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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

24. Jan. 2015
von Don Alphonso
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Vandalisierende Pubertierende und ihre Schandtaten

Mala malus mala mala.

Niemand weiss, ob die tausendjährige Linde von Gasse wirklich tausend Jahre alt ist. Hoch über dem Tegernsee blickt dieser Titan hinab ins Tal, auf das Kommen und Gehen der Menschen, auf Lust und Liebe, Trauer und Schmerz, und wer daran vorbei kommt, wünscht sich vielleicht, im Alter auch so robust und wuchtig in der Landschaft zu stehen, statt krank und schief über das Erdenrund zu kriechen, In seinem Schatten wurde aufgeatmet und geküsst, Hochzeitsphotographen nutzen ihn für ihre Bilder, und so erfüllt es mich mit Schmerz berichten zu müssen, dass dieses Wahrzeichen nunmehr von minderjährigen Schmierfinken geschändet wurde. Ein Opfer missratener Kreaturen ist die Linde geworden, und das, obwohl man hier doch gar nicht so wie in Berlin erzieht.

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Wir sind anders. Niemand hängt hier sein ganzes Dasein in den Nachwuchs hinein, denn wenn der zu anspruchsvoll wird, hätte man ja auch Platz und Geld für Personal. Niemand muss hier bei der Abrichtung der Blagen auf besondere Vorsprünge in der Schule achten – die kommen hier eh alle in das Gymnasium im Schloss Tegernsee und dortselbst das Abitur, und niemand muss nach einer guten Schule suchen. Wir sind da ansonsten ganz ohne Vorurteile: Ob die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt später die Hauptschule abgebrochen hat, oder eine Professur für Gender Studies in Berlin aufweisen kann, ist vollkommen egal, das ist zumindest nach unserer Vorstellung beides gleich weltenfern vom Prestige, das die blosse Existenz und Ausbildung am See mit sich bringt. Insofern muss man die Blagen hier nicht zum Vorschulenglisch bringen – wenn sie nerven, macht man die Tür auf und schickt sie auf Wiesen, in die Berge oder auf das Segelboot. Zum Aggressionsabbau gibt es hier nach Altväter Sitte das Hackl und die Holzscheite, und in allen anderen Belangen gilt das Motto “A Guada hoids aus und um an Schlechdn is ned schod“. Lebensnahes Lernen ist hier typisch und der beste Skikurs, den man haben kann, ist der Schubs oben auf dem Berg – runter kommen sie alle.

So sorglos wurden wir erzogen und so sorglos rutschten wir auch in Beziehungen – die Gefahr, an einen Vollkornconaisseur mit gecheckten Privilegien oder eine arme, gleichwohl bildungsprestigesüchtige Feministin zu geraten, war bei uns im landwirtschaftlich geprägten Bayern, dessen Himmel voll Schweinshaxen und Tagwerk hängt, gleich Null. Die einen nahmen Pille und Kondom, und die anderen trugen die Konsequenzen mannhaft. Ab einem gewissen Besitzniveau laufen Kinder halt einfach so mit, da muss niemand sein Cabrio verkaufen, und was den anderen ihr Oxford, ist den Gscheidn der alte Freund vom Papa. Recht viel weiter nach oben geht eh nicht, und so lebt in allen die Hoffnung, dass auch die Pubertät freundschaftlich und lässig überlebbar ist. Oder wenigstens nicht so schlimm wie dort, wo sich Kinder von überambitionierten Eltern distanzieren und lösen müssen. Hat sich eigentlich schon mal jemand Gedanken gemacht, wie das in den leistungsfetischistischen Aufsteigerhaushalten mit veganer Küche, genderneutralem Spielzeug und Aktionsgruppen zum Erhalt der letzten Kulturfreiräume in Baulücken aussehen wird?

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Niemand hat das gemacht. Also, jetzt ausser uns natürlich, weil, wenn man hier junge Eltern auf den Neureuth trifft, oder in Seeglas, mit dreckigen, durchgeschwitzten und dreimal auf die Goschn gefallenen Kindern, da macht man schon manchmal so seine Witze über das Gegenmodell. Darüber, dass die Töchter der anderen heimlich mit Barbies spielen und später einmal der Mutter ihre Scheckkarten benutzen, um sich statt der nachhaltigen Biofetzen oder entwürdigend bunten Häkelsachen Prada und Alexander Wang zu beschaffen. Gar nicht auszudenken, wenn sie sich erst einmal vom Pfad der geschlechtsneutralen Tugend davonstehlen und sich in devote Hausmädchenrollen träumen, und nur Männer akzeptieren, die ihnen ein angenehmes Leben ohne Arbeit versprechen – nicht so wie ihre hyperaktive Mutter, an deren Seite sie am Samstag nach einer üblen Schulwoche noch vegane Snacks backen musste, weil die Projektgruppe zum Boykott von rosa Spielzeug vorbei kam. Das findet man bei uns lustig, hier werden die Mädchen nämlich samt und sonders im Dirndl eingeschult. Gern auch rosa.

Und ob die Söhne auch so Laddirl wie die konsensualen Väter werden wollen – auch das wagen wir hier zu bezweifeln. Schliesslich bieten Pegida und Salafismus Gegenmodelle, die in den Augen eines Heranwachsenden nicht zwangsweise unattraktiver als die ständige Debatte über die absolute Gleichbehandlung von Tochter und Sohn sein muss. Wir kennen diese Freude an der Subversion, nie war Wackserdorf lustiger als an den Tagen, da einer von uns vom Vater die dicke Cheflimousine ohne sein Wissen borgte – eine S-Klasse hielt damals kein Polizist auf. Vielleicht gehen all die Potsdamer Kinder dann mit dem Hybrid-SUV zu den jeweils angesagten Querfront-Veranstaltungen. Und während Papa noch brav Leserbriefe zu Diversität und Toleranz gegenüber Zuwanderern verfasst, lernt das Kind deren Praxis, sei es nun im Rapgesang oder bei Chemtraildebatten mit Ken FM. Oder sie ziehen gleich nach Bayern und studieren Maschinenbau mit dem Berufswunsch Antipersonenminenkonstrukteur. Eltern glauben immer, es sei schwer, gegen so liebreizende, tolerante und für alle Fragen der Weltpolitik verantwortungsvoll offene Zeitgenossen zu rebellieren, aber da haben sie die Rechnung ohne die zu fördernde Kreativität der Zukunft des Landes gemacht. Mit Fingerfarben fängt das an und bei der Spraydose endet das, sagen wir dann und lachten – bis vorletzte Woche dann auch bei uns das Undenkbare geschah und die Linde von Gasse geschändet wurde:

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Sicher, die Übeltäter haben nicht die Linde direkt beschädigt – hier wirkt der Umstand nach, dass Sprayer im liberalen Bayernland ungefähr so schonend wie Bruno der Bär geschützt werden. Aber so geht es los, Farbe auf Stein und Stein an Baum, und dann fangen sie an, gegen unser lockeres Lebensmodell zu rebellieren. Nicht mehr “Kinder, wenn es halt passiert“ und “Erziehung ist das, was man macht, wenn sie sich selbst kaputt gespielt haben“, sondern wirklich viele süsse Kinderchen. Süss. Keine Hallodris und keine Driedschal, sondern süsse Kinderchen. Am Ende gar ernsthafte Familienplanung. Wo kommt man denn dahin. Als nächstes fordern die vielleicht einen Bausparer? Sorgsame Erziehung nach modernen Methoden und Helikoptereltern, die immer da sind? Rundumbetreuung? Und das alles am Naturheiligtum des Tegernsees – so geht es los mit der Rebellion. Wahrscheinlich sind sie längst auf der Suche nach finanziell angemessenen Partnern, um solche Ideale durchzusetzen, stellen Erziehungsfragen ganz in den Mittelpunkt ihrer Vorstellungswelt und finden es nicht ausreichend, wenn am Ende des Tages die meisten relevanten Knochen heil und die Flecke von den Kuhfladen auswaschbar sind.

Ja, es ist nur ein Stein an der Linde. Aber so fängt das an – bei aller Toleranz, so geht das nicht. In den tiefen des Internets suchen sie vielleicht Worte wie “Elternteilzeit“, “Papa bleibt daheim“, “Autoversicherung SLK VW-Bus“ oder gar “Abschaffung Ehegattensplittings“. Und verdrehen peinlich berührt die Augen, wenn man ihnen Negerküsse anbietet. Ich mein, mich betrifft das nicht, ich bin kinderfrei und alt und hatte in diesem Leben meinen Spass – aber das ist der erste Stein, der hier auf unser komfortables Glashaus der Liberalität geworfen wird. Vielleicht sollte man denen ganz schnell den Mund mit Soja und Leinsamenschleim auswaschen und sie auf ein interkulturelles Trainingscamp schicken, damit sie wissen, wie das wirklich ist, und um somit das Allerschlimmste zu verhindern. Wir alle wollen schliesslich stolz und aufrecht wie die Linde von Gasse sein, und nicht gramgebeugt und heimlich Enkeln von lieben Freunden später in einem keimfreien Akademikerhaushalt eine fetttriefende Schweinshaxe zustecken müssen.

24. Jan. 2015
von Don Alphonso
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20. Jan. 2015
von Don Alphonso
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Alleinerziehende Mütter unter den Rädern der Superreichen

Kein Alkphol ist auch keine Lösung
Die Toten Hosen, Oxfam-Unterstützer

Das Entschuldigen gehört zum guten Ton und kann, wie man das bei uns lernt, gar nicht früh genug anfangen. “Entschuldige meine Liebe, dürfte ich Dich bitten…“, so beginnt gehobene Konversation, mit der vorausgeschickten, verbalen Verbeugung, die keine Erniedrigung ist, sondern ein Zeichen des richtigen Bewusstseins im Umgang mit anderen. Das funktioniert bestens gegenüber Gleichgestellten, die nicht minder Rücksicht auf die Befindlichkeiten nehmen und jede kleinste Inanspruchnahme ebenfalls mit einem angedeuteten Rückzug einleiten. Das ist wie früher der Knicks oder die Verneigung, reine Höflichkeit und hat eigentlich auch wenig zu bedeuten. Man macht das eben so, wenn der andere nicht von allein merkt, dass man gerne noch etwas Tee hätte, die Butter nur unter Verrenkungen zu erhaschen ist, oder das Konzert in vier Stunden beginnt und die Begleitung nun langsam anfangen sollte, sich mit der Kleiderwahl zu beschäftigen.

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Leider wird das Verhalten von jenen, die nicht diesen Kreisen angehören, falsch aufgefasst. Natürlich fangen wir sehr früh an, um Entschuldigung zu bitten, aber das heisst nicht, dass unsereins gewillt ist, auch sehr schnell im Staub zu kriechen und in Kotau-Haltung um Vergebung zu winseln. Genau das aber wird erwartet, wenn etwa von der Unterschicht Privilegien angesprochen werden. Dabei muss es noch nicht einmal um uns selbst gehen, oft wird erwartet, dass sich unsereins distanziert und dieser sozial empörten Unterschicht den Polante macht – kurz, dass wir einerseits zerknirscht zugeben, ebenfalls Vorrechte zu haben, uns dann aber entsetzt abwenden von den gefühlten Unverschämtheiten, die der Unterschicht zugestossen sind. Froh ist man da um eine Ausrede wie etwa im Fall des Freudenhausbetreibers, der einen gekauften Adelstitel führt und jüngst verurteilt wurde – das ist dann keiner von uns, von dem muss man sich nicht absetzen, das war neureich und zeigt, liebe Unterschicht, wie es ausgeht, wenn man sich erhöht, ohne vorher gefragt zu haben. Weiterlesen →

20. Jan. 2015
von Don Alphonso
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18. Jan. 2015
von Don Alphonso
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Die Euroblase platzt und es gibt Torte

Zur siegreichen Beendigung des Krieges soll und kann jeder Deutsche beitragen. Er kann es, wenn er mithilft, die Finanzkraft des Reiches zu stärken.
Aufruf zur Goldablieferung, 5. März 1915

Stellen wir uns vor, ein paar Münchner Immobilienspekulanten – jeder kennt sie, schmierige, unsympathische Typen, die ohne einen Schuss Blut von Mietern keinen Espresso trinken und deren Frauen sehr blond sind, und Porsche Cayenne fahren – hätten sich abgesprochen, die Preise für Wohnraum in der schönen Stadt an der Isar künstlich hoch zu halten. In Unterfranken wird einem der Wohnraum nachgeworfen, in Berlin sind ungepflegte Nudelhipster noch immer nicht nach Leipzig weggentrifiziert worden, und im Ruhrgebiet könnte man auch wieder Wölfe ansiedeln, nur München soll genau so bleiben, wie es ist. Und deshalb kaufen sie jede Wohnung auf, deren Preis nicht ihren Vorstellungen entspricht, verknappen das Angebot und halten somit den Markt künstlich in jener Erhitzung, die momentan tatsächlich allgemein beklagt wird.

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Und dann kommt aber ein Grossinvestor daher und droht, in Münchens Umland grenzenlos billige, billigste Wohnungen in grosser Zahl auf den Markt zu werfen, nachgerade Wohnungen fast zu verschenken. Daraufhin gibt das Konsortium, dem die Sinnlosigkeit seines Treibens klar wird, die Preise wieder frei, und der bislang künstlich gestützte Preis der Immobilien fällt ins Bodenlose. Es gehört wenig Phantasie dazu, sich dann die hämischen Jubelmeldungen der Presse vorzustellen:

DIE IMMOBILIENBLASE IST GEPLATZT – WEISHEIT DER MÄRKTE TRIUMPHIERT

Und darunter würde viel Spott auf all diejenigen ausgegossen werden, die dumm genug waren, bei diesem Spiel mitzumachen und zu glauben, dass das Konsortium auf immer und ewig die hohen Immobilienpreise garantieren würden. Chefvolkswirte würden Gastbeiträge schreiben und sagen, sie hätten das schon immer gesagt und so eine Marktverzerrung sei riskant, die Strafe für die Anleger vollstens berechtigt, während die braven Bankkunden, die ihre Aktienfonds gekauft hätten, nun im Himmel der Glückseligkeit wären. Das würde reissend Absatz finden bei allen, die nicht Immobilien gekauft haben. Denn auf niemandem tritt man erfreuter herum, niemand auf dem Erdenrund ist nun mal verhasster als der langfristige Wohnraumvermieter in guten Lagen, der über Miet- und Preiszuwachs lachen konnte, während die anderen dafür bezahlen mussten. Die Blase ist endlich geplatzt, Gott sei es gedankt. Und es konnte doch wirklich jeder sehen. Darauf eine Torte. Weiterlesen →

18. Jan. 2015
von Don Alphonso
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14. Jan. 2015
von Despina Castiglione
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Bezahlen mit Geld, Körper und Privatsphäre

Ein weiterer Gastbeitrag zu Lust und Liebe von Despina Castiglione:

Dass man Glück nicht kaufen kann, ist nicht nur eine abgedroschene Binsenweisheit, es dürfte sogar eine sein, die sich für viele Menschen in den letzten Tagen durchaus bestätigt hat. Viel hilft eben nicht immer auch viel, und nach dem weihnachtlichen Konsum- und Fressrausch dürfte mittlerweile die Mehrheit wieder einigermaßen ernüchtert und dankbar sein, wieder auf die Arbeit zu dürfen. Hat man für die Lieben im Grunde sogar nur noch mehr oder weniger viel Verachtung übrig, nutzt auch das schönste Geschenk nicht, Sie kennen das bestimmt, vielleicht ist die Erinnerung an den letzten Versuch auch noch ganz frisch.

Ich habe meiner Kundschaft dieses Jahr wieder davon abraten müssen, der Gattin vermeintlich sexy Unterwäsche zum Fest zu schenken, und ich möchte Ihnen auch verraten, warum. Meine Theorie ist nämlich die, dass, wenn ein Herr diese Frage ausgerechnet mir als professioneller Spenderin für sexuelle Freuden stellen muss, das Problem schon etwas tiefer liegen und sich deshalb nicht mit einer Geschenkpackung von Victorias Secret beheben lassen wird, sei sie auch noch so prall gefüllt. Und Gutscheine für Sitzungen beim Paartherapeuten, die ich in so einem Fall schon eher für angezeigt halte, sollen unterm Weihnachtbaum nicht so der Renner sein, habe ich mir sagen lassen.

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Außerdem kennen die wenigsten Männer die wirkliche Größe ihrer Frauen, in beiderlei Hinsicht, und ein Geschenk das kneift, zwickt und den Beschenkten unter Umständen sogar der Lächerlichkeit preisgibt, kann man zwar machen, aber wenn, dann doch bitte mit Absicht. Insgesamt gibt es halt selten was geschenkt. Manche Frauen lassen sich für sexuelle Gefälligkeiten bezahlen, auch teures Essen macht bei übermäßigem Genuss fett, und selbst schöne Unterwäsche für die holde Gattin kostet einen Haufen Geld, selbst wenn sie noch so schlecht sitzt. Es ist ein Elend, dem so leicht nicht zu entfliehen ist, dass jedes Ding seinen Preis zu haben scheint.

Vertrauen Sie mir ruhig, ich weiss, von was ich hier rede, denn ich habe das mit der Unterwäsche, dem Geld und dem Essen natürlich vorab für Sie ausprobiert. Ein wunderschönes Unterkleid, der Traum meiner schlaflosen Nächte, mit abnehmbaren Strumpfhaltern und im Rücken von oben bis unten mit sehr hübschen Hakenverschlüssen ausgestattet, mit abnehmbaren Trägern und an der Brust von hervorragender Passform liegt, ebenso teuer wie unbenutzt in meinem Kleiderschrank und ich bin jedes Mal ein bisschen, um nicht zu sagen –maßlos- frustriert, wenn es mir in die Finger fällt. Weiterlesen →

14. Jan. 2015
von Despina Castiglione
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12. Jan. 2015
von Don Alphonso
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Satiriker in abendländischer Tradition wegsperren

Everybody has a weapon to fight you with to beat you with when you are down
Anne Clark, Our Darkness

Religiöser Extremismus hat viele Gesichter: Manchmal sind es Einzeltäter oder kleine Gruppen wie die Attentäter im Fall von Charlie Hebdo, von denen sich dann die grosse Mehrheit entsetzt abwendet. Aber manchmal sind es auch Staaten wie das angeblich prowestliche Saudi-Arabien, das am Tag, da das Drama in Paris beendet wurde, den Blogger und Aktivisten Raif Badawi auspeitschen liess. Fünfzig Schläge, die ersten von insgesamt tausend, und zehn Jahre Haft hat Badawi im angeblichen Rechtsstaat Saudi-Arabien bekommen, weil er über die Rolle des Islam in der Gesellschaft reden wollte.

oska

Wir empfinden so etwas als mittelalterlich und verbinden das mit den Tagen unserer eigenen schwarzen Epoche, eben, dem sprichwörtlichen finsteren Mittelalter. Aber wie so oft beruht unser Empfinden auf einem Mangel an Bildung, denn auch unser Strafgesetzbuch ziert ein Paragraph zur Gotteslästerung, wenngleich er heute kaum mehr zur Anwendung kommt, und auch niemand mehr ausgepeitscht wird. Öffentliche Körperstrafen kamen bei uns indes erst in der frühen Neuzeit in Mode und hielten sich bis weit ins 19. Jahrhundert. 1900 wurde das Züchtigungsrecht der Herrschaft gegenüber dem Gesinde abgeschafft. Sogar gewaltfreie Erziehung ist bei uns seit 2000 vorgeschrieben. Weil das aber so ist, liebe Leser, könnte man hier einmal die Frage stellen, wann eigentlich bei uns – wir lassen die wirklich finstere Zeit des Nationalsozialismus einmal aussen vor und ignorieren auch die DDR – ein Mensch wegen Lästerung einer Ideologie mittels einer kulturell hochwertigen Satire weggesperrt und ruiniert wurde. Also kein Terror, sondern mit rechtsstaatlichen Mitteln und weitgehender Akzeptanz der Bevölkerung, so wie in Saudi-Arabien.

Im Rokoko vielleicht? Während der späten Aufklärung als Gegenbewegung der Kleikalen? Im Biedermeier, während der Restauration, unter Metternich? Weiterlesen →

12. Jan. 2015
von Don Alphonso
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04. Jan. 2015
von Don Alphonso
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Wie Christen Europas für Profit den Türken hofierten

Etwas zu lesen , bedeutet nicht , dass Du es verstanden hast
Mohammed

Die weithin schönste Hochzeitskirche dieser meiner Heimat gehörte dereinst zu jener Jesuitenkongregation, aus deren palastartigem Gemäuer heraus, umgeben von nackten Frauen und anderen unzüchtigen Gemälden, ich diese Worte an Sie richte – es handelt sich dabei um die berühmte Asamkirche Maria de Victoria, ein Hauptwerk des bayerischen Barock und in seiner rosatortigen Erscheinung ein Vorbild für all die vorzüglichen Konditoren der Region. Hier wird gehochzeitet und gefeiert, hier finden phänomenale Konzerte statt, hier zücken die Touristen die Kamera und natürlich bin ich auch ein wenig stolz, in einem Gebäude zu wohnen, das etwas vom Glanze der bunten Pracht abbekommt. Es ist immer noch eine schöne Kirche, selbst wenn sie einer typischen und eher fragwürdigen Propagandaaktionen des Abendlandes geweiht ist.

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Die Maria de Victoria, die Maria vom Sieg, ist eine spezielle Form der Marienverehrung, die 1572 eingeführt wurde, um das Gedenken an die Seeschlacht von Lepanto wach zu halten. Die Jesuiten, die die Kirche hier erbauen liessen, machten das nicht zufällig: Meine dumme, kleine Heimatstadt war zu jener Zeit nämlich das Zentrum der katholischen Seite im Bürger- und Gotteskrieg gegen die Protestanten, jenes Konflikts also, den wir hier als Gegenreformation bezeichnen, und allhier, wo ich schreibe, starb dann auch der katholische Feldherr und “Schlächter von Magdeburg“ Tilly – aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls, um 1720 baute man diese formal antimuslimische, aber auch protestantenfeindlich gedachte Kirche und stellte eine üppige Monstranz mit Seeschlachterei hinein, was vielleicht nicht unbedingt etwas mit der reinen und menschenliebenden Lehre des Religionsgründers zu tun hat. Aber ich mein, wir leben ja selbst in einer Epoche, in der sich auch manch Hooligan als besorgter Bürger ausgeben kann, da sollte man also mit Interpretationen nachsichtig sein. Das war halt damals so und kritisiert hat das auch niemand, denn alle hier waren katholisch und kritische Juden brauchte man nur, wenn man wegen Hostienfrevels jemand umbringen wollte – die judenfeindliche Wallfahrtskirche zum Thema ist gleich vor der Stadt. So war das hier in dem, was manche besorgte Bürger heute als christlich-jüdisches Abendland bezeichnen. Weiterlesen →

04. Jan. 2015
von Don Alphonso
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31. Dez. 2014
von Don Alphonso
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Halbnackte in Stretchlimousinen und Öl

Bauen, Brauen, Sauen.
Lion Feuchtwanger, Erfolg.

Ich müsste, sage ich meiner Gesellschaft, noch einen Moment in die Bank und eine Kleinigkeit überweisen.

Soso, meint die Gesellschaft und wartet indiskret darauf, dass ich mich dazu näher einlasse. Es könnte ausnahmsweise einmal sein, dass ich eine sinnvolle Transaktion tätige, seien es Aktien oder Verlobungsringe oder Kinderwägen oder mit was auch immer einen die nachwachsende Generation mit ihren konservativen Lebensvorstellungen unter Druck zu setzen beliebt, und das ändert auch bei uns etwas die Erwartungshaltung. Hemmungslose Lust und Egomanie des Singledaseins entsprechen nicht mehr dem Zeitgeschmack, wie auch die fülligen Körper des Barocks, um die es beim Verwendungszweck geht: Ich bezahle nämlich sieben halbnackte Frauen. In Öl auf Leinwand. Aus dem Hochbarock. Ein Händler hatte bei all dem nackten Fleisch nicht verstanden, dass es sich bei dem Motiv um die Auffindung Moses handelt. In jener Epoche hat man diese Szene so verwendet, wie man heute in meinen Kreisen Abendkleider bei Silvesterkonzerten benutzt: Zum genaueren, sozial akzeptablen Studium von Frauenkörpern nämlich. Den kleinen, im Nil schwimmenden Moses sieht man vor lauter praller Haut nicht. Hätte der Händler die Szene entschlüsselt und hätte er bei Google nach dem Motiv gesucht, wäre er vielleicht auf eine Auktion gestossen, bei der das Original aus der Hand eines gewisse Pietro Liberi – ein Spezialist für lüsternes Fleisch in Moral vortäuschender Verpackung – so viel wie eine kleine Wohnung in München gekostet hat, und dann hätte er auch eine entsprechend schlechter gemachte Kopie aus dem Umkreis nicht so wurschtig in der stillen Zeit verramscht.

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Aber so ist es nun mal im finanziellen Bodensatz der besseren Kreise: Relative Armut kann, gepaart mit etwas Sachkenntnis, auch den ein oder anderen Zahnarzt übertreffen. Entsprechend bedenkenlos gehe ich zum Überweisungsautomaten, an dem schon eine leere Wodkaflasche von den weiteren Freuden des Abends bei anderen Menschen kündet. Ich will das hier auf keinen Fall verurteilen, ich bin auch noch ganz betrunken vom schweren Parfum der Begleiterin, und dagegen, auf den Liter berechnet und verglichen, ist Wodka spottbillig und macht vermutlich auch nicht weniger süchtig. Wodka spricht andere Sinne an, aber das macht er fraglos gut und funkelt für die Konsumenten nicht weniger verführerisch als der alte Diamant auf recht anregender Haut, und jene, die ihn konsumierten, werden sicher auch heute Nacht ihr Vergnügen finden. Weiterlesen →

31. Dez. 2014
von Don Alphonso
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26. Dez. 2014
von Don Alphonso
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Zweitfrau-Präsente, Zuhälter-Geldanlagen und andere populäre Irrtümer über Reiche

Monogamie ist auch schlecht für die Beurteilung des Marktwerts.

Weil, es ist doch so: Monogame Paare sitzen jahrelang zusammen, verbreiten diese spezielle „Komm uns nicht zu nah“-Stimmung gegenüber jedem, der sich Sache flexibler betrachtet, und sagen sich ständig, dass sie den Wert auf dem freien Markt gar nicht kennen müssen. Sie haben doch das Wertvollste, sich selbst. Und wenn es dann auseinander geht, werden Double- und Triple-Dates gemacht, so dass an einem Abend an zwei oder drei unterschiedlichen Stellen eruiert werden kann, wie denn nun Personen des präferierten Geschlechts auf die neuen Chancen und Möglichkeiten reagieren. Das weit ausgeschnittene Top hatte ich jedenfalls noch nie an der C. gesehen, als ich sie in Nymphenburg abholte, und auch sonst gab sie sich alle Mühe, nicht wie eine geknickte Ex zu wirken, die gerade nach vier Jahren die grosse, nicht ganz ewige Liebe verloren hatte. Sie wirkte mehr wie eine junge höhere Tochter, die etwas erleben wollte. Das Erleben sollte bei den späteren Dates im Glockenbachviertel eine alkoholische Komponente bekommen, und deshalb gab es bei mir die italienische Fundamentierung.

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Und zwar an der Kreuzung zwischen Erhard- und Fraunhoferstrasse beim beliebten Italiener , der sich in einer der letzten innerstädtischen Baulücken zu den Strassen hin eingemauert und das Restaurant nach oben hin zum blauen Himmel über München offen gelassen hatte. An der Stelle liegt zwar gleich die Isar, aber davor brauste der Verkehr, und zwar so laut, dass man in normaler Lautstärke Süssholz raspeln konnte, ohne dass es einen Tisch weiter verstanden wurde. Die C. jedenfalls evaluierte, wie wohl noch nie zuvor eine streng religiöse Akademikertochter aus Niederbayern evaluiert hat, trank mehr Wein, als sie vertrug und nahm das angenehme Gefühl mit, das erstbeste Date mit ein paar Blicken weich wie Marzipan machen zu können. Das gebietet die neue Höflichkeit unserer sexuell stets getriebenen Moderne, ich habe mich da wie ein keuscher Valmont verhalten und sie dem nächsten übergeben, der sich wie alle anderen vergeblich Hoffnungen machte, denn wie es nun mal so ist: Manche wollen einfach nur den Marktwert wissen, und nicht verkaufen. Weiterlesen →

26. Dez. 2014
von Don Alphonso
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18. Dez. 2014
von Don Alphonso
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Sex, Macht, Gewalt und Moral

Vorbemerkung: Beim letzten Beitrag der Gastautorin Despina Castiglione ging es auch um die delikate Frage, ob Männer neben sexuellen Dienstleistungen auch Macht über Frauen erwerben, und ob nicht gerade diese Macht ihr eigentliches Interesse ist. Daher habe ich, Don Alphonso, sie gebeten, doch einmal etwas zu dieser Machtkonstellation im Speziellen und im Allgemeinen der zwischenmenschlichen Beziehungen zu schreiben. Bitteschön:

Mit der gesellschaftlichen Anerkennung meiner Arbeit ist es zwar noch nicht so weit her, aber wenn ich in ein freudestrahlendes Gesicht schaue, nachdem ich meinen Job gemacht habe, bin ich stolz. Ich erlaube mir an dieser Stelle, meinen Maßstab anzulegen, und mich in meiner Betrachtungsweise nicht dem Weltbild derer, die meinen, das Verbot oder die Ächtung der Darstellung oder Ausübung gewisser Sexpraktiken würde auch nur ein einziges Problem lösen, zu unterwerfen. Sexualität an sich ist eine reichlich komplizierte Angelegenheit. Das Spannungsfeld zwischen den eigenen Phantasien, Wünschen, Bedürfnissen und der „allgemeinen Moral“, die zwar jeder irgendwie im Gefühl hat, aber niemand wirklich greifen kann, bietet reichlich Stolpersteine und einen unerschöpflichen Vorrat an zweischneidigen Schwertern, an denen man sich egal, wie man sie anpackt, blutige Finger holen kann.

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Addiert man noch die Frage des Gelderwerbs hinzu, so findet man sich nach dem Aderlass auch noch unversehens in einem moralischen Minenfeld wieder, und kann kaum einen Schritt mehr tun, ohne einen Sturm der Entrüstung auszulösen. Ich bin es gewohnt, in diesem Minenfeld zu arbeiten, deshalb will ich es wagen, davon zu berichten, wie sich die Sache in meinen Augen darstellt. Weiterlesen →

18. Dez. 2014
von Don Alphonso
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17. Dez. 2014
von Don Alphonso
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Unsere Vollbeschäftigung, Berlins Altersarmut

Wenn du ein Huhn trittst, schlägst und ihm die Federn ausreisst – und dann ein paar Körner hinlegst – wird es dir folgen.
Josef Stalin

Also, wenn ich das mal so sagen darf: Für ein Stück Baklava würde ich jede Pegida sofort in die Tonne treten, Gut, das würde ich so oder so tun, aber wenn wir schon darüber reden, muss ich zugeben: Manchmal habe ich eine perverse Lust auf Baklava. Nicht immer natürlich, aber manchmal. Aber wenn Sie nun vielleicht denken, dass ich in meiner Position und Stellung ein leicht seltsamer Eindruck im türkischen Schnellimbiss eine Strasse weiter bin – nun, was glauben Sie, wie doof man erst ausschaut, wenn man brüllend mit Zigtausend anderen schlecht gekleideten Leuten in Dresden seinen begrenzten Horizont vertritt, statt sich Kulturdenkmäler anzuschauen. Ich habe jedenfalls kein Problem, dort im Schnellimbiss zu erscheinen, denn schnell ist er eigentlich gar nicht. Börek machen sie am Morgen selbst, und das ist echte Kunst, und ich würde das auch gern können. Jedenfalls, letzte Woche hatte ich Lust auf Baklava und als ich da drin stand, parkte vor dem Fenster ein weisser Lieferwagen. Sie kennen das, diese kleinen Schnelltransporter, auf denen normalerweise „Speed Logistics: We sell submissive slaves to your value chain“ steht oder so etwas in der Art. Das liest man nie, es ist halt Werbung – aber hier nicht.

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Das heisst, Werbung ist es schon, aber nicht das Übliche. Es ist nicht Werbung für die Dienstleistung, sondern für Leute, damit sie sich dort melden und arbeiten. Normalerweise ist es eher andersrum, die Arbeitssuchenden müssen zum Amt oder auf Jobportalen suchen, sich bewerben, werden ausgesiebt und auf einen, der die Stelle bekommt, bleiben zehn auf der Strasse. Und hier nun haben wir also ein Unternehmen, das sagt: Werbung wäre ja fein, aber wichtiger wären uns Mitarbeiter. Weiterlesen →

17. Dez. 2014
von Don Alphonso
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13. Dez. 2014
von Don Alphonso
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Die Sache mit den Blumen, Bienen, Homophoben und Kampflesben

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.
Andre Gide

Erinnern Sie sich noch an früher, als grundlegende Werke unserer abendländisch-christlichen Kulturgeschichte von Diderots Enzyklopädie bis Josefine Mutzenbacher auf Subskriptionsbasis erschienen? Als standesbewusste Herren entschieden, dass derartige Werke erscheinen sollten? Nun, das erfolgreichste Crowdfunding-Beispiel der deutschen Gegenwart ist vermutlich das Buch einer Laiendarstellerin, die in einer Privat-TV.Serie zum Rollenmodell und Facebook-Star wurde. Und jetzt auch zur gefeierten Autorin. Wer hätte das gedacht.

Also, es steht im Buchregal und angesichts des amtlich nachgedruckten Kulturguts mit fünfstelliger Auflage kann man nun auch Kinder mit gutem Gewissen vor den privaten Fernsehstationen endlagern, wo sie dann lernen, wie sich Vertreter ihrer Schicht in Köln und Berlin zu benehmen haben, wenn sie das Lebensglück in gebleichten Haaren und dem diskriminierungsfreien Tragen von T-Shirts mit Biermarkenwerbeaufdruck finden möchten. Man weiht sie ein in die Bedeutung des Automobils als Ausdruck der gesellschaftlichen Stellung, das mehr als drei Wohnungseinrichtungen kosten sollte. Man vermittelt ihnen den angemessenen Ton bei der sozial gewünschten Formulierung ihrer Bedürfnisse. Sie lernen spezifische Tischsitten und, so berichtete man mir, der ich kein TV-Gerät besitze, dass man Bier auch aus der Flasche trinken kann, als wäre man ein Berliner Nudelhipster und hätte sich im Görlitzer Park verlaufen.

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Zudem wird ihnen nahe gelegt, dass der persönliche Vorteil über dem Nutzen der Allgemeinheit steht, und das alles in einem Wohnumfeld, das von Mietern geprägt ist. Die Gestaltung ihrer Beziehungen ist konfliktreich, eher rasant denn beschaulich, und umfasst auch körperliche Konfrontation. Man nennt das alles scripted reality. Natürlich schreit die laut Eigenbuchwerbung „fette Kampflesbe“ den dicken Mann nicht wirklich an und natürlich sind die Umgangsformen dazu angetan, den Zuschauern an den Geräten in ihrem nicht von Aufstiegschancen geprägten Umfeld eine gewisse soziale Befriedigung zu verschaffen. Aber die Kinder lernen dort alles, was sie für das Überleben und Fortpflanzen in einem neoliberal geprägten System der Verdrängung brauchen. Immer schön laut sein, sich um die Meinung anderer Leute nicht kümmern, und oben angekommen ist man, wenn das Leben aussieht wie in der nächsten Reportage über St. Dropäh. Weiterlesen →

13. Dez. 2014
von Don Alphonso
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09. Dez. 2014
von Don Alphonso
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Vom Potschamperl zur Brunzkachel – Deutsch mit der CSU

Credo quia absurdum
Tertullian

Grias di oide Wuaschdhaut

und bitte sehen Sie es mit nach, lieber Herr PhDoktor Scheuer von der CSU, wenn ich Sie hier nicht als „Generalsekretär“ anspreche, denn als echter Bayer mit mindestens drei Jahrhunderte zurückreichender Ahnenlinie in diesem schönen Lande liegt es mir natürlich fern, einen Titel zu verwenden, der aus zwei lateinischen Wörtern zusammengesetzt ist. Oide Wuaschdhaut dagegen ist ganz klar bayerisch und deshalb ganz sicher mehr angemessen als welsche Fremdwörter, gegen deren Verwendung in hiesigen Wohnstallzimmern die CSU antritt, und das soll natürlich auch im Salon – jo gruzinesn scho wieda so a hundsvareggds Froschfressawort – ich meinte im Saal meiner Liegenschaft gelten. Bin ich doch der Vorzeigebayer vom Dienste und durch meine Tätigkeit verantwortlich für den guten Ruf unserer schönen Heimat bei den niedriggeborenen Niederdeutschen, die hier oft genug erfahren dürfen, dass unsereins genau weiss, was gut für sie in ihren unterentwickelten Morastregionen ist.

yalla

Also wegen was ich Sie hier anschreibe – es ist nämlich so. Gestern kam der Toni hier vorbei. Der Toni aus Mailing, der Sohn vom alten Moosmüller, vielleicht kennen Sie den ja. Also, der Toni jedenfalls war hier und so nach sechs Bier meinte er im Saal meiner Liegenschaft, dass er jetzt aufs Potschamperl müsste. Da habe ich dem Toni gesagt, Toni, hab ich gesagt, du hast doch gehört, dass man in unserer geliebten bayerischen Heimat keine ausländischen Wörter gar nie nicht verwenden soll. Jo und, hat der Toni da gesagt. Potschamperl ist fei nicht deutsch, habe ich dem Toni erklärt, weil das kummt von Pot de Chambre her, was Zimmertopf heisst und der Nachttopf auf Französisch ist. Ah so, hat der Toni gesagt, nachert gehe ich halt aufs Klo. Weiterlesen →

09. Dez. 2014
von Don Alphonso
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05. Dez. 2014
von Don Alphonso
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Sushi, Sex und Sittlichkeit

Vorbemerkung: Vor 200 Jahren starb, verhasst und bewundert gleichermassen, Marquis de Sade. In der folgenden Epoche, die wir, von einigen massenmörderischen Aussetzern abgesehen, gern als aufgeklärte Neuzeit betrachten, hat sich viel getan, und die einst so gefürchteten Werke des Marquis sind in jedem Buchladen wohlfeil erhältlich. Noch leichter ist es, im Internet Pornographie zu konsumieren, auf Plakaten räkeln sich halbnackte Frauen in Posen, die zu Urgrossvaters Zeiten, der dem Franzosen den Bauch im Krieg bedenkenlos aufschlitzte wie eine Wurst, noch unsittlich gewesen wären. Und wer das Pech hat, unter dem rotgrünen Regime in Kreuzberg zu leben, muss gerade feststellen, dass man sich Uropas Sichtweise wieder zu eigen macht: Dort nämlich sind Plakate verboten, die nach Meinung der dortigen Inquisition Frauen sexistisch darstellen. Wir sind zwar weit gekommen, wir sind wirklich nicht mehr prüde, Sex ist ein ganz normales Thema und auch die FAZ hatte heute eine Bildstrecke des Pirelli-Kalenders. Man tut gut daran, sie sich anzuschauen, so lange es noch geht: Denn die Zeiten ändern sich.

Beispiele gibt es zuhauf. In Australien wurde nach einer Internetkampagne das Videospiel GTA V aus den Regalen geräumt, weil es Szenen sexistischer Gewalt und Darstellung von Prostitution bringt. In England veröffentlichte die Regierung eine Liste der sexuellen Praktiken, die nun nicht mehr öffentlich dargestellt werden sollten. Einen Nichtnur-Pornofilter zum Schutz der Minderjährigen gibt es dort schon länger, und auch in anderen Ländern werden solche Ideen immer wieder ins Gespräch gebracht – in Deutschland etwa durch Alice Schwarzer, die vermutlich schon bei meiner Portraitsammlung des Rokoko fragen würde, wo hier der offene Kamin ist. Und auch das Tragen von Kleidern mit darauf abgedruckten Frauen zieht einen Shitstorm nach sich.

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Vieles davon hat mit dem Internet zu tun, aber bisweilen manifestieren sich diese Kämpfe um sexuelle Freiheit und Verbote auch in der Realität. Alice Schwarzer bekam bei ihrer Buchpremiere zum Thema Prostitution Besuch, den Antonia Baum dankenswerterweise hat sprechen lassen. Die nächste Station der Kampagne ist, beginnend mit dem heutigen Tag, das schöne München, Weiterlesen →

05. Dez. 2014
von Don Alphonso
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04. Dez. 2014
von Don Alphonso
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Aufsteiger: Wer hat Angst vor solchen ökonomischen Beziehungsrisiken?

Wissen Sie denn nicht, dass ein reicher Mann und ein hübsches Mädchen sehr viel gemeinsam haben?
Blondinen bevorzugt

Gottes Schöpfung ist gross, sehr gross und mitunter leider auch etwas zu gross, was man erkennt, wenn man vom glücklichen Süden aus an den Main fährt und dort entdecken muss, wie viel Land sich nördlich davon ausbreitet. Aber das Land ist halt da und dort, wo ohne göttlichen Konstruktionsfehler vermutlich Meeresboden sein sollte, liegt auf dem Elbesumpf das Fischerdorf Hamburg a. d. Elbe. Hamburg hat sogar eine Seite bei Wikipedia und lebt vom Export von Regen, Nebel, juristischen Big-Brother-Teilnehmern, Witzen über die Elbphilharmonie und Presseerzeugnissen, die Zeit oder Spiegel heissen. Und die Zeit wiederum hat diese Woche in reichlich geschmacklosen Farben ein Titelbild mit einer eher dünnen Frau, die Boxhandschuhe, aber kein Dirndl trägt und fragt:

Wer hat Angst vor solchen Frauen? Sie sind jung, gut im Beruf und behaupten sich im Leben. Viele von Ihnen bleiben ohne Partner – und werden ständig gefragt: Warum?

sparta

Und ich bin mir sicher, die Zeit hat hochkorrekt Experten so lange befragt, bis das Ergebnis flauschig, tröstend, doch irgendwie partnerversprechend und frei von einer bitteren Wahrheit war:

Das ist so, weil manche, wie es die Schöpfung in ihrer Norddeutschland schaffenden Grausamkeit vorgesehen hat, einsam, frustriert und an ihren eigenen Zielen grandios gescheitert in Altersarmut enden werden. Weiterlesen →

04. Dez. 2014
von Don Alphonso
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29. Nov. 2014
von Don Alphonso
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Die Frauenquote nach Marquis de Sade

Dieser wunderwürdige Wahn, das Böse allein um des Vergnügens willen zu üben.
de Sade, Juliette

Für Frau B. ist die Frauenquote in den Aufsichtsräten der DAX-Konzerne nicht mehr nötig. Frau B. hat schon jetzt genug zu tun, selbst wenn sie nicht mehr die Anlagestrategie eines Risikokapitalgebers auf dem roten Plüsch eines Münchner Nachtclubs erklärt – diese wilden Zeiten der Kickoff Events sind vorbei. Sie ist längst Teil der erfolgreich-gediegenen Inventars dieser Republik, da leistet man sich solche Ausflüge in die New Economy nicht mehr. Man spricht heute gern mit ihr als Vertreterin einer wirtschaftsfreundlichen Lobbygruppierung über die Karrieren von Frauen, und zweifellos würde die Erinnerung an die wilde Startup-Epoche ihren Aufstieg in der Aufsichtsratsebene nicht behindern. Aber auch eine Frau B. kann sich nicht in mehrere Teile zerreissen. Posten, Berufungen und Auftritte kann sie frei wählen. Sie ist zu einer so starken Marke geworden, dass man sich nicht weiter über ihren Gatten unterhält, der einer der wichtigeren Manager des Landes ist.

Nun war ich einer, der damals ohne jedes finanzielles Interesse, sondern nur aus Spass und Liebe zum Katastrophentourismus auch auf so einem roten Plüschsessel verweilte, ohne dass es mich zu wirtschaftlichen Heldentaten angestiftet hätte. Aber wer bin ich schon, und das Amüsante an diesem Gesetz zur Frauenquote ist nun mal, dass es zusammen mit ihrem weithin gepriesenen Leitbild gerade jungen, leistungswilligen Akademikerinnen zur Nacheiferung behagt. Sie hoffen nun, dass es, selbst wenn es nicht für den Aufsichtsrat reicht, dadurch wenigstens einen sog. Trickle-Down-Effect gibt. Oben ändert sich durch Personen wie Frau B. etwas grundlegend, und von dort aus setzt sich die Änderung nach unten fort. Sie haben offensichtlich mehr Brand Eins als Animal Farm oder de Sades Juliette gelesen. Jedenfalls, dadurch werden ganz sicher einige lukrative Posten geschaffen und ebenso ganz sicher kann man sagen, dass dafür ein paar hundert Frauen in Frage kommen, und Tausende hoffen, dass sie davon indirekt profitieren. Und über 40 Millionen nicht.

quoa

Was mich zur Frage bringt, was Frauenpolitik eigentlich sein soll, wenn sie dieselben in der grossen Masse nicht erreicht. Weiterlesen →

29. Nov. 2014
von Don Alphonso
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