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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

10. Feb. 2016
von Katharina Nocun
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Warum die AfD keine konservativere CDU ist

Bei der AfD wird bereits Sekt kaltgestellt. Am 13. März wird in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt gewählt. Die AfD will als konservative Alternative zur Union punkten. Doch ein Blick in das Wahlprogramm zeigt: Sie ist längst mehr als das.

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Laut Emnid können sich nur zwei Prozent der wahlberechtigten Frauen vorstellen, die AfD zu wählen. Ein Blick ins Wahlprogramm erklärt, warum. Ein Beispiel: Die CDU ist seit den 70ern für die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Das war ein wichtiger Schritt, der Leben rettete – schließlich waren Todesfälle durch illegale Schwangerschaftsabbrüche damals an der Tagesordnung. Der AfD Rheinland-Pfalz ist das egal, sie fordert einen „Schutz des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod.“ Klartext: Abtreibungsverbot. Denn die AfD sorgt sich um die „Fruchtbarkeitsraten“ der weiblichen Bevölkerung. Die AfD Baden-Württemberg malt sich gar aus, durch eine „Reduzierung der viel zu hohen Abtreibungszahlen“ das Demographieproblem beseitigen zu können. Pro Jahr würde das tatsächlich 100.000 ungewollte Elternschaften mit sich bringen. Doch ob es im Sinne des Kindeswohls ist, Eltern zu ihrem Glück zu zwingen, kann bezweifelt werden. Mit Beatrix von Storch wurde eine radikale „Lebensschützerin“ über die AfD-Liste ins EU-Parlament gewählt, die Stammzellenforschung als „Kinderleichen-Handel“ bezeichnet. Diese Frau ist heute stellvertretende Vorsitzende der Bundespartei. Bei den weiblichen Mitgliedern der Union wären derart ewig gestrige Positionen undurchsetzbar gewesen – und das seit Jahrzehnten.

Die Vision der AfD orientiert sich am Frauenbild der 60er: Echte Erfüllung findet eine Frau nur in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. Selbstredend, dass in dieser Welt „nur die Ehe zwischen Mann und Frau eine Familie begründen kann“. Patchwork-Familien, Alleinerziehende und Geschiedene gelten in diesem Weltbild als gescheitert, als Abweichung von der Norm. Im Programm Baden-Württemberg heißt es gar, „dass derzeit mehr als jede Dritte Ehe in Deutschland geschieden wird, ist nicht akzeptabel“. Es geht dabei keineswegs um leben und leben lassen, sondern vor allem darum, das antike Wertegerüst durch Steuermittel in der Gesellschaft und den Köpfen der Kinder zu verankern, wie das Wahlprogramm zeigt: „Die AfD will auf die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten einwirken und auch im Bildungsbereich Anstrengungen unternehmen, damit Ehe und Familie positiv dargestellt werden.“ Während die AfD über Medienbeeinflussung durch Parteien und „Lügenpresse“ poltert hätte sie kein Problem damit wenn es nur den eigenen Vorstellungen dient. Die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen vor der Wahl wollte Partei-Vize Petry gar gesetzlich verbieten, als die AfD noch an der 5-Prozent-Hürde scheiterte.

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Unter den Wählern der AfD sind auch Menschen unter 20 Jahren eine verschwindende Minderheit. Im Wahlprogramm findet sich trotzdem ein ganzer Katalog von Maßnahmen, die vor allem die Jugend betreffen. Eine der Forderungen aus Sachsen-Anhalt: „Homeschooling“ soll erlaubt und die Schulpflicht abgeschafft werden. Vor allem für radikale christlichen Sekten ist dies ein wichtiger Punkt, da Kinder der Gemeinschaft so besser vom Kontakt mit gleichaltrigen und Bezugspersonen aus dem nicht-religiösen Umfeld abgeschirmt werden können. AfD-Funktionäre wie Beatrix von Storch sind mit solchen Gruppen, die Evolutionstheorie am liebsten von den Lehrplänen streichen wollen, bestens vernetzt.

Nach den Willen der AfD soll das gesamte Schulsystem umgebaut werden. Die Vermittlung der „klassischen Preußischen Tugenden“ soll im Mittelpunkt stehen und zur Not auch mit stärkerer „Unterrichtsdisziplin“ durchgesetzt werden, um „starke Männer“ zu formen. Neben der Wehrpflicht soll ein „Tag des Heimatschutzes“ eingeführt werden. Die AfD Sachsen-Anhalt will die Lehrpläne außerdem zugunsten „positiver Anknüpfungspunkte“ umschreiben, damit die Geschichte Deutschlands in Zukunft „angemessen und unverfälscht“ wiedergegeben wird. An welchen Stellen dies momentan nicht der Fall sein sollte, wird nicht gesagt. Ziel der neuen AfD-Erziehung soll eine „gefestigte Nationalidentität“ der Kinder sein. Auch außerhalb der Schule will die AfD einschreiten und einer angeblichen „Verrohung der Jugendlichen wirksam entgegentreten“.

Weiter heißt es, Medien verleiteten Jugendliche zu „Promiskuität und Gewalt“. Wie das im Netz konkret durchgesetzt werden soll – ob Internetsperren oder Alterskontrolle – wird nicht gesagt. Selbst vor der Hochkultur macht die Regulierungswut der AfD Sachsen-Anhalt nicht halt. In Theatern sollen klassische deutsche Stücke nur noch so gespielt werden, dass sie „zur Identifikation mit unserem Land anregen“. Nicht umsonst gilt die Freiheit der Kunst als Gradmesser für die Meinungsfreiheit. Derartige Vorschriften zu Aufführungen und Interpretationen von Theaterstücken kennt man bisher nur von Regimen wie Ungarn. Dafür findet die AfD Baden-Württemberg die Vorratsdatenspeicherung ausgezeichnet, denn „Datenschutz darf kein Täterschutz sein“ – da ist man eben ganz wie die Etablierten.

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In einem anderen Punkt unterscheidet sich die AfD wiederum massiv von den Etablierten. Über den Weg zur Klimarettung lässt sich herrlich streiten. Auch in der Wissenschaft. Doch selbsternannte „Klimakritiker“, die den Klimawandel leugnen, spielen in der wissenschaftlichen Debatte keine Rolle. Ihre Argumente überzeugen keinen Forscher von Rang und Namen. 1986 wurde mit Walter Wallmann von der CDU der erste Umweltminister der Bundesrepublik Deutschland vereidigt. Die Wissenschaft ist sich damals wie heute einig: Wenn wir so weitermachen wie bisher, droht das Klima zu kippen.

Bekannt wurde die AfD unter Bernd Lucke als Professorenpartei. Doch das ist sie längst nicht mehr. Die AfD glaubt entgegen der Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte an eine „unbelegte Klimaschädlichkeit“ des CO2. Im Programm der AfD Baden-Württemberg heißt es: „Die Politik hat den Klimawandel zu einer menschengemachten Klimakatastrophe hochstilisiert“. Die AfD ist jedoch nicht die einzige Partei, die den Klimawandel für einen großen Schwindel hält. Beim „Bündnis-C“, einer radikalchristlichen Partei, warnt man davor dass „ökologische Katastrophen stattfinden, aber sie sind nicht die eigentliche Ursache, sondern Symptom für grundlegende Missstände, nämlich einer progressiven ethischen Verrohung der Menschheit.“ Der religiös-radikale Kern der AfD rund um Beatrix von Storch würde hierzu applaudieren. Hier orientiert man sich lieber nach Gott, anstatt nach dem gesunden Menschenverstand.

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Es kam wie es kommen musste. Die Geister, die Bernd Lucke mit einem Mitgliederwachstum um jeden Preis rief, beherrschen nun die Partei. Die neue AfD unserer Tage ist längst eine deutsche Version der amerikanischen Tea Party. Das bedeutet auch ein Ende des seriösen Anstrichs. Das Selbstverständnis als Professorenpartei ist der einfachen Bedienung von Ängsten gewichen. Und auch die Professoren sind längst weg.

Ich weiß, ich weiß – Spinner gibt es in jeder Partei. Doch Menschen, die in anderen Parteien keine Chancen hätten, machen bei der AfD jetzt Karriere. Gegen den Spitzenkandidaten aus Sachsen-Anhalt laufen gleich mehrere Haftbefehle. Petry droht eine Strafanzeige wegen Meineids. Beatrix von Storch war in einen Spendenskandal rund um ihren Verein „Zivile Koalition“ verwickelt. Der Spitzenkandidat für Rheinland-Pfalz war vorher Mitglied bei der vom Bayerischen Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften und beobachteten Partei „Die Freiheit“. Viele der Mitglieder mit rechten „Altlasten“ haben sich in der „Patriotische Plattform“ rund um Björn Höcke zusammengeschlossen und sind dabei die Partei immer weiter und weiter zu radikalisieren. Es ist keiner mehr da der sie stoppen kann – oder stoppen will.

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Mit dem Austritt des liberalen Flügels um Bernd Lucke ist die Balance in der AfD endgültig gekippt zugunsten von rechten Scharfmachern und religiösen Fundamentalisten, die selbst den Papst als Weichei verhöhnen. Diese Leute schreiben jetzt das Wahlprogramm. Und diese Leute werden in Parlamenten sitzen. Mut zur Wahrheit – das bedeutet auch einzusehen: Das ist nicht der konservative Rand der Union. Hinter der bürgerlichen Fassade verbirgt sich längst etwas völlig anders. Und von der ursprünglichen Professorenpartei blieb nur noch das Partei-Logo.

10. Feb. 2016
von Katharina Nocun
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09. Feb. 2016
von Don Alphonso
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Ein bescheidener Vorschlag zum verständigen Umgang mit Bayern, Panzern und Kanonen

Über die Donau zieht man nicht
Meine Grossmutter

Das ist mir jetzt mordspeinlich, aber ich muss leider das werden, was woanders als rassistisch gälte.

Es ist aber nicht so gemeint und betrifft nicht Menschen, die auf der richtigen, also unserer Seite der Donau wohnen, sondern de Leid von da andan Seidn. Sie sehen schon, hier auf unserer Seite ist der Mensch und da drim sann nua dLeid. Man spricht sie besser nicht auf Hochdeutsch an, denn das versteht man auf der falschen Seite der Donau gar nie nicht. Die falsche Seite der Donau ist in für uns auf dem Weg zum Tegernsee das, was Österreich zwischen Bayern und Italien ist: Eine historische Fehlentwicklung und der Beweis, dass man mit der Ansiedlung von Leuten vorsichtig sein soll. Denn die machen nur Ärger. Und dass ich Ihnen jetzt neben der schönen, klugen, reichen, das umgebende Gschleaf haushoch überragenden Stadt an der Donau und dem Tegernsee nun auch noch den Bayerischen Balkan dazwischen vorstellen muss, liegt genau daran, dass ein paar Burschn aus jener Region bundesweite Beachtung finden. Das gab es seit dem Mordfall Hinterkaifeck nicht mehr.

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Sie haben nämlich für den Faschingszug in Reichertshausen einen Panzer aus Pappe gebaut, auf ein Auto gesetzt und „Ilmtaler Asylabwehr“ darauf geschrieben – an einem Tag, da unsere Verteidigungsministerin meint, man könnte eine Grenze nicht schliessen, was ja  für so eine Oberbefehlshaberin ein Rücktrittsgrund sein müsste. Weil, wozu haben wir eine Armee, wenn sie die Grenzen nicht schützen kann? Als Titularministerium für Kanzlerinnenfachfolgerinnen? Aber wie auch immer, der nichtsnutzige Papierpanzer erhält weitaus mehr Aufmerksamkeit als nutzlose echte Armeen, gilt als geschmacklos und zog Anzeigen wegen Volksverhetzung nach sich – während Europas Grenzschützer Erdogan, den unsere Kanzlerin heute bekniet, die Migration zu reduzieren, unbehelligt echte Panzer auf Kurden schiessen lässt. Die dort ausbleibende, nur dem Ilmtal geltende Empörung der deutschen Medien ist ein schönes Exemplum für die Prioritäten deutscher Menschenfreunde, denen ich unter normalen Bedingungen jederzeit dLeid von der anderen Seite der Donau zum Frass vorwerfen würde.

Aber letzthin habe auch ich süffisant und mehrdeutig erzählt, dass man mit den Vorgängern der modernen Panzer hier bei uns sehr wohl Grenzen zu verteidigen wusste. Schlauerweise habe ich das in eine Geschichts- und Aufklärungsstunde verpackt, ohne mich moralisch zum Thema Abschuss von Schweden zu positionieren. So etwas bekommen heute viele in die falsche Kehle, und mein eloquenter Umgang mag mir meinen Stiernacken gerettet haben. Ich möchte aber sagen, dass auch der Schwede auf der falschen Seite der Donau stand und da braucht sich hier keiner wundern, wenn man ihm das Pferd abschiesst. Und zwar mit Kanonen, die hier immer noch stehen und funktionieren würden. Und wenn man sie genauer betrachtet, dann haben auch unsere echten bayerischen Waffen cum permissu superiorum eine lange Tradition des abwehrbereiten und leicht geschmacklosen Witzes.

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Das hier ist etwa der Sedlbauer, an dessen Hinterteil, als Gruß an den Feind, ganz oben, der schöne Satz „Haw Godt vor Augn“ steht. Der Sedlbauer ist auf dem Rohr mit seinem Pflug abgebildet, wie er die Erde aufreisst, und so soll die Kanone laut Inschrift auch mit dem Feinde verfahren, Wer also nach einem historischen Vorbild für die Beschriftung „Asylpaket III“ des Hallertauer Panzers sucht, wird hier bei den hochgebildeten Christenmenschen der bayerischen Renaissance schnell fündig. Es gibt dann übrigens auch noch eine gendergerechte Sedlbäuerin im gleichen Kaliber, die ihrem Mann im Bild mit der Egge nachfolgt und klein macht, was noch stehen sollte. Sprich, mit dem Sedlbauer verschoss man die grossen Kugeln und mit der Sedlbäuerin das gehackte, kleine Blei. Sanfte Moralpolitiker in der Regierung müssen sich das wie bei ihrem Menschenrechtspartner Erdogan und seinen Panzern vorstellen, wo es neben der Kanone gegen Gebäude auch noch schwere Maschinengewehre für menschlich-ungeschützte Ziele gibt – und Diplomaten, die versuchen, den Jecken das Maul zu stopfen. Mit dieser Tradition leben wir Deutschen durch unsere Staatsrepräsentantin auch heute noch recht gut, und setzen uns dazu lächelnd auf einen goldenen Sessel neben den Hüter der hohen Migrationspforte.

Und eigentlich will ich die Pfaffenhofener auch gar nicht verteidigen. Nur, weil wir selbst alle doppelmoralisch Tribut nach Istanbul abführen, wird eine hausgemachte Entgleisung nicht besser. Aber sie sind von der anderen Seite der Donau. Halbe Wilde. Agrarisches Entwicklungsland mit Drogenschwerpunkt, vergleichbar mit Afghanistan, nur Hopfen statt Haschisch. Da sollte man als politisch aufgeschlossener Mensch doch bitte keine Pauschalurteile machen, das war sicher nur witzig gemeint wie manche Handlung von Migranten, denen Grüne, CDU und SPD ja auch keine Aufmerksamkeit schenken, sondern auf kulturelle Eigenheiten verweisen. Da sollte man vielleicht mal ein vorsichtiges Integrations- und cultural Awarenesstraining machen – was bei jungen Burschen aus Syrien, Irak, Afghanistan und Nafriländern dem Zusammenleben verschiedener Kulturen dient, könnte nicht minder den Hallertauern gut bekommen. Sie hatten ausserdem eine schwere Jugend und mussten erleben, dass ihre Eltern hier bei uns für die Parkplätze zahlen mussten. Ausserdem haben sie ja auch vielleicht nur einen Witz in Richtung der eigenen Bevölkerung gemacht, weil dort so viele inzwischen zur Selbstverteidigung übergehen.

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Lasst sie laufen, seid mit einer Entschuldigung zufrieden, es war Fasching.

Oder zieht das durch, klagt sie an und stellt sie vor Gericht. Aber.

Ich wollte eigentlich gar nicht zu den Kanonen und heute auch generell nicht schreiben, ich wollte nur zum Bäcker, zum Schlüsseldienst, zur Pastamacherin und zum Radlgeschäft. Mir ist schon bewusst, dass die Stimmung in den Medien wenig nachsichtig gegen die Panzerfahrer ist, aber so sonderlich freundlich ist die gegenläufige Stimmung hier bei uns auch nicht. Das ist mehr so „Da haben sie mal wieder jemanden gefunden, um ein Exempel an ihm zu statuieren“. Und nach Tucholsky: „Was darf Satire? Alles.“ Da kommt ein „Wenn man nicht mal mehr an Fasching einen Schmarrn machen darf, was ist dann erst danach los?“ Einer fand auch das schöne Wort „Willkommenszensur“. Ein Blick in die bayerischen Geschichtsbücher lehrt, dass die Obrigkeit auf diese Art und Weise stets jene Märtyrer schuf, deren Verfolgung dann Rebellionen nach sich zogen. Kurz, ich komme vom normalen Volk und möchte vorsichtig darauf verweisen, dass es über den Panzer vielleicht nicht gelacht hätte. Aber mit den Anzeigen hört der Spass wirklich auf.

Man braucht kein feines Sensorium um zu wissen, dass hier Medien und Staatsmacht gerade an der Mutter aller Watschenbäume rütteln. So ein Panzer taucht auch nicht zufällig aus dem Gebüsch auf und verirrt sich in den Faschingszug. Das fand auch nicht jeder ganz schlecht. Belangen kann man vielleicht nur Panzerbauer, aber die anderen sind auch noch da. Und jene, die den Witz schlecht fanden, aber die Reaktion noch schlechter. Ich will hier fefinitiv keinen Pegidaableger oder 29 Prozent AfD-Wähler aus Trotz, und diese Region hier hat so viele Asylbewerber wie sonst kaum eine aufgenommen und vorbildlich versorgt. Man kann schon die Söhne der Leute hier verklagen. Aber die Asylbewerber werden trotz einiger Einzelfälle wie der Exzesse von Rockolding, der diversen Vorkommnisse und dieser Geschichte vom erträglichen Klima im Landkreis abhängig sein. Gleich nebenan in Landshut hat der Landrat schon Flüchtlinge nach Berlin gebracht. Das ist die Stimmung bisher, morgen könnte sie schlechter sein. Ich komm von hier, wenngleich von der richtigen Seite der Donau. Ich kenne die Leute. Lasst es gut sein, liebe Medien, wenn ihr wollt, dass Pfaffenhofen gastfreundlich bleibt. Lasst nicht den Eindruck entstehen, dass man Ersttäter in Kiel und Köln laufen lässt, und ihr in der Hallertau Burschen mitsamt ihrer hilfsbereiten Heimat wegen einer misslungenen Sache rasiert und öffentlich pauschal verdammt, wie so ein besoffener Pegidagröler halt.

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„Weck mich nit auf“, steht über dem schlafenden Löwen.

Natürlich muss keiner auf mich hören und man sagt, man sollte Vertrauen in die Gerichte und den Staat haben.Aber weiter im Süden überlegt sich der Östereicher schon, wie er die Flüchtlinge von seinem Territorium fern hält, er poussiert mit dem Orban und verschlechtert die Bedingungen so, dass seine eigenen Schutzsuchenden vielleicht bald zu uns weiter ziehen. Vielleicht wird in der EU niemand helfen, und Erdogan die schönen EU-Milliarden nur nutzen, um sich den Kurden statt den Schleppern zuzuwenden. In dieser Lage eine ganze Region vorzuführen, wegen eines Papierpanzers an Fasching, hilft nicht dem Landfrieden, den man in der Krise bräuchte. Was heute ein billiger moralischer Sieg ist, könnte morgen zu einer sturen Verweigerung führen. Das sind eigenwillige Leute. Hopfenbauern. Eine ganz eigene Rass, sagen wir in Bayern. Ich tät mich gut mit ihnen stellen. Wirklich. Wenn meine italienische Pastaköchin schon stinksauer ist, wird es da über der Donau unter der Oberfläche der medial erzwungenen Einsicht noch etwas schwieriger sein.

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Also, lasst es gut sein, demütigt sie und die Region nicht und schwabbd es hinunter, nach alter Väter Sitte. Oder macht weiter, aber sagt dann nicht, ihr hättet nicht gelesen, was hier auf den Kanonen steht. Ich meine es nur gut.

09. Feb. 2016
von Don Alphonso
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04. Feb. 2016
von Don Alphonso
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Eigenfussfetischismus in der Migrationskrise

Fälle nicht den Baum, der Dir Schatten spendet.
Arabisches Sprichwort

Heute kam, gross, schwer und schwarz umrandet, eine Belle-Epoque-Schönheit. Um meine Sammlung nicht unermesslich wuchern zu lassen und den Fokus auf Portraits des Rokoko zu halten, habe sich eiserne Gesetze gegen den Kauf solcher Gemälde, und die waren in diesem Fall so hart wie geschmolzener Stahl. Ausserdem habe ich auch das eiserne Gesetz, gedankenschwere, schwarzböse und grosse Anklagen in Form von Mails und Kommentaren nicht zu beachten. Aber wenn man schon mal das eine Gesetz bricht, kann man auch das andere ignorieren. Zumal da gerade ein wichtiger Punkt genannt wird, auch wenn es eigentlich um diesen und jenen migrationsideologiekritischen Beitrag ging.

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Der Autor der Anklage gegen mich also schrieb, ich fasse es zusammen.

Du greislicha Hodalump, was bildest Du Dir eigentlich ein, eine Meinung zu verbreiten über andere, die nicht wie Du in vorteilhafte Bedingungen geboren wurden und nun gramgebeugt ihren Anteil an der Waffenexportnation Deutschland – dieses miese Stück Dreck – einfordern. Du solltest mehr Empathie zeigen angesichts derer, die sich durch den Balkan schleppen, gerade Du, der Du doch selbst nicht auf eigenen Füssen stehen kannst.

Dreistes Gschwer Das mit den eigenen Füssen stand da wirklich so drin. Ich könnte nun antworten, dass ich auf dem Balkan war und weiss, dass dort die zu Fuss zurückgelegten Strecken der Flüchtlinge nicht sonderlich weit sind, und vor allem auf Bus und Bahn zurückgegriffen wird, seitdem alle Nationen die Menschen durchschleusen. Offen gesagt halte ich diese Bilder, die wir von in Decken gehüllten Wanderern in eiskalter Landschaft vorgeführt bekommen, nicht für vollkommen repräsentativ, um es höflich zu formulieren – nur ist mir natürlich auch bewusst, dass solche Anklagen gegen mich nie derartig wütend wären, würden Zeit, Prantlhausener Zeitung und Spiegel Buskonvois in landschaftlich reizvoller Atmosphäre zeigen. Aber ich muss natürlich zugeben, dass die Aussage mit den eigenen Füssen nicht völlig von der Hand zu weisen ist. Offen gesagt ist es noch viel schlimmer: Ich habe es erst gar nicht versucht.

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Warum auch? Bessere Kreise sind bessere Kreise, weil das Leben dort erheblich besser ist, und das wiederum hat viel mit der gegenseitigen Unterstützung der Familienmitglieder, Freunde und Verpflichteten zu tun. Um es an einem kleinen Beispiel zu illustrieren: Letzthin kam das Gespräch auf Immobilien in Leipzig und Goldkäufe. Solche Angebote kommen bei uns öfters mal rein; wenn Sie am Tegernsee wohnen, wissen Sie, dass die Papiertonnen voll mit solchen imposanten Druckerzeugnissen sind. Da sieht man dann im Konzertverein den P., den Vater der E., und lässt das vorliegende Angebot ganz dezent in das Gespräch einfliessen. Der P. ist als pensionierter Bankchef zufällig Experte in solchen Dingen, und so hat man eine ehrliche, von Geschäftsinteressen unberührte Einschätzung. Das geht so bei rechtlichen Fragen, bei der Beschaffung eines klassischen Automobils bei der Hochzeit, beim Brennholz, bei der Katzenpflege im Urlaub, bei der Vermittlung von Mietwohnungen unter der Hand – ich kenne das nicht anders. Ich weiss gar nicht, was ein Branchenbuch ist. Man kennt sich, die Eltern kannten sich schliesslich auch schon, und Grössväter gingen zusammen jagen.

Ich empfinde deshalb uneingeschränkte Hochachtung vor der R., die vor fünf Jahren den drastisch schlechten Berufsaussichten in einem abgelegenen Dorf der nördlichen Toskana davongelaufen ist, und sich nach der Zwischenstation als Kellnerin in einem Restaurant prächtig macht – zuerst mit Pastaficio und jetzt mit einem eigenen Lokal. Dafür arbeitet sie immer, wenn sie nicht schläft. Ich erschaudere in Ehrfurcht vor einer sehr geschätzten Bekannten, die nach zwei gescheiterten Beziehungen ohne jede Hilfe zwei prächtige Kinder erzieht und dafür Konventionen mit Füssen tritt. Es freut mich, wenn Bekannte eigene Wohnungen ersparen und Vermögen bilden. Aber es hat mich halt keiner gefragt, ob ich irgendetwas davon selbst tun wollen würde. Niemand in meinem Umfeld wurde aufgefordert, Folgen kaputter Beziehungen allein zu schultern. Die Bekannten, die nach Italien gingen, konnten sich darauf verlassen, dass die Eltern schon die richtigen Vorsorgen trafen.

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Und würde man etwas in der Art versuchen, würden einem erst alle für den Unternehmergeist und den Wagemut gratulieren, einen hochleben lassen und dann überlegen, welche Gründe man anführen könnte, damit der Gelobte das besser doch nicht macht. Man wird schliesslich im Heilsplan der Klasse an der Stelle, an der man ist, benötigt. Würde ich etwa zum Strelizienzüchten nach Madeira auswandern, wäre das System nicht im Mindesten beglückt, keinen Ansprechpartner für Medienfragen mehr zu haben. Ein überregional schreibender Autor ist eine feine Ergänzung für eine regionale Cosa Nostra Gesellschaft, die froh ist, wenn ihre Sorgen und Nöte von der viel zu hohen Steuer bis zum baldigen Weiterwandern der Migration in die Regionen des ungebrochenen Willkommens wie Berlin-Kreuzberg und Hamburg-Speicherstadt gehört werden. Auf eigenen Füssen stehen ist fraglos eine Tugend und verdient Respekt. Aber das System hier will auch seinen Respekt und erkauft ihn mit der Annehmlichkeit, nicht an der vordersten Front durch die Stacheldrahtverhaue des Existenzkampfs robben zu müssen.

Und an dieser Stelle kommt auch unsere westliche Kultur und Kunstgeschichte ins Spiel. Wir sehen heute, dass Menschen selbst nach grösster Gefahr, auf Lesbos angekommen, das Mobiltelephon zücken und Selfies machen. Das ist heute technisch möglich, aber das Bürgertum bevorzugte lange Zeit immer noch das Portrait in Öl auf Leinwand. Bilder wie jenes, dessen Details wir hier betrachten, entstehen aus dem Willen, Schönheit zu konservieren, aber auch aus dem Wunsch nach sozialer Distinktion. So liessen sich die Gonzaga von Mantegna in die Camera degli Sposi malen, so lachen die Mitglieder der Familie Pisani aus der Hand von Tiepolo von der Decke ihrer Villa, so hat man es bis weit ins letzte Jahrhundert gehalten. Das ist teuer. Das kann sich niemand leisten, den die Eltern mit 20 vor die Tür setzen und sagen, er solle auf eigenen Füssen stehen, die Miete selbst zahlen und eigenes Vermögen erwirtschaften. Jedes Gemälde junger Schönheit ist auch die Geschichte von Eltern, die dafür ein kleines Vermögen investierten. Wann immer den Kunstsinnigen bei seinen von den Eltern finanzierten Grand Tours durch Europa also ein junger Mensch aus dem Bilderrahmen anlächelt, entsteht eine Verbindung der sozialen Prägung über Jahrhunderte hinweg. Das ist unser Platz in der Kulturgeschichte, von der alle zehren. Das ist wahrhaft sozial. Das können nur wir, und wir tun es mit Hingabe. Wer dagegen auf eigenen Füssen stehen musste, hatte früher andere Sorgen und heute wenigstens ein Selfiehandy.

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Und er hat – bislang noch – soziale und von der Allgemeinheit finanzierte Absicherung, die das „auf eigenen Füssen stehen“ im Vergleich zu früheren Epochen mit Verhungern und Pockentod deutlich relativiert – nicht ganz zufällig werden wir gerade Zeugen einer Migration mit mindestens 60 Prozent reinem Invasionswunsch in dieses System. Es könnte also durchaus sein, dass der Anspruch, sich wirklich alles selbst zu erarbeiten, ohne jede Hilfe und getrieben vom stahlharten Willen, den man gern den Reichen abverlangen würde, weiter unten gar nicht so eng gesehen wird. Vielleicht hat man sich dort auch nur so an den Staat und seine Freundlichkeiten gewöhnt, wie unsereins an die klassenspezifischen Privilegien. Es ist nicht so, dass ich das verurteilen würde. Es ist lediglich so, dass ich ohne falsches Schamgefühl gekaufte Bilder aufhänge und Maler bewundere, weil ich das nicht könnte. So wie ich jene bewundere, die wirklich und wahrhaftig auf eigenen Füssen stehen, was ich ebenso nicht könnte.

Aber trotzdem fände ich es nett, wenn man sich auch mal in meine Lage versetzen könnte – unsereins muss schon in den Konzertverein, in Museen und bald wieder nach Italien. Da ist zum Stehen auf eigenen Füssen einfach keine Zeit.

04. Feb. 2016
von Don Alphonso
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28. Jan. 2016
von Don Alphonso
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Helikoptereltern zwischen Fahrradhelm und Bruchlandung

Hier kommt Kurt, ohne Helm und ohne Gurt
Frank Zander – für B. aus B.,  seinen Sohn und den Singer

Uno, dos, tres, natürlich fragt sich das ganze Land, wie man Kinder so erzieht, dass es ihnen später einmal besser geht. Fraglos ist “besser“ ein Lebensumfeld, in dem Zwänge wie Arbeit und Erwerbsleben für viele nur optional sind – bereichernd, sicher, aber das wäre doch nicht nötig. Ich zum Beispiel schreibe nichtswürdige Texte über sozial Fragwürdige am Tegernsee und damit in einem Landkreis, dessen Millionärsdichte höher als die Hartz-IV-Dichte woanders ist. Es geht uns besser und wenn das Kind anderer Leute ebenfalls besser leben soll, so kann man sich hier einiges bei der Erziehung abschauen. Zum Beispiel beim sonntäglichen Sport.

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Dieser Hügel hier heisst “Osterberg“ und findet sich gleich links hinter der Mangfall, am Beginn des Tegernseer Tales. Vom See bis zum Gipfel sind es rund 90 Meter, und derer 40 verteilen sich auf eine Alm, die abzulichten mir vom Arbeitoderwasmanhaltsonenntsplatz aus möglich ist. Im Sommer stehen hier die Kühe, im Winter dagegen lernen die Kinder hier die allerersten Grundlagen des Umgangs mit Schnee: Andere einseifen, Schneemann bauen, den Berg hinunterrutschen, rodeln und sogar Stürze mit den Skiern. Egal ob Wochenende oder werktags, hier herrscht bei Schnee immer buntes Treiben, Kinder jauchzen, gottverdammte Schadmünchner parken mit ihren dreckigen Leasing-SUVs die Strasse zu, dass kein Bentley mehr durchpasst und Grosseltern freuen sich, dass alles wie früher ist.

Wichtig ist es natürlich, dass dem Nachwuchs nichts passiert. Und passieren kann hier viel, denn schon der nächste Berg ist dann voller Wald und engen Schneisen, die erste Skipiste beherbergt schon Skicross-WM-Läufe, und die Krankenhäuser wissen, dass mit dem Schnee auch Menschen fallen und sich alle nur möglichen Knochen brechen, wenn sie ungebremst in den Bergwald abfliegen. Das ist hier am Osterberg natürlich anders. Niemand könnte einen Rodelhang für Kinder besser erfinden. Er ist fast komplett baumfrei, bietet oben ein schönes Panorama über den ganzen Tegernsee, und das Geländeprofil ist absolut kindersicher. Vom Plateau aus geht es erst sacht bergab, dann wird es steil und schnell, aber bevor zu schnell wird, wird der Berg in einer langezogenen Kurve flacher.

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Das heisst, die Kinder auf den Rodeln und Schlitten und Bobs erreichen eine relativ hohe Geschwindigkeit, die sie jauchzen lässt. Aber es wird nie zu schnell. Es ist wie das Leben der Vermögenden: Gut, aber auch kontrolliert, absehbar und sicher. Sorglos. Es ist ein wirklich sorgloses Vergnügen. Kinder bekommen hier einen Vorgeschmack auf das, was ihnen das Leben zu Füssen legen wird: Viel Spass, der sich lange hinziehen wird. Und Eltern, die ihnen jetzt den Rodel hoch schleppen und in einigen Jahren auch das Auto und die Wohnung kaufen. Alles ist sicher, alles ist gut, und wenn Sie nun denken, das sind aber Helikoptereltern – dann haben Sie recht. Aber anders, als Sie glauben. Denn dieser schöne, lange, gerade Hang hat durch ebensolche Helikoptereltern vom Tegernsee aufgeschüttet an der Stelle, wo es besonders steil und schnell ist, eine Rampe, die steil in den Himmel zeigt.

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Was Sie hier sehen, sind die Eltern eines gerade abhebenden Helikopters. Dieses Luftgefährt, das im übrigen keinerlei Helm oder sonstige Schutzkleidung trägt, hat es auf einem schwer steuerbaren und harten Plastikrutscherl also hierher geschafft und überwindet unter Ausnutzung der Physik bis in etwa ein Meter Höhe die Schwerkraft, bevor es sich dann mit aller Wucht in den Boden rammt. So einen Aufschlag höre ich bis zu mir auf die Terrasse, selbst wenn die Eltern nicht johlen würden. Aufgrund der systemimmanenten Instabilität – etwa wie bei einem modernen Kampfflugzeug oder einem Hubschrauber – erfolgt der weitere Bewegungsablauf in einer Wolke aus Schnee mit einem Überschlag, noch einem Überschlag und noch einem Überschlag.

Und die Eltern sitzen daneben und machen Bilder.

So ist das in besseren Kreisen; Als mein Vater das Skifahren lernte, hat er ein ganzes Cafe abgeräumt, mir hat mein Onkel einen Schubs in den Bergwald gegeben, und es erfüllt mein Herz mit Wärme zu sehen, dass es neben der Genration Fahrradhelm auch noch eine Generation Bruchlandung gibt. Und zwar nicht nur dann, wenn die Eltern ihre Kinder eine Sekunde allein lassen, sondern mit Billigung und extra steiler Rampe in den blauen Winterhimmel hinein. Ich wohne hier seit einigen Jahren, immer sind hier Rampen, dauernd kracht etwas zu Boden – und noch nie sah ich einen Sanitäter. Ich selbst mache da übrigens nur nicht mit, weil mir auch im höheren Alter schmale, vereiste Rennpisten mit engen Kurven im Bergwald mehr Lebensfreude als nur so eine Rampe geben. Man wird nie zu alt, um harten Sex Spass mit der Schwerkraft zu haben.

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Aber ich denke, dass Kinder dort drüben etwas Wichtiges lernen: Dass man sich selbst in Gefahr bringen kann, dass man öfters mal die Kontrolle verliert – aber dass es danach weiter geht. Man wird aufstehen, den Schnee abschütteln, und es nochmal versuchen. Das ist so eine Haltung, die ich von Kindern aus meinem Umfeld oft kenne: Eine gewisse Sorglosigkeit dem Leben gegenüber. Das weitgehende Fehlen der Zukunftsangst. Ich lese, während es draussen kracht und schreit, Europa 1925 des britischen und vermögenden Reiseschriftstellers Robert Byron, der sich mit seinen Freunden, ohne zu wissen, worauf er sich einlässt, auf eine Reise nach Athen über Deutschland und Italien begibt. Dauernd geht etwas schief, die Technik versagt, Zöllner werden rabiat und es könnte immer schlimm enden – aber die Protagonisten haben eine unerschütterliche Zuversicht in das Kommende. Und ich denke, diese Zuversicht können Kinder erwerben, wenn sie ganz fest anschieben, damit sie später möglichst hoch fliegen.

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Was aus der umsorgten, watteverpackten Generation Fahrradhelm wird? Vielleicht voll aware Menschenfreunde, die für alles und jeden Safe Spaces fordern. Kontrollfreaks wie ihre Eltern. Schwanzeinzieher, wenn dann jemand kommt, der sich einen Dreck um ihre Regeln kümmert, und dann lieber kulturelles Verständnis fordern, auch wenn es längst um alles geht. Die Leute, die immer die neueste Alarmanlage haben und trotzdem schlecht schlafen. Reichtum ist vererbbar, aber Ängste sind es auch.

Und falls sich da drüben doch mal ein Kind etwas brechen sollte, ist es halt Bekanntschaft mit Herrn Darwin. Individuell tragisch. Aber angesichts der biologischen Prädestination der Eltern unter Verzicht auf Pille und Kondom genetisch ersetzbar. Wir haben ohnehin eine historisch einzigartige Überlebensquote bei minimalen Risiken und weltweit führender medizinischer Versorgung. Ein paar blaue Flecken, die ich selbst auch überlebt habe und jedes Jahr überlebe, erscheinen mir ein geringer Preis für das richtige Bewusstsein dem Leben gegenüber zu sein. Der Zeitgeist sieht das anders und fordert natürlich Radhelme und Vermögenssteuern und Empathie für Leute, die uns nicht vorgestellt wurden. Auch so kann man schon bei den Kleinsten Klassen erzeugen. Die einen wissen, wie man fliegt und purzelt. Die anderen wissen, dass man immer aufpassen muss. Die einen sehen die Sonne und die anderen den Lichtschutzfaktor. Die einen sehen die Berge und die anderen, wie man in Bayern so schön sagt, mit dem Ofenrohr ins Gebirg.

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Also, wenn da eine Rampe ist. Drüber. Mit Gebrüll.

28. Jan. 2016
von Don Alphonso
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26. Jan. 2016
von Don Alphonso
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Vier unhöfliche Männer haben nichts mit dem Islam zu tun

Wenn Du den Pfeil der Wahrheit abschiessen willst, vergiss nicht, die Spitze in Honig zu tauchen.
Arabisches Sprichwort

Ich komme aus einem längst vergessenen Land, in dem zur Weihnachtszeit wohlsituierte Menschen handgeschriebene Überweisungsträger zu Banken brachten, um erkleckliche Summen den Bedürftigen zu spenden. „Wir schenken uns nichts, wir spenden lieber“ war in meinen Kreisen ein gängiges Verhalten, und damit wurde die Welt ein klein wenig besser. Diese Welt, deren Teil ich war, existierte vor einem Jahr noch. Dieses Jahr gehen die Gespräche nicht mehr darum, wie viel man spendet, sondern um die Reichweite von Pfefferspray, Alarmsirenen und Selbstverteidigung. Ich muss ganz offen sagen, dass mir das alte Land sehr viel besser gefallen hat, aber es wurde anders, und nach Silvester geht wirklich die Angst um. Besonders, wenn es in den Städten dunkel wird.

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Da kann die Polizei noch so sehr betonen, es gäbe bislang keine Erkenntnisse über signifikant steigende Kriminalität durch Migranten des letzten Jahres: Der bürgerliche Konsens ist, dass man erst gar nicht erst Teil einer Verbrechensstatistik werden will. Andererseits ist meine dumme, kleine Heimatstadt relativ sicher: Trotz notorisch hoher Anzeigenbereitschaft – da weiss ich als Altstandbewohner, wovon ich rede – ist die Kriminalitätsrate nur halb so hoch wie in Berlin, und die Aufklärungsquote ist dagegen anderthalb mal so hoch. Hier werden noch Graffitischmierer drakonisch verfolgt und in der Donau ers, und wer sein Handy sichtbar im Auto liegen lässt, bekommt von der Polizei auch schon mal einen Hinweis an die Windschutzscheibe gehängt. Seit vielen Jahren erledige ich meine Bankgeschäfte auf den letzten Drücker in der Nacht, weil dann bei den Überweisungsautomaten wenig los ist, und nie hatte ich deshalb ein Gefühl der Bedrohung.

Insofern war es letzten Donnerstag nur Routine, dass ich gegen elf Uhr das Haus verlassen habe, und durch unsere prächtige Altstadt hinunter zur Sparkasse ging. Ein Gemälde musste bezahlt werden, und am nächsten Tag gedachte ich, in die Berge zu reisen. Da wollte ich noch etwas Geld abheben. So ist das nun mal, das machen viele am Abend so, und manche verbinden dann auch einen Theater- oder Filmbesuch mit einem kurzen Abstecher ins Foyer der Bank. Man kommt aus Richtung Norden und geht schräg über den Rathausplatz, und wer in diese Diagonale beschreitet, muss eben zu Bank. Vor mir waren zwei Frauen auf diesem Weg, die unabhängig von einander erst langsamer gingen, dann abbogen und sich schnell in eine andere Richtung entfernten. Offensichtlich hatte das etwas mit den vier jungen Männern zu tun, die im Foyer knapp hinter der Tür standen.

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Ziemlich breitbeinig, ziemlich raumgreifend, mitten im Weg, und obendrein von dem Typus, der momentan trotz aller liebevoller Anweisung durch öffentlich-rechtliche Anstalten, die Sache doch rational zu betrachten, die Frauen zum Kauf von Pfefferspray bringt, Nun ist gerade Winter, und es kommt öfters vor, dass Leute im Foyer auf den Bus warten: Drinnen ist es warm, draussen ist es kalt. Das Foyer ist gross, ein Saal mit weit über hundert Quadratmeter, da stört es niemanden, wenn in einer Ecke ein paar Leute stehen. Nach Mitternacht ist das Foyer ohnehin geschlossen. Diese vier Herren jedoch stehen nicht irgendwo am Rand, sondern mitten im Weg, und als ich, zynischer Journalist, der ich bin, die Kamera hebe, geht ein Mann an mir vorbei. Geht ein paar Schritte, schaut hin, hält an, biegt ab und entfernt sich wie die Frauen. So bleiben die vier jungen Männer in ihrer dunklen Kleidung allein im Foyer.

Ich muss dort auch nicht hinein. Es gibt am anderen Ende des Bankgebäudes noch ein zweites, kleineres Foyer mit Automaten. Ausserdem sind an beiden Enden des Raumes Türen – man kann einfach hindurch gehen. Man wird sehen, was passiert. Das ist eine bayerische Stadt, hier herrschen Recht und Ordmung, und die Sparkasse am Ort hat einer meiner Vorfahren mitgestaltet. Meine Stadt, meine Bank, meine Automaten. Wobei, als ich näher komme, wird mir schon klar, dass ich dort nicht abheben werde: Es sind vier, ich bin allein, und ihre Tüten haben sie neben den Geldautomaten abgestellt. Ich schätze bei Bankgeschäften die Distanz, und die ist hier nicht gegeben. Ausserdem habe ich lang in Italien gelebt, und meine – in der Wolle knallrot gefärbten – Freunde, deren Nachbarhaus in Flammen aufging, haben mir beigebracht, möglichst viel Distanz zu wahren. Mein italienisches Ich, das schon Raubüberfälle erlebt und das falsche Ende von Messern gesehen hat, will da eigentlich gar nicht hinein. Mein deutsches Ich stechschreitet weiter. Dann öffnet sich die Schiebetür, und nein, diese vier Herren haben mit dem Islam nichts zu tun. Denn der Islam gebietet als patriarchalische Kultur, wie der Name schon sagt, ganz zentral Achtung vor dem Alter. Direkt an der Tür im Weg stehen und keinen Millimeter weichen, den deutlich älteren Ankommenden sehen, feixen, und weiter recht laut – und nach meiner bescheidenen Meinung auch erkennbar alkoholisiert – redend ignorieren entspricht überhaupt nicht der Höflichkeit, die man in arabischen Ländern älteren Menschen entgegen zu bringen hat.

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Das kann man sich dort nur leisten, wenn man entweder sozial sehr hochgestellt ist, oder andere, die sozial nicht unterlegen sind, beleidigen will. Aber im normalen Umgang der islamischen Welt gilt das, wie auch bei uns im patriarchalischen Bayern, als ausgesprochen unfein und respektlos. In einer Bank könnte man sich das dort nicht leisten. In der ostafrikanischen Tewahedo-Kirche ist das übrigens auch nicht anders, dort gilt die jüdische Hochachtung vor den Älteren. Es handelt sich bei den mutmasslich aus Eritrea oder Somalia stammenden Herren nicht um Vertreter einer multikulturell anderen Einstellung zum breitbeinig Dastehen, sondern um Wissende einer auch in ihrer Heimat fragwürdigen Dreistigkeit. Das betrifft übrigens, wenn ich das anmerken darf, auch die Exzesse in Schwimmbädern, die man nun mit Bildchen zu begrenzen versucht: Den Beteiligten ist aus ihrer Heimat sehr wohl bewusst, dass solche Übergriffe in Blutrache ausarten können. Das tut man im Irak, in Syrien und Afghanistan nicht, und die soziale Fragwürdigkeit wird durch äusserst rabiat agierende Clans verdeutlicht. Man kann den sozialen Druck solcher Clans und ihrer gesellschaftlich akzeptierten Rachegelüste nicht effektiv durch nette Bildchen ersetzen. Es würde auch nichts bringen, den Herren im Foyer mit Bildchen zu erklären, dass dieser Raum allein Bankkunden vorbehalten ist, und sie sich doch bitte, wenn überhaupt, dezent am Rand aufhalten möchten, und die Taschen mit den Flaschen von den Geldautomaten entfernen. Wären es keine Migranten, sondern weisse, heterosexuelle Deutsche, würden Netzfeministinnen jetzt von „Breitmachmackern“ sprechen und schärfere Gesetze fordern.

Mein italienisches Ich gelangt zur Überzeugung, dass es nur so mittelklug ist, hier einen grösseren Betrag vor den Augen dieser lauten, aufgedrehten und breitbeinigen Herren im Eingang abzuheben. Mein italienisches Ich verweist auf den Umstand, dass der Heimweg durch eine finstere Altstadt führt, und letzthin am Tegernsee ein Herr aus Tansania versucht hat, einem anderen Herrn aus dem Senegal den Kopf mit einem Stein einzuschlagen – wegen 2 Euro. Mein italienisches Ich verspürt sehr schlechte Schwingungen im Raum und möchte diesen Herren nicht den Rücken bei einem Geldtransfer zuwenden. Mein italienisches Ich will einfach nur schnell wieder raus und Shackelton zitieren, der nach einer gescheiterten Expedition seiner Frau schrieb, er habe angenommen, ein lebender Esel sei ihr lieber als ein toter Löwe. Mein italienisches Ich findet, dass ich schon mutig genug war, nicht wie die anderen davonzulaufen, und nebenbei will es wissen, ob ich ein Telefonino dabei habe. Es würde gern die Polizia Municipale anrufen, damit die denen klar macht, wie dumm, dreist und daneben es ist, sich hier so zu benehmen. Natürlich ist das kein Verbrechen, aber mein italienisches Ich ist auch Kavalier und möchte, dass Frauen, wann immer sie wollen, ohne dreiste Machospiele an der Tür über ihr eigenes Konto verfügen sollen. Es gibt ein Grundrecht auf Asyl, das mag schon sein, aber auch ein Grundrecht der Sicherheit im Alltag. Mein italienisches Ich favorisiert hier eine Rechtsgüterabwägung mit Blaulicht, Hausverbot und Platzverweis.

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Natürlich werden Freundinnen des deutschenfeindlichen Rassismus, denen das reale Leben von Nichtfeministinnen egal ist, jetzt feixen, denn die Asylbewerber haben damit ihren Zweck im totalitären Weltbild erfüllt, und den Deutschen endlich mal in seiner Komfortzone die Unsicherheit der Welt spüren lassen. Und sie haben es so geschickt getan, dass der Deutsche wirklich nicht weiss, ob er nun etwas tun soll, oder nicht. Denn natürlich ist es draussen kalt, natürlich geht man ins Foyer, und es wäre unhöflich, andere draussen frieren zu lassen. Es ist keine leichte Entscheidung, was da zu tun ist. Es ist im Graubereich zwischen bedrohlichem Anschein und Bedrohung. Sie sind nun einmal da, hat die Frau gesagt, die diese Leute eingeladen hat. Sie hat auch behauptet, die Kanzlerin hätte die Lage unter Kontrolle, aber die einzige echte Kontrolle an diesem Abend sind vier junge Männer, die eine Tür dicht machen. Mindestens zwei Frauen überlegen jetzt, ob sie wirklich noch gefahrlos ausgehen können, und ob Pfefferspray nicht doch eine gute Idee wäre.

Das Deutschland, aus dem ich stamme, das Land, das die hauseigenen Rassisten der Linken so sehr hassen, war ein gutes Land, und bewohnt von Türaufhaltern, Rücksichtsnehmern – sofern sie nicht gerade im Auto sassen – Schlankmachern und Vortrittlassern. Es war ein Land, das so phantastisch funktionierte, weil sehr viele nicht das in Anspruch nahmen, was möglich war, sondern nur das, was sie wirklich brauchten.Nur deshalb konnte es sich eine generöse Wohlfahrt leisten. Es war ein Land von guten Umgangsformen, und obendrein auf allen staatlichen Ebenen dem Gemeinsinn verpflichtet, wie mein italienisches Ich immer wieder zähneknirschend beim Blick auf italienische Verhältnisse zugeben musste. Es war ein Land, dem man gut sein Dasein anvertrauen konnte, tolerant, weltoffen, hilfreich und idealistisch. Es war ein Land der Spendenschecks und der egalitären Biergartensitzer. Es war ein Land, dessen Banken jeder bedenkenlos in der Nacht besuchen konnte. Dieses Land verschwindet mit jeder Massenschlägerei, mit jedem sexuellen Übergriff und jeder helfenden Verharmlosung mit Hilfe der Familienministerin, jeder Jagd auf Journalisten, jedem Brandsatz an Unterkünften und Autos, bei jedem Schuss auf Plakatekleber und jedem Messerstich, und mit jeder Frau, die stehen bleibt und schnell in eine andere Richtung geht. Man sagt mir, diese Migrationskrise sei wie eine Kneipe, in der achtzig Menschen sind, und dann kommen halt noch ein, zwei Leute dazu. Leider ist diese Migrationskrise auch vier breitbeinige, laute, dreiste Herren im Eingang meiner Bank. Keine Flüchtlinge, sondern Migranten, die vermutlich über Italien kamen, ein Land, das auch friedlich ist und das Asylrecht kennt, aber ihnen keine üppigen Privilegien anbietet. Italien ist ein Land. das solche Leute nicht explizit zum Kommen auffordert und nicht erwartet, dass das Volk ein freundliches Gesicht macht, weil wir die Grenzen angeblich ohnehin nicht schützen können.

Das stimmt. Wir können angesichts derjenigen, die Integration weder als Bring- noch Holschuld, sondern als Anlass zum Feixen betrachten, noch nicht mal die Türen unserer Banken frei halten. Und das hat alles nichts mit dem Islam zu tun. Nur mit Feigheit, schlechtem Benehmen, offenen Grenzen und dem totalen Versagen an der Spitze der Regierung eines Landes, das früher schön und freundlich war.

26. Jan. 2016
von Don Alphonso
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20. Jan. 2016
von Don Alphonso
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Kinderversklavung als gesunkenes Kulturgut

Die Vergangenheit ist wie ein Teppich. Man kann auf ihm schreiten oder auf ihm ausrutschen.
John Steinbeck

Glück, ein echtes Glück an so einem Wintertag ist es, morgens über altes Parkett in die Küche zu gehen, einen mitleidigen Blick auf die Schulkinder zu werfen, die auf der Strasse durch den Schnee und die Dämmerung zur Unterwerfung marschieren – wie habe ich das gehasst – und dann, noch im Pyjama, auf dem roten Samtsessel im Antechambre in einem Buch zu blättern, bis das Wasser kocht. Die nackten Füsse ruhen auf einem alten, dicken Perserteppich, und kein Blick in das Netz hat einen schon über Terror in Pakistan und den U-Bahn-Mord in Berlin aufgeklärt. Mit den Füssen auf dem Perserteppich, mit Blick auf Bücher und Gemälde und Mitbringsel meines Onkels aus einem längst versunkenen, damals noch faszinierenden Orient ist die Welt für mich noch in Ordnung.

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Andere würden den Teppich dagegen nicht benutzen, sondern gern umdrehen. Früher, in meiner Jugend, als ich sozialisiert wurde, haben wir das gemacht, um die Qualität zu bestimmen und Knoten zu zählen. Man fand es wichtig, dass Kinder nicht nur Silberstempel kennen und Pressglas von Kristall zu unterscheiden in der Lage sind, sondern auch Muster und Machart von Teppichen einschätzen können. Der hier ist, Kundige werden es erkennen, von mittlerer Qualität. Ein guter, robuster Gebrauchsteppich, dick, warm, und er wurde, wie viele nach der Revolution im Iran, vor etwa dreissig Jahren in Pakistan hergestellt. Und weil er doch etwas älter ist, hat er nicht das, was andere an ihm suchen würden: Einen Aufkleber, dass der Millefioriteppich fair und ohne Kinderarbeit hergestellt wurde. Denn das war der grosse Skandal der frühen 90er Jahre, das wurde angeprangert, deshalb empörten sich die Gazetten: Man hatte Anstoss am Umstand genommen, dass Kinder nicht zur Schule gingen, sondern als billige Arbeitskräfte diese Luxuswaren produzierten. Von der moralischen Verwerflichkeit her belegte der Perserteppich aus Kinderhand damals Platz 2 nach dem Babyrobbenpelzmantel.

Importeure versuchten, mit Siegeln, Abkommen und Bildern von glücklich lernenden Kindern dagegen zu halten. Man baute Schulen und argumentierte nicht ganz unzutreffend, dass die Arbeit am Teppich den Menschen seit jeher den Unterhalt garantiere und Kinder, wenn sie das Handwerk früh lernten, später fähige Künstler seien. Ausserdem sei das die Tradition und… es half alles nichts. Handgeknüpfte Teppiche sind in Deutschland nie mehr das Stigma losgeworden, sie seien das Produkt von brutalster Kinderversklavung, an jedem Knoten klebte Blut und die Schuhe der besseren Kreise wateten im Fluch verpfuschter Kinderseelen. Auf diese Weise wurde ein Luxus, der Menschen des Okzidents viele Jahrhunderte in Entzücken versetze, in wenigen Jahren von einer keifenden – und seien wir ehrlich, finanziell zum Kauf solcher Preziosen oft nicht befähigten – Gruppe von Moralgesäuerten umgedeutet zu einem Verbrechen an Kindern. Kimder gehen bekanntlich immer, solange keine Kölner Domplatte dazwischen kommt, und die Beteuerungen der Händler hatten dagegen keine Chance.

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Kulturhistorisch betrachtet kann man sich da nur wundern. Kinderarbeit war durch alle Epochen normal, und auf dem Land bis in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts vollkommen akzeptiert: Dass Bayern mit den grossen Ferien zuletzt beginnt, liegt einfach daran, dass die Kinder im früheren Agrarstaat bei der Ernte helfen mussten. Wer sich über Kinderarbeit beschwert, könnte sich in meiner Wohnung dauerempören. Der Malgrund meiner Gemälde musste glatt sein, und dessen Aufbringung war das erste, was Kinder lernten, wenn die der Gilde des heiligen Lukas beitreten wollten. Bei der Leinwand dürfte es noch übler sein: Wir wissen aus Grabfunden des frühen Mittelalters, dass kleine Kinder, Jungen und Mädchen, sehr früh lernten, mit Spinnwirteln umzugehen. Und zwar aus guten Gründen: Kinder erfassen das enorm schnell, während Ältere mit der Koordination der Tätigkeiten zu Beginn grosse Probleme haben.

Missbrauch gab es natürlich auch. Ich will hier nicht zu tief in die Materie der Gerberei von Leder einsteigen, aber es gibt gute Gründe, warum man das Gewerbe am Ende der Stadt ansiedelte, und Kinder von Gerbern ungefähr das Sozialprestige der Grünen Jugend Berlin hatten. Wenn sich heute noch Menschen über Perserteppiche aufregen, haben sie nicht die geringste Ahnung von menschlichen Elend, das in den im Rokoko so beliebten Goldledertapeten steckte: Das ist wirklicher Luxus, damit waren Kosten verbunden, die unsere heutigen Vorstellungen von Raumgestaltung sprengen – aber die Kinder, die das Grundmaterial mit allerlei Gift weich, glatt und geschmeidig machten, hatten alles andere als eine gute Jugend. Schafwolle und Seide für Teppiche sind schöne Materialen, es geht um die Erschaffung von Kunst – Urinmischungen für Gerbung dagegen können wirklich töten wie moderne Sweatshop in Fernasien, aus denen heute die Mehrheit unserer Bevölkerung und vermutlich auch der Empörten ihre Kleider beziehen.

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Als Vermögender hat man heute zwischen all den Artefakten alter Ausbeutung und Kinderarbeit das Privileg, dass man sich nichts mehr gefallen lassen muss: Die Kinder, die wegen alter Brutalität starben, sind schon lange tot, und das Elend ist verjährt. Wir tun so etwas praktisch kaum mehr. Zumindest nicht mehr, als andere es auch machen. Natürlich bekommen wir von den Unterschichten keinen Respekt, wenn wir unsere Schuhe von Handwerkern in Italien aus toskanischem Büffelleder nähen lassen, statt sie aus China mit viel Plastik in modischen Farben zu beziehen, ohne zu wissen, wer dafür ausgebeutet wurde. Aber wir sind mittlerweile, was Kinderarbeit angeht, weitgehend unangreifbar. Und sollten wir doch, wie es Amnesty jetzt in den Medien weit verbreitet bemängelt, unter widerlichen Bedingungen abgebauten Kobalt im Akku haben – nun. Mein Rechner ist mittlerweile sechs Jahre alt. Das Plebs Normale sind die, die jedes neue iPhone, darin jeden neuen Akku und anteilig neue Kinderleichen in den Minen des Kongo verlangen.

Denn Kinderarbeit ist nicht mehr der feine Seidenteppich, der hierzulande politisch korrekt ausgerottet wurde. Sie ist nicht mehr ein Handwerk, das wenigen Reichen zugute kommt. Sie ist so normal, so alltäglich, so verbreitet, dass sie allen zugute kommt. Sie steckt in Rohstoffen und simpelsten Dingen. Der Seidenteppich mag noch eine direkte Verbindung zwischen hungrigen Pakistanerkindern und den hochmütigen Absätzen der Opernbesucherin sein. Aber wo steckt in einem alltäglichen Akku das Kobalt? Es ist eine Zutat unter vielen, und viele brauchen das. Es ist zigfach in jedem westlichen Haushalt vorhanden. Wer immer sich darüber beschweren wollte, findet keinen Schuldigen, der reich, rechts und verdorben ist, und vom Elend profitiert. Er findet nur ganz normale, normal unschuldige Menschen, deren iPhones immer dann kaputt gehen, wenn das neue Modell erscheint. Menschen, die auf diesen iPhones so viel Gutes tun und hundertfachen sexuellen Missbrauch in Köln historisch beim Oktoberfest einordnen. Menschen, die Facebook frei halten von schädlichen Meinungen. Menschen, die damit beauftragt werden und über ihr Mobilgerät die Welt wissen lassen, dass sie letztes Jahr zum ersten mal seit langem ohne Depressionen geblieben sind. Das sind keine fiesen Reichen, das sind Aktivisten. Nochabgeordnete, die jungen Müttern sagen, was sie zu tun haben. Alle Flüchtlinge brauchen solche Mobiltelefone und Akkus und Apps, um sich hier zurecht zu finden, etwa den Weg zu grossen Kirchen und ihren Kunstschätzen.

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Da kann man doch nicht mit Kleinigkeiten wie Kobaltkindern im Kongo kommen. Das wäre ja fast so übel wie Hinweise auf die Problematik überfischter Meere durch das Sushi, das sich heute jeder gern kommen lässt. So etwas macht wirklich nur Spass, wenn ein grosses Unrecht einer kleinen Gruppe zugewiesen werden kann. Das hat Amnesty wohl nicht verstanden: Würden sie sich auf etwas konzentrieren, das nur unsereins träfe – etwa die Ausbeutung von Kindern, die sich in Auktionshäusern an Gemälden krumm schleppen – da wären dann alle dabei. Wenn meine von deutschen Akustikern handgefertigten Tonmöbel aus einer formaldehydverseuchten Fabrik wie ihre 99-Euro-Sofas kämen – das wäre super. Da wären alle sofort bereit, ihre grenzenlosen Empörung in das Mobilgerät zu schreiben.

Aber ein Akku? Vom Kongo weiss man doch nur, dass er irgendwo in Afrika liegt. Ausserdem hat man doch schon heute etwas für die Menschen dort getan und gegen Politiker getwittert, die gegen ihre Einreise sind. Die Kobaltkinder müssen nur hierher kommen. Dann wird man sie begeistert empfangen und im Internet darauf verweisen, dass unsere böse Überflussgesellschaft erst ihre Flucht begründet – solange der Akku das eben mitmacht. Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich gerne morgens auf dem Plüschsessel sitze, die Füsse auf den Perserteppich lege und ohne Netz auf den Tee in der Silberkanne warte: Es dient meinem inneren Frieden, meiner Gelassenheit und der Vermeidung der grossen Unhöflichkeit zu fragen, ob manche Zeitgenossen im Jauchetrog alter Gerbereien nicht doch ganz passabel aufgehoben wären. Nicht jeder soziale Fortschritt ist immer begrüssenswert.

20. Jan. 2016
von Don Alphonso
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17. Jan. 2016
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Lehren aus dem Festungsbau und dem Beschuss von Schweden

Das Eisen muss geschmiedet werden, weil es glüht
Schiller, Piccolomini

Gelungene historische Vergleiche im Journalismus gehen so: Bildung → Nachdenken → Vergleichen → deutliche Unterschiede erkennen → darauf verzichten → Philosoph bleiben.

Deshalb bin ich trotz Studium sehr vorsichtig und mache das nur, wenn ich meiner Sache absolut sicher bin. Denn immer wieder erlebe ich, wie werte Kollegen bedauerlicherweise mit so einem historischen Schindluder in Messer laufen, die sich bisweilen auch in meiner Hand befinden. So etwa all die Leute, die in den letzten Monaten bei Zeit, Prantlhausener Zeitung und SPON meinten, es sei gefährlich, wenn sich Europa in eine Festung zurück zöge, weil noch jede Festung gefallen sei.

kana

Genauso könnte man sagen, dass jedes Türschloss irgendwann geknackt werden kann, und man deshalb die Tür für die unübersichtliche Welt da draussen offen stehen lassen soll. Es wäre mir dennoch neu, dass die Kollegen dergestalt verfahren. Trotzdem behauptet gerade wieder Hobbyhistoriker Roland Nelles von Spiegel Online:

Wer das nicht glaubt, dem sei ein Blick in die Geschichtsbücher empfohlen: Jahrhundertlang haben Herrscher geglaubt, durch den Bau von Festungen ihre Macht, ihr Leben absichern zu können. Am Ende wurden diese Festungen immer eingenommen – oder ihre Bewohner sind verhungert.

„Dem sei ein Blick empfohlen…“ Solche Phrasen amüsieren noch mehr, wenn sie falsch sind.

kanb

Meine Geschichtsbücher – als Einstieg kann ich immer noch „Burgenkunde“ von Otto Piper empfehlen – vertreten eine andere Meinung. Natürlich fallen Festungen irgendwann. Die meisten Festungen, deren Ruinen man sieht, sind letztlich jedoch nicht durch Eroberung gefallen, sondern entsprachen technisch einfach nicht mehr den Anforderungen der Zeit, und wurden dem Verfall preisgegeben. Oder man entwickelte sie fort: Die Festungsanlagen der Stadt, in der ich wohne, wurden stetig erweitert, und waren im entscheidenden Ernstfall der deutschen Geschichte auf dem neuesten Stand Das war 1632, als der Schwede drohte, das ganze Land ketzerisch lutheranisch und damit frei von Kunst, Kultur und gutem Essen zu machen. Das hat man ihm hier gründlich versalzen, und die Bewohner mussten nicht hinter den Mauern verhungern.

Allerdings hat man bei Ausgrabungen vor den Toren der Stadt durchaus Massengräber aus jener Epoche gefunden, als Gustav Adolf hier vergeblich Einlass suchte. Vor den Mauern wurden Menschen massakriert, dahinter war man vergleichsweise sicher. Die nächsten Orte wurden geplündert und ausgeraubt – wir dagegen haben dem Schweden das Pferd unter dem Hintern weg geschossen, es ausgestopft und zeigen es hier noch heute den Schulkindern. Damit sie wissen, was sie tun müssen, wenn Schweden oder andere Nordvölker meinen, sich hier aufführen zu müssen. Der Schwede verlor hier so viel Zeit und verbündete Lutheraner, dass die Katholischen sich rüsten und ihn in der Folge dann endgültig wegräumen konnten: Das kommt davon, wenn man keine Festung hat und sich auf dem Feld prügeln muss. Wer damals auf Mauern setzte, überlebte. Wer keine hatte, war dem Wirken feindlicher Kräfte schutzlos ausgeliefert. Die Schweden hatten hier keine Mauern. Sie sahen sich aus diesem Rohr mit Sonderabgaben begrüsst und nicht, wie es Schäuble gerade andenkt, aus dem Benzinkonsum.

kanc

Menschenfreunde mögen nun – berechtigterweise – einwenden, dass so eine willkommenskulturlose Brutalität eine viel zu unterkomplexe Antwort auf eine globale, komplexe Herausforderung der Gegenwart ist. Ich möchte dagegen halten, dass die mitteleuropäischen Religionskriege mindestens so komplex wie die heutigen Konflikte im Nahen Osten waren. Das war auch jedem hier bewusst, weshalb man sich erst gar nicht mit der Hoffnung abgab, Fluchtursachen in fernen Ländern bekämpfen zu können, sondern Kanonen goss und die Tore verrammelte. Eine gesamteuropäische Lösung fand man mit dem Westfälischen Frieden, und zettelte danach munter Erbfolgekriege an, oder wandte sich den Türken zu. Der Festungsbau blieb in Mode.

Denn es kommt im Festungsbau nur darauf an, mit der Zeit Schritt zu halten. Dann sorgt so ein Gemäuer schon durch seine reine Existenz dafür, dass Nachbarn und herbeiziehende Invasoren die Lust verlieren: Wer nicht kam, suchte sich andere Alternativen. Belagerungen sind enorm teuer und zeitraubend. Es ist zwar individuell tragisch, aber statistisch irrelevant, ob die Athener in Syrakus, die Schweden bei mir oder die Türken vor Wien starben. Moderne Menschen in diesem Land, die auf sexuelle Belästigungen durch Migranten mit dem höflichen Aufhängen von Hinweisschildern in anderen Sprachen reagieren, wird es beim Gedanken an derartig brutale und menschenverachtende Überlegungen schütteln: Aber so war es damals – und bitte, es ist ein SPON-Vergleich gewesen, ich hinterfrage ihn nur. Festungen funktionieren meist allein schon durch ihre pure Existenz. Und aus dieser Erfahrung heraus hat der Mensch vom Neolithikum bis zur Entwicklung weit reichender Kanonen und Aeroplane vor allem auf dicke und hohe Mauern gesetzt. Fehlt es den anderen an Aeroplanen und Hohlgranaten, wirken Mauern heute noch.

kand

Es kann natürlich wie beim römischen Limes einmal sein, dass die Grenzverteidigung versagt. Es kann auch passieren, dass ein überforderter Staat diese Aufgabe an Foederaten abgibt – was die Deutschen momentan mit dem Tribut an Sultan Erdogan versuchten, haben es die Römer bei uns am Limes mit böhmischen Stämmen auch schon probiert. Das endete letztlich damit, dass Rom im Norden Ruhe hatte und aus dem Osten überrannt und geplündert wurde. Aus den hiesigen Foederatengruppen erwuchsen nach ein paar Generationen Mord, Verwüstung und Totschlag die hartschädeligen Bayern, die letztlich auch dem Schweden und der lutheranischen Lehre, auf die sich heute Frau Merkel beruft, trotzig widerstanden. Tatsächlich fallen Mauern mitunter – aber nur selten fallen sie schnell. Hinter ihrem Schutz können sich oft etliche Generationen überlegen, wie sie am besten mit der Welt da draussen fertig werden.

Jeder Festungsbaumeister wusste, dass es keinen absoluten Schutz vor politischen Grosswetterlagen gibt. Aber Mauern waren der Stolz der Städte in einer Zeit, da das staatliche Gewaltmonopol nur leicht effektiver als vor dem Kölner Hauptbahnhof war. Das wurde allgemein so akzeptiert, niemand lehnte das ab, und deshalb war man auch bereit, die hohen Kosten zu tragen: Das Leben war den Menschen das einfach wert. Und hinter Mauern konnte man Recht und Gesetz vergleichsweise leicht durchsetzen, bis dann im vorletzten Jahrhundert nationalstaatliche Strukturen und neue Waffentechnik Mauern wirklich überflüssig machten.

kane

Kurz gesagt, unsere Vorfahren hatten damals die Wahl, ob sie uns Ausgräbern später eingeebnete Mauerreste hinterlassen wollten, die bei SPON falsch interpretiert werden – oder sogenannte Zerstörungshorizonte mit Befunden, die klar nachweisen, wie wichtig eine sinnvolle Grenzsicherung ist. Wenn historisch irgendetwas als naiv und gefährlich gelten kann, dann sind es offene Grenzen und wahllos einreisende Menschen, die nicht vorhaben, sich an üblichen Vorstellungen zu halten – besichtigen kann man die Kehrseiten im schönen Regensburg oder in Indianerreservaten.

Langfristig betrachtet ist es so, dass die meisten Menschen lieber in geordneten, zuverlässigen und rechtlich abgesicherten Verhältnissen leben, als sich mit unkontrollierter Zuwanderung zu beschäftigen. Sonst zieht der sich bedroht fühlende Teil los und kaufte früher Schiessprügel und heute Pfefferspray, egal was die Medien davon halten.Mit einer ordentlichen Grenzkontrolle, für die Mauern da sind und an die Menschen glauben, und die von der Verfassung auch vorgesehen ist, wäre das nicht passiert.

kanf

Nun gut. Wenn ich Ihnen als Geschichtsfreund noch eine Kleinigkeit mit auf den Weg geben darf: Die Erfahrung zeigt, dass Gruppierungen, die Geschichte fälschen, um ihre Thesen zu untermauern, auch sonst wenig zimperlich bei der Angleichung der Realität an ihre Ideologie sind. Manchmal wissen sie einfach zu zu wenig, wie Karl Marx mit seinem historischen Materialismus, der später Pol Pot inspirierte. Manchmal, wie Gustaf Kossina , liefern sie mit voller Überzeugung die pseudowissenschaftlichen Grundlagen für die spätere Ausrottungspolitik eines Heinrich Himmler. Zum Glück ist das bedeutungstriefende Anführen von Geschichtsbüchern heute meist schnell wieder vergessen. Aber selten ein Schaden, wo nicht auch ein Nutzen dabei ist, sagte meine Grossmutter, und wenn jemand einmal so etwas mit Geschichte tut, sei man bei allem anderen „Fakten“ auf der Hut.

Wer klug ist, lernt aus der Geschichte, und biegt sie nicht zurecht.

17. Jan. 2016
von Don Alphonso
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12. Jan. 2016
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Schweigen über willkommenskulturell nicht wertvolle Darbietungen

Sie wussten wohl nicht, dass es hier in Athen eine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt.
Ach, das tut mir leid, ich bin Ausländer.
Omar Sharif und Jean Paul Belmondo

Barbara Vorsamer ist Redakteurin bei Süddeutsche.de und Kolumnistin von kleinerdrei. Kleinerdrei ist ein Projekt der Feministin Anne Wizorek, die jüngst dabei erwischt wurde, die Übergriffe von Köln mit Zahlen vom Oktoberfest zu relativieren, die man nur als Unwahrheit bezeichnen kann. Dessen ungeacchtet bringt die kleindrei-Kolumistin Vorsamer als Redakteurin bei Süddeutsche.de einen Beitrag über das neueste Projekt von Anne Wizorek und lässt sie freudlichst zu Wort kommen, ohne dass Leser ahnen könnten, dass hier Bekannte zusammen arbeiten. Es wird gerade viel über Schweigekartelle gesprochen – dabei wäre eine Betrachtung solcher Schreibkartelle auch wichtig. /sueddeutsche.de/panorama/feminismus-ausnahmslos-ein-neuer-aufschrei-nach-koeln-1.2813048/

ausnahmslos

Konkret geht es bei Wizoreks Tritbrettveranstaltung „Ausnahmslos“ nach den Exzessen von Köln um den Versuch einer Gruppe weisser und muslimischer Aktivistinnen, unter anderem Stellen in den Medien für ihre Sache und Anhänger zu fordern, wo dort doch zu viele weisse Männer seien; es geht um die Erwartung an die Medien, nach der Kölner Krawalle alle sexuelle Gewalt gleich welcher Herkunft gleichzusetzen, wie es Wizorek im ZDF unwidersprochen vormachen durfte, und als Medium lieber mal das Maul zu halten, wenn es um die Herkunft der Täter geht. Weil: Sonst Rassismus. Keine aufreizenden Wörter wie Sex-Mob, erst recht keine aufreizenden Bilder.

Im von nun an schönzuredenden Orient nennt man so etwas übrigens eine Fatwa – der neue Netzfeminismus und Islamismus werden sich prächtig verstehen.

Tun wir diesem Medienkartell also den Gefallen – mit einer guten Nachricht: Es gibt keine No-Go-Areas in Deutschland. Wirklich. Es gibt das Gegenteil. Wenn Sie, liebe Leser, einmal in meine kleine, dumme Heimatstadt an der Donau kommen, finden Sie dort Tafeln mit den Sehenswürdigkeiten der Altstadt. Darunter ist auch das Gemäuer, in dem ich logiere. Sie können dort nicht einfach parken, denn tagsüber herrscht Parkverbot. Erst am Abend, bis 7 Uhr morgens, dürfen dort Autos stehen. Das habe ich dank gewisser, sagen wir mal, Argumente, bei meiner Stadtverwaltung erwirken können. Und das bedeutet zweierlei: Tagsüber kann der Tourist das Haus ohne Autos ablichten. Und davor – aber so, dass es nicht ins Bild kommt – ist ein Parkverbotsschild.

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Das wurde vor ein paar Monaten in der Nacht von Samstag auf Sonntag umgetreten. So etwas passiert leider auch bei uns. Also ging ich zur Polizei und machte eine Anzeige. Im Haus witzelten wir, jetzt könnten wir selbst die ganze Zeit unsere Autos vor dem Haus stehen lassen – aber nichts da. Montag um sieben, als ich die Mülltonnen hinaus stellte, war da ein neues, massiveres Schild, und es war gleich richtig in den Boden einbetoniert. Die Strasse davor war noch feucht und sauber gefegt. Die Täter wurden nach bayerischem Brauch mit Genanalyse aufgespürt, in den Eimer mit dem restlichen Zement gesteckt und in die Don

Und wenn Sie mich jetzt fragen, was ich an Bayern mag: Ich mag, dass es eine Go-Area ist, in der man zwar mal ein Schild umtreten kann. Aber nach weniger als 24 Stunden ist ein neues Schild da, damit niemand auch nur eine Sekunde sein Auto illegal abstellen und sich mit einem abgeknickten Schild herausreden kann. Es bedeutet, dass die Polizei auch am Sonntag das Strassenbauamt informiert und das wiederum seine Dienstpläne so gestaltet, dass rechtzeitig Männer, Gerät und Zement da sind, um den gesetzlosen Zustand zu beheben. Umgekehrt werde ich, wenn es jetzt schneit, vor 7 Uhr unten auf der Strasse sein und Schnee räumen, wie es die Verordnung vorschreibt. Mir ist klar, dass so ein Verhalten Berlinern vollkommen absurd und bizarr erscheinen muss, denn das Auslachen fallender Omas ist dort Brauchtum – aber so ist das hier in der Go-Area. Jedes Schulkind kann hier auf einem komplett geräumten Trottoir spazieren.

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Das klingt toll und ist es auch, solange man in Go-Areas lebt. Auch der Tegernsee ist so eine Region. Das komplette Tal ist so. Gender- und minoritybewusste Aktivisten würden vielleicht das Gschau bekommen, gingen sie in einem Bananenröckchen, dessen Früchte aus Geldscheinen gefaltet sind, auf dem Höhenweg von Gmund nach Tegernsee, aber es würde nichts passieren. Die Gegend ist trotz gelegentlicher Einbruchsbanden sehr, sehr sicher. Bevor man hier einmal ausgeraubt wird, treten einen nach der von Feministinnen und ihrer erfundenen Polizei erstellten Dunkelzifferstudie vier Kühe tot, zweimal wird man vom Blitz erschlagen und siebenmal fällt man als Preiss dem Woiperdinger zum Opfer – ich glaube, das stand so bei der ARD. Hier sind die Damen mit Gold behangen und die Handtaschen schreien teuer – aber das haben hier alle. Niemand macht hier einen Raubüberfall. Es gibt nur potenzielle Opfer, aber keine Täter, deshalb vermehren sich erstere auch prima, bevölkern das ganze Tal und trinken Sprizz, ohne auf die Taschen zu achten. Ich habe hier noch nie ein Rad oder einen Rodel angekettet. Es ist eine Go-Area.

Vermutlich haben Sie das Wort bislang kaum gehört, aber das ist ja öfters so. Wir reden über sozial benachteiligte Schichten, um nicht Grattler oder Gschleaf zu sagen, aber nie über sozial bevorzugte Schichten, obwohl es die natürlich auch gibt, denn jemand muss das mit dem Benachteiligen tun. Wir reden von besseren Kreisen, aber kaum von guten Ovalen und schlechteren Quadraten, obwohl es sie eigentlich auch gibt. Es gibt wohlhabende Menschen und es gibt unwohlhabende Menschen, aber nur der erste Begriff wird verwendet. Wir nennen Schichten bildungsfern und andere nicht bildungsnah. Sehr oft ist es dann so, dass das real existierende Wort entweder eine sehr grosse oder sehr kleine Gruppe umschreibt. Ich denke, wir sind uns einig, dass echte Go-Areas, die geldbanenenrocksicher sind, nicht grössere Gebiete des Landes ausmachen. Insofern stellt sich natürlich die spannende Frage, was dieser Rest dann ist.

Sie werden das nicht gerne hören, aber: Individuelle Verhandlungslandmasse.

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Diese Verhandlungslandmasse muss keine No-Go-Area sein, kann aber, je nach Gewaltmultipol, mal so oder so betrachtet werden. Wir stimmen alle überein, dass die Polizei nicht immer überall sein kann. Sie kann aber an gewissen Orten sehr wohl dauernd sein. Im Rest das Landes trifft die allgemeine Deutung des Spruches nur allgemein zu. Das kann letztlich, je nach Population, Messerbesitz, Waffenschein und Pfefferspray, um einmal ein paar sehr beliebte Googlefragen nach Köln zu nennen, unterschiedlich ausgehen. Das sind dann die Regionen, in denen man ernsthaft über Videoüberwachung und verdachtsunabhängige Kontrollen spricht. Da wird dann entschieden, wie wichtig, wie nötig und wie grundrechtsverletzend Kontrolle sein muss, damit sich das Übel dunklere Plätze und weniger offensichtliche Orte zur Durchführung willkommenskulturell nicht wertvoller Darbietungen, um es mal ausnahmslos aktivistinnenfreundlich auszudrücken, zusammenfindet.

So gesehen sind die Debatten, die momentan in Deutschland stattfinden, ein wenig ignorant für die gesellschaftliche Realität. Es geht uicht darum, wie das Land mit den Problemen umgeht, sondern nur jene Regionen, die keine Go-Areas sind und in denen, oh Wunder, nur selten Menschen leben, die an Talkshows zu dieser Problematik teilnehmen. Jeder vernunftbegabte Mensch sucht sich einen Ort, an dem er sorgenfrei leben kann. Das Gegenteil von sorgenfrei ist sorgenvoll, und das sind die anderen Regionen. Wo wirklich die No-Go-Area einsetzt, ist eine Frage, die allenfalls Akademiker, Rettungswagenfahrer, SEKs und 90 Prozent der Bevölkerung interessiert. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Politiker, die es wagen, so einen Bericht über die Zustände in Köln mit all ihrem Wissen über die Lage ab Seite 29 zu veröffentlichen, sich dazu ernsthaft Gedanken machen. Also nicht ernsthafter als zur Frage, ob der Schreibtisch nun Rosenholz oder deutsche Eiche sein soll.

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Sollte doch jemand ernsthaft reden wollen, kann man ihn immer noch auf feministische Erwartungen hinweisen, die Sache doch nicht so speziell zu sehen, oder gar auf einen dreifachen Einzelfall oder stichempfindliche Haut zu reduzieren. Die einen müssen das nicht tun, weil sie in Go-Areas leben, und die anderen sollen das nicht tun, sondern lieber bei der Integration mithelfen und das Positive sehen – und falls doch was passiert, hätte es genauso auch ein weisser, heterosexueller Mann sein können.

Man könnte das Demokratie- und Verantwortungslosigkeit nennen. Aber wissen Sie, vertraulich gesagt, wir sind hier ja unter uns, es hört auch keiner mit, eigentlich finde ich ja, dass es Aufgabe der Linken und Grünen wäre, Sie auf solche Scheindebatten und Unstimmigkeiten energisch hinzuweisen, auf Ablenkungsversuche, die lediglich den Umstand vernebeln, dass alle Probleme, die bei uns in den Go-Areas verhindert werden, sich einen anderen Platz suchen. Unsere Go-Areas definieren, dass der Rest des Landes halt nicht so ist. Im Rest des Landes schreibt die ZEIT verständnisvoll über die migrantischen Dealer des Görlitzer Parks und Frau Göring-Eckardt, die vor laufenden PR-Kameras gern Flüchtlinge umarmt, sagt, für den Aufenthaltsstatus der Täter gäbe es keinen Bonus. Bravo. Ich finde das richtig: Denn in den Go-Areas ist es nur wichtig, dass es für den Status der sich dort aufhaltenden Bewohner einen Bonus gibt, und zwar einen möglichst grossen. Ich persönlich, privat, sagen Sie es bitte nicht weiter, wir sind hier ja unter uns, finde solche moralisch verkappten Stiefelknecht_Innen meiner Klasse und ihre Nebelkerzen, hinter denen mein Tal und meine Heimatstadt verschwinden, als sehr hilfreich. Und möchte nun aber wirklich über willkommenskulturell nicht wertvolle Darbietungen schweigen. Es ist hier schon jetzt alles viel zu voll.

12. Jan. 2016
von Don Alphonso
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04. Jan. 2016
von Don Alphonso
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Polen als Inbegriff des christlichen Abendlandes

Ah! messieurs! si beau qu’il soit il ne vaut pas la Pologne. S’il n’y avait pas de Pologne il n’y aurait pas de Polonais!
Alfred Jarry, König Ubu

Das mit den „Krankheiten“, die zu heilen sind, hat mich jetzt eiskalt erwischt. Denn momentan denke ich nicht nur über die Anbringung einer Solaranlage an einem nicht denkmalgeschützten Anbau des Stadtpalastes nach, ich tue das auch, während ich einen vegetarischen Nusszopf esse. Gestern erst habe ich mich gegen den Wahnsinn aller Religionen ausgesprochen, denn ich bin Atheist. Und mir gegenüber steht ein alter Rennradrahmen des Herstellers Diamant aus der DDR, der in neuem, sozialistischen Glanz erstrahlen und mich abgasfrei zum Zwetschgenräubern tragen soll. Ich bin, fürchte ich, genau dort, wohin der polnische Aussenminister Witold Waszczykowski auf keinen Fall kommen will, wie er betonte: „zu einem neuen Mix von Kulturen und Rassen, eine Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur noch auf erneuerbare Energien setzen und gegen jede Form der Religion kämpfen. Das hat mit traditionellen polnischen Werten nichts mehr zu tun.“

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Das sind so die Aussagen, die hier in Deutschlands Journalistenkreisen ausgesprochen schlecht ankommen, denn natürlich verstehen sie, dass diese Aussage nicht nur ökologisch und sozial vorbildliche Radfahrer wie mich meint. Es trifft das gesamte progressive Milieu mit seinen Forderungen nach Gender, nach Gleichheit, Artenschutz, Tierrechten, Antidiskriminierung, Willkommenskultur und feministisch-kollektivem Mundhalten, wenn Gruppen nicht weisser Männer über Frauen herfallen, vielleicht, weil das ein dreissigfacher Einzelfall und keine strukturelle Rape Culture wie bei Weissen ist. Dieser nur demokratisch legitimierte Pole wagt es, in dieser bürokratischen EU etwas zu sagen, das vermutlich der Sichtweise seiner Wähler und nicht dem von der journalistischen Elite repräsentierten deutschen Volk mit seinem Veggie-Feiertag entspricht. Kein Wunder, dass eine der grössten Empörungen der deutschen Medien seit der Ablehnung einer Übergabe des Danziger Korridors folgt.

Ja, König Ubu hat schon recht, wenn er am Ende des nach ihm benannten Theaterstücks Polen so überschwenglich lobt: Gäbe es Polen nicht, müsste man es erfinden. Dann nämlich kann man sich prima empören an einem Tag, da die moralisch vormals hellen Schweden ins Lager der Dunkeleuropäer abwandern, weil sie mit der von Deutschland verursachten Flüchtlingskrise nicht mehr weiter wissen und Dänemark nun auch die Grenze zu den Helleuropäern – also uns – verrammelt. Solange ein Pole so etwas Dreistes sagt, muss man sich nicht mit der Frage auseinander setzen, ob die eigene Haltung nicht vielleicht etwas überambitioniert und planlos war. Und natürlich würde man es feiern, knickte Polen angesichts der Empörung dann ein, und entschuldigte es sich – allein, das funktioniert nur im Märchen oder bei Spiegel Online, wenn eine feministische Kolumnistin auf Zuruf ihrer Peergroup gehorsam den Link zu jemandem löscht, den diese Leute für misogyn halten. Polen ist einfach nicht bereit, diesem leuchtenden Beispiel des freien Westens zu folgen.

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Ich könnte mich natürlich nun aufs Rad schwingen und beim Generalkonsulat einen veganen Muffin als Protestnote vorbeibringen, wie es vielleicht jene Engagierten tun, die stets die Wohnung verlassen, wenn ihre ukrainische Putzfrau kommt, die viel weniger als ihre polnische Vorgängerin kostet. Allein – als  Helldeutscher nehme ich Ankommende, wie sie sind. Ich habe da eine gewisse polnische Erfahrung gemacht, und wenn ich auch keinesfalls hier das Wagnis eingehen möchte zu behaupten, ein Pole dürfte gegenüber einem Helldeutschen eine abweichende Meinung haben – so war ich doch eine Weile auch von einer Polin abhängig, und fand es prima. Vor ein paar Jahren nämlich kamen zwei schlimme Ereignisse in meiner Familie zusammen, und so war es nötig, schnell eine Betreuung für das Familienanwesen zu organisieren, wollte man seine Verwandten nicht staatlich – und damit ganz ohne Parkett und Kronleuchter – betreuen lassen. Also donnerte ich schon am Folgetag Richtung Polen, um eine mittelalte und mittelbreit gesunde Dame abzuholen, die wir hier Laura nennen wollen. Laura stammt aus einer halb deutschen, halb polnischen Familie nahe Bunzlau, und hatte Zeit und Erfahrung als Hauswirtschaftlerin – ich bin übrigens kein Rassist, ich hätte es auch mit einer helldeutschen Gender Studentin versucht, aber wir hatten einfach ein paar Minimalanforderungen, Laura erfüllte sie und war bereit, die Arbeit sofort anzutreten und so kam das.

So eine Gehilfin hätte Friedrich Torberg nicht erfinden können. Laura war auf eine altmodische Art eine phantastisch Hilfe, und wäre das alles kurz nach dem Fall der Mauer in der alten BRD passiert, wäre es auch absolut stimmig gewesen. Laura hatte keinen Führerschein, also fuhr ich sie zum Supermarkt. Sie hielt überhaupt nichts von meinem Wochenmarkt – viel zu teuer – sie wollte in einen besseren Supermarkt. Sie wollte grosse Packungen. Sie wollte – mir wurde flau im Magen – tiefgekühlte Hühner aus Massentierhaltung. Sie nahm viele billige Eier und kümmerte sich nicht um meinen Protest – im Kuchen schmecken die alle gleich. Sie nahm riesige Flaschen diverser Waschmittel und so viel, dass ich daheim Allergien allein schon von den Tischdecken bekam. Das Biowaschmittel rieche nach nichts, das wollte sie nicht. Ein Drittel der beim Wocheneinkauf durchgebrannten 200 Euro ging in Fleisch, Wurst und Schinken. Der Haushalt besitzt drei Kühlschränke, einen Speisekeller und eine riesige Tiefkühltruhe – das war alles immer randvoll. Der letzte Euro ging für den Kauf von gigantischen Plastiktüten drauf. Natürlich Plastik. Plastik ist toll und das nächste Mal gibt es wieder neues Plastik.

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Wie gesagt: Ich war bei Bunzlau. Da gibt es Wald mit Pilzen, ein stillgelegtes Stahlwerk, 20 Prozent Arbeitslosigkeit und in der Folge der Wirtschaftskrise besonders viel Strassenprostitution auf dem Weg nach jenem Deutschland, das so gern hell sein will. Ein hell erleuchteter Supermarkt, 200 Euro – das war für Laura eine grandiose Sache. Die ganze Familie nahm drastisch zu, da half mir mein ganzes Radfahren nichts Warum ich mit dem Rad fahre, wenn jeder in der Familie ein Auto hat, wollte Laura wissen. Die Antwort „weil 70 Kilometer bergige Strassen schlank und gesund machen“ befriedigte sie nicht. Am Abend ging sie an der Bibliothek achtlos vorbei in die Einliegerwohnung und freute sich auf den Musikantenstadl. Oder auf MDR. Oder auf einen lustigen, alten Film. Laura lebte, kochte, putzte, wusch, ass, trank und redete wie vor dem Fall der Mauer. Das Essen war immer fett, die Gespräche waren immer distanzlos lustig, und kein Tag verging, da ich nicht ermahnt wurde, mir eine Frau zu suchen und Kinder zu haben, weil so geht das nicht weiter und ich hätte doch ein eigenes Haus und ein Auto und jetzt aber schnell, ich sollte doch an die Familie denken. Es war eine lustige Zeit und heute mischt Laura eine Fabrikantenfamilie am Bodensee auf.

Wir sind eine grosse, alte, bayerische Familie. Niemand hat bei uns je vergessen, dass man nie Margarine nehmen darf und immer Butter nehmen muss. Drei Gänge plus Kuchen waren früher einfach üblich, und das sieht man den Verwandten den alten Bildern auch an. Früher war Fleisch normal, morgens, mittags, abends. Man war stolz auf grosse Häuser und pfiff auf Heizkosten. Natürlich fressen Kronleuchter Strom. Die Stars der Volksmusik waren wirklich Stars. Unsere Welt musste sich nur drei, vier Dekaden zurück versetzen, um Laura zu verstehen. Sie lebte den Konsumtraum des Westens vor dem Untergang des Ostblocks und genau das, was Westmedien den Polen lange Zeit als Westen verkauft haben. In Polen ging das schief, aber bei uns war es möglich. Hier ist es wie im Fernsehen, sagte Laua einmal, und sie tat auch alles, damit es wie im Forsthaus Falkenau und in der Schwarzwaldklinik wurde. Bei dreifacher Kalorienzuckerbierwursttiefkühlhuhndiät.

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Da haben Sie den Wurstsalat in Ideologieaspik – speziell, wenn Sie helldeutsch und der Meinung sind, Integration sei keine Bringschuld der Zuwandernden, und Anpassungsdruck an unsere Vorstellungen sei rassistisch. Ständig wird jemandem wie mir, der nur ganz leicht von der orthodoxen Lehre der Willkommenskultur abweicht, eingetrichtert, ich sollte doch mal meine Privilegien checken und von den Newcomern lernen – so wurde es mir auch auf dem Kogress des CCC in der Keynote gesagt, wo die Sprecherin meinte, dass wir ohne zu fragen nach Afrika gegangen wären, und uns nun nicht so haben sollten, wenn Afrika ohne zu fragen zu uns kommt. Das war historisch inkorrekt – Deutschland war nie in ihrem Heimatland Somalia – aber in Polen waren Deutsche oft ohne Einladung. Und wenn die Polen kommen, lerne ich eben von einigen, dass sie auf der einen Seite durch die Wende im Osten weniger bekamen, als sie sich gewünscht haben. Und auf der anderen Seite diese – im Kern zutiefst westlichen, heute für uns nur biovegan hochpreisigen – Konsumträume immer noch haben. Natürlich verachten sie junge Leute, die Jute statt Fendi oder Gucci tragen und wie Cracksüchtige aussehen – wer soll denn die heiraten?. Natürlich empfinden sie handtotgestreicheltes Biorindfleisch vom Wochenmarkt als Betrug und mangelnde Achtung vor der Familie, die auch in der Not hilft, als verwerflich. Sie gehen am Sonntag in die Kirche und wünschen sich ein selbstbewusstes Land, das selbst entscheidet.

Wir fühlen uns von ihrem Aussenminister beleidigt.Denn die aktuelle polnische Regierung verkörpert die Leitkultur eines christlichen Abendlandes wie unter Strauss, Kiechle und Zimmermann, an das wir nicht mehr erinnert werden wollen. Es ist schrecklich und schlimm für Europa, und Danke an alle, die dagegen protestieren. Aber ich habe vom Laura gelernt und ich sage Ihnen: Das Gewinsel wird uns so viel helfen wie meine sinnlosen Bitten an Laura, doch wenigstens Biotiefkühlhuhn aus heimischer Produktion zu kaufen.

04. Jan. 2016
von Don Alphonso
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25. Dez. 2015
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Nuklearoptionen im Weihnachtskrieg

Es ist Weihnachten. Und deshalb ist es Zeit, Danke zu sagen.

Danke.

Denn natürlich helfen mir viele Menschen bei meiner Arbeit im Garten der herrschenden Klasse. Es sind Twitternutzer und Facebookkommentatoren, definitiv Nichtkollegen anderer Medien und sonstige moralische Überflieger, Literaten und strukturelle Analphabeten, Aktivisten und soziale Selbstbereicherer, die mir täglich mit Forderungen und Hass auf Bessergestellte zeigen, wie es um den Klassenkampf bestellt ist, der in unserer Gesellschaft tobt. Es ist das Geschützfeuer der gegnerischen Seite, das ihre Stellungen verrät, die ich wiederum mit Spott und Amüsement bedecke. Wie es sich gehört, komme ich jetzt trotz „Danke“ nicht in Frieden, aber mit einem Geschenk. Heute ist schließlich „Boxing Day“, da hat man in England Stiefelknechten und Lakaien auch etwas zukommen lassen. Ich möchte daher ihre Arbeit würdigen, indem ich erkläre, wie all die Beiträge entstehen, die Familienstreit, Unwohlsein und bockiges Verweigern zur Weihnachtszeit zum Thema haben. Manche Zeitungen haben derer gleich drei oder vier im Angebot, und da fragt man sich natürlich, wie so etwas zu einer an sich schönen Zeit passieren kann.

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Denn schön ist es wirklich. Wer in diesen Tagen nach Hause, in die tannengesäumte Provinz kommt, den erwartet der Frühling. Störche beschließen, hier zu bleiben, das Sonnenlicht funkelt golden auf sattem Grün, und der Himmel erstrahlt blau. Niemand muss frieren, und für die Mittelschicht, der die Schreibkräfte, die gemeinen Schreibratzen auf Twitter und die Was-mit-dem-iPhone-Peergroups in den grösseren Städten entspringen – für diese Mittelschicht war das Jahr gar nicht schlecht. Es herrscht vielerorts Vollbeschäftigung. Mit den Immobilienpreisen steigt das Vermögen der Hausbesitzer. Es werden wieder mehr Kinder geboren. Deutschland in der Provinz, wo die Mittelständler im Geld ersticken, geht es recht gut. Wirklich. Und dazu noch dieses Prachtwetter draussen und der knisternde Kamin drinnen.

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Streit gibt es allenfalls um die Frage, ob nun die Christbaumkugeln von der Tante Betty oder von der Frau Gertrud verwendet werden sollen. In kluger Voraussicht haben die Mütter sich über vegane Kost schlau gemacht, damit das Problemkind – das, für dessen Miete man noch bürgt, das kein geregeltes Einkommen hat und sehr viele tolle Medien durch Praktika kennt – keinen Anlass zum Maulen hat. Es soll über sein eigenes Essen nicht maulen, und nicht über das Essen der anderen, das ausschliesslich aus heimischen Biozutaten besteht und für das – im Gegensatz zu Soja – auch kein Urwald gerodet wurde. Man lernt dazu, und lernt sich verteidigen: Das Essen ist stets ein willkommener Anlass für Konflikte, die immer dann ausbrechen, wenn das Kind gesehen hat, dass Schulfreunde inzwischen ihr eigenes Haus bauen.

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Es trennen sie eigentlich nur ein paar Jahre und Selbstfindungen und Neuorientierungen; die einen machten was mit Automation und die anderen sind nach einigen Umwegen nun in der Lage, auch bei grösseren Medien für kleineres Geld zu schreiben. Die einen haben Schulden bei der Bank und die anderen beim Vermieter. Die einen sind jetzt hier und können nicht mehr weg, und wenn sie den anderen anbieten, doch einmal vorbei zu kommen und sich das Haus anzuschauen, dann kennen sie eben nicht die Freiheit, morgen nach L.A. oder Hamburg zu ziehen, um spannende neue Projekte zu machen, für die man schon fleissig, wenngleich unbezahlt, aktivistisch im Netz schreibt. So ein Haus mag vielleicht als Vermögen absolut sein, aber damit hängen die Erbauer eben auch lebenslang aufeinander und haben keine Chance auf heisse Abenteuer, die die Jouralistin vom Durchblättern bei Tinder zu kennen glaubt, wenn sie mit Pizzakartons und Milben als Bettgenossen gut versorgt die Nacht verträumt.

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Da nimmt es doch niemanden Wunder, wenn auf kleinste Streitereien sehr genau geachtet wir. Da kann sich noch eine Spaltung entwickeln, vermutlich sind das nur Risse in einer dem Untergang geweihten, bürgerlichen Fassade, das kann doch gar nicht gut enden, wenn man drei, vier Jahre voraus denkt. Metropolitane Millenials kennen das, ein dummer Satz und zack, ist das ehemalige Idol entfolgt und verachtet. Jetzt mögen die anderen noch Händchen halten und sich frohgemut über den Kinderwagen beugen. Aber bald sind die Kinder grösser, sie werden psychische Probleme entwickeln und zum Sprengsatz für jedes Fest. Wer wüsste das besser als die Millenials, haben sie doch als Teenager mit ihren Gewichtsproblemen jahrelang zuverlässig jede Feier zum Scheitern gebracht. Weihnachten 2007, als endlich mal ein Freund vorzuweisen war, der sich auch vorstellen wollte, und kurz vorher abgesägt wurde – dieses Weihnachten mit der unvorsichtigen Frage von Tante Betty, ob das so eine kluge Entscheidung war – ging ohnehin in die Annalen der Familie ein. Familien streiten nun mal an Weihnachten. Das war schon immer so und wird den anderen ganz genau so passieren – denken sich Medienmacher und ignorieren nachher bei der Christmette den Anschlag an der Kirche, der eine reichlich effiziente Ehevorbereitung anbietet.

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Ignoriert wird auch das Taferl mit den Gefallenen, auf dem auch Grossonkel Hans steht. Das ist nämlich so eine Sache, daheim in der grossen Stadt in den bewussten Zirkeln: Dass der Hans nämlich nicht gerade beim Widerstand war. Früher wurden an Weihnachten noch so etwas schwierige Geschichten über diese schlechte Zeit erzählt, die in den Metropolen besser keiner wissen sollte. Schließlich war der Vater vom Hans auch noch leitender Reichsbahnangestellter und wohl auch in Polen. So genau hat man da nie gefragt und das ist ja auch der Grund, warum man hier nicht sein will und sein kann: Neu ist das Leben in den Hochhausschluchten, international der Umgang, Englisch die Lieblingssprache und frei von Heimat die Küche. Nichts erinnert dort an die alte Zeit, alles ist aufregend, wenngleich es nicht ganz so aufregend wie der Pfändungsbescheid wegen der Miete sein sollte – das war kein guter Gedanke. Alles zu friedlich, zu satt und zu bequem hier. Es ist Zeit für die Nuklearoption des weihnachtlichen Erstschlags, Zeit, über den eigenen halben Nachmittag am Lageso bei den Flüchtlingen zu reden und denen hier mal zu sagen, in was für einem faschistischen Vermieterdrecksforderungsland sie eigentlich leben. Wie sehr ihnen die Empathie fehlt, wie verlogen sie in ihrem beschränkten Wohlstandsidyll sind.

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Die Familie hört sich das alles an und sagt dann – nicht das Erhoffte. Kein „Ich bin ja kein Nazi, aber…“. Die Tante Friede sagt etwas ganz anderes, dass man das so pauschal nicht sagen kann, denn im nahen Rockolding, einem Dorf mit 800 Einwohnern, sollten 150 Flüchtlinge untergebracht werden. Das ist schon deutlich mehr als in Berlin. Also gab es eine Bürgerversammlung, auf der die CSU-Bürgermeister für Verständnis geworben haben, und die Caritas die Dorfbewohner bat, freiwillige Mitarbeiter zu stellen. Dann haben die Helfer sich in der Vorweihnachtszeit engagiert, um das Lager zum Laufen zu bekommen. Fast hätten sie es geschafft, aber als am 22. Dezember die Flüchtlinge kamen, die es zu beherbergen galt, waren sie bei aller Leistungsbereitschaft noch nicht ganz fertig. Jedenfalls hat dann eine grössere Gruppe sofort mit der Randale begonnen, mit Hungerstreik gedroht und verlangt, nach München gebracht zu werden, weil sie dort arbeiten und studieren wollten. Dabei wurden Betten zerlegt und Matratzen geworfen, und den Helfern das Essen vor die Füsse gekippt. Das sei schon etwas schockierend für Leute, die eine Tombola für Flüchtlinge organisierten und in ihrer Freizeit die Unterkünfte gebaut hätten, für die Mitarbeiter mit all den geleisteten Überstunden, zwei Tage vor Weihnachten. Ja, so ist das hier, gar nicht so leicht mit der Empathie.

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Zum moralischen Kriegführen braucht es immer zwei, den bösartigen Angreifer und das nichts ahnende Opfer – aber wenn es so gut vorbereitet ist und seine Aussagen auch noch mit der Tagespresse belegen kann, macht das moralische 5.45-Uhr-Zurückschiessen keinen Spass. Auch Konsumterror fällt dieses Jahr als Konfliktanreiz aus, ist der Besuch doch mit der Hoffnung der Rückstandsübernahme verknüpft. So verwundbar, so dumm, so geistlos ist diese Heimat, an allem gäbe es etwas auszusetzen. Allein, sie weigert sich standhaft, auf den Streit einzugehen und schweigt auch zur Frisur, die die P. daheim in Neukölln mit einem Topf, einer Haushaltsschere und modischem Blau kreiert hat. Die Hoffnung, dass das Kind hier neu anfängt und vielleicht doch einen netten Partner findet, ist längst erloschen. Es ist erwachsen, zumindest laut Altersangabe im Pass, die Mietschulden werden ohne Bemerkungen über Bausparverträge beglichen, es bekommt Geschenke und drei Hunnis für die Fahrkarte, obwohl es eine Mitfahrgelegenheit gibt. Es ist friedlich, und für die, die bleiben, ist es schön.

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Aber gleich geht es zurück in die grosse Stadt, wo die drei Scheine für das verlorene Aschenputtel von demselben in eine rauschende Silvesterorgie umgewandelt werden, für all die anderen Nazienkel aus der Provinz, die in der grossen Stadt erzählen, wie bäh und doof und zurückgeblieben das daheim gewesen ist. Und wie sie die Nazis und Spiesser in die Schranken gewiesen haben. Die haben Geld, aber sie haben Moral. Daraus kann man lernen. Vielleicht will die Zeitung für diejenigen, die in der Provinz bleiben, noch einen weiteren, spitz formulierten und gerechtfertigt bösen Beitrag veröffentlichen: „So überleben Sie Silvester im Kreise der Familie“, „Die zehn besten Argumente gegen ihren Nazionkel“, „Scheidung nach dem Neujahrskrach: Das müssen sie dem Familienrichter unbedingt sagen“. Damit dieses Land endlich erkennt, wie trist seine Existenz wirklich ist. Denn es kann und darf nicht sein, dass da welche im Warmen sitzen, lieber Einrichtungszeitschriften lesen, den Garten bepflanzen und ab und zu auch lächeln, wenn in der FAZ steht, dass manche Verlierer und Abrutschende ganz allein dafür verantwortlich sind, in einem Land, das wirklich gut und freundlich sein kann, wenn man es nur ein wenig so sein lässt.

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Danke. Danke den Lesern und Kommentatoren dieses Blogs für das Vergnügen, für sie schreiben zu dürfen.

25. Dez. 2015
von Don Alphonso
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16. Dez. 2015
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Der brutale Klassenkampf des humanitären Imperativs

La bourgeoisie est abolie. Une nouvelle ère de l’égalité entre tous a commencé.
Jean-Bedel Bokassa

Es gibt keinen einheitlichen Namen für diese Menschen. Wenn Politiker der Rechten über sie reden, benutzen sie den Begriff Clandestini, sie selbst nennen sich, wenn sie politisch organisiert sind, „Sans Papiers“. Wie viele es von ihnen in Italien gibt, weiss niemand, aber ihre Zahl dürfte in die Hunderttausende gehen. Meist sind es Menschen aus Afrika. Entweder wurden sie von der Mafia nach Italien geschmuggelt, oder sie sind dem überforderten Asylsystem entlaufen. Sie gehören nicht zu jenen über 40.000 offiziellen Flüchtlingen, die aus Italien in andere europäische Länder umverteilt werden sollen, und von denen bislang 130 tatsächlich auch verteilt wurden. Kein Mensch ist illegal, rufen Aktivisten. Legal sind sie aber auch nicht. Sie sind ausserhalb des gesetzlichen Systems, und vier von ihnen sehe ich täglich in Padua auf dem Weg zum Bäcker.

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Der Weg ist kurz, nur die Strasse runter zum Eck. Das ist die Frau, die hier unter den Arkaden wartet und Passanten nicht sehr unhöflich animiert, Taschentücher im Einzelpack zu kaufen. Sie ist gleich gegenüber der Bäckerei. Um zu erfahren, was sie verlangt, gehe ich langsam auf sie zu, schniefe etwas, und lasse mir eine Packung geben, für einen Euro. Dann gehe ich in die Bäckerei, lasse mir einen Tee und ein Panini bereiten. Ich setze mich an das Fenster, schlage die Zeitung auf, und schaue mit einem Auge hin, wie sie wartend auf ihren Turnschuhen das Körpergewicht verlagert, um dann den Passanten einen Schritt entgegen zu eilen. Es ist recht kühl, die Luft ist feucht, ideales Schnupfenwetter. Nach einer Stunde hat sie drei weitere Packungen verkauft.

Sie ist mittelalt und eher übergewichtig. Wie lang kann man in diesem Alter in einer zugigen Stadt im Winter bei neun Grad stehen? Sechs Stunden? Sagen wir, sie verkauft 24 Packungen am Tag. Einkaufspreis für ein billiges No-Name-Produkt 2 Euro, bleiben 22 übrig, für einen Tag in der Kälte. Für ein eigentlich illegales Geschäft, denn natürlich fordert der Staat auch in Italien Steuern, und für Handel bräuchte man eine Lizenz. Natürlich ist es ein Geschäft, für das es keine Lizenz gibt. Und selbst wenn es eine Lizenz gäbe, würde sie ohne Aufenthaltsrecht keine bekommen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch kein Verfolgungsinteresse des Staates, für den so ein Ansinnen nur hohe Kosten und lange Verfahren zur Folge hätte. Also steht sie auch am nächsten Tag wieder hier in der Kälte, die ihr Geschäft befördert. Von der Polizei wird sie ignoriert, und auch von den meisten Menschen, die sich wegducken. Sagt man nichts, lassen die Nichtlegalen einen in Ruhe, sagt man „No grazie“, werden manche beharrlich. Man muss hier anderen Kontinenten nicht zuhören, sie äussern sich selbst deutlich.

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Ein schwedischer Minister hat bei den europäischen Rechten eine Protestwelle erzeugt, als er bei einer Reise in Afrika sagte, er freue sich darauf, dass diese farbenfroh gekleideten Menschen kämen, und Europa bunt werde. Die angekommenen Afrikaner sehen alle nicht bunt aus, sie tragen vor allem Schwarz. Schwarz wärmt, schwarz macht anonym, schlecht identifizierbar, und tarnt in der Dunkelheit. Schwarz trägt der Blumenverkäufer neben dem Hotel, schwarz trägt die Bettlerin, der auf Pilger auf dem Weg zur Kirche wartet, schwarz trägt der Junge im Supermarkt, der Wechselgeld nimmt, oder alten Leuten die Treppe hinunter hilft, auch wenn sie das nicht wollen. Für den kurzen Weg ist das sehr viel Elend, aber Venedig hat dergleichen untersagt, und setzt das auch gnadenlos durch. Padua ist eine Studentenstadt, immer noch rot, und verzichtet auf ein derartiges Verbot. Das sei, erzählt der Bäcker, ein Grund, warum so viele hier sind: Flüchtlinge erst aus Afrika, dann aus Venedig. Man hat sich damit abgefunden.

Wie man mit 22 Euro pro Tag überleben kann, wenn es keinerlei staatlichen Leistungen gibt, keine Krankenversicherung, keine Behandlung? Im Frühjahr ist zwischen Padua und Venedig ein Vermieter aufgeflogen, der 20 Menschen aus Bangladesch in eine kleinen Wohnung gepfercht hat. Das klingt schlimm, aber es ist immer noch besser als das Schicksal der Plantagenarbeiter in Süditalien, die auch aus Afrika kommen und mit ihrer Arbeit dafür garantieren, dass deutsche Mütter keine finanziellen Sorgen haben, wenn sie ihren Kindern aus den sa-gen-haft billigen Orangen vom Discounter einen Saft pressen. Wer es nach Padua geschafft hat, ist schon etwas weiter oben auf der sozialen Leiter. Und wäre nicht die Krise, hätte er vielleicht sogar die Chance auf eine richtige, wenn auch nicht legale Arbeit. Unterhalb der Pakistanis. Denn die Pakistanis haben in Italien einen guten Ruf als Gastarbeiter. Sie sind zum Erhalt der Preise im Tourismus wichtig, und übernehmen in vielen Familien die Pflege alter Menschen. Vor der Krise standen die Pakistanis oft am Herd der Restaurants, und die Afrikaner spülten ab. Aber jetzt ist Krise, die Italiener besetzen die Berufe selbst und haben kein Geld für die Pflege, die Pakistanis rutschen weiter nach hinten, und verdrängen dort andere. Ganz Italien sackt durch. Vielleicht hat die Taschentuchverkäuferin früher irgendwo geputzt. Jetzt steht sie jedenfalls unter den Arkaden. Der Urlaub in Italien bleibt auch mit Pakistanis als Reinigungskräften und mit dem gesunkenen italienischen Lohnniveau günstig. Und Deutschland bekommt natürlich seine Austeritätsziele. Neben den billigen Blut-Orangen. Für die gilt kein humanitärer Imperativ.

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Das hier ist die Integration nach dem Scheitern der Integration. Die Betroffenen haben es – aus welchen Gründen auch immer – nicht geschafft, einen offiziellen Status zu bekommen. Sie sind auch nicht in die klassische italienische Schattenwirtschaft gekommen. Aber sie haben ein Geschäftsmodell, mit dem sie überleben. Natürlich gäbe es ein Verfahren, um diese Menschen abzuschieben, aber die italienischen Behörden wissen auch, dass das so gut wie unmöglich ist, weil die Heimatländer nicht kooperieren. Sollte es in Italien aufwärts gehen, kommen sie wieder an Hilfsarbeiten. Dann werden ihre prekären Plätze im reicheren Padua durch andere eingenommen, die jetzt noch in weniger vermögenden Gegenden sind. Am Wochenende davor wurden 4900 Menschen vor der libyschen Küste gerettet. Viele werden weiter nach Deutschland gehen. Aber manche werden sich auch überlegen, wie sie hier an Geld kommen. Vielleicht sogar so weit in der Hierarchie aufsteigen, dass sie gefälschte Sonnenbrillen der Designermarken drüben am Prato della Valle verkaufen, wo die Studenten und jungen Touristen sind. Vielleicht finden sie auch eine wirklich billige Unterkunft weiter draussen in einem der scheinbar aufgegebenen, zerfallenden Bauernhöfe. Dann können sie trotz allem Geld heimschicken. Man fragt sich bei uns, wie man von 22 Euro am Tag leben kann. In Afrika gibt es Länder, in denen das mehr als der durchschnittliche Wochenlohn ist. Der Lohn derjenigen, die eine Arbeit haben. Die anderen haben noch weniger. Das erklärt auch, warum sie das hier tun: Die Bedingungen sind selbst jetzt nicht schlechter als in Afrika. Und es gibt die Hoffnung, dass es besser wird, und vielleicht braucht einer der Pakistanis, die sich nach oben gearbeitet und einen Falafelimbiss eingerichtet haben, doch wieder einen Handlanger. Dort ist es auch warm, und es gibt einen Stuhl. Lauter Dinge, die man erst als Privileg erkennt, wenn man eine Stunde zuschaut, wie eine nicht mehr junge Frau unter den Arkaden mit Taschentüchern winkt.

Padua entspricht wirtschaftlich in etwa dem, was jene Städte im strukturschwachen Nordwesten zu bieten haben, die neben Berlin, Frankfurt und Hamburg hauptsächlich das Ziel der Flüchtlinge und Migranten in Deutschland sind. Es sind Kommunen, die mit dem Abschieben meist überfordert sind. Sie beherbergen vermutlich schon jetzt einen Teil der dreihunderttausend Einreisenden, die nach dem Grenzübertritt spurlos verschwunden sind, und von denen viele wissen, dass sie hier weder Asyl noch Duldung bekommen werden. Wenn sie ausreisepflichtig sind, bekommen sie auch keine Unterstützung. Wir schaffen das, sagt die Kanzlerin, aber ich sehe da Hunderttausende, die in dieser Utopie gar nicht vorgesehen sind. Hunderttausende, für die man nicht mal billige Baracken bauen wird, und die ohne Versorgung in einem der reichsten Länder der Welt sind. Clandestini, Sans Papiers. Zuständig sind ein paar dann völlig überforderte Einrichtungen für jene, die durch alle Netze gefallen sind. Man nennt es hierzulande seit dieser Woche „humanitärer Imperativ“. Und auf deutschen Strassen ist noch viel Platz.

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Italien hat niemanden eingeladen. Italien hat versucht, die Probleme mit einem Hotspot auf Lampedusa zu regeln, und dafür schlechte Presse bekommen. Danach hat Italien die Flüchtlinge gern nach Deutschland, zur schlechten Presse weitergeschickt. Heute ist Italien Transitland, mit einer älteren, nicht legalen Schicht unterhalb der Gesellschaft, und ein Land, auf das sich bislang vergebliche Hotspotträume der Deutschen richten. Die Verteilung der Flüchtlinge hapert, die Gründung der Sammelstellen im Süden hapert. Es ist auf eine italienische Art gerecht. An der Frau unter den Arkaden geht die Realpolitik des freundlichen Gesichts spurlos vorüber.

Aber wenn Deutschland Asylbewerber ablehnt und nicht abschiebt, und sie von der Versorgung abschneidet, wenn sie untertauchen und sich dafür die Städte heraussuchen, die ohnehin schon überfordert sind, entsteht diese Schicht zwischen widerwilliger Duldung und Repression auch in Deutschland. Es gibt sie jetzt schon im Görlitzer Park. Es sind Menschen, die sich vom deutschen Staat nichts erwarten, wie es es auch in ihren Staaten nicht tun. Für Deutsche wäre das unvorstellbar, in weiten Teilen der Welt ist das normal. Die Entlegalisierten finden sich in dieser Situation besser zurecht als jene, die betreten wegschauen. Italien findet seit Jahren keine Lösung, und ist ein Bürgermeister zu nachsichtig, wird er hier im Norden aus dem Amt gewählt. Weil die Rechten die Probleme benennen, die hier jeder sehen kann.

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Manche finden das hier vielleicht zynisch, kaltländisch und dekadent, dort drüben in der Kälte die Frau, in der Wärme der Bäckerei der finanziell abgesicherte, deutsche Berichterstatter, der sich nur entscheiden muss, welches Museum er heute besucht und sich nebenbei das Elend anschaut. Recht viel grösser als hier können die sozialen Unterschiede nicht sein, wenn das voll versorgte Europa auf jene blickt, die nicht wissen, ob sie morgen nicht doch aufgegriffen und abgeschoben werden, weil irgendein Land in Afrika durch europäische „Entwicklungshilfe“, oder sollte man nicht einfach Bestechung sagen, einige Flüchtlinge zurücknimmt.

Das ändert nichts am Umstand, dass dieser krasse Unterschied zwischen Arm und Reich die deutsche Realität sein wird. Die Politik der offenen Grenzen bringt Hunderttausende nach Deutschland, die rechtlich gesehen nicht bleiben dürften und dennoch alles tun werden, um bleiben zu können. Der Unterschied zwischen mir und jenen, die heute noch Refugee Welcome und Merkel Merkel rufen ist, dass sie die Züge der Hoffnung sehen, und ich die zugigen Arkaden und die Frau, die vergeblich mit den Taschentüchern winkt. Sie ist eine Clandestina. Jemand müsste sie nach deutschen Vorstellungen aufgreifen und abschieben, damit wir das schaffen; Das ist die radikalste Form des Klassenkampfes gegen die Ärmsten und Rechtlosen. Ich kann im Cafe sitzen bleiben, ich halte die ganze Politik der offenen Grenzen für kompletten Irrsinn, wie alle Italiener, die ich kenne. Aber diejenigen, die hinter Merkels Politik stehen, werden sich früher oder später überlegen müssen, was sie mit den Hunderttausenden machen, die erst gar nicht die Möglichkeit bekommen werden, es zu schaffen und sich legal zu integrieren, und dann eben auf den Taschentuchhandel ausweichen.

16. Dez. 2015
von Don Alphonso
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13. Dez. 2015
von Don Alphonso
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Die privilegierte Kunst des Nichtzuhörens

In the Islamic government all people have complete freedom to have any kind of opinion.
Ayatollah Khomeini

Zuhören ist Teil der standesgemäßen Erziehung. Nicht, weil man zu schweigen hat, wenn Ältere etwas sagen, oder weil man nur spricht, wenn das Wort an einen gerichtet wird. So war das zwar noch im Königreich Bayern, aber in meiner Kindheit wurde dieses Benehmen nicht mehr im normalen Alltag erwartet, sondern nur bei wenigen, sehr repräsentativen Anlassen. Zuhören ist mehr eine höfliche Defensive. Viele Menschen hören sich gern reden, und das gibt einem genug Zeit, sich eine wirklich schön klingende, freundliche Ablehnung ihrer Begehrlichkeiten einfallen zu lassen. In einer Welt, da jeder das Wort an einen richten kann, ohne die immer noch vorhandenen Standesgrenzen zu beachten, wirkt das Zuhören nicht nur generös, es erleichtert auch die Abweisung übergriffiger Frechheiten Niedrigunwohlgeborener bei Wahrung der einzig richtigen, sprich unserer Form. Man muss mich nicht dazu auffordern, anderen zuzuhören. Ich weiss, was sich gehört, und was mir weiterhin gehören wird, wenn ich zugehört und abgelehnt habe.

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Ungeachtet dessen wird momentan viel Zuhören eingefordert. Die typischen Forderungssteller sind sehr engagierte Aktivisten, die ihre Unart im Duktus der moralischen Überlegenheit feiern. Sie implizieren damit, dass vor ihrer Forderung bislang gemeinerweise niemand zugehört hätte, und nun soll man mal den Mund halten, weil die anderen dran sind: Die Marginalisierten, die Benachteiligten, die Unterprivilegierten und natürlich auch sie selbst, die sich zu ihrem Sprachrohr in den Medien machen. Höret also die Geschichten der Frauen, die an gläserne Decken stoßen, der Mieter, die für ihr Geld ein Zimmer mehr wollen und sich nicht darum scheren, dass in Zeiten knappen Wohnraums andere darunter leiden, höret die schrecklichen Erlebnisse der Nigerianer, die sie als Eritreer erdulden mussten, höret die Vergewaltigungsfühlenden, die mit Klagen drohen, sollte ein Medium es wagen, die Sichtweise des von ihnen Verfolgten darzustellen. „Listen and believe“ nennt sich das amerikanische Prinzip, das momentan auch in Deutschland von denen propagiert wird, die sich irgendwie benachteiligt oder als Vertreter von legitimen Ansprüchen fühlen. Menschen, denen pornöses Verlangen nach Quote, Enteignung, Selbstbezichtigung, Beichte und Strafzahlung bei Nichtaufnahme von Flüchtlingen aus den Zeilen trieft. Höre, altes Europa, und unterwerfe Dich der Welt und ihren Problemen und Problembewussten.

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Ich habe damit auch nach langem Zuhören ein grundsätzliches Problem: Weil dieses Verlangen vor dem Einsetzen der Weltrevolution nichts bringt. Man wird vor diesem Ereignis selbst im realsozialistischen Nachfolgestaat der BRD eher selten durch Winseln privilegiert. Mir ist natürlich voll bewusst, dass es gar nicht um das Zuhören geht, sondern um das Akzeptieren der anderen Standpunkte, und um das Anerkennen der Ansprüche. Aber die nun zum Schweigen aufgeforderten „Kinder des Abendlandes“ haben in früheren Epochen dauernd dieses „Audite“ hören müssen, um fromme Stiftungen zu bezahlen, in der Kirche auf Knien zu rutschen, Angst vor dem Höllenfeuer zu haben, und um ja nicht auf den Gedanken zu kommen, dass es auch noch andere Möglichkeiten gäbe, das Leben sinnvoll, freudenreich und ohne Unterdrückung durch moralische Instanzen zu gestalten. Den Vorgang, moralischen Instanzen nur noch seine Verachtung zu zeigen, nennt man Aufklärung, und deshalb finde ich es einfach angemessen, wenn man einem Günstling dieser Entwicklung und nicht den modernen, nicht normschönen Wiedergänger_Innen verkniffener Lustfeindlichkeit lauscht. Ich bin so ein Günstling und darf sie zu einem Ort entführen, privilegiert wie sonst kaum einer in Europa.

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Das ist die Villa Pisani. Erbaut wurde sie im Spätbarock als Landsitz der schwerreichen Adelsfamilie Pisani aus Venedig, die sich hier an der Brenta einen sehr repräsentativen Bau leistete. Die Villa ist kein banales Landhaus mehr, sondern ein ausgewachsener Palast. Der eigentliche Bauherr war der Doge Alvise Pisani, der als Inbegriff der spätvenezianischen Dekadenz gelten kann. Venedig war als Handelsstadt im Niedergang begriffen, florierte aber immer noch als Rotlichtviertel der Welt, in dem man alles bekommen konnte, für das einen andernorts die Inquisition auf den Scheiterhaufen oder der Sultan auf den Richtblock werfen konnte: Sexuelle Ausschweifungen, verbotene Bücher, obszöne Drucke, verfemte Wissenschaft, gemeingefährliche Philosophie – Venedig lebte prächtig vom Ruf, dass hier mit ausreichendem Vermögen keinem Herrn ein Wunsch verwehrt wurde. Und auch ein konservativer Politiker wie Pisani ließ es sich nicht nehmen, sich persönlich an den Lustbarkeiten zu beteiligen. Der lockere Lebenswandel wird dann auch – mythologisch verbrämt – sehr bunt gefeiert.

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Es ist seit der Renaissance eine alteuropäische Tradition, die körperlichen Freuden im Kleid der antiken Sagenwelt auf Mauern zu malen. In jenen Tagen, da diese Nackten entstanden, war das vollkommen akzeptiert: Gut dreihundert Jahre lang war die Kenntnis der Antike für die besseren Kreise unabdingbar, weshalb immer die Ausrede vorgebracht werden konnte, man ergötze sich hier gar nicht an nackten Frauen, sondern am Bildungskanon, der nun mal gewisse freizügige Aspekte enthalte. Selbstverständlich war das keine Pornographie, sondern ein humanistisches Ideal. Es hatte sich damals eine Bildtradition entwickelt, an die man sich so gewöhnt hat, wie man heute private TV-Sender als Lebensschule der gewöhnlichen Stände akzeptiert. Zumindest war das so unter den Reichen und Gebildeten – man war sich damals durchaus einig, dass derartige Bildungsfreuden Sache der Oberschicht bleiben sollten.

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Der Pöbel sollte besser Drucke von Heiligen und Päpsten kaufen, und keinesfalls hier für einen kleinen Obolus Zutritt bekommen, wie es heute der Fall ist. Es ist jene Epoche, in der der Herr immer noch bestimmen kann, welche seiner Untertanen heiraten können, und so amüsant und frei das Leben auf den Bildern auch sein mag: Als Doge versperrte sich Pisani grundsätzlich allen Versuchen, die normale Bevölkerung von Venedig auch nur ansatzweise politisch zu beteiligen. Dreihundert Jahre sind die Bildtraditionen bei der Entstehung der Fresken alt, aber Venedig ist damals wie immer und unverändert ein Ort, in dem die Oligarchen mit Bestechungen Ämter kaufen und den Staat nutzen, um die eigene Familie zu bereichern, und das auch allen Gästen schamlos zu zeigen. Die Renaissance hat den Menschen neu erfunden, das Rokoko lebt ihn in der Oberschicht aus.

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Und so kommt es dann nicht als Revolution, sondern auf leisen Sohlen, wie ein Dieb in der Nacht: Es schleicht sich, ganz vorsichtig, auch in der Villa Pisani die neue Epoche der Aufklärung ein. Denn nicht alles ist antike Sage; in einem anderen Raum entfällt der fadenscheinige Mantel der Bildung, und man sieht etwas, das damals und in weiten Teilen der Erde noch heute als Pornographie gilt. Sittenlosigkeit als reiner Selbstzweck, ohne Rücksicht auf zarte Befindlichkeiten psychisch deformierter Aufschrei-Blog Betschwestern.

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Es ist nicht bunt, es ist kontrastarme Grisaillemalerei, und das ist kein Zufall: In voller Farbe, gewissermaßen lebensecht, wäre es sogar für die Privaträume einer bestimmenden Familie einer Bordellstadt zu viel gewesen. Man findet solche Darstellungen schon mal auf Gemälden, die man notfalls abhängen kann, man findet Geliebte als antike Göttinnen und Ausschweifungen als Thema von Grotesken. Aber das hier, auf ewig an die Wand gemalt, betrunken, halbnackt, geil, kurz vor dem Übergang zum Geschlechtsverkehr, unter ganz normalen Menschen, in einem repräsentativen Umfeld: Das ist ausgesprochen gewagt. Und deshalb verzichten Auftraggeber und Maler auf die Farbe echten Fleisches. Ein Zugeständnis. Eine Ausflucht. Eine kleine Rücksichtnahme auf die geltende Moral, die hier auch nur für die Reichsten und Mächtigsten aufgehoben wurde.

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Es ist schemenhaft, aber für diese Zeit war es ein unglaubliches Privileg, sich so ein Sujet leisten zu können. Heute, im Westen, besonders in Westdeutschland, könnte man das Geschehen daheim mit aufblasbaren Gummipuppen oder Plastikschlümpfen nachstellen, und es würde niemanden kümmern. Man könnte das Treiben nachspielen, und niemand würde einen deshalb in die Bleikammern werfen. Drei Jahrhunderte der Aufklärung hat es gedauert, viele Rückschläge waren zu verkraften, viele Freigeister haben ihr Leben riskiert, damit man das heute in Deutschland und ein paar anderen Ländern dieser Welt ohne Risiko tun darf. Das ist Aufklärung, das ist Menschenrecht. Wir sind da sehr weit gekommen, und haben bei uns all jene Ideologien, die diese Dekadenz bekämpften, deutlich in die Schranken gewiesen: Nazis und Stalinisten, Jesuiten und Inquisition, Adenauermoral und Zwang, einen Rosenkranz dabei zu haben, Sittenpolizei und Ehebruchgesetze. Wir sind sehr weit gekommen. Wir haben Privilegien errungen, die nicht einmal der Doge von Venedig besaß.

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Und deshalb finde ich, dass man diese Bilder ruhig einmal anderen zeigen sollte, deren Ideologien oder Kulturen von Kreuzberg bis Mossul noch nicht so weit sind, und sagen: Schau. Dafür haben Voltaire und Heine geschrieben. Die Freiheit, das zu tun, ist die Grundlage unserer Gegenwart. Wenn es dir nicht passt, wenn du solche Malereien nicht möchtest, wenn du deinen Kindern die Freiheit nehmen willst oder denkst, wir müssten uns in der Sache auch mal andere Standpunkte anhören, geben wir dir die Freiheit, genau das zu artikulieren. Aber mehr nicht. Deine Meinungsfreiheit ist Teil unserer Aufklärung, auch das haben wir erkämpft, auch davon gehen wir nicht ab, aber eine Umsetzungsfreiheit auf anderer Leute Kosten gibt es nicht.

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Das, was andere für Dekadenz halten, ist der Quell der Freiheit und deines Privilegs, sie anzunehmen oder abzulehnen. Es geht uns auch gar nicht darum, dass jeder das so treiben muss: Es geht allein um das Recht, es tun zu können. Du musst nicht mitmachen. Aber wenn du versuchen solltest, anderen dieses Recht zu nehmen, gibt es auf dieser Welt weitaus schönere Plätze für dich, wo man deinem Anliegen gern lauscht und nachdenklich Bärte und Sprengstoffgürtel streichelt. Übrigens hat uns deshalb noch kein Gott dafür mit Pech und Schwefel überschüttet, nur der iranische Präsident spammt Twitter mit Ansagen voll, dass ihm das zu viel ist. Es tut keinem weh, es ist die Freiheit des privilegierten Menschen, und da sind wir hier recht weit gekommen.

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In der Villa Pisani kann man sehen, wie weit wir inzwischen gekommen sind. Das ist eine wirklich hübsche Perspektive der Selbstermächtigung, und ich finde, dass andere da auch mal zuhören sollten, statt ihre Weltperspektiven zu erläutern. Ich halte die westliche Kultur und Zivilisation vielleicht nicht für überlegen, aber es fällt schon auf, dass die Aktivisten, die hier das Zuhören für die Probleme anderer Menschen verlangen, selbst lieber in Deutschland bleiben, als dorthin umzuziehen, wo man ihre Probleme mit unserer Kultur voll versteht: Kritik an der westlichen Dekadenz ist schließlich die Lingua Franca der europakritischen Bewegungen von Boko Haram in Nigeria bis zu den Koranschulen Pakistans, da sind Kronzeugen herzlich willkommen. Sie bekämen dort viel Unterstützung für ihre Kritik an der eingebildeten, dekadenten Überflussgesellschaft, und Ärger über Relikte dieser Einstellung – wie die Villa Pisani – vermeidet man mit Sprengstoff. Die Villa versprach der Familie im Deckengemälde von Tiepolo eine phantastische, aber heute als fragwürdig geltende Zukunft.

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Wenn ich, wie Ende November, ganz allein durch diesen Palast streife und an die Decke schaue, wo unter nackten Brüsten herabgelächelt wird – dann lächle ich trotzdem über drei Jahrhunderte zurück. Wir Privilegierten verstehen uns, ohne dass wir uns zuhören müssten. Es wäre also sehr nett, wenn die Amateure der Selbstermächtigung uns geistigen Erben des Dogen Pisani anstelle von a priori abgelehnten Forderungen vielleicht den nicht schuldigen, aber doch höflichen Respekt entgegen bringen könnten. Das würden wir dann auch huldvoll anhören.

13. Dez. 2015
von Don Alphonso
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09. Dez. 2015
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Wir schaffen das soziale Abhängen

There is no such thing as society.
Margaret Thatcher

Dieser Beitrag wird sehr unerquickliche und wenig sensible Aussagen über Menschen enthalten, die das nicht verdient haben. Um wenigstens ein klein wenig Gerechtigkeit walten zu lassen, möchte ich hier sagen, dass ich auf meiner Reise nach Italien Venedig zwar bezaubernd fand, aber wirklich tief beeindruckt haben mich drei Gebäude in Padua: Die Scrovegni-Kapelle mit den Fresken von Giotto, die Eremitanikirche mit den Fresken von Andrea Mantegna, dem ich eigentlich einen eigenen Beitrag widmen müsste – und der Salon des Palazzo della Ragione, in dem in Padua Recht und Gerechtigkeit gesprochen wurde. Vor 700 Jahren also sagte man hier: Lasst uns das oberste Stockwerk unserer Loggia zu einem einzigen Raum machen, 82 Meter lang und 27 Meter breit, und anschliessend bauen wir einen Schiffsrumpf der gleichen Grösse, den wir umgedreht als Dach darüber setzen. Das war jene Epoche, die wir als „Mittelalter“ bezeichnen, und ich habe ja schon einiges an moderner Architektur gesehen – aber dieser Salon ist auch unserer ärmlichen, kleinen und sozial bewegten Epoche weit voraus.

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Wenn ich nicht gerecht bin, dann wenigstens ehrlich: Ich habe hysterisch gekichert, als ich eintrat. Ich werde von nun an keine Immobilienanzeigen mehr lesen dürfen, denn so dort ein „grosszügiges Loft“ angeboten wird, werde ich an diesen Salon denken und mir das Leben aus dem Leib lachen. Das hier ist ein grosszügiges Loft. Alles andere sind Industrierestlöcher für arme Leute, die sich vielleicht mal Reprokunstabzüge leisten können, aber nicht die Giotto-Schule für ein paar Jahre, um die Mauern von oben bis unten auszumalen. Giottos Fresken sind ein Jahrhundert später einem Brand zum Opfer gefallen, die neue Ausmalung ist nicht mehr ganz so bedeutend – aber das hier ist echter Wille zur Grandezza, zur Repräsentation, zur Darstellung der eigenen Potenz, und nicht übergrosse Wohnküche mit Modenamen „Loft“.

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Kurz, das Glump ist zweimal teuer, pflegte meine Grossmutter zu sagen, und angesichts des Salons muss man ihr fraglos recht geben. Aber auch sonst haben sich die Preise inzwischen verdoppelt: In meiner fernen Heimatstadt etwa. Seitdem ich für die FAZ schreibe, gab es da eine sensationelle Preisentwicklung bei Wohnbauten, die diese Stadt auf Platz 7 der teuersten deutschen Städte gebracht hat. Deshalb ist sie gerade in den Medien, und deshalb geniesse ich Italien in vollen Zügen: Ich tue nichts, und trotzdem wird das Parkett unter meinem Sofa Tag für Tag teurer. Das – und das Wissen, dass historisch-repräsentative Bausubstanz in bester Altstadtlage nicht reproduzierbar ist – ist die solide Grundlage für ein gutes Gefühl. Getan habe ich dafür wenig, das gebe ich zu, aber so ist es nun mal: Die einen freuen sich über solche Berichte zur Preisentwicklung, und andere ergreift das nackte Entsetzen.

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Fast alle Medien schreiben nämlich darüber, als sei das eine Naturkatastrophe. Meine Grossmutter sagte übrigens auch, dass selten ein Schaden ist, wo kein Nutzen dabei ist, und so ist es auch hier: Den Eigentümer freut es. Aber Journalisten sind nur in Ausnahmefällen die Hausmeister hinter barocken Mauern. Meist sind sie jung, flexibel, überall einsetzbar und binden sich nicht an feste Orte. Statt dessen mieten sie erst mal. Das kann für sie unangenehm teuer werden, oder für andere angenehm lukrativ. Beim Verfassen solcher Berichte erkennen sie zweifellos, dass die Preisentwicklung ihrer Einkommensentwicklung in Windeseile entläuft. Und dass die Mieten ebenfalls steigen werden, ist nicht weniger zwangsläufig als eine zu Tal donnernde Lawine. Der Wunsch nach Vergrösserung, gar nach einem eigenen Haus wird angesichts der expoldierenen Kosten nur schwer aus eigener Kraft umsetzbar sein: Deshalb ist es für sie eine Katastrophe.

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Mitleid… naja, das ist so eine Sache. Ich tue mir damit schwer. Mieter sind in der Kronkolonie von Frau Merkel eine Gruppe, der die Politik jeden Wunsch von den Augen abliest, und nicht wie in Italien die sozial Abgehängten, die jene Volksvertreter nicht bezahlen. Die günstige Situation der deutschen Mieter war ein historischer Sonderweg und gehörte zum deutschen Sozialstaat. „Eigentum verpflichtet“ steht im Grundgesetz, in Italien denkt man dagegen „Kein Eigentum vernichtet“. Deutschland hatte zum sozialen Wohnen viele weitere staatliche Wohltaten, die nur wenige andere Staaten kennen. Wer in Deutschland krank war, wurde gesund gepflegt, aber in Italien ist der Arzt teuer, und die Medikamente sind dafür billig. In Deutschland gab es Arbeitslosengeld und in Italien Hunger. In Deutschland gibt es Rente und in Italien 200-Euro-Scheine unter dem Teppich. In Deutschland kann man mieten, weil der Staat alle Risiken auffängt. In Italien lässt einen der Staat krepieren, Entmietungen sind hier gnadenlos: Daher kaufen die Italiener nach Möglichkeit Immobilien, sind weniger flexibel, haben zwangsweise mehr Vermögen, sind aber auch sozial wenig mobil, achten bei der Wahl der Geschlechtspartner auf das Vermögen, und haben eine ganze Pornogattung mit Sex unter Reichen geschaffen. Deutsche machen tausend Auslandspraktika, stören sich nicht an Sex in Mietwohnungen, schauen amerikanische Serien, sind heute hier und morgen da und übermorgen völlig überrascht, wenn sie mit ihren drei nie benutzten Töpfen am neuen Ort keine bezahlbare Wohnung mehr finden, und fragen bei Facebook nach kleinen Zimmern.

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Nach einem Winter in einer kalte WG stellen sie mit Bronchitis auf einen Arzttermin wartend fest, dass sich nicht nur die Preise und der Aufwand für das Wohnen italienischen Verhältnissen annähern, sondern auch der Sozialstaat. Pflege, Zusatzrente und Zahnersatz werden berechnet, und Kuraufenthalte werden reduziert. Gegenüber dem Rentensystem herrscht das Letzte, was in diesem Land noch gesund ist: Das Misstrauen. Dass die Regierung versucht, die Mieten niedrig zu halten, ist nicht menschenfreundlich. Sie versucht nur, den Sozialabbau dort zu verhindern, wo sie selbst für die Folgen nicht aufkommen muss. Aber auch die Wohnungen, die entnervte Vermieter veräussern, ändern nichts an der generellen Entwicklung: Gegen den Rückzug des Staates hilft nur der Aufbau einer eigenen, sicheren Heimat. Und das treibt die Preise in die Höhe.

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Für die schwierige Suche nach Wohnfreuden garantiert übrigens Frau Merkel persönlich. Mit dem immer noch ungebremsten Zuzug von Migranten, von denen viele Flüchtlinge, aber sehr viel mehr kaum abschiebbar sind, werden dringend neue Wohnungen benötigt. Das Bauhauptgewerbe könnte für diesen Zweck völlig ausgebucht werden, ohne in der Lage zu sein, mit der Zuwanderung Schritt zu halten. Das sind enorme Kosten, die auf den Staat zukommen. Dafür muss er Bauland ausweisen, und weil weder Land noch Maschinen vom Himmel fallen und Planungsverfahren zudem lang dauern, wird auf der anderen Seite der Neubau normaler Wohnungen deutlich zurückgehen müssen. Das wird man erst spüren, wenn die aktuellen Bauvorhaben abgeschlossen sind, das staatliche Bauprogramm beginnt und Ressourcen in Beschlag nimmt: „Wenn Ihr es merkt, ist es zu spät“ ist nun mal ein Grundprinzip der Durchsetzung alternativloser Politik. Und es stimmt: Man kann nicht erwarten, dass über eine Million Menschen dauerhaft in Turnhallen wohnen.

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Dann werden Käufer vor allem auf Bestandsimmobilien zurückgreifen müssen. Die sind teuer, aber der neue Mietmarkt wird mitunter so aussehen, dass man die Eingeborenen für die Integration als eine Art Moderatorenstab in die neu gebauten Wohnreaktormaschinen einführen möchte, auf dass die Prozesse zwischen Syrern, Afghanen und Menschen aus Subsaharastaaten nicht überkritisch werden. Ich stimme hier mit Soziologen in warmen Univeritätsbüros vollkommen überein: Das ist, von oben betrachtet, sehr sinnvoll und zu begrüssen, wenn andere dazu eingeladen werden, die Wohntheorien von Le Corbusier erneut und im nationalen Rahmen zu überprüfen. Wenn ich aber sehe, wie sich jetzt schon rotgrün bewegte Neuköllner aufregen, nur weil auf ihrem Spielplatz Tempelhofer Feld Refugeewillkommen gelebt werden soll, wage ich die Vorhersage, dass der Trend zum Kaufghetto mit Security stark sein wird. Durchgentrifizierte Eigentumsviertel sind auch für das junge, linksliberale Bürgertum die Garantie dafür, dass globale Entwicklungen woanders mit freundlichem Gesicht zwangsweise Wohnungen gestellt bekommen und bleiben. Möglicherweise zieht es die Kaufwilligen sogar in der Provinz, in der die Preissteigerung moderat ausfällt, und die die Flüchtlinge meiden.

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Kleinere Städte wie etwa Padua. Es ist wirklich hübsch hier, und gar nicht so teuer. Man muss nehmen, was man kriegen kann, oder man bleibt in den grossen Städten und hofft, dass die Preisentwicklung nicht so schlimm wird. Dass man nicht zerrieben wird zwischen jenen, die kaufen und sich abschotten, und den Verbleibenden, mit denen man um die niedrigste Miete konkurrieren muss. Der Staat wird einem dabei kaum helfen. Die Zeiten, da jeder Wünsche vorbringen und Forderungen stellen konnten, sind in der Epoche der Alternativlosigkeit vorbei. Die Politik spricht von Opfern, die für die grosse Aufgabe zu leisten sind. Sie nimmt Opfer in jeder Form, und wer wenig Steuern opfert, bringt vielleicht ein auf 9m² reduziertes Dasein in der Wohnzelle dar. Die Autoren, die Facharbeiterzuzug bejubelten, reden jetzt von neuem Bauen mit reduzierten Ansprüchen: Das wird sicher kein Palazzo sein. Man sollte diese Texthelden an der Integrationsfront diesmal ernst nehmen. Bei den Facharbeitern lagen sie falsch, aber bei den Opfern liegen sie richtig.

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Dafür hatte man dafür aber vorher auch viele Freiheiten. Die Freiheit, einen jungen Man für verrückt zu erklären, weil er ein Jobangebot in Berlin ausschlug und lieber nach Hause zurück ging, um sich um das alte, grosse Haus zu kümmern. Wie kann man sich nur so anketten, sagten sie sich in ihren damals noch spottbilligen Mietwohnungen, wo sie sich stets neu erfinden können, bis zu dem Tag, da sie von den Umständen neu erfunden werden. Ich dagegen würde als Mieter in Berlin nicht alt werden wollen, schon gar nicht im Winter, wenn über Padua auch die Sonne scheint und ich ohne längeres Sinnieren überhaupt nicht verstehe, was an den Preissteigerungen in Deutschland schlecht sein soll. Es gibt bei jeder Revolution wenige Gewinner und viele Verlierer. Das hat man den Leuten an den Gesamtschulen in NRW doch hoffentlich erklärt.

09. Dez. 2015
von Don Alphonso
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06. Dez. 2015
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Der Privilegienliebhaber ohne festen Wohnsitz

Warum sollen wir uns nicht rächen?
Shylock

Langsam treiben die Gondeln durch das brackige Wasser des kleinen Kanals. Auf dem goldarbenen Thron räkeln sich Japanerinnen in lasziven Posen, als wären sie die wiedergeborenen Kurtisanen der Lagunenstadt, und machen Bilder von sich. Nebenan steht eine recht bekannte Kirche mit byzantinisch anmutenden Kuppeln, aber sie achten nicht darauf. Sie achten auf ihre Haltung, auf den muskulösen Gondoliere und den romantischen Hintergrund des morbiden Verfalls. Sie sind so zivilisiert, dass sie nicht jenes V-Zeichen in die Kamera halten, das Novizen der asiatischen Reisekunst ausweist. Wenn sie am Markusplatz oder am Canal Grande die Gondel bestiegen haben, sind sie inzwischen schon länger unterwegs. Sie können sich das leisten. Später werden irgendwo in Tokio oder Singapur Mobiltelephone piepsen und die Besitzer eine kleine Ahnung der Wünsche fühlen lassen, die Casanova hier beim Anblick der Venezianerinnen empfand.

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Venedig, diese Sündenmeile des alten Rokoko-Europas, wo Damen aus aller Herren Ländern denselben alle Dienste anboten, ist sogar im grauen November noch eine sehr sinnliche Stadt. Leise gluckst das Wasser unter den Planken, überzogen mit glänzendem Klavierlack, eine Möwe frisst den Flügel einer verendeten Taube, die Mädchen auf dem goldenen Thron machen noch ein Bild, diesmal mit Lolitablick durch die Streberbrille, ein drahtiger Taschenverkaufer hastet mit Fälschungen vorbei, kurz, es ist sehr romantisch und lebensfroh, und selbst, wenn es das nicht ist, ist es immer noch besser als nördlich der Alpen. Dort steht ein Video auf Youtube und macht Menschen nicht glücklich wie erotische Grüße aus der Lagune, sondern wütend. Es singt da einer nämlich: Ich owne Polizei, denn ich zahl Höchststeuersatz.

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In diesem Video geht es um eine angemessene Beschreibung der Realität polizeilicher Schutzmassnahmen: Je besser die Wohnlage, desto besser auch die Sicherheit dank der Staatsorgane, die natürlich genau wissen, wem dieser Staat wiederum gehört. Ein simpler Blick in die Vermögensverteilung deutscher Wohnlagen zeigt, dass Stechereien mit zerschlagenen Bierflaschen für Regionen stehen, in denen das Land nicht den Bewohnern gehört. Da kann das schon mal vorkommen, aber bei uns… also bitte. Hin und wieder, wenn es in der Altstadt Randale gibt, rufe ich selbst die Polizei. Gemeinhin ist sie wirklich flott. Ich finde das gut. Die Polizei schützt das Umfeld meines Stadtpalastes. Andere jedoch beschweren sich, das Lied und der Text sei Klassismus und würde nur jene verhöhnen, die eben nicht Polizei ownen, Drogenhändler im Görli, sozial Abgehängte, Randgruppen. Und nie den Spitzensteuersatz zahlen. Gut, das tut dank Steuerberater auch bei uns niemand – wo kämen wir denn da hin – aber der Umstand, dass in Deutschland sich gerade niemand räkelt und viele sehr wütend wegen der Ungleichheit sind, wirft natürlich die Frage auf, ob man offen über die realen Verhältnisse sprechen sollte.

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Eigentlich – nein. Eigentlich sollte man wissen, wie es wirklich ist, und schweigen. Und mehr noch: Das, was offensichtlich ist, sollte man kleinreden. Etwa so einen Palazzo: Da bietet es sich an zu sagen „Also, ein grässliches Ding, das meine Vorfahren da gekauft haben. Das ist ja gar nichts mehr wert, und die Reparaturkosten, das ruiniert mich. Dieses Haus ist der Fluch meines Lebens. Ich würde es sofort verkaufen, aber…“ und dann folgt eine Begründung, die weder die famosen steuerlichen Gestaltungsmöglichkeiten mit Denkmal-AFA erwähnt, noch die Summen, die dank Mieten jeden Monat wie aus dem Nichts auf dem Konto erscheinen. Das ist international so, und ich habe keinen Zweifel, dass man von der Rialtobrücke bis zum Dogenpalast genau auf diese Art die Paläste nicht „owned“, sondern sich zum Opfer der Umstände stilisiert.

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Ich kann darüber nur lächeln, falle aber ins gleiche, ausgesprochen feige Schema. Sie werden vielleicht gemerkt haben, dass ich Japanerinnen nicht ohne Interesse betrachtete – Bewunderung der Schönheit kommt auch bei Thomas Mann vor, wodurch es kulturell legitimiert ist. Warum etwa winke ich nicht einen Gondoliere heran, sage ihm „Folgen Sie dieser Gondel und reservieren Sie schon mal ein paar Plätze in einem rotsamtenen Boudoir, wo man etwas Philosophie betreiben kann“? So lebte das alte, von mir geschätzte Europa, so entstand Casanovas Werk – aber natürlich mache ich das nicht und fahre später mit dem Wasserbus zurück, in dem Chinesinnen mit dem V-Zeichen noch einiges über angemessenes Räkeln lernen müssen. Es ist nicht der Geiz, es ist die Erziehung. Man versucht nicht mehr, etwas in dieser früher sehr gängigen, auffälligen Form zu erownen. Es bleibt vielleicht ein geheimer Wunsch, der Sie eigentlich gar nichts angeht.

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Der Wunsch, Herrn Böhmermann wegen seiner zur Schau gestellten Privilegien mit Polizistin auf dem Motorrad absetzen zu lassen, wird dagegen in Deutschland sehr offen formuliert, man ist ja noch warmgelaufen von Xavier Naidoo. Das ist nicht die Welt, in der man über das Vergnügen reden kann, zwischen Statuen von lichttragenden Mohren einen venezianischen Leuchter für daheim auszusuchen. Das Duckmäusertum ist ein anerzogener Reflex. Natürlich haben Gangsterrapper den nicht und zeigen das. Aber wehe, jemand tut das, der sein Vermögen anderen auf legalem und von der Polizei geschützten Weg abgenommen hat: Rechtes Gut gedeihet im Ansehen der Mehrheitsgesellschaft nicht. Wir leben das alles daheim im Kämmerchen aus, und lassen die Mehrheitsgesellschaft allenfalls ahnen, wie das Leben unter Stuck und Kronleuchtern so sein mag. Je weniger sie wissen, desto besser ist es. Wir lassen nicht wissen, wir lassen keine Tür offen, wir lassen allenfalls ahnen – und streiten, wenn wir dann wegen der Privilegien beschuldigt werden, alles ab. Während ich dies schreibe, fordert eine nach Berlin gezogene Tocher eines guten bayerischen Hauses Enteignungen für Flüchtlinge – nicht mal unter Beobachtung durch Dutzende von Rokokoportraits würde ich bei mir daheim über dieses Verlangen, andere in meinem Goldbrokatbett schlafen zu lassen, mokant lächeln.

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Eigentum verzichtet. Wobei. Die gleichen Leute, die der Meinung sind, man sollte mal seine Privilegien checken und still sein, wenn sie Flüchtlingen eine Wohnung und gesellschaftlichen Rang ertwittern, stehen am Ende auch vor diesen Säulen und machen ein Bild.

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Säulen sind in Italien nicht gerade selten, und speziell Venedig konnte auf dem Festland auf viele römische Spolien zugreifen. Die hier – vermutlich die meistphotographierten Säulen der Welt – stammen zwar wie die Flüchtlinge und der Nikolaus aus der Türkei. Sie wurden allerdings unter durchaus fragwürdigen Umständen hierher verbracht. 1204 war das, damals eroberte der vierte Kreuzzug mit Hilfe der Venezianer Konstantinopel, und weil die französischen Ritter ohnehin keine Verwendung für das Schöne hatten, reservierte sich Venedig die Kunstschätze. Das sorgte kurzfristig für eine Exkommunikation durch den Papst, aber langfristig für eine sehr eindrucksvolle Domfassade von San Marco – eines Evangelisten, dessen Reliquien die Venezianer übrigens auch in der Türkei gestohlen hatten: Sie ownen Säule, sie ownen San Marco, Venezianer zeichnen Scheck stets blanko. Nein, im Ernst, der geneigte Reisende sieht hier doch recht schön, dass man auch heute noch mit Privilegien international Bewunderung erreichen kann. Irgendwann will auch die Refugee-Aktivistin so ein modisches Kind, Traumhochzeiten sind wieder begehrt – vielleicht steht sie dann auch hier und erfreut sich an den goldschimmernden Mosaiken und geraubten Steinen, an denen natürlich Blut klebt. Die Verbrecherstadt Venedig besuchen ist gesellschaftlich immer noch legitimiert.

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Und erstaunlicherweise wollen hier alle den Canal Grande sehen, die Kirchen, die Paläste und die üppigen Museen. Niemand fährt nach Mestre zur Instandsetzung der Boote oder zu den Fischfabriken, obwohl man dort bestens soziale Unterschiede sehen und öffentlich beklagen könnte. Venedig hat einen neuen Bürgermeister und mit ihm eine migrationsfeindliche Sicherheitspolitik, die noch erheblich restriktiver vorgeht, als es das Video des Polizistensohns zeigt. Die Venezianer haben sich im Juni bei der Wahl denokratisch dazu entschieden, neben den Säulen auch wieder Polizei zu ownen, und sich von den Weltproblemen loszusagen. Das ist sicher nicht sonderlich menschenfreundlich. Man muss diesen Kurs der Abschottung nicht mögen, wenn der Bürgermeister selbst sagt, Venedig würde keinen einzigen Flüchtling aufnehmen. Aber den Reisenden ist das wohl so wenig bewusst wie die Brutalität des Säulenraubes, und so hat Venedig weiterhin den Ruf der Grandezza, die man gesehen haben muss. Selbst die Wissenden wie ich nehmen das in Kauf. Venedig gönnt sich das Privileg, sich aus einer europäischen Krise zu verabschieden, Venedig setzt sich ohne Rücksichten durch und wie man sieht: Es fällt kein Schwefel vom Himmel, das Meer tut sich nicht auf, um die Stadt zu verschlucken, es ist halt so. Die Touristen kommen weiterhin und kaufen Seidentücher und Lampen. Insgeheim sind sie vielleicht sogar froh, wenn sie hier die Pracht sehen können, ohne das Elend bedenken zu müssen. Das ist ein kleines Privileg.

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Sie sind privilegiert. Und deshalb finde ich, dass die Amateure der Privilegien vielleicht etwas mehr Mitgefühl für uns Profis haben sollten, und verstehen, warum wir lächeln, wenn in einem Video endlich die letzten Reste der alten Weltordnung so beschrieben werden, wie wir das gern haben.

06. Dez. 2015
von Don Alphonso
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28. Nov. 2015
von Don Alphonso
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Der Grenzzaun der deutschen Nationalmoral

Sprich die Wahrheit, aber gib danach sofort Fersengeld
Slowenische Volksweisheit

Die deutsche Bundeskanzlerin sagt viel, um dem Volk die richtige Einstellung zu vermitteln. Sie sagt, die Bundeskanzlerin habe die Lage im Griff. Sie sagt, sie möchte Flüchtlinge mit einem freundlichen Gesicht empfangen, man könnte die Grenzen der Bundesrepublik nicht überwachen und es gäbe keine Obergrenze beim Asylrecht. Kurz, die Kanzlerin lädt noch weitere Flüchtlige ein, sekundiert von Politikern wie Herrn Ramelow, die einen Flüchtlingssoli vom Volk fordern, nachdem der Finanzminister schon die Steuerüberschüsse des Volkes für die Flüchtlingskrise umgeleitet hat, statt damit Schulden zu bezahlen.

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Angesichts solcher historisch einzigartiger Bereitschaft, die Migration hunderttausender, meist schlecht ausgebildeter junger Männer bis aus Sri Lanka auf Staatskosten mit einem freundlichen Gesicht zu finanzieren, kommen sie natürlich. Und müssen erfahren, dass die EU nun dem Autokraten der Türkei drei Milliarden bietet, damit er in Zukunft eben jene Flüchtlinge aufhält, für die bei uns manche einen Soli und andere privates Engagement fordern. Drei Milliarden für einen gefährlichen Zündler der Weltpolitik, der Journalisten wegsperren lässt und einen eigenen, schwelenden Bürgerkrieg mit den Kurden austrägt. Und gleichzeitig versucht die Kanzlerin die Flüchtlinge, die sie eingeladen hat, auf andere, ärmere europäische Länder zu verteilen, die finanziell auch zu den drei Milliarden für den Autokraten beitragen sollen. Wenn sie keine Flüchtlinge aufnehmen, droht die Kanzlerin, den Schengenstatus für die Bürger dieser Länder mit passfreier Einreise abzuschaffen. Damit wäre ein bürgerfreundliches Element der EU als Strafe für ausbleibende Unterwerfung gestrichen.

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Wie das ohne die für die Flüchtlinge angeblich unmögliche Grenzüberwachung gehen soll, weiss niemand so genau, aber Hauptsache ist: Wir schaffen das. Wenn Feministinnen, die sonst überall Rape Culture sehen, freudig Nachrichten verbreiten, dass angebliche Vergewaltigungen durch Flüchtlinge erfunden wurden, wenn die Forderung, dem Opfer zu glauben, nicht mehr gilt, und wenn sie bei wirklich brutalen Fällen den Mund halten – dann ist es in so einem paradoxen Land auch möglich, die Grenze nicht zu überwachen und Osteuropäer dennoch zu Passkontrollen zu zwingen. Das auf dem Bild dort oben ist übrigens der Grenzübergang Spielfeld zwischen Slowenien und Österreich. Dieser Grenzübergang ist fast genauso paradox wie vergewaltigungsignorierende Feministinnen oder Kontrollen an unkontrollierbaren Grenzen. Denn als Viktor Orban in Ungarn einen Zaun gegen unkontrollierte Flüchtlingsströme bauen liess, rückte ihn der österreichische Regierungschef Faymann – Merkels treuer Transithelfer – in die Nähe des NS-Regimes. Jetzt wird hier in Österreich ebenfalls ein Zaun entstehen, um unkontrollierte Grenzübertritte zu verhindern. Der Grenzübergang auf der Landstrasse selbst ist für normale Europäer schon geschlossen, so werde ich es am kommenden Montag in der gedruckten FAZ berichten. Jetzt kommt auf fast 4 Kilometer Länge der Grenzzaun. Mitten in der EU, zwischen zwei Ländern des Schengenraums, die beide mit den Folgen der Berliner Politik des freundlichen Gesichts nicht mehr klarkommen: Hier hat man die Lage nicht mehr im Griff, also baut man Zäune.

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Inmitten einer sagenhaft schönen Tourismusregion. Die südliche Steiermark ist so etwas wie die Toskana Österreichs, eine Hügelkette am Südrand des Landes nach der weiten Ebene, die kein Hindernis zwischen der Grenze und dem 40 km entfernten Graz darstellt. Egal ob auf der slowenischen oder österreichischen Seite: Diese Region bildet eine geographische Einheit, und wer auf der Weinstrasse Richtung Westen fährt, rollt über ein Asphaltband, das rechts zu Österreich und links zu Slowenien gehört. Die Grenze verläuft direkt auf der Strasse. Frühere Grenzzaunpläne hatten sehr wohl vor, zig Kilometer seitlich von Spielfeld die Grenze wieder zu befestigen. So, wie es während des kalten Krieges war. Dann hat man einen Zaun in einer Region, die in den letzten Jahrzehnten wieder zusammen gefunden hat. Natürlich ist in Slowenien manches etwas ärmlicher und nicht so herausgeputzt. Aber nichts ist so hässlich wie der Zaun, mit dem die österreichische Regierung im Inneren Handlungsfähigkeit zeigen will, während Deutschland das Grundproblem der Migration weiter fördert. Die einen wollen Zwangsabgaben für Flüchtlinge, die anderen greifen zur Zwangsmassnahme.

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Noch ist es hier offen. Ich habe 272 PS unter der Haube und heute nichts Besseres vor, also jage ich die hübschen Weinberge hinauf, suche mir die kleinen Strassen, die über die Grenze führen, und probiere aus, was passiert, wenn ich westlich von Spielfeld das tue, wozu mich mein EU-Pass berechtigt: In voller Freizügigkeit Grenzen übertreten. Ich fange weit im Westen an, rausche nach Slowenien hinein und wieder hinaus, fahre Bögen um Hunde und Katzen, die nicht einsehen, von der Strasse zu weichen, und fahre sehr anständig, wenn ich auf österreichischer Seite Polizei und Truppen sehe. Die sind dort präsent – kein Wunder nach den Anschlägen von Paris und der Erkenntnis, dass manche Attentäter als Flüchtlinge getarnt unterwegs waren. Trotzdem ist das noch ein freier Kontinent, könnte man meinen. Noch hält mich keiner auf. Bis zur letzten Strasse auf dem Hügel westlich von Spielfeld. Ich rolle ich um eine Kurve – und da stehen sie.

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Slowenische Grenzwächter mit einem geländegänigen Fahrzeug haben die Strasse abgeriegelt, wie damals im kalten Krieg. Sie wollen meinen Ausweis sehen. Der eine vergleicht Bild und Gesicht und kommt zum Schluss, dass meine Schleuder vermutlich etwas zu extravagant und beengt ist, um als Schleuserauto zu dienen. Der andere hat einen Block und notiert darauf vermutlich Nummernschild und Zeitpunkt meines Grenzübertritts.Da geht sie hin, die grenzenlose Freiheit im Schengenraum. Es wäre interessant zu wissen, was passiert, wenn ich jetzt nochmal eine Runde fahre und in 20 Minuten dort wieder auftauche. Dabei ist die Kontrolle bedeutungslos: Die anderen Grenzübergänge im Westen sind alle offen. Und es führen viele Wege über die Weinberge zum Hügelkamm. Man kann auch einfach zu Fuss gehen. Es gibt genug Pfade.

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Statt dessen fahre ich weiter, mache ein Bild einer Hügelkuppe auf der zwei leuchtorange Westen der österreichischen Polizei herausstechen, und rolle hinunter ins Tal zum Weingut Polz. Die Familie Polz arbeitet hier seit der k.u.k.-Monarchie, und hat den Hof seit dem Zusammenbruch des Östblocks fein herausgeputzt. Es gibt ein eigenes, modernes Gebäude für den Weinverkauf, und ich nehme zwei Flaschen als Andenken mit. Die Familie Polz ist auch der Hauptbetroffene der Zaunpläne, und will sich dagegen wehren. Nicht nur, weil der Zaun den Zugang zu den Weinbergen erschweren würde. Sondern auch, weil Tourismus und bewachte Grenzanlagen nicht zusammenpassen. Seit über hundert Jahren machen die Mitglieder der Familie hier Wein. Die Flüchtlinge, die nur der Zufall in die Region verschlagen hat, bedauert die – wirklich freundliche – Verkäuferin.

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Aber das freundliche Gesicht der Kanzlerin und der Soli des Herrn Ramelow sind nun die Faktoren, die entscheiden, wie viele kommen und wo sie durchgeschleust werden, und wo man sie ausbremst, zurückdrängt und abhält. Im Zweifelsfall findet das hier statt, direkt oberhalb des schönen, gepflegten Weinguts. Die Familie wird, als wären sie Anwohner der Berliner Mauer in den sechziger Jahren, zum Spielball der Weltpolitik und des Umstandes, dass die Folgelasten der deutschen Politik auf andere abgewälzt werden. Natürlich gibt es keinen deutschen Befehl, einen Zaun zu bauen. Aber irgendwie muss die kriselnde grosse Koalition in Wien dem Wähler beweisen, dass man noch in der Lage ist, autonom zu handeln. Die rechtsradikale FPÖ bestreitet das und fordert Abschottung gegen Flüchtlinge. Die Regierung laviert sich mit einem faulen Kompromiss durch baut jetzt den Zaun innerhalb des Schengenraums, aber angeblich nur, um die Flüchtlinge richtig zu lenken. Alle sind sie zwischen dem Flüchtlingsamboss des türkischen Herrschers Erdogan und dem freundlichen Hammergesicht der deutschen Kanzlerin Merkel. Man kann von einer Politik, die vollgestopfte Notunterkünfte für Integration hält und Autokraten mit Milliarden schmiert, nicht erwarten, dass sie sich um einen Weinbauern im Nachbarland und sein Schicksal kümmert. Schliesslich soll die Welt doch das freundliche Gesicht zu Kenntnis nehmen, und die vielen, die glauben, dass wir das schaffen.

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Das sind diejenigen, die auf Redakteursstühlen in Hamburg und Berlin das Grundrecht aus Asyl zu einem Supergrundrecht machen, dem sich alles andere unterzuordnen habe, die freie, kritische Meinung der Menschen, die Gesetze, die dafür ausgesetzt und gebrochen werden, die Staatsfinanzen und eben auch dieses herrliche Fleckchen Erde, das nach sieben Jahrzehnten der gewaltsamen Trennung und erbitterten Feindschaft zusammenwuchs, und nun wieder durch einen Zaun getrennt werden soll. Weil das deutsche Primat der eigenen Moral sich, pardon, einen Dreck um die Folgen schert, egal ob Leute vor dem Lageso frieren, Balkanstaaten erbittert streiten, oder die politische Stabilität des Kontinents vor die Hunde geht. Es fängt damit an, dass mein Kennzeichen verdächtig ist und notiert wird, nur weil ich als freier Bürger den falschen Grenzübergang benutze. Es wird weiter gehen, wenn man hier einen Grenzzaun baut. Und falls es doch nicht so weit kommt, liegt das nicht an Frau Merkel oder Herrn Erdogan oder ihren Panegyrikern in den Medien, die Abermillionen Festhalte- und Rücknahmeprämien für Autokraten in Pakistan, Eritrea, Afghanistan und anderen Herkunftsländer der Migranten für schlaue Politik halten, während bei uns mit Willkommenskultur geworben wird. Es liegt, wenn der Zaun überhaupt verhindert werden kann, an Menschen wie der Familie Polz, die angekündigt haben, sich mit allen juristischen Mitteln gegen die Abschottung auf ihrem Grund zu wehren.

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Denn dieser Zaun würde nur einen kleinen Teilaspekt einer deutschen Staatskrise betreffen, ein Placebo für das staatliche Versagen, das längst den ganzen Kontinent angesteckt hat, von den überfüllten Kähnen jenseits der libyschen Hoheitsgewässer bis zu den letzten schwedischen Notlagern nördlich des Polarkreises. Diese Krise ist deutsch. Niemand sonst in Europa will diese Politik, die behauptet, die Vorgänge in Aleppo gingen uns etwas an, und völlig ignoriert, was sie mit der Völkerwanderung auf dem eigenen Kontinent vom Zaun im Weingut bis zum Durchmarsch der Nationalisten in Frankreich, Polen und auf dem Balkan anrichtet. Letztes Wochenende wurde nur ich kontrolliert.

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Mit etwas Pech ergeht es uns nächstes Jahr allen so, an allen Grenzen und Zäunen von Nationalstaaten, die sich misstrauen, hassen und genau so rücksichtslos und egoistisch agieren, wie es die deutsche Nationalmoral tut, für die die Freizügigkeit zum Druckmittel im politischen Erpressungsgeschäft herabgesunken ist. Woanders mag dieser kleine Zaun nur eine kurze Pressenotiz sein. Aber hier, auf den Hügeln der Steiermark ist er eine weitere Metastase der deutschen Wesenskrankheit, die Europa umbringt.

28. Nov. 2015
von Don Alphonso
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