Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

27. Jun. 2017
von Don Alphonso
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Sieben polyamore Zwerge für Schneewittchen

Ich bin der kleine Willi und fliege durch die Welt, ich trinke alte Blumen und brauch deshalb kein Geld
Willi aus dem feministischen Klassiker „Biene Maja“

Wenn Sie das Glück haben, noch in der Klassengesellschaft anstelle des Sozialismus zu leben, dann kennen Sie eines der Grundprobleme: Sie können die eine Klasse nicht pauschal diskriminieren, ohne die andere nicht mit Privilegien auszurüsten. Immerhin sind wir inzwischen nach all den freiheitlich-demokratischen Wirrungen so weit gediehen, dass Medien heute klassenlos mehr auf Seiten der Diskriminierten denn auf Seiten der Privilegierten stehen. Diskriminierungen sind schick, man kann darüber reden wie über das Wetter, und der Staat setzt dauernd Kommissionen ein, um neue Benachteiligte zu finden. Mieter, Frauen. Migranten, es wird immer eine beklagenswerte Gruppe geben, um die man sich laut und aufmerksamkeitserregend kümmern muss, solange man als Volkspartei nebenbei gegen jeden Sachverstand Gesetze zur Benachteiligung von Sexarbeiterinnen, Internetnutzern und Freunden der Meinungsfreiheit gestaltet.

Besonders beklagt wurde diese Woche der Rolle der Frauen als Benachteiligte bei Arbeit und Einkommen, und die der Migranten und Armen bei der Suche nach für sie bezahlbaren Wohnungen in Regionen, in denen die Wohnungen eher nicht bezahlbar sind. Schuld hat natürlich das Besitzstreben der Männer und vermögenden Immobilienbesitzer, die oft genug identisch sind, bezeichnenderweise auch im Autor dieser Zeilen. Mit Testosteron und Ellenbogen boxt sich unsereins an die Spitze der Einkommenspyramide, während andere dankbar sein müssen, überhaupt auf einem Jugendportal eine Videokolumne zu Sexpraktiken anbieten zu dürfen. Und als Vermieter partizipieren wir ohne viel Arbeit von den kargen Löhnen anderer Leute, und verfestigen somit die Strukturen des Patriarchats. Und warum?

Weil man, das darf ich hier offen sagen, ebenfalls einer Diskriminierung unterliegt: Der Diskriminierung bei der Wahl des Geschlechtspartners. Frauen, das zeigen Studien immer wieder, sind bei der Partnerwahl aus nachvollziehbaren Gründen auf der Suche nach Männern, die die materiellen Probleme klein halten. Mag in Berlin noch der mexikanische Musiker und der griechische Webdesigner eine angemessene Wahl für ein paar Nächte sein, spielen bei der langfristigen Planung andere Aspekte eine grosse Rolle. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass die Liebe eher dorthin fällt, wo man keinen Kredit für ein Haus aufnehmen muss, und kein Zwang besteht, etwaige Kinder in einem sozial benachteiligenden Opel zur Schule zu bringen. Frauen orientieren sich tendenziell nach oben, was Männer unter konstanten Druck setzt, ökonomisch attraktiv zu sein und zu bleiben.

Das hat Folgen in der Arbeitswelt, es macht Männer zu aggressiven Kämpfern, die zeigen müssen, was in ihnen steckt. Sie konkurrieren und drücken durchaus die ein oder andere Frau weg, die nicht ihre eigene ist. Sie müssen das Maximum aus Gehaltsverhandlungen heraus holen, sie müssen auf der Karriereleiter nach oben oder, wenn das nicht geht, Nachtschichten fahren, sich nach Afghanistan versetzen lassen, und Chancen für mehr Geld rücksichtslos nutzen. Männer sind da zwischen dem Druck der Arbeit und dem Druck der Familie. Das sage nicht nur ich, sondern auch Feministinnen, die den Mann als gesellschaftliches Problem entdeckt haben, und ihn gern an die Gegebenheiten des gleichgestellten Daseins aller Geschlechter, aller Rassen und Benachteiligten anpassen würden. Der Mann soll sich mal entspannen, sich mehr um die Kinder kümmern, daheim sein und den Müll runtertragen, Alte pflegen und seinen gerechten Teil leisten. Er muss begreifen, dass auch seine Arbeit eine Form von Zwang ist, dem er unterliegt – dann vergeht es ihm seine brutale Ader, und er wird fürsorglich, lieb und aufmerksam.

Ein gesellschaftlicher Wandel muss also her: Wenn Männer mehr daheim tun, tun sie weniger in der Arbeit, und Frauen können dort leichter aufsteigen. So ist, vereinfacht gesagt, die Zielsetzung, zu der sonst nur jene heilbringenden Quoten führen, denen wir schon die Spitzenkandidatur von Katrin Göring-Eckardt verdanken. Es ist offensichtlich, dass im Zentrum solcher Bemühungen Männer wie ich stehen, die ihrem Beruf mit einem gewissen Furor und ihrer Bereicherung mit Freude an der Benachteiligung anderer nachgehen: Es gibt nun mal nicht unbegrenzt Platz am Tegernsee, und wenn ich dort bleiben will, dürfen andere nicht kommen. Klagt eine frisch gebackene Mutter mit feministischen Neigungen in Berlin über den Mietmarkt und die Kitas und den doch unerwartet unzivilisierten Mann, ist für mich die Welt in Ordnung – wieder sehe ich welche, die keine Konkurrenz darstellen werden. Früher, als Privilegien noch als gut empfunden wurden, war das kein Problem. Heute sollte man die Freude über den Zusammenprall egalitärer Ideologie und Realität still empfinden, und obendrein nicht betonen, dass die Dominanz weisser, alter Männer insgesamt richtig ist.

Also, das liegt auch mir natürlich weltenfern. Es ist halt nur so, dass hinter den meisten erfolgreichen Männern eine anschiebende Frau steht, und in ihrer Bugwelle weniger erfolgreiche Frauen beiseite gedrückt werden. Die Vorstellung, die Männer könnten weniger tun und weicher werden, würde bedeuten, dass die Ansprüche der Frauen sinken. Oder umgekehrt: Wenn die Ansprüche der Frauen an Männer sinken, müssten sie auch nicht mehr so erfolgsorientiert sein. Das wäre dann der Beitrag der Männer zum Gelingen des Gesellschaftsumbaus – der Beitrag der Frauen wäre noch einfacher.

Sie müssten sich bei der Partnerwahl nicht mehr nach oben orientieren, lange Partner gegeneinander abwägen, und eine neue Garderobe für das erste Treffen kaufen. Sie sollten einfach dem Partner aus der Oberschicht entsagen und langfristig einen Partner wählen, der von Anfang an nicht die geringsten Ambitionen und auch keinerlei Aussicht auf sozialen Aufstieg hat. Das wäre für eine Generation vielleicht nicht wirtschaftlich lukrativ, würde aber den Reichen und Ambitionierten vor Augen führen, dass die früheren Qualitäten und heutigen Laster einfach nicht mehr gefragt sind. Wer vermögend, leistungsbereit und privilegiert ist, muss erkennen, dass seine Vermehrungschancen ebenso wie die Zahl der verfügbaren Frauen gegen Null gehen. Wir sehen schon Ansätze dazu in der Prantlhausener Zeitung, die Männer zu Problemfällen erklärt – jetzt müssen nur noch die Frauen mitziehen, und ihre Präferenzen für alte Privilegien der Problemfälle aufgeben, und deren Träger sexuell ächten. Jeder Porschefahrer auf der Maximilianstrasse muss sehen, welche attraktiven Frauen sich von weichen, zarten Politologen und Sozialforschern das Babboe-Lastenrad fahren lassen. Genau so einer hätte mich übrigens handynierend vor ein paar Wochen beinahe von meinem teuren Colnago C50 geräumt.

Es ist also möglich! Erfolgreiche weisse Männer haben, wenn sie den Crash mit dem neuen Mann überleben, nur noch zwei Optionen: Entweder sie sterben mangels Partnerinnen aus, oder sie passen sich dem neuen Ideal an. Man muss ihnen nur klar machen, und dass keine sexuelle Handlung wie ein Blick ohne Konsens geht, dass Care Arbeit Männer begehrenswert macht, solange es nicht um Rasenmähen beim Schwiegermonster geht. Man sollte sie in Gemüsegrillkurse stecken und sie auf Laktoseintoleranz erfolgreich prüfen. Und ihnen sagen, dass es völlig in Ordnung ist, nur 900 Netto nach Hause zu bringen, die Frau geht das jetzt an und macht die Karriere – Platz ist schließlich genug da, wenn Männer erst einmal ihre neue Rolle vollumfänglich eingenommen haben.

Ist das Erwerbsleben dann erst einmal mehr weiblich dominiert, können die Frauen zusammen auch etwaige Restexemplare wie mich konzertiert abräumen. Solche Männer sind selbst schuld, wenn sie sich nicht frühzeitig dorthin zur Unterschicht begeben, wo nun das Ideal des begehrten Mannes zu finden ist. Man muss das nur wollen und allgemein propagieren, dann gelingt auch die Transformation. Und jede Frau kann das selbst tun: Einfach dort, wo sie früher bei Tinder schleunigst wegwischte, nun einen Heiratsantrag machen.

Das wird Trägern der überkommenen Männlichkeit eine Lehre sein, solange sie keine italienische Kollegin oder deren Schwester oder der Cousine vom Neffen 3. Grades und deren beste Freundinnen mit ebenso überkommener Weiblichkeit haben! Der Umstand, dass nicht alle Länder Europas so fortgeschritten und zivilisiert wie Deutschland sind, birgt natürlich einige Risiken: Wenn man Männer schon gezielt aus dem Genpool ausschliesst, muss man auch dafür sorgen, dass andere hier keine ökonomischen Vorteile ziehen. Da muss der Staat dem Werke beispringen und in Schule, Vorabendserien und Broschüren staatlich finanzierter Fördervereine noch mehr Volksaufklärung betreiben. Aschenputtel heiratet dann keinen Prinzen mehr, sondern Aschenprinzessin den Puttel mit 22 Semestern Genderstudies, und Schneewittchen darf bei den sieben polyamoren Ökozwergen bleiben, während sich der Prinz im Rosengarten verirrt. Natürlich ist das kein leichter Weg, es wird Hürden und Renitente geben, die dreist behaupten, dass es gut ist, wenn die einen oben bleiben und die anderen nur so lange achtlose Babboe-Rowdies sein können, als ich nicht vom schwarzen Colnago C50 auf den schwarzen Mercedes umsteige. Aber Opfer müssen gebracht werden, und eine Umdeutung des fetten Willi als guten Partner der klugen Biene Maja sollte auch den letzten Knaben in seinem von Papa selbst aus Kissenresten genähten Röckchen überzeugen.

Wenn wir uns einig sind, dass Männer wie ich ein Problem darstellen, und es obendrein geniessen, ein Problem zu sein, weil wir gerne Frauen mit grossen Strohhüten und freiem Bauchnabel benzinverschwenderisch durch die Gegend fahren, muss sich alles ändern. Den Benzinpreis tut mir nicht weh, die Reparaturen tun mir nicht weh, die Kampagnen über neue Männlichkeit lese ist nicht – merken werde ich es erst, wenn niemand mehr neben mir auf dem Alcantaraleder oder auf der Terrasse am Tegernsee sitzen will. Es liegt an den Frauen, Nein zu sagen und die kühle Vernunft dorthin folgen zu lassen, wo das gleichgestellte Herz längst schlagen sollte.

Und angesichts der Vermögensverteilung in Deutschland ist es obendrein wirklich leicht, einen Unterprivilegierten zu finden, und glücklich und chancengleich zu leben.

27. Jun. 2017
von Don Alphonso
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22. Jun. 2017
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Leben und Feinde finden am See

Endless days of summer longer nights of gloom, waiting for the morning light
Genesis, Home by the sea

Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen wollen wissen, wie man reich wird. Die anderen wollen wissen, wie man mit guten Freunden glücklich wird. Und ich bin in der vorteilhaften Situation, beide Fragen umfassend, ehrlich und ohne die an dieser Stelle üblichen Lügen von Ehrbarkeit und Zuneigung beantworten zu können. Technisch gesprochen wird man in Deutschland reich, indem man in eine reiche Familie geboren wird, und das Vermögen später übernimmt. Das ist ganz einfach, das machen viele, es funktioniert, man kann an den Tegernsee ziehen, und man muss noch nicht einmal etwas dafür tun.

Die andere Frage kann ich zumindest von meinem Klassenstandpunkt aus beantworten: Man lebt mit wenigen, wirklich guten Freunden, wenn man sich mit aller Welt zuerst einmal befreundet und dieser aller Welt dann das Versprechen glaubt, sie würde einen als Mensch so nehmen, wie man ist. Wenn man dann exakt so ist, wie man ist, kommen nur die Wenigsten damit wirklich klar, weil unerreichbare Privilegien unverständliches Verhalten zur Folge haben. Es kommt nun mal nicht gut an, Menschen mit regulärer Arbeit auf das schöne Wetter unter der Woche hinzuweisen und sie zu einer Radtour einzuladen. Es ist nämlich laut meiner Recherchen in diesem Bereich so: Gewöhnliche Menschen müssen dafür bei einem Vorgesetzten erst einmal um Urlaub bitten oder blau machen, und werden in aller Regel so einen Vorschlag ablehnen müssen. Wenn man das zu oft macht, mit Reisen, in der Freizeit, beim Konsum, beim Wegwerfen, in kulturellen Fragen und Fragen des Unverständnisses, warum andere nicht so können – dann bleiben halt am Ende nur ein paar wenige Freunde übrig, die gut sind, weil es ihnen genauso ergangen ist, und die keine alternativen Freunde haben. So entstehen dann Westviertel und deren Kinder, die gar nicht wissen, dass manche keinen Garten haben. Leute wie ich eben.

Zum Trost kann man sagen, dass es letztlich Feministinnen, Mönchen, ARD-Mitarbeitern und Stasioffizieren auf deutlich niedrigerem Niveau mit ihren festgefügten Vorstellungen auch nicht anders geht. Der Unterschied – und das nun ist das eigentliche Thema – ist die Fähigkeit in meinen Kreisen, andere nicht nur mit schwerer Arbeit und hässlichen Debatten um politisches Fett und korrekter Einstellung zu vergraulen. Unsereins muss nicht lange unüberwindliche ideologische Differenzen aufzeigen, oder Gruppendenken in kleingeistigen Zirkeln praktizieren. Es ist möglich, andere nachgerade abzusprengen, wenn man einfach nicht aufpasst und den absoluten Kardinalfehler begeht: Eigene Privilegien, die andere dringest begehren, verächtlich zu machen. Etwas besitzen und gar nicht zu wollen, was andere nicht haben und auch nicht haben werden. Ich bin bekanntlich einer von den Sozialsten der Sozialisten, die noch Cem Özdemir öffentlich diskriminieren, wenn er mit dem Pedelec zur Industrielobby fährt, während ich selbst alte Räder rette: Trotzdem bin ich – in meiner Rolle als Reflektiertester der Reflektierten – selbst nicht frei von solcher Schuld der Hybris.

Das, was bei anderen das alte Rad ist, das sie im Hof verrotten lassen, ist bei mir “der See”. Der Verlauf der Donau und der Abbau von Kies haben es so gewollt, dass es in bequemer Nähe auf der richtigen Seite der Donau nur einen einzigen grossen, vorzeigbaren See mit guter Infrastruktur gibt. Der See eben, der eine Kneipanlage, Kioske, Wasserwacht, Minigolf, Tennisplätze, ein Restaurant und viele knallgrüne Wiesen haben, die sich an die braunen Stämmen alter deutscher Sumpfeichen schmiegen. Es mag nicht der schönste See sein, und es fehlt ihm ein Bergpanorama und ein Bootsverleih und eine Jahrhunderte alte Geschichte des Reichtums. Kein Kaiser hat hier gekurt, keine Geschichte wurde geschrieben, nur nebenan, als der See noch ein Altarm des Flusses war, gab es im Schmalkaldischen Krieg einmal eine Kanonade. Es ist ein See bei einer kleinen, dummen und vergessenen Stadt mitten in Bayern, die durch ein paar Zufälle reich wurde und trotzdem in der Nähe der Stadt nur diesen einen See hat.

Deshalb fährt in den Ferien und an den Wochenenden gefühlt die ganze Stadt hierher, wie es deren Grosseltern schon taten, als hier noch Kies abgebaut wurde. Es ist die beste aller möglichen Welten für fast jeden, der die Stadt bewohnt. Man könnte auch Industrieanlagen anschauen, Einkaufszentren und ihre Parkplatzuntergeschosse, petrochemische Industrie und jene Neubaugebiete, in denen Menschen vor ihren ökologisch sinnvollen und brandtechnisch riskanten Isolierschaumstoffen Angst haben. Aber in aller Regel einigen sich die meisten doch darauf, dass sie, egal zu welcher Jahreszeit, den See besuchen. Auf die meisten macht der Anblick von Wasser irgendwie einen beruhigenden Eindruck, obwohl man darin ertrinken kann, weil der Mensch ein Landlebewesen ist. Es gibt allerdings auch Ausnahmen von der Regel der hierher Fahrenden: Jene, die nicht zum See fahren, weil sie nämlich dort wohnen. Und dort, wo sie wiederum wohnen, werden Kinder wie ich aufgezogen, die den See mit Apathie und Desinteresse sehen.

Die Stadt ist noch nicht lange reich und die Reichen wohnen noch nicht lange beim See: Wir sind die erste Kindergeneration vom See. Wir waren da früher schon mal vor der Schule schwimmen, während andere in Bussen über die Dörfer herangekarrt wurden. Wir kannten die besten Plätze, wir waren als erste da und wir hatten die grössten Handtücher, Surfbretter und Taucherflossen, um die Claims möglichst umfassend zu gestalten. Es war uns durchaus bewusst, dass es mehr Prestige bedeutet, hierher laufen und die besten Plätze besetzen zu können, als einen weissen Porsche 924 zu benutzen und zu spät zu kommen. Aber an all das gewöhnt man sich schnell, man kennt irgendwann alle Bahnen der Minigolfanlage, man wird älter und ist dann doch ganz froh, wenn man zum Studieren nach München gehen kann.

Für die Eltern, die bewusst hierher gezogen sind, die hier Grundstücke bekamen und ihr Selbstverständnis in Villen und Gärten ausdrückten, in Bungalows, Doppelgaragen und Wohnflächen jenseits von 200m², mit Klavierzimmern und Tischtenniskellern und eigenen Bädern für die Kinder, war der See das Ziel. Es muss auch heute noch so sein, denn die Grundstückspreise sind hier enorm hoch, wenn einmal ein Platz frei wird. Aber die erste Generation, die hier geboren oder aufgewachsen ist – sie nimmt den See, wenn überhaupt, als Wasserfläche im Wald hinter den Häusern zur Kenntnis. Der See ist für mich etwas Abwechslung, wenn ich mit dem Geländerad durch die Auwälder fahre. Im Winter will ich keinen Platten weit draußen vor der Stadt riskieren. Dann fahre ich die Wege um den See ab. Ich treffe dort nie Freunde aus meiner Jugend. Viele sind weg. Und wer noch da ist, geht trotzdem nicht an den See. Wir treffen uns auf dem Wochenmarkt und im Konzertverein, aber nicht am See. Und ich schaffe es selbst nicht zu verstehen, wieso man diesen See und unsere alte Wiese so romantisch findet, dass man dort Zelte aufbauen und Hochzeit feiern muss.

An dieser Stelle hat die K. ganz unromantisch an der Zigarette gezogen und dann hinterhältig dem nicht rauchenden J. einen ausatmenden Zungenkuss gegeben, an dem er fast erstickt wäre. Wir haben hier mitleidlos hässliche Bremsen erschlagen. Heute muss ich dauernd aufpassen, keine Hochzeitsphotographen. Brautpaare, Kinderwagengeschwader und Joggergruppen umzunieten. Es ist viel los am See. Jeder will hier sein und auf einem Steg in den Sonnenuntergang schauen, der sich im Wasser spiegelt. An den Grillstellen bereiten sich muslimisch Familien auf das Fastenbrechen vor, indem sie drei Stunden vor Sonnenuntergang schon das Essen und Trinken üben. Studentinnen werfen sich Bälle beim Beach Volleyball zu und radeln dann in die engen, stickigen Wohnheime, und wünschen sich vielleicht, auch einmal so eine Villa beim See zu haben, wie jene, die ihren Weg säumen. Für mich ist es der See. Er ist halt da.

Ich bin nicht gefühlskalt. Ich verehre den Umstand, dass es fliessendes Wasser gibt, und eine Polizei, die bei uns nach einer Minute da ist. Es gibt viele Privilegien, die ich als essentiell für mein privates Wohlbefinden erachte, und die mich fraglos geformt haben. Aber in der Frage, die hier über Prestige und sozialen Status entscheidet, bin ich seltsam apathisch. Die K. war eine schöne Frau, aber der See war ohne sie eher langweilig. Wenn man mich nun fragt, warum ich im alten Haus in der Stadt wohne, und nicht draußen am See, wo es genug Platz gäbe, schütze ich, schlau durch Schaden, den Heuschnupfen vor, und tatsächlich sind all die Gärten für mich eine Qual. Aber wenn ich ehrlich bin, kann ich mich einfach nicht dazu durchringen, das Besondere, das Privileg zu sehen, und darin mehr als das Gewässer im Wald hinter den Häusern zu erkennen. Das macht angesichts der auseinander brechenden Gesellschaft der Stadt, die auch gut verdienende Manager in kleine Hütten in den Dörfern zwingt und manche sogar über der Donau wohnen müssen, also auf der Seite, wo man nicht wohnt, keinen guten Eindruck. Das wirkt angesichts der Gegebenheiten arrogant und abgehoben, selbst wenn die K., der J., der O. und die S. es auch nicht anders halten. Und vielleicht ihre Eltern besuchen. Aber nicht den See.

Man sollte das nicht tun. Man sollte auch nicht die Augen verdrehen und “ausgeben” sagen, wenn man gefragt wird, wie man die ersparten 20.000 Euro anlegen soll. Man sollte nicht das Silberbesteck von Tante Gerti am Montag auflegen und sagen, das bessere Silber käme erst Dienstag. Man sollte die Namen der Rosen kennen, die im Garten stehen, und nicht sagen, das sei irgendso eine Rose, die hier halt steht. Man sollte über Privilegien nur reden, wenn man angesprochen wird, und dann mit Bewusstsein und Hochachtung. Man sollte nie noch mehr fordern, wenn man oben ist, egal wie viel jene fordern, die weiter unten sind, und sich hier über fehlende Gendersternchen aufregen, während Islamisten auf den Philippinen Frauen massakrieren. Es gibt einen schmalen Grat zwischen Privilegierung und dem richtigen Umgang mit Privilegien, mit viel Decorum und einer gewissen Einsicht in die prinzipielle Ungerechtigkeit des Daseins, der es erlaubt, darauf mit anderen eine gewisse Strecke des Weges zu wandeln. Allerdings hilft oft auch grösstes Decorum nichts, und dann geht es gründlich schief, und man fragt sich, warum man so dumm war, sich für a soichane Hodalumpn zum Polante z’mocha solche Leute auch noch zu bemühen.

Trotzdem klatsche ich jedes Mal frenetisch mit, wenn am See ein Brautpaar gefeiert wird, und lasse die türkischen Kinder mitkommen, wenn sie unbedingt mit mir Rennen fahren wollen. Der See gehört allen, und es ist schön, wenn sie damit mehr verbinden, als ich es je tun könnte. Mein Desinteresse hebe ich mir meistens für die Gelegenheiten auf, zu denen man dergleichen zum Signalisieren der richtigen Standesdünkel und zum Erwählen der für alle Stürme des Lebens angemessen indolenten Partnerin benötigt. Ansonsten meine ich es nicht so, auch wenn es mir immer wieder passiert. Es rutscht mir halt manchmal so raus.

22. Jun. 2017
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Katholenfreude, Ketzerpech und Heidenprofit

Sehet die Atheisten auf den Feldern. Sie fahren nicht nach Altötting, sie folgen nicht dem Luther und halten keinen Ramadan, und der Biergarten ernährt sie trotzdem

Es gibt ein einfaches und probates Mittel gegen den Feiertagsneid, der alljährlich Deutschland entlang der konfessionellen Konfliktlinien zwischen Katholischen und Ketzern lutheranischer Prägung spaltet: Das mit Brückentag stets günstig gelegene Fest Fronleichnam fällt einem gar nicht mehr sonderlich auf, wenn das Leben in Wohlstand Arbeit nur aus Erzählungen anderer Leute kennt. Da ist es völlig egal, ob etwas zu feiern ist, oder nicht: Das Leben ist immer gleich festlich und eine erbauliche Angelegenheit, auch ganz ohne Bezug auf Glauben, oder wie in meinem Falle, zum aufgeklärten Atheismus. Allerdings glaube ich auch: Etwa, dass Teller stets voll und die Aussicht schön sein sollten.

Aber nicht allen steht diese einfache und vorteilhafte Lösung des Konflikts zur Verfügung, und wenn ich also an Fronleichnam ähnlich sorglos in den Tag hinein radle, wie ich es immer tue, schallt mir aus dem Netz Missgunst für meine Bilder entgegen: Andere, die im lutheranischen Teil Deutschlands leben, unterstellen mir, dass ich sie mit meinen Bildern beleidigen und quälen will: Die einen sitzen demnach im Biergarten mit Aussicht auf die Landschaft und die anderen im klimatisierten Büro mit Aussicht auf den Feierabendverkehr in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das finden sie nicht gerecht, aber was soll ich sagen: Gerechtigkeit ist ein Thema der SPD, und man schaue sie sich doch mal an, wie weit man damit kommt – nicht weiter als bis zu einer nicht funktionierenden Mietpreisbremse, Möbeln von Westwing und, ich bin gerade guter Dinge und mein Leben ist schön, gnädigerweise vielleicht 18%, also ungefähr beim Fettgehalt auf diesem Bild.

Dass Lutheraner keinen Feiertag haben, liegt ursächlich an der Person, deren Thesenanschlag in Wittenberg momentan gefeiert wird: Luther hatte nicht nur etwas gegen den Ablass, sondern auch gegen den Papst, die Juden, die Heiligenverehrung und den katholischen Glauben an Wunder. So ein Wunder einer blutenden Hostie liegt dem Fronleichnamsfest zugrunde, und man kann Luther wirklich viel vorwerfen – aber nicht, dass er seinen Anhängern nicht überdeutlich gesagt hat, dass es am zweiten Donnerstag nach Pfingsten mit ihm und seiner Lehre keinerlei freien Tag geben würde: “Ich bin keinem Fest mehr feind … als diesem. Denn es ist das allerschändlichste Fest. An keinem Fest wird Gott und sein Christus mehr gelästert, denn an diesem Tage und sonderlich mit der Prozession. Denn da tut man alle Schmach dem heiligen Sakrament, dass man’s nur zum Schauspiel umträgt und eitel Abgötterei damit treibet.“Dieses Schauspiel, das auch die Aufklärung abschaffen wollte, erfreut sich in Zeiten globaler Unsicherheit in meiner Heimat langsam wieder steigender Beliebtheit. Fernen Städtern mag es wie ein anachronistisches Ritual erscheinen, mit einer Monstranz betend durch die Strassen zu ziehen, und darüber einen Himmel aus Stoff zu halten, den zu tragen Privileg der besseren Kreise ist. In den Städten muss man schon warten, bis sie vorbei sind, um zum Radeln zu gehen, aber draußen, auf dem Land, wird das wiederentdeckte Brauchtum noch deutlicher: Dort werden nicht nur seitens der Gemeinden und der Kirche Fahnen aufgehängt, damit jeder sieht, wie wichtig dieses Hochfest für Thron  Bürgermeisterstuhl und Altar sind.

Da kommt es auch zur Einrichtung von öffentlich sichtbaren Altären, mit Bankerl zum Hinknien, mit Heiligenbildern, mit Birkenzweigen und Blumen und Kerzen und Statuen und vielem anderen, das Luther zutiefst suspekt wäre. Aber es ist wie es ist, wir leben nicht mehr in der Zeit der Glaubenskriege, auch bei uns werden Lutheraner aufgenommen, und erwerben hier Grund und Boden. Wenn der Wanninger links und der Gruber rechts ihren Haussegen nach draußen stellen und dazu einen Blumenteppich legen, stellt die kleine Lea-Sophie ihren Eltern die Frage, warum Annamirl und d‘Theres so einen Blumenteppich bekommen, und sie nicht.

Sie will das auch. Und was man so hört, passen sich dann manche eben der umgebenden Kultur an, und so kommt das dann, dass vor allen Häusern zumindest Schmuck auf Blumen zu finden ist, und auch der Lutheraner als ein solcher dafür einen Segen bekommt, der den guten katholischen Willen 500 Jahre nach dem Thesenanschlag anerkennt. Dafür, das muss man aber auch sagen, arbeiten die Söhne und Töchter der Bayern in Berlins Projekten des erhofften Mammons, und so gleicht sich das eben heilsgeschichtlich wieder aus.

Nun ließe sich trefflich darüber reden, wie die Identität in der Heimat von allen gleich gesucht wird, und sich an solche Rituale klammert, an die Freiwillige Feuerwehr, an die Blüten, die verstreut werden, an das gemeinsame Essen der Bratwürste und die Gelegenheit, hier, fern der Berge, Lederhose und Dirndl zu tragen. Es gibt gute Grunde, das zu feiern, und obendrein bezahlt der Arbeitgeber, das Wetter ist prächtig, und es ist nachvollziehbar, warum die Städte der Protestanten da neidisch sind. Die eigentlich interessante Frage ist aber eine andere: Warum sind die Protestanten einem der Kirche entlaufenen Augustinerchorherrn gefolgt, der ihnen klar sagte, dass er so einen Feiertag nicht will? Wieso entschieden sich die Vorfahren der jetzt Maulenden bewusst gegen diesen freien Tag?

Nun, weil sie die kurzfristige Rechnung ohne den langfristigen Sozialstaat gemacht haben. Zu Luthers Zeiten gab es Dutzende von Feiertagen, manche gesamtkirchlich, manche lokal, an denen die Arbeit zu ruhen und der Mensch in der Kirche zu erscheinen hatte. Legion waren zu Luthers Zeiten die Legenden, in denen Arbeitende, Jagende und Sündigende an diesem Tag vom Blitz erschlagen und vom Teufel geholt wurden. Die schnöde, ökonomische Beurteilung des Feiertags gab es schon damals: Für Bauern, die zumeist leibeigen waren, war so ein Feiertag ein freier Tag, an dem keine Arbeit verrichtet werden musste. Es war ein Tag, an dem die Kirche Musik, Schauspiel und Mysterien bot, ein danach ein Tag des Essens, Tanzens und Beisammenseins. Die Landbevölkerung, die heute noch die Häuser schmückt, profitierte von den Gelegenheiten, zu denen die Kirche der weltlichen Herrschaft Grenzen setzte. Daher sind Feiertage im Mittelalter auch so beliebt.

Das änderte sich in der beginnenden Neuzeit in den aufstrebenden Städten. Dort gab es keine Leibeigenschaft, sondern frühkapitalistische Verhältnisse und Arbeitsteilung und Bezahlung für Arbeit. Feiertage hielten Städter von der bezahlten Arbeit ab. Feiertage erzwangen Unterbrechungen bei Handel und Gewerbe, Feiertage kamen mit der Produktivität in Konflikt, und obendrein waren Feiertage in den Städten mit ihren Bettelmönchen und Orden teuer: Zu den Feiertagen hatte man in den Städten nicht nur zu beten, sondern auch für das Seelenheil zu zahlen. Wenn Luther in der damals aufstrebenden Handelsstadt Wittenberg gegen den Ablass wetterte, sprach er sich indirekt für mehr Geld im heimischen Wirtschaftskreislauf aus. Und wenn Luther Heiligenglauben und Feiertage abschaffen wollte, ermöglichte er einheitliche Bedingungen für Produktion und Erwerb von Vermögen.

Man redet bei der Reformation oft über Landesherren, die sich am Gut der Klöster bereicherten – und übersieht dabei die ökonomischen Interessen der Städter beim Zurückdrängen der kirchlichen Verpflichtungen. Die Bauern liefen entweder gleich zu den Radikalen über, die die Leibeigenschaft beenden wollten, oder blieben dem alten Glauben treu. Die Handelsherren, die Silberknappen, die Wollweber und Brauer, die Steinmetze und Fuhrleute dagegen schlossen sich in Scharen Luther an, der die Befreiung von lästiger Glaubensbürokratie versprach. Die Katholiken radikalisierten sich, indem sie bis zum Rokoko immer mehr Prunk und Pomp um ihre Feste und Kirchen errichteten, und die Protestanten räumten die Kirche leer und erklärten wirtschaftlichen Erfolg als Beweis der Zuneigung Gottes für ihr geschäftstüchtiges Treiben. Die einen feierten, die anderen sparten. Evangelische Länder begannen mit der Industrialisierung, katholische Länder blieben oft agrarisch strukturiert.

Es konnte ja kein Papst und kein Luther wissen, dass man ernsthaft anfangen könnte, Schweinehirten und Arbeitnehmern Rechte zu geben, Menschen als gleich vor dem Gesetz zu betrachten, und sie auch noch mitreden zu lassen, indem sie vielleicht nicht die öffentlich-rechtlichen Medien, aber so doch gewisse Parteien wählen konnten, die auf diese althergebrachte Trennung zwischen den Religionen das Prinzip des bezahlten, gesetzlichen Feiertag für alle oben drauf setzten. Es war ein Kardinaltugendfehler, es obendrein den Bundesländern zu überlassen, sich für ihre eigenen Menschen einzusetzen. In Bayern gibt es nun mal eine CSU, die von diesem Mittel der Beschenkung und Bekirchlichung des Landes grosszügigsten Gebrauch zur Verankerung ihrer Herrschaft machte. und das ebenso dreist wie unwidersprochen als Akt der Arbeitnehmerrechte und Besinnung darstellt. Von Luthers Opportunismus lernen heisst nun mal siegen lernen, und wie man an den evangelischen Blumenteppichen sieht: Wenn der Feiertag nur fremdfinanziert wird, ist auch der Abgefallene des Jahres 1517 bereit, 2017 vom katholischen Landfrauenbund das Legen eines Kelchs mit Hostie wieder zu erlernen. Ausserdem schaut es so schön aus und Lea-Sophie durfte informell auch Blumen vor dem Pfarrer verstreuen. So adrett, pardon, fesch war sie im Dirndl. Und Bratwurschtl haben keine Religion, nur die Regierungen in Bundesländern, die mehrheitlich lutheranisch sind, die schon und die arbeiten, bei der Hitze gestern auch wie so eine Art Bratwust im Büro.

Bitte, schauen Sie mich nicht so an, ich bin religiöser Nichtkombattant und außerdem eh kein Freund geregelter Arbeit, ich radle nur über Wiesen und Felder und mache mir Gedanken zu dem, was ich so sehe. Ich finde es besser, wenn Lea-Sophie Blumen verstreut, als dass sie zwangskatholisch gemacht wird, wie das früher üblich war, und ich mag die angenehme Stimmung im Biergarten, wenn alle gut gelaunt beisammen sitzen und sich zuprosten und plaudern.

Am Freitag ist hier eh fast alles zu, die Kinder haben noch Schulferien, da radelt man mit ihnen über das Land und freut sich des Lebens, wie so ein mittelalterlicher Leibeigener, der gerade zwischen Saat und Ernte ein wenig Zeit für sich selbst hat. Es ist eh viel zu heiß für Arbeit.

Wie giftig und z‘wider jene werden, die im Norden in ihren Büros sitzen, bei der Hitze, die nicht weit weg von den Höllenqualen ist, sieht man ja im Internet. Das Arbeiten tut dem Menschen nicht gut.

 

17. Jun. 2017
von Don Alphonso
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11. Jun. 2017
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Heiko Maas und das multiple soziale Organversagen der SPD

Schni-, Schna-, Schnorri.
Beliebtes Kinderlied der Berliner Republik

Also, das wissen Sie selbst, das ist ja bei Ihnen auch nicht anders: Wenn man ein einziges Mal über die Stränge schlägt, erfährt es wirklich jeder. Es reicht, wenn der eigene Sohn mit 14 eine Enduro zusammen mit zwei Freunden kauft, sie ohne Zulassung und Führerschein im Straßenverkehr bewegt, am Stadttor dann der Polizei auffällt und vergeblich versucht, ihr mit einer Slalomfahrt in der Fußgängerzone zu entkommen: Das erfährt dann die ganze Stadt, auch wenn es nur eine winzige Mitteilung der örtlichen Polizei war, die berücksichtigt, dass die betroffenen Väter zur angesehenen Ohd Voläh gehören. Die Väter hoffen, dass die kleine Meldung untergeht, aber erstens haben es alle gesehen, weil gerade an dem Tag alle in der Fußgängerzone waren und zweitens haben alle es allen anderen erzählt, die nicht dort waren. Und so hängt die Geschichte den Söhnen, die heute auch alle zur Ohd Voläh gehören, immer noch nach.

Alle drei sind sie Bereichen gelandet, die sich der Kunde nicht unbedingt heraussuchen kann: Der eine etwa operiert verkehrsbedingte Notfälle im Krankenhaus, die oft genauso dumm sind, wie er früher war. Das ist der Unterschied zum deutschen Justizminister Heiko Maas, der sich nicht nur mit dem UN Hochkommissiariat für Menschenrechte herumschlagen muss, die sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz massiv kritisiert, sondern auch mit Leuten, die für ihn und seine Partei aus freien Stücken stimmen sollen. Heiko Maas ist für Bürgerrechtler so etwas wie die mitgebratene Maus im panierten Schnitzel der SPD – er ist eine Belastung, die man mitwählen würde, so man sich für einen Platz im Schulzzug mit all seinen freundlichen Versprechungen von Umverteilung und Staatsbereicherung durch Steuern entschiede. Es soll Leute geben, die der SPD zutrauen, das Land gerechter zu machen, und manchen, da habe ich keinen Zweifel, ist es egal, ob die SPD dann ein Zensurgesetz macht. So ist der Mensch. Es war auch in der DDR vielen recht, dass die SED und die Blockparteien den mittelprächtigen Wohlstand mit Mauer, Stasi und inoffiziellen Mitarbeitern vom Schlag einer Anetta Kahane sicherten, die nun auch wieder bei der Zensur mitwirkt, obwohl deren Stiftung ganz erstaunliche Finanzen mit kapitalistischen Wertpapieren aufweist.

Aber um diese Bereicherung soll es hier gar nicht gehen, sondern um die Wohnungsbelieferung der Schauspielerin und Partnerin von Heiko Maas Natalia Wörner – und was das aus klassenspezifischer Sicht bedeutet. Wie die Amokfahrt haben alle natürlich auch mitbekommen, dass Frau Wörner ihre Wohnung mit Möbeln des Versenders Westwing hat einrichten lassen. Westwing ist eine Gründung aus dem Portfolio der Samwerfirma Rocket Internet, die bislang noch nicht als besonders sozial in Erscheinung getreten ist, hier aber zugunsten der Schauspielkunst den Hoflieferanten machte. Zum Dank durfte Westwing eine Photostory im Berliner Altbau – wer hätte so etwas außer anständigen Leuten in Bayern nicht gerne? – der Zensurministerpartnerin machen. Die Geschichte wurde zwar von Westwing wieder gelöscht, aber das Internet vergisst die begleitende Bunte-Story nicht. man mag sich die Telefonate zwischen Maas, seiner Partnerin und der seinen Namen verwendenden Firma selbst ausmalen, die zu dieser Löschung führten. Da war es aber schon zu spät. Und eigentlich hätte Maas spätestens bei diesem Fehlgriff zurück treten müssen.

Denn vom einzig richtigen Klassenstandpunkt – dem, auf dem ich und mein Umfeld stehen – ist Maas untragbar. Uns wurde zwar im April 2016 mitgeteilt, dass Maas und Wörner nun ein Paar sind, das sich zum ersten Mal zusammen beim Konzert im jüdischen Museum zeigte, was vermutlich die besondere moralische Qualität der Personen unterstreichen sollte. Aber das ändert nichts am Umstand, dass Maas wie so ein Tapetenhändler in der kleinen, dummen Stadt an der Donau seine Frau hat sitzen lassen, um mit einer Schauspielerin ein gschlampertes Verhältnis einzugehen, wie das vornehme “Liaison” auf Bayerisch heisst. Maas und Wörner gaben der Bild auch brav ein Doppelinterview im November 2015, in dem sie ihre Freundschaft betonten – was man halt so macht, wenn man sich der Geneigtheit skandalöser Presse versichern will. Die Bild mag das für die Massen schön schreiben, aber bei uns an der Spitze der Gesellschaft geht das gar nicht. Da gilt das Sitzenlassen von Frau und Kindern, egal wie man das umschreibt, als Zeichen für einen eklatanten moralischen Mangel. Wer schon seine Frau mit einer Schauspielerin betrügt, würde auch kaum anders mit Wählern umgehen. Das tut man nicht.

Die fraglichen Möbel nun passen perfekt zu dem Bild, das man schon hat. Eine Schauspielerin, deren Partner zu den Grossverdienern unter den Politikern auf Steuerzahlerkosten gehört, lässt sich offensichtlich in Möbeln ablichten, die ein Versender geliefert hat, und haucht zu Protokoll, jede Wohnung habe so ihre kleinen Geheimnisse. Wie etwa die genaueren Details der Entlohnung dieser Home Story, möchte man anfügen, und betonen, dass so vielleicht die Partnerin des Zensurministers lebt, handelt und für Werbezwecke offen ist. Aber niemand, den wir kennen würden und auch niemand, den jemand kennen wollen würde. Wie tief muss man gesunken sein, wenn man sich seine Möbel nicht mal mehr selbst kaufen kann.

Das gibt es bei uns in schlechten Vierteln zwar auch, aber mit Bezugsscheinen für die Caritas würde keiner angeben. Was sind das nur für Leute, die geschmacklosen Plunder beziehen, der insgesamt billiger ist als ein mittlerer Perserteppich vor 40 Jahren ist, und die sich dann auch noch für eine Werbebroschüre im Internet ablichten lassen? Haben die kein Erbe? Oder ist das einfach nur Raffgier, die den persönlichen Gewinn über die Ehre stellt? Es gibt viele Antworten, alle sind irgendwie hässlich, wie auch die Löschung zeigt. Aber das Ergebnis ist immer gleich: Leute mit solchen Ehrbegriffen sollten im Staat keinerlei Macht besitzen. Die wählt man nicht.

Nun sind die Reichen, die gegen ihre Interessen früher rot gewählt haben, damit die Schwarzen nicht zu stark werden, nicht das entscheidende Klientel für die SPD. Für die SPD sind vor allem die kleinen Leute wichtig, und die Jugend, die für Geschenke an Rentner, die eigenen Apparatschiks ernährende Kampagnen und Banken einmal wird aufkommen müssen. Diese heterogene Gruppe bekommt einen Moment, einen ganz kurzen Moment anstelle der blühenden Landschaften der sozialen Gerechtigkeit eine Welt zu sehen, die sie nie betreten wird: Einen Altbau, in dem man Möbel geliefert bekommt und als Partner der Besitzerin großzügig leben kann, auch wenn die Unterhaltskosten für Frau und Kinder möglicherweise nicht ganz ohne Umfang sind. Es mag Werbung sein, für die sich Frau Wörner da auf dem Stuhl räkelt, aber es ist auch die Realität in diesem Land: Es lebt sich halbwegs auf HartzIV mit den Versprechen der Sozialdemokratie, aber besser lebt es sich, wenn man Partnerschaft mit ihrer Machtbeteiligung und lukrative Verträge mit sogenannten Investorenheuschrecken hat. Frau Wörners Wohnung sieht pfeigrod so aus wie das, was sich das gemeine Volk um 1790 die Lebensumstände der Kokotten und Mätressen des französischen Adels vorgestellt hat, mit einem Hoflieferanten, auf den man in Berlin seitens der SPD-Politik grosse Hoffnungen setzt. Und überhaupt nicht wie Bauhaus oder erschwingliche Sozialwohnungen für die Massen.

Es gibt die einen Aufstocker bei der Arbeitsagentur und die Aufstocker mit Agentur, die das Sachleistungszubrot als branchenüblich verteidigen. Damit ist die Homestory aber nicht mehr sozialdemokratisch im Schulzzug als Lektüre für die Massen tauglich. Es gibt eine Partei, die mit derlei Besserverdienenden der Berliner Republik umgehen kann: Sie heisst FDP, und die sie wählenden Immobilienmakler, Pharmalobbyisten und PR-Agenturenbesitzer wären fraglos nicht betroffen, würden sich ihre Partnerinnen so dem Auge einer begrenzenden Öffentlichkeit, die aber keine Gesellschaft ist, präsentieren. Was im einem sozialen Umfeld ein enormer Fehltritt sein mag, ist einem anderen Umfeld vielleicht angemessen, und niemand würde sich wundern, passierte dergleichen der Partnerin eines FDP-Ministers. Für die SPD ist das nun mal unerfreulich, weil deren Kernwähler bei all den Steuern und Abgaben kaum genug Geld im Jahr ersparen können, um sich etwas zu leisten, das dem Ambiente der Werbebroschüre entspricht. Wer hätte gedacht, dass am Schulzzug solche Salonwagen erster Berliner Klasse für die ministerielle Übernachtung angehängt werden?

Da können die anderen noch so ideenlos versagen, Niederlagen bei der Brennelementesteuer kassieren und Cum Ex Geschäften tatenlos zuschauen: Sie leisten sich immerhin keine solchen Fehler, und schon mit seinem Zensurgesetz ist es Maas gelungen, sogar die AfD wie eine Partei der Meinungsfreiheit aussehen zu lassen. Niemand findet sich, der Heiko Maas einen Rücktritt nahe legen würde – es ist Wahlkampf, da ist man froh, wenn die Partner der Gegner aufzeigen, wie die Realität hinter den Versprechungen aussieht. Ich für meinen Teil habe jedenfalls genug gesehen, ich kenne die Unterschiede zwischen echtem Bürgertum und den freigelassenen Aufsteigern, die sich aus Internetkatalog eine Scheinbürgerlichkeit zusammen bestellen.

Bitte, ich habe nicht prinzipiell etwas gegen Politikerkauf, und Termine mit Heiko Maas hat eine SPD-Agentur auch schon für Geld angeboten. Mein Klassenstandpunkt ist nur der, dass ich meine Klasse nicht von Leuten regiert sehen möchte, die ihre Techtelmechtel der Bild, ihre Wohnungen einer Samwergründung und meine Meinungsfreiheit einer Ex-Stasi-IM anbieten.

(Alle Bilder sind übrigens aus dem Palazzo Ducale der Gonzaga von Mantua)

11. Jun. 2017
von Don Alphonso
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04. Jun. 2017
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Im Klimahinterhof der kleinen, deutschen Trumps

Wer die Habsucht beseitigen will, muss ihre Mutter beseitigen, die Verschwendung.
Cicero

Als guter Deutscher hätte ich mich auch beinahe hingestellt, und hätte etwas Übles zu Trump gesagt, einfach, weil es eine gute Gelegenheit ist, um ausfällig zu werden. In Deutschland sollte man seine Meinung dezent formulieren, wenn ein Afghane wiederkommen und Deutsche umbringen will – es könnte schließlich auch sein, dass er ein ehrlicher Anhänger der hochnobelsten ARD-Kampagne SagsmirinsGesicht ist. Aber wenn es darum geht, Trump den Tod zu wünschen. Das ist – wenn schon nicht in den USA, so doch zumindest in Hamburg – tauglich für das Cover eines Magazins.

Man darf also seinen Minusgefühlen nunmehr öffentlich Raum geben, weil Trump jenes Pariser Abkommen gekündigt hat, das bei seiner Einführung vielen als fauler Kompromiss zugunsten von Obamas Wirtschaftspolitik galt und heute, dank Trumps Absage, zum Rettungsplan für den ganzen Planeten aufgewertet wird. Es ist eine phantastische Gelegenheit, ungestraft jede nur denkbare Hatespeech im Netz zu verbreiten, ohne dass ein Zensurminister Heiko Maas sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz verschärfen würde. Natürlich könnte man sich an der Stelle auch über den fortgesetzten Skandal der deutschen und europäischen Regierungen aufregen, die den Handel mit Verschmutzungszertifikaten auch weiterhin erlauben, oder über die Fangquoten, die weniger Fische in dank Parisabkommen weniger erwärmtem Wasser hinterlassen. Wir haben da übrigens auch einen milliardenteuren Atomskandal in Asse und reissen ein Dorf für Braunkohle ab, aber wenn so ein symbolträchtiger Mann so etwas Symbolträchtiges macht, muss man doch auch mitmachen… keine störende Debatte über die Frage, ob unser Verpacken der Häuser in Dämmstoff sinnvoll ist…

Ich hätte auch gern zur Festigung meines guten ökologischen Rufes mitgemacht, aber mich hat der ganz banale Bedarf nach einem dynamobetriebenen und damit umweltfreundlichen Rücklicht zur Werkstätte meines Vertrauens geführt, die sozial engagiert alte Räder, die andere entsorgen, auf- und verwertet. Ich bin dort natürlich mit dem Rad hingefahren, denn ich fahre gern und viel Rad, und es ist gesund. Ich sehe keinen Anlass, etwas Technisches neu zu kaufen, wenn ich es auch gebraucht bekommen kann: Technisches hat heute die unerfreuliche Eigenschaft, nach zwei, drei neuen Generationen wertlos zu sein. Mit iPhone4 wird man in Schulen gemobt, meine Panasonic G5, mit der ich in Italien gearbeitet habe, gibt es gebraucht zum Preis einer Taschenknipse. Jedenfalls, mir wurde in der Werkstatt gesagt, ich sollte doch mal hinten schauen, ob ich da etwas finde.

“Hinten” ist ein Hinterhof, und da sind gerade Räder frisch angekommen. Zwei Institutionen haben Ernst gemacht und Unbewegtes erst mit Bapperln versehen, die darauf hinweisen, dass Unbenutztes dort nicht sein darf: Eine städtische Tiefgarage und ein Studentenwohnheim wollten das nicht mehr. Die Bapperl klebten an den Rädern, vergilbten, blieben vor Ort, weil offensichtlich noch nicht mal jemand die Räder stehlen wollte, und wurden jedes Jahr um neue Bapperl erweitert. 2014, 2015, 2016 – 2017 machten sie dann ernst, und so sind die Räder jetzt hier gelandet.

Es sind viele, viele Reifen sind platt, aber bei weitem nicht abgefahren: Schaut man genauer hin, erkennt man mehr schlechte Pflege als echten Verschleiss. Es regiert nicht der Tod durch Benutzung, sondern das langsame Wegdämmern in Schmutz, Rost und Vergessen. Es sind Räder dabei, die weder schlecht noch billig waren, und deren Ketten kaum je die Ritzel umschlossen: Gekauft, nicht verwendet, vielleicht dem Sohn zum Studium mitgegeben, keinen Platz mehr im Umzugswagen gefunden, zurückgelassen. Das hier ist nicht einmal mehr die Wegwerfgesellschaft. Es ist die Besitzzurücklassgesellschaft, die sich nicht belasten will.

Die wenigsten Räder sind hier wirklich alt. Die meisten sind in den letzten 20 Jahren entstanden, und das neuere Wundermaterial Aluminium ist dabei, Stahlrahmen im Schrottcontainer weit hinter sich zu lassen. Peugeot, Staiger, Hercules und Heidemann steht nur noch selten auf den Rohren, statt dessen englische Begriffe, die Dynamik und Fortschritt symbolisieren. Es sind Versprechen von leichter Mobilität durch neue Technik, aber die Besitzer haben das nur sehr begrenzt in der Realität versucht. Und so stehen die Räder nun hier und warten darauf, ob sich die Reparatur noch lohnt, oder das Dasein nach wenigen Kilometern in jener Vernichtung endet, die man heute als Recycling bezeichnet.

Wobei man betonen muss, dass die gefahrenen Kilometer nicht alles an Bewegung sind, das so ein Rad erlebt. Bis ein Rad heute bei uns steht, sind die Einzelteile oft schon um die ganze Erde gereist. Eisen und Aluminium kommen beispielsweise aus Australien und Afrika. Guinea etwa spielt bei Bauxit eine grosse Rolle. Dort wird der Rohstoff mit immensem Energieaufwand zu Aluminium verarbeitet, weiter zu den Rohrherstellern wie Alcoa in den USA oder Reynolds in England transportiert, mit neuem Energieaufwand neu legiert und gezogen, von da aus nach China gebracht, wo man daraus Rahmen schweisst, und oft ohne grosse Rücksicht auf die Umwelt lackiert: Hersteller gaben früher offen zu, dass die niedrigeren Umweltstandards ein Kostenvorteil sind. Dazu kommen dann Komponenten aus Japan oder Malaysia, und am Ende wird das alles in riesige Kartonagen verpackt, die wir hier benötigen, damit der Restmüll nach seiner Sortierung auch in den Anlagen ordentlich verbrennt. Fast jeder Transport wird mit jenen Ozeanfrachtern unternommen, die besonders schädlich für das Klima sind.

So ist das heute. Früher kamen deutsche Räder bis zur letzten Schraube aus Regionen wie Nürnberg oder Bielefeld, andere aus  St Etienne oder Leeds, Mailand oder Vicenza, heute dominiert Fernost. Aluminium verbraucht weitaus mehr Ressourcen als Stahl, aber trotzdem kauft der umweltbewusste Deutsche Räder aus Fernost, stellt sie in den Keller und fährt dann, weil der Wechsel der Kette oder die Reparatur eines Schlauchen zu stressig ist, doch lieber mit dem Auto. Für die Umwelt hat man schließlich das Rad gekauft, das ist auch schon etwas.

Es ist mit diesem, sehr speziell deutschen Umweltgedanken genau so, wie Trump das sagt: Er hat eine enorme Reichtums- und Arbeitsplatzumverteilung nach Fernost zur Folge. Und, schlimmer noch, er sorgt für die Zerstörung der Umwelt in Afrika und Asien, und obendrein für eine massive Schädigung des Klimas. Die Emissionen, die die Herstellung dieser Schrotträder auf dem Hinterhof in die Atmosphäre geblasen hat, müssten die Besitzer erst gegen die Vergleichsgrösse Verkehr mit Verbrennung von Öl erstrampeln. Tun sie es nicht, geht das Geld eben sinnlos nach Fernost und zum kleinen Teil nach Afrika. Wo man die halbwegs günstigen Preise für Konsumgüter erwirtschaftet, indem man sich nicht sonderlich um Naturschutz und Arbeitnehmerrechte und Demokratie und all das, was wir wohlfeil gegen Trump zu verteidigen gedenken, scheren muss.

Nach meiner bescheidenen Meinung ist der Hass auf Trump auch dem Umstand geschuldet, dass er offen so rücksichtslos ist, wie es viele seiner Kritiker nach Weglassung der menschlichen Bekenntnisse sind. Studenten, die grünste der grünen Gruppen, lassen die Räder ungenutzt zurück, in dem sie lokal anders denken, als sie lokal handeln. Bei uns packt man zwar die Häuser in Styropor, um Heizkosten zu sparen, aber man kauft sich auch alle paar Jahre eine neue Sitzgarnitur aus China, wenn es für deren Vorgänger wieder eine Abwrackprämie gibt. Man klagt über verdächtige Software bei Audi und war vermutlich länger nicht mehr auf Deutschlands Autobahnen, wo man mit 170 gut mitschwimmen kann und nur alle 30 Sekunden von der linken Spur gescheucht wird, wenn die bei 250 abgeriegelten, tonnenschweren SUVs die kleinen Katrins, Cems, Jürgens und Claudias an Bord haben und ganz dringend nach Hause müssen. Wir wollen das, wir brauchen das, es ist unsere Art des Trumpismus. Fahrradleichen pflastern unseren Weg, wenn wir statt im multikulturellen Marxloh doch lieber Urlaub in der knallschwarzen Bergwelt machen, oder in Berlin Bier trinken, das 700 km weiter südlich am Tegernsee gebraut und mit dem LKW gebracht wurde. Und dann twittern wir auf dem neueste iPhone gegen Trump.

Das passende Rücklicht habe ich nicht gefunden, aber ein nur leicht angerostetes DiamondBack DBAxis aus Stahl von True Temper aus God’s own Country. Es hat kaum benutzte Originalreifen und originale Bremsbeläge und kostete, damals, 1991, immense 2800DM, und wurde laut Bapperl im Münchner Süden gekauft . Das hat in den letzten Jahren jemand draußen vergessen, so unbenutzt verrostet, wie es ist. Man kann nicht alle retten, aber das hier habe ich gerettet – und dann gleich ein wenig geschraubt, so dass inzwischen jede Empörung über Trump und wie der die Welt zugrunde richtet, schon ihren Ausdruck gefunden hat. Ich komme viel zu spät für den Aufschrei. Nebenbei habe ich mir auch überlegt, was das für Leute bei uns sind, und dass statt der Aufplusterei im Netz und in den Medien vielleicht mehr bewirkt wäre, wenn jeder in den Keller ginge, sein Rad aufpumpte, es zu reparieren lernte, und sich fest vornähme, mit gutem Beispiel der eigenen Empörung voran zu radeln.

Vielleicht schüttelt es bei der Gelegenheit auch das Gehirn zurecht, und der ein oder andere erinnert sich daran, dass die heutige Klimavorkämpferin der freien Welt im Kanzleramt noch vor ein paar Monaten TTIP und die Aufweichung vieler Standards zugunsten der amerikanischen Wirtschaft befürwortet hat. Vor einem Jahr titelte noch die Süddeutsche Zeitung “Klimapolitik – Mit TTIP zerstören Merkel und Obama ihr eigenes Werk”. So war das, bevor Trump TTIP scheitern liess. Es scheint, manche historischen Fakten werden im Archiv so vergessen, wie andere ihre Räder in den Garagen vergessen.

04. Jun. 2017
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31. Mai. 2017
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Der Sieg gegen Hitler, den Duce und die Ödnis

Deutschland soll Leitmarkt für Elektromobilität werden.
Angela Merkel

Nichts ist vom Inferno an jenem sonnigen Sonntag zu erwarten, als die deutschen Touristen aus dem Bus in Mantua steigen. Keiner ahnt, was sie erwarten wird, als sie vom Parkplatz am Palazzo d’Arco zu Leon Battista Albertis Meisterwerk San Andrea gehen, um sich im dunklen, kühlen Innenraum Erklärungen über die Renaissancearchitektur und die Lösung von der Gotik anzuhören. Vielleicht dringen das drohende Grollen und vereinzeltes Krachen durch die Mauern, als draußen die Hölle losbricht. Aber die Architektur Albertis schützt die Deutschen vor dem Ereignis, für das in der Stadt Absperrungen errichtet werden, und rotweisse Bänder vor Lebensgefahr warnen.

Nach einer Weile wissen sie alles über Alberti, über die Kuppelkonstruktion und die Kapelle von Andrea Mantegna. Sie verlassen die Kirche und steigen hinab über weisse Stufen in das Gewühl und den ohrenbetäubenden Lärm, der die Stadt erfüllt. Es ist laut, es stinkt, Menschen schreien und rennen, und dann rennen auch die ersten Deutschen, denn ein Auto schiesst mit viel zu hoher Geschwindigkeit über die Piazza Venezia. Die Deutschen sind eigentlich, nichts ahnend, auf dem Weg von San Andrea zur Rotonda di San Lorenzo, aber sie werden nicht so weit kommen. Denn das Auto ist ein Delahaye 135CS von 1937, knallblau, und es bremst und bleibt direkt vor ihnen stehen.

Und statt in der Rotunda stehen die kulturbeflissenen Deutschen nun direkt auf dem Weg der Mille Miglia durch Mantua, eilen zum Auto und halten drauf. Sie wissen nicht, dass sie hier eines der Fahrzeuge ablichten, das 1937 Benito Mussolini verärgerte. Denn so ein Delahaye verdrängte mit Laury Schell am Steuer bei der Mille Miglia das private Team des Duce mit Alfa Romeo auf Platz 4, und hätte vielleicht sogar gewonnen, wäre ein zweites Auto unter Richard Dreyfus nicht ausgefallen.

Dafür verärgerten Delahaye und Dreyfus ein Jahr später mit dem Nachfolgemodell 145 auch Adolf Hitler. Der hatte wie der Duce Autorennen als Symbol von Heldentum und Technik entdeckt, und mit enormen Mitteln die Silberpfeile von Mercedes und Auto Union entwickeln lassen. Die Franzosen setzten dagegen einen Preis von einer Million Franc für ein Auto aus, das mit den Deutschen konkurrieren könnte. Delahaye und Dreyfus gewannen die Konkurrenz vor Bugatti, und traten mit finanzieller Hilfe des amerikanischen Erben Laury Schell – der Mann, der schon den Duce gedemütigt hatte – auch beim Grand Prix in Pau an.

Und dort gewann der Jude Dreyfus mit dem französischen, extrem leichten Auto gegen das Werksteam von Mercedes. Dessen Fahrzeuge hatten doppelt so viele PS, verbrauchten aber zu viel Benzin, und verloren mit einem Tankstopp und ruinierten Zündkerzen das Rennen. Ausgerechnet mit Hitlers Lieblingsfahrern Hermann Lang und Rudolf Caracciola am Steuer. Da war die Begeisterung in Frankreich natürlich gross, und die Bestellungen für Delahaye gingen durch die Decke.

Dieser Delahaye hier ist eigentlich jedes Jahr mit von der Partie, wenn die alten Karossen durch die Dörfer und Städte Italiens rasen, und man wird nicht müde, ihn abzulichten. Diese Formen, diese kompromisslose Gestaltung, diese lange Motorhaube und das enge Cockpit, das einzig und allein der Geschwindigkeit dient… die Deutschen stehen davor, sagen Ah und Oh und halten drauf. Speicherkarten füllen sich, Hälse werden gereckt, denn da kommt noch einer.

Und noch einer.

Und noch einer.

Drüben am Parkplatz wartet ein Busfahrer, auf der anderen Seite würde die Reiseführerin jetzt gern die Romanik erklären, aber langsam dämmert den Deutschen, dass sie durch Zufall direkt an einer Rennstrecke mit einzigartigen Automobilen stehen.

Und da nehmen sie – echte Deutsche mit echten Sportsandalen! – mit, was sie kriegen können.

Und stellen die Frage, die man hier häufiger hört: Warum sind diese Autos so schön, und warum sind die Autos heute alle so langweilig.

Ich kann das verstehen, denn wenn ich hier unterwegs bin und Bilder mache, achte ich darauf, dass keine modernen Fahrzeuge zu sehen sind. Sie würden das Bild verschandeln. Und es gibt auch keinen Grund, sie abzulichten. Sie sehen ohnehin alle gleich aus.

Seit gut 20 Jahren sind die neuen Autos alle irgendwie glatt gelutscht, vorne haben sie eine grimmige Visage und hinten den Helm eines zukünftigen Sternenkriegers, während in der Mitte genug Platz für Sophie, Max und Meike an Bord ist.

Diese Autos tun etwas, das den alten Konstrukteuren nie in den Sinn gekommen wäre: Sie orientieren sich an den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen. Autos entstehen heute nicht mehr als zivile Version von Rennautos und deren Erfahrung, sondern durch Analyse der Kundenwünsche, Produktionsabläufe und Kostenreduktion.

Das war früher ganz anders, da überlegte man noch, wie viel PS man maximal aus einem Motorblock holen könnte. Danach überlegte man, wie man diese PS auf die Strasse bringt. Eventuell machte man sich dann noch Gedanken, wie man das Auto zum Stehen bringt, und ganz zum Schluss quetschte man den Fahrer irgendwo hinein, wo nahe beim Tank aus einfachem Blech noch Platz war.

Wenn der Fahrer dann unvorsichtigerweise Kontakt mit dem Auspuff bekam, verbrannte er sich, und wenn er zu schnell in feuchte Kurven ging, rutschte das Heck weg, egal ob beim Maserati oder beim VW Käfer.

Autos sahen damals anders aus, weil sie die Technik in den Mittelpunkt stellten, und das Auto nicht als bewegliche und maximal sichere Schale des Menschen betrachteten. Das wurde erst relevant, als die Motoren und ihre Kraftentfaltung in den 70er Jahren an die Grenzen der Geschwindigkeitsbegrenzung. Versicherungskosten und Ölkrisen kamen.

Davor war Autofahren eine tückische und bisweilen mörderische Angelegenheit, und davon künden neben vielen Beulen bei der Mille Miglia auch Teile, die im Laufe des Rennens hier verloren gingen. Ein Tag zuvor war an diesem Delahaye nämlich noch ein Blech angenietet.

Die Interessen haben sich verschoben. Futuristen, in deren Geiste die Mille Miglia entstand, wollten schnell sein und mit der Maschine die Kunst besiegen. Wir wollen 3-Liter-Verbrauch-Autos statt 3 Liter Hubraum, Beifahrerairbags und ein DVD-System zum Ruhigstellen der Kinder.

Die alten Autos sehen abenteuerlich aus und wurden für Abenteuer gebaut. Heutige Autos sind Ausdruck von Solidität und Sicherheit, so eine Art motorisierter Bausparvertrag mit Rädern. Alle Banken bieten den gleichen, kleinen Zins, alle Autohersteller die gleiche, kleine Motorhaube und die verkniffenen Lampen.

Es sind Autos, deren verklemmtes Äusseres ahnen lässt, dass die Besitzer Beiträge über Transtoiletten, asexuelle Partnerschaft und die richtige Karrierestrategie im Büro lesen.

Es gibt natürlich Autos, die so tun, als ob sie etwas anderes und historisch wären: Fiat 500 und BMW Mini geben sich alt und abenteuerlich, auch wenn sie in aller Regel nur Office Managerinnen von ihrer 2ZKB-Wohnung in Dachau zum neuen, EU-normierten Büro in Schwabing Nord transportieren, hinter vorgeblendeten Travertinplatten, die auch totalitäre Systeme der 30er und 40er Jahre so geschätzt haben.

Voll klimatisiert. Mit dem Coffee-to.Go-Becher von Starbucks im serienmässigen Plastikgetränkehalter. Und einer Warnleuchte, die ihr sagt, wann sie in die Werkstatt fahren soll, damit ihr der Mechaniker als einzige Sauerei des Monats neues Öl in den Motor schüttet. Scheckheftautos halt.

Eine mehr oder weniger stylische Ergänzung zum Erwerbsleben mit der Erwartung einer halbwegs ausreichenden Rente, die sie sicher erreichen, weil die Gefahren heute so gering sind.

Das haben wir heute alles im Griff, das Navi erklärt uns heute den Weg und Amazon, was wir als nächstes kaufen. Maschinen bringen uns nicht mehr um, sie tun, was wir wollen, und die Algorithmen bei Facebook sorgen schon dafür, dass wir auch nur lesen, was wir lesen sollen.

Artikel über emissionsfreie Autos zum Beispiel, über Pedelecs, die uns das Treten erleichtern und nur 50 mal so viel kosten wie das alte, gebrauchte Rad, das nur mal wieder eine neue Kette bräuchte, und eine Hand, die sich mit dem Kettennietdrücker schmutzig macht.

Es ist eine wunderbare Welt der Technik, in der wir leben. Wir müssen nicht reisen, wir sind ohnehin immer mit allen über Smartphones in Verbindung, die genauso identisch wie die Autos aussehen und genauso austauschbar sind, wie Menschen und ihre Arbeit am Bildschirm.

Früher kämpfte man am Steuer von so einem Auto noch mit dem Motor um sein Leben, heute trägt einen die gefällige Technik durchs Dasein. Das ist doch auch nett. Vielleicht sollte man nur nicht mehr von Lebenserwartung, sondern eher von Daseinerwartung sprechen.

Lebenserwartung hat man, wenn man 4,5 Liter Hubraum mit dem Gaspedal auf 3000 Umdrehungen durch eine enge Altstadt kreischen lässt. Daseinserwartung hat man, wenn Helene Fischer im 9 Speaker Audio System behauptet, jemand würde so atemlos durch die Nacht jagen, wie man es bei der Mille Miglia tut.

Drüben bei San Lorenzo hat die Reiseführerin dann irgendwann ihre Schäfchen für einen kurzen Rundgang eingesammelt, die keinen 300SL mehr vor dem Castello mehr sehen werden. Denn der Bus muss schließlich auch weiter zum Palazzo Te, und was sonst noch bei der minutiös geplanten Reise auf dem Programm steht.

Warum sehen Autos heute so erbärmlich aus? Die gleiche Frage könnte man sich auch im Palazzo Ducale stehen, dessen Erbauer elend an der Malaria krepierten, und deren Gewänder selbst in den damals so schlechten Zeiten unendlich prunkvoller als die des Deutschen sind, der in Sportsandalen durch Italien geht. Oder beim Ikea Starterset, von dessen Tellern gegessen wird.

Und bei den Möbeln, der Kunst, und überhaupt allem, was die materielle Kultur unserer Überflussgesellschaft am Ende der technischen Entwicklung ausmacht. Bis hin zum formschönen, genormten Display in der Geriatrie, in der wir ganz anders als am Steuer eines Rennwagens sterben.

Es ist eben so. Der Zeit ihre Kunst, steht auf dem Gebäude der Sezession in Wien, und ich möchte sagen: Unserer Zeit ihre fade, gut übertünchte, voll versicherte und berechenbare Langeweile. Deshalb sehen unsere Autos so aus.

Und deshalb nehme ich jedes Jahr 4 hemmungslose, laute, abgasverpestete Tage Urlaub von dieser Gegenwart.

31. Mai. 2017
von Don Alphonso
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26. Mai. 2017
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Die Durchsetzung sozialer Sicherheit mit öffentlichem Tanz und Enthauptung

Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel mit dir nichts anzufangen!
Augustinus von Hippo

Nicht immer entsteht grosse Kunst in grossen Zeiten: Der Sieneser Künstler Ambrogio Lorenzetti war seiner Epoche weit voraus, als er um das Jahr 1338 den wichtigsten Ratssaal des Palazzo Publico mit dem ausmalt, was die Kunstgeschichte als “Allegorie auf die gute und schlechte Regierung” bezeichnet. Er war damit aber auch aus der Zeit gefallen, denn dieser Höhepunkt der Kunst der frühen Renaissance mit revolutionären, säkularen Bildschöpfungen entstand zu einem Zeitpunkt, da Siena die besten Zeiten schon hinter sich hatte. Gegen 1300 brach das bis dahin dominierende Bankhaus Europas, die Gran Tavola von Siena, nach einer Serie von Hiobsbotschaften zusammen. Es riss dabei den restlichen Kreditsektor der damals blühenden Handelsstadt mit sich, und leitete den ökonomischen Abstieg der Stadt ein. Der Rat der Neun, der zwischen den Gemälden der guten und schlechten Regierung tagte, war in jenen Tagen also auf dem Weg vom Ideal zur Dystopie, bis 1348 mit dem Schwarzen Tod die Hälfte der Bevölkerung starb.

Davon kündet das Bild der guten Regierung nicht. Es versucht, dem Betrachter eine Vorstellung Sienas in den guten Zeiten zu vermitteln. Wir sehen eine prosperierende Stadt des Wachstums, in der der Handel und das Handwerk florieren. Die Häuser sind herausgeputzt, es wird gebaut und vergrößert, die Menschen tragen prächtige Gewänder, und jeder hat seinen angenehmen Platz im Leben. Ins Zentrum dieses Lebens hat Lorenzetti nicht etwa männliche Oligarchen gestellt, sondern eine Gruppe von offensichtlich gut gelaunten Frauen, die sich an den Händen halten, und singen und tanzen. Zu einer Zeit, da man nördlich der Alpen noch schaurige Gabelkreuze schnitzt, steht hier im Mittelpunkt der Öffentlichkeit die Freude an der Körperlichkeit von Frauen.

Das ist es, das viel gepriesene Menschenbild der Renaissance, scheinbar frei von allen Zwängen des Christentums, die man mit dem dunklen Mittelalter verbindet. Die Sichtweise ist nicht ganz korrekt, denn Tanz gab es natürlich auch im Mittelalter. Auch die Kirchen wussten, dass Männer und Frauen zusammen kommen mussten, und Tänze waren da ein probates, durch Regeln moralisch tragbares Mittel. Wir wissen aus der schriftlichen Überlieferung, dass früher sogar in Kirchen profane Feste mit Tanz stattfanden. Es wurde nur nicht auf Wände gemalt, die den Marienbildern und Gekreuzigten vorbehalten waren. Lorenzetti erkor die freie, ungehinderte Bewegung von Frauen in der Gesellschaft zum Herzstück des gesamtgesellschaftlichen Wohlergehens.

Auf der anderen Seite, bei der schlechten Regierung, ist es anders. Diese Seite ist nicht so gut erhalten, aber an einer Stelle erkennt man eine Frau im roten Gewand, die von zwei Soldaten “bedrängt” wird, so nennen es Kunstgeschichtler, um nicht das deutlich anzusprechen, was hier zu sehen ist: Ein Übergriff, bei dem sich die Männer einig sind, einer Frau Gewalt anzutun. Das Motiv ist weniger neu, die Tradition der beiden Älteren, die Susanna im Bad begehren und sexuell missbrauchen wollen, hat eine lange Tradition in der Malerei. Aber es ist recht offensichtlich, dass Gruppentanz und, sagen wir es deutlich, Gruppenvergewaltigung ein antagonistisches Paar in der guten und schlechten Regierung darstellen.

Und das in einem Freskenzyklus, der besonders gern abgebildet wird, wenn sich europäische Politiker in eine lange Tradition des guten Handelns stellen wollen. Lorenzettis Malerei ist eine Inkunabel des gerechten Staatsverständnisses, und dabei übersieht man auch großzügig, dass der den Auftrag gebende Rat der Neun eine Versammlung der Sieneser Oligarchen war, die demokratisch wie die EU-Kommission letztlich der untergeordneten Stadtverwaltung anschafften, wie sie die Stadt in ihrem Sinne zu führen hatte. Es gibt unter den Bildern einen warnenden Appell von Lorenzetti, das Gemeinwohl nicht aus den Augen zu verlieren – und vielleicht hat er auch deshalb die Frauen gewählt, weil das Motiv dem Auge der hohen Herren nicht schlecht gefallen hat.

An der Stirnseite gibt es übrigens noch die berühmte Darstellung der Tugenden, unter ihnen die Figur des Friedens mit einer damals unerhört lasziven Körperhaltung im leichten Sommerkleidchen. Nebenan in der Pinacoteca Nationale kann man sich übrigens anschauen, wie aus den ikonenartigen, steifen Madonnen Duccios mit herabgezogenen Mundwinkeln emotional bewegte, sinnliche und sexuell auch heute noch attraktiv wirkenden Frauen Lorenzettis werden. Kopftücher werden zu leichten, allenfalls zu ahnenden Schleiern, unter den Gewändern wird Figur deutlich: Renaissance ist, wenn aus der Mutter Gottes eine Frau wird, und wenn man diesen Schritt erst einmal gemacht hat, kann man die Frauen auch tanzen lassen.

Dazu sollte man vielleicht wissen, dass öffentliche Tänze in der europäischen Kulturgeschichte stets zu den Symbolen des guten Lebens gehörten. So wird beispielsweise von einem Einzug Kaiser Maximilians in Regensburg berichtet, der von Westen kam und dabei das Bordellviertel passieren musste. Die dort wohnenden Frauen haben ihm zu Ehren eine Tanz aufgeführt, und Maximilian stieg vom Pferd, um mit ihnen zu tanzen: Vor der versammelten Bürgerschaft und seinem eigen Hof. Das, womit die aktuelle Regierung mit ihrem katastrophalen, angeblichen Prostitutionsschutzgesetz vermutlich scheitern wird, hat Kaiser Maximilian durch seinen gesellschaftlich inklusiven Tanz in der Öffentlichkeit allen vor Augen geführt: Diese Frauen, zeigte er, gehören in die Mitte der Gesellschaft, und sind gut zu behandeln, wenn er selbst das schon tut. Gute Regierung durch gutes Beispiel.

In Tübingen soll es bei einer Tanzveranstaltung zu Übergriffen gekommen sein – ein Umstand, der nur in die größere Öffentlichkeit kam, weil der Oberbürgermeister der Stadt eine nachträgliche Entschuldigung der Veranstalter weit verbreitete. Der SWR hat nach eigenen Angaben zwei Zeuginnen ermitteln können, die nur anonym sprechen wollen, und es gibt zwar eine Ermittlungskommission, aber noch keine Anzeige. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die eher links orientierten Betroffenen und Zeugen kein Interesse daran haben, aks Kronzeugen für ein Bild herhalten zu müssen, das nicht der guten Regierung entspricht. Was 2015 bei der Grenzöffnung von vielen Seiten versprochen wurde, sollte Ähnlichkeit mit der guten Regierung Lorenzettis haben, mit Fachkräften und Zuwanderern, die im Durchschnitt gebildeter als die Deutschen sein sollten, und die für ein neues Wirtschaftswunder sorgen und später einmal in unserer überalternden Gesellschaft die Rente zahlen werden. In Köln hatte man eher den Eindruck, das Bild der schlechten Regierung zu sehen, wo unter den Untugenden dann auch die Gerechtigkeit gefesselt und unfähig zum Urteil dargestellt wird. Wir haben jetzt für exakt solche Fälle zwar ein drakonisches “Nein heisst Nein”-Gesetz. Aber auch Betroffene, die schweigen, es ins Leere laufen lassen, und nicht mehr zu jeder Zeit, an jedem Ort ungehindert tanzen.

Manche werden sagen, da würden sich eben patriarchalische Strukturen äussern und Deutsche machten das auch – aber das ist nicht richtig. Patriarchat ist nicht Patriarchat. Tanz ist im europäischen Kontext eine Ritualisierung der Annäherung zwischen zwei Geschlechtern in einem monogamen Rahmen: Es war möglich, miteinander zu tanzen, zum Zwecke einer gewünschten körperlichen Vereinigung – und unter einem immensen sozialen Druck, der diese Entscheidung für einen einzigen Partner dann auch exklusiv umsetzen wollte. Frühere europäische Kulturen waren zwar tanzfreudig, aber vor allem vor dem Hintergrund, dass Menschen erfahren sollten, ob sie gut miteinander umgehen konnten. Andere Kulturen haben da andere Vorstellungen, und bei den Saudis tanzen dann eben Männer zusammen mit Schwertern. Auch das ist Ausdruck einer bestimmten Haltung, aber eben nicht einer alteuropäischen Tradition, die bei uns schon im Kindergarten eingeübt wird. Man muss die dahinter stehende Moral nicht mögen, die früher auf Exklusivansprüche am Partner abzielte, Schon Boccaccios Decamerone ist nicht umsonst voll mit Geschichten, die in genau jener Zeit diese Moral hinterfragen. Aber auch dort finden zwischen Männern und Frauen Gespräche, Musik und Tänze gleichberechtigt und nach klaren Regeln statt, die allen bewusst sind.

Lieblich sind die Bilder von Lorenzetti, und den Rat der Neun gibt es schon lange nicht mehr, so dass man heute dazu neigt, hier eher ein Idealbild der Gesellschaft zu sehen als das, was es ist: Eine Handlungsanweisung, bei denen die Guten eine Belohnung und die Schlechten buchstäblich ein Schwert in den Nacken bekommen. Wenn sie als Fürsten nicht taugen, wird ihnen die Krone entrissen. Das sind für unser heutiges Verständnis teilweise radikale Vorstellungen von Gerechtigkeit, aber so war das damals in den Städten der Renaissance: Entweder man ordnete sich dem System und seinen Zielen unter, oder man wurde radikal ausgeschlossen und vertrieben, die Bürgerrechte wurden entzogen und die Häuser gebrandschatzt. Es gilt als feinsinnig, die Gemälde Lorenzettis zu bewundern, aber seine Empfehlungen entsprechen doch eher dem, was Donald Trump gerade nach dem Anschlag von Manchester gesagt hat: Man müsste diese Leute aus den “Communities” verdrängen.

Man könnte natürlich auch das eine oder andere Element aus der Darstellung der guten Regierung entfernen ohne dass dessen Grundaussage irreversibel geschädigt wäre. Die Wirtschaft würde immer noch florieren, wenn die Frauen nur noch in einem abgeschlossenen Haus tanzten, mit einem Wächter davor, der andere aufhält und einem Podesta, der aus Parteiräson schweigt. Es wäre vielleicht etwas, sagen wir, irritierend, und es wäre nicht mehr die absolute Sicherheit der guten Regierung, sondern eine relative Sicherheit mit Lebensrisiken. Genauso könnte man übrigens dann auch argumentieren, dass auf der anderen Seite gar keine schlechte Regierung dargestellt ist, sondern nur eine gute Regierung in ihren alternativlosen Möglichkeiten, mit den unvermeidlichen Lebensrisiken des 14. Jahrhunderts, in der es keinem schlechter geht. Also Allegorie der guten Regierung und der Regierung mit Herausforderungen, die gar nicht so auffallen, wenn der Bürgermeister endlich den Mund halten würde.

Ich mag, das möchte ich hier sagen, Lorenzetti sehr, und man kann natürlich immer im Schlechten das Gute sehen: Wäre Siena nach dem Fresko nicht so abgestiegen und verarmt, hätte man die Gemälde vermutlich später abgeschlagen, bepickelt und mit weniger brutalen, gefälligeren Darstellungen übermalt. Ein ist ein Unglück für Siena, und ein Glück für die Kunstgeschichte. Natürlich hätte ich damals nicht leben wollen, und auch heute möchte ich, dass man immer, überall, nach Lust und Laune hemmungslos und selbstbestimmt körperlich sein kann, in bester, europäischer Tradition, und dieser Konsens von allen verstanden und getragen wird, sofern sie nicht Bekanntschaft mit dem Richtschwert und seiner heutigen Entsprechung machen wollen. Weit sind wir gekommen in der Entwicklung, aber das dachte man in Siena auch, als man Lorenzetti den Auftrag gab. Unsere Freiheiten waren und sind kein Naturzustand, und schnell weg, wenn man sie nicht entschlossen und ohne falsche Rücksichten verteidigt.

26. Mai. 2017
von Don Alphonso
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22. Mai. 2017
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Leitkultur mit rasenden Autos und Furien

Dieser Text kommt mit einem riesigen Umweg zum eigentlichen Thema, nur um möglichst viele Autobilder unterzubringen.

Immer, wenn ich in Italien war, erwarten mich daheim Neid und Missgunst. Früher hasste ich den Mai, weil ich vom Heuschnupfen geplagt war, heute hassen andere meinen Mai, weil ich den Birkenpollen und dem Heuschnupfen in Italien entgehe, und dabei nicht nur die L’Eroica, sondern auch die Mille Miglia mitnehme.

Und das Vergnügen zudem auch entsprechend offen darstelle, privat, und was bei von Lohnarbeit Abhängigen beruflich wäre. Zu Neid und Missgunst gesellt sich mitunter auch Eifersucht, wenn ich daheim nicht nur das Land, sondern auch seine Bewohnerinnen lobpreise. Das könnte mir auch diesmal passieren, denn in Brescia war ein ganzer Schwarm von Italienerinnen in Rokokokostümen, die sich auch so charmant verhielten, wie man das bei Diderot gern liest.

Knicks hier, Küsschen da, mit Fahrern in der Mitte und angeblich gibt es auch ein Bild eines deutschen Journalisten, den sie von zwei Seiten abbusseln also das geht Sie gar nichts an und hat Sie auch nicht zu interessieren, jedenfalls, Startnummer 180 bis 220 habe ich irgendwie verpasst. Es war eine sehr gelungene Aufführung, großherzig, sinnenfreudig, sie verschmolzen mit den Kostümen jener opulenten Epoche, die noch wusste, wie man mit der Leibeigenschaft Klassengrenzen befestigt. Sehr italienisch jedenfalls.

Dann war da Italienerin in Mantua, die einen Pudel hatte. Es war heiß, und sie hatte daher auch Wasser für den Pudel dabei. Und damit der Pudel nicht etwa aus der Flasche trinken muss, hatte sie auch ein pinkfarbenes Schlabbertässchen dabei. Und damit sie sich nicht etwa bücken und dem Hund das Wasser selbst geben muss, hatte sie auch einen Mann dabei, der das tat, während sie gut aussah und Sportautos bewunderte. Diese Rollenverteilung ist sehr, sehr italienisch!

Schliesslich würde ich daheim vermutlich erneut den Fehler machen und von italienischen Müttern erzählen, die nach der Geburt ihrer Kinder nicht wie Parteimitglieder der Grünen aussehen, sondern stilvoll mtt hochhackigen Schuhen, das Kind hinten drauf, durch die Städte radeln und in jedem Detail perfekt sind. Das zu erzählen ist ein Fehler, ich habe hier in der Zeitung auch einmal über “Italienerinnen in Bewegung” geschrieben, und zwar so euphorisch, dass ich mich nach meiner Heimkehr nicht etwa an Seiten einer Frau, sondern allein auf ihrem Sofa wiederfand. Aber es ist wahr und sehr, sehr, sehr italienisch!

Daheim jedenfalls hat man den Eindruck, dass ich zwar stets bereit bin, die Italienerin als solche in höchsten Tönen zu loben, wohingegen die Einheimischen weitaus weniger Komplimente erhalten. Ja, es wird mir gar nachgesagt, ich neigte dazu, nichtitalienische Frauen aufgrund ihrer Erscheinung in die Nähe der Grünen zu rücken, was überhaupt nicht stimmt, meistens jedenfalls, außer sie sind Parteimitglieder und lehnen alte Autos und andere Freuden des Patriarchats ab.

Trotzdem reagieren Frauen oft ungehalten auf mein Lob, fühlen sich zurückgesetzt und werden spitz bis garstig. Dann wird mir bedeutet, dass ich doch auch ganz nach Italien ziehen könnte, wenn dort alles so perfekt und schön ist, ein Haus kaufen, eine Italienerin heiraten, und ein Auto mit mehr als 2 Sitzen erwerben, für die Kinder und die Eltern der Braut und alle anderen Angehörigen. Dann wären alle zufrieden. Nur zu! Niemand möchte meinem Glück im Wege stehen, niemand würde mich allzu sehr vermissen. Bis dahin weiss ich ja, wo für das Übernachten das Sofa steht. In schweren Fällen auch: Mein Auto.

Das wird mir diesmal nicht passieren, denn ich war vorgestern ein wenig südlich von Maranello, in den nördlichen Ausläufern der Toskana. Es gibt dort winzige, vergessene Bergstrassen zwischen Weilern und Höfen auf den Bergen, die längst von breiten Strassen im Tal als Hauptverkehrswege abgelöst sind. Das macht sie so attraktiv für die Mille Miglia: Die alten Fahrzeuge können auf gesperrten Bergstrecken hemmungslos fahren, die anderen müssen ins Tal ausweichen.

Das ist überall bekannt, die Mille Miglia ist ein riesiges Fest, und ich bin dem Tross entgegen die Bergstrasse hinauf gefahren, so weit es eben ging. Am Ende standen Offizielle und die Polizei an einer Zeitkontrolle, die die Strasse wirklich blockierte, und winkten mich auf einen Parkplatz. Ich tat, was mir von der Polizei gesagt wurde, bedankte mich, Grazie, mille Grazie, stieg aus, und machte mich auf die Suche nach den besten Positionen, um das Geschehen in Bildern einzufangen. Das wird mir jetzt niemand glauben, der mich kennt, aber: Ich war sogar zu früh da.

Noch rauschten neumodische Ferraris durch die Landschaft. Als guter Deutscher tat ich das, was Deutsche immer tun, wenn sie, im tiefsten Inneren Romantiker, in Italien sind: Ich setzte mich auf die lehmige Erde und dachte mir in Selbstbescheidung: Du bist 100 Kilometer offen durch Italien gefahren, du bist in der schönsten Landschaft der Welt, ab und zu fährt ein Ferrari vorbei und die Sonne scheint – du sitzt nicht nur auf einem Berg, sondern an der obersten Spitze der menschlichen Entwicklung, nur ganz wenige haben es so schön wie du. Geniesse es. Sie werden schon noch kommen.

Ich war also, romantisch mit erfüllter Italiensehnsucht gesegnet, zufrieden und diszipliniert. So ist der Deutsche nun mal. Sie kamen dann auch, nach gut einer Stunde, als die Sonne schon tief stand, und das Licht zunehmend schlechter wurde.

Denn es war schon recht spät am Abend, und über der Poebene bildete sich ein rabenschwarzes, wagnerianisch-dramatisches Hitzegewitter. Einzelne Wolken zogen hoch über die Hügel und verdeckten die Sonne.

Ich machte das, was Deutsche immer tun, wenn sie aufs Sofa geschickt werden oder die Sonne verschwindet: Ich fügte mich ins Unvermeidliche. Ich stellte die ISO-Zahl auf 800 und begann, mit langer Belichtungszeit zu operieren.

Das ging oft grässlich schief und manchmal waren die Ergebnisse vorzeigbar, wenn man ein Faible für durch Bewegung verwischte Bilder hat.

Wie gesagt, die Strasse ist gesperrt und stark abschüssig, da kann man es laufen und den Bildberichterstatter mit Blende 3,5 verzweifeln lassen.

Langsam zog ich mich über den Bergrücken zurück zur Kontrollstelle, wo das Licht noch etwas besser war, und die abgebremsten Autos leichter zur Beute meiner Kamera wurden. Man muss eben nehmen, was man kriegen kann.

Dort standen weiterhin die Rennbevollmächtigten – was für ein schönes, deutsches Wort! – und die Polizei. Vom Berg herab kamen die Bugattis, BMWs und OSCAs, aber vom Tale herauf kam ein kleiner, roter Wagen, und seine Fahrerin war definitiv zu spät, um noch gute Bilder zu bekommen.

Das wollte sie aber auch gar nicht. Sie wollte durch. Sie ignorierte den ersten Bevollmächtigten und seine Pfiffe, und der zweite stellte sich ihr in den Weg – nur um gleich wieder zur Seite zu gehen, denn sie bremste erst im letzten Moment und auch nur, weil sie sonst in einen entgegen kommenden Jaguar gekracht wäre. Auf den Mann hätte sie keine Rücksicht genommen.

Der Leiter der Kontrollstelle kam herüber und erklärte ihr, was er allen schon gesagt hatte: Hier findet ein historisches Rennen statt. Hier kann man nicht durch.

Das steht auch auf einem Schild im Tal. Nur Anwohner werden durchgelassen. Alle anderen müssen zurück ins Tal und ihre Ziele auf der neuen Strasse ansteuern. Es sind maximal 10, 15 Kilometer Umweg.

Und die Signora sollte jetzt weg vom Endpunkt einer Zeitwertung, weil hier manche doch recht flott durchrauschen. Es rauschten derer fünf hupend durch die vom roten Kleinwagen gebildeten Engstelle, bis sie ihren Wagen laut zeternd über die Strasse auf den Parkplatz fuhr.

Und ausstieg und reihum begann, alle Anwesenden zu beschimpfen und gröblich zu insultieren. Was das für eine Frechheit sie, sie so zu behandeln. Ihr den Weg zu verbieten. Das sei schließlich ein freies Land, und sie sähe es überhaupt nicht ein, noch mal ins Tal zu fahren. Und warum die Polizei das zulasse. Es klang, als würde jemand eine feministische Kolumne der Zeit brüllen, und danach noch eine von Spiegel Online.

Nachdem sie alle beschimpft, verflucht und beleidigt hatte, wurde sie nicht festgehalten, weil sie eine gesperrte Strasse befuhr, einen Beamten beleidigt und einen Rennoffiziellen beinahe überfahren und andere gefährdet hatte. Sie stieg in ihr Áuto, schrie noch ein paar Minuten, die sich so endlos wie ein Vortrag der Familienministerin zur Gleichstellung anfühlten, und fuhr dann wieder hinunter, nicht ohne vorher eine Halteanweisung zu ignorieren und einen unschuldigen Aston Martin DB2 beinahe seitlich in die lehmige Erde der Toskana zu bohren.

Ich ging zu meinem Wagen, zeigte in ihre Richtung und meinte, sie sei wohl un poco verrückt, aber der Polizist sagte nur, so seien Frauen eben. Das ist sehr, sehr, sehr, sehr italienisch, dachte ich mir, denn die Vorstellungen von dem, was eine legitime Konfliktsituation und was strafrechtlich relevant ist, gehen wohl im internationalen Vergleich ziemlich auseinander. Die eigenen Normen hat man so verinnerlicht, dass sie nicht weiter bemerkbar sind – es sei denn, sie werden in Frage gestellt. Die deutsche Norm lautet; Beleidige nie einen Polizisten. Die italienische Norm lautet: Warte, bis die Furie ins Auto steigt und verschwindet.

Natürlich darf man nicht verallgemeinern, aber ich verallgemeinere schon bei Rokokokostümen, Hunde- und Männerhalterinnen und modischen Müttern, da kommt es auf einmal mehr nicht an. Man kann die Idee einer Leitkultur und einer Identität leicht verneinen, wenn man sich über Normen einig ist: Dann scheint es, als gäbe es so etwas gar nicht, weil es jeder automatisch tut, und man es nicht als relevant ansieht. Niemand käme auf die Idee, Ehebruch in Deutschland zu einer gesellschaftlichen Norm zu erklären: Das wird halt bei uns so gemacht, bis hinauf zum höchsten Politikerinnen und Politikern gleich welcher Partei. Dass es sehr wohl etwas mit unserer Identität zu tun hat, merkt man erst, wenn man in die andernorts geltende Scharia blickt. Es muss ja nicht gleich Steinigung sein, aber es gibt international sehr unterschiedliche Vorstellungen, welches Verhalten statthaft ist. Ausbrüche wie da oben am Berg mögen in Italien Teil des Lebensgefühls und der Selbstverwirklichung sein – in Deutschland würde so ein Benehmen, gerade bei nichtigen Anlässen, bald jede private und berufliche Beziehung sprengen.

Es verträgt sich überhaupt nicht mit den Normen, den kulturellen Vorstellungen von Interaktion, und das, obwohl nur die Alpen zwischen Deutschland und Italien liegen. Mir ist natürlich auch das eisige Anraunzen der Menschen in Berlin fremd, aber dort oben über Maranello wurde auch offensichtlich, dass die typische Bayerin ganz sicher keine nördliche Voritalienerin ist, auch wenn solche Mythen gern verbreitet werden. Man denkt darüber einfach nicht nach, wenn man daheim ist. Aber wer nicht glaubt, dass es so etwas wie eine spezifisch deutsche Leitkultur gibt, sollte einfach längere Zeit im Ausland verbringen – es muss noch nicht einmal Iran oder Nordkorea sein.

Ich bin danach wieder den Berg hinunter gefahren, eingeklemmt zwischen einem rasenden Delahaye und einem Polizeiwagen, der mir bedeutete, dass ich bitteschön hier auch absurd illegales Renntempo und mit quietschenden Reifen über Rondelle fahren sollte, wo die Menschen nur darauf warteten. Es gibt eine Leitkultur, in Deutschland wird man dafür eingesperrt und in Italien bejubelt. Dafür schläft man in Deutschland allenfalls allein mit der Leitkultur auf dem Sofa, wenn in Italien längst das Nudelholz spricht.

So ist das. Und dafür hat es sich gelohnt, nach Maranello zu fahren, auch wenn die Bilder nicht ideal geworden sind.

22. Mai. 2017
von Don Alphonso
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20. Mai. 2017
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Die moralische Ungnade der spätesten Geburt

Erfindung ist nützlicher als die Wahrheit
Benito Mussolini

Mir geht seit einem Jahr ein Erlebnis durch den Kopf, das ich gern aufgeschrieben hätte, aber so richtig fand sich nie die Gelegenheit. Ich habe in der Eremitage von Bayreuth zwei ältere Herrn kennengelernt, Jahrgang 1926. Das war, wir erinnern uns, keine besonders gute Zeit, und sie sollte noch schlechter werden: Als die beiden 7 Jahre alt waren, übernahm die NSDAP die Macht im Deutschen Reich, und zusammen mit 120 anderen Jungen besuchten sie hier ein Gymnasium.

Daher gab es hier ein jährliches Klassentreffen, und obwohl dort noch Disziplin herrscht und jeder, der kommen kann, auch kommt, waren nur noch 10 in der Lage, dem Ruf zu folgen. Zwei davon also sassen auf einer Bank mit Blick auf die Wasserspiele, wir kamen ins plaudern. Ich erzählte, dass bei meinen Klassentreffen auch nicht mehr als 10 Anmeldungen vorlagen, der Rest schwänze, so haben sich die Zeiten geändert – und einer der beiden sagte dann, naja, es hätten ja auch nur 70 bei ihnen den Krieg überlebt.

Weil man sie nämlich 1944 nach einem Notabitur eingezogen und in die Wehrmacht gesteckt hätte, und damals sind von den 120 Abiturienten 50 gefallen, in Gefangenschaft gestorben oder anders ums Leben gekommen. Das Wasser plätscherte und lief über dicke Brüste der Nymphen herab, die neckisch mit Tritonen spielten, die Sonne schien, und da kam ich doch etwas ins Grübeln. Wer mit 7 Jahren unter die Herrschaft der Nationalsozialisten kam, der hat sie nicht gewählt. Der hatte auch bis zu seinem 18. Lebensjahr, praktisch gesehen, keine Chance, dem System zu entgehen, und wurde ebenso unvermeidlich zum Opfer der Einberufung, als der Krieg längst verloren war.

Neben mir sassen also zwei steinalte Männer, die damals einen Karabiner frisch von der Schulbank weg in die Hand gedrückt bekamen, um auf Amerikaner, Russen und Briten zu schiessen, und die schlechte Chancen hatten, das zu überleben. Also, jedenfalls deutlich schlechtere Chancen als ich im Flugzeug, das mich nach meinem Abitur in der alten BRD nach Kalifornien brachte, um ein Auto zu kaufen und die 8 Zylinder auszufahren. Da sassen wir, das Wasser plätscherte, und ich sagte mir das, was ich mir als Historiker oft sage:

Aus der Geschichte lernen heisst nicht, dass der eine die historische Wahrheit hat und alle anderen daraus lernen müssen. Aus der Geschichte lernen heisst, dass es viele Sichtweisen und Erfahrungen gibt, und das Erste und Wertvollste, was man daraus lernen muss, ist die Einsicht in die eigene begrenzte Beurteilungsfähigkeit. Wenn man das aus der Geschichte gelernt hat, ist man immun gegen das Übelste, das man aus der Geschichte lernen kann: Dem Irrglauben, man sei die Spitze der menschlichen Entwicklung, und könnte sich, um diese heilsgeschichtliche Position zu belegen, auf der eigenen, voreingenommenen Interpretation der Vergangenheit herum trampeln.

Die beiden Männer neben mir wurden später übrigens Lehrer, stiegen auf zum Direktor und Schulrat, und dienten Demokratie und Verfassung mit einer ganz anderen Hingabe als Hakenkreuz und Reichsadler. Das war damals eben so, die Generation, die Deutschland von den Naziherrschaft als Trümmerlandschaft erhielt, war die Generation der Wehrmacht und der Luftwaffenhelferinnen. Keiner von denen hatte 1933 Nazis oder Rechtsreaktionäre gewählt. Die Zeiten waren schlecht, sie haben mit der BRD etwas daraus gemacht, das – ich denke, das ist Konsens – besser war.

Natürlich mit ihrer Sicht der Dinge, und das schloss in weiten Teilen der Gesellschaft eine historisch fragwürdige Sicht der Wehrmacht mit ein. Von Helmut Schmidt, dessen Wehrmachtoffiziersbild gerade abgehängt wurde, gibt es ein Interview über den deutschen Herbst 1977, in dem er sich abfällig über Helmut Kohl äußert, und Franz Josef Strauss lobt: Kohl hatte keine Kriegserfahrung, während Strauss und Schmidt als Offiziere damals gewusst hätten, was nun zu tun sei, und die nötige Härte mitbrachten. Ob das Interview nun, da Baader und Meinhof langsam zu Popikonen gemacht werden, vielleicht auch in die Giftkammer des Staatsfunks kommen mag?

Es war ein weiter und harter Weg, die Verbrechen der Wehrmacht aufzuarbeiten und im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern, nachdem man sich auch in den Parteien, die sich jetzt als Sieger der Debatte geben, jahrzehntelang genau davor gedrückt hat. Hitlers Generäle sind längst unter Erzielung hoher Pensionen tot, wir arbeiten uns an Wehrmachtsdevotionalien und den letzten Überlebenden ab. Es war lange Zeit eine hässliche Debatte, heute sind es kinderleichte Siege, und zu gern wüsste man, ob und wenn ja wer in Frau von der Leyens Familienalbum nun ebenfalls der Damnatio Memoriae zum Opfer gefallen ist.

Es ist jedenfalls immer ein Alarmzeichen, wenn ein Kampf gewonnen ist, und nun schlagartig alle bei den Siegern sein wollen: Das, was die Franzosen 1944/45 als Resistance de la derniere minute kennenlernen mussten, hat frappierende Ähnlichkeit mit dem dem neuen deutschen Antifaschismus, grad so, als wären CDU und CSU seit jeher führende Protagonisten der Aufklärungsarbeit gewesen, und hätten nie Vertreter auf den Begräbnissen von Wehrmachtsgrössen gehabt. Aus Relativierung wurde Abgrenzung, nur der wichtige Teil der eigenen Hinterfragung, der erscheint mir bei all den Internet- und Medienantifaschisten etwas schwach ausgeprägt.

Dabei erzählt die Geschichte leider sehr oft, dass nicht alles, was das absolut Böse bekämpfte, absolut gut sein muss, und Italiens Duce Mussolini zeigte mit seinem Schlingerkurs in Bezug auf Hitler mit Militäraufmärschen am Brenner und Alpenbefestigung gegen Deutschland, wie man das machen kann, ohne selbst jemals erfreulich gewesen zu sein. Immerhin, die strengen deutschen – und damit sehr identitär deutschen, weil der wahre, überzeugte Deutsche, der macht keine halben Sachen und lässt sich nicht von kleinlichen Bedenken aufhalten, wenn es um die Bekämpfung des Falschen geht – die strengen deutschen Kriterien ziehen hier südlich der Alpen noch nicht ganz. Mussolini, der nach erfolglosen Versuchen als sozialistischer Journalist zum faschistischer Diktator wurde, hatte nicht wie Hitler nur 6, sondern 18 Jahre relativer Ruhe im eigenen Land Zeit, die Orte mit einem immensen Bauprogramm mitunter futuristisch, meist aber neoklassizistisch zu prägen.

Und wer hier meint, wegen faschistischer Architektur die Augenbraue heben zu müssen, hat wahrhaft viel zu tun. Italien ist voll davon, das Regime hatte operettenhafte Züge und liebte es, die eigenen Ansprüche in Beton, Marmor und Ziegelstein abzubilden. Mitunter hat man Inschriften und Liktorenbündel entfernt. Der Rest steht da noch immer wie zu des Duces Zeiten, und Brescia, wo ich vorgestern war, hat davon einen ganzen Aufmarschplatz in der Stadt. Auf dem dröhnen die Motoren wie in den Träumen Marinettis.

Denn die Mille Miglia ist wieder in der Stadt, 1000 römische Meilen rasen alte Automobile durch Italien. Das Ereignis feiert 90. Geburtstag, und was könnte man da nicht alles zur eigenen moralischen Versicherung aufarbeiten. Den Todeskult durch Maschinen, den Futuristen feierten, der krankhafte Glaube an die technisierte Zukunft, die Neuinszenierung eines brandgefährlichen Rennens mit hohem Blutzoll als Bühne für den faschistischen Neuen Menschen. Mussolini schickte seinen eigenen Fahrer an den Start, auf Siegerbildern posieren dreckverschmierte Männer neben Schwarzhemden, und der Sieg galt als Frage der nationalen Ehre.

Weshalb auch die Deutschen noch in der Weimarer Republik mit Mercedes und dann, hocherfolgreich mit BMW dank ausgefeilter Aerodynamik, im III. Reich um Siege kämpften, wie dann auch nach 1948 erneut erfolgreich seitens der BRD mit Mercedes – und alle sind sie wieder in Brescia am Start. Natürlich ist das Kapitel vor dem 2. Weltkrieg geprägt von Idealen der damals Neuen Zeit, und heute sitzen die Menschen in einer vom Faschismus errichteten Loggia und schauen zu, wie sich Alfas und Fiats jener Tage mit laut brüllenden Motoren ein Duell liefern.

Die unangenehme Botschaft ist natürlich, dass unter Faschismus wie unter Demokratie, ohne Rücksicht auf die damit früher transportierten Ideale, die Menschen sich hinreissen lassen, mit Fahnen zu winken und – zumindest früher – ihre Favoriten lobten, das eine Land richtig und das andere falsch fanden, dafür auch dopten und betrogen, und was man eben so tut, wenn man am Ende als Gewinner verewigt werden will. Man hat inzwischen gelernt, das nationale Prestige anders auszudrücken, aber für wahrhaft kritische Geister bliebe viel, was hier zu bemängeln wäre. Auch jetzt, nachdem die Kanzlerin souverän von Oben nach Unten das eigentlich parteipolitisch gewünschte Ziel der Elektroautofizierung der Nation aufgegeben und der nationalen Industrie die Erlaubnis erteilt hat, noch lange weiter Verbrennungsmotoren zu bauen.

Denn natürlich ist das hier laut und dreckig, und auf den Strassen liegt Sand, sonst würden die Autos in den Kurven auf den öligen Ausscheidungen ihrer Vorgänger wegrutschen. Es ist ein unmodernes und archaisches Vergnügen: 1927 hielt man das noch für die Zukunft, heute würde man vermutlich eher 3km-Lastenradrennen in Berlin zur nächsten Kita organisieren, um die Fähigkeit zu demonstrieren, den Alltag nachhaltig zu meistern, mit veganem Siegerbankett und energetisch gereinigtem Sodawasser im Holzpokal. Was hier gefeiert wird, ist eine Fortbewegung, die absehbar in wenigen Jahrzehnten als verabscheuungswürdige Diktatur in unseren Städten gelten wird.

Man wird sich dann beweisen müssen, dass man besser ist, oder noch besser, das Optimum.. Und man wird Studien erwähnen, nach denen Zigtausende damals, in unserer Zeit, durch mehr Autoabgase ums Leben kamen. So schlimm war das, was manche damals sogar noch in Brescia feierten: Der reinste Massenmord. Ich kann allerdings nicht garantieren, dass ich dann brav auf einer Bank sitze und bedächtig dazu nicke, mit Blick auf ein trocken gelegtes Wasserspiel, weil wir das Süsswasser dann nicht verschwenden, sondern lieber nach Äthiopien spenden..

Vielleicht mache ich auch keck und dreist den Mund auf und erwähne – vorsichtig natürlich, man weiss dann schliesslich, wie das mit der Ermächtigung von Heiko Maas und seinem Zensurgesetz ausgegangen ist – dass es kein Zeichen besonderer Sicherheit ist, wenn man das Leben der Vorgänger schlecht redet, um sich selbst zu erhöhen. Wer das braucht, mit dessen Selbstsicherheit kann es nicht wirklich weit her sein. Kann es gar sein, dass ein paar Defizite des Optimums mit so einer Abgrenzung überdeckt werden sollen?

Auch Mussolini hat sich schließlich, wenn etwas in seinem perfekten Staat schief ging, über die althergebrachten Unarten seiner Landsleute und historisch bedingte Inkompetenz der Eliten beklagt. Man sieht also, für eine schlechte Tradition muss man noch nicht mal in der Wehrmacht gewesen sein. Und die Tradition des ungehemmten Hedonismus, die man damals, 2017 noch lebte, war gar nicht so schlecht wie ihr dann weit verbreiteter Ruf.

(Wie üblich bei der Mille Miglia und auf Wunsch der Leser sind hier alle motorpornographischen Bilder 1000 Pixel breit, ohne Rücksicht auf Datenvolumen)

20. Mai. 2017
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Die gebaute Islamophobie im Alten Europa

Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Recep Tayipp Erdogan

Kommen Sie mit mir noch ein paar Kilometer mit, über die Hügel meiner Teilzeitheimat nördlich von Siena, hinunter ins Tal hinter dem verlassenen Dorf des Patriarchats – über einen steilen Schotterweg kommen wir in das schmale Seitental der Elsa, das heute die Weinbauregionen Chianti und Chianti Classico trennt. Ich möchte Ihnen da noch etwas anderes zeigen.

Wir sind in einem Italien, italienischer könnte es kaum sein, und rollen langsam den ersten Hügel des klassischen Chiantigebietes hoch. Es sieht hier auch nicht anders aus als auf den Hügeln ein, zwei, drei vier Hügelketten weiter. Italien wie aus dem Bilderbuch, sollte man meinen, und wenn es hier um Identität geht, hört man am ehesten von den Konflikten, die Florentiner im Norden und Sienesen im Süden im späten Mittelalter in dieser Region ausgetragen haben, und die künstlerische Begleitung dieser Machtkämpfe, aus denen die Renaissance erwuchs: Duccio, Simone Martini und die Brüder Lorenzetti in Siena, Giotto, Brunelleschi und Michelangelo in Florenz.

Burgen künden von den damaligen Konflikten in ihren späteren Ausbauphasen. Aber wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass die Streitigkeiten zwischen Städten und verfeindeten Clans in der Toskana dank der Kunst bedeutender wirken, als sie wirklich waren. Lokale Fehden, Streitereien um Käffer und Kirchen, ein paar Strauchdiebe, teils mit und teils ohne Adelstitel, dazu ein paar Bank- und Handelshäuser, die zwei Jahrhunderte gute Geschäfte machten und dann bedeutungslos wurden: Die toskanische Renaissance hat eine gute Propaganda, und dadurch wird anderes überdeckt. Wie etwa die Epochen davor.

Wir biegen ab auf eine kleine, marode Seitenstrasse praktisch ohne Verkehr, denn die Strasse wird oben in einem Dorf enden, hinter dem nur noch undurchdringlicher Wald die Heimat der hiesigen Wildschweine ist. Gegenüber liegt ein weltbekanntes Weingut, hier zerfallen ein paar Häuser, und man ist schnell auf dem kleinsten Gang, denn die Strasse wird steil, sehr steil, und verlangt dem Radler alles ab. Das Tal bleibt weit unten zurück, und wenn man hier so hoch keucht, wundert man sich schon, warum dieses Dorf hier ganz, ganz oben auf einem Berg liegt, ganz hinten beim Wald. Man fragt sich im Pinienduft, was das früher für eine Plackerei gewesen sein muss, alles, was man brauchte, auf den Berg zu schaffen.

Es findet sich hier oben, auf einer Terrasse mit bestem Blick über das Tal, und an ganz klaren Tagen vielleicht sogar bis zum Meer, eine alte Kirche, die Zeugnis vom frühen Ausbau des Landes zu Beginn des letzten Jahrtausends ablegt. Sie ist schlicht, hat wuchtige Mauern, kleine Fenster und nur wenige Ornamente, und erinnert mehr an einen Bunker denn an eines dieser lichterfüllten Gotteshäuser der Gotik. Sie wurde gebaut und nicht erweitert, was durch den überschaubaren Erfolg dieser abgelegenen Gründung erklärbar ist: Es war zu weit oben auf dem Berg für friedliche Zeiten. Aber der Ort selbst entstand nicht in Zeiten des Friedens, sondern in einer Epoche der multikulturellen Bedrohung Europas.

Damals gab es noch keine Abos der Zeit, die den Menschen erklärten, wie großartig Bereicherung durch andere Kulturen denn sein können. Statt dessen litt Europa im späten 9. und 10. Jahrhundert massiv unter Einfällen von Leuten, die bei den Einheimischen nicht bejubelt wurden, und das auf Routen, die heute auch wieder benutzt werden. Aus Skandinavien, von wo aus die EU mit Gendertheorien und Müllmöbeln überschwemmt wird, kamen damals die Wikinger auf Booten, die leider noch nicht auseinander fallendes Geraffel von Ikea, sondern hochwertig genug für Einfälle waren. Auf der heutigen Balkanroute kamen die Ungarnstürme, die erst beendet wurden, als wir Bayern die Österreicher erfolgreich versklavten. Und über das Mittelmeer kamen die Sarazenen, deren Nachfolger heute kurz vor den Küsten vor allem von Deutschen abgeholt werden, was in Italien inzwischen für Wut und Ärger sorgt. Die Sarazenen kamen, genau genommen, bis Korsika und Sardinien, und setzten sich bis ins 11. Jahrhundert dort an den Küsten fest.

Nur über Ungarn unter Orban darf man heute noch ohne Risiko Unausgewogenes sagen, Skandinavier, Sarazenen und Subsaharabewohner dagegen sind freundlich zu behandeln, aber das ändert nichts an den historischen Fakten: Haupteinnahmequellen der Sarazenen waren, das ist von beiden Seiten des Konflikts verbürgt, Raub und vor allem Sklavenhandel. Dieses Italien hier an der etruskischen Riviera war keine Nation, sondern aus Sicht der einfallenden Muslime eine Region, die wirtschaftlich, politisch und religiös ideale Eigenschaften für Raubzüge aufwies. Die Zentralgewalten in Europa waren schwach oder bekriegten sich gegenseitig, und so konnten die Invasoren aus Skandinavien, dem Balkan und Nordafrika weitgehend ungehindert ihrem religiös erlaubten und geförderten Tagewerk nachgehen. Die Sarazenen kamen dabei bis weit in die Schweiz, nach Rom und Frankreich, aber die am schlimmsten betroffenen Regionen waren nah, ländlich, zersiedelt und schlecht verteidigt. Wie hier.

Das änderte sich erst im 10. Jahrhundert, als sich Europa konsolidierte und zuerst – ex Bavaria lux – in Süddeutschland die Ungarn vernichtend geschlagen und daraufhin das heutige Österreich erobert wurde. Danach räumte man im Norden mit den Wikingern auf und zwang sie teils mit militärischer Gewalt, teils mit Handel und teils mit kultureller Verführung, sich entweder zu integrieren oder unterzugehen. Und die Epoche der Sarazenen endete um 1030/50, als sich die Handelsstädte Genua und Pisa verbündeten und die Inseln im Mittelmeer nach zwei Jahrhunderten und schweren Kämpfen befreiten. Danach beginnen der Aufstieg der Toskana und die Renaissance, deren Bauten man in Pisa bestaunen kann. Aber solange die Sarazenen auf den Inseln waren, baute man wie hier oben kleine, festungsartige Kirchen in zurückgesetzter Lage, und hoffte, dass die Angreifer genügend Opfer in Massa Maritima hinter den Sümpfen der Maremma oder bei Volterra auf einem Berg über der Ebene fanden.

Die Vernichtung der sarazenischen Herrschaft auf Korsika und Sardinien beendete die Sklavengewinnung an Europas Küsten nicht, aber sie nahm zumindest einiges an Druck von der direkten Grenz- und Kriegsregion, deren Zeichen Kirchen wie diese sind: Hoch oben, gut gesichert, und allem misstrauend, was vom Meer kommen mag. Insofern hat hier auch einmal und vermutlich ohne Absicht Aydan Özoguz (SPD), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung recht, die letzte Woche im Tagesspiegel (https://causa.tagesspiegel.de/gesellschaft/wie-nuetzlich-ist-eine-leitkultur-debatte/leitkultur-verkommt-zum-klischee-des-deutschseins.html) zur Leitkulturdebatte sagte: “Schon historisch haben eher regionale Kulturen, haben Einwanderung und Vielfalt unserer Geschichte geprägt.“

Davor sagte sie aber auch etwas, das wissenschaftlich nicht haltbar und eher bei der antideutschen Antifa zu verorten ist, und in Italien, der Türkei und vielen anderen Ländern mit Sicherheit ihre politische Karriere sofort beendet hätte – also etwas, das auch wieder sehr deutsch ist: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Das ist schon für Deutschland eine Fake News, und es war auch hier definitiv im 10. Jahrhundert anders. Wer hier war, konnte Landwirtschaft betreiben, wer drüben bei den anderen war, musste auf Ruderbänken sitzen, als Sexsklavin auf dem Markt stehen oder als gezwungener Söldner den Kopf für Erdogans Vorgänger hinhalten. Und das alles nicht nur im fernen hohen Mittelalter, sondern bis zur technischen Entwicklung der eisernen Dampfschiffe, die erst im 19. Jahrhundert Komponisten die Stoffe für Opern wie “Die Italienerinnen in Algier“ von Rossini entzogen: Mit der europäisch eindeutig einseitig kulturellen Kanonenbootpolitik gelang es, die Piraterie im Mittelmeer zu beenden. Davor hatte man es in Europa vor allem mit dem Wunsch nach kultureller Sicherheit zu tun. Wer hier in den Pedalen stehend hoch keucht und seinen Schweiss auf dem Asphalt vergiesst, der fühlt körperlich, wie wichtig diese kulturelle Sicherheit den Menschen gewesen ist. Es ging da nicht nur um die Frage, ob Siena oder Florenz den Steuereintreiber schickt. Es ging schlichtweg um alles.

So gesehen könnte man die Kirche hier oben aus heutiger Sicht als gebaute Islamophobie bezeichnen, und es stimmt vermutlich sogar. Die Menschen waren auf allen Ebenen der Gesellschaft in ihrer Kultur verhaftet, egal ob die Aspekte aus unserer heutigen Sicht gut oder böse waren. Heute mag das anders sein, Eliten sind zunehmend mobil und international durch die Wirtschaft geprägt, aber hier oben werden immer noch Gebete wie vor 1000 Jahren gesprochen. Manche unten in den Städten haben für sich alternative Kulturräume entdeckt. Sehr viele davon arbeiten in den Medien. Aber hier oben und an vielen anderen Orten ist man noch nicht ganz so weit. Da wünscht man sich auch weiterhin kulturelle Sicherheit in Selbstbestimmung.

Und Kontrolle darüber, wie viel Fremdheit man haben will. In die Flanke der Kirche hat man später auch ein gotisches Fenster im französischen Stil gebrochen, und die Via Francingena, die unten im Tal nach Rom führte, war für alle in dieser Region mitsamt den Fremden ein wichtiger Wirtschaftszweig. Historisch gesehen gibt es durchaus Beispiele, dass Kulturen mit hoher kultureller Sicherheit sehr wohl bereit waren, mehr Fremde aufzunehmen: Idealbeispiele sind die italienischen Städte der Renaissance, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzten und deutsche Handelshäuser, flämische Maler, Juden und, wenn sie im Frieden kamen, auch Muslime vertrugen. Aber dazu mussten erst einmal die Inseln im Mittelmeer erobert werden, im Sinne der kulturellen Sicherheit, und alle mussten helfen, das Wohlergehen der Stadt zu fördern. Es gab keine lohnende  Einwanderung in Sozialsysteme, sondern in harte Arbeit und Anpassung fordernde Kulturräume. Wer sich wie manche Adelsgeschlechter nicht anpasste, flog raus, und danach plünderte man seine Häuser. So war das früher mit der Leitkultur in Europa.

Ich bin nur ein von der Sonne verbrannter Radler, der sich hier oben vor der Kirche ein paar Gedanken macht, über Geschichte, aus der niemand etwas lernen muss. Aber vielleicht, möchte ich sagen, gibt es auch heute noch signifikante Teile der Bevölkerung, für die Sicherheit und Identität mehr ist als der Wunsch, nach 22 Uhr noch eine U-Bahn ohne jedes Risiko und ohne Belästigung fahren zu können. Gewisse Aspekte unseres aktuellen Daseins – die SPD fordert gerade heute nach der Wahlpleite in NRW, kriminelle Ausländer abzuschieben, und es wird über Migrantenquoten für Klassen diskutiert – scheinen darauf hinzuweisen, dass die Distanz zwischen der Kirche hier und der Küste Korsikas nicht die einzige ist, die wir heute in Europa noch erfahren können, und möglicherweise wäre eine differenzierte Debatte ohne den vorschnellen Vorwurf islamophober Einstellungen und Rückständigkeit wirklich hilfreich. Aber was weiss ich schon, Ich bin nur ein Radler, lang genug hier gesessen, und so löse ich die Bremsen, und rausche wieder hinunter ins Tal.

17. Mai. 2017
von Don Alphonso
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13. Mai. 2017
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Der romantische Kadaver des Patriarchats im Chianti

Wenn Menschen mich treffen wollen, so ist mir’s um jene leid, nicht um mich.
Katharina von Siena

Es ist immer so eine Sache mit der menschlichen Geschichte: Bewegungen neigen dazu, sich als Heilsbringer der Fortschritts zu inszenieren. Die Grünen machen das beim Umweltgedanken, die 68er bei der sexuellen Revolution, und die EU und ihre Helfer  beim Frieden in Europa. Das alles kann man bezweifeln: Der Widerstand gegen Gentechnik in der Landwirtschaft wird bei uns von Bauern getragen, die mit den Grünen nichts am Hut haben. Besonders die Anonymität des Internets hat die Verbreitung sexueller Praktiken und Freiheiten enorm erleichtert, die von der Unterwäschewerbung bis zur Nebenerwerbsprostitution früher fortschrittlichen Kräften heute viel zu weit gehen. Und der Frieden in Europa kann auch vor allem damit zu tun haben, dass moderne Demokratien generell nur höchst selten gegeneinander Krieg führen. Außerdem werden bei solchen Vereinfachungen der Bürgerkrieg in Nordirland, der Algerienkrieg und der Falklandkonflikt gerne übersehen.

Ein anderes Übel, das es angeblich gerade noch zu überwinden gilt, ist das Patriarchat des Westens, dem im Gegensatz zum Patriarchat des Islam keinerlei multikulturellen Schutz- und Minderheitenrechte eingeräumt werden. Diesem Patriarchat des Westens werden momentan viele Fehlentwicklungen angelastet, sei es der amerikanische Präsident, sei es das Körperideal, das Frauen eingeredet wird, seien es Panels auf Konferenzen mit zu geringem Frauenanteil oder Gender Pay Gaps, deren fragwürdige Behauptung zu verbreiten ministeriell auch in Deutschland gewünscht ist. Überall kann man das Patriarchat sehen, überall hat es seine Finger im Spiel, und so gesehen dürfte es den Ort gar nicht geben, an den ich Sie nun mitnehmen möchte. Es ist ein kleines Dorf auf dem Höhenrücken nördlich von Staggia Senese, und es ist so vergessen, dass ich unten im Tal erst lange fragen musste, um wenigstens ein paar Informationen darüber zu bekommen.

Im Übrigen ist es so versteckt, dass man es aus den umgebenden Tälern kaum sieht, und obwohl meine übliche Trainingsrunde nur 200 Meter östlich davon entlang führt, habe ich es selbst erst jetzt, nach drei Jahren, für mich entdeckt. Es ist zwar ganz oben auf dem Gipfel, aber alle Wege sind hier tief eingesunken oder zwischen Olivenhainen und Weingärten angelegt. Man sieht nur an zwei kleinen Stellen, dass dort oben zwischen den Bäumen noch etwas sein muss. Und selbst das erkennt man nur rückblickend, wenn man das Geheimnis des Ortes schon erfahren hat. Ich möchte an dieser Stelle zugeben, dass ich mich hier zuerst einmal verfahren musste, denn es gibt einen steilen Schotterweg hinunter nach Bellavista, was ein ziemlich trostloses Industriegebiet ist, und den wollte ich erkunden. Wie ich da aber so vor mich hin radelte, kam eine Abzweigung, und wie immer in der Toskana, kein Schild. Und so bog ich rechts und falsch ab, und fand mich zwischen einem angedeuteten, unversperrten Tor wieder, und auf einem Kiesweg hinauf zu Häusern.

Man sieht schon aus der Ferne an den Fensterhöhlen, dass hier niemand mehr lebt. Normalerweise ist es in Zeiten wie unseren, da in Italien hunderttausende Illegale auf dem Weg von Sizilien in Richtung Kerneuropa sind, keine sonderlich gute Idee, sich in verfallenden Gebäuden herumzutreiben. Die Gefahr ist groß, auf Clandestini zu treffen, die wenig begeistert von Gesellschaft sind. Aber unten im Tal ist Poggibonsi, eines der Zentren des Weinbaus im Chianti, dort gibt es eine grosse, afrikanische Gemeinde, bei der man untertauchen kann: Es gibt keinen Grund, sich fernab des Ortes in der Hitze auf diesen Berg zu quälen, außer man trainiert für die L‘Eroica. Sollte man entdeckt werden, kann man sich immer noch als Deutscher ausgeben, der sich auf dem Weg nach Bellavista verfahren hat. Also weiter.

Es ist herrlich. Man möchte die Heerscharen derer, die heute noch vom Patriarchat schreiben, unten in Poggibonsi an die Hand nehmen und hier über sonnendurchglühte Staubpisten und an all den Hainen und Stechinsekten vorbei hoch schleifen, und ihnen, dehydriert, verstaubt und verschwitzt, dann sagen: Schaut. Das ist es, das Patriarchat. So war es wirklich Auf der linken Seite und auf der rechten Seite stehen Gebäude. Das Gebäude rechts ist gross: Das war ein Stall und ein Speicher. Überall sind grosse, mächtige Tore für den Reichtum des Landes.

Das Gebäude links ist kleiner und schmäler: Da sind die Hausnummern für die Bewohner eng an eng an kleinen, niedrigen Türen. Dafür, dass es nur ein Haus ist, hat es sehr viele Hausnummern auf beiden Seiten. Und weitere Hausnummern für den ersten Stock. Ich zähle hier sechs Hausnummern. Vier unten, zwei oben. Manche haben aus ihren Fenstern nur den Blick auf den Stall. Das sind die kleinen Türen für die notwendigen Untertanen des Reichtums des Landes.

Das ist überhaupt nicht die romantische, weitläufige Toskana aus dem Prospekt, sondern ein fruchtbarer Hügel, auf dem kein Quadratmeter verschwendet wurde. Was man heute vielleicht als große Terrasse mit grandiosem Blick sehen würde, war früher, angezeigt durch einen alten, vergessenen Pflug und einen Karren, einfach nur landwirtschaftliche Betriebsfläche. Auf der hatten diejenigen zu arbeiten, die gegenüber in den Kammern hausten. Aus dem einfachen Grund, weil es hier oben keine andere Arbeit gibt.

Es sei denn, man wohnte am anderen Ende des Ortes. Auch da finden sich weitere Scheunen und ein Wohnhaus. Alles ist praktisch und schmucklos, kein Blumenkübel, keine Palme, keine Zierde, statt dessen die bekannte Enge für jene, die im Patriarchat unten standen, und es bedienen mussten. Das hintere Haus hat eine Art Brücke, einen eigenen Zugang, zu einem Hof.

Und dieser Hof nun ist in der Mitte der Siedlung, und er ist wirklich groß und selbst in diesem verlassenen und heruntergekommenen Zustand immer noch prachtvoll. Er hat zu den Bauern nach vorne hin ein riesiges, hohes Tor aus Eisen, Würde man die Bäume im Osten und Westen stutzen, hätte man von dort oben einen phantastischen Blick auf Radda in Chianti, San Gimignano und Volterra. Aber das alles hat seine guten Tage längst hinter sich, und vor dem Eingang zum Palazzo verdorren zwei Pinien in Blumenkübeln.

Es steht also ein Palazzo inmitten dieses Dorfes, mit Knechten und ihren Familien und den Scheunen im Süden, und Räumen für das Personal jenseits der Brücke im Norden. Hinter dem Zaun des Palastes ist alles, was den Ort zu einem Dorf macht: Die Kirche gehört dazu, das Wappen der Herrschaft über dem Zugang, geschätzt die Hälfte der gesamten Wohnfläche, die im Dorf verfügbar ist, denn der Palazzo ist weitläufig, hoch, mit einem Seitenflügel und sogar mit einem Wehrturm versehen. Es gibt hinter dem Palazzo auch einen kleinen Park für das Lustwandeln.

Aber davor eben das Tor, und das entschied, wer hier wann Zugang zu allen Entscheidungsebenen des Lebens hatte. So funktionieren die Kraale der indigenen Völker in Südafrika, so funktionierte das hier: Der Herr im Zentrum, mit aller Macht, und alle andere um ihn herum. Das Personal für ihn hatte leichter Zugang als das Personal für Kühe, Schafe, Oliven, Schweine und Wein, also alles, was wir heute als toskanische Salami, getrockneten Schinken, Chianti, Öl und Peccorino so schätzen – und deren Herstellung teilweise über Clandestini in der Landwirtschaft wir so wenig sehen wollen, wie der Herr hier oben seine Knechte, zu denen sich keine Sichtachse des Palastes öffnete.

Das war echtes Patriarchat, und es ist hier in aller Kargheit, Schlichtheit und Härte erhalten. Der Ort beschönigt nichts, er zeigt Klassengrenzen und Dominanz in der Architektur. Die einen waren dazu da, das Land zu bewirtschaften, und die anderen, jene zu bedienen, die die Profite erhielten. Die konnten entscheiden, wem sie eine Hochzeit erlaubten, wer in die Kirche durfte, wer den Park betreten konnte und wer bei unpassendem Verhalten sofort eines der Wohnlöcher bei den Ställen zu verlassen hatte. Wer das ablehnte, konnte sich einen anderen Herrn suchen, bei dem aber altes Herkommen und Sitten nicht anders waren.

Gleichzeitig ist es aber auch ein Patriarchat, das nicht mehr funktioniert – noch nicht einmal mehr bei der arbeitsintensiven Landwirtschaft in den Hügeln der Toskana. Es kamen viele Faktoren zusammen – Industrialisierung gleich unten in Bellavista, Bürgerrechte, sozialer Wohnungsbau, Verfall der Agrarpreise, schließlich auch gehobene Ansprüche. Im Italien der 70er Jahre waren solche Gebäude in der entlegenen Provinz vielleicht noch zumutbar, heute ist es sogar den Clandestini zu abgelegen. Niemand muss sich mehr von einem Herrn das Leben vorschreiben lassen. Die Enkel der abhängig Lebenden versuchen zumeist, gerade weil die Erinnerung nicht schön ist, selbst Eigentümer im Tal zu werden. Und so wird aus dem früheren Palazzo mit Anspruch ein zerfallender Ort, in dem die Fussböden durchbrechen, und die Natur Besitz von Treppen und Höfen ergreift.

In zwanzig Jahren, wenn nichts geschieht, wird man vielleicht noch den öffentlichen Weg durch den Ort frei halten, aber der Rest wird untergehen. Man kann es sich jetzt noch anschauen und ahnen, wie eng und stickig das Leben hier oben gewesen sein muss, wenn man nicht zu den oberen 10% im Palazzo gehörte. Das Patriarchat konnte nur überleben, weil es konkurrenz- und alternativlos war. Heute ist das anders, und jeder, der möchte, kann einen anderen, besseren Weg finden. Es gibt Förderprogramme und Vereine, Girls Days und Gleichstellungsbeauftragte. Es gibt staatliche Bekümmerung Benachteiligter und einen Kapitalismus, die dem Patriarchat, das Jahrtausende in Europa dominierte, mit Steuerlasten und Konkurrenzdruck das Genick gebrochen haben. Es war, das gebe ich als Angehöriger der lange andere dominierenden Klasse gern zu, nur für unsereins eine gute Zeit. Heute könnte es für jeden eine gute Zeit werden, der nur die Alternativen dazu nutzt.

Wenn die auch nicht gefallen – nun, das westliche Patriarchat kann nichts dafür, es ist seit Jahrzehnten machtlos und tot, und hier oben, am Rande des Waldes, in dem die Wild- und Stachelschweine hausen, kann man in aller Härte noch sehen, wie es war. Ich fände es nur angenehm, wenn man die großen, palastartigen Aspekte des Patriarchats nicht in einen Topf mit den Industriebauten in Bellavista, der Bank Monte Paschi oder anderen Formen des modernen Kapitalismus werfen würde. Das ist neu, das hat mit uns nichts zu tun, bei uns unterdrückte man noch offen mit Knute statt unsichtbar mit Staatsverfügung, Kredit und Gehaltszettel. Und, wie gesagt, jeder kann es heute anders und besser machen. Das Patriarchat ist schon überwunden.

Wer es heute noch besiegen will, tritt nur auf einem Kadaver herum, um zu verbergen, wie schäbig das Ergebnis des Sieges für viele bislang ist. Beschweren Sie sich bitte nicht bei uns. Wenn es nach uns gegangen wäre, sähe die Welt noch immer aus, wie dort oben auf dem Berg, und zum Ende der Ernte dürften Sie auch alle einmal durch das Tor auf unseren Hof, um das Glitzern der Kronleuchter durch die Fenster im Piano Nobile zu bewundern. Es gäbe draußen an langen Tischen Essen und Wein und Musik für alle, bis niemand mehr laufen kann! Das wäre nach meiner Meinung für Sie auch hübscher, als wenn Sie heute in Frankfurt hoch zu den Wolkenkratzern schauen müssen, oder in der Elbphilharmonie 0,1l fragwürdigen Spumante teuer bezahlen.

13. Mai. 2017
von Don Alphonso
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09. Mai. 2017
von Anne Hufnagl
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Glaube, Liebe, Zeigenwollen.

Vorbemerkung: Anne Hufnagl hat den schönsten Tag des Lebens als Berufsalltag – als Hochzeitsphotographin begleitet sie Paare zum Standesamt, zum Altar und zu rauschenden Festen, die heutzutage oft mit „überkommenen Geschlechterklischees“ in Verbindung gebracht werden. Nur – die Realität ist eben anders, kann Anne Hufnagl berichten:

Hochzeit traditionell in weiß? Mit einem kitschigen Blumenstrauß? Den die Braut womöglich im Laufe der Feier schwungvoll über die Schulter wirft, damit sich die nächsten Hochzeits-Kandidatinnen um die Trophäe balgen können? Die Ehe als Institution ist tot, das war doch längst abgemacht. Und die ewig gleichen Rituale bei Trauung und Feier scheinen vielen aus meiner Generation wie ein dumpfes Echo aus fernen Tagen. Und dennoch: die Paare, die ich als Hochzeitsfotografin begleite, entscheiden sich sehr bewusst für solch wiedererkennbare Motive. Die Bilder, die sie sich von ihrer Hochzeit wünschen, sollen sagen: Wir sind zu zweit, wir sind verbunden. Seht alle her!

Sie sitzen mir gegenüber, jung, Ende Zwanzig vielleicht. Sie in schicker Bluse, er im Polo, die Stimmung ist angespannt. Vor wenigen Sekunden habe ich meinen Preis für die Hochzeitsfotos genannt, den sie schon von der Webseite kannte. Er hörte ihn offensichtlich zum ersten Mal und atmete hörbar ein. „Ganz schön teuer!“, platzt es dann aus ihm heraus. „Thorsten!“, faucht sie ihn an, und weiter: „Qualität kostet nun mal! Ich will mir an so einem Tag keine Gedanken übers Geld machen!“. Schnitt, ein anderes Paar, ein anderes Vorgespräch. „Wir sparen uns das alles selbst zusammen, wir studieren noch. Wir wollen eine Gartenhochzeit bei uns feiern, nichts Pompöses. Aber die Fotos sind uns halt wichtig, für Facebook und so, du weißt schon.“

Beide Paare werden am Ende buchen, beide Paare werden ihre Fotos ein halbes Jahr später glücklich überall herumzeigen – bei Facebook, bei Instagram, in einer Online-Galerie. Es wird Fotobücher geben, filmpostergroße Abzüge über dem Sofa. Als ich frage, ob ich einige Fotos auch in meinem Portfolio zeigen darf, ist Thorsten der erste, der ja sagt. Denn am Tag der Hochzeit habe ich seine Braut in ihr Kleid geschnürt, weil niemand anders die komplizierte Schnurführung verstand, und durch meine Heldentat größere Katastrophen verhindert.

Kern meiner Arbeit ist allerdings nicht die Tagesrettung durch waghalsige Korsett-Manöver, sondern das Festhalten der hochzeitlichen Inszenierung in ästhetischen Fotos. Wichtig dabei ist, dass alles möglichst natürlich und ungestellt aussieht – die klassischen „Hochzeitspaar steht da und grinst debil in die Kamera“-Fotos sind so out wie Bubbletea. Dennoch handelt es sich bei guten Hochzeitsfotos in der Regel nicht um Zufallsprodukte, sondern um sorgfältig ausgewählte und festgehaltene Momente. Es gilt, die Aufmachung und Inszenierung des Paares in die Fotos zu übernehmen und dabei das Individuelle, was trotz aller Traditionen jeder Hochzeit innewohnt, herauszuarbeiten.

Die Außenwirkung ist seit je her ein wichtiger Pfeiler der Ehe. Heute, durch die vielfältigen Möglichkeiten, das eigene Bild des gelungenen Lebens via Internet Millionen Menschen zugänglich zu machen, ist sie für viele vielleicht sogar der wichtigste. Sieht man sich das Ausmaß des betriebenen Aufwands heutiger Hochzeiten an, ist es kaum zu glauben, dass wir in Deutschland eigentlich noch vergleichsweise kleine Brötchen backen. In Amerika wird mit mindestens doppelt so großen Kanonen gedonnert, und die bis zu 1.000 Gäste einer prachtvollen indischen Hochzeit würden über uns vermutlich wohlwollend, aber müde lächeln.

Dennoch hat sich auch in Deutschland im Laufe der letzten Jahre eine Kultur des Zeigenwollens etabliert. War es bis vor ein, zwei Jahrzehnten noch schicklich, die rauschenden Feste hinter verschlossenen Türen zu feiern und mit den eigenen finanziellen Möglichkeiten nicht hausieren zu gehen, ist diese womöglich typisch deutsche Bescheidenheit heute überwunden. Wer hat, der kann, und vor allem: der zeigt.

Mehr denn je richten sich Hochzeiten nicht überwiegend nach innen, auf das Paar und die engste Familie, sondern nach außen, an die Öffentlichkeit – seht, wir zelebrieren unsere Liebe. Das muss pauschal übrigens nichts Schlechtes sein, in anderen Kulturen wird es seit Jahrhunderten so gehandhabt. Warum nicht offensiv dazu stehen, dass man sich für den traditionellen Bund zweier Menschen entscheidet. Vielleicht unterstützt es tatsächlich auch die Bindung – wer einmal so laut „We are one“ gerufen hat, dem liegt gewiss auch daran, nicht gleich übermorgen „Sorry, war doch ein Fehler“ einzugestehen. Letztlich folgt diese Kultur des Zeigenwollens einfach auch der generellen Entwicklung von Technik und Gesellschaft. Früher lagen zwischen dem Moment des Fotografierens und dem Teilen dieses Moments mit anderen noch Stunden, Wochen oder gar Monate, in denen Filme entwickelt, Bilder vergrößert und Dia-Abende organisiert wurden. Inzwischen teilen wir augenblicklich, was wir sehen, was wir essen und auf wessen Hochzeit wir gerade tanzen. Und wenn wir es nicht sofort mit der ganzen Welt, wenigstens aber mit der Familien-Whats-App-Gruppe teilen – ist es dann überhaupt wirklich passiert? Pics or it didn’t happen!

Nun ist Heiraten heutzutage ja nicht ganz unumstritten. Die Grün-Links-Liberalen wollen die Ehe für alle, die CDU/CSU will den althergebrachten heterosexuellen Familienbund, die ganz Modernen wollen das archaische Unterdrückungsinstrument am Liebsten komplett abschaffen – und die jungen Leute? Die wollen heiraten, weil es sich eben „richtig anfühlt“ – und wer, wenn nicht der größte Zyniker und Miesepeter, will dagegen etwas sagen. Aus steuerlichen Gründen heiraten von meinen Hochzeitspaaren die Wenigsten, es ist ihnen schlicht egal, ob sie hier und da einen Euro sparen können. Die Hochzeit ist ohnehin so teuer, dass sich das kaum lohnt. Stattdessen ist in den Eheschwüren die Rede von Liebe, von Augenhöhe, von gegenseitiger Unterstützung, von gemeinsam Durchlebtem und einer Zukunft, in der beide zusammen stärker sind als allein. Kein Wort von Unterdrückung, von Zwang, von Selbstaufgabe, wofür „Ehe“ in den Augen vieler Kritiker ja angeblich vor allem steht. Wie krass die jungen Leute sind – denn sie glauben an die Liebe. Man kann das natürlich naiv finden, man kann Scheidungsraten ins Feld führen und spätere Patchworkfamilien, unglückliche Daheimbleib-Mütter und Männer, die kaum Elternzeit nehmen. Man kann das Ende der Liebe förmlich kommen sehen, während die wunderschönen Bräute noch glücklich in die Kamera lächeln und ihre Männer im Hochzeitsrausch mit den Kumpels anstoßen. Man kann sich aber auch einfach mit dem Paar freuen, sich mitreißen lassen vom Wissen, das jedenfalls an diesem einen Tag, in diesen Momenten, eine Liebe vollkommen und ohne Zweifel sein kann.

Man wird also als Zyniker nicht unbedingt Hochzeitsfotograf, sondern vielleicht doch lieber Anwalt oder Politiker. Denn wenn man diesen Tag in all seinen Facetten verstehen und fotografieren möchte, muss man vor allem eines: offen sein und verdammt nah rangehen. An die Leute, an die Gefühle, an alles, was da so passiert. Dabei ist es für mich von Vorteil, dass ich Menschen grundsätzlich mag (auch hier hätte der Zyniker Schwierigkeiten) und Leute mich wiederum auch gerne mögen. In liebevoller Aufdringlichkeit bin ich bei nahezu allen Momenten des Tages dabei, sehe die Braut morgens ungeschminkt und unausgeschlafen, diene als Lexikon der Hochzeitsbräuche („Auf welcher Seite muss ich denn das Strumpfband tragen?“), beruhige, wenn es hektisch wird, denn ich habe dieses „Heiraten“ schon ziemlich oft mitgemacht, und bleibe dadurch auch über die Hochzeit hinaus mit vielen Paaren freundschaftlich verbunden. Es braucht echtes Interesse am Wesen zweier Menschen und den Willen, ein Paar genauso abzubilden, wie es sich selbst sehen möchte, um den Job des Hochzeitsfotografen gut auszufüllen.

Denn es geht für mich nicht primär darum, etwas Eigenes mit dem Paar zu inszenieren – wie sollen Fotos Erinnerungen wecken, wenn sie gar nichts Echtes abbilden, sondern nur die Idee des Fotografen. Stattdessen ist es meine Aufgabe, meine Paare so einzufangen, wie sie an diesem besonderen Tag sein wollen. Vielleicht mit ein wenig Überhöhung und ein bisschen mehr Pathos, aber das ist auch das Einzige, was ich mir an eigenem Zuckerguss erlaube.

Aber wie sehen sich Hochzeitspaare eigentlich heute? Wie möchten sie wahrgenommen werden? Man würde jetzt annehmen, dass aufgrund unserer sich immer mehr diversifizierenden Gesellschaft und dem allgegenwärtigen Hang zur Individualisierung auch das Heiraten immer ausgefallenere, womöglich gar absurdere Formen annimmt. Jedoch: Das Gegenteil ist der Fall. Tradition steht im Mittelpunkt fast jeder Hochzeit, die ich begleite. Da werden Bäume vom Hochzeitspaar zersägt, Bettlaken in Herzform zerschnitten, kaum ein Paar kommt ohne Hochzeitskerze aus der Kirche – eine Tradition, die sich immerhin schon seit dem Mittelalter hält. Brautsträuße werden geworfen, Strumpfbänder vom Bräutigam erkämpft und der traditionelle Hochzeitstanz fehlte im letzten Jahr nur bei zwei von knapp fünfzig Hochzeiten. Dabei zwingt die Hochzeitspaare niemand dazu, all diese Bräuche aufrechtzuerhalten, sie könnten alles anders machen. Tun sie aber nicht. Selbst das Heiraten ohne Trauzeugen, die gesetzlich nämlich gar nicht vorgeschrieben sind, ist die absolute Ausnahme. Vielleicht liegt das ja daran, dass manche Traditionen, wie zum Beispiel Trauzeugen als enge Freunde, die per Definition ein Auge auf das Brautpaar haben und im Falle aufziehender dunkler Wolken am Beziehungshorizont mit Rat und Tat bereit stehen, eben gar nicht so schlecht sind. Vielleicht ist der Hang zu Traditionen und Bräuchen für viele auch eine Art Anker in einer Welt, in der „alles kann, nichts muss“, wo alles immer noch freier und noch individueller sein soll. Die Sehnsucht nach etwas Greifbarem.

Die moderne Hochzeit bleibt also eine archaische, dem Gendergleichmachungsfrauenbefreiungsantireligionsapparat zutiefst verhasste Institution, die dennoch von ihren Fürsprechern voller Inbrunst, Lebensfreude und ja! Liebe zelebriert wird. Weiße Kleider, teure Ringe, rauschende Feste, das Versprechen, nur einander zu lieben und sich zu ehren und zu unterstützen, komme was wolle: inmitten der hippen Tinder-Generation mit ihren polyamourösen Beziehungen und dem Widerstand gegen alles Althergebrachte hat sich eine Gegenkultur etabliert, die in unzähligen Instagram-Fotos, mit Hochzeitsmagazinen, Hochzeitsblogs und Facebookpostings daran erinnert, wie Beziehung eben auch sein kann. Verbindlich, traditionell, vielleicht ein bisschen altmodisch. „Whatever works“, wie es so schön heißt. Und scheiden lassen kann man sich notfalls ja immer noch.

 

09. Mai. 2017
von Anne Hufnagl
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04. Mai. 2017
von Don Alphonso
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Gehen wie ein Italiener

Ich fühl mich einsam, wenn ich allein durch die Wüste gehen muss
Ich stell mir vor, die Sphinx gibt mir einen Zungenkuss
Die Ärzte, Gehen wie ein Egypter

Zu neuen deutschen Leitkultur des öffentlichen Moralherzeigens gehören drei urdeutsche Merkmale: Erstens das Verbot einer Leitkultur, vorgetragen etwa vom Tagesspiegel („Darf es nicht geben“). Zweitens eine  innerdeutsche Ablehnung anderer Minderheiten („Wir sind nicht Lederhose“ der Grünen Jugend in der Welt). Drittens das Bekenntnis zum neuen, besseren, durch Zuwanderung veredelten Volkskörper, der auf gar keinen Fall die Ideologie des vorhergehenden, inzwischen hinweggefegten, biodeutschen Systems der 50er Jahre benötige. Da zittern die morschen Knochen der “alten, weissen Männer”! Deutschland hat sich verändert. Mal wieder.

Normalerweise würde ich nun erklären, warum die Grünen nächstes Jahr aus dem bayerischen Lederhosenlandtag fliegen und Mitarbeiter des Tagesspiegels nicht ganz zufällig in einem Slum hausen, und auf dem Weg zur Arbeit mit der S-Bahn durch einen Cordon der nochnichtsolangehierseienden Drogenkultur geleitet werden. Aber ich bin in Italien. Italien ist das schönste Land der Welt, es ist unendlich freundlich zu mir, und das Wetter ist auch sommerlich. Ich plumpse in Italien wie eine fette Hummel in den Honigtopf, und ich passe mich hier so perfekt an, dass mich alle für einen der ihren halten. Wenn ich sprachlich an eine Grenze komme, bewundere ich das Land und alles ist gut.

Wobei der Deutsche in mir sehr genau registriert, dass er mit vielem, was er hier sieht, überhaupt nicht einverstanden ist. Wer hier länger lebt, erkennt auch die – aus deutscher Sicht – Schattenseiten des italienischen Systems. Mit jemandem, der beim Begriff “deutsche Leitkultur” echt preussische Pickelhaubenpickel bekommt, war ich auch hier, und der hiesige entspannte Schlendrian, der an den Umgang Berliner Bürgerämter mit den Leibeigenen, nur in freundlich, erinnert, warf ihn aus der Bahn. Es fehlte ihm einfach die urdeutsche Hingabe an die Pflichterfüllung. Die ist so deutsch, dass Deutsche sie erst erkennen, wenn andere ihr nicht entsprechen. Daheim ist das so normal wie Atmen, aber in Italien ist nichts normal.

Es gibt hier vieles, das man ganz einfach anders und besser machen könnte. Aber man müsste es anders machen und umdenken, und alle müssten mitmachen. Das klappt manchmal wie beim Rauchverbot und manchmal nicht, wie bei den Steuern und Abgaben, Öffnungszeiten von Museen und beim Bau von Rennrädern, wo man immer erst die Gewinde in deutscher Präzision nachschneiden sollte und nie weiss, ob sich unter dem Columbus-SLX-Aufkleber nicht ganz anderes Rohr verbirgt. Ich kenne hier einen Rahmenbauer, der die wüstesten Geschichten über Marken mit bestem Ruf erzählt: Wenn Stahlkünstler A einen Exportengpass hatte, gravierten Stahlkünstler B, C und D seinen Namen in unbrauchbare Reste, lackierten sie neu und verschickten sie nach Amerika.

In Deutschland wäre das Betrug, in Italien ist es kreative Problemlösung. Aber was soll ich sagen: Ich bin auf der L’Eroica-Rennserie in der Toskana und sehe Amerikaner, die mit Tränen in den Augen, von der Emotion überwältigt, diese teuer erworbenen Schrottkisten wie eine Monstranz zum Start tragen. Es hat also funktioniert. Warten Sie, ich zeige Ihnen das an meinem neuen Capodivento-Rahmen mit der italienischen Flagge.

In den 70er Jahren wurde es schick, das Tretlager mit Bohrungen zu versehen, um den Rahmen leichter zu machen. Das brachte vielleicht 10 Gramm und wäre sinnlos gewesen, weil man mindestens 20 Gramm Rostschutzlackierung im Rahmen hätte aufbringen müssen. Das ist aufgrund der Enge der Rohre schwierig, also umging man das Problem durch schiere Nichtlösung, und so kommt einem an dieser Stelle der Rost entgegen. “Produkthaftung” ist nicht ohne Grund das unitalienischste Wort der Welt – aber dafür kauft man auch nicht italienisch.

Man sieht diese unterschiedliche Auffassung auch beim Rennen selbst. Als ich hier zum ersten Mal startete, dachte ich, es sei eine kostümierte Rundfahrt, die sich einfach einen harten Anschein gibt. Ich baute ein ganz normales Rennrad, mit dem ich daheim jeden Berg hoch komme, und erlebte eine der schlimmsten Niederlagen meines Lebens. Solche Anstiege kann man sich auch in wüsten Träumen nicht vorstellen, es ging an meine ´Substanz, und danach sagte ich mir das, was man sich oft sagt: Nie wieder! In der Erinnerung ist es aber doch ganz schön, die Schmerzen werden vergessen und die Begeisterung kommt zurück, und man erinnert sich genau an den Hügel, als die Italiener alle schon ganz unten abstiegen, aber der Deutsche, der ging aus dem Sattel, der drosch das Rad nach oben, bis es wirklich nicht mehr ging! Gut, danach war der Deutsche auch wirklich platt und bekam einen Asthmaanfall, während die Italiener plaudernd an ihm vorbei liefen, aber so ist der Deutsche nun mal: Lieber sterben als versagen.

Und wenn man doch versagt hat, wenn man den Italienern hinterher laufen muss, setzt beim Deutschen die Problemlösungskompetenz ein. Mein erstes Rad für die Toskana war ein herkömmliches Colnago, mein zweites Rad dagegen ein Spezialprojekt, in das alle meine Erfahrungen geflossen sind. Es hatte optimierte, unzerstörbare Reifen. Es hatte einen hohen Lenker. Es war deutlich länger gebaut und hatte flachere Winkel. Es war weicher für all die Erschütterungen durch die Schotterpisten, und es hatte ein drittes, kleines Kettenblatt vorne und einen riesigen Zahnkranz hinten. Die Italiener stiegen ab, ich schaltete runter und blieb auf dem Sattel. Gut, es gibt auch alte Männer hier, die aussehen, als bräuchten sie einen Stock, und dennoch mit riesigen Kettenblättern die Berge hoch und an mir vorbei drückten. Aber immerhin musste ich fast nicht mehr absteigen. Die Suche nach einer technischen Lösung ist sehr deutsch, und beim Start in Buonconvento am Sonntag war ich auch zuversichtlich, gegen all die diesmal erlaubten, neuen Räder zu bestehen.

Ehrensache! Hatten sich doch eher kleine Italiener, fast so kurz wie der deutsche Zensurminister, auf riesige, ultramoderne 29er gequetscht, um mit breiten Reifen unheldenhaft über jenen Schotter zu rollen, auf dem unsereins heldenhaft Haut und Knochen riskiert. Früher glaubten manche, 7 Löcher im Tretlager machten sie schneller, heute glauben sie, dickere, schwerere Reifen und Vollfederung machten sie schneller. Auf 20 Minuten unpünktlich erfolgte der Start, und zwischen all den Rennrädern wurden die 29er ganz schnell nach hinten an das Ende des Feldes durchgereicht.

Ansonsten ist es hier eben so, wie es ist. Man fährt zusammen, schaut sich in der Landschaft um und sieht irgendwo eine steile, weisse Schotterpiste im Grün der Crete Sienesi, und denkt sich: Wer baut solche Strassen und wer soll da bitte hoch kommen? An der Schotterpiste biegt man ab und erfährt, dass einem die Éhre zuteil wird, hier Beinmuskeln und Lungenvolumen gegen den Berg zu werfen. Alle schalten hektisch hinunter, und dann trennt sich schnell die Spreu vom Weizen: Die einen legen ihr ganzes Gewicht in die Pedale und ziehen hinauf, die anderen steigen plaudernd ab und schieben. Der Deutsche jedoch zündet seine technische Geheimwaffe und kurbelt hochfrequent und mit Untersetzung den Berg hinauf. Es ist kaum schneller als das Laufen, aber es sieht aus, als könnte man hier wirklich bestehen.

Von Betrug reden, wäre verfehlt, denn ich komme aus Deutschland, und da sagt die Kanzlerin, Saudi-Arabien würde etwas gegen den Terror unternehmen und in Zeitungen steht geschrieben, Migranten würden zukünftig die Rente bezahlen, was bedeutet, dass Sie und ich nicht befürchten müssen, als Flaschensammler zu enden. Das ist die deutsche, eherne Leitkultur der Wahrheit, da ist so ein kleines, verstecktes, französisches Kettenblatt unter all den schönen, aber riesigen Kurbeln der Italiener allenfalls das, was man als Alternative Fakten bezeichnet. Deutsche betrügen nicht, Deutsche gleichen mangelndes Training im Winter durch geistige Höchstleistungen aus. So sehe ich das, und die ersten Bergsiege geben mir recht.

Und so halte ich mit und komme auch voran. Sicher, ich bin am Berg nicht schnell, aber bergab lasse ich die Bremsen einfach los und fliege todesmutig in Abgründe, während meine Begleiter die Bremsen betätigen. Sie tun das, weil der Italiener als ein solcher das Überleben dem deutschen Heldentod vorzieht, so, wie er auch lieber die Grenzen zieht, als dass er edel, hilfreich und alternativlos im Strassengraben sagt: Jetzt bin ich aber nun mal da. So ist er, der Italiener, und insgesamt strample ich mit und komme gut voran, in einer Landschaft, die Seelen erblühen lässt.

20 Kilometer vom Start entfernt kommt noch ein Hügel, und wie gewohnt keuchen die Gefährten und ich schalte auf mein kleines, französisches Kettenblatt, kurble eine halbe Umdrehung munter weiter, und dann blockiert die Kette, während mich der Schwung der eigenen Beine fast über den Lenker zieht und ich schlingernd zum Halt komme. Möglicherweise ist ein Kettenglied steif, denke ich mir, und lobe mich für die deutsche Gründlichkeit, einen Kettennietdrücker – was für ein herrliches urdeutsches Wort, fast so schön wie Netzdurchsetzungsgesetz – mitzuführen. Ich wehre Hilfsangebote ab, drehe das Rad um und suche das widerborstige Glied. Statt dessen finde ich ein vom heftigen Schalten offensichtlich verbogenes, kleines Kettenrad. Meine Geheimwaffe ist kaputt. Und schlimmer noch, Ersatz wird seit 30 Jahren nicht mehr gebaut, und das französische Spezialwerkzeug, das ich nun bräuchte, ist in Deutschland.

Es sind nur zwei Zähne, aber man kommt nicht an sie ran. Ich versuche alles, mit Fingerspitzengefühl, mit Gewalt, mit Fluchen, mit brutaler Gewalt, mit bayerisch Fluchen, jozefixkruzinesenbianbamundhollaschtaudnhundsvarecksbladlhalleluia, es wird besser, es geht drei, vier Umdrehungen, dann klemmt es wieder. Ich habe noch 52 von 72 Kilometern und 1200 von 1500 Höhenmetern vor mir, und de facto ein Rad wie ein Italiener: Das kleinste Kettenblatt mit 42 statt 26 Zähnen und das grüsste Ritzel mit 28 Zähnen. Damit fahre ich vielleicht Hügel mit 8% hoch. Aber nicht das, was am Ende des Berges auf der anderen Seite des Tales sichtbar wird: Den mörderischen Anstieg hoch zum höchsten Punkt von San Quirico d’Orcia. Dort oben ist eine grandiose Festung des Mittelalters, die heilige Katharina von Siena lebte und schrieb dort – ich, das ist absehbar, werde schieben.

Immerhin schiebt man hier in der schönsten Landschaft der Welt. Es könnte schlimmer sein. Und so schön sehen die Gesichter derjenigen, die sich mit letzter Kraft an einem vorbei drücken und den Körper in die Pedale stemmen, auch nicht aus. Es dauert etwas länger, aber man hat mehr Zeit, sich umzuschauen. Man will ja eigentlich gar nicht so schnell sein, denn wo immer man später ankommen wird, wird es kaum schöner sein. Manche Italiener hier halten schon nach 5 Kilometern an und setzen sich in ein Cafe und sehen dabei auch nicht schlecht aus. Es ist eben immer eine Frage der Zielsetzung: Will man Bergsiege erreichen oder ein schönes Leben?

Nach einer Weile kommen die anderen nicht nur von hinten, sondern auch von vorne. Das bedeutet, dass dort oben die erste Raststation ist, und also gar nicht mehr weit weg sein kann. Manchmal, wenn es geht, fahre ich, manchmal schiebe ich, meine Beine melden sich schon, wenn es nicht mehr geht, und irgendwann ganz weit oben steht ein Mann am Strassenrand und winkt mir zu. Nach links, bitteschön, da ist die Verpflegungsstelle, und da sind auch die anderen, die etwas langsamer sind, und zeigen nicht das geringste Anzeichen von Scham, dass das Hauptfeld längst über die nächsten Hügel entschwunden ist.

Eigentlich ist es gar nicht so schlecht, denn ich war hier noch nie, und der Ort ist wirklich hübsch. Weil es ohnehin zu spät ist, die anderen noch zu erreichen, verweile ich etwas und schaue mir die verwinkelten Häuser an, statt hier einfach sinnlos vorbei und in die Tiefe zu stürzen.

Weiter hinten schiebe ich hoch zum nächsten Castello und bleibe einfach eine viertel Stunde sitzen, um die Landschaft zu geniessen. Da vorne ist Montalcino und dahinter wieder Buonconvento. Der sorgenfreie Italiener in mir vergessen, sich die Route im Internet anzuschauen, aber ich gehe mit italienischer Gelassenheit davon aus, dass es nun zurück zum Start geht.

Wieder unten im Tal freut sich der Deutsche in mir, dass die 29er gerade erst am Fusse des Berges angekommen sind, den ich gerade hinunter gerast bin – trotz meiner Schieberei habe ich fast eine Stunde Vorsprung. Gleichwohl muss der Deutsche in mir die Entdeckung machen, dass es nach links zurück nach Montalcino gehen würde, und der Pfeil des Weges unerbittlich nach rechts zeigt. Oder, wie es hier üblich ist, in Richtung der nächsten staubigen Piste, die ich mit dem kleinen Kettenblatt bezwingen würde. Jetzt ist es halt so, dass ich fahre, bis ich absteigen muss. Aber je länger die Strecke wird, je weiter ich komme, je mehr Berge sich in meinen Weg stellen, desto öfters merke ich: So schlimm ist das gar nicht. Ich gehe aus dem Sattel, ich drücke mich hoch, es tut zwar etwas weh, aber andere kämpfen auch, manchmal steigen wir dann ab und manchmal kommen wir zusammen oben an.

Es folgt eine neue Abzweigung nach links zurück nach Buonconvento und ein neuer Pfeil nach rechts zur nächsten Rampe. Eigentlich bin ich schon deutlich am Ende meiner Kräfte, und vielleicht habe ich auch schon einen Hitzschlag, der das Gehirn außer Kraft setzt und mich deshalb nur vegetativ den Berg hochfahren liess, aber ich ergebe mich, man kann es eh nicht ändern und que sera, sera. Und wie ich dann so radle, merke ich, dass der Schotter gar nicht mehr so hart über den Sattel ins Gesäss geleitet wird. Der Schotter wird angenehmer, weicher, der Hinterreifen bügelt ich immer besser weg, je weiter ich komme, das ist prima, und nach ein paar hundert Meter stelle ich mit wissenschaftlicher Präzision fest, dass ich hinten massiv Luft verliere. Es ist dies meine 7. L’Eroica, noch nie habe ich hier einen Platten gefahren. Jetzt ist es so weit. Aber ich habe deutsche Ersatzschläuche und eine deutsche Pumpe dabei, und das alles ist doch alles kein Problem.

Ich wechsle den Schlauch und pumpe. Der Schlauch wird voll, ich pumpe weiter, der Schlauch wird voller, das Pumpen wird schwerer, und dann macht es leise krks, wie eine Grille, und das Pumpen wird ganz leicht. Ich pumpe weiter und sage mir, es kann doch nicht sein, dass eine deutsche Qualitätspumpe so versagt, wie ein deutscher Technikspezialist an einem französischem Kettenblatt, ich pumpe und pumpe und langsam verliert der Reifen auch wieder Druck. 20 Kilometer vor dem Ziel habe ich ein ruiniertes Kettenblatt, einen platten Reifen und eine gebrochene Pumpe, und obendrein schon längst kein Wasser mehr in der Flasche. In der schönsten Landschaft der Welt und einer der regenärmsten Regionen Europas. Da sage ich mir mit dem Innersten meines Deutschtums: Und wenn es das Letzte ist, was ich tue – ich komme mit diesem Rad in Buonconvento an. Blutige, verantwortungslose Schwüre ohne substanzielle Berechtigung, das können wir Deutsche gut. Wir haben ja nicht umsonst eine Regierungschefin, die sagt, wir schaffen das.

Aber es kommt anders, es kommt italienisch und es kommt mit einem Geländewagen, der anhält, und ein grosser, bärtiger Italiener steigt aus und fragt, gerade als der Reifen wieder ganz leer ist, ob er helfen kann. Ich erkläre mein Problem, und er holt eine steinalte italienische Silca Standpumpe aus dem Kofferraum, und knallt Luft in den Reifen. Bene, fragt er, und ich sage naja, denn beim Pumpen habe ich auch gemerkt, dass das Hinterrad einen Achter hat, und der wiederum eine Ursache: Éine gebrochene Speiche, eine deutsche, alte und eigentlich unverwüstliche Prym-Speiche. Aber da kann man eben auf die Schnelle nichts machen.

Natürlich könnte ich jetzt in den Wagen steigen, das wäre auch noch eine Option, aber sie ist weder deutsch noch italienisch, sondern nur dann erlaubt, wenn wirklich keine Alternative bleibt. Ich öffne die Bremse hinten, denn ich bremse ohnehin kaum mehr, stelle erfreut fest, dass das Rad noch in den Rahmen passt, und fahre weiter. Eigentlich bin ich wirklich am Ende, aber auch in jenem tranceartigen Zustand, in dem einem alles egal ist, so wie einem italienischen Beamten die Frage, ob der Antrag eines anderen heute noch bewilligt wird. Es gibt nur noch mich, ein Ziel und eine Strecke, die zu überwinden ist, mit welchen Mitteln auch immer.

Und weil ich so fertig bin, schreite ich nicht mehr wie ein arischer Recke durch die Landschaft, ich wanke ein wenig, wie die Italiener das auch tun, wische mir den Schweiß aus dem Gesicht und denke mir überhaupt nichts mehr dabei. Ich steige viel seltener ab, als ich dachte, aber wenn ich es tue, mache ich es mit der Würde des Einsichtigen in die eigene Begrenztheit. Innen treibt der Deutsche weiter, von aussen nehme ich es mit Gelassenheit. Ich ertrage Schweres mit Würde. Sprezzatura nennen Italiener das, was ich nun zeige, bis zur letzten Abfahrt, an der ich mir die Frage stellen sollte, ob es wirklich weise ist, mit Tempo 90 und einer gebrochenen Speiche diesen Steilhang hinunter nach Buonconvento zu jagen.

Aber so sind wir Deutsche und Italiener halt alle, vielleicht ist es auch nur männlich und die, die es überleben, sind dann voreingenommen und sagen, ach was, Tempo 90, das hält mit der gebrochenen Speiche schon, das hat schon immer funktioniert, keine Angst. Die Angst und alle Befürchtungen, sie enden hier bei der letzten wilden Jagd mit der Schwerkraft, die einen aus allen Strapazen entlässt und eine kleine Träne der Rührung mit dem Fahrtwind waagrecht nach hinten wandern lässt. Männer weinen nicht. Männer kennen keinen Schmerz. Männer kommen an, wenn sie nicht sterben, egal ob Geröll, Kettenblätter, Steigungen, Pumpen, Hitze, Speichen, Durst oder Schläuche dagegen sprechen. Und wenn es sein muss, auch nur auf dem letzten verbliebenen Kettenblatt, weil 10 km vor dem Ziel auch noch der Umwerfer streikte.

Am Ziel reissen mir begeisterte andere alte Italiener das alte, geschundene und staubverschmierte Rennrad aus den Händen und lassen sich damit ablichten. Ich bekomme den letzten Stempel mit einer sehr späten Uhrzeit, aber ich habe es überstanden. Man hängt mir eine Medaille mit rotweissgrünem Band um den Hals. Etliche haben es nicht geschafft, manche mussten aufgeben, aber ich bin hier, aus eigener Kraft und mit dem eigenen Rad, und es war offensichtlich noch nicht das Letzte, was ich getan habe.

Statt dessen schiebe ich italienisch locker hinüber zum Markt, um das zu tun, was wir Italiener immer tun, wenn wir etwas vollbracht haben: Wir belohnen uns. Deshalb gibt es bei uns in Italien auch überall diese Inschriften, auf denen steht, wer von uns hier wann was gebaut hat und warum das ein Grund ist, stolz zu sein. So sind wir halt, so bin ich auch, und auf dem Markt treffe ich den Mechaniker mit der Pumpe wieder. You made it, sagt er, und wir reichen uns die Hand. Meine ist sonnenverbrannt, verschwielt und an den Spitzen dreckig wie wie eine Schmutzkampagne von Correctiv, aber so muss das in Italien eben sein

Und dann schreite ich leicht federnd durch Buonconvento, die gebrochene Speiche klimpert das Lied vom Überleben, die Sonne scheint, und wie ich da so als zufriedener, braun gewordener alter Mann von allen Mühen und Zielen befreit durch den Ort gehe, falle ich nicht mehr auf, und bin mehr als nur angekommen. Ich kam als Deutrscher und gehe aus Buonvonvento wie ein Italiener.

04. Mai. 2017
von Don Alphonso
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02. Mai. 2017
von Don Alphonso
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Die deutsche Leitkultur der Doppelmoral und der Nationalstolz der Anderen

Europa bleibt niedergedrückt unter dem Alp des Despotismus und der Lüge
Giuseppe Garibaldi

Wer nicht zu jenen Glücklichen gehört, die ihren Lebensmittelpunkt in den schönsten Regionen des Landes frei wählen können, stellt mitunter eine Frage, die mir öfters zu Ohren kommt. Man sitzt am Tegernsee herum, das Wasser ist karibisch-grün, die Sonne scheint, Schnee glitzert auf den Bergen, und dann kommt die sehr deutsche Frage, die ein Gran Verbitterung in das allzu perfekte Glück schütten soll: Natürlich ist es schön, aber wenn man hier lebt, gewöhnt man sich nicht daran, und erscheint es einem nicht als gewöhnlich, langweilig und banal? Tegernsee, Karibik, Toskana – wird das nicht abgeschmackt?

Daran musste ich denken, als ich am Freitag mein Auto am Tegernsee beladen habe, um nach Italien zu fahren. Normalerweise halte ich nämlich am Tegernsee an, mache ein perfektes Bild und frage mich öffentlich, warum zum Teufel ich das Paradies hier verlasse. Man gewöhnt sich also nicht daran. Das liegt auch am Umstand, dass es nicht immer so schön ist und, hätte ich am Freitag ein Bild gemacht, nur eine weisse Wand der dicken Wolken zu sehen gewesen wäre. Das hier ist schon zwei Stunden im Schneesturm weiter, oberhalb von Innsbruck, bei 30 Zentimeter Neuschnee Ende April und -2°Celsius.

Es ist eine wirklich reizvolle Gegend mit einem wunderbaren Blick auf das Inntal und das Wipptal und die Berge, aber in diesem Moment wollte ich mich nur weiter durch die Schneemassen zum Brenner wühlen. Hinter dem Brenner hörte der Schneefall auf, in Brixen kam die Sonne heraus, und kurz nach dem ersten Bild herrschten ein paar Kilometer südlich von Bozen strahlend blauer Himmel, 17 Grad und Sonnenschein. Das Glück, immer an schönen Orten zu seiu, hätte man nur, wenn man ständig mitreisen kann. Vielleicht gewöhnte man sich dann an die Schönheit, keinesfalls aber hätte man eine Heimat, die wohl auch für die meisten zum dauerhaften Wohlbefinden gehört.

Natürlich ist Italien im Frühling besonders schön, wenn Deutschland in Eis und Schnee erstarrt, aber noch wichtiger war mir, dass ich auf dem Weg nach Buonconvento war. Buonconvento ist nach Eigenaussage eines der schönsten Dörfer Italiens, und mir wurde es auch als eines der schönsten Dörfer der Welt angepriesen, auf Italienisch natürlich, Das geht in Italien ganz schnell – alte Rennräder, so schlecht und rostig sie auch sein mögen, haben Weltmeisterstreifen und Titel wie Campione del Mondo, die Bauern hier sagen, der Trüffel sei der Beste der Welt und besser als der Trüffel meiner Bekannten in der Poebene, der auch der beste Trüffel der Welt ist.

Zu Gast bin ich, das kann man wirklich so sagen, auf der wichtigsten Veranstaltung der Welt für alte Rennräder, denn zuerst ist die L’Eroica Nova und eine Woche später die L’Eroica Montalcino, mit den staubigsten Pisten der Welt, den steilsten Anstiegen der Welt, mit den schönsten alten Rädern der Welt und natürlich der schönsten Landschaft der Welt, und das auch dann, wenn man wegen der deutschesten Kälte nicht zu den trainiertesten, ältesten, aber doch weissesten Männern der Welt gehört.

Also habe ich mich im Ort nicht lange aufgehalten, und mich auf mein Rad geschwungen, um in der Sonne etwas Farbe zu bekommen, und die perfekteste Funktion meines mit deutscher Perfektion gebauten Spezialrades zu überprüfen. Nur Italiener pflücken Opas Rad mit brüchigen Reifen aus der Garage, der Deutsche will die beste Leistung und bezwingt das Schicksal mit technischer Perfektion, was auch der Italiener anerkennt, wenn er deutsche Autos kauft.

Ich fuhr also los, bog auf den ersten extrem steilen Feldweg ab und flog, wie wir Deutsche das so machen, mit einer Mischung aus Trutz, Kraft, Todesverachtung und eisernem Willen dem Blau des Himmels entgegen. So ist das immer, wenn ich aus Deutschland komme, ich brauche ein, zwei Tage, um mich an die lässigen, ach was, lässigsten Menschen der ganzen Welt insoweit anzupassen, dass man nicht sofort aus meinem Tritt auf meine Herkunft aus den níchtschönsten Schneeland der Welt schliessen kann.

Wie so oft in Italien und unbegreiflich für Deutsche wurde aus der breiten, steilen Kiesrampe ein doppelter Feldweg, dann eine getrocknete Spur in der lehmigen Erde, und genau dort, wo man einen schönen Blick auf Montalcino hat – hier kommt der beste Rotwein der Welt her, sagen sie – hörte der Weg dann einfach so auf, Das könnte einen Deutschen aufregen, aber ich bin schon alt und sage mir, immerhin hört der Weg an einem der schönsten Orte der Welt auf.

Da stand ich also, und hinter mir hörte ich ein Keuchen und ein Fluchen, denn ein kleiner, nicht eben dünner Italiener hatte vermutet, der Deutsche da weiss sicher, wo es lang geht, und war mir in der Annahme der deutschen Leitkultur gefolgt, bis er auf dem rutschigen Ton der Crete Sienesi ins Schlingern kam. Er stieg ab, stapfte zu mir und sagte: Bello! Was “schön” heisst. Italiener machen das oft, bei Hunden, Rennrädern, Cabrios, Äckern, Weinbergen, Häusern, Frauen, Kindern: Sie finden das, was sie sehen, schön, und verleihen der Bewunderung nach Möglichkeit so, dass es jeder merkt, empathischen Ausdruck. Der Deutsche, siehe oben, ist ein Miesmuffel, der Italiener kann vorbehaltlos das Schöne sehen, besonders, wenn es Italienbezug hat. Wir kamen ins Gespräch und überein, dass es sich hier fraglos um die schönste Gegend der Welt handelt und es das Schönste auf der Welt sei, hier morgen zu radeln.

40 Kilometer hinter uns ist die Krisenbank Monte Paschi, und die von Deutschland verschuldete Migrationskrise über das Mittelmeer wird auch hier erkennbar: Egal. Das ist das schönste Land der Welt. Dann fuhren wir wieder mach Buonconvento, wo die Kleinsten gerade ein Rennen absolviert hattem und mit Pokalen und Medaillen durch die Gegend rannten:

Überall die italienische Tricolore, an Bändern und an Häusern, dazu Fahnen des Ortes, eines der schönsten der Welt, der Region, der alten Republik Siena, das Dorf hatte sich schön gemacht und festlich geschmückt. Ich verabschiedete mich vom Italiener wie von einem alten Freund, ging auf den Markt, und fand einen wirklich schön gemachten Rahmen der längst untergegangenen Firma Capodivento. Der Händler sagte, es sei ein Artigiani gewesen, ein Kunsthandwerker, der den Rahmen gebaut hat, und verwies auf die vielen schönen, liebevollen Details: Gravierte Schriftzüge und ein Gabelkopf, den das italienische Wappen ziert.

Der Rahmen war – nicht billig. Aber er ist schön, bellissimo, noch so ein Wort, ein Superlativ, das Italienern ständig über die Lippen geht, und den Deutschen so gar nicht: Ich nahm ihn trotzdem, denn solche Qualität findet man heute nicht mehr so leicht, Danach wühlte ich mich durch die Kiste mit den Offerte, den Sonderangeboten, die von alten Teamtrikots ohne jedes Prestige gebildet werden. Ich habe dafür ein Faible, ich mag es ironisch, ich habe schon ein Trikots der Feuerwehr Messina, eines Mafiahotels in Ventimiglia, eines Umzugunternehmens aus Verona und als Vegetarier ein Hemd eines Luxuswurstwarenherstellers an der Adria – alles nicht vergleichbar mit den begehrten Namen der grossen, ruhmreichen Teams Raleigh, Colnago, Peugeot und Bianchi. Ich wühlte mich also durch die vergessenen Geschmacklosigkeiten vergangener Zeiten, und fand darunter ein blaues Trikot mit 12 Sternen: Gruppp Sportivo Europa Unita.

Grösse 46. Der Händler verdrehte erkennbar die Augen, und ich dachte mir: Für Heiko Maas müsste es nur wenig kleiner gemacht werden. Der würde das auch tragen. Heiko Maas, der Inbegriff der neuen, deutschen Leitkultur, der auf Twitter Aussagen wie “verdammter Nationalismus” lobt und mal wieder einer Kulturperson hinterher läuft, wie schon bei der Antifa-Band Feine Sahne Fischfilet. Heiko Maas würde es passen, denn er ist untergross und würde sich vermutlich auch hier im Fahnenmeer Italiens und der Toskana damit zeigen, damit jeder, aber auch wirklich jeder seine richtige Gesinnung erkennt. Verdammter Nationalismus. Das sagt sich mit voller Überzeugung leicht, wenn man aus der Schulgeschichte gelernt hat. Und zudem verschweigt, dass dieses unnationalistische Deutschland in den letzten Jahren 150 Milliarden Euro für Kredite gespart hat, während andere Länder der EU, wie eben das krisengeschüttelte Italien, solche Milliarden in der Eurokrise für die Geschäfte der Geldhäuser aufbringen mussten. Und müssen, denn die Krise ist hier noch lange nicht vorbei. Man kann sich den Nationalismus wohlfeil sparen, ihn weit von sich weisen, wenn die Regierung, in der man sitzt, darüber mitentscheidet, welcher Rentner in Deutschland für die schwarze Null Flaschen sammelt, und gut am Umstand spart, dass die Jugendlichen hier arbeitslos und billige Aushilfsjobber nördlich der Alpen sind. Im neuen Deutschland jenseits des verdammten Nationalismus geht das alles ohne Fahne und Bellissimo. Das gute, nicht nationalistische Gefühl muss man sich erst mal leisten können.

Ich könnte hier über alle Preise verhandeln. Ich kann es mir leisten, es nicht zu tun. Ich nehme, was mir gefällt, und bin dankbar, es zu haben. Ich werde gut und menschlich behandelt, weil die Menschen hier in ihrer Tradition und Herkunft ruhen, und nicht in einer schwarzen Null eines egoistischen Nationalstaates, der gern so tut, als wäre die Vormacht des alten, bösen Deutschlands etwas ganz anderes als jene Vormacht, die inzwischen überall in Europa ein Wahlkampfschlager der Verachtung ist.

Der Himmel dehnt sich grenzenlos in EU-Blau von Horizont zu Horizont über Buonconvento. Man feiert hier das Rad, das ein Deutscher technisch erfunden hat, und Italien, das es zu einem Lebensgefühl machte. Es geht hier enorm nationalistisch zu, von den Medaillen der Kinder bis zum Gabelkopf meines neuen Rahmens. Und ich fühle mich ausgesprochen wohl.

02. Mai. 2017
von Don Alphonso
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27. Apr. 2017
von Don Alphonso
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Die Schuld der 68er an der Kopftuchinvasion

Auch wenn man gut konsumiert, kann man dahinvegetieren.
Rudi Dutschke

Monte Carlo, St. Moritz, der Tegernsee – Sehnsuchtsorte verkaufen sich am besten, wenn sie an manchen Ecken so aussehen, dass Besucher und Bewohner mitunter innehalten, schauen, und sich sagen: Also wirklich, wie vor 50 Jahren, nichts hat sich verändert. Es könnte tatsächlich ein blauer Sportwagen mit Grace Kelly um die Ecke kommen, es könnte wirklich Aristoteles Onassis in einer Lobby sitzen, und bei uns am See würde es keinen wundern, säße da drüben auf dem Schiff Gunter Sachs mit Brigitte Bardot, ein Teil der Flick-Sippe, oder, noch wahrscheinlicher, einer der vielen Altnazis, die es 1967 in Mengen am See gab, und die auch wirklich Nazis waren, und nicht nur Leute, die den Thesen der Antideutschen und Genderaktivistinnen in den Hamburger Medien nicht vollumfänglich zustimmen.

Aber auch, wenn es noch genau so erscheint und die alten Schiffe vor der immer gleichen Bergwelt über das klare, blaune Wasser gleiten: Es ist nicht mehr 1967. Mag das Holz an Deck noch sauber geschrubbt sein, so hat sich doch viel verändert, und wo es früher obligatorisch war, einen Hut zu tragen, sieht man heute mehr und mehr Kopftücher. Das war ein schleichender Prozess, aber wenn man heute in einen Biergarten geht, sieht man das oft. Kaum wird das Wetter schön, kommen hier Fremde und tragen Kopftücher, wie es der Prophet befahl. Besonders die Alten machen das. Man sollte denken, dass es nach 1967 auch 1968 gab und überall die Menschen begriffen haben, wie sinnlos es ist, Propheten nachzueifern. Aber die tragen nun mal Kopftücher. Alte, weisse Männer mit Kopftüchern, die dem Radsportidol Marco Pantani nacheifern. Pantani hatte eine Glatze und trug ein Kopftuch, und alte, weisse, haarlose Männer, die hierher radeln, folgen ihm und tragen ebenfalls ein Kopftuch auf ihren Glatzen über den Altersflecken. Sonnenbrillen und Lycrahemden. 1967 hätte man so in kein Restaurant gehen können. Heute ist es üblich.

Und am Montag war es hier brechend voll mit Rentnern, allesamt bestens gelaunt, gesund und spendierfreudig. Die einen friedhofsblond, die anderen mit Kopftüchern, alle ziemlich fit, und Krücken trug nur ein junger Vater, dem sein Gebrechen vermutlich den Fluch der Arbeit ersparte, der in jenen sonnigen Stunden die meisten unserer Altersgenossen traf. Diese Leute hier werden nicht ohne Grund von Links und Rechts in die Zange genommen. Für Linke sind es teure, alte, weisse Menschen, fast so alt wie die meisten bekannten Vertreter der Grünen, die vermutlich das Falsche wählen, keine Rücksicht auf die Jugend nehmen und jetzt noch von einem Rentensystem profitieren, das für kommende Generationen nur Plackerei bis 70 mit folgender Altersarmut verspricht. Vermutlich haben sie recht. Und für die Rechten, die auch recht haben, sitzen hier die Alt-68er nach ihrem langen Marsch durch die Institutionen, die sie für sich geplündert haben und eine Welt erschufen, in der es erst möglich wurde, dass ein Zensurminister mit einer ´Schauspielerin durchbrennen kann, ohne aus dem Amt gejagt zu werden, eine Ex-Stasi-IM über Meinungsfreiheit befinden darf, und die Kanzlerin die Kontrolle über die Grenzen aufgibt.

Tatsächlich herrschte 1967 noch ein erheblich anderer Geist in diesem Lande, und obendrein der Kalte Krieg und der Eiserne Vorhang. Vor diesem Hintergrund war es natürlich leicht, eine Kommune zu gründen, deren Filmmaterial von modernen Pr0neauxseiten abgelehnt werden würde. Es war verführerisch, Ho-Ho-Ho Chi Minh zu beschwören und zu wissen, dass Schulen trotzdem dringend Lehrer brauchten. Wer hätte ahnen können, dass freundliche Herren wie Camus und Sartre eine spätere Ikone der schmollenden weiblichen Laune einschleppten. Die Zeiten waren so kohlrabenschwarz und rechtsdoktrinär, dass alles dagegen mitmarschieren durfte, was wollte, von der RAF-Anhängerschaft über Pädophile, Stalinisten und Maoverehrer bis zu Waldschraten, deren Nachfolger gerade um die 5%-Hürde kämpfen. Die meisten waren aber vermutlich eher wie der junge B..

Der junge B. ist inzwischen auch ein steinalter Mann, aber damals war er noch kommender Erbe eines Sattlergeschäfts, Student und der Meinung, man müsste in unserer sehr kleinen, sehr dummen Heimatstadt an der Donau auch einmal die Strukturen aufbrechen. Deshalb lud er seine Freunde ein, und fuhr mit dem geliehenen Porsche Cabrio seines Vaters, voll besetzt mit Maobibelschwenkern und Demonstranten hinter sich, die Strassen auf und ab. Das hat seinem Ruf damals schwer geschadet und alle haben es seinem Vater hineingedrückt. Heute ist der junge B. auch der alte B., und seine Firma stellt hier die Zelte für das 501. Jubiläum des Reinheitsgebotes auf. Demonstrieren war gefahrlos: Der Osten würde schon nicht kommen und einem den Porsche nehmen, und die unterdrückten Völker sollten zwar vom Joch des Kapitalismus befreit werden, dann aber Afrika und Asien als Leuchttürme des neues, sozialistischen Menschen entwickeln, zu denen der dekadente Mensch des Westens aufschaut. Heute spielt der B. eine wichtige Rolle bei den regionalen freien Wählern – das sind die, die Flüchtlinge vor das Kanzleramt fahren. Nicht im Porsche und nicht mit Maobibeln.

Die breite Mehrheit wollte aber keine Revolution, sondern einfach modernes, demokratisches und gleichberechtigtes Leben im Wohlstand, dazu ein Haus, einen Garten, zwei Kinder, und zwei Autos, vier Wochen Urlaub in Italien, ohne Krieg und Napalm und Nachrüstung. Man wollte die repressive Ära Adenauer nicht mehr. Man wollte die uniformierte Gesellschaft auflösen Wenn man heute in Lycra und Kopftuch im Biergarten sitzt und auf den Sprizz wartet, ist das Veränderung, die gefällt, in einem Klosterbrauereikontext, der gern so bleiben kann. Was man aber 1968 ganz sicher nicht wollte, sind Leute, die mit gebrochenem Deutsch der Polizei erzählen, wo sie einen tödlich verletzten Rentner findet. Man ging nicht auf die Strasse für die Zuwanderung eines Messerstechers, und auch nicht für einen psychisch labilen Migranten aus Afghanistan, der versucht, sich im Amri-Stil Autos anzueignen und dabei Menschen verletzt. Für solche Erscheinungen demonstrieren 30 Kilometer nördlich die Nachfahren der Waldschrate am Flughafen, weil das Abschiebeland Afghanistan nicht sicher ist. In den Augen der Alt-68er hier ist es vielmehr so, dass sich die Sicherheitslage für alte Menschen der Lage in Afghanistan drastisch annähert. Und daran ändern auch die Tricks der regierungsnahen Medien nichts, die die abnorm gestiegene Gewaltkriminalität durch Zuwanderung relativieren wollen.

Tatsächlich haben die 68er das Land nachhaltig und unumkehrbar verändert – nicht einmal die AfD will zurück zum gesellschaftlichen Klima unter Adenauer, in dem der krawattenlose Gauland sozial geächtet wäre, von den feministischen Vorreiterinnen der Partei ganz abgesehen. Aber die 68er, die mit Kopftuch und restauriertem Porsche Cabrio hier sitzen, sind mittlerweile so etabliert, dass sie gefahrlos die Sehnsuchtsorte ihrer Väter wieder für sich entdecken können. Niemand macht hier ein Streikplenum, niemand wirft Steine ins Idyll, und nachher sind sie alle am See und lassen sich auf dem Boot zwischen den Villen der echten, alten, lange toten Nazis über das Wasser fahren. Nächstes Jahr ist 1968 50 Jahre her. Es gibt keine Traditionslinie von der damaligen Ablehnung der Religion hin zum Verständnis für wahhabitischen und schiitischen Islam, die genau jene Repression leben, die damals gesprengt wurden. Es gab nur damals schon laute Provokateure, und es gibt sie heute mit van der Bellen und seiner Kopftuchaufforderung und dem feigen Verstecken hinter Juden wieder. Aus 68 heraus mutierten später grüne Kirchenvertreter, die sich freuen, weil es Menschen geschenkt gibt, und das Land religiöser wird. 1968 positionierte sich die SPD gegen die Macht der Kirchen, heute lehnt der SPD-Kanzlerkandidat Kirchenaustritte als Zeichen der politischen Opposition ab.

Es hat sich viel getan, in diesen letzten 50 Jahren. 68 ist nicht tot, es ist nur damit beschäftigt, einbruchssichere Fenster zu kaufen und darauf hinzuwirken, dass die Enkel auf eine Schule mit minimaler Migrantenquote kommen. 68 hat verstanden, dass es als Feindbild herhalten muss, aber noch sitzt es mit Piratenkopftuch im Biergarten, und die anderen müssen arbeiten. 68 weiss, was es wollte, was es sich später anders überlegt hat, und was es jetzt auf gar keinen Fall haben will. 68 findet den niedrigen Benzinpreis gut, weil 68 grosse Motoren hat, aber auch, weil die Saudis dadurch weniger verdienen und daher merklich weniger Clans in die Kliniken am See schicken, was die Zahl der anderen Kopftücher ebenso reduziert wie die Zahl der Mietwagenraser. Öffentlich sagt 68, dass es ihm egal sein kann, denn in diesem Alter ist die Entwicklung nur noch für die Nachfolgenden schlimm. Aber die Grünen kann 68 leider wirklich nicht mehr wählen. 68 ist immer schuld. Da kommt es auf einmal mehr auch nicht mehr an. Vielleicht hat 68 schon zu viele Dummheiten mitgemacht, um erneut Fehler zu begehen.

Grace Kelly, Aristoteles Onassis und Gunter Sachs sind schon länger tot, aber die frühere Gemahlin von Sachs Brigitte Bardot lebt noch, und verbindet ihr Anliegen für den Tierschutz mit einer Affinität zu Le Pens Front National. Wahrscheinlich erinnert sich 68 noch an die Bilder der jungen BB und denkt sich, dass sie eben noch eine richtige Frau war. Alle werden älter, aber der See bleibt, wie er ist, und wird auch dann noch Freunde finden, wenn die neuen Revolutionen und Veränderungen längst gescheiterte Fehleinschätzungen sind.

27. Apr. 2017
von Don Alphonso
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