von deutschen Medien als “Altstadt-Flair” gelobten Schicht mit ihren Kosmetikhändlern mit Refugee-Soli-Seife nach Damaszener Art Platz gemacht wird, viel Platz, jeder nur denkbare Platz. Die Innenstadt von Mantua ist sagenhaft schön, das Leben ist entspannt, die Menschen sind erfreulich, aber weiter draußen finden sich auch Regionen, die weniger Entspannte in unerfreulichen Lebensbedingungen aufnehmen.

Oder anders gesagt: Fahrverbote in Innenstädten sind der V8-7,5Liter-Turbodiesel ohne Abgasreinigung für die Gentrifizierung. Denn es wird immer zu viele Reiche geben, die zu ihrem Arbeitsplatz müssen und sich keiner Beschränkung unterwerfen wollen, und dazu muss man in der ZTL wohnen. Oder, was schon jetzt die Realität in München ist: In der Stadt eine Zweitwohnung haben. Und so ziemlich die ersten, die jeder Vermieter mit Hirn und wenig Gewissen dann auf die Strasse setzen würden, wären die Kollegen der wirklich im Niedergang begriffenen schreibenden Zunft, oder linke Amateurpolitiker, die überhaupt nicht begreifen, was die Folgen ihrer – und nicht zwingend meiner – Vorstellungen sein werden. Wer es sich wie die grünen Bio-Gentrifizierer leisten kann, wohnt innerstädtisch. Wer arbeiten muss, wohnt so nah wie möglich beim Arbeitgeber. Wer keine Arbeit hat, wird zwangsweise umgesiedelt – dorthin, wo seine Existenz nicht dem Wohlergehen der Wirtschaft im Weg ist. Man schickte früher auch die Schweinehüter in die Wälder. Und je größer die Einkommensunterschiede sind, desto brutaler wird das durchgezogen.

Meine Kollegen sehen die schicken Mütter und Anzugträger auf Rädern, oder Gruppen lachender Mädchen, die aus dem Lyzeum kommen und Louis-Vuitton-Taschen in den Radkörben haben. Sie sehen die kleine Salumeria am Eck und nebenan die Vintage-Schmuckhändlerin und denken, na also, geht doch, Autos raus und es wird schön. Schön wird es, reich wird es, Kunden für solche Geschäfte gibt es, weil die Reichen hier leben. Menschen, die auf dem Niveau meiner Kollegen leben, leben ganz sicher nicht hier. Für die gibt es Blocks hinter Citadella, Blocks bei den Raffinerien auf der anderen Seite des Sees, Blocks bei den riesigen, autogerechten Einkaufszentren, wo man seine Waren selbst vor den Scanner halten muss, weil wieder Arbeitskräfte eingespart werden. Dort draußen vor der Stadt, wo man sich ein Auto leisten muss, weil man sich das schöne Leben in der ZTL nicht leisten kann. Die Kinder können in der Stadt zwar Albertis Dom zeichnen, aber sich kaum nebenan im Cafe einen Eistee leisten.

Kurz, meine deutschen, grünen Kollegen loben heute die italienischen Innenstädte als Modell für Deutschland genauso ignorant und ohne jede Bereitschaft, die Nachteile zu erkennen, wie ihre benzinadrigen Kollegen von den Autoseiten vor 10 Jahren noch den Diesel hochgeschrieben haben. Sie tun das, weil das, was sie sehen, hübsch ist, und sie sich selbst gern darin sehen würden, so wie der Autotester sich gern im vom Hersteller gestellten SUV sah. Ich sehe diese Kollegen in Zeiten der deutschen ZTL ganz sicher nicht auf dem Rad in Schwabing oder Kreuzberg, sondern mehr im Bus Richtung des nächsten S-Bahn-Anschluss bei Petershausen oder Marzahn. Wo halt diejenigen landen, deren Anwesenheit für profitable oder unverzichtbare Dienste nicht nötig ist.

Man kann den Weg zur Arbeit natürlich zu einer Frage von Existenz und Prestige machen. Es tangiert mich nicht, der ich in der Altstadt lebe, und auch keine ältere Dame in ihrer Villa draußen im Westviertel, die mit dem Rad entlang der Donau kommen kann. Es betrifft die arbeitende Schicht in ihrer ganzen Daseinsplanung, die dann schwieriger wird, und die sich neu orientieren und umsiedeln muss. Es gibt in Italien, wenn ich das als Kenner und nicht nur Hinfahrer und Träumer berichten darf, auch noch andere Ansätze: Turin zum Beispiel hat unter der Bürgermeisterin des Movimento 5 Stelle im letzten Winter deutlich vergünstigte E-Bikes zum Mieten angeboten, und dafür auch eine vernünftige Infrastruktur aufgebaut. Das entspannt die Situation an den besonders schadstoffträchtigen Tagen, ohne dass man für einen Grenzwert in ein paar Messstationen an ein paar Tagen mit Inversionswetterlage gleich die ganzen unproduktiven und ärmeren Schichten für immer in die Steppe deportiert.

Also, ich habe nichts gegen Fahrverbote in der Innenstadt, wirklich, und so hässlich und unlebenswert ist eine WG im Plattenbau in Königswusterhausen jetzt auch nicht.

08. Aug. 2017
von Don Alphonso
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30. Jul. 2017
von Don Alphonso
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Nur Vandalen hassen die Polizei

In Amerika, dem Stiefmutterland von Freiheit, Demokratie, Waffenbesitz, Alkohol ab 21 und dem Recht, Invasoren auf dem eigenen Grund niederzuschießen, gibt es einen Witz:

Was ist ein Republikaner?
Ein Demokrat, nachdem er von einer Gang überfallen und ausgeraubt wurde.

Was so viel bedeutet wie: Edle Ideale schmelzen bei der Begegnung mit einer Realität, in der man an der Umsetzung derselben durch unschöne Gewalterfahrung gehindert wird, schnell zusammen, und führen zu einem lebenserhaltenden, wenngleich nicht unbedingt menschenfreundlichen Umdenkprozess.

Das kann bei Gewalt so sein, aber nicht immer und überall: Zum Beispiel scheiben heute jene Autoren, die im Blog Publikative das Verhalten der Polizei nicht eben zu Uugunsten der Autonomen anprangerten, etwas Ähnlichs im Zusammenhang mit der Gewalt von Hamburg erneut, indem sie die Fehler bei der Polizei suchen und – wenig überraschend – auch finden. Es findet nicht mehr nur bei einem linken Blog mit einem selbst gewählten Schwerpunkt auf „Polizeigewalt“ statt, sondern bei der gebührenfinanzierten ARD. Auch entnimmt man der linkenfreundlichen Presse, dass das gar keine Linken gewesen sein sollen, weil Linke spätestens seit Pol Pot nicht mehr gewalttätig sind. Die Polizei habe zudem falsch reagiert und müsste sich die Fragen anhören, die erstaunlicherweise aber niemand den Autonomen stellt, die sich und ihre Taten mit Bezug auf einen RAF-Terroristen bei Indymedia ausgiebig und unbehelligt feiern.

Und weil es gerade so gut in die Verlagerung der Schuld weg von den Autonomen hin zur Staatsmacht passte, wurde dann noch das seit Monaten bekannte Polizeiaufgabengesetz in Bayern aufgewärmt. Im Gegensatz zu Bremen und Niedersachsen, wo es für die Präventivhaft keinerlei zeitliche Begrenzung gibt, gibt es in Bayern eine von zwei Wochen auf drei Monaten angehobene maximale Dauer – dann muss ein Richter neu entscheiden. Man hätte an dieser Stelle darüber reden können, was Juristen dazu in den letzten Monaten gesagt haben, oder über den eigentlich harten Aspekt der Reform: Das gleich Gesetzespaket erlaubt nämlich den umfangreichen Einsatz des Staatstrojaners. Aber die Schlagzeile einer unbegrenzten Präventivhaft passte besser zum Wunsch, weg von der linken Gewalt hin zum polizeilichen Übergriff zu gelangen. Niemand redet heute mehr darüber, die Rote Flora einzuebnen und einen Biergarten darüber zu errichten, und die 40 Millionen Schaden bezahlt der Staat, also wir alle. Wir sahen alle die netten Bilder vom Aufräumen. Hamburg bleibt bunt.

Man vergisst so etwas schnell, aber heute Nacht wurde ich wieder daran erinnert, als unten von der Strasse Rapmusik zu mir nach oben drang. Das ist vor dem Ende der Schulzeit in Bayern normal, heute beginnen die Ferien, davor wird gefeiert, und dann ziehen die Jugendlichen mit Musik durch die Stadt. Dann knallte es, und es gehörte eindeutig nicht zur Musik, es wurde gebrüllt, und da drehte ich schon das Schaltwerk in das Schaltauge – denn gestern ist ein neuer Rahmen für ein Rennrad eingetroffen, ein früher absurd teurer Isaac Sonic, deutsche Carbonkunst mit nur 900 Gramm Gewicht. Ich legte also den Inbus weg und nahm schon einmal das Telefon in die Hand, denn es klang, als würde da unten etwas zerstört. Und tatsächlich lag da unter der Laterne gegenüber ein Rad. Und ein junger Mann in der heutzutage üblichen Hooligantracht mit Hoodie sprang darauf herum.

Seine Freunde riefen ihm unter Erwähnung seines Namens zu, zogen aber reichlich unberührt weiter, und während er vom Rad abliess, hatte ich schon die 110 gewählt, einen Beamten an der Leitung und schilderte ihm die Gruppe, den Täter und den Weg, den der junge Mann zusammen mit einem Freund in Wellenlinien beschritt. Man sollte denken, dass sich solche Leute unauffällig und schnell vom Tatort entfernen, aber sie wankten langsam und ohne jeden Blick zurück die Strasse hinunter. Der Schaden war angerichtet, das Leben ging weiter. Man tut etwas und schreitet voran, und wenn man etwas betrunken ist, legt der andere einem den Arm um die Schulter. So einfach. So banal. So völlig frei von jeder Sorge und schlechtem Gewissen. Er hat das Rad zusammengetreten, wie andere einen Zigarettenkippe wegwerfen.

Nun kann man sagen, dass es klügere Ideen als das laute Trampeln auf einem Rad vor den Fenstern eines Radliebhabers gibt. Man kann sagen, dass ich meiner Bürgerpflicht gerecht wurde, ohne jeden Skrupel, und die kleine Schar kam auch nicht besonders weit – sie lief, wenn man so will, der Polizei direkt in die Arme. In Berlin entkommen Autoanzünder auch nach dem 5. Anschlag, in Bayern fragt man, ob man hinunter gehen soll und schauen, wohin sie weiter gehen, und der Beamte meint nur, aber nein, das machen sie schon, und nach der 5. Minute haben sie die Gruppe. Jetzt gibt es einen Beschuldigten und eine Gang, die dabei war und daheim bei den Eltern, wenn sie keine Gangstaz und Hoolz mehr sind, etwas zu erklären haben. Das ist nicht angenehm, aber wenn es jetzt passiert, passiert so ein Vandalismus vielleicht, hoffentlich, nie wieder. Sie lebten in der Vorstellungswelt, dass man so etwas machen kann, ohne auch nur ein schlechtes Gefühl zu haben, und wissen jetzt: Nach nur 5 Minuten ist das vorbei.

Ich baue mein Isaac mit einer Campagnolo Record Gruppe auf. Der Rahmen kostete früher so viel wie vier von jenen Markenrädern, von denen eines da unten zusammengetreten wurde. Die Gewalt traf nicht den reichen Bonzen oben unter dem Stuck, der auf altem Parkett Titanschrauben in gefräste Ausfallenden dreht, sondern ein Stadtrad einer Frau. Kein Rennrad, sondern ein Lastenpferd mit Licht, Gepäckträger und Schutzblechen. Keine Sattelstütze mit dem Namen Masterpiece, sondern ein dickes Alurohr. Keine federleichten Proton-Laufräder von Campagnolo, sondern dicke Felgen, die trotzdem verbogen wurden. Immerhin kann die Geschädigte jetzt die Kosten geltend machen, denn es ist klar, dass das Rad da unten ein ökonomischer Totalschaden ist.

Es ist in meinem sozialen Umfeld kein teures Rad, neu kostete es nicht mehr als 700€. Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, für die einen ist das ein halber Laufradsatz, aber für andere ist das Rad ein halber Bruttomonatlohn. Ganz normale Leute, die sparen, um dann in ein Fachgeschäft zu gehen und ein Rad zu kaufen, mit dem sie 15, 20 Jahre zu fahren gedenken. Sie haben nicht 10 oder 20, sondern nur dieses eine, und wenn es zerstört ist, haben sie keines mehr. Es sind Leute, die Steuern und Abgaben zahlen, und die sich entscheiden müssen, ob sie dieses neue Rad kaufen, oder mit ihren Kindern eine Woche mehr Pauschalurlaub bezahlen können. Vielleicht gehört es auch einer Studentin aus dem Wohnheim gegenüber, vielleicht ist sie gerade knapp bei Kasse und könnte kein neues Rad kaufen, wenn sie das Wrack zur Werkstatt getragen hat – gut ein Kilometer weit – und dort hören würde, dass man hier nichts mehr machen kann. Vielleicht gehört so ein Rad auch einer Flaschensammlerin, die wir in diesem Land bei all dem Reichtum und den vielen Milliarden für Integration wegen der Altersarmut haben – für die wäre das dann das Ende der individuellen Mobilität.

Es ist lange her, dass ich einen Fernseher besaß, aber damals lief ab und zu der neorealistische Film “Fahrraddiebe” von Vittorio de Sica, der an einem individuellen Beispiel erzählt, was für einen Menschen davon abhängt, ob er ein Rad hat, oder nicht. Vielleicht ist das heute nicht mehr gar so schlimm, vielleicht bedeutet es nur einen Anruf bei einem Vater, der ohnehin nicht wusste, was er seiner Tochter noch zum Geburtstag schenken sollte. Oder jemand steht zwei Wochen in einem Lager eines Discounters, um das benötigte Geld für eine Neuanschaffung zu erarbeiten. Oder es ist das Rad einer Alleinerziehenden, die nicht auf ein Auto ausweichen kann und auch nicht nahe an einem günstigen Supermarkt wohnt – dann muss ein Kind vielleicht länger allein daheim warten, weil ihr der Edeka nebenan zu teuer und der Weg zur günstigen Alternative weit ist. Es muss nicht ausgehen wie bei Vittorio de Sica, und man muss den Film auch nicht gesehen haben. Man muss eigentlich nur ein klein wenig über das nachdenken, was man tut, und welche Folgen es haben kann. Ich schraube konzentriert mit dem richtigen Drehmoment die Schraube für die vordere Bremse ein, weil mein Leben davon abhängen wird. Ich weiss nicht, was beim Opfer des Vandalismus davon abhängt, und ob es mehr ist als ein paar Scherereien bei der Polizei.

Aber ich weiss, dass die abgehobene Debatte um Polizeigewalt gegen Demonstranten nur in Ausnahmefällen -wie etwa Stuttgart 21 oder beim Münchner Übergriff gegen eine Dolmetscherin – zu Ungunsten der Behörden verläuft. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen für den Stand der Gesellschaft und ihrer Sicht auf jene Behörde, die befugt ist, angemessen Gewalt auszuüben. Selbst mit meiner Vorgeschichte, die einige der heftig kritisierten Einsätze der Polizei in München und Wackersdorf mit einschliesst, ist der normale Umgang so gut und professionell wie in dieser Nacht, wenn der Wagen schnell zur Stelle und meine Aussage aufgenommen ist. Wir alle könnten uns eine schönere Situation vorstellen, ich oben beim Rad und die Polizisten daheim bei den Familien. Ich war am Freitag bei einer Radldemo – neudeutsch Critical Mass – bei der die Polizei ausgesprochen freundlich war. Die Polizei wird dafür sorgen, dass das Unrecht in dieser Nacht nicht straffrei eines bleiben wird, und sie wird den Teil zur Erziehung von einer Gruppe betragen, den die Eltern, aus welchen Gründen auch immer, nicht erbringen konnten. Nur um das klar zu sagen: Es waren eindeutig junge Deutsche.

Die Sichtweise unter jenen, die ein geklautes Rad, ein eingeworfenes Fenster oder einen abgetretenen Aussenspiegel nicht einfach mit zwei locker geschriebenen Plaudereien oder Faktenchecks auf Gebührenzahlerkosten refinanzieren können, ist nach meinen Erlebnissen noch weniger konziliant und vielschichtig als meine: Noch nicht einmal der Einsatz der Bundeswehr im Inneren wird da abgelehnt, wenn es darum ginge, die fraglichen Personen mit ihre Böllern von den Dächern und hinein in die Alter zu befördern. Ich schreibe das noch nicht einmal so drastisch auf, wie es in der Realität formuliert wird, aber nur die wenigsten Bürger sehen sich als Ziel eines Wasserwerfers, oder geben Anlass, ihr Nachtschwärmertum als überführter Vandale auf dem Revier zu beenden. Das Grundrecht, das Rad nach einem Abend in der Stadt unbeschädigt vorzufinden, wiegt da mehr als das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit einer Person, die es zerstören möchte. Es gibt dort keine Sympathien für den Schwarzen Block, Ausschreitungen und akademische Debatten, ob nicht doch die Polizei mitschuldig gemacht werden kann. Es ist empirisch leichter, die Folgen eines zerstörten Rades zu verstehen, als die juristische Bewertung der Polizeibefugnisse, die stetig – und auch im Bereich Datenschutz zu meinem Missfallen – ausgeweitet werden.

Um so mehr, je mehr passiert und je weniger aufgeklärt wird, und danach auch noch billige Ausreden wie “Es war nur Gewalt gegen Sachen”, ‘es war nicht links”, „die Bankenkrise war teurer“ und “oh schaut mal, ein Neonazikonzert” formuliert werden. Es gibt an einem zerstörten Rad so wenig zu beschönigen, wie an einem Flaschenwurf gegen einen Polizisten. Manchmal muss jemand noch nicht einmal selbst von anderen überfallen werden, um seine Meinung zu ändern. Bilder reichen schon mitunter.

30. Jul. 2017
von Don Alphonso
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26. Jul. 2017
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Das bedingungslose, abgasreduzierte, fastvegane Biogrundeinkommen

AVRI SACRA FAMES
Vergil, Aeneis

Natürlich lüge ich beim Vermieten. Das ist so üblich, das wird von unsereins so erwartet, und zum Glück sind nun mal die innerstädtischen Toplagen so teuer, dass ich gar nicht mehr illegal lügen muss, wie etwa bei der Wohnungsgrösse oder beim Energienachweis. Es gibt nun mal zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen vermieten die guten Lagen, die anderen mieten sie, und wer sich das nicht leisten kann, ist mehr so “Leute” denn “Menschen” und wohnt hier nicht. Also, jedenfalls, der Druck in die Städte ist enorm hoch, auch feministische Vorreiterinnen tragen mit 6 gewedelten 100€-Scheinen dazu bei, dass in Berlin Türken und Alleinerziehende nach Lichtenberg ausweichen müssen, und ich muss nur ein paar Details schöner reden, als sie in der geschichtlichen Wirklichkeit sind. Wie etwa das Fenster auf dem Weg zum obersten Stockwerk unter dem Dach.

Früher brauchte man nämlich in einem Haus wie dem meiner Familie noch Dienstboten, um es am Laufen zu halten: Waschen, kochen, Holz holen und anliefern, putzen, Ungeziefer jagen und dem Clan die Arbeit abnehmen – das alles verlangte nach Helfern, die damals unter dem Dach untergebracht wurden. Die Erzählung weiss zu berichten, dass vor dem Ausbau des Hinterhauses dort oben zig Menschen auf 110m² hausten, und so log man damals wie heute, dass so ein Oberlicht einfach mehr Helligkeit auf den Weg ins damalige soziale Nirgendwo – und heute in die Dachwohnung – bringt. Das ist gelogen: Das Fenster wurde eingebaut, damit sich der Gestank nach billigem Essen wie Kohl, Karotten und Sauerkraut nicht im ganzen Haus verbreitete und ins Piano Nobile zum Duft vom Rehbraten waberte. So sah man es jedenfalls früher, als Veganismus die natürliche Ernährung der Armen, und Rehe noch zur Belustigung der Reichen niedergeschossene Schädlinge und kein Bambis waren.

Dafür war alles bio: Wer kein Geld hatte, ging zu Fuss, und wer reich war, hatte eine Kutsche und Pferde, die als Emissionen Kot hinterließen, der von den Armen getrocknet und im Ofen verbrannt wurde. Sie ahnen jetzt, warum man nicht erpicht war, auf einem Stockwerk mit den Armen zu leben, aber immerhin war damals auch noch kein Lobbyverein Umwelthilfe nötig, weil man noch keinen Diesel verbrannte. Smog und Feinstaub waren sicher schon damals krebserregend, aber die meisten starben ohnehin vorher an Syphilis und Typhus oder Kälte und Hunger im Winter, da hatte man noch andere Prioritäten. So war das damals, als meine Vorfahren das obere Fenster einbauen ließen. Wichtig war, dass man etwas im Bauch hatte, und das war angesichts des deutschen “Sommers” nie leicht. Im Winter jedoch… schauen Sie mal, meine entzückenden Jahreszeiten aus Capodimonte!

Die habe ich in Vergils Heimatstadt Mantua auf dem Antikmarkt gekauft, 19. Jahrhundert nach Rokokovorbildern. Sind sie nicht niedlich, wie sie die Attribute halten? Blumen im Frühling, Früchte im Sommer, Wein im Herbst und Wurzelgemüse im Winter. Eigentlich ist das Tischzier beim Essen. Man stellt sie auf die gedeckte Tafel, idealerweise natürlich am Tegernsee mit Blick auf die Berge, aber beim Betrachten und Rekapitulieren der Familiengeschichte kam mir darüber eine Idee, wie man gleich ein paar Probleme gleichzeitig lösen kann: Den Wunsch nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, den viele junge Städter verspüren. Die Erwartung eben jener Städter, in einer Luft zu leben, ähnlich rein wie die am Tegernsee. Das Verlangen eben jener Menschen, bio und naturnah zu leben. Das ist in Städten natürlich nicht möglich, irgendwie müssen die unter Landverbrauch angebauten Nahrungsmittel in die Stadt kommen, und dann auch noch teuer bezahlt werden. Gemeinhin würde man in meiner Stellung sagen, dass sie zur Abhilfe reich heiraten oder erben sollten, dann hätten sie solche Probleme nicht. Aber ich gebe zu, dass ich als verantwortungsbewusster Influencer gern Auto fahre und mir natürlich Gedanken mache, wie man die Schadstoffe so absenkt, dass mein Leben nicht von den Sorgen niedriger Schichten beeinträchtigt wird, die sich bei Spiegel Online von Skandalen beeinflussen lassen und Fahrverbote fordern.

Und weil retro gerade wieder schick ist, kam mir da eine Idee für ein klimafreundliches, abgasreduziertes, biologisches Fastvegangrundeinkommen, das Stadt und Land entlastet. Weil, es ist doch: Früher überlebte man die kalte Jahreszeit nicht mit Bananen und Lebkuchen und Wein aus Italien und vor einem Notebook aus China, sondern mit Körnerbrei, dauerhaften Kartoffeln, Eiern, die man in Kalk eingelagert hatte, und einer Kiste voll mit Sand, in der das Wurzelgemüse wie Karotten geschützt wurde. Dazu gab es am Sonntag Fleisch in Form von dauerhaft geräucherten Schlachtabfallwürsten, die heute als “Kaminwurzen” wieder sehr populär sind. Darin ist alles enthalten, was so ein Mensch zum Überleben braucht, und dafür braucht man auch nur wenig Tierzucht, die für das klimaschädliche Methan verantwortlich ist. Obendrein kann diese Ernährung als weitgehend vegan gelten, und entspricht daher voll den Wunschvorstellungen des jungen Städters in seiner 1,5-Zimmer-Single-Wohnung für 600€ in Kreuzberg.

Man muss diesen Leuten, die jetzt das Verbot von Verbrennungsmotoren befürworten, eine echte, heimische Tomate zeigen, wie sie hierzulande eben erst ab Juli zu erhalten ist, wenn man sie wirklich biologisch und nicht künstlich geheizt bei uns anbaut: Nur jetzt darf man Tomaten bedenkenlos essen, Tomaten im Januar müssen mit Feinstaub und CO2 aus fernen Regionen nach Deutschland und in die Städte gebracht werden, wo man die eine Hälfte verkauft und die andere wegwirft. Diese deutsche, immer noch leicht unreife Julitomate, die ist echt und bio und dieselverbrennungsfrei. Alles andere schadet. Alles andere ist die Ursache für den mörderischen Feinstaub des Transports, und da kann wirklich jeder selbst anfangen – und darauf achten, dass feinstaub- und CO2angepasst gegessen wird. Baut man die Tomaten nicht selbst an, muss man trotzdem zum Biomarkt: Mit Tüten, und alle paar Tage, weil man nicht ausreichende Transport und Lagerkapazitäten hat. Und an dieser Stelle nun setzt mein bedingungsloses, weitgehend veganes, emissionsreduzierendes, retrogesundes Biogrundeinkommen an. Alles, was man dazu braucht, sind deutlich weniger LKWs, grünes Bewusstsein, staatliche Propaganda und – unser Beitrag als bessere Kreise – ein Oberlicht für den Abzug.

Denn mein Biogrundeinkommen macht es nicht mehr nötig, den Supermarkt aufzusuchen. Jeder Teilnehmer bekommt zweimal im Jahr die Nahrung, die er braucht: 2 Säcke mit jeweils 50 Kilo Kartoffeln. Ein Sack mit 40 Kilo Rüben für die Sandkiste. Eine Füllung von 40 Kilo Sauerkraut für das Krautfass. 50 Kilo trockenes Getreide für den Brei, der heute als “Müsli” bezeichnet wird, einen Eimer mit Apfelmus sowie 50 Kilo Mehl. Milch und Würste gibt es auch, aber nur soweit es sich eben mit nachhaltiger Landwirtschaft und den dort anfallenden Resten für meine Käseproduktion vereinbaren lässt – nicht nett, aber man muss eben an das Klima denken, und das Methan, das bei uns am Tegernsee freigesetzt wird. Darauf ist Rücksicht zu nehmen. Das Krautfass, die Säcke und die Kiste werden aus heimischen Materialien normiert gefertigt und sollten nicht mehr als 1m² in der Küche wegnehmen – da, wo früher das stromfressende Klimaungeziefer “Kühlschrank” stand.

Das wird ein Fest, jeden Tag ein neuer Genuss! Reiberdatschi Verduner Art mit köstlichem Sauerkraut, Erdäpfel “Engelbert“, Knödel mit Karottenbratling, Kimchi mit Kartoffelnudeln “Kim Jong-un”, Bratkartoffeln mit Wurst und Kraut, Gnocchi mit Rübenbolognese a la Repubblica Sociale, Gratin avec Collaboration Choucroute, Krautbällchen mit Getreiderisotto piccolo Benito, Piroschki Lenin, der kulinarischen Phantasie sind keine Grenzen gesetzt! In der Fastenzeit gibt es dann herrliche Kartoffelschalensuppe – ein Gericht aus grosser deutscher Leitkultur-Epoche. Eine einzige LKW-Fahrt reicht aus, um hundert Stadtbewohner auf Monate glücklich und satt zu machen, und erlaubt es den Landwirten, ökologisch und mit sicherer Abnahme nur das zu produzieren, was auch wirklich abgenommen und gegessen wird. Natürlich bleiben dann Supermärkten mit Orangen und Bananen auf der Strecke, aber wer das Klima retten will, muss einsehen: Die CO2-Bilanz von Südfrüchten ist, selbst verglichen mit meinem kleinen Sechszylinder, verheerend.

Man muss es nur richtig kommunizieren; Tütenverbote werden mit dem bedingungslosen Grundeinkommen überflüssig. Die Luft wird sauber. Fettleibigkeit wird reduziert. Wir beuten keine Länder der Dritten Welt mehr für Palmöl im Nutella aus. Statt Supermärkten mit 50 Sorten Klopapier wird es Raum für urbane Kunstprojekte und Ateliers der Kreativen geben. Der Klimawandel wird gebremst und Afrika wird endlich wahrhaft postkolonial, so ganz ohne wirtschaftliche Interessen der Deutschen. Die Kakaobohnen und die Schnittblumen dürfen das Leben an der Elfenbeinküste und in Kenia süß und bunt machen, während wir an der Zuckerrübe nagen und wieder im Topf deutsche Mimosen züchten. Jeder kann selbst dazu beitragen, und wenn das bislang angesichts all der nur schlecht ausgekratzten Nusscremegläser im Hausmüll nicht funktioniert, muss man staatlicherseits Grundeinkommen-Angebote machen, die dem Klima und den Ressourcen bedingungslos helfen. Dann werden auch die Städte wieder lebenswert und der verdammte Schadmünchner muss nicht mehr seine verbeulte BMW-Z4-Schleuder an meinen Tegernsee lenken und mich bei der Quiche inkommodoeren, sondern kann an der Isar mit Treibholz auf Steinen seine Kartoffel rösten.

Es hat wirklich nur Vorteile, passt punktgenau zu jeder grünen Verbots- und Juniorregierungspartei, und ist obendrein schon einmal eine gute Übung, sollte die deutsche Autoindustrie tatsächlich in eine Rezession fahren. Denn in diesem Fall würde es vor allem die Nettozahler des Bundesfinanzausgleichs treffen, Bayern und Baden-Württemberg, und die würden das tun, was man im Realsozialismus immer macht, wenn der marktwirtschaftliche Lack angekratzt wird: Ausgaben erhöhen, staatlich investieren, neue Möglichkeiten eröffnen und sich selbst zum Vorreiter stilisieren, damit unter der schönen Biooberfläche alles so wie bisher weitergehen kann. Das kostet eine Menge Geld, aber wir im Süden haben jahrelang gehortet und Fett angesetzt: Jetzt ist es eben an der Zeit, mit einem Investitionsprogramm zu schauen, dass alles im Lande bleibt und kein Cent mehr nach Berlin oder andere Regionen gelangt.

Woanders kann man mein bedingungsloses Grundeinkommen mit Hurrageschrei und veganem Jubel annehmen, und damit Gutes für die Umwelt tun. Oder von den Umständen dazu gezwungen werden, die eigenen Lebensvorstellungen einer heftigen Depression anzupassen. Man hat sich zu lange daran gewöhnt, dass süddeutsche Autobauer das Buffet bei Modemessen und Filmfestspielen bezahlen: Es ist keine schlechte Idee, sich einmal die Frage zu stellen, was aus dem sandigen Boden Brandenburgs an Essbarem gewonnen werden kann. Ich weiss das in Bayern, weil wir eben dieses Fenster zum Abzug von Kohlgestank schon haben. In Berlin hat der ein oder andere sogar Erfahrung mit der DDR, die länger als die BRD mit Lebensmittelrationen und autonomer Landwirtschaft umgehen konnte.

Da gibt es vielleicht sogar noch Spezialisten, auf deren Erfahrungen man zurückgreifen kann – wenn eine Ex-Stasi-IM mit dem Justizminister arbeitet, kann man doch sicher auch ein paar alte SED-Experten wieder in das Haus der Statistik einziehen lassen, die einmal durchrechnen, was meine Idee für die heimische Landwirtschaft, Feinstaub, CO2 und gewonnene Lebensqualität bedeutet. Ich bin jedenfalls gerne bereit, jede propagandistisch geförderte Einschränkungen für andere hinzunehmen, wenn ich weiterhin jederzeit nach Mantua fahren kann, um Figuren aus Capodimonte für meine reich mit selbst importierten, italienischen Gaumenfreuden bedeckte Tafel zu besorgen.

26. Jul. 2017
von Don Alphonso
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20. Jul. 2017
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Ignoranz und Egoismus als Vermögensstrategie

An gscheidn Griag, des is wos Leid wia Ia amoi wiada brahchan.
Die Carolin vom Biergarten antwortet auf die Frage nach Glutenfreiheit

Wenn Sie einmal ein phantastisches Buch über Aufstieg und Fall einer Industrie lesen wollen, die an der Weltspitze stand, innovativ war, und deren Produkte auch heute noch bestehen können – und die trotzdem dem Untergang geweiht war: Kaufen Sie sich “The Golden Age of Handbuilt Bicycles” von Jan Heine.

Ein Prachtwerk, von Rizzoli umgesetzt wie ein Buch über einen Dom oder einen Renaissancemaler. Es beschäftigt sich mit massgefertigten Rädern, die in Frankreich von den 30er bis zu den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts enorm populär waren, mit einem Schwerpunkt auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die ersten Jahre danach.

Damals, erklärt Jan Heine anschaulich, und nicht anders würden es auch die Vorfahren der deutschen Leser berichten, war Benzin extrem knapp, Autos wurden vom Militär und den Behörden eingezogen, die Autoindustrie hatte für den Krieg zu liefern, und die Bahninfrastruktur war gestört. So blieb den Menschen das Rad als Hauptfortbewegungsmittel. Just in dieser Zeit wurden in den grossen Städten und besonders Paris schnelle, leichte und für den Transport von Lebensmitteln geeignete Räder populär.

Sie erlaubten weite Touren auf das Land, und dort den Einkauf von Lebensmitteln für den Schwarzmarkt in der Stadt. Die französische Radindustrie zehrte bis in die 80er Jahre von den Erfindungen und Entwicklungen jener Epoche, und wir verdanken ihr die Schaltwerke, die Kurbeln mit mehreren Kettenblättern, leichte Schutzbleche und Gepäckträger, Cantileverbremsen und den heute so populären Ahead-Vorbau. Ich habe selbst fünf Maschinen aus dieser Epoche – es sind wirklich herrliche Räder, robust, komfortabel, hochwertig, zuverlässig.

Der Niedergang dieser Industrie kam mit der Verfügbarkeit des Automobils. Die Menschen setzten sich lieber in skurrile Selbstmordmaschinen wie eine Isetta oder einen Messerschmidt Kabinenroller, oder auf eine Kreidler Florett oder eine Vespa – alles, was knatterte, stank und Benzin benötigte. Die Menschen kauften nicht mehr beim Bauern, sondern beim Supermarkt um die Ecke. Das Land wurde vom Sehnsuchtsort mit Knödeln und Würsten zum Produzenten degradiert, dessen Milch nie mehr als einen Euro kosten darf, und das Pfund Hack geht nur mit Tiefstpreisgarantie über den Tresen.

Kaum jemand erradelt sich noch einen Speck oder Eier. Das machen ein paar Kenner wie ich, die alte Räder lieben, aber die Mehrheit ist anders. Cem Özdemir fährt mit dem nagelneuen E-Bike zur Industriellenvereinigung, Lindner lässt sich in der S-Klasse ablichten. Ich warte darauf, dass in anderen Medien wunderbar bebilderte Beiträge über klassische Tourenräder, Nervex-Muffen und Kurbeln von Specialites T.A, kommen, die nun bald 70 Jahre alt sind. Es kommt: Nichts.

Es müsste aber so sein, wenn man das Fahrverbot für Diesel ernst meint. Kaum ein LKW fährt mit Strom oder Brennstoffzellen. Die gesamte Versorgung von zivilisierten Städten wie München und Stuttgart bis hin zu lebensfeindlichen Krisenzonen wie Berlin, Kinshasa, Bogota und Düsseldorf läuft nun mal mit grossvolumigen Dieselmotoren. Man kann natürlich “den Diesel” aus der Stadt verbannen, das ist nicht das geringste Problem. Aber dann sollte man auch konsequent sein, und nicht die Russpartikel des LKWs oder Rettungssanitäters gegenüber den Abgasen der Pendler bevorzugen. Emissionen sind gefährlich? Dann muss man eben alle gleich reduzieren, und nicht Menschen aus dem Umland benachteiligen, während die Städte für ihre Belange gern den Diesel aufs Land schicken. Und die Vorfahren können berichten, dass Krankentransport auf dem Leiterwagerl in der ganz schlechten Zeit auch üblich war. Man muss nur wollen, dann geht es ohne Verbrennung und Emission durch Diesel.

Man kann die alten Räder nicht nur nachbauen, man tut es bereits. Jan Heine zum Beispiel lässt alles, was früher schick und praktisch war, wieder herstellen, und es gibt auch Messen und Blogs für die Schönheit des alten, sauberen Gefährts aus Stahl und europäischer Fertigung. Was ich aber lese, und nicht nur ich, sondern auch alle, die in den letzten Jahren neiderfüllt meiner kleinen, dummen Heimatstadt an der Donau den totalen Niedergang gewünscht haben, und dachten, mit dem Abgasskandal würde es endlich so kommen, ist etwas ganz anderes: Der VW-Konzern verkauft wieder blendend. Die Kunden gehen all der Skandel zum Trotz doch wieder zum altbekannten Hersteller. Und kaufen, wo Scheckheft-Reparaturen, Restwert, Betriebszeit und Zuverlässigkeit mitsamt 17-Zoll-Felgen und mehr als 200 PS für den 2 Tonnen schweren Geländewagen geboten werden.

Und sie tragen dadurch bei, dass einer wie ich zwar Räder explizit befürworten, aber gleichzeitig den Reichtum dank Immobilien nahe der Autofabriken mehren kann, ohne auch nur einen Finger zu rühren oder nachzudenken, was mir ohnehin zu schwer fallen würde. Weil das ist nämlich wirklich nicht meines und wider meine Natur, und vermutlich wird man sich auch bei den denkenden Kollegen in den Redaktionen sagen, dass ich damit nicht allein bin: Denn wie sonst wäre es zu erklären, dass trotz Skandal und Aufklärung und Schlagzeilen der Verbrecher von gestern das Luxusgut von heute liefert. Meines Erachtens – ich habe gegen meine Grundüberzeugung nachgedacht – liegt das daran, dass solche Journalisten und der typische Käufer eines hochwertigen Automobils in verschiedenen gesellschaftlichen Sphären lebten. Gestern Abend beispielsweise hat mich ein Kollege aus Hamburg und Berlin bei Twitter angemault, und ich habe einmal nachgeschaut, was er in den letzten Jahren veröffentlichte: Das reicht kaum für einen gebrauchten Dacia, geschweige denn für einen deutschen Mittelklassewagen.

Deutsche Hersteller der Oberklasse wenden sich nun nur mit ihren Car-Sharing-Lösungen an schlecht bezahlte Projektmenschen. Das Hauptgeschäft machen sie mit der fest angestellten Mittelklasse, gut verdienenden Freiberuflern, mit Firmen für dié Dienstfahrzeuge, und Menschen, für die der satte Klang beim Türenschliessen auch beim Drittauto wichtiger als ein paar tausend Euro ist. Es mag durchaus zutreffen, dass eine gewisse urbane Schicht dem Auto gänzlich entsagt und das Prestige bei jungen Menschen gelitten hat. Viele junge Menschen restaurieren auch keine alten, französischen Tourenräder und radeln nicht im Eisacktal – aber für den Markt ist allein relevant, was die Zielgruppe tut und denkt. Supermärkte leben davon, dass jemand billiges Hackfleisch und einen Einmalgrill für den Görlie kauft, und Hotels am Tegernsee profitieren, weil jemand Geld für Kuren und Botox verschwendet, um nicht wie billiges Hackfleisch oder Griller im Görlie auszusehen. Das alles ist in einer ausdifferenzierten Klassengesellschaft mit widersprüchlichen Interessen gleichzeitig möglich. Wer nur sein Kind in Berlin Mitte zur Kita nebenan bringt, sieht die Welt mit anderen Augen als jene, die das Kind zum Pferd oder am Abend zum Konzert bringen, und das hingehauchte Kleid von Moschino nicht in die Kette eines hinreissenden Porteurs von Rene Herse gewickelt sehen möchten. Der erste Typus ist Journalistin, hat wechselnde Partner und schreibt über Nahverkehr und Patchwork. Der zweite Typus kümmert sich erst mal ein paar Jahre nur um Haus, Katze, Kinder, Wellness, Vermögen des Partners und Pferde und liest Frauenzeitschriften.

Und dieser Typ würde es auch nicht ertragen, wenn der Mann 2017 immer noch mit dem zu Abwrackprämienzeiten gekauften Mazda in ein Hotel fährt, in dem alle anderen etwas Besseres in die Tiefgarage stellen. Es liegt in der Natur der meisten Medienmacher, dass sie gern über das Gute schreiben, wie eben Umwelt und Abgasreduzierung, und daher über den Dieselskandal empört sind. Es liegt aber eher in der Natur der Menschen, dass sie kein heiliger Franziskus oder neuer Stalin sind und alles Vermögen sofort und radikal umverteilen. Sie sind vielmehr ein wenig egoistisch, bequem und bedacht, das Leben in exakt jenem Wohlstand zu verbringen, von dem sie meinen, er stünde ihnen zu. Und deshalb werden auf den grossen Parkplätzen vor den Malls die Windschutzscheiben mit “Kaufe Ihr Auto”-Karten verziert, auf dass die alten Wägen ein zweites Leben in Nigeria, Jordanien und im Kongo erhalten, und der Ersatz mehr Raum, mehr PS und mehr farblich passendes Leder hat. Diese Verschwendung ist dem schlecht bezahlten Moralredakteur aus dem ökonomischen Mangel heraus so fremd wie mir, der ich nach der Oberschichtendevise Raffen, Räubern und Reparieren aufgewachsen bin.

Man könnte das Elend der Verschwendung und alle aus ihr entstehenden Ungerechtigkeiten sofort beenden, man müsste nur verführen, es anders zu machen, und die anderen müssten sich verführen lassen. Das neue Strafgericht Gottes mit Feinstaubmassensterben und Dieselpest jedenfalls scheint kaum zu wirken. Die Franzosen wollten nach der automobilen Zwangspause im 2. Weltkrieg nicht wie ein Indochinese unter ihrer Kolonialverwaltung mit dem Fahrrad fahren, und auch jene, die noch nicht so lange hier sind, sehen in geschenkten Rädern die gesellschaftliche Abwertung: Angesichts der Realität der Konsumgesellschaft reicht es offensichtlich nicht, den einen Lebensentwurf zu verdammen, ohne angenehme Alternativen benennen zu können.

Das ist immer so: Der Katholik sieht den Skandal bei den Regensburger Domspatzen und tritt nicht aus der Kirche aus, weil er eine weisse Hochzeit und Taufe für die Kinder will. Der Muslim könnte gegen den Terror demonstrieren, und hält sich lieber an den Fastenmonat. Witwen könnten ihre Villen für Migranten räumen, und Migranten sollten Immobilien besser behandeln,  und schönere Geschichten liefern, und die stünden dann sicher an der Stelle jener bedauerlichen Nachricht, dass die Deutschen einfach nicht verstehen, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Man hat es ihnen schließlich gesagt. Es stand in der Zeitung, ganz gross. Es kann nicht sein, dass die Realität der Realitätskonstruktion Hohn spricht, denken die Autoren auf dem Weg in die Kantine. Sie sind so gedankenverloren, dass sie die mindestentlohnte Tunesierin hinter der Theke beim Verkochtepampeindenblechnapfklatschen nicht fragen, wie es eigentlich jetzt schon Dessert mit Äpfeln geben kann, obwohl die noch gar nicht reif sind und auch nirgendwo in nachhaltig-biologisch vertretbarer Nähe da oben am Hamburger Polarkreis wachsen. Auch haben sie noch nie gefordert, dass es täglich ein Kraut-, Wirsing-, Kohl- und Rübengericht gibt, obwohl man darüber wirklich schöne Geschichten schreiben könnte, so biodynamisch der Eigenanbau kurz nach dem Krieg gewesen ist.

Auch davon könnten die Alten erzählen. Und warum nach der Zeit des Krauts die Epoche des Fleisches kam, der vollen Teller und Tanks und einer Gesellschaft, die sich mit dem Wohlstand so arrangiert, dass sie über die Probleme nachdenkt und die konkreten Folgen ignoriert, bis es nicht mehr anders geht. Das ist der historische Normalfall, radikale Umsetzungen erkannter Probleme findet man bei Wikipedia unter “Holdomor” und “Rote Khmer”, unter “Generalplan Ost”, “Fünfjahresplan”, “Grosser Sprung nach vorn” und dem, was Alte zu allen Zeiten als “gscheidn Krieg” bezeichneten, um Jüngeren die Flausen von Luxus und plakativem Selbstekel auszutreiben.

Also. Es werden teure, deutsche Autos gekauft, die Löhne steigen in vielen Bereichen, die Mieten gehen nach oben, und wer in Sektoren arbeitet, die wirklich absteigen – Medien zum Beispiel – bleibt dabei auf der Strecke und lebt langfristig eher in einer multikulturell geprägten Randlage mit sozialen Herausforderungen. Ginge es der Autoindustrie schlecht, ginge es Medien sogar noch schlechter. Ich verstehe die Verbitterung und all die Rufe nach einem Ausgleich sozialer Gerechtigkeit. Aber ich finde es ausreichend, wenn ich meinen Teil dazu beitrage, indem ich das Radfahren propagiere und beschreibe, wie viel Spass es macht, mit einem alten Umberto Dei oder Chesini die Mille Miglia zu besuchen, oder mit einem vom Schrott geretteten Bianchi die Alpen zu überqueren. Das ist mehr als nichts, und amüsanter als Klagen über ausbleibende Einsicht und Selbstkasteiung von Höherstehenden, die das traditionell einfach nie und nimmer tun werden.

Wir sind so. Wir ändern uns nie.

20. Jul. 2017
von Don Alphonso
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14. Jul. 2017
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Lebende Männer und das Ende der lustigen Witwen

Ich bin eine anständige Frau und nehm’s mit der Ehe genau.
Valencienne in Lehars „Lustige Witwe“

Also wissen Sie, es ist ist doch so: Natürlich gibt es heute Wissenschaft und Untersuchungen und Balkendiagramme, es gibt Modelle und Algorithmen. Das alles hat den enormen Nachteil, dass man sich dafür mit Mathematik auseinander setzen muss, und kein Mensch von Geist und Anstand hat es mit diesem Fach leicht. Ich selbst, wenn ich das anekdotisch evident berichten kann, war darin ein ausgesprochener Versager sowohl im Begreifen als auch in der grundsätzlichen Bereitschaft, mehr als zwei der vier Grundrechenarten zu beherrschen, denn mehr braucht man nicht, wenn die Karriere letzthin im Erhalt des Familienvermögens besteht. Ich stehe Forschung eher ablehnend gegenüber, und auf dem Standpunkt, dass Macchiavelli sein berühmtes Buch vom Fürsten ebenfalls nicht auf Basis von – damals gar nicht möglichen – Untersuchungen der Politologen mit Umfragen und Gesellschaftsanalysen gestaltete, sondern auf Basis sorgfältig ausgesuchter Anekdoten berühmter Menschen. Für das Buch vom Plebs braucht man Forschung und Soziologen, aber ich bitte Sie, doch nicht für Leute von Stand wie Sie und mich.

Das Buch vom Fürsten ist heute noch so populär, weil die anekdotische Evidenz einfach glaubwürdiger als alles andere erscheint: Einen Balken kann man problemlos wie die Süddeutsche Zeitung verlängern und verdicken, und Zahlen durch Auslassungen wie die Zeit fälschen, aber eine wirklich gute, glaubwürdige Anekdote erfinden: Dazu muss man schon mehr als Tabellenkalkulation und Photoshop beherrschen. Mit der anekdotischen Evidenz arbeiteten die Propheten der Bibel und Pornographen der Aufklärung, und deshalb ist für mich die neueste Untersuchung zum Scheidungsverhalten der Deutschen nicht mehr als eine statistische Unterfütterung meiner anekdotischen Beweisführung, die ich dem verdanke, was Politologen als Feldforschung bei der verheirateten Männlichkeit und der Einwirkung ihrer Frauen auf die Lebensverlängerung bezeichnen würden.

Denn als überzeugter Single mit wenig Arbeit und viel Freizeit ist es immer wieder ganz nett, ein altes Rad zu kaufen und es fachgerecht wieder auf die Strasse zu bringen. Gerne kaufe ich Räder in der Nähe und gern hole ich sie persönlich ab, und ich behaupte, schon anhand der Anzeigen Rückschlüsse auf die Besitzer machen zu können. Sehr oft sage ich: Der Verkäufer ist ein Mann, lebt in den angesagten Vierteln des Grossraums München, wo Vollbeschäftigung herrscht, hat vor ein paar Jahren geheiratet und mindestens ein, vermutlich aber eher zwei Kinder, die langsam alt genug sind, um in die Schule zu gehen. Das Rad hat er entweder zu seiner Junggesellenzeit bekommen, oder rund um seine Hochzeit gekauft, um fit zu bleiben. Es ist sicher mehr als ein Zufall, dass meine beiden neuen Räder von Eddy Merckx aus der ersten Kategorie stammen, und die beiden Specialized Roubaix vom zweiten Typus gekauft und praktisch nie gefahren wurden.

Sondern eben anekdotisch evident. Das war früher, als Scheidungen zur Regel werden drohten – und die Mehrheit meiner Altersgenossinnen ist tatsächlich geschieden, ich komme aus der Generation der Scheidungsfreudigen – noch ganz anders. Meine Generation war eine des grossen “Wenn Du meinst, dann mach es”. Es war die Generation der offenen Beziehungen, die das gschlamperte Verhältnis zur notwendigen Erfahrung eines erfüllten Lebens hochkultivierte. Es war die Generation der Doppelcabrioeigentümer, denen zwei Sitze in allen Lebenslagen reichten. Die Benutzung allerlei wenig sicherer Fortbewegungsmittel wie Paraglidingschirme und Motorräder galt als Zeichen der notwendigen Unvernunft in einem ansonsten allzu geregelten Leben. Eventuelle Kritik bügelte man nieder, indem man erzählte, wie man damals am Gardesee fast ertrunken wäre, oder am Monte Baldo, damals noch ohne Helm, mit fast 100 Sachen – ein Guter hält es eben aus und um einen Schlechten ist es nicht schade. Die 80er Jahre waren eben noch eine Zeit, in der das Leben nicht ohne Risiken und der Schulsport nicht ohne Schlägerei war, und die Jugend von Böhmfeld versammelte sich am Sonntag bei der Kirche, um durchfahrende Radler mit Steinen zu bewerfen und mit Mofas zu jagen. So war das damals! Anekdotisch evident und gefährlich.

Das ist nicht ohne Einfluss auf das Lebensalter, und der frühere Tod der Singles, den jede Untersuchung ausweist, ist die direkte Folge: Die einen leben in kürzerer Zeit viel mehr als die anderen in ihrem längeren Leben, das jenseits der 90 ohnehin nicht mehr so schön ist. Davor regierte eine gewisse Wahllosigkeit bei den Vergnügungen, und war der eine spannende Sexualpartner weg, war der andere vielleicht dafür bald wieder geschieden und frei auf dem Markt verfügbar. Wer heiratet und das nicht gerade ernst nimmt, hat auch kein besonderes Interesse an der langfristigen Erhaltung des Partners: So erkläre ich mir, dass sich früher zwar der Beziehungsstatus, aber nicht die Neigung zum riskanten Leben änderte. Damals wäre der Mann im Porsche wild hupend auf die Frau im BMW-Cabrio losgefahren, wo heute der junge Manager im stadtökologisch günstigen Drivenow-Carsharingauto brav darauf wartet, dass eine Mutter mit SUV ihren Anhänger mit Pferd von der Leopoldstrasse entfernt.

Heute ist es nicht mehr so, dass Frauen es befürworten, wenn Männer mit ihren Freunden auf schnellen Rennrädern in Richtung Alpen aufbrechen, um Bräune zu suchen und Schürfwunden zu finden. Im Zeitalter der Trennung war das noch egal, aber in der Epoche der neuen Dauerhaftigkeit ist jede Verletzung, jeder Unfall, jeder blaue Fleck ein Memento Mori. Auch sind Kinderräder heute keine billigen BMX-Schleudern mehr, mit denen der Stahl der Jugend gehärtet wird. Sie sind teuer, sie haben eine komplette Sicherheitsausrüstung, sie haben funktionierende Bremsen, und kein Kind weiss, dass man ohne Helm fahren kann. Und so kommt es eben, dass aus mehr oder weniger grauer Vorzeit in den Kellern des schönen, früher wilden Münchens, nur wenige Kilometer vom Parkcafe entfernt, die Merckxe, Pinarellos und Chesinis in Kellern schlafen, bis die Frau das ideale, perfekte und 700€ teure Kinderrad findet, und außerdem da unten mehr Platz braucht, und auf dem Rad fährt der Mann doch ohnehin nicht mehr: Mit einer Mischung aus Fürsorge für die Kinder und Sicherheitsempfinden für den Partner werden die alten Maschinen abgestoßen, wie man nach dem Ende des zweiten Weltkriegs die Spitfires, Helldivers und Corsairs über Bord der Flugzeugträger warf.

Und alle sind froh und kaufen sich Urban Bikes im Retro-Stil und leben ein ganz neues, ökologisches, nachhaltiges Ideal zwischen den veganen Köstlichkeiten vom Viktualienmarkt und dem, was die Gentrifizierung vom Viertel der kleinen Leute am Schlachthof übrig gelassen hat. Auf der einen Seite gefährdet das für unsereins den Nachschub an passablen Geschiedenen, an den wir uns gewöhnten. Auf der anderen Seite verhindert es die Entstehung neuer lustiger Witwen, mit denen sich unsere Urgrossväter erfreuen konnten, weil damals die Medizin noch nicht so weit war, und eine junge Frau das schnelle Ableben eines alten Mannes noch fördern konnte. Das sind Nebenwirkungen der neuen Häuslichkeit und Dauerhaftigkeit, an die niemand denkt. Aber man muss sich damit abfinden, dass die Nachhaltigkeit, von der alle so viel reden, auch in den Beziehungen umfassend gelebt wird. Früher mietete man für die Hochzeit eine Stretch Limousine oder einen Ferrari. Heute nimmt man mit dem Käfer Cabrio der Grosseltern vorlieb.

Frauen, die ihren Männern das kleine Alltagsglück des schnellen Rades madig machen, denken selbst bei begrenzten Gefahren strategisch mit grosser Risikoaversion. Es ist nur logisch und nachvollziehbar, dass sie in den grossen Dingen des Lebens dann nicht sorglos und frei von Berechnung sind: Wer den Rippenbruch nicht mag, wird den Ehebruch erst recht nicht lieben. Die fürsorgliche Hand, die den gebogenen Rennlenker nicht mag, schätzt auch keine krummen Lebenswege, und plant, was zu planen ist. Es gibt Ziele, und was im Wege steht, muss weichen. Die Durchsetzungsfreude, mit der sich Mini und Fiat 500 durch den Stadtverkehr wühlen, wird nicht geringer, wenn sie mit einem SUV auf die Menschheit und den Partner losgelassen wird. Sie meint es nur gut. Sie denkt langfristig an seine Gesundheit. Sie macht es aus Liebe und Zuneigung in Erwartung eines langen, gemeinschaftlichen Lebens. Und lässt sich, weil alles schon vorher durchdacht wurde, seltener scheiden, und bekommt mehr Kinder, weshalb diverse Gruppen gerade überlegen, wie an älteren Menschen mit zu viel Wohnraum die Deportati den Auszug erleichtert. Alt werden soll nur der eigene Mann – wer im Weg steht, darf sich gern auf der unbekannten Kellertreppe im Altenasyl das Genick brechen.

Noch freue ich mich, wenn ich ein neues Restaurierungsprojekt habe, aber langfristig, steht zu befürchten, werde ich vom Sorgenabnehmer auch zum asozialen Besitzer degradiert, der allein genug Platz hat, um zwei Münchner Mittelschichtsfamilien die Aufzucht ihrer Kinder zu erlauben. Man wird mich nicht mehr fragen, ob ich nicht vielleicht diese und jene Geschiedene attraktiv finde, sondern erwähnen, dass diese und jene Jungfamilie unbedingt dort leben möchte, wo meine Räder stehen. Für den Single, so zeigt ein Beispiel bei Ikea, reicht auch eine Businesswohnung mit 25m² als einziger Wohnsitz. Heute entsorgt unsereins die alten Träume vom Dahingleiten in Richtung der Berge, morgen sind wir selbst das Problem und das Hemmnis für mehr Platz für die neue Generation. Stürbe Deutschland wirklich als Singlegesellschaft aus, wäre man froh um uns, die wir den Wohnraum füllen.

Aber das ändert sich gerade. Und ich fürchte, bei den Genderistinnen, die ideologisch siegen und anekdotisch evident dennoch finanziell auf niedrigstem Niveau leben, wird später einmal nichts außer Mahnungen wegen der Nebenkostenabrechnung zu holen sein. Heute noch schnallen wir das Merckx auf den Gepäckträger und schieben die Minis und 500er von unserer dritten Spur, wo sie nichts verloren haben. Aber es sind viele. Und mir scheint es anekdotisch evident, dass das veränderte Heirats- und Vermehrungsverhalten der Deutschen uns in Zukunft den Raum nimmt, den wir dereinst den Familien genommen haben. Auf natürliche Lösungen wie riskantes Leben oder schnelle Scheidungen kann sich die Singleelite jedenfalls nicht mehr verlassen. Und das gute, alte Argument, dass man eine Familie in weniger als, sagen wir mal, 200m² gar nicht gründen kann, hilft wenig bei denen Entwöhnten, die nicht einmal mehr den Platz haben, um die Träume der Jugend vor dem Zugriff der Ehefrauen zu schützen.

14. Jul. 2017
von Don Alphonso
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11. Jul. 2017
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Die linke Gewalt gegen Sachen, von der man so viel hört.

Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!
Karl Marx

Mit der Beurteilung der Ausschreitungen von Hamburg ist es wie mit Rückzug einer geschlagenen Armee: Die Linke weiss, dass sie ein Problem hat, und versucht nun, durch langsamen Rückfall und verzögernde Gefechte auf immer neue Verteidigungslinien die bittere Niederlage in der öffentlichen Meinung aufzuhalten. Da war zuerst die Verteidigungslinie “Die Polizei hat provoziert”. Die Polizei hielt sich dann im Schanzenviertel eine Weile zurück, während die Anarchie tobte, und jeder konnte sehen: Randale und Plünderungen haben mit der Provokation der Polizei nichts zu tun. Dann folgte der Versuch zu erklären, dass das eben Autonome seien, die mit linker Politik nichts am Hut haben: Da ist es unpassend, wenn die Parteizeitung Neues Deutschland ein Interview mit den Organisatoren gemacht hat, die brennende Autos schon vorab ankündigen. Zuletzt bleibt dann noch die Verteidigungsstellung, Linke würden nur den Staat und Besitz angreifen, aber keine Menschen: Die verletzten Polizisten, Anwohner und der ein oder andere Reporter können das Gegenteil beweisen. Wer von Dächern Molotowcocktails auf Polizisten wirft, nimmt deren Tod in Kauf.

Aber nehmen wir entgegen der Kriminalitätsstatistik einmal an, es würde stimmen, und die Autonomen greifen nur Besitz an – so, wie es die Gruppe Neonschwarz bei Spiegel Online in einem wohlwollenden Beitrag darlegen durfte, bevor sie zu den Vorgruppen der autonomen “Welcome to Hell”-Demonstration gehörte, und Teile der SPON-Redaktion dann doch lieber die Linie übernahmen, dass die Gewalt nichts mit “Links” zu tun hat. Ignorieren wir die Videos der Polizei und konzentrieren wir uns auf einen Fall, der vielleicht als so etwas wie die “Neue Normalität” linksextremer Gewaltbereitschaft gelten kann: Auf ein Umfeld der Linksextremisten, das sich prinzipiell im Recht sieht, wenn es um die Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols geht, und auch denkt, dass es dafür in der Bevölkerung einen breiten Rückhalt gibt. Solche Aussagen finden sich oft im Internet. Der Berliner Herbert Müller, der als “Genova” das bei Linken beliebte Blog Exportabel betreibt, formulierte im Zusammenhang mit den Ausschreitungen von Hamburg sein Verhältnis zur Gewalt vor drei Tagen so:

Ich glaube, abgesehen von ein paar ehrlich entrüsteten Hausfrauen sind doch alle ganz froh über die Krawalle in Hamburg. Nicht, dass man von solchen Leuten regiert werden oder sich auch nur ernsthaft auf deren Politikverständnis einlassen möchte – aber in Zeiten, in denen der Ausfall von U-Bahnen, die ausfallen, weil Gelder gekürzt wurden, von einer Computerstimme als „Betriebsstörung“ bezeichnet wird, und sich diese Stimme im direkten Anschluss für das nicht eingeholte Verständnis bedankt – in solchen Zeiten ist es doch erfrischend, wenn eine Horde aktiver Menschen daherkommt und irgendwas ganz real kaputt macht. Ich schätze, dass eine Mehrheit der Bevölkerung diese Gewalt gegen das Scheißsystem insgeheim ganz ok findet

In den letzten 10 Jahren haben Linksradikale mit Erfolg versucht, sich als Speerspitze der Mieterbewegungen zu etablieren. Mit den steigenden Mieten und der Gentrifizierung fanden sie Themen, die die Menschen bedrücken und Zugang zu Medien erlauben: Der Aufstieg des Ex-Stasi-Mitarbeiters Andrej Holm vom obskuren, linksradikalen Hausbesetzer über den medial verehrten “Stadtsoziologen“ bis zur Berufung in das Amt des Staatssekretärs durch die Linke im R2G-Senat Berlins illustriert, wie weit man im allgemeinen Linksruck mittlerweile mit Positionen kommen kann, die vor 20 Jahren allenfalls in radikalen Szeneblättchen zu lesen waren. Exportabel-Blogger Herbert Müller ist auch ein Vertreter dieser neuen sozialen Debatte: Mieten, Verdrängung und soziale Stadt sind seine Lieblingsthemen. Heute freut er sich, wenn Canan Bayram, die neue Bundestagskandidatin der Grünen für den Bezirk Kreuzberg, ganz offen für die Enteignung von „Spekulanten“ eintritt:

Schön, dass sie das Wort „enteignen“ in den Mund nimmt. Sie müsste hinzufügen, dass die Entschädigung nur in minimaler Höhe erfolgen sollte.

Es schadet Canan Bayram in dieser Szene sicher nicht, dass sie in den letzten Jahren wohlwollendes Verständnis für das Flüchtlingscamp am Oranienplatz, die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule, die Rígaer Strasse, die Zustände im Görlitzer Park und andere Lieblingsthemen linker Stadtpolitik zeigte. Die Interessen bis hin zur Kritik an der Polizei sind ähnlich, die jeweiligen Positionen von Linksradikalen und Frau Bayram sind in vielen Feldern gegenseitig anschlussfähig.

Aber genauso, wie diese Szene zu den Regierungsparteien in Berlin offen ist, ist sie auch für den Kampf gegen Andersdenkende offen. Ein schönes Beispiel für die linksextreme Doktrin, dass Kapitalismus und Faschismus recht ähnlich sind, lieferte Herbert Müller im Zusammenhang mit Andrej Holm und meinem Beitrag über ihn: Ich habe Holms wohnungspolitische Absichten hinterfragt. Müller, der “radikal linkes Gegensteuern absolut sinnvoll und nötig“ hält, macht aus meiner Bemerkung, dass eine Abwehr bestimmter Thesen linker Gruppierungen inzwischen durchaus bemerkbar ist, eine Verbindung zu den Nazis:

Jedenfalls, wenn wir schon dabei sind: 1933 haben die Kameraden ähnlich argumentiert. Man wird sich doch noch wehren dürfen.

Das ist ein heute durchaus gebräuchlicher Standard in der politischen Diskussion, die zur weitgehenden Entwertung des Begriffs “Nazi“ geführt hat: Was nichts linksradikal ist, ist rechts. Und es gibt natürlich immer noch einen, der eins drauf setzt: Ein Kommentator mit dem Namen “Ein Linker, der es noch sein will“ meldet sich und schreibt darunter:

„Don Alphonso“ heißt in Wahrheit Rainer Meyer.
2010 bekannte er selbst, im Ingolstädter Tillyhaus zu wohnen.
Weiß die Ingolstädter Antifa noch, wie man Inneneinrichtungen geraderückt? ;-)

Kritik an linken Thesen führt zur Ausgrenzung aus dem Diskurs über die Vorortung bei Nazis und endet beim verklausulierten Aufruf zu dem, was Juristen als “schweren Hausfriedensbruch“ bezeichnen, mit den dazu nötigen Informationen. Es findet auf einem durchaus populären Blog eines Berliner Gewaltverteidigers statt, und alles ist so formuliert, dass es vermutlich noch von der Meinungsfreiheit gedeckt und kein Aufruf zur Straftat ist. Es ist gleichzeitig das, was Neonschwarz, Journalisten und linke Politiker ins Feld führen: “Nur“ eventuell Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Gewalt gegen Dinge, aber doch nicht gegen einen Menschen wie mich. Nur gegen die Inneneinrichtig. Weil ich eine andere, nicht linksradikale Ansicht vertrete, die angesichts der Wahlergebnisse und Umfragen in Deutschland eher mehrheitsfähig als Ausschreitungen in Hamburg und Stasimitarbeit ist.

Diese verharmloste “Gewalt gegen Dinge“ ist etwas anderes: Eine totale Absage an Rechtsstaat und Grundrechte wie die Unverletzlichkeit der Wohnung, ein Einverständnis mit gemeinschaftlich ausgeübter politischer Gewalt, die ironische Banalität, einen anderen zu identifizieren und zum Ziel eines Angriffs zu machen, die dafür nötige Ausforschung und Diffamierung – und letztlich, sollte es so weit kommen, auch die Frage, was man tut, wenn einer wie ich in der überfallenen Wohnung ist. Es könnte sein, dass ich justament dann mit dem schweren Schraubenschlüssel aus dem Radlager komme, wenn ein Möbelrücker seine Tätigkeit beginnt. Ich möchte bezweifeln, dass in solchen Momenten höflich um eine Tasse Tee gebeten oder die gemeinsame Umhängung eines Lüsters diskutiert wird.

Und da hat man es in der ganzen Linie, angefangen von der Zuneigung zu Vertretern linker Positionen im Abgeordnetenhaus Berlin über die Bekämpfung der Andersdenkenden bis hin zum blanken, gezielt gegen eine einzelne Person gerichteten, politischen Terror. Es steht in meinem Fall bislang nur im Netz, es ist nur eine Drohung, aber das richtige Bewusstsein ist da. Herbert Müller, das merkt man an seinem Ton, ist kein dummer Steineschmeisser, sondern sicher gebildet, und hat seinen Namen offensichtlich auch unter eine Petition gesetzt, die Andrej Holms Beschäftigung bei der TU Berlin retten soll. Er kann auch anders.

Die Argumentation der Linken ist, dass es nur Gewalt gegen Sachen ist, dass sie durch die Polizei und die Repression des Staates provoziert wurde, dass die Täter sich nicht anders zu helfen wissen und dumm und fehlgeleitet sind. Hier haben wir einen Herrn im fortgeschrittenen Alter, der sich ausdrücken kann, der durchaus reflektiert ist und strategisch denkt, und keineswegs dumm oder verführt ist. Und den es nicht stört, wenn auf seinem Blog Extremisten aufgerufen werden, mich zu besuchen. Das Problem, das in Hamburg offensichtlich wurde, soll von den unter Druck stehenden Linken totdifferenziert und isoliert werden, aber es ist anschlussfähig bis in die Regierungen hinein. […] Die Linke hat den Angriff und die Verhöhnung der Polizei durch eine bis vor kurzem staatlich mitfinanzierte Hate Speech Expertin direkt auf dem Wahlzettel

Gewalt gegen Dinge, darunter stellt man sich landläufig einen aufgeschlitzten Reifen an meinem Fahrrad vor. Gemeint ist aber: Wir zerlegen einem, der uns nicht passt, die Wohnung und den Kernbereich seiner privaten Existenz. Meinungsfreiheit, Persönlichkeitsrechte, Grundrechte: Das alles wird dabei abgelehnt. Und man hat sich daran längst gewöhnt, wenn es beim “Kampf gegen Rechts“ Gastwirte trifft, die unbeliebten Parteien und ihren Meinungen Raum geben. Meine Wohnung wäre da nur ein weiterer Fall, aber seitens der Täter keine neue Qualität. Die Phrase von der Gewalt gegen Sachen, die schreiben Journalisten so leicht hin, wie auch die Blogger und Kommentatoren in Berlin. Es würde vermutlich auch jemand sagen, ich sei mit schuldig, hätte die Leute schließlich provoziert. Die seien halt fehlgeleitet, aber nicht links, und hätten mit ihnen nichts zu tun. Und eigentlich sollte es nur gegen Sachen gehen – mein Problem, wenn ich dabei im Weg stehe. Sollte ich mich wehren, könnte man fragen, ob die Notwehr angemessen war.

Gewalt gegen Sachen ist nicht das Ziel. Das ist nur Ziel ist es, heruntergebrochen auf den Einzelnen, Menschen gezielt fertig zu machen, weil sie eine andere Sicht der Dinge haben. Das reicht als Anlass. Es sind Linksextremisten, sie sind gefährlich und in einer erstaunlich gelassenen Banalität gewaltbefürwortend, und solange sich Teile der Medien und Politik solchen Strömungen öffnen, sie verteidigen und entschuldigen, werden sie sich unterstützt fühlen. Weil sie, einfach gesagt, dadurch in ihrem Tun unterstützt werden.

Korrektur

In einer vorhergehenden Version dieses Beitrags haben wir veröffentlicht: „Der von Heiko Maas geförderte Störungsmelder der Zeit musste gerade zwei Autoren wegen ihrer Tätigkeiten in Hamburg entlassen.“ Dies ist unzutreffend. In dem Blog „Störungsmelder“, das bei „Zeit Online“ erscheint, wurde gar nicht über die Ereignisse in Hamburg berichtet, daher wurde von der „Zeit“ in dem Blog der Terror auch nicht verharmlost. Auch finanziert das Justizministerium den „Störungsmelder“ nicht mit. Die im Beitrag erwähnten Sören Kohlhuber und Michael Bonvalot sind auch keine Mitarbeiter von „Zeit“ oder „Zeit Online“. Sie waren in der Vergangenheit ehrenamtliche Autoren des „Störungsmelder“ und bei G20 weder im Auftrag von „Zeit“ noch „Zeit Online“ unterwegs.

11. Jul. 2017
von Don Alphonso
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05. Jul. 2017
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Der schmutzige, heisse Sex des Alters

My milkshake brings all the boys to the Yard and they’re like, it’s better than yours
Kelis, Milkshake

In meinem langen Leben habe ich viele interessante Gesprächspartner her erleben dürfen, vom polnischen Partisanen bis zum artifiziellen Hagestolz, der tanzend und singend einen Mordaufruf gegen einen Kanzler verbreitete, und es Kunst nannte – Ironie des Schicksals: Der Kanzler hat ihn überlebt. Weit, sehr weit oben in der Rangliste dieser interessanten Menschen steht eine Frau, die sexuelle Wünsche anderer Leute mit der Erfüllung ihrer eigenen finanziellen Wünsche verbindet, und aus diesem nicht ganz undelikaten Grunde auch berichten kann, welche Wünsche da bis ins hohe Alter vorgetragen werden. Ich möchte nicht ins Detail gehen, aber es erscheint mir als gegeben, dass angesichts der Bereitschaft, hohe Preise für besondere Leidenschaften zu bezahlen, der Sex des Alters zuallererst einmal Sex ist, in diversen Spielformen. Und danach erst Essen. Oder was immer andere denken, es könnte der Sex der Alters sein.

Wie auch immer, alt ist man vermutlich, wenn man wie ich ein Stück Marillenkuchen als Bild ins Internet stellt, und darauf warten kann, dass jemand darin einen Ausdruck von “Sex des Alters” erkennt. Das ist ein schönes Beispiel für den Niedergang der Sitten, denn in den Zeiten, da ich erzogen wurde -”erzogen” ist das Gegenteil von dem, was heute in Kitas und Berliner Schulen an Kindern verbrochen wird – in diesen Zeiten wäre niemand auf die Idee gekommen, andere auf ihre sexuellen Vorlieben anzusprechen. Vor allem nicht ältere Menschen, denen man mit Respekt begegnete. Ich beispielsweise kenne auch viele junge Frauen im Internet, die den Nutzer exzessiv mit ihren Yogaerlebnissen oder der Befürwortung von “Fett in Leggins” konfrontieren, ohne sich je über Geschlechtspartner zu äussern. Ich käme nie auf die Idee zu sagen, Yoga und Fett in Leggins seien halt der Sex der jungen Frauen, noch nicht einmal nach dem Zuckervollrausch von 4 Stück Torte im Cafe Prenn zu Sterzing. Wie ich übrigens feststellen musste, hat Prenn gerade Betriebsurlaub – ich käme also nicht nur nie auf die Idee, so etwas zu tun, sondern sogar nie nicht!

Auch sagt niemand zu jungen Menschen, die küssend auf der Parkbank sitzen, das sei wohl das Essen der Jugend. Und niemand macht sich Gedanken, dass Jugend etwas sehr Relatives ist – hat man die Restlaufzeit eines Menschen im Auge, kann es durchaus sein, dass schlecht gelaunte und prekär ernährte junge Frauen, die für alte, weisse Männer stets nur Spott übrig haben, schneller als dieselben ins Grab sinken. Diese Relation ist der Jugend nicht wirklich eingängig, aber wenn man älter wird, kennt man neben dem Wert der Gesundheit auch den Schatz des Überlebens und die lebensverkürzenden Statistiktücken der Sterbetabellen. Jung sein kann jeder, im hohen Alter dagegen darüber reden können, welche Form von Sex man bevorzugt – dazu muss man schon die ein oder andere Klippe des Daseins umschifft haben, und respektlose Sprüche sind da noch das kleinste Problem.

Die Frage nach dem Sex des Alters ist, das wurde mir am Wochenende bewusst, einfach eine Frage der sich ausweitenden Interessen. Denn am letzten Wochenende war das Wetter am Nordrand der Alpen katastrophal: Es gab einen Temperatursturz und Regen, der den am Tag zuvor befahrenen Pass fast in einen reissenden Fluss verwandelte. Ausserdem drohte am Tegernsee eine Invasion der Triathleten, die sich zu echten Radsportfreunden verhalten wie Yogamatten und Gewichtsakzeptanz in Leggins zu echtem Sex. Eigentlich war ein Sturm auf den Gipfel des Reutbergs geplant, der sich majestätisch 15 Meter über dem Moor bei Sachsenkam erhebt und eine grandiose Bayerisch-Cremetorte hat, aber so wurde das natürlich undenkbar. Ich fand mich also am Telephon wieder, und unterbreitete Männern, die noch viele zu überleben gedenken, den Vorschlag, die finanziellen Möglichkeiten des Alters mit der Abtötung des Fleisches zu verbinden: Mit dem Auto über den Brenner, nach Kloster Neustift bei Brixen, und dort auf einen der exzellent ausgebauten Radwege, die man bei Spiegel Online offensichtlich nicht kennt, weshalb man dort von vielen Italienerinnen und keinerlei Hamburger Kolleginnen ausgehen kann.

Und so kam es, dass wir zu dritt mit drei Rädern in den Kofferräumen von zwei Autos – eines davon ein Diesel von einer durch einen Skandal bekannten Marke – mit hoher Geschwindigkeit und Verbrauch über den Achenpass auf die Ellbögenstrecke gelangten, und dort von den obigen Herren in Rot aufgehalten wurden. Die Herren hatten Gewehre dabei, schossen in die Luft, und der Kommandant meldete dem Pfarrer, die Gebirgsschützenkompanie Ellbögen sei mit 50 Mann angetreten. Weiter unten standen die Frauen in Tracht und mit einem Fass voller Schnaps, Hochwürden spendete seinen Segen, weisse Federn wogten im Wind, die Blaskapelle spielte Tiroler Märsche, Bumm, Bumm, Bumbububumm Tätärä. Am Ende gingen alle ins Gasthaus, und der Weg nach Süden war frei.

Am Brenner war der Himmel noch grau, in Sterzing öffneten sich erste blaue Löcher, und hinter Franzensfeste zeigte sich zwar nicht gerade unsere ökologische Gesinnung, aber doch der knallblaue Himmel Südtirols über den heiligen Hallen des Klosters Neustift. Niemand sagt, der Sex des Alters sei die Fähigkeit, einfach einen Tag südlich der Alpen zu verschwinden, Schlutzkrapfen zu bestellen und dann mit dem Rad auf dem Radweg nach Klausen fahren – das ist schon deutlich zu gross für eine ironische Unternote. Ausserdem stimmt es nicht, es ist etwas anderes: Ein geschenkter Tag im Licht, während andere im Dunkeln und Regen und auf der Yogamatte und möglicherweise, ich will ja niemandem etwas unterstellen, auch ohne Sex verharren. Es ist einfach eine andere Lebensweise: Sex macht das Leben auf eine bestimmte Art schön, ein Tag in Südtirol auf eine andere Art.

Was den Sport angeht, ist die Fahrt nach Klausen und darüber hinaus bis zu den Eisackschnellen übrigens kaum erwähnenswert. 70 Höhenmeter geht es mit Gegenwind – heisse italienische Luft stürmt gegen deutsches Tiefdruckgebiet an – hinunter, und auf dem Rückweg mit Rückenwind wieder hinauf. Man radelt durch Parks, entlang von Eisenbahnen und oft mit ausreichendem Abstand zur Strasse, ohne je von Autos bedroht zu sein. Der Weg führt direkt durch die für Autos gesperrte Innenstadt von Klausen, wo drei noch lange leben wollende Herren auf der Hügelkuppe eine kleine Bergwertung ersprinteten, als wären sie wieder 20. Es gibt phantastische Bilder vor Bergkulissen, die einen erheblich sportlicheren Eindruck als die Realität vermitteln. Wasserfälle! Berge! Kurven! Reissende Flüsse! Burgen! Es sieht mächtig aus, es atmet Leistungsbereitschaft und auf dem Rückweg habe ich gefragt, ob sie in Klausen nicht ins Cafe wie hunderte andere Radler wollten.

Sie wollten weiter. Echte Helden! Weiter hinauf an der Eisack entlang nach Brixen, wo wir mit grösster Lässigkeit die edlen italienischen und einen französischen Renner an den Blumenrabatten rebellisch beim Rad-abstellen-verboten-Schild abstellten, und die Eiskarte plünderten. Ganz ehrlich, ich bin nicht gerade ein Freund von Eis, ich bevorzuge fast immer Tee, aber nach 60 Kilometern entlang der reissenden Eisack und all unseren Bergwertungen war so ein Erdbeer-Milchshake wirklich fast so gut wie Sex. Aber es ist eben nicht der Sex des Alltags. Es ist Teil einer Freiheit, die man als junger Mensch schon in meiner Jugend nicht dauernd kannte, und mit dem achtstufigen Gymnasium und dem verschulten Studium und all den Praktika noch weniger kennen lernen wird. Wie auch die Italienerinnen, die wir sahen. Es waren wirklich viele. Es war sehr hübsch. Aber man muss es sich eben leisten können. Wenn etwas der Sex des Alters ist, dann ist es nicht das Essen und der schmutzige, schweisstriefende Sex des Radelns.

Es ist der Umstand, dass die Lebenssituation solche Entscheidungen erlaubt, ohne jede negative Konsequenz. Man muss nicht überlegen. Das einzige echte Hindernis sind zwei, drei Stunden Anfahrt, aber die sind in der schönsten Landschaft Mitteleuropas. Man kann unterwegs Vorräte auffüllen, Geschenke kaufen und ein Hotel mit eigenem Park und Pool und Gemäldegalerie buchen, das vor einem das halbe Haus Habsburg beehrte. Natürlich kann man danach auch in den Kutscherhof gehen und dort vorzüglich essen. Es ist der Umstand, dass man nicht im Regen bleiben muss, sondern diese kleine Wette mit der Wetterscheide Alpenhauptkamm eingehen und gewinnen kann. Es ist noch kein Sex, aber es macht das Alter sexier, als junge Menschen sich das vorstellen können, wenn sie abfällige Kolumnen über alte, weisse Männer schreiben.

Die einen verlieren einen Tag im Regen, die anderen gewinnen einen Tag in der Sonne. Die einen sind schlecht gelaunt und die anderen sehen großzügig darüber hinweg. Möglicherweise wurden auch mehr Kalorien zugeführt, als beim Radeln abgebaut werden: Ein Gedanke, der einen schlagartig zu quälen aufhört, wenn man am nächsten Morgen die winzigen Marillenkrapfen sieht, von denen man zwei nimmt, und später noch mal zwei. Die Luft ist warm, die Gespräche drehen sich um Zweitwohnsitze jenseits der Alpen und die nächste Etappe, die man unter die Räder nehmen möchte. In Hamburg werfen die Jungen ihre Leiber, kaum dass sie aus feuchten Zelten und von quietschenden Luftmatratzen kommen, gegen die Körper der Polizisten, und wir werfen unsere irdischen Gefängnisse gegen Berge, bis die Muskeln hervor bersten: Der Zeit ihren Sex. Dem Sex seine Freiheit. Und die ist nun mal mehr als nur Essen im Alter, Alter. Echt jetzt, ey.

Wenn mir jemand also so respektlos mit dem “Sex des Alters” begegnet, lächle ich, und denke an meine Bekannte mit all den Erfahrungen und Südtirol mit all den Freuden, die Jüngeren vermutlich eher fremd sind. Die lernen das schon noch – sollten sie noch so alt werden und nicht aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit von der nächsten Generation im Neuesten Deutschland als alte, weisse Menschen jenen missmutigen Begehrlichkeiten im Wege stehen, die unsereins noch über 4 Stück Torte hinweg als bedeutungslos abtun konnte.

05. Jul. 2017
von Don Alphonso
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30. Jun. 2017
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Wertlos konservativ

Kann ich zeig’n mein’n Freunden besser mit Messer, was ich gemacht mit Schmutschkinoff
Friedrich Hollaender, Stroganoff

Je nach Umfrage sind 2/3 bis 4/5 der Deutschen für eine Ehe für Alle. Das ist die klare Mehrheit, wenn man von oben auf das Land schaut. Es mag auch den ein oder anderen geben, der sagt, er sei grosso modo dafür, auch wenn er ein paar Vorbehalte hat: Aber Umfragen sind nicht dazu da, um Unsicherheiten und Differenzierungen abzubilden. Neben diesem Regenbogendeutschland, das sich wohltuend vom Treiben des deutschen Flüchtlingspartners Türkei abhebt, gibt es aber auch noch ein anderes Deutschland. Und dieses Deutschland ist eines, das – zumindest nicht offen – nicht gegen Homosexuelle ist. Aber auch der Meinung, dass die Bevorzugung der Ehe zwischen Mann und Frau keine Benachteiligung anderer Beziehungen ist.

Man kann tatsächlich so argumentieren, denn Ehen bringen nicht nur besondere Rechte, sondern auch besondere Pflichten. Anhänger dieser Sichtweise sagen heute nicht mehr, dass man andere Lebensformen benachteiligen oder gar gesetzlich diskriminieren oder verfolgen sollte, wie das früher in Deutschland üblich war. Aber sie sind der Meinung, dass die klassische Familie mit sich liebenden Eltern verschiedener Geschlechter das natürliche Optimum darstellt, und auch optimal behandelt werden sollte. Das kann man als doppelmoralisch bezeichnen, und auf Vorwürfe exzessiver Meth-Parties und Schwulenstrich in Berlin mit Bierzeltexzessen und gschlamperten Verhältnissen von scheinbürgerlichen Bigotten antworten. Das geht wunderbar, wenn man als Abgeordneter der Grünen in Berlin twitternde Mitarbeiter ins Feld führen kann. Aber andere – und das sind gar nicht so wenige – müssen von diesen Leuten gewählt werden.

Und früher war es so, dass diese Leute bewusst Wahlentscheidungen getroffen haben, weil sie in etwa wussten, was sie dafür bekommen würden. Dafür haben Parteien ein Grundsatzprogramm, und nicht alle haben sich damit den Ruf einer Verräterpartei erarbeitet, wie die SPD. Die CSU konnte eine WAA befürworten und dann wieder abblasen, aber ein paar Leitsätze waren verbindlich. Man wusste ungefähr, was man an Filz, moralischer Flexibilität und Opportunismus im Feld der Realpolitik hinzunehmen hatte, damit die grossen Linien der bürgerlichen Vormachtstellung gewahrt bleiben. Das trieb ganze Westviertel in Bayern in die Arme der CSU, was immer deren Söhne und Töchter auch dagegen vorbringen wollten. Heute jedoch wird meine Freude über die Ehe für Alle doch erheblich getrübt vom Mitleid: So viele machten das letzte Mal an der für sie scheinbar richtigen Stelle. Und nun, zum Ende der Legislaturperiode, erleben sie, wie sich SPD-Anhänger fühlen, wenn ihre Partei heilige Grundsätze verrät. Ein, wenn nicht der Grundpfeiler des bürgerlichen Selbstverständnisses wird im Plausch mit einer Frauenzeitung einfach so abgeräumt.

Denn nach bürgerlichen Konventionen – und je weiter man nach Süden und aufs Land geht, desto wichtiger werden sie – ist der Staat ein notwendiges Übel. Das Blut läuft zusammen, Familie über alles, danach die weiteren Verwandten, der Freundeskreis, dann die Gemeinde, die Stadt, manchmal das Land und erst dann die Zentralgewalt – in diesem Gefühl werden in weiten Teiles des Landes immer noch die Menschen erzogen. Darauf ist die Ehe, idealerweise bis der Tod sie scheidet, das grosse Siegel. Wer es nicht so mag – und der Verfasser dieses Beitrags gehört trotz Herkunft aus so einem guten Clan zu den Verweigerern – hat heute keine Probleme mit Ausgrenzung mehr, und kann sich trotzdem zu den Grundwerten des gentilen Denkens bekennen. Ein staatliches Privileg ist da so etwas wie eine Unterwerfungsgeste der latent feindlichen Macht, die einräumt, dass vor dem Gesetz zwar alle Menschen gleich, aber vor dem Clan so unterschiedlich wie Herrschaft und Gschleaf sind. Das klingt hart und wird heute längst nicht mehr so hart umgesetzt, ist aber bei der Frage des Eheprivilegs für das Gefühl nicht bedeutungslos.

Und wird gerade, nachdem die früher zentrale Macht nur noch ein Windbeutel ist, der mit cum Ex Geschäften beraubt, von Banken gemolken und von Brüssel bevormundet wird, in den letzten Jahren wieder deutlich wichtiger. Für diese Gruppe ist die Ehe für Alle zum jetzigen Zeitpunkt sicher nicht mehr auf dem Zenit der Zustimmung, und die Umfragen bei der FAZ verdeutlichen, dass die Leser das Aufweichen der Institution Ehe doch mit deutlicher Mehrheit ablehnen. Es ist vermutlich noch nicht einmal etwas Persönliches gegen Vertreter anderer Einstellungen. Es ist der Eindruck, dass die Zentralgewalt launisch und auf die Schnelle, ohne grosse Debatte, einen Teil des bürgerlichen Selbstverständnisses wegnimmt. Niemand wird etwas weggenommen, sagt Heiko Maas, aber das sagte Frau Merkel auch, bevor zig Milliarden Steuergelder in der Migrationskrise von den Steuerzahlern genommen und in das “Wir schaffen das”-Prinzip gepumpt wurden.

Mir tun die Mandatsträger leid, die jetzt noch zwei Tage haben, ihren erbitterten Widerstand öffentlich zu machen, bevor sie nach Hause und ihren Wählern erklären müssen, wieso sie schon wieder einen Kernpunkt des Selbstverständnisses dem Machtkalkül der Kanzlerin geopfert haben. Zuerst wurden die Deutschen als Nation zu Leuten degradiert, die schon länger hier sind. Jetzt ist die Ehe auch noch noch ein inhaltlich entleertes Ritual, das jeder in Anspruch nehmen kann. Und die nächsten familienpolitischen Angriffszeile sind auch schon bekannt: Abschaffung des Ehegattensplittings und Öffnung des Sorgerechts für mehr als zwei Partner. Es gibt Pressure Groups, die die bürgerliche Welt für überkommen halten und sie abschaffen wollen. Frau Merkel hat diesen unerwartet schnellen Teilsieg erst ermöglicht. Und Teile der Exekutive, die eigentlich getreu den Gesetzen zu handeln hätten, befehlen den Volksvertretern, was sie zu tun und zu entscheiden haben:

Steinmeier als Bundespräsident hätte nicht sein müssen, die Balkanroute haben die Österreicher gegen Merkels Willen geschlossen, so ziemlich jeder Vermieter, den ich kenne, ignoriert ein Gesetz, das versucht, ihm Mietpreise wie im Sozialismus vorzuschreiben, und das alles mit einer dominierenden CDU im Bundestag: Die CDU hat diese Wahl gewonnen, aber ihre Kernanhänger sehen überhaupt nicht wie Sieger aus. Früher wusste man, was man von der Klientelpartei an Wahrung der eigenen Interessen erwarten konnte. Heute ist das Bürgertum eine Verhandlungsmasse in Talkshows. Früher war man wertkonservativ, heute ist man wertlos konservativ. Man hat das eine gewählt und das andere bekommen. Es kann gut sein, dass es bei der Schliessung der Balkanroute eine helfende Hand aus der bayerischen Staatskanzlei gab, die nun auch die Südgrenze mit den Österreichern verrammelt. Aber der Institution Familie konnte man noch schnell zeigen, wo ihr Platz im aktuellen Berliner Geschehen ist. Ich privat würde die Ehe ganz einfach abschaffen und sexuelle Freiheit predigen: Trotzdem habe ich gentile Phantomschmerzen. Nicht weil Homosexuelle heiraten dürfen. Sondern weil deren Lobbyisten danach unsereins weiter als cisheteronormativ diffamieren und bekämpfen werden.

Und den ihnen helfenden Staat, der sie früher unterdrückte, nun als Waffe verwenden, mit seinen Gleichstellungstellen , der Regulierungswut und Gleichmacherei angesichts des Verlangens nach sozialer Gerechtigkeit. Wir passen mit dem Horten von Vermögen und der Suche nach Sicherheit nicht in das Weltbild der schlecht bezahlten Wasmitmedienmacher in den Berliner Mietwohnungen, die Stabilität und Kontinuität nicht kennen, und auch nicht deren Bedeutung. Und niemand kann sagen, was als nächstes kommen mag. Das ungute Gefühl besagt, dass der Staat über den Umweg der von ihm mitverursachten Kinderarmut und dem Ruf nach Chancengleichheit noch mehr als bisher in die Erziehung und Indoktrination der Kinder eingreifen wird – nach der Ehe der nächste Pfeiler der gentilen Weltordnung. Bitte, ich habe keine Kinder und will auch keine. Aber ich kann die Unsicherheit im bürgerlichen Lager, die nun mit dem Ruf nach Artikel 6 des Grundgesetzes und Verfassungsbeschwerde übertönt wird, verstehen.

Denn nach den vier letzten Jahren ist nichts unvorstellbar, und was mir traditionelle Politiker so erzählen, klingt immer gleich und zunehmend gleich verzweifelt: Uneinigkeit nütze nur dem Gegner, zu wenige haben ein klar konservatives Profil, man müsste das aus Sachgründen mittragen, aber man sei sicher, dass am Boden, in der Provinz, die Handhabe dann eine ganz andere sei. Niemand werde bei den Mietpreisen hinschauen, die Flüchtlinge wollten eh alle nach Duisburg und Berlin, der Heiko Maas sitzt mit Anetta Kahane in keinem Biergarten. Das kleine, bürgerliche Paradies kann bleiben, wie es will, und die Wehrpflicht kommt nach der Bundestagswahl teilweise auch wieder. Dann schütten sie eine Halbe auf ihre Magengeschwüre und noch einen Marillenschnaps, weil, in Wirklichkeit, geht es ihnen mit Merkel wie einem Jungsozialisten mit HartzIV und einem SPD-Netzpolitiker mit dem Staatstrojener.
Keiner will das. Aber am Ende machen sie doch mit, wagen keinen Aufstand, und weil der nicht kommt, geht es eben so weiter.

30. Jun. 2017
von Don Alphonso
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27. Jun. 2017
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Sieben polyamore Zwerge für Schneewittchen

Ich bin der kleine Willi und fliege durch die Welt, ich trinke alte Blumen und brauch deshalb kein Geld
Willi aus dem feministischen Klassiker „Biene Maja“

Wenn Sie das Glück haben, noch in der Klassengesellschaft anstelle des Sozialismus zu leben, dann kennen Sie eines der Grundprobleme: Sie können die eine Klasse nicht pauschal diskriminieren, ohne die andere nicht mit Privilegien auszurüsten. Immerhin sind wir inzwischen nach all den freiheitlich-demokratischen Wirrungen so weit gediehen, dass Medien heute klassenlos mehr auf Seiten der Diskriminierten denn auf Seiten der Privilegierten stehen. Diskriminierungen sind schick, man kann darüber reden wie über das Wetter, und der Staat setzt dauernd Kommissionen ein, um neue Benachteiligte zu finden. Mieter, Frauen. Migranten, es wird immer eine beklagenswerte Gruppe geben, um die man sich laut und aufmerksamkeitserregend kümmern muss, solange man als Volkspartei nebenbei gegen jeden Sachverstand Gesetze zur Benachteiligung von Sexarbeiterinnen, Internetnutzern und Freunden der Meinungsfreiheit gestaltet.

Besonders beklagt wurde diese Woche der Rolle der Frauen als Benachteiligte bei Arbeit und Einkommen, und die der Migranten und Armen bei der Suche nach für sie bezahlbaren Wohnungen in Regionen, in denen die Wohnungen eher nicht bezahlbar sind. Schuld hat natürlich das Besitzstreben der Männer und vermögenden Immobilienbesitzer, die oft genug identisch sind, bezeichnenderweise auch im Autor dieser Zeilen. Mit Testosteron und Ellenbogen boxt sich unsereins an die Spitze der Einkommenspyramide, während andere dankbar sein müssen, überhaupt auf einem Jugendportal eine Videokolumne zu Sexpraktiken anbieten zu dürfen. Und als Vermieter partizipieren wir ohne viel Arbeit von den kargen Löhnen anderer Leute, und verfestigen somit die Strukturen des Patriarchats. Und warum?

Weil man, das darf ich hier offen sagen, ebenfalls einer Diskriminierung unterliegt: Der Diskriminierung bei der Wahl des Geschlechtspartners. Frauen, das zeigen Studien immer wieder, sind bei der Partnerwahl aus nachvollziehbaren Gründen auf der Suche nach Männern, die die materiellen Probleme klein halten. Mag in Berlin noch der mexikanische Musiker und der griechische Webdesigner eine angemessene Wahl für ein paar Nächte sein, spielen bei der langfristigen Planung andere Aspekte eine grosse Rolle. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass die Liebe eher dorthin fällt, wo man keinen Kredit für ein Haus aufnehmen muss, und kein Zwang besteht, etwaige Kinder in einem sozial benachteiligenden Opel zur Schule zu bringen. Frauen orientieren sich tendenziell nach oben, was Männer unter konstanten Druck setzt, ökonomisch attraktiv zu sein und zu bleiben.

Das hat Folgen in der Arbeitswelt, es macht Männer zu aggressiven Kämpfern, die zeigen müssen, was in ihnen steckt. Sie konkurrieren und drücken durchaus die ein oder andere Frau weg, die nicht ihre eigene ist. Sie müssen das Maximum aus Gehaltsverhandlungen heraus holen, sie müssen auf der Karriereleiter nach oben oder, wenn das nicht geht, Nachtschichten fahren, sich nach Afghanistan versetzen lassen, und Chancen für mehr Geld rücksichtslos nutzen. Männer sind da zwischen dem Druck der Arbeit und dem Druck der Familie. Das sage nicht nur ich, sondern auch Feministinnen, die den Mann als gesellschaftliches Problem entdeckt haben, und ihn gern an die Gegebenheiten des gleichgestellten Daseins aller Geschlechter, aller Rassen und Benachteiligten anpassen würden. Der Mann soll sich mal entspannen, sich mehr um die Kinder kümmern, daheim sein und den Müll runtertragen, Alte pflegen und seinen gerechten Teil leisten. Er muss begreifen, dass auch seine Arbeit eine Form von Zwang ist, dem er unterliegt – dann vergeht es ihm seine brutale Ader, und er wird fürsorglich, lieb und aufmerksam.

Ein gesellschaftlicher Wandel muss also her: Wenn Männer mehr daheim tun, tun sie weniger in der Arbeit, und Frauen können dort leichter aufsteigen. So ist, vereinfacht gesagt, die Zielsetzung, zu der sonst nur jene heilbringenden Quoten führen, denen wir schon die Spitzenkandidatur von Katrin Göring-Eckardt verdanken. Es ist offensichtlich, dass im Zentrum solcher Bemühungen Männer wie ich stehen, die ihrem Beruf mit einem gewissen Furor und ihrer Bereicherung mit Freude an der Benachteiligung anderer nachgehen: Es gibt nun mal nicht unbegrenzt Platz am Tegernsee, und wenn ich dort bleiben will, dürfen andere nicht kommen. Klagt eine frisch gebackene Mutter mit feministischen Neigungen in Berlin über den Mietmarkt und die Kitas und den doch unerwartet unzivilisierten Mann, ist für mich die Welt in Ordnung – wieder sehe ich welche, die keine Konkurrenz darstellen werden. Früher, als Privilegien noch als gut empfunden wurden, war das kein Problem. Heute sollte man die Freude über den Zusammenprall egalitärer Ideologie und Realität still empfinden, und obendrein nicht betonen, dass die Dominanz weisser, alter Männer insgesamt richtig ist.

Also, das liegt auch mir natürlich weltenfern. Es ist halt nur so, dass hinter den meisten erfolgreichen Männern eine anschiebende Frau steht, und in ihrer Bugwelle weniger erfolgreiche Frauen beiseite gedrückt werden. Die Vorstellung, die Männer könnten weniger tun und weicher werden, würde bedeuten, dass die Ansprüche der Frauen sinken. Oder umgekehrt: Wenn die Ansprüche der Frauen an Männer sinken, müssten sie auch nicht mehr so erfolgsorientiert sein. Das wäre dann der Beitrag der Männer zum Gelingen des Gesellschaftsumbaus – der Beitrag der Frauen wäre noch einfacher.

Sie müssten sich bei der Partnerwahl nicht mehr nach oben orientieren, lange Partner gegeneinander abwägen, und eine neue Garderobe für das erste Treffen kaufen. Sie sollten einfach dem Partner aus der Oberschicht entsagen und langfristig einen Partner wählen, der von Anfang an nicht die geringsten Ambitionen und auch keinerlei Aussicht auf sozialen Aufstieg hat. Das wäre für eine Generation vielleicht nicht wirtschaftlich lukrativ, würde aber den Reichen und Ambitionierten vor Augen führen, dass die früheren Qualitäten und heutigen Laster einfach nicht mehr gefragt sind. Wer vermögend, leistungsbereit und privilegiert ist, muss erkennen, dass seine Vermehrungschancen ebenso wie die Zahl der verfügbaren Frauen gegen Null gehen. Wir sehen schon Ansätze dazu in der Prantlhausener Zeitung, die Männer zu Problemfällen erklärt – jetzt müssen nur noch die Frauen mitziehen, und ihre Präferenzen für alte Privilegien der Problemfälle aufgeben, und deren Träger sexuell ächten. Jeder Porschefahrer auf der Maximilianstrasse muss sehen, welche attraktiven Frauen sich von weichen, zarten Politologen und Sozialforschern das Babboe-Lastenrad fahren lassen. Genau so einer hätte mich übrigens handynierend vor ein paar Wochen beinahe von meinem teuren Colnago C50 geräumt.

Es ist also möglich! Erfolgreiche weisse Männer haben, wenn sie den Crash mit dem neuen Mann überleben, nur noch zwei Optionen: Entweder sie sterben mangels Partnerinnen aus, oder sie passen sich dem neuen Ideal an. Man muss ihnen nur klar machen, und dass keine sexuelle Handlung wie ein Blick ohne Konsens geht, dass Care Arbeit Männer begehrenswert macht, solange es nicht um Rasenmähen beim Schwiegermonster geht. Man sollte sie in Gemüsegrillkurse stecken und sie auf Laktoseintoleranz erfolgreich prüfen. Und ihnen sagen, dass es völlig in Ordnung ist, nur 900 Netto nach Hause zu bringen, die Frau geht das jetzt an und macht die Karriere – Platz ist schließlich genug da, wenn Männer erst einmal ihre neue Rolle vollumfänglich eingenommen haben.

Ist das Erwerbsleben dann erst einmal mehr weiblich dominiert, können die Frauen zusammen auch etwaige Restexemplare wie mich konzertiert abräumen. Solche Männer sind selbst schuld, wenn sie sich nicht frühzeitig dorthin zur Unterschicht begeben, wo nun das Ideal des begehrten Mannes zu finden ist. Man muss das nur wollen und allgemein propagieren, dann gelingt auch die Transformation. Und jede Frau kann das selbst tun: Einfach dort, wo sie früher bei Tinder schleunigst wegwischte, nun einen Heiratsantrag machen.

Das wird Trägern der überkommenen Männlichkeit eine Lehre sein, solange sie keine italienische Kollegin oder deren Schwester oder der Cousine vom Neffen 3. Grades und deren beste Freundinnen mit ebenso überkommener Weiblichkeit haben! Der Umstand, dass nicht alle Länder Europas so fortgeschritten und zivilisiert wie Deutschland sind, birgt natürlich einige Risiken: Wenn man Männer schon gezielt aus dem Genpool ausschliesst, muss man auch dafür sorgen, dass andere hier keine ökonomischen Vorteile ziehen. Da muss der Staat dem Werke beispringen und in Schule, Vorabendserien und Broschüren staatlich finanzierter Fördervereine noch mehr Volksaufklärung betreiben. Aschenputtel heiratet dann keinen Prinzen mehr, sondern Aschenprinzessin den Puttel mit 22 Semestern Genderstudies, und Schneewittchen darf bei den sieben polyamoren Ökozwergen bleiben, während sich der Prinz im Rosengarten verirrt. Natürlich ist das kein leichter Weg, es wird Hürden und Renitente geben, die dreist behaupten, dass es gut ist, wenn die einen oben bleiben und die anderen nur so lange achtlose Babboe-Rowdies sein können, als ich nicht vom schwarzen Colnago C50 auf den schwarzen Mercedes umsteige. Aber Opfer müssen gebracht werden, und eine Umdeutung des fetten Willi als guten Partner der klugen Biene Maja sollte auch den letzten Knaben in seinem von Papa selbst aus Kissenresten genähten Röckchen überzeugen.

Wenn wir uns einig sind, dass Männer wie ich ein Problem darstellen, und es obendrein geniessen, ein Problem zu sein, weil wir gerne Frauen mit grossen Strohhüten und freiem Bauchnabel benzinverschwenderisch durch die Gegend fahren, muss sich alles ändern. Den Benzinpreis tut mir nicht weh, die Reparaturen tun mir nicht weh, die Kampagnen über neue Männlichkeit lese ist nicht – merken werde ich es erst, wenn niemand mehr neben mir auf dem Alcantaraleder oder auf der Terrasse am Tegernsee sitzen will. Es liegt an den Frauen, Nein zu sagen und die kühle Vernunft dorthin folgen zu lassen, wo das gleichgestellte Herz längst schlagen sollte.

Und angesichts der Vermögensverteilung in Deutschland ist es obendrein wirklich leicht, einen Unterprivilegierten zu finden, und glücklich und chancengleich zu leben.

27. Jun. 2017
von Don Alphonso
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22. Jun. 2017
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Leben und Feinde finden am See

Endless days of summer longer nights of gloom, waiting for the morning light
Genesis, Home by the sea

Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen wollen wissen, wie man reich wird. Die anderen wollen wissen, wie man mit guten Freunden glücklich wird. Und ich bin in der vorteilhaften Situation, beide Fragen umfassend, ehrlich und ohne die an dieser Stelle üblichen Lügen von Ehrbarkeit und Zuneigung beantworten zu können. Technisch gesprochen wird man in Deutschland reich, indem man in eine reiche Familie geboren wird, und das Vermögen später übernimmt. Das ist ganz einfach, das machen viele, es funktioniert, man kann an den Tegernsee ziehen, und man muss noch nicht einmal etwas dafür tun.

Die andere Frage kann ich zumindest von meinem Klassenstandpunkt aus beantworten: Man lebt mit wenigen, wirklich guten Freunden, wenn man sich mit aller Welt zuerst einmal befreundet und dieser aller Welt dann das Versprechen glaubt, sie würde einen als Mensch so nehmen, wie man ist. Wenn man dann exakt so ist, wie man ist, kommen nur die Wenigsten damit wirklich klar, weil unerreichbare Privilegien unverständliches Verhalten zur Folge haben. Es kommt nun mal nicht gut an, Menschen mit regulärer Arbeit auf das schöne Wetter unter der Woche hinzuweisen und sie zu einer Radtour einzuladen. Es ist nämlich laut meiner Recherchen in diesem Bereich so: Gewöhnliche Menschen müssen dafür bei einem Vorgesetzten erst einmal um Urlaub bitten oder blau machen, und werden in aller Regel so einen Vorschlag ablehnen müssen. Wenn man das zu oft macht, mit Reisen, in der Freizeit, beim Konsum, beim Wegwerfen, in kulturellen Fragen und Fragen des Unverständnisses, warum andere nicht so können – dann bleiben halt am Ende nur ein paar wenige Freunde übrig, die gut sind, weil es ihnen genauso ergangen ist, und die keine alternativen Freunde haben. So entstehen dann Westviertel und deren Kinder, die gar nicht wissen, dass manche keinen Garten haben. Leute wie ich eben.

Zum Trost kann man sagen, dass es letztlich Feministinnen, Mönchen, ARD-Mitarbeitern und Stasioffizieren auf deutlich niedrigerem Niveau mit ihren festgefügten Vorstellungen auch nicht anders geht. Der Unterschied – und das nun ist das eigentliche Thema – ist die Fähigkeit in meinen Kreisen, andere nicht nur mit schwerer Arbeit und hässlichen Debatten um politisches Fett und korrekter Einstellung zu vergraulen. Unsereins muss nicht lange unüberwindliche ideologische Differenzen aufzeigen, oder Gruppendenken in kleingeistigen Zirkeln praktizieren. Es ist möglich, andere nachgerade abzusprengen, wenn man einfach nicht aufpasst und den absoluten Kardinalfehler begeht: Eigene Privilegien, die andere dringest begehren, verächtlich zu machen. Etwas besitzen und gar nicht zu wollen, was andere nicht haben und auch nicht haben werden. Ich bin bekanntlich einer von den Sozialsten der Sozialisten, die noch Cem Özdemir öffentlich diskriminieren, wenn er mit dem Pedelec zur Industrielobby fährt, während ich selbst alte Räder rette: Trotzdem bin ich – in meiner Rolle als Reflektiertester der Reflektierten – selbst nicht frei von solcher Schuld der Hybris.

Das, was bei anderen das alte Rad ist, das sie im Hof verrotten lassen, ist bei mir “der See”. Der Verlauf der Donau und der Abbau von Kies haben es so gewollt, dass es in bequemer Nähe auf der richtigen Seite der Donau nur einen einzigen grossen, vorzeigbaren See mit guter Infrastruktur gibt. Der See eben, der eine Kneipanlage, Kioske, Wasserwacht, Minigolf, Tennisplätze, ein Restaurant und viele knallgrüne Wiesen haben, die sich an die braunen Stämmen alter deutscher Sumpfeichen schmiegen. Es mag nicht der schönste See sein, und es fehlt ihm ein Bergpanorama und ein Bootsverleih und eine Jahrhunderte alte Geschichte des Reichtums. Kein Kaiser hat hier gekurt, keine Geschichte wurde geschrieben, nur nebenan, als der See noch ein Altarm des Flusses war, gab es im Schmalkaldischen Krieg einmal eine Kanonade. Es ist ein See bei einer kleinen, dummen und vergessenen Stadt mitten in Bayern, die durch ein paar Zufälle reich wurde und trotzdem in der Nähe der Stadt nur diesen einen See hat.

Deshalb fährt in den Ferien und an den Wochenenden gefühlt die ganze Stadt hierher, wie es deren Grosseltern schon taten, als hier noch Kies abgebaut wurde. Es ist die beste aller möglichen Welten für fast jeden, der die Stadt bewohnt. Man könnte auch Industrieanlagen anschauen, Einkaufszentren und ihre Parkplatzuntergeschosse, petrochemische Industrie und jene Neubaugebiete, in denen Menschen vor ihren ökologisch sinnvollen und brandtechnisch riskanten Isolierschaumstoffen Angst haben. Aber in aller Regel einigen sich die meisten doch darauf, dass sie, egal zu welcher Jahreszeit, den See besuchen. Auf die meisten macht der Anblick von Wasser irgendwie einen beruhigenden Eindruck, obwohl man darin ertrinken kann, weil der Mensch ein Landlebewesen ist. Es gibt allerdings auch Ausnahmen von der Regel der hierher Fahrenden: Jene, die nicht zum See fahren, weil sie nämlich dort wohnen. Und dort, wo sie wiederum wohnen, werden Kinder wie ich aufgezogen, die den See mit Apathie und Desinteresse sehen.

Die Stadt ist noch nicht lange reich und die Reichen wohnen noch nicht lange beim See: Wir sind die erste Kindergeneration vom See. Wir waren da früher schon mal vor der Schule schwimmen, während andere in Bussen über die Dörfer herangekarrt wurden. Wir kannten die besten Plätze, wir waren als erste da und wir hatten die grössten Handtücher, Surfbretter und Taucherflossen, um die Claims möglichst umfassend zu gestalten. Es war uns durchaus bewusst, dass es mehr Prestige bedeutet, hierher laufen und die besten Plätze besetzen zu können, als einen weissen Porsche 924 zu benutzen und zu spät zu kommen. Aber an all das gewöhnt man sich schnell, man kennt irgendwann alle Bahnen der Minigolfanlage, man wird älter und ist dann doch ganz froh, wenn man zum Studieren nach München gehen kann.

Für die Eltern, die bewusst hierher gezogen sind, die hier Grundstücke bekamen und ihr Selbstverständnis in Villen und Gärten ausdrückten, in Bungalows, Doppelgaragen und Wohnflächen jenseits von 200m², mit Klavierzimmern und Tischtenniskellern und eigenen Bädern für die Kinder, war der See das Ziel. Es muss auch heute noch so sein, denn die Grundstückspreise sind hier enorm hoch, wenn einmal ein Platz frei wird. Aber die erste Generation, die hier geboren oder aufgewachsen ist – sie nimmt den See, wenn überhaupt, als Wasserfläche im Wald hinter den Häusern zur Kenntnis. Der See ist für mich etwas Abwechslung, wenn ich mit dem Geländerad durch die Auwälder fahre. Im Winter will ich keinen Platten weit draußen vor der Stadt riskieren. Dann fahre ich die Wege um den See ab. Ich treffe dort nie Freunde aus meiner Jugend. Viele sind weg. Und wer noch da ist, geht trotzdem nicht an den See. Wir treffen uns auf dem Wochenmarkt und im Konzertverein, aber nicht am See. Und ich schaffe es selbst nicht zu verstehen, wieso man diesen See und unsere alte Wiese so romantisch findet, dass man dort Zelte aufbauen und Hochzeit feiern muss.

An dieser Stelle hat die K. ganz unromantisch an der Zigarette gezogen und dann hinterhältig dem nicht rauchenden J. einen ausatmenden Zungenkuss gegeben, an dem er fast erstickt wäre. Wir haben hier mitleidlos hässliche Bremsen erschlagen. Heute muss ich dauernd aufpassen, keine Hochzeitsphotographen. Brautpaare, Kinderwagengeschwader und Joggergruppen umzunieten. Es ist viel los am See. Jeder will hier sein und auf einem Steg in den Sonnenuntergang schauen, der sich im Wasser spiegelt. An den Grillstellen bereiten sich muslimisch Familien auf das Fastenbrechen vor, indem sie drei Stunden vor Sonnenuntergang schon das Essen und Trinken üben. Studentinnen werfen sich Bälle beim Beach Volleyball zu und radeln dann in die engen, stickigen Wohnheime, und wünschen sich vielleicht, auch einmal so eine Villa beim See zu haben, wie jene, die ihren Weg säumen. Für mich ist es der See. Er ist halt da.

Ich bin nicht gefühlskalt. Ich verehre den Umstand, dass es fliessendes Wasser gibt, und eine Polizei, die bei uns nach einer Minute da ist. Es gibt viele Privilegien, die ich als essentiell für mein privates Wohlbefinden erachte, und die mich fraglos geformt haben. Aber in der Frage, die hier über Prestige und sozialen Status entscheidet, bin ich seltsam apathisch. Die K. war eine schöne Frau, aber der See war ohne sie eher langweilig. Wenn man mich nun fragt, warum ich im alten Haus in der Stadt wohne, und nicht draußen am See, wo es genug Platz gäbe, schütze ich, schlau durch Schaden, den Heuschnupfen vor, und tatsächlich sind all die Gärten für mich eine Qual. Aber wenn ich ehrlich bin, kann ich mich einfach nicht dazu durchringen, das Besondere, das Privileg zu sehen, und darin mehr als das Gewässer im Wald hinter den Häusern zu erkennen. Das macht angesichts der auseinander brechenden Gesellschaft der Stadt, die auch gut verdienende Manager in kleine Hütten in den Dörfern zwingt und manche sogar über der Donau wohnen müssen, also auf der Seite, wo man nicht wohnt, keinen guten Eindruck. Das wirkt angesichts der Gegebenheiten arrogant und abgehoben, selbst wenn die K., der J., der O. und die S. es auch nicht anders halten. Und vielleicht ihre Eltern besuchen. Aber nicht den See.

Man sollte das nicht tun. Man sollte auch nicht die Augen verdrehen und “ausgeben” sagen, wenn man gefragt wird, wie man die ersparten 20.000 Euro anlegen soll. Man sollte nicht das Silberbesteck von Tante Gerti am Montag auflegen und sagen, das bessere Silber käme erst Dienstag. Man sollte die Namen der Rosen kennen, die im Garten stehen, und nicht sagen, das sei irgendso eine Rose, die hier halt steht. Man sollte über Privilegien nur reden, wenn man angesprochen wird, und dann mit Bewusstsein und Hochachtung. Man sollte nie noch mehr fordern, wenn man oben ist, egal wie viel jene fordern, die weiter unten sind, und sich hier über fehlende Gendersternchen aufregen, während Islamisten auf den Philippinen Frauen massakrieren. Es gibt einen schmalen Grat zwischen Privilegierung und dem richtigen Umgang mit Privilegien, mit viel Decorum und einer gewissen Einsicht in die prinzipielle Ungerechtigkeit des Daseins, der es erlaubt, darauf mit anderen eine gewisse Strecke des Weges zu wandeln. Allerdings hilft oft auch grösstes Decorum nichts, und dann geht es gründlich schief, und man fragt sich, warum man so dumm war, sich für a soichane Hodalumpn zum Polante z’mocha solche Leute auch noch zu bemühen.

Trotzdem klatsche ich jedes Mal frenetisch mit, wenn am See ein Brautpaar gefeiert wird, und lasse die türkischen Kinder mitkommen, wenn sie unbedingt mit mir Rennen fahren wollen. Der See gehört allen, und es ist schön, wenn sie damit mehr verbinden, als ich es je tun könnte. Mein Desinteresse hebe ich mir meistens für die Gelegenheiten auf, zu denen man dergleichen zum Signalisieren der richtigen Standesdünkel und zum Erwählen der für alle Stürme des Lebens angemessen indolenten Partnerin benötigt. Ansonsten meine ich es nicht so, auch wenn es mir immer wieder passiert. Es rutscht mir halt manchmal so raus.

22. Jun. 2017
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17. Jun. 2017
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Katholenfreude, Ketzerpech und Heidenprofit

Sehet die Atheisten auf den Feldern. Sie fahren nicht nach Altötting, sie folgen nicht dem Luther und halten keinen Ramadan, und der Biergarten ernährt sie trotzdem

Es gibt ein einfaches und probates Mittel gegen den Feiertagsneid, der alljährlich Deutschland entlang der konfessionellen Konfliktlinien zwischen Katholischen und Ketzern lutheranischer Prägung spaltet: Das mit Brückentag stets günstig gelegene Fest Fronleichnam fällt einem gar nicht mehr sonderlich auf, wenn das Leben in Wohlstand Arbeit nur aus Erzählungen anderer Leute kennt. Da ist es völlig egal, ob etwas zu feiern ist, oder nicht: Das Leben ist immer gleich festlich und eine erbauliche Angelegenheit, auch ganz ohne Bezug auf Glauben, oder wie in meinem Falle, zum aufgeklärten Atheismus. Allerdings glaube ich auch: Etwa, dass Teller stets voll und die Aussicht schön sein sollten.

Aber nicht allen steht diese einfache und vorteilhafte Lösung des Konflikts zur Verfügung, und wenn ich also an Fronleichnam ähnlich sorglos in den Tag hinein radle, wie ich es immer tue, schallt mir aus dem Netz Missgunst für meine Bilder entgegen: Andere, die im lutheranischen Teil Deutschlands leben, unterstellen mir, dass ich sie mit meinen Bildern beleidigen und quälen will: Die einen sitzen demnach im Biergarten mit Aussicht auf die Landschaft und die anderen im klimatisierten Büro mit Aussicht auf den Feierabendverkehr in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das finden sie nicht gerecht, aber was soll ich sagen: Gerechtigkeit ist ein Thema der SPD, und man schaue sie sich doch mal an, wie weit man damit kommt – nicht weiter als bis zu einer nicht funktionierenden Mietpreisbremse, Möbeln von Westwing und, ich bin gerade guter Dinge und mein Leben ist schön, gnädigerweise vielleicht 18%, also ungefähr beim Fettgehalt auf diesem Bild.

Dass Lutheraner keinen Feiertag haben, liegt ursächlich an der Person, deren Thesenanschlag in Wittenberg momentan gefeiert wird: Luther hatte nicht nur etwas gegen den Ablass, sondern auch gegen den Papst, die Juden, die Heiligenverehrung und den katholischen Glauben an Wunder. So ein Wunder einer blutenden Hostie liegt dem Fronleichnamsfest zugrunde, und man kann Luther wirklich viel vorwerfen – aber nicht, dass er seinen Anhängern nicht überdeutlich gesagt hat, dass es am zweiten Donnerstag nach Pfingsten mit ihm und seiner Lehre keinerlei freien Tag geben würde: “Ich bin keinem Fest mehr feind … als diesem. Denn es ist das allerschändlichste Fest. An keinem Fest wird Gott und sein Christus mehr gelästert, denn an diesem Tage und sonderlich mit der Prozession. Denn da tut man alle Schmach dem heiligen Sakrament, dass man’s nur zum Schauspiel umträgt und eitel Abgötterei damit treibet.“Dieses Schauspiel, das auch die Aufklärung abschaffen wollte, erfreut sich in Zeiten globaler Unsicherheit in meiner Heimat langsam wieder steigender Beliebtheit. Fernen Städtern mag es wie ein anachronistisches Ritual erscheinen, mit einer Monstranz betend durch die Strassen zu ziehen, und darüber einen Himmel aus Stoff zu halten, den zu tragen Privileg der besseren Kreise ist. In den Städten muss man schon warten, bis sie vorbei sind, um zum Radeln zu gehen, aber draußen, auf dem Land, wird das wiederentdeckte Brauchtum noch deutlicher: Dort werden nicht nur seitens der Gemeinden und der Kirche Fahnen aufgehängt, damit jeder sieht, wie wichtig dieses Hochfest für Thron  Bürgermeisterstuhl und Altar sind.

Da kommt es auch zur Einrichtung von öffentlich sichtbaren Altären, mit Bankerl zum Hinknien, mit Heiligenbildern, mit Birkenzweigen und Blumen und Kerzen und Statuen und vielem anderen, das Luther zutiefst suspekt wäre. Aber es ist wie es ist, wir leben nicht mehr in der Zeit der Glaubenskriege, auch bei uns werden Lutheraner aufgenommen, und erwerben hier Grund und Boden. Wenn der Wanninger links und der Gruber rechts ihren Haussegen nach draußen stellen und dazu einen Blumenteppich legen, stellt die kleine Lea-Sophie ihren Eltern die Frage, warum Annamirl und d‘Theres so einen Blumenteppich bekommen, und sie nicht.

Sie will das auch. Und was man so hört, passen sich dann manche eben der umgebenden Kultur an, und so kommt das dann, dass vor allen Häusern zumindest Schmuck auf Blumen zu finden ist, und auch der Lutheraner als ein solcher dafür einen Segen bekommt, der den guten katholischen Willen 500 Jahre nach dem Thesenanschlag anerkennt. Dafür, das muss man aber auch sagen, arbeiten die Söhne und Töchter der Bayern in Berlins Projekten des erhofften Mammons, und so gleicht sich das eben heilsgeschichtlich wieder aus.

Nun ließe sich trefflich darüber reden, wie die Identität in der Heimat von allen gleich gesucht wird, und sich an solche Rituale klammert, an die Freiwillige Feuerwehr, an die Blüten, die verstreut werden, an das gemeinsame Essen der Bratwürste und die Gelegenheit, hier, fern der Berge, Lederhose und Dirndl zu tragen. Es gibt gute Grunde, das zu feiern, und obendrein bezahlt der Arbeitgeber, das Wetter ist prächtig, und es ist nachvollziehbar, warum die Städte der Protestanten da neidisch sind. Die eigentlich interessante Frage ist aber eine andere: Warum sind die Protestanten einem der Kirche entlaufenen Augustinerchorherrn gefolgt, der ihnen klar sagte, dass er so einen Feiertag nicht will? Wieso entschieden sich die Vorfahren der jetzt Maulenden bewusst gegen diesen freien Tag?

Nun, weil sie die kurzfristige Rechnung ohne den langfristigen Sozialstaat gemacht haben. Zu Luthers Zeiten gab es Dutzende von Feiertagen, manche gesamtkirchlich, manche lokal, an denen die Arbeit zu ruhen und der Mensch in der Kirche zu erscheinen hatte. Legion waren zu Luthers Zeiten die Legenden, in denen Arbeitende, Jagende und Sündigende an diesem Tag vom Blitz erschlagen und vom Teufel geholt wurden. Die schnöde, ökonomische Beurteilung des Feiertags gab es schon damals: Für Bauern, die zumeist leibeigen waren, war so ein Feiertag ein freier Tag, an dem keine Arbeit verrichtet werden musste. Es war ein Tag, an dem die Kirche Musik, Schauspiel und Mysterien bot, ein danach ein Tag des Essens, Tanzens und Beisammenseins. Die Landbevölkerung, die heute noch die Häuser schmückt, profitierte von den Gelegenheiten, zu denen die Kirche der weltlichen Herrschaft Grenzen setzte. Daher sind Feiertage im Mittelalter auch so beliebt.

Das änderte sich in der beginnenden Neuzeit in den aufstrebenden Städten. Dort gab es keine Leibeigenschaft, sondern frühkapitalistische Verhältnisse und Arbeitsteilung und Bezahlung für Arbeit. Feiertage hielten Städter von der bezahlten Arbeit ab. Feiertage erzwangen Unterbrechungen bei Handel und Gewerbe, Feiertage kamen mit der Produktivität in Konflikt, und obendrein waren Feiertage in den Städten mit ihren Bettelmönchen und Orden teuer: Zu den Feiertagen hatte man in den Städten nicht nur zu beten, sondern auch für das Seelenheil zu zahlen. Wenn Luther in der damals aufstrebenden Handelsstadt Wittenberg gegen den Ablass wetterte, sprach er sich indirekt für mehr Geld im heimischen Wirtschaftskreislauf aus. Und wenn Luther Heiligenglauben und Feiertage abschaffen wollte, ermöglichte er einheitliche Bedingungen für Produktion und Erwerb von Vermögen.

Man redet bei der Reformation oft über Landesherren, die sich am Gut der Klöster bereicherten – und übersieht dabei die ökonomischen Interessen der Städter beim Zurückdrängen der kirchlichen Verpflichtungen. Die Bauern liefen entweder gleich zu den Radikalen über, die die Leibeigenschaft beenden wollten, oder blieben dem alten Glauben treu. Die Handelsherren, die Silberknappen, die Wollweber und Brauer, die Steinmetze und Fuhrleute dagegen schlossen sich in Scharen Luther an, der die Befreiung von lästiger Glaubensbürokratie versprach. Die Katholiken radikalisierten sich, indem sie bis zum Rokoko immer mehr Prunk und Pomp um ihre Feste und Kirchen errichteten, und die Protestanten räumten die Kirche leer und erklärten wirtschaftlichen Erfolg als Beweis der Zuneigung Gottes für ihr geschäftstüchtiges Treiben. Die einen feierten, die anderen sparten. Evangelische Länder begannen mit der Industrialisierung, katholische Länder blieben oft agrarisch strukturiert.

Es konnte ja kein Papst und kein Luther wissen, dass man ernsthaft anfangen könnte, Schweinehirten und Arbeitnehmern Rechte zu geben, Menschen als gleich vor dem Gesetz zu betrachten, und sie auch noch mitreden zu lassen, indem sie vielleicht nicht die öffentlich-rechtlichen Medien, aber so doch gewisse Parteien wählen konnten, die auf diese althergebrachte Trennung zwischen den Religionen das Prinzip des bezahlten, gesetzlichen Feiertag für alle oben drauf setzten. Es war ein Kardinaltugendfehler, es obendrein den Bundesländern zu überlassen, sich für ihre eigenen Menschen einzusetzen. In Bayern gibt es nun mal eine CSU, die von diesem Mittel der Beschenkung und Bekirchlichung des Landes grosszügigsten Gebrauch zur Verankerung ihrer Herrschaft machte. und das ebenso dreist wie unwidersprochen als Akt der Arbeitnehmerrechte und Besinnung darstellt. Von Luthers Opportunismus lernen heisst nun mal siegen lernen, und wie man an den evangelischen Blumenteppichen sieht: Wenn der Feiertag nur fremdfinanziert wird, ist auch der Abgefallene des Jahres 1517 bereit, 2017 vom katholischen Landfrauenbund das Legen eines Kelchs mit Hostie wieder zu erlernen. Ausserdem schaut es so schön aus und Lea-Sophie durfte informell auch Blumen vor dem Pfarrer verstreuen. So adrett, pardon, fesch war sie im Dirndl. Und Bratwurschtl haben keine Religion, nur die Regierungen in Bundesländern, die mehrheitlich lutheranisch sind, die schon und die arbeiten, bei der Hitze gestern auch wie so eine Art Bratwust im Büro.

Bitte, schauen Sie mich nicht so an, ich bin religiöser Nichtkombattant und außerdem eh kein Freund geregelter Arbeit, ich radle nur über Wiesen und Felder und mache mir Gedanken zu dem, was ich so sehe. Ich finde es besser, wenn Lea-Sophie Blumen verstreut, als dass sie zwangskatholisch gemacht wird, wie das früher üblich war, und ich mag die angenehme Stimmung im Biergarten, wenn alle gut gelaunt beisammen sitzen und sich zuprosten und plaudern.

Am Freitag ist hier eh fast alles zu, die Kinder haben noch Schulferien, da radelt man mit ihnen über das Land und freut sich des Lebens, wie so ein mittelalterlicher Leibeigener, der gerade zwischen Saat und Ernte ein wenig Zeit für sich selbst hat. Es ist eh viel zu heiß für Arbeit.

Wie giftig und z‘wider jene werden, die im Norden in ihren Büros sitzen, bei der Hitze, die nicht weit weg von den Höllenqualen ist, sieht man ja im Internet. Das Arbeiten tut dem Menschen nicht gut.

 

17. Jun. 2017
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Heiko Maas und das multiple soziale Organversagen der SPD

Schni-, Schna-, Schnorri.
Beliebtes Kinderlied der Berliner Republik

Also, das wissen Sie selbst, das ist ja bei Ihnen auch nicht anders: Wenn man ein einziges Mal über die Stränge schlägt, erfährt es wirklich jeder. Es reicht, wenn der eigene Sohn mit 14 eine Enduro zusammen mit zwei Freunden kauft, sie ohne Zulassung und Führerschein im Straßenverkehr bewegt, am Stadttor dann der Polizei auffällt und vergeblich versucht, ihr mit einer Slalomfahrt in der Fußgängerzone zu entkommen: Das erfährt dann die ganze Stadt, auch wenn es nur eine winzige Mitteilung der örtlichen Polizei war, die berücksichtigt, dass die betroffenen Väter zur angesehenen Ohd Voläh gehören. Die Väter hoffen, dass die kleine Meldung untergeht, aber erstens haben es alle gesehen, weil gerade an dem Tag alle in der Fußgängerzone waren und zweitens haben alle es allen anderen erzählt, die nicht dort waren. Und so hängt die Geschichte den Söhnen, die heute auch alle zur Ohd Voläh gehören, immer noch nach.

Alle drei sind sie Bereichen gelandet, die sich der Kunde nicht unbedingt heraussuchen kann: Der eine etwa operiert verkehrsbedingte Notfälle im Krankenhaus, die oft genauso dumm sind, wie er früher war. Das ist der Unterschied zum deutschen Justizminister Heiko Maas, der sich nicht nur mit dem UN Hochkommissiariat für Menschenrechte herumschlagen muss, die sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz massiv kritisiert, sondern auch mit Leuten, die für ihn und seine Partei aus freien Stücken stimmen sollen. Heiko Maas ist für Bürgerrechtler so etwas wie die mitgebratene Maus im panierten Schnitzel der SPD – er ist eine Belastung, die man mitwählen würde, so man sich für einen Platz im Schulzzug mit all seinen freundlichen Versprechungen von Umverteilung und Staatsbereicherung durch Steuern entschiede. Es soll Leute geben, die der SPD zutrauen, das Land gerechter zu machen, und manchen, da habe ich keinen Zweifel, ist es egal, ob die SPD dann ein Zensurgesetz macht. So ist der Mensch. Es war auch in der DDR vielen recht, dass die SED und die Blockparteien den mittelprächtigen Wohlstand mit Mauer, Stasi und inoffiziellen Mitarbeitern vom Schlag einer Anetta Kahane sicherten, die nun auch wieder bei der Zensur mitwirkt, obwohl deren Stiftung ganz erstaunliche Finanzen mit kapitalistischen Wertpapieren aufweist.

Aber um diese Bereicherung soll es hier gar nicht gehen, sondern um die Wohnungsbelieferung der Schauspielerin und Partnerin von Heiko Maas Natalia Wörner – und was das aus klassenspezifischer Sicht bedeutet. Wie die Amokfahrt haben alle natürlich auch mitbekommen, dass Frau Wörner ihre Wohnung mit Möbeln des Versenders Westwing hat einrichten lassen. Westwing ist eine Gründung aus dem Portfolio der Samwerfirma Rocket Internet, die bislang noch nicht als besonders sozial in Erscheinung getreten ist, hier aber zugunsten der Schauspielkunst den Hoflieferanten machte. Zum Dank durfte Westwing eine Photostory im Berliner Altbau – wer hätte so etwas außer anständigen Leuten in Bayern nicht gerne? – der Zensurministerpartnerin machen. Die Geschichte wurde zwar von Westwing wieder gelöscht, aber das Internet vergisst die begleitende Bunte-Story nicht. man mag sich die Telefonate zwischen Maas, seiner Partnerin und der seinen Namen verwendenden Firma selbst ausmalen, die zu dieser Löschung führten. Da war es aber schon zu spät. Und eigentlich hätte Maas spätestens bei diesem Fehlgriff zurück treten müssen.

Denn vom einzig richtigen Klassenstandpunkt – dem, auf dem ich und mein Umfeld stehen – ist Maas untragbar. Uns wurde zwar im April 2016 mitgeteilt, dass Maas und Wörner nun ein Paar sind, das sich zum ersten Mal zusammen beim Konzert im jüdischen Museum zeigte, was vermutlich die besondere moralische Qualität der Personen unterstreichen sollte. Aber das ändert nichts am Umstand, dass Maas wie so ein Tapetenhändler in der kleinen, dummen Stadt an der Donau seine Frau hat sitzen lassen, um mit einer Schauspielerin ein gschlampertes Verhältnis einzugehen, wie das vornehme “Liaison” auf Bayerisch heisst. Maas und Wörner gaben der Bild auch brav ein Doppelinterview im November 2015, in dem sie ihre Freundschaft betonten – was man halt so macht, wenn man sich der Geneigtheit skandalöser Presse versichern will. Die Bild mag das für die Massen schön schreiben, aber bei uns an der Spitze der Gesellschaft geht das gar nicht. Da gilt das Sitzenlassen von Frau und Kindern, egal wie man das umschreibt, als Zeichen für einen eklatanten moralischen Mangel. Wer schon seine Frau mit einer Schauspielerin betrügt, würde auch kaum anders mit Wählern umgehen. Das tut man nicht.

Die fraglichen Möbel nun passen perfekt zu dem Bild, das man schon hat. Eine Schauspielerin, deren Partner zu den Grossverdienern unter den Politikern auf Steuerzahlerkosten gehört, lässt sich offensichtlich in Möbeln ablichten, die ein Versender geliefert hat, und haucht zu Protokoll, jede Wohnung habe so ihre kleinen Geheimnisse. Wie etwa die genaueren Details der Entlohnung dieser Home Story, möchte man anfügen, und betonen, dass so vielleicht die Partnerin des Zensurministers lebt, handelt und für Werbezwecke offen ist. Aber niemand, den wir kennen würden und auch niemand, den jemand kennen wollen würde. Wie tief muss man gesunken sein, wenn man sich seine Möbel nicht mal mehr selbst kaufen kann.

Das gibt es bei uns in schlechten Vierteln zwar auch, aber mit Bezugsscheinen für die Caritas würde keiner angeben. Was sind das nur für Leute, die geschmacklosen Plunder beziehen, der insgesamt billiger ist als ein mittlerer Perserteppich vor 40 Jahren ist, und die sich dann auch noch für eine Werbebroschüre im Internet ablichten lassen? Haben die kein Erbe? Oder ist das einfach nur Raffgier, die den persönlichen Gewinn über die Ehre stellt? Es gibt viele Antworten, alle sind irgendwie hässlich, wie auch die Löschung zeigt. Aber das Ergebnis ist immer gleich: Leute mit solchen Ehrbegriffen sollten im Staat keinerlei Macht besitzen. Die wählt man nicht.

Nun sind die Reichen, die gegen ihre Interessen früher rot gewählt haben, damit die Schwarzen nicht zu stark werden, nicht das entscheidende Klientel für die SPD. Für die SPD sind vor allem die kleinen Leute wichtig, und die Jugend, die für Geschenke an Rentner, die eigenen Apparatschiks ernährende Kampagnen und Banken einmal wird aufkommen müssen. Diese heterogene Gruppe bekommt einen Moment, einen ganz kurzen Moment anstelle der blühenden Landschaften der sozialen Gerechtigkeit eine Welt zu sehen, die sie nie betreten wird: Einen Altbau, in dem man Möbel geliefert bekommt und als Partner der Besitzerin großzügig leben kann, auch wenn die Unterhaltskosten für Frau und Kinder möglicherweise nicht ganz ohne Umfang sind. Es mag Werbung sein, für die sich Frau Wörner da auf dem Stuhl räkelt, aber es ist auch die Realität in diesem Land: Es lebt sich halbwegs auf HartzIV mit den Versprechen der Sozialdemokratie, aber besser lebt es sich, wenn man Partnerschaft mit ihrer Machtbeteiligung und lukrative Verträge mit sogenannten Investorenheuschrecken hat. Frau Wörners Wohnung sieht pfeigrod so aus wie das, was sich das gemeine Volk um 1790 die Lebensumstände der Kokotten und Mätressen des französischen Adels vorgestellt hat, mit einem Hoflieferanten, auf den man in Berlin seitens der SPD-Politik grosse Hoffnungen setzt. Und überhaupt nicht wie Bauhaus oder erschwingliche Sozialwohnungen für die Massen.

Es gibt die einen Aufstocker bei der Arbeitsagentur und die Aufstocker mit Agentur, die das Sachleistungszubrot als branchenüblich verteidigen. Damit ist die Homestory aber nicht mehr sozialdemokratisch im Schulzzug als Lektüre für die Massen tauglich. Es gibt eine Partei, die mit derlei Besserverdienenden der Berliner Republik umgehen kann: Sie heisst FDP, und die sie wählenden Immobilienmakler, Pharmalobbyisten und PR-Agenturenbesitzer wären fraglos nicht betroffen, würden sich ihre Partnerinnen so dem Auge einer begrenzenden Öffentlichkeit, die aber keine Gesellschaft ist, präsentieren. Was im einem sozialen Umfeld ein enormer Fehltritt sein mag, ist einem anderen Umfeld vielleicht angemessen, und niemand würde sich wundern, passierte dergleichen der Partnerin eines FDP-Ministers. Für die SPD ist das nun mal unerfreulich, weil deren Kernwähler bei all den Steuern und Abgaben kaum genug Geld im Jahr ersparen können, um sich etwas zu leisten, das dem Ambiente der Werbebroschüre entspricht. Wer hätte gedacht, dass am Schulzzug solche Salonwagen erster Berliner Klasse für die ministerielle Übernachtung angehängt werden?

Da können die anderen noch so ideenlos versagen, Niederlagen bei der Brennelementesteuer kassieren und Cum Ex Geschäften tatenlos zuschauen: Sie leisten sich immerhin keine solchen Fehler, und schon mit seinem Zensurgesetz ist es Maas gelungen, sogar die AfD wie eine Partei der Meinungsfreiheit aussehen zu lassen. Niemand findet sich, der Heiko Maas einen Rücktritt nahe legen würde – es ist Wahlkampf, da ist man froh, wenn die Partner der Gegner aufzeigen, wie die Realität hinter den Versprechungen aussieht. Ich für meinen Teil habe jedenfalls genug gesehen, ich kenne die Unterschiede zwischen echtem Bürgertum und den freigelassenen Aufsteigern, die sich aus Internetkatalog eine Scheinbürgerlichkeit zusammen bestellen.

Bitte, ich habe nicht prinzipiell etwas gegen Politikerkauf, und Termine mit Heiko Maas hat eine SPD-Agentur auch schon für Geld angeboten. Mein Klassenstandpunkt ist nur der, dass ich meine Klasse nicht von Leuten regiert sehen möchte, die ihre Techtelmechtel der Bild, ihre Wohnungen einer Samwergründung und meine Meinungsfreiheit einer Ex-Stasi-IM anbieten.

(Alle Bilder sind übrigens aus dem Palazzo Ducale der Gonzaga von Mantua)

11. Jun. 2017
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04. Jun. 2017
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Im Klimahinterhof der kleinen, deutschen Trumps

Wer die Habsucht beseitigen will, muss ihre Mutter beseitigen, die Verschwendung.
Cicero

Als guter Deutscher hätte ich mich auch beinahe hingestellt, und hätte etwas Übles zu Trump gesagt, einfach, weil es eine gute Gelegenheit ist, um ausfällig zu werden. In Deutschland sollte man seine Meinung dezent formulieren, wenn ein Afghane wiederkommen und Deutsche umbringen will – es könnte schließlich auch sein, dass er ein ehrlicher Anhänger der hochnobelsten ARD-Kampagne SagsmirinsGesicht ist. Aber wenn es darum geht, Trump den Tod zu wünschen. Das ist – wenn schon nicht in den USA, so doch zumindest in Hamburg – tauglich für das Cover eines Magazins.

Man darf also seinen Minusgefühlen nunmehr öffentlich Raum geben, weil Trump jenes Pariser Abkommen gekündigt hat, das bei seiner Einführung vielen als fauler Kompromiss zugunsten von Obamas Wirtschaftspolitik galt und heute, dank Trumps Absage, zum Rettungsplan für den ganzen Planeten aufgewertet wird. Es ist eine phantastische Gelegenheit, ungestraft jede nur denkbare Hatespeech im Netz zu verbreiten, ohne dass ein Zensurminister Heiko Maas sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz verschärfen würde. Natürlich könnte man sich an der Stelle auch über den fortgesetzten Skandal der deutschen und europäischen Regierungen aufregen, die den Handel mit Verschmutzungszertifikaten auch weiterhin erlauben, oder über die Fangquoten, die weniger Fische in dank Parisabkommen weniger erwärmtem Wasser hinterlassen. Wir haben da übrigens auch einen milliardenteuren Atomskandal in Asse und reissen ein Dorf für Braunkohle ab, aber wenn so ein symbolträchtiger Mann so etwas Symbolträchtiges macht, muss man doch auch mitmachen… keine störende Debatte über die Frage, ob unser Verpacken der Häuser in Dämmstoff sinnvoll ist…

Ich hätte auch gern zur Festigung meines guten ökologischen Rufes mitgemacht, aber mich hat der ganz banale Bedarf nach einem dynamobetriebenen und damit umweltfreundlichen Rücklicht zur Werkstätte meines Vertrauens geführt, die sozial engagiert alte Räder, die andere entsorgen, auf- und verwertet. Ich bin dort natürlich mit dem Rad hingefahren, denn ich fahre gern und viel Rad, und es ist gesund. Ich sehe keinen Anlass, etwas Technisches neu zu kaufen, wenn ich es auch gebraucht bekommen kann: Technisches hat heute die unerfreuliche Eigenschaft, nach zwei, drei neuen Generationen wertlos zu sein. Mit iPhone4 wird man in Schulen gemobt, meine Panasonic G5, mit der ich in Italien gearbeitet habe, gibt es gebraucht zum Preis einer Taschenknipse. Jedenfalls, mir wurde in der Werkstatt gesagt, ich sollte doch mal hinten schauen, ob ich da etwas finde.

“Hinten” ist ein Hinterhof, und da sind gerade Räder frisch angekommen. Zwei Institutionen haben Ernst gemacht und Unbewegtes erst mit Bapperln versehen, die darauf hinweisen, dass Unbenutztes dort nicht sein darf: Eine städtische Tiefgarage und ein Studentenwohnheim wollten das nicht mehr. Die Bapperl klebten an den Rädern, vergilbten, blieben vor Ort, weil offensichtlich noch nicht mal jemand die Räder stehlen wollte, und wurden jedes Jahr um neue Bapperl erweitert. 2014, 2015, 2016 – 2017 machten sie dann ernst, und so sind die Räder jetzt hier gelandet.

Es sind viele, viele Reifen sind platt, aber bei weitem nicht abgefahren: Schaut man genauer hin, erkennt man mehr schlechte Pflege als echten Verschleiss. Es regiert nicht der Tod durch Benutzung, sondern das langsame Wegdämmern in Schmutz, Rost und Vergessen. Es sind Räder dabei, die weder schlecht noch billig waren, und deren Ketten kaum je die Ritzel umschlossen: Gekauft, nicht verwendet, vielleicht dem Sohn zum Studium mitgegeben, keinen Platz mehr im Umzugswagen gefunden, zurückgelassen. Das hier ist nicht einmal mehr die Wegwerfgesellschaft. Es ist die Besitzzurücklassgesellschaft, die sich nicht belasten will.

Die wenigsten Räder sind hier wirklich alt. Die meisten sind in den letzten 20 Jahren entstanden, und das neuere Wundermaterial Aluminium ist dabei, Stahlrahmen im Schrottcontainer weit hinter sich zu lassen. Peugeot, Staiger, Hercules und Heidemann steht nur noch selten auf den Rohren, statt dessen englische Begriffe, die Dynamik und Fortschritt symbolisieren. Es sind Versprechen von leichter Mobilität durch neue Technik, aber die Besitzer haben das nur sehr begrenzt in der Realität versucht. Und so stehen die Räder nun hier und warten darauf, ob sich die Reparatur noch lohnt, oder das Dasein nach wenigen Kilometern in jener Vernichtung endet, die man heute als Recycling bezeichnet.

Wobei man betonen muss, dass die gefahrenen Kilometer nicht alles an Bewegung sind, das so ein Rad erlebt. Bis ein Rad heute bei uns steht, sind die Einzelteile oft schon um die ganze Erde gereist. Eisen und Aluminium kommen beispielsweise aus Australien und Afrika. Guinea etwa spielt bei Bauxit eine grosse Rolle. Dort wird der Rohstoff mit immensem Energieaufwand zu Aluminium verarbeitet, weiter zu den Rohrherstellern wie Alcoa in den USA oder Reynolds in England transportiert, mit neuem Energieaufwand neu legiert und gezogen, von da aus nach China gebracht, wo man daraus Rahmen schweisst, und oft ohne grosse Rücksicht auf die Umwelt lackiert: Hersteller gaben früher offen zu, dass die niedrigeren Umweltstandards ein Kostenvorteil sind. Dazu kommen dann Komponenten aus Japan oder Malaysia, und am Ende wird das alles in riesige Kartonagen verpackt, die wir hier benötigen, damit der Restmüll nach seiner Sortierung auch in den Anlagen ordentlich verbrennt. Fast jeder Transport wird mit jenen Ozeanfrachtern unternommen, die besonders schädlich für das Klima sind.

So ist das heute. Früher kamen deutsche Räder bis zur letzten Schraube aus Regionen wie Nürnberg oder Bielefeld, andere aus  St Etienne oder Leeds, Mailand oder Vicenza, heute dominiert Fernost. Aluminium verbraucht weitaus mehr Ressourcen als Stahl, aber trotzdem kauft der umweltbewusste Deutsche Räder aus Fernost, stellt sie in den Keller und fährt dann, weil der Wechsel der Kette oder die Reparatur eines Schlauchen zu stressig ist, doch lieber mit dem Auto. Für die Umwelt hat man schließlich das Rad gekauft, das ist auch schon etwas.

Es ist mit diesem, sehr speziell deutschen Umweltgedanken genau so, wie Trump das sagt: Er hat eine enorme Reichtums- und Arbeitsplatzumverteilung nach Fernost zur Folge. Und, schlimmer noch, er sorgt für die Zerstörung der Umwelt in Afrika und Asien, und obendrein für eine massive Schädigung des Klimas. Die Emissionen, die die Herstellung dieser Schrotträder auf dem Hinterhof in die Atmosphäre geblasen hat, müssten die Besitzer erst gegen die Vergleichsgrösse Verkehr mit Verbrennung von Öl erstrampeln. Tun sie es nicht, geht das Geld eben sinnlos nach Fernost und zum kleinen Teil nach Afrika. Wo man die halbwegs günstigen Preise für Konsumgüter erwirtschaftet, indem man sich nicht sonderlich um Naturschutz und Arbeitnehmerrechte und Demokratie und all das, was wir wohlfeil gegen Trump zu verteidigen gedenken, scheren muss.

Nach meiner bescheidenen Meinung ist der Hass auf Trump auch dem Umstand geschuldet, dass er offen so rücksichtslos ist, wie es viele seiner Kritiker nach Weglassung der menschlichen Bekenntnisse sind. Studenten, die grünste der grünen Gruppen, lassen die Räder ungenutzt zurück, in dem sie lokal anders denken, als sie lokal handeln. Bei uns packt man zwar die Häuser in Styropor, um Heizkosten zu sparen, aber man kauft sich auch alle paar Jahre eine neue Sitzgarnitur aus China, wenn es für deren Vorgänger wieder eine Abwrackprämie gibt. Man klagt über verdächtige Software bei Audi und war vermutlich länger nicht mehr auf Deutschlands Autobahnen, wo man mit 170 gut mitschwimmen kann und nur alle 30 Sekunden von der linken Spur gescheucht wird, wenn die bei 250 abgeriegelten, tonnenschweren SUVs die kleinen Katrins, Cems, Jürgens und Claudias an Bord haben und ganz dringend nach Hause müssen. Wir wollen das, wir brauchen das, es ist unsere Art des Trumpismus. Fahrradleichen pflastern unseren Weg, wenn wir statt im multikulturellen Marxloh doch lieber Urlaub in der knallschwarzen Bergwelt machen, oder in Berlin Bier trinken, das 700 km weiter südlich am Tegernsee gebraut und mit dem LKW gebracht wurde. Und dann twittern wir auf dem neueste iPhone gegen Trump.

Das passende Rücklicht habe ich nicht gefunden, aber ein nur leicht angerostetes DiamondBack DBAxis aus Stahl von True Temper aus God’s own Country. Es hat kaum benutzte Originalreifen und originale Bremsbeläge und kostete, damals, 1991, immense 2800DM, und wurde laut Bapperl im Münchner Süden gekauft . Das hat in den letzten Jahren jemand draußen vergessen, so unbenutzt verrostet, wie es ist. Man kann nicht alle retten, aber das hier habe ich gerettet – und dann gleich ein wenig geschraubt, so dass inzwischen jede Empörung über Trump und wie der die Welt zugrunde richtet, schon ihren Ausdruck gefunden hat. Ich komme viel zu spät für den Aufschrei. Nebenbei habe ich mir auch überlegt, was das für Leute bei uns sind, und dass statt der Aufplusterei im Netz und in den Medien vielleicht mehr bewirkt wäre, wenn jeder in den Keller ginge, sein Rad aufpumpte, es zu reparieren lernte, und sich fest vornähme, mit gutem Beispiel der eigenen Empörung voran zu radeln.

Vielleicht schüttelt es bei der Gelegenheit auch das Gehirn zurecht, und der ein oder andere erinnert sich daran, dass die heutige Klimavorkämpferin der freien Welt im Kanzleramt noch vor ein paar Monaten TTIP und die Aufweichung vieler Standards zugunsten der amerikanischen Wirtschaft befürwortet hat. Vor einem Jahr titelte noch die Süddeutsche Zeitung “Klimapolitik – Mit TTIP zerstören Merkel und Obama ihr eigenes Werk”. So war das, bevor Trump TTIP scheitern liess. Es scheint, manche historischen Fakten werden im Archiv so vergessen, wie andere ihre Räder in den Garagen vergessen.

04. Jun. 2017
von Don Alphonso
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