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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

27. Mrz. 2017
von Don Alphonso
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Nordkoreanische Propaganda und Schaumstoffsozialismus für Deutschland

Lasst die Früchte herabfallen und ihr süßes Aroma die Luft über dem Meer der Apfelbäume erfüllen, am Fuße des Chol Pass
Kim Jong-il

In jeder Stadt gibt es gute und weniger gute Viertel. In den guten Vierteln wohnt man, in den weniger guten Vierteln wohnt man nicht, auch wenn gewisse andere Leute das tun. Und dann gibt es noch Viertel, die es zwar gibt, aber die man nur von der Durchreise her kennt. So ein Viertel ist im Süden meiner kleinen, dummen Heimatstadt an der Donau, und es erstreckt sich entlang der Ausfallstrasse zur Autobahn eintönig und hoch bebaut dahin. Auf der linken Seite war früher im kalten Krieg das Gelände für die Pioniere, auf der rechten Seite standen dicht an dicht Sozialblocks, oft bewohnt von den Angehörigen der hier stationierten Soldaten.
Es ist ziemlich genau das falsche Ende von der Stadt, nah am Verkehr und an der petrochemischen Industrie, fern des Seeviertels, wo man hier wohnt. Wie gesagt, ich kenne das alles nur von aussen, ich bin weder in die Strassen dahinter noch in die Blocks eingedrungen. Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurden die Blocks grundlegend saniert und frisch gestrichen, die Militäranlagen wurden aufgelöst, und auf den Freiflächen entstehen gerade teure, kleine, kubische 1-Zimmer-Wohnungen in Reihenschachtelblocks. Dazwischen ist aber immer noch die vierspurige Aufmarschstrasse hinüber zur Autobahn. Rechts sieht es aus wie das Pjöngjang des Kim Il-sung, links dagegen wie das neuere Pjöngjang des Kim Jong-Il. Es gibt sogar einen Gebrauchtwagenhandel mit einem Trabi als Wahrzeichen. Und überdimensionierte Hotels, architektonisch ohne jeden Bezug zu den gewachsenen Strukturen der Stadt. Halt wie in Pjöngjang, vielleicht nicht ganz so deutlich wie im Neubaugebiet in Frankfurt zwischen Messegelände und dem Verlagsgebäude der FAZ, aber es ist schon etwas beklemmend.

Ich komme hier eigentlich nur vorbei, wenn ich an den Tegernsee fahre. Das ist mein Durchfahrland und so fern meiner Lebensrealität wie Nordkorea, und normalerweise öffne ich an dieser Ampel dort entweder das Verdeck meines Roadsters, oder ich suche eine passende Musik für die Fahrt in den Süden heraus. Etwas, das keiner, der hier lebt, versteht oder hören will, aber ich beschalle sie trotzdem. Mit einer Messe von Biber etwa oder mit einer Kastratenarie von Paisiello, die feiner komponiert als das Lamento der Grünen nach den Wahlen im Saarland ist. Franco Fagioli klingt auch besser als Anton Hofreiter. Ich rausche so durch, wie ich durch alles andere Unschöne dank meiner Abstammung ebenfalls durchrauschen kann. Und so wäre ich auch diesmal durchgefahren – wäre an einer Werbetafel nicht die Wandzeitung der Regierung zu lesen gewesen, mit einem maoistisch bunten Propagandabild, das in dieser Umgebung nicht ganz passend ist.

Ernsthaft, niemand, der hier wohnt, lebt so. Das ist tatsächlich wie in Pjöngjang, wo man den Arbeitern und Bauern schöne Propagandabilder einer reichen Zivilisation zeigt, während die Menschen dort in ihren Wabenbauten hausen und für die Hoffnung auf das Dargestellte, aber Unerreichbare schuften. Menschen, die hier wohnen, andere Menschen, die gegenüber in einen unförmigen Hotel an einer Kreuzung sind, und dort sicher nicht verweilen, weil sie dort sein wollen, sondern weil die Planung von Amt und Firma sie dort einquartiert hat, schauen also auf eine ältere Dame mit dem, was manche für Insignien des Wohlstandes halten. Chanelkostüm. Weisse Schuhe mit hohen Absätzen. Die niemand bei uns auf altem Fischgrätparkett wie auf dem Bild trägt, weil das Parkett in aller Regel geschont wird. Ein Beistelltisch des Klassiszismus.

Man merkt langsam, hier rutscht die Propaganda ab ins Parvenühafte, denn die Dame ruht auf einem nicht dazu passenden, weil weiss lackierten und falsch bezogenen Sessel. Mit goldenem Zierrat. Der Sessel ist kein Original, sondern eine plumpe Nachahmung echter Empiresessel, und passt nicht zum Tisch. Das Teeservice: Schreiend bunt und plump. Dahinter ist eine einfarbig blaue Wand ohne abgetrennte Sockelzone, die eigentlich Kennzeichen eines gehobenen Lebensstils in alten Mauern wäre. Ich gebe zu, in der Küche habe ich das auch nicht, und dort hängen bei mir manche Bilder wirklich weit hinunter. Aber in repräsentativen Räumen hängt man die Bilder näher zusammen, man würde mehr auf die Rahmung achten, und die Bilder im Sinne der Petersburger Hängung so anordnen, dass man alles gleich gut betrachten kann. Darunter käme dann die Sockelleiste, an der die Stühle. Tische und Kommoden stehen sollten. Vor allem aber sollten die Bilder wenigstens echt sein. Wer sich die Wandpropaganda der Regierung genau anschaut, erkennt die krude Mischung mit röhrendem Hirsch und modernistischem Farbklecks neben dem Kopf der angeblichen Sammlerin.

Wirft man nur einen kurzen Blick auf das Bild, könnte man vielleicht denken, dass Reiche in ihrem natürlichen Habitat wirklich so aussehen. Es gibt tatsächlich ein paar Symbole wie Fischgrätparkett und bunte Wände, die dem Leben der Vermögenden entlehnt sind. Die Staatspropaganda und ihre beauftragten Handlanger haben eine schemenhafte Ahnung von Wohlstand, wie vermutlich auch mittlere Apparatschiks unter der Kimdynastie wissen, dass gutes Leben besser als die triste Realität aussehen sollte. Sie sind aber nicht in der Lage, das abzubilden, worum es ihnen eigentlich geht. Reiche Kunstsammler würden nicht die Fehler machen, die in diesem Bild zu sehen sind. Aber offensichtlich denkt sich die staatliche Propaganda, dass diese – nennen wir es deutlich, Lügenwandpresse – für das Zielpublikum in der weniger begüterten Schicht schon genügen wird, weil dort ähnlich krude und ungeschliffene Vorstellungen von Reichtum heimisch sind.

Und wie in Pjöngjang hat das Regime auch hier eine Botschaft mit einem Angebot und einem Versprechen, ohne auf die Nebenwirklungen hinzuweisen. Beworben wird, wenn man es genau betrachtet, das teure Verpacken von Häusern in Styropor zugunsten der Bauwirtschaft und Dämmindustrie. Versprochen wird eine staatliche Hilfe von “bis zu 30%” der Kosten. Man muss sich das wie das Wirtschaftswachstum von bis zu 30% in Korea vorstellen: Denkbar ist tatsächlich vieles, die Realität kann allerdings auch darunter bleiben, wie jeder schnell bemerkt, der sich tatsächlich mit den Zuschüssen aus begrenzten staatlichen Fördertöpfen beschäftigt. Versprochen wird dafür Reichtum, der es erlaubt, auf Fischgrätparkett Bilder anzuschauen, die Arme in ihren Wohnungen mit Flatscreen und Wandtattoo mangels Bildung tatsächlich nicht als von der Agentur auf Berliner Trödelmärkten zusammengekauften und ministeriellen Bildungsfernen teuer berechneten Kitsch erkennen. Es wird Reichtum versprochen, der durch Sparen entsteht, wenn man erst einmal eine teure Dämmung anbringt und danach Heizkosten einspart. Gerade so, als seien die paar lumpigen Euro für die Heizung bei unsereins etwas, dem man Relevanz beimessen würde.

Bei anderen ist das natürlich anders, weshalb heute Wärmedämmung ein Grund für die so beliebte Schiessscharten-Architektur in Dominowohnsilos ist. Es gibt tatsächlich Menschen, für die die jährliche Heizkostenabrechnung ein Schock und eine teilweise bedrohliche Geldforderung ist, speziell, wenn sie als Mieter leben. Das Ministerium – vermutlich noch unter der Ägide von Kigmar il-Gabr Sigmar Gabriel – verschweigt natürlich wie jede gute Propaganda, dass der Wohnraum mit altem Fischgrätparkett begrenzt ist, und heute schon von denen bewohnt wird, für die Sparen an den Heizkosten eher nur peripher von Bedeutung ist. Selbst wenn man Geld spart, heisst das noch lange nicht, dass man deshalb je in den Genuss eines solchen Fussbodens käme. Altbauten in guter Lage sind wie eine angemessene Bildung – entweder man hat man, oder man bekommt sie von den Vorfahren mit. Oder man wartet auf die Weltrevolution, nach der jedem alles gehört und für alle ein goldenes Zeitalter anbricht. Solange das aber nicht geschieht, muss man befürchten, dass an die Spitze der Regierung gespülte Personen weiterhin die schlechten Viertel mit falschen Bildern vom guten Leben plakatieren, um damit echten und ideologischen Schaumstoff zu verkaufen.

Wie gesagt, ich fahre da nur durch, und unsereins hinter den dicken Mauern der Spätrenaissance betrifft das alles nicht – wir dürfen die originalen Denkmalschutzfassaden gar nicht verschandeln. Ausserdem hat unsereins auch ein langes Gedächtnis und erinnert sich an Barbara Hendricks, die das Bauwesen in der Hauptstadt der DDR leitet und ganz offen sagt, dass sie dem jungen Werktätigen kein Parkett, sondern nur 30m² gönnen möchte. Ich komme zwar von der anderen Seite, aber die Vorstellung, dass jungen Menschen qua Regimedoktrin der Lebensraum zugewiesen und eine andere Lebensvorstellung gar nicht mehr staatlicherseits in Erwägung gezogen wird, behagt mir auch. Grosse Anwesen für wenige, das lernt man bei der Besichtigung von Schlössern, lassen sich eben nur bewerkstelligen, wenn auf der anderen Seite viele in kleinen Anwesen hausen müssen. Und die Darstellung meiner Klasse als etwas arrogante, abweisende alte Schachtel auf gefälschtem Empiresessel vor Kitsch und Plunder ist zwar beleidigend – aber auf der anderen Seite auch gelungene Abgrenzung von unten: Ihr könnt sparen und Styropor kaufen, sagt die Regierungslügenwandzeitung, aber so wollt ihr auch nicht werden, bleibt lieber unter euch in eurem netten, heimeligen,gedämmten 30m²-Pjöngjang, und spart bitte Ressourcen.

Ja, genau. Also, vor so einer Wandzeitung in unserem kleinen Pjöngjang an der Donau stehe ich, wenn ich das Verdeck aufmache, und Richtúng Tegernsee abbiege. Der Verbrauchsanzeiger hinter den 6 Zylindern erzählt etwas von 16 Litern, aber ich höre eine dramatische Händelarie und nach mir kommt der stockende Berufsverkehr mit vielen kleinen, während der Abwrackprämienepoche planwirtschaftlich gekauften Blechbüchsen, und die Fahrer können sich dann das triste Grau der Wohnblocks anschauen, oder eben das Plakat mit dem Versprechen, dass es auch ganz anders ginge. Wie es nun mal so ist, in einer Welt, die der Mehrheit den real existierenden Schaumstoffsozialismus bietet, und zum Dank Vertrauen in die weisen Entscheidungen der ewigen Präsidenten erwartet.

27. Mrz. 2017
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19. Mrz. 2017
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Das identitäre Patriarchat feiert ungeniert Josefi

Sloopy lives in a very bad part of town, and everybody, yeah, tries to put my Sloopy down
The McCoys, Hang on Sloopy

Da lagen wir also am Kirchsee, und aus seinen moorschwarzen Fluten erhob sich die K.. Sie hatte sich heldenhaft ins noch reichlich kalte Wasser gestürzt, während wir Männer nur schaudernd die vom Radeln heissen Füsse hinein hielten, und lachte uns aus. Weil wir da nicht hinein gingen, wo es doch so schön warm sei. Tatsächlich heizt sich der Kirchsee schnell auf, denn er ist sehr flach und hat einen rabenschwarzen Sumpfgrund, aber ich sagte der K., dass ich erstens kein Fisch nicht sei, zweitens kein Wasser nicht möge und drittens seien da drin zu viele Waller, und wenn so einer neben einem auftaucht, kann das einem den schönsten Sonntag verderben. Den Waller kannte die K. nicht, also erklärte ich es ihr: Ein bis zu drei Meter langer Raubfisch, der im sumpfigen Grund dort unten liegt, mit seinen kleinen, bösen Knopfaugen nach oben schaut und Enten, Schwäne oder sogar ab und zu einen unvorsichtigen Dackel reisst. So gut wie jeder schwimmende Bayer hat schon mal einen empor schnellenden Waller gesehen oder davon gehört, das sei unheimlich, aus dem Nichts kommt plötzlich diese riesige Fischschlange. Und gerade hier, am Kirchsee, dem besten nur denkbaren Habitat, gibt es die grössten Waller, die nur einen Flossenschlag brauchen, um aus dem flachen Schlick an die Oberfläche zu kommen. Du ver*rscht mich, sagte die K.. Nein, hochheiliges Bayernehrenwort, sagte ich, aber die K. kennt die Details meiner Abstammung und glaubte mir nicht. Bis sie daheim bei Wikipedia nachschaute. Seitdem waren wir im Kirchsee nicht mehr schwimmen.

Ich erzähle das, weil es ist nämlich so, wenn man vom Kirchsee durch das Hochmoor wandert, dann kommt man an ein paar Kühen vorbei auf einem gewundenen Weg pfeigrod zum Kloster Reutberg, wohin ich gerne Gäste nehme, um ihnen Bayern von seiner besten Seite zu zeigen. Reutberg hat ein Kloster, eine Brauerei im Besitze der dort wohnenden Bauern, einen Biergarten und einen Blick auf die Berge, den man sonst lange suchen muss. Ausserdem herrscht im Biergarten immer eine gute Stimmung, begründet vom Wohlstand der Besucher und der spezifisch oberländischen Distinguiertheit, die ein Nebeneinander von Bayern und Armutsmigranten aus dem Norden, Trachtendirndl und Radlerlycra, Jung und Alt klaglos hinnimmt. Wenn Bayern ganz, ganz gut ist, dann ist es so wie dieser Biergarten, und die Zugewanderten, die ich mitbringe, verlieren ihre angeborene Scheu vor dem Neuland und seinen Bewohnern, von denen man viel hört, aber man kennt sie bislang noch nicht so richtig.

Der Bayer als ein solcher steht ja im Verdacht, ein Reaktionär reinsten Brauwassers zu sein, verstockt und stets bereit, alle Errungenschaften der Moderne abzulehnen, den Main zu verminen und das Königreich Bayern in die Unabhängigkeit zu führen. Im Biergarten von Reutberg sieht man, dass nichts dergleichen zu befürchten ist. Es ist nicht unkommod. Ein jeder wird zuvorkommend bedient. Vor bayerischer Kulisse mit Kuh kann sich ein jeder breit machen, wie es ihm behagt. Der Himmel ist blau, der Kies knirscht, nirgendwo kann hier ein Waller der Reaktion im Grund liegen, warten, lauern, mit seinen kleinen Augen böse schauen, und dann blitzartig den kleinwüchsigen Pinscher der Progessiven anfallen. Denkt man, wenn man Josefi nicht kennt.

Josefi ist heute, also am 19. März, und es ist ein Hochfest der katholischen Kirche. Immer noch. Früher, vor dem Sozialismus, war der Tag zum Gedenken an den Mariengemahl St. Josef so eine Art 1. Mai des Katholizismus. Der Tag markierte den Beginn des Frühlings und lag praktischerweise mitten in der Fastenzeit, was in Bayern Starkbierzeit bedeutet. Masskrüge werden mit dunklem Bier gefüllt, das 7 und mehr Prozent Alkohol mit sich bringt, und so war Josefi neben Lichtmess – Wahlspruch “Licht aus, Messer raus!” – auch stets Anlass zu Exzessen, Trunkenheitsfahrten, Schlägereien und Szenen, die man seitens der Obrigkeit gern unterbunden hätte. Das gelang auch, Anno Domini 1968, denn während die Studenten streikten, strich in Bayern die CSU – ausgerechnet! – Josefi als staatlichen Feiertag. In ländlichen Regionen wurde trotzdem noch eine Weile daran festgehalten, Beamte waren dann halt einfach nicht da und trafen sich mit Firmenbelegschaften und Vereinen im Wirtshaus. Aber der Fortschritt war unausweichlich und unbesiegbar, und ich selbst kenne Josefi und die zugehörigen Schlägereien nur aus Erzählungen der Verwandtschaft. Josefi geriet in Vergessenheit, die Leute gingen weniger in die Kirche, traditionelle Kleidung wurde zum Landhausstil für Ewiggestrige. Trotzdem fahren seit dem 17. März nun Busse aus dem ganzen Oberland auf den Reutberg, und dass das Busunternehmen Biersack heisst, ist nicht unpassend. Denn hinter dem Biergarten steht ein Zelt.

Und wer gedacht hat, man müsste nur einen Feiertag abschaffen und die Leute in die Arbeit schicken, damit die dem Götzen Mammon und den internationalen Geldströmen dienen – der hatte eine Weile recht. Eine Weile, in den 70er, 80er Jahren, zerstörte die Flurbereinigung die letzen Hecken, und wer sein altes Haus demolieren oder mit neuen Eternitplatten verschandeln wollte, der durfte das tun. Ausgerechnet die Zeit von Franz-Josef Strauss war eine Epoche der rücksichtslosen Modernisierung, der niedergeholzten Alleen und Streuobstwiesen, der hineinbetonierten Gewerbegebiete und des Niedergangs der Landwirtschaft. Jugendkultur auf dem Dorf endete mit dem Kauf eines Mofas und dem freien Weg in die Stadt. Die Dorfläden gingen pleite, die Dorfmetzger mussten schliessen, die Haushaltswarengeschäfte, die Bäcker – dafür eröffneten Fahrschulen und Autohäuser. Früher hatte jedes Dorf mindestens einen Brauer, die einer nach dem anderen verschwanden. Der Strom kam aus dem AKW, die Blasmusik aus dem TV und das Bier aus der Dose. Und als die kleine, genossenschaftliche Brauerei Reutberg im Oberland 1987 versuchte, das Josefifest 19 Jahre nach Abschaffung des Feiertags wieder zu etablieren, dann war das antizyklisch.

Aber da muss etwas Widerständiges in diesem Schlamm der wegfaulenden Kultur gelegen haben. Wenn der Bürgermeister von Sachsenkam heute das Fass mit einem einzigen Schlag anzapft und die Honoratioren willkommen heisst, sitzen im Publikum nicht nur die alten Leute, sondern vor allem die Jungen. Das Wort “Leitkultur” mag im Rest des Landes kritisch gesehen werden, aber hier existiert sie ganz selbstverständlich mit grünen Filzhüten, Lederhosen, Dirndl, und wer hier wirklich auffallen möchte, kommt in Outdoorkleidung ohne jede Referenz an die Trachtentradition. Oder, noch schlimmer, in dem, was auf dem Oktoberfest als Tracht gilt.

Denn hier reisen die Burschenvereine aus Garmisch und Miesbach an, und die Gebirgsschützen aus Lenggries und Wolfratshausen, es kommen die Trachtenerhaltungsvereine aus Miesbach und Benediktbeuren, und so sieht das dann auch aus. Der Brauerei geht es übrigens blendend, ihre Biere sind das, was man in der Hand halten sollte, wenn einem Fremde etwas über Tegernseer Hell erzählen, und jeden Abend sorgt eine andere Kapelle aus dem Umland für die musikalische Umrahmung. Wem die Heimat nicht egal ist, der taucht dort früher oder später auf. So gegen 10 wird es dann auch ausgelassener, dann spielen sie auch das über 50 Jahre alte Hang on Sloopy, auf dass man sich mit Mitsingen näher kommt.

Irgendwo werden Geschlechter dekonstruiert und Megafusionen von Nahrungsherstellern eingeleitet, und Ernährungswissenschaftler finden Gefahren im Brathuhn und dem Fett der Haxen, während aus kultureller Rücksichtsnahme Kindergartenessen umgestellt wird, sei es für Veganer oder Muslime. Aber hier feiert, lacht und ratscht eine in sich geschlossene Parallelgesellschaft, sie setzt sich mit Kleidung und Verhalten ab von den Normen, die woanders gelten, und dass Männer und Frauen zusammen ein Fest mit patriarchalischer Grundüberzeugung feiern, wird erst gar nicht erwähnt. Es ist eben so. Ein paar Kilometer weiter kann man auch “Sylt meets Tegernsee”-Wochen haben. Hier ist Josefi noch so, wie es früher gar nicht war.

Es wird voll. Randvoll. Es setzen sich Mädchen in Dirndl dazu, die erzählen, sie seien der Harem und ihre Bürschen wären da drüben, manche Augen werden glasig, aber die Stimmung ist gut und überhaupt nicht aggressiv oder bösartig. Der Verfasser hat als Abstinenzler noch einen scharfen Blick für etwaige Störungen, aber es ist nur ein grosses, volles Zelt auf einer Wiese, vorne spielt die Musik und hinten sitzt man zusammen. Es ist offen, weil die Isartaler hier auf die Chiemgauer treffen, es ist bunt, weil sich die Frauen herausputzen. Aber von aussen betrachtet ist es, möglicherweise, eine Verweigerung der gängigen Realität. Ein jeder kann kommen. Nur sollte man mit dem enormen Anpassungsdruck umgehen können.

In Restdeutschland tut man sich mit einer derartigen Selbstversicherung der eigenen Identität vermutlich schwer, denn es fehlen die klassischen Entschuldigungen für Rückbesinnung wie “bio” oder “nachhaltig”. 10 Tage wird hier ohne Rücksicht auf die sonst üblichen Konventionen gefeiert, am Ende gibt es noch einmal eine Trachtenmodenschau, und dazwischen das, was man eben so macht: Forderungen an die Politik stellen und ritualisierte Kämpfe der Männlichkeit austragen.

Wer es kennt, kennt es halt. Wer die schlechte, alte Zeit kennt, der kennt auch die unkontrollierten Exzesse der Landjugend, die sich besoffen mit dem Auto um Bäume wickelt oder die unüberbrückbare Diskrepanz zwischen engem Dorf und abweisender Stadt mit Drogen auffüllt. Das Josefifest ist Ritual und Identität, und gibt den Menschen Halt und Selbstbewusstsein. Von aussen betrachtet ist es natürlich ein schlagartiger Bruch mit der Moderne und ihren Anforderungen, und der Beweis, dass hinter der glatten Oberfläche einer reichen Region noch etwas lauert, das sich nicht zähmen und kontrollieren lässt, und einfach so, ohne Bedenken und Kritik, eigentlich nicht sein darf.

Deshalb bringen Medien lieber ein paar tausend empörte Frauen in Berlin, die für Genderismus demonstrieren, und reden gar nicht weiter über erheblich mehr Menschen in Bayern, die ein patriarchalisches Fest in ihrer Leitkultur begehen. Es ist eine Heimat, die vielen sehr fremd ist. Fremd und unberechenbar wie der Waller im Schlamm drüben im Kirchsee, der mit seinen kleinen, bösen Knopfaugen nach oben schaut und genau weiss, dass er am Ende der Nahrungskette steht, und ihm hier bei uns keiner etwas kann.

19. Mrz. 2017
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Maas und die Heimat der doppelspitzkegeligen Männer

Wenn die Demokratisierung weit genug fortgeschritten ist, dann endet sie im kommunistischen Zwangsstaat.
Franz Josef Strauss

Wissen Sie, unsereins hat in einer Region ohne Frank Castorf und Volksbühne keinen ideologischen Überbau, aus dem man sich hier ein Marxzitat und da eine Lenin-Handlungsanweisung ziehen kann. Wir haben keinen Soziologen, der bei der Stasi war und weiss, wo es nach den Beschlüssen des Staatsrates lang geht, und in unseren retardierten Gebieten, in denen Heimat noch etwas gilt, macht man das, was man macht, schon so lange, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt. Das ist ein wenig so wie mit dem Atmen, man macht das halt, weil man es gewohnt ist, aber wenn man daran gehindert wird, merkt man das schon und überlegt sich, warum jemand anderes einem das antut. Und dass es nicht nett ist und man eigentlich schon gern so weiteratmen täte. Deshalb ist einer wie ich immer im Nachteil, wenn er das Wort Heimat schreibt, ihm dafür “Nazi” und „Hatespeech“ entgegen schallt und er dann erst einmal überlegen muss. Und überlegen. Und das dauert einfach. Obwohl das inzwischen recht oft passiert, weil andere woanders einen Überbau haben, der ihnen dieses üble Nachrufen anschafft.

Manchmal dauert es mit dem Antworten Jahre, bis es einem einfällt. Aber jetzt hat es geschnackelt, denn dieses Wochenende war wieder der Trachtenmarkt des hiesigen Trachtenerhaltungsvereins, und das muss man sich so vorstellen, dass es draußen Kuchen und drinnen Kleider und Helfer und Aufpasser gibt. An der Kasse sind die Frauen, die hier noch Weiberleit heissen und an der Tür die Männerleit, und dazwischen sind auch Weiberleit und Männerleit und geben Ratschläge zu Farben, Formen und Benutzung der jeweiligen Käufe. Ein so ein Mannerleit ist auch dort gewesen, der wo jetzt nicht ganz den Humor gehabt hat, den wo man auf der Volksbühne hätte spielen können, sondern allerhöchstens bei Terofals Bauerntheater drüben in Schliersee. Und es ist halt so, wie es ist: Er war auch so rein äußerlich zwar schon eine dominante Erscheinung, aber mit den Schnauzbart und den ungekampelten, renitenten Haaren und vor allem der deutlichen Ausprägung in der Körpermitte niemand, den man in einen jener Clubs bringen könnte, die ansonsten selbstverständlich einen ”refugees welcome” Aufkleber an der Tür haben. A rechts Mannsbild nach hiesigen Vorstellungen, humorig und nicht unkommod, aber ich kenne ja meine nördlichen Mitmenschen und ihr präferiertes Menschenbild. Ein paar von denen waren übrigens auch da und verdrehten die Augen bei manchem Ansagen des Mannes, weil so authentisch heimatlich haben sie sich das hier nie nicht vorstellen können.

Aber es ist halt so. Es gab im Saal nur einen Spiegel, alle Sachen für die Männerleit waren auf einem Haufen, und so kam ich öfters mit den Leuten aus der Stadt in Berührung. Der lustige Vogel lächelte sie an, sie waren angewidert. Und wenn der zugereiste Mann eine Joppn probierte, die etwas weit war, sagte seine Begleiterin ganz deutlich, dass das unmöglich aussieht und total fett macht. Das geht gar nicht. Tatsächlich gibt es in der Trachtenmode – nicht Tracht – momentan einen Trend zu dandyhaftem Slim Fit und langen, körpernahen Linien. Da ist so ein traditioneller Trachtenmarkt, auf dem die echten Trachtler ihre alten, zu eng gewordenen Stücke verkaufen, jetzt nicht ganz optimal, weil der durchschnittliche, gerade erst leicht aus der Form gehende Bayer schon ungefähr dreimal so breit wie Norddeutscher ist, bei 2/3 der Höhe. Ausserdem sind die Jacken hier im Oberland oft auch nur kurz wie ein Bolero, weil man zeigen will, was man als Hose darunter trägt. Und wie gut Beine und Schinkenregion geformt sind. Da war also ein Fisimatenten machenden Paar auf der Suche nach langen, schlanken Jacken in einem Saal mit vielen kurzen Joppen, Kleidergrösse 24-28, die aber auch bei 48-56 dem Manne keine geschwungene Linie, sondern ein doppelspitzkegeliges Aussehen verleihen.

Und bescherzt wurden die Anwesenden von einem solchen doppelspitzkegeligen Mannsbild in einer solchen Joppn, das den Angereisten als Idealtypus dessen galt, was sie eher nicht sein wollten. Sie suchten vermutlich so etwas wie Landadelmode und fanden nur diese unkleidsamen Lodensäcke: Seitlich keine Taille, und statt dessen hinten auf der Höhe der Schulterblätter eine endende Naht, ein Stück Stoff und darunter die sogenannte Kellerfalte. Das kommt eigentlich von den Mänteln der adligen Damen des 18. Jahrhunderts, die einen Reifrock trugen und daher Mäntel brauchten, die sich nach unten weit öffneten. In der männlichen Tracht wird der kurze, maskuline Reifrock eher auf Höhe des Bauchnabels mit einem Futter aus Fett und Gedärm vermutet, weshalb man hier die Kellerfalte bei der kurzen Joppn übernimmt. Es schaut, wenn man es sonst nicht kennt, komisch aus. Es macht nicht dünn. Aber es ist praktisch. Versuchen Sie mal, mit einem Slim Fit Sakko einen Baum zu fällen, einen Vorderlader abzufeuern, ein Bierfass zu tragen, durch ein hohes Fenster in das Kammerl der Liebsten einzusteigen, oder bergab einem schlecht gelaunten Stier davon zu laufen. So eine sich automatisch öffnende Falte für mehr Beweglichkeit hat da schon ihre Vorteile.

Gut, es ist jetzt nicht so, dass man hier dauernd körperlichen Aktivitäten nachgeht. Aber wenn man einmal von der Optik absieht, stört die Kellerfalte nicht, und wenn man sie braucht, ist sie da. Steht man am See, hängt hintrücks mehr Stoff herunter, sitzt man auf dem Steg, geht die Falte auf. Es spannt nichts, denn es gibt mit der Kellerfalte variabel Platz für 20cm mehr Bauchumfang. Das ist ausreichend für den Unterschied zwischen unseren kalten Wintern und den Bergsommern, in denen man hier auf die Berge steigt und dabei dünner wird. Man kann eine Weile auseinander gehen, bis so eine Joppe wirklich zu eng wird. So eine Kellerfalte ist eine Art Freiraum für das, was das Leben so mit sich bringt. Unpassend mag es sein, wo man immer und überall schlanke Fitness zu zeigen hat, als Manager oder Landedelmanndarsteller, Aber hier regt sich niemand drüber auf, die Kellerfalte brauchen und haben viele, und wer genug Diridari hat, lässt sich an den Beginn der Falte betont das Seelaub als Zeichen der Seeherkunft nähen. Damit die Grattler aus Miesbach und Tölz gleich wissen, wer ihnen den Rücken zudreht.

Es gibt übrigens auch ein Gegenstück zur Kellerfalte – den Brotzwickl hinten an der Hose, mit dem man die Bundweite um ca. 10 cm variieren kann. Der Hiesige macht die Schnur hinten auf, während der vom Umfang der Mahlzeiten überraschte Gast gezwungen ist, vorne die Hose zu öffnen. Das sieht übrigens noch etwas unvorteilhafter als so eine Kellerfalte aus, aber ob Nazi oder Progressiver: Die Haxn liegt in jedem Bauche schwer, und jeder ist um Spielraum froh, um sein Wohlbefinden wieder zu erlangen. Das ist menschlich, das kennt jeder, diesen Moment, da die Spannung um den Magen nachlässt und man wieder schnaufen statt japsen und sotto voce noch eine Dampfnudel bestellen kann. Nichts drückt mehr, und wer eine Joppn mit Kellerfalte hat, bekommt sogar nachher noch die Joppn zu und niemand sieht, dass da etwas auseinander gegangen ist. Man sieht zwar doppelspitzkegelig aus, aber man fühlt sich wohl, und es ist einem egal, denn man kann es sich leisten. Ausserdem wissen alle anderen auch, dass es so ist, weil sie auch eine Kellerfalte haben, und in einer Region ohne Berufsjugendliche auch zugeben, dass man älter wird.

Also, das ist das, was ich sage. Dass es da diesen Freiraum für das Bauchgefühl gibt, und dass es einem gleichgültig sein kann, ob man doppelspitzkegelig aussieht oder nicht. So eine gewisse Abwesenheit von Einschnürung und Regeln, von Zwängen und Vorstellungen, die anderen wichtig sein mögen, einem selbst aber egal sind. So eine geistig moralische Kellerfalte. Ein eingebautes Hausrecht für ein klein wenig Sauerei und Unmoral, das ein jeder mit sich herumträgt. Ein persönliches Refugium, das garantiert wird, weil es ein jeder für sich in Anspruch nimmt. Das Recht, auch einmal in Ruhe gelassen zu werden und nicht immer gut und richtig sein zu müssen. Das alles ist Heimat. Es ist vielleicht kein sehr schönes Konzept. Aber es passt, und es funktioniert. Bis heute. Man muss es nicht gleich Toleranz nennen, das wäre vielleicht etwas zu viel, aber eine gewisse Liberalität und Selbstsicherheit, die man sich und anderen zugesteht. Wenn alle doppelspitzkegelig sind, muss sich keiner fremd fühlen.

Das ist eigentlich banal, und ein banales Konzept von Heimat, selbst wenn die ein oder andere individuelle Freiheit darin anderen als verächtlich und verdammenswert erscheinen mag. Aber wie es so ist mit den banalen Dingen, andere sehen es anders, und da reicht dann schon die kleinste Abweichung für drakonische Reaktionen. Man durfte da in den letzten Jahren gewisse Erfahrungen machen, wenn man hier den Eindruck hatte, man werde überfremdet und gar nicht mehr gefragt – damals wurde schnell geurteilt, über die Dunkeldeutschen, die nicht verstehen, wie wichtig das alles für die bunte, offene Gesellschaft ist. Das rigorose Heimat-Leben der Anderen bringt nun der rücktrittsgeforderte Justizbelastungsminister Heiko Maas auf eine neue Ebene, ein Mann mit eng geschnittenem Anzug und dem Wunsch, Aussagen ohne gerichtliche Prüfung von sozialen Netzwerken sofort und ohne Debatte löschen zu lassen. Wem das nicht passt, der kann seine etwaige Meinungsfreiheit nachträglich erklagen.

In der schlechten Zeit unter Franz Josef hat die Trachtenfraktion in diesem Land noch versucht, Leute um die Existenz zu bringen, die “Stoppt Strauss”-Buttons trugen. In der schlechten Zeit durfte man den Söhnen der Kellerfalte gegenüber nicht die Staatsdoktrin anzweifeln, dass Atomkraft frei von Risiken ist – wer das im Unterricht gemacht hat, bekam halt schlechte Noten. Heute schlägt der Maas kurz vor dem 100jährigen Noskejubiläum wegen dem, was seine Kaste als “Hasskommentare” bezeichnet, hartes Durchgreifen vor. Es erinnert einen überdeutlich an die ganz schlechten Zeiten, als die Biermöslblosn hier zwar nicht gesetzlich verboten war, aber die Lieder beim Bayerischen Staatsrundfunk trotzdem nicht gespielt werden durften. Weil sie zwar nicht illegal waren, aber als Hass galten. Auch die Staatspartei in Bayern war erfahren darin, zwischen dem klar Verbotenen und dem, was man gefahrlos sagen konnte, einen grossen Graubereich zu installieren.

Es hat lange gedauert, das zu überwinden. Es war ein weiter Weg der gegenseitigen Verständigung, bis sich hier auch die Grantler, die Renitenten und die Unangepassten so etwas wie eine soziale Kellerfalte erkämpfen und gemütlich fühlen konnten. Letztes Jahr war ich auf einer Bürgerversammlung wegen der Asylkrise, und da stand der Sohn eines bekannten Bauern in seinem Trachtenanzug auf und sagte Dinge, die manche Kollegen sicher zu einem Reichsbürgerskandal gemacht hätten. Er sagte verschwörungstheoretischen Schmarrn, der bei Facebook mit dem neuen Gesetzesvorhaben vermutlich sofort gelöscht werden müsste. Er hat geredet, und andere haben etwas anderes gesagt, und inzwischen haben wir regional die Asylkrise recht gut verdaut. Ich bin selbst überrascht, wie gut Heimat in einer Ausnahmesituation in einem kleinen Dorf selbst mit Leuten funktioniert, bei denen andere die Augen verdrehen. Man verdammt sie, weil sie einen anderen Humor haben, weil sie nicht überfremdet werden wollen, weil ihnen das Aufgesetzte der Willkommenskultur gegen den Strich geht, oder weil sie einen Schnurrbart von jener Form tragen, mit der Heiko Maas wie der etwas jüngere Erdogan aussehen würde. Diese Heimat konnte die staatlich erzeugte Asylkrise nur mit einer gewissen Flexibilität, viel Offenheit, Pragmatismus und Fehlertoleranz verdauen.

Also mit allem, was Maas und seinem obrigkeitsstaatlichen Gesetzesentwurf aus dem Wahrheitsministerium abgeht. Ich bin weiss Gott kein Freund der CSU, aber jede Bürgerversammlung, die ich hier erlebt habe, ging mit abweichenden Meinungen erheblich klüger um – das liegt vielleicht auch daran, dass hier keiner auf den ideologischen Überbau einer Ex-Stasi-IM wie Anetta Kahane zurückgreifen kann. Es ist halt Land. Man kann hier schon reden und gut leben. Und Nazivorwürfe sind heute ohnehin zum Erdogan abgesunken.

14. Mrz. 2017
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06. Mrz. 2017
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Das grosse Stimmenfasten bei den Grünen

Wieviel die Fabel von Christus Uns und den Unsern genützt hat, ist bekannt.
Papst Leo X.

Es ist bestes Cabriowetter, ich müsste nur einsteigen, das Dach öffnen, den Motor starten, und mich einreihen in den Corso der Ferraris, alten Porsches und sonstiger Frischluftgefährte, die an diesem Tag des warmen Föhnsturms ins Oberland gekommen sind. Ich könnte den Wagen keck in Tegernsee offen stehen lassen oder zum Achensee hinüber fahren, und dann weiter nach Innsbruck. Zwengs der Gaudi, einfach so, weil es geht. Tatsächlich aber pflücke ich ein Rad von der Kellerwand, zwänge mich in Lycra, und lasse das Auto stehen. Es gibt zu viele, die heute die Luft am See verpesten, ich fahre mit dem Rad Richtung Achenpass.

Denn ich bin überzeigter Radler. Mir muss niemand sagen, dass es für mich, die Umwelt, das Klima und die Zukunft des Planeten besser ist, wenn ich das Auto stehen lasse. Auf dem Rad kommen mir die besten Gedanken, auf dem Rad sehe ich, was andere nicht erkennen, auf dem Rad und am Berg fühle ich die Last meiner irdischen Existenz und bergab die Faust Gottes, die mich schiebt. Ich nehme mir mit dem Rad nur ganz wenig Platz, obwohl es rücksichtslose Typen wie diesen BMW-Fahrer aus der Region südlich von Bonn gibt, die es nicht ertragen, wenn ich an der Ampel in Rottach schneller vom Fleck komme. Typen, die mich und sogar Autos innerorts überholen und an der nächsten Ampel mit ihrer schräg abstellten Dieselkiste absichtlich blockieren, damit ich ja nicht vor ihnen losfahre.

So zahm und mild, so ausgeglichen und entspannt bin ich auf dem Rad, dass ich gar nicht daran denke, ihm bei der Heimfahrt aufzulauern und dann mit dem Cabrio so lang hinten mit Lichthupenorgel 2cm an sein Leasingcombirektum zu brennen, auf dass er irgendwann panisch im Strassengraben landet und lernt, dass man als nur geduldeter Armutsmigrant aus dem Norden so etwas hier nicht macht. Dieser Gedanke liegt mir fern wie Kritik am Feminismus. Ich überlege auch nur ganz kurz, ob ich den anzeigen soll, weil er innerorts mich und ein Auto gleichzeitig überholt hat, einfach um ihm Probleme zu bereiten, und lasse es dann gutmütig bleiben. Das hier ist mein See, da hat er sich nicht aufzuführen wie in seinem Kölner Slumgebiet, denke ich mir einen Moment, aber hinter Rottach biege ich auf eine kleine Strasse ab, auf der ich allein bin. Mit dem Föhnsturm, der mir die kalte Luft aus den Bergen entgegen bläst.

Kein Radler ist hier mehr unterwegs, und hinter Kreuth hat der Winter die Berge noch fest im Griff. Ich peitsche das Rad die langen Kurven hoch. Auf den Bergen sind Orkanböen, hier unten ist es immer noch ein veritabler Sturm, der mir vom Achensee herunter kreischt, aber so ist das eben. Man braucht schon eine gewisse Härte, aber dann geht das, bis zum Rand des Winters und darüber hinaus zu den weiten Schneeflächen, die durch das dünne Asphaltband der Strasse zerschnitten werden. Andere sitzen unten in Wintergärten und schauen auf den schaumbekrönten See. Ich bin überzeugter Radfahrer, Ich kämpfe mich hier hoch bis zu einer Hütte, die Schafskäse und Dinkelvollkornbrot hat. Ich finde es richtig, dass man sich etwas auch gegen den Sturm, die Kälte und den Berg erarbeitet. Dass man in den Muskeln, im Nacken und im Zahnfleisch fühlt, was er bedeutet, sich um das tägliche Brot in all den Gefahren zu schinden.

Man könnte nun denken, dass einer wie ich, mit meiner Einstellung, der Grünste der Grünen wäre. Dass ich das lebe, was die Pfarrer des pseudosäkularen Zeitalters, das Bundesumweltamt und eine theologiestudienabgebrochene ostdeutsche Politikerin mitsamt der grünen Partei wollen: Das Autofasten. Es ist der Versuch von teilweise lutheranischen Ketzern, dem Menschen in Zeiten des materiellen Überflusses alte Riten in neuer Form nahe zu bringen. Sie fordern Verzicht auf Mobilität mit Verbrennungsmotoren, man sollte statt dessen das Auto stehen lassen und anderweitig voran kommen. Entsagung. Selbstkritik. Abtötung des Fleisches. Sich der Privilegien bewusst werden und etwas für die Umwelt tun. Und dabei nicht beachten, dass auch der menschliche Körper so eine Art Verbrennungsmotor mit schlechtem Wirkungsgrad ist, und die erhöhte Kalorienzufuhr und die damit verbundene Landwirtschaft ebenso die Umwelt belastet. Ich bedaure es fast, das zu sagen, aber ein halbwegs sparsames Automobil mit vier Insassen ist pro Person und Kilometer ökonomischer und umweltfreundlicher als meine Radlerei. Trotz echtem Käse von einer kleinen Alm statt dem Ökosiegelzeug, das man woanders als Bio angedreht bekommt.

Nein. Die Antwort ist nein. Ich bin nicht der Grünste der Grünen. Ja, ich fahre viel mit dem Rad, aber von Autofasten und den Grünen halte ich überhaupt nichts. Gerade weil ich viel mit dem Fahrrad fahre und noch gesund und leistungsfähig bin. Ich kann hier das meiste mit dem Rad machen, aber letztes Jahr fuhr ich mit dem Rennrad an den Tegernsee, und wollte ein neu gekauftes MTB in der Nähe von Bad Aibling holen, Auf dem Hinweg wäre ich auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen gewesen. Mit Umsteigen und Warten hätte das im besten Fall vier Stunden gedauert, zusammen mit 40 Minuten Fussmarsch. Ich könnte das noch, andere scheitern an simpleren Aufgaben. Ein älterer Herr hier am Tegernsee durfte wegen einer Sehschwäche nicht mit dem Auto fahren und musste zur Untersuchung ins nächste Krankenhaus. Ich fahre da in weniger als 15 Minuten mit dem Rad hin. Er wäre mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anderthalb Stunden unterwegs gewesen, davon eine halbe Stunde zu Fuss. Mit einem geschwollenen Auge. Ich habe ihn natürlich mit dem Auto gefahren. Aber hier bei uns auf dem Land lernt man auf die ganz harte Tour, was Autofasten bedeuten kann: Es kann einen die Gesundheit kosten. Ich wohne in einer relativ gut ausgebauten Ferienregion. Im Alter kann man hier ganz ohne Auto trotzdem nicht sein. Und es gibt hier auch kein Car Sharing, oder an jeder Ecke einen per App mietbaren Mini, oder Taxis alle paar Minuten. Wer alt ist und über kein Auto verfügen kann, kann hier kaum überleben. Schon gar nicht im Winter.

Autofasten, oder nennen wir das Ungeisteskind der Grünen beim Namen, der Krieg gegen den motorisierten Individualverkehr, ist der Kampf einer urbanen Oberschicht gegen das flache und hügelige Land. Es ist kein Zufall, dass die Grünen genau dort die höchsten Zustimmungswerte haben, wo man das Gras nur vom Rauchen kennt und schon Kitas auf frühsexualisierten Regenbogenfamilienkurs zwingt. Autofasten in den Hochburgen der Grünen hat viel gemein mit dem Fasten in Klöstern des Mittelalters, in denen man den Biber zu einem Fisch umdeklarierte, den man essen durfte, sich mit süssen Mehlspeisen mästete und das Te Deum im Starkbiervollrausch grölte. Es ist leicht, dort mal das Pedelec zu nehmen und sich Abdul in seinem 3er BMW und Anton im Oberland moralisch überlegen zu fühlen. Es ist leicht, dort die Kinder mit dem Lastenrad ein paar Meter zur Kita zu bringen. Zwischen meiner Wohnung und der Kita hier sind zwei Berge mit Rampen, die eine ist 12% und die andere bis 18% steil, und es sind jeweils 80 Höhenmeter. Der urbane, grüne Mensch besucht seinen Dealerfreund mit dem Rad und denkt sich, das war jetzt mal wieder richtig entspannt und ökologisch, und glaubt aus seiner Erfahrung heraus, dass man wirklich mal über die Reduktion des schädlichen Autoverkehrs reden muss. Und über Feinstaub und Fahrverbote. Im ersten Schritt über den guten Willen, wie das Autofasten, und wenn der gute Wille ausbleibt, dann eben mit dem zweiten Schritt und Zwang.

Weshalb wir es in unserer regenreichen Region schon mit dem Dämmzwang und dem Glühbirnenverbot zu tun bekommen haben, und allerorten gerade Kachelöfen per Verordnung stillgelegt werden müssen. Man wählt solche Entscheidungen, die in keinem Wahlprogramm stehen, einfach so mit. Sie kommen dann auf Expertenwunsch mit irgendeiner Richtlinie, und Metzger und Bäcker sterben nicht an der fehlenden Kundschaft, sondern wegen neuer Regeln beim Verbraucherschutz und der Unmöglichkeit, alte Läden entsprechend anzupassen. Das mag in den Städten egal sein, auf dem flachen Land kostet es Lebensqualität und macht die Wege weiter. Dafür braucht man dann ein Auto. Aber da soll man nach Möglichkeit auch fasten, und den Grünen glauben, die zusammen mit Partnern ausgerechnet haben wollen, wie viele Menschen der Abgasskandal das Leben gekostet haben soll – auch hier wiederum in den Städten, denn bei uns auf dem Land ist die Abgasbelastung sehr viel niedriger.

Natürlich wenden sich die Grünen bei ihren Fastenwünschen nicht gegen die Schiffsdiesel, die das Konsumentenkollektiv mit billigen Kleidern aus Fernost beliefert, Natürlich reden sie nicht über die Feinstaubbelastung durch den öffentlichen Nahverkehr des Kollektivs, und auch nicht darüber, dass die Kombination von Lastenrädern und eisigem Winterklima auf der vorhandenen Verkehrsinfrastruktur beim Fahrunvermögen der sich über ihre Kinder beugenden Mütter nicht gerade gesundheitsfördernd ist. Die Grünen haben eine Vision für das Kollektiv, in der das individuelle Auto aus dem Bereich, den sie kennen, verschwindet. Das geht nun mal am besten mit Verboten, und was es für andere bedeutet, die nicht jeden Bedarf in Laufnähe haben, interessiert sie so sehr wie einen elsässischen Atomkraftwerksbetreiber der Fallout in Richtung Deutschland. Es geht um das Fasten, das ist Bestandteil eines Ritus, eines Glaubens, einer theologischen Verfasstheit einer Gruppe, die kollektiv denkt und handelt. Und dieses Kollektiv gedeiht dort am besten, wo die meisten sind und keinen Widerspruch wollen: In den urbanen Zentren und Medien. Dort, wo man tatsächlich noch die moralische Mehrheit hält. Und genau weiss, was für andere gut und richtig ist, damit das kleine Kollektiv umfassend wird.

Nicht ganz zufällig sind die Umfragewerte der Grünen momentan auch ganz ohne Drogen- und Kindesmissbrauchskandale nicht eben berauschend, und es könnte daran liegen, dass die Partei sich mit ihrer Idealvorstellung des Kollektivs in ihre urbanen Regenbogenbastionen zurückgezogen hat. Vielleicht hat sie inzwischen Angst vor dem, was da draußen, wo ihre Anhänger mit dem Car Sharing hinfahren, passieren mag. Sie meinen es mit ihrer Religion der Liebe zu den Menschen und Frieden mit der Natur doch nur gut, und besonders gut meinen sie es mit den Seelen derer, die sonst der Verdammnis anheim fallen würden, und die ihr Kollektiv retten muss, ob sie wollen oder nicht, ob mit freiem Willen oder mit Berliner Verbotsfeuer und Brüsseler Richtlinienschwert. Dazu hätten sie gern den Segen. Und bekommen doch nur das grosse Zustimmungsfasten für ihre wirklich gut gemeinten Ideen. Schnell huschen sie durch das Land, und hoffen, dass sie es in Berlin ohne grosse Debatten schon durchsetzen werden. Nach der Wahl. Falls wir es ihnen dann noch erlauben sollten, uns im Bundestag zu dienen.

06. Mrz. 2017
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28. Feb. 2017
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Feudale Lösungen für kapitalistische Migrationskrisen

Manchen Menschen fehlen nur einige Laster, um vollkommen zu sein
Marquise de Sévigné

In Ausstellungen tritt die Geschichte überlegt und geordnet vor uns. In Palästen tritt sie prunkvoll auf, und in Kirchen versucht sie, den Betrachter spirituell für sich einzunehmen. Auf Flohmärkten jedoch – auf Flohmärkten ist sie manchmal grandios, immer käuflich und verhandelbar, und manchmal wirklich schäbig, weil sie unangenehme Details über unserer Vorfahren verrät. Gesucht – und gefunden – habe ich diesmal nur ein altes Schloss für eine etwas exzentrisch schliessende Tür, aber gesehen habe ich auch etwas, das man vielleicht besser nicht dort anbieten sollte, wo man sich über die Folgen der europäischen Kolonialpolitik ereifert.

Es handelt sich hier um zwei Leuchtermohren des späten 19, Jahrhunderts, und wegen einer grösseren Version derselben gab es im Internet vor ein paar Jahren schon mal einen Aufschrei, weil eine Critical-Whiteness-Autorin von einer linken Hochschulgruppe eingeladen wurde, und dann darunter lesen sollte. Die Autorin sorgte für Entrüstung, und die arme, gebeutelte, linke Hochschulgruppe wurde veranlasst, eine Selbstkritik abzuliefern, als ginge es danach gleich zu Maos Hinrichtungskommando. Solche Leuchter werden in progressiven Kreisen heute verachtet, und es ist vielleicht ein Glück, dass Linke nie in Schlösser gehen: Da sieht man beispielsweise in Würzburg solche kleinen Mohren auf dem Deckenfresco als das, was sie tatsächlich vom 15. bis zum 18. Jahrhundert waren: Dekorative und repräsentative Helfer bei der Prachtentfaltung des höfischen Luxus. Bei Nacht trugen sie Fackeln. bei Tag Schirme und Fächer für Europas Hochadel.

Wie so oft kann man hier Geschichte so und so sehen: Natürlich handelte es sich um Sklaven mit wenig persönlichen Freiheiten. Aber sie durften an der besten aller damals möglichen Welt teilnehmen, und wurden gut ernährt, und oft auch verzogen. Sie bekamen prunkvolle Kleider und waren teuer, ganz im Gegensatz zu den damals üblichen christlichen Leibeigenen, die man mitsamt Dörfern und vielen Rechten an Kartentischen verspielte und in Weinkellern versoff. Es war eine Zeit einer gnadenlosen Klassengesellschaft mit wenig Rechten unten und allen Möglichkeiten oben: Wer gut leben wollte, mühte sich ab, an jene Höfe zu kommen, an die die Mohren einfach so verkauft wurden. Zumindest jene, die sich für repräsentative Zwecke eigneten.

Man muss dabei auch den anderen Tatsachen ins Auge schauen: In die Sklaverei gerieten sie meist, weil sie bei innerafrikanischen Konflikten erobert und dann an meist arabische Zwischenhändler verkauft wurden – Europäer waren hier nur die Endabnehmer. Sklaverei war damals überall akzeptiert, Frauen aus dem Balkan wurden im Orient verkauft, christliche Seefahrer wurden in Nordafrika festgehalten, auf christlichen venezianischen Galeere ruderte einer, den seine Schulden dorthin gebracht hatten, neben einem gefangenen Türken. Und sehr viele Sklaven endeten unter erbärmlichsten Bedingungen in der Landwirtschaft, in osmanischen Heeren, als niedrigste Helfer oder im Bergbau. So gesehen klebt an meinen Silberkannen des frühen 19. Jahrhunderts sicher mehr echtes Blut von Sklaven als an Figuren, die das Bürgertum erheblich später erwarb, um einen schalen Abglanz jener feudalen Lebenswelt zu haben, in der seine Vorfahren noch die Schweine der Adligen hütete.

Denn solche Figuren wurden erst richtig populär, als die Zeiten der echten Luxusmohren längst vorbei waren, und das aufstiegswillige Bürgertum ebenfalls luxuriös mit dem damals richtigen Habitus glänzen wollte. Der heute einzig wahre linke Habitus lehnt das alles natürlich ab, obwohl die Leibeigenschaft besser als ihr Ruf war, und etwas voreilig abgeschafft wurde. Der einzig wahre Habitus unserer Epoche des luxusfeindlichen Niedergangs wagt es noch nicht einmal, abzuwägen zwischen dem Leben eines Dieners bei Hofe und dem meist deutlich schlechteren Dasein der normalen, abendländisch-christlichen Landbevölkerung, und dem sehr viel schlechteren Leben echter Sklaven. Das wurde künstlerisch nicht dargestellt, das wollte man nicht sehen, und der neue Moralist möchte auch nur zur Kenntnis nehmen, worüber er sich empören kann: Eben über die Darstellung von Menschen aus der Subsahararegion in dienenden Tätigkeiten bei Hofe. Das kann man vielleicht noch in Bayern anbieten, wie es etwa meine französischen Händler auch in Muranoglas führen, aber sicher nicht in Berlin.

Was wohl erst los wäre, würde man vorschlagen, man sollte solche – offen gesagt, durchaus schmucken – Hausdiener wieder einführen? Ich stelle diese Frage, weil justament dort, wo der Araber des Barock dem christlichen Seefahrer den schwarzafrikanischen Sklaven verkaufte, heutigentags der arabische Schlepper dem neuen christlichen Seefahrer der migrationsbefürwortenden NGOs erneut Menschen aus Afrika übergibt, die diesmal freiwillig nach Europa drängen. Und ich frage, weil ich letzte Woche in München einem anderen Einwanderer vermutlich das Leben, aber sicher seine Gesundheit gerettet habe. Glücklicherweise weiss ich als alter Rennradraser, wie unvorsichtig unsereins so fährt, und als sich auf dem Radweg ein Radler eines Essensbringdienstes auffällig umschaute, da ahnte ich schon, dass er mit seinem Styroporpaket auf die Strasse wollte. Technisch gesehen hat er mir dann die Vorfahrt genommen, und ich habe in Erwartung so eines Verhaltens eine Vollbremsung hingelegt.

Ich verurteile das nicht. In Italien herrscht eine Jugendarbeitslosigkeit von 40%. Die stinkfaulen deutschen Kunden bewegen nicht ihre fetten Hint deutscher Lieferdienste erwarten, dass das Essen in 30 Minuten auf dem Tisch steht. Die Verantwortlichen, die mit so einem Dienst demnächst an die Börse gehen möchten, ohne erkennbar profitabel zu sein und für ein Vielfaches des eher mauen Umsatzes, wollen eine Milliardenbewertung der Firma. Und die Restaurants wollen auch noch etwas verdienen. Zwischen dem faulen Städter, dem gierigen Investor und dem Restaurant werden die Kuriere knapp über dem Mindestlohn benutzt. Sie kommen oft aus den Ländern Südeuropas, weil der Euro und die EU und ihre eigenen Regierungen ihnen keine andere Chance lassen. Sie fahren wie die Henker, weil es anders nicht geht, und dem Twitteraccount einer bekannten Feministin entnahm ich jüngst einen Tobsuchtsanfall, weil ein Lieferdienst bei Schneefall im Winder nicht kommen konnte. Es ist ein Wunder, dass mit diesen Diensten nicht mehr passiert. Es ist ein Geschäftsmodell, bei dem die Fahrer alles verlieren können. Man muss schon ziemlich wenig Chancen im Leben haben, um auf diese Art und Weise Deutschen das Essen und die Börsengewinne zu bringen.

In meinen Augen sind die abgehetzten Gestalten auf ihren verdreckten Rädern mit den Styroporboxen das beste Beispiel für den Niedergang der europäischen Idee. Das sind unsere neuen Leibeigenen, die sich durch Nacht und Schnee kämpfen, damit frustrierte Singles sich neben der Glotze den Salat in den Mund stopfen und denken, dass 50 Cent Trinkgeld großzügig genug war, nachdem der Mann – es sind immer Männer, und niemand ruft nach einer Frauenquote – doch recht lang brauchte. So sind wir. Besonders dort, wo man keine Mohrenfiguren verkaufen kann, ohne Empörung zu ernten. Ich habe in Berlin das Radfahren aufgegeben, weil es mir zu gefährlich war, und ich bin einer, der mit 90 km/h auf Pässen bergab Autos überholt. Bei uns riskieren welche für die neue Dienerleistungsgesellschaft, für ein paar Cent Trinkgeld und minimal mehr als den Mindestlohn ihr Leben. Das sind die Vogelfreien für die Konsumenten und die Bergbausklaven für den Börsengang. Die grosse Eurokrise macht es möglich, dass Söhne anderer Länder sich das antun müssen, und von Feministinnen, die nicht kochen können, bei Twitter beschimpft werden. Das ist Neofeudalismus.

Und da verstehe ich überhaupt nicht, was daran von Übel sein soll, wenn andere in besseren Wohnlagen im Sommer Fächer schwingen oder bei Tanzvergnügen die Kerzenhalter tragen. Die Verkleidung mit Pluderhosen, Gilet und Turban mag ja in einem altmodischen Sinne kolonialrassistisch sein, aber es ist schön und angenehm gegen das, was Essensausfahrer als Bekleidung mit Werbeaufdruck gestellt bekommen – die Brandzeichen des Kapitalismus. In gewisser Weise machen wir das am Tegernsee übrigens schon, in meinem Heimatdorf arbeiten alle männlichen, anerkannten Flüchtlinge in der Gastronomie, während alle Frauen daheim sind und den Haushalt machen, und sich um die inzwischen geborenen Kinder kümmern – eine Erfolgsgeschichte, über die vermutlich niemand schreibt, weil sie von der CSU kommt und patriarchalisch ist. Es gibt auch moderne Cafes, da machen anerkannte Flüchtlinge am Tresen, neidlos muss man das als etwas verhuzelter Eingeborener anerkennen, eine wirklich gute Figur. Das ist dem Umstand geschuldet, dass wir eine Touristenregion mit der Droge Bier sind. Die Touristenregion Berlin dagegen bevorzugt illegale Drogen und toleriert die Schwarzafrikaner bei Wind und Wetter als Scheinselbstständige der Drogenmafia in den Görlitzer Park, wo es immer wieder zu Gewalttaten kommt. Wir am Tegernsee integrieren die Flüchtlinge in legale Strukturen, und deshalb erlaube ich es mir, auch noch etwas weiter zu denken: Was spricht, verglichen mit den Zuständen im Görli oder den Sozialämtern, dagegen, einen jungen Mann als – wie nennen wir das – personal Assistent of Enlightenment einzustellen.?

Ich habe übrigens diese entzückend intarsierte Pfeilerkommode aus der letzten grossen Blüte der Sklavenhaltergesellschaft – Frankreich verdiente damals noch ein Vermögen in der Karibik mit Zucker, Baumwolle, Vanille und Kakao – erworben, und auf der Heimfahrt, als sie im Kofferraum klapperte, alles schon einmal durchgerechnet. Für mich allein lohnt sich das definitiv nicht, aber in Zeiten der Share Economy könnte man sich so einen personal Assistent durchaus teilen, und mit einer App verschiedenen Mietparteien zur Verfügung stellen. Gerade wenn ich meine Beiträge schreibe, wäre es nett, jemanden zu haben, der meine Silberkannen mit frischem Tee befüllt, ab und zu kleine Köstlichkeiten bringt, und ansonsten mit seiner puren Anwesenheit das Gefühl abendländisch-allerchristlichst-feudaler Atmosphäre verbreitet, und dann zur nächsten Partei weiter zieht. Wer in Ländern Afrikas arbeitet, der nimmt ganz selbstverständlich Dienstboten an, und wenn nun Afrika zu uns kommt, meine ich, dass wir auch einmal die verbleibenden Optionen neu denken sollten. Gerade jetzt, wo sich zeigt, dass die hohen Erwartungen der Kollegen von Zeit und Prantlhausener Zeitung nicht ganz erfüllbar sind, und die Ankommenden in Italien im Frühjahr wieder über den Brenner kommen werden.

Wir brauchen Lösungen, und wir schaffen das nur, wenn wir in der Lage sind, eine angemessene Arbeit zu bieten. Und solange ich keine besseren Vorschläge höre, und die wirklich dreckigen Jobs unserer sozial bewegten Gesellschaft verdeckt von italienischen Radlern, bulgarischen Maurern und ukrainischen Putzfrauen gemacht werden, ist die, sagen wir es so – Aufwertung von unterstützender Care Arbeit auf gehoben-repräsentativem Niveau – durchaus eine Option, die nicht a priori wegen geschichtlicher Vorbehalte ganz verdammt werden sollte. Es gibt Schlimmeres, und niemand wird dabei in kriminelle Strukturen abgedrängt, was, nichtberlinerisch betrachtet, die erneute, faktische Freigabe des kleinen Drogenhandels in Berlin ist. Ich weiss, mein Vorschlag ist dekadent. Aber nicht menschenverachtend wie die Idee, die vom Strafrecht verfolgten Aspekte der Drogenpolitik einer bestimmten Gruppe von Migranten zu überlassen, solange der Staat einen legalen Verkauf nicht zulässt. Es könnte wirklich attraktiver sein, in gehobenen Haushalten zu arbeiten, statt als Touristenattraktion für internationale Kiffer, die dann von einer Welt ohne Grenzen, Klassen, Herrschaft und Nationen träumen. Denn das ist wirklich dekadent.

28. Feb. 2017
von Don Alphonso
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23. Feb. 2017
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Islamistische Kulturkriege oder Wie man lernt, das Alte Europa zu lieben

Assimilierung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Tayyip Erdogan

Es gibt gute Argumente für ein gemeinsames Europa, und eines dieser Argumente ist auch schön und erkenntnisreich: Im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg ist die Landesausstellung über den deutschen Kaiser Karl IV. zu sehen, und es ist eine bayerisch-tschechische Landesausstellung. Das bietet sich an, weil Karl IV. sowohl in Bayern als auch im damaligen Böhmen seine spätmittelalterliche Hausmacht aufbaute, und in beiden Ländern deutliche Spuren hinterließ. Es ist trotzdem eine bemerkenswerte Entwicklung, weil das Klima zwischen Bayern und sudetendeutschen Flüchtlingen auf der einen und Tschechen auf der anderen Seite vergiftet war: Nationalistische Bewegungen im 19. Jahrhundert, deutscher Widerstand gegen die neu gegründete Tschechoslowakei, Münchner Abkommen, deutsche Besatzung, 2. Weltkrieg, Heydrichs Terror in Prag, der brutal bekämpfte tschechische Widerstand, Genozid an den Juden, letztlich dann der russische Einmarsch, die Benes-Dekrete, die Vertreibung der Sudetendeutschen, deren Instrumentalisierung im Kalten Krieg auf beiden Seiten – das alles wirkte bis weit in die 90er Jahre im Verhältnis zwischen den Nachbarn Bayern und Tschechien fort. Karl IV. war zwar selbst in den Augen seiner Zeitgenossen ein skrupelloser Ganove, aber seine Zeit und seine Kultur bilden eine Klammer, die die benachbarten Regionen eint.

Es ist eine wirklich gute Ausstellung, man wird lange warten müssen, bis solche Schätze des Spätmittelalters wieder zusammenkommen. Sie ist auch ein Zeichen der Annäherung zwischen den Regionen, die in Europa mehr Interessen einen, als dass sie die Geschichte noch trennen würde. Es ist vielleicht ein klein wenig dunkel in den Räumen, aber das ist für die Ausstellungsstücke gut. Und es ist sehr viel Wachpersonal vor Ort, aber das ist für die besonders wertvollen Gegenstände gerade noch angemessen. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass auch ein wenig die Angst vor dem Terror mit hinein spielt, und an dem Tag, als ich die Ausstellung besuchte, las ich dann am Abend vom gescheiterten Attentat eines in Saudi-Arabien lebenden Ägypters beim Pariser Louvre.

Es gibt da im islamistischen Terror eine eigenartige Obsession für die Vernichtung alter, nicht orthodox islamischer Kultur. Museen werden zerstört, römische Ruinen und Buddhastatuen werden gesprengt, es gibt Anschläge auf Kirchen und Weihnachtsmärkte, Terror findet in Museen statt. Es spielt keine Rolle, ob sich vielleicht die alten Kulturen, gegen die sich die Zerstörungswut richtet, möglicherweise selbst diametral gegenüber standen. Der Louvre ist das beste Beispiel, dort hängen sowohl die Bilder der kirchlichen Dominanz als auch die Gemälde der Aufklärung. So einem Terroristen aus Saudi-Arabien oder einem Milizionär des IS ist das alles egal, es passt nicht in das eigene Weltbild, es muss weg. Es geht diesen Leuten nicht nur um das Umbringen von Menschen, sondern um die Zerstörung dessen, was sie für westliche Zivilisation halten – und hier ironischerweise die überwundene Vergangenheit, die mit dem aktuellen Leben in der westlichen Gesellschaft nichts mehr zu tun hat.

Der Louvre ist ein Bau des Absolutismus, die meisten Bilder waren keinesfalls für den leibeigenen Pöbel gedacht, sondern für die herrschende Klasse. Der heute real existierende Westen ist teilweise aus der DDR hervorgegangen und betrachtet mehrheitlich nur selten alte Kunst, im Gegensatz zu Topmodell Sendungen, und kann auch im Museum meist nicht wirklich einordnen, was da an den Wänden hängt. Der Westen der Gegenwart hat sich längst von der christlichen Religion emanzipiert, und selbst hart rechte Parteien werden kaum mehr Geisslerrituale, Bücherverbrennungen, Inquisition, Lettner, die tridentinische Messe oder die Errichtung antisemitischer Denkmäler fordern, oder was sonst noch bis zur Epoche der Aufklärung und darüber hinaus als üblich galt. Es gibt nicht mal mehr ein Verbot interkonfessioneller Hochzeiten – vor 120 Jahren war das noch ein Skandal.

Interessanterweise ist der Ansatz des islamistischen Kulturterrors “intersektionell” wie gewisse extreme Spielarten des Feminismus: Er hat da ein grundsätzliches Problem mit dem Westen, nicht nur mit einigen Ausprägungen, bei denen es um religiöse Fragen geht. Es geht nicht um Reconquista oder Kreuzzug oder um Rache für Lepanto oder die dritte Belagerung von Wien, sondern um alles. Egal, was der Westen als Kultur hervorgebracht hat, vom römischen Tempel des Fruchtbarkeitskultes bis zum Weihnachtsmarkt: Man hat damit ein Problem, man sieht überall den Feind, und weil man ein Problem damit hat, darf man es mit allen Mitteln bekämpfen. Da sitzt so ein Ägypter in einem privilegierten, reichen, arabischen Land, in seiner eigenen islamistischen Filterbubble und könnte jedes islamistische Dasein leben, das ihm gefällt, ohne jeden Einfluss des Westens, Buchstabe für Buchstabe nach dem Willen des Propheten, fernab jeder Versuchung. Und dann geht er nach Paris und ruiniert als verhinderter Schwertkämpfer sein Leben und seine Gesundheit, um ein paar Bilder zu zerstören.

Das ist sehr schräg und totalitär, aber als ich das gelesen habe, hatte ich das unbandige Bedürfnis eines Bayern, mich in Lederhose und Miesbacher Jacke vor den Rechner zu setzen, grad aus Fleiss, und am nächsten Tag als Atheist für den Ägypter eine Kerze in einer richtig üppigen Barockkirche anzuzünden, ebenfalls gerade deshalb. Diese Leute meinen nicht uns als grenzenlose Kosmopoliten und Kinder der Aufklärung, die allen Gleichheit. Freiheit und Brüderlichkeit bringen, sondern eine ganz bestimmte, nur aus der Geschichte heraus erklärbare Zivilisation, die sie mehr als Einheit erkennen, als wir es selbst tun. Der Terror gegen die vergangene Kultur, so seltsam und entfernt sie auch uns heute erscheinen mag, stellt tatsächlich die Frage der Identität neu. Man kann sich diese Frage und die Art der Darbietung nicht immer heraussuchen, auch wenn sie sich natürlich angenehmer im Vortragssaal des Zentralinstituts für Kunstgeschichte besprechen lässt. Der Terror ist gerade dabei, Dinge zu vermischen, die für uns Gegenwärtige überhaupt nicht zusammen gehören. Er sieht Verbindendes, wo wir Gegensätze erkennen. Er empfindet Artefakte als wichtig, die für viele jede Bedeutung verloren haben. Vielleicht hat der Terror sogar mehr recht, als man zugeben möchte. Der Terror stösst uns mit der Nase drauf, auf das Christentum alter Schule, auf die Riten und Eigenheiten, die alten Überzeugungen und Verhaltensweisen, die gemeinhin nach all den Jahren des linken Mainstreams bei uns eher abgelehnt werden.

Es ist halt ein Unterschied, ob ich sage, dass meine Katze zu fett ist, oder ob jemand anderes das sagt. Es ist ein Unterschied, ob mir etwas obsolet erscheint, oder ein anderer denkt, es sei obsolet und müsste zerstört werden. Vielleicht, weil Kultur meist wehrlos ist und der Angriff auf sie so besonders feige, solidarisiert man sich damit auch ein wenig mehr, als man bei genauer historischer Betrachtung sollte. Vielleicht war man früher kein blinder Verteidiger der bestenfalls ambivalenten Zustände im Alten Europa, aber die auf uns gekommene Kultur ist das Beste, was entstanden ist, und macht die Identifikation doch erheblich leichter. Man fühlt sich verpflichtet, auch das Gute hervorzuheben, man möchte etwas gegen die pauschal negative Beurteilung ausdrücken, und man beginnt, historische Aspekte anders zu gewichten. Man fängt an, in Lorenzettis Madonnen mehr die Zuneigung denn die Auftragskunst zu sehen, und in Mona Lisa nicht mehr nur die Oligarchentochter, die in eine Zwangsehe verschachert wurde.

Das ist ein wenig so wie mit anderen, zu pauschalen Angriffen auf das eigene Land, egal ob Kaltland, Verehrung für Bomber Harris, die unsterblichen Lügen über das Oktoberfest, oder den plumpen Behauptungen, unsere Ausbeutung würden die Migrationskrisen auslösen und der Westen wäre schuld: Man will diesen Leuten nicht recht geben, weil man so dumm und unreflektiert nicht ist. Man argumentiert dagegen und schnell, sehr schnell, sagr man Dinge, die einen zu einem angeblichen Neuen Reaktionär machen. In Frankreich ist das ähnlich, da gibt es bei Intellektuellen viel Verständnis für die revoltierenden Jugendlichen in den Vorstädten. Wer das unter Berücksichtigung des islamistischen Terrors in Paris anders sieht, gilt schnell als Parteigänger von Le Pen. Und so entstehen neue, innerwestliche Konflikte über alte Kultur.

Der Kommunismus hatte seinen historischen Materialismus, um Kulturwissenschaftler zu vereinnahmen, und die Nazis ihr Ahnenerbe zum gleichen Zweck. Es gibt wirklich gute Gründe, sich beim Blick auf Zivilisationen eine gesunde Skepsis zu bewahren. Die Frage ist nur, ob man sich irgendwelchen Leuten unterwerfen möchte, die ihre bildungsferne Verblendung und abwägungsfreie Dogmatik für die einzig richtige Antwort halten – und wenn man das nicht will, kommt man nicht umhin, das Abendland zu verteidigen. Das Abendland macht es einem leicht, denn es ist, oberflächlich betrachtet, eigentlich ganz nett, höflich, relativ kultiviert und gibt einem inzwischen eine Art Heimat, in der sich gut leben lässt. Historisch gesehen erlaubt es auch eine gewisse moralische Flexibilität, die gar nicht so unangenehm ist, wenn man sie mit Dogmen der Invasionseinladung wie “No borders, no nations” vergleicht. Bei allem Schrecken der Geschichte konnte das Alte Europa schon das ein oder andere, und die Geschichte anderer Regionen ist auch nicht zwingend schöner.

Halb wird man dort so hineingeschoben vom Extremismus, halb saugt einen der süsse, glibberige Saft der Identität, etwas schleimig nach Romantik riechend, hinein. Man denkt sich ganz böse Sachen, etwa, dem Attentäter die Zelle mit Bildern aus dem Louvre zu tapezieren und Sonntag gefesselt und geknebelt zum Hochamt zu schleifen – den machen wir schon katholisch, sagt man in Bayern. Es gab eine Zeit, da konnte man sich einen Standort unter vielen reflektierend heraussuchen. Heute hat man es mit Leuten zu tun, die einem nur noch zwei Optionen lassen. Das könnte sich schon bald in den Niederlanden und Frankreich für viele bitter rächen, aber, auch das merke ich, wenn ich solche Nachrichten über die neuen Ikonoklasten lese:

Ich würde zuerst einmal selbst gern auf meinem erhöhten Söckelchen stehen bleiben. Das ist Arbeit genug, mein Mitgefühl brauche ich daher für mich allein und all die hübschen Bilder, die andere gern zerstören würden. Und die man, wie man in Nürnberg noch bis zum 5. März so schön sieht, eigentlich auch sehr positiv und menschenfreundlich einsetzen kann, wenn man nur will.

Und ganz unter uns: Ars longa, aber Vita so eines Attentäters reichlich brevis.

23. Feb. 2017
von Don Alphonso
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19. Feb. 2017
von Don Alphonso
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Die deutsche Entbuntung im Urlaub

Es gibt verschiedene Kulturen, aber nur eine Zivilisation: Die europäische.
Kemal Atatürk

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Deutschland ist bunt. Und der Islam gehört zu Deutschland. Gleichzeitig ist Deutschlands Rolle in der Welt wichtig, und wird um so wichtiger, je protektionistischer und globalisierungsfeindlicher die USA unter Trump werden. Es gibt zwar, das ist unbestritten, ein paar Probleme beim Thema Integration, es gibt ab und zu regionale Nachrichten ohne überregionale Bedeutung, aber selbst Terror muss, sollte, darf man heute als Teil der allgemeinen Lebensrisiken ansehen. Lernen sie mal Flüchtlinge kennen, sagt die Regierungschefin, und außerdem: Wir schaffen das. Das hier ist nicht sehr bunt, nur weiss und blau, das ist der Blick von der deutschen Südgrenze hinein nach Österreich.

Das ist ohne jede Frage hübsch, ein Bild wie aus dem Reiseprospekt, und ich darf an dieser Stelle auch sagen, dass es im Rundumblick so schön bleibt. Hier stossen zwei wenig bunte Ferienregionen aneinander, das bayerische Oberland und Tirol. Zwei Ferienregionen, die etwas altbacken und nicht wirklich bunt wie Mallorca oder die bulgarische Schwarzmeerküste sind: Der frühere Prominentenurlaubsort Bayerischzell kann mit Dubai nicht mehr konkurrieren. Die steuerlichen Vorteile bei der Vererbung in Österreich, für die man da drüben, gern am Achensee, einen festen Wohnsitz braucht, kennt auch nicht jeder, sondern nur eine bestimmte weisse, vermögende Schicht. Es ist eine Urlaubsregion mit grosser Vergangenheit, als sich noch nicht jeder Urlaub leisten konnte, und die Wege in die Ferne beschwerlich waren: Dort unten wanderten Erzherzöge und Kaiser, es malte August Macke und es schrieb Thomas Mann. Auch Heinrich Himmler erlag dem Charme der Landschaft, als er noch in der Geflügelzucht arbeitete. Drüben am Achensee verkehrte ein Schaufelraddampfer, der Gäste zu einem Grand Hotel ganz hinten zur Sommerfrische brachte. Die grosse, mondäne Welt des alten Europa, mit ihren Brüchen und Abgründen, sie begann mit dem Urlaub hier in diesen Bergen um 1820, und hielt sich bis in die 70er Jahre, als Gunter Sachs dort unten rauschende Feste feierte.

Damals wurden Flugreisen billig, der deutsche Normalbürger konnte sich dank der starken DM längere Auslandaufenthalte leisten, und so bracht er auf in die Welt. Zuerst ging es mit der Horex und dem Käfer Cabrio auf der Landstrasse nach Jesolo, Mutige wagten sich bald mit der S-Klasse bis nach Sizilien, und mein Onkel, dessen alter Bauernschrank da unten in meiner Wohnung steht, durchquerte noch mit dem Renault abenteuerlich die Sahara, die man heute problemlos mit geführten Touren entdecken kann. Die Welt war gross und weit und schrumpfte dann zusammen. Meine Abiturreise nach Kalifornien war noch etwas Besonderes. Heute fliegt man dort schnell zum Coworking hin. Bergwandern am Tegernsee verkam zu einer Wochenendbeschäftigung älterer Münchner, während schlaue, junge Menschen nachrechneten und erkannten, dass man für den Preis eines bayrischen Käsestücks an der türkischen Riviera ein ganzes Frühstücksbuffet bekommt. Mit Meer und Sonne und Wärme anstelle eines kalten Sees in den Bergen. Und der Flug dauerte auch kaum länger als die Anreise in die Berge auf der verstopften Salzburger Autobahn,

Billige Flugzeuge mit staatlicher Unterstützung, billiger Sprit dank Fracking und staatliche Förderung der Flughäfen machen es möglich. Obwohl ich hier oft nur mit dem Rennrad unterwegs bin, kostet mich eine selbst organisierte Transalptour mit gutem Essen in sechs Tagen mehr als eine günstige, einwöchige Pauschalreise in die Türkei mit Flug. Globalisierung lebt von solchen enormen Preisunterschieden, und deshalb importieren wir billig Unterhaltungselektronik wie Kameras und Laptops aus China, um damit im Billiglohnland Türkei Urlaub zu machen und die Bilder mit der billigen Elektronik nach Hause zu schicken. Wenn ich auf einem Rad, dessen Teile vor allem aus Europa stammen, durch die Berge radle, fühle ich mich schon manchmal wie der letzte, langsame Saurier in einer von wieselartigen Kleinsäugern übernommenen Welt. Warum, wurde ich beim Kauf meiner Wohnung hier gefragt, fährst du mit dem Geld nicht einfach in Urlaub? Jeden Winter auf den Sinai, Frühling in Tunesien oder Marokko – niemand muss in meiner gesellschaftlichen Stellung monatelang durch den Schnee stapfen.

Als ich vor 10 Jahren beschloss, hierher zu ziehen, sah ich in den Schaufenstern der Banken Angebote für die Palmeninsel und neue Suiten in Dubai, und ganz versteckt offerierte man auch Wohnungen am Tegernsee. Heute kenne ich niemanden mehr, der nach Dubai reist. Ich weiss von einem Fall einer Tochter, die wirklich nach Ägypten reiste, obwohl ihre Eltern ihr angeboten haben, andere, sichere Destinationen freiwillig zu bezahlen. Das ist alles nur anekdotisch, es sind Einzelfälle und keine Wissenschaft. Aber nun gibt es auch eine Untersuchung, und die spricht davon, dass das Reich unseres Menschenrechtspartners Erdogan inzwischen in der Gunst der Deutschen noch hinter Österreich liegt. Unser kleines Nachbarland, das früher einmal zum Herzogtum Bayern gehörte und eigentlich noch immer von bayerischen Leibeigenen bewohnt wird, dieser bergige Vorbalkan – erfreut sich mehr deutscher Zuneigung als das nachbalkanische Riesenreich mit Sonne, Meer und Tributmilliarden der EU als Dank für den Flüchtlingsdeal.

Noch deutlicher werden die Österreicher selbst. Auch dort nehmen die Reisen in die Türkei drastisch ab und werden vor allem von jenen gebucht, die sich von den extrem günstigen Preisen angesprochen fühlen. Das ist doch etwas erstaunlich, weil der Deutsche laut Medienberichten nun nicht nur der Führer der freien Welt sein soll, sondern auch mannhaft weiss, dass der Terror auch in Deutschland alternativlos unvermeidlich ist, und das Risiko desselben in der Türkei immer noch geringer als das Risiko des Strassenverkehrs ist. An Erdogans Politik kann es eigentlich auch nicht liegen, denn gerade heute tritt sein Freund Yildirim in Oberhausen vor einer entfesselten Anhängerschar auf – solche Gruppen hat man in der Türkei und daheim in Deutschland, das macht eigentlich keinen Unterschied. Betrachtet man das alles so rational wie ein Beitrag der Zeit zu den Nachteilen des Valentinstages, muss man zum Schluss kommen: Die Türkei ist auch bunt. Terror gehört nun mal dazu. Sie ist nicht diktatorischer als Dubai oder Saudi-Arabien oder Tunesien vor dem Umsturz, Es gibt keinen ernsthaften Grund, die Globalisierung durch Tourismus abzubrechen, als wäre man ein Trumpanhänger, der lieber America first denkt und buy american, hire american sagt. Warum nur, warum, warum, warum sieht das Google-Autocomplete bei der Recherche dann so aus?

Der Deutsche hat, auch wenn man nicht offen darüber spricht, Angst. Sorgen. Er mag nicht zugeben, dass er ein besorgter Bürger sei, denn das kann einem den Job kosten. Aber er ist fraglos ein besorgter Urlauber. Die Türkei fällt, Österreich steigt. Es steigt auch Deutschland, namentlich Bayern, in der Gunst der Reisenden. Ich sehe es in der Untersuchung bestätigt, dass mehr Berliner ihre bunte Stadt Richtung Ostsee verlassen, obwohl dort eigentlich Dunkeldeutschland liegt und nach der Wahl in Mecklenburg geschworen wurde, man würde da nie wieder hin fahren. Die einen sind öfters in der Nähe von Prora und Peenemünde, wo die Naziruinen stehen, und andere kommen zu uns, wo das Hotel steht, in dem der sogenannte Röhmputsch stattgefunden hat. Deutschland ist bunt, sagt man, aber Urlaub macht man dort, wo man das nicht wirklich glaubhaft behaupten kann. Langsam zieht sich der Reiseweltmeister wieder in sein angestammtes Territorium zurück, es reicht ihm, was schon seinen Grossvater ergötzte. Es gibt bei uns nicht allzu viel. Berge, Seen, Wälder, Almen, ein paar Barockkirchen und Kleidung, mit der man sich jenseits meiner Heimat als Dunkeldeutscher mit Hang zu identitärer Ideologie verdächtig macht.

Auch die Ernährung bei uns entspricht jetzt nicht unbedingt den Vorgaben, mit denen die deutsche Umweltministerin aufwartet. Es gibt eine Tendenz, dem türkischen Staat den Rücken zu kehren und sich dort zu erholen, wo nach gängiger Sichtweise Reaktion und Fortschrittsfeindlichkeit in Deutschland daheim sind. Die AKP wirbt für die gute, alte Zeit des osmanischen Grossreichs, und das Tourismusmarketing in Bayern mit der zeitgleichen, heilen Welt des Prinzregenten. Das eine gefällt Türken, weshalb sie in Deutschland nationalistische Flaggen hissen und in der Türkei Büros der Opposition stürmen. Das andere gefällt Deutschen, die sich nicht daran stören, dass man in den Tourismusorten demokratisch CSU-Schwarze, Freie-Wähler-Schwarze und Bürgerlisten-Schwarze wählen kann, oder Grüne in Janker und Dirndl. Deutschland mag ein Einwanderungsland sein und der Islam mag zu Deutschland gehören, aber Urlaub, die schönste Zeit des Jahres, verbringt man wieder mehr bei einer Kultur, die, ob man sie nun mag oder nicht, nur bei den Farben der Pralinen, den Dirndln und den Feiertagsgewändern der Hochwürden bunt ist. Und die Türken reisen gern in die Türkei.

Es gibt da also eine gewisse Diskrepanz zwischen dem allseits gewünschten Ideal von Buntheit und Multikulti und den Entwicklungen im Freizeitverhalten der Deutschen. Es geschieht nicht schnell, es kommt langsam, jedes Jahr finden mehr Landeskinder zurück an den Busen der Heimat und der angrenzenden Gebiete, und manch einer wird auch sagen, er folgt nur den Spuren der Kanzlerin der offenen Grenzen, die bekanntlich Südtirol sehr schätzt. Mancher wird auch sagen, dass die Fliegerei ein Verbrechen ist und reduzierter Kerosinverbrauch die Lage der Menschen im Nigerdelta bessert, wo böse Ölkonzerne das Land ausbeuten, und was dergleichen gute Erklärungen mehr dem Wanderer zwischen Berg und Tal kommen mögen.

Man braucht für alles eine gute Erklärung, will man nicht wie Trump als plumper Nationalist erscheinen. Das tut man nicht, denn der Deutsche ist Romantiker, und deshalb lieber in Einklang mit der Natur denn im Dissens mit der Autobombe. Technisch gesehen ist das Ausweichen in die Berge auch kein echter Muslim Ban, denn selbstverständlich könnte jeder Muslim gern nachkommen, ein Dirndl kaufen und ein züchtig-bayerisches Kopftuch, und auch hier auf Almen steigen. Damit bleibt Deutschland auch an den Gipfeln theoretisch bunt, und da unten, weit hinten unter den Wolken, schreitet auch die Integration sicher voran, während man den wohlverdienten Urlaub der Bunten und Gerechten geniesst.

19. Feb. 2017
von Don Alphonso
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14. Feb. 2017
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Mit Krieg und Hummer gegen die Verschwendung

Hinsetzen!
August Stierhammer

Es gibt entsetzliche Arbeiten, auch im Journalismus. So wurde vor Kurzem bei einem Jugendportal dem dortigen Zielpublikum – links, Abitur allenfalls Berliner Güte und immer schnell beleidigt und empört – erklärt, warum momentan Gemüse im Supermarkt so teuer sei. Mit einfachem Deutsch und ohne Schreikrampf, den ich in solchen Fällen bekommen würde. Denn das Gemüse ist momentan nicht teuer. Es gibt in Supermärkten kein teures Gemüse. Gemüse ist in Supermärkten immer zum minimalen Preis im Angebot, wie eigentlich alles, ohne Rücksicht auf Bauern, Geschmack, Transportwege und Qualität. Gemüse ist so billig wie möglich, und momentan so billig wie möglich angesichts der Ernteausfälle in Spanien. Nur weil es teurer ist, bedeutet das noch lange nicht, dass einer der modernen Sklaven aus Schwarzafrika, der in Südspanien, Ägypten oder Sizilien auf den Plantagen schuftet, mehr Geld bekäme. Es ist so teuer, wie es ist, und wenn der Sklave dem System entgeht und genug gespart hat, sucht er sich einen besseren Ort. Das billige Gemüse und seine Arbeitsbedingungen – und nicht etwa Waffenexporte – treibt Schwarzafrikaner innerhalb Europa nach Deutschland.

Und dort wird es dann wirklich teuer. Aber diese Leute, die jetzt für den Salat im Winter 2 Euro zahlen müssen, haben keine Ahnung mehr, was teuer ist. Früher, in Friedenszeiten, war jetzt die Zeit, in der Essen generell teurer wurde, denn langsam gingen die im Herbst angelegten Vorräte zur Neige. Im Spätwinter gingen die Preise nicht wegen längerer Transportwege nach oben, sondern weil die Nachfrage begann, das verbleibende Angebot des Mangels zu übertreffen. Die Menschen hungerten und starben nicht ganz selten. Bei Missernten starben sie dann auch im Sommer. Das ist, im Gegensatz zu dem, was heute landläufig als teuer gilt, ein hoher Preis für Nahrungsmittel.

Weshalb die alten Leute früher immer, wenn die Kinder etwas wegen abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum ablehnten, vollkommen zurecht sagten, sie hätten noch keinen Krieg mitgemacht. Krieg ist – für die Jüngeren erklärt – so etwas ähnliches wie Veganismus, nur nicht so empfindsam: Man lernt, mit einem deutlich begrenzten Angebot auszukommen, nur ohne sich bei einem Bürgermeister über fuchsfeindliche Lieder zu beschweren. Im Krieg konnte man an Mangelernährung sterben, also wurde Essen fundamental wichtig, geschätzt, und auf gar keinen Fall weggeworfen. Man orientierte sich am Vorhandenen, und so möchte man den Nachgeborenen einfach die Weisheit mitgeben: Wenn dein Geld für Erdbeeren und Tomaten im Moment nicht reicht, halte dich an haltbare, heimische und dauerhaft verfügbare Kartoffeln, selbst eingelegtes Kraut und kühl gelagerten Kürbis, Karotten und Steckrüben. Früher ging das nämlich auch nicht anders, da musste man im Winter Milch konsumieren, auf der sich schon der Käse gebildet hatte, und Eier, die wegen der Lagerung in Kalkwasser geschmacklos geworden waren. So war das. Dank Deim Herrgod, du blahde Blunzn, dassd zum Subbama

Man sieht, herkunftsbedingt und durch die generationenübergreifende Prägung der besseren Kreise wäre ich nicht wirklich befähigt, nachkommenden Generationen vertiefend zu erklären, dass sie sich in einer historisch einmalig privilegierten Situation unseres gemüsesklavenhaltenden Kulturkreises befinden, da sie nicht arbeiten müssen, Jugendportale besuchen können und dennoch nicht, wie es früher normal gewesen wäre, der natürlichen Auslese zum Opfer fallen. Es fehlt der Jugend der historisch tradierte Erfahrungshorizont schlechter Zeiten – hätten sie ihn, verstünden sie, warum man früher das Brot bekreuzigte und genau das konsumierte, was da war – weil sonst nämlich nichts anderes da war, und der Hunger eine wirkliche Lebensgefahr und nicht nur krankhafte Magersucht für krankhafte Schönheitsideale war. Solange diese Leute nicht auf die harte Tour lernen, wie teuer Essen wirklich sein kann, werden sie es auch wegwerfen. Ich schlage das hiesige Anzeigenblatt auf und lese: Ein Pfund Hackfleisch 1,68 Euro.

Man kann in Deutschland ein Pfund von einem Lebewesen wegwerfen, für den Betrag einer durchschnittlichen Tüte Kartoffelchips. Das ist das Bewusstsein, in dem weite Teile der Bevölkerung aufwachsen, wenn sie selbst kochen. Andere Teile halten sich EU-Fahrradsklaven, die daheim keine Arbeit finden und für den Mindestlohn Essen durch den Matsch und den Strassenverkehr zu ihnen bringen, damit sie am Schreibtusch essen können und dort lesen, Gemüse sei gerade sehr teuer geworden. Vielleicht wäre es für solche Leute einmal interessant zu erfahren, was Essen wirklich kostet, wenn es so entsteht, wie sie es gern hätten. Also vor einer Traumkulisse in den Sarntaler Alpen, in frischer Höhenluft und ohne Zwischenhandel, direkt vom Produzenten zum Konsumenten. Denn für 25 Euro bekommt man im Supermarkt im Winter 2 Kilo Bananen, 2 Kilo Orangen, ein Pfund Hack und ein Pfund Gulusch, Zwiebeln, Reis, Nudeln, ein Brot, ein Netz Semmeln, und ein Kilo von etwas, das man dort als Frischkäse bezeichnet. Will man aber so essen, wie es nach übereinstimmender Meinung der rotgrünbiobewegten Billiggemüsesklavenprofiteure und meiner Klasse üblich ist, gäbe es dafür aus dem Sarntal 250 Gramm Bergkäse wie unten, 6 Monate gereift, und die 4 Kaminwurzen oben. Sonst nichts, auch kein Messer und keinen Teller gratis dazu. Das ist gerade so viel, dass der Bauer im Sarntal im Direktverttrieb davon leben kann. So wie früher auch.

Es wäre für die Menschen, die genau auf den grünen Biopunkt achten, mal ein spannendes Experiment, eine Woche, nur eine einzige Woche, genau das zu bezahlen, was sie im Supermarkt ausgeben, nur eben für echte Lebensmittel echter Erzeuger ohne Massentierhaltung, landschaftszerstörender Agrarbetriebe, Ausbeutung, umweltschädlichen Transport und Zwischenhandel. Sie würden nach 2 Tagen mit jenem Hunger ins Bett gehen, den ihre Vorfahren nur zu gut kannten, und nach 4 Tagen um eine Hirsesuppe betteln, wie ihre Vorfahren. Samstag würden sie für aufgekochte Kartoffelschalen dankbar sein, und am Sonntag würden sie in die Kirche gehen, nur um eine Oblate zu bekommen. Das hätte zwei angenehme Nebeneffekte: Sie wüssten, was das Essen wirklich kostet. Und sie würden eventuell nachdenklicher einkaufen, damit sie nicht mehr so viel wegwerfen. Das Wegwerfen haben die Alten nach der schlechten Zeit nämlich überhaupt nicht mehr ertragen, und egal ob Hipster oder Volksgenosse: Hunger, echter Hunger tut nach fünf Tagen immer gleich weh.

Das ist, weil wir in der Oligarchie leben, natürlich etwas ungerecht, denn es benachteiligt die Billiggemüsefreunde und nicht gerade die Oberklasse, die sich durch Luxuseinkäufe beim Essen definiert. Aber auch da, denke ich, könnte man erfolgreich auf den Schockeffekt setzen. Das hat nämlich bei der P. bei uns daheim ganz famos funktioniert, und dazu braucht man nicht mehr als einen frischen Hummer aus Paris. Die Familie P., deren Oberhaupt seine familiäre Firma verkauft hatte und danach Gelegenheit fand, sich auf seinem Arztsessel anderweitig zu bereichern, wurde nämlich in den wilden 70er Jahren von einem Pharmakonzern nach Paris eingeladen. Dazu gehörte auch ein Einkaufsbummel für die Frauen, die sich nehmen konnten, was sie wollten. Die Firma zahlte. Und die Frau P. entschied sich dabei unter anderem für einen Hummer. Einen riesigen Hummer, der ihr am letzten Tag dann tot und gut gekühlt überreicht wurde.

Aber wie das eben so war, im damaligen Leben unter den Schönen und Reichen, hatte ihr Mann daheim wenig Lust, sich mit der Post zu beschäftigen, und schlug vor, doch noch ein paar Tage in den Bergen dran zu hängen, wo es die obigen Bergkäsetopfenpflanzerl gibt. Aufgrund diverser Missverständnisse jedenfalls dachte Frau P., es reichte wie üblich, wenn sie den Hummer und alle anderen Trouvaillen in den Gang stellte, während ihr Mann bereits der Haushaltsführerin fernmündlich abgesagt hatte. Danach fuhren sie nach Tirol, hängten noch eine Woche dran und…

Also, die Frau P. ist heute alt und ihr Mann ist tot, die Villa wurde abgerissen und durch hochgeschachtelte Hundehütten ersetzt, die heute auch in guten Vierteln leider beliebt sind. Vielleicht habe ich die Geschichte sogar ein wenig verändert, weil sie schon schaurig ist und ich keinem übel nachreden möchte, aber die wahre und historisch belegte Kombination aus totem Hummer, etlichen anderen Spezialitäten und zwei Wochen Fussbodenheizung fügten dem Wohlgeruch des grossen Pharmageldes im Hause P. eine ungeahnte Note hinzu, die auch mit frisch geweissten Wänden nicht zu beseitigen war. Die P.s konnten danach nie wieder Hummer essen, und das alles war so ein unvergessliches Ereignis, dass die P. von da an deutlich mehr an den Dingen des Haushalts interessiert war.

Vielleicht also könnte man Arme zwingen, eine Woche wie ihre Vorfahren mit den wahren Preisen des Essens zu leben, damit sie den Wert desselben kennen, und die Reichen, den Verwesungsvorgang eines Riesenhummers in ihrer beheizten Halle zwei Wochen zu begleiten. Danach wäre wieder mehr Bewusstsein für das da, was zwischen unseren Sklaven, dem Supermarkt, dem Kühlschrank und der Mülltonne alles passiert, und alle würden Lebensmittel wieder so schätzen, wie es der Anstand befiehlt. Natürlich sind das drastische Massnahmen, aber historisch betrachtet weitaus weniger drastisch als die Bigotterie, mit der die Tränen der von Supermarktgemüsepreisen geschockten Kinderlein unserer Wegwerfgesellschaft getrocknet werden.

14. Feb. 2017
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10. Feb. 2017
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Die klassenkämpferisch benutzbare Betsy DeVos

Si vis pacem, cole iustitiam.

Betsy DeVos hat alles, um zu einer festen Grösse in den deutschen Medien zu werden: Eine Herkunft aus dem ultrareligiösen Milieu des amerikanischen Mittelwestens. Einen Vater, der mit einer Zulieferfirma für amerikanische Spritfresser Milliardär wurde. Ein Leben in Reichtum und in einem Clan, in dem es in ihrer Generation weder auf Leistung noch auf schulische Erfolge ankam, und der die Republikaner förderte. Sie hat einen extravaganten Kleidungsstil, der für hohe Erkennbarkeit sorgt. Und einen Pakt mit dem Teufel Donald Trump persönlich, für den sie das Erziehungsministerium leitet. Außerdem machte sie beim Grillen vor Parlamentariern eine schlechte Figur und bekam sogar Gegenstimmen von Republikanern. Sie vertritt kreationistische Ansichten und will mehr sogenannte Charter Schools einführen, die gewinnorientiert arbeiten. Sie können auch von christlichen Fundamentalisten betrieben werden, die dafür Geld vom Staat bekommen, was die Trennung zwischen Staat und Kirchen in den USA aufweicht.

Kurz, sie ist eine ganz schreckliche Person und auch keine Feministin. Tränke sie Jungfrauenblut aus Robbenschädeln, könnte ihr Ansehen bei deutschen Medien kaum schlechter sein. Und über den Umstand, dass Deutschlands liebster Präsident Obama ebenfalls Charter Schools förderte, muss man nicht gross reden. Übrigens war auch der Vorgänger von Devos, John King, klarer Verteidiger der Charter Schools. Und auch dessen demokratischer Vorgänger Arne Duncan leitete kurz vor seinem Rücktritt noch einen dreistelligen Millionenetat in das umstrittene Projekt, obwohl sein eigenes Ministerium eine Studie über die miserable Qualität dieser Schulform vorliegen hatte. Es geht in der deutschen Berichterstattung etwas unter, aber das Thema ist nicht nur republikanisch, weil es eine Privatisierung einer staatlichen Leistung verspricht. Es ist auch teilweise demokratisch, weil in strukturschwachen Regionen die Bundesstaaten beim Unterhalt der Schulen versagen, und dort die in den USA nicht immer geliebte und politisch einflussreiche Lehrergewerkschaft sitzt, während Charter Schools ihre Mitarbeiter auf dem freien Markt einkaufen, und nicht zwingend die schlechtere Alternative sind. Eigentlich waren Charter Schools zuerst eine Idee liberaler Strömungen, und die meisten gibt es im liberalen Kalifornien. Aber diese komplizierten Debatten und Details würden nur stören.

Speziell in meinen Kreisen, vielleicht weniger in Bayern, aber in Berlin und anderen Entsprechungen des amerikanischen Rust Belts, wo es wirklich in den Schulen brennt und nicht nur, wie bei der früheren Klosterschule gegenüber, wenn jemand ein paar Buden im Schulhof anzündet. Bei uns kann man Schüler noch guten Gewissens in normale, staatliche Gymnasien schicken, von denen es derer zwei wirklich gute Einrichtungen gibt: Das humanistische Gymnasium im Norden der Altstadt und die ehemalige Oberrealschule im Süden der Altstadt. Zwischen diesen beiden Eliteschulen liegt abgrundtiefer Hass, und die besseren Familien lassen sich im Mannesstamm über Generationen an den Schulen festmachen. Vor dem Krieg galten die Humanisten mehr, aber mit dem Aufstieg der Industriestadt begannen die Oberrealschüler, die Stadt und die Wirtschaft zu übernehmen, und heute wird sogar die FAZ von meiner Schule beliefert, so haben wir das Reuchlin in die Bedeutungslosigkeit getrieben. Dazwischen sind die beiden früheren Mädchen- und Höhere-Töchter-Schulen, die inzwischen für alle offen sind, die es bei der Elite nicht schaffen. In Bayern wird noch richtig gesiebt, da kommen schon die Richtigen am richtigen Ort zusammen.

Im Bild etwa vor meinem Haus gegenüber der Klosterschule eine Mutter, die weiter vorne nicht rückwärts einparken kann und deshalb lieber meine Feuerwehrzufahrt zuparkt: Genau so kennen wir die Höhere-Töchter-Schule, die können das alle, auch in meinem Clan. definitiv nicht. Aber wie auch immer, es fand bei uns jeder sein Platzerl und bei den Mädchen wurde nachgeholfen, indem sie vor dem Abitur erfuhren, aus welchem Leistungskurshalbjahr die schriftliche Prüfung genommen wurde. Der C., der inzwischen einen Formel-1-Rennstall leitet, fragte bei uns, ob wir das auch erfahren werden, weshalb es Verwicklungen zwischen den Schulen gab, über die man heute noch spricht – aber wenn eine Apothekertochter die Apotheke übernehmen wollte, bekam sie auch das Abitur. So wollte es das Gesetz. Und wenn es das Gesetz nicht wollte, musste man entweder besonders dumm sein oder etwas ausgefressen haben, denn die heute gängige Fehleinschätzung, einfach nur schlecht erzogene, depperte Bratzen litten hochbegabt an ADHS, gab es bei uns nicht. Nur die wirklich Dummen und diejenigen, die mehr als nur Vaters S-Klasse ohne Führerschein zu Schrott gefahren hatten und deshalb besser eine Weile versteckt werden mussten, verschwanden. Und wurden in Privatschulen, meist kirchlicher Natur, gesteckt.

In meinem Umfeld gab es da nur zwei, einen echten Hundskrüppel – heute würde man Mobber sagen – und eine Arzttochter, die wirklich viel Betreuung brauchte und inzwischen eine gute Ärztin ist. Skandale waren das trotzdem, denn damals war man der Überzeugung, dass eine Familie das Abitur ohne Privatschule schaffen musste, komme an Mathematiklehrerbestien und Physikpsychopathen, was wolle. Wenn Kinder in Privatschulen mussten, war das ein Makel für den ganzen Clan. Das hat sich inzwischen geändert, was viel mit der demographischen Entwicklung und dem Abbau des Abiturs in Norddeutschland zu tun hat: Viele Kinder von Bekannten, die es nach Berlin verschlug, sind ganz selbstverständlich in Privatschulen, weil die öffentlichen Schulen einen unterirdisch unterbayerischen Ruf haben. Clans zahlen das Aufgeld gerne, um sich daheim nicht dumme Sprüche anhören zu müssen. Aber das sorgt natürlich in Berlin wiederum für soziale Spaltung mit jenen, die sich eine Privatschule nicht leisten können. Die einen möchten möglichst ein hohes Niveau und einen Startvorteil für ihre Kinder, die anderen – nun, die anderen sagen, dass das Kind zwar in einer öffentlichen Schule ist, aber in einer Gutenschuleausrufezeichen. Was bedeutet, dass sie um die klägliche Natur des Staatssystems wissen, um die Randerscheinungen des bunten Deutschlands und das stetig nach unten angepasste Niveau, aber dennoch überzeugt sind, ihr Kind habe da noch die bessere Ecke erwischt, neben den schlechten, die es auch noch gibt.

Ein jeder blickt gern mit einem gewissen Grusel nach unten im Gefühl, seinem Kind das Beste zu geben, aber leider gibt es in Metropolen des Nordens etwas, das wir in Bayern überhaupt gar nie nicht kennen: ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, das eigentlich eine klassenlose, bunte, integrative, inklusive und auf Förderung ausgerichtete Gesellschaft der Gleichstellung fordert,  statt sich damit abzufinden, dass kein Knecht kein Bauer nie nicht werden kann. Dieses System funktioniert natürlich angesichts der Gier jener Menschen nicht, die ganz selbstverständlich ander Leute Bundesfinanzausgleich verprassen, es gibt auch dort ein Oben mit Privatschule und ein Unten mit Stadtschule. Wichtig ist es dort, nach Oben Verachtung zu zeigen, und bislang war die Elite mit Meinungsmachern der öffentlich-rechtlichen Millionärskaste, mit Funktionären des Staates und der ganze Entourage in einer misslichen Lage: Über ihnen war nichts mehr, was sie als sozial ungerecht kritisieren konnten, wenn ihre eigenen Kinder in eine mit EU-Mitteln überfinanzierte Privateliteschule mit vorgeblich balkanintegrativem Konzept geschickt wurden, bevor es nahtlos zum Praktikum in den Sender des Vaters ging, zum Entzücken der feministischen Mutter.

Aber jetzt gibt es Donald Trump und Betsy DeVos und ganz schlimm, den Verdacht, sie könnten das öffentliche Schulgeschäft abschaffen, es komplett privatisieren, es Kreationisten überlassen und letztlich ganz ruinieren. Natürlich sind deutsche Kinder auf Privatschulen, die in den letzten Jahren einen Boom wie in Amerika aufzuweisen hatten, und vermutlich auch von der Auflösung der Willkommensklassen profitieren werden. Aber so etwas wie in den USA, können jene Eltern nun sagen, will man auf gar keinen Fall. Ja um Himmels Willen! Gut, dass Privatschulen in Deutschland so stark reguliert sind, werden sie sagen, und dass der Staat mit Argusaugen über sie wacht. Man will auf gar keinen Fall solche Zustände wie in den USA, wo das System nachgerade pervertiert wird. Das ist für doe Ärmeren ein enormes Risiko, das hätte sicher auch bei uns dramatische Folgen. Das muss, zum Wohle der Ärmeren, bei uns verhindert werden, dagegen muss man mit allen Mitteln solidarisch vor dem Brandenburger Tor demonstrieren. Natürlich hat man gerade geerbt, natürlich verdient man gut – aber das heisst nicht, dass man auch nur mit einer einzigen Faser des Gehirns irgendetwas, das DeVos und Trump zu tun beabsichtigen, befürworten würde. Kurz, die Spitzen der nichtbayerischen Restgesellschaft haben endlich etwas gefunden, das auch sie selbst vehement und mit aller Kraft sozial gerecht ablehnen können, ideologisch Seit an Seit mit jenen, deren Kinder nicht von den Jesuiten gedrillt werden.

Hat man einen gemeinsamen Gegner, den man ablehnen kann, muss man auch gar nicht weiter überlegen, ob nicht vielleicht das deutsche Schulsystem, möglicherweise, in gewissen Regionen, dem verhängnisvollen Weg des amerikanischen Schulsystems folgt, dessen Probleme erst zu der Idee der Charter Schools führten. Ab und zu hörte man auch unter Obama von der Überforderung der Lehrer durch aufsässige und lernresistente Schüler, von Schulausfällen und dem Umstand, dass in armen Kommunen einfach auch die Schulen arm und schlecht ausgerüstet waren, aller staatlichen Ausgleichsbemühungen zum Trotz. Was ich immer wieder aus Berlin höre – dass Eltern selbst in Erziehungseinrichtungen einrücken, um Schäden zu beheben – hörte man früher nur ab und zu aus Amerika, und fand es bei uns… wie soll ich sagen… unser Hausmeister war früher bei der Bundeswehr, da war einfach nichts kaputt und wer etwas kaputt machte… also, wir standen zu Beginn der Stunden auch noch auf, Hände an die Hosennaht, und hatten keine Gruppen und Teams, bei uns war das noch Frontalunterricht, Noten gab es in der ersten Klasse und… also, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Bei uns war alles piccobello sauber. Immer. Aber wie auch immer, die Grünen finden CETA plötzlich gut, weil Trump das TTIP beerdigt, und elitäre Eltern des deutschen Rust Belts können nun endlich wieder gleichgestellt mitschimpfen auf die entsetzlichen Pläne, die in Amerika unter Trump bei den Schulen gefördert werden, und die hochheilige Trennung von Staat und Kirche aufweichen. Denn die Kirchen haben zu viel Macht, und sie haben selbst eine bewusst atheistische Hochzeitsfeier in Berlin gemacht.

(Die Trachtenhochzeit daheim am Tegernsee in der Barockkirche Gmund war nur für die Daheimgebliebenen, denen versichert wurde, dass die Jesuiten in Berlin kreuzkatholisch nach bayerischen Grundsätzen das Abitur herbeiführen)

10. Feb. 2017
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07. Feb. 2017
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Das Patriarchat steckt Tiere in den Mixer

Eine Geschichte aus der guten, alten Zeit des echten Wirtschaftswunders

Als gute Hausfrau habe ich nicht einfach eine teure Küchenmaschine gekauft, sondern zuerst einmal gefragt, was denn angemessen sei. Gefragt habe ich vor allem ältere Hausfrauen mit viel Erfahrung, und immer wieder wurde mir erzählt, dass sie zur Hochzeit oder selbst erspart ein Gerät der Firma Braun erhielten. Das tut jahrzehntelang seinen Dienst, ist unzerstörbar und wird auch von Kindern begehrt, die es sich dann aber selbst beschaffen müssen. Also bestellte ich im Internet eine gebrauchte Braun KM-3 der allerersten Generation, gebaut 1957 und verkauft zu einem Preis von 230 Deutschen Mark – ein durchschnittlicher Arbeiter verdiente damals 200 DM pro Monat – für lächerliche 2% meines Monatslohns. Mit Porto.

kmd

Ich bin eben eine gute Hausfrau, auch wenn die Ursache nicht gerade schmeichelhaft ist: In meiner Familie herrschte die – sich nachher als zutreffend herausstellende – Überzeugung vor, dass Leute wie ich ohnehin keinen lebenslangen Partner finden würden, und daher nicht auf die Dienste einer Frau zugreifen könnten. Deshalb wurden mir neben den typisch männlichen Fähigkeiten wie Radreparatur, Heizungentlüften und Nageleinschlagen, wegen derer ich bei Frauen heiß begehrt bin, auch Haushalt und Kochen beigebracht, weswegen ich bei den meisten Frauen in der Epoche der Tütensuppen und Microwellen ebenfalls begehrt bin. Bisher kam ich eigentlich immer ohne Küchenmaschine aus – was zu gross war, wie etwa Gemüse für Suppen, kochte oder schnitt ich eben klein. Ausserdem habe ich kleine Handraspeln und Reiben aus Messing, mit denen ich gut umgehen kann, und als Single reicht das normalerweise. Aber ich wollte nun mal auch eine Küchenmaschine, und was soll ich sagen: Die KM-3 ist laut, brutal und macht alles, was man ihr hineinschiebt, in Windeseile nieder. Schluss mit dem Kochen und Häuten von Tomaten, hinein in den Mixer für eine Minute, und nichts bleibt zurück außer jenem roten Matsch, aus dem Tomatensuppenträume von ausgekühlten Rodlern sind. Inzwischen habe ich übrigens auch eine zweite Braun für den zweiten Wohnsitz am Tegernsee.

kmc

Die Hausfrau in mir jauchzt, weil Semmelknödel jetzt dreimal so schnell fertig werden. Und die Hausfrau in mir hat natürlich auch der eigenen Mutter mit stolzgeschwellter Brust die Neuerwerbung vorgeführt. Diese wiederum erkannte sogleich, dass ich die gleiche Maschine gekauft hatte, die mein Grossvater 60 Jahre zuvor schon erworben hatte, und die sehr bald bei uns in Ungnade gefallen ist, weil meine Grossmutter noch ohne Hilfen kochte, und besonders, weil der Mixeraufsatz MX-3 für dieses Gerät beinahe den Joschi umgebracht hätte. In Komplizenschaft mit meinem kochunfähigen Grossvater.

kmf

Weil, es war nämlich so: 1957 zogen Vertreter durch Deutschland und offerierten in gehobenen Haushalten – wir erinnern uns an den Preis der KM-3 – Vorführungen der Küchenmaschine. Bei uns wiederum gerieten sie dabei an meinen Grossvater und versprachen das Blaue vom Himmel. Wie etwa, dass man Eier mit so einem Mixer überhaupt nicht mehr aufschlagen müsste: Man werfe sie einfach hinein, schalte das Gerät ein, und der Mixer zermahle Ei und Schale zu einer Flüssigkeit, die gesünder als normale Eier sei, denn in der Schale sitze auch Calcium und das habe man schließlich auch gezahlt. Meinem kochunfähigen Grossvater war das Versprechen völlig eingängig, nicht aber meiner Grossmutter, die Eierschalen zerrieb und in ein Säckchen in die damals ebenso aufkommende Waschmaschine tat: Eierschalenstaub soll nämlich Weisswäsche entfärben, besagt eine Hausweisheit, die vermutlich ebenso falsch wie die These ist, der Mensch könnte das Calcium der Eierschalen in geriebener Form in sich aufnehmen. So hat eben jede Zeit ihre Legenden, aber wenigstens waren die Eierschalen damals billiger als Anti-Aging-Creme oder Migranten, die wertvoller als Gold sein sollen und es für ihre Profiteure wohl auch sind.

kme

Meiner Grossmutter als Hausfrau also kaufte mein Grossvater jedenfalls die Küchenmaschine, und im gläsernen Mixer wurden damals tatsächlich die so beliebten Milchmischgetränke gezaubert. Die KM-3 war auf dem besten Wege, sich als Neuheit ihren geachteten Platz in der Küche zu erkämpfen, zumal ihre blosse Existenz und das Versprechen des Vertreters, damit könnte nun wirklich jeder kochen, bei meinem Grossvater den Eindruck erweckt hatte, er könnte das auch. Nun sind Überzeugungen stets harmlos, solange sie theoretisch bleiben, wie etwa merkelsyrische Ärzte und Facharbeiter, aber so, wie die nordafrikanisch geprägte Silvesternacht von Köln in der Willkommenskultur nicht vorgesehen war, war auch für den Vertreter ein schicksalhaftes Zusammentreffen nicht vorhersehbar, von dem nun zu berichten ist. Es kam nämlich der Jagdfreund Joschi zu Besuch. An einem Tag, da mein Grossvater allein daheim war, was ja auch ganz angenehm ist, weil man dann ungestört über Schusswaffenkäufe und die Notwendigkeit eines Gamsstutzens reden kann. Das waren, wie gesagt, noch die finsteren Zeiten des echten Patriarchats, Männer erschossen Viecher, Frauen kochten sie, und alle ernährten sich zu fleischlastig und wussten nicht, was ein BMI ist, wohingegen ich heute natürlich auf jedes Gramm Fett achte.

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Es war also die Hausfrau nicht da und mich, der ich Hausfrau bin, gab es noch lange nicht. Was es aber gab, war die KM-3, den Mixeraufsatz MX-3 und den Joschi, den das Reden über Gewehre hungrig gemacht hat. Und obendrein war noch ein gut abgehängter Eichelhäher im Haus, den mein Grossvater letzthin geschossen und meine Grossmutter schon gerupft hatte. An den Backofen hätte sich mein ehrenwerter Ahn nicht getraut, aber den Umgang mit der Pfanne traute er sich schon zu, und das Grundrezept der Fleischpflanzerl war ihm, der auch Rührleier machen konnte, bekannt. Ausserdem hatte er ja die Küchenmaschine, die alles klein und breiig machte. Während der Joschi also im Wohnzimmer mit den Schiessgeräten meines Grossvaters hantierte, fand mein Ahn, tatkräftig und entschlossen wie Donald Trump, in der Küche das Schubfach mit den Semmelbröseln. Er fand Eier. Und er fand, damit nahm das Unglück seinen Lauf, die Tranchierschere, mit der er den Eichelhäher so klein schnitt, dass die Teile – mit allem, was so an Knochen, Haut, Fett und Gedärmen in so einem Vieh ist – in den MX-3 passte. Dass Calcium gesund ist und auch Knochen Calcium sind, wusste er. Er suchte den Butter und als er ihn gefunden hatte, war im MX-3 schon eine feste Masse aus Ei, Eierschalen, Semmelbrösel und Eichelhäher. Das ein oder andere Schrotkörnderl war vermutlich auch noch im Vogel. Er schaltete den Gasherd ein, stellte die Pfanne darauf, formte Eichelhäherpflanzerl, die ihm nicht einmal anbrannten.

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Der Joschi war danach richtig vergiftet und drei Tage krank.

Und sagte ganz schreckliche Dinge über die Küche meiner Familie, obwohl alle Hausfrauen ganz vorzügliche Köchinnen waren. Köchinnen, die daraufhin auch aufpassten, dass nachkommende Stammhalter insofern kochen konnten, als sie zwischen Ei und Schale unterscheiden können – im Eieraufschlagen bin ich wirklich Meister. Ausserdem ist es heute ohnehin nicht mehr gefährlich, denn die Jagdtradition in meinem Stamme endete mit meinem Grossvater, ich selbst bin Vegetarier, und wer möchte, kann sich auch von meinen Kochkünsten ohne Laktose, aber mit Dinkel und frei von allen tierischen Produkten überzeugen. Erst sollte man das Kochen lernen, und dann mit der KM-3 verfeinern, jener Höllenmaschine, mit der der arme Joschi beinahe umgebracht wurde, und die nach diesem stadtweit bekannt gewordenen Unglück nicht mehr in Gnaden aufgenommen wurde.

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Aber jetzt ist sie wieder im Hause wie 1957, und singt das harmlose Lied der Kürbiscremesuppen und Gemüsetartes, die grossen Arien der Zucchinipflanzerl und der Spinatknödel, und die Kalorienspottgedichte des Guglhupfs. Manchmal lasse ich sie auch einfach nur rattern, um Plätzchenteig zu machen – ich mag Plätzchen nicht, aber den Teig schätze ich sehr, und wenn einer übrig bleibt, kann man ihn in den Kühlschrank und später Gästen auf Gesässhöhe unter das Laken im Bett legen. Die juxen dann, das ist immer lustig, und es war ein beliebter Streich in der Jagdhütte meines Grossvaters.

kmg

Wir sind eben sehr traditionsbewusst. Es renkt sich eben alles wieder ein, und was uns nicht umbringt, macht uns hart. Joschi und Unkraut vergehen nicht, und immerhin hat sich mein Grossvater wenigstens Mühe gegeben. Und daraus gelernt. Er wusste danach, dass er doch nicht kochen kann, und hat es bleiben lassen, so wie auch heute die meisten Frauen an Universitäten, sogar ganz ohne jemals an einen Joschi zu geraten.

Aber Altersarmut von alleinstehenden Soziologinnen im Berliner Matriarchat bereden wir ein andermal.

07. Feb. 2017
von Don Alphonso
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30. Jan. 2017
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Überleben über dem Feinstaub

Jörg Kachelmann zugeeignet

Treppensteigen hält jung, sagte meine Grossmutter immer, und natürlich hatte sie damit wie immer recht, und außerdem könnte man in das alte Haus aus Denkmalschutzgründen auch keinen Lift einbauen. Wer hier wohnen will, muss im schlimmsten Fall sein Gepäck 20 Meter hoch tragen. Man gewöhnt sich daran. Das Haus entscheidet, man folgt, das hat die Familie schon immer getan. Aber die letzten Wochen waren unangenehm. Schon nach der dritten Treppe ging mir Luft aus, und die Lungen rasselten. Wie, dachte ich mir, kann das sein, dass ich im Sommer höchste Alpenpässe überquert habe, und jetzt im Winter nicht einmal mehr ohne Beeinträchtigung in meine Wohnung komme? Und wie wird das erst sein, wenn der Schneefall vorbei ist und ich einen 15 Kilo schweren Rodel einen ganzen Berg hinauf ziehen soll?

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Denn die 20 Höhenmeter des Hauses sind gar nichts gegen die 500 Höhenmeter des ersten Berges, der bei mir am Tegernsee praktisch vor der Haustür beginnt. Daheim habe ich trockene Treppen, am Tegernsee eine eisige Piste. Daheim trage ich normales Gewand, am Tegernsee eine schwere Lederjacke, und drei Schickten dicke Kleidung darunter. Dort oben ist die Luft schon deutlich dünner als im Tal. Wie solll das gehen? Normalerweise sage ich, dass es nur einen Weg gibt, das herauszufinden, und normalerweise führt dieser Weg direkt in grössere Katastrophem, was alle meine Freunde bestätigen: Ich ereiche Pässe erst in stockfinsterer Nacht, ich stehe vor verschlossenen Hotels, deren Portiers längst schlafen, oder ich muss ein Rad über einen frisch gerodeten Abhang schleppen, um erst ganz oben einzusehen, dass es gute Gründe gab, warum ganz unten auf einem Schild stand “Gesperrt! Lebensgefahr! Zutritt verboten!”. Letzteres geschah drüben am Hirschberg, den Sie im ersten Bild in der Mitte sehen. Der einzige Weg, etwas herauszufinden, ist also oft gar kein echter Weg, sondern ein Debakel, und diesmal hatte ich mich sogar noch mehr geirrt: Es hätte auch noch zwei andere Wege gegeben.

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Der eine wäre mein Hausarzt gewesen, aber mit dem bin ich verwandt und er sagt, dass er jeden dauernd in der Praxis hat, nur seine eigene Familie nicht – damit hat er natürlich auch recht, wir sagen alle, dass es von selber kam und von selber wieder gehen wird, und so gibt es keinen Grund, einen Verwandten zu belästigen. Eher fahre ich nach Italien und kaufe dort das Spray für die Bronchien, als dass ich es mir hier verschreiben lasse. Neben der panischen Angst vor<-durchgestrichen dem Besuch beim Arzt hätte es auch noch das Internet gegeben, und dortselbst die Daten aus der Messstelle für Luftsauberkeit in meiner Heimatstadt. Mein Arzt und das Internet hätten mich beide aufgeklärt, dass ich gar nicht so unsportlich bin, sondern einfach die Luft momentan extrem belastet ist: Es herrschte Inversionswetterlage. Das erlaubte Tagesmittel bei der Feinstaubbelastung wurde teilweise um mehr als das Dreifache übertroffen. Deshalb sind die Wartezimmer gerade voll mit Personen, die ihre Grippe nicht loswerden, und es steht außerdem zu befürchten, dass unter diesen wiederum der ein oder andere ältere Mensch nicht überlebt. Es kommt halt gerade einiges zusammen. Im Donautal.

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Vom Tegernsee aus, wenn man etwas hinauf steigt, sieht diese Inversionslage übrigens gespenstisch aus. Auf rund 900 Metern über dem Meeresspiegel ist man an der Oberkante der schweren, kalten und unbeweglichen Luftschicht über dem Flachland, und sieht genau seitlich hinein. Während der Münchner dem Irrglauben anhängt, die Sonne schiene bei ihm und der Himmel sei blau, sieht der Tegernseer viele Kilometer in den abgasgeschwängerten Smog hinein. Das ist der Grund, warum Münchner mit Blick nach oben Blau sehen, auch wenn die Luft von der Seite aus betrachtet grau ist. So ein Elend, denkt sich der Münchner, es scheint zwar die Sonne und der Himmel ist blau, aber ich friere und bekomme keine Luft, ob das vielleicht Grippe sein mag? Ein Blick auf den Boden könnte ihnen so helfen, wie er mir auch geholfen hätte: Das, was man andernorts als “Schnee” bezeichnet und dort die Farbe Weiss in der Sonne funkeln lässt, ist dort an den Strassen dunkelgrau und schmutzig. Dieser Dreck muss irgendwie an den Schnee gelangt sein, und so ihn dort keiner hingetragen hat, muss er dort entstanden sein. Und möglicherweise könnte man nun schlussfolgern, dass dieser Dreck eben auch in der Luft liegt. Niemand würde das matschige Dunkelgrau in den Mund nehmen. Aber die Luft, hier ein besonders schönes Beispiel als pestgelber Schleier im Streiflicht, die sieht so schön blau aus, die kann man doch atmen.

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Jedenfalls steht unten an der Neureuth, dass man im Sommer 1,5 Stunden zum Gipfel braucht, und ich gehe die Strecke momentan mit schwerer Winterkleidung und Supersport-Rodel über blendend weissen Schnee in 1 Stunde 25 Minuten. Exakt 24 Stunden, nachdem ich an der Donau an den Treppen japsend verzweifelte. Ich habe Heuschnupfen und bin daher vorbelastet, mich trifft der Feinstaub und das Ozon vermutlich schneller als andere Zeitgenossen, wenn ich mich dem aussetze. Aber ich habe nicht nur eine Allergie gegen Pollen, sondern praktischerweise auch Allergien gegen geregelte Arbeit, die Existenz an einem einzigen Wohnort und schreibtischbindende Zwänge des Alltags: Niemand kann es mir ernstlich verdenken, dass ich mein Leben so eingerichtet habe, wie ich darin gut überleben kann. Ich würde in grossen Städten unter der Smogglocke sicherlich dauernd krank sein und früh sterben, denn auf Dauer greift das Elend auch das Herz an. Niemand kann von mir ernsthaft erwarten, unter so einer Wolkendecke zu keuchen, das wäre gegen mein Menschenrecht auf Leben. Ausserdem falle ich mit meiner selbst erstiegenen Luftkurklinik niemandem zur Last: Bliebe ich im Tal, könnte ich die Folgekosten auch auf die Allgemeinheit abwälzen.

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Was individuell verständlich ist – niemand außer die Fans von Andrej Holm und ein paar zigtausend andere Leute dort unten in der Suppe würden mich, den freundlichsten Menschen des ganzen Erdenrunds, gern leiden sehen – wird aber gehäuft wiederum zur Klassenfrage. Es lässt sich nicht ganz bestreiten, dass in der hiesigen guten Luft sehr viele Menschen auf Berge steigen, die von der Fron der Lohnarbeit mehr als jene befreit sind, die durch Arbeit zum Vermögen der Bergsteigenden beitragen. Dass der Schnee hier so weiss ist, liegt auch daran, dass nicht allzu viele es sich leisten können, hier zu sein, und viele aus irdischen Zwängen in München verweilen und dort Feinstaub und Abgase produzieren, die in Produkte und Wirtschaft gehen, die Deutschland bereichern und hier wiederum nun mal jene, die an diesem See dauerhaft verweilen. Die soziale Ungleichheit, könnte man behaupten, ist verantwortlich, dass bei uns länger gelebt und in den Städten früher gestorben wird. Ich saß letzte Woche stundenlang dort oben, schaute hinunter auf das blendende Weiss der Wolken von oben, die von unten so grau sind, zermarterte mir darob das Hirn, und fand auch keine voll befriedigende Antwort. Bis zur Abfahrt.

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Da hätte ich nämlich beinahe ein paar Senioren umgebracht oder sie mich, je nachdem, wer sich da falsch verhalten hat: Ich habe deutlich “Aus der Bahn” gebrüllt, sie sprangen wild auf der selbigen umher, und das ging gerade noch einmal gut, außer es bekam jemand einen Herzinfarkt, aber wenn, war ich dann schon vorbei, und da merkt man es nicht so. Beim Aufstieg am nächsten Tag verweilte ich etwas in der engsten Kurve und zählte bei sechs vorbeikommenden Rodlern, alle in gesetztem Alter und offensichtlich gut genährt, nicht weniger als vier, die in die aufgeschütteten Schneerampen knallten. Einer krachte sogar zweimal innerhalb dieser Kurve in die beginnende Bergwaldbotanik. Die Luft ist bei uns gesund, aber nur so lange man sie nur atmet und nicht glaubt, man könnte darin fliegen: Das geht zwar angesichts unserer Abgründe auch, aber dahinter wird die Luft dann kohlenstoffhaltig in Form von Baumstämmen, die reichlich hart und geeignet sind, auch aus so einem unvorsichtigen Rodler Feinstaub zu machen. Insgesamt also ist es durchaus möglich, dass die hiesigen Betätigungen zwar die Lungen rein und stark halten, aber wenig an den generellen Fragen von Morbidität und Lethalität allgemeiner Lebensrisiken ändern. Ausserdem haben wir zwar wirklich weniger Lungenkrankheiten, aber wegen der Sonnenseinstrahlung mehr Hautkrebs. Es gleicht sich bei den letzten Dingen also alles aus, und der Rest verkommt zur reinen Ansichtssache.

doomg

Denn manchmal denkt der Münchner, der Himmel sei blau, auch wenn er in einer Dunstglocke sitzt. Und dann denkt er, der Himmel sei grau, obwohl wir in der Sonne ganz deutlich sehen, dass die Wolken über ihm strahlend weiss sind. Er irrt sich einmal zu seinen Gunsten und einmal zu seinen Ungunsten, und deshalb hat die göttliche Ordnung ihr Gleichgewicht gefunden. Nur das Blau bei uns ganz oben, das ist seit einer Woche immer gleich. Es ist ein Blau, wie Blau eben so ist, mit etwas rotem Schimmer beim Sonnenuntergang im Westen, bis sich dann die Nacht über uns alle gleich senkt, und die Münchner so vom Sommerurlaub träumen, wie ich vom nächsten schönen, warmen Tag dort oben in der Sonne.

doomh

Früher, in der guten, alten Zeit, nahm man übrigens aus diesem Grunde in den Zeiten des Smogs Urlaub, um die Lunge bei uns zu kurieren. Heute nimmt man die Grippe in Kauf, um im Winter zu arbeiten, seine Kollegen zu infizieren, und dann im Sommer an Orte zu verreisen, für die man Schutzimpfungen und Securitypersonal braucht. Früher baute man Hotels in Tegernsee und am Brenner, am Silvaplana und Davos. Heute sind manche alten Grandhotels Ruinen und andere nur noch Mauern für die Eigenheime der Reichen, und im Tal muss man es eigentlich nur bis zum Aufzug schaffen, der einen nach oben bringt, in ein Büro, dessen Luft vorab von der Klimaanlage gefiltert wird. So ist das. Sol lucet omnibus, wenn sie alle am richtigen Ort sind, und in der menschlichen Lunge ist Platz für jeden Feinstaub. Es ist schrecklich. Lebensgefährlich. Ganz schlimm. Jemand sollte etwas tun. Am besten in Berlin oder Brüssel. Hop hop. Dafür bezahlen wir sie.

doomi

Solange bleibe ich hier oben.

30. Jan. 2017
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27. Jan. 2017
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Die Trump-Familie in Nepotentradition

Mors acerba, fama perpetua, stabit vetus memoria facti
Gerolamo Olgiati

Die Frage, ob ein Machthaber verrückt oder ein wahnsinniger Despot ist, ist oft umstritten, und mitunter dauert es Jahrtausende, bis schräge Bilder und Gerüchte von der Geschichtsforschung gerade gerückt werden. Oft hat man es mit Gestalten zu tun, die von ihren Zeitgenossen weitgehend kritiklos akzeptiert oder verehrt wurden, und erst in der Rückschau mit negativen Einschätzungen versehen wurden. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. ist heute das Sinnbild des aus dem Ruder gelaufenen, preussischen Militarismus, aber bis weit in den ersten Weltkrieg hatte er als Herrscher die Unterstützung der Mehrheiten im Land. Medien und Eliten im Deutschen Kaiserreich konnten sich bis 1914 nur selten vorstellen, in etwas anderem als in der besten aller möglichen Welten zu leben. Herrscher und Nationalgefühl waren aufeinander ausgerichtet. Donald Trump dagegen ist jemand, über den das Urteil der Geschichte schon gesprochen scheint, bevor er den Weltenbrand entzündete: Während seine Anhänger ihn teilweise als “God Emperor” feiern, sind sich internationale und nationale Medien mit vielen Amerikanern einig, dass Trump, gemessen an heutigen Vorstellungen von Demokratie und Machtbalance, ein populistischer Despot ist.

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Solche Ansichten werden mal mehr, mal weniger deutlich formuliert. Trump wird in diesem Zusammenhang gern als Relikt vergangener Zeiten geschildert. Für die ZEIT ist er, angereichert mit pornographischen Anspielungen, der Ölmensch der 50er Jahre, der sich zurück ins Zeitalter fossiler Brennstoffe wünscht. Feministinnen sehen in ihm die Verkörperung des Patriarchats alter, weisser, privilegierter Männer, die sich Frauen als hübsches Beiwerk halten, weshalb unvorteilhafte Bilder seiner scheinbar traurigen Gattin im Netz gern verbreitet werden. Es ist völlig normal, dass Beobachter der Zeitgeschichte bei Unbekanntem und Neuem versuchen, es mittels historischer Erfahrungen einzuordnen, und mitunter spielen Machthaber auch damit. Präsident Obama inszenierte sich 2009 als Erbe der Politik des Sklavenbefreiers Abraham Lincoln, indem er mit Lincolns historischem Zug zur Amtseinführung nach Washington fuhr.

Wikimedia CC http://flickr.com/photos/ajacs/3205312180/© Wikimedia CC http://flickr.com/photos/ajacs/3205312180/Wikimedia CC http://flickr.com/photos/ajacs/3205312180/

Und Trump gewann die Wahl des Jahres 2016 mit dem Versprechen, Amerika zu seiner alten Grösse zurück zu führen. Das sind in beiden Fällen bemerkenswerte historische Bezüge, denn früher brachte man die grossen Zeiten der USA vor allem mit den Tugenden und Werten der white anglosaxon Protestants in Verbindung, die idealerweise ihre Vorfahren unter den puritanisch-extremistischen Pilgervätern auf der Mayflower von 1620 lokalisierten. Weder Trump noch Obama gehören zu dieser lange Zeit bestimmenden Kaste, bestimmende Teile ihrer Familien erreichten die USA erst lange nach Unabhängigkeit und Bürgerkrieg. Die Geschichte der Herrschenden lehrt, dass besonders bei Emporkömmlingen die Neigung besonders stark ist, sich historisch zu legitimieren, was sowohl ein Grund für Obamas Zugfahrt als auch für Trumps Versprechen sein mag. Allerdings ist bei Trump die Ikonographie der Herrschaft ganz anders als bei Obama. Oder George W. Bush. Oder Bill Clinton. Deren Ikonographie ist stets der Schwur bei der öffentlichen Vereidigung in Washington. Aber Trump twittert selbst und bringt das hier: “I am honored to serve you, the great American People, as your 45th President of the United States!“

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Angesichts des Ausrufezeichens darf man davon ausgehen, dass Trump dieses historische Dokument selbst erstellt hat. Es ist historisch, weil es nicht den öffentlichen Schwur vor dem – bei Trump nur wenig – versammelten Volk in der Öffentlichkeit zeigt, sondern eine Unterzeichnung im Weissen Haus, ohne Zugang der Öffentlichkeit. Dieser Präsident schwört nicht, er setzt seinen Namen unter ein Papier, was so viel bedeutet wie: Dieser Mann herrscht. Es ist eine gewisse Text-Bild-Schere zwischen dem Text, der verspricht, dass Trump dienen will, und dem, was man da im palastartigen Gebäude zu sehen bekommt: Einen thronenden Potentaten vor goldenem Hintergrund, der etwas entscheidet, im Kreise seiner Familie, Kinder und engsten Berater, die um ihn herum postiert sind. Das ist, wenn man die historischen Vergleiche sucht, kein Bild eines demokratischen Dieners des Volkes. Es ist sehr nah an einem der bedeutendsten Kunstwerke der Renaissance, der Hofszene in der Camera degli Sposi von Andrea Mantegna im Palazzo Ducale von Mantua.

Wikimedia CC https://it.wikipedia.org/wiki/File:Camera_picta,_la_corte_02.jpgWikimedia CC https://it.wikipedia.org/wiki/File:Camera_picta,_la_corte_02.jpg

Die Hofszene zeigt den Condottiere und Markgraf von Mantua, Ludovico III. Gonzaga, inmitten seiner Kinder, Familie, Hofstaat und Berater. Es ist das erste bekannte Gruppenportrait der europäischen Kunstgeschichte und Vorbild für weitere Herrscherbilder dieser Epoche. Es gibt viele Ähnlichkeiten zum Bild von Trump – die Nähe der Kinder zum Herrschenden, die Darstellung einer Entscheidung durch den Herrscher, der bei Mantegna seinem Diplomaten eine Anweisung erteilt, und natürlich der Prunk der Szenerie. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied: Die Camera degli Sposi war nie für den Besuch der Öffentlichkeit bestimmt. Das Zimmer war allein Mitgliedern des Hofes und hochrangigen Besuchern vorbehalten, und sollte ihnen die Macht und den Glanz der Gonzaga vor Augen führen. Das Bild war nie für die Beherrschten gedacht, zu der Ludovico kein allzu gutes Verhältnis hatte: Das Gemälde ist hinter einem Graben in einem separaten Wasserschloss am Rande der Stadt untergebracht, einer echten Tyrannenburg der Renaissance, die allein schon durch ihre Lage jenseits der urbanen Öffentlichkeit eine deutliche Distanz zu den Untertanen zum Ausdruck bringt. Ludovico, der als Kind seiner Zeit für die übelsten Schlächter Oberitaliens tätig war und gewissenlos die Seiten wechselte, hatte gute Gründe, sich, seinen Clan und seinen gemalten Herrschaftsanspruch hinter dicken Mauern zu verstecken Trump dagegen zeigt das Bild allen.

Wikimedia Commons https://en.wikipedia.org/wiki/File:Andrea_Mantegna_054.jpgWikimedia Commons https://en.wikipedia.org/wiki/File:Andrea_Mantegna_054.jpg

Mantegnas Meisterwerk war ein durchschlagender Erfolg: von da an wurde es unter Königen, Adligen und Usurpatoren üblich, sich im Kreise von Familie, Nachkommenschaft, Nepoten und Günstlingen zu zeigen. In vormoderner Zeit stand die Familie und das eigene Blut im Mittelpunkt aller Machtpolitik, und die sichtbare Anwesenheit von Nachfahren zeigte dem Betrachter, dass die Familie im Mannesstamm blühte und gedieh. Schon früh sollten die Kinder das Staatshandwerk erlernen, was auch die Nähe der Söhne zu Ludovico erklärt. Souverän ist auf diesen Bildern nie das Volk, sondern zuerst der Souverän und dann seine Nachkommen. Entscheidungsprozesse sind nicht demokratisch, sondern durch Herrscherwillen und Absprachen mit Günstlingen und Beratern legitimiert. Demütiges Auftreten ist solchen Gemälden vollkommen fremd, die Macht liegt allein in einem engen Zirkel, der aus seiner Selbstgewissheit keinen Hehl macht.

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Trump gilt vielen als skrupelloser Machtmensch mit derbem Naturell, der keine Rücksichten auf diejenigen nimmt, die ihm im Weg stehen. Man lacht über seine goldenen Räumlichkeiten, in denen sich der Prunk des Aufsteigers ausdrückt, und auch in der Camera degli Sposi werden goldene Wände vorgetäuscht. Die Gonzaga waren zu jener Zeit ebenfalls noch eine Familie der Emporkömmlinge, und Ludovicos persönlicher Aufstieg zwischen den Grossmächten Mailand, Venedig und deutschem Kaisertum war auch nicht gerade eben und zwingend vorbestimmt. Wir stehen vor Bildern von eiskalten, selbstüberzeugten, skrupellosen Machtmenschen auf dem Gipfel ihres Erfolges – Ludovico starb 1478, 4 Jahre nach der Fertigstellung der Gemälde, in einem sumpfigen Kaff vor der Stadt an der Malaria, aber eines seiner 14 Kinder führte die Herrschaft über Mantua und das blutige Geschäft des Söldnerführers fort. Trump ist fünffacher Vater und achtfacher Grossvater, und seine Kinder führen seine Unternehmen fort. Diese Nähe zu dynastischem Denken ist ein Charakterzug, der Trump in unserer Gegenwart als Ausdruck patriarchalischer Gesinnung angekreidet wird. Trump passt mit seinem Vertrauen zu seiner Familie und eingeheirateten Personen nicht wirklich in unsere Zeit. Aber in der Renaissance hätte man sich über Männer wie Trump nicht gewundert. Aus Geldgeschäften über skrupellose Virtu im Sinne Macchiavellis aufgestiegene Feudalherren waren damals nicht selten.

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Solche Clans – auch die heute zu Unrecht gut beleumundeten Medici gehören dazu – sind eine Weile wirklich unerquickliche Zeitgenossen, wenn es darum geht, ihre niedrige Herkunft vergessen zu machen. Typisch ist für sie eine Politik, die einerseits rücksichtslos und brutal, andererseits populistisch und durch die vom Volk meist geschätzte Ausschaltung feindlicher Eliten geprägt ist – die Medici vernichteten beispielsweise den Clan der Pozzi, die Visconti errichteten ihren Sumpf in Mailand, nachdem sie den Sumpf der Familie della Torre ausgetrocknet hatten, und wer heute der Meinung ist, dass die Medien unter Trump in Gefahr sind, kann sich mit dem Mailänder Herzog und Ludovico III. Gonzagas Partner Galeazzo Maria Sforza beschäftigen. Der wurde durch Akklamation der Mailänder zum Herrscher über die Stadt, tat viel für den Glanz, aber unterdrückte auch die Opposition und abweichende Meinungen über seine zunehmend grausame Herrschaft: Den Humanisten Nicola Capponi, der gegen ihn und seine Politik argumentiert hatte, liess Sforza öffentlich auspeitschen, nur um dann 1476 einem Mordanschlag von Capponis Freunden zum Opfer zu fallen. Möglicherweise dachte der ZEIT-Journalist Josef Joffe bei seinem verbalen Ausrutscher über Trump an eine derartige Geschichte.

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Manche Familien werden aber im Laufe der Geschichte und der Politik auch sanfter. Um hier mit einer versöhnlichen Note zu enden, möchte ich noch ein Bild der venezianischen Familie Pisani zeigen, die auch nach oben kam, nur um dort im Rokoko zu verweichlichen, und einen schönen Palast hinterließ. Es gibt weder im Feudalismus noch in der Demokratie einen historisch belegbaren Automatismus für einen katastrophalen Ausgang, und die Erregung von gestern wird stets zur langweiligen Lektüre über schwer verständliche Taten von historischen Figuren, über die und ihre Ikonographie man meist nur den Kopf schütteln kann.

27. Jan. 2017
von Don Alphonso
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23. Jan. 2017
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Untanzbare Revolutionen mit Essen aus dem Blecheimer

Nothing matters
Ambrose Bierce

Sie sind jung, sehen schön und gepflegt aus, studieren, und können sich durchaus eloquent ausdrücken. Sie haben keinerlei Ähnlichkeit mit den wenigen Vertreterinnen des RCDS, die ich in meiner Jugend kennenlernte, und die wie ein mitteljung gebliebener Landfrauenbund aussahen. Ich mein, ich bin hier geboren, aber es gibt so Ecken in Niederbayern und der Oberpfalz, da brauche auch ich fast einen Übersetzer, und von dieser Natur waren sie. Die RCDS-Damen jedenfalls haben wir damals mit dem Kompliment hofiert, sie würden ganz vorzüglich zu ihren männlichen Kollegen passen, und hintenrum diskutierten wir den begrenzten Genpool hinter Landshut. Die jungen, schönen Studentinnen, denen ich aus Gründen der Recherche bei Twitter folge, sind allerdings nicht beim RCDS. Sie sind Anhängerinnen der AfD. Ich sitze an meinem Rechner, und sie schreiben, dass sie nun den Stream des EFN-Kongresses anschauen. Ich bin wirklich hart im Nehmen und wundere mich über gar nichts mehr, aber in diesem Moment schweift mein Blick vom Rechner hinüber zu den Photos meiner Jugend, und ich denke mir: Mädchen. Du bist jung. Du bist erkennbar klug. Warum geniesst du nicht einfach das Leben? Du hast alle Freiheiten, du musst deine Jugend nicht damit vergeuden, Typen wie Salvini und Wilders anzuschauen.

streika

Denn es ist die grosse Zeit des Lebens. Es ist die Zeit der Experimente, der Freiheit und der Unbekümmertheit, und man kann Dinge tun, die man mit 40, 50 allenfalls noch tut, wenn man es sich als schlechterer Sohn aus besserem Hause noch leisten kann. Es ist die Zeit der engen Pailettenkostüme und der Benutzung aller körperlichen Reize. Nie wieder wird man so unbekümmert auf Menschen zugehen und sie verführen, wie mit 20 Jahren. Jede Sekunde mit Salvini ist verloren, jede Sekunde mit den Freuden des Studentenlebens ist etwas, das einem an kalten Wintertagen auch Jahrzehnte später ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Ich war auch so. Ich war Student und in einer grossen Stadt, und plötzlich im Zentrum des Geschehens. Die Welt lag einem zu Füssen. Nicht am Anfang des Semesters, aber im Januar. Im überraschend warmen Januar des Jahres 1989 in München, als die Studenten aufstanden und für ihre Rechte kämpften. Ausgerechnet in München, einer saturierten Stadt, die monatelang tatenlos zugeschaut hatte, wie an anderen Universitäten der Aufstand geprobt wurde. Es gab eine gewisse Grundunzufriedenheit mit Themen wie Zwischenprüfungen, Regelstudienzeiten, Bibliotheksbenutzung, Kopierabgabe und schlechter Kommunikation. In den Gängen der Staatsoper waren wir uns einig, dass die Universitäten zu voll sind, und mehr Geld brauchten. Ausserdem begann damals die Regierung Kohl, unsere Orchideenfächer gegenüber Studiengängen mit echter Bedeutung für den Arbeitsmarkt zu benachteiligen. Sogar die TU, so eine Art Sammellager für Oberpfälzer vor der Stadt, sollte aufgewertet werden.

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Kein Wunder also, dass wir etwas übernächtigt – wir waren nach dem Barbier noch im Parkcafe – auf der Strasse standen. In meiner Erinnerung war es bei der grössten Studentendemonstration, die München je erlebt hatte, warm und sonnig. Vermutlich waren wir einfach zu müde, um die Kälte zu fühlen. Die Parolen – Kohl und Möllemann, wie sind jetzt mit dem Zaster dran – haben wir natürlich brav mitgerufen, wenngleich uns “Geld und Knete für lebenslange Fete” besser gefallen hätte. Die RCDS-Vertreter fanden das überhaupt nicht gut, aber so war das eben. Wild, aufgeladen, exzessiv, hedonistisch. Und ich war qua Studiengang auch noch in dem Fachbereich, der die anderen Studenten in den Kampf mitriss. Das passierte einfach. Die Kommunikationswissenschaftler machten Namensschilder und die Kunstgeschichtler malten Plakate, und alle zusammen fühlten sich viel zu jung, zu schön und zu modern, als dass man sich vom eigens angereistem Schnauzbartträger – der sieht ja aus wie von der TU – und Bildungsminister Möllemann etwas sagen lassen wollte.

Wenn ich mich richtig erinnere, war Möllemanns Auftritt im Audimax der LMU München der Punkt, an dem wir uns sagten: Jetzt schauen wir mal. Wir streiken. Wir fordern die Umbenennung der Hochschule in Geschwister-Scholl-Universität. Wir wollen mitreden. Mitreden am Tag und feiern in der Nacht. Audimax, Fachbereich, Milchbar, Parkcafe, Nachtcafe.

streikh

Der grosse Münchner Unistreik von 89 passierte einfach, ähnlich wie manche Umwälzung in Osteuropa. Es war damals nichts vorbereitet, an meinem Institut gab es noch nicht mal eine Fachschaft. Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zum Essen, bitte sehr – meine Freunde aus meinem Institut beschlossen, die Mensa aufzusuchen, und ließen mich am Fachbereich als Notbesatzung zurück, um zu berichten, was passiert. In diesem Moment erschienen die AStA-Vertreter und fragten, ob es überhaupt Fachschaften gäbe – für einen Streik bräuchte man sie nämlich als Ansprechpartner. Es gab sie nicht. In dem Fall bräuchten sie zumindest zur Verbindung einen Streikrat, sagten sie. Ich war der einzige aus meinem Institut, der nicht gerade in der Mensa war, und so wurde ich der Streikrat.

So ist das eben, wenn man jung ist und die Revolution kommt. Da fragt man nicht lange, da macht man einfach. Wir streikten, wie demonstrierten, und am Abend sassen wir mit dem akademischen Mittelbau und manchen Professoren, die sich an ihre eigene Jugend erinnert fühlten, zusammen, und überlegten, was wir vom Staat haben wollten. Wir lernten Studentinnen aus anderen Fächern und ihre Pailettenkleider kennen. Es waren die wilden, lebensfrohen 80er Jahre. Und in den Zeitungen stand, dass nun die Jugend auch in München aufsteht, und deshalb sei 89 das neue 68.

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Was die Medien nicht sehen konnten: Es gab vom ersten Tag an massive Konflikte zwischen den Studenten und denen, die sie vertreten sollten. Der AStA in Bayern ist reichlich machtlos und nicht verfasst wie in nördlichen Bundesländern. Deshalb hatten seine Vertreter die Hoffnung, nun mit einem langen Streik die Regierung zu zwingen, ihn deutlich aufzuwerten. Der AStA wollte als Fernziel die Weltrevolution, ärmere Studenten dagegen keine Kopierabgabe. Der AStA sah den Streik als Kampf gegen Faschismus, Unterdrückung und Patriarchat, die meisten Studenten dagegen wollten studieren, feiern und ihre Freiheiten behalten. Als Streikrat hatte ich eine Delegation im Schlepptau, als wir den heissen Geräten  Kommiliton_Innen der KoWis einen Besuch abstatteten.

In den Instituten wurde aber schnell klar, dass es eine übergreifende Lösung für alle nicht geben kann. Die Unis brauchten mehr Geld, aber jedes Institut hatte eigene und spezifische Probleme. Es war sinnlos, monatelang für die Durchsetzung eines mächtigeren AStA zu kämpfen, der dann zentralistisch zu befinden gedachte, was für ihn selbst der beste Weg ist. Der AStA wollte bis zur letzten Patrone kämpfen. Die Studenten bei uns mussten Referate halten – Hörsaalbesetzungen und kommunistische Agitation hätte sie schlichtweg das ganze Semester gekostet. Die Gefahr war real, denn die AStAe aus Berlin, deren Proteste niemand ernst nahm, sahen ihre Gelegenheit, in München mitzumischen. Sie versuchten eine feindliche Übernahme. Und schickten uns Daniel.

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Daniel war klein, zerknautscht, ungefähr 40 Jahre alt und Berufs-Studentenvertreter im zigsten Semester. Neben die heissen Geräte der KoWis Kampfgenoss_Innen passte er optisch deutlich schlechter als zu den RCDS-Damen. Aber unter der leicht, naja, schlampigen Fassade war Daniel knallharter Kommunist. Er wurde vom AStA eingeführt und teilte Fachschaften und Streikräten mit, was man von uns in Berlin erwartete. Mehr Härte, mehr Klassenbewusstsein, mehr Aktionen, keine Kooperation mit Professoren, sondern nicht weniger als die Übernahme der Institute und der Uni. Daniel war gestählt im Berliner Kampf und hatte wenig Sensibilität für die Belange von Münchnern. Daniel hatte weder Interesse an der Staatsoper noch an der Orgasmic Party im Parkcafe, das damals wirklich von jungen Frauen frequentiert wurde, die sich für finanzielle Zuwendungen Porschefahrern hingaben und so ihr Studium finanzierten. Daniel wäre dort an der Tür gescheitert. Ich habe nie verstanden, wieso Leute, die nicht einmal ins Parkcafe dürfen, der Ansicht sind, mir von ihrem subalternen Klassenstandpunkt aus etwas auftragen zu können. Das hier war München. Hier studierte man Kunstgeschichte, um bei einem Auktionshaus oder Museum zu arbeiten und nicht, um Che-Guevara-Siebdrucke herzustellen.

Ausserdem knickte die Politik und die Unileitung bei den wirklich wichtigen Punkten ganz schnell ein und kam den Studenten, aber nicht dem AStA und Daniel entgegen: Mehr Geld, mehr unbürokratische Mitsprache bei runden Tischen, man freue sich ja, dass die Studenten nunmehr aktiv gestalten und Verantwortung übernehmen wollten – es dauerte nur zwei Wochen, und die grosse Mehrheit der Studenten war zufrieden. Es war eine grossartige Zeit. Man hatte viel erlebt und kaum geschlafen, und es der Politik so richtig gegeben. Wir waren so jung, so mutig, so hemmungslos und unerfahren. Aber wir hatten gekämpft und viel erreicht. Für uns genug, für Daniel zu wenig.

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Daniel traf ich dann später noch einmal zufällig am Bahnhof. Für eine Weile hielt er sich noch in München auf und versuchte, für den AStA zu retten, was noch zu retten war. Für uns Streikräte, die wir in eine reguläre Fachschaft übergegangen waren, hatte er wenig übrig. Ich grüsste ihn, er nahm aber kaum Notiz von mir, wühlte in seiner Süddeutschen Zeitung und war empört, dass sein Exemplar kein Süddeutsche Magazin enthielt, für das er das Blatt eigentlich gekauft hatte. Das war bisher meine letzte Erinnerung an einen Aufstand, der jung, selbstbewusst und schön war, aber keine Revolution: Ein kleiner, dicker, mässig gekleideter, schlecht gelaunter Mensch am Bahnhof inmitten des Gedränges auf dem Weg nach Berlin, ihm zu Füssen eine zerfledderte Zeitung. Allerdings habe ich gestern bei der Recherche einen Beitrag eines Daniel gefunden, den er nach seiner Zeit bei uns in Berlin verfasste – vieles stimmt mit meiner Erinnerung überein, und ich denke, das ist der Mann, der mich in meiner Funktion als Streikrat an seine revolutionäre Front brüllen wollte. Genau das war seine Einstellung und seine Haltung:

Es hat sich einmal mehr gezeigt, daß in dem stickig klerikal-konservativen Millionendorf München Selbstbestimmung und Freiheit nicht ertragen werden kann. Die autonome Organisation eines StudentInnen-Treffpunkts oder alternative Seminarangebote sind dort unmöglich. Im spießigen Klein-Klein wurde die Streikbewegung zu dem, was sie hier sein soll: Ein illusionäres Strohfeuer und ein vergeblicher Ausbruchsversuch, bestenfalls ein Ventil für jeglichen Widerspruch.

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Er hat keine Ahnung, wie das damals wirklich war. Für uns waren das zwei erfolgreiche Wochen Exzess, Party und völlig unverhoffter Sieg. So ist das, wenn man jung und unbekümmert ist, und ich verstehe eigentlich nicht, wie eine junge, kluge Studentin den Stream der AfD anschauen kann – lauter komische Leute in komischen Anzügen. Das ist nicht das Leben. Das Leben ist da draußen, es ist Kampf und Liebe, Freude und Sieg und man muss es nur wollen, dann schlottern die Mächtigen im Staub vor einem, denn nichts ist so stark wie die Jugend, deren Zeit gekommen ist.

Dachte ich, als ich las, womit sie ihre Zeit verbringt.

Aber:

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Wir leben nicht mehr in den 80er Jahren, sondern 2017. Auch 2017 gibt es Studentenunruhen. Sie besetzen wegen der Entlassung von Andrej Holm ein Institut. Sie richten sofort ein Awarenessteam gegen Übergriffe unter sich ein, was vermutlich eine Art Sex-Stasi und eine Absage an sexuelles Vergnügen sein soll, das bei uns, ganz offen gesagt, ein Grund für die famose Vernetzung war, aber nicht nur in der Oberpfalz will man den Genpool klein halten. Sie sehen aus wie der RCDS nach dem Atomkrieg im Bunker, und zwar der RCDS von der TU. Sie sind nicht statthaft gekleidet, und sie machen Marx-Seminare. Marx. Kapital-Lesekreis. Im 21. Jahrhundert. Stalins Ableben hat sich wohl noch nicht herumgesprochen. Sie wollen Hausbesetzungen und laden Initiativen ein, die jeden Menschen mit Besitz und elitärer Denkweise abschrecken. Sie zeigen Filme, die ihre Haltung stärken, und keine Operninszenierungen. Sie schreiben über Polizisten und tragen dann das Gendersternchen für Polizist*innen nach. Sie finden die Stasi verzeihbar und falsche Angaben bei der Einstellung in Ordnung. Sie essen wie die AfD in Koblenz aus Blecheimern. Und finden das beide auch noch gut. Sie reden über “Linke Politik und Rechter Populismus”, statt über das Desiderat, wie man sexuell attraktiv wirken kann. Sie übersetzen ihre dogmatischen Presseinformationen in andere Sprachen, in denen sie auch niemand liest. Unser Daniel von damals wäre sicher begeistert, er wäre da auch im Durchschnitt nicht mehr optisch entreichernd. Und andere schauen sich den AfD-Stream an.

Die fetten Jahre für Studenten sind offensichtlich vorbei, denke ich mir, als ich den Schubladen mit den Bildern derer schliesse, die heute längst Professoren sind, Agenturen leiten oder mit einem Orchideenfach auf jenen profitablen Stellen im Medienbetrieb gelandet sind, die andere niemals erreichen werden. Der Daniel und die Petry geben jetzt den Takt der gesellschaftlichen Debatte vor, unsere Redlight District Orgien wollen beide nicht. Gedankenfreiheit und ein Leben im Luxus können sie uns nehmen, aber die Ehre, gute Zeiten mit Lea, Ann-Katrin und Paula gehabt zu haben, nicht.

23. Jan. 2017
von Don Alphonso
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16. Jan. 2017
von Don Alphonso
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Holm geht, und das Land gehört euch nicht

Angriffe auf Hassbrenner wie Schupelius sind so als Akt antifaschistischer Notwehr zu sehen.
Bekennerschreiben bei Indymedia

Am Samstag gab es zwei wichtige Ereignisse. Zuerst einmal habe ich mein Auto und mich selbst bewegt. Denn vor einiger Zeit hat eine bekannte Figur der Berliner Antifa versucht, mich über einen Anwalt abmahnen zu lassen. Das ging schief, aber sie hat seitdem natürlich meine private Adresse. Inzwischen ist diese Person hofiertes Mitglied der Linken in Berlin, macht Migrations- und auch Wohnpolitik, und hat regional mit Aktionen in beiden Bereichen einige Bekanntheit erlangt. Sie ist mit Mitgliedern der Antifa befreundet, von denen eines juristisch nicht so gut wie ich beraten ist, und deshalb einschlägig verurteilt wurde. Darunter sind auch Leute, die einen Brandanschlag auf das Auto des Journalisten Gunnar Schupelius vor fast drei Jahren höhnisch kommentierten. Dazu gibt es ein Bekennerschreiben aus der autonomen Szene bei Indymedia. Schupelius wird dabei besonders seine kritische Haltung zur Migrationspolitik und sein Bericht über Gentrifizierungsgegner zur Last gelegt. Naja, und nun ist es halt so, dass ich zwar für eine sehr grosszügige, aber klar geregelte Migration bin, und als ausgesprochen netter Vermieter gelte. Aber ich kritisiere natürlich die Politik der offenen Grenzen von Frau Merkel und ich mache Witze über Gentrifizierungskritiker.

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Vor allem aber, und das ist das zweite wichtige Ereignis, habe ich den ersten Beitrag über das Antifa- und Hausbesetzer-Idol Andrej Holm und seine Vergangenheit bei der Stasi geschrieben, und damit die Lawine ausgelöst, die am Samstag zur Forderung seiner Entlassung durch den regierenden Bürgermeister führte, und ihn jetzt das Amt des Staatssekretärs kostet, und vielleicht sogar die R2G-Koalition scheitern lässt. Ich bekomme deshalb gerade einiges an bedrohlichen Nachrichten, und da ist es ganz nett, in einer der bestgesicherten Ecken der Republik zu leben, mit der Polizeizentrale in 30 Sekunden Blaulichtentfernung, Videoüberwachung, Sicherheitsdiensten und Gerichten, die die Antifa schon aus ihren Niederlagen beim G8-Gipfel in Garmisch kennt, und zwar knüppeldick. Trotzdem habe ich mich entschieden, mein Auto mit einem lieben Mitmenschen zu füllen und einen Ausflug zu machen. Wir diskutieren hier noch, ob Leute, denen schon die läppischen Berliner Mieten zu teuer sind, sich eine Bahnfahrkarte hierher für die angebliche “Notwehr” leisten können, aber wie auch immer: Wir leben in schlimmen und, um es höflich zu sagen, interessanten Zeiten. Heute brennen auch Rechtsextremisten Autos von Sozialdemokraten ab, SPD-Werber machen Kampagnen gegen Andersdenkende, man freut sich über den Tod eines Menschen (Die sich Freuende hat sich entschuldigt, Link deshalb entfernt).

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Dabei geht leider auch so manches unter, und deshalb möchte ich noch einmal dezidiert erklären, warum kein Brandanschlag der Welt Holm mehr retten konnte: Schuld ist die Partei, die ihn unbedingt aufstellen wollte, und ihn inzwischen trotz seines begrenzten und manchmal fragwürdig-autonomen Werks als einen der “anerkanntesten Stadtforscher der Republik“ bezeichnet – meines Erachtens eine dezente Überschätzung für einen normalen Unimitarbeiter mit Privatblog. Am Donnerstag hat Holm seiner Universität eine Erklärung zukommen lassen, um die falschen Angaben zu seiner Tätigkeit für die Stasi zu erklären. Am Freitag hat sich Holm bei den Opfern der Stasi entschuldigt, und dann gleich wieder eingedroschen auf jene, denen er “Diffamierungen“ unterstellt – kann schon sein, dass er damit auch mich meint. Das war nach meinen Informationen aber auch nicht wirklich die Demut, die man sich bei der SPD erhofft hatte. Gleichzeitig stellte sich die Linke, Landesverband Berlin, erneut hinter Holm. Und formulierte, obwohl sie die Regierung Berlins wissentlich in diese Situation gebracht hatte, auch noch eine drastische Forderung an den Senat:

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Gestern hat Andrej Holm auch seine Stellungnahme gegenüber der Humboldt-Universität zu Berlin abgegeben, die ein arbeitsrechtliches Prüfverfahren angesichts der Debatte um den Personalfragebogen, den er bei seiner Einstellung im Jahr 2005 ausgefüllt hatte, durchführt. Der Ausgang dieses Verfahrens kann jedoch nicht die politische Entscheidung des Berliner Senats ersetzen. Gerade weil dieses Verfahren noch einige Zeit in Anspruch nehmen kann, setzen wir uns dafür ein, zeitnah eine politische Entscheidung zu treffen. Es ist aus unserer Sicht dringend nötig, als Regierung eine klare politische Rückendeckung für Andrej Holm zu signalisieren, damit wir uns endlich den Fragen widmen können, für die wir angetreten sind und die der Senat mit seinem 100-Tage-Programm konkretisiert hat: für ein solidarisches, nachhaltiges und weltoffenes Berlin.

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Der Landesverband eines Juniorkoalitionspartners fordert vor der Bewertung der HU von der Stadtregierung einen Persilschein für Holm. Der Senat, und hier eher die Opfer der SED-Diktatur SPD und das Bündnis90 der Grünen, hätten mit so einer Erklärung erneut zu Hammer und Sichel kriechen müssen. Sollte sich die HU gegen Holm entscheiden, wäre es den beiden Parteien noch schwerer gefallen, den Staatssekretär nach der Vorab-Solidarität zu feuern. Der regierende Bürgermeister Müller stand damit vor der Wahl, sich entweder mit den neuen Begehrlichkeiten des Partners herumzuärgern, oder sie und Holms wenig kooperative Einlassungen zum Anlass zu nehmen, der Linken, wie man das in Bayern so schön sagt, das Standgas einzustellen. Die Linke wollte die Entscheidung, sie hat in der Sache alle Warnungen missachtet, jetzt übertrat sie die rote Linie im Glauben, sich die erneute Demütigung ihrer Partner leisten zu können. Wenn Müller sich hier nicht gegen die Stasi-Relativierer der Linken durchgesetzt hätte, wäre es mit seinem Ansehen vorbei gewesen. Es ging um eine Machtdemonstration und um klare Zeichen, wie die Linke in einer Mischung aus Stasiflausch und Härte die Andersdenkenden und die Stadt zu beherrschen gedenkt, und sie ist dabei zu weit gegangen. Statt der Internationalen muss sie jetzt das Misericordia singen. Der Ärger der Holmverehrer, die nichts anderes als einen Endsieg der Weltrevolution erwartet hatten, sucht sich Ventile, und dazu gehöre ich persönlich, wie ich Zuschriften entnehmen kann, natürlich auch.

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Allerdings bin ich unterwegs und nicht zufrieden. Das wollte ich nicht. Als ich meinen Beitrag schrieb, dachte ich: Naja, so grössenwahnsinnig sind nicht mal Berliner Linken, die werden ihn halt lautlos zurückziehen und als Berater wieder einstellen. Das haben sie nicht gemacht, und seitdem freue ich mich auf 2017 mit Andrej Holm. Wie sich ein Antifakrimineller auf die Randale freut, denn wir beide hoffen natürlich, dass das muffige, verklebte und erstarrte System damit aufgebrochen wird, und die Situation eskaliert. Es wäre schon gewesen, wenn Holm zum Aushängeschild einer neuen, linken Alternative für Deutschland geworden wäre. Ich hätte das gern gesehen. Natürlich funktioniert jemand wie Holm nur in Berlin und anderen Favelaregionen der BRD. Dort nimmt man ihm auch seine Vergangenheit nicht übel. Da zieht der radical Schick, da kommt der Klassenstandpunkt gut an, die Bezüge zur autonomen Szene wirken auf eine sexy Art abenteuerlich. Nun aber fährt Don Cattivo nicht ganz einsam durch die Nacht, er hat im Dezember die Stasisache aufgebracht, jetzt rast Don Cattivo im Benz in den Süden, so viel Schurkendasein tut ihn nicht ermüden – und ich trage dabei einen bayerischen Trachtenmantel und einen Gebirgsschützenhut, ein Vermieter- und Oligarchenpresseklischee wie aus dem Bilderbuch des Neuen Deutschland.

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Auch Holm steht idealtypisch für eine sehr klare, linke Haltung im Lebenslauf. Stasi. Hausbesetzung, Demonstrationen, Universitätsjob, radikale Einstellung, Mieterrechte. Das passt. Und diese Haltung steht dann eben für R2G im Bund und trifft auf Leute wie mich, die qua Geburt und Herkunft jeder Form von leistungsloser Transferbereicherung höchst aufgeschlossen gegenüber stehen – wirklich, ich kann das gut verstehen, eigentlich ist Holm auch nur ein besserer Sohn der Nomenclatura, nur in DDR-Rot statt in Bayerisch-Schwarz. Holm trifft aber bei uns auch auf Menschen mit Realschulabschluss, Lehre, nachgeholtes Abitur, Meisterprüfung, erstes Kind mit 26, zweites mit 28, Frau in einem Sozialberuf, Kredit mit 31, Grundstückkauf und Hausbau bis 33, zwei Katzen, zwei Autos, Kinder im Gymnasium, abbezahltem Kredit, Kredite für die Wohnungen der Kinder, wenn sie studieren. Er trifft auf Leute, die nie vom Staat abhängig sein wollten und die in Gemeinschaften leben, in denen der Denunziant der grösste Lump ist. Holm kann gern kommen und den Menschen erklären, wie es ist, sich etwas zu nehmen, was man sich nicht erarbeitet hat. Holm kann sich hier gerne in einen Pfarrgemeindesaal setzen, auf einen Stuhl, den der örtliche Schreiner in seiner Freizeit gemacht hat, und uns einmal sagen, wie das ist mit der Gerechtigkeit. Seine ganzen Freunde, die von der Uni direkt in die Politik sind, nie einen Tag in einer Fabrik standen und staatlich finanziert von einem gschlamperten Verhältnis ins nächste fallen. als wären die führende Repräsentanten der AfD oder CSU, sie sollen nur kommen, ich hole sie auch gern ab.

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Sie sollen zu uns kommen und und sagen, wie sie Solidarität leben, und warum ihre Wähler in Berlin es nicht hinbekommnen, am Morgen um 6 ihre Gehwege vom Schnee zu befreien, was wir hier alle tun. Ich will, dass sein Chef, der Lederer, hier seine LBGT-Bevorzugungsprojekte in der bankrotten Stadt mal denen erklärt, die einfach ihre Kinder erziehen und mit dem Bundesfinanzausgleich die staatliche Förderung der drogenverseuchten und auf private Profite abzielenden Berliner Clubkultur finanzieren. Und Holms Förderin und Chefin Katrin Lompscher, SED-Mitglied seit Anno 81, kann ich gern eine wirklich nette Leiterin einer Seniorengruppe vorstellen, die dafür sorgt, dass bei uns die alten Frauen nicht wochenlang tot, vergessen und linkssolidarisch vor dem laufenden Fernseher liegen. Die ganzen Umverteilungsfreunde und Eigentumsverächter, sie können gern zu uns kommen und uns erklären, wieso wir Verständnis für Stasi-Mitarbeiter und Hausbesetzer haben sollen, und warum man es nicht mit der Videoüberwachung übertreiben soll, wenn vom urbanen Sozialismus unbeleckte Unterschichten mit ihrem Klassenbewusstsein andere Treppen runtertreten, ausrauben und anzünden. Sie sollen uns sagen, warum man akzeptieren muss, wenn Anhänger dieser Ideologie randalieren und Polizisten gezielt verletzen, warum die Drogenmafia im Park ein Partner ist, und warum im direkten Vergleich die Leute bei uns als reaktionäre Kleinbürger gelten, die den weltanschaulichen Zielen im Weg stehen. In der Ideologie der Holms, der Kippings und der Lederers und derjenigen, die denken, sie hätten ein Recht auf Notwehr gegen Autoren wie mich, sind diese Menschen, sobald sie ihre Weltsicht formulieren, genau das, was es zu überwinden gilt. Die Linke möchte die privaten Profitinteressen der Mieter gegen die privaten Profitinteressen der Vermieter stärken, sie steht für einen Sozialstaat, in dem Partikularinteressen der eigenen Klientel massiv gehätschelt und andere ganz im Sinne des Klassenkampfes als das Schlechte, Böse, zu Bekämpfende vorgeführt werden – so böse, dass auch der Holm und Antifas legitime Bündnispartner sind. Das ist Klassenkampf.

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Diese Auseinandersetzung ist, da bin ich mit Holm einer Meinung, absolut überfällig. Man hätte man mit dem prominenten Stadtforscher Holm und seinem Klassenstandpunkt bei uns ganz vorzüglich machen können. Schluss mit dem Gerede von Gleichheit und Brüderlichkeit, Ausgleich und Verständnis. Klassenkampf, wie es sich gehört, mit harten Gegensätzen und unvereinbaren Positionen. Ein Klassenkampf, bei dem man sich mit dem Gegner beschäftigen muss, um zu überleben. Ich hätte mich gefreut, wenn die Linke ihren Holm raus aus der Stadt zu uns aufs Land geschickt hätte, um uns zu bekehren. Andrej Holm, promoviert mit einem Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung, erklärt Bandarbeitern und Nebenerwerbslandwirten in Niederbayern ihre soziale Frage. Das wird mindestens so lustig, als wenn ich nach Berlin fahre und Hartz4-Beziehern erkläre, dass angeborener Reichtum auch ihre Probleme lösen kann. Deutschland braucht wieder scharfe Debatten, Polemiken und ideologische Angriffe gegen gefestigt geglaubte Territorien. Und wenn Holm es schon von der diktatorischen Stasi bis zur richtigen, sozialen Seite der Berliner Mietenpolitik wechselte, dann machen wir ihn hier vielleicht auch noch katholisch.

16. Jan. 2017
von Don Alphonso
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09. Jan. 2017
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Andrej Holm bleibt Liebling der Plutokraten

Wer hat uns verraten? Linksparteimitglieder! #skali64

Hin und wieder werde ich gefragt, ob ich mein nicht immer konfliktfreies Treiben nicht doch etwas bedaure. Ob ich nicht einsehen möchte, dass auch ich Fehler mache und Menschen zu hart beurteile. Ich bin dann immer in Versuchung, mit Donald Trump zu antworten. Der erwiderte auf die Frage, ob er Hillary Clinton im Wahlkampf nicht zu brutal angefasst hatte, mit den epochemachenden Worten: “No. I won.” Es ist eine Versuchung, ich kann ihr aber widerstehen, und außerdem habe ich natürlich manches getan, was man nur als unangemessen bezeichnen kann. Mein letzter schwerer Missgriff war der momentan noch das Amt eines Staatssekretärs bekleidende Andrej Holm, dessen frühere Tätigkeit für die Stasi ich als erster publizierte und mich darüber noch lustig machte, obwohl es inzwischen zu einer handfesten Regierungskrise führte. Ich bin übrigens immer noch der Meinung, dass jemand mit so einem ideologisch gefestigten Standpunkt und seiner fragwürdigen Selbstreinwaschung in der Berufspolitik nichts verloren hat, aber ich muss auch an mich selbst denken und zugeben: Da kannte ich seine politischen Positionen noch nicht.

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Denn auch ich habe natürlich den gefestigten Klassenstandpunkt eines Menschen, dessen Vorfahren ihren Klassenstandpunkt mit Anweisungen an andere bekräftigten, nämlich, wo und wie sie die Tiere meiner Vorfahren zu hüten hätten – und dafür brauchten wir auch keine SED-Diktatur und Mitmacher wie Holm, die bürgerliche Klassengesellschaft reichte völlig aus. Daraus entstand Besitz. und Besitz verpflichtet natürlich, und zwar vor allem, den Besitz weiter zu mehren, was nur geht, wenn andere weniger haben. Früher machte man das etwa mit Leibeigenschaft, heute kann der Leibeigene auswählen, welchem Herrn er seine Zahlung für die Bewirtschaftung von Fläche überlassen will – weil Leibeigenschaft völlig zu Unrecht in Verruf kam, nennt man das heute “Miete”. Mein Klassenstandpunkt ist also der einer fortgesetzten Bereicherung auf Basis von Besitz, für dessen Umfang ich wenig kann. Aber es ist nett, Teil so einer Gesellschaft zu sein und zu sehen, wie frühere Stasi-Männer heute alles daran setzen, damit auch alles so bleibt.

Holm jedenfalls hat via Zeit und Potsdamer Nachrichten schon einmal wissen lassen, was er alles tun will. Städtische Mietwohnungen behalten und ausbauen, und auf keinen Fall in Eigentumswohnungen umwandeln. Oh ich möchte auf Holm zugehen, ich möchte an sein Bäckchen greifen, das fleischige Inkarnat etwas herausziehen, mit einem leisen Plopp zurückschnalzen lassen und sagen: “Oh Sie Schlingel, wir verstehen uns!” Denn in Berlin steigen die Preise der Wohnungen, natürlich auch der Wohnungen der Stadt, und diese Wertzuwächse bleiben auch bei dem Gebilde, das SPD, Linke und Grüne unter sich aufgeteilt haben, Ein Sozialist, der das Volk bereichern wollte, könnte auch ganz anders. Er könnte sagen:

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“Sehet, Genossen, der Kapitalist macht das Geschäft seines Lebens mit Immobilien, während Ihr weiter steigende Mieten bezahlt: Wir bieten Euch, Genossen, sofern Ihr das bezahlen könnt, Wohnungen aus unserem Bestand zum Kauf an! Das erhöht das Angebot deutlich, bremst den Preisanstieg für den Bestand, und befreit uns von Fehlbelegern, die sich auch mehr als die Miete leisten könnten. Außerdem müsst Ihr selbst dafür sorgen, dass es hier nicht mehr wie im Saustall der Knechte von Don Alphonsos Vorfahren aussieht, und zum Lohn bildet Ihr Immobilienvermögen in der einzigen Hauptstadt westlich von Pjönjang, die für Euch auch im Kauf noch bezahlbar ist.

Die Kredite dafür wickeln wir über eigene Finanzvehikel ab, damit wir, also der Staat und damit alle, selbst die Zinsen kassieren können. Und das Geld nehmen wir, um vor der Stadt auf eigenen Grund ohne Investoren neu zu bauen. Ihr zahlt 4000 € pro m², wir machen aus den Geld 2 neue Quadratmeter vor der Stadt und in Baulücken. Wier versprechen auch, dass höchstens 1,5 m² davon an unsere Kernwähler gehen! Der Rest ist frei je nach Warteliste, die nur 93% der Länge der Warteliste von 1988 im Osten hat. Genossen! So schön ist die Weltrevolution!”

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Und ich muss ganz offen zugeben: So ein Modell wäre bei vielen Mietern hochwillkommen und würde unsereins massiv schädigen; Denn es würde gerade aus den zahlungskräftigen Mietern Besitzer machen – und würde uns nur die Ärmeren lassen. Die mit den Risiken, die man nicht so gern hat. Holm dagegen behauptet, man könnte auch mit 4,50 Euro Monatsmiete kostendeckend einen Quadratmeter bauen, und will bei den realistischen Zahlen von 12 und mehr Euro gleich mal wieder die Profite herausrechnen. Er behauptet, die Miete könnte bezahlbar bleiben. Er sagt nicht, dass damit mehr Eigentum für Privatleute in einer ostdeutschen Provinzstadt, die vielleicht einmal so teuer wie beliebte Metropolen wie Kinding, Pfaffenhofen oder Dietramszell werden könnte, natürlich unerreichbar ist. Die Stadt nimmt das, was ich auch nehme: Die Miete. Und behält die Wohnungen.

Und sorgt so dafür, dass das Angebot an Eigentumswohnungen gering bleibt, und ganze unberührbare Kasten wie Berliner Nachwuchsjournalisten an die bezahlbare Miete glauben, so wie ihre Vorbewohner in jener Stadt an die Weltrevolution, die Überlegenheit der arischen Rasse, an den Kaiser und Thron und Altar geglaubt haben. Der Zeit ihren Irrglauben! Und natürlich findet man die Märchenstunde vom bezahlbaren Wohnen schön, wenn man 40 ist und vor der Frage steht, ob man nun das neue iPhone haben will, und danach ein Burgeressen, oder einen Kredit, dessen positive Folgen man erst nach 30 Jahren sieht. Das funktionierte früher bei den Leibeigenen, weil die Lebenserwartung viel zu gering war, und es funktioniert heute bei ihren Nachkommen, weil sie glauben, mit R2G käme im Bund sicher auch das bedingungslose Grundeinkommen, und warum sollte man sich dann noch um Immobilien kümmern.

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Holm nimmt also mit einem scheinproletarisch-städtischen Verhalten, das sich in nichts von unserem grossbürgerlichen Benehmen unterscheidet, viel sozialen Druck von uns, und sorgt durch die Verknappung des Angebots für Bereicherung. Ein Schlingel, wirklich. Dass er gegen die Verwendung von Wohnungen als zwischenvermietetes Ferienobjekt vorgehen will, ist auch pure Kapitalistenförderung: Ich erlaube das meinen Mietern, denn natürlich sind sie ab und zu nicht da, mache Urlaub, und warum sollten sie die Kosten für die Miete nicht anderweitig reinholen? Holms Mieter dagegen bleiben diese Zusatzgeschäfte mit leerstehendem Wohnraum verboten, ja sie sollen sogar von Schnüfflern denunziert werden, wie das so ähnlich bei seinem früheren Arbeitgeber auch schon gemacht wurde. Auch das läuft auf eine Verarmung der Mieter hinaus, und darauf, dass unsereins mit besseren Konditionen natürlich auch etwas mehr Miete verlangen kann.

Auf das Gerede von der Verhinderung von Zwangsräumungen gebe ich nichts, das ist auch nur populistisches Lametta, solange die Zivilprozessordnung ZPO in Berlin noch gilt. Und ungefähr zu der Zeit, während Herr Holm die Hofberichterstatter von Zeit und Tagesspiegel empfing, und ihnen erklärte, wie rebellisch und regimegegnerisch doch der Haushalt seiner sozialistischen Familie war, wurde in der Skalitzer Strasse 64 schon mal die meines Wissens erste Zwangsräumung unter R2G im zweiten Versuch durchgezogen. Geht es nach Holm, soll das nur noch möglich sein, wenn der Geräumte eine andere Wohnung in Aussicht hat – was möglicherweise etwas schwierig ist. Aber aus meinem Klassenstandpunkt ist das noch ein Geschenk: Wir haben Vertragsfreiheit und können Mieter mit diversen Mitteln zum Zahlen bringen: Befristete Mietverhältnisse, die erneuert werden müssen, 1 Jahr Miete vorab, Bürgschaften, totale finanzielle Durchleuchtung – und wer das nicht will, muss eben zu den kommunalen Bauträgern. Dort fühlen sich dann sicher auch die Mietnomaden heimisch, denn sie wissen: Solange sie keine Ersatzwohnung haben, werden sie unter Staatssekretär Holm nicht geräumt. Mietenverweigerung und keine neue Bleibe? Keine Räumung. Ein Eimer fauliger Fische im Hausgang und keine neue Bleibe? Keine Räumung. Schlachtfest an Ziegen im Bad und keine neue Bleibe? Keine Räumung. Abbau der eingebauten Küche für den Cousin als Hochzeitsgeschenk und illegale Zwischenvermietung an 20 EU-Sozialbegünstigte und keine neue Bleibe? Keine Räumung. Nichts macht das Vermieterglück größer als ein Marktführer, der seinen besonders problematischen Kunden besonders nette Behandlung verspricht.

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Wie das alles letztlich funktionieren soll, wie man die Mieter dazu bringt, ihre selbstverursachten Kosten zu tragen und die Unkosten derjenigen zu finanzieren, die das System für sich ausnützen, ohne Angst vor Konsequenzen haben zu müssen – nun, das ist zum Glück nicht mein Problem. Der alte Westen hat schließlich auch besonders vom Umstand profitiert, dass sich der alte Osten mit SED, STASI, Planwirtschaft und Völkerfreundschaft so herabwirtschaftete. Vielleicht schafft es Holm, Berlin wieder aus dem Geltungsbereich der ZPO heraus zu holen, vielleicht sieht Mieterschutz dann wirklich so aus, dass alles getan wird, um sie vor Profiten und Wertsteigerung des Wohneigentums zu schützen. Die Regierung von Berlin kann mit Schlendrian alles verlangsamen, sie kann die Polizei bei Mieterdemonstrationen zurückziehen, und abgefackelte Autos aus dem Verfassungsschutzbericht zusammen mit einigen Gruppierungen streichen, die sich für Holm stark machen. Sie kann bei ihren Wohnungen tun und lassen, was sie will. Das ist prima, denn es gibt immer welche, die genau diese Zustände wollen, und andere, die jeden Preis bezahlen, um ihnen zu entgehen. Und das wiederum lohnt sich für Privatvermieter, Privatschulen, Privatsicherheitsdienste und Privatmeinungen unter Salonsozialisten, dass Mieterschutz zwar wichtig ist und soziales Bewussstsein auch, aber 500 Euro mehr Miete im Monat an einen Privatmann trotzdem die Nachteile aufwiegen, die sich dann im Sozialwohnungsbau manifestieren werden.

Famoser Mann, dieser Holm. Solche können wir brauchen. Und die abgewohnten Ruinen können wir nach dem nächsten Regierungswechsel sicher günstig von der finanziell ausgebluteten Stadt bekommen, wie schon 1990 im Prenzlauer Berg, als Holm seinen ersten Job bei der Stasi verlor.

09. Jan. 2017
von Don Alphonso
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