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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

09. Jan. 2017
von Don Alphonso
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Andrej Holm bleibt Liebling der Plutokraten

Wer hat uns verraten? Linksparteimitglieder! #skali64

Hin und wieder werde ich gefragt, ob ich mein nicht immer konfliktfreies Treiben nicht doch etwas bedaure. Ob ich nicht einsehen möchte, dass auch ich Fehler mache und Menschen zu hart beurteile. Ich bin dann immer in Versuchung, mit Donald Trump zu antworten. Der erwiderte auf die Frage, ob er Hillary Clinton im Wahlkampf nicht zu brutal angefasst hatte, mit den epochemachenden Worten: “No. I won.” Es ist eine Versuchung, ich kann ihr aber widerstehen, und außerdem habe ich natürlich manches getan, was man nur als unangemessen bezeichnen kann. Mein letzter schwerer Missgriff war der momentan noch das Amt eines Staatssekretärs bekleidende Andrej Holm, dessen frühere Tätigkeit für die Stasi ich als erster publizierte und mich darüber noch lustig machte, obwohl es inzwischen zu einer handfesten Regierungskrise führte. Ich bin übrigens immer noch der Meinung, dass jemand mit so einem ideologisch gefestigten Standpunkt und seiner fragwürdigen Selbstreinwaschung in der Berufspolitik nichts verloren hat, aber ich muss auch an mich selbst denken und zugeben: Da kannte ich seine politischen Positionen noch nicht.

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Denn auch ich habe natürlich den gefestigten Klassenstandpunkt eines Menschen, dessen Vorfahren ihren Klassenstandpunkt mit Anweisungen an andere bekräftigten, nämlich, wo und wie sie die Tiere meiner Vorfahren zu hüten hätten – und dafür brauchten wir auch keine SED-Diktatur und Mitmacher wie Holm, die bürgerliche Klassengesellschaft reichte völlig aus. Daraus entstand Besitz. und Besitz verpflichtet natürlich, und zwar vor allem, den Besitz weiter zu mehren, was nur geht, wenn andere weniger haben. Früher machte man das etwa mit Leibeigenschaft, heute kann der Leibeigene auswählen, welchem Herrn er seine Zahlung für die Bewirtschaftung von Fläche überlassen will – weil Leibeigenschaft völlig zu Unrecht in Verruf kam, nennt man das heute “Miete”. Mein Klassenstandpunkt ist also der einer fortgesetzten Bereicherung auf Basis von Besitz, für dessen Umfang ich wenig kann. Aber es ist nett, Teil so einer Gesellschaft zu sein und zu sehen, wie frühere Stasi-Männer heute alles daran setzen, damit auch alles so bleibt.

Holm jedenfalls hat via Zeit und Potsdamer Nachrichten schon einmal wissen lassen, was er alles tun will. Städtische Mietwohnungen behalten und ausbauen, und auf keinen Fall in Eigentumswohnungen umwandeln. Oh ich möchte auf Holm zugehen, ich möchte an sein Bäckchen greifen, das fleischige Inkarnat etwas herausziehen, mit einem leisen Plopp zurückschnalzen lassen und sagen: “Oh Sie Schlingel, wir verstehen uns!” Denn in Berlin steigen die Preise der Wohnungen, natürlich auch der Wohnungen der Stadt, und diese Wertzuwächse bleiben auch bei dem Gebilde, das SPD, Linke und Grüne unter sich aufgeteilt haben, Ein Sozialist, der das Volk bereichern wollte, könnte auch ganz anders. Er könnte sagen:

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“Sehet, Genossen, der Kapitalist macht das Geschäft seines Lebens mit Immobilien, während Ihr weiter steigende Mieten bezahlt: Wir bieten Euch, Genossen, sofern Ihr das bezahlen könnt, Wohnungen aus unserem Bestand zum Kauf an! Das erhöht das Angebot deutlich, bremst den Preisanstieg für den Bestand, und befreit uns von Fehlbelegern, die sich auch mehr als die Miete leisten könnten. Außerdem müsst Ihr selbst dafür sorgen, dass es hier nicht mehr wie im Saustall der Knechte von Don Alphonsos Vorfahren aussieht, und zum Lohn bildet Ihr Immobilienvermögen in der einzigen Hauptstadt westlich von Pjönjang, die für Euch auch im Kauf noch bezahlbar ist.

Die Kredite dafür wickeln wir über eigene Finanzvehikel ab, damit wir, also der Staat und damit alle, selbst die Zinsen kassieren können. Und das Geld nehmen wir, um vor der Stadt auf eigenen Grund ohne Investoren neu zu bauen. Ihr zahlt 4000 € pro m², wir machen aus den Geld 2 neue Quadratmeter vor der Stadt und in Baulücken. Wier versprechen auch, dass höchstens 1,5 m² davon an unsere Kernwähler gehen! Der Rest ist frei je nach Warteliste, die nur 93% der Länge der Warteliste von 1988 im Osten hat. Genossen! So schön ist die Weltrevolution!”

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Und ich muss ganz offen zugeben: So ein Modell wäre bei vielen Mietern hochwillkommen und würde unsereins massiv schädigen; Denn es würde gerade aus den zahlungskräftigen Mietern Besitzer machen – und würde uns nur die Ärmeren lassen. Die mit den Risiken, die man nicht so gern hat. Holm dagegen behauptet, man könnte auch mit 4,50 Euro Monatsmiete kostendeckend einen Quadratmeter bauen, und will bei den realistischen Zahlen von 12 und mehr Euro gleich mal wieder die Profite herausrechnen. Er behauptet, die Miete könnte bezahlbar bleiben. Er sagt nicht, dass damit mehr Eigentum für Privatleute in einer ostdeutschen Provinzstadt, die vielleicht einmal so teuer wie beliebte Metropolen wie Kinding, Pfaffenhofen oder Dietramszell werden könnte, natürlich unerreichbar ist. Die Stadt nimmt das, was ich auch nehme: Die Miete. Und behält die Wohnungen.

Und sorgt so dafür, dass das Angebot an Eigentumswohnungen gering bleibt, und ganze unberührbare Kasten wie Berliner Nachwuchsjournalisten an die bezahlbare Miete glauben, so wie ihre Vorbewohner in jener Stadt an die Weltrevolution, die Überlegenheit der arischen Rasse, an den Kaiser und Thron und Altar geglaubt haben. Der Zeit ihren Irrglauben! Und natürlich findet man die Märchenstunde vom bezahlbaren Wohnen schön, wenn man 40 ist und vor der Frage steht, ob man nun das neue iPhone haben will, und danach ein Burgeressen, oder einen Kredit, dessen positive Folgen man erst nach 30 Jahren sieht. Das funktionierte früher bei den Leibeigenen, weil die Lebenserwartung viel zu gering war, und es funktioniert heute bei ihren Nachkommen, weil sie glauben, mit R2G käme im Bund sicher auch das bedingungslose Grundeinkommen, und warum sollte man sich dann noch um Immobilien kümmern.

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Holm nimmt also mit einem scheinproletarisch-städtischen Verhalten, das sich in nichts von unserem grossbürgerlichen Benehmen unterscheidet, viel sozialen Druck von uns, und sorgt durch die Verknappung des Angebots für Bereicherung. Ein Schlingel, wirklich. Dass er gegen die Verwendung von Wohnungen als zwischenvermietetes Ferienobjekt vorgehen will, ist auch pure Kapitalistenförderung: Ich erlaube das meinen Mietern, denn natürlich sind sie ab und zu nicht da, mache Urlaub, und warum sollten sie die Kosten für die Miete nicht anderweitig reinholen? Holms Mieter dagegen bleiben diese Zusatzgeschäfte mit leerstehendem Wohnraum verboten, ja sie sollen sogar von Schnüfflern denunziert werden, wie das so ähnlich bei seinem früheren Arbeitgeber auch schon gemacht wurde. Auch das läuft auf eine Verarmung der Mieter hinaus, und darauf, dass unsereins mit besseren Konditionen natürlich auch etwas mehr Miete verlangen kann.

Auf das Gerede von der Verhinderung von Zwangsräumungen gebe ich nichts, das ist auch nur populistisches Lametta, solange die Zivilprozessordnung ZPO in Berlin noch gilt. Und ungefähr zu der Zeit, während Herr Holm die Hofberichterstatter von Zeit und Tagesspiegel empfing, und ihnen erklärte, wie rebellisch und regimegegnerisch doch der Haushalt seiner sozialistischen Familie war, wurde in der Skalitzer Strasse 64 schon mal die meines Wissens erste Zwangsräumung unter R2G im zweiten Versuch durchgezogen. Geht es nach Holm, soll das nur noch möglich sein, wenn der Geräumte eine andere Wohnung in Aussicht hat – was möglicherweise etwas schwierig ist. Aber aus meinem Klassenstandpunkt ist das noch ein Geschenk: Wir haben Vertragsfreiheit und können Mieter mit diversen Mitteln zum Zahlen bringen: Befristete Mietverhältnisse, die erneuert werden müssen, 1 Jahr Miete vorab, Bürgschaften, totale finanzielle Durchleuchtung – und wer das nicht will, muss eben zu den kommunalen Bauträgern. Dort fühlen sich dann sicher auch die Mietnomaden heimisch, denn sie wissen: Solange sie keine Ersatzwohnung haben, werden sie unter Staatssekretär Holm nicht geräumt. Mietenverweigerung und keine neue Bleibe? Keine Räumung. Ein Eimer fauliger Fische im Hausgang und keine neue Bleibe? Keine Räumung. Schlachtfest an Ziegen im Bad und keine neue Bleibe? Keine Räumung. Abbau der eingebauten Küche für den Cousin als Hochzeitsgeschenk und illegale Zwischenvermietung an 20 EU-Sozialbegünstigte und keine neue Bleibe? Keine Räumung. Nichts macht das Vermieterglück größer als ein Marktführer, der seinen besonders problematischen Kunden besonders nette Behandlung verspricht.

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Wie das alles letztlich funktionieren soll, wie man die Mieter dazu bringt, ihre selbstverursachten Kosten zu tragen und die Unkosten derjenigen zu finanzieren, die das System für sich ausnützen, ohne Angst vor Konsequenzen haben zu müssen – nun, das ist zum Glück nicht mein Problem. Der alte Westen hat schließlich auch besonders vom Umstand profitiert, dass sich der alte Osten mit SED, STASI, Planwirtschaft und Völkerfreundschaft so herabwirtschaftete. Vielleicht schafft es Holm, Berlin wieder aus dem Geltungsbereich der ZPO heraus zu holen, vielleicht sieht Mieterschutz dann wirklich so aus, dass alles getan wird, um sie vor Profiten und Wertsteigerung des Wohneigentums zu schützen. Die Regierung von Berlin kann mit Schlendrian alles verlangsamen, sie kann die Polizei bei Mieterdemonstrationen zurückziehen, und abgefackelte Autos aus dem Verfassungsschutzbericht zusammen mit einigen Gruppierungen streichen, die sich für Holm stark machen. Sie kann bei ihren Wohnungen tun und lassen, was sie will. Das ist prima, denn es gibt immer welche, die genau diese Zustände wollen, und andere, die jeden Preis bezahlen, um ihnen zu entgehen. Und das wiederum lohnt sich für Privatvermieter, Privatschulen, Privatsicherheitsdienste und Privatmeinungen unter Salonsozialisten, dass Mieterschutz zwar wichtig ist und soziales Bewussstsein auch, aber 500 Euro mehr Miete im Monat an einen Privatmann trotzdem die Nachteile aufwiegen, die sich dann im Sozialwohnungsbau manifestieren werden.

Famoser Mann, dieser Holm. Solche können wir brauchen. Und die abgewohnten Ruinen können wir nach dem nächsten Regierungswechsel sicher günstig von der finanziell ausgebluteten Stadt bekommen, wie schon 1990 im Prenzlauer Berg, als Holm seinen ersten Job bei der Stasi verlor.

09. Jan. 2017
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04. Jan. 2017
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Keine Heimat für nafrionale Sozialisten

Die Tür, die Guten wie Bösen Eintritt gewährt, ist schlecht.
Afrikanisches Sprichwort

Sehen Sie, als Historiker hat man es nicht leicht mit Deutschland als Nation. Das Land, in dem wir leben, ist in seinen Grenzen gerade einmal rund 25 Jahre alt. Das Deutschland von 1871 dagegen liegt heute auch in Polen, Frankreich und Russland, und fraglos sind die Italiener, die oben auf dem Wendelstein das Restaurant betreiben, nicht wirklich italienisch, sondern mehr deutsch: Sie kommen aus Südtirol. Dort kann es einem leicht passieren, dass man auf Menschen trifft, die zwar Italienisch in der Schule hatten, aber es weniger verstehen als ich – und ich bin schon reichlich schlecht.

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Das liegt daran, dass Kulturräume etwas anderes als Nationen sind: Nationen definieren sich durch Grenzen und Gesetze, die nicht bleiben müssen. Kulturräume sind dagegen historisch betrachtet meistens stabiler. Wenn man aber nicht Grenzen, sondern Kulturräume ändern will, wird es oft sehr unschön: Genozid und ethnische Säuberung ist dann leider häufig das Mittel der Wahl, wie man am Zerfall Jugoslawiens sah. Als Historiker und Menschenfreund macht einem die Beschäftigung mit Kulturräumen daher meist mehr Spass. als die Lehre von den Nationen. So ein Kulturraum ist beispielsweise die Alpenregion, und bei aller inneralpinen Diversität und Eigenbrötelei kommt man mit einer bestimmten inneren Einstellung bei den Menschen hier meist recht weit: Im letzten Jahr musste ich Schnäpse von Slowenien bis Graubünden, von Gmund bis Riva ablehnen, in Kirchen und Gasthäusern, an Seen und auf Pässen.

Es gibt da einen sehr banalen, aber auch sehr richtigen Spruch in Bayern, “Hockts eich hera, samma mehra”. Setzt Euch zu uns, dann sind wir mehr. In diesem Spruch steckt einerseits eine enorme Aufgeschlossenheit, aber auch eine enorme Verpflichtung zur Anpassung an ein Kollektiv. Das wird in der Praxis dann nicht jedem modernen Menschen gefallen, aber es bilden sich nun mal Tischgesellschaften, Reisegruppen. Bergseilschaften und Radlerpulks, einfach, weil man sich zusammen in den Bergen leichter tut, solange keiner aus der Reihe tanzt. Dafür gibt es den Spruch “hock di hi und sei stad“, der als als Aufforderung zu mehr Integrationsleistung verstanden werden darf. Berge waren und sind noch immer ein Moment des Zwangs, der Menschen zusammenpresst – ich mache mich darüber selbst ab und zu lustig, wenn mich wirklich jeder Entgegenkommende in der einbrechenden Dunkelheit in eine sichere Hütte stecken will, aber so ist das eben in diesem Kulturraum. Oder, wie es bei uns heisst: Heimat.

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Zu unterschiedliche Kulturkreise in einer Nation vereinen – das setzt Fingerspitzengefühl und Verständnis für die Belange anderer voraus, soll es nicht in einem Failed State enden, der dann zumeist an den Grenzen der Kulturräume zerbricht. Man sah das in einem relativ harmlosen Fall letztes Jahr bei der EU und dem Brexit. Oder anders gesagt: Nationen werden um so leichter akzeptiert, solange sie die Eigenheiten der Heimat respektieren und nicht beginnen, diese Sensibilitäten zu delegitimieren. Würde ich zum Beispiel durchsetzen wollen, dass in Berlin jeder Raser einen grossen BMW und kostenlosen Sprit bekommt, und zur Finanzierung die Zwangsernährung des ganzen Volkes aus billigster Massentierhaltung mit gentechnisch veränderten Viechern kommt, wäre das grüne Bürgertum dort entsetzt, auch wenn die Realität dem Szenario schon recht nahe kommt. Genauso entsetzt reagiert man bei uns im Lande der Pendler mit Wetterkapriolen auf Ideen wie 5 Euro für den Liter Benzin, Tempodrosselung und die Vorstellung, mit den Steuereinnahmen Veggie Days zu finanzieren. Auch sollten Parteien, die eine obligatorische Frühvolkerbeckisierung an den Schulen haben wollen, nicht mit den Augen rollen, wenn die Lieder meiner Heimat für Spätimmernochsexualierte mit einem recht freizügigen Rollenverständnis von Frauen aufwarten. So ist das bei uns.

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Die meisten bei uns haben trotz Hochhalten der Fensterlntradition instinktiv verstanden, dass Silvester 2015/16 in Köln keine Form der Migration oder Flucht war, sondern eine feindliche Invasion. In den Medien haben ausgerechnet Feministinnen – wie die heute bei Spiegel Online die Polizei kritisierende Margarete Stokowski – versucht, mit der Oktoberfestlüge dagegen zu halten. Es gab eine Bewegung, die die Ereignisse zu von einer Invasion krimineller Elemente zu einem männlichen Patriarchatsproblem umdefinieren wollte – die Aktion hieß “ausnahmslos”, wurde von den öffentlich-rechtlichen Medien gezielt großgeschrieben, unterstützt von Heiko Maas und Manuela Schwesig, und unterschrieben von Antisemitinnen und islamistischen Hamasfreundinnen – alles war recht, niemand war zu mies, als es darum ging, das Offensichtliche umzudeuten. In Köln brach die staatliche Ordnung zusammen, das Gesetz der Gewalt regierte, und kriminelle Invasoren aus dem Ausland konnten über Besitz und Körper der deutschen Staatsbürger bestimmen. Der Staat war in der Folge in erschreckendem Masse unfähig, diese Verbrecher zu finden, abzuurteilen und außer Landes zu bringen. Kein Politiker übernahm die Verantwortung und trat zurück. Das war es, nichts anderes.

Sicherheit ist in meinem Kulturraum sehr wichtig. Die Menschen haben sich gern an diesen Luxus gewöhnt, gerade weil er in den Bergen früher nicht gottgegeben war, und möchten ihn unbedingt erhalten. Sicherheit ist bei uns weitgehend der Normalzustand, und deshalb war Köln ein echter Schock. Es war keine temporäre Beeinträchtigung von Sicherheit, sondern deren völliges Fehlen. Es gibt bei uns absolut niemanden, beim besten Willen, ich wüsste keinen, der das in irgendeiner Weise für tolerierbar oder verstehbar hält. Vielleicht kann es passieren, dass ein Terrorist den Überwachern entgeht. Man kann nur schwer verhindern, dass eine Gang von sieben Personen einen Obdachlosen anzündet und dann in die Kamera feixt. Aber grosse Zusammenrottungen gefährlicher Elemente sind beherrschbar. Dazu gibt es bei der Polizei Wasserwerfer, Schlagstöcke, scharfe Munition, Waffen, Tränengas und Dienstvorschriften, wie diese Mittel einzusetzen sind, von nett über deutlich bis Staatsgewalt.

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Das hat aus der Sicht meines Kulturraums diesmal in Köln funktioniert. Und zwar ohne dass ein Wasserwerfer in die Menge gefahren wäre, oder gewisse andere Dinge, die man andeutungsweise immer wieder hört, wenn kriminelle Nafri-Gangs in Italien den Kürzeren ziehen. Es ist unbestritten, dass es in Deutschland viele Grundrechte gibt, die man gegeneinander abwägen muss, das ist beim Nafri nicht anders als bei der Meinungsfreiheit. Wenn ich hier darüber schreiben würde, welche Rechte man bei uns den Risikogruppen in Köln garantieren möchte, bräuchte ich aber nicht viel Platz, ich könnte es bei “so wenig wie möglich” belassen. Das tatsächliche Ergebnis – ein sehr milder Kessel und ein paar Platzverweise – geht in seiner deeskalierenden Form nach den hiesigen Vorstellungen in Ordnung. Das Grundgesetz verbietet zwar Diskriminierung durch den Staat, aber es erlaubt deshalb noch lange nicht, hunderte mit bedrohlichem Benehmen einfach unkontrolliert unter friedliebende Menschen zu lassen. Wenn das Grundgesetz verletzt wurde, dann vor einem Jahr. Politiker und Medien, die das vor einem Jahr nachträglich beschönigen wollten – Frau Stokowski schrieb bei Spiegel Online damals “Die eigenen Frauen will der gute Deutsche immer noch selbst belästigen dürfen.” – sind nun die ersten Kritiker der Polizei.

In meinem Kulturraum gibt es deutliche Zweifel, ob nun linke Totalitarist_Innen, juristisch unfähige Ideolog_Innen oder antideutsche Rassist_Innen solche Leute die Rechtsabwägung von Köln übernehmen sollen, die ansonsten dem Staat und seinen Grenzen ablehnend gegenüber stehen, und nun mit dem Grundgesetz den Nafri bevorzugen wollen. Übrigens, auch die Grünen haben den Begriff zusammen mit den anderen Parteien in NRW bei der Einsetzung des Untersuchungsausschusses benutzt – es ist nicht zu verstehen, warum man nicht dabei bleiben sollte, und den Begriff auf die sozialistischen Verehrer und Helfer der Nafris ausweiten sollte. Der Kessel von Köln war aus der Sicht meiner Heimat so was wie ein erster, kleiner Schritt aus dem Gefühl heraus, dass wir fremd im eigenen Land sind. Köln 2015 war der Auftakt zu einem Jahr der Entfremdung, und diesmal sah man wenigstens, dass das Schlimmste jetzt verhindert werden kann, selbst wenn die Problemverursacher offensichtlich immer noch unter uns sind. Es ist ein Wendepunkt gewesen. Und dann stellen sich Politiker wie Christopher Lauer von der SPD, Simone Peter von den Grünen und andere hin, und versuchen, eine Diskriminierungsdebatte loszutreten. Dabei hat es die Polizei aus Sicht meines Kulturraums gerade eben so geschafft, die Kontrolle zu behalten. Es liegt noch ein sehr weiter Weg vor ihnen, wenn man Sicherheit durchsetzen will, und wenigstens funktioniert Silvester in Köln um den Preis eines martialischen Aufmarschs.

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Und jetzt kommen die sozialistische Nafriberechtiger, reden von Rassismus und möchten das Vorgehen diskreditieren. Dazu haben sie laut Grundgesetz das Recht. Es ist halt so, dass dieses Verhalten nicht nur die Menschen beleidigt, die den Kopf hingehalten haben. Es zeigt den Opfern vom letzten Jahr deutlich, dass man sich um die Rechte aggressiver Nafris sofort zu kümmern bereit ist, während die teilweise identischen Personen vor einem Jahr tage- und wochenlang versuchten, die Verbrechen zu verharmlosen und umzudeuten. Und es zeigt in meinem beim Thema Heimat sehr sensiblen Kulturraum, dass der Weg zurück zur Sicherheit nicht nur gegen die Nafris, sondern auch ihre Freunde erkämpft werden muss.

Nafriunterstützer neigen dazu, diesen Kampf als Rechtsruck zu bezeichnen. Aber in dem Kulturraum, aus dem ich komme, wird daraus nicht die Debatte für die Rechte der Nafri und die moralische Überlegenheit der nafrionalen Sozialisten, die im antideutschen Reflex als erste “Rassismus” gerufen haben. Dabei hält man sich erst gar nicht auf. Es wird daraus zuerst die Debatte, ob man solchen Leuten im Rahmen des Ausländerrechts und regionaler Strukturen nicht die Räume so weit wie möglich verringert, und vom aktuell oberen ans unterste Limit des Genfer Flüchtlingsabkommen geht – wenn man sich so oder so von Transferleistungsempfängern beschimpfen und auf Kosten der Allgemeinheit verklagen lassen muss.

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Es folgt auch die Debatte, der Polizei die Gestaltung ihrer Einsätze am Limit des Grundgesetzes zu erlauben. Und wenn dann noch immer geklagt wird, wird in meinem Kulturkreis auch offen die Frage gestellt, ob man weiterhin in einem Grossverbund leben möchte, der in Form von Politikern und Medien eine Behinderung des Rechtsstaates und Bekämpfung seiner hiesigen Bürger und ihrer Interessen teilweise toleriert. Es mag in Berlin in Ordnung sein, Crystal Meth zu konsumieren, organisierte Drogenmafia als Partner zu betrachten, und die Polizei im Regen stehen zu lassen. Weite Teile des Landes haben aber andere Vorstellungen, ein anderes Verhältnis zur Exekutive und einfach nicht die Bereitschaft, ihre Heimat und ihre Wertvorstellungen zugunsten des Faustrechts krimineller Elemente, islamistischer Auswüchse und dreiste Forderungen aus der Türkei aufzugeben. Das ist der Kern des Konflikts. Sie finden ihre Lebensvorstellung richtig, und erwarten keine Debatten über Kinderehen, Sharia und Grundrechte besoffener Horden. Sie wollen das einfach nicht.

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Es wird vermutlich dazu kommen, dass manche Kulturrräume das bis zur Rechtsbeugung zulassen, und die anderen es mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln der Exekutive bekämpfen. Wenn es nicht einmal möglich ist, Einigkeit über den Kessel von Köln zu erzielen, wird es sie nicht geben. Das ist dann eben eine Grenze zwischen Kulturräumen. Der eine Kulturraum wird den Wasserwerfer rücksichtslos fahren lassen, der andere wird ihn einmotten. Die Nafris sind neoliberal, und sie gehen dorthin, wo Polizisten keine Helden sind, wenn sie das Recht durchsetzen. Das ist dann eben nicht mehr das Deutschland, das wir kennen, sondern ein uneinheitlicher Rechts- und Kulturraum mit regionalen Besonderheiten und Reisewarnungen. Wenn es einem wirklich um Integration von Migranten, das Miteinander und die Einigung auf die unabdingbaren Grenzen unseres verbindlichen Rechtsstaates ginge, damit sich Zuwanderer gemäß der Genfer Konvention verhalten, und deshalb gern akzeptiert und angenommen werden, müssten gerade die Befürworter von Migration für das Vorgehen der Polizei Silvester 2017 in Köln dankbar sein. Das Ergebnis hätte man im Sinne eines Zusammenhaltens vielleicht bei uns verkaufen können: Schaut her, es wird besser, wir tun was. Und gegenüber den Migranten: Wir setzen Grenzen jetzt durch.

Das hätte zu einer kleinen Heilung führen können. Das war aber nicht gewollt, und ob Frau Peter oder Herr Lauer in meinem Kulturraum gern gesehene Gäste wären, wage ich zu bezweifeln. Wie letztes Jahr wird nach Kräften umgedeutet, und die neuen Opfer sollen nun in etwa wie die Täter des letzten Jahres aussehen. Mein Kulturraum mag nicht den grossen Einfluss auf führende Medien haben, aber er hat ein langes Gehirn, Fackeln, Vorderlader, Geld, sehr viel Geld, und Mistgabeln. Die einen bekommen hier einen Schnaps, die anderen eine wirklich gute Chance, sich mit Arbeit zu integrieren, und die ganz anderen, wie sage ich das, in Bayern sagen wir “an Dreg im Schachterl“. Das wäre in einem Konstrukt wie der BRD eigentlich nicht die Wunschvorstellung, aber es läuft letztendlich auf eine harte Trennung hinaus, und auf harte Kämpfe zu deren Umsetzung.

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Wer übrigens wirklich etwas für Frauen, Migrantinnen und Grundrechte tun will, sollte sich mit dem sog. Prostitutionsschutzgesetz und seinen dreisten Eingriffen in die persönliche Freiheit und staatlichen Überwachungsbefugnissen beschäftigen. Das ist wirklich hart, und es geht dort um weit mehr als nur eine Polizeikontrolle, der man entgehen kann, wenn man einfach nicht hinein läuft.

04. Jan. 2017
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31. Dez. 2016
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Der süddeutsche Kulturkreis als Erklärung für soziale Nötigung

Om 30. Mai ist da Weidundagang, Leid fressds ois z´sam, mia lebm nimma lang.

Es ist der 30. Dezember. Man sollte in der Wohnung sitzen, fröstelnd auf das eisige Grau dort draussen blicken, und heissen Tee trinken. Ich trinke tatsächlich heissen Tee. Mit Zitrone. Das ist so ein Winterritual, das macht man eben so in dieser Jahreszeit: Der Winter sollte fruchtig schmecken, auch wenn es die feineren Noten des Tees zusammen mit dem Zucker erschlägt. Ich trinke also Tee mit Zitrone, aber genauso könnte ich einen Cocktail bekommen. Denn es ist der 30. Dezember, und ich sitze draußen im Sonnenschein, im bayerischen Oberland mit Blick auf die allenfalls leicht vom Schnee angetuckerten Berge. Ich sitze am 30. Dezember in einem randvollen Biergarten, trinke Tee und warte geruhsam auf das Essen.

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Es ist offensichtlich, dass der Mensch in den letzten 200 Jahren eine Entwicklung in Gang gesetzt hat, die unerwartete Folgen zeigt. Früher, als Kind, war ich um diese Zeit beim Skifahren. Auf echtem Schnee, der sich über das ganze Land erstreckte. Der Winter ergriff Besitz vom Berg und Tal, aber wir rutschen auf ihm herum. Wer den Winter heute finden will, muss auf die Gipfel des Mangfallgebirges. Dort, wo Wendelstein und Hirschberg aufhören, klammern sich seine Finger gerade noch fest. Hier unten auf dem Reuthberg ist der Spielplatz voll mit Kindern. Wie im Sommer.

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Irgendwo auf dieser schönen Welt wird eine Konferenz vorbereitet, auf der Politiker besprechen sollen, wie viel Urwald in Afrika gerodet werden darf, um den Hunger der Chinesen zu stillen, wie viele Verschmutzungsrechte nötig sind, um unsere Industrie nicht zu belästigen, und wie wir unsere Häuser in Styropor einpacken sollen. Das hier ist unser Beitrag: Statt in der geheizten Wohnung zu sitzen, sind wir an der frischen Luft und schauen in die Landschaft. Die Zutaten des Essens sind regional. Das ist doch schon ein Beitrag, würde man vielleicht sagen, machte man sich Gedanken, Bevor man weiter an den Tegernsee fährt und mehr Abgase als ein Somalier per pedes in einem Monat produziert.

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Aber die simple Wahrheit ist, dass man sich keine Gedanken macht. Man weiss, wie es auch sein könnte, eisig, mit einem bitterkalten Wind und einem Heimweg im Kriechgang über kaum sichtbare Strassen in einem grenzenlosen Weiss. Es ist falsch, so wie es jetzt ist, aber es fühlt sich richtig an, und so sitzt man hier und bestellt noch eine Dampfnudel mit Honig, früher ein Arme-Leute-Essen am fleischfreien Freitag, und heute eine deftige Spezialität, die man sich leisten können muss, wie all das hier. Unten funkeln nicht die schäbigsten Automobile des Landes. Es herrscht die Hoffnung, dass es ein milder Winter bleiben mag. Man hat sich damit abgefunden, dass Schnee selten wird. Die Leute kommen auch so zu uns, denn woanders laufen mehr Attentäter herum. Ich höre nur selten etwas von Reisen ans Rote Meer. Es renkt sich alles gut ein.

biergd

Zumindest auf diesem schmalen, sonnenüberfluteten Landstrich am Rande der Berge in einem der reichsten Länder der Welt, das reich ist, wenn man zu den Vermögenden gehört, und arm, wenn man nicht dazu gehört. Das hier ist trotzdem eine recht egalitäre Veranstaltung, dieser proppenvolle Biergarten, und weil wir hier alle egalitär vermögend sind, werden die Bedienungen importiert – sie haben zwei neue junge Damen, und sie kommen aus Brandenburg. Sehr freundlich, sehr nett, wie es sich gehört. Man könnte sich über wirklich vieles Gedanken machen, etwa, dass die Welt in sehr vielen Belangen sehr schief und ungerecht sein muss, dass es hier am 30. Dezember ein paar hundert Leuten so gut geht, umsorgt von blonden Brandenburgerinnen und runden Sächsinnen, und drunten kaum ein Parkplatz zu bekommen ist.

biergj

Aber man tut es nicht. Man tut es nicht in jenem Sinne, in dem niedrige Schichten etwas Ungehöriges tun, das man bei uns einfach nicht tut. Es ist kein Imperativ, das Nachdenken bleiben zu lassen. Es ist eine Nachlässigkeit, ein reichlich schuldloses Vergessen, ein Übersehen, das mit einem üppigen Trinkgeld ausgeglichen wird, damit zumindest hier das Leben wieder etwas gerechter wird. Weiter könnte man denken, aber man tut es nicht, und es hat hier auch niemand ein Handy dabei, um nachzuschauen, an welcher Ecke von der Welt der Planet jetzt wieder weiter in sein Verderben rutscht.

biergf

Das tut er zweifellos, und es mag sein, dass dann Riffe weissgebleicht sind, und hier wieder wie im Neolithikum Schildkröten leben, was mir persönlich trotz Klimawandels immer noch lieber als eine Aufsiedlung durch eine noch buntere Gesellschaft wäre. Sprachforscher in Hamburg machen sich Gedanken darüber, ob so eine Einstellung nicht gar unfreundlich ist, aber ich weiss aus eigenem Erleben, wie schwer schon die Zusammenführung von Klassen innerhalb eines Landes ist. Mir sind, ganz offen gesagt, die Reibungsverluste solcher Bemühungen zu hoch, wenn man zusätzlich noch die Grenzen aufgibt. Manche finden, wir müssten etwas abgeben, von unseren alten Privilegien und Vorstellungen. Nein. Warum auch.

biergg

Denn ich war vor drei Jahren in einem Städtchen, die der Familie von Giuseppe Tomasi di Lampedusa gehörte, jenes Schriftstellers, der an einer Stelle im Roman “Il Gattopardo“ sagen lässt: “Es muss sich alles ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist“. Den Spruch hält man uns immer vor. Der bitterarme Ort an der Südküste Siziliens ist aber bezeichnenderweise ein Beispiel dafür, dass sich wirklich alles geändert hat, und geblieben sind eigentlich nur der Zerfall alter Paläste und die Perspektivlosigkeit der Leute. Lampedusas Paradox ist an sich klug und in seinem scheinbaren Widerspruch auch liebenswert. Es wird aber heute von Mangelgebildeten benutzt, die im Gegensatz zu mir noch nie von einem ummauerten Luxusressort mit Privatstrand zu jenem bröckelnden Ort gefahren sind. Ich denke mir seitdem: Wenn schon alles vor die Hunde geht, dann bitte so, dass ich und Meinesgleichen dabei die besten Plätze behalten können.

biergh

Politisch Verfolgte geniessen Asyl, aber ich geniesse auch gern mein Dasein. Es ist erstaunlich, dass man heutzutage mit so einer Haltung fast schon zu einer revolutionären Avantgarde gehört, während ansonsten Empathie und Teilungssucht des Besitzes anderer Leute zwingende Unterwerfungsrituale unter eine Kultur der Achtsamkeit sind. Achtsamkeit ist für mich, dass ich mich an die Geschwindigkeit in Tempo-30-Zonen halte, weil das Oberland Ruhe und langsames Gleiten verdient. Achtsamkeit ist für mich, die Bedienung darauf hinzuweisen, wenn sie einen Espresso vergessen hat. Achtsamkeit für die ganze Welt ist mir zu viel verlangt. Die ganze Welt ist auch nicht gerade achtsam mir gegenüber, sonst gäbe es viel nettere Beiträge über Meinesgleichen, und ich müsste sie mir in diesem Blog nicht selbst schreiben. Zu all den anderen Belastungen, denn kaum komme ich am Tegernsee an, steht auch schon die Katze der Nachbarn vor der Tür und begehrt Einlass, Leckerlis und den besten Platz.

biergi

2017 wird die Welt noch nicht untergehen, aber sie wird rutschen. Es wird noch viele Texte geben, die Forderungen nach sozialerem Verhalten erheben und Einsicht in die Notwendigkeit des Abtretens verlangen, um jene Verteilungskämpfe zu entschärfen, von denen uns versprochen wurde, es würde sie nicht geben. Man könnte es sich aus Gründen der Nachsicht fast überlegen, aber geschrieben wird das von einem ganz bestimmten Typus Autor_Innen, mit dem man aufgrund seiner Häufigkeit, um es in der Sprache meiner Heimat zu sagen, d‘Sei fiadan kennt, der seine Wohnung bei den Steueroptimierern von Ikea mit Wegwerfmöbeln einrichtet und bei dem als Sexpartner eine gesetzeskonforme vorherige Einverständniserklärung wirklich ratsam erscheint, so es denn sein muss. Es sind die Finanzbeamten der Empathie, sie sind anarchistisch wie ein Stapel der Anlage V, und gut wie die Idee der klassenlosen Gesellschaft, in der jeder die gleichen 4m² und eine Reisschale hat. Das ist nichts für mich. Ich bitte also um Nachsicht, wenn ich im schönen neuen Jahr 2017 wieder recht viel schreiben werde, ohne dabei viel nachzudenken, was anderen und ihren überaus berechtigten Minderwertigkeitskomplexen zumutbar ist.

31. Dez. 2016
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28. Dez. 2016
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Unter Mistamseln und Dreckspatzen

A Sau bleibt a Sau, a wanns bei de Pfeadl afd Weid kimmt

Man kann nicht sagen, dass deutsche Medien im Jahr 2016 auf die obligatorische Geschichte zur Herbergssuche iu unserer Zeit verzichtet haben. 2015 machte man das im Zeichen der Migrationskrise unisono mit Flüchtlingen, 2016 dagegen wurde die transnationale Herbergssuche des Anis Amri thematisiert, die bekanntlich vor den Toren Mailands zu Ende ging. Vor diesem Hintergrund war das Thema schon belegt, und viele Kollegen fürchteten sich danach, über die Feiertage nach Hause zu fahren, und dort Meinungen zu hören, die ihnen nicht passen. Deshalb waren migrationsfreundliche Medien dieses Jahr voll mit Geschichten von Frauen, die sich am Bestseller “Rückkehr nach Reims” von Didier Eribon ein Beispiel nahmen und ihrer Vorahnung Ausdruck verliehen, daheim werde alles ganz schrecklich und die Verwandten würden Dinge sagen, für die man ihnen leider nicht Ex-Stasiletten, Schwesigs selbstgebaute NGO und antideutsche Antifa an den Hals hetzen kann, wie sie es sonst tun.

kina

Nun ist das mit dem Kopistenhandwerk immer so eine Sache: Eribons Buch ist wirklich gut, es ist dick, nachdenklich, geht in die Tiefe und hat dem Autor sicher ein angenehmes Vermögen beschert. Er hat es gewagt, genau hinzuschauen, niemand verurteilt, und ein Buch vorgelegt, das auch von verfeindeten politischen Lagern mit Erkenntnisgewinn gelesen werden kann. Wenn man sich so mit seiner Familie auseinander setzt, können einem die direkten Folgen vergleichsweise egal sein: Die Familie kann mit dieser behutsamen Analyse vermutlich gut umgehen, weil niemand explizit vorgeführt wurde. Sollte sich doch jemand aufregen, hat man es sich aber nur mit einer einzigen Person verdorben: Familien können solche Konflikte überdecken und schliessen, und Eribon wurde sicher gut bezahlt, wenn er in Talkshows auftrat. Als Thomas Mann es sich in prekärer finanzieller Lage mit den Buddenbrooks in seinen Lübecker Kreisen verscherzte, dauerte es mit dem Vergeben lang, ebenso hatte er zuerst Ärger mit Davos wegen des Zauberbergs: Hier heilte die Zeit alle Wunden. Bei Eribon kam die gesellschaftliche Anerkennung deutlich schneller.

Es ist also schick, sich mit nicht sonderlich akzeptierten Vorstellungen in der eigenen Sippe zu beschäftigen, mit einem leichten Grusel vor dem, was einem erst gar nicht erzählt wird, weil den in die grossen Städte entflohenen Kindern nicht sonderlich getraut wird. Wer weiss schon, ob sie in den Medien dann nicht über holocaustleugnende Tanten borderlinen, damit sie im Chor der Familienklageweiber dem Publikum besonders auffallen. Ausserdem darf ich einer feministischen Aktivistin, die bei der Prantlhausener Zeitung Männer routiniert hinterfragt, durchaus glauben, wenn sie zum schönsten Fest des Jahres den Aufruf verbreitet, gerade jetzt den Lieben mit ihrer Ideologie das Fest zu ruinieren. Das ist wie im Feminismus wie in jedem anderen Totalitarismus: Wer schon die eigene Sippe ideologisch bekämpft, wird auch keine Skrupel haben, andere der eigenen Heilsvorstellung zu opfern.

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Nun habe ich natürlich auch meine eigenen Heilsvorstellungen. Im Gegensatz zur Prantlhauserin sind sie jedoch nicht eine Erwartung des Heils für alle Menschen – wie ordinär – sondern selbstverständlich exklusiv. Meine Heilsvorstellung hat im Kern einen reichen und gebildeten Clan mit üppigen Besitztümern, der es beizeiten versteht, das Vermögen peu a peu an die eigenen Leute zu geben, und zwar so, dass der Staat nichts davon bekommt. Hier eine Wohnung, da ein Aktienpaket – schenken kann man legal einiges, was den Kindern später hilft, an der Spitze der Besitzpyramide zu bleiben. Der Median des Besitzes deutscher Haushalte – nicht Einzelpersonen! – liegt bei traurigen 60.000 Euro. Da will man nicht hin. Meine Heilsvorstellung liegt weit darüber, und ich denke gar nicht daran, irgendwelche Leser oder gar Kollegen zu bekehren: Es geht hier ganz allein um mein Heil, und das ist auf dieser Welt nur sehr begrenzt verfügbar.

Das ist auch der Grund, warum Sie, was lebendige oder im guten Andenken befindliche Verwandte angeht, von mir immer nur das Beste hören werden. Sie dürfen wissen, dass die bsuffa Kohlamone zu meinen Vorfahren gehörte, aber das gehört nach über 150 Jahren schon zum städtischen Legendenschatz. Ausserdem war Kohlenhandel damals durchaus ehrbar, und der Zuspruch zum Alkohol hätte sie zu einer echten Protofeministin ihrer Zeit gemacht, wenn sie nicht immer so gut gelaunt gewesen wäre. Sie dürfen wissen, dass mein Großvater mit dem Drilling zu Silvester den Nachbarn den Kamin vom Haus schoss, aber die Löcher sind längst verschwunden, und als Jäger hat man seine Privilegien. Sie dürfen auch wissen, dass manches Tier – angeblich überfahren – bei ihm auf dem Rücksitz lag, denn die Grenzen zwischen Jagdbesitzer und Wilddieb sind wie die Grenzen der Reviere volatil und das hier ist Bayern, da trägt es zum Ruhme der Familie bei. Die Beimischungen der familiären Bäckerei, die ihr Vermögen mit einem Exklusivvertrag bei einem verschwenderischen Militärbauvorhaben machte, sind auch verjährt, und so effektiv war damals die Kakerlakenbekämpfung im Mehltrog einfach nicht, dafür war das alles bio. Im Grossen und Ganzen jedoch wird mein Clan Ihnen immer als die prunkvolle Fassade erscheinen, die uns behagt – der Rest geht Sie gar nichts an.

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Denn ich will es mir mit niemandem verscherzen. Wenn ich anfangen würde, hier überkritisch und ohne Nachsicht über meine Familie so herzuziehen, wie es andere in Zeitungen und Internet tun, würde sich manch Gesicht verhärten. Einige würden sich fragen, wen man da mit Gunstbeweisen überhäufte, und ob es nicht besser wäre, die Tierheime der Region zu bedenken. Ich habe mindestens drei Einlassungen gelesen, da dachte ich mir das, was uns anerzogen wurde: Enterben. Unbedingt sofort enterben. Wer auch nur andeutungsweise die eigene Familie für das eigenen Vorankommen in einer derartig unterschichtigen Betätigung wie Medien diskreditiert, weil es zu einem anständigen Dasein nicht reicht: Enterben. Sofort. Total, Keine Gnade. Familie über alles. Bis es so weit ist: Gegendiskreditieren, indem die anderen Kinder mit Geschenken überhäuft werden, und das indiskrete Luder, das gescherte, 5 Jahre alte Schnapspralinen bekommt – wenn es dann wieder in seiner selbst gewählten Slum sitzt, werden die anderen mit Aktienpaketen bevorzugt, still und diskret, das geht ganz schnell bei uns, da hat der Clan viele Generationen Erfahrungen. Solidarität und Zuneigung sind keine Einbahnstrasse. Wer den Ruf einer Familie so wenig schätzt, dass er ihn für ein paar lumpige Euro oder Lacher bei Twitter verhökert, kann auch nicht mit weiterer Zuneigung rechnen. Das gilt schon bei untreuen Freunden – bei Familie dagegen ist strikteste Anwendung zwingend.

Wenn man sich schon über Leute und Familie aufregen will, dann nimmt man dafür anderer Leute soziale Missgeschicke. Verkommene Töchter, die ihre eigene Familie Medien bundesweit diskreditieren, sind hier ein ideales Opfer, um es am festlich geschmückten Tisch zu schlachten, und das habe ich natürlich auch prompt gemacht und Fälle – alle mit Namen und Hintergründen ihrer kriselnden Arbeitgeber – bei uns genannt. Außerdem habe ich es nicht bei der Beschreibung belassen – das wäre langweilig – sondern auch noch eine Theorie des Kulturkreises abgeleitet. Wir alle sind uns einig, dass man das nicht tut, wenn man nicht ernsthafte familienfinanzielle Folgen erdulden will. Kein Mensch von Anstand und Ehre würde das tun. Sollte es aber anders sein, muss es Gründe geben. Bei der Person könnte es sich um ein alternativ- und in der Folge charakterloses Einzelkind handeln, das tun kann, was es will, weil es ohnehin erben wird. Es könnte sich aber auch um jemanden handeln, die nichts zu verlieren hat, weil die Familie ebenfalls nichts hat. Dann sind solche Texte immer noch undankbar, aber kein finanzielles Risiko. Oder die Erziehung hat einfach versagt. Dann war es keine gute Familie.

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Man kann es also verstehen und angesichts der Ursachen, doch, wirklich, entschuldigen. Es gibt solche Familien. Das ist die Realität. Es ist möglich, die Familie öffentlich an den Pranger zu stellen. Aber Kontakt mit den betreffenden Personen würde ich mir gut überlegen. Ich sage nicht, dass unsereins im Umgang ganz anspruchslos und frei von allen Erwartungen ist – das sicher nicht, einen bis heute geldig wirksamen, juristisch aber verjährten Halsabschneider sollten Sie zwengs der Tradition schon in der Familie gehabt haben. Aber über die Familie sagen wir stets nur das Beste, und so soll es immer sein. Wer dagegen die eigenen Leute ausrichtet und anderen zum Frass vorwirft, wer bei Twitter verspricht, das eigene Blut zu belästigen – nun. Solche Leute haben keine Loyalität mit ihrem eigenen Ursprung. Es wäre daher erstaunlich, wenn sie die Loyalität im Umgang mit anderen entwickeln würden. Wer schon die eigenen Leute ausrichtet, wird bei Firmen, Geschäftspartnern, Freunden, Gatten und Kindern auch nicht zwingend diskreter sein. Früher achtete man beim Tee genau darauf, was jemand an Tratsch über seine Verwandten für einen billigen Lacher verbreitete, und sorgte dafür, dass solche liederlichen Frauenzimmer alte, einsame Jungfern blieben. Heute haben sie Twitter, und die Scheidungsquote ist hoch.

Wenn Sie aber das Herz einer steinreichen Schwiegermutter erobern wollen, nehmen Sie solche Auswüchse als Geschenk und beschweren Sie sich über solche illoyalen Leute, so wie ich das tue. Das Unglück anderer Häuser ist in unserem Heilsplan viel amüsanter als die eigene Gicht, kostenlos und, wenn man es geschickt und mit dem nötigen, bedauernden Kopfschütteln vorträgt, Ausweis vorzüglicher Seelenbildung. Ganz leise dürfen Sie dann auch mal “a so a Mistamsel, a gscheade” sagen, da sind wir nicht so, wir wissen als Dreckspatzen, wie das unter Mistamseln so ist, wir hören und erzählen viel davon, gerade jetzt um die Feiertage, und schütteln den Kopf, also nein, wirklich, wie können sie nur.

28. Dez. 2016
von Don Alphonso
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24. Dez. 2016
von Don Alphonso
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Coppa Parma in Zeiten des Terrors

Der Deutsche, bieder, fromm und stark, beschirmt die heil’ge Landesmark.
Die Wacht am Rhein

Nein, sagt sie, ich brauche nichts. Aber ein paar Kaminwurzen wären doch sicher nicht ganz falsch, oder, hake ich nach, und bekomme die Erlaubnis, welche mitzubringen, normale und Hirsch natürlich auch. Hirsch gibt es dort oft, droben am Ortler ist das Rotwild eine Landplage und muss reduziert werden, und deshalb gibt es im Vinschgau so viel Hirschfleisch. Coppa Parma wäre übrigens ein typisch italienisches Weihnachtsessen, lasse ich einfliessen und das, findet sie, reicht zusammen mit dem Speck und der Salsiccia picante, von der ich am besten zwei mitbringen soll, dann wirklich. Soll ich nicht noch, hebe ich an, werde aber darauf hingewiesen, dass sie das alles auch noch essen muss, und so schnell geht das nicht. Da gebe ich ihr mit Worten recht, verspreche hoch und heilig es dabei zu belassen, und schreibe in meinen Gedanken noch “Negroni” und “Bergsalami” auf die Einkaufsliste. Versprechen, hoch und speziell heilig, bringt bei Atheisten wenig.

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Denn obwohl der Tag gerade umkehrt, die schlimmste Finsternis vorüber ist und alles besser werden sollte, hat eine Visitation ihres Kühlschranks erhebliche Fehlbestände bei italienischen Spezialitäten ergeben, und zu allem sonstigen Elend dieser Tage machen der Hofladen im Moos, dem Waldinger seine Schmalzbäckerei und die Frau Dauer auf dem Wochenmarkt nunmehr Winterpause. Die dauert einen Monat, und wenn ich das nicht geschickt plane, muss ich in den Supermarkt und bei minderwertigen Waren zuschauen, wie sich die Jugend mit TK-Pizza, Fertigsuppe und Wodka eindeckt. Das ist wiederum Gift für meine seelische Gesundheit und führt zu unausgeglichenen Beiträgen, weshalb ich an den sonnigen Tegernsee gefahren bin, um wie Hannibal den Alpenhauptkamm zu überqueren und dortselbst zu plündern und zu brandschatzen.

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Nachdem ich dieses Jahr aber schon oft den Brenner passiert habe, fahre ich über den Achensee und den Reschenpass nach Glurns. Das ist ein kleiner Ort ganz hinten im Vinschgau, mit einem berühmten Marillenkuchen und einer kleinen, aber sehr gute Metzgerei, die vermutlich auch schon so aussah, als man befürchtete, Terroristen der RAF könnten hier auf ihrem Weg zu ihren Kollegen der Roten Brigarden in Mailand vorbei kommen. Damals, ich kann mich noch erinnern, waren Weihnachtsmärkte Weihnachtsmärkte, Grenzen Grenzen und Carabinieri hatten Maschinenpistolen umhängen, was als völlig normal galt: Es waren schlimme Zeiten in Italien mit rotem und rechten Terror, aber Glurns sieht noch aus wie in meiner Kindheit, und die Metzgerei auch. Aber davor biege ich noch, solange es hell ist, rechts ab.

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Und besuche ein Weltkulturerbe der Menschheit. Hier hinten, in diesem abgelegenen Tal, gibt es drei der bedeutendsten karolingischen Wandmalereien: St. Prokulus in Naturns, St. Benedikt in Mals und St. Johann in Müstair. St. Johann wiederum ist in seiner Grösse und Pracht das beste Beispielt für den spätantiken Glanz in der Zeit von Karl, den manche den Grossen nennen. Und über den man geteilter Meinung sein kann: Ich privat denke eher, dass das fränkische Reich mehr der letzte zynische Aasgeier und weniger die Fortschreibung der Antike gewesen ist – und es ist auch kein Wunder, dass sich eine Konstruktion wie die Brüsseler EU gern auf so einen Despoten und Schlächter als Vordenker der Einigung Europas beruft. Das ändert natürlich nichts an der kunstgeschichtlichen Bedeutung von Müstair, und wenn man den Kirchenraum betritt – und sich die kitschige gotische Decke wegdenkt – verschwinden 1240 Jahre, und man sieht in diesem vergessenen Zipfel von Graubünden, was im frühen Mittelalter die Besucher sicher beeindruckt hat.

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Nun komme ich viel herum und sehe häufig bedeutende Denkmäler. Es gibt einige, die massiv und modern gesichert sind, und in denen dauernd jemand aufpasst, damit man nichts anstellt. Und es gibt andere, speziell jetzt im Winter, da sitzt irgendwo in einem Holzverschlag ein ältlicher Wächter und geht hinaus, wenn er bemerkt, dass man verbotenerweise photographieren will. Müstair ist einzigartig, man sieht dort etwas von einer Kultur, die man ansonsten nur schwer fassen kann, und es ist gross, beeindruckend, farbenprächtig und so, als wäre man inmitten eines jener karolingischen Prachtcodices aus Mondsee. In die Kirche führt eine kleine Doppeltür. Man macht die eine Tür auf und dann die andere, und schon ist man drin. Allein. Völlig allein, niemand ist da, kein anderer Besucher und kein Wärter. Ich bin hier öfters, ich weiss, wo man selbst das Licht einschaltet.

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Inzwischen haben sie Malereifragmente, die früher in Zürich im Museum ausgestellt wurden, zurückgebracht. Sie sind an der Stirnseite aufgehängt, und so spart man sich jetzt, wenn man alles sehen will, die Reise über den Alpenhauptkamm, vorbei an St. Gallen und hoch nach Davos, bevor es über die Einöde am Ofenpass hinunter in dieses kleine Val Müstair geht, das eigentlich geographisch Teil des Vinschgaus ist. Es ist eben etwas abgelegen hier, es kommen nicht viele Menschen durch, und ich bin, wie gesagt, ganz allein hier drinnen. Niemand macht sich Sorgen. Man lässt mich mit meinen Gedanken und meiner Bewunderung für die Kunst des Jahres 775 allein.

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Es wäre vielleicht anders, wenn die Seite, von der das Tal leicht zugänglich wäre, offen wäre. Das ist die Südtiroler Seite, und von dort aus kann man entweder über das Stilfser Joch fahren, wo all die Hirsche auf die Verwurstung warten. Oder durch das Tal. Da ist aber erst eine italienische Grenzstation, an der man halten muss, und 10 Meter weiter eine Schweizer Grenzstation, an der man ebenfalls halten muss. An beiden Stationen muss man seinen Pass vorzeigen. Wenn man hinein will, und wenn man wieder hinaus will. Gleich dahinter ist das Kloster St. Johann. In so einer Lage, mit der Kaserne nebenan und bewaffneter Polizei und Passkontrolle, kann man so ein Denkmal schon offen stehen lassen. Als ich im Frühjahr in Pisa war, standen dort überall Bewaffnete und Anti-Terror-Fahrzeuge.

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Ich will das nicht beurteilen. Es gibt einen gewissen Bedarf an Sicherheit, und irgendwo muss man den gewährleisten. Ich bin angesichts der gerade laufenden Flucht von Anis Amri überrascht, dass ich weder am Achenpass noch am Reschenpass Polizei gesehen habe. Amri kann, das wissen wir jetzt, offensichtlich ungehindert zumindest eine Grenze zu Frankreich und dann sicher die Grenze zu Italien überwinden, bis er bei einer Routinekontrolle erschossen wird. Irgendwann gibt es schon Sicherheit, wenn der Zufall in einem Industrievorort von Mailand mitspielt, zum Beispiel, oder eben nicht, wie auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Hier in Müstair hat man möglicherweise, sicher sogar, elektronische Überwachung im Kirchenraum, aber man kann einfach kommen, verweilen und gehen. Sofern man einreisen durfte. Daheim in Deutschland müssen Polizisten Weihnachtsfeiern kürzen, weil sie bei den Christmetten Präsenz zeigen.

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Ich bin Historiker. Ich glaube nicht an Heilspläne, weder durch eine Religion noch durch irgendwelche historische Zwangsläufigkeit, egal ob durch Klasse im Stalinismus, Blut und Boden wie im Faschismus oder die Auflösung von Saaten und Völkern durch Migration, was in der Ausführung der deutschen Willkommenskultur Elemente der anderen ideologischen Vorstellungen enthält – zum Bespiel ähneln unsere Erlösung versprechenden Betonblöcke christlichen Hochgräbern, russischem Konstruktivismus und der Siegfriedlinie gleichermassen. Ich glaube, dass der Abstand zwischen den menschlichen Möglichkeiten und dem menschlichen Versagen immer recht gross ist: Die Existenz des Abstands ist eine Konstante, ihr Umfang jedoch ist eine Variable, und Geschichtsschreibung besteht darin, ihre meist phänomenale Grösse zu ermessen. Es gibt Künstler, die an Wände Engel malen, den den Menschen aus dem Paradies vertreiben, und Salome, die Tochter des Herodes, die den Kopf von Johannes abschlagen lässt. Es gibt Leute, die an neu aufgestellte Betonblöcke “Danke Merkel” malen und andere, die auf Mobiltelefonen Hinrichtungen betrachten.

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Ich komme öfters angesichts von Kunst zur Ruhe, aber diesmal bleibe ich nicht lang, und fahre über die Grenze, meinen nicht gefälschten Reisepass vorzeigend, um in Glurns einzukaufen. Coppa Parma, Kaminwurzeln, Spinatknödel, Bergkäse, Dinkelnudeln, Wacholderkäse. Was man eben für einen langen Winter in den Bergen braucht, die sehr abgelegen sind, ganz natürliche Grenzen bilden, und von Menschen bewohnt werden, die angesichts ihrer Heimat so etwas wie Stolz und Achtung empfinden.

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So ist das also. Man muss nehmen, was man kriegen kann, solange es noch etwas gibt, und man dazu die Möglichkeit hat, in dieser besten aller möglichen Welten, die davon ausgeht, dass zu Weihnachten allerhand unschöne Meldungen untergehen, wie:

Die Hälfte aller Deutschen mit gesetzlicher Rente lauft auf die Grundsicherung im Alter zu, und es ist unklar, ob es dann noch Pfandflaschen geben wird, die man sammeln kann.

Die Neuigkeiten zu denen, „die noch nicht so lang hier sind“, entsprechen nicht der 2015er Hoffnung bei Zeit, SZ und Bundesregierung, sie könnten dereinst maßgeblich zu dieser Mindestsicherung beitragen.

Und der Median der deutschen Vermögen pro Haushalt ist sehr niedrig und profitiert auch nicht vom Immobilienboom, denn der erreicht zu wenige, um den Schnitt so zu heben, dass die Zahlen schön aussehen. Schön werden sie erst, wenn man Leute aus meiner Schicht und ihr durch den Wohnungsmangel gestiegenes Vermögen mit einrechnet – aber das sind nur Zahlen und ändert nichts an den realen Verhältnissen zwischen Oben und Unten. Und denen, die dafür zahlen.

Frohe Weihnachten, lieb Vaterland, magst ruhig sein, denn Ruhe ist weiterhin erste Bürgerpflicht.

24. Dez. 2016
von Don Alphonso
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21. Dez. 2016
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Die unbestreitbaren Vorzüge einer geschlossenen Gesellschaft

I hear the sound of a gentle word
On the wind that lifts her perfume through the air
Beach Boys, Good Vibrations

Frauen, sagt man, machen sich dauernd darüber Gedanken, was Männer von ihnen denken. Ich habe noch keinen Gedanken daran verschwendet, was Frauen oder generell, andere Menschen von mir denken, denn ich bin ein Mann. Männer denken nicht so, sie nehmen, was sie kriegen können, und mit dem Rest sollen sich andere herumschlagen. Es ist mir völlig egal, ob eine Frau sexuelle Phantasien mit mir hat, und jetzt, wo es so weit ist, kann ich nur den Kopf schütteln: Es handelt sich weniger um die Art Frau, an der ich ein Interesse haben würde, sozial bewegt und auch sonst von der Erscheinung her eher unmondän, und sie träumt davon – nun, nicht es mit mir zu treiben, sondern mich aus meinem Haus zu treiben. Anlass ist der Umstand, dass ich einem leicht übergewichtigen und notorisch übel gelaunten Mann den Start in den dritten Staatsdienst nach Uni und Stasi versaut habe. Es ist durchaus verständlich, danach von mir zu träumen, denn ich bin schlanker, sportlich und werde hier nicht zurücktreten müssen – als Kunstfigur ist es im Gegensatz zur SED nachgerade unerlässlich, falsche Angaben zur eigenen Geschichte zu machen. Nur die Vorstellung, mich aus meinen angestammten Gemäuern zu jagen – naja.

kugd

Also, das wurde mir heute jedenfalls zugetragen, per Mail, als ich gerade einkaufen war. Wir haben aus Gründen, die Sie nichts angehen, aber für mich sehr erfreulich sind, einen gewissen Bedarf an weiterem Weihnachtsschmuck, und das Schöne an meiner Heimatstadt ist, dass man damit auch die hiesige Queerszene fördern kann: Die prächtigsten und alles andere als günstigen Kugeln haben sie schwulen Friseure, die zu diesem Anlass das ganze Erdgeschoss ihres Ladens in ein Glitzerparadies für Besserverdienende umgebaut haben. Wir nahmen einen Korb und dann noch einen Korb und ich fragte, ob ich auch mit Karte zahlen könnte, aber als die Tüten bis zum Rand gepackt waren, merkte ich, dass ich auch problemlos bar zahlen konnte. Unterdessen wies mich jemand per Mail auf den Wunsch meiner Austreibung hin.

kugb

Die Kugeln sind so überzogen, man muss sie einfach lieb, wo war ich, ach so, ja, also, jedenfalls: Es liegt mir fern, die betreffende Dame mit dem unzüchtigen Traum hier öffentlich wie diese Grün-SED2.0erin vorzuführen und vielleicht auch noch aus ihrem Account Bilder zu zerren, auf denen man eine Ahnung von ihren beengten Wohnverhältnissen bekommt, denn das wäre nicht charmant. Aber etwas anderes ging mir durch den Kopf, als ich die Kugeln an meine diversen, achtflammigen, mit Wolframdraht die Polkappen schmelzenden Kronleuchter hing: Es ist mal wieder typisch für Niedrigunwohlgeborene, dass sie ernsthaft glauben, mit so einer Enteignung sei es getan.

kugf

Das wünscht sich nämlich eine, die schon einmal darüber geklagt hat, die Nebenkostenrechnung belaste sie sehr. Vermutlich projiziert sie ihre Angst, irgendwann auf der Strasse zu stehen, auf mich: die Angst in ihr ist stark, es ist eine ganz schlimme Vorstellung, und sie möchte sie jemandem anheften, den sie nicht schätzt. Das Problem an der Sache ist, dass so eine üppige Immobilie nur ein sichtbarer Ausdruck jener Klassengesellschaft ist, die sie immer nur von unten erleben wird. Ich finde das gar nicht so entscheidend. Entscheidend ist es, eine oder zwei Tüten Kugeln kaufen zu können, und noch zweimal unter dem Gelächter der Friseure umzudrehen, um noch weitere zu nehmen, ohne sich deshalb Gedanken über die Auswirkungen auf das Konto zu machen. Ich kannte in Berlin Leute, die Angst davor hatten, die EC-Karte könnte vom Geldautomaten eingezogen werden: Das ist nicht das Gefühl, in dem ich aufgewachsen bin. Ich bin mit dem Gefühl gross geworden, dass man nicht prassen soll, aber dass man sich durchaus etwas leisten kann. Es gab in meiner Familie keine Angst, irgendwann vor dem Nichts zu stehen. Es gab nur die Frage, wie sich wohl das nächste Jahr entwickeln möchte.

kuge

Ich hatte, was die Zukunft anging, eine sorgen- und angstfreie Jugend. Wie alle in unserem Viertel, in dem die Ehen vorbildlich hielten und man wollte, dass die Kinder es einmal noch besser haben. Wenn man mich fragen würde, was das Charakteristikum des Aufwachsens in besseren Kreisen ist, würde ich nicht über das Vermögen reden, sondern über die Freiheit von Angst. Über Zuversicht. Über das Vertrauen, dass sich schon alles finden wird. Das Vertrauen mag völlig überzogen sein, und manchmal lässt einen das Schicksal spüren, dass man sich auf dünnem Eis bewegt: Aber manche Sorgen, die für andere eine tägliche Erfahrung sind, lernt man einfach nicht kennen. Es gibt viele arme Journalisten, die in schwierigen Verhältnissen leben. Ich habe mich bei der FAZ noch nicht einmal selbst beworben. Als ich nach Frankfurt eingeladen wurde, fand ich das richtig, kaufte unterwegs Torte bei Schloss Pommersfelden, und alles fügte sich.

kugg

Mir ist völlig klar, dass es die falsche Haltung gegen das Leben und das unerbittliche Schicksal ist. Unsereins müsste sich viel mehr Sorgen machen, statt im Glanze des Daseins wie eine Christbaumkugel zu funkeln. Wir sind alle gleich zerbrechlich, wenn wir fallen, aber manche wissen genau, wie das ist, und haben Angst. Panische Angst. Angst, die Post zu öffnen, bei unbekannten Nummern ans Telefon zu gehen, Angst vor dem Morgen und dem, was sein wird, wenn sie einmal alt sind. Mir verdirbt die Ansicht von Rentnern, die Flaschen sammeln, den Tag, weil dieser Staat sie so verächtlich behandelt und Milliarden für eine gescheiterte Banken- und Migrationspolitik verpulvert. Es sollte so nicht sein. So geht man mit alten Menschen nicht um. Für viele andere ist es etwas, das ihnen tatsächlich droht. So ein Dasein als flatterhafter Ausprobierer muss man sich wirklich leisten können: Ich kann das. Bei den anderen kommt das dicke Ende, wenn sie von anderen flatterhaften Ausprobierern verdrängt werden. Meine Augen tränen vom herab fallenden Glitzer der Kugeln. Die Augen der anderen sind dauernd voller Verzweiflung.

kugc

Verlässt man die eigenen Viertel und lernt man solche Menschen kennen, sollte man besser vorsichtig sein, und die eigene Zuversicht mit Tarnsorgen überdecken. Meine Erfahrung ist, dass sehr viele Menschen mit notorischen Ängsten enorme Probleme mit jenen haben, die kein Wässerchen trüben können. Das mündet oft in Aggressionen, und solche hols-der-Teufel-Kugelorgien würde ich wirklich nur machen, wenn ich genau weiss, die Partner sind das gewöhnt und können damit umgehen. Ansonsten vertuscht man die grenzenlose Zuversicht und die Überzeugung der eigenen Vorbestimmtheit für das bessere Dasein, oder man riskiert eben, dass andere nicht das emotionale Instrumentarium haben, damit umzugehen. “Normale” Menschen verstehen nicht, was andere depressiv macht, und genauso denken sie, dass in meinen Kreisen irgendwo ein ganz dicker Haken sein müsste. Den dicken Haken, glauben sie, gibt es doch immer. Und dann gibt es doch nur einen Haken für die Samtbänder der roten Glitzerkugeln.

kuga

Das ist alles noch kein Schicksalsschlag, pflegte meine Grossmutter bei den kleinen, unvermeidlichen Haken des Daseins zu sagen, und ich plappere das gedankenlos nach. Es gibt welche, die das einsehen, und welche, deren Probleme und Ängste ich damit falsch einschätze – die explodieren dann. Die ertragen das nicht, für die bin ich und diese ganze Haltung eine Herausforderung, eine Zumutung, eine Verhöhnung, und erstaunlicherweise gar kein gut gelauntes Geschenk Gottes. Wir sind nach Schicksalsschlägen schneller wieder obenauf, kleine Niederlagen sind uns egal, wir segeln über die Riffe frohgemut hinweg und glauben, auch mit einem Leck noch in den Hafen zu gelangen. Alle in meiner Familie sind sicher, dass die mit dem leeren Tank noch 200 Kilometer weit kommen, nur ganz selten bleiben wir liegen, und dann ist in der Nähe meist ein Schloss oder ein schönes Gasthaus, und die Landschaft ist prächtig. Sorgen macht man sich erst dann, wenn es soweit ist. Das ist eindeutig eine Fehleinschätzung der Realität und ein Charakterfehler, aber letztendlich lebt man damit gut, während andere schon von Sorgen gepeinigt sind, ohne dass es nötig wäre. Natürlich kann man materiellen Besitz auch verlieren, vorletztes Jahr wäre hier beinahe eine Gastherme explodiert. Aber diese grundlegende Zuversicht, die wurde uns so anerzogen, und sie ist ein grosses, wirklich grosses Geschenk, das einem kein Neider nehmen kann. Mir tun Flaschensammler trotzdem leid, und die Kinder von Paaren, die sich ohne echte Not, nur aus Dummheit und Arroganz trennen, wegen Selbstverwirklichung und Unlúst, die Zähne zusammen zu beissen. Es wird schwer für diese Kinder, Teil jener Gesellschaft zu werden, die für Sorgen und Ängste so gut wie möglich geschlossen wird.

Schlucken, sagte meine Grossmutter immer. Schlucken. Und sie hatte besonders zu Festen damit wie immer recht. Also, schlucken Sie die kommenden Tage, auf dass auch ihre Gesellschaft für Unschönes geschlossen bleibt.

21. Dez. 2016
von Don Alphonso
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16. Dez. 2016
von Don Alphonso
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Der Trump in mir ist stark

Jugend, du bist die Sonne um acht Uhr am Morgen.
Mao

Am Ausgang der Kurve steht der Tacho bei 90, der Motor brüllt, und ich wechsle sofort auf die dritte Spur. Dort angekommen, dreht der Motor schon mit 6000 Umdrehungen und beschleunigt den Wagen immer noch, 180, 200, 210, und das reicht dann auch. Ich könnte sagen, dass ich es eilig habe und ein wichtiger Termin in München ansteht, aber die Wahrheit ist, dass ich nicht ganz ungern schnell fahre. Ich gehöre zur letzten Generation, die noch nicht von Anfang an abgeriegelt und vom Leitsystem auf Richtgeschwindigkeit gedrosselt wird, Das überwachte Übel der Moderne beginnt erst in der Holledau. Davor darf man noch. Davor sagt einem keiner, was richtig ist und falsch. Der schwarze Wagen bohrt sich durch die frühe Nacht, auf dem Lack funkelt der Vollmond, und natürlich lügt Mercedes mit dem Normverbrauch. Deshalb hat man ja einen. Und schon erscheint in der Schotterebene das schöne Münchem, die Weltstadt mit Herz und vielen hässlichen Neubaubüros im Norden, die oft noch erleuchtet sind.

muca

Weil dort Menschen lange arbeiten müssen, um sich die Miete leisten zu können. Die jungen Menschen sitzen in den Büros, die Älteren im Wagen und rollen die Leopoldstrasse hinunter, und dann in die Maxvorstadt, um sich zu treffen. Sie alle haben hier Besitz in einer grossen Wohnanlage, 70 Parteien an der Museumsmeile der Stadt, und wenn ich ehrlich bin und mit meinen anderen Wohnorten vergleiche, mit einem in jeder Hinsicht hässlichen Blick nach draußen. Wie habe ich das früher nur ausgehalten? Trotzdem ist es eine der teuersten Lagen des Landes, und wer hier heute Abend mitreden darf, hat über die kleinste Wohnung allein schon mehr Vermögen als 90% der Deutschen. So ungerecht ist das hierzulande, die einen besitzen und die anderen mieten, aber darum soll es heute nicht gehen. Heute wird geplant, was die Besitzer mit ihrer Anlage tun, und nebenbei hört man auch, welcher kleine Tycoon sich von welchen Erben anderer Bewohner welche Wohnung zusätzlich gesichert hat. Manche wohnen noch dort, aber viele sind ausgeflogen, und in meinem Tegernseer Räuberzivil könnte ich der Biowaldschrat unter vielen Städtern sein. Aber es wird anders kommen.

Hausbesitzerversammlungen in München sind immer etwas nüchterner und anonymer als Hausbesitzerversammlungen am Tegernsee, und die Werte, um die es geht, spiegeln sich nicht im schmucklosen Ambiente wieder. Am Tegernsee sitzt man in einer Zirbelholzstube, und es wird geredet. In München sitzt man in einem weissen Saal, und jemand hat sogar eine Powerpointpräsentation dabei. Der Umweltgedanke in ihm, der eine Wohnung neu erwarb, ist stark, und er hat Messungen vornehmen lassen. 4 mal so hoch wie in anderen, nach innen liegenden Räumen sei der Energieverbrauch im Zimmer an den Aussenwänden. Ja, aud den Quadratmeter umgerechnet sei der Verbrauch sogar 10 mal, 10 mal so hoch. Betont er.

mucb

Und deshalb blickt er erwartungsvoll Top 12 entgegen, bei dem es nicht nur um einen neuen Verputz seiner offen gesagt maroden Aussenmauer geht, sondern gleich um eine einschneidende Massnahme, die uns noch Jahre beschäftigen wird. Top 12 ist die energetische Sanierung des Gebäudes, mit neuen Fenstern, neuem Dach, neuen Dachgauben, neuem Anstrich und darunter natürlich – Hartschaum. Warmer, isolierender, von der Dämmstoffindustrie empfohlener und gesetzlich geregelter Hartschaum. Wer mehr als 20% einer Fassade erneuert, muss sie gleich komplett dämmen. So sind die Vorschriften, und außerdem geht es um die Umwelt, wir wollen doch sicher alle nicht, dass die Pole schmelzen und Hamburg untergeht. Deshalb auch die neuen Fenster, nachdem die alten Fenster gerade mal 20 Jahre alt sind: Das muss alles aufeinander abgestimmt sein.

Und natürlich muss die Hausgemeinschaft das alles zahlen. Auch die Aufzüge wären zu machen, die Beleuchtung im Gang, die Abwasserrohre und was halt so beim Nachkriegsbau – aber Bestlage! – so anfällt. Im ersten Schritt wäre das alles ein niedriger einstelliger Millionenbetrag, der alle Rücklagen auffrisst und deshalb gestreckt werden soll. Erst die Dämmung und das Dach, alles andere später, bezahlt von den Rücklagen, die schon beim ersten Schritt weg sind. Dazu gehen die neu dazu kommenden Rücklagen der nächsten zwei Jahre drauf. Und noch eine Umlage, in die jeder, abhängig von seinen Quadratmetern, sein Sonderopfer tun soll. Stark soll die Macht der Dämmung in uns sein, an die Heizkosten sollen wir denken und an die Zukunft des Planeten. So eine Art grünes Winterhilfswerk.

mucd

Junge Leute unter 50 können sich solche Wohnungen in aller Regel nur leisten, wenn sie Berufskinder sind, und davon sind gerade nur drei im Saal. Für uns, die wir im Gegensatz zu den Alten sicher noch 40, 50 Jahre vor uns haben, ist die Bewahrung der Schöpfung natürlich wichtig, und es meldet sich dann die Wohnanlagenschönheit meiner Jugend, die wohl irgendwas mit Jura macht und die Wohnung von ihren Eltern überschrieben bekam, nehme ich an. Lang und breit haben die Alten davor abgewägt, wir teuer es werden darf und was alles getan werden muss, wo man vielleicht am schlimmsten Brocken, der Dämmstoff-Dreiviertelmillion, etwas abknapsen könnte. Es meldet sich dann also das die Schönheit, die auch heute noch heiß ist, hebt die kecke Nase und tut Unerhörtes. Sie widerspricht den Alten. Sie hält Dämmung für kompletten Unsinn, das sei nur eine Masche der Politik, es gäbe da jede Menge Nachteile und Schimmel, und deshalb würde sie gern darüber abstimmen, ob man das überhaupt haben will. So. Die Überzeugung ist stark in ihr, und kaum hat sie geendet, meldet sich ein anderer Junger.

Der andere Junge nun hebt an, dass er das alles bei den Nachbargebäuden am Tegernsee erlebt hat, wo man meinte, so etwas machen zu müssen, und sich die ältere Bausubstanz nicht mit den Dämmplatten vertragen hätte. An der Westseite hätte sich im Winter dann Wasser hinter der Dämmung gesammelt, die durch einen Riss eingedrungen sei. Das werde alles noch ganz schlimm und teuer, sagt der jüngere Mann. Seine andere Immobilie sei Denkmalschutz, Baujahr 1600, die sei halt, wie sie sei, und es gäbe da weder ein Problem mit Schimmel noch ein Drama wegen der Entlüftung. Woanders in der Altstadt wurde das gemacht, und die ersten Probleme seien nach einem, ei-nem Jahr Ausrufezeichen gekommen. Am Tegernsee hätte die Isolierung übrigens auch nicht messbar zu sinkenden Heizkosten beigetragen.

Wrumms.

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Schnipp schnipp schnipp macht die Dame im Louis-Vuitton-Mantel vor dem Tegernseer, der scheinbar überraschende Ähnlichkeiten mit mir hat, und den ich sonst gar nicht so apodiktisch kenne, schnipp schnipp schnipp, also, sie möchte dem Herrn vom Tegernsee beipflichten, sagt sie, auch bei einer ihrer Immobilien sei das gemacht worden und es ging schief, und müsste denn überhaupt so eine Isolierung zwingend sein? Nun, man könnte natürlich auch anders, aber dann ist es halt nicht energetisch, erklärt der leicht verzweifelt wirkende Hausverwalter, für den die ganze Debatte nun wieder bei Null beginnt. Denn stark ist der klimatische Trump in uns, und weitere melden sich und sagen, also, wenn es nicht sein muss, dann will man das auch nicht. Abstimmung, Abstimmung! Stark, sehr stark ist der Trump in allen, die Dämmplatten werden abgelehnt, und gemacht wird jetzt das Dach. Der Rest wird ausgebessert. Ich muss mich noch nicht mal erneut melden und sagen, Armut sei der beste Denkmalschutz. Statt dessen denke ich mir: Von den reichen Leuten kann man das Sparen lernen. Und von ihren heissen Töchtern das schlechte, vorlaute, aufmüpfige Benehmen.

So ist das also. Wie bekommen ein neues Dach und müssen keine Miete erhöhen, damit wegen der Umlage auch die Rendite weiter stimmt. Wir konnen das einfach tun, damit wir reicher werden, oder bleiben lassen, weil es ohnehin teuer genug ist. So schlimm ist das mit dem Heizen ohnehin nicht mehr. Es ist Mitte Dezember und das Thermometer im Wagen zeigte in der Nacht 7 Grad plus. Ausserdem sind Brennstoffe gerade billig. München liegt 519 Meter über dem Meeresspiegel und war im Winter wegen der Nähe der Alpen oft kalt: Jetzt ist es wärmer, und so hoch kommt das Meer nicht. Es wird Hamburg unbewohnbar machen, aber war das je bewohnbar? Ich weiss es nicht. Ich weiss aber, dass ich betonte, die gesamte Energiebilanz müsste natürlich auch die Verpackung und die spätere Entsorgung derselben berücksichtigen – im Prinzip ist es energetisch in einer Lage wie der unseren ein Nullsummenspiel.

mucc

Das hätte es vor ein paar Jahren nicht gegeben, das war man klimaunskeptisch und tat, was die Politik empfohlen hat. Das war jetzt schon meine zweite Versammlung in diesem Jahr, die die Idee einer Verpackung so abschmetterte, dass sie so schnell nicht wieder kommt, und es ist immer das Gleiche: Irgendwann fragt jemand, ob es sein muss, und wenn sich herausstellt, dass dem nicht so ist – dann wird es knallhart abgelehnt. Dafür gehen wir am Tegernsee klimaneutral wandern und besuchen in München die Museen, statt wie andere Modernisten die Häuser zu verpacken und kurze Strecken zu fliegen. Alle regen sich über Donald Trump und seine Einstellung zum Klimaprotokoll ab Januar auf – aber hier bei uns, in einer dunklen Dezembernacht, wird jetzt schon der Konsens aufgekündigt, den das hiesigen Dämmplattenregime für uns verkünden möchte. Stark ist der Trump in uns, und der Stadtrat muss sich etwas anderes einfallen lassen, um seine ambitionierten Klimaziele zu erreichen.

Nach Hause fahre ich dann deutlich langsamer und verbrauche sogar weniger als 10 Liter auf 100 Kilometer, bevor ich mein seit 416 Jahren nur von meterdicken Mauern gedämmtes Baudenkmal erreiche, errichtet von der Gesellschaft Jesu, die eine gescheiterte Dämmung am Tegernsee sogar erfunden hätte, um mit der frommen Unwahrheit eine Dämmung in München zu verhindern. Stark ist der Trump in uns, denn er ist alt wie die Sünde, unsterblich wie die Lüge, und deutlich unsinkbarer als Hamburg.

16. Dez. 2016
von Don Alphonso
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14. Dez. 2016
von Don Alphonso
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Auch nach Freiburg keine Stimme für die AfD

Zersetzung
Ein Journalist der Berliner Zeitung über meine Arbeit

Also, ich werde die AfD ganz sicher nicht wählen. Das ist einfach zu erklären. Ich lehne ihr Programm ab, und ich habe keine Kinder, bin nicht von Hartz IV betroffen, und auch nicht von Minijobs. Ich wähle übrigens auch nicht die FDP, einfach aus reinem Klientelgefühl heraus: Ich bin schon oben und habe etwas gegen Leute, die der Meinung sind, Klasse könnte man sich erarbeiten. Es gibt schon zu viele reiche Nichtsnutze ohne Manieren, als dass man sich von der FDP neue aus der Unterschicht importieren lassen müsste. Es passiert, aber ich wähle das nicht.

freia

Zurück zur AfD. Ich bin auf der Sonnenseite des Lebens und weiß, dass man die große Politik nicht ändern kann. Wir können Einfluss auf kleine Aspekte nehmen, die uns nicht gefallen, wir können Druck bei der Stadt machen, dass wir den Straßenbelag unserer Wahl bekommen, dass Autos langsam vorbeifahren müssen und der polizeiliche Schutz unserer Viertel besonders gut ist. Geht ein Atomkraftwerk in die Luft, leiden wir alle gleich. Gibt die Kanzlerin die Grenze auf, lädt sie alles und jeden ein, hier ihr freundliches Gesicht zu sehen, können wir darauf hinwirken, dass die Heime am entgegengesetzten Ende der Stadt gebaut werden. Das ist so üblich, dass es bei uns gemacht wurde, ohne dass jemand überhaupt darum bitten musste.

Ich kenne zufällig eine Tankstellenangestellte auf dem Weg hinaus zu jenem Gelände, auf dem die Container stehen. Früher war das eine ruhige Ecke der Stadt, denn dort ist ein Gewerbegebiet, in dem nach 8 Uhr nicht mehr viel passiert. Seitdem dort die Container stehen, kommt fast täglich die Polizei vorbei. Mit Vollgas und Blaulicht. Sie hat auch mit Flüchtlingen zu tun und ein gewisses Verständnis für deren Lage, aber trotzdem wurde massiv aufgerüstet. Die Regale wurden umgeräumt, weiter weg von der Tür. Ich tanke dort regelmäßig, wir kennen uns und plaudern, und ich merke, wie im Lauf der Monate ihre Erfahrungen wuchsen und die Anteilnahme weniger wurde. Aber sie hat ein gutes Auskommen, und andere, meint sie im Hinblick auf ihre Kunden, saufen auch. Sie wählt CSU. Das tue ich übrigens auch nicht. Aber ich kann verstehen, warum sie das tut, und warum das bayerische Integrationsgesetz, das in den migrationsfreundlichen Medien so scharf kritisiert wird, ganz in ihrem Sinne ist. Integration bedeutet mehr als die gleichen Alkoholika zum Zudröhnen. Integration würde bedeuten, wenigstens das Alkoholverkaufsverbot nach 22 Uhr zu akzeptieren. Das klappt aber nicht.

Aber zurück zur AfD. Viele sagen, die AfD würde eine Politik gegen die ärmeren Schichten machen, und daher sei es unverständlich, warum sie trotzdem dort ihr Kreuz machen. Das müsste wohl daran liegen, sagen vor allem Linke, dass die Menschen so abgehängt sind, dass sie nur noch reflexhaft gegen jene agieren, die, um es mit der Kanzlerin zu sagen, “noch nicht so lang da sind”, und daher, da ist man sich von der Kanzlerin bis zur kurdischstämmigen Zeit-Autorin Kiyak einig, selbst einen Integrationskurs bräuchten. Ich könnte nun erklären, wie ich mir eine angemessene Integration von deutschenfeindlichen Integrationskursforderern in Kurdistan vorstelle, aber das mache ich ein andermal. Jedenfalls – eine Frage: Wissen Sie, wie hoch der Hartz IV Regelsatz für ein Kind ist?

237 bis 306 Euro im Monat. Kurzzeitpfleger unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge bekommen diese Summe in rund drei Tagen. Allerdings zahlt Freiburg an das Jugendwerk im Jahr 2014 335 Euro pro Tag.*

Ich war öfters in Hotels, die teurer waren, aber das sind Hotels für die Elite, und dauernd würde ich mir das auch nicht leisten können. Das ist, im Vergleich zum Hartz-IV- oder Geringverdienerniveau, natürlich eine soziale Ungerechtigkeit, wenn man so will. Es ist aber Geld, das ich selbst auf die eine oder andere Art verdient habe. Das Mehrfache eines Hartz-IV-Regelsatzes dagegen kommt für minderjährige Migranten vom Staat, und es geht an ein System, in dem sicher viele sind, die wirklich “besonders schutzbedürftig” sind. Aber nun ist es im Fall von Maria L. in Freiburg so, dass Geld auch an ein Betreuungssystem ging, das durch den Mordfall Teil eines Skandals der deutschen Asylpolitik wurde.

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Und jetzt tauchen auch noch die ganzen schlimmen Details auf. Der Mann führte in Freiburg ein wenig integriertes Dasein und hatte eine eher fragwürdige Freundesgruppe. Aus dem persönlichen Umfeld wird bekannt, dass er wohl schon in Griechenland Probleme hatte, und siehe da: Er hat mutmaßlich in Korfu eine Frau überfallen und eine Steilküste hinuntergeworfen, weshalb er zu 10 Jahren Haft verurteilt wurde. In Korfo soll er vor zwei Jahren auch schon 17 Jahre alt gewesen sein. Eine umfassende Überprüfung seiner Person hat es in Deutschland offensichtlich nicht gegeben, als er auf dem Höhepunkt der Migrationswelle hier eingereist ist. Andere Morde durch Asylbewerber bleiben wirklich Regionalnachrichten – dieser Fall nicht. Dieser Fall war spektakulär und wurde durch die Weigerung der ARD, über die Aufklärung in der Tagesschau zu berichten, erst richtig bekannt. Jetzt kommt also alles dazu, wovor jene Politiker gewarnt haben, vor denen Zeit, SZ und Spiegel Online warnen. Der Staat hat offensichtlich versagt. Hätte er das getan, wozu Grenzen da sind – überprüft, wer da kommt, und zurückgewiesen, wer kein Recht zum Kommen hat – wäre der Täter vielleicht wieder in einem griechischen Gefängnis. Statt dessen war er Teil eines – auch nach deutschen Maßstäben – luxuriösen Betreuungsprogramms mit hohen Kosten.

Würde man auf so eine Geschichte auf einer rechten Webseite stoßen, würde man sagen: Die ist konstruiert. Die ist so überzogen, das muss eine Fake News sein. Es ist aber die Folge der Ablehnung von Vorschlägen, eine Transitzone einzurichten, in der jeder Ankommende geprüft wird, bevor er in das Asylsystem kann. Es ist die Folge einer Politik, die es den Menschen erlaubte, ihre Pässe zur Verschleierung ihrer Identität wegzuwerfen, falsche Angaben zu machen oder sich falsche Papiere zu beschaffen. Man hat ein lückenloses Transportsystem auf dem Balkan eingerichtet, auf dem jeder einreisen konnte. Das alles wurde als richtig und angemessen dargestellt. Falsch war es dagegen, wenn Anwohner in München eine legale Lärmschutzmauer gegen ein Heim durchsetzen. Ein Gespräch mit meiner Tankstellenangestellten könnte da für ein wenig Verständnis sorgen. Statt dessen wurden die Anwohner weltweit durch die Medien gehetzt.

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Das alles kostet Geld. Enorm viel Geld. Geld, das aus den Steuern der Bürger genommen wird und aus den Rücklagen der Krankenkassen. Es gibt ein Programm mit 100.000 1-Euro-Jobs, das mit ein paar tausend Angeboten nicht ins Laufen kommt, und die Integration in den Arbeitsmarkt ist offensichtlich ein langer, steiniger Weg. Die neue Regierung von Berlin will Migranten nur als Ultima Ratio gegen ihren Willen abschieben, und quotiert für die Bleibenden Wohnraum schaffen. Forderungen nach den Anschlägen des IS, man sollte noch einmal überprüfen, wer genau da in unserem Land ist, verhallen ungehört, und das ging eine Weile gut – bis Freiburg. In Freiburg hat man die Probleme in einem Fall gehäuft. Das abstrakte Problem bekommt ein Gesicht. Und wenn ich alleinerziehende Mutter wäre und am Abend in einer Tankstelle sitzen würde, Alkohol und Zigaretten an Migranten verkaufen würde und wüsste, dass ich gerade mit einem Journalisten rede, würde ich auch sagen, dass ich eine Partei wähle, die Medien halbwegs akzeptieren.

Aber als Wähler einer Partei, die vor allem meine eigenen Interessen durchsetzt, würde ich möglicherweise denken, dass Milliarden für Leute ausgegeben werden, von denen wir nicht wissen, wer sie sind, und die gekommen sind, weil die Bedingungen in einem Land ideal sind, wo die Medien aufschreien, wenn es statt Geld nur noch Gutscheine geben soll. Ich würde mir, weil es meine Lebensrealität wäre, Gedanken machen, dass der Tagessatz des mutmaßlichen Mörders in Freiburg so viel ist, wie ich in meinem Nebenjob hinter der Kasse pro Woche verdiene, und dass meine Kinder zu Weihnachten für weniger als so einen Tagessatz neue Kleider bekommen. Ich würde vielleicht das Blaulicht des Polizeiwagens sehen und denken, dass es draußen wieder Streit beim Abendessen gab, und nach der Arbeit zwei inzwischen trockene Brezen und Brötchen mitnehmen, die sonst weggeworfen werden würden, mich aber wieder einen halben Tag satt machen. Dem Journalisten mit dem vollgetankten SLK, den ich nicht ganz einschätzen kann, würde etwas erzählen, von dem ich denke, dass man es in einem Land sagen kann, in dem man als früherer Ex-Stasimann Staatssekretär wird, und wegen eines falschen Satzes auf Facebook seinen Job verlieren kann, weil eine andere frühere Stasimitarbeiterin Anzeigen empfiehlt.

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Wir finden es akzeptabel, wenn in Berlin aus Eigeninteresse die Linke gewählt wird, weil manchen die Miete zu teuer erscheint, und in der Folge eine Figur wie Holm zum hochbezahlten Beamten wird. Dafür gibt es in den Medien Verständnis. Da muss man differenzieren. Vielleicht sollte man das aber auch bei meiner Tankstellenangestellten machen, die sich auch etwas Schöneres vorstellen könnte, als in der Dezembernacht aufzupassen, dass da keiner was einsteckt, wenn sie zu viert reinkommen – zum Beispiel bei den eigenen Kindern sein. Vielleicht würde sie sich auch über kostenlosen juristischen Beistand freuen wie jenen, mit dem man Entscheidungen des BAMF anfechten kann, weil sie ihre Ansprüche gern gegen ihren Exmann durchsetzen möchte.Vielleicht fragt sie sich, wie schnell die überlastete Polizei da sein kann, wenn wieder einer nicht einsieht, das es nach 22 Uhr keinen Alkohol gibt, und er sich das schon gar nicht von einer Frau sagen lassen will.

Vielleicht, auch das sollte man bedenken, hat sie Angst, weil hier vor ein paar Wochen ein Migrant nach einem Tankstellenbesuch versuchte, eine Taxifahrerin zu vergewaltigen. Ein sogenannter regionaler Einzelfall, von dem es hier einige gab, so dass man das Wort „Einigenfall“ einführen müsste. Vielleicht gibt es in Deutschland viele, die durchaus differenziert denken, differenzierter als wir Journalisten, die wir Studien durchreichen, unsere Migranten seien laut Umfrage bei Frauenrechten gut angepasst, und die Leser nicht mit dem Kriminalitätsbericht des BKA Bayern behelligen, der letztes Jahr einen Anstieg von 40% bei den ausländischen Sexualstraftätern aufwies.

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In Baden-Württemberg übrigens nicht, dort schlüsselt man das nicht nach Herkunft auf. So ist das also an der Kasse meiner Tankstelle, und manchmal denke ich auch gar nicht lang darüber nach, wenn ich auf das feine, graue Leder gleite, den Sechszylinder starte und zu meinem gehobenen Arbeitgeber über das flache Land nach Frankfurt fahre und nicht in den Bahnhof muss. In meinem Stand wird man schon komisch angeschaut, wenn man auf die absurde Idee kommt, manche Überprüfungswünsche der CSU nicht sofort abzulehnen. In meinem Stand differenziert man die Stasi und versteht, dass die ARD Freiburg nicht groß aufgezogen hat. In meinem Stand wird man darauf verweisen, dass in Aleppo Leben zu retten sind, insofern war die Politik der offenen Grenzen richtig, und jetzt bloß keine Debatte wegen eines Einzelfalls oder gar eine Statistik, die nicht zu anderen Statistiken passt. In meinem Stand gilt es als extrem unfein, die einen sozial Benachteiligten gegen die anderen auszuspielen, das helfe nur den Rechten. Aber in meinen Kreisen sitzt auch niemand an der Kasse einer Tankstelle und hofft, dass die Kinder selbständig die Hausaufgaben machen, und dass nichts passiert, wenn man danach noch ein paar Kilometer durch die Dunkelheit nach Hause radelt. In meinem Stand denkt man an die nächste rührende Herbergssuchegeschichte, an 10 Traumziele im Süden, an die besten Weihnachtsgeschenke für den letzten Moment und an die großen Linien der Politik. So sind wir. Ich denke daran, dass ich Elektroautos nicht mag und das Gebrüll meines Motors schätze. Andere schweigen. Aber ich verstehe, dass sie innerlich brüllen und sich mit den Mitteln wehren, die ihnen nicht durch den sozialen Druck gegen abweichende Meinungen genommen werden können.

In meinem Stand nennt man so einen Beitrag „Zersetzung“. Oder populistisch. Ich fürchte aber, ich bin nur etwas, das zwischen meinem Stand und den Fackeln und Mistgabeln steht, und möchte Differenzierung auch dort sehen, wo man meint, es nicht nötig zu haben.

*an dieser Stelle wurden Zahlen korrigiert, die ich von einem – ebenfalls inzwischen  korrigierten – Beitrag der FAZ übernahm.

14. Dez. 2016
von Don Alphonso
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12. Dez. 2016
von Don Alphonso
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Vergesst Andrej Holm, hier kommt der Sexzwang

Tanzen lass all sie wild durcheinander
Don Giovanni

Der Sozialismus hat uns nicht nur Stasi-Mitarbeiter vom Format eines Andrej Holm oder einer Anetta Kahane gegeben, die ein paar lumpige Ostmark oder gar Kuchen für ihre Dienste annahmen, sondern auch den Niedergang einstmalig privilegierter Lebensformen. Man spricht da von gefallenem Kulturgut, und kaum ein Kulturgut ist so gefallen wie meine Gruppe innerhalb der besseren Gesellschaft. Denn früher war das Leben als Single nur den die willigen Zerlinen flachlegenden Don Giovannis vorbebalten, oder den Don Alfonsos, die die Despinas dieser Welt für Dienste bezahlen konnten. Singledasein musste man sich leisten können, und wie prunkvoll es früher war, sieht man beispielsweise an der Würzburger Residenz, einem Luxusbau fränkischer Singlefürstbischöfe. Alte, weisse Männer, die es sich leisten konnten, auf die Meinung von leibeigenen und bildungsfernen Schweinehirten nichts zu geben.

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Die Bildungsferne von damals ist uns geblieben, aber die Leibeigenen wurden frei und statt Schweinehüten lernt man heute etwas mit sozialen Medien, etwa als hauptberuflicher Zensor im Auftrag von Bundesehernursomittelgrossinquisitor Heiko Maas. Im Barock blieb einem nichts anderes als die Heirat, wollte man Sex und gesellschaftliche Anerkennung, und nur die Reichsten und Unabhängigsten konnten sich sexuelle Freizügigkeiten ohne Sanktionen leisten. Heute steht das jedem offen, niemand wird ausgegrenzt, wenn er mit 20 noch nicht fest gebunden ist, die meisten leben sich und ihre Triebe lang aus, und besonders lang machen sie es dort, wo Kahane und Holm ihre Pflichten erfüllen: In Berlin. Ich kenne in Berlin enorm viele Leute, die auch im fortgeschrittenen Alter allein leben. Aber nicht wie bei unsereins, weil da nun mal der Stadtpalast ist und man standesgemäß lebt, wie es die Vorfahren taten, und die Partner aus der gleichen Schicht haben natürlich auch ihren eigenen Flügel in ihren eigenen Anwesen.

wua

Nein. Sie machen es im Eigentum anderer Leute. Single ist man heute mehrheitlich nicht mehr im eigenen Palast, so wie es Don Giovanni besang: “Reich mir die Hand mein Leben, komm auf mein Schloss mit mir. Kannst Du noch widerstehen, es ist nicht weit von hier.” Moderne Singles machen das in Mietwohnungen. Besonders in Berlin. Nirgendwo gibt es mehr Mieter, und besonders dort stiegen die Mieten – um das zu wissen, muss man sich übrigens nicht durch die altsozialistischen Elaborate von Andrej Holm arbeiten, jede Investorenseite zeigt die gleiche Entwicklung. Hier übrigens mit dem Anstieg der Mietpreise unter den beiden rot-roten Regierungen, die offensichtlich ihren Teil dazu beigetragen haben, eine Gentrifizierung zu schaffen, gegen die Holm nun als Staatssekretär der um die Grünen erweiterten Verursacherregierung antreten soll.

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Holm behauptet ganz in Tradition der DDR, das Problem seien Investoren, die die Preise der Wohnungen und Mieten nach oben treiben. Ich behaupte ganz in Tradition der Stadtpalastbesitzer, dass Holm keine Ahnung von den wahren Ursachen hat. Die wahre Ursache ist die Aufhebung der Leibeigenschaft in Verbindung mit der sexuellen Befreiung. Berlin hat nicht zu wenig Wohnraum, Berlin leidet am Sexualverhalten des Schweinehirtennachfahren. Speziell jener Landbevölkerung aus dem Süden, das sich aus den reichen Ländern aufmacht und in Berlin siedelt, weil es dort immer noch sagenhaft billig ist. Für die Miete meiner Wohnung in Schwabing bekäme man auch heute noch problemlos die dreifache Fläche in Friedrichshain. Ich habe selbst in Berlin gelebt: Es ist, verglichen mit Bayern, spottbillig. Selbst prekäre Existenzen, die von Aufträgen des Tagesspiegels abhängig sind, müssen nicht unter Brücken schlafen. Relative Armut in Bayern erlaubt in Berlin immer noch einen grosszügigen Lebensstil ohne den Zwang, sich mit anderen arrangieren zu müssen.

wud

Niemand, der Mitte 20 ist und zuwandert, muss sich daher mit Mitbewohnern herumschlagen, wenn er eine intoxinierte UdK-Studentin oder einen rumänischen Hoffentlichvolljährigen aus Schöneberg mit nach Hause nimmt. Diese Unabhängigkeit ist unkompliziert zu bewerkstelligen und macht das Sexualleben angenehm. Eventuelle Dauerpartnerschaften lassen sich mit zwei getrennten Wohnungen arrangieren, ohne dass man auf Zufallsbekanntschaften aus dem Dark Room verzichten müsste. So eine Singlewohnung garantiert Ausschweifung und Laster, und eine etwaige Vermüllung stört dann auch keinen. Ich hatte in meiner Wohnung in Berlin ein eigenes Zimmer für die Zwischenlagerung von Kronleuchtern! Es hat wirklich Vorteile. Man kann kommen und gehen, wann man will. Man kann leben wie ein fränkischer Fürstbischof. Und deshalb hat Berlin so exorbitant viele Einpersonenhaushalte. Mehr als jede zweite Wohnung in Berlin wird von einem Single bewohnt – und davon wiederum die Hälfte von noch leicht paarungsfähigen Menschen im Alter unter 50 Jahren. Die Hälfte der 881 613 Singlehaushalte.

wui

Runden wir wie so ein Koalitionsvertrag grob auf, auf eine halbe Million, die alle noch unter den Begriff Berufsjugendliche fallen können. Das sind 500.000 Bäder, die teilweise vermutlich genutzt werden. Und das sind 500.000 Küchen mit dem Aussehen von Kabul, die vermutlich nur seltenst einmal begangen werden. 500.000 Dielen. Und sicher mehrere hunderttausend Zweitzimmer, die als Rumpelkammer genutzt werden. Alle reden von Gentrifizierung, aber der übelste Platzfresser ist nicht der Milliardär in seiner Villa am See, sondern das Massenphänomen der allein wohnende Jungberliner, die sich mit niemandem arrangieren wollen. Jeder braucht sekundäre Flächen nur für sich allein, in denen er sich kaum länger als ein paar Minuten am Tag aufhält. Rot-Rot-Grün will das bekämpfen, indem “bezahlbare Wohnungen“ errichtet werden, die dann über kurz oder lang erneut dem Platzvernichtungsgrund Nummer Eins zum Opfer fallen: Dem privilegierten Sauhirtennachkommen, der seinen ungebundenen Lebenswandel will. Und neostalinistische Staatsübergriffe auf Investoren, damit er dafür wenig zahlen muss. Diese 500.000 jungen Singles – das sind dann auch die, die mehrheitlich Rot-Rot-Grün wählen.

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Zum Dank sprechen Aktivisten wie Holm dann auch nicht darüber, dass bei der Beendigung der Leibeigenschaft Fehler gemacht wurden, deren direkte Folge der rasante Anstieg der Singlehaushalte ist. Holm und Co. schicken Arme vor, die für weniger Miete und weniger Rendite der Investoren demonstrieren sollen, und nicht gegen Alleinwohner, die alle ein Bad, eine Küche und einen Flur brauchen, und damit gut 15m² den wirklich Armen entziehen. Holm spricht nicht von Singles, die zwei oder drei Zimmer allein bewohnen, ohne dass sie aufgrund ihrer Abstammung dazu berechtigt wären, und sich das auch nur in Berlin leisten können. Holm meint, dass in Berlin über 100.000 Wohnungen fehlen, und mehr, noch mehr scheussliche Blocks in sozialistischer Tristesse gebaut werden sollen. Ich sage, die bestehenden Wohnungen werden nur von seinen Wählern falsch belegt.

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Also, Stasi raus und Leibeigenschaft wieder rein. Mein Vorschlag geht an die Wurzel des Problems: an die epidemische Ausbreitung des Singlehaushaltes in Berlin. Man muss nicht die Investoren bekämpfen, sondern jene, die allein zu viel Platz brauchen. Zu diesem Zwecke sollte man alle Singles auf mehr als 25m² vor die Wahl stellen: Entweder bezahlen sie eine progressiv-quadratmeterabhängige Strafsteuer auf die Miete wegen Zweckentfremdung von Wohnraum ärmerer Schichten. Oder sie nehmen eine Art Wohnungs-Tinder an und erklären sich bereit, mit einer anderen Person des gewünschten Geschlechts zusammen zu ziehen, auf maximal 70m². Zumindest bei den städtischen Wohnungen sollte das doch kein Problem sein. Wenn es gelingt, die Hälfte der Berliner Singles zu konsolidieren, werden hunderttausende von Wohnungen frei. Und hunderttausende zahlen eine üppige Strafsteuer, die aber zu verschmerzen ist. Weil Berlin immer noch billiger als zivilisierte Regionen des Landes ist, und so eine Singlewohnung dann ansatzweise das ist, was sie früher in Form des Palastes einmal war: Ein Luxus, der bei Geschlechtspartnern als Zeichen des Wohlstands die Beischlafwahrscheinlichkeit erhöht. Berlin hat dann genug Wohnungen entgentrifiziert und kann sie, wenn es zwischen den zusammen gezogenen Singles klappt – Willkommensgeschenk ein Kasten Wodka, dann flutscht das – den Wohnraum an junge Familien geben. So ähnlich funktionierten übrigens auch Hauszuweisungen im Absolutismus, und der hat eindeutig besser und schoner gebaut, als Holm und Genossen es je können würde.

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Wem das nicht passt, der kann ja immer noch nach Brandenburg ausweichen, wo es Leerstand und günstige Preise gibt – auch das ist von Vorteil. Mein Vorschlag ist viel besser als die Idee, die pervers hohe Grundsteuer, mit der das roträuberische Berlin alle Mieter sozial ungerecht schröpft, zu halbieren. Mein Vorschlag sorgt für bessere Auslastung, zwingt Menschen, wieder miteinander zu reden, reduziert Messietum und ist sozial gerecht, wenn man einmal von Einschränkungen der Freiheit absieht, die aber nicht so schlimm wie unter der alten oder neuen Stasi sind. Man könnte das mit frivolen Festen begleiten, oder mit einer Art Darkroom-Roulette zur Partnervermittlung, auf dass es dem libertären Zeitgeschmack gefallen mag. Den Weg dorthin mit Blumen der Sünde bestreuen, Broschüren entwerfen, Medien schmieren, damit sie die richtige Einstellung verbreiten. Sage mir bitte keiner, Lokalblätter wie der Tagesspiegel würden da nicht lustvoll mitstöhnen. Die besten Ehen im Fürstbistum Würzburg wurden auch auf den Weinfesten begründet.

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Also, liebe SED-Nachfolger, man muss niemanden überwachen, enteignen, deportieren, zusammenknüppeln, umerziehen, drangsalieren, wegsperren und bespitzeln, um die Wohnungspolitik vom Gentrifizierer zu befreien. Und vielleicht wählen die Zwangsgeehelichten Euch dann auch weiterhin, weil es vielleicht gar nicht so schlecht ist – bei uns in der Provinz leben die Menschen jedenfalls gern zusammen, weil es Sicherheit, Zuneigung, Verständnis und gemeinsames Ersparen schöner Dinge erlaubt, bei geringeren Kosten. Die Vorteile erkennen die Wähler der grünbeholfenen SED jetzt noch nicht, aber man muss ihnen halt erklären, dass es sich dabei um sozialistische Tugenden handelt. Das war in der DDR damals mit der Unterdrückung auch nicht anders.

12. Dez. 2016
von Don Alphonso
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08. Dez. 2016
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Linksruck: Der Staatssekretär und die STASI-Vergangenheit

Go ahead, punk. Make my day.
Harry Callahan

Hätte sich jemand 1989 vorstellen können, dass ein hauptamtlicher Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR 2016 Staatssekretär in Berlin wird? Wohl nur, wenn die DDR 1989 die Bundesrepublik übernommen hätte. Laut offizieller Geschichtsschreibung der BRD ist es aber so, dass 1989 die Bürger der DDR mit den Schlachtrufen “Wir sind das Volk” und “STASI raus” die DDR und das Terrorsystem der STASI auf den Müllhaufen der Geschichte schickten. Danach soll man sich recht einig gewesen sein, dass man so ein System auf deutschen Boden nie wieder haben will, und dessen Protagonisten wurden in der Folgezeit öfters überprüft und im Zweifelsfall zum Schutze der blühenden Landschaften mit beruflich mit Konsequenzen belegt.

holma

Auf der anderen Seite ist eine langjährige inoffizielle Mitarbeiterin der STASI heute Chefin eines Vereins, der mit Bundesmitteln üppig bezuschusst einen Internetpranger betrieb, Radikale förderte und unter Heiko Maas trotzdem Teil einer Task Force ist, die soziale Netzwerke zum Löschen sogenannter “Hate Speech” anhält. Durch diese Tätigkeit bekommt der Verein übrigens Zugang zu kostenlosen „Anzeigenvolumina“ bei Sozialen Medien. Solche Anzeigen werden dann für diffamierende Angriffe gegen den Autor dieses und der verlinkten Beiträge eingesetzt, wenn man etwa „FAZ“ suchte (im Screenshot unten). Soweit sind wir heute wieder mit den Möglichkeiten früherer STASI-Mitarbeiter in Kooperation mit Bundesministerien in Deutschland. Bis gestern.

Gestern hat die Linke in Berlin ihre Kandidaten für die Staatssekretärsposten im Berliner Senat vorgestellt. Für den Bereich Wohnen ist der Soziologe Andrej Holm zuständig. Das scheint niemanden sonderlich zu stören, die Nachricht wird einfach so durchgereicht, auch wenn Holm als junger Mann selbst laut der taz „Hauptamtlicher Mitarbeiter“ der Staatssicherheit und Angehöriger des STASI-Wachregiments Feliks Dzierzynski gewesen ist. Er kommt dem Gespräch zufolge aus einer systemkonformen Familie des Arbeiter- und Bauernstaates und wollte auch bewusst zur STASI.

golme

Andrej Holm: Ich habe zunächst eine Grundausbildung gemacht und kam dann zu einer Abteilung in der Berliner Bezirksverwaltung. Die hat sich Auswertungs- und Kontrollgruppe genannt [Beschreibung hier, Anm. d, Verf.]. Aufgabe war es, eine Personendatenbank zu erstellen und Lageberichte zu verfassen. In der hektischen Wendezeit war ich für diese Aufgaben offensichtlich nicht zu gebrauchen. Ich wurde in ein separates Büro gesetzt und durfte dort Betriebsberichte lesen. Zum Ausgleich für dieses Nichtstun wurde ich für viele Wochenend- und Feiertagsdienste eingeteilt. Dadurch habe ich einen Großteil der wichtigsten Ereignisse im Herbst 1989, wie die Demo in Berlin am 4. November, verpasst.
Herbert M.: Das Wachregiment war doch auch eine Möglichkeit den Wehrdienst zu absolvieren.
Andrej Holm: Meine Tätigkeit unterschied sich vom reinen Wehrdienst aber dadurch, dass ich später für die Staatssicherheit arbeiten wollte. Meine Gegenforderung war, dass ich dafür ein ziviles Studium bekomme, um nicht an der Staatssicherheitshochschule ausgebildet zu werden.

Auch danach hatte Holm das, was man als “linke Biographie” bezeichnen kann: Der Bundesgerichtshof sagte ihm 2007 eine linksextremistische Einstellung nach, in seinem Blog befindet sich auch im Jahre 2014 noch eine Rechtfertigung von Hausbesetzungen. Er gilt als entschiedener Gentrifizierungsgegner, befürwortet das Einfrieren von Mietpreisen, massive staatliche Bauprogramme und die Bekämpfung von Spekulanten. Es erscheint mir als eine Mischung aus Rezepten der autonomen Szene und dem, was man früher vielleicht als “Errungenschaft des Sozialismus” bezeichnet hätte. Wie man heutzutage Wohnungen, deren Kosten bei 3000 Euro pro Quadratmeter liegt, bei gleichzeitig stagnierenden Mieten finanzieren soll, ist eine realpolitische Frage, mit der sich Holm bislang nicht herumschlagen musste. Statt dessen schrieb er freundlich über Forderungen, Ferienwohnungen zu beschlagnahmen. In meinen Augen ist dieser Kampf gegen die Gentrifizierung ein verkleideter Sozialismus, mit einem klaren Feindbild, dem Vermieter und Spekulanten, dem der Staat das Handwerk legen sollte.

holmc

Ich will das nicht kritisieren, eine Überprüfung der Angaben von Holm wird es vermutlich ohnehin geben müssen. Die Linke schliesst MfS-Mitarbeiter nicht zwingend aus, RotRotGrün hat die Wahlen in Berlin gewonnen, und wenn das Parlament für die Neueinführung der Stalinallee stimmt, oder für ein Mielkedenkmal oder eine Gedenkstätte für die Opfer der Verfolgung von STASI-Helden durch die BRD, dann kann es das natürlich auch tun. Ich habe keinen Artikel gelesen, der sich bislang über die Vorgeschichte von Holm beschwert hätte, und in Berlin findet man es offensichtlich auch normal, dass er zu einem Runden Tisch mit den linksextremen Gewalttätern des besetzten Hauses Rigaer 94 aufruft. Als Staatssekretär für Wohnen wird ihm nun die Möglichkeit gegeben, seine gesellschaftspolitischen Vorstellungen für Besetzer und gegen Investoren und Spekulanten in die Tat umzusetzen. Und damit dann auch einen eifrigen Befürworter von R2G, den ich persönlich kannte, empfindlich bei der Bewertung seiner Immobilie und deren Finanzierung durch die Stadt Berlin zu treffen – ich finde es völlig in Ordnung, wenn Salonsozialisten auch mal die Folgen ihrer Ideologie bezahlen müssen. Das alles kann man heute machen. Und es läuft einfach so durch die Medien, und niemand findet das fragwürdig, und eine andere Politikerin mit autonomer Vergangenheit stolperte auch erst über Flunkerei beim Uniabschluss. Lauft bei denen.

Aber halt auch nur in Berlin, wo die Medien meistens sitzen und deren Mitarbeiter so mies bezahlt sind, dass sie sich in oft unter all den anderen Mietern der sozialen Unterschicht wiederfinden. Da mag Andrej Holm und seine Karriere verständlich und seine Zielsetzung lobenswert sein. Es gibt ein gewisses Klientel, das tatsächlich glaubt, geringes Einkommen und wenig Leistung berechtige zum Dasein in 90m²-Wohnungen in Mitte, aus denen man DDR-Familien nach Lichtenberg verdrängte, wo sie heute AfD wählen. Das ist aber innerhalb der BRD nur eine vergleichsweise kleine Blase. Bei uns auf dem Land wäre das ein Vulgärsozialismus auf Kosten der Allgemeinheit, die für die Versorgung mit billigem Wohnraum entweder durch Steuern oder mit langfristiger Verschuldung zu zahlen hat – und das für einen Personenkreis, der später oft genug als Fehlbeleger günstigen Wohnraum blockiert. Bei uns ist, unabhängig von der politischen Ausrichtung, die Erkenntnis weit verbreitet, dass man Kosten erst einmal erwirtschaften muss. Daher baut meine Heimatgemeinde gerade günstigen Wohnraum für Flüchtlinge – aber auch nur, weil die Finanzierung gedeckt und diese Unterbringung langfristig die kostengünstigste Option ist.

holmd

Hausbesetzende Investorenhasser mit STASI-Vorgeschichte sind da einfach nicht als Vertreter der Gemeinden vorstellbar. Das ist beim linken Establishment in Berlin anders, aber das steht nur für sich selbst. Die Ablehnung solcher Personen ist nicht, wie es so gern behauptet wird, “rechts” oder “konservativ” oder gar “intellektuellenfeindlich”, sondern zuerst eine Frage der Integrität auf Basis jener Moral, die jenseits der DDR die Grundlage des Staates ist. So etwas nicht zu wollen, so eine Person abzulehnen, ist nicht rechts. Es ist die Ablehnung von extremistischen Einstellungen und Verhaltenweisen, die von Gruppierungen wie der Linken jetzt in Amt und Würden gebracht werden. Das gilt in vielen Landesteilen als “Anstand“, und für die CSU wird eine leichte Übung sein, mit solchen Personen zu überzeugen, dass RotRotGrün im Bund nie geschehen darf. Der AfD wird vorgeworfen, sie wollte zurück in die 50er Jahre – das sind aber immer noch die 50er Jahre der BRD, und nicht die sozialpolitischen Vorstellungen aus Familien der DDR-Nomenklatura. Wenn das die Optionen sind, aus denen man wählen kann, wird es genug geben, denen die AfD als das kleinere Übel erscheint.

Das ist kein Rechtsruck. Es ist Abwehr einer ganz bestimmten Entwicklung linker Parteien, die heute durchsetzen, was vor 10 Jahren noch als absurde Forderung extremistischer Zirkel galt, vom Hass auf alles, was wie Heimat und Tradition erscheint, über die neomaoistischen Selbstkritikrituale der Critical Whiteness und Sprachpolizei bis zur Machtübernahme durch Gruppen, die sich nicht für Konsens und Ausgleich interessieren, sobald sie über andere bestimmen können. Man muss kein Hellseher sein, um hier die neuen Brüche in der Gesellschaft zu erkennen. Wenn man weit am Rand ist, dass die eigene Partei und die eigene Koalition Extremisten für Führungsaufgaben empfiehlt, ist es kein Wunder, wenn der Rest der Republik weit, weit rechts davon steht.

holmb

Möglichersweise bricht gerade auch so eine Art kalter Krieg wieder aus, nur diesmal ohne Armeen und Mauern. Aber dafür mit alten, unversöhnlichen Einstellungen und Konzepten, die nicht nebeneinander existieren können, und Rechtsbrüchen, wo es sich eben anbietet. Die einen wollen Hausbesetzungen und betrachten Dealer als Partner. Die anderen wissen, dass die Mehrheit diesen Weg nicht gehen will, und profitieren davon. Heute ist alles möglich, warum auch nicht, die früher abgelehnte, heute akzeptable STASI ist nur der Anfang, die kalten Krieger in der Nachfolge von Franz-Josef Strauss werden sich das nicht entgehen lassen..

08. Dez. 2016
von Don Alphonso
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05. Dez. 2016
von Don Alphonso
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Der V.Beck´sche Lustgarten der Berliner Aristokratie

C10H15N

Die Zeiten sind hart. Kaum, dass man mal ein Tütchen, möglicherweise gefüllt mit Luststoffen kauft und bekannt wird, dass man vor ein paar Jahrzehnten, in einen dionysischen Zeitalter, recht lockere Sichtweisen zur Strafverfolgung mittlerweile verrufenen Sexualpraktiken hatte – schon schicken die eigenen Freunde einen nach langen Jahren im Establishment in die Wüste. Und da ist die höfische Jagd auf Andersdenkende noch nicht einmal berücksichtigt. Das wird ganz unsentimental gemacht, das Eigeninteresse dominiert, und die eigene Dienerschaft muss sich einen neuen Herrn suchen.  Ob der dann gewillt ist, ihre Ausfälle gegen klassenbewusste Hofnarren Frankfurter Depeschen zu bezahlen, muss sich auch erst noch zeigen. Ja, es ist in der Demokratie schon etwas schwieriger mit den ererbten Herrschaften als früher, das muss man ganz offen sagen, und die Moral heutzutage ist auch nicht mehr das, was sie zur Zeit der Mätressen war.

bayra

Ich war im Sommer in Bayreuth, wie eigentlich jedes Jahr, und wie jedes Jahr habe ich auch die kleinen Schlösser dort oben besichtigt. Deren Erbauer waren jetzt auch nicht zwingend besser oder moralischer als die negative soziale Auswahl durch den Volkswillen, die man uns heutigentags als Demokratie zu offerieren beliebt, wo wir grosso modo entscheiden können, ob wir nun den dicken Mann oder die Frau mit dem seltsamen Dialekt an dier Spitze sehen wollen, gesalbt von einem Präsidenten, den die beiden intern abgesprochen haben. Also, wie auch immer, die Erbauer der Eremitage hatten einiges an Zeit und Geld aufgewandt, um sich dort oben in den fränkischen Hügeln ein doch recht luxuriöses und der Zerstreuumg geweihtes Refugium zu schaffen.

Da gab es neben der Einsiedelei und dem Eremiten natürlich auch Spiele. Beispielsweise müssten sich Gäste als Schäferinnen und Mönche verkleiden, sie wurden nassgespritzt und führten dann jene Reigen der Lüste auf, die man heute allenfalls – und hier auch nur in weniger raffinierter Form – aus FKK-Clubs kennen kann. Aber so war das damals eben. Die Oberschicht fühlte sich nicht sonderlich an die Moral gebunden, und der Verkauf Minderjähriger zum Zwecke von Ehen, wie wir es heute dem Islam vorwerfen, galt damals als Ideal des christlich-gehobenen Abendlandes.

bayrc

Wir müssten bei genauerer Betrachtung, wollten wir uns am grün-alternativen Zeitgeist orientieren, den Bauherren auch nachsagen, dass sie nun nicht gerade an einem sozialen Ausgleich interessiert waren. Wirklich nicht. So eine Orangerie diente der Beschaffung der Orangen und Zitronen für die fürstliche Tafel, während das gemeine Volk seinen Getreidebrei zu löffeln hatte. Hier oben schwelgte man in Träumen einer Idealgesellschaft, die angeblich in China sein sollte, ein paar Hügel weiter wüteten Scharlach, Pocken und Cholera. Aufklärung wurde gelobt und gelehrt und in jenen Kreisen gehalten, in denen sie keinen sozialen Schaden anrichtete: Bei der Sexualität war die Libertinage förderlich, aber das hieß noch lange nicht, dass deshalb andere, niedrig Gestellte die gleichen Forderungen vorbringen durften.

Das alles weiss eigentlich jeder, aber wenn die Springbrunnen Wasser in die Luft werfen, sagen alle alten Damen unter den Sonnenschirmen Ah und Oh und nehmen noch ein Stück Torte, und die Geschichte nicht so ernst. Man ahnt nicht nur, man weiss sehr genau, dass das Laster der Reichen nur denkbar ist, wenn andere desgleichen entbehren müssen. Es ist so wie heute, manche vermögende Rentner sitzen hier den ganzen Tag und andere, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben, müssen für den Mindestlohn nur so mittelschöne Dinge tun, und auf jeden Reporter, der hier lustvoll auf den Auslöser drückt, kommen zehn, die bei ihren Redaktionen erst fragen müssten, ob sie denn ein paar Sätze über einen Park niederschreiben dürften. Wir alle wissen, dass es so ist, aber es ist hier viel zu hübsch, um sich solch hässliche Gedanken zu machen.

bayrf

Wirklich, ausnehmend hübsch. Es fällt einem hier wirklich schwer, das richtige klassenkämpferische Bewusstsein an den Tag zu legen. Niemand hat allhier dazu Lust, jeder ist zufrieden, die Sonne scheint, das Gold funkelt und in den Teichen schwimmen fette Karpfen im schlammigen Grund. Es wäre in der Gesellschaftstheorie zufolge der ideale Ort, um die Ungleichheit einst und jetzt zu beklagen, denn auch, wenn der Park für jeden offen ist, so wird er doch nur für die Kenner unterhalten. Das leistet sich der Staat für jene, die die Zeit hier oben verfügbar haben. Das ist nicht wirklich gerecht, und dennoch wird einen, kehrt man zurück ins Tal, niemand einen Vorwurf machen, wenn man berichtet, man habe sich eben einen Tag Zeit genommen, die Gartenbaukunst der Wilhelmine zu begutachten.

Es gibt, das muss man als Faktum festhalten, Laster wie das Fressen von Crystal Meth. Das kommt schlecht an. Und es gibt Laster wie 200 Meter lange Wasserbecken, auf denen Gondeln verkehren können. Die sind teurer und schaden nicht nur dem Erbauer, sondern gleich den gesamten Staatsfinanzen bis auf den heutigen Tag. Sie sind aber gesellschaftlich akzeptiert.

bayrb

Es ließe sich trefflich darüber streiten, warum das eine Laster Strafbefehle nach sich zieht und das andere eine Erhebung zu einem Weltkulturerbe, aber man hat sich nun einmal darauf geeinigt, dass die offene Verschwendung in Luxus als bewundernswert zu gelten hat. Ganz fair ist das nicht, das gebe ich zu, aber es gibt nun mal eine Gesellschaftsschicht, die das Alte schätzt und moralisch flexibel genug ist, um die mit der Kultur verbundenen Exzesse zu tolerieren. Die Grünen haben, wie andere bürgerliche und sozial zwischen altersarmen Flaschensammlern und minderjährigen Migranten ausgleichende Parteien, natürlich wenig für so eine alte Verschwendung übrig, aber auch nichts, gar nichts für das, was an modernen Exzessen denkbar ist. Man bedenke, dass jüngst auch Vertreter von CSU und SPD über Leidenschaften stolperten, sei es durch Aushalten oder Ablichten, die früher in gehobenen Kreisen… also wirklich… da redet man doch gar nicht drüber, und photographiert nicht heimlich, sondern bestellte in den guten Zeiten den Hofmaler.

Man muss wohl, auch mit Blick auf unseren Zensurminister und seine Beziehungsgeschichte, zum Schluss kommen, dass wir uns im bürgerlichen Rahmen irgendwie mit Trennungen und Folgeehen irgendwie arrangiert haben, und das dem Führungspersonal nicht krumm nehmen. Eine Patchworkfamilie, ein Veggieday, ein Elektro-SUV und eine Privatschule, das alles ist gesellschaftlich akzeptiert, und niemand dreht einem daraus einen Strick. Aber Hochachtung mag daraus ebenso nicht erwachsen, und daher frage ich mich, also wirklich, ernsthaft, warum die gewählten Fürsten unseres Saeculums sich nicht zusammentun und ihre Bezüge dafür verschwenden, eine üppige Grünanlage zu gestalten, um auch ihr Ansehen zu verbessern.

bayre

Natürlich kommt so ein einzelner Abgeordneter allein nicht weit, aber wir haben so viele von denen wie früher nur Duodezfürsten, und so viele leisten sich Missgriffe, hier ein Füller, da ein Fahrdienst, dann noch eine Droge, ein ungeklärter Umschlag, und ab und zu eine offene Grenze: Sie könnten doch zusammenlegen. Und über zehn Legislaturperioden, zusammen mit den Gönnern der Wirtschaft, die sie ansonsten mieten würden, einen hübschen Park anlegen. Mit einem Lustschloss, in dem Immunität für diskrete Gespräche herrscht, Springbrunnen mit Sturzbächen speienden Tritonen, als würden sie Reden im Parlament halten, dichten Wäldchen, in denen kein Drogenversteck leicht zu finden ist, glasklaren Bächen und Hecken, zurechtgestutzt wie die Meinungsfreiheit im Internet. Dazu ein paar lauschige Bänke, auf denen man sich diskret mit willigen Zofen der Tagespresse unterhalten und verlustieren kann. Im ersten Moment mag es gewöhnungsbedürftig sein, aber ich bin mir sicher, nach 100 Jahren blickt man dann milde auf das Treiben, sofern die Anlage nur geschmackvoll und phantasiereich genug ist.

Und spricht nicht mehr allzu schlecht von den Zeiten und ihren fragwürdigen Einstellungen, denen dieser Park seine Entstehung verdankt. Schulklassen werden kommen und eine kinderfreundliche Version der Ereignisse zu hören bekommen, und alte Greise werden sich an jene Tage erinnern, als hier noch der ein oder andere Restsoziwähler im Schatten saß, und aus seiner Schnabeltasse zu sich nahm, was Hartz der IV. ihm gelassen hat. Ja, das waren noch Zeiten, wird man sich dann sagen, und so ein etwas unwürdiges Ende einer Bundestagskarriere wegen der ein oder anderen dummen Geschichte – mei. Wer sagt uns denn, ob in hundert Jahren die ein oder andere harte Droge dann nicht längst benutzt wird, um Biographien passgenau zum sozialen Restvermögen der Gesellschaft zu begrenzen. Vita brevis, Ars longa, sagt der Lateiner.

bayrd

Doch, so eine Bundestagseremitage, die könnte schon ganz nett werden, und außerdem all den Berliner Künstlern zu Lohn und Brot verhelfen. Schon früher baute man Triumphbögen und Kulissen aus Pappmache, so dass sie sich nicht erhalten haben und den heutigen Eindruck nicht stören – so könnte man das auch heute wieder machen, und mit BER, S21 und der Elbphilharmonie gibt es auch heute noch genug Baumeister, die genau wissen, wie man eine idyllische Ruine in die Landschaft setzt. Also, frisch ans Werk, und in hundert Jahren redet niemand mehr über die Klagen der Untertanen, die sich heute anschicken, den Palastspitzeln und Hofschranzen mit dreister Kritik zur arbeitsreichen Last zu fallen. Das sei ungehört und vergessen, wenn dereinst die blühenden Landschaften von der Grösse vergangener Zeiten künden, statt vom Elend, dass da ein moralischer Tartuffe mit Pulver ernsthaft, ganz ohne Lustspiel von der Bühne geschickt wird… wirklich, das muss nicht sein.

05. Dez. 2016
von Don Alphonso
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02. Dez. 2016
von Don Alphonso
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Medientürken vor Wien

Vae Victis

Ich halte es für wahrscheinlich, dass die FPÖ die Wahl des Bundespräsidenten in Österreich gewinnt. Es gefällt mir nicht, zumal die FPÖ in mir, und zwar direkt in mir als Person, ein Feindbild hatte, nämlich jenes des Journalisten von der amerikanischen Ostküste, der während der blauschwarzen Koalition kam, um sie international zu vernadern. Damals, 1999/2000, hieß es von Seiten der Beobachter, die FPÖ wäre auf dem Gipfel der Macht, mehr Stimmen würde sie nie bekommen, und das auch nur wegen Haider. Haider ist tot und hat mit der Hypo Alpe Adria einen Skandal hinterlassen, der Österreich an den Rand des Ruins brachte. Strache kann Haider in keiner Hinsicht das Wasser reichen, und dennoch wird die FPÖ vermutlich jetzt die Wahl gewinnen. Mit absoluter Mehrheit.

auti

Manche sagen, das liegt an den neurolinguistischen Programmierungskünsten des FPÖ-Kandidaten Hofer, an der Flüchtlingskrise, an der wirtschaftlichen Stagnation des Landes, und an der Lähmung, die die grosse Koalition verursacht. Oder daran, dass der ein oder andere Grande der SPÖ und ÖVP gern mit der FPÖ paktieren will. Man wird vielleicht auch die Rolle der Identitären herausstellen, die in Österreich die Rolle übernehmen, die man in den USA Breitbart gibt. Es gibt viele Gründe, die man von aussen entdecken kann. Verlust der Heimat, Ablehnung von Brüssel, die wahrhaftig nicht eben einsichtige Politik des Herrn Juncker, und dann noch die drohende Beeinflussung der österreichischen Politik durch den grossen Nachbarn Deutschland, die mit einem Konsenskandidaten van der Bellen fraglos im Raum steht. Das mag alles eine Rolle spielen. Aber ein Hauptgrund, denke ich, sind auch wir.

auta

Wir deutsche und österreichische und europäische Medien. Das meckernde Lachen des linken Robert Misik im Standard, als von der Bellen im Mai die erste Runde gewonnen hat. Die Befriedigung im Spiegel, dass sich die Vernunft knapp vor der Dummheit durchgesetzt hat. Das spürbare Aufatmen, dass die Mehrheit das Kreuz an der einzig richtigen Stelle gemacht hat. Und ganz viele, viele Beiträge, aus denen die Anspannung entwichen war und die nun endlich, endlich, die Verlierer als so richtig schäbige Verlierer behandelt haben. Mehrheit ist Mehrheit, van der Bellen hatte gewonnen, vae victis, gegenüber der FPÖ besteht kein Anlass zu Grossmut, mit Verlierern muss man sich, speziell in den Medien, die es ja schon immer wussten, nicht abgeben.

autb

Ich war diesen Sommer öfters in Österreich, und zwar ausnahmslos in Regionen, die mit deutlicher Mehrheit für Hofer gestimmt haben. Das waren Regionen, in denen es kaum Plakate für van der Bellen gab, und in denen sogar die SPÖ Schwierigkeiten hat, Kandidaten zu finden. Es sind Regionen, in denen man die Leute nicht fragen muss, ob sie Hofer gewählt haben. Die meisten haben es getan. Die Hoteliers, die Bäckereiverkäuferinnen, die Radler, neben denen ich die Berge bezwang, die Bauern in ihren Höfen und die jungen Aufsteiger, von denen der ein oder andere auch wirklich durchdreht und in einem Wahnbild gefangen ist. (<- lesen. Wirklich. Das ist das Gegenbeispiel im Umgang mit anderen.) Die allermeisten bleiben äußerlich normal, sie sind freundlich, aufgeschlossen, fragen einen, wohin man fährt, und bieten einem an, bei einer Schutzhütte anzurufen, weil man in die Nacht hinein kommt. Einem dieser Menschen wird von den Medien für die richtige Wahl applaudiert, zweien schickt man wegen Hofer Verwünschungen hinterher.

autc

Wir haben das mit grosser Selbstverständlichkeit gemacht, mit der uns eigenen Form der Populismus, der nicht weiter differenziert, wenn das Ergebnis passt. Warum auch nicht, wir, die Medien, standen auf der Siegerseite, und von oben betrachtet ist Mehrheit nun mal Mehrheit, egal was die Leute in Achenkirch oder Gerlosberg gedacht haben. Den Ausschlag haben die grossen Städte gegeben, und hier besonders Wien. Wien ist anders, zum Glück gibt es Wien, da ist die Hoffnung, und niemand sah sich bemüßigt, einmal nachzufragen, warum Innsbruck eine kleine, grüne Insel in einem mehrheitlich blauen Meer geworden ist, das alle Vorstädte umfasst. Mit Wonne, mit Vergnügen, mit dem Stolz des Siegers wurden die Richtigen belobigt und die Falschen vorgeführt. Das Leben ging weiter, und die Sieger wandten sich neuen Erfolgen beim Zurückdrängen des Falschen zu. Brexit und Trump, und natürlich dem Beklagen des Umstandes, dass die FPÖ gegen die Wahl Éinspruch erhob. Die meisten zumindest verfuhren so, und besonders wütete die Mediensoldateska von außerhalb, die grünen Janitscharen aus Deutschland. Sieger müssen ihre Siege nicht erklären, die Geschichte gibt ihnen recht.

autd

Es wäre irgendwie freundlich gewesen, wenn man den Unterlegenen gezeigt hätte, warum sie trotzdem mit der Niederlage gut leben können. Man hätte ihnen aufhelfen können und ihnen die Hand geben. Nicht dem Strache, aber denen, die halt den van der Bellen aus dem ein oder anderen Grund nicht wollten. Statt dessen hat man ihnen gesagt, sie sollten empört sein, weil sie jetzt gleich noch einmal wählen müssen, obwohl doch der Richtige gewonnen hat. Medien gehen wie selbstverständlich davon aus, dass man sie als schlechte Sieger zu mögen hat. Und nach den Niederlagen der Medien beim Brexit und Trump gehen sie auch davon aus, dass man sie als schlechte Verlierer mögen soll, und ihnen Respekt zu zeigen hat, wenn sie jetzt die knappen Mehrheiten so verachten, wie sie in Österreich im Mai die knappen Minderheit verachtet haben. Auf der anderen Seite sehe ich nicht, dass wir den Hoferwählern auch nur einen einzigen nachvollziehbaren Grund geliefert haben, ein stichhaltiges Argument, eine glaubwürdige Erzählung, warum sie diesmal anders abstimmen sollten.

aute

Man kann mit den Leuten da schon reden. Man sollte vielleicht nicht den Mund verziehen, wenn sie Fahnen aufhängen und der Meinung sind, ihre Heimat wäre für sie wichtig. Sie haben gewisse Prioritäten, und wenn man sich darüber nur lustig macht und sie für eine Art Bergaffen hält, die nicht verstehen, wie die Welt funktioniert und im Zweifelsfall über sie hinweg schreitet, hören sie nicht zu. Diese Verachtung haben sie nach der ersten Runde zu spüren bekommen. Jetzt sind sie noch mal dran, und sie wissen, dass wir ihnen nichts schenken. Sie wissen, dass wir sie wieder vorführen und demütigen, wenn sie verlieren. Sie wissen wegen Brexit und Trump aber auch: Wir werden uns wie eine Horde Brüllaffen benehmen, wenn sie gewinnen. Wir werden jammern, klagen und beleidigt sein, weil andere unsere neue europäische Klassengesellschaft und ihre zu erlenkenden Ergebnisse demokratischer Wahlen nicht akzeptieren. Unsere geschmeidige Wendigkeit gegen ihren Bauernstolz. Unsere gerechte Sache gehen ihr Heimatgefühl. Wir bieten ihnen die Entscheidung zwischen Unterwerfung unter unsere Norm oder Schläge für Fehlverhalten.

autf

Das ist nicht sonderlich sympathisch. Das wählt man aber leider auch mit, wenn man van der Bellen wählt, und nicht alle, die bei ihm zwangsweise das Kreuzerl machen müssen, finden die Haltung der Medien gut. Hofers Anhänger wissen, dass sie viel zu viele sind, als dass man sie noch niederbrüllen könnte. Die von van der Bellen dagegen sind teilweise nur angeworbene Hilfstruppen, die sich irgendwie entscheiden müssen. Den Teil von ihnen, der sich bei der Wahl wirklich schwer tut, oder in Hofer ein paar positive Punkte sieht, stellen wir auch gleich unter Generalverdacht. Gefolgschaft kann man erzwingen. Loyalität nicht, und die Macht der Medien endet bei der Stimmabgabe. Macht uns unser schönes Brüssel nicht noch komplizierter, sagen wir denen, die erst einmal schauen müssen, was mit ihren Banken passiert, sollten deren eng verwobene Partner in Italien in Schieflage geraten.

autg

Fährt man durch die engen Täler hoch zu den Pässen, redet man mit den Menschen über ihre Heimat, versteht man solche Entscheidungen leichter: Sie wollen halt einen der ihren, der sich für sie einsetzt, und keinen, der anderen den Polante macht. Von oben betrachtet ist die Bergwelt nur ein Puzzlestück in einem Machtspiel des Kontinents, das nur funktioniert, wenn alle bis in die hintersten Täler abgeben und fremde Kontrolle akzeptieren, und in den grossen Medien herrscht weitgehend Einigkeit, dass es gut und richtig so ist. Deshalb lassen Medien einen wie den Herrn Oettinger vom Haken, oder paktieren mit Herrn Schulz im Kampf gegen die Meinungsfreiheit. Eine Weile war das glaubhaft, aber bei meinen linken Freunden in Italien wählt man inzwischen das, was Merkel nicht gefallen wird, gerade weil es ihr nicht gefällt. Bei meinen rechten Gastgebern in Tirol kann es gut sein, dass sie Hofer wählen, weil sie wissen, dass es nicht in unseren Plan und unsere Vorstellungswelt passt.

auth

Sie haben nur eine Gelegenheit, uns damit anzuschreien, wie wir sie dauernd anschreien, wenn sie Frei.Wild hören, das Falsche essen, die falschen Hobbies haben, das falsche Bewusstsein an den Tag legen, die falsche Weltsicht haben, die falschen Beziehungsvorstellungen für richtig halten, die immer gleichen Blockparteien kritisch sehen und das Falsche wählen.

autj

An diesem Sonntag. Es sieht nicht gerade gut aus.

02. Dez. 2016
von Don Alphonso
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28. Nov. 2016
von Don Alphonso
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Kunstgeschichtlerinnen bevorzugt

Certus amor morum est; formam populabitur aetas.

Wer Bilder seiner Wohnung voll mit technischem Gerät veröffentlicht, muss mit Einbrechern rechnen. Wer Bilder seines Stadtpalastes mit Antiquitäten zeigt, bekommt es dagegen mit dummen Sprüchen zu tun. Kitsch as Kitsch can, höhnte einer aus dem Netz, als bei mir ein venezianischer Prunkspiegel – natürlich rein zufällig! – mit auf ein Photo geriet. Passende Antworten wären: “Von wegen! Das ist nur einer, die anderen drei kann ich Ihnen auch noch zeigen!” Oder “Als Ihre unehelichen Vorväter noch die Schweine meiner Vorväter hüteten, war das der Ausdruck des ultimativen Luxus. Man hatte damals noch keine S-Klasse, also kaufte man sich eben Spiegel, um sich zu bewundern.” Oder auch ”Mein guter Mann, wenn Sie etwas kunsthistorisch bewandert wären, dann wüssten Sie, dass der teuerste Gegenstand im Nachlass von Kardinal Richelieu keines seiner Meisterwerke von Giorgione oder Michelangelo war – sondern ein venezianischer Spiegel.”

zkma

Es stimmt also nicht, wenn behauptet wird, Kunstgeschichte sei ein weltfremdes Fach – man hat immer etwas zu erzählen, und stets eine taktische Zweitschlagswaffe mit Overkillpotenzial bei der Hand, denn die meisten Menschen sind nun mal sagenhaft dumm und ungebil. Sicher, man muss sich schon etwas Mühe geben, im alltäglichen Umgang andere nicht gar als ungebildet dastehen zu lassen und arrogant zu wirken, aber manchmal muss in unseren allzu friedfertigen Zeiten eine geistig-elitäre Spitze einfach sein. Der zu bekämpfende Begriff “Kitsch” jedenfalls ist das Lieblingswort all derer, die mit echtem Prunk und menschenverachtendem Luxus nicht umgehen können. Denn was sind schon ein paar Pelzraubtiere für einen Mantel, der heute als moralischer Abgrund gilt, gegen den Opiumhandel, mit dem die Briten die Chinesen vergifteten, um an ihr Silber zu gelangen, in dem ich, zu Kannen umgeformt, meinen Tee bereite? Und wie schnell die Spiegelmacher starben, die mit Quecksilber arbeiteten – das ist kein Kitsch. Das war lungenblutiger Ernst. Am alten Luxus hängt noch echtes Blut, so wie heute nur noch an Massenprodukten der Mode und Elektronik.

zkmb

Das ist echtes Herrschaftswissen echter Herrschaften, und kultiviert wurde das in München im ehemaligen Verwaltungsgebäude der NSDAP am Königsplatz, worin ich lange Jahre meines Studentenlebens zubrachte. Heute steht dort immer noch die Abgusssammlung der archäologischen Sammlung, und man muss schon zugeben, dass der Ort gut gewählt ist. Kennt man den richtigen Weg, den ich hier nicht verraten will, kommt man auch in die Cafeteria des Zentralinstituts für Kunstgeschichte. In meiner Jugend war es hier meistens voll, und schöner liess sich kaum ein Tag vertrödeln: In gewisser Weise war man an der Uni. Ein Blick auf die Peploskoren, und man konnte ich im Bestimmen der Datierung üben. Die Salate waren vorzüglich, die Atmosphäre war entspannt, und die meisten Menschen auf die ein oder andere Art vergeistigt und schön.

zkmc

Und die meisten kamen auch aus jenen Kreisen, die Bafög nur vom Hörensagen kannten, und 8 Semester Regelstudienzeit überhaupt nicht. Wer hier war, hatte zwar seine Heimatstadt verlassen, aber nur selten seine Schicht. Wer hier war, redete nicht über die Mietpreise Münchner Wohnungen. Wozu. Papa hatte doch gekauft. Wer hier war, wusste ganz genau, dass es zwei Möglichkeiten gibt, etwas mit dem Studium anzufangen: Entweder man war wirklich gut und wurde Wissenschaftler, oder man war wie die meisten und rechnete damit, dass irgendwann schon die FAZ in Form des Herausgebers einen anschreiben würde und sagen: Hier, eine Kolumne, schreib was du willst, überrasche uns und wir nehmen es… und so ist es ja dann auch gekommen.

zkmd

Obwohl ich tatsächlich drei Studienkolleginnen hatte, die heute wirkliche Koryphäen in ihren Orchideenfächern sind, war den meisten die Aussicht auf einen Unijob egal. Sehr viele haben mit dem Studium nie etwas angefangen – sie haben einfach geheiratet und sind, ohne sich dumme Vorwürfe anhören zu müssen, weil es SPON und ZEIT Online noch nicht gab, phantastische Mütter geworden, die vielleicht ab und an Yogakurse oder künstlerische Früherziehung anbieten. Einige landeten in kreativen Berufen, einige im Kunsthandel und bei Auktionshäusern, die, man muss es zugeben, auch bei ihren Expertinnen sehr wohl auf Aussehen und Benehmen achten.

zkme

Wir sassen da oben in der Cafateria und wussten, alles wird gut, und unsere Zeit würde schon irgendwann kommen. So ein Leben muss die Hölle für jene sein, die danach gezwungen sind, wirklich eine echte Arbeit zu ergreifen, aber wir hatten durchaus Optionen aufgrund der Herkunft: Nicht wenige von uns erklärten anderen, was sie brauchten, damit ihre Wohnungen und Villen die richtige Kunst und den angemessenen Luxus in sich vereinten. Das war so, wie man heute vielleicht den Sohn zum Webseitenschubsen an Freunde verleiht – damals konnte so eine höhere, auktionserfahrene Tochter helfen, die richtigen Bilder zu finden. So kommt die Tochter mal ins Geschäft und mal unter die Haube.

zkmf

Und ein Chefarzt-Ehemann ist auch meist nachsichtiger bei der Abrechnung, als ein frustrierter städtischer Beamter in einem Verliess unter dem Kulturreferat. Es gab schon gute Gründe, dem reinen Fach zu entflattern und sich damit die Liebe zur Kunst zu bewahren: Es gab neben dem engen Markt der Museumsstellen auch eine hohe Nachfrage nach gebildeten, in allen Lebenslagen schönen und geistreichen Frauen auf dem Markt der dauerhaften Bindung. In so einer Konstellation macht es dann auch nichts, wenn eine kleine Galerie oder Kunstberatung keinen Profit abwirft, weil darauf das ein oder andere Fahrzeug niedrig versichert buchhalterisch läuft und mit dem unerfreulichen Höchststeuersatz verrechnet werden kann (Die Galeristin hier im die Ecke etwa fährt Gemälde mit 462PS durch die Gegend). Mit diesen Methoden werden bei uns alte Häuser restauriert und Pferdekoppeln mit Alpenblick betrieben: Aber das höchste Prestige hatte immer noch die Kunst.

zkmg

Letzthin erzählte mir aber jemand, was so ein mitteljunger Arzt im Klinikum heute verdient und wie lange er dafür arbeiten muss. Da hat sich doch wohl etwas zum Schlechteren verändert. Das ist nicht ohne Belang, denn die Herzen der Kunstgeschichtlerinnen flogen schon zu meiner Zeit nie zu den Holzfällerhemdenträger der TU, sondern meist zu jenen Kreisen, die ein Faible für Hochkultur durch die eigene Familie mitbekommen haben. Aber Ärzte, Apotheker, Bankdirektoren, Anwälte, Richter, sie alle verdienen nicht mehr so gut, und Berater, das merke ich immer wieder, bevorzugen Frauen, die auch arbeiten. Das hat vermutlich etwas mit dieser obszönen Erfolgsorientierung zu tun. Gleichzeitig ist das mit den schönen, alten Dingen heute so eine Sache. Egal ob barockes Silber oder Biedermeiermöbel, Rokokoportraits oder Seidenteppiche: Was vor 20, 30 Jahren noch ein Vermögen kostete, ist heute, wenn es nicht absolute Spitzenklasse ist, nicht mehr sehr viel wert. Bei Ebay bekommen Sie goldbestickte Seidenkaseln des Rokoko zu H&M-Preisen, und dann könnten Sie jeden Tag in Ihrer Hauskapelle sehr prunkvolle, tridentinische Messen aufführen. Nicht umsonst schliessen in Schwabing all die Antiquitätengeschäfte, an deren Fenster wir lange hingen, nicht umsonst werden Auktionstermine seltener, und wessen Eltern ein Faible für religiöse Kunst hatten, der wird sich überlegen müssen, ob er genug Platz auf dem Speicher hat. Lange haben auch Italiener gekauft, was verfügbar war: Ich kenne einen Restaurator aus Parma, der nun die nicht abgeholten, weil unbezahlbaren Stücke zurück nach Deutschland verkauft.

zkmh

Es ist ganz schön still in diesem Innenhof. Früher war es laut, und um diese Zeit auch immer brechend voll. Natürlich spielt auch die verkürzte Studienzeit eine Rolle, und natürlich sind immer noch ab und zu federleichte Frauen in dezenten, fein abgestimmten Brauntönen zu sehen, mit dem ein oder anderen aufmüpfigen Farbklecks. Die Verschulung des Studiums spielt auch eine Rolle. Alles spielt eine Rolle, alles macht das Dasein etwas weniger leicht und die Zukunft ärmer an Optionen. Ich sehe Frauen in meinem Alter, die immer gearbeitet haben, mit Burnout und massiven Problemen, und ich sehe viele engagierte Absolventinnen, die am Ende des Studiums mehr Kompetenznachweise haben, als ich je haben werde. In deren Welt gibt es keine Erzählung vom Einrenken durch Einheiraten. Vermutlich wäre es ihnen peinlich, offen darüber zu reden. Wie sie auch nicht gern über die Arbeitsbedingungen in der Kreativbranche reden. Es gibt sehr viele, gut ausgebildete und zielstrebige Leute, aber sie hätten es leichter, wenn es in ihrem Alter auch mehr von unserer alten Art gäbe, mit denen sie nicht konkurrieren müssten.

zkmi

Das Ergebnis lesen Sie hier, ich mache ein innovatives Medienprojekt als doch nicht mehr ganz junger Mann. Und ganz junge Männer und Frauen wenden sich ausgezehrt und finanziell nicht eben gut behütet von kriselnden Projekten ab. Hätten noch mehr von meiner Schicht – und bitte, da gab es wirklich sehr geistreiche Frauen – Familienwünsche hinten angestellt, wäre es noch etwas enger. Wir haben das alles einfach passieren lassen und darauf vertraut, dass sich alles schon findet. Manche Wege blieben uns versperrt, aber andere haben sich geöffnet, und es war immer genug Zeit, um zwischen den Statuen staunend zu verweilen, und die Schönheit zu preisen. So war das. Die Welt der disziplinierten Nazis, die das Gebäude schufen, hatte nur 12 Jahre Bestand. Die sorglose Epoche, in der man immer hoffen konnte und keiner an der Zukunft verzweifelte, dauerte leider nicht länger als die zwei Dekaden des Übergangs von der Spätarchaik zur frühen Klassik, als die etwas steifen, lächelnden Koren in ihren langen Gewändern von dynamischen Nackten abgelöst wurden, die ihre Marmorhaut zu Markte trugen.

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In Hamburg hat eine Internet-Firma einen Haufen junger Leute unsanft vor die Tür gesetzt, darunter auch welche mit unbestreitbarer künstlerischer Begabung und Zusatzausbildung, um das in diesem Cyber umzusetzen. Viele meiner damaligen Bekannten haben einfach den schon bereit stehenden Freund geheiratet, als offensichtlich wurde, dass das ungeschützte Berufsleben ihnen nicht gefallen würde. Niemand fand das verwerflich. Das Leben war gut zu ihnen. Es hat ihnen geholfen, und ihren Nachfolgerinnen hilft keiner. Es gibt kein Zurück in die Vergangenheit, und vielleicht bin ich auch etwas zu unfair zu den Progressiven, die meine venezianischen Prunkspiegel nicht loben, und auf den Ausweg eines bedingungslosen Grundeinkommens an jener Stelle im Leben hofften, wo früher der Arzt mit dem roten Toyota MR2 stand.

28. Nov. 2016
von Don Alphonso
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22. Nov. 2016
von Don Alphonso
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Wie man Bürger zur AfD auf die Barrikaden bringt

Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.
André Gide

Es gibt momentan eine harte Internetdebatte zwischen Anhängern der AfD und Stefan Niggemeier um die Frage der – es geht schon beim Begriff los – Frühsexualisierung (AfD) oder Erziehung zu Toleranz und offener Gesellschaft (Niggemeier). Es geht dabei um die in einigen Bundesländern erfolgreichen Versuche von nicht heterosexuellen Gruppen, ihre Positionen zu Liebe, Sex und Partnerschaft zum Teil der schulischen oder vorschulischen Bildung zu machen. Es ist eine Fortsetzung des Streits, der mit einer Petition eines Lehrers aus Baden-Württemberg begann, und sich dann unter Einbeziehung diverser Extremisten aufschaukelte. Eine Hauptverursacherin der Debatte tönte etwa, sie werde die Staatsanwaltschaft gegen diese Zeitung in Bewegung setzen, weil sich deren Korrespondent in einer ihr nicht genehmen Art mit dem Thema beschäftigte. Kurz, das Thema ist hochtoxisch und ideologisch verbrannt, und da macht es nichts mehr aus, wenn ich jetzt auch noch ein paar Leute diskriminiere.

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Ernsthaft. Ich glaube, die AfD wird als die grosse Siegerin aus dem Konflikt hervorgehen. Nicht, weil sie inhaltlich recht hat, sondern weil Niggemeier, die Autorinnen des Missy Magazins, Volker Beck, die Grünen und viele andere den Kontakt zu meiner Realität auf dem flachen Land verloren haben, die in vielerlei Hinsicht gar nicht so schlimm ist. Sie war mal schlimm, das steht völlig ausser Frage, und davon kündet die kleine und teilweise unrestaurierte Wohnung, aus der die Bilder stammen: Diese Dachkammer war im 19. Jahrhundert der Ort für Leibeigene Dienstboten meines Clans, und sie wurde in den späten 50er Jahren zu einer vollwertigen Wohnung umgebaut. Meine Grossmutter hatte beste Kontakte in die Stadtverwaltung und musste daher keine Angst vor Repression haben: Denn dort oben zogen zwei aus der Ferne stammende Schauspieler ein, die homosexuell waren.

Sie hatten damals das Glück, an eine Frau zu geraten, die ausgesprochen tolerant und aufgeschlossen war, und die sich nicht darum scherte, wenn Gerüchte über das Treiben unter dem Dach die Runde machten: “Wooos? De soin mitanand…? Ah wo. Da oane hod dauand de (Name einer bis heute bundesweit bekannten Aktrice) dahoam und da onda hod a Gschbusi in Minga.“ Dergleichen galt zwar auch als skandalös, aber wer würde denn hier den ersten Stein werfen, wenn das von nicht wenigen frequentierte Altstadtbordell “Femina Bar“ nur einen Steinwurf entfernt war. Heute ist die genderqueere Stadtkneipe ebenfalls um die Ecke.

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In meiner vergehenden Jugend haben sich Lebensmodelle, die Niggemeier als Regenbogenfamilien bezeichnet, vom allenfalls geduldeten Randphänomen zu einem medial durchaus gelobten und akzeptierten Modell entwickelt, und zwar so sehr, dass sogar im Vorstand der AfD eine Vertreterin dieser Lebensgestaltung sitzt. Es muss also etwas richtig gelaufen sein, auf dem Weg zu Toleranz und offener Gesellschaft. Den Wandel brachten eher nicht die APO, die Kommune 1, die RAF, Alice Schwarzer oder die finsteren Typen, deren Treiben die Grünen nur widerwillig aufgearbeitet haben. Den Wandel der breiten Gesellschaft brachten eher meine Grossmutter, indem sie die Wohnung ausbaute, und mein Deutschlehrer, der durchsetzte, dass wir in der AG Literatur mit 15 oder 16 Jahren Andre Gides Falschmünzer lesen durften. Das war wegen homoerotischer Andeutungen nämlich beim Direktor noch genehmigungspflichtig. Und wenn ich Kinder hätte, wäre ich froh, wenn sie sich dem Thema auch so diskret wie meine Grossmutter und dezent und feinsinnig wie Andre Gide nähern könnten. Oder Oscar Wilde oder E.M. Forster.

Ich glaube aus meinen Erfahrungen mit der Schule im Allgemeinen und der schwierigen Zeit der Pubertät im Besonderen überhaupt nicht, dass es eine gute Sache ist, das Thema mit einer Zwangsveranstaltung im Lehrplan zu machen. Noch dazu, wenn es um Praktiken und Orientierungen geht, für die man erst einmal ein gewisses Gefühl finden muss. Jeder Knabe findet die Vorstellung von Zungenküssen zuerst fragwürdig – aber das kommt irgendwann, und heute schneller als bei uns. Es ist eine Sache des Probierens, sie ist schwierig genug, und die Vorstellung, dass der Lehrer…. bei uns hätte das Thema Sex der Biologielehrer H. machen müssen, der nicht wirklich so aussah als ob er… also ich mein… das hätte schon ein sehr besonderer Fetisch…. also wie auch immer, wir haben den Punkt an der Schule ausgelassen und das war auch gut so. Als die Bundeswehr mit einem Vortrag versuchte, uns Toleranz für den Dienst an der Waffe einzubläuen, stieg bei uns die Verweigererquote sprunghaft an. Warum sollte man sich von älterem Lehrpersonal Sex… nein, Nein, Neinneinneinneinnein. Kennen Sie Tom Sharpes Mohrenwäsche? So wäre das. Lesen Sie es, bevor Zensurminister Maas es verbietet! Das sage ich über Sexualkunde als braver, bayerischer Abiturient. Ich will gar nicht wissen, wie das in den in Berlin als “Gymnasium“ bezeichneten Abschlusslotterieanstalten ist. Oder in den Schulen, in denen die Jungs deutschen Gangsta-Rap hören.

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Ich glaube, es gibt klügere Wege. Dieser Toleranzunterricht ist in meinen Augen so etwas wie das erzwungene Gendersternchen oder Genderpapas Glück, wenn der Sohn auch mal einen Rock trägt und er auf dem Spielplatz in Mitte erzählen kann, dass der Sohn so richtig queer ist. Doch, es gibt solche Leute. Wirklich. Instinktiv denke ich mir: Warum lasst ihr sie nicht einfach selbst entscheiden und wachsen? Und wenn ein paar Kinder intolerant werden – dann ist es halt so. Ich glaube nicht, dass die sexuelle Orientierung Menschen tolerant macht. Volker Beck feiert chrystalklar seine Mitarbeiterin, wenn eine Journalistin nicht mehr beschäftigt wird, die eine ihm nicht passende Meinung hat. Zur Normalisierung der Lebensvorstellungen gehört, dass solche Gruppen bei näherer Betrachtung auch nicht besser oder schlechter, fortschrittlicher oder spiessiger sind.

Das Kernproblem dieser Bemühungen ist aber ein anderes. Für Niggemeiers Regenbogenlobby ist es wichtig, dass sie ihre Möglichkeiten bekommt. Damit sind sie nicht allein. Für die Integrationsbeauftragte der Bundesregierug ist es wichtig, dass Migranten neben Geld und Sozialleistungen auch das Wahlrecht bekommen. Migrantenverbände wollen eine Quote für ihre Mitglieder. Pro Asyl fordert sozialen Wohnraum für Migranten. Muslimverbände möchten den Kirchen gleichgestellt werden. Arbeitgeberverbände möchten aus der sozialen Mithaftung entlassen werden. Die Atomlobby will ihre Risiken an die Allgemeinheit abtreten. Frauenquoten werden in Bereichen gefordert, in denen es nicht ausreichend qualifizierte Frauen gibt, weil die wiederum eher weiche Fächer studieren. Die neuen deutschen Medienmacher bekommen Staatsförderung, um der alteingessesenen Mehrheit Sprachvorschriften zu machen, und Kahanestiftung bekommt Geld für Gesinnungsschnüffelei. Die Linke will als Beispiel für Integration eine Frau als Bezirksbürgermeisterin, die in der autonomen Szene aktiv war. Wer eine Wohnung vermietet, bekommt als Miethai die Mietpreisbremse aufgezwungen, und wer Inklusion ablehnt, weil er mal erlebt hat, wie ein Ex-Junkie gewaltsam eine WG gesprengt hat, ist intolerant. Erdogan will Milliarden und andere Staaten in Afrika wollen sie auch, weil sie nichts gegen Überbevölkerung tun. Alle fordern. Keiner von ihnen zahlt. Gegenleistungen ausser Beschimpfungen als Rassisten und privilegierte Unmenschen will niemand erbringen. Es gibt da in Bayern den schönen Begriff “da fettn Sau an Oasch schmian“. Das angeblich so offene, tolerante Deutschland erleben viele, und besonders jene, die dafür den Löwenanteil zahlen, Kinder erziehen und sich Mühe geben, als einen Ort, an dem sie genau dazu gezwungen werden. Niemand fragt sie, ob sie die Förderung von Partikularinteressen der Minderheiten wollen. Das wird Top-Down ohne ihren Willen so entschieden. Man wirft die von den Bürgern finanzierten Autobahnen nach Möglichkeit den Versicherungen vor, und nimmt eine von den Bürgern eingezahlte Milliarde der Krankenkasse für Migranten, die weder so gesund noch so Facharbeiter wie versprochen sind. Und ein Escortring eine Partei, die sich den Minderheiten verschrieben hat, vermittelt Minister und andere Amtsträger an Firmen.

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Und dann kommt die Lobby des Herrn Beck daher und will auch noch den Kindern erklären, dass das, was Papa und Mama da machen, gar nicht so sein muss und es noch ganz viele andere Optionen gibt, speziell bei Leuten, die hauptberuflich über Benachteiligung jammern. Es impliziert durch die angebliche Notwendigkeit, die Eltern würden das falsch machen, wären nicht tolerant genug, und müssen anderen Platz machen. Da platzt vielen einfach der Kragen. Die Lobby will das an Orten, an denen die Eltern wenig zu sagen haben und so, dass die Kinder dem nicht entgehen können. Ich bin ein kinderloser, toleranter und genussorientierter Libertin, aber ich verstehe, warum Eltern das nicht wollen. Ich sehe all die Angriffsvektoren, die von Lobbys und ihren publizistischen Lakaien genutzt werden. Alle wollen irgendwas, Firmen wollen Schulen ihre Wirtschaftsideale nahe bringen, die Nazis wollen ihre Schulhof-CD verbreiten, Google versucht über Youtube, Klassen zur Hatespeech-Stasi zu machen, und dann fordern die LGBT-Gruppen Sonderrechte und sagen den Kindern jetzt mal, wie sie die Sex und Liebe zu sehen haben.

Das versteht die AfD, und deshalb macht sie dagegen mobil. Sie macht es, weil sie weiss, dass dieses Thema auf den innersten Kern des Selbstverständnisses vieler Menschen zielt. Für ihre indolenten Gegner ist das scheinbar nur ein kleiner Unterricht, aber für die Identität der Mehrheit eine absolute Grundsatzfrage. Es sind Menschen, die meiner Meinung nach völlig zurecht fragen, wieso man 96% zwangsindoktrinieren soll, nur weil die selbsternannte Lobby von 4% glaubt, dass es nötig ist und die Welt besser macht. Ist es so? Ich lese dauernd viel Intolerantes wie das hier in meine Richtung:

laurab

Die Entwicklung der Toleranz gegenüber sexuellen Optionen hat bei allen Problemen und dem Unrecht, für das sich der Staat zu entschuldigen hat, gesellschaftlich ganz gut funktioniert, auch wenn Rückschläge wie der frauenfeindliche Irrsinn des angeblichen Prostitutionsschutzgesetzes neu entstehen. Es hat funktioniert, weil die Mehrheit der Gesellschaft nicht den Eindruck hatte, überfordert zu sein, und die Gleichberechtigung und gelebte Toleranz demokratisch befürwortet. Aber die Versuche, alle Aspekte der Identität von Menschen in Frage zu stellen, sich das Recht herauszunehmen, das an ihren Kindern auszuleben, Forderungen zu stellen, weil gerade auch alle anderen Forderungen stellen, und Andersdenkende zu beschimpfen: Das führt dazu, dass die Mehrheit auch auf die Idee kommt, ihre eigenen Interessen aktiv zu verteidigen, und sich hinter denen zu scharen, die genau das in Reinform und konsequent umsetzen. Niggemeier hat prinzipiell einige gute Punkte, und wir stehen trotzdem vor einer reaktionären Umwälzung, weil keine andere Option bleibt, sich gegen die weniger guten Punkte zu wehren. Während ich das hier erklärend schreibe, suchen andere schon die Fackeln und Mistgabeln.

Offenlegung: Ich persönlich würde mich nicht zwischen den Wünschen der AfD und den Wünschen der Genderverbände entscheiden wollen – beide Vorstellungen haben enorm unsympathische Aspekte. Ich würde gern friedlich und bürgerlich mit allen zusammenleben, ohne dass zu sehr von beiden Seiten am Tor der Hölle gerüttelt wird.

22. Nov. 2016
von Don Alphonso
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20. Nov. 2016
von Don Alphonso
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Bunte Kinder, deren Eltern es einmal schlechter haben sollen

Friede den Palästen.

Bunt. Was soll man da noch antworten. Wir sind hier bunt. Da kann man nicht antworten, man wäre gern einfarbig. Bunt ist gut, einfarbig ist, wenn es um Menschen geht, rassistisch. Bunt ist als Begriff so positiv aufgeladen, dass keine Verneinung etwas Gutes in sich tragen könnte. Bunt ist als Leitbild im Journalismus präsent, selbst wenn dessen Träger fast durchgehend weisse, privilegierte Bürgerkinder und damit als Gruppe fast so unbunt wie der der Ku Klux Klan sind, der auch gerne anderen Leuten die Hütten anzündet. Bunt ist schön, bunt ist vielfältig, bunt ist lebenswert, und wenn Gesellschaften und Firmen und Städte bunt werden, werden sie auch besser und erfolgreicher und alle haben mehr. Das sagt auch Team-Gina-Lisa Schwesig. Wer bunt ist, muss nicht mehr argumentieren. Wer über Buntes schreibt, muss nicht mehr kompliziert recherchieren. Zum Glück sind alle meine Wohnungen bunt, sehr bunt, teilweise bunt wie ein explodierter Punschkrapfen, was bunte Menschen darüber hinweg täuscht, dass ich nicht jedes Bunt unhinterfragt haben will.

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Meine Erfahrungen mit Bunt sind – durchwachsen. Weil Bunt so einfach ist wie früher “Bayern“ für die CSU und “Sozialismus“ für die SED und ihre STASI-Spitzel. Weil man mit vier Buchstaben so auf der richtigen Seite sein kann, wie sonst nur mit den vier Buchstaben “Nazi“ gegen andere, verwenden das Wort auch komische Leute. In Augsburg war ich auf einer Anti-AfD-Demonstration, wo auf einem Schild “bunt“ neben einem Todeswunsch stand. Vielleicht bin ich auch etwas empfindlich, aber der Gedanke, dass Buntheit durch das Beseitigen Minderbunter gefördert werden könnte, missfällt mir. Seitdem bin ich in meiner bunten Wohnung wachsam und achte darauf, wenn bunte Menschen weniger Bunte zum öffentlichen Abschuss freigeben, weil sie nicht bunter sein und eine Migrantenunterkunft neben sich haben wollen. Natürlich gibt es da auch positive Verhaltensanweisungen: Der bunte Mensch, das lese ich in den migrationsfreundlichen Medien, möchte doch bitte ein Zimmer frei räumen. Ältere könnten davon profitieren! Die wohnen doch ohnehin in viel zu grossen Wohnungen. Bunt macht da das Leben schöner.

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Manchmal aber scheint durch, was damit wirklich gemeint ist. Manchmal sind auch Bunte sehr ehrlich, und dann sind sie auch nicht netter als der Nörgelrentner, dem die Kinder zu laut sind. Dann entdecken sie etwas, das ihnen nicht passt, und werfen es anderen Bunten zum Frass vor. Verena Mayer von der Süddeutschen Zeitung ist beispielsweise eine Journalistin, die sehr viele bunte Themen schreibt, von Team Gina Lisa bis zu multikonfessionellen Gebetsräumen – für einen derartigen Beitrag bekam sie gerade einen Diversitätspreis der EU. Auf ihrem Twitter-Account zeigt sie aber auch mitunter, was ihr weniger gefällt, und gibt der Erwartung Ausdruck, dass gewisse Lebensziele und Wünsche schlecht aufgenommen werden: Der Drang, Wohnungssuchenden zu helfen, die sich wegen erfolgreicher Kinder auf 120 m2 verkleinern wollen, dürfte sich ja in Grenzen halten.

verej

Es geht da um eine öffentlich aufgehängte Wohnungsannonce, die sie abgelichtet hat. Da berichtet ein Paar, dass die Söhne beruflich erfolgreich sind. Das finde ich eigentlich gut, denn natürlich ist es schön, wenn Kinder ihren eigenen Weg gehen und den Staat und das Sozialsystem dabei fördern. Sie sagen, dass sie sich verkleinern wollen. Auch das finde ich hochanständig. Es ist völlig in einer Linie mit den Wünschen der Bunten. Die Bunten hassen Eltern, die nach dem Auszug der Kinder mit Ausreden – die Katze kann sich nicht umstellen, einen alten Baum verpflanzt man nicht – an ihre 250m²-Villen klammern, was, seien wir ehrlich, unter Bessergestellten die niemals hinterfragte Norm ist, denn wo kämen wir denn da hin? Dorthin, wo die Inserenten sein wollen, unter Leute, die sie offensichtlich verachten. Sie geben Wohnraum frei für andere und möchten zurück in ein urbanes Viertel, wo sie nicht erwünscht sind.

vereh

Dabei ist der Wunsch sehr anständig, denn die Inserenten dürften älter sein, und die Versorgung alter, kranker Menschen weit draussen belastet unsere Sozialsysteme. Sie suchen auch eine Wohnung zum käuflichen Erwerb: Sollten sie gepflegt werden müssen, entlastet das Vermögen den Staat, denn wer nichts hat, wird auch gepflegt, und wer etwas hat, muss zahlen. Ich finde das staatliche Raubverhalten in Notlagen und Todesfällen übrigens pervers, aber mei. Das Paar wünscht sich einen Aufzug: Sie denken an ihre alten Tage. Es will einen Balkon: Wer könnte es ihnen verdenken, wenn man sieht, wie andere Gärtner durch ihre Urwälder vor den Villen kommandieren. Sie wollen zusammen 100 bis 120 m². Der durchschnittliche Deutsche von der Wiege bis zum Grab hat momentan 45-48m², je nach Untersuchung, und alle 10 Jahre kommen 3m² dazu, sofern man nicht gerade was mit Mediensozialhilfe macht. Für ein Paar in den 50ern ist der Wunsch weder luxuriös noch extravagant. In meinen Kreisen ist allein die Ferienwohnung deutlich grösser. Und wenn das Paar anständige Söhne hat, die sich um ihre Eltern kümmern, ist ein Gästezimmer auch nicht verkehrt.

vered

Dieser Wunsch ist nicht mehr als der Durchschnitt in einem Lebensmodell, das normal ist. Es ist ein Versuch, ohne unbeliebte Makler auszukommen, und wenn ich das als Vermieter lese, würde ich denken: Das ist mir bunt genug! Besser als eine WG aus zwei Genderistinnen bei einem finanziell maroden Risikoprojekt, bei denen man nie weiss, ob sie nicht nach Kräften an Fusselhipster untervermieten, weil sie es billiger haben wollen, und mich hassen, wenn sie erfahren, auf wie vielen bunten Barock-Quadratmetern ich ganz allein lebe und klage, dass ich keinen Platz für Bilder mehr verfügb In meinen Augen sind diese Wohnungssuchenden nicht ohne Vermögen, selbstständig, lebenserfahren, nicht zu anspruchsvoll, und sie haben sich die Sache gut überlegt. Es ist so, wie es sein soll. Es gibt keinen Grund, sich darüber zu echauffieren, wie es die Kollegin macht. Durchschnitt ist noch nicht mal privilegiert, es ist nur normal.

verab

Man sieht, was nicht bunt genug ist: Das, was de meisten Menschen in diesem Land als erstrebenswert betrachten, eine Familie, gute Kinder, eine mittelgrosse Wohnung und einen angenehmen Ort für das Alter. Alle, die unter dem Bild ihren Hass auskübeln, brauchen gar nicht einen wie mich oder meine Klasse, um ihre Diversität mit einem moralisch verwerflichen Feindbild zu begründen. Es reicht die Normalität. Bescheidener Wohlstand. Ordentliche Verhältnisse. Die Bereitschaft, sich anzupassen. Das kleine Glück nach einem arbeitsreichen Leben. Diese Gruppe verachtet das Milieu, das den Staat trägt – Deutschland wäre weit hinter Burundi, würden hier alle in Berlin leben und schreiben, wie bunt und divers dort das Dasein ist. Das bunte Lebensmodell ist nur möglich, weil es solche abgelehnten Leute gibt, die am Frühstückstisch eine Zeitung lesen wollen. Es können nicht alle bunte Blumen sein. Sie brauchen auch Erde, auf der sie wachsen können. Momentan habe ich den Eindruck, die bunten Blumen sehen dort unten nur die braune Farbe.

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Ich kann mich nicht beklagen, denn es betrifft mich nicht. Es ist vulgärer Klassenkampf, und die Aversion richtet sich nicht gegen Bewohner des Tegernsees oder von Palästen, sondern gegen das Bürgertum. Weil es einfach gerade da ist, und einen Zettel aufhängt. 76 Leute liken diesen Pranger. Zu gerne wüsste man, was für ein Verhältnis sie zu ihren eigenen Eltern haben, wenn sie anderen Eltern das nicht vergönnen.

verec

Früher dachten Eltern, ihren Kindern sollte es einmal besser gehen. Heute denken Kinder, den Eltern könnte es gern schlechter gehen. Berlin will unter RotRotGrün für Eltern jener Alterskohorte, die den Pranger mag, bedarfsunabhängig Kita-Gutscheine verteilen, damit die Kinder noch früher aus dem Haus kommen. Da lernen sie von früh auf, dass sie auch bunt sein müssen, die Eltern halten es auch in kleineren Wohnungen aus, und muss sich später nicht mehr verkleinern. So anspruchslos und neosozialistisch kann man das Wohnraumproblem in Berlin natürlich auch lösen. Und die anderen bleiben einfach in ihren Villen, und sagen dem Gärtner, wohin die Agapanten und Oleander kommen, ohne dass je ein Bild davon ins Netz gelangen würde.

20. Nov. 2016
von Don Alphonso
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