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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

20. Jul. 2016
von Don Alphonso
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Erdogan hat etwas mit dem Islam zu tun

Meine Familie in der Türkei bittet mich nicht mehr über die Türkei zu Twittern, weil sie Angst vor Repressalien haben. Es wird ernst.

Die kleine, dumme Stadt an der Donau ist ein Musterbeispiel für Integration. Über 90% der Bevölkerung sind, mit den Augen eines Vertreters der alten Eliten betrachtet, Migranten. 1850 waren wir keine 10.000 Menschen, und jetzt sind es 133.000. Die meisten kamen sogar erst nach dem 2. Weltkrieg: Flüchtlinge aus dem Osten, Displaced Persons, Italiener, Spanier, Türken, Griechen, recht viele Jugoslawen, zwischendrin auch einige echte ungarische Flüchtlinge und haufenweise Wirtschaftsmigranten aus Hamburg, Preussen, Nordrhein-Westfalen und weiteren mitteleuropäischen Krisenregionen. Es sind sogar Hessen hier. Trotzdem hat sich hier alles gut eingerenkt: wir hatten ja über 150 Jahre Zeit, die Migranten einen nach dem anderen katholisch zu machen, wie man bei uns im Kernland der Gegenreformation, Toleranz mit den Rechtgläubigen und der Antiaufklärung so schön sagt.

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Das hat so übergut funktioniert, dass ich mir letzten Winter die Idee, hier eine Bürgerwehr gegen Neuankömmlinge einzuführen, auf Bayerisch von einem Türken und einem Bosnier anhören durfte. Abgesehen davon herrscht hier Vollbeschäftigung. Jeder, der es wirklich will, findet eine anständige Arbeit, weshalb wir hier keine Genderlehrstühle brauchen. Das Lohnniveau ist hoch, und deshalb haben wir hier keine von Armut, Hipster und HartzIV geprägten Wohngegenden. Die Stadt und die sie umgebende Region ist ein Beispiel dafür, wie Deutschland sein könnte, wenn es woanders nicht wäre, wie es ist. Meine Heimatstadt ist bunt, und kaum jemand erinnert sich noch an die Zeiten, als das anders war. Kurz nach meinem Abitur, als hier die Republikaner einen grossen Europawahlerfolg eingefahren haben, und den im Stadttheater feierten.

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Damals kam der Schönhuber, und am Tor des Theaters kam es zwischen deutschen Befürwortern und Gegnern des ehemaligen Waffen-SS-Mannes zu erst lautstarken und dann auch tätlichen Auseinandersetzungen. Ich war dabei. Auf der linken Seite. Es war nicht gerade schön, andere oide Stodarer, die man seit Generationen kannte, auf der anderen Seite zu sehen. Es gab hier nach dem zweiten Weltkrieg so etwas wie einen Burgfrieden zwischen Roten und Schwarzen, aber mit Schönhuber brachen die ganz alten, bösen Konflikte wieder auf – als hätten manche nur auf ihren neuen Messias gewartet. Es kam zum Glück anders, und Positionen, die damals Kernideologie der CSU waren, würde heute auch die AfD nicht mehr vertreten. Schönhuber hat sich bald selbst erledigt, und in der kleinen, dummen Stadt machte man wieder das, was man am besten konnte: Autos bauen, exportieren, reich werden, und hemmungslos alle aufnehmen, die bereit waren, sich diesen Zielen voll und ganz zu verschreiben. Die kleine, dumme Stadt an der Donau ist reich und bunt.

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Gestern war sie rot. Es ging dem Vernehmen nach alles ganz schnell, am Morgen erzählte mir der Türke mit Vorliebe für Bürgerwehr, dass in der Nacht die Telefonketten heiß gelaufen sind: Man sollte den Laden zusperren, kommen, und alle mitbringen, die laufen konnten. Er hielt das für gar keine gute Idee, aber er gehört auch zu einer religiösen Minderheit in der Türkei. Er sagte den Anrufern, dass es vielleicht keine so gute Idee ist, gerade an diesem Tag, nachdem da einer für den Islam fünf Menschen niedergehackt und -gestochen hat, durch die Stadt zu ziehen. Auch die Türkei ist eigentlich bunt, es gibt Kurden und Anhänger des Sufismus und Schiiten und Kommunisten, die während der Militärdiktatur nach Deutschland flohen. Es gibt aber auch Milli Görüs.

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Der Herr mit dem schwarzen T-Shirt trägt eine Armbinde mit der Aufschrift “Ordner“. Auf dem Hemd steht der zweite Teil eines Spruches, den der Gründer von Milli Görüs geprägt hat: “Eine Blume macht noch keinen Frühling, aber der Frühling beginnt mit einer Blume.“ Die türkische Kultur hat ihre poetischen Momente und kann von ausgeprägter Höflichkeit und Anteilnahme geprägt sein, und das klingt dann auch so gar nicht nach dem, was der Judenhasser Necmettin Erbakan sonst noch so gesagt hat. Etwa “Der Zionismus ist ein Glaube und eine Ideologie, dessen Zentrum sich bei den Banken der New Yorker Wallstreet befindet. Die Zionisten glauben, dass sie die tatsächlichen und auserwählten Diener Gottes sind. Ferner sind sie davon überzeugt, dass die anderen Menschen als ihre Sklaven geschaffen wurden. Sie gehen davon aus, dass es ihre Aufgabe ist, die Welt zu beherrschen. Sie verstehen die Ausbeutung der anderen Menschen als Teil ihrer Glaubenswelt.

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Das sind nicht DIE Türken, sage ich einer Bekannten, die ich am Rande der Demo treffe. und die sich fragt, was das soll: Dass hier über tausend Leute mit roten Fahnen durch die Stadt ziehen, und türkische Parolen skandieren. Es sind rechtsgerichtete, nationalistische Organisatoren, die sonst kaum öffentlich in Erscheinung treten. Milli Görüs, Nationale Sicht, sie vermeiden bislang eher öffentliches Aufsehen. Sie wirken lieber in der türkischen Gemeinde. Geschätzt zehn Prozent der in der Region lebenden Menschen mit türkischer Herkunft haben sie auf die Strasse, auf den Platz gebracht. Alle haben sie türkische Fahnen. Alle sind sie laut. Alle schreien sie auf türkisch. Nieder mit den Putschisten, ein Hoch auf die Demokratie und Erdogan.

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Es kommen die Väter mit ihren Kindern. Viele tragen dazu auch Trikots türkischer Fussballvereine. Es gibt Frauen mit blondierten Haaren und engen Hosen, aber auch alle Arten der Verschleierung, und das ist die Mehrheit. Man hört von den hiesigen Exremisten nur sehr wenig, es gibt auch Programme wie “Mutter lernt Deutsch“, die von der türkischen Gemeinde und der Stadt getragen werden, um Parallelstrukturen aufzubrechen. Diese bodenlang verhüllten Parallelstrukturen, die man sonst kaum sieht, und von denen man ansonsten gern hoffen würde, dass sich da ein paar saudische Touristinnen verirrt haben, sind heute auch da. Sie sind laut, die Stimmung ist, das merkt man als erfahrener Demonstrant, aufgeheizt und schlecht, und die Polizei hat die Schränke der Bereitschaftspolizei aufmarschieren lassen, damit hier nichts eskaliert.

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Die meisten sind in Deutschland geboren. Die meisten werden einem – privat – nach dem Türkeiurlaub erzählen, dass sie aus dem ein oder anderen Grund doch ganz gern in Deutschland leben, und daheim als “Deutsche“ gelten. Das Leben hier geht nicht spurlos an ihnen vorbei, aber jetzt, hier, als sie schreiend und fahnenschwenkend durch die Stadt ziehen, sind sie Türken und kümmern sich nicht darum, wie das auf die anderen Bewohner der Stadt wirkt, die gerade das Video des IS sehen, auf dem der Attentäter sagt, die Soldaten des Kalifats seien hier. Ich wüsste gar nicht, wo ich eine deutsche Fahne her bekommen sollte – wir haben nur eine bayerische Fahne von 1908, als der Prinzregent hier zu Besuch war. Es gibt italienische Dekofähnchen beim Carrara-Weinfest und die französische Tricolore, wenn die Freunde aus Grasse kommen. Es gibt hier aber schon sehr lang, eigentlich seit Schönhuber, keinen nationalistischen Aufmarsch mehr.

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Halbmond und Stern ist die türkische Nationalfahne. Drei weisse Halbmonde auf rotem Grund ist die Fahne der nationalistischen, antisemitischen, exremistischen Partei MHP, bei uns besser bekannt als “Graue Wölfe“. Die sind hier auch dabei. Sie marschieren mit. Sie werden von den Erdogananhängern nicht ausgegrenzt, und hier, auf dem Rathausplatz der an sich bunten, toleranten Stadt zeigen sie den Wolfsgruss.

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Es gibt keine Gegendemonstration. Jeder weiss, was in anderen Städten passiert ist, gegenüber Kurden und Anhängern von Bewegungen, die kritisch gegenüber Erdogan sind. Dass es passiert, dafür sorgen die Extremisten unter den Demonstranten. Es gibt in Deutschland Demonstrationsrecht, und wie es genutzt wird, wie es wirkt, ist Sache der Demonstranten und ihrer Vernunft. Hier ist es emotional, laut und nicht verständlich. Eine Machtdemonstration des Erdoganlagers. Aussenrum steht das schockierte deutsche Bürgertun und fragt sich, was das soll, eine nationalistische Demonstration für einen Machthaber einer Nation, der hierzulande, nach unseren Vorstellungen, ein totalitäres Regime mit seinem Mob durchpeitscht.

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Alles ist auf türkisch. Die Plakate, die Erdogan hoch leben lassen, die Reden, die ihm Treue schwören, die Fahnen, die Nazis, die Kinder, die Antisemiten, die Handyknipser, die Rassisten, die hier in der Masse mitmarschieren. Wir hatten hier „… ist bunt“-Demonstrationen. Jetzt ist es nur rot. Vermutlich ist das hier nicht die Mehrheit, und nur, weil sie miteinander marschieren, müssen sich nicht viele zu den türkischen Nazis bekennen. Es gibt hier sicher auch einiges an sozialem Druck, sich zu beteiligen.

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Aber dieser Druck kann nur wirken, weil man ihn wirken lässt. Multikulti heisst faktisch in der BRD, den anderen sein Ding machen zu lassen und das eigene Land , die eigene Kultur schlecht zu reden. Der moralistisch-deutsche Nationalismus der Gedenk- und Willkommenskultur ist weltweit ein Sonderweg, und nicht attraktiv für Kulturen, die ein positives Selbstbild haben. Der Holocaust wird angeführt, trotz hier lebender Juden, die keine Lust haben, als historische Begründung für die Zuwanderung aus Staaten herzuhalten, in denen Judenhass Staatsdoktrin ist. Es gibt keine breite, gesellschaftliche Strömung für eine positive Leitkultur, aber die Organisation einer Ex-Stasi-IM und verdeckt arbeitender Medienleute als nichtdemokratisches Enschüchterungsvehikel sozialdemokratrischer Minister. Minister, die gerne Kopftuchträgerinnen auftreten lassen, die selbst schon israelfeindliche Demos beworben haben. Minister, die vermutlich, wie viele, gehofft haben, dass es schon von selbst werden wird. Und dass man dem Menschenrechtspartner der Kanzlerin Erdogan, seinen Propagandisten und seinen sich als Feministinnen ausgebenden Fanatikerinnen in Deutschland etwas Raum geben kann, weil man anderweitig auf ihn angewiesen ist.

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Diesen Raum haben sie sich gestern hier genommen, bis zum äussersten rechten Rand. Viele sind extra angereist. Die waren nicht von hier, sagt man mir, und ist entsetzt, dass die Grauen Wölfe auch da waren. Die Mehrheit blieb daheim, schraubte am Auto, ass Melonen, machte sich Sorgen um die Verwandtschaft. Aber die anderen haben der Stadt und den Bürgern gezeigt, wie es um Integration und Miteinander und Toleranz gerade wirklich steht, und wer hier bei vielen das Kommando gibt. Man kann natürlich darüber streiten, was deutsche Leitkultur sein soll, und ob der Islam zu Deutschland gehört. Aber wenn man keinen selbstbewussten Stolz zu bieten hat, vom eigenen Volk einseitig Toleranz verlangt, und der islamistischen und völkischen Leitkultur bei den Migranten das Feld überlässt, hat man eben die Grauen Wölfe ganz offen auf dem Rathausplatz. Und gebürtige Wattenscheider, die mit Sylt-Aufkleber am Opel Astra durch Bayern fahren und Jever trinken eine eigene Bevölkerung, die die Realität der Integration jenseits der Dashatmitdemislamnichtszutun-Talkshows und Kopftuchfeminismus-Kongresse in Berlin hautnah erleben kann, und sich dann die Meinung bildet, die zu den erlebten Fakten passt.

[Dieses Blog ist ein Freund extensiver Meinungsfreiheit. Aber auch mit einem Schrank von einem Communitymanager mit islamisch-jüdischer Dialogerfahrung. Man darf gerne mitreden. Aber bitte höflich bleiben. Sonst stelle ich Euch das Standgas ein.]

20. Jul. 2016
von Don Alphonso
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15. Jul. 2016
von Don Alphonso
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Kinder den Schlossberg hinunter werfen und grün und blau zur Schule schicken

Das ist ein Ernstfall. Das ist keine Übung.

200 Euro. Das sind 400 Mark. Das ist das, was ein Bekannter, nennen wir ihn Paul, an einem Tag ausgegeben hat. 80 Euro für den Eintritt in das Spassbad für die vierköpfige Familie, 80 Euro für Essen, Trinken und Eis, 30 Euro für Wellness und zehn Euro für den Parkplatz. Paul tut etwas für seine Familie, aber will er, wie die Kinder das gern hätten, einmal pro Woche ins Spassbad gehen, wird das teuer. Aber so ist das bei Leuten, die keinen Tegernsee in Laufnähe haben. Sie müssen erst fünf Tage arbeiten und dann ins Spassbad mit all den schönen, aufregenden Wasserrutschen. Und dann wieder arbeiten, um das alles zu bezahlen. Armer Paul.

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Das Spassbad gab es auch in meiner Kindheit schon. Es nannte sich Alpamare, lag in Bad Tölz, einem grausligen Ort, der sich zum nebenan liegenden Tegernsee verhält wie die Amadeu Antonio Stiftung unter der Ex-Stasi-IM Kahane zu einem echten Rechtsstaat, und war Deutschlands erstes Erlebnisbad mit Wellen und Rutschen nach amerikanischem Vorbild. Da sind wir auch ab und zu hingefahren. Das galt als etwas Besonderes. Eine Sensation. Inzwischen gibt es solche Bäder überall, und das Alpamare wird rückgebaut wie ein Atomreaktor. Aber damals hatte es eine Wellenmaschine. Das war bis dahin unbekannt und aufregend und obendrein auch teuer. Ausserdem fuhr man von der Donau aus zwei Stunden, was mit unzufriedenen, gelangweilten Sindwirbalddahaaa-Kindern in der Epoche vor dem mobilen Gewaltfilmabspielgerät sehr lang und ungemütlich werden konnte.

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Ausserdem hatten weder wir noch irgendwelche anderen Familien der Stadt einen “Geldscheisser“, wie man das in Bayern so schön umschreibt, und die Eltern meinten auch nicht, dass sie sich zuerst “as Mei ans Diescheck“ hauen und später von “Federn auf Stroh“ kommen sollten, weil die Kinder überzogene Erwartungen an Wasserrutschen im fernen Bad Tölz hatten. Die schlechteren Kreise der Stadt setzten damals – es gab nur drei TV-Programme und auch die nicht den ganzen Tag – den Nachwuchs vor die Tür und wiesen ihm den Weg zu den Dreckbergen. Dreckberg, so hiess das damals, weil vom schlammigen Aushub für neue Häuser ein Berg geblieben war. Der Dreckberg kostete gar nichts. Wir dagegen, die Jeunesse Doree der Stadt, die Kinder der lokalen Plutokratie, wir mussten natürlich nicht allein auf dem Dreckberg spielen. Wir durften rutschen. Unter elterlicher Aufsicht. In Hütting im Wellheimer Trockental.

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Das Wellheimer Trockental verdankt seine erdgeschichtlich sehr junge Entstehung der Urdonau, die hier früher ein Tal ausräumte, und es sich dann in ihrem jetzigen Bett weiter südlich bequem machte. So blieb eine Tallandschaft ohne Bach übrig, an deren Rändern sich Formationen aus dem Erdzeitalter des Jura erheben. Das weiche Erdreich hat die Urdonau weggeschwemmt, die verkalkten Riffe aus der Dinosaurierzeit, als hier eine tropische Bucht eines Urmeers lag, blieben stehen. Natürlich ist so ein Trockental der schlechtest denkbare Ort für eine Wasserrutsche, aber dafür war es leicht und günstig erreichbar. Diese Bilder habe ich letztes Wochenende gemacht – ich bin dorthin geradelt. 70 Kilometer hin und zurück, das geht, im Vergleich zu den 300, die eine Reise nach Bad Tölz bedeutet.

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Es gibt dort auch heute keine Wasserrutsche, aber links, auf dem Felsen, erkennt man eine Burgruine. Das ist die Burg Hütting. Sie ist geschichtlich völlig bedeutungslos und wurde im 15. Jahrhundert bei einem der endlosen Kriege der bayerischen Teilherzogtümer nicht gegen eine Wasserrutsche oder ein Erlebnisbad oder einer Avort Ayräd Arianism Ajvar(?)massage eingetauscht, sondern niedergebrannt. Das ist schon immer eine recht raue Gegend gewesen, und gehört zum Landkreis Neuburg an der Donau, was sich zu meiner Heimatstadt verhalt wie Heiko Maas zu einem Mann von Ehre. Also wie auch immer, die Burg ist eine Ruine, und auch ein ganzes Schock Kinder der besseren Kreise kann dort oben nichts mehr kaputt machen.

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Solange es um die historische Bausubstanz geht.

Aber rechts und links von der Burg sind auch noch Wiesen.

Sehr steile Wiesen.

Genau genommen sind sie so steil, dass man hier sehr schön einen Kleinen Uhu der Marke Graupner mit Zeitschaltuhr fliegen lassen könnte. Aber das hat die Mädchen nicht interessiert. Meiner Schwester wurde das von meinen fortschrittlichen Eltern angeboten, aber sie wollte Barbiepuppen und ein Pferd. Da ist man also oben an der Burg an einem steilen Hang, unten im Trockental funkeln der hellblaue BMW, die dunkelgrüne S-Klasse, der zitronengelbe 911er Targa und das nagelneue Audi Coupe in Silber um die Wette. Und es muss für alle Kinder lustig sein.

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Sie, liebe Leser, haben nun die Gelegenheit, den Browser zu schliessen und sich den Teil zu ersparen, der heute den Jugendschutz auf den Plan rufen würde.

Da stehen also Eltern mit ihren Kindern an einem Steilhang. Und sie haben etwas mitgebracht. Linoleum. Schnödes, billiges Linoleum, das bei Bauarbeiten übrig geblieben war. Legt man das Linoleum auf die Wiese, passiert gar nichts. Setzt man sich drauf, passiert auch nichts.

Aber wenn man drauf sitzt – am besten zu zweit, denn dann ist die kritische Masse grösser – und ein Erwachsener schiebt von hinten richtig fest an, überwindet das Linoleum die Reibungsgrenze des Grases. Das geht nur bei wirklich sehr steilen Hängen, aber wenn die Fuhre erst einmal in Bewegung ist, lässt die Reibung schlagartig nach, und die Erdbeschleunigung setzt ein. Die Faust Gottes packt einen und wirft das schreiende, grölende Kinderlinoleumpaket in die Tiefe.

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Die Bauernhöfe, die unvermittelt am Ende des Abhangs stehen, standen auch schon früher dort. Ich vermute, dass man mit Händen und Füssen kontrolliert bremsen kann, aber das wäre ja langweilig. Wir warfen uns kurz vor dem Einschlag einfach auf die Seite, überschlugen uns ein paar mal und blieben lachend liegen. Dann packten wir das Linoleum, rannten nach oben und so ging das weiter, bis doch mal jemand in einen Stall krachte und heulte. Dann ging es zur Gaststätte “Zur alten Burg“, die es heute noch gibt, und es gab Johannesbeersaft und Pommes. Es gab keine Liste möglicherweise allergener Stoffe auf der Speisekarte– wir sind trotzdem nicht gestorben. Normalerweise waren wir gedrillt, uns vor dem Essen die Hände zu wachen, aber wenn man zehn, zwanzig mal den steilen Burgberg hinunter gepurzelt ist, ist das auch egal.

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Es gab natürlich keine Helme, keine Knieschützer, keine Handschuhe und unten keine Strohballen vor den Mauern. Es gab nur Gras, Linoleum. Schwerkraft und einen kräftigen Schubs. Die besseren Kreise waren der Ansicht, dass es ein Guter aushält und um einen Schlechten ist es nicht schade. Und die Behandlungsmethode für Schrammen, Blutergüsse und grüne, blaue und später violett schimmernde Flecken wurden mit den Zauberworten “Es ist von selber gekommen, es wird von selber gehen“ fachgerecht verbunden, desinfiziert und ansonsten für bedeutungslos erklärt. Es war eine Mordsgaudi, es war brandgefährlich, heute käme der Jugendschutz, aber wir waren jederzeit bereit, das Linoleum aus dem Keller zu zerren und uns ins Auto zu setzen. Und unsere Eltern gaben uns auf dem Weg hinunter die Überzeugung mit, dass es keinen falschen Zeitpunkt gibt, um das Leben in die eigene Hand und auf den erdverschmierten Hosenboden zu nehmen. Manche modernen Eltern zögern, ihre Kinder aus der Hand zu geben. Unsere gaben uns einen Schubs. Nachkriegsgeneration halt. Männer aus einer Epoche ohne Tempolimit und vielen Löchern im Auspuff der Sachs oder Norton. Frauen, die sich emanzipiert hatten und dachten, dass 100 gesparte Mark die paar blauen Flecke aufwogen, die ohnehin keiner spürte. Hauptsache schnell.

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Wie dann der Heimweg mit den teilweise bergrennerprobten Vätern am Steuer war, das wollen Sie gar nicht wissen, wenn Sie ein paar schöne Illusionen der besseren Kreise und ihrer gesitteten Ethik und Würde behalten wollen. Kavaliere der Strasse. Aber Raubritter der Landstrasse. Über den Umstand, dass die drohende Gurtpflicht Teufelszeug war, waren sich ohnehin alle einig. Wer seine Kinder den Schlossberg hinunter schubst, braucht doch keinen Gurt. Nur etwas Gottvertrauen.

huej

So war das bei uns. Lustig, schnell, gefährlich und kostenlos. Mit den blauen Flecken konnte man in der Schule prima angeben, denn wir hatten sie immer aus Hütting und nicht wie die anderen Schichten von Schlägen. Das waren Edelflecke. Heute würde man da vermutlich die Hand nicht umdrehen, als schlimm gälte beides, und vor einiger Zeit gab es mal bei einer Sommerrodelbahn beim Tegernsee einen Unfall mit ein paar Kratzern. Das war wochenlang Thema, da kam der TÜV und die Versicherung und alle waren bestürzt, wie so etwas passieren kann. Kann da auch nichts passieren, fragen Mütter heute zaghaft, wenn die mit Sicherheitsbügeln ausgestatteten Wägen langsam zu Tale rutschen. Was übrigens auch nicht ganz billig ist – ob man nun wasserrutscht oder sommerrodelt, macht finanzdesaströs keinen Unterschied.

So ist das heute für all die Pauls und ihre vierköpfigen Familien. Kein Rad ohne Helm, kein Sonnentag ohne Mütze, und alle zehn Minuten trinken und desinfizieren. So entstehen dann Kinder, die sich erst bewegen, wenn es Pokemon Go und GS-zertifizierte Rutschen gibt. Und Trampoline mit Sicherheitsnetz und Eltern, die später beim Studium die Wohnung nur nieten können, statt sie zu kaufen, wie das bei uns üblich war. Es ist eine neue Welt, und sie wird nicht auf Linoleum und Gras errichtet, sondern in Spassbädern, während die Mutter dieses Ayudingsda macht. Dafür gibt es auch keine blauen Flecken und keine peinlichen Momente in der Sprechstunde, wenn der Verdacht aufkommt, ein Kind könnte nicht sorgsam genug geschützt worden sein. Solche Kinder brauchen dann später einen Therapeuten und werden nach dem Studium von Gender und Philosophie Mitarbeiter von Jugendschutz-NGOs, die darauf achten, dass es nirgendwo Verletzungen gibt, die man sehen könnte.

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Hütting jedoch sieht immer noch so aus wie früher, es hat die schönsten Gartenzwergburgen erhalten, und der Burgberg wird für immer von unserem Mut und dem Schneid unserer Vorfahren künden.

 

Epilog:

Fazmann, wos schreibstn du heid, fragte mich mein türkischer Lebensmittelhändler. Wie wir mit Linoleum und unseren Eltern in Hütting den Berg runtergerast sind und was für Miesmuscheln moderne Eltern sein können, sagte ich. Seine Augen leuchteten: Dös homma mia ah imma gmochd, dös woa subba! Und wir lachten und und prahlten immer noch mit den blauen Flecken der schönen Jugend.

15. Jul. 2016
von Don Alphonso
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08. Jul. 2016
von Don Alphonso
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Europäischer Nationalismus von der Handgranate bis zur Asylquote

Dieser Text dient lediglich dem Herzeigen alter Automobile, und sollte daher nicht besonders beachtet werden.

mlp

1944 war kein gutes Jahr, um in Lyon, der Hauptstadt der Resistance, einen deutschen Namen zu tragen. Im Kampf gegen das Vichyregime und die deutschen Truppen hatte die Stadtbevölkerung schwer gelitten, und nach der Befreiung wurden alte Rechnungen brutal beglichen. Lyon war kein guter Ort, um einen deutschen Namen zu tragen, und Wohlhauser klingt sehr deutsch. Maisonbien klänge französisch, aber auf der anderen Seite war Herr Wohlhauser, Raymond Wohlhauser, schon unter diesem Namen bei vielen bekannt. Was also tut ein Raymond Wohlhauser im Lyon nach der deutschen Besatzung, um seine Produkte zu verkaufen?

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Er greift zu etwas, das heute als übelster Nationalismus gelten würde. Raymond Wohlhauser stammt nicht aus Deutschland, sondern aus der Schweiz. Und deshalb zieren seine Räder eine Vielzahl von Schweizer Kreuzen, damit jedem klar ist: Schweiz. Nicht Deutschland. Und darüber ein Helm, wie bei den Wappen der Vorväter, mit Helmzier in den Farben der Tricolore. Die Trikots seines Rennteams tragen das Rot der Schweizer Flagge. Die Weltmeisterstreifen sind nicht Symbol für das Verbindende, sondern der Hinweis, dass von diesem französischen Radhersteller ein Welttitel nach Frankreich geholt wurde. So war das damals. Heute heissen beliebte Radfirmen Bulls, Canyon, Cube und Stevens, und haben so viele nationale Eigenheiten wie Darmkrebs oder Herpes.

mls

Oder wie die internationalen, meist reichen Menschen, die sich einmal im Jahr zur Mille Miglia treffen, und ihre alten Schätze, hier ejn knallblauer Bugatti aus Frankreich, durch Italiens Landschaft bewegen.

mlk

In meiner Drittheimat rund um Mantua erzählt man sich gern die Geschichte von Enzo Ferrari, der mit Tränen in den Augen versuchte, seinen Freund Tazio Nuvolari 1948 aus dem im Rennverlauf angeschlagenen Auto zu ziehen, und zur Aufgabe zu bewegen.

mlg

Nuvolari war damsls schon schwer an Krebs erkrankt und wusste, dass er bald sterben würde. Aber er war in Italien auch ein Nationalheld, und er sagte seinem Freund, dass er nicht mehr viel Gelegenheit haben würde, so ein Rennen zu beenden. Und dann fuhr er mit einem völlig übermotorisierten, lebensgefährlichen Auto weiter, mit einem vollen Tank brennbarer Flüssigkeit hinter sich.

mln

Das muss man sich vorstellen: Da weiss einer, dass ihm nicht mehr viele Tage gegeben sind, und dass einige dieser Tage auch nicht schön sein werden, und anstelle das zu tun, was vernünftig wäre – aussteigen und leben – setzt er sein Leben aufs Spiel und rast, Blut hustend und röchelnd über Landstrassen mit 200 km/h weiter.

mlv

Aus dem Stoff sind die Legenden. So etwas tut man nicht einfach so aus einer Laune heraus, sondern dann, wenn man weiss, dass die Nation auf einen blickt. Niemand muss es respektieren, wenn einer bereit ist, sein Leben zu riskieren, aber so war das damals eben. Bis 1957. als es beim Rennen um die nationale Ehre zu viele Tote gab.

mlu

Die wenigsten werden momentan wissen, wer die Weltrangliste der Rallyepiloten anführt. Niemand wirft mehr unter dem Applaus der Umstehenden Handgranaten in Geschäfte mit dem falschen Namen. Heute gibt es Fahrerzellen aus Carbon, und man bringt sich in Europa nicht mehr für die Nation um. Wie Tom Simpson.

mlf

Put me back on my bike, soll Tom Simpson auf dem Mont Ventoux gesagt haben, als er während der Tour de France 1967 stürzte und weiter wollte. Immer weiter den Berg hoch, weil er noch geringe Chancen hatte, trotz seiner Erkrankung für das englische Team den Sieg zu holen. 500 Meter weiter war er dann tot. So ist das damals eben gewesen. Die Engländer verehren ihn bis heute. Allerdings mit abnehmender Tendenz.

mlc

Wer sich mit der jüngeren Geschichte beschäftigt, stösst dauernd auf diesen mörderischen Nationalismus – und wie schnell er sich seit 1945 in Europa aufgelöst hat. Einst unverzichtbare Kolonien wurden aufgegeben, Partnerschaftsverträge wurden geschlossen, es kamen Gastarbeiter, Touristen, Studenten, es wurde mit dem Rad, der Ente, mit dem Sachs-Motorrad, mit dem Faltboot, mit dem Käfer gereist, sobald das nötige Geld da war. Wozu sterben?

mlj

Das passierte einfach so. Es gibt ohne jeden Zweifel eine europäische Vereinigung durch den simplen Umstand, dass Reisen und Mobilität möglich wurden. Europa wäre kein gemeinsames Haus, wenn jeder in seinem Zimmer sitzen bleiben würde. Und das begann, man möge sich erinnern, lange bevor es in Brüssel eine Kommission gegeben hat. Oder auch nur eine EU,

mli

Wir wurden als Kinder, zehn Jahre nach Simpsons Tod, 29 Jahre nach Nuvolaris letztem grossen Rennen, 33 Jahre nach den Vergeltungsmassnahmen in Lyon, aktiv aufgefordert, uns mit den Partnerstädten in Schottland, Frankreich und Italien zu beschäftigen. Da gab es Theaterbesuche und Weinfeste, ein Bürgermeister schwängerte eine Französin, und das war zwar ein schlecht vertuschter Skandal, aber nur wegen seiner Frau und nicht wegen der Nationalität. Heute ist es bei Besuchen gar nur noch eine lustige Anekdote.

mlw

Nochmal zehn Jahre später war ich bei so einer Veranstaltung in Frankreich dabei, und ich weiss genau, dass es damals keinen Herrn Juncker und keinen Herrn Schulz gab, und Frau Merkel war noch jenseits der Mauer: Es war sehr schön. Wir waren in der Provence, die Sonne schien, und das war Europa. Andere Landschaften hatten auch schöne Töchter und Sohne mit einem lustigen Akzent. Dann kam für alle das Abitur und Interrail, manche übergaben sich an der Costa Brava und manche entschieden sich, in Perugia zu studieren und einen Griechen zu heiraten. Wie es eben nun mal so ist.

mlz

Und um die Jahrtausendwende gab es, ohne jeden Zweifel, eine Zeit, da machten die Italiener keine Tricolore mehr an ihre Räder, sondern die Europafahne. Das war die Zeit einer Euphorie und der Überzeugung, dass die Einigung Vorteile für alle bringen würde. Es war in 50 Jahren etwas entstanden, das nun noch besser und schöner und gemeinschaftlicher werden sollte. Weil es eine goldene Zeit für Europa war. Zumindest aus der deutschen Provinz betrachtet.

mlx

Was in diesen Zeitläufen in Europa gern übersehen und mit der Behauptung “Friede und Freiheit seit 70 Jahren“ übertüncht wird: In meinen Geschichtsbüchern etwas anderes. Dort kann ich nachlesen, dass zwar tatsächlich Frieden in Europa mit Spanien und Portugal herrschte. Aber dort herrschten ohne Freiheit bis 1977 der Franqismus und 1974 das Salazar-Regime. Griechenland litt bis 1949 unter einem Bürgerkrieg, danach unter einem autoritären Regime und von 1967 bis 1974 unter einer Militärdiktatur, die von den anderen NATO-Mitgliedern gerne toleriert wurde.

mlr

Auch mit dem Frieden in Europa ist das so eine Sache: Italien stand eine Weile am Rand des Bürgerkriegs, Frankreich führte den Algerienkrieg und Indochinakrieg, Spanien den Krieg in der Westsahara, und Portugal mehrere blutige Kolonialkriege. Gerne unterschlagen wird auch der Umstand, dass Grossbritannien 1961 dem EU-Vorläufer EWG beitreten wollte, und die Verhandlungen darüber 1963 abgebrochen wurden – auf Druck von Frankreich. Das alles verantworteten nicht die Menschen. Das waren eindeutig die Regierungen.

mlm

Es ist nach meiner bescheidenen Meinung offensichtlich, dass in den letzten 20 Jahren in dieser Hinsicht einiges auch nicht funktioniert hat. Der Brexit ist da nur die etzte bittere Wahrheit, vor den man nicht die Augen nicht mehr verschliessen kann. Ein Volk nimmt sein Recht zur Selbstbestimmung in Anspruch, lehnt eine Organisation ab, und wird seitdem in den Medien übel dargestellt. Es seien die Alten gewesen. Jüngste Umfragen aus meiner anderen Heimat Italien zeigen, dass die europafeindlichen Parteien Lega Nord und Cinque Stelle fast 50% der Stimmen bekämen. Und die wählen vor allem die Jungen.

mla

Nationalismus mag in Italien noch eine kleine, verdutzte Wahlsiegerin in Turin sein, die auf einmal eine Schärpe mit der Tricolore trägt. Nationalismus ist aber auch der Versuch eines Mitgliedslandes der restlichen Gemeinschaft seine Asylpolitik aufzudrücken, im Namen des humanitären Imperativs. Nationale Interessen spielen bei Sparvorgaben eine Rolle, an die sich das Einpeitscherland Deutschland selbst lange nicht gehalten hat. Der alte Nationalismus war mörderisch bis zur Selbstaufgabe und brutal, der neue Nationalismus möchte von Sachzwängen diktiert werden, und alternativlos einfach so passieren. Früher brachte man sich freiwillig für die Nation um. Heute stirbt man in Griechenland an unabänderlichen, medizinischen Versorgungsengpässen und zur Begleichung von Staatsschulden.

mlh

Es ist leicht, auf Boris Johnson und Falage zu deuten und ihnen den alten, wohlbekannten Nationalismus vorzuwerfen. Da fällt mir ein: Haben die anderen europäischen Länder eigentlich schon ihre Zusagen aus dem Resettlementprogramm erfüllt, mit dem Italien und Griechenland um zehntausende Flüchtlinge entlastet werden soll… Nein? Es waren nur ein paar hundert? Das mag auch etwas mit nationalen Interessen zu tun haben. Die Briten haben den Fehler gemacht, den alten Nationalismus zu wählen, wo es doch so viel schönere und geräuschlose Möglichkeiten gibt. Das wirft man ihnen nun vor.

mle

Dabei haben sie sich nur gegen eine Institution europäischer Länder entschieden. Ob das irgendetwas an ihren Gefühlen zum gemeinsamen Kontinent ändert, weiss wohl niemand so genau. Vielleicht wollten die meisten wirklich nur wieder etwas mehr direkte Kontrolle, was angesichts des Geschachers um Ceta und den Parlamentspräsidenten Schulz momentan nicht ganz unlogisch erscheint. Möglicherweise haben sich manche auch nur für den ehrlichen, alten Nationalismus anstelle des neuen, fremdbestimmten Nationalismus der EU entschieden, denn so, wie die Briten gerade schlecht geredet werden, klingt das schon etwas nach EU-Nationalismus.

mlq

Das ist bemerkenswert wenig Vertrauen in über 70 Jahre Nachkriegsgeschichte und Annäherung, die die Menschen selbst vollbracht haben. Was passiert eigentlich, wenn der Brexit gut geht, man saubere Lösungen findet und die Immobilienblase in London nach ihrem Platzen das Wohnen für die Massen billiger macht? Vielleicht möchte man sich dann entschuldigen, weil der Brite immer noch gern an die Riviera fährt, und Silberkannen günstig nach Deutschland verkauft. Man hat sich 70 Jahre schätzen gelernt. Als Europäer glaube ich nicht, dass die Zuneigung wegen eines Brexits reversibel ist. Es trifft nur die EU. Aber vielleicht ist Europa als Lebensraum der Menschen inzwischen auch stark und friedlich genug, um die EU für das gute Miteinander – was die Menschen letztlich merken – gar nicht zu brauchen.

mld

Offenlegung: Natürlich kaufe ich angesichts des Pfundkurses gerade wieder wie blöd britische Silberkannen unter dem Materialpreis.

08. Jul. 2016
von Don Alphonso
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04. Jul. 2016
von Don Alphonso
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Die Steinigung des feschistischen Teufels in Mekklagenfurt

Komm her und mochs mit mia, mein Tiroler Stier.
DJ Ötzi, Anton aus Tirol

Der 10. Oktober 2008 war ein magischer Tag. Über dem gesamten Alpenraum dehnte ich das grenzenlose Blau eines traumhaften Spätsommertages aus, die Börsen in Frankfurt und London stürzten, die Luft war warm und angenehm, während die Währungen bröckelten und Banken einander nicht mehr vertrauten. Meine ärmeren deutschen Mitbürger rannten zu den Bankautomaten. Das Regime, das damals auch schon eine grosse Koalition unter sich ausmachte, plante Garantien, und ich plante nicht weiter als bis zum Abend, denn ich hatte in Meran gebucht. Die Weltwirtschaft kam ins Schleudern, als mein Roadster mit quietschenden Reifen zum Reschenpass hoch flog, und dann hinunter nach Glurns wie das panisch erbrochene Essen eines Zentralbanksters entlang seiner Krawatte glitt, und später ging es ins Licht und Richtung sichere Schweiz, wo man nun mal hingeht, wenn andere nicht mehr weiter wissen, mit röhrendem Motor hinauf zum Stilfser Joch.

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Das Bild steht an meinem Schreibtisch. Das bin ich an jenem Tag, vor den letzten Kehren am Stelvio. Es war Feuer im Himmel, die Hölle brannte die Erdkruste unter Frankfurt durch, und an der obersten Spitze dieser durch das All rasenden Schmutzkugel war ich, und der Weltenlauf drehte sich unter meinen Rädern. Auf der anderen Seite der Berge, weiter im Osten, nahe der Grenze zu Slowenien, ging ein schlanker Mann in ein Hotel und gab ein Interview, ich fuhr weiter nach Müstair, und als der Mann schliesslich noch eine Party besuchte, sass ich schon im Cafe Darling an der Meraner Promenade. Es war ein phantastischer Tag, und so ging ich früh ins Bett und der schlanke Mann hätte das vielleicht auch noch tun sollen. Statt dessen ging er in eine Schwulenbar.

Das Hotel hatte damals kein Internet, und um mich über den weiteren Niedergang des deutschen Bankwesens und seiner Politiker auf dem Laufenden zu halten, schaltete ich das TV-Gerät ein, wo mich entsetzte Politiker erwarteten. Österreichische Politiker. Ganz schrecklich, eine Tragödie, sagten sie, sichtlich mitgenommen. Es wäre ein schmerzlicher Verlust. Er war so wichtig für dieses Land. Es sei wirklich tragisch. Er hinterlasse eine riesige Lücke. Es dauerte einige Zeit, bis jemand nicht mehr “Er“ sagte, sondern den Namen des Toten.

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Doktor Jörg Haider

Ich war während der Sanktionszeit 1999/2000 in Wien. Als Vertreter der dort sogenannten “Ostküste“, mit besten Verbindungen zu den juristischen Knochenbrechern, die damals in der Zwangsarbeiterfrage die deutsche Regierung in die Knie gezwungen hatten, und sich nun anschickten, Themen wie Restitution und Arisierung auch in Österreich anzugehen. Es war die Zeit, da jede Kritik an Österreich als “Vernaderung“ galt, und ich erlebte sie alle, die Ferrero-Waldners, die Schüssels, die Gusenbauers, die Riess-Passers und durch einen blöden Zufall auch die Leute, die man mit den Worten “Feschismus“ oder “Buberlpartie“ umschreibt – die Riege junger, dynamischer, fescher Männer, die unter ihrem Anführer Jörg Haider angetreten waren, die alten, weissen Männer von ÖVP und SPÖ zum Teufel zu jagen. Oder, wenn es sich anbot, mit ihnen zu koalieren. So eine Art männlicher Netzfeminismus: Die austroalpinen Hipster, die Gegenkultur, die Jugend. Haider am Steuer des 911er Cabrio, neben ihm Schüssel, dem das alles unendlich peinlich war. Haider, der seine Partei auf 27% brachte und dann zerschlug, um mit dem BZÖ weiter zu machen. Die FPÖ übernahm einer seiner früheren Untertanen, der Strache, der Unfescheste von allen. Damals dachte man, Haider hätte es überspannt, und die Partei stürzte ab. Aber 2008 kam er noch einmal, und damals kamen FPÖ und BZÖ schon wieder auf 27%.

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Und danach ging er zu viel trinken und endete sein Dasein an einem Betonpfeiler. Und in Klagenfurt traf sich im Sommer 2009 die Kulturelite zum Wettbewerbslesen, und machte das, was sie seitdem immer tut: Sie spuckt auf Haiders Grab, ständig getragen und erhoben vom Gefühl, dass er tot ist und nie wieder kommt, und sie nun seiner Stadt anderen Glanz verleihen. Haider war tot, und ist tot, und der über sein Andenken hereinbrechende Hypo-Alpe-Adria-Skandal, der Kärnten an den Rand der Pleite brachte, garantierte auch, dass er endgültig weg bleiben wird. Das Speiben auf Haider, das Anderssein als er, das da gefeiert und ausgezeichnet ist, ist so etwas wie die Steinigung des Teufels der jungdeutschliterarischen Wallfahrt nach Mekka. Ständig wird etwas angegriffen, für das Haider Bedeutung hatte: Früher Banken, immer Heimat, heute alte Männer. Es wird der Abscheu zelebriert. Grad so, als wären die Preisträger der 80er Jahre auch noch junge Menschen und keine ergrauten Stützen des Kulturfördersystems.

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Und grad so, als hätte sich mit Haiders Tod irgend etwas verbessert. Vor acht Jahren dachten wir alle, dass diese 27% das Maximum dessen sind, was der Rechten in Österreich gelingen kann. Heute sind wir froh, wenn sie keine 50% bekommt, obwohl Haider tot ist. Sein ehemaliger Anwalt Böhmdorfer und der Unfescheste von allen seinen Paladinen, sie haben Neuwahlen vor dem Verfassungsgerichtshof erzwungen. Dem Linken Robert Misik bleibt nur das Jörg-Haider-Gedächtnisschimpfen auf die Verfassungsrichter: Dem Haider passten die slowenischen Ortstafeln nicht, dem Misik die Wiederholung und die “zu hohen Standards“ des Gerichts. Die verbleibenden Feschisten sind weit, sehr weit gekommen in diesen wenigen Jahren, und niemals hätte ich mir das vorstellen können, als ich mir in Meran dachte: Dann halt so. Hauptsache, der rechte Spuk ist vorbei.

Der Wettlese-Betrieb, dem Haider 2000 das Geld entzogen hat – wie konnte er es wagen! – steinigt seitdem fleissig den Teufel, sie werfen Steinderl nach ihm, sie marschieren in Klagenfurt ein und zeigen denen mal, was sie von Heimat halten, so voll mit Nazis und alten Männern. Die tausend verkauften Bücher voller richtiger Gesinnungsprosa zählen mehr als die Millionen Scheiben, die der Strachebefürworter Andreas Gabalier verkauft. Man fährt nach Klagenfurt. Man weiss, wo der Betonpfeiler steht, und vergisst gern, dass hier im letzten Winter noch die Busse voller Migranten aus dem Balkan zur deutschen, offenen Grenze fuhren, und Europa am Kippem war. Wie kann man nur FPÖ wählen, höhnt der angereiste Kulturträger die Einheimischen an, die auf ihn wie ein erweitertes Sachsen mit noch schlimmerem Dialekt wirken. Wie könnt ihr das nur tun? Fragt er, so er einmal die Filterblase des Studios mit den feschen Menschen verlassen möchte.

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Die feschen Antwort schreibt man sich gleich selbst. Brexit – der böse Verführer Johnson und die ungebildeten alten Leute auf dem Land. Migrationsfeindliche Visegrad-Staaten: Nationalisten, denen ein paar Jahrzehnte Demokratie und politisches Feingefühl fehlen. Die Schweizer SVP. die FPÖ, die CSU: Zurückgebliebene Bergvölker. Es gibt immer eine einfache Erklärung, man muss die Teufelsanbeter nicht mehr fragen, wie sie es tun können – sie müssen das nur noch gestehen und sich unterwerfen. Es gibt mehr Verständnis für das Anzünden von Autos durch die Rigaer-94-Aktivisten, die sich von der Gentrifizierung bedroht fühlen, als für Landbewohner, die sich die Willkommenskultur nicht zu eigen machen wollen und fragen, wer das alles bezahlen soll. Und ob das dann noch Heimat ist, wenn andere anschaffen, wie sie zu sein hat.

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Auf so ein unterwürfiges Geständnis des Volkes hat die EU in Österreich 2000 vergeblich gewartet – so vergeblich, wie sie und ihre Eliten jetzt auf eine echte Massenbewegung gegen den Brexit warten. Es gibt in Österreich keinen Aufschrei, wenn der FPÖ-Mann Hofer eine Volksabstimmung über die EU vorschlägt, sollten die Türken, wie es Frau Merkel will, aufgenommen werden. Das Kultursystem der Eliten beschwört das Supranationale, die Projekte und Preise, die dadurch möglich sind, und die politische Elite will eine Vertiefung und mehr Macht. Mit dem Brexit ist eine wichtige Gegenmacht zu den dominanten Deutschen draussen. Haider ist tot, wir können viele wortgedrechselte Steine werfen, aber der Anton kommt hier immer noch aus Tirol und hasst Bevormundung, und das Bussi, von dem die Band Wanda singt, klingt auf Wienerisch immer etwas unterleiblich. So ist das auf dem Land. Da singen sie mit, dass sie Bussi wollen und die Hasen SOS rufen. Wir, die kulturell hoch Stehenden, die Elite, wir sind aufgerufen, eine schimmernde Wehr um die Ideale des Herrn Juncker zu bilden. Sein Schild und seine Zier sollen wir sein, und singen, wenn er sein Europa verteidigt.

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Ich bin so schnell, ich hab an Schmäh,
ich bin Alphonso aus Gmund am Tegansäh,
mit einem Roadster tu ich rasen
und verschmäh Berliner Hasen,
also, wo war ich, ach so, ich mag Alpenässe und ich denke mir so, nach all den Jahren und nicht endenden Krisen im zerbrechenden Europa, dass jeder von seinem Ego besoffene Politiker irgendwann seinen Betonpfeiler findet, auf die ein oder andere Weise. Ob ich jetzt auch noch einen Stein auf den toten Jörg Haider werfe, oder auf den lebenden Johnson, auf einen alten Nazi oder einen Nachwuchsmusiker, der nicht genderneutral genug ist, ist egal. Die anderen machen das schon recht gut, sie bekommen dafür auch Preise und Anerkennung, und danach lesen sie, was im Koran der Zeit und der Prantlhausener Zeitung steht, und blicken voller Verachtung auf die Ungläubigen, die nicht einsehen wollen, dass die EU so gross wie ihre Kulturleistung und Juncker auch im Kulturbereich ihr Profitprophet ist.

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Dabei muss alles einmal sterben. Das kommt oft überraschend und fast immer etwas ungelegen. Die Welt ist ein einziger, grosser Betonpfeiler, und was wir gerade hören, ist in meinen Ohren das panische Kreischen derer, die gerade erst begriffen haben, dass sie keine Kontrolle mehr haben, und der Westen die Demokratie absichtlich als Betonpfeiler für Politiker gestaltet hat. Mehrheit entscheidet.

Bussi.

04. Jul. 2016
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29. Jun. 2016
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Enteignet die Jugend

Das ist der alte Albert. Ich wollte ein wenig mit ihm spielen, da hat er mir den Arm abgebissen.
James Bond – Leben und sterben lassen

Ich mag Feigenbäume und ihren Geruch. Seit ein paar Wochen weiss ich, dass ein Feigenbaum in vier Jahren vom Setzling zu einem zwei Meter hohen Gewächs werden kann – sogar in einer verstopften Dachrinne, wenn es im schönen Ort Moglia in meiner Zweitheimat Italien ist. Moglia ist nicht weit weg von Mantua, und ich besuche den Ort jedes Jahr, Man muss Moglia nicht kennen, es ist ein kleines, unbedeutendes Landstädtchen auf der rechten Seite des Po. Aber ich kenne da ein paar Leute, so wie Berliner Autorinnen, die ihren Lebensunterhalt vor allem durch öffentliche Förderungen und mässig besuchte Lesungen staatlich finanzierter Institutionen bestreiten, weil ihre Bücher sich allein zu schlecht verkaufen – so wie diese Autorinnen auch Leute in London, Paris und Budapest kennen. Mit denen sie lachen, sich austauschen und am europäischen Gedanken arbeiten.

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Bei mir ist es eben Moglia. Da arbeite ich an dem, was ich als Europa kenne. Wenn ich einmal sterbe und mein Leben an mir vorbeizieht, dann wird auch Moglia darin vorkommen. Moglia und ein altes Paar auf dem Sportplatz. Ein alter, lahmer Mann im Rollstuhl, der von seiner Frau durch die Hitze geschoben wird. Junge Berliner Autorinnen, die jetzt weinen, weil alte Nationalisten ihnen dieses Europa egoistisch verbauen, werden sich an den blauen Himmel und das Lachen ihrer Freunde an der Moldau erinnern, bei mir ist es halt der Sportplatz, die gnadenlos brennende Sonne und das alte Ehepaar, das nirgendwo mehr hingehen kann.

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Denn Moglia ist Zona Rossa. Erdbebengebiet. Und wenn 2012 das Haus unbewohnbar wurde und man kein Geld hatte, landete man in Moglia eben auf dem zum Zeltplatz umfunktionierten Sportplatz. Meine Freunde trugen hier Pappnasen, Einweghandschuhe und Clownsgewänder, um die obdachlosen, schmutzigen, traumatisierten Kinder von armen Italienern, Pakistanis, Indern und Afrikanern zum Lachen zu bringen. Das war Europa 2012. Lachen für die Kinder, aber für das alte Ehepaar gab es nicht mal einen Hut in der sengenden Sonne. Moglia war unbewohnbar.

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In Moglia schossen Sandgeysire aus dem Boden, in die Keller und Garagen, und der Druck der Erde zerrieb die Ziegelsteine zwischen den Betonpfeilern.

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In Moglia lebten die Menschen in den Garagen und in Wohnwägen, während die Stadtverwaltung an den Türen Zettel anbrachte, dass hier niemand mehr eintreten darf, wo eben noch für Solidität geworben wurde.

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In Moglia kamen sie Beamten mit den Zetteln nicht aus dem Rathaus, denn das Rathaus war genauso betroffen und sieht heute so aus.

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Und die Lehrer gehen auch heute, vier Jahre später nicht in die Schule, denn die Schule ist baufällig.

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Allerdings gibt es in Moglia im Moment auch nicht sonderlich viele Kinder. Das hier ist alles, was von einem sozialen Wohnungsbau übrig blieb, den ansonsten junge Familien bewohnen würden.

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Das ist kein ungewohnter Anblick für meine Bekannten in Moglia. Man musste sich entscheiden und oft war es eben der Abrissbagger. Auf den freien Flächen wächst heute das Gras.

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Und was noch steht, steht oft jetzt noch wie vor vier Jahren mit den Holzgerüsten da. Ich könnte in Moglia auch die Bilder des letzten Jahres nehmen, so wenig ist hier passiert.

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Wobei, die Plane vor der Kirche war letztes Jahr noch nicht so eingerissen. Die Tauben Moglias nisten jetzt wieder im Inneren und fäkalieren auf das, was von der Barockausstattung noch da ist.

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Das Gemeindeleben findet dagegen in einer modernen Halle daneben statt. An der Tür sind Einladungen, die Ferien ausserhalb der Zona Rossa in kirchlichen Einrichtungen zu verbringen. Man muss das verstehen – Kinder, die im Jahr 2010 geboren wurden, kennen hier nichts anderes als Zerstörung. Generation Z, Z wie Zona Rossa.

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Und es wird auch lange so bleiben. Man sammelt kräftig für die Kirche, damit die Heiligen wieder umziehen können. Es kommt schon was zusammen. Langsam.

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Meine Bekannten in Moglia, mitten in Europa, sind tapfere Menschen, und geben nicht einfach auf. Draussen liegen die Trümmer, aber die Heiligen sind für die Prozession geputzt.

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Sie sagen, wenn ihre Kinder dann junge Erwachsene sind, soll alles so sein wie vor dem verdammten Mai 2012, als der Sand aus dem Boden schoss und die Kirchenmauern zerbrachen.

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Manchmal erinnern in Moglia auch nur ein paar schlecht verputzte Risse an diese Zeit. Das Leben geht weiter.

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Wenn es nicht auf den Stand vom Mai 2012 eingefroren ist. Weil kein Geld da ist, weil Italien sparen muss, weil das in Europa verpflichtend ist, und die Leute sich selbst überlassen bleiben.

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Die Alten schaffen das nicht mehr. Die Rente ist so niedrig, dass man weder die Schäden stemmen noch in Berlin oder Budapest eine Latte trinken und dann winseln kann, wie gemein die alten Nationalisten doch sind, und die Jugend etwas tun sollte, und wenn sie die Bewerbung für das nächste Stipendium geschrieben haben, machen sie auch eine Aktion vor dem Kanzleramt oder einen Artikel in der taz.

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Und so geht in Moglia einfach vieles vor die Hunde. Mitten in Europa, in diesen aufregenden Zeiten, da man in Berlin und Paris vermutlich längst vergessen hat, was da in der Poebene passiert ist, und wie meine Bekannten in der Nacht aus ihren knirschenden, über Generationen ersparten Häusern liefen.

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Wenn sie nach Deutschland zum Arbeiten gehen, weil es hier gerade eher schwierig ist, haben sie bei mir einen Anlaufpunkt nördlich der Alpen. Die Alten fragen die Mädchen nicht, ob sie wirklich eine Stelle als Bedienung haben. Oder etwas anderes tun.

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So ist das bei meinen Bekannten in Moglia, mitten in Europa, wo es eben auch bei der Erhaltung und Förderung von Kultur Prioritäten gibt. Nachwuchsautorinnen mit ungelesenen Büchern können nicht mit Nichts in zwei Stunden nach London fliegen, um dort jene zu treffen, die in entsetzten Handyvideos erkennen, dass es mit den Auslandssemestern in Paris, Rom oder an der Cote schwieriger werden könnte.

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Das sind nämlich die wahren Dramen in diesem Europa. Damit bekommt man viel Platz in den Medien, mit den Klagen über die egoistischen Alten, die das angerichtet haben. Das ist eine sehr deutsche Debatte, wo es vielen Rentnern durchaus gut geht. Nur, solche Rentner kenne ich in Moglia nicht.

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In Moglia kommt eben einiges zusammen. Und es ist nicht nur Moglia, es gibt viele solche Orte zwischen Ferrara, Reggio und Mantua. Moglia ist, verglichen mit ein paar Orten weiter im Süden, sogar noch glimpflich davon gekommen. Es ist das Normale in der Zona Rossa im Alten Europa.

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Es kann natürlich sein, dass man demnächst in diesem Europa den Pass ab und zu herzeigen muss. Das ist unbequem. In Moglia leben Menschen, die seit vier Jahren ihr Haus nicht mehr betreten können. Und das wird für immer so bleiben.

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Und natürlich könnte man sich im Kulturbetrieb auch einmal Gedanken machen, ob es wirklich nötig ist, dass Jungautorinnen vor Gerichten und dem Kanzleramt herum rennen und Schilder in Kameras halten und auf ihren Telefonen Hashtags für Europa verbreiten, während Staaten und Stiftungen dafür zahlen. Arbeit schändet meine italienischen Bekannten nicht, wenn sie über den Brenner gehen, also könnte man doch auch unsere aufgeregten, empörten, nun in ihrer absoluten Reisefreiheit etwas limitierten Kulturträger richtig arbeiten lassen, dann reisen sie auch weniger, und das Geld hierher bringen.

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Alles nur eine Frage der Prioritäten, als wahres Zeichen der europäischen Verbundenheit. Das würde Europa wirklich fördern. Ich weiss von meinen Bekannten, dass sie sich hier verraten und verkauft fühlen.

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Sie haben erlebt, dass man sich allenfalls auf die Familie verlassen kann. Brüssel ist vom nächsten Flughafen auch nur zwei Stunden entfernt, aber für die Wahrnehmung der Menschen auf einem anderen Planeten.

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Ach so, ja, die Feige. Die Feige wächst hier in Moglia, im Gegensatz zur viel beschworenen Europäischen Verbrüderung und Einigung, und sie wächst prächtig. In der Regenrinne an der Kirchenfassade hat sic sich verwurzelt und wächst nun empor, solange sie eben Halt zwischen den zerstörten Mauerfugen findet.

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Man kann da nicht hoch, das Gebäude ist immer noch einsturzgefährdet, und so wächst sie eben, während das Regenwasser durch die Mauern läuft. Der Mensch baut etwas auf, die Zeit und die Natur zerstören es. Menschen sehen Orte wachsen und Gebäude fallen, und am Ende sind wir alle tot und bald auch vergessen.

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Und die Jungen von heute werden dann die Alten sein, die die neuen Jungen nicht verstehen, wenn sie an ihrer Latte saugen und Flüge nach Madrid und Mailand buchen, wo alte Menschen hoffentlich ordentlichere Schuhe tragen. Es wird ihnen wichtig erscheinen, international vernetzt zu sein, und Bekannte zu haben, die genauso mobil und privilegiert sind, und sich vehement wehren würden, bezeichnete man sie gar als faule Maden im Kulturbetriebsspeck. So eine Frechheit von Nazis! Schliesslich engagieren sie sich vor dem Kanzleramt.

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An einem Werktag um 11 Uhr und ärgern sich etwas, dass trotz der grossen Mobilisierung so wenige Leute kommen. Fast nur andere aus Stiftungen und Trägervereinen und der Szene. Dabei sind günstige Mieten doch so wichtig. Da muss die Jugend um ihre Rechte und drei Altbauzimmer mit Stuck kämpfen, in einem Szenebezirk, während draussen im Dunkeln Knaben aus Osteuropa Kunden aus höheren Etagen der Gesellschaft mit Kristallen in Tütchen erwarten.

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Moglia ist nur zum Eingewöhnen in die harte Realität des Alten Europas und seinen Alten, die nicht mehr gehen können und sich nichts mehr erwarten. Am blauen Himmel, so blau wie vor vier Jahren, als der Sand aus dem Boden kam, sind die Kondensstreifen derer, die die Metropolen des Kontinents verbinden, und nicht weit entfernt rauscht der deutsche Tourist über die Autobahn zu den Sandstränden bei Rimini, um die europäische Einheit nach seinem Gusto zu vollenden.

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Das Alte Europa ist immer eine Frage der Perspektive. Das hier, im Sucher der Kamera, ist meine.

29. Jun. 2016
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Autonome in Berlin und Brüssel

Ihr habt die Macht, uns gehört die Nacht
aus einem Bekennerschreiben der Revolutionären Zellen, 1995

Es mag sein, dass es nur der Versuch einer Schikane gegen die Bewohner der Rigaer 94 ist, wenn in den besetzten Räumen eines Treffpunkts der autonomen Szene und einer Werkstatt Asylbewerber untergebracht werden sollen. Wenn die Räumung für Migranten ein Test gewesen sein sollte, wie weit Berlins linke Szene zum Zusammenrücken bereit ist, ist er in gewisser Weise gelungen: Die geplante Einquartierung quittierte die Szene zuerst mit Demonstrationen. Dann verabschiedete die Mehrheit der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg eine Solidaritätserklärung mit den Besetzern und kritisierte den für den Polizeieinsatz zuständigen Innensenator Henkel. In der Nacht begannen dann massive Ausschreitungen, und bei Indymedia erklären Unterstützer, dass sie bereit sind, alle Mittel einzusetzen. Was damit gemeint sein dürfte, sah man beim Anschlag auf ein Polizeiauto. Wie sich der autonome Terror für Bewohner anfühlt, kann man hier nachlesen.

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Aber vor den brennenden Autos steht die Solidarisierung der Lokalpolitiker von Grünen, Linken und Piraten.

Das ist vermutlich noch nicht einmal in diesem Bezirk der Mehrheit der Bewohner zu vermitteln, von denen angenommen werden darf, dass sie ihren Kindern nicht zwingend ausgebrannte Autos auf dem Weg zur Schule zumuten wollen.

In den Landesparteien scheint nach meiner Recherche auch niemand bereit zu sein, den Kollegen von derartiger Solidarität abzuraten, wenn gegen Bürgerämter und Kollegen anderer Parteien vorgegangen wird. Ich schaue mir die Sache nun schon etwas länger an, so als Betroffener, der zu weit im Süden wohnt, als dass ihn mehr als Drohungen und Internettrolle erreichen könnten. Damit scheint man in Berlin leben zu wollen. Es ist eine ganz eigene Vorstellung von Demokratie und Rechtsstaat. Zusammen mit dem Wunsch der Grünen Jugend, deutsche Fahnen und Patriotismus madig zu machen, zusammen mit den Beschimpfungen des Landes als Kaltland muss man wohl konzedieren, dass die Einschätzungen einer wünschenswerten staatlichen Organisation in Deutschland sehr pluralistisch sind. Von No Borders, No Nations, 100% Erbschaftssteuer und bedingungslosem Grundeinkommen bei Abschaffung der staatlichen Repression bis zu eben jenen konservativ-reaktionären Zuständen, unter denen ich lebe, und die meine Wünsche einer Anpassung an Aufklärung und Säkularismus als links auffassen.

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Ein weiterer Akteur ist die EU, die von dieser Linken wegen ganz ähnlich aggressiver Verhaltensweisen massiv kritisiert wird. Eine EU, die es gerne den Lobbyisten recht macht, und deren Profiteure sich dann wie ein Haufen Randalierer benehmen; Steuertricks in Irland, Niederlanden und Luxemburg, die Bankenrettung, in der die Bankster die deutsche Nationalhymne anstimmen, Geheimverträge wie CETA und TTIP, die über Europa kommen wie eine Gruppe Autonomer in der Nacht, undurchsichtige Strukturen, die nicht ausgeleuchtet werden wollen, Vorgaben wie Gender Mainstreaming, die von irgendwelchen demokratisch nicht direkt legitimierten Gremien empfohlen und eingeführt werden, oder jüngst der Versuch von Frau Hohlmeier, europaweite Netzsperren durchzusetzen, und dann noch ein Herr Öttinger als Digitalkommissar, der die Daten der Menschen als Wirtschaftsfaktor und nicht als Recht der Selbstbestimmung betrachtet: Man muss nicht allein die Glühbirne betrachten, um zu erkennen, dass die EU zu weit von der Willensbildung des Souveräns entfernt agiert.

Auch in Brüssel sitzen Autonome. Auch diese Autonomen agieren überstaatlich, ohne Rücksicht und ohne Interesse, sich für ihre Taten vor dem Volk zu rechtfertigen. Am Ende gibt es eine Wahl, bei der eine Art grosse Koalition wie bisher weiter macht. Wie man bei den TTIP-Verhandlungen sah, respektieren sie auch keine nationale Parlamente. Es wird Staatsknete verteilt, das bedingungslose Grundeinkommen ist auf europäischer Ebene in einigen Bereichen längst da, und mit der Flüchtlingskrise hat sich nun auch gezeigt, dass die EU in einer Haftungskrise steckt: Auf der einen Seite die Kommission und Merkel, die ihren Willen innerhalb von Europa gegen die Nationen erzwingen wollen, auf der anderen Seite nationalstaatliche Lösungen auf dem Balkan, die dann prompt funktionieren.

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Beide Seiten, Linke und Brüssel und ihre Verbündeten, lehnen Patriotismus spätestens dann ab, wenn er sich und seinen Willen behauptet. Deutschland hat sich inzwischen mit brennenden Autos in Berlin und Anschlägen auf die AfD arrangiert, die Briten – bis gestern angesichts der Umfragezahlen noch als Verteidiger gegen den Populismus gefeiert– werden jetzt als Nationalisten in den Boden geschrieben. Besonders die Alten, die übrigens die Swinging 60ies und 68er repräsentieren, sollen sich was schämen, der Jugend den Weg zu verbauen. Brüssel und Linke vergessen einen Moment eigentlich unüberwindliche Gegensätze und sammeln sich zu einer Querfront gegen Nationalismus. Das kann man tun, Prinzipienlosigkeit und Flexibilität sind in Bürgerkriegen schliesslich die Grundtugenden von Warlords und Condottieri. Es sind nur, und darauf möchte ich hier verweisen, beides nicht die Gruppen, mit denen man sich im Bayerischen Oberland sehen lassen sollte. Da bietet keine breite Front einen Alternativentwurf zum Nationalismus an. Zwei radikale und allseits unbeliebte Gruppierungen versuchen, patriotische Gefühle und Zweifel an problematischen und so nicht gewünschten Entwicklungen zu diskreditieren. Oder unpassend abstimmenden Alten gleich das Wahlrecht einzuschränken, wie es hier Mario Sixtus, ein Auftragnehmer des Gerontokratensenders ZDF, öffentlich andenkt.

Mir und vielen anderen normalen Bewohnern der glücklichen Zone könnte es egal sein, denn egal ob unter der CSU oder unter Brüssel: Wir sind die besseren Kreise. Wir haben Europa gesehen und schätzen es sehr. Wenn am Wochenende in Waakirchen ein grosses Schützentreffen unter Einschluss unserer früheren Sklaven aus Österreich stattfindet, dann sieht man auch, dass über 1000 Jahre zurückreichende Konflikte heute beigelegt sind. Aber in all unseren Regionen ist die Linke schwach. Sie klammert sich an die grossen Städte. Auf dem offenen Land mag niemand Brüssel:, und der Patriotismus macht hier keinem Angst: Im Gegenteil, die Leute wissen, dass kleine, überschaubare Strukturen funktionieren können. Wer das nicht berücksichtigt, wer darüber hinweg walzt und denkt, er könnte einen anderen Kurs verordnen, bereitet erst jenen das Feld, die dann den Nationalismus anbauen. Es wird hier, das darf ich öffentlich versichern, niemanden geben, der vor einem Graffiti der Rigaer 94 oder vor der Tasse von Juncker ehrerbietig den Hut zieht.

brud

Rational betrachtet könnte man auf die Idee kommen, dass es noch nicht zu spät ist, und die Siege und Niederlagen des Brexitlagers, der FPÖ und demnächst auch von Le Pen knapp ausfallen. Für die Mehrheit, die gute Demokraten akzeptieren sollten, muss man nicht jedem Bierdimpfl nach dem Mund reden. Es würde reichen, denen Garantien für ihren Lebensraum und ihre freie Entfaltung zu geben, die, um es mit Lampedusa zu sagen, genau wissen, dass sich alles ändern muss, damit alles so bleiben kann, wie es ist. Das Versprechen, dass kein Stein mehr auf dem anderen bleibt, wenn die jeweilig begünstigten Horden durchziehen, ist keines, das jemand unterstützen würde, wenn er seinen Hauskredit abbezahlt und nicht in die nächste Mietwohnung einer anderen Stadt ziehen kann. Die Berlinbrüsseler Haltung, man wisse schon, was gut für die anderen ist, wird hier nicht vollumfänglich geteilt, ja sie stösst sogar auf Ablehnung. Händchenhalten vor dem Brandenburger Tor ist da nicht mehr als eine Flucht vor einer Realität, in der man eigentlich ganz gut leben kann, und die sich viele auch genau so wünschen, selbst wenn der Grillabend zum 125-jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Schaftlach weniger netzwirksam sein mag.

Es gibt, einfach gesagt, eine riesige Diskrepanz zwischen dem, was Menschen von ihrem Leben gern hätten, und dem, was ihnen dafür als politischer Lösungsansatz offeriert wird. Bei uns brächte man dringend Wohnungen für sozial schwächere Mieter – gebaut wird für Migranten, von denen die meisten aber nicht ihre Zukunft im Oberland mit 6 Monaten Winter sehen, auch wenn sie das neue Integrationsgesetz dazu zwingen sollte. Das wird von oben so bestimmt, die Bundespolitik macht das bei uns, und Brüssel mit den Osteuropäern. Das kann man machen, wenn man so alternativlos ist, wie Brüssel bis gestern gewesen ist, oder so unkontrollierbar wie die Verbrecher aus dem Umfeld der Rigaer 94.

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Privat glaube ich, bei aller Sympathie für die Ideale Europas und der Linken, dass sich dort alles ändern muss, und trotzdem nichts bleiben kann, wie es ist. Es muss ganz schnell anders werden, sonst endet die EU wie der Warschauer Pakt. Es sind noch genug nationalstaatliche Strukturen da, um diesen Zerfallsprozess glimpflich verlaufen zu lassen, und ob ich zur Oberschicht Deutschlands oder Europas gehöre, ist mir egal, solange ich nur einen Platz im Biergarten finde. Das Problem ist nicht der Nationalismus, sondern der immense Raum, der sehenden Auges und unter Begleitung des lobpreisenden Medienchores dem Nationalismus überlassen wird.

Und dass man in Berlin schon als Nazi gilt, wenn man das nicht linientreu so aufschreibt, und hier vielleicht wieder ein Troll mit NDR-IP auftaucht.

24. Jun. 2016
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21. Jun. 2016
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Fahren, bis die Sonne scheint

Ein Text, in dem niemand eine fade Moin, ein Grindkopf, Gschleaf, Heisalschleicha, Letschtnbene, Trietscherl oder Netzfeministin geheissen wird.

Früher, vor 100, 150 Jahren, waren reiche Menschen fortschrittlich und wollten stets die neuesten technischen Errungenschaften. Electricität. Fliessendes Wasser. Breite Strassen, Züge und Trambahnen. Deshalb befinden sich in Augsburg, einem der Zentren der industriellen Revolution, einige hübsche Villen an einer heute lauten, viel befahrenen Strasse, auf der sich auch die Tram drängelt. In einer dieser Villen lebte ein Mann, dem seine Freunde sagten, er sollte etwas für seine Gesundheit tun und mehr radeln. Er kaufte sich Anno 1982 also ein wirklich schickes Rad der italienischen Marke Somec und kreuzte nach ein paar Ausfahrten die Schienen der Strassenbahn, an deren Nähe sich der Mensch, aber nicht der Gummi des Reifens gewöhnt, wenn es feucht ist. Der Mann legte einen kapitalen Abgang hin, die tiefen Furchen im rechten Bremshebel künden noch davon, verlegte sich wieder aufs Nichtstun und starb dann letztes Jahr aus einem anderen Grund, und auch nicht unter der Strassenbahn. Ich musste das Somec, das ich von seinen Erben bekam, nach 33 Jahren nur entstauben.

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Wie die Zeiten sich geändert haben, sieht man daran, dass über heutige leitende Angestellte, also Manager, solche Zeilen kaum erscheinen würden. In den 50er Jahren konnte der kugelrunde Heinz Erhardt noch glaubwürdig einen Eierlikörfabrikanten verkörpern, und nirgendwo im Film taucht die Frage nach der Herkunft der Eier auf. Heute müsste, damit ein modernes Remake in der ARD laufen dürfte, jede Menge Kritik erkennbar sein, und ein Saulus-Paulus-Erlebnis beim Betrachten glücklicher Hühner, die idealerweise für das Ziel der Volksaufklärung von einer lesbischen Schutzsuchenden aus Nigeria nach der Sharia vegan ernährt werden. Und Manager müssen schlank sein. Der rundliche Fabrikant war schon in meinen Jugendzeiten am Aussterben, Sport war nicht unüblich, aber im Westviertel der kleinen, dummen Stadt wohnen die Lenker des hiesigen Weltmarktführers – und die sind alle schlank, sportlich und tun auch etwas dafür. Einen kenne ich aus meiner Schulzeit: Der war damals dick. Heute nicke ich ihm aufmunternd zu, wenn ich ihn joggen sehe. Das System hat ihn körperlich auf Linie gebracht. Dagegen ist nichts zu sagen.

fahrenb

Ich bin bekanntlich eher faul und an Karriere gründlichst desinteressiert, und vorgestern nun war ich mit einem anderen Beitrag fast fertig, da schaute ich zum Fenster hinaus nach Westen, und dachte mir: Eventuell wird es da hinten zu später Stunde doch noch schön. Vielleicht klart es noch auf, im Westen, wo die Sonne untergeht, die Tage sind lang und den Beitrag kann ich auch irgendwann später fertig schreiben. Der Tag war hässlich und regnerisch genug, der Sommer in Deutschland ist nach all den sonnigen Wochen in Italien eine echte Zumutung – da muss man nehmen, was man kriegen kann.

fahrene

So fuhr ich los. Denn als ich fünf Jahre alt war, wollten meine Eltern einen Gebirgsurlaub mit uns Kindern machen. Das ist eigentlich schön, aber in Südtirol klebten Regenwolken zwischen den Bergen wie Ex-Stasi-IMs zwischen SPD-Ministern, und es war grau und hässlich. Es war auch absehbar, dass es so bleiben würde. Also packten meine Eltern den silberblauen BMW mit dem 2,5-Liter-Aggregat, stopften uns Kinder auf die Rückbank, und fuhren los, weiter in den Süden. Kinder fragen dann immer, wie lange es noch dauert, und mir kam die Poebene endlos vor: “Vater, wann sind wir endlich da-ha?“ Und mein Vater antwortete: “Ich fahre, bis die Sonne scheint.“

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Auf diese Art und Weise sahen wir Modena, Bologna, Florenz und gefährliche Pässe im Apennin im Regen, regenschwarze Dörfer auf dunklen Bergen, Urbino im Regen, das Meer im Regen und es war schon tiefschwarze Nacht, als endlich der Mond durch die Wolken über dem Meer erkennbar wurde. Bis unterhalb des Sporns hatte uns der hochdrehende Motor des BMW und der unerbittliche Wille meines Vaters gebracht. Nach einer abenteuerlichen Hotelsuche, die heute noch den Schatz der Familienlegenden bereichert, waren wir also am Meer. Und dann drei Wochen im Sonnenschein, während Norditalien weiter absoff.

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Es gibt aus diesem Urlaub Bilder von mir mit einem orangen Plastikeimer im Sand, und ich sehe glücklich aus. Man muss eben seine Ziele im Leben haben. “Fahren, bis die Sonne scheint“ war früher so ein Ziel, und es ist auch heute noch so, wenn ich am plattgestürmten Getreide vorbei nach Westen fahre, der Sonne entgegen. Diese Freiheit musste man früher haben: Die Möglichkeit, sein Leben selbst zu bestimmen und zu fahren, bis es passte. Das war Luxus. Das war – und ist – nicht billig, aber es war möglich. Es war auch möglich, in dieser Zeit für die Firma nicht erreichbar zu sein, ohne dass die Firma damals pleite gegangen wäre. Wer etwas wollte, musste sich eben gedulden. Wir waren am Meer, ganz weit unten, nach einer Woche fühlte sich meine Mutter dann auch mal bemüssigt, die Verwandtschaft wissen zu lassen, wo wir waren. Mit Postkarten, von denen einige nicht Deutschland erreichten. So war das.

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Ich habe vor diesem Beitrag nachgeschaut: Das Hotel am Meer gibt es immer noch, und heute wirbt es – wie alle – mit Wellness und einem prämierten Restaurant um wohlhabende Gäste. Ich weiss nicht, ob man dort noch um Mitternacht wie meine Eltern einmarschieren und auf die Glocke hauen kann, während draussen der glühend heisse Motor unter der raubfischartigen Karosserie knackt und die Kinder auf dem beigen Leder der Rückbank, an ihre Plüschgiraffe gekuschelt, tief und fest schlafen – man sollte aber mit winzigen Portionen auf grossen Tellern leben und dadurch abnehmen können. Damals gab es dort absurd riesige, mehrstöckige Buffets und gelbrotkarierte Tischdecken. Wir sind gefahren, bis die Sonne schien. Das war der Luxus der guten, alten Bundesrepublik Deutschland. Heute fährt man bis zum Sommelier, akkurat geschnittenen Lauchblättern und zum klimatisierten Indoor-Pool.

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Check mal Deine Privilegien schallt es uns entgegen, wenn es um Fragen der sozialen Gerechtigkeit geht. Das tut man in unseren Kreisen viel zu selten, man lässt sich einfach von der Entwicklung mitziehen. Reichtum und Luxus sind heute etwas ganz anderes als früher, der damals grosse BMW wäre heute klein und schwach, dafür sind die alten Villen zu gross für moderne Kleinfamilien. Es steigen die Ansprüche an das Leben und an sich selbst, man muss sich Wissen und Kompetenzen erarbeiten, die es früher einfach nicht gab, und blättert dann in der Freizeit in der Landlust, oder bestellt eine handgeschmiedete Axt. Die Sonne scheint. Sie scheint immer, aber nie für alle und als ich dann endlich auf dem alten Rad vor ihr ankomme und absteige und einfach nur zuschaue – bin ich allein. Auf den neuen, riesigen Bildschirmen streiten sich Männer um Bälle, wie sie es 1982 in Bildern aus Spanien auf kleinen Bildschirmen auch schon getan haben, als Italien Deutschland vom Platz fegte, und davor sitzen Menschen, während draussen der Himmel rot und blau leuchtet.

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Man muss sich heute bei uns seine Privilegien aussuchen, und die Fähigkeit dazu haben – aufgrund der immensen Verfügbarkeit für die meisten Menschen, die im Supermarkt vor Dutzenden von Waschmitteln der immer gleichen Grosskonzernen stehen. Der Luxus, mit dem Automobil in den Süden zu fahren, wirkt klein angesichts der günstigen Flugpauschalreise. Aber die Erde dreht sich weiter um die Sonne und die Kugeln in den Lagern eines 34 Jahre alten Rades sind nicht anders rund als jene in den Rädern, deren Pedale im Geschäft mehr als mein Somec aus dem Speicher kosten. Am Ende wird gestorben.

fahrenh

Das ist nun mal so. Der Sonne ist es egal, ob man sich Mühe gab, sie oft zu sehen. Es gibt genug andere Optionen, im reichen, Neuen Deutschland. Da muss man nicht von Glück reden.

 

21. Jun. 2016
von Don Alphonso
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14. Jun. 2016
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Veganes Zwangsleben mit Verbotessa Marie Antoinette Hofreiter

Anstand ist in diesem Lande also etwas Fremdes?
Denis Diderot, Die indiskreten Schatzkästchen.

Also ich finde ja, die Grünen haben theoretisch voll Recht mit der Idee eines Mindestpreises für Fleisch. Wirklich. Das soll man unbedingt machen. Fleisch muss für den Verbraucher ganz erheblich teurer werden. So teuer, dass er sich ernährt, wie ich das gut finde. Ich bin nämlich seit über 20 Jahren Vegetarier und finde das richtig. Hohe Fleischpreise sind mir vollkommen egal, ich esse es nicht und was ich als Geschenken mitbringe, ist ohnehin extrem teuer. Ebenso finde ich Weidehaltung bei Tieren wichtig und es wäre doch schön, wenn überall die Kuhglocken so bimmeln würden, wie bei uns in den Bergen.

vegane

Ausserdem bin ich privat auch für das Verbot von industriell erzeugter “Milch“. Bei mir am Tegernsee gibt es Heumilch, das ist die echte Milch, die aus Kühen von der Alm kommt und nicht entsteht, wenn die Kuh im engen Stall mit Futtermittel gemästet wird. Wir am Tegernsee machen das richtig, Berliner sollten sich mal in ihre günstige E-Klassen oder was man da so fährt setzen, vorbeikommen und sich das anschauen. Bei uns gibt es noch Schilder auf der Strasse, wo vor frei herumlaufenden Hühnern und Gänsen gewarnt wird. So sollten Hühner leben. Immer. Dann gäbe es weniger davon, aber denen ginge es dann besser und die Asylbewerber, die sich in Rottach wegen Ramadan eine Schlägerei lieferten, werden auch an das Tierwohl denken müssen. Weil, wenn wir hier über Massentierhaltung und Quälerei sprechen: Deutschland hat gerade eine Million Menschen aufgenommen, bei denen die Umerziehung für das Tierglück wieder bei Null anfangen muss. Wir hatten hier schon eine Revolte, weil zu wenig Fleisch und zu viel Bio in der Nahrung war. Diese Leute muss man unbedingt belehren. Ja, wenn es eine Burka für Frauen wäre, das wäre etwas anders, aber bei Hühnern hört die grüne Toleranz auf, als ginge es um Dirndl und Lederhose.

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Aber ich schweife ab, jedenfalls, also, unsereins kann über Mindestpreise für Nahrungsmittel nur lachen. Man lebt doch nicht im reichsten – und mit einem grünen Landrat grünsten – Landkreis Deutschlands, um sich dann billig zu ernähren. Überhaupt, Vegetarismus und Veganismus sind auch bei uns auf dem Vormarsch. Gesunde, hochwertige Ernährung sind bei uns absolute Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Akzeptanz. Regionale Erzeugung ist oberstes Gebot, wenn es nicht gerade um Fisch aus den Tropen geht, der natürlich eingeflogen wird, und um den einzig richtigen Parmesan und Risottoreis, den ich mit meinem 272-PS-Sportwagen Freunden aus Italien mitbringe. Wenn ich Sie, liebe Leser, mit Tempo 240 zwischen Modena und Verona drängelnd von der Überholspur wegexterminiere, was machen Sie da überhaupt in meinem Weg, Sie lahme Sa mit offenem Verdeck und die Missa Cellensis in der Anlage donnernd: Dann denke ich dabei, wie alle grünen Kernwähler, nur an das Tierwohl, das Wohlergehen der italienischen Bauern und Feinkostgeschäfte in Parma, und an die Luftkühlung der mitgebrachten Geschenke, die ich als umweltbewusster Mensch natürlich von meinem Drittwohnsitz in Italien aus mit dem Rad geholt habe.

veganh

Es ist doch den Grünen völlig klar, dass unser bewusster Lebensstil der wahrhaft Richtige ist. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, so wie es keinen richtigen Patriotismus im falschen Nationalismus geben kann. Nehmen wir einmal an, wir setzen den Mindestpreis für Fleisch durch, und eine alleinerziehende Mutter in Berlin steht mit zwei quengelnden Kindern im Supermarkt statt auf dem Wochenmarkt, wo anständige Zeit-Abonnenten einkaufen. Die Kinder quengeln nach Salami und Schinken, aber das ist zu teuer. Dann kauft sie ihnen halt ein Kilo Gummibärchen – was? Ach so, die sind aus Schweineschwarten hergestellt… ähm, ein Kilo Schokolade mit Fair Trade Kakao, dann halten die Kleinen ihre Klappe. Da ist zwar auch gefährlicher Industriezucker drin, aber es ist deutlich tierwohliger, wenn man nicht an den für Biobohnen gerodeten Urwald an der Elfenbeinküste denkt. Man macht es immer verkehrt, aber dann eben anders.

vegand

Dazu dann einen guten veganen Brotaufstrich, 100 Gramm für 4,99, und der Sohn darf auch genderneutral Röckchen tragen, fertig ist die ausgewogene Kinderernährung nach grüner Facon. Über das Gesetz, das Grossmütter zu 100 Peitschenhieben verurteilt, wenn sie Kinder im Freibad mit billigen Wiener Würsten auf tierwohlfeindliche Abwege bringen, reden wir, wenn die Mehrheit zusammen mit der feministisch-islamischen Burkini-statt-Nacktwerbungpartei SPD erreicht ist: Wichtiger ist momentan, dass der Deutsche zu spüren bekommt, was er der Erde antut. Fleisch gab es früher für die Grattler nur am Wochenende, während es bei meinen Vorfahren jeden Tag auf den Tisch kam. Das ist die soziale Grenze gewesen, und wenn sie mit Hilfe des Tierwohls wieder einbetoniert wird, habe ich auch als Vegetarier überhaupt nichts dagegen. So ist es nun mal in der Klassengesellschaft. Es ist kein Zufall, dass die Grünen im reichsten Landkreis den Landrat stellen und in Mecklenburg-Vorpommern von der AfFleischfresser in den braunen Torf gepflügt werden. Grüne Politik muss man sich leisten können.

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Die Anhebung des Hartz-IV-Satzes zum Erwerb von Bio ist da natürlich eine nette Geste, speziell mit Blick auf den Reichshauptslum und Grillmoloch Berlin, wo die Grünen im Herbst wieder in die Regierung wollen. Wenn ich das noch aus Gründen der wichtigen sozialen Gerechtigkeit anfügen darf: Eine Ausnahmeregelung des Mindestpreises für vorverpackte Einweggrills würde dort sicher auch als Zeichen der Toleranz für Migranten und alternative Hipsterlebensformen verstanden werden, und als angenehmer Nebeneffekt die Wahlchancen nicht beschränken. Andere Bevölkerungsteile, die nicht die wertvolle und daher staatlich alimentierte Arbeit gegen Rechts im Kreise von Crystal Meth Käufern und Ex-Stasi-IMs leisten wollen, müssen sich halt umorientieren. Der Fortschritt kann nicht immer auf jeden Rücksicht nehmen, und woanders ertrinken Menschen im Mittelmeer: Checkt mal eure 8,50-Euro-Mindestlohn-Privilegien.

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Natürlich bringt der Plan der Grünen weniger den bayerischen Dorfmetzger in Bedrängnis, als jene, die wirklich billiges Fleisch anbieten: Dönerladenbesitzer zum Beispiel. Aber so ist das nun mal mit der Ethik, sie gilt universell. Der eine wird nach der Pleite seines Ladens Securitymitarbeiter, den man im Kreise der Auto- und Wohnungsschutzsuchenden sicher braucht, wenn von berlingrünen Kernwählern fehlbelegte Sozialwohnungen für sie nicht freigemacht werden. Der andere mag vielleicht ein Umschulungs- und Gewaltpräventionsprojekt besuchen. Dort wird er unter verständnisvoller Anleitung verstehen lernen, wie gut es ist, dass nun in seinem früheren Laden eine Paläo Eatery aufgemacht hat und Genderistinnen ins Viertel zieht, das wird dann gleich viel hübscher. (Übrigens, ich war letzte Woche in so einer Vegan Eatery, und es war nach einer Virusinfektion in Teneriffa vor zwei Jahren das erste Mal, dass ich etwas nicht aufgegessen habe. Ich habe Paläoethnobotanik studiert, da haben wir auch mit Emmer und Einkorn experimentiert: Unsere neolithischen Eintopfversuche waren immer noch besser als diese Eatery. Das hat so geschmeckt, wie sich Sexualkontakt mit Hashtag-Aktivistinnen anfühl)

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Aber wie auch immer, man sieht, das wird sich alles schon einrenken, wenn die Menschen über den Preis veranlasst werden, das Richtige zu tun. Ich persönlich besuche, wenn ich alle vier Wochen mein Spülmittel kaufe, auch den Supermarkt des Plebs und bin von den Fleischbergen angewidert. Ich verstehe nicht, wie man das essen kann. Diese Leute haben wohl keine Freunde, die ihnen aus Parma den Schinken mitbringen. Da muss etwas getan werden. Bislang dachte ich, dass schöne Bilder von vegetarischem Essen eine gute Idee sind, und trage meinen Teil zur Gesundheit des deutschgrünen Volkskörpers unterschwellig, verführend, freundlich und wohlschmeckend bei. Ich empfehle sorgsame Restaurants, die für Vegetarier mitdenken und auf Fleischqualität achten, weil ich eigentlich gelernt habe, dass die Aufklärung in Verbindung mit Genuss und Lebensfreude überzeugend ist. Was könnte schöner sein, als den Urlaub nach zwei Monaten in der dritten Heimat mit einem Besuch bei der Caseificio Vittoria zu krönen, um den Biosieg mit 2 Kilo Grana Padano zu feiern?

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Der Veggie Day dagegen erinnerte manchen an einen Eintopftag unschöner deutscher Zeiten – Fleischrationierung wiederum könnte mit dem 20. August 1939 verglichen werden. Offensichtlich fühlen sich die Grünen als kommende Regierungspartei im Bund aber stark genug, ihr Verlangen offensiv und ohne freundlichen Umgang mit dem Souverän zu bewerben. Gefahr droht natürlich keine, denn vermutlich haben sie aus der Geschichte der französischen Revolution gelernt. Sie lassen Marie Antoinette Hofreiter nicht in der Traglufthalle Holzkirchen während des Ramadan gegenüber 300 Männern verkünden, dass sie lieber Falafel essen sollen, wenn sich der Caterer die Beschaffung von vormals billigen Käfighühnern nicht mehr leisten kann.

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Falls doch, würde ich raten, die Bettstangen und Feuerlöscher vorher zu entfernen. Ich meine es als vegetarisch-bewusste Kernzielgruppe der Grünen wie immer nur gut. Es gibt leider manchmal Konflikte ums Essen, und möglicherweise sind sie sogar unter den wohlerzogenen Deutschen nicht ganz ausgestorben. Ich wünschte, alle wären in ihren barocken Stadtpalästen und Residenzen am Tegernsee so gut und vorbildlich wie ich – sie sind es aber nicht. Damit muss man vielleicht auch mal tolerant leben können.

14. Jun. 2016
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09. Jun. 2016
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Mit Buttersäure und Vergewaltigern gegen Europas Inzest

Als der Zirkus in Flammen stand, war kein Wasser zum Löschen zur Hand.
Georg Kreisler

Meine Nachbarn hier in Mantua können froh sein, dass sie nicht in Deutschland leben. Denn sie regen sich gerade über einen, man muss es so sagen, unbeliebten Nachbarn auf. Einen Nachbarn, dem sie gesagt haben, dass alte Wohnzimmermöbel eigentlich keine Gartenmöbel für die kleine Fläche vor dem Erdgeschossapartment sind. Aber das Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen bringt es nun mal mit sich, dass der Herr, der dort übergangsweise wohnt, die alten, schwülstigen Wohnzimmermöbel bequem und praktisch fand. Bis letzte Woche, da waren an die 20 Freunde beim Grillen im proppenvollen Garten, und später die Feuerwehr, weil sich einer der alten Sessel dabei entzündete. Das war nicht schön und roch noch weniger schön. Seitdem gehört meine Ecke von Mantua weniger zur Regionalhauptstadt Mailand als eher zu Gauland. Italiener, das merke ich sehr deutlich, machen sich mehr Sorgen um ihren qualmfreien Weg zum See als um die öffentliche Meinung, die hier ohnehin anders ist.

butterh

Das Thema Entflammung wird in dieser Ecke der Stadt seit letztem Jahr kritisch gesehen. Aber es ist dennoch wirklich schön hier, und Italiener sind halt emotional, da darf man nichts drauf geben. Es ist hier auch nicht so leicht wie etwa in Deutschland, wo die anständigen Leute am Tegernsee wohnen und genau wissen, dass das Gschleaf und die Hobara aus Berlin weder das Geld noch die Neigung haben, ihnen nachzuziehen: Echte durchgentrifizierte Luxusviertel sind in Italien nicht so typisch wie in Deutschland, und selbst im piekfeinen Villenareal von Brescia sind auch verrottete Bauten. Mein Viertel ist wie viele, der Nachbar fährt einen goldfarbenen Jaguar und weiter vorne ist ein kommunaler Sozialbaui. Trotzdem gibt es den in Italien typischen Zusammenhalt im Viertel. Solange man nicht Eiche-Rustikal-Sessel bei einem lauten Fest abfackelt und die Überreste zwei Tage später noch die Strasse am See verunzieren.

butterf

Diese Solidarität im Viertel funktioniert, weil hier auch die Sozialkontrolle noch recht stark ist. Das hat seine guten Seiten, weil hier niemand auf die Idee käme, mit einem Wegbier durch die Gegend zu laufen und damit seiner Familie Schande für die nächsten 10 Jahre zu bereiten, und sich aus dem Heiratsmarkt zu werfen. Auf der anderen Seite erscheinen mir die hier üblichen Kirchgänge und das völlig kritiklose Verehren des Padre Pio ein wenig, also, in Italien würde ich das nie offen sagen, aber, nun, also, Sonntag, finde ich, ist zum Ausschlafen da. Wenn man hier länger lebt, bringen Italiener einen auf Linie. Integration auf eine nette, aber bestimmte Art ohne Vollversorgungsmentalität, die es hier auch sonst nicht gibt. Das macht man hier so, und unter der lauten und emotionalen Oberfläche sind die Menschen durchaus diszipliniert, zuverlässig und nicht sehr individualistisch in jenem deutschen Sinne, der manche dazu bringt, einen mit Buttersäure zu bewerfen, Vergewaltiger zu fördern und Veränderungen pöbelnd zu begrüssen – womit wir beim Thema sind.

buttere

Denn eigentlich bin ich ein Freund zivilisierter Demut und Zurückhaltung, und habe mich sehr auf die weitere Aufarbeitung des Keyloggerskandals bei der tageszeitung gefreut. Die taz vergisst in Zeiten der Rape Culture nie, andere darauf hinzuweisen, dass es bei solchen Übergriffen nicht um einen Einzelfall geht.So etwas liegt immer auch am Umfeld. Und wenn so etwas nun bei der taz erscheint, war ich mir sicher, dass sie es nicht an der nötigen Selbstkritik wird fehlen lassen. Es ist ein spannendes Thema: Wie kann aus dem emanzipatorischen Gendersternchenumfeld so ein Benehmen erwachsen? Die Fragestellung lohnt sich, denn wenn sogar bei der hochgradig problembewussten taz die Rape Culture grassiert, dann muss sie natürlich überall sein. Zu meinem Bedauern jedoch musste ich erkennen, dass die taz mitnichten über sich selbst als Hort der Rape Culture schreibt. Sondern lieber über Gauland. Mit Witzchen, weshalb es in der satirischen Kolumne “Die Wahrheit“ steht: “Was tun, wenn einem der böse Nachbar nicht gefällt? Was tun, wenn dieser Nachbar auch noch Gauland heißt?“ Die Antwort liefert die taz gleich mit: Vergrämen. Zum Auszug bringen. Mit Buttersäure und übler Nachrede.

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Es gab bereits einen Anschlag auf das Haus von Gauland und ein Bekennerschreiben, die taz macht munter weiter mit Empfehlungen für Straftaten, die ihr angemessen erscheinen. Die Zeitung, die sofort eine Forderung nach Verbot der AfD verfassen würde, käme jemand dort auf die Idee, den Einsatz von Buttersäure gegen ein Migrantenheim in der Nachbarschaft zu empfehlen – diese Zeitung rät zu Kartoffeln im Auspuff. Was im besten Fall Sachbeschädigung und ein gefährlicher Eingriff in den Strassenverkehr ist. Und sie rät zu Brot in den Scblössern.

buttersc

Das steht da mit ein paar Witzchen auf dem Niveau, das der Geschichtskundige aus SA-Zeitungen von 1932 kennt. In einem Klima, in den ohnehin Anschläge auf politische Gegner täglich passieren, empfiehlt die taz, rechtsgerichtete Nachbarn mit Straftaten zu verscheuchen. Als Satire. Satire, weil sie ein paar Witze über Problembären und Maulwürfe einstreut. Eine Zeitung, die für Toleranz gegenüber Migranten wirbt, schlägt vor, den Nachbarn bewusst zu schädigen.

butterg

In die freie Wohnung könnten dann zugewanderte Sexualstraftäter ziehen, wenn es nach dem Willen der ähnlich linken Zeitschrift der Rosa Luxemburg Stiftung geht. Dort erschien ein Beitrag zur Frage, wie man mit der Silvesternacht von Köln umgehen soll. Massimo Perinelli, ein Mitarbeiter der mit einem zweistelligen Millionenbetrag staatlich geförderten Stiftung, weist die Hauptschuld an den Übergriffen den Umständen zu, in denen die Migranten leben müssten, und weder eine Frau mit nach Hause nehmen, noch ihr ein Bier ausgeben könnten. Ausweisen dürfte man die Täter jedenfalls nicht, weil sie eine Gefährdung für die Frauen daheim wären.

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Wenn es nach dem Mitarbeiter der parteinahen Stiftung geht, bedeutet das, dass der gewalttätige Migrant sich seinen dauerhaften Aufenthalt erwerben kann, indem er hierzulande Frauen sexuell missbraucht. Dann kann man ihn nicht abschieben, weil er sonst daheim ein Risiko ist. Dass der Sexualstraftäter dann weiter in Deutschland ist und hier eine Bedrohung darstellt, wird im Zeichen der internationalen und antideutschen Solidarität in Kauf genommen. Das Herkunftsland hat ein Problem weniger, Deutschland hat ein dauerhaftes Problem mehr, und für Migranten eröffnet sich ein leichter Weg, einer Abschiebung zu entgehen: Sie müssen nur Sexualstraftaten begehen und sich erwischen lassen. Die Linke wundert sich gerade, warum ihre Wähler direkt zur AfD abwandern: Möglicherweise wollen sie Boateng, aber nicht für immer eine steigende Zahl von Bleiberechtsvergewaltigern oder Politiker, die so etwas fördern, in ihrer Nachbarschaft. In Zeiten der Buttersäuresensibilisierung und Vergewaltigungsakzeptanz für Deutsche ist es dann auch nicht wirklich eine Förderung der guten Nachbarschaft, wenn ein Spiegel-Redakteur mit Migrationshintergrund so eine – mittlerweile gelöschte, aber weithin beachtete – Aussage veröffentlicht.

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Da steht in etwa das, was AfD-Anhänger den Medien unterstellen: Dass sie von Aktivisten benutzt werden, die eine eigene Agenda haben und versuchen, Deutschland zu übernehmen. Ganz offen, ganz ehrlich, so wie andere ganz offen für Buttersäure und Vergewaltiger argumentieren. Natürlich ist das ein gefundenes Fressen für die Rechte, aber so steht es nun mal im Internet.

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Es gibt Parteien und Medien, in denen solche Einstellungen verbreitet sind. Das sind, wenn ich das unbescheiden aus der Ferne sagen darf, nicht die Einstellungen, die man am Tegernsee hat, oder in anderen besseren Kreisen, die ich so kenne. Ja, ich befürchte gar, dass auch niedrigere Schichten frei reden und ihre Ablehnung von sexueller Gewalt ausdrücken wollen, ohne bei Facebook mit erfundenen sexuellen Verfehlungen an den Pranger gestellt zu werden. Zwischen dem, was auf der migrationsfreundlichen Seite als angemessene Reaktion gesehen wird, und dem, was gesellschaftlich als angemessen gilt, klafft ein Abgrund, den man am besten mit Anzeigen und Strafverfahren überbrückt, und es wundert mich gar nicht, wenn auf der anderen, enthemmten Seite dann jemand mit dem Keylogger arbeitet. Oder Artikel mit solchen Bildern garniert, wie es Spiegel Online tut.

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Die Verärgerung meiner Nachbarn über den Kleinbrand ist irgendwie nachvollziehbar. Sie wird sich auch wieder legen. Es sind gute Nachbarn, ich habe sie gern und hoffe, dass sie mich auch gut leiden können, wenn ich freudig grüssend an ihnen vorbei radle. Aber ganz ehrlich: Mitarbeiter der taz, der Rosa Luxemburg Stiftung und des Spiegels würde ich, kämen sie an den Tegernsee, zuerst einmal begutachten, bevor ich mir eine Meinung bilde. Es ist bei uns nämlich so, dass sich die Hausgemeinschaft auch gegen einen Käufer aussprechen kann, wenn er nicht passt. Sollte ein Kollege also überlegen, später einmal die nördlichen Schmelztiegel des neuen, nicht mehr inzestuösen Deutschlands zu verlassen und seine Ruhe bei uns in den Bergen zu finden, wo die Gebirgsschützen seit jeher mit dem Vorderlader und Schrot bürgerwehren: Er lasse die Buttersäure besser daheim, und den anderen ihre Meinung. Sonst wird man bei uns nicht alt.

Und den Platz auf dem Bergfriedhof muss man sich auch erst leisten kön

09. Jun. 2016
von Don Alphonso
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03. Jun. 2016
von Don Alphonso
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Keinen Fussbreit Mietwohnung dem Rassismus

Man kann die Philosophie nicht mit “Ich“ anfangen.
Lenin

Ich finde ja, einer der interessantesten Aspekte bei sog. Machtergreifung der Nazis ist die sozialistische Komponente der Bewegung. Wie heute auch, behaupteten Linksextreme und offene Rassisten, dass es keine Gemeinsamkeiten gäbe, aber tatsächlich gab es Plattformen, auf denen man bestens kooperierte. 1932 etwa wurde in München der “Kampfbund gegen Mietwucher“ gegründet, in dem Nazis und Kommunisten den gemeinsamen Feind zu bekämpfen– die angeblich prekäre Existenzen ausbeutende Klasse der Hausbesitzer, die nicht selten jüdischer Herkunft war. Angefeuert wurden solche Bündnisse durch die Parteipresse: Die Nazis waren ohnehin antisemitisch, die KPD hatte sich als Arm Moskaus und in Abgrenzung von Trotzki ebenfalls einen judenfeindlichen Ton angewöhnt. In den jeweiligen Parteiorganen wurden passende Sozialreportagen verbreitet, und im gerechten Gefühl seiner früheren Ausbeutung wähnte sich der Volksgenosse später berechtigt, sich bei Familien Rosenberg den Bechstein zu “borgen“, wo sie ihn doch nicht nach Palästina oder Theresienstadt mitnehmen konnten.

gauli

Die Zeit der Weltwirtschaftskrise war für Mieter wenig erbaulich, es gab fraglos den ein oder anderen unangenehmen Kapitalisten jüdischer Herkunft, und an den hängte man es damals als ideologietreuer Journalist auf, und übertrug die Vorwürfe auf alle anderen: Vermieter boten sich an, sie hatten das Vermögen, das die totalitären Regimes für den Aufbau ihrer Armeen und Unterdrückungsapparate brauchten. Was dem Stalinisten seine Wohnungskommission war, war dem Nazi seine Arisierung – beide versprachen dem Volk mit der Abschaffung des “Plutokraten“ billigeres Wohnen. und natürlich zahlt kaum jemand gern Miete. Bei mir ist das übrigens anders, denn entgegen meiner hausbesitzenden Gewohnheiten habe ich gerade wieder meine übliche Wohnung im schönen Mantua gemietet. Es ist, weil ich nicht dauerhaft dort lebe, einfach praktischer so, und meine Vermieterin hier ist, wie ihre Kollegin in Siena, ein echtes Goldstück. Heiraten kommt mir nach ein paar Wochen mit solchen tatkräftigen Frauen gar nicht mehr so widersinnig vor wie daheim. Deshalb zahle ich auch gern Miete, als Anerkennung ihrer Freundlichkeit.

gaulf

Andere Deutsche machten das früher nicht gern, und das hat sich auch nicht geändert. Auch strukturellen Rassismus gibt es auch heute noch: Jüngst etwa hat die Aktivistin Margrete Stokowski bei Spiegel Online über deutsche, männliche Gewalt geschrieben und eine Massenschlägerei zwischen nicht gerade höflichen, afrikanischstämmigen Strassenhändlern und einer Gruppe Betrunkener aus der Schweiz auf Mallorca deutschen Männern in die Schuhe geschoben. Wer derbste Vorurteile bei der Arbeit sehen will, bitteschön, bei Spiegel Online fliegt man für solche Falschdarstellungen nicht, man liest darunter eine metaironische Entschuldigung Marke “Das ist so nicht gemeint, nehmt es nicht so ernst“. Man kennt diese Strategie auch von der AfD, die gerade wieder wegen Herrn Gaulands Aussagen mit Blick auf einen Fussballer im Kreuzfeuer der Kritik steht – und in der Folge stellt sich nun exakt wieder jene Frau Stokowski hin und macht das, was unsereins, Vermieter seit drei Jahrhunderten, inzwischen sattsam bekannt vorkommt – sie unterstellt bei SPON, belegt mit ein paar Anekdoten mit Quelle Internet, dass Rassismus unter den Vermietern vollkommen üblich sei.

gaulb

Dabei ist sie doch gar keine Vermie

Aber es ist wie immer kompliziert. Es gibt wie immer solche und solche. Speziell in den Orten, in denen ich lebe, ist es wirklich nicht leicht, Wohnraum zu finden, und Vermieter können sich ihre Mieter nach Lust und Laune heraussuchen. Das mache ich übrigens ganz genauso – als ich das vorletzte Mal eine Wohnung im Klenzeviertel vermietet habe, meldete sich unter vielen Gentrifizierungsgewinnern auch ein junger, schwuler Tanzlehrer. Den habe ich sofort genommen, denn das Klenzeviertel wurde wegen der schwulen Paradiesvögel toll und begehrt, und ich möchte nicht, dass mein altes Ausgehviertel von Brautmodengeschäften und Kinderwägen überschwemmt wird. Ich finde es gut, wenn das Klenzeviertel so weit wie möglich verrückt und anders bleibt, denn München ist eh zu langweilig.

gaule

Damit diskriminiere ich natürlich weisse, alleinstehende Karrierefrauen aus dem mittleren Management und transnationale Patentanwälte, die alle paar Wochen in München sein müssen, und sich ebenfalls beworben haben. Es gibt keine passenden Umschreibung für die Diskriminierung vermögender Menschen, solange man sie nicht wie im Stalinismus summarisch exekutiert, aber natürlich gibt es auch Bereiche des Lebens, in denen Reichere klar ausgegrenzt werden: Fahren Sie mal mit Ihrer S-Klasse mit Starnberger Kennzeichen und Kleidung von Armani durch Kreuzberg, lassen Sie “Feminism is Cancer“ auf die Tür schreiben und versuchen Sie, damit eine Lesung der der von bekannten Feministinnen gefeierten Israelfeindin Laurie Penny zu besuchen, dann wissen Sie, was ich meine. Man ist reich, weil dann vieles einfacher ist, aber das heisst entgegen landläufiger Vorstellung nicht, dass danach alles von selbst geht.

gauld

Oder anders gesagt: Entscheidungen für oder gegen Personen werden nie aufgrund eines einzigen Kriteriums getroffen. Als Vermieter kann ich das nicht eindeutig festmachen: Wir sind vom alten Schlag, man merkt einfach, wenn es passt. Mieter müssen zum Haus und seinen Vor- und Nachteilen passen, zur Hausgemeinschaft und – in einer gewissen Breite – auch zur Sozialstruktur. Wenn man im dritten Stock eine junge Familie mit aktuell lautem Kind hat, wird man im Stuck drunter vielleicht doch eher eine Wochenendheimfahrerin bevorzugen. Leute, die alte Dielen abschätzig anschauen, sind einfach nichts für Altbau. Ausserdem ist Mieten immer eine Sache auf Zeit: Kein Vermieter mag allzu flexible Leute, die einen zur schnellen Neuvermietung zwingen. Da ist einem der Deutschlibanese, der hier drei Jahre studiert, ohne jedes Regionalvorurteil wirklich näher als die Hannoveranerin, die bei Facebook ihren Freunden gegenüber zugibt, dass sie nur 6 Wochen zu bleiben gedenkt, weil sie hier nicht länger auf Station ist. Ich habe nichts gegen Hannoveraner, aber so geht es nicht.

gaulg

Vermieter, das ist nun mal generell immer so, wenn es um Dienstleistungen geht, bevorzugen solvente Kunden. Das ist in den besseren Lagen mit Auswahlmöglichkeit oft, aber nicht immer ein K.O.-Kriterium für viele Gruppen von Menschen. Ich bin da anders, ich habe noch nie eine Vermögensauskunft sehen wollen, und wenn man aus meiner Schicht stammt, erkennt man ohnehin nach 10, 15 Minuten, ob jemand dazu gehört oder nicht. Aber auch das garantiert nicht, dass derjenige dann die Miete zahlt – da kann es genauso sein, dass der Betreffende wegen einer eigentlich bekannten Lappalie die Miete mindert. Generell bieten deutsche Gesetze nur sehr enge Spielräume, in denen sich beide Parteien verhalten müssten: Wichtig ist es, Leute zu finden, mit denen man flexibel in einem guten Verhältnis sein kann. Das gute Auskommen ist das absolut wichtigste Kriterium.

gaula

Deshalb gibt es auch eine Diskriminierung von Männern. Frauen bekommen nicht leichter eine Wohnung, weil sie etwa Bein zeigen, sondern weil sich unter Vermietern hartknäckig die Einschätzung hält, sie seien insgesamt sauberer, höflicher, weniger anfällig für Alkoholexzesse und zuverlässiger. Sie nutzen, das ist biologisch aufgrund des geringeren Gewichts nicht zu bestreiten, den Boden nicht so schnell ab. Ein Mann, der sich nur von Lieferpizza ernährt, verursacht einen Haufen Papiermüll und zieht mehr Werbung im Briefkasten als eine mülltrennende Köchin nach sich. Gleichwohl kenne ich keinen genderistischen Beitrag, der versucht, diese Vorurteile gegenüber Männern aufzuklären und Chancengleichheit ohne sexistische Mythen einzufordern – was übrigens leicht wäre, würde man mal Bilder aus Wohnungen von Berliner Genderistinnen veröffentlichen.

gaulk

Manche Diskriminierung wird staatlich von genau denjenigen erzwungen, die angeblich mit der Mietpreisbremse helfen und Frauen fördern wollen: Demnächst will das Familienministerium Sexarbeitende erpressen, sich behördlich registrieren zu lassen. Es ist absehbar, dass dieses Kontrollwahngesetz viele Frauen privat dazu bringen wird, ihre Vermieter in Bezug auf ihre dann amtlich festgestellte Tätigkeit anzulügen, um überhaupt eine Chance auf einen privaten Mietvertrag zu haben. Das ist mietrechtlich für sie hochgradig problematisch und setzt sie aufgrund der Gesetzeslage der Gefahr aus, bei einer Aufdeckung aus der Wohnung zu fliegen. Die Politik der grossen Koalition läuft auf eine krasse Diskriminierung eines legalen Berufsstandes hinaus. Über diese Folgen liest man vom quasi amtlichen Feminismus zumeist kein Wort – Schwesigs Haus macht auch Anne Wizorek zur Sachverständigen und bezahlt Parties. Frauenrechte sind im Lobbyismus immer eine Frage der passenden Loyalität.

An diese Stelle zum International Sexworkers‘ Day meine Verehrung und Hochachtung für alle Hübschlerinnen, meine Mitstützen der Gesellschaft.

gaulj

Natürlich gibt es ethnische Probleme. Man versuche, aus einer Japanerin direkt heraus zu bekommen, dass die Heizung nicht anspringt. In Deutschland wäre das ein Satz, in Japan ist da wohl eine Gefahr, dass der Vermieter sein Gesicht verlieren könnte, und deshalb dauert es lang. Dass ich hier in Italien als Mieter doch recht gut ankomme, gern gesehen und auch postalisch das ganze Jahr erreichbar bin, liegt nicht am Geld, sondern an meinem Bemühen, mich einzufügen und anzupassen. Gerade ist Mittag. Ich stolpere nicht durch das glutheisse Mantua und stürme im letzten Moment Geschäfte, die schliessen wollen, ich beleidige italienisches Stilempfinden nicht mit der Sportsandale, ich sitze daheim und schreibe still meinen Beitrag, ohne die ausruhende Nachbarin zu stören. Ich lasse den Sportwagen stehen, wenn ich nicht ein Nachbarskind um den Block fahre, und strample wie alle anderen mit einem Stadtrad in die Stadt hinein. Ich gebe mir Mühe. Alle sind nett zu mir. Italiener können auch rassistisch sein. Es gibt hier Parteien, die über Ausländer, ganz gleich ob afrikanische “Clandestini“ oder besserwisserische Deutsche angesichts der Wirtschaftskrise so reden, wie bei diversen Meddien heute über weisse Männer geschrieben wird. Es gibt Rassismus, aber die meisten wollen einfach, dass es passt. Und sie freuen sich, wenn man ihre Lebensweise annimmt und deutsche Marotten zurückstellt.

gaulc

Nicht jede Entscheidung, die da getroffen wird, muss allen gefallen. Es gibt Bevorzugte und Benachteiligte, und ich kenne Vermieter, die nach schlechten Erfahrungen einfach sagen, dass sie keine Ausländer und sozial Benachteiligten mehr nehmen, weil sie keine Lust haben, sich bei Konflikten von einem Mob als Menschenfeinde beschimpfen zu lassen – insofern tragen einseitige Medien klar zur Verhärtung der Fronten bei. Die Typus der maulenden, hassenden, die Schuld bei anderen suchenden Journalistin ist als Mieterin wohl nicht ganz selten, er ist fraglos unbeliebt und wir alle hätten einfach gern unsere Ruhe. Es ist ein Geschäft, es ist eine Dienstleistung, man will gut auskommen, und wer das nicht will und Vermietern einseitig Rassismus unterstellt: Unter den Brücken gibt es öffentlichen, kostenlosen und rassismusfreien Raum – das BGE unter den Mietverhältnissen. Eigentum verpflichtet – uns nicht, jede fehlende Erziehung und schlechtes Benehmen zu akzeptieren.

gaul

Denn natürlich gerät zwischen Klassen und Ethnien ab und zu etwas aus den Fugen. Natürlich gibt es Konflikte und Vorurteile, die manchmal auch einfach bestehen bleiben werden. Gegensätze kann man im Internet aushalten, aber innerhalb eines Hauses ist es schwierig, speziell angesichts des deutschen Mietrechts, das Mieter klar bevorzugt, und einer Öffentlichkeit, in der Vermieter gern von Leuten ohne jede Reflektion diffamiert werden, wie Anno 1932. Gerade diese Persönlichkeiten wären aufgrund ihrer Selbstherrlichkeit eigentlich ideale Besitzer alteuropäischer Schlösser und Palazzi, und ich kann hier nur freundlich raten, vielleicht ein wenig zu sparen, die Zinsen zu bedenken und sich der Mühe zu unterziehen, eine Immobilie zu erwerben. Dann ist nicht nur das Mieterelend vorbei, und man versteht dann auch Standpunkte der besitzenden Klasse.

03. Jun. 2016
von Don Alphonso
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28. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Lustvoll der Ausrottung entgegen

PRVDENTI NON DEFICIT ALTER

Ich glaube, ich rieche auch nach der Dusche noch nach den Abgasen von Bugattis, Ferraris, O.S.C.A.s und vor allem nach diesem Maserati, Startnummer 437. Ich bin hinter ihm durch blaue Schwaden über die Strasse gelaufen, da war die Luft mit Teufelspest gesättigt, irgendwie klebt das in den Poren.

mop

Ich habe es immer noch in der Nase. Vielleicht ist es Einbildung, vielleicht etwas Sehnsucht nach den tollen, lauten, nassen, heissen, stinkenden Tagen. Ich bin mir nicht sicher, ob mir der Geruch nicht doch gefällt, aber ich lasse das Verdeck zurück gleiten und mich dann, 270 Kilometer weit über die Toskana und die Poebene durchblasen und saubertrocknen.

mon

Bei Poggibonsi bekomme ich Gesellschaft, ein britischer Aston Martin zieht auf die zweispurige Autobahn. Ich muss nicht auf den roten Pfeil mit der Aufschrift 1000MIGLIA auf dem Heck schauen, ich weiss, was er hier tut. Italien ist gerade voll mit schnellen Autos, und in einem Tunnel fährt er neben mich, lässt die Seitenscheibe runter, und dann hören wir uns an, wie es klingt und bebt, wenn ein Aston Martin und ein 3,5-Liter-V6 im Tunnel im Duett wie zwei Höllenhunde losbrüllen.

mor

Nicht schlecht, aber wenn man ehrlich sein soll: Alte, gerade, glühend heisse Eisenrohre direkt an der Brennkammer klingen immer noch besser.

moh

Und danach rollen wir gesittet weiter durch die Landschaft, und bekommen Gesellschaft durch andere Schlachtenbummler. Lauter Männer, die sich gerne alte Automobile anschauen und deshalb an einem Mittwoch oder Donnerstag im Mai in ein anderes Auto steigen, nach Italien fahren und das betrachten. Weil es geht. Weil wir privilegiert sind und über das eigene Leben bestimmen. Wir sind hier, weil andere es nicht sein können, aber so ist das eben. Es gbt auf dieser Welt für manche einen Platz im Büro, für andere auf dem Migrationsschiff und für ein paar wenige, meist in diese Welt so geborene Menschen einen Ledersitz in einem schnellen Wagen auf der Autostrada zwischen Siena und Florenz.

mod

Einfach nur, weil sie ein paar andere Autos anschauen wollen. Ganz einfach.

mnc

Würden wir uns alle durch den Berufsverkehr quälen oder die Autobahn hinaus nach Starnberg mit anderen verstopfen, mit all den Opels und Minis, wären viele auch nicht begeistert. Hier sind wir in Italien, wir stören keinen und tun etwas für die italienische Wirtschaft. Kinder drücken sich die Nasen an den Scheiben der Fiats und Lancias platt. Wir kennen diesen Blick. So haben wir gerade auch geschaut.

mof

Auf die antiquierten Objekte unserer Begierden.

mnt

Wir sind nicht schlecht oder böse, die Welt ist halt so, es gibt ein Unten und ein Oben und das Oben – mit all seinen Nachteilen – haben sich die meisten nicht herausgesucht. Wir sind keine amoralischen Verschwender wie die letzten, degenerierten Medici, die das Grossherzogtum Toskana zugrunde richteten, aber auch kein heiliger Franz, der drüben in Assisi allen Besitz ablehnte. Wir sind eine Notwendigkeit des Schicksals und wenn wir es nicht täten, würden es vermutlich andere machen. Die Menschen in den Booten vor Libyen träumen nämlich nicht von einem Rad oder einem alten Auto, sondern von dem Dasein, das wir leben.

mok

Ein Dasein mit vielen Freiheiten. Es ist nicht schlecht, es ist einfach so, und es war schon früher so. Der Kapitalismus hat diese Autos ermöglicht und diese Strassen, er hat dem Kommunismus besiegt und auch im Osten muss sich keiner mehr Vorwürfe anhören, wenn er sich hier dekadente Bilder anschaut. Natürlich sind das auch Bilder einer Klassengesellschaft. Aber deshalb sieht es auch nicht aus wie das Wolga- und Trabbitreffen in der Uckermark.

mnv

So gleitet der Wagen also Richtung Florenz, ein jeder ist auf seinem Platz und eigentlich ist es viel zu schön, um sich vom neokommunistischen Nachfolgeasozialen ausrotten zu lassen, aber: Obwohl ich niemandem etwas zuleide tue, obwohl ich meine Anwesenheit im Sinne der Bildberichterstattung gut begründen kann, und Pressefreiheit auf dieser Strasse lebe, stehe ich daheim auf der Abschussliste. Denn das Volk liest nicht viel von den eleganten Linien eines Jaguars XK120

mnq

oder vom Donnern eines SSK.

moi

Das Volk liest eher, dass die Mietpreisbremse nicht funktioniert. Verbrämt heisst das von “Journalisten“ die nichts Gescheites gelernt haben und deren Medien ihnen keine Teilnahme an der Mille Miglia erlauben, und die damit PR in eigener, wohneigentumsloser Sache betreiben, dass Vermieter zu viele Anteil an ihrem geringen Einkommen erhalten. Ich höre so ein Gewinsel nie von Softwarearchitekten, das kommt immer nur aus den Städten, die das Schreibpersonal in Randlagen rausgentrifizieren. Das ist nicht schön. Aber viele Automarken der Mille Miglia gibt es nicht mehr, und über deren Arbeiter verloren diese Leute keine Träne.

moo

Tränen kommen nur bei den eigenen Problemen. Nie von den edelblauen Abgasen echter Autos mit echten Fahrern.

moj

Warum soll ich jetzt mitfühlen, wenn sie nun in den schlechteren Vierteln die beengten Wohnverhältnisse einer Arbeiterfamilie kennenlernen? Nun, weil sie die Auffassung vertreten, dass die Mietpreisbremse verschärft werden soll. Dass sie dabei indirekt zugeben, dass sie das benötigen, um mehr Geld für Grundbedürfnisse wie Pizzalieferdienste und iPhones zu haben, stört sie vermutlich weniger als mich das leicht unsaubere Framing des Bildes. Jeder eben auf seinem Platz beim Klagen.

mnm

Natürlich rede ich mich leicht. Natürlich habe ich das nicht erarbeitet, das haben Generationen getan, genossen, bewahrt und dann so viel weiter gegeben, dass es auch für andere noch reichte. So geht das nun mal. Vollkommen mit eigener Hände Arbeit, ganz allein, macht das aufgrund der staatlichen Fürsorge bei uns ohnehin keiner, und selbst dann reicht das, wie es der sozial engagierte Schreiber an sich selbst erleben muss, nicht zu meinem Platz in der Toskana. So ist es nun mal.

mnk

Dennoch stehen wir uns nun antagonistisch gegenüber. Jahrelang wurden in Deutschland die Mieten künstlich niedrig gehalten, dass solche Nachwuchstalente ihre Autorenkarrieren billig in vielen Städten basteln konnten, während unsereins nebenbei Rohre entkalkte und Siphons leerte. Jahrelang haben uns solche Figuren von den Freuden des Zinspapiers und des Neoliberalismus erzählt. Jetzt gewinnen wieder die Hausbesitzer. Wie zu Bugattis Zeiten. Es ist nicht meine Schuld, wenn opportunistische Wiesel auf der falschen Seite der Geschichte enden und unter die Räder kommen.

mnp

Wobei wir dennoch alle herangezogen werden, wenn es um die Finanzierung von Elektrotrabbis nach dem 5-Jahresplan der Volkskammer Parlament geht. Zudem kommt sicher noch, wenn sich zeigen sollte, dass nicht ganz so viele Ärzte aus dem nicht ganz syrischen Kabul und Casablanca kamen, eine neue Debatte über Benzinsteuern. Rente mit 73 ist schon im Gespräch. Mit 73 sehen wir als Playboys sicher nicht mehr so gut aus wie dieser BMW328.

mnx

In meinem Fall ist es egal, meine Ablehnung der Unterschicht im eigenen Beruf reicht für Beiträge, bis ich 180 bin. Tatsache ist aber, dass auch überall gerade mehr Vermögenssteuer gefordert wird, um angebliche Reiche zu schröpfen, und wegen Gerechtigkeit. Was danach übrig ist, soll beim Vererben auch nochmal wegen Gerechtigkeit geschröpft werden. Und damit es beim Manne nicht so viel wird, soll zur Frau hin eine in amerikanischen Studien berechnete Gender Pay Gap zwangsgeschlossen werden. Dafür witd dann auch Objektifizierung in der Werbung verboten – laden Sie sich das nächste Bild runter, bevor es eine Frauenbeauftragte wegklagt.

mos

Oh, und haben Sie schon gelesen, dass es bei Besitz und dessen Einzug jetzt eine Beweislastumkehr nach Willen der SPD gegen soll? Seitdem bin ich für die Einführung einer 10%-Hürde bei Wahlen. Wir haben den Kommunismus besiegt, damit wir alle schöne Autos kaufen können und nicht, um den Stalinismus durch die Hintertür einzuführen – für alle, die von Gabriel keine eigenen TTIP-Schiedsgerichte geschenkt bekommen, um ihre Ziele unbelastet vom Rechtsstaat mit den Gabriels dieser Welt auszuklüngeln.

mnn

Natürlich steht nirgendwo, dass man mich jetzt explizit ausrotten möchte. Man würde mir schon das nackte Leben und vielleicht ein Rad lassen, und eine neue Kette alle vier Jahre. Gerade kam diese Prognosstudie zur regionalen Entwicklung in Deutschland – da bin ich an allen Wohnorten ganz vorne mit dabei, und der Reichshauptslum Berlin ist beim Reichtum auf Platz 400 von 402. Ich verstehe, dass das Begehrlichkeiten weckt, das geht mir hier bei manchen Auto ganz ähnlich.

mns

Trotzdem lesen Sie hier keinen Beitrag, in dem ich ein bedingungsloses Grund-Millemigliateilnehmen fordere, oder eine Staats300SL in Spritzfarben. Ich komme aus der richtigen, alten Klassengesellschaft, wo man den Staat so weit wie möglich meidet und die eigenen Dinge selbst regelt “Da kommt die Fürsorge“ war in den Zeiten dieses Automobils etwas ganz Schreckliches.

mnl

Heute ist es üblich, die Fürsorge des Staates zu rufen für jeden, der da kommen und fordern mag. Das sind viele und wir, nun, wir sind zwar gerade auf der Autobahn Richtung Ziel in Brescia schon viele und hinter Modena ein paar Tausend PS im Convoi, alle zusammen, aber in absoluten Zahlen eine Minderheit. Als solche wird man geschützt und bevorzugt, wenn man zu den kopftuchtragenden Antisemitinnen gehört, Verständnis für die Terrortruppe der Hamas kurzfristig verschweigt und Feminismus vorgaukelt. Aber nicht als mitelalter weisser Mann, bei dem alle nur die wehenden Haare im Fahrtwind sehen, und nicht die Arbeit, die in Zeiten wie diesen die Erhaltung und Bewahrung des Geerbten bedeutet. Und die Benzinrechnung will auch kein Politkommissar zahlen.

mnd

Ich komme damit schon zurecht, und mehr habe ich auch gar nicht von diesem Staat erwartet. Vermutlich ist es ohnehin wie bei der Mietpreisbremse, man macht erkennbar wirkungslose Gesetze und am Ende staunen die Kollegen wieder, dass sie erneut für alles und für die geschenkten Menschen zahlen müssen. Wenngleich sie weniger Risiken als normale Arbeiter erdulden müssen, weil sie ihre Rübe-Ab-Forderungen für unsereins sprachlich eloquenter als Islamisten und deshalb konkurrenzlos vortragen.

mnb

Aber bis dahin werde ich vermutlich immer wieder neue Verteilungswünsche für mein Gut und das anderer Leute lesen, und Selbstbereicherungsverlangen durch Leute, die auch mal im Uranbergwerk zeigen könnten, was wirklich in ihnen steckt. Ich hätte durchaus Achtung vor der arbeitenden Klasse der neuen DDR, aber wenn schon, dann bitte richtig und in Wismar. Denn in so einem Land der sozialen Gleichschaltung braucht man auch wieder billigen Strom für die Elektrotrabbis.

mnw

Ich bin mit Rene Brosig dennoch einer Meinung, dass wahrhaft gerechte Verteilung nach Leistung nicht geht, weil wir die arbeitsscheuen Linksaktivisten nicht verhungern lassen können – aber weitergehende Forderungen sind wirklich nicht gut begründet. Selbst wenn die SPD sie ins Parteiprogramm aufnimmt, um von ihrem Ausverkauf durch TTIP abzulenken.

mno

So ist das. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen, es darf gern sozial bequem wie das Alcantaraleder unter mir sein. So geht es dahin mit den anderen, die alle das schöne Wetter geniessen. Aber letztlich bin ich dann doch recht froh, als ich meinen Drittwohnsitz Mantua erreiche – reichlich spät, um mich von der Mille Miglia drüben in Brescia noch zu verabschieden.

mnr

Statt dessen gehe ich in den Palazzo Ducale und schaue die herrlich arroganten Höflinge der Gonzaga auf den Fresken von Andrea Mantegna an. Solange, bis sie abgeschlagen werden, weil das kulturferne Plebs in den Gazetten gleiche NVA-graue Wände für Alle verlangt, die Stoffverschwendung durch gerafften Goldbrokat verurteilt, die Frauenquote nicht erfüllt sieht –

moq

und am Ende bemerkt, dass Andrea Mantegna gar keine Frau war, wie es die feministische Kunstgeschichte in Nordrhein-Westfalens Hochschulen lange geglaubt hat.

28. Mai. 2016
von Don Alphonso
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25. Mai. 2016
von Don Alphonso
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1000 Meilen Heimat

Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt.
Filippo Marinetti

Heimat steht da. Fett. Heimat. Der ganze Satz lautet “Wer die Heimat liebt, spaltet sie nicht“ und ist eine Wahlaussage des grünen Kandidaten Van der Bellen. Ich stehe im Stau in Innsbruck, es regnet, es schütttet, und Van der Bellen steht auf einer sonnigen Bergwiese, wo die Wahlkampfstrategen ihn postiert haben. Van der Bellen wird von Städtern gewählt, denen die Lage der Bergbauern in ihrer Heimat sonstwo vorbei geht, aber es ist eine schöne Kulisse, und die Grünen haben sich jetzt mal überwunden, das Wort Heimat auf ein Plakat zu drucken. Es blieb ihnen wenig anderes übrig, Hofer von der FPÖ überschwemmte das Land mit dem Wort Österreich. Die FPÖ beschwor, die Grünen machten Zugeständnisse. Das Land war schon vor der Wahl gespalten in Städte und ländliche Regionen, das hat sich jetzt fortgesetzt.

mml

Gewonnen hat nicht Van der Bellen, sondern der Konflikt zwischen denen, die das Land kennen und denen, die davon nur ab und zu eine Bergwiese zu sehen bekommen, wenn sie die Stadt verlassen. Ich quäle mich durch den Stau und den Regen Richtung Bundesstrasse hoch zum Brenner, wo die von Innsbrucker Gentrifizierern angeschwollenen Dörfer in den Wolken verschwinden, vorbei an den Kapellen, die an Andreas Hofer und seine Tiroler Bauern erinnern, die von hier aus die Bayerisch gehaltene Stadt Innsbruck eroberten, und dort ihr moralisch strenges Bergbauernregiment errichteten. Keine neumodischen Impfungen mehr, die in Gottes Heilsplan eingreifen, keine unzüchtige Kleidung: Der Kampf des Landes gegen die Stadt und der Stadt gegen das Land ist alt, eine Konstante in der europäischen Kultur.

mms

Ich mache eine Landpartie, ich fahre nicht nach Brescia in der Lombardei zum Start der Mille Miglia im Regensturm, sondern ein paar Kilometer weiter nach Valeggio sul Mincio, einem Dorf am westlichen Rand des Veneto.

mmz

Ich komme genau rechtzetig an. Ich habe mich kaum unter einer Markise vor dem Schauer verkrochen, da überschlägt sich auch schon die Stimme des Moderators, und der erste Wagen kommt an. Ein O.M. wie der, der 1927 die erste Auflage der Mille Miglia von Brescia nach Rom gewonnen hat. Belissima ruft der Moderator, er wird es noch öfters an diesem Tag sagen, und die Menschen und die Tropfen klatschen, klatschen, klatschen.

mmn

Es ist ein echtes Dreckswetter, und trotzdem ist Valeggio auf den Beinen. In früheren Jahren mied der Corso der schönsten klassischen Autos den Ort, da raste man am Abend und in der Nacht nach Verona. Seit ein paar Jahren wurde die Geschwindigkeit rausgenommen, die früher übliche Raserei gibt es nicht mehr, und die Autos müssen sich auch nicht durch den Berufsverkehr von Verona quälen: Die Mille Miglia fährt die kleinen Landstädte an, die sich bereitwillig öffnen und den Weg frei machen.

mmx

Valeggio ist eine dieser Perlen entlang der Strecke, die nur wenige kennen. Angeblich die Stadt, in der die Tortellini erfunden wurden, und dazu gibt es auch eine Sage, ein grosses Fest und 364 andere Tage im Jahr Restaurants, die gut von der Legende leben. Valeggio ist ein Fressdorf, beliebt bei Bauernhochzeiten, Geburtstagen und sonntäglichen Familientreffen. Wenn die Fahrer Zeit hätten, würde man ihnen ja gern Tortelli servieren, scherzt der Moderator, als dann die Kaskade der Alfa Romeos knatternd in das Dorf einfällt.

mmk

Vor dem Krieg hat hier meistens Alfa Romeo den Sieg davongetragen. Es war die Zeit des Faschismus, und die Mille Miglia so etwas wie die Leistungsschau der italienischen Automobilbauer. Mussolini persönlich engagierte sich, dass die Richtigen die Lorbeerkranz trugen. Seine Paladine liessen sich mit den Helden der Landstrasse ablichten, Tote wurden billigend in Kauf genommen: Es gab in der Frühzeit des Automobils viele gefährliche Rennen, aber das gefährlichste Spektakel, die Mille Miglia versteht man nur, wenn man Gabriele d’Annunzio und Filippo Marinetti gelesen hat. Futurismus, Faschismus, Automobilismus.

mmu

Das Auto verbindet Stadt und Land, es erlaubt Austausch und klammert zusammen, was sich sonst unversöhnlich gegenüber steht. Es erlaubt dem Dorfbewohner, die Stadt zu besuchen, ohne dauerhaft den Dreck zu erdulden, und dem Städter, das Landleben ohne den hier typischen Schweinegeruch zu geniessen. Faschismus möchte immer kleine Gegensätze einigend überwinden, um grosse Kriege zu führen, so wie heute totalitäre Feministinnen und muslimische Antisemitinnen gemeinsame Sache gegen den weissen, alten, gerne jüdischen Mann machen – nur baut die Rassenkunde des 21. Jahrhunderts keine Autobahnen und keinen Alfa mehr, von einem Bugatti ganz zu schweigen. Das wäre ja echte, schmutzige Arbeit und kein angenehmer Bildschirmtäterinnenposten.

mmj

Über die braune Geschichte redet hier keiner. Hier ist man wieder stolz, Teil der Strecke zu sein, die Brescia, die Heldenstadt des Risorgimento, mit der ewigen Stadt Rom verbindet. Rund um Valeggio fanden entscheidende Schlachten gegen die Österreicher statt, überall sind Denkmäler, Italien wurde hier geschmiedet, und die rechtspopulistische Lega Nord stellt in Valeggio den Bürgermeister: Mit der Mille Miglia trifft eine Legende der faschistischen Ära auf einen Ort voll mit nationalistischer Tradition.

ssklb

In Deutschland gäbe es dann wohl eine Tagung der Böll-Stiftung und Antifas, die Bilder von Besuchern ins Netz stellen würden, aber in Valeggio ist es einfach ein Fest. Ein grosses, lautes, regenersäuftes und trotzdem jubelndes Fest. Die Reifen schlingern über den Veroneser Marmor, mit dem der grosse Platz belegt ist, die Motoren donnern, und man winkt sich zu. Valeggio ist stolz, Teil des Zuges zu sein, der mit Erinnerung an eine heldenhafte Geschichte das Land zu mehr als der Summe der einzelnen Teile macht. Heimat. Emotion. Vollgas.

mmy

Damit können Deutsche schlecht, ganz schlecht umgehen, mit so einem emotionalisierten Heimatbegriff, mit Stolz auf die eigene Nation und der Bereitschaft, Autos zu feiern und Mussolini dahinter zu ignorieren. Denn Deutsche nehmen die Gewaltrülpser migrantischer Rapper begeistert auf und sind entsetzt, wenn sich Frei.Wild zu Südtirol bekennen. Verkniffen ist der Heimatbegriff wie auf einem Plakat von Van der Bellen, es fehlt der souveräne Umgang mit dem, was man als positive Seite der Geschichte erkennen kann, und wenn man um die von der separatistischen Lega Nord geprägten politischen Verhältnisse von Valeggio weiss, wird es besonders bedenklich.

ssklc

Nur: Gleich hinter Valeggio kommt die Grenze zur Lombardei, und dort ist die knallrote Region Mantua. Peppones Land. Valeggio ist Welthauptstadt der Tortelli, aber die Strasse runter liegt Roverbella, und das ist die Welthauptstadt des Risotto und wird von einer linksliberalen Juristin regiert. In Roverbella warten meine Freunde aus dem roten Mantua. Nichts, gar nichts unterscheidet die Begeisterung in Valeggio von der in Roverbella. Mantua, Veneto, das ist ein Jahrhunderte alter Konflikt, aber wenn die Autos herandonnern, alle am Strassenrand nass spritzen und mit dem Dreck der Strasse taufen, ist es ein Land: Das schönste Land der Welt. Auch noch im Regen.

mmd

Das kann man, eingedenk der Geschichte, befremdlich finden, aber ich war dabei, ich bin jedes Jahr dabei, und so ein notdürftig auf Strassentauglichkeit umgebauter Rennwagen bringt einen in 40cm Entfernung auch auf andere Gedanken. Es ist eine laute Demonstration der Einigkeit des Italiens, das der Moderator immer und immer wieder beschwört, und genug Probleme wird man morgen wieder haben. Heute, für vier Stunden, ist man Rennstrecke. Emotion. Begeisterung.

sskl

Ohne es böse oder ausschliessend zu meinen. Der Bentley, der Käfer, der Peugeot, der Cadillac, der Mercedes SSKL, der den Alfas einmal den Sieg wegnehmen konnte – sie alle werden genauso bejubelt. Das Land, die Städte, sie geben sich lustvoll dem verbindenden Element hin. Da ist eindeutig eine nationale Komponente. Vermutlich, das habe ich zumindest immer so erlebt, tut dieses Selbstbewusstsein den Menschen gut.

mmi

Oder anders gesagt: Es gibt wohl einen Mittelweg zwischen dem verklemmten Umgang mit Heimat, den die Eunuchen im genderislamintegrationsgrünen Harem zwangsweise hervorkramen, und der inhaltslosen Fahnenschwenkerei für ein Land, das durch Borniertheit und Tabubrüche auch nicht gerade schöner wird. Zusammenhalt muss nichts Schlechtes sein. Identität gibt es nun mal, daran ändern nicht mal Gulags. Multikulti und italienische Faschisten etwas. Am Umstand, dass die Organisationsform “Nation“ halbwegs bewährt ist und im Gegensatz zu Grenzenlosigkeit von Siedlungsraum im Osten über das Kalifat und Stalins Internationale bis zu No borders no nations von der Mehrheit gewünscht wird, kommt man aktuell wohl nicht vorbei. Und dann kann man das auch dröhnend feiern.

mmo

In Berlin gibt es eine Formel E. In Valeggio sind alle nass, ich brauche Hustenbonbons und die Streckenwärter stecken sich schnell eine Pizza in den Mund, bevor die Nachkriegsgeschosse brüllend in den Ort einfallen. Die Stimmung ist prächtig, die Luft stinkt nach schlecht verbranntem Benzin und wer es nicht kennt, wird es vielleicht auch nicht verstehen.

mmc

Sie feiern ein verbindendes Element ihres Landes. Sie sind stolz, wenn sie Teil davon sind. Sie übersehen die Schattenseiten der Vergangenheit. Wir fördern dafür den Kauf von Elektroautos, und unsere Familienministerin feiert DDR-Nostalgieveranstaltungen und mal wieder Überwachungsgesetze, die Sexarbeiterinnen benachteiligen. Das ist auch sehr deutsch.

mmmb

Aber ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Genderpseudowissenschaften.

mmw

Hier kommen die roten Knaller aus Mailand. Es kommt die Lust. Es kommt die Begeisterung. Es kommt der Regen und der Dreck von 1000 Meilen.

mna

Et in Arcadia ego.

25. Mai. 2016
von Don Alphonso
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21. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Fastenzeit für den Leichenwurm

So schnei schdiabd da Mensch ned
Meine Grossmutter

Mit einem leisen Schmatzen versinken meine Schuhe im Schlamm, Der Himmel ist graublau, die Luft ist feucht vom Starkregen der Nacht, und um das Auto herum breitet sich eine Sumpflandschaft aus. Es ist wirklich sehr früh am Morgen. Hinter mir liegt eine unruhige Nacht und vor mir der Anlass, warum ich schlecht geschlafen habe. Etwas mehr als 105 Kilometer auf dem Rad.

erob

Das klingt nicht so schlimm. 105 Kilometer werden die meisten schon schaffen, wenn sie einen Tag Zeit haben. Erschwerend kommt hinzu, dass das Rad historisch sein muss. Meines ist 40 Jahre alt. Und so alt sind auch die Bremsen, was ein Problem ist, denn die Strecke ist nicht gerade eben. Zwischen Start und Ziel in Buonconvento, südlich von Siena, liegen mehr als 2000 Höhenmeter. Das ist in etwa so viel wie zwei Mal der Jaufenpass über die Nordrampe von Sterzing aus. Und die Mehrheit dieser Höhenmeter werden auf grobem Schotter absolviert, egal ob bergauf oder bergab. Und deshalb schmilzt die Gruppe praktisch aller Menschen, die 105 Kilometer radeln könnten, heute auf anderthalb tausend zusammen, die bereit sind, sich die Strapazen anzutun. L’Eroica heisst die Veranstaltung.

eroa

Ich weiss, was ich hier im Schlamm tue. Vier mal habe ich teilgenommen, vier mal bin ich angekommen. Beim ersten mal habe ich mein müdes Fleisch wieder und wieder gegen verregnete Berge geworfen und auf einer Spur Blut und Schweiss nach oben gezerrt. Die Berge wollten nicht so wie ich und der Körper wollte auch nicht. Ich habe überlebt, aber es fühlte sich wie der Tod an. Tot ist man, wenn der Körper aufgibt. Dieser mein Körper und die Berge, die wollten mich damals tot machen. Danach habe ich viel trainiert und gelernt, mich mit den Bergen abzufinden. Trotzdem bin ich bei den nächsten Terminen wieder am Ende wie ein nasser Sack vom Rad gefallen. Jedes Mal dachte ich ans Aufgeben. Jedes Mal musste ich den Körper irgendwie über diese verdammten Berge schleifen. Auch im letzten Herbst im Regen, in 70 verdammten Kilometern im Dauerregen. Immerhin, es war das erste Mal, dass ich am Ende nicht wie ein nasser Sack umgefallen bin.

eroc

Und nun stehe ich wieder in Buonconvento, und die Schuhe versinken im Schlamm. Regnen soll es den ganzen Tag, sagt der Wetterbericht. Ich könnte daheim im Bett liegen und schlafen, ich könnte den Dom von Siena besuchen, ich könnte schlau sein und mir sagen: “Lieber Mann, Du hast vor diesem Tag einen Monat mit dem Training ausgesetzt. Zuerst warst Du drei Wochen mit dem Auto in Italien, und dann mit schwerem Heuschnupfen daheim in einer verriegelten Wohnung. Du bist keinen Meter gefahren. Du hast Asthma, ein Bein ist zu kurz und die Füsse sind unterschiedlich. Geh nach Hause, lass Dir ein Attest schreiben und Dich als behindert einstufen, und kauf Dir vergünstigte Fahrkarten mit dem Zug. Da kommst dann auch überall hin. Es gibt Leute, die aus ihrer Behinderung erfolgreiche Blogs machen! Kein Schulkamerad würde Dich je hier erwarten. Du musst niemandem etwas beweisen. Das hier ist so ziemlich der letzte Ort, wo ausgerechnet Du jetzt sein müsstest. Und Du weisst, dass Du jetzt nur leiden, leiden und nochmals leiden wirst.“

erod

Aber genau das ist es: Dass alle, die einen früher beim Fussball spielend leicht umtänzelten, die einen beim Laufen zurückgelassen haben und so mühelos am Reck durch die Luft flogen, jetzt erdenschwer irgendwo in Deutschland Wochenende haben, sich im Bett von der Arbeit und dem Kantinenessen erholen, und genauso wie ich die Einschläge näher kommen hören. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen und unsere Reihen lichten sich – erst die Herzinfarkte, später dann Gehirnschlag, Krebs und noch unschönere Dinge. Das geht gerade los und wird nicht aufhören, bis wir alle unter der Erde sind. Mir reicht es, dass meine Schuhe schon 2 Zentimeter tief im Schlamm sind. Tiefer soll es nicht zu den Leichenwürmern hinunter gehen. Ich lasse die Bedenken am Auto zurück und fahre durch das offene Tor raus aus Buonconvento, und werde gleich von einem Tandem abgehängt: Schweizer auf Hochzeitsreise.

eroe

Die Strasse ist noch feucht. Aber es regnet nicht.

erof

Also wirlich gar nicht. Kein einziger Tropfen.

erog

In den Tälern liegt romatischer Dunst, es ist zu Beginn etwas kühl, aber ich bewege mich und werde schnell warm.

eroh

Es ist schön. Auch an den steile Anstiegen ist es schön. Die Sonne scheint. Die Speichen zerteilen das Licht in Fraktale des Glücks und der Freude.

eroi

Ich bin in Italien. Das Land ist schön. Sagenhaft schön. Vielleicht gibt es ein schöneres Land auf dieser Welt, aber dann würde man vielleicht sterben. Vor Glück. Hier hat es eine herbe Note, wenn es mörderisch steil bergab geht und dann wieder fast unbezwingbar nach oben. Aber es ist schön. Nur schön.

eroj

Und es regnet nicht. Überhaupt nicht. Die Wettervorhersage ist so glaubwürdig wie ein Wahlversprechen der SPD, und ich fliege über Steigungen hinauf, die Sigmar Gabriel nie wird hochkeuchen können. Merkel auch nicht. Nichts gegen Fette, ich will sie auch nicht beleidigen, ganz im Gegenteil, man braucht Negativbeispiele, um sich positiv zu entwickeln. Ich fahre nicht schnell, ich habe keinen Ehrgeiz, ich will hier nur ankommen, und zum ersten Mal habe ich überhaupt keine Zweifel, dass es gelingen wird.

erok

Natürlich habe ich zu stöhnen und zu japsen. Natürlich steige ich ab und schiebe. Natürlich kostet mich der Anstieg nach San Angelo in Colle Kraft und Zeit. Natürlich fliegen andere an mir vorbei. Aber mit mir zusammen schiebt eine vergnügte Gruppe Italienerinnen und Italiener, die auch keinen grossen Ehrgeiz haben. Das Licht funkelt durch das Laub. Es ist Frühsommer. Es ist anstrengend und schön. Es gibt hier nichts, gar nichts, was nicht schön wäre. Vielleicht bin sogar ich ein wenig schön, der ich schiebe, aber eben leichtfüssig und fröhlich singend: Tutto vanita, sono vanita, vivete con goia e semplicita… Der Schlamm ist längst getrocknet, weisser Staub knirscht unter den Schuhen, und irgendwann werden wir auch alle Staub sein. Aber nicht heute. Heute leben wir.

erol

Debil grinsend erreiche ich den Gipfel, wo ich letztes Jahr noch an das Aufgeben dachte. Debil grinsend knalle ich über die Schotterpiste nach Castelnuovo del Abbate, und beim langen, langen Anstieg nach Montalcino vergeht mir zwar das Grinsen, aber nie das Gefühl, diesmal auf der richtigen Seite zu sein. Manche finden ja, man sollte sein Fett akzeptieren und damit zufrieden sein, dann werde die Gesellschaft schon aufhören, einen zu diskriminieren – die Berge hier diskriminieren einen, bis sie einen umgebracht haben. Nichts verspottet die Schwäche so sehr wie ein Berg, den man nicht schafft. Dieser Berg wollte mich letztes Jahr umbringen. Dieses Jahr komme ich darüber hinweg.

erom

In Montalcino gibt es Eintopf. Es gibt Sonne, Sonne, Sonne, es gibt Komplimente für mein Rad und staunende Touristen, die sich das alles gar nicht vorstellen können. Geniesserreisen in der Toskana, Wine Tasting mit Brunello, und dann sitzt da einer an der Loggia und bekommt nach 60 staubigen Kilometern einen Eintopf… wie kann man nur.

eron

Letztes Jahr habe ich mich das auch gefragt und dieses Jaht, ein paar Kilo leichter und etwas besser trainiert, ist die banale Antwort: Ich will es so. Ich will nichts anderes. Ich will genau hier sein. Staubig, hungrig, zufrieden und mit nochmal 45 Kilometern vor mir.

eroo

Es folgen nämlich nach einer rasanten Abfahrt die schönsten Abschnitte der Strecke. Eine dreidimensionale Postkartenidylle.

erop

Ich baue deshalb fast einen Sturz. Ich begaffe die Landschaft, ich verliebe mich in die Kurven der Hügel und in das satte Grün, und schaue gar nicht mehr auf die Strasse. Und fahre kerzengerade in ein Stopschild vor einer Baustelle. Andere rutschen in der Berliner U-Bahn auf einem glitschigen Dönerpapier aus, ich falle beinahe in Baustellen der Toskana. Jeder stirbt für sich allein, aber selbst der Tod macht immer noch Unterschiede.

eroq

Passiert ist dann aber nichts. Alles bestens. Also weiter, immer weiter, noch ein Hügel, noch einer, Schafherden, Gehöfte, Wälder, blauer Himmel, Sonne, Sonne, Sonne. Es war der schlimmste Tag seit Wochen angekündigt, es wurde der schönste Tag, den man sich vorstellen kann. Sollte ich je erklären müssen, was unverschämtes Glück ist: Dieser Tag. Denn natürlich regnet es. Es schüttet. Hinter Montalcino, als ich längst weg bin. Die Gewitter sind eine feine Kulisse, geben dem Radler den Eindruck, den Gefahren zu trotzen – und ziehen dann ab.

eror

Alles fügt sich. Das ganze Leben fügt sich. Hier der Berg, da die Muskeln, dort die Sonne, hier die gebräunte Haut. Nicht das Schicksal peitscht mich diesmal nach oben, die Himmelsmechanik lässt mich über den Planeten wandern. Ein jeder an seinen Platz und mich zwischen die Wiesen und Pinien, die Kette auf die Ritzel und der tropfenden Schweiss in die Erde. Es kommt der Hunger, es kommt der Durst, es kommt die Kontrollstation, und noch ein Buffet mit toskanischen Spezialitäten und stilsicher gekleideten Frauen und Männern, die einem alles geben, was man will.

eros

Es kommt die Abfahrt und der Sturm, der einen dabei umtost, es kommen Kurven, die Gott erschuf, als er am siebten Tag gut gegessen hatte und etwas Entspannung brauchte, es gehen alle Skrupel und ja, natürlich sollte man sich auf einer vierzig Jahre alten Kiste mit schlechten Bremsen nicht einfach der Schwerkraft hingeben, aber der Stachel des Todes ist woanders und egal, wo die Hölle gerade siegen mag: Es ist so einfach. Es ist so viel Freude. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, aber der Krampus hat jetzt mal Pause und das Rad liegt wie ein Brett auf dem Asphalt. Über 2000 Meter geht es hinauf, aber über 2000 Meter geht es auch hinunter.

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Und dann, eher als gedacht, auch wieder hinunter nach Buonconvento. Ich falle nicht wie ein nasser Sack vom Rad. Kein Kind schaut mich mitleidig an. Auf den Bildern sehe ich gut aus, als ob ich nochmal 20 Kilometer fahren könnte, und so ist es auch. Ich bin gut durch, etwas erschöpft, aber nicht am Ende der Kräfte. Es geht mir gut. Ich habe nicht nur überlebt, ich habe gelebt.

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Die Kumpane tragen ihre Ehrenmedaillen, die beweisen, dass auch sie das Zeug zum Helden haben. Zu sechst sind wir aufgebrochen, zu sechst im Ziel eingelaufen. Alle haben dieses l’Eroica-Grinsen im Gesicht. Das versteht keiner, der es nicht mitgemacht hat.

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Man kann auch daheim bleiben und grillen. Das Leben hat viele Seiten, und manche sind auch wirklich schön. Man muss das hier nicht tun. Man macht das aus freien Stücken, und redet auch nicht darüber, dass man angefressen ist und die Tage bis zum Oktober zählt, da in Gaiole die 20. Auflage stattfinden wird – dann vielleicht wieder mit Schlamm und Regen, wer weiss das schon, und noch schlimmer, mit deutschen Reportern von Onlineportalen, die auf den Radtrend aufspringen. Und denken, 145 Kilometer in der Toskana, das wird sicher angenehm.

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Das ist es. Mit etwas Erfahrung und Übung ist es wirklich schön, die Wunden verheilen, die Krämpfe vergehen, Knochen kann man mit Nieten aus Titan zusammensetzen, so dauerhaft wie Titan bleibt auch die Erinnerung, und so schnell stirbt der Mensch nicht, sagte meine Grossmutter immer. Und hatte natürlich wie immer recht.

(Natürlich können wir Kollegen der Konkurrenz keine Garantie auf unsere Familienweisheiten geben.)

21. Mai. 2016
von Don Alphonso
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13. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Fahrradalltag Berlin: Du kommst als Mensch und bleibst als fetter Hasser

Mantva me genvit, Calabri rapvere, tenet nvnc Parthenope. Cecini pascva, rvra, dvces.

Das ist die Grabinschrift des römischen Dichters Vergil: “Mantua hat mich geboren, Kalabrien hat mich dahingerafft, jetzt hält mich Neapel. Besungen habe ich Weiden, Äcker und Helden.“ So etwas hätte vielleicht auch auf meinem Grab stehen können, denn ich war anderthalb Jahre in Berlin, habe monatlich ein Kilo zugenommen und wäre bald gestorben. Das war ganz einfach, ich habe meine alten, südlichen Ernährungsgewohnheiten beibehalten, die Stadt gehasst und den Sport weitgehend eingestellt. Früher, in München, bin ich im Sommer öfters mit dem Rennrad die 90 Kilometer über Weiden und Äcker heldenhaft heim zur kleinen, dummen Stadt an die Donau geradelt – nach meiner Berliner Zeit habe ich ein Jahr gebraucht, bis ich dazu wieder flüssig in der Lage war. Immerhin bin ich nicht totgefahren worden. Einem Freund einer Bekannten wurden von einem abbiegenden Laster beide Beine abgequetscht.

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Ich bin nicht gerade ein zurückhaltender Radfahrer. Ich empfinde keine Furcht, wenn ich auf dem Jaufenpass oder Penserjoch langsame Autos überhole. Ich bin selbstbewusst und kenne die Risiken, ich verhalte mich entsprechend und habe genug praktische Übung im Abrollen. Natürlich sind bei uns in den Bergen die Wege voll mit Marterln für Leute, die die Risiken falsch eingeschätzt haben, und bei der l’Eroica gab es auch schon den ein oder anderen Toten. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, und ich sage mir, wenn es hier und jetzt sein muss, dann ist es zwar etwas früh, aber in schöner Landschaft und in glücklichen Momenten. Mir ist voll bewusst, dass ein 23mm schmaler Rennreifen mit 9 bar Druck nicht platzen darf, wenn ich einen Opel in einer Serpentine innen überhole. Die Sache in Berlin ist nur, dass es dort Opelfahrer gibt, die als Stärkere auf riskante Art den Schwächeren überholen, sich bei einer Beschwerde angegriffen fühlen, aussteigen, einen krankenhausreif schlagen – und dabei auch noch Unterstützung durch einen Passanten erhalten.

fethasb

Es ist eine einfache Entscheidung zwischen Schmerzen: Pässe gibt es vor allem in den Bergen und prügelnde Opelfahrer vor allem in wuchernden Megaslums wie Berlin. Das war vor zehn Jahren auch nicht anders. Ich hätte bis zur ersten offenen Landschaft sieben Kilometer durch den Norden Berlins radeln müssen. Das war mir einfach zu riskant. Radwege sind für Berliner Parkplätze, Müllabladeflächen und Kinderwagenschiebezonen. Rennräder sind für den Strassenzustand auf dem Niveau von Bukarest ungeeignet. Berliner Autofahrer sind brandgefährlich, es gibt dort eine mörderische Vollgasszene und eine Polizei, die sich zu wenig darum kümmert. Und obendrein noch den Berliner Kampfradler, der sich als Antifaaufmarsch auf zwei Rädern und Artgenossen als Gegner betrachtet. Der krönende Abschluss der Genpoolreduzierung ist der wackelnde Fixiefahrer, auf der falschen Strassenseite handynierend – manche wollen auch einfach sterben.

fethasc

Ich habe es jedenfalls mit einem Bergrad probiert, an manchen ruhigen Abendstunden, auf wenig befahrenen Strecken. Aber es war im besten Fall laut, hässlich, stinkend und für Lunge und Seele keine Erholung. Ich bin ebenso genervt abgestiegen, wie ich in Berlin öffentliche Verkehrsmittel verlassen habe. Ich bin im Kiez viel zu Fuss gegangen, und war ansonsten froh, mich von der Stadt mit dem Blech des Automobils abgrenzen zu können. Fortbewegung ist dort eine Form der Isolation, der Ignoranz und der Risikoanalyse. Der andere ist potenziell gefährlich, man ist immer geneigt, ihm einen Fahrfehler oder schlimmes Verhalten zu unterstellen.

fethasd

Auch in Staggia halten dauernd Leute bei mir an. Aber niemand tut das, um mir auf den Mund zu hauen. Wenn ich am Selbstauslöser der Kamera justiere, vermuten sie einen Defekt oder einen Sturz und fragen, ob sie helfen können. Wenn ich mein Rad vor der Bäckerei stehen lasse, lerne ich nach dem Einkauf Leute kennen, die sich über das Rad unterhalten. Wenn ich eine alte Villa ablichte, schauen Joggerinnen, was ich da mache, und erzählen mir, was sie über das Haus und seine Besitzer wissen, und dass das ein wirklich schöner Ort wäre. Auf den schmalen Strassen rast niemand. Ich werde behutsam überholt. Man behandelt mich gut und menschlich und respektvoll. Ahhhh. L’Eroica, sagen einige, die den Zweck meines Aufenthaltes kennen.

fethase

Es gibt da über kleine Orte wie jene, in denen ich lebe, eine interessante Architekturtheorie. Sie sind mit geringen Mitteln in der Lage, grandiose urbane Räume zu schaffen, die dann die Gemeinschaft formen. Diese Räume fehlen den grossen Nachkriegsstädten, weil man zugunsten des Verkehrs darauf verzichtet hat, sie für Menschen frei zu halten. Die kleinen Orte haben dagegen einen Raum, um ungestört soziale Beziehungen auf kleinstem Niveau zu erlernen und zu fördern: Bankerlsitzen für die Alten, Flanieren für die Jungen, Spielen für die Kinder. Ohne Kosten in einem Cafe, ohne Zwang, einfach so. Dann ergibt sich das Zusammengehörigkeitsgefühl ganz von allein, man praktiziert es schliesslich dauernd. Alles fügt sich, jeder findet auf seine Weise einen Platz. Und wenn die Gesellschaft nur offen genug ist, ist da auch genug Raum für Unterschiede und Akzeptanz – eine ganze Reihe führender Stadtstaaten der Renaissance sind auf diese Art und Weise entstanden. Aber dafür braucht man auch den Raum, und deshalb reagierten diese frühen Bürgerstädte immer sehr allergisch, wenn jemand versuchte, in öffentliche Plätze einzugreifen. Man wusste damals um die Bedeutung dieser Freiräume.

fethasf

In Italien wirft man überall den Autoverkehr aus den Innenstädten, mach eine Zona Traffico Limitato, und sofort wächst wieder das schöne Leben und der freundliche Umgang. Es ist eine radikale Lösung, aber sie bringt auch radikal gute Ergebnisse, weil der Freiraum die Menschen mehr als das Automobil anzieht. Ganz gerecht ist das natürlich nicht, denn von so einer Zona profitieren vor allem die Menschen mit Zeit. Man kann nicht alle retten, aber mit vielen gut auskommen. Hier sind alle freundlich, aber in Berlin schlägt ein Opelfahrer einen Linkenpolitiker und noch einer mischt sich ein. Das ist nicht einfach nur eine Lokalnachricht. Es ist eine kulturelle Kluft, und sie hat meines Erachtens viel mit Isolation zu tun. Isolierte Menschen tun so etwas. Clans, das erlebt man – bisher – in Afghanistan, können auch übel isolieren und steinigen, da geht dann der Zusammenhalt in eine falsche Richtung. Aber ich gleite hier mit dem Rad durch Wolken des Wohlwollens. In Berlin wäre ich schwacher Kämpfer in einem Verteilungskrieg um die Strasse.

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Dortselbst will man nun mit basisdemokratischen Methoden erreichen, dass Radfahrer mehr Raum auf den Strassen bekommen. Die Idee an sich ist lobenswert, aber eingedenk der Mentalität diverser Autofahrer, Kampfradler und Autoanzünder so hilflos, als würde die UN bei Steinigungen in Afghanistan mehr Abstand für die Opfer fordern. Schutzzonen, das hat man schmerzhaft im zerfallenden Jugoslawien erkennen müssen, sind nur so gut wie die Durchsetzung des Schutzes. Wie viele Apache-Kampfhubschrauber hat die Polizei bei uns, und was sagen die Grünen in Kreuzberg zu Uranmunition? Der zerrissene Asphalt der Gassen kleiner italienischer Orte ist nicht viel besser als Berliner Prachtboulevards – der Zustand der Infrastruktur ist nicht das entscheidende Kriterium. Es geht um die Mentalität der Bewohner, um das soziale Bewusstsein, das definiert, wie sich Verkehr abspielt. Sieht man sich als Gemeinwesen, ist Verkehr kein Problem. Hat man einen Verkehr wie in Berlin, gibt es offensichtlich uneingestandene Probleme im Miteinander der Kulturen und Klassen. Amazon setzt eins drauf und will die Stadt mit Lieferung innerhalb einer Stunde noch mehr mit Kurieren belasten: Wer zahlt, schafft an, wen der nächste Lieferwagen überrollen wird. Da rettet einen auch kein Fahrradalltag-Hashtag.

fethash

Manche glauben an den langsamen Wandel, aber ich glaubte an mein schönes Leben. Ich war vor 10 Jahren schon nicht mehr ganz jung und sah meine persönliche Zukunft nicht als Laborratte eines verkehrspolitischen Asozialexperiments. Ich zog heim gen Süden und lebte dort auf, wo Vergil geboren wurde, und weder Neapel noch seine vorsibirische Partnerstadt könnten mich halten. Es gibt einfach Failed Cities und gescheiterte Stadtgesellschaften, und das Berliner Argument, dass es in Mogadischu noch schlimmer sei, will ich nicht bestreiten: Ich lasse als toleranter Mensch anderen gern ihre Meinung. Wo ich bin, haben ganze Kommunen die Kraft, sich gemeinschaftlich zur Citta Slow zu entwickeln. Dort gibt es dann innerhalb der urbanen Mobilität einfach keine gewalttätigen Übergriffe auf andere. Man geht von den Menschen aus und verändert die Menschen.

So wie in Berlin. Nur im Guten.

13. Mai. 2016
von Don Alphonso
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08. Mai. 2016
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Die Dämonen am Tor von Monteriggioni

TNT Hey Hey Hey

Ich habe ein Rennrad gekauft.

Manche Stammleser werden jetzt grinsen, weil sie wissen, dass ich schon mehr als ein Rad habe. Die genaue Zahl kenne ich nicht, aber an einem Ort ist ein Speicher voll und an einem anderen ein Keller. Ich habe wirklich viele Rennräder, die meisten sind eher älter – man könnte sie als Erfüllung von Jugendträumen bezeichnen. Gerade eben habe ich eines verschenkt. Das ist der Beweis, dass ich nicht habgierig bin, ich schraube nur gern und fahre auch gern. So, wie manche gern zur Beruhigung in den Biergarten radeln und Bier trinken.

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Das ist es: Ein 1974er Capelli, und es ist ganz oben oberhalb meines Wohnortes, auf dem Berg von Lecchi über Staggia Senese. Es gehörte früher einem passionierten Rennfahrer, und er hat es verkauft, weil er zu alt dafür wurde. Aber immerhin, von 1974 bis 2016 hat er sich damit, so weit es ging, bewegt. Es ist ein phantastisches Rad dieser Epoche, alle Komponenten sind hochwertig, das Aluminium funkelt noch, der Lack schimmert und die berüchtigten Galli Super Criterium Bremsen mit ihren teuren Titanachsen sind bergab lebensgefährlich weich. Speziell hier, wo es steil bergab geht. Von einer scharfen Rechtskurve auf eine enge Brücke, auf der kein Rennradler mit einem Auto zusammen Platz hat. Diese Kombination aus miserabler Bremse, altem Gummi, schlechter Strasse und wenig Platz kann natürlich auch schon mal die Lebenserwartung drastisch senken, aber den Beitrag schreibe ich unten in Staggia, und ich habe überlebt. Das ist schon einiges.

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Denn langsam komme ich in das Alter, in dem die statistische Unwägbarkeit meine Anwesenheit auf Leichenfeierlichkeiten von Menschen erfordert, über die man nicht mehr sagt “er hat noch gelebt?“, sondern “er war doch noch gar nicht so alt“. Hier in Italien kleben noch immer die grossen, öffentlichen Todesanzeigen an den Wänden, zwei etwa an der Pizzeria, wo mein Weg vor Castellina in Chianti abzweigt und nach einem 14%er bergab wieder einen 14%er hoch nach Lecchi führt. Da entwickelt man einen Sinn dafür, wie schnell es gehen kann. Und wie langsam, wenn der Berg sich auftürmt. Und wie man körperlich so drauf ist, in der, geben wir es zu, Ouvertüre zur zweiten und vermutlich auch letzten Lebenshälfte. Ein älterer Herr würgt, keucht und jammert sich den Berg zur Pizzeria hoch, und deutsche Touristen meines Alters denken sich in der Pizzeria, dass diese Italiener einen an der Klatsche haben, sich bei diesen Temperaturen so zu schinden. Da bin ich also mitten im Leben vom Tod umfangen. Und nur wenn ich mich im Gegenlicht vor der Toskana so sehe, könnte ich auch noch deutlich jünger sein. Allein, dem ist nicht so.

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Mit 30 ist man auf dem Gipfel seiner Kräfte, mit 80 – oder bei mir, weil ich vermögend bin, auch erheblich später – liegt man stocksteif bereit für den Leichenwurm. Macht also 50 Jahre, statistisch verliert man pro Jahr 2% Leistungsvermögen, Geschmeidigkeit, Reaktionsschnelligkeit und Beweglichkeit. Das geht ganz langsam, weshalb auch immer noch ein hippes Craft Beer oder ein Wodka hinter die zum T-Shirt-Kragen mutierte Binde passt, ohne dass man wie ein Suchtl wirken würde. Tourenradeln im Alter geniessen die meisten nun mal auf einer Terrasse sitzend mit Blick auf Geschundene, und die Veränderungen sind auch nur ganz langsam. Man merkt das vielleicht im Abstand von 4, 5 Jahren, wenn man sich erinnert, was früher mühelos ging und 1000 Craftbeere a 5 Euro die Flasche später nicht mehr geht. Fünf Jahre sind in unserem Alter schon 10% Restlebenslaufzeit, da gehört der Verschleiss dazu, sagen manche und nehmen noch einen Schluck.

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Es ist eine ganz leichte abschüssige Gerade, die zur Leichenstarre führt, und es ist wirklich erstaunlich, was so ein Körper manchmal alles wegsteckt. Der eine wird vom Teer zusammen gehalten und steinalt wie Helmut Schmidt, und der andere verstirbt früh auf dem Jägersitz, ohne den Sturz des Kommunismus erleben zu können, wie Franz-Josef selig. Das ist Statistik. Der Rest ist geschicktes Marketing. Etwa, dass Craft Beer irgendwie natürlicher sein soll, oder light Zigaretten wirklich light, oder das Schmerzmittel Cannabis nur selten blöd macht und nicht zu Crystal Meth in Berlin führt. Und Fahräder?

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Das hier ist Monteriggioni. Monteriggioni ist die Grenzfestung von Siena gegenüber der Florentiner Festung von Staggia Senese. Staggia ist durch einen Fluss geschützt, Monteriggioni durch einen steilen Berg. Und immer, wenn ich zur l’Eroica fahre, führt hierher meine erste Testrunde. Staggia → Monetiggioni → Abbadia Isola → ein Schotterstück Via Francigena → Val di Elsa → über den Höhenzug zwischen Val di Elsa und Staggia zurück. Ein kleiner Vorgeschmack auf die Grausamkeiten, die da kommen werden. Monteriggioni jedenfalls hat einen enorm knackigen Anstieg, den niemand auf dem Rad fährt und einen weniger knackigen Anstieg, der fahrbar ist und um so steiler wird, je höher man zum Gipfel kommt. Man hat das Schlimmste, wie auf vielen Hügeln der Toskana, immer noch vor sich, man gewöhnt sich nie an die Grausamkeiten, die da kommen. Es fahren, wie gesagt, nur wenige Menschen mit dem Rad hier hoch, und am Übelsten ist es direkt am Tor,. 2010 bin ich mit einer Übersetzung von 39 vorn 26 hinten irgendwann abgestiegen. 2014 hatte ich ein Rad mit Untersetzung dabei, damals ging das einfach – und kaufte danach ein De Rosa mit 39/26. Und schaffte es hoch, mit brennender Lunge. Das Capelli nun hat, anderthalb Jahre Schinderei weiter, 41 vorn und 23 hinten. Und ich komme hoch. Und niemand schaut mich, wie früher, entsetzt oder mitleidig an. Ich gehe aus dem 42 Jahre alten Sattel, presse alle Kraft in Lenker und Pedale, und sage T-N-T Hey Hey und explodiere, so empfinde ich das wenigstens, wie eine Feuerfettwalze da hinauf. Direkt auf die Dämonen meiner Schwäche am Tor zu, die mich früher ausgelacht haben.

daemf

Die Leute schauen wirklich anders, wenn da einer nicht mehr absteigt, sondern über die ganze Toresbreite hin und her fliegt und aussieht, als würde er mit gefletschten Zähnen die Haxen abnagen. Auch Ältere in meinem Weg werden plötzlich behende, wenn ich zum Sturm ansetze. Ich habe es selbst probiert und 400 Euro für ein eigentlich vollkommen sinnloses Rennrad ausgegeben, und niemand kann das verstehen. 39/26, 41/23, das sagt den meisten Menschen überhaupt nichts, so wie sie sich die 2% Verlust jedes Jahr nicht vor Augen halten. Und es bedeutet auch nichts, wenn man jung ist, und der Körper schnell wieder schlank und geschmeidig und aufnahmebereit für das nächste Bier wird. Aber ich bin seit dem Herbst 2010 über fünf Jahre älter geworden und habe gute Menschen sterben sehen. Ich fahre mit anderen, die in meinem Alter erheblich stärker und schneller sind. Ich werde nie zur Spitzenliga gehören, aber dennoch war Monteriggioni vor 6 Jahren ein Dämon, der mich bremste. Jetzt brenne ich darüber hinweg, obwohl ich 20% mehr Kraft aufbringen muss.

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Das wurde mir wahrlich nicht in die Wiege gelegt: Ich war gut begründet unter Franz Josef Strauss für den Barras untauglich, und wenn ich das dort hoch schaffe, schafft das eigentlich jeder. Trotzdem stehen da oben E-Bikes und Amerikaner keuchen sich hoch, Japaner schützen sich vor der Sonne und Deutsche stopfen etwas in sich hinein. Hier sind hunderte. Einer ist mit dem Radl da, und mit schweissverklebten Augen und wie Pech stinkend sehe ich Tote, viele Tote. Mit Puls 180 kommen die Visionen der Pilger, auf deren Spuren ich wandle, ganz von allein. Manche, die sich damit auskennen und ihre Dämonen mit Gift betäuben, sagen mir, was ich erzähle, klänge ein enig wie im Drogenrausch. Wenn es so ist, dann sollten diese Leute statt Alkohol, Zigaretten, Street Food und Crystal Meth mal einen hohen Alpenpass probieren. Das ist Höllenfahrt und Auferstehung in Einem.

daemh

Mitten im Leben sind wir alle vom Tod umfangen, niemand kennt Ort noch Stunde, aber ich kenne jetzt die Übersetzung, mit der ich hoch nach Monteriggioni komme. Dafür musste ich ein Rad erwerben, und keiner der Jungen ohne Gebrechen kann es verstehen. Sie wissen noch nicht, wie es sein wird, wenn die Dämonen sie als leichtes Opfer gejagt haben, an jeder Steigung, an jedem Berg. Niemand ausser mir kann sie in Monteriggioni erkennen, niemand kann es nachempfinden, wie es ist, wenn man die Dämonen dann endlich vor sich hat und wie Gottes strafendes Schwert über sie kommt. Ich peitsche nicht mein Rad durch das Tor, sondern meine Dämonen. Dafür habe ich die funkelnde Geissel aus Stahl und Leichtmetall bezahlt. Dafür bin ich wieder hier.

daemi

Natürlich kann man sich mit den Dämonen gut stellen, und sie auch wohldosiert aus der Flasche nehmen, in Venen spritzen oder rauchen. Man kann von den anderen Fat Acceptance verlangen und behaupten, Fett sei politisch und eine Normschönheit Unterdrückung. Jede angefressene, angesoffene Zelle sei wertvoll, Recht auf Rausch und bitte keine Regeln für Drogen. Dann kommen die Dämonen aber irgendwann wieder, stärker als je zuvor, beim Absturz, beim Schuheanziehen, bei der ersten Treppe, in der Bandscheibe, und die Gesichter werden fahl und grau, als wären es Mitglieder der Bundesregierung. Man entkommt den Dämonen nicht. Die Pilger, die auf dieser Strasse nach Erlösung und Vergebung suchten, wussten das noch. Man muss sich den Dämonen irgendwann stellen, oder sie reissen einen zur Hölle hinab. Wir aufgeklärten Atheisten und Ungläubige haben keine Hoffnung auf eine Ewigkeit, die uns danach noch bliebe. Das ist der Preis, den wir für diese Epoche bezahlen: Es gibt in dieser unserer absurd reichen Welt keine Erlösung als Gratisbeigabe. Aber die Dämonen sind in allen Ritzen und Ecken des Daseins geblieben, und warten auf die Schwäche.

Es gibt nur das, was uns die Dämonen antun.

Oder wir den Dämonen.

 

Sie sollten ein wenig mehr für ihre Gesundheit tun, liebe Leser.

08. Mai. 2016
von Don Alphonso
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