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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

28. Aug. 2016
von Don Alphonso
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TMT: Vom Zweifel abfallen.

Bitte nicht um weniger Last, sondern um einen stärkeren Rücken.
Theresa von Avila

Um 7 wollte ich los, um halb 10 bin ich dann so weit, und steige endlich aufs Rad, für die grosse Bewährungsprobe. Es fängt also schon mal gut an, denn zweieinhalb Stunden Verspätung sind in meiner Familie beim Aufbruch in den Urlaub rekordverdächtige Zeiten, und bei mir hat noch kein Urlaubsplan den Kontakt mit der frühstückenden, Kommentare beantwortenden Realität überlebt. Ausserdem prahle erzähle ich dem Nachbarn noch ausgiebig von meinen kommenden Heldentaten, die sich dadurch etwas verspäten. Dann fahre ich los.

tmtfh

Ich komme bis hier her, etwa 4 Kilometer weit, dann will ich auf das grosse Kettenblatt schalten. Es passiert nichts. Ich versuche es nochmal. Nichts. Nochmal. Die Kette bleibt unbeirrt auf dem mittleren Kettenblatt. Gestern Abend ging das noch alles. Ich steige ab, drehe an ein paar Schrauben und ziehe die Schelle, die den Umwerfer hält, ganz fest. Immerhin, sage ich mir, scheitere ich in schöner Umgebung, wenn das wirklich das Ende sein sollte. Es gibt keinen Schaden, wo nicht ein Nutzen dabei ist, und der Tegernsee ist doch auch schön. Und es haben sich so viele Zweifel in der Nacht aufgestaut, dass ich die Idee, in zwei Tagen über vier Pässe nach Meran zu fahren, gar nicht mehr so gut finde. Vor allem nicht bei den vorhergesagten 36 Grad im Inntal. Ich probiere es nochmal. Es macht Krk und kurz Rtrtrt, und dann sitzt die Kette da, wo sie sitzen soll. Ich bin wieder im Geschäft, mit meinem billigen sub500challenge-ProTeam aus dem Hause Viner.

tmtfi

Drei Stunden später bin ich in Maurach am Achensee und betrete lächelnd die Wallfahrtskirche St. Notburga. Es ist eine der hübschesten Rokoko-Kirchen des gesamten Alpenraums, und eine Nonne fragt mich, wo ich herkomme und wo ich hin will. Als sie von meinem Plan hört, bietet sie mir erst mal ein Schnapserl an, und ich glaube, das sagt viel über die Gastfreundschaft der Menschen – und die Sinnhaftigkeit meiner Idee. Aber ich lehne als Nichttrinker dankend ab und erzähle ihr

Die Geschichte der alten, korpulenten Frau im Tigerkleid auf dem pinken Elektrorollmobil, worin ich von allen Zweifeln abfalle.

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Das war nämlich in Tegernsee. In Tegernsee gibt es am Schloss eine Ampel, und die war rot, und zwang mich zum anhalten. Um mich herum kochte schon die Luft, der Schweiss floss in Strömen, und der sonst so silbrig-leichte Sauerstoff der Region klebte wie zäher Brei in den Lungen. Menschen sahen mich und mein Gepäck und schüttelten den Kopf. Die Ampel wäre eine gute Gelegenheit gewesen, den Plan zu überdenken, umzukehren, das Rad in den Roadster zu werfen und mit dem Auto zu fahren – man sieht es auf den Bildern ja nicht, ob das Rad aus der Gluthitze am Achenpass oder vom Beifahrersitz des Roadsters kommt, und den Rest erfinde ich einfach dazu. Das hätte ein zweifelnder Autor sich hier in Tegernsee denken können. Statt dessen surrte eine korpulente Frau in Tigerkleid über die Strasse. Vielleicht 40 25 15 Jahre älter als ich. Die Haare waren passend zum Kleid gefärbt, und der Wagen war pink. Knallpink. So rollte sie an den Tegernsee-Arkaden vorbei Richtung See, Srrrrrrrrrrr.

tmtfk

Da bin ich von allen Zweifeln abgefallen. Denn ich habe meine gesunden, dicken Beine, ich habe Kraft in den Oberschenkeln und einen breiten Rücken, an dem schon viele Messer zerbrochen sind. Ich sitze auf einem billig zusammengekauften Rad und habe einen weiten, harten, heissen Weg vor mir, aber was da auch immer kommen mag: Ich werde nicht als alter, reicher Mensch in so einem pinken Elektrodings in Tegernsee vor mich hinrumpeln. Ich bin nicht reich genug für all den Goldschmuck, und ich wohne nur in Gmund, ich muss richtig arbeiten für mein Geld, und aus Tegernseer Sicht fährt da ein Irrer durch die Hitze, während seine Kollegen bei der Präsentation des neuen Panamera in Rottach luxuriös im Stau stehen.

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Aber ich habe meine Beine, die Kraft und alle Herrlichkeit der Natur um mich. Ich kann das tun. Ich kann selbst entscheiden. Es hängt nur an mir allein. Niemand muss mir ein Auto borgen, das ich mir nicht leisten könnte, niemand bezahlt mir ein pinkes Rollmobil. Jeder Meter, jeder Pass, alles Glück, die Höhen zu bezwingen und am See entlang Richtung Italien zu radeln, das alles liegt in mir selbst. Und sollte ich nur die leiseste Schwäche zeigen, denke ich an das, was der reichen Frau am Tegernsee in ihrem Tigerkleid noch bleibt. Dann geht es wieder. Dann fliege ich weiter.

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Das erzähle ich der Nonne, die in St.Notburga Führungen macht, und sie erzählt mir, dass die Gemeinschaft, die hier betet, gerade wieder viel Zulauf hat, und sie erklärt mir die alten und neuen Denkmäler, die die Menschen zum Innehalten bewegen sollen. Der Leichnam der heiligen Notburga wurde von einem Ochsengespann mit eisernem Willen, ohne auf die Menschen zu hören, hier hinauf an an den Achensee gezogen, eines der vielen Wunder der Beschützerin der Mägde, und wie so ein Ochs möchte auch ich sein, wenn es weiter geht. Stur und unaufhaltsam. Ich fülle die Flaschen am Friedhofsbrunnen nach. Es ist gutes Wasser.

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Der Weg in die Hölle ist bekanntlich mit Freuden gepflastert, und genauso ist es am Achensee, wo es zuerst lange und schnell hinunter ins Inntal geht. Ich lasse die Bremsen los, und ganz ehrlich: So heiß ist es gar nicht. Wirklich. Im Bergwald, mit 80 Sachen, ist es fast ein wenig kühl auf dem Rad. So schlimm ist es also gar nicht, denke ich mir, als ich um Serpentinen jage und über lange Geraden viel ungebremster zu Tale donnere, als ich mir das eigentlich, vorsichtig wie ich bin, vorgenommen habe. Aber es läuft ja so schön. Bis zum Inn. Wo es wirklich 36 Grad hat, und keinen Bergwaldschatten. Wo ich dauernd daran denke, dass es anderen im pinken Rollmobil noch schlechter geht, auch wenn man es kaum glauben mag.

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Vor dem Hitzschlag suche ich den Kirchhof von Schwaz und eine schattige Bank auf. Ich esse, was ich essen kann, und starre eine Stunde in die flirrende Luft. Es geht den Umständen entsprechend gut. Ich weiss, dass ich es bis nach Hall schaffen würde, wo wir bei meiner ersten Alpenüberquerung genächtigt haben. Diesmal jedoch ist da am Ende ein langer, brutaler Anstieg. Nichts ist mir als schlimmer in Erinnerung geblieben als der Weg hinauf zum Patscher Sattel. Ich könnte auch in einem pinken Rollmobil – da stehe ich auch schon wieder auf meinen Beinen und klettere aufs Rad, und schinde mich weiter nach Hall und hinauf nach Ampass.

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Es geht. Irgendwie. Ich krieche von Schatten zu Schatten, ich mache Pausen, ich schaue nicht auf die Uhr, und zurück kann ich auch nicht mehr. Es ist ungefähr so steil, wie ich das in übler Erinnerung habe, und es ist heisser als damals, aber ich habe viel trainiert. Ich fühle mich nach einem Tag auf dem Rad in Ampass so mies, wie ich mich früher hier frisch aufgestanden und gefrühstigt fühlte. Das ist Erfolg: Der Moment, da es einem richtig dreckig geht, kommt genauso. Aber er kommt später.

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Ich könnte natürlich auch ein Tigerkleid tragen und – schon drehen sich die Pedale frisch weiter, schon schwindet die nächste Rampe unter den ochsensturen Tritten, während die Sonne auf der salzig-nassen, echsenhaft funkelnden Haut glänzt. Es kommt Aldrans, es kommt Lans, es kommt ein Schild “Patsch 4km“.

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Dann taucht auf der Bergflanke der Wallfahrtsort Heiligwasser auf. Unterhalb davon ist mein Ziel, der Bergwald umfasst mich mit seinem Schatten, es wird etwas kühler, und ich sage mir: “Kette rechts!“. Ich will da nicht einfach vorfahren, ich will vorbrennen, ich will am Ziel so aussehen, als sei ich ein ganz Wilder, der bis zum letzten Zentimeter kämpft. Ich schalte. Ich betätige den Umwerfer. Es macht Krcks und dann Rtrtrtrtrtrtrt. Etwas stimmt nicht. Ich halte an und steige ab. Der Umwerfer hängt schräg im Kettenblatt. Ganz locker. Die Umwerferschelle ist gebrochen. Wie bei einem 500-Eure-Kaufhausrad.

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Zum Glück ist der Grünwalder Hof schon in Sichtweite.

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Ich rolle vorsichtig hin. Ich erzähle an der Rezeption mein Leid und frage, ob vielleicht irgendwo ein Radgeschäft ist. Es gibt welche. Unten in Innsbruck, 8 Kilometer von hier, und 600 Meter weiter unten. Und die haben morgen alle zu, weil Sonntag ist. Das heisst, dass ich die vorderen Kettenblätter nicht werde schalten können. Ich kann nicht zurück, weil es sinnlos ist. Ich kann weiter, weil ein verfluchter, 1mm dicker Dorn am Rad vom Racing Team Dorn – ja, ich habe auch gelacht – aus seiner Halterung gebrochen ist.

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Draussen baut sich eine Gewitterfront über dem Ötztal auf, und ich lasse mir ein Bad einlaufen. Auf der alten Kommode liegt mein Fiasko und wird bis zum jüngsten Tag nicht mehr den Umwerfer befestigen. Ich habe immer noch meine Beine, aber der pinkfarbene Rollwagen in Tegernsee fährt jetzt besser als mein Rad.

Ist das das Ende von Tegernsee-Meran-Tegernsee?

Wird die Hauptfigur nun verzweifelt die Familie anrufen, damit sie kommt und ihn abholt?

Oder kauft Don Alphonso einfach ein anderes Rad und fährt damit weiter?

Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn Sie Don Alphonso sagen hören wollen: “Es gab noch kein Problem in der Menschheitsgeschichte, das sich nicht mit brutaler Gewalt lösen liess, und es gibt nur einen Weg, das herauszufinden!“

28. Aug. 2016
von Don Alphonso
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27. Aug. 2016
von Don Alphonso
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TMT: Das Dynamit der Tugend

See me ride out of the sunset on your color TV screen

Ich stand während der letzten Wochen vor unbegreiflichen Rätseln. Ich sah den Neue-Rechte-Pranger und dachte mir, so mangelklug, dass sie die CDU darin aufführen, können die doch gar nicht sein. Ich sah den Hasskommentar gegen Thomas de Maiziere und dachte mir, wer zum Teufel stellt sich nach so einer Nummer mit und will anderen dann etwas über Hatespeech sagen? Ich sah eine hamasfreundliche, Judenhass vertreibende Organisation in einem nationalen Komitee, das uns erzählen will, dass Hass keine Meinung sei. Und ich beschäftige mich mit einem sogenannten Prostitutionsschutzgesetz, von dem mir noch jede Sexarbeiterin sagte, dass es sie entweder ihrer Existenzgrundlage beraubt oder sie in die Arme von Grossbordellen treiben wird – und das alles mit dem Segen eines Hauses, das die Quote in Aufsichtsräten durchgesetzt hat, eine Oktoberfestlügnerin protegiert und Parties bezahlt, während Alleinerziehende jenseits von schrägen Ideen immer noch schauen können, wo sie bleiben.

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Wie, fragte ich mich, kommt man auf solche Ideen.

Seit heute morgen weiss ich es, denn heute morgen habe ich ein Hotel gebucht, und dann noch eines. Das erste Hotel ist genau 100 Kilometer und 1000 Höhenmeter Aufstieg vom Tegernsee entfernt, hinter dem Achenpass und dem Inntal genau oben auf dem Patscher Sattel. Das nächste Hotel ist in Meran, nochmal 105 Kilometer weiter, und dazwischen liegen die Ellbögenstrecke, der Brenner, Sterzing und der Jaufenpass – zusammen rund 1700 Höhenmeter. Dazu habe ich also genau zwei Tage Zeit, und wer so dumm ist, sich so etwas zuzumuten, sollte vielleicht auch etwas Verständnis haben, wenn Frau Schwesig anderen, deren Dasein ihr egal sein dürfte, ein noch erheblich übleres Schicksal mit Kontrollwahn, Grundrechtseinschränkung, Bürokratieirrsinn und Stigmatisierung zumutet. Ich schade allenfalls mir selbst und nicht der Gesellschaft, aber als ich heute morgen reservierte, dachte ich mir: Das willst du doch eigentlich gar nicht. Du hast da gerade einen ganz dummen Plan. Denken Politiker so etwas auch manchmal, oder schalten die einfach den inneren Trump ein?

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Wäre ich ehrlich, was ich selten bin, weil ich generell betrachtet eine Kunstfigur bin, und öfters mit dem Politikbetrieb in Berührung komme, und der zusätzlich abfärbt, würde ich an dieser Stelle die Wahrheit gestehen: Dass ich vor ein paar Wochen bei jemanden, den ich nicht sonderlich schätze, die Visualisierung seiner grossen Radtour sah: 90 km und 30 Höhenmeter im Berliner Umland. Dabei beklagte er – deutlich jünger als ich – sich vehement, dass er nun erledigt sei, und ich wollte schon tippen: Quäl dich du Sau, wenn da zwei Pässe drin sind, darfst Du jammern, vorher schweig, Schwächling! Man ahnt jetzt vielleicht, warum ich die Route mit 100km-Abschnitten und jeweils zwei Pässen ausgesucht habe, aber ich habe bei der Politik auch gelernt, dass man seinen miesen Charakter besser hinter hohen Werten versteckt: Der Wunsch nach dem Verbot angeblich sexistischer Werbung kommt schliesslich auch von einer staatlich geförderten “NGO“, die den Justizminister gern beraten und in Berlin mitspielen würde. Der sportliche Ehrgeiz, andere zu Brei zu fahren, könnte mir gar als Diskriminierung schwabbeliger, ungewaschener Hipster mit Fusselbärten ausgelegt werden, und deshalb möchte ich als Begründung lieber die Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt meiner Bemühungen stellen, so dass eventuelle Seitenhiebe im Glanze in meiner Tugendgloriole kaum auffallen, so wie etwas Crystal Meth ja auch keiner grünen Karriere dauerhaft schadet.

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Es ist nämlich so, dass das durchschnittliche Rad in Deutschland für 557 Euro verkauft wird. Das ist nicht eben viel, und das sind auch Räder, bei denen sich Reparatur selten lohnt. Sie landen dann bei Abwrackaktionen, wo man für ein altes Rad noch 50 Euro Rabatt bekommt, oder gleich im Sperrmüll, weil irgendwelche Ersatzteile kaum mehr erhältlich sind. Mit einem Rad dieser Preisklasse kommt man vielleicht mit viel Zeit den Jaufenpass hinauf, aber ob ich mich mit so etwas, 90 km/h schnell, hinunter ins Passeier Tal stürzen würde – nun, ich denke, bei aller ministrablen Dummheit, die mir innewohnt: So doof bin ich dann auch nicht. Sprich, der Durchschnitt kauft ein Rad, das ihn von Höherem ausschliesst und nach wenigen Jahren ersetzt wird. Und wieder Geld kostet.

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Deshalb fahre ich auch diesmal mit einem Rad, das weniger als einer dieser Drahtesel kostet. Es handelt sich dabei um ein für 256€ ersteigertes Viner Pro Team. Viner – eine Verkürzung des Namens der Rahmenbaulegende VIviano NERozzi – ist eine der besten italienischen Marken. Der Rahmen ist eine Spezialanfertigung für einen Radhändler aus Augsburg, doch der stieg bald um auf einen Carbonrahmen. Der Rahmen, zusammengesetzt aus hochwertigem Deda SC61.10-Aluminium und Carbonteilen, war früher enorm teuer, aber heute steht Alu bei Käufern nicht mehr hoch im Kurs. Das Rad hatte die durchaus ordentliche Campagnolo Veloce Gruppe und ganz billige Räder. Ich habe eine kleine 3-fach-Kurbel drangeschraubt (Shimano XTR, mit Pedalen 50 Euro), einen leichten Carbonlenker (FRM für 30 Euro), eine anderen Sattel (Prologo für 30 Euro) und vor allem leichtere Laufräder.

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Die sind von 4ZA aus Belgien und eigentlich für den Querfeldeinsport. Damit wird das ganze Rad 1,3 Kilo leichter, aber morgen wird es wieder mit 9 Kilo Gepäck und mir beladen. Die Laufräder sind für Fahrer bis 95 Kilo zugelassen, also bin ich noch im grellrotgelb grünen Bereich. Der ganze Spass hat also gut 100 Euro weniger als das Durchschnittsrad gekostet, und fast nur die Hälfte eines Ikearades. Es hat eine 24-29-Untersetzung für die steilsten Berge und brutal packende Bremsen, es wiegt nackt nur um die 8 Kilo und fährt sich so schön, dass es fast als sexuelle Dienstleistung deklariert werden müsste. Das alles mit gebrauchten, nachhaltigen Teilen – keine Cruise Missile, kein strategischer Langstreckenbomber musste dafür eingeschmolzen werden. Das ist doch schön! So grün muss man erst mal leben und radeln.

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Ach so, und – es ist fast vollständig in der EU gefertigt, während das Durchschnittsrad längst komplett aus China kommt. Manche fühlten sich sicher diskriminiert, als ich Sie mit 250 von der linken Spur geschubst habe, als ich es von Augsburg an den Tegernsee brachte: Das fühlt sich nur so an, in Wirklichkeit ist der Container auf dem Frachtschiff aus China voll mit Wegwerfrädern die Sünde, und nicht meine 20 Liter auf 100 Kilometer. Rein und silbern blinkend steht es da, mein Spezialaufbau für kleines Geld, unschuldig und ohne Sünde ausser der Sache mit dem Osterberg hinunter, weil da steht zwar Tempo 30 aber es geht innerorts 70, und dass ich die Pedelecgruppe am See beim Überholen mit „Schleichdseich, Elegdrosoacha“ angebrüllt habe, war auch nicht ganz nett. Aber ansonsten ist es ein schöner Gegenentwurf zu unserer ignoranten Wegwerfgesellschaft, die stets das Neue braucht und das Alte zu schätzen verlernt hat. Das habe ich doch jetzt schön gesagt.

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Das also ist die #sub500challenge und #TMT: Mit einem selbst umgebauten Billigrad geht es morgen früh vom Tegernsee nach Österreich durch die Sommerhitze, über den Alpenhauptkamm nach Meran, und dann irgendwie zurück an den Tegernsee. Da ginge übrigens auch ein Bus, aber vielleicht sitze ich demnächst in Meran und buche das Hotel in Sterzing, während ich mir denke: Das mit dem 50 Kilometer langen Anstieg von Bozen zum Penser Joch ist eine noch dümmere Idee als der Jaufenpass oder ein Abo der taz. Keine Frage, ich werde viele Tugenden signalisieren müssen, um das öffentlich zu meinem Ruhme darzustellen.

Wie so eine Kahanestiftung. Es wird ganz, ganz schrecklich. Warum fahre ich nicht mit dem Auto Aber wenn Sie mich sehen, winken Sie, ich winke dann huldvoll zurück. Also, wenn ich den Arm noch heben kann.

27. Aug. 2016
von Don Alphonso
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23. Aug. 2016
von Don Alphonso
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Mit dem TeamGinaLisa-Gas gegen weisse Männer zum Reichtum

Ich war gerade beschäftigt. Ist Manuela Schwesig schon zurückgetreten?

Stellen Sie sich einmal vor, Sie lebten nicht in einer vibrierenden Metropole, in der sie von wildfremden Menschen begeistert angetanzt werden, und Stimmen der ganzen Welt hören, wenn Sie die U-Bahn verlassen, und diese Stimmern schöne Träume versprechen, Haschischhaschisch Coke Crystalmeth Crack Tagesspiegel Heroin or bike havegoodbikeforyou. Statt dessen lebten Sie in einem retardierten bayerischen Grossraum, etwas auf dem Land, wo es Felder gibt, Mirabellenbäume, Festanstellung mit Sozialversicherung (für Berliner “kapitalistisches Schweinesystem“) und schlechten Internetempfang.

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Sie benutzen dort öffentliche Verkehrsmittel, die pünktlich kommen und sauber sind, also Sekundärtugenden aufweisen, mit denen man nach der Weltrevolution keinen Gulag betreiben würde. Und Sie lesen darin die regionale Presse. Auf der ersten Seite geht es gleich los: In Gössweinstein hat eine Asylbewerberunterkunft gebrannt. Wären Sie in Berlin, hätte Ihnen der Journalist Matthias Meisner schon eine reingehetztagt. Das Neue Deutschland hätte mit dem, was man hier eine dreiste Bildfälschung heisst (Wahrheitsministerien nennen das “Archivbild“), behauptet, die Polizei schliesse einen rechtsextremistischen Hintergrund nicht aus. Die lahme, gedruckte Zeitung konfrontiert Sie dagegen mit eimer langweiligen, aber auch irgendwie bedrückenden Wahrheit; Zwei Bewohner haben unglaublicherweise im Gegensatz zu dem, was in der Zeit ständig zu lesen ist, keinen Deutschkurs und keine Facharbeit gemacht, sondern eine Wasserpfeife geraucht und die Kohle unachtsam entfernt. Die beiden jungen Männer werden wohl kaum das Geld haben, den immensen Schaden des abgebrannten Gasthauses zu bezahlen. Das schaffen dann wir.

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Und dann – der Bus schaukelt gerade durch das schöne Dünzlau – lesen Sie weiter, dass hier, gerade hier ein gebrochen deutsch sprechender Mann arabischen Aussehens eine junge Frau im Bad bei einem Einbruch überfallen und verletzt haben soll. Die Fahndung blieb bislang erfolglos, weshalb noch kein feministisches Blog der Zeit die Polizei fragen kann, was ihr eigentlich einfällt, die schöne, flüchtlingsreduzierte Verbrechensstatistik zur Beruhigung des Volkes in Unordnung zu bringen.

Eine weitere Topmeldung besagt, dass das Innenministerium jetzt wieder dringend Freiwillige für die ehrenamtliche, unbewaffnete Sicherheitswacht sucht. Das geht ganz still und leise, es gibt keinen Aufschrei mehr wie früher, als die Wacht unter Verdacht stand, eine Bürgerwehr zu sein: Man hat sich hier daran gewöhnt, die Befürchtungen waren doch erheblich zu pessimistisch. Dass man jetzt aber mehr Personal braucht, ist kein gutes Zeichen. Es sind keine schönen Nachrichten, und weit und breit kein weltoffener, progressiver Mitarbeiter des Holtzbrinck-Konzerns, der Ihre Zweifel gleich mal der Social Media Stasi melden würde, wagten Sie es, Ihre Sorgen bei Facebook zu formulieren. Sie fahren weiter, kommen an – pünktlich – und sehen düstere, bedrohliche Gestalten. Sie sind überall – auf Bus selbst.

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Dessen Werbefläche hat nämlich die Kripo gemietet und mit vermummten Einbrechern bepflastert, gegen die Sie sich am besten in einem Gespräch mit der Polizei oder mit einen Besuch ihrer Website absichern. Gehen Sie dazu nicht über die Prangerseiten der Anetta-Kahane-Stiftung, lesen Sie dort keine Hassartikel gegen Minister, informieren Sie sich darüber, was Sie in Zeiten steigender Einbruchskriminalität selbst tun können. Alles ist so schön friedlich hier. Aber jeden Tag lesen Sie bei uns diese Geschichten, kein Zenso willkommenskultureller Sonderbeauftragter passt hier auf, dass auf jeden bedauerlichen Einzelfall ein paar Kinderaugen kommen, und in der Arbeitspause wird sogar das Schicksal der jungen Frau angesprochen, die sicher schwer unter dem Eindruck des Einbruchs leidet, statt, wie manche das gern sehen, zu erklären, dass die Deutschen sich bei der Integration mehr anstrengen müssen. So, liebe Leser, so unmenschlich und beschränkt geht es bei uns zu. Das muss man wissen.

Und deshalb gehen verblendete, aufgehetzte Frauen hier zu DM und kaufen Tierabwehrspray, das es dort gibt. Für mich, der ich längere Zeit des Jahres in Italien lebe, ist das alles andere als eine Überraschung. Italien denkt in gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gar nicht daran, illegale Einwanderer finanziell zu unterstützen, und so gibt es dort einen gewissen Graubereich des Vermögenstransfers, den nicht alle begrüssen. Die einen brauchen Geld, um nach Deutschland zu kommen, die anderen wollen es behalten, und das ist sicher mit ein Grund, warum in Supermärkten der schlechteren Ecken von Mantua direkt an der Kasse, gut sichtbar Pfefferspray erhältlich ist, während vor der Tür Gestalten mehr oder weniger dezent die Einkaufenden um Geld angehen. Oder ihnen ungefragt die Einkaufswägen abnehmen. Niemand muss dort so tun, als ginge es beim Spray um Tiere, da steht ganz gross Autodifesa drauf, und die Dosen sind, wie in Italien so oft, wohlgeformt und in rosa mit Sternchen. Wenn die Drogeriekette DM nun hierzulande kritisiert wird, weil Pfefferspray wenig helfe, so ist das eine sehr deutsch-romantische Debatte. Und obendrein eine sehr feuilletonistische Diskussion, denn die wohlfeile Antwort schöngeistiger Menschen – alle Menschen werden Brüder – bedarf noch eines gewissen Weges der Vermittlung universeller Werte, und bis dorthin wünscht sich manche von den Medien Aufgehetzte einfach – und seien sie nur minimal – bessere Chancen der Gegenwehr. Die erlösende Erkenntnis, dass in Wirklichkeit der alte, weisse Mann und sein Patriarchat die Wurzel alles Übels ist, und am Ende auch den Migranten bedingt, der hierzulande unter Druck fragwürdig handelt, ist bei ihnen noch nicht angekommen.

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Es gibt da also einen gewissen Bruch in unserer Gesellschaft: Die einen möchten das Gefühl der Sicherheit auf kleinem Wege sofort, und die anderen langfristig durch die Überwindung des weissen Patriarchats. Erstere werden von Zweiteren gerade etwas wegen ihrer ungebildeten Kurzsichtigkeit schikaniert, und der Umstand, dass die Heldin der Feministinnen Gina-Lisa Lohfink gerade (noch nicht rechtskräftig) wegen Vortäuschung von Vergewaltigung verurteilt wurde, macht den Diskurs auch nicht entspannter. “Macker gibt’s in jeder Stadt, bildet Banden, macht sie platt“ singen sie vor dem Gerichtsgebäude, und als ich sie erblickte – kam mir eine Idee. Eine Idee, wie man mit Pfefferspray reich werden kann. Gerade in Deutschland, wo es noch Ablehnung gibt. Das ist auch eine Chance.

Das Pfefferspray ist nur verpönt, weil das Interesse daran mit der Migration kam. Niemand bei der Zeit hätte etwas dagegen, wenn es dagegen einem guten Zweck zugeführt würde. Man müsste einfach das richtige Ziel darauf vermerken, dass es den aus ehrenwertesten Motiven handelnden Oktoberfestlügnerinnen und SPON-Autorinnen, Rapehoaxverbreiterinnen und ausnahmslosen Gewaltfreundinnen zusagt. Also nicht Tierabwehr darauf schreiben. Sondern:

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Besonders in Bayern toxikologisch hoch wirksam
Praxiserpobt von #TeamGinaLisa!
No Nation, no Borders – Kartoffeltoxin and you give orders!
20% Mackeryperit-Anteil
Spezialmischung für den kaukasischen Angreifertypus!
Ob CCC-Congress oder Polyamorie – dieses Spray verfehlt die Wirkung nie!
Will er seine Privilegien nicht checken, soll er an diesem Gas …

Und so weiter , solange man konform mit den Schriften der Anetta-Kahane-Stiftung und deren Hatespeechbeauftragter behaupten kann, dass es keine Hatespeech gegenüber privilegierten Gruppen geben kann. Schlimmstenfalls ist man metaironisch auf der Maus ausgerutscht, und in der Rape Culture ist Gegenwehr Pflicht. Glaube keiner, dass irgendein gendersensibler Autor der überregionalen Presse beim weissen, alten Mann Nachsicht walten lassen würde. Stünde etwa noch dabei, dass es sich besonders für AfD-Mitglieder eignete, gäbe es sicher die ein oder andere Ministerin, die sich werbend dafür zeigen würde – wir leben schliesslich auch in einer Epoche, da sich eine Ministerin auch zum TeamGinaLisa erklärt – ohne nach einem anderslautenden Urteil wegen ihrer mangelnden Zurückhaltung zurückzutreten. Alles geht, man muss nur mitgehen. Ein paar Kisten von Weissmannvertilger in Berliner Drogerien, und niemand wird sich mehr beschweren, wenn es neutraler gestaltete Sprays auch an anderen Orten zu kaufen gibt.

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Rücksicht auf weisse Männer ist nämlich überbewertet, die tun nur so nett, wenn sie mit ihrer Frau absteigen und langsam schieben, die haben das Reizgas verdient! Vielleicht kann man auch eine Halbjahreskollektion entwerfen, passend zum H&M-Look aus Nähfabriken der Dritten Welt, der neben dem Klassiker der Latzhose- auch bekannt als Beinburka – so stilbildend für die wahren Verteidigerinnen der Frauenehre gegen das weisse Patriarchat ist.

23. Aug. 2016
von Don Alphonso
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12. Aug. 2016
von Don Alphonso
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Schöne Strafzinsen für die Grube bei der Bauernbank

Oh mei. Oiso nah.

Ist mir das alles peinlich.

Es fängt schon damit an, dass fremde Leute doch tatsächlich “Raiffeisenbank“ schreiben, wenn sie über hier jüngst eingeführte Strafzinsen für das Tagesgeld berichten. Raiffeisenbank in Gmund am Tegernsee, da, wo ich eine FAZ-Aussenstelle für Reichtum, gutes Leben und Torten mit Almblick betreibe. Es gibt hier keine Raiffeisenbank, Das sagt hier niemand. Wer dort Geld liegen hat, sagt natürlich “Bauernbank“. Bei Bauernbank weiss hier jeder, was gemeint ist. Da, wo die Bauern ihre Genossenschaft haben.

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Und dann wird auch noch von Tagesgeldkonto geschrieben. Tagesgeldkonto gibt es hier bei uns natürlich auch nicht, weil wo kämen wir denn da hin. Das ist die Gruabm, oder auf Hochdeutsch die Grube.

Mit der Gruabm hat es folgende Bewandtnis auf sich: Wenn bessere Kinder überzogene Wünsche vortragen, so antworten die Eltern meist “Jo du Drietschahl moansd I hau mas Mei ans Discheck hi schau dassd nauskimst“, zu Deutsch: “Junge Dame, bitte haben Sie Verständnis, dass Ihre armen Eltern aufgrund sonstiger Verpflichtungen nur unter grössten Entbehrung Ihren Wünschen entsprechen könnten, weshalb wir Sie ersuchen möchten, uns ein wenig diskreten Freiraum für weitere Überlegungen Ihrer Abgabe an ein Waisenhaus zu schenken.“ Der andere, seltenere Spruch geht so: “Jo moansd Du mia homma Gruabm mim Göid?“, wobei dieser Satz die Frage aufwirft, ob die Familie unterhalb des Plumpsklosetts einfach nur mit der Schaufel hinein stechen müsste, um das Geld dortselbst zu fördern. Das Risiko bei dieser Frage ist, dass ein Kind “Jo freile bei da Bauanbank“ antwortet, was nämlich nicht selten stimmt: Bewegliches Geld für Geschäfte liegt bei besseren Familien irgendwo, aber die Reserven für schlechtere Zeiten werden gern den bombensicher haftenden Bauernbanken anvertraut.

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Glücklicherweise ist es jedoch so, dass Kinder dieses System im ganzen Umfang erst begreifen, wenn sie selbst Kinder haben und genötigt sind, denen selbst Mores beizubringen. Es gibt also beständig, seit langem, eigentlich überall bei uns die Neigung, so eine Grube bei der Bauernbank zu haben, und da machte es überhaupt nichts aus, wenn der Zins niedrig war: Hätte man schnell mal den ein oder anderen grösseren Betrag dringend gebraucht, hätte man ihn dort geholt. Meistens geht das bei meinen Mitmenschen hier anders herum, und die Beträge kommen eher herein. Die legt man irgendwohin, wo man nicht nachdenken muss. Und deshalb werden die Gruben grösser und grösser und belasten nunmehr unsere Bauernbank.

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Wobei es da ja um läppische Summen geht. Diese Wiese zum Beispiel ist diejenige, auf die ich von meiner Terrasse aus schaue. Sie gehört einem alten Mann, der in einem Rollstuhl sitzt. Momentan ist sie an einen Bauern verpachtet, und vielleicht, wenn der Bürgermeister es schafft, sie aus dem Flächenschutzprogramm zu nehmen, wird das einmal Baugrund. Dann sind das Abermillionen. Das ist aber dem Mann im Rollstuhl egal, und den Kühen ist es auch lieber so. Kann sein, dass sich einige Erben einmal ärgern, wenn es kein Baugrund wird. Aber wer ernsthaft meint, die paar hunderttausend Euro, die pro Anleger strafbezinst werden, spielten da eine grössere Rolle – der kennt die Bauernbankanlegerbauerndörfer hier nicht.

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Da sind nämlich wirklich grosse, alte Höfe. Der Tourist sieht nur Wiesen und Bäume und macht sich keinen Eindruck vom Vermögen, das hier im Grund und Boden steckt. Wer hier einmal mit einem Waldbauern durch seinen Forst gegangen ist und gehört hat, was hier für Werte in den Himmel wachsen, was hier Generationen lang aufgebaut wurde, der kann sich über den Gehauf in den deutschen Medien wegen der paar Gruabm bei der Bauernbank nur wundern. Die wahre Rendite ist dunkelgrün, 30 Meter hoch und braucht Jahrzehnte, um realisiert werden zu können. Die Gruabm haben bei Bauern nichts mit Reichtum zu tun, das ist nur ein Teil der Sicherheit.

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Deshalb merkt man hier auch gar nichts von der Aufregung. Es ist schon nett, in einer Gemeinde zu leben, wo die Bauern zu viel Geld in der Gruabm haben, aber das ist halt so und hat auch damit zu tun, dass man hier nur sehr selten bauen darf. Baugenehmigungen sind kaum zu bekommen, wir leben mitten im Landschaftsschutz, und während woanders die Gruabm spätestens geleert wird, wenn die Kinder heiraten, werden hier nur ehemalige Gesindehäuser aufgestockt. Wer sein Geld nicht weltweit verbreiten will, geht halt zur Bauernbank. Und wer zur Bauernbank geht, hat sonst keine hohen Ansprüche an materielle Güter. Es gibt bei uns Bauern, die sich alles mögliche leisten könnten. Trotzdem bekommt das dritte Kind auch noch den Bulldog vom ersten, und die Mädchen stricken im Winter Mützen für den Hofladen.

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Das weiss man alles nicht, wenn man hier nicht lebt. Das verstehen Wirtschaftsseiten nicht, weil für sie das Vermögen nur dort ist, wo das Konto ist, und nicht im Wissen, dass es mit der Familie weiter geht und dass es vielen reicht, wenn sie am Abend auf der Bank vor dem Haus in der Sonne sitzen, und der Enkel neben ihnen spielt. Wer hier nicht lebt, glaubt an die Mär vom Tegernseemillionär und macht vielleicht Bilder von der AAA-Lage St. Quirin, die auch zu Gmund gehört und Leute beheimatet, die man superreich nennt. Die Bauern wohnen oberhalb, versteckt zwischen Wiesen und Baumreihen, und es macht ihnen nichts aus, wenn die Genossenschaft, bei der sie selbst Teilhaber sind, darauf achtet, dass die Bücher sauber bleiben. Die Gruabm will man nicht bei einer Bank, die in London zockt. Unsere Bauernbank macht sich noch Gedanken um ein paar hundert Euro bei 100.000 Einlage. Das ist in meinen Augen die gute Nachricht hinter der Geschichte. Anleger haften für Verluste. Und da wird auch auf Reiche keine Rücksicht genommen. Man schaut hier noch auf Heller und Pfennig. Bauernbank halt.

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Wer das nicht will, kann ja woanders hin gehen. Auf den Lüftlmalereien wird noch gesoffen, gekartelt und gehurt, da geht das Geld noch dahin und das Tal ist voller Legenden über verzockte Höfe. Die Realität ist längst eine andere: Erst im letzten Winter haben die Staatsanwälte hinten in Rottach ein Anwesen ausgenommen, weil da ein betrügerischer Anlageberater das Geld seiner Kunden mit Autorennen durchgebracht hat. Oberhalb des Sees geht es ruhig zu, man denkt nicht in Jahren, sondern sehr viel weiter, wie es eben so ist, wenn man nicht ein Mensch ist, sondern Teil einer Geschichte, die aus bitterster Not und Armut kommt und heute, weil man Glück hatte und das nahe München so reich ist, eine Gruabm bei der Bauernbank hat. Und ein Hoftor voller Schilder. Und einen Anteil an der Käsereigenossenschaft des Tegernseer Tales.

bauah

Das sind die grossen Geschichten, die hier das Leben bestimmen. Strafzins mag den Anleger in Hamburg schrecken, und die überflüssigen Millionen werden den Ruf der Gemeinde mehren, aber so ist das hier nicht. Es ist ein Fragment eines Daseins, das man nicht versteht, wenn man nicht das Ganze kennt. Es ist ein mikroökonomisches Warnsignal in einem davon weitgehend entkoppelten, makroökonomischen System, in dem es Dinge gibt, die man bewerten kann, und andere, die sich entziehen. Ich habe davon ein ganz kleines Eckerl am äussersten Rand so einer Wiese, die nicht mir gehört – aber ich kann sie anschauen, und ich, wir alle, wir profitieren davon, egal wie reich wir laut Gruabmstand angeblich sind.

bauai

Heute Nacht waren die Sternschnuppen da. Aber was an so einem diamantfunkelnden Sternenzelt dran ist, verstehen jene nicht, die nur schnell ein Bild der Bauernbank, vom See, oder der Gemeinde aus dem Internet herunter laden und in ihren alarmistischen Beitrag bauen.

12. Aug. 2016
von Don Alphonso
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09. Aug. 2016
von Don Alphonso
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Gleichstellung ist Mord

Auf dem Eingang zu Dantes Inferno steht „Gerechtigkeit bewegte meinen Bauherrn“. Denken Sie mal drüber nach!

Früher war es bei der Fürstenausbildung unerlässlich, dass die hohen Herren mehr als nur Tanzen, Kriegskunst, Sprachen und Verwaltung erlernten. Ein oft künstlerisch angehauchtes Handwerk gehörte ebenfalls dazu.

stella

In waldreichen Bayern werden heute noch kunstvolle Schnitzereien und Drechselarbeiten aus Fürstenhand in Museen gezeigt, die den Betrachtern mehr als wurmstichige Urkunden und bröckelnde Siegel zusagen. Und sollte dereinst die FAZ die Server abstellen und mein Printwerk in Archiven verstauben, dann bleibt von mir auch nicht die Wörterschraubung, sondern ein solides Handwerk mit echten Schrauben und viel sauberem, funkelndem Metall. Zur Entspannung von der mir mangels Verstand gar nicht liegenden Schreibarbeit brauche ich immer ein schrottreifes Altrad, das ich in neuem Glanz erstehen lassen kann.

stellb

Eine gute Quelle dafür ist der Wohlstandsmüll meiner zu Reichtum gelangten Mitmenschen. Die Jüngeren tauschen ihre Räder alle 5 bis 10 Jahre aus, die Älteren, die noch Qualität schätzten, steigen jetzt auf Elektrolurche Pedelecs um, und haben keine Verwendung mehr für alte Sporträder aus früheren Jahren. Das dort oben ist ein Villiger, aus einer längst verschwundenen Qualitätsfirma aus der Schweiz, und ein wirklich gutes Rad: Genau so eines habe ich schon einmal gekauft, restauriert, verschenkt, und inzwischen erobert es unter der neuen Besitzerin nach St. Gallen und Paris die City of London. Es ist also keine Überraschung, dass ich mir als durchaus hoch und wohlgeborener Sohn aus besserem Hause nunmehr die Finger daran schmutzig machen werde.

Ein gutes Schloss habe ich schon gekauft. Mit diesem Satz beginnt jetzt erst der eigentliche Beitrag, das davor war nur sinnentleertes Geplauder und einen ganzen Absatz Diskriminierung der Social Media Stasi habe ich gestrichen, weil jetzt mal wieder andere dran sind, aber ich habe Sie ja gewarnt: Schreibarbeit liegt mir nicht. Also, ich habe ein Qualitätsschloss zu diesem Rad gekauft. Denn ich übernehme nicht nur den Wohlstandsmüll der anderen Reichen, der in diesem früher enorm teuren und hochwertigen Rad zum Ausdruck kommt. Ich höre beim Übernehmen auch manch andere Geschichte über andere Leute. Wie man sich vorstellen kann, ist der Schrottplatz, ähnlich wie der Friedhof, das Oktoberfestzelt oder die Förderungspraxis des Familienministeriums ein Ort, wo auch mal das Unterste über dem Obersten zu liegen kommt.

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Hier ist es auch so. Denn dort, wo die einen nach fachmännischem Gespräch das Alte schätzend erwerben, gibt es auch welche, die Nachts um zwei lieber über eine Mauer klettern und sich das fahrbereit erscheinende Material widerrechtlich aneignen. Auch auf dem Schrottplatz wird geklaut, letzthin war erst wieder das Tor aufgebogen. Und da habe ich, nach Ansicht der dort herumstehenden Ruinen, unter denen auch wirklich viel minderwertiges Geraffel ist, gefragt, wer das tut. Und warum. Wieso um alles in der Welt riskiert man in der Nacht einen polizeilichen Zugriff wegen eines alten, rostigen Damenrades? Warum greift man nicht nach dem halb zerlegten MTB und verscherbelt die Anbauteile bei Ebay? Was sind das nur für Leute? Ich kenne solche Leute natürlich nicht, aber es gibt sie offensichtlich, und ich möchte verstehen, warum sie so anders sind als ich, das klapprige Damenbauhausrad nehmen und den glänzenden Dynamo von 1938 verschmähen.

Die Antwort war – zumindest für mich – enorm spannend und führte zum Kauf des Schlosses. Es ist nämlich so, erzählte der Betreiber. Menschen mit einem Alkoholproblem, von denen es doch einige gibt, stellen häufiger fest, dass sie noch etwas trinken oder rauchen möchten. Allerdings haben sie nichts mehr daheim. Nachdem sie sich in diesem Zustande jedoch nicht in ein Auto setzen, weil sie den Schlüssel nicht ins Schloss bekommen oder auch gar kein Auto mehr finden oder haben, präferieren sie das Rad. Mit dem Rad kommt man recht weit, selbst wenn die Füsse so weit nicht mehr tragen würden. Voraussetzung ist jedoch, dass das Rad spurstabil ist. Wie es alte Damenräder für unsichere Seniorinnen nun mal zu sein pflegen.

stelle

Ein Gepäckträger ist wichtig, Licht würde nur auffallen und kostet Kraft, also sucht dort niemand einen Dynamo. Wichtig ist das Damenrad aber noch aus zwei anderen Gründen: Man kann tief einsteigen und muss nicht das Bein über den Sattel heben, was jenseits von 2 Promille schwierig ist. Und wenn man doch einmal stürzen sollte, knallt man nicht mit dem Primärgenital auf das Oberrohr eines Herrenrades, was auch nach einer Flasche Wodka noch schmerzhaft ist. Ausserdem ist ein altes, stabiles Damenrad sicher auch eine gute Gehhilfe, fällt mir ein. Deshalb gibt es ein Schrottplatzpublikum, das nächtens einsteigt und zu alten, unauffälligen, banalen Damenrädern greift, und gar nicht auf die Idee käme, jene nervösen Flitzer ohne Gepäckträger und niedrigem Lenker zu kaufen, die ich, Donnie Knoxville, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und 100% Andrenalinanteil im Blut von der oberen Firstalm über Holperstrecken bis zum Spitzingseesattel und dann weiter nach Neuhaus jage (Senioren! Versucht das nicht im Altersheim!).

Ein, zwei Kasten Bier, wird mir gesagt, bekäme man schon für so ein altes Damenrad, beim entsprechenden Publikum. Das sind die Momente, in denen mir wieder bewusst wird, wie unendlich anders Menschen jenseits der Klassengrenzen sind. Es gibt Menschen, die nichts für blinkenden Chrom übrig haben, solange sie das Rad nur zur Tanke und wieder zurück bringt. Das Verletzungsrisiko, das ich einfach ignoriere, ist ihnen voll bewusst und fliesst beim Erwerb in die Entscheidung ein. Wir alle machen uns Gedanken über relevante Aspekte des Daseins und gelangen zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen, die innerhalb unseres Systems aber vollkommen logisch sind – egal ob Erschöpfung auf dem Alpenpass oder Delirium Tremens auf der Couch das Ziel sein mag. Meine Silberkanne von 1823 ist etwas anderen als die Obstlerflasche: Der Weg dorthin ist aber für uns alle das Ziel. Das ist Gleichberechtigung, abgesehen vom Umstand, dass ich ein Schloss kaufen muss, wenn ich nicht möchte, dass das Villiger geklaut wird.

stelld

Die heute oft geforderte Gleichstellung wäre es, wenn man mir einige meiner vielen Rennräder abnähme, was ich vielleicht, das gebe ich zu, gar nicht merken würde. Und sie dann den Trunkenbolden gäbe, in der Hoffnung, dass sie sich dann auch sportlich betätigen und clean werden. Der DDR, die dem Westen Angela Merkel, Katrin Göring-Eckardt, Katja Kipping und Manuela Schwesig brachte, traute ich das sofort zu: Denn natürlich ist es irgendwo diskriminierend, wenn der eine Räder hat, und der andere im Halbsuff, marxistische Parolen skandierend auf Mauern klettern muss, und sich vielleicht beim Sturz auf die Räder verletzt. Nehmen wir also an, wir werden gleichgestellt und 20 Säufer bekommen top gepflegte, pfeilschnelle, hypernervöse Colnagos und Chesinis, hochaufragende Downhillmaschinen von Cannondale und Scott, oder historische La Perles und mit sogenannten Selbstmörderumwerfern, die man mit einem Hebel zwischen den Beinen bedienen muss, und dann würden sie damit und mit 1,7 Promille entlang einer viel befahrenen Hauptstrasse zur Tanke fahren. Und einhändig, die Flasche in der Hand, zurück. Das ist die Realität jenseits der Ideologie. Das ist Gleichstellung. Und Mord.

Gleichstellung tötet: Auch einem Social-Justice-NGO-Mitglied würde das Hirn platzen, wenn es so eine Fiesheit 10 mal im Monat liefern müsste, um meinen von ihm heiß begehrten Job auszufüllen zu kön Man muss sich einfach mit ein paar Realitäten anfreunden: Den einen interessiert ausschliesslich der Alkoholgehalt der Flasche, und den anderen der Reinsilbergehalt der Teekanne. Wenn man das erst mal akzeptiert und die Verschiedenheit der Bedürfnisse anerkannt hat, ist jede weitere Debatte um Quoten und Erbschaftssteuern überflüssig: Eine Feministin jammert gerade bei der Konkurrenz, weil es in Berlin in ihrem bevorzugten Bezirk keine für sie bezahlbare Wohnung gibt: Sie hätte wirklich gar nichts davon, wenn ich in meinem Stadtpalast ein Zimmer abgeben müsste. Bei meinem Lieblingsrennen können Frauen unbegrenzt teilnehmen, während Männer durch eine Verlosung müssen, und am Ende das kriegen, was noch übrig bleibt: Vielleicht quälen sich einfach nicht so viele Frauen auf 40 Jahre alten Rädern 140 Kilometer weit über glutheisses Geröll. Ein anderer will mehr Geld für seine Photoreportagen über Migration, die er für wichtig hält: Das mag schon so sein, aber was hilft das am Schliersee, wo man sich statt Flüchtlingsbooten lieber Schiffsprozessionen anschaut?

stellf

Wir können natürlich gern über alles diskutieren, aber glauben Sie mir: Es geht uns allen besser, wenn ich auf dem Rennrad fahre oder hinter dem Steuer eines 272-PS-Boliden sitze, und Silberkannen und Gemälde zwischen meinen Wohnorten transportiere, als wenn Leute Zugriff auf diese Optionen haben, die damit nicht umgehen können und wollen. Ich halte das für die anderweitig vielgepriesene Diversität und Multikulti, und dass ich zufällig als Abstinenzler an der Spitze der sozialen Nahrungskette stehe, bedeutet noch lange nicht, dass ich nicht auch ein Herz für die Bedürfnisse schutzbedürftiger Freunde des Alkohols habe. Einen Besseren, Mildtätigeren und sozialer Denkenden werden sie dort oben nicht bekommen, also lassen wir alles bitte so, wie es ist.

09. Aug. 2016
von Don Alphonso
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03. Aug. 2016
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Die preussischen Türken vor dem bayerischen Wien

Kommt der Janitschar, zahlt er meist nicht bar.
Und die Sultanine ist keine kesse Biene.

Wie allgemein bekannt sein dürfte, gibt es kein friedliebenderes, angenehmeres, menschenfreundlicheres,, höflicheres und sprachbegabteres Volk auf dera Welt ois wia de Bayern.

Das glauben jetzt vermutlich viele nicht.

Aber wenn Sie mein schönes Heimatland bereisen und einem anderen das Bier wegtrinken.

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Oder seine Liebste zum Tanz auffordern oder behaupten, Inszenierungen der Bühne des Berliner Volkes wären tiefgeistiger als Terofals Schlierseer Bauerntheater, oder wenn Sie eine angewiderte Lädschn beim Kurkonzert der Blasmusikkapelle Gmund unten am Tegernsee machen, wenn die Sonne hinter den Bergen verschwindet, und die militärische Natur des Partenkirchner Gebirgsschützenmarsches kritisieren, dessen Wohlklang hinüber zum Spielplatz mit den hoffentlich unverdorbenen Waldorf-Kleinen zieht –

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dann wird Ihnen die Gnade zuteil, für die Bayern so geschätzt und geachtet wird. Niemand wird deshalb handgreiflich oder brutal. Denn uns allen wird in frühester Kindheit beigebracht, dass sich das nicht ziemt. Zumindest in den besseren Kreisen, aber andere gibt es am Tegernsee ohnehin nicht, weil es von dort aus nämlich sozial nur noch abwärts geht bis hinter Hamburg, also sehr weit, nicht wahr. Jedenfalls lernen wir schon als Kind, dass wir in solchen Momenten keinesfalls Gewalt sprechen lassen sollten, sondern uns natürlich bemühen, das zu tun, was die Geldverprasserkampagne “Nohatespeech“ mit Finanzierung der deutschen Regierung gerade ohne Erfolg versucht: Kritik und Bitten um Mässigung positiv und empfängersensibel auszudrücken. Wir sagen nicht zu Fremden, dass gleich der Watschenbaum umfallen würde – das sagen wir nur zu Freunden, damit sie wissen, was gleich kommt, und dass sie sich bereit halten sollen. Fremden aber sagen wir, dass bei uns jeder einen frei habe: “Oan hosd frei.“

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Auf der einen Seite drückt unsereins wohlerzogen damit aus, dass wir tolerant sind, und auch einmal zurück stecken. Auf der anderen Seite verzichten wir damit auch auf explizite Drohungen mit grobem Salz und gehackten Sauborsten vor einer Platzpatrone in der Flinte, zu denen wir durchaus befähigt wären. Wir teilen lediglich mit, dass hier nun unsere Toleranz im Rahmen des Zumutbaren vom Gegenüber nunmehr in Anspruch genommen wurde, und wir bis zu diesem Moment selbstredend davon absehen, unsereins Vergeltung zu üben. Die Ausmalung dessen, was käme, sollte dieser Langmut und das vorzügliche Zuvorkommen, dieses humanistische Privileg des Schlucken unsererseits erneut auf die Probe gestellt werden, überlassen wir dem anderen. “Oan hosd frei“ bedeutet, etwas zu sagen, indem wir es nicht sagen. Wir sind nicht unfein wie der andere, wir drücken unser Missbehagen durch Betonung unserer friedliebenden Tugendhaftigkeit und Zurückhaltung positiv aus.

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Jetzt werden manche natürlich sagen, dass das Betragen der Bayern seit jeher im Bund der Republik und schon davor als “Odnungszelle Bayern“ in der Weimarer Republik auf gar keinen Fall den Anschein macht, als habe man einen frei, und das innere, erkennbare Kochen des Ministerpräsidenten darauf hinweise, wie gern er der Kanzlerin den Teppich unter den Füssen wegzöge, und manch anderer, auf Bayerisch gesagt, gern ein Haberfeldtreiben veranstalten würde. Ich möchte das an dieser Stelle auch gar nicht bestreiten – so etwas kommt schon einmal vor. Die Sache ist nur: Tatsächlich hatte Preussen schon mal einen frei. Es gab einen Tag, fast genau 150 Jahre ist das her, da haben die Preussen und ihre Verbündeten das Recht in Anspruch genommen, bei uns einen frei zu haben. Das war während des sogenannten Deutschen Krieges, der weitgehend vergessen ist, und allein auf die Schlacht bei Königgrätz reduziert wird.

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Dabei passierte damals noch mehr. Bayern gelang es mit einem geschickten Seitenwechsel 1813, auf die Siegerseite der napoleonischen Kriege zu gelangen, und wurde beim Wiener Kongress mit der Erhebung zum Königreich und mit neuen Untertanen in Franken belohnt. In der Folge brachten die Könige all das schöne, frische Geld ihrer Untertanen lieber mit Luxusbauten, Schönheitengalerien, Museumsankäufen, Frau Lola Montez, Freibier und Revolutionen in Griechenland durch, statt sich nochmal dem Militär hinzugeben, von dem man nach all den Schlächtereien wirklich genug hatte. Man baute in meiner dummen, kleinen Heimatstadt eine immens teure und nur für unser Familienvermögen nicht sinnlose Defensivstellung, und kümmerte sich kaum um Themen wie Kanonen oder Gewehre. Das rächte sich 1866, als die Preussen mit dem Mainfeldzug begannen und Bayern überfielen.

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Sie kamen dabei ziemlich weit – von Hessen bis in den Raum zwischen Nürnberg und Bayreuth. Man kann sogar sagen, dass Bayern fast ohne Gegenwehr davon gelaufen ist, wenn man den einen, den man frei hat, strapazieren will. Das Kommando der preussischen Truppen war am 31. Juli 1866 in Gräfenberg, woher die Bilder stammen, und hätte, wenn der Feldzug eine Woche länger gedauert hätte, vermutlich ein Drittel des bayerischen Territoriums von Aschaffenburg bis Hof erobert. Das war keine Ruhmesstunde für das Königreich Bayern, dessen Armeen nichts vermochten, und bei uns in der Schule war es so, dass wir zwar formal gelernt haben, wie Bismarck das Deutsche Reich einigte, informell aber sehr genau und jenseits des Lehrplanes erfuhren, mit welchen Methoden, welchen hinterfotzigen, das gelungen ist. Bayern fügte sich damals ins Unvermeidliche, sparte das Blut seiner Söhne, und handelte hier in Gräfenberg in einem Haus, auf dem das alles verzeichnet steht, einen Waffenstillstand aus. Während ganz Frankfurt versklavt und Teil des preussischen Reiches wurde, hat Bayern nur einen paar Grenzregionen im Norden verloren, die die Preussen als Verbindung zu ihren neuen Sklaven im Westen brauchten. 30 Millionen Goldmark mussten die Bayern zahlen, 30 Millionen auch die Frankfurter Bürger: Davon hat man sich am Main bis heute nicht erholt, wo man im Übrigen von Wiesbaden beherrscht wird.

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Bayern kam gedemütigt und mit einem blauen Auge davon. Die Idee, einen Südstaatenbund als Gegengewicht zu Preussen zu gründen, wurde damals verworfen. Aber den bayerisch-preussischen Gegensatz hat es davor nicht gegeben. Man lebte im 18. Jahrhundert gut mit den Hohenzollern in Ansbach und Bayreuth zusammen, man fürchtete die Österreicher eigentlich mehr als Preussen, die als Ketzer sowieso in der Hölle landen würden. Hier, im schönen Gräfenberg, wo alles noch wie früher aussieht und runde Franken unter Linden Bier trinken, das sie selbst brauen, hatten dann die Preussen nach ihrem Überfall den einen frei, den man hier frei hat. Hier haben wir sie kennen gelernt. Hier hätten die Preussen einen noch weiter frei gehabt und Bayern tatsächlich erobern, zerschlagen und frankfurtisieren können. Manchmal gewährt das Schicksal auch dem Abscheulichsten eine grosse Stunde, und er müsste nur zugreifen – offenbar hatten die Preussen hier jedoch genug. Und zogen dann wieder ab.

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Preussen und seine Nachfolgestaaten haben sich übrigens für den Eroberungskrieg nie entschuldigt. Wir nehmen zur Kenntnis, dass Deutschland insgesamt sich sehr wohl für preussische dominierte Kolonialmassaker entschuldigt, die weit über 100 Jahre her sind – die Bierrechnungen von Gräfenberg sind immer noch offen. Es mag sein, dass die Frankfurter ihren Frieden mit der Zeit der Okkupation geschlossen haben, aber in Bayern lebt man mit dem Gefühl, dass die da oben schon einen frei hatten und alles andere, jede weitere “Wir schaffen das“-Wortmeldung, jede weitere fehlende Grenzsicherung, jede weitere Zwangszuweisung von Leuten, die man eigentlich nicht will, zu viel ist.

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Deshalb leben wir hier auch in der Überzeugung, von allen Völkern auf dem Erdenrund das friedlichste zu sein. Wir haben den 1866er Krieg nicht angefangen, der über uns gebracht wurde, wir haben in Gräfenberg einen Waffenstillstand unterschrieben und unter Zwang eine preussische Dominanz ertragen, in deren Folge Europa zweimal Ausgangspunkt von Weltkriegen wurde. Es ist müssig zu debattieren, was passiert wäre, wenn es anders gekommen wäre und man den vorrückenden Preussen Noroviren ins Bier gemi, aber zu Gräfenberg haben sie den, den sie frei hatten, für den Rest ihrer unmenschlichen Geschichte aufgebraucht.

graej

Oan hod frei, nochad bin i dro. Heisst der Spruch, wenn er ganz ausgesprochen wird. Seit dem 1. August 1866 fühlt sich Bayern bundespolitisch dran. Und sollte Deutschland dereinst in seine Völker und Landsmannschaften zerfallen: Der Grundstein dafür wurde bei uns in Gräfenberg gelegt, und wenn Berlin bald wieder eine geandreasscheuert wird, dann sind unsere Oberen der festen Überzeugung, dass es sich ledigich um einen Akt der Selbstbehauptung handelt, die auch dem höflichsten, friedliebensten menschenfreundlichsten und angenehmsten Volk erlaubt sein muss, als dessen vorzüglicher Sohn ich mit diesem hochkritisch-historischen Beitrag hoffentlich zur Völkerverständigung beigetragen habe.

Sie können das gern kritisieren, denn einen haben Sie bei mir auch frei.

03. Aug. 2016
von Don Alphonso
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29. Jul. 2016
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Her mit den kleinen Osteuropäerinnen

Viel Feind, viel Ehr.

Vorab muss ich zwei persönliche Verwicklungen offen legen. Die erste betrifft den Umstand, dass ich Frauen kaufe. Ich sehe sie, sie gefallen mir, und wenn ich sie mir leisten kann, dann kaufe ich sie. Schönheit ist ein zentrales Kriterium, die Herkunft ist mir egal. Natürlich kommen ziemlich viele Frauen aus Osteuropa, wo man Geld braucht und dafür Frauen in den Westen schickt. Gerade kam wieder eine Frau hier an, aus dem osteuropäischen Umland des malariaverseuchten, slawischen Sumpfes, auf dem heute der Reichshauptslum Berlin steht.

newma

Ich kaufe, das muss ich offen sagen, Frauen aus Osteuropa aus der Zeit von 1650 bis 1850. Sie entsprechen einfach meinem Ideal, was Portraits angeht. Dass ich die Notlage von Ärmeren ausnutze, ist halt mal so. Ich habe da kein schlechtes Gewissen. Denn in Osteuropa wohnen, und da sind wir beim zweiten Teil meiner Verwicklungen, auch mir wirklich enorm unangenehm erscheinende Leute. Victor Orban. Vladimir Putin. Massenhaft Ex-Stasi-IMs und andere Restbestände stalinistischer Unterdrückung. Hetzende Tagesspiegel-Redakteure und Leute, die die Nachfolgeorganisation eines früheren FAZ-Blogs betreuen. Das heisst „10 nach 8“, und man raunt mir im fernen Latzhosistan nach, ich, der höflichste Mensch von der Welt, hätte dessen Mitarbeiterinnen als “Giftnattern“ bezeichnet. So steht es in der taz, also muss es für Ostberlin zwischen Mauer und Stacheldraht stimmen. In diesem Zeitblog jedenfalls beschäftigt sich eine Autorin, ebenfalls aus Berlin, nun in einem Beitrag anlasslich der Verunglimpfung einer Autorin  mit dem Frauenbild alter, weisser Männer. Als Paradebeispiel nimmt sie – Korrelation und Kausalität verwechselnd – ein Interview der Wochenzeitung WOZ mit einem Troll, in dem dieser offen sagt, mit einer Osteuropäerin zusammen zu sein, und urteilt dann:

newmb

So einfach kann man sich das machen – und dabei gleich die negative Bewertung von Osteuropäerinnen übernehmen.

Die Autorin hat “Gender“ als Forschungsschwerpunkt, und da kann es nicht wundern, wenn sie denkt, sie könnte neben dem Hassobjekt alter, weisser Mann auch noch die zurückgebliebene, arme Osteuropäerin verwenden, vor deren dunklem Hintergrund die feministische Frau aus dem Westen um so heller zu glänzen versteht. Ein paar Gedankenschritte weiter, und wir sind bei der genderideologischen Rassenschan Aufforderung an die Nation: Deutsche Männer! Lasst euch nur von westlichen Feministinnen umerziehen!

newmc

Nun kenne ich ja beide Lebenswelten. Ich weiss, wie schnell manche Hatespeech-Spezialistin ihres Gattens überdrüssig wurde und mit einem radikaleren Steineschmeisser durchbrannte, ich weiss, wie eilig da Beziehungen und Abschnittsväter ausgetauscht werden, wenn es die Vorteile hergeben. Und erstaunlicherweise sind es gerade die voll bewussten, emanzipierten Frauen aus diesen Kreisen, die an jene scheinbar aufgeklärte, linken Typen geraten, die später mit Hashtags wie #whyisaidnothing oder in Blogs als wahre Monster beschrieben werden. Von aussen betrachtet sehe ich Lebensläufe, die mit mediokren Jobs bei Förderungsempfängern ganz sicher nicht zu einen angenehmen Altersreichtum zwischen alten Dielen und Kronleuchter führen. Wer mit 30 noch nach einer Mietwohnung für maximal 500 Euro suchen muss, ist mit diesem Treiben entweder noch nicht Millionär geworden, oder hat, horribile dictu, keine reichen Eltern.

newmf

Bei uns ist das naturgemäss anders, weil man sich das Leben hier leisten können muss. Das führt dazu, dass hier – ähnlich wie in Zürich, wo der bekrittelte Troll lebt – die meisten Menschen vermögend sind, und ihre Kinder gar nicht daran denken, niedrige Arbeiten zu verrichten. In der Folge geschieht das, was es früher auch schon gab: Die Personallücken werden mit Migranten aufgefüllt. Meine Grosstante B. zum Beispiel bekam als junge Frau die Gelegenheit, in Hamburg zu arbeiten, wo man für einen nachgebauten, bayerischen Bierkeller authentische Mitarbeiterinnen suchte – zehn Jahre später war sie als Senffabrikantin angesehenes Mitglied dessen, was Hamburger für Gesellschaft halten. Ich habe ihre Photoalben mit den Schnappschüssen, und irgendwann zeige ich mal, wie Hanseaten sind, wenn die Zeit-Mitarbeiter nicht dabei sind. Aber wie auch immer: Sie war resolut, angelte sich einen Berufssohn, liess sich ihr bayerisches Erbe auszahlen und machte den Kerl, ihren Mann, katholisch, wie wir das brutale Zurichten in Bayern so formschön umschreiben. Das hat ihm gut getan!

newmd

Die Zeiten haben sich geändert, Hamburg ist nur noch ein Hafen mit Hochwasserphilharmonie und Junkies, und der Reichtum ist heute bei uns in Bayern. Wer hier öfters ausgeht, wer gern in Biergärten sitzt oder sich Knochen beim Paragliden bricht, oder mit dem SUV in Rottach den Maibaum umnietet und einen Anwalt braucht, der gerät bei den Bedienungen, in den Kliniken und Vorzimmern laufend an Migrantinnen aus weniger glücklichen Regionen. Sehr viele Ostdeutsche sind hier, Osteuropäerinnen, und durch die Finanzkrise inzwischen auch Italienerinnen. Die haben dann wirklich die Qualitäten, die unsere Staatspropaganda früher jenen Herren zugeschrieben hat, die bei uns in der Traglufthalle Rottach statt dessen ihr privates Kalifat machen wollten: Engagiert, selbstbewusst, lernfähig, aufgeschlossen und mit jeder Faser des Körpers bereit, das hier zu ihrem Land zu machen. Sie haben viel aufgegeben, sie sind bereit, unter widrigen Bedingungen neu anzufangen. In der Gesundheit, in der Gastronomie, in der Pflege. Und von dort, wenn ich das berichten darf, kommen dann auch die härtesten Urteile über die erwartungsgetriebenen Formen der Migration, für die Angela Merkel steht. Sie wissen, dass Kochen billiger als die Nummer von Lieferando wählen ist. Sie bringen handfeste Qualitäten mit, die der ein oder andere etwas weltfremde Bubi aus besseren Kreisen oder ein Gutverdiener aus der IT brauchen kann.

newmi

Und so kommt das dann. Ich kann davon berichten, weil ich vor drei Wochen zufällig Zeuge so einer Hochzeit war, und da kam Osteuropa und Bayern in der hiesigen Tracht – und bitte, ich habe die Basis meiner Qualitätsverwechslung von Kausalität und Korrelation wirklich gesehen und mit einem teilnehmenden Bekannten geredet, und nicht meine männerverachtenden Vorurteile von der WOZ bestätigen lassen. So geht Journalismus, liebe Zeit! Als Geschenk gab es kein Elektroauto und Geschenkgutscheine für veganen Urlaub, sondern einen alpinaweissen SUV in Familiengrösse. Es gibt eigentlich überall auf der Welt einen enormen Drang zum Wohneigentum: Da passen traditionellere Deutsche besser zu jeder anderen Frau als zu prekären Doktorandinnen, die ohnehin nie einen Hauskredit bekommen würden. Es mag manchen nicht gefallen, aber potente Osteuropäerinnen passen einfach besser. Es ist für sie natürlich auch leicht, mehr Spass als feministische Theoriekurse über gluteinfreiem Essen zu versprechen – aber warum soll man den klugen Osteuropäerinnen die anämisch-desastrosen Auswahlbedingungen vorwerfen, die lebenspraxisferne Studien erst ermöglichen. Die Angebotslücke erschaffen urdeutsche Universitäten und Medien wie die Zeit.

newmj

Noch ist es in Sachen der Liebe nämlich so, dass sich Topf und Deckel finden. Ich weiss, dass dieses Zeitblog da öfters Quoten für alles mögliche fordert, und es vielleicht auch ganz gern Zwangszuteilungen für bessere Söhne hätte, die eine Geschlechtertheoretikerin dann zum Ausgleich für die Gulagisierung des Alltags von ihren drängenden, materiellen Sorgen befreien – vielleicht ist Ihnen ja auch schon aufgefallen, dass Feministinnen über fast alles, nie aber wie Sie und ich über die Preise des Gemälderestaurators und der Parkwächter jammern: Das ist ein untrügliches Zeichen für Reichtumsdefizite. Bis dahin wird der Genderkomplex sicher fortfahren, Osteuropäerinnen zu benutzen, um deren Männer zu beschämen. Das erste Opfer des Feminismus ist bekanntlich immer eine Frau. Aber das ändert nichts an den Grundgegebenheiten der langfristigen Bindung, und da schalten Männer oft ihr Gehirn ein. Oder haben eine bessere Mutter, die dafür sorgt, dass sie es tun. Hochheiraten ist, so es anpassungsbereit und fleissig erscheint, durchaus akzeptiert, ganz im Gegensatz zu gschdudierdn Davonläuferinnen, die damit auch noch das Familieneigentum schmälern, statt es zu mehren.

newmh

Auf der einen Seite bringt das unsereins natürlich den Ruf ein, das zu sein, was man in Bayern einen schiachn Gardoffebauan, an schiachen nennt: Jemand, der sich nicht sonderlich müht und auf niedrigem Niveau zufrieden zu stellen ist. Auf der anderen Seite ist man damit aus unserer Sicht aber “guad afgramd“, was nach hiesigen Vorstellungen das Wichtigste ist. Dann hat man genug zu tun, die Lebenserwartungen der Partner nach Harmonie und Frieden zu erfüllen, und hat es daher auch gar nicht nötig, wie in der Zeit vermutet, Körperdebatten über jene Leute zu führen, die bei diesem Spiel übrig bleiben: Ganz gleich ob schlank wie Elapidae oder breit wie Rhinella Marina, das gibt es hier nicht. Dafür gibt es übrigens auch bayerische Fachtermini, auf die ich hier jedoch verzichte.

newmg

Aber nicht verzweifeln: Die Herren, die bei uns in Rottach den Islam mit der Faust durchsetzen wollten, sind jetzt von der Abschiebung bedroht. Heirat mit einer EU-Bürgerin könnte sie retten, und nachdem alles Übel nur vom alten, weissen Mann ausgeht, sollte es doch nicht das geringste Problem sein, in den Kreisen des juste Milieu eine gute Partie für sie zu finden. Das passt schon.

29. Jul. 2016
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26. Jul. 2016
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Alle Wege führen nach Ansbach

Dass rings der Mensch die Bruderhand dem Menschen reicht trotz alledem
Ferdinand Freiligrath

Die sicherste Methode, das Amt des israelischen Ministerpräsidenten zu verlieren, wäre es, nach einem Anschlag mit einer Splitterbombe auf Zivilisten zu schweigen. Die Zivilisten, die in den Augen von Hamas-Terroristen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einem Staat legitime Ziele sind, würden so einen Akt der fehlenden Solidarität des Regierungschefs höchst übel nehmen. So schnell wie möglich äussert sich daher der Regierungschef in solchen Fällen für sein Volk. Ich war in Israel, ich kenne da Leute, man ist in dieser Hinsicht höchst empfindlich, und ich weiss aus journalistischer Erfahrung übrigens auch, dass man sich an den Terror so wenig gewöhnen kann, wie sich der menschliche Körper daran gewöhnen kann, von Metallsplittern zerfetzt zu werden.

frankh

Ansbach ist nicht weit weg von meiner kleinen, dummen Heimatstadt an der Donau. Es ist mit seinem Schloss, dem Park und der Orangerie ein beliebtes, wirklich lohnenswertes Ausflugsziel, und es gibt dort auch sehr feine, klassische Konzerte, gerade im Sommer. Ich denke, die normale, kulturbeflissene Familie bei uns ist dort jedes Jahr zu Besuch. Allein die Anfahrt über den fränkischen Jura mit seinen kleinen, gewundenen Strassen ist eine Erholung, und dort, wo ich fast täglich entlang radle, müsste man nur nach rechts abbiegen und wäre, so man in der Früh beginnt, gegen Mittag dort, wo fette Sossen blubbern. Ich kann wirklich nur raten, das mit dem Fahrrad zu machen, denn auf jeder Hügelkuppe, die man erreicht, möchte man “Hach“ sagen.

frankj

Das liegt daran, dass diese Region etwas westlich von den grossen Zentren Ingolstadt und Nürnberg nicht so dicht besiedelt ist. Es gibt, wenn man die Nebenstrassen aufsucht, wenig Verkehr. Man beginnt in Oberbayern, erreicht das Altmühltal und merkt langsam, wie sich die Regionen ändern: Erst die gedrungenen Jurahäuser mit ihren flachen, steingedeckten Dächern, dann die spitzgiebeligen Fachwerkhäuser. Hach. Die Menschen reden anders, die hardnn Gonnsonanndnn werden ganz weich, es klingt putzig – Hach! – und die Brezen schmecken auch anders: Harmonische Lauge, glattere Oberfläche. Hach. Es gibt mehr Obst und mehr Obstkuchen. Hach. Hachhachhach.

franki

Manche meiner Vorfahren haben einen sehr mannigfaltigen Migrationshintergrund, und während ich den Wiener Teil gern verschweige, weil alles vor 1670 nicht mehr zählt, so war dieser Teil der Sippschaft danach doch 170 Jahre in einem jener kleinen fränkischen Duodezfürstentümer daheim, die erst später zu Bayern kamen. Ich merge das, weil ich jenseids von Eichschdedd im Dialekt einen leichten Rückfall erleide, und wenn mich jemand fragt, erzähle ich das mit meiner Familie auch lang und breit und irgendwann werde ich Ihnen das auch noch alles hineindrücken, aber hier geht es ja um etwas anderes – nämlich darum, dass Ansbach wirklich eine Krönung der Region ist, die selbst wiederum zu den etwas vergessenen Kleinoden des Landes gehört. So lieblich. So freundlich. Hach. Ich mein, bei mir daheim hängt sogar ein fränkischer Bischof aus der Zeit von 1680, und auch ihm zwinkere ich freundlich zu. Eine Nebenkammer meines Herzens schlägt fränggisch, und es schlägt Hach.

frankf

Alf Frommer, das entnehme ich dem Internet, ist Berliner. Berliner Werber. Mir wurden gestern seine Worte mehrfach von verschiedenen Netznutzern zugemutet:

Die Entscheidung von Merkel die Flüchtlinge ins Land zu lassen war, ist und bleibt menschlich-politisch richtig. Trotz allem. #Ansbach

Das schreibt sich im fernen Berlin sicher leicht, aber ich denke eher nicht, dass ich das so apodiktisch in Franken momentan sagen würde, selbst wenn ich die Aussage richtig finden würde. Da baut jemand eine Bombe mit dem Ziel, möglichst viele Menschen bei einem Fest möglichst schwer zu schädigen, ohne Unterschied und vollkommen wahllos, nur weil sie einem Volk angehören. Aufgrund meiner inneren Verbundenheit würde ich fast vermuten, dass die Verbindung von Anschlag – die totale Negation unserer Kultur – und dem Beharren auf einer fragwürdigen und erkennbar riskanten Entscheidung, deren grösserer Kontext auch Selbstmordattentätern die Reise vor ein Pariser Stadion erlaubte, momentan nicht das angemessene Wort ist. Als ich das hier zu schreiben begann, dachte ich noch: Hoffentlich wird das Allem, dem das zum Trotze sein soll, nicht grösser, aber da war auch schon die Geiselnahme und der brutale Mord in Rouen.

frankc

Herr Frommer und die vielen hundert, die ihn teilten, müssen gar keine Zyniker sein – es sind auch Leute dabei, von denen ich weiss, dass es nicht so ist. Die Sache ist nur, dass bei mir daheim die Kombination der Verteidigung einer verantwortlichen und schweigenden Kanzlerin, einem Attentat und dem hiesigen Gefühl, dass es so auf gar keinen Fall weiter gehen darf, eine enorme Verbitterung erzeugt. Diese Berliner Aussage würde man so ganz sicher nicht verbreiten, wohnte man am Rande der Hügel, auf denen alle Strassen irgendwie nach Ansbach führen. Das schickt sich nicht. So geht man nicht mit der Heimat um, da steht das Mitgefühl an erster Stelle. Das “Trotz allem“ verbreiten dennoch viele Berliner und manche Münchner. Das sind aber nicht die Gedanken derer, die eine gewisse Verbundenheit spüren. Da ist kein “Hach“. Und natürlich auch keine Diskussionsbereitschaft. In Ansbach kommt man ins Grübeln. In Berlin will man davon nichts hören.

frankb

Die Bruchlinien zwischen den grösseren Städten und dem Rest des Landes, und speziell jenen Teilen des Landes, die eine starke, kulturelle Identität haben, sind hier öfters Thema. Meistens arbeite ich sie an kleinen Beispielen heraus, aber gestern war das ziemlich offensichtlich. Für alle meine Freunde, die hier etwas unternehmen, stellt sich jetzt instinktiv die Frage, was man beim Open Air, bei der Critical Mass, bei den Highland Games, bei den Sommerkonzerten bedenken sollte. Das ist nicht Panik, sondern durchaus wohlüberlegte Fürsorge über alle sozialen Grenzen hinweg. Das Auge würde gern weiter mit Wohlwollen auf der Heimat liegen. Nur, wenn die Heimat ein paar Strassenzüge, Lokale und eine Mietwohnung einer Baugenossenschaft sind, ist da kein Land. Die Empathie stützt sich auf das, was bleibt, und das ist das persönliche Umfeld, das meist auch nicht von dort kommt und kein Heimatgefühl mitgebracht hat. Das Private ist politisch und die neue Heimat ist es auch.

franke

Das “Hach“ kommt dort vor allem dann, wenn einer etwas sagt, hinter dem man sich scharen kann. Wenn das ideologische Grundgerüst, an dem die richtigen Überzeugungen aufgehängt werden, nicht in Unordnung kommt. Und dann ist eben die richtige, nicht zu debattierende Einstellung bedeutend wichtiger als der ferne Ort, den man erst mal bei Google Maps suchen musste. Ein Gefühl der Rührung für Ansbach bringt dort nichts. Beim Axt-Attentat von Würzburg wurde von manchen gefragt, warum uns das Attentat von Kabul nicht berührt. Mein Eindruck ist, dass Kabul und Ansbach im urbanen Kontext gleich weit entfernt sind.

frankd

Da ist es dann auch völlig in Ordnung, wenn sich die Kanzlerin erst am Donnerstag in die Bundespressekonferenz begibt, während ihr französischer Kollege Hollande sofort nach Rouen eilte. Frankreich ist ohnehin vom komplexen und politisch brisanten Gegensatz zwischen Provinz und Paris geprägt, der wahlentscheidend sein kann. Wer dort politisch überleben will, kann sich nicht verstecken und warten, bis die Nachricht ideologisch von den Medien einsortiert wurde – da hat das aufgeklärte Paris eine andere Tradition als die deutsche Tradition der Stasi. Bei uns gibt es durchaus Unterstützung für einen relativierenden Zugang, in gewissen Vierteln mancher Städte und einigen Redaktionen. In Frankreich droht schlichtweg eine Machtübernahme von Le Pen. Aus der Provinz.

franka

Es ist Sommer. Die Kirschen sind schon geerntet, die Äpfel werden rot, und Franken sind gesellige Menschen: Man könnte ihnen zuhören und nicht mit einem Werberspruch aus Berlin eins überbraten, um gleich mal zu zeigen, wie man selbst die ferne Splitterbombe globalpolitisch einsortiert. Gut, das geht natürlich auch, speziell, wenn einem egal ist, was aus einer als obsolet empfundenen Nation wird. Die Kulturschickeria von Budapest sah sich vor Orban auch auf einer Ebene mit Wien und Berlin. Niemand hätte sich am Samstag in Ansbach vorstellen können, dass dort am Sonntag eine Splitterbombe explodiert. Es kommt immer anders, als man denkt. Wir wissen tatsächlich nicht, ob nicht weitere Gefahr durch den IS unter uns droht. Möglicherweise gibt es uns sogar schon nicht mehr, sondern die mit den Sorgen und jene, die gern alles verteilen und niemanden, der sie umbringen möchte, erschiessen würden.

frankg

Dann bin ich wenigstens auf der Seite mit dem Kirschkuchen.

26. Jul. 2016
von Don Alphonso
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20. Jul. 2016
von Don Alphonso
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Erdogan hat etwas mit dem Islam zu tun

Meine Familie in der Türkei bittet mich nicht mehr über die Türkei zu Twittern, weil sie Angst vor Repressalien haben. Es wird ernst.

Die kleine, dumme Stadt an der Donau ist ein Musterbeispiel für Integration. Über 90% der Bevölkerung sind, mit den Augen eines Vertreters der alten Eliten betrachtet, Migranten. 1850 waren wir keine 10.000 Menschen, und jetzt sind es 133.000. Die meisten kamen sogar erst nach dem 2. Weltkrieg: Flüchtlinge aus dem Osten, Displaced Persons, Italiener, Spanier, Türken, Griechen, recht viele Jugoslawen, zwischendrin auch einige echte ungarische Flüchtlinge und haufenweise Wirtschaftsmigranten aus Hamburg, Preussen, Nordrhein-Westfalen und weiteren mitteleuropäischen Krisenregionen. Es sind sogar Hessen hier. Trotzdem hat sich hier alles gut eingerenkt: wir hatten ja über 150 Jahre Zeit, die Migranten einen nach dem anderen katholisch zu machen, wie man bei uns im Kernland der Gegenreformation, Toleranz mit den Rechtgläubigen und der Antiaufklärung so schön sagt.

wolfbb

Das hat so übergut funktioniert, dass ich mir letzten Winter die Idee, hier eine Bürgerwehr gegen Neuankömmlinge einzuführen, auf Bayerisch von einem Türken und einem Bosnier anhören durfte. Abgesehen davon herrscht hier Vollbeschäftigung. Jeder, der es wirklich will, findet eine anständige Arbeit, weshalb wir hier keine Genderlehrstühle brauchen. Das Lohnniveau ist hoch, und deshalb haben wir hier keine von Armut, Hipster und HartzIV geprägten Wohngegenden. Die Stadt und die sie umgebende Region ist ein Beispiel dafür, wie Deutschland sein könnte, wenn es woanders nicht wäre, wie es ist. Meine Heimatstadt ist bunt, und kaum jemand erinnert sich noch an die Zeiten, als das anders war. Kurz nach meinem Abitur, als hier die Republikaner einen grossen Europawahlerfolg eingefahren haben, und den im Stadttheater feierten.

wolfbc

Damals kam der Schönhuber, und am Tor des Theaters kam es zwischen deutschen Befürwortern und Gegnern des ehemaligen Waffen-SS-Mannes zu erst lautstarken und dann auch tätlichen Auseinandersetzungen. Ich war dabei. Auf der linken Seite. Es war nicht gerade schön, andere oide Stodarer, die man seit Generationen kannte, auf der anderen Seite zu sehen. Es gab hier nach dem zweiten Weltkrieg so etwas wie einen Burgfrieden zwischen Roten und Schwarzen, aber mit Schönhuber brachen die ganz alten, bösen Konflikte wieder auf – als hätten manche nur auf ihren neuen Messias gewartet. Es kam zum Glück anders, und Positionen, die damals Kernideologie der CSU waren, würde heute auch die AfD nicht mehr vertreten. Schönhuber hat sich bald selbst erledigt, und in der kleinen, dummen Stadt machte man wieder das, was man am besten konnte: Autos bauen, exportieren, reich werden, und hemmungslos alle aufnehmen, die bereit waren, sich diesen Zielen voll und ganz zu verschreiben. Die kleine, dumme Stadt an der Donau ist reich und bunt.

wolfba

Gestern war sie rot. Es ging dem Vernehmen nach alles ganz schnell, am Morgen erzählte mir der Türke mit Vorliebe für Bürgerwehr, dass in der Nacht die Telefonketten heiß gelaufen sind: Man sollte den Laden zusperren, kommen, und alle mitbringen, die laufen konnten. Er hielt das für gar keine gute Idee, aber er gehört auch zu einer religiösen Minderheit in der Türkei. Er sagte den Anrufern, dass es vielleicht keine so gute Idee ist, gerade an diesem Tag, nachdem da einer für den Islam fünf Menschen niedergehackt und -gestochen hat, durch die Stadt zu ziehen. Auch die Türkei ist eigentlich bunt, es gibt Kurden und Anhänger des Sufismus und Schiiten und Kommunisten, die während der Militärdiktatur nach Deutschland flohen. Es gibt aber auch Milli Görüs.

wolfbk

Der Herr mit dem schwarzen T-Shirt trägt eine Armbinde mit der Aufschrift “Ordner“. Auf dem Hemd steht der zweite Teil eines Spruches, den der Gründer von Milli Görüs geprägt hat: “Eine Blume macht noch keinen Frühling, aber der Frühling beginnt mit einer Blume.“ Die türkische Kultur hat ihre poetischen Momente und kann von ausgeprägter Höflichkeit und Anteilnahme geprägt sein, und das klingt dann auch so gar nicht nach dem, was der Judenhasser Necmettin Erbakan sonst noch so gesagt hat. Etwa “Der Zionismus ist ein Glaube und eine Ideologie, dessen Zentrum sich bei den Banken der New Yorker Wallstreet befindet. Die Zionisten glauben, dass sie die tatsächlichen und auserwählten Diener Gottes sind. Ferner sind sie davon überzeugt, dass die anderen Menschen als ihre Sklaven geschaffen wurden. Sie gehen davon aus, dass es ihre Aufgabe ist, die Welt zu beherrschen. Sie verstehen die Ausbeutung der anderen Menschen als Teil ihrer Glaubenswelt.

wolfbg

Das sind nicht DIE Türken, sage ich einer Bekannten, die ich am Rande der Demo treffe. und die sich fragt, was das soll: Dass hier über tausend Leute mit roten Fahnen durch die Stadt ziehen, und türkische Parolen skandieren. Es sind rechtsgerichtete, nationalistische Organisatoren, die sonst kaum öffentlich in Erscheinung treten. Milli Görüs, Nationale Sicht, sie vermeiden bislang eher öffentliches Aufsehen. Sie wirken lieber in der türkischen Gemeinde. Geschätzt zehn Prozent der in der Region lebenden Menschen mit türkischer Herkunft haben sie auf die Strasse, auf den Platz gebracht. Alle haben sie türkische Fahnen. Alle sind sie laut. Alle schreien sie auf türkisch. Nieder mit den Putschisten, ein Hoch auf die Demokratie und Erdogan.

wolfbh

Es kommen die Väter mit ihren Kindern. Viele tragen dazu auch Trikots türkischer Fussballvereine. Es gibt Frauen mit blondierten Haaren und engen Hosen, aber auch alle Arten der Verschleierung, und das ist die Mehrheit. Man hört von den hiesigen Exremisten nur sehr wenig, es gibt auch Programme wie “Mutter lernt Deutsch“, die von der türkischen Gemeinde und der Stadt getragen werden, um Parallelstrukturen aufzubrechen. Diese bodenlang verhüllten Parallelstrukturen, die man sonst kaum sieht, und von denen man ansonsten gern hoffen würde, dass sich da ein paar saudische Touristinnen verirrt haben, sind heute auch da. Sie sind laut, die Stimmung ist, das merkt man als erfahrener Demonstrant, aufgeheizt und schlecht, und die Polizei hat die Schränke der Bereitschaftspolizei aufmarschieren lassen, damit hier nichts eskaliert.

wolfbd

Die meisten sind in Deutschland geboren. Die meisten werden einem – privat – nach dem Türkeiurlaub erzählen, dass sie aus dem ein oder anderen Grund doch ganz gern in Deutschland leben, und daheim als “Deutsche“ gelten. Das Leben hier geht nicht spurlos an ihnen vorbei, aber jetzt, hier, als sie schreiend und fahnenschwenkend durch die Stadt ziehen, sind sie Türken und kümmern sich nicht darum, wie das auf die anderen Bewohner der Stadt wirkt, die gerade das Video des IS sehen, auf dem der Attentäter sagt, die Soldaten des Kalifats seien hier. Ich wüsste gar nicht, wo ich eine deutsche Fahne her bekommen sollte – wir haben nur eine bayerische Fahne von 1908, als der Prinzregent hier zu Besuch war. Es gibt italienische Dekofähnchen beim Carrara-Weinfest und die französische Tricolore, wenn die Freunde aus Grasse kommen. Es gibt hier aber schon sehr lang, eigentlich seit Schönhuber, keinen nationalistischen Aufmarsch mehr.

wolfbj

Halbmond und Stern ist die türkische Nationalfahne. Drei weisse Halbmonde auf rotem Grund ist die Fahne der nationalistischen, antisemitischen, exremistischen Partei MHP, bei uns besser bekannt als “Graue Wölfe“. Die sind hier auch dabei. Sie marschieren mit. Sie werden von den Erdogananhängern nicht ausgegrenzt, und hier, auf dem Rathausplatz der an sich bunten, toleranten Stadt zeigen sie den Wolfsgruss.

wolfbi

Es gibt keine Gegendemonstration. Jeder weiss, was in anderen Städten passiert ist, gegenüber Kurden und Anhängern von Bewegungen, die kritisch gegenüber Erdogan sind. Dass es passiert, dafür sorgen die Extremisten unter den Demonstranten. Es gibt in Deutschland Demonstrationsrecht, und wie es genutzt wird, wie es wirkt, ist Sache der Demonstranten und ihrer Vernunft. Hier ist es emotional, laut und nicht verständlich. Eine Machtdemonstration des Erdoganlagers. Aussenrum steht das schockierte deutsche Bürgertun und fragt sich, was das soll, eine nationalistische Demonstration für einen Machthaber einer Nation, der hierzulande, nach unseren Vorstellungen, ein totalitäres Regime mit seinem Mob durchpeitscht.

wolfbf

Alles ist auf türkisch. Die Plakate, die Erdogan hoch leben lassen, die Reden, die ihm Treue schwören, die Fahnen, die Nazis, die Kinder, die Antisemiten, die Handyknipser, die Rassisten, die hier in der Masse mitmarschieren. Wir hatten hier „… ist bunt“-Demonstrationen. Jetzt ist es nur rot. Vermutlich ist das hier nicht die Mehrheit, und nur, weil sie miteinander marschieren, müssen sich nicht viele zu den türkischen Nazis bekennen. Es gibt hier sicher auch einiges an sozialem Druck, sich zu beteiligen.

wolfbe

Aber dieser Druck kann nur wirken, weil man ihn wirken lässt. Multikulti heisst faktisch in der BRD, den anderen sein Ding machen zu lassen und das eigene Land , die eigene Kultur schlecht zu reden. Der moralistisch-deutsche Nationalismus der Gedenk- und Willkommenskultur ist weltweit ein Sonderweg, und nicht attraktiv für Kulturen, die ein positives Selbstbild haben. Der Holocaust wird angeführt, trotz hier lebender Juden, die keine Lust haben, als historische Begründung für die Zuwanderung aus Staaten herzuhalten, in denen Judenhass Staatsdoktrin ist. Es gibt keine breite, gesellschaftliche Strömung für eine positive Leitkultur, aber die Organisation einer Ex-Stasi-IM und verdeckt arbeitender Medienleute als nichtdemokratisches Enschüchterungsvehikel sozialdemokratrischer Minister. Minister, die gerne Kopftuchträgerinnen auftreten lassen, die selbst schon israelfeindliche Demos beworben haben. Minister, die vermutlich, wie viele, gehofft haben, dass es schon von selbst werden wird. Und dass man dem Menschenrechtspartner der Kanzlerin Erdogan, seinen Propagandisten und seinen sich als Feministinnen ausgebenden Fanatikerinnen in Deutschland etwas Raum geben kann, weil man anderweitig auf ihn angewiesen ist.

wolfbl

Diesen Raum haben sie sich gestern hier genommen, bis zum äussersten rechten Rand. Viele sind extra angereist. Die waren nicht von hier, sagt man mir, und ist entsetzt, dass die Grauen Wölfe auch da waren. Die Mehrheit blieb daheim, schraubte am Auto, ass Melonen, machte sich Sorgen um die Verwandtschaft. Aber die anderen haben der Stadt und den Bürgern gezeigt, wie es um Integration und Miteinander und Toleranz gerade wirklich steht, und wer hier bei vielen das Kommando gibt. Man kann natürlich darüber streiten, was deutsche Leitkultur sein soll, und ob der Islam zu Deutschland gehört. Aber wenn man keinen selbstbewussten Stolz zu bieten hat, vom eigenen Volk einseitig Toleranz verlangt, und der islamistischen und völkischen Leitkultur bei den Migranten das Feld überlässt, hat man eben die Grauen Wölfe ganz offen auf dem Rathausplatz. Und gebürtige Wattenscheider, die mit Sylt-Aufkleber am Opel Astra durch Bayern fahren und Jever trinken eine eigene Bevölkerung, die die Realität der Integration jenseits der Dashatmitdemislamnichtszutun-Talkshows und Kopftuchfeminismus-Kongresse in Berlin hautnah erleben kann, und sich dann die Meinung bildet, die zu den erlebten Fakten passt.

[Dieses Blog ist ein Freund extensiver Meinungsfreiheit. Aber auch mit einem Schrank von einem Communitymanager mit islamisch-jüdischer Dialogerfahrung. Man darf gerne mitreden. Aber bitte höflich bleiben. Sonst stelle ich Euch das Standgas ein.]

20. Jul. 2016
von Don Alphonso
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15. Jul. 2016
von Don Alphonso
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Kinder den Schlossberg hinunter werfen und grün und blau zur Schule schicken

Das ist ein Ernstfall. Das ist keine Übung.

200 Euro. Das sind 400 Mark. Das ist das, was ein Bekannter, nennen wir ihn Paul, an einem Tag ausgegeben hat. 80 Euro für den Eintritt in das Spassbad für die vierköpfige Familie, 80 Euro für Essen, Trinken und Eis, 30 Euro für Wellness und zehn Euro für den Parkplatz. Paul tut etwas für seine Familie, aber will er, wie die Kinder das gern hätten, einmal pro Woche ins Spassbad gehen, wird das teuer. Aber so ist das bei Leuten, die keinen Tegernsee in Laufnähe haben. Sie müssen erst fünf Tage arbeiten und dann ins Spassbad mit all den schönen, aufregenden Wasserrutschen. Und dann wieder arbeiten, um das alles zu bezahlen. Armer Paul.

huea

Das Spassbad gab es auch in meiner Kindheit schon. Es nannte sich Alpamare, lag in Bad Tölz, einem grausligen Ort, der sich zum nebenan liegenden Tegernsee verhält wie die Amadeu Antonio Stiftung unter der Ex-Stasi-IM Kahane zu einem echten Rechtsstaat, und war Deutschlands erstes Erlebnisbad mit Wellen und Rutschen nach amerikanischem Vorbild. Da sind wir auch ab und zu hingefahren. Das galt als etwas Besonderes. Eine Sensation. Inzwischen gibt es solche Bäder überall, und das Alpamare wird rückgebaut wie ein Atomreaktor. Aber damals hatte es eine Wellenmaschine. Das war bis dahin unbekannt und aufregend und obendrein auch teuer. Ausserdem fuhr man von der Donau aus zwei Stunden, was mit unzufriedenen, gelangweilten Sindwirbalddahaaa-Kindern in der Epoche vor dem mobilen Gewaltfilmabspielgerät sehr lang und ungemütlich werden konnte.

hueb

Ausserdem hatten weder wir noch irgendwelche anderen Familien der Stadt einen “Geldscheisser“, wie man das in Bayern so schön umschreibt, und die Eltern meinten auch nicht, dass sie sich zuerst “as Mei ans Diescheck“ hauen und später von “Federn auf Stroh“ kommen sollten, weil die Kinder überzogene Erwartungen an Wasserrutschen im fernen Bad Tölz hatten. Die schlechteren Kreise der Stadt setzten damals – es gab nur drei TV-Programme und auch die nicht den ganzen Tag – den Nachwuchs vor die Tür und wiesen ihm den Weg zu den Dreckbergen. Dreckberg, so hiess das damals, weil vom schlammigen Aushub für neue Häuser ein Berg geblieben war. Der Dreckberg kostete gar nichts. Wir dagegen, die Jeunesse Doree der Stadt, die Kinder der lokalen Plutokratie, wir mussten natürlich nicht allein auf dem Dreckberg spielen. Wir durften rutschen. Unter elterlicher Aufsicht. In Hütting im Wellheimer Trockental.

huec

Das Wellheimer Trockental verdankt seine erdgeschichtlich sehr junge Entstehung der Urdonau, die hier früher ein Tal ausräumte, und es sich dann in ihrem jetzigen Bett weiter südlich bequem machte. So blieb eine Tallandschaft ohne Bach übrig, an deren Rändern sich Formationen aus dem Erdzeitalter des Jura erheben. Das weiche Erdreich hat die Urdonau weggeschwemmt, die verkalkten Riffe aus der Dinosaurierzeit, als hier eine tropische Bucht eines Urmeers lag, blieben stehen. Natürlich ist so ein Trockental der schlechtest denkbare Ort für eine Wasserrutsche, aber dafür war es leicht und günstig erreichbar. Diese Bilder habe ich letztes Wochenende gemacht – ich bin dorthin geradelt. 70 Kilometer hin und zurück, das geht, im Vergleich zu den 300, die eine Reise nach Bad Tölz bedeutet.

hued

Es gibt dort auch heute keine Wasserrutsche, aber links, auf dem Felsen, erkennt man eine Burgruine. Das ist die Burg Hütting. Sie ist geschichtlich völlig bedeutungslos und wurde im 15. Jahrhundert bei einem der endlosen Kriege der bayerischen Teilherzogtümer nicht gegen eine Wasserrutsche oder ein Erlebnisbad oder einer Avort Ayräd Arianism Ajvar(?)massage eingetauscht, sondern niedergebrannt. Das ist schon immer eine recht raue Gegend gewesen, und gehört zum Landkreis Neuburg an der Donau, was sich zu meiner Heimatstadt verhalt wie Heiko Maas zu einem Mann von Ehre. Also wie auch immer, die Burg ist eine Ruine, und auch ein ganzes Schock Kinder der besseren Kreise kann dort oben nichts mehr kaputt machen.

huef

Solange es um die historische Bausubstanz geht.

Aber rechts und links von der Burg sind auch noch Wiesen.

Sehr steile Wiesen.

Genau genommen sind sie so steil, dass man hier sehr schön einen Kleinen Uhu der Marke Graupner mit Zeitschaltuhr fliegen lassen könnte. Aber das hat die Mädchen nicht interessiert. Meiner Schwester wurde das von meinen fortschrittlichen Eltern angeboten, aber sie wollte Barbiepuppen und ein Pferd. Da ist man also oben an der Burg an einem steilen Hang, unten im Trockental funkeln der hellblaue BMW, die dunkelgrüne S-Klasse, der zitronengelbe 911er Targa und das nagelneue Audi Coupe in Silber um die Wette. Und es muss für alle Kinder lustig sein.

huee

Sie, liebe Leser, haben nun die Gelegenheit, den Browser zu schliessen und sich den Teil zu ersparen, der heute den Jugendschutz auf den Plan rufen würde.

Da stehen also Eltern mit ihren Kindern an einem Steilhang. Und sie haben etwas mitgebracht. Linoleum. Schnödes, billiges Linoleum, das bei Bauarbeiten übrig geblieben war. Legt man das Linoleum auf die Wiese, passiert gar nichts. Setzt man sich drauf, passiert auch nichts.

Aber wenn man drauf sitzt – am besten zu zweit, denn dann ist die kritische Masse grösser – und ein Erwachsener schiebt von hinten richtig fest an, überwindet das Linoleum die Reibungsgrenze des Grases. Das geht nur bei wirklich sehr steilen Hängen, aber wenn die Fuhre erst einmal in Bewegung ist, lässt die Reibung schlagartig nach, und die Erdbeschleunigung setzt ein. Die Faust Gottes packt einen und wirft das schreiende, grölende Kinderlinoleumpaket in die Tiefe.

hueg

Die Bauernhöfe, die unvermittelt am Ende des Abhangs stehen, standen auch schon früher dort. Ich vermute, dass man mit Händen und Füssen kontrolliert bremsen kann, aber das wäre ja langweilig. Wir warfen uns kurz vor dem Einschlag einfach auf die Seite, überschlugen uns ein paar mal und blieben lachend liegen. Dann packten wir das Linoleum, rannten nach oben und so ging das weiter, bis doch mal jemand in einen Stall krachte und heulte. Dann ging es zur Gaststätte “Zur alten Burg“, die es heute noch gibt, und es gab Johannesbeersaft und Pommes. Es gab keine Liste möglicherweise allergener Stoffe auf der Speisekarte– wir sind trotzdem nicht gestorben. Normalerweise waren wir gedrillt, uns vor dem Essen die Hände zu wachen, aber wenn man zehn, zwanzig mal den steilen Burgberg hinunter gepurzelt ist, ist das auch egal.

hueh

Es gab natürlich keine Helme, keine Knieschützer, keine Handschuhe und unten keine Strohballen vor den Mauern. Es gab nur Gras, Linoleum. Schwerkraft und einen kräftigen Schubs. Die besseren Kreise waren der Ansicht, dass es ein Guter aushält und um einen Schlechten ist es nicht schade. Und die Behandlungsmethode für Schrammen, Blutergüsse und grüne, blaue und später violett schimmernde Flecken wurden mit den Zauberworten “Es ist von selber gekommen, es wird von selber gehen“ fachgerecht verbunden, desinfiziert und ansonsten für bedeutungslos erklärt. Es war eine Mordsgaudi, es war brandgefährlich, heute käme der Jugendschutz, aber wir waren jederzeit bereit, das Linoleum aus dem Keller zu zerren und uns ins Auto zu setzen. Und unsere Eltern gaben uns auf dem Weg hinunter die Überzeugung mit, dass es keinen falschen Zeitpunkt gibt, um das Leben in die eigene Hand und auf den erdverschmierten Hosenboden zu nehmen. Manche modernen Eltern zögern, ihre Kinder aus der Hand zu geben. Unsere gaben uns einen Schubs. Nachkriegsgeneration halt. Männer aus einer Epoche ohne Tempolimit und vielen Löchern im Auspuff der Sachs oder Norton. Frauen, die sich emanzipiert hatten und dachten, dass 100 gesparte Mark die paar blauen Flecke aufwogen, die ohnehin keiner spürte. Hauptsache schnell.

huei

Wie dann der Heimweg mit den teilweise bergrennerprobten Vätern am Steuer war, das wollen Sie gar nicht wissen, wenn Sie ein paar schöne Illusionen der besseren Kreise und ihrer gesitteten Ethik und Würde behalten wollen. Kavaliere der Strasse. Aber Raubritter der Landstrasse. Über den Umstand, dass die drohende Gurtpflicht Teufelszeug war, waren sich ohnehin alle einig. Wer seine Kinder den Schlossberg hinunter schubst, braucht doch keinen Gurt. Nur etwas Gottvertrauen.

huej

So war das bei uns. Lustig, schnell, gefährlich und kostenlos. Mit den blauen Flecken konnte man in der Schule prima angeben, denn wir hatten sie immer aus Hütting und nicht wie die anderen Schichten von Schlägen. Das waren Edelflecke. Heute würde man da vermutlich die Hand nicht umdrehen, als schlimm gälte beides, und vor einiger Zeit gab es mal bei einer Sommerrodelbahn beim Tegernsee einen Unfall mit ein paar Kratzern. Das war wochenlang Thema, da kam der TÜV und die Versicherung und alle waren bestürzt, wie so etwas passieren kann. Kann da auch nichts passieren, fragen Mütter heute zaghaft, wenn die mit Sicherheitsbügeln ausgestatteten Wägen langsam zu Tale rutschen. Was übrigens auch nicht ganz billig ist – ob man nun wasserrutscht oder sommerrodelt, macht finanzdesaströs keinen Unterschied.

So ist das heute für all die Pauls und ihre vierköpfigen Familien. Kein Rad ohne Helm, kein Sonnentag ohne Mütze, und alle zehn Minuten trinken und desinfizieren. So entstehen dann Kinder, die sich erst bewegen, wenn es Pokemon Go und GS-zertifizierte Rutschen gibt. Und Trampoline mit Sicherheitsnetz und Eltern, die später beim Studium die Wohnung nur nieten können, statt sie zu kaufen, wie das bei uns üblich war. Es ist eine neue Welt, und sie wird nicht auf Linoleum und Gras errichtet, sondern in Spassbädern, während die Mutter dieses Ayudingsda macht. Dafür gibt es auch keine blauen Flecken und keine peinlichen Momente in der Sprechstunde, wenn der Verdacht aufkommt, ein Kind könnte nicht sorgsam genug geschützt worden sein. Solche Kinder brauchen dann später einen Therapeuten und werden nach dem Studium von Gender und Philosophie Mitarbeiter von Jugendschutz-NGOs, die darauf achten, dass es nirgendwo Verletzungen gibt, die man sehen könnte.

huek

Hütting jedoch sieht immer noch so aus wie früher, es hat die schönsten Gartenzwergburgen erhalten, und der Burgberg wird für immer von unserem Mut und dem Schneid unserer Vorfahren künden.

 

Epilog:

Fazmann, wos schreibstn du heid, fragte mich mein türkischer Lebensmittelhändler. Wie wir mit Linoleum und unseren Eltern in Hütting den Berg runtergerast sind und was für Miesmuscheln moderne Eltern sein können, sagte ich. Seine Augen leuchteten: Dös homma mia ah imma gmochd, dös woa subba! Und wir lachten und und prahlten immer noch mit den blauen Flecken der schönen Jugend.

15. Jul. 2016
von Don Alphonso
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08. Jul. 2016
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Europäischer Nationalismus von der Handgranate bis zur Asylquote

Dieser Text dient lediglich dem Herzeigen alter Automobile, und sollte daher nicht besonders beachtet werden.

mlp

1944 war kein gutes Jahr, um in Lyon, der Hauptstadt der Resistance, einen deutschen Namen zu tragen. Im Kampf gegen das Vichyregime und die deutschen Truppen hatte die Stadtbevölkerung schwer gelitten, und nach der Befreiung wurden alte Rechnungen brutal beglichen. Lyon war kein guter Ort, um einen deutschen Namen zu tragen, und Wohlhauser klingt sehr deutsch. Maisonbien klänge französisch, aber auf der anderen Seite war Herr Wohlhauser, Raymond Wohlhauser, schon unter diesem Namen bei vielen bekannt. Was also tut ein Raymond Wohlhauser im Lyon nach der deutschen Besatzung, um seine Produkte zu verkaufen?

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Er greift zu etwas, das heute als übelster Nationalismus gelten würde. Raymond Wohlhauser stammt nicht aus Deutschland, sondern aus der Schweiz. Und deshalb zieren seine Räder eine Vielzahl von Schweizer Kreuzen, damit jedem klar ist: Schweiz. Nicht Deutschland. Und darüber ein Helm, wie bei den Wappen der Vorväter, mit Helmzier in den Farben der Tricolore. Die Trikots seines Rennteams tragen das Rot der Schweizer Flagge. Die Weltmeisterstreifen sind nicht Symbol für das Verbindende, sondern der Hinweis, dass von diesem französischen Radhersteller ein Welttitel nach Frankreich geholt wurde. So war das damals. Heute heissen beliebte Radfirmen Bulls, Canyon, Cube und Stevens, und haben so viele nationale Eigenheiten wie Darmkrebs oder Herpes.

mls

Oder wie die internationalen, meist reichen Menschen, die sich einmal im Jahr zur Mille Miglia treffen, und ihre alten Schätze, hier ejn knallblauer Bugatti aus Frankreich, durch Italiens Landschaft bewegen.

mlk

In meiner Drittheimat rund um Mantua erzählt man sich gern die Geschichte von Enzo Ferrari, der mit Tränen in den Augen versuchte, seinen Freund Tazio Nuvolari 1948 aus dem im Rennverlauf angeschlagenen Auto zu ziehen, und zur Aufgabe zu bewegen.

mlg

Nuvolari war damsls schon schwer an Krebs erkrankt und wusste, dass er bald sterben würde. Aber er war in Italien auch ein Nationalheld, und er sagte seinem Freund, dass er nicht mehr viel Gelegenheit haben würde, so ein Rennen zu beenden. Und dann fuhr er mit einem völlig übermotorisierten, lebensgefährlichen Auto weiter, mit einem vollen Tank brennbarer Flüssigkeit hinter sich.

mln

Das muss man sich vorstellen: Da weiss einer, dass ihm nicht mehr viele Tage gegeben sind, und dass einige dieser Tage auch nicht schön sein werden, und anstelle das zu tun, was vernünftig wäre – aussteigen und leben – setzt er sein Leben aufs Spiel und rast, Blut hustend und röchelnd über Landstrassen mit 200 km/h weiter.

mlv

Aus dem Stoff sind die Legenden. So etwas tut man nicht einfach so aus einer Laune heraus, sondern dann, wenn man weiss, dass die Nation auf einen blickt. Niemand muss es respektieren, wenn einer bereit ist, sein Leben zu riskieren, aber so war das damals eben. Bis 1957. als es beim Rennen um die nationale Ehre zu viele Tote gab.

mlu

Die wenigsten werden momentan wissen, wer die Weltrangliste der Rallyepiloten anführt. Niemand wirft mehr unter dem Applaus der Umstehenden Handgranaten in Geschäfte mit dem falschen Namen. Heute gibt es Fahrerzellen aus Carbon, und man bringt sich in Europa nicht mehr für die Nation um. Wie Tom Simpson.

mlf

Put me back on my bike, soll Tom Simpson auf dem Mont Ventoux gesagt haben, als er während der Tour de France 1967 stürzte und weiter wollte. Immer weiter den Berg hoch, weil er noch geringe Chancen hatte, trotz seiner Erkrankung für das englische Team den Sieg zu holen. 500 Meter weiter war er dann tot. So ist das damals eben gewesen. Die Engländer verehren ihn bis heute. Allerdings mit abnehmender Tendenz.

mlc

Wer sich mit der jüngeren Geschichte beschäftigt, stösst dauernd auf diesen mörderischen Nationalismus – und wie schnell er sich seit 1945 in Europa aufgelöst hat. Einst unverzichtbare Kolonien wurden aufgegeben, Partnerschaftsverträge wurden geschlossen, es kamen Gastarbeiter, Touristen, Studenten, es wurde mit dem Rad, der Ente, mit dem Sachs-Motorrad, mit dem Faltboot, mit dem Käfer gereist, sobald das nötige Geld da war. Wozu sterben?

mlj

Das passierte einfach so. Es gibt ohne jeden Zweifel eine europäische Vereinigung durch den simplen Umstand, dass Reisen und Mobilität möglich wurden. Europa wäre kein gemeinsames Haus, wenn jeder in seinem Zimmer sitzen bleiben würde. Und das begann, man möge sich erinnern, lange bevor es in Brüssel eine Kommission gegeben hat. Oder auch nur eine EU,

mli

Wir wurden als Kinder, zehn Jahre nach Simpsons Tod, 29 Jahre nach Nuvolaris letztem grossen Rennen, 33 Jahre nach den Vergeltungsmassnahmen in Lyon, aktiv aufgefordert, uns mit den Partnerstädten in Schottland, Frankreich und Italien zu beschäftigen. Da gab es Theaterbesuche und Weinfeste, ein Bürgermeister schwängerte eine Französin, und das war zwar ein schlecht vertuschter Skandal, aber nur wegen seiner Frau und nicht wegen der Nationalität. Heute ist es bei Besuchen gar nur noch eine lustige Anekdote.

mlw

Nochmal zehn Jahre später war ich bei so einer Veranstaltung in Frankreich dabei, und ich weiss genau, dass es damals keinen Herrn Juncker und keinen Herrn Schulz gab, und Frau Merkel war noch jenseits der Mauer: Es war sehr schön. Wir waren in der Provence, die Sonne schien, und das war Europa. Andere Landschaften hatten auch schöne Töchter und Sohne mit einem lustigen Akzent. Dann kam für alle das Abitur und Interrail, manche übergaben sich an der Costa Brava und manche entschieden sich, in Perugia zu studieren und einen Griechen zu heiraten. Wie es eben nun mal so ist.

mlz

Und um die Jahrtausendwende gab es, ohne jeden Zweifel, eine Zeit, da machten die Italiener keine Tricolore mehr an ihre Räder, sondern die Europafahne. Das war die Zeit einer Euphorie und der Überzeugung, dass die Einigung Vorteile für alle bringen würde. Es war in 50 Jahren etwas entstanden, das nun noch besser und schöner und gemeinschaftlicher werden sollte. Weil es eine goldene Zeit für Europa war. Zumindest aus der deutschen Provinz betrachtet.

mlx

Was in diesen Zeitläufen in Europa gern übersehen und mit der Behauptung “Friede und Freiheit seit 70 Jahren“ übertüncht wird: In meinen Geschichtsbüchern etwas anderes. Dort kann ich nachlesen, dass zwar tatsächlich Frieden in Europa mit Spanien und Portugal herrschte. Aber dort herrschten ohne Freiheit bis 1977 der Franqismus und 1974 das Salazar-Regime. Griechenland litt bis 1949 unter einem Bürgerkrieg, danach unter einem autoritären Regime und von 1967 bis 1974 unter einer Militärdiktatur, die von den anderen NATO-Mitgliedern gerne toleriert wurde.

mlr

Auch mit dem Frieden in Europa ist das so eine Sache: Italien stand eine Weile am Rand des Bürgerkriegs, Frankreich führte den Algerienkrieg und Indochinakrieg, Spanien den Krieg in der Westsahara, und Portugal mehrere blutige Kolonialkriege. Gerne unterschlagen wird auch der Umstand, dass Grossbritannien 1961 dem EU-Vorläufer EWG beitreten wollte, und die Verhandlungen darüber 1963 abgebrochen wurden – auf Druck von Frankreich. Das alles verantworteten nicht die Menschen. Das waren eindeutig die Regierungen.

mlm

Es ist nach meiner bescheidenen Meinung offensichtlich, dass in den letzten 20 Jahren in dieser Hinsicht einiges auch nicht funktioniert hat. Der Brexit ist da nur die etzte bittere Wahrheit, vor den man nicht die Augen nicht mehr verschliessen kann. Ein Volk nimmt sein Recht zur Selbstbestimmung in Anspruch, lehnt eine Organisation ab, und wird seitdem in den Medien übel dargestellt. Es seien die Alten gewesen. Jüngste Umfragen aus meiner anderen Heimat Italien zeigen, dass die europafeindlichen Parteien Lega Nord und Cinque Stelle fast 50% der Stimmen bekämen. Und die wählen vor allem die Jungen.

mla

Nationalismus mag in Italien noch eine kleine, verdutzte Wahlsiegerin in Turin sein, die auf einmal eine Schärpe mit der Tricolore trägt. Nationalismus ist aber auch der Versuch eines Mitgliedslandes der restlichen Gemeinschaft seine Asylpolitik aufzudrücken, im Namen des humanitären Imperativs. Nationale Interessen spielen bei Sparvorgaben eine Rolle, an die sich das Einpeitscherland Deutschland selbst lange nicht gehalten hat. Der alte Nationalismus war mörderisch bis zur Selbstaufgabe und brutal, der neue Nationalismus möchte von Sachzwängen diktiert werden, und alternativlos einfach so passieren. Früher brachte man sich freiwillig für die Nation um. Heute stirbt man in Griechenland an unabänderlichen, medizinischen Versorgungsengpässen und zur Begleichung von Staatsschulden.

mlh

Es ist leicht, auf Boris Johnson und Falage zu deuten und ihnen den alten, wohlbekannten Nationalismus vorzuwerfen. Da fällt mir ein: Haben die anderen europäischen Länder eigentlich schon ihre Zusagen aus dem Resettlementprogramm erfüllt, mit dem Italien und Griechenland um zehntausende Flüchtlinge entlastet werden soll… Nein? Es waren nur ein paar hundert? Das mag auch etwas mit nationalen Interessen zu tun haben. Die Briten haben den Fehler gemacht, den alten Nationalismus zu wählen, wo es doch so viel schönere und geräuschlose Möglichkeiten gibt. Das wirft man ihnen nun vor.

mle

Dabei haben sie sich nur gegen eine Institution europäischer Länder entschieden. Ob das irgendetwas an ihren Gefühlen zum gemeinsamen Kontinent ändert, weiss wohl niemand so genau. Vielleicht wollten die meisten wirklich nur wieder etwas mehr direkte Kontrolle, was angesichts des Geschachers um Ceta und den Parlamentspräsidenten Schulz momentan nicht ganz unlogisch erscheint. Möglicherweise haben sich manche auch nur für den ehrlichen, alten Nationalismus anstelle des neuen, fremdbestimmten Nationalismus der EU entschieden, denn so, wie die Briten gerade schlecht geredet werden, klingt das schon etwas nach EU-Nationalismus.

mlq

Das ist bemerkenswert wenig Vertrauen in über 70 Jahre Nachkriegsgeschichte und Annäherung, die die Menschen selbst vollbracht haben. Was passiert eigentlich, wenn der Brexit gut geht, man saubere Lösungen findet und die Immobilienblase in London nach ihrem Platzen das Wohnen für die Massen billiger macht? Vielleicht möchte man sich dann entschuldigen, weil der Brite immer noch gern an die Riviera fährt, und Silberkannen günstig nach Deutschland verkauft. Man hat sich 70 Jahre schätzen gelernt. Als Europäer glaube ich nicht, dass die Zuneigung wegen eines Brexits reversibel ist. Es trifft nur die EU. Aber vielleicht ist Europa als Lebensraum der Menschen inzwischen auch stark und friedlich genug, um die EU für das gute Miteinander – was die Menschen letztlich merken – gar nicht zu brauchen.

mld

Offenlegung: Natürlich kaufe ich angesichts des Pfundkurses gerade wieder wie blöd britische Silberkannen unter dem Materialpreis.

08. Jul. 2016
von Don Alphonso
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04. Jul. 2016
von Don Alphonso
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Die Steinigung des feschistischen Teufels in Mekklagenfurt

Komm her und mochs mit mia, mein Tiroler Stier.
DJ Ötzi, Anton aus Tirol

Der 10. Oktober 2008 war ein magischer Tag. Über dem gesamten Alpenraum dehnte ich das grenzenlose Blau eines traumhaften Spätsommertages aus, die Börsen in Frankfurt und London stürzten, die Luft war warm und angenehm, während die Währungen bröckelten und Banken einander nicht mehr vertrauten. Meine ärmeren deutschen Mitbürger rannten zu den Bankautomaten. Das Regime, das damals auch schon eine grosse Koalition unter sich ausmachte, plante Garantien, und ich plante nicht weiter als bis zum Abend, denn ich hatte in Meran gebucht. Die Weltwirtschaft kam ins Schleudern, als mein Roadster mit quietschenden Reifen zum Reschenpass hoch flog, und dann hinunter nach Glurns wie das panisch erbrochene Essen eines Zentralbanksters entlang seiner Krawatte glitt, und später ging es ins Licht und Richtung sichere Schweiz, wo man nun mal hingeht, wenn andere nicht mehr weiter wissen, mit röhrendem Motor hinauf zum Stilfser Joch.

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Das Bild steht an meinem Schreibtisch. Das bin ich an jenem Tag, vor den letzten Kehren am Stelvio. Es war Feuer im Himmel, die Hölle brannte die Erdkruste unter Frankfurt durch, und an der obersten Spitze dieser durch das All rasenden Schmutzkugel war ich, und der Weltenlauf drehte sich unter meinen Rädern. Auf der anderen Seite der Berge, weiter im Osten, nahe der Grenze zu Slowenien, ging ein schlanker Mann in ein Hotel und gab ein Interview, ich fuhr weiter nach Müstair, und als der Mann schliesslich noch eine Party besuchte, sass ich schon im Cafe Darling an der Meraner Promenade. Es war ein phantastischer Tag, und so ging ich früh ins Bett und der schlanke Mann hätte das vielleicht auch noch tun sollen. Statt dessen ging er in eine Schwulenbar.

Das Hotel hatte damals kein Internet, und um mich über den weiteren Niedergang des deutschen Bankwesens und seiner Politiker auf dem Laufenden zu halten, schaltete ich das TV-Gerät ein, wo mich entsetzte Politiker erwarteten. Österreichische Politiker. Ganz schrecklich, eine Tragödie, sagten sie, sichtlich mitgenommen. Es wäre ein schmerzlicher Verlust. Er war so wichtig für dieses Land. Es sei wirklich tragisch. Er hinterlasse eine riesige Lücke. Es dauerte einige Zeit, bis jemand nicht mehr “Er“ sagte, sondern den Namen des Toten.

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Doktor Jörg Haider

Ich war während der Sanktionszeit 1999/2000 in Wien. Als Vertreter der dort sogenannten “Ostküste“, mit besten Verbindungen zu den juristischen Knochenbrechern, die damals in der Zwangsarbeiterfrage die deutsche Regierung in die Knie gezwungen hatten, und sich nun anschickten, Themen wie Restitution und Arisierung auch in Österreich anzugehen. Es war die Zeit, da jede Kritik an Österreich als “Vernaderung“ galt, und ich erlebte sie alle, die Ferrero-Waldners, die Schüssels, die Gusenbauers, die Riess-Passers und durch einen blöden Zufall auch die Leute, die man mit den Worten “Feschismus“ oder “Buberlpartie“ umschreibt – die Riege junger, dynamischer, fescher Männer, die unter ihrem Anführer Jörg Haider angetreten waren, die alten, weissen Männer von ÖVP und SPÖ zum Teufel zu jagen. Oder, wenn es sich anbot, mit ihnen zu koalieren. So eine Art männlicher Netzfeminismus: Die austroalpinen Hipster, die Gegenkultur, die Jugend. Haider am Steuer des 911er Cabrio, neben ihm Schüssel, dem das alles unendlich peinlich war. Haider, der seine Partei auf 27% brachte und dann zerschlug, um mit dem BZÖ weiter zu machen. Die FPÖ übernahm einer seiner früheren Untertanen, der Strache, der Unfescheste von allen. Damals dachte man, Haider hätte es überspannt, und die Partei stürzte ab. Aber 2008 kam er noch einmal, und damals kamen FPÖ und BZÖ schon wieder auf 27%.

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Und danach ging er zu viel trinken und endete sein Dasein an einem Betonpfeiler. Und in Klagenfurt traf sich im Sommer 2009 die Kulturelite zum Wettbewerbslesen, und machte das, was sie seitdem immer tut: Sie spuckt auf Haiders Grab, ständig getragen und erhoben vom Gefühl, dass er tot ist und nie wieder kommt, und sie nun seiner Stadt anderen Glanz verleihen. Haider war tot, und ist tot, und der über sein Andenken hereinbrechende Hypo-Alpe-Adria-Skandal, der Kärnten an den Rand der Pleite brachte, garantierte auch, dass er endgültig weg bleiben wird. Das Speiben auf Haider, das Anderssein als er, das da gefeiert und ausgezeichnet ist, ist so etwas wie die Steinigung des Teufels der jungdeutschliterarischen Wallfahrt nach Mekka. Ständig wird etwas angegriffen, für das Haider Bedeutung hatte: Früher Banken, immer Heimat, heute alte Männer. Es wird der Abscheu zelebriert. Grad so, als wären die Preisträger der 80er Jahre auch noch junge Menschen und keine ergrauten Stützen des Kulturfördersystems.

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Und grad so, als hätte sich mit Haiders Tod irgend etwas verbessert. Vor acht Jahren dachten wir alle, dass diese 27% das Maximum dessen sind, was der Rechten in Österreich gelingen kann. Heute sind wir froh, wenn sie keine 50% bekommt, obwohl Haider tot ist. Sein ehemaliger Anwalt Böhmdorfer und der Unfescheste von allen seinen Paladinen, sie haben Neuwahlen vor dem Verfassungsgerichtshof erzwungen. Dem Linken Robert Misik bleibt nur das Jörg-Haider-Gedächtnisschimpfen auf die Verfassungsrichter: Dem Haider passten die slowenischen Ortstafeln nicht, dem Misik die Wiederholung und die “zu hohen Standards“ des Gerichts. Die verbleibenden Feschisten sind weit, sehr weit gekommen in diesen wenigen Jahren, und niemals hätte ich mir das vorstellen können, als ich mir in Meran dachte: Dann halt so. Hauptsache, der rechte Spuk ist vorbei.

Der Wettlese-Betrieb, dem Haider 2000 das Geld entzogen hat – wie konnte er es wagen! – steinigt seitdem fleissig den Teufel, sie werfen Steinderl nach ihm, sie marschieren in Klagenfurt ein und zeigen denen mal, was sie von Heimat halten, so voll mit Nazis und alten Männern. Die tausend verkauften Bücher voller richtiger Gesinnungsprosa zählen mehr als die Millionen Scheiben, die der Strachebefürworter Andreas Gabalier verkauft. Man fährt nach Klagenfurt. Man weiss, wo der Betonpfeiler steht, und vergisst gern, dass hier im letzten Winter noch die Busse voller Migranten aus dem Balkan zur deutschen, offenen Grenze fuhren, und Europa am Kippem war. Wie kann man nur FPÖ wählen, höhnt der angereiste Kulturträger die Einheimischen an, die auf ihn wie ein erweitertes Sachsen mit noch schlimmerem Dialekt wirken. Wie könnt ihr das nur tun? Fragt er, so er einmal die Filterblase des Studios mit den feschen Menschen verlassen möchte.

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Die feschen Antwort schreibt man sich gleich selbst. Brexit – der böse Verführer Johnson und die ungebildeten alten Leute auf dem Land. Migrationsfeindliche Visegrad-Staaten: Nationalisten, denen ein paar Jahrzehnte Demokratie und politisches Feingefühl fehlen. Die Schweizer SVP. die FPÖ, die CSU: Zurückgebliebene Bergvölker. Es gibt immer eine einfache Erklärung, man muss die Teufelsanbeter nicht mehr fragen, wie sie es tun können – sie müssen das nur noch gestehen und sich unterwerfen. Es gibt mehr Verständnis für das Anzünden von Autos durch die Rigaer-94-Aktivisten, die sich von der Gentrifizierung bedroht fühlen, als für Landbewohner, die sich die Willkommenskultur nicht zu eigen machen wollen und fragen, wer das alles bezahlen soll. Und ob das dann noch Heimat ist, wenn andere anschaffen, wie sie zu sein hat.

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Auf so ein unterwürfiges Geständnis des Volkes hat die EU in Österreich 2000 vergeblich gewartet – so vergeblich, wie sie und ihre Eliten jetzt auf eine echte Massenbewegung gegen den Brexit warten. Es gibt in Österreich keinen Aufschrei, wenn der FPÖ-Mann Hofer eine Volksabstimmung über die EU vorschlägt, sollten die Türken, wie es Frau Merkel will, aufgenommen werden. Das Kultursystem der Eliten beschwört das Supranationale, die Projekte und Preise, die dadurch möglich sind, und die politische Elite will eine Vertiefung und mehr Macht. Mit dem Brexit ist eine wichtige Gegenmacht zu den dominanten Deutschen draussen. Haider ist tot, wir können viele wortgedrechselte Steine werfen, aber der Anton kommt hier immer noch aus Tirol und hasst Bevormundung, und das Bussi, von dem die Band Wanda singt, klingt auf Wienerisch immer etwas unterleiblich. So ist das auf dem Land. Da singen sie mit, dass sie Bussi wollen und die Hasen SOS rufen. Wir, die kulturell hoch Stehenden, die Elite, wir sind aufgerufen, eine schimmernde Wehr um die Ideale des Herrn Juncker zu bilden. Sein Schild und seine Zier sollen wir sein, und singen, wenn er sein Europa verteidigt.

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Ich bin so schnell, ich hab an Schmäh,
ich bin Alphonso aus Gmund am Tegansäh,
mit einem Roadster tu ich rasen
und verschmäh Berliner Hasen,
also, wo war ich, ach so, ich mag Alpenässe und ich denke mir so, nach all den Jahren und nicht endenden Krisen im zerbrechenden Europa, dass jeder von seinem Ego besoffene Politiker irgendwann seinen Betonpfeiler findet, auf die ein oder andere Weise. Ob ich jetzt auch noch einen Stein auf den toten Jörg Haider werfe, oder auf den lebenden Johnson, auf einen alten Nazi oder einen Nachwuchsmusiker, der nicht genderneutral genug ist, ist egal. Die anderen machen das schon recht gut, sie bekommen dafür auch Preise und Anerkennung, und danach lesen sie, was im Koran der Zeit und der Prantlhausener Zeitung steht, und blicken voller Verachtung auf die Ungläubigen, die nicht einsehen wollen, dass die EU so gross wie ihre Kulturleistung und Juncker auch im Kulturbereich ihr Profitprophet ist.

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Dabei muss alles einmal sterben. Das kommt oft überraschend und fast immer etwas ungelegen. Die Welt ist ein einziger, grosser Betonpfeiler, und was wir gerade hören, ist in meinen Ohren das panische Kreischen derer, die gerade erst begriffen haben, dass sie keine Kontrolle mehr haben, und der Westen die Demokratie absichtlich als Betonpfeiler für Politiker gestaltet hat. Mehrheit entscheidet.

Bussi.

04. Jul. 2016
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29. Jun. 2016
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Enteignet die Jugend

Das ist der alte Albert. Ich wollte ein wenig mit ihm spielen, da hat er mir den Arm abgebissen.
James Bond – Leben und sterben lassen

Ich mag Feigenbäume und ihren Geruch. Seit ein paar Wochen weiss ich, dass ein Feigenbaum in vier Jahren vom Setzling zu einem zwei Meter hohen Gewächs werden kann – sogar in einer verstopften Dachrinne, wenn es im schönen Ort Moglia in meiner Zweitheimat Italien ist. Moglia ist nicht weit weg von Mantua, und ich besuche den Ort jedes Jahr, Man muss Moglia nicht kennen, es ist ein kleines, unbedeutendes Landstädtchen auf der rechten Seite des Po. Aber ich kenne da ein paar Leute, so wie Berliner Autorinnen, die ihren Lebensunterhalt vor allem durch öffentliche Förderungen und mässig besuchte Lesungen staatlich finanzierter Institutionen bestreiten, weil ihre Bücher sich allein zu schlecht verkaufen – so wie diese Autorinnen auch Leute in London, Paris und Budapest kennen. Mit denen sie lachen, sich austauschen und am europäischen Gedanken arbeiten.

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Bei mir ist es eben Moglia. Da arbeite ich an dem, was ich als Europa kenne. Wenn ich einmal sterbe und mein Leben an mir vorbeizieht, dann wird auch Moglia darin vorkommen. Moglia und ein altes Paar auf dem Sportplatz. Ein alter, lahmer Mann im Rollstuhl, der von seiner Frau durch die Hitze geschoben wird. Junge Berliner Autorinnen, die jetzt weinen, weil alte Nationalisten ihnen dieses Europa egoistisch verbauen, werden sich an den blauen Himmel und das Lachen ihrer Freunde an der Moldau erinnern, bei mir ist es halt der Sportplatz, die gnadenlos brennende Sonne und das alte Ehepaar, das nirgendwo mehr hingehen kann.

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Denn Moglia ist Zona Rossa. Erdbebengebiet. Und wenn 2012 das Haus unbewohnbar wurde und man kein Geld hatte, landete man in Moglia eben auf dem zum Zeltplatz umfunktionierten Sportplatz. Meine Freunde trugen hier Pappnasen, Einweghandschuhe und Clownsgewänder, um die obdachlosen, schmutzigen, traumatisierten Kinder von armen Italienern, Pakistanis, Indern und Afrikanern zum Lachen zu bringen. Das war Europa 2012. Lachen für die Kinder, aber für das alte Ehepaar gab es nicht mal einen Hut in der sengenden Sonne. Moglia war unbewohnbar.

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In Moglia schossen Sandgeysire aus dem Boden, in die Keller und Garagen, und der Druck der Erde zerrieb die Ziegelsteine zwischen den Betonpfeilern.

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In Moglia lebten die Menschen in den Garagen und in Wohnwägen, während die Stadtverwaltung an den Türen Zettel anbrachte, dass hier niemand mehr eintreten darf, wo eben noch für Solidität geworben wurde.

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In Moglia kamen sie Beamten mit den Zetteln nicht aus dem Rathaus, denn das Rathaus war genauso betroffen und sieht heute so aus.

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Und die Lehrer gehen auch heute, vier Jahre später nicht in die Schule, denn die Schule ist baufällig.

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Allerdings gibt es in Moglia im Moment auch nicht sonderlich viele Kinder. Das hier ist alles, was von einem sozialen Wohnungsbau übrig blieb, den ansonsten junge Familien bewohnen würden.

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Das ist kein ungewohnter Anblick für meine Bekannten in Moglia. Man musste sich entscheiden und oft war es eben der Abrissbagger. Auf den freien Flächen wächst heute das Gras.

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Und was noch steht, steht oft jetzt noch wie vor vier Jahren mit den Holzgerüsten da. Ich könnte in Moglia auch die Bilder des letzten Jahres nehmen, so wenig ist hier passiert.

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Wobei, die Plane vor der Kirche war letztes Jahr noch nicht so eingerissen. Die Tauben Moglias nisten jetzt wieder im Inneren und fäkalieren auf das, was von der Barockausstattung noch da ist.

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Das Gemeindeleben findet dagegen in einer modernen Halle daneben statt. An der Tür sind Einladungen, die Ferien ausserhalb der Zona Rossa in kirchlichen Einrichtungen zu verbringen. Man muss das verstehen – Kinder, die im Jahr 2010 geboren wurden, kennen hier nichts anderes als Zerstörung. Generation Z, Z wie Zona Rossa.

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Und es wird auch lange so bleiben. Man sammelt kräftig für die Kirche, damit die Heiligen wieder umziehen können. Es kommt schon was zusammen. Langsam.

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Meine Bekannten in Moglia, mitten in Europa, sind tapfere Menschen, und geben nicht einfach auf. Draussen liegen die Trümmer, aber die Heiligen sind für die Prozession geputzt.

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Sie sagen, wenn ihre Kinder dann junge Erwachsene sind, soll alles so sein wie vor dem verdammten Mai 2012, als der Sand aus dem Boden schoss und die Kirchenmauern zerbrachen.

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Manchmal erinnern in Moglia auch nur ein paar schlecht verputzte Risse an diese Zeit. Das Leben geht weiter.

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Wenn es nicht auf den Stand vom Mai 2012 eingefroren ist. Weil kein Geld da ist, weil Italien sparen muss, weil das in Europa verpflichtend ist, und die Leute sich selbst überlassen bleiben.

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Die Alten schaffen das nicht mehr. Die Rente ist so niedrig, dass man weder die Schäden stemmen noch in Berlin oder Budapest eine Latte trinken und dann winseln kann, wie gemein die alten Nationalisten doch sind, und die Jugend etwas tun sollte, und wenn sie die Bewerbung für das nächste Stipendium geschrieben haben, machen sie auch eine Aktion vor dem Kanzleramt oder einen Artikel in der taz.

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Und so geht in Moglia einfach vieles vor die Hunde. Mitten in Europa, in diesen aufregenden Zeiten, da man in Berlin und Paris vermutlich längst vergessen hat, was da in der Poebene passiert ist, und wie meine Bekannten in der Nacht aus ihren knirschenden, über Generationen ersparten Häusern liefen.

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Wenn sie nach Deutschland zum Arbeiten gehen, weil es hier gerade eher schwierig ist, haben sie bei mir einen Anlaufpunkt nördlich der Alpen. Die Alten fragen die Mädchen nicht, ob sie wirklich eine Stelle als Bedienung haben. Oder etwas anderes tun.

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So ist das bei meinen Bekannten in Moglia, mitten in Europa, wo es eben auch bei der Erhaltung und Förderung von Kultur Prioritäten gibt. Nachwuchsautorinnen mit ungelesenen Büchern können nicht mit Nichts in zwei Stunden nach London fliegen, um dort jene zu treffen, die in entsetzten Handyvideos erkennen, dass es mit den Auslandssemestern in Paris, Rom oder an der Cote schwieriger werden könnte.

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Das sind nämlich die wahren Dramen in diesem Europa. Damit bekommt man viel Platz in den Medien, mit den Klagen über die egoistischen Alten, die das angerichtet haben. Das ist eine sehr deutsche Debatte, wo es vielen Rentnern durchaus gut geht. Nur, solche Rentner kenne ich in Moglia nicht.

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In Moglia kommt eben einiges zusammen. Und es ist nicht nur Moglia, es gibt viele solche Orte zwischen Ferrara, Reggio und Mantua. Moglia ist, verglichen mit ein paar Orten weiter im Süden, sogar noch glimpflich davon gekommen. Es ist das Normale in der Zona Rossa im Alten Europa.

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Es kann natürlich sein, dass man demnächst in diesem Europa den Pass ab und zu herzeigen muss. Das ist unbequem. In Moglia leben Menschen, die seit vier Jahren ihr Haus nicht mehr betreten können. Und das wird für immer so bleiben.

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Und natürlich könnte man sich im Kulturbetrieb auch einmal Gedanken machen, ob es wirklich nötig ist, dass Jungautorinnen vor Gerichten und dem Kanzleramt herum rennen und Schilder in Kameras halten und auf ihren Telefonen Hashtags für Europa verbreiten, während Staaten und Stiftungen dafür zahlen. Arbeit schändet meine italienischen Bekannten nicht, wenn sie über den Brenner gehen, also könnte man doch auch unsere aufgeregten, empörten, nun in ihrer absoluten Reisefreiheit etwas limitierten Kulturträger richtig arbeiten lassen, dann reisen sie auch weniger, und das Geld hierher bringen.

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Alles nur eine Frage der Prioritäten, als wahres Zeichen der europäischen Verbundenheit. Das würde Europa wirklich fördern. Ich weiss von meinen Bekannten, dass sie sich hier verraten und verkauft fühlen.

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Sie haben erlebt, dass man sich allenfalls auf die Familie verlassen kann. Brüssel ist vom nächsten Flughafen auch nur zwei Stunden entfernt, aber für die Wahrnehmung der Menschen auf einem anderen Planeten.

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Ach so, ja, die Feige. Die Feige wächst hier in Moglia, im Gegensatz zur viel beschworenen Europäischen Verbrüderung und Einigung, und sie wächst prächtig. In der Regenrinne an der Kirchenfassade hat sic sich verwurzelt und wächst nun empor, solange sie eben Halt zwischen den zerstörten Mauerfugen findet.

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Man kann da nicht hoch, das Gebäude ist immer noch einsturzgefährdet, und so wächst sie eben, während das Regenwasser durch die Mauern läuft. Der Mensch baut etwas auf, die Zeit und die Natur zerstören es. Menschen sehen Orte wachsen und Gebäude fallen, und am Ende sind wir alle tot und bald auch vergessen.

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Und die Jungen von heute werden dann die Alten sein, die die neuen Jungen nicht verstehen, wenn sie an ihrer Latte saugen und Flüge nach Madrid und Mailand buchen, wo alte Menschen hoffentlich ordentlichere Schuhe tragen. Es wird ihnen wichtig erscheinen, international vernetzt zu sein, und Bekannte zu haben, die genauso mobil und privilegiert sind, und sich vehement wehren würden, bezeichnete man sie gar als faule Maden im Kulturbetriebsspeck. So eine Frechheit von Nazis! Schliesslich engagieren sie sich vor dem Kanzleramt.

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An einem Werktag um 11 Uhr und ärgern sich etwas, dass trotz der grossen Mobilisierung so wenige Leute kommen. Fast nur andere aus Stiftungen und Trägervereinen und der Szene. Dabei sind günstige Mieten doch so wichtig. Da muss die Jugend um ihre Rechte und drei Altbauzimmer mit Stuck kämpfen, in einem Szenebezirk, während draussen im Dunkeln Knaben aus Osteuropa Kunden aus höheren Etagen der Gesellschaft mit Kristallen in Tütchen erwarten.

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Moglia ist nur zum Eingewöhnen in die harte Realität des Alten Europas und seinen Alten, die nicht mehr gehen können und sich nichts mehr erwarten. Am blauen Himmel, so blau wie vor vier Jahren, als der Sand aus dem Boden kam, sind die Kondensstreifen derer, die die Metropolen des Kontinents verbinden, und nicht weit entfernt rauscht der deutsche Tourist über die Autobahn zu den Sandstränden bei Rimini, um die europäische Einheit nach seinem Gusto zu vollenden.

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Das Alte Europa ist immer eine Frage der Perspektive. Das hier, im Sucher der Kamera, ist meine.

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Autonome in Berlin und Brüssel

Ihr habt die Macht, uns gehört die Nacht
aus einem Bekennerschreiben der Revolutionären Zellen, 1995

Es mag sein, dass es nur der Versuch einer Schikane gegen die Bewohner der Rigaer 94 ist, wenn in den besetzten Räumen eines Treffpunkts der autonomen Szene und einer Werkstatt Asylbewerber untergebracht werden sollen. Wenn die Räumung für Migranten ein Test gewesen sein sollte, wie weit Berlins linke Szene zum Zusammenrücken bereit ist, ist er in gewisser Weise gelungen: Die geplante Einquartierung quittierte die Szene zuerst mit Demonstrationen. Dann verabschiedete die Mehrheit der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg eine Solidaritätserklärung mit den Besetzern und kritisierte den für den Polizeieinsatz zuständigen Innensenator Henkel. In der Nacht begannen dann massive Ausschreitungen, und bei Indymedia erklären Unterstützer, dass sie bereit sind, alle Mittel einzusetzen. Was damit gemeint sein dürfte, sah man beim Anschlag auf ein Polizeiauto. Wie sich der autonome Terror für Bewohner anfühlt, kann man hier nachlesen.

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Aber vor den brennenden Autos steht die Solidarisierung der Lokalpolitiker von Grünen, Linken und Piraten.

Das ist vermutlich noch nicht einmal in diesem Bezirk der Mehrheit der Bewohner zu vermitteln, von denen angenommen werden darf, dass sie ihren Kindern nicht zwingend ausgebrannte Autos auf dem Weg zur Schule zumuten wollen.

In den Landesparteien scheint nach meiner Recherche auch niemand bereit zu sein, den Kollegen von derartiger Solidarität abzuraten, wenn gegen Bürgerämter und Kollegen anderer Parteien vorgegangen wird. Ich schaue mir die Sache nun schon etwas länger an, so als Betroffener, der zu weit im Süden wohnt, als dass ihn mehr als Drohungen und Internettrolle erreichen könnten. Damit scheint man in Berlin leben zu wollen. Es ist eine ganz eigene Vorstellung von Demokratie und Rechtsstaat. Zusammen mit dem Wunsch der Grünen Jugend, deutsche Fahnen und Patriotismus madig zu machen, zusammen mit den Beschimpfungen des Landes als Kaltland muss man wohl konzedieren, dass die Einschätzungen einer wünschenswerten staatlichen Organisation in Deutschland sehr pluralistisch sind. Von No Borders, No Nations, 100% Erbschaftssteuer und bedingungslosem Grundeinkommen bei Abschaffung der staatlichen Repression bis zu eben jenen konservativ-reaktionären Zuständen, unter denen ich lebe, und die meine Wünsche einer Anpassung an Aufklärung und Säkularismus als links auffassen.

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Ein weiterer Akteur ist die EU, die von dieser Linken wegen ganz ähnlich aggressiver Verhaltensweisen massiv kritisiert wird. Eine EU, die es gerne den Lobbyisten recht macht, und deren Profiteure sich dann wie ein Haufen Randalierer benehmen; Steuertricks in Irland, Niederlanden und Luxemburg, die Bankenrettung, in der die Bankster die deutsche Nationalhymne anstimmen, Geheimverträge wie CETA und TTIP, die über Europa kommen wie eine Gruppe Autonomer in der Nacht, undurchsichtige Strukturen, die nicht ausgeleuchtet werden wollen, Vorgaben wie Gender Mainstreaming, die von irgendwelchen demokratisch nicht direkt legitimierten Gremien empfohlen und eingeführt werden, oder jüngst der Versuch von Frau Hohlmeier, europaweite Netzsperren durchzusetzen, und dann noch ein Herr Öttinger als Digitalkommissar, der die Daten der Menschen als Wirtschaftsfaktor und nicht als Recht der Selbstbestimmung betrachtet: Man muss nicht allein die Glühbirne betrachten, um zu erkennen, dass die EU zu weit von der Willensbildung des Souveräns entfernt agiert.

Auch in Brüssel sitzen Autonome. Auch diese Autonomen agieren überstaatlich, ohne Rücksicht und ohne Interesse, sich für ihre Taten vor dem Volk zu rechtfertigen. Am Ende gibt es eine Wahl, bei der eine Art grosse Koalition wie bisher weiter macht. Wie man bei den TTIP-Verhandlungen sah, respektieren sie auch keine nationale Parlamente. Es wird Staatsknete verteilt, das bedingungslose Grundeinkommen ist auf europäischer Ebene in einigen Bereichen längst da, und mit der Flüchtlingskrise hat sich nun auch gezeigt, dass die EU in einer Haftungskrise steckt: Auf der einen Seite die Kommission und Merkel, die ihren Willen innerhalb von Europa gegen die Nationen erzwingen wollen, auf der anderen Seite nationalstaatliche Lösungen auf dem Balkan, die dann prompt funktionieren.

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Beide Seiten, Linke und Brüssel und ihre Verbündeten, lehnen Patriotismus spätestens dann ab, wenn er sich und seinen Willen behauptet. Deutschland hat sich inzwischen mit brennenden Autos in Berlin und Anschlägen auf die AfD arrangiert, die Briten – bis gestern angesichts der Umfragezahlen noch als Verteidiger gegen den Populismus gefeiert– werden jetzt als Nationalisten in den Boden geschrieben. Besonders die Alten, die übrigens die Swinging 60ies und 68er repräsentieren, sollen sich was schämen, der Jugend den Weg zu verbauen. Brüssel und Linke vergessen einen Moment eigentlich unüberwindliche Gegensätze und sammeln sich zu einer Querfront gegen Nationalismus. Das kann man tun, Prinzipienlosigkeit und Flexibilität sind in Bürgerkriegen schliesslich die Grundtugenden von Warlords und Condottieri. Es sind nur, und darauf möchte ich hier verweisen, beides nicht die Gruppen, mit denen man sich im Bayerischen Oberland sehen lassen sollte. Da bietet keine breite Front einen Alternativentwurf zum Nationalismus an. Zwei radikale und allseits unbeliebte Gruppierungen versuchen, patriotische Gefühle und Zweifel an problematischen und so nicht gewünschten Entwicklungen zu diskreditieren. Oder unpassend abstimmenden Alten gleich das Wahlrecht einzuschränken, wie es hier Mario Sixtus, ein Auftragnehmer des Gerontokratensenders ZDF, öffentlich andenkt.

Mir und vielen anderen normalen Bewohnern der glücklichen Zone könnte es egal sein, denn egal ob unter der CSU oder unter Brüssel: Wir sind die besseren Kreise. Wir haben Europa gesehen und schätzen es sehr. Wenn am Wochenende in Waakirchen ein grosses Schützentreffen unter Einschluss unserer früheren Sklaven aus Österreich stattfindet, dann sieht man auch, dass über 1000 Jahre zurückreichende Konflikte heute beigelegt sind. Aber in all unseren Regionen ist die Linke schwach. Sie klammert sich an die grossen Städte. Auf dem offenen Land mag niemand Brüssel:, und der Patriotismus macht hier keinem Angst: Im Gegenteil, die Leute wissen, dass kleine, überschaubare Strukturen funktionieren können. Wer das nicht berücksichtigt, wer darüber hinweg walzt und denkt, er könnte einen anderen Kurs verordnen, bereitet erst jenen das Feld, die dann den Nationalismus anbauen. Es wird hier, das darf ich öffentlich versichern, niemanden geben, der vor einem Graffiti der Rigaer 94 oder vor der Tasse von Juncker ehrerbietig den Hut zieht.

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Rational betrachtet könnte man auf die Idee kommen, dass es noch nicht zu spät ist, und die Siege und Niederlagen des Brexitlagers, der FPÖ und demnächst auch von Le Pen knapp ausfallen. Für die Mehrheit, die gute Demokraten akzeptieren sollten, muss man nicht jedem Bierdimpfl nach dem Mund reden. Es würde reichen, denen Garantien für ihren Lebensraum und ihre freie Entfaltung zu geben, die, um es mit Lampedusa zu sagen, genau wissen, dass sich alles ändern muss, damit alles so bleiben kann, wie es ist. Das Versprechen, dass kein Stein mehr auf dem anderen bleibt, wenn die jeweilig begünstigten Horden durchziehen, ist keines, das jemand unterstützen würde, wenn er seinen Hauskredit abbezahlt und nicht in die nächste Mietwohnung einer anderen Stadt ziehen kann. Die Berlinbrüsseler Haltung, man wisse schon, was gut für die anderen ist, wird hier nicht vollumfänglich geteilt, ja sie stösst sogar auf Ablehnung. Händchenhalten vor dem Brandenburger Tor ist da nicht mehr als eine Flucht vor einer Realität, in der man eigentlich ganz gut leben kann, und die sich viele auch genau so wünschen, selbst wenn der Grillabend zum 125-jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Schaftlach weniger netzwirksam sein mag.

Es gibt, einfach gesagt, eine riesige Diskrepanz zwischen dem, was Menschen von ihrem Leben gern hätten, und dem, was ihnen dafür als politischer Lösungsansatz offeriert wird. Bei uns brächte man dringend Wohnungen für sozial schwächere Mieter – gebaut wird für Migranten, von denen die meisten aber nicht ihre Zukunft im Oberland mit 6 Monaten Winter sehen, auch wenn sie das neue Integrationsgesetz dazu zwingen sollte. Das wird von oben so bestimmt, die Bundespolitik macht das bei uns, und Brüssel mit den Osteuropäern. Das kann man machen, wenn man so alternativlos ist, wie Brüssel bis gestern gewesen ist, oder so unkontrollierbar wie die Verbrecher aus dem Umfeld der Rigaer 94.

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Privat glaube ich, bei aller Sympathie für die Ideale Europas und der Linken, dass sich dort alles ändern muss, und trotzdem nichts bleiben kann, wie es ist. Es muss ganz schnell anders werden, sonst endet die EU wie der Warschauer Pakt. Es sind noch genug nationalstaatliche Strukturen da, um diesen Zerfallsprozess glimpflich verlaufen zu lassen, und ob ich zur Oberschicht Deutschlands oder Europas gehöre, ist mir egal, solange ich nur einen Platz im Biergarten finde. Das Problem ist nicht der Nationalismus, sondern der immense Raum, der sehenden Auges und unter Begleitung des lobpreisenden Medienchores dem Nationalismus überlassen wird.

Und dass man in Berlin schon als Nazi gilt, wenn man das nicht linientreu so aufschreibt, und hier vielleicht wieder ein Troll mit NDR-IP auftaucht.

24. Jun. 2016
von Don Alphonso
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21. Jun. 2016
von Don Alphonso
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Fahren, bis die Sonne scheint

Ein Text, in dem niemand eine fade Moin, ein Grindkopf, Gschleaf, Heisalschleicha, Letschtnbene, Trietscherl oder Netzfeministin geheissen wird.

Früher, vor 100, 150 Jahren, waren reiche Menschen fortschrittlich und wollten stets die neuesten technischen Errungenschaften. Electricität. Fliessendes Wasser. Breite Strassen, Züge und Trambahnen. Deshalb befinden sich in Augsburg, einem der Zentren der industriellen Revolution, einige hübsche Villen an einer heute lauten, viel befahrenen Strasse, auf der sich auch die Tram drängelt. In einer dieser Villen lebte ein Mann, dem seine Freunde sagten, er sollte etwas für seine Gesundheit tun und mehr radeln. Er kaufte sich Anno 1982 also ein wirklich schickes Rad der italienischen Marke Somec und kreuzte nach ein paar Ausfahrten die Schienen der Strassenbahn, an deren Nähe sich der Mensch, aber nicht der Gummi des Reifens gewöhnt, wenn es feucht ist. Der Mann legte einen kapitalen Abgang hin, die tiefen Furchen im rechten Bremshebel künden noch davon, verlegte sich wieder aufs Nichtstun und starb dann letztes Jahr aus einem anderen Grund, und auch nicht unter der Strassenbahn. Ich musste das Somec, das ich von seinen Erben bekam, nach 33 Jahren nur entstauben.

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Wie die Zeiten sich geändert haben, sieht man daran, dass über heutige leitende Angestellte, also Manager, solche Zeilen kaum erscheinen würden. In den 50er Jahren konnte der kugelrunde Heinz Erhardt noch glaubwürdig einen Eierlikörfabrikanten verkörpern, und nirgendwo im Film taucht die Frage nach der Herkunft der Eier auf. Heute müsste, damit ein modernes Remake in der ARD laufen dürfte, jede Menge Kritik erkennbar sein, und ein Saulus-Paulus-Erlebnis beim Betrachten glücklicher Hühner, die idealerweise für das Ziel der Volksaufklärung von einer lesbischen Schutzsuchenden aus Nigeria nach der Sharia vegan ernährt werden. Und Manager müssen schlank sein. Der rundliche Fabrikant war schon in meinen Jugendzeiten am Aussterben, Sport war nicht unüblich, aber im Westviertel der kleinen, dummen Stadt wohnen die Lenker des hiesigen Weltmarktführers – und die sind alle schlank, sportlich und tun auch etwas dafür. Einen kenne ich aus meiner Schulzeit: Der war damals dick. Heute nicke ich ihm aufmunternd zu, wenn ich ihn joggen sehe. Das System hat ihn körperlich auf Linie gebracht. Dagegen ist nichts zu sagen.

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Ich bin bekanntlich eher faul und an Karriere gründlichst desinteressiert, und vorgestern nun war ich mit einem anderen Beitrag fast fertig, da schaute ich zum Fenster hinaus nach Westen, und dachte mir: Eventuell wird es da hinten zu später Stunde doch noch schön. Vielleicht klart es noch auf, im Westen, wo die Sonne untergeht, die Tage sind lang und den Beitrag kann ich auch irgendwann später fertig schreiben. Der Tag war hässlich und regnerisch genug, der Sommer in Deutschland ist nach all den sonnigen Wochen in Italien eine echte Zumutung – da muss man nehmen, was man kriegen kann.

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So fuhr ich los. Denn als ich fünf Jahre alt war, wollten meine Eltern einen Gebirgsurlaub mit uns Kindern machen. Das ist eigentlich schön, aber in Südtirol klebten Regenwolken zwischen den Bergen wie Ex-Stasi-IMs zwischen SPD-Ministern, und es war grau und hässlich. Es war auch absehbar, dass es so bleiben würde. Also packten meine Eltern den silberblauen BMW mit dem 2,5-Liter-Aggregat, stopften uns Kinder auf die Rückbank, und fuhren los, weiter in den Süden. Kinder fragen dann immer, wie lange es noch dauert, und mir kam die Poebene endlos vor: “Vater, wann sind wir endlich da-ha?“ Und mein Vater antwortete: “Ich fahre, bis die Sonne scheint.“

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Auf diese Art und Weise sahen wir Modena, Bologna, Florenz und gefährliche Pässe im Apennin im Regen, regenschwarze Dörfer auf dunklen Bergen, Urbino im Regen, das Meer im Regen und es war schon tiefschwarze Nacht, als endlich der Mond durch die Wolken über dem Meer erkennbar wurde. Bis unterhalb des Sporns hatte uns der hochdrehende Motor des BMW und der unerbittliche Wille meines Vaters gebracht. Nach einer abenteuerlichen Hotelsuche, die heute noch den Schatz der Familienlegenden bereichert, waren wir also am Meer. Und dann drei Wochen im Sonnenschein, während Norditalien weiter absoff.

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Es gibt aus diesem Urlaub Bilder von mir mit einem orangen Plastikeimer im Sand, und ich sehe glücklich aus. Man muss eben seine Ziele im Leben haben. “Fahren, bis die Sonne scheint“ war früher so ein Ziel, und es ist auch heute noch so, wenn ich am plattgestürmten Getreide vorbei nach Westen fahre, der Sonne entgegen. Diese Freiheit musste man früher haben: Die Möglichkeit, sein Leben selbst zu bestimmen und zu fahren, bis es passte. Das war Luxus. Das war – und ist – nicht billig, aber es war möglich. Es war auch möglich, in dieser Zeit für die Firma nicht erreichbar zu sein, ohne dass die Firma damals pleite gegangen wäre. Wer etwas wollte, musste sich eben gedulden. Wir waren am Meer, ganz weit unten, nach einer Woche fühlte sich meine Mutter dann auch mal bemüssigt, die Verwandtschaft wissen zu lassen, wo wir waren. Mit Postkarten, von denen einige nicht Deutschland erreichten. So war das.

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Ich habe vor diesem Beitrag nachgeschaut: Das Hotel am Meer gibt es immer noch, und heute wirbt es – wie alle – mit Wellness und einem prämierten Restaurant um wohlhabende Gäste. Ich weiss nicht, ob man dort noch um Mitternacht wie meine Eltern einmarschieren und auf die Glocke hauen kann, während draussen der glühend heisse Motor unter der raubfischartigen Karosserie knackt und die Kinder auf dem beigen Leder der Rückbank, an ihre Plüschgiraffe gekuschelt, tief und fest schlafen – man sollte aber mit winzigen Portionen auf grossen Tellern leben und dadurch abnehmen können. Damals gab es dort absurd riesige, mehrstöckige Buffets und gelbrotkarierte Tischdecken. Wir sind gefahren, bis die Sonne schien. Das war der Luxus der guten, alten Bundesrepublik Deutschland. Heute fährt man bis zum Sommelier, akkurat geschnittenen Lauchblättern und zum klimatisierten Indoor-Pool.

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Check mal Deine Privilegien schallt es uns entgegen, wenn es um Fragen der sozialen Gerechtigkeit geht. Das tut man in unseren Kreisen viel zu selten, man lässt sich einfach von der Entwicklung mitziehen. Reichtum und Luxus sind heute etwas ganz anderes als früher, der damals grosse BMW wäre heute klein und schwach, dafür sind die alten Villen zu gross für moderne Kleinfamilien. Es steigen die Ansprüche an das Leben und an sich selbst, man muss sich Wissen und Kompetenzen erarbeiten, die es früher einfach nicht gab, und blättert dann in der Freizeit in der Landlust, oder bestellt eine handgeschmiedete Axt. Die Sonne scheint. Sie scheint immer, aber nie für alle und als ich dann endlich auf dem alten Rad vor ihr ankomme und absteige und einfach nur zuschaue – bin ich allein. Auf den neuen, riesigen Bildschirmen streiten sich Männer um Bälle, wie sie es 1982 in Bildern aus Spanien auf kleinen Bildschirmen auch schon getan haben, als Italien Deutschland vom Platz fegte, und davor sitzen Menschen, während draussen der Himmel rot und blau leuchtet.

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Man muss sich heute bei uns seine Privilegien aussuchen, und die Fähigkeit dazu haben – aufgrund der immensen Verfügbarkeit für die meisten Menschen, die im Supermarkt vor Dutzenden von Waschmitteln der immer gleichen Grosskonzernen stehen. Der Luxus, mit dem Automobil in den Süden zu fahren, wirkt klein angesichts der günstigen Flugpauschalreise. Aber die Erde dreht sich weiter um die Sonne und die Kugeln in den Lagern eines 34 Jahre alten Rades sind nicht anders rund als jene in den Rädern, deren Pedale im Geschäft mehr als mein Somec aus dem Speicher kosten. Am Ende wird gestorben.

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Das ist nun mal so. Der Sonne ist es egal, ob man sich Mühe gab, sie oft zu sehen. Es gibt genug andere Optionen, im reichen, Neuen Deutschland. Da muss man nicht von Glück reden.

 

21. Jun. 2016
von Don Alphonso
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