Home
Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

19. Feb. 2017
von Don Alphonso
385 Lesermeinungen

127
31946
     

Die deutsche Entbuntung im Urlaub

Es gibt verschiedene Kulturen, aber nur eine Zivilisation: Die europäische.
Kemal Atatürk

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Deutschland ist bunt. Und der Islam gehört zu Deutschland. Gleichzeitig ist Deutschlands Rolle in der Welt wichtig, und wird um so wichtiger, je protektionistischer und globalisierungsfeindlicher die USA unter Trump werden. Es gibt zwar, das ist unbestritten, ein paar Probleme beim Thema Integration, es gibt ab und zu regionale Nachrichten ohne überregionale Bedeutung, aber selbst Terror muss, sollte, darf man heute als Teil der allgemeinen Lebensrisiken ansehen. Lernen sie mal Flüchtlinge kennen, sagt die Regierungschefin, und außerdem: Wir schaffen das. Das hier ist nicht sehr bunt, nur weiss und blau, das ist der Blick von der deutschen Südgrenze hinein nach Österreich.

Das ist ohne jede Frage hübsch, ein Bild wie aus dem Reiseprospekt, und ich darf an dieser Stelle auch sagen, dass es im Rundumblick so schön bleibt. Hier stossen zwei wenig bunte Ferienregionen aneinander, das bayerische Oberland und Tirol. Zwei Ferienregionen, die etwas altbacken und nicht wirklich bunt wie Mallorca oder die bulgarische Schwarzmeerküste sind: Der frühere Prominentenurlaubsort Bayerischzell kann mit Dubai nicht mehr konkurrieren. Die steuerlichen Vorteile bei der Vererbung in Österreich, für die man da drüben, gern am Achensee, einen festen Wohnsitz braucht, kennt auch nicht jeder, sondern nur eine bestimmte weisse, vermögende Schicht. Es ist eine Urlaubsregion mit grosser Vergangenheit, als sich noch nicht jeder Urlaub leisten konnte, und die Wege in die Ferne beschwerlich waren: Dort unten wanderten Erzherzöge und Kaiser, es malte August Macke und es schrieb Thomas Mann. Auch Heinrich Himmler erlag dem Charme der Landschaft, als er noch in der Geflügelzucht arbeitete. Drüben am Achensee verkehrte ein Schaufelraddampfer, der Gäste zu einem Grand Hotel ganz hinten zur Sommerfrische brachte. Die grosse, mondäne Welt des alten Europa, mit ihren Brüchen und Abgründen, sie begann mit dem Urlaub hier in diesen Bergen um 1820, und hielt sich bis in die 70er Jahre, als Gunter Sachs dort unten rauschende Feste feierte.

Damals wurden Flugreisen billig, der deutsche Normalbürger konnte sich dank der starken DM längere Auslandaufenthalte leisten, und so bracht er auf in die Welt. Zuerst ging es mit der Horex und dem Käfer Cabrio auf der Landstrasse nach Jesolo, Mutige wagten sich bald mit der S-Klasse bis nach Sizilien, und mein Onkel, dessen alter Bauernschrank da unten in meiner Wohnung steht, durchquerte noch mit dem Renault abenteuerlich die Sahara, die man heute problemlos mit geführten Touren entdecken kann. Die Welt war gross und weit und schrumpfte dann zusammen. Meine Abiturreise nach Kalifornien war noch etwas Besonderes. Heute fliegt man dort schnell zum Coworking hin. Bergwandern am Tegernsee verkam zu einer Wochenendbeschäftigung älterer Münchner, während schlaue, junge Menschen nachrechneten und erkannten, dass man für den Preis eines bayrischen Käsestücks an der türkischen Riviera ein ganzes Frühstücksbuffet bekommt. Mit Meer und Sonne und Wärme anstelle eines kalten Sees in den Bergen. Und der Flug dauerte auch kaum länger als die Anreise in die Berge auf der verstopften Salzburger Autobahn,

Billige Flugzeuge mit staatlicher Unterstützung, billiger Sprit dank Fracking und staatliche Förderung der Flughäfen machen es möglich. Obwohl ich hier oft nur mit dem Rennrad unterwegs bin, kostet mich eine selbst organisierte Transalptour mit gutem Essen in sechs Tagen mehr als eine günstige, einwöchige Pauschalreise in die Türkei mit Flug. Globalisierung lebt von solchen enormen Preisunterschieden, und deshalb importieren wir billig Unterhaltungselektronik wie Kameras und Laptops aus China, um damit im Billiglohnland Türkei Urlaub zu machen und die Bilder mit der billigen Elektronik nach Hause zu schicken. Wenn ich auf einem Rad, dessen Teile vor allem aus Europa stammen, durch die Berge radle, fühle ich mich schon manchmal wie der letzte, langsame Saurier in einer von wieselartigen Kleinsäugern übernommenen Welt. Warum, wurde ich beim Kauf meiner Wohnung hier gefragt, fährst du mit dem Geld nicht einfach in Urlaub? Jeden Winter auf den Sinai, Frühling in Tunesien oder Marokko – niemand muss in meiner gesellschaftlichen Stellung monatelang durch den Schnee stapfen.

Als ich vor 10 Jahren beschloss, hierher zu ziehen, sah ich in den Schaufenstern der Banken Angebote für die Palmeninsel und neue Suiten in Dubai, und ganz versteckt offerierte man auch Wohnungen am Tegernsee. Heute kenne ich niemanden mehr, der nach Dubai reist. Ich weiss von einem Fall einer Tochter, die wirklich nach Ägypten reiste, obwohl ihre Eltern ihr angeboten haben, andere, sichere Destinationen freiwillig zu bezahlen. Das ist alles nur anekdotisch, es sind Einzelfälle und keine Wissenschaft. Aber nun gibt es auch eine Untersuchung, und die spricht davon, dass das Reich unseres Menschenrechtspartners Erdogan inzwischen in der Gunst der Deutschen noch hinter Österreich liegt. Unser kleines Nachbarland, das früher einmal zum Herzogtum Bayern gehörte und eigentlich noch immer von bayerischen Leibeigenen bewohnt wird, dieser bergige Vorbalkan – erfreut sich mehr deutscher Zuneigung als das nachbalkanische Riesenreich mit Sonne, Meer und Tributmilliarden der EU als Dank für den Flüchtlingsdeal.

Noch deutlicher werden die Österreicher selbst. Auch dort nehmen die Reisen in die Türkei drastisch ab und werden vor allem von jenen gebucht, die sich von den extrem günstigen Preisen angesprochen fühlen. Das ist doch etwas erstaunlich, weil der Deutsche laut Medienberichten nun nicht nur der Führer der freien Welt sein soll, sondern auch mannhaft weiss, dass der Terror auch in Deutschland alternativlos unvermeidlich ist, und das Risiko desselben in der Türkei immer noch geringer als das Risiko des Strassenverkehrs ist. An Erdogans Politik kann es eigentlich auch nicht liegen, denn gerade heute tritt sein Freund Yildirim in Oberhausen vor einer entfesselten Anhängerschar auf – solche Gruppen hat man in der Türkei und daheim in Deutschland, das macht eigentlich keinen Unterschied. Betrachtet man das alles so rational wie ein Beitrag der Zeit zu den Nachteilen des Valentinstages, muss man zum Schluss kommen: Die Türkei ist auch bunt. Terror gehört nun mal dazu. Sie ist nicht diktatorischer als Dubai oder Saudi-Arabien oder Tunesien vor dem Umsturz, Es gibt keinen ernsthaften Grund, die Globalisierung durch Tourismus abzubrechen, als wäre man ein Trumpanhänger, der lieber America first denkt und buy american, hire american sagt. Warum nur, warum, warum, warum sieht das Google-Autocomplete bei der Recherche dann so aus?

Der Deutsche hat, auch wenn man nicht offen darüber spricht, Angst. Sorgen. Er mag nicht zugeben, dass er ein besorgter Bürger sei, denn das kann einem den Job kosten. Aber er ist fraglos ein besorgter Urlauber. Die Türkei fällt, Österreich steigt. Es steigt auch Deutschland, namentlich Bayern, in der Gunst der Reisenden. Ich sehe es in der Untersuchung bestätigt, dass mehr Berliner ihre bunte Stadt Richtung Ostsee verlassen, obwohl dort eigentlich Dunkeldeutschland liegt und nach der Wahl in Mecklenburg geschworen wurde, man würde da nie wieder hin fahren. Die einen sind öfters in der Nähe von Prora und Peenemünde, wo die Naziruinen stehen, und andere kommen zu uns, wo das Hotel steht, in dem der sogenannte Röhmputsch stattgefunden hat. Deutschland ist bunt, sagt man, aber Urlaub macht man dort, wo man das nicht wirklich glaubhaft behaupten kann. Langsam zieht sich der Reiseweltmeister wieder in sein angestammtes Territorium zurück, es reicht ihm, was schon seinen Grossvater ergötzte. Es gibt bei uns nicht allzu viel. Berge, Seen, Wälder, Almen, ein paar Barockkirchen und Kleidung, mit der man sich jenseits meiner Heimat als Dunkeldeutscher mit Hang zu identitärer Ideologie verdächtig macht.

Auch die Ernährung bei uns entspricht jetzt nicht unbedingt den Vorgaben, mit denen die deutsche Umweltministerin aufwartet. Es gibt eine Tendenz, dem türkischen Staat den Rücken zu kehren und sich dort zu erholen, wo nach gängiger Sichtweise Reaktion und Fortschrittsfeindlichkeit in Deutschland daheim sind. Die AKP wirbt für die gute, alte Zeit des osmanischen Grossreichs, und das Tourismusmarketing in Bayern mit der zeitgleichen, heilen Welt des Prinzregenten. Das eine gefällt Türken, weshalb sie in Deutschland nationalistische Flaggen hissen und in der Türkei Büros der Opposition stürmen. Das andere gefällt Deutschen, die sich nicht daran stören, dass man in den Tourismusorten demokratisch CSU-Schwarze, Freie-Wähler-Schwarze und Bürgerlisten-Schwarze wählen kann, oder Grüne in Janker und Dirndl. Deutschland mag ein Einwanderungsland sein und der Islam mag zu Deutschland gehören, aber Urlaub, die schönste Zeit des Jahres, verbringt man wieder mehr bei einer Kultur, die, ob man sie nun mag oder nicht, nur bei den Farben der Pralinen, den Dirndln und den Feiertagsgewändern der Hochwürden bunt ist. Und die Türken reisen gern in die Türkei.

Es gibt da also eine gewisse Diskrepanz zwischen dem allseits gewünschten Ideal von Buntheit und Multikulti und den Entwicklungen im Freizeitverhalten der Deutschen. Es geschieht nicht schnell, es kommt langsam, jedes Jahr finden mehr Landeskinder zurück an den Busen der Heimat und der angrenzenden Gebiete, und manch einer wird auch sagen, er folgt nur den Spuren der Kanzlerin der offenen Grenzen, die bekanntlich Südtirol sehr schätzt. Mancher wird auch sagen, dass die Fliegerei ein Verbrechen ist und reduzierter Kerosinverbrauch die Lage der Menschen im Nigerdelta bessert, wo böse Ölkonzerne das Land ausbeuten, und was dergleichen gute Erklärungen mehr dem Wanderer zwischen Berg und Tal kommen mögen.

Man braucht für alles eine gute Erklärung, will man nicht wie Trump als plumper Nationalist erscheinen. Das tut man nicht, denn der Deutsche ist Romantiker, und deshalb lieber in Einklang mit der Natur denn im Dissens mit der Autobombe. Technisch gesehen ist das Ausweichen in die Berge auch kein echter Muslim Ban, denn selbstverständlich könnte jeder Muslim gern nachkommen, ein Dirndl kaufen und ein züchtig-bayerisches Kopftuch, und auch hier auf Almen steigen. Damit bleibt Deutschland auch an den Gipfeln theoretisch bunt, und da unten, weit hinten unter den Wolken, schreitet auch die Integration sicher voran, während man den wohlverdienten Urlaub der Bunten und Gerechten geniesst.

19. Feb. 2017
von Don Alphonso
385 Lesermeinungen

127
31946

     

14. Feb. 2017
von Don Alphonso
472 Lesermeinungen

145
23471
     

Mit Krieg und Hummer gegen die Verschwendung

Hinsetzen!
August Stierhammer

Es gibt entsetzliche Arbeiten, auch im Journalismus. So wurde vor Kurzem bei einem Jugendportal dem dortigen Zielpublikum – links, Abitur allenfalls Berliner Güte und immer schnell beleidigt und empört – erklärt, warum momentan Gemüse im Supermarkt so teuer sei. Mit einfachem Deutsch und ohne Schreikrampf, den ich in solchen Fällen bekommen würde. Denn das Gemüse ist momentan nicht teuer. Es gibt in Supermärkten kein teures Gemüse. Gemüse ist in Supermärkten immer zum minimalen Preis im Angebot, wie eigentlich alles, ohne Rücksicht auf Bauern, Geschmack, Transportwege und Qualität. Gemüse ist so billig wie möglich, und momentan so billig wie möglich angesichts der Ernteausfälle in Spanien. Nur weil es teurer ist, bedeutet das noch lange nicht, dass einer der modernen Sklaven aus Schwarzafrika, der in Südspanien, Ägypten oder Sizilien auf den Plantagen schuftet, mehr Geld bekäme. Es ist so teuer, wie es ist, und wenn der Sklave dem System entgeht und genug gespart hat, sucht er sich einen besseren Ort. Das billige Gemüse und seine Arbeitsbedingungen – und nicht etwa Waffenexporte – treibt Schwarzafrikaner innerhalb Europa nach Deutschland.

Und dort wird es dann wirklich teuer. Aber diese Leute, die jetzt für den Salat im Winter 2 Euro zahlen müssen, haben keine Ahnung mehr, was teuer ist. Früher, in Friedenszeiten, war jetzt die Zeit, in der Essen generell teurer wurde, denn langsam gingen die im Herbst angelegten Vorräte zur Neige. Im Spätwinter gingen die Preise nicht wegen längerer Transportwege nach oben, sondern weil die Nachfrage begann, das verbleibende Angebot des Mangels zu übertreffen. Die Menschen hungerten und starben nicht ganz selten. Bei Missernten starben sie dann auch im Sommer. Das ist, im Gegensatz zu dem, was heute landläufig als teuer gilt, ein hoher Preis für Nahrungsmittel.

Weshalb die alten Leute früher immer, wenn die Kinder etwas wegen abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum ablehnten, vollkommen zurecht sagten, sie hätten noch keinen Krieg mitgemacht. Krieg ist – für die Jüngeren erklärt – so etwas ähnliches wie Veganismus, nur nicht so empfindsam: Man lernt, mit einem deutlich begrenzten Angebot auszukommen, nur ohne sich bei einem Bürgermeister über fuchsfeindliche Lieder zu beschweren. Im Krieg konnte man an Mangelernährung sterben, also wurde Essen fundamental wichtig, geschätzt, und auf gar keinen Fall weggeworfen. Man orientierte sich am Vorhandenen, und so möchte man den Nachgeborenen einfach die Weisheit mitgeben: Wenn dein Geld für Erdbeeren und Tomaten im Moment nicht reicht, halte dich an haltbare, heimische und dauerhaft verfügbare Kartoffeln, selbst eingelegtes Kraut und kühl gelagerten Kürbis, Karotten und Steckrüben. Früher ging das nämlich auch nicht anders, da musste man im Winter Milch konsumieren, auf der sich schon der Käse gebildet hatte, und Eier, die wegen der Lagerung in Kalkwasser geschmacklos geworden waren. So war das. Dank Deim Herrgod, du blahde Blunzn, dassd zum Subbama

Man sieht, herkunftsbedingt und durch die generationenübergreifende Prägung der besseren Kreise wäre ich nicht wirklich befähigt, nachkommenden Generationen vertiefend zu erklären, dass sie sich in einer historisch einmalig privilegierten Situation unseres gemüsesklavenhaltenden Kulturkreises befinden, da sie nicht arbeiten müssen, Jugendportale besuchen können und dennoch nicht, wie es früher normal gewesen wäre, der natürlichen Auslese zum Opfer fallen. Es fehlt der Jugend der historisch tradierte Erfahrungshorizont schlechter Zeiten – hätten sie ihn, verstünden sie, warum man früher das Brot bekreuzigte und genau das konsumierte, was da war – weil sonst nämlich nichts anderes da war, und der Hunger eine wirkliche Lebensgefahr und nicht nur krankhafte Magersucht für krankhafte Schönheitsideale war. Solange diese Leute nicht auf die harte Tour lernen, wie teuer Essen wirklich sein kann, werden sie es auch wegwerfen. Ich schlage das hiesige Anzeigenblatt auf und lese: Ein Pfund Hackfleisch 1,68 Euro.

Man kann in Deutschland ein Pfund von einem Lebewesen wegwerfen, für den Betrag einer durchschnittlichen Tüte Kartoffelchips. Das ist das Bewusstsein, in dem weite Teile der Bevölkerung aufwachsen, wenn sie selbst kochen. Andere Teile halten sich EU-Fahrradsklaven, die daheim keine Arbeit finden und für den Mindestlohn Essen durch den Matsch und den Strassenverkehr zu ihnen bringen, damit sie am Schreibtusch essen können und dort lesen, Gemüse sei gerade sehr teuer geworden. Vielleicht wäre es für solche Leute einmal interessant zu erfahren, was Essen wirklich kostet, wenn es so entsteht, wie sie es gern hätten. Also vor einer Traumkulisse in den Sarntaler Alpen, in frischer Höhenluft und ohne Zwischenhandel, direkt vom Produzenten zum Konsumenten. Denn für 25 Euro bekommt man im Supermarkt im Winter 2 Kilo Bananen, 2 Kilo Orangen, ein Pfund Hack und ein Pfund Gulusch, Zwiebeln, Reis, Nudeln, ein Brot, ein Netz Semmeln, und ein Kilo von etwas, das man dort als Frischkäse bezeichnet. Will man aber so essen, wie es nach übereinstimmender Meinung der rotgrünbiobewegten Billiggemüsesklavenprofiteure und meiner Klasse üblich ist, gäbe es dafür aus dem Sarntal 250 Gramm Bergkäse wie unten, 6 Monate gereift, und die 4 Kaminwurzen oben. Sonst nichts, auch kein Messer und keinen Teller gratis dazu. Das ist gerade so viel, dass der Bauer im Sarntal im Direktverttrieb davon leben kann. So wie früher auch.

Es wäre für die Menschen, die genau auf den grünen Biopunkt achten, mal ein spannendes Experiment, eine Woche, nur eine einzige Woche, genau das zu bezahlen, was sie im Supermarkt ausgeben, nur eben für echte Lebensmittel echter Erzeuger ohne Massentierhaltung, landschaftszerstörender Agrarbetriebe, Ausbeutung, umweltschädlichen Transport und Zwischenhandel. Sie würden nach 2 Tagen mit jenem Hunger ins Bett gehen, den ihre Vorfahren nur zu gut kannten, und nach 4 Tagen um eine Hirsesuppe betteln, wie ihre Vorfahren. Samstag würden sie für aufgekochte Kartoffelschalen dankbar sein, und am Sonntag würden sie in die Kirche gehen, nur um eine Oblate zu bekommen. Das hätte zwei angenehme Nebeneffekte: Sie wüssten, was das Essen wirklich kostet. Und sie würden eventuell nachdenklicher einkaufen, damit sie nicht mehr so viel wegwerfen. Das Wegwerfen haben die Alten nach der schlechten Zeit nämlich überhaupt nicht mehr ertragen, und egal ob Hipster oder Volksgenosse: Hunger, echter Hunger tut nach fünf Tagen immer gleich weh.

Das ist, weil wir in der Oligarchie leben, natürlich etwas ungerecht, denn es benachteiligt die Billiggemüsefreunde und nicht gerade die Oberklasse, die sich durch Luxuseinkäufe beim Essen definiert. Aber auch da, denke ich, könnte man erfolgreich auf den Schockeffekt setzen. Das hat nämlich bei der P. bei uns daheim ganz famos funktioniert, und dazu braucht man nicht mehr als einen frischen Hummer aus Paris. Die Familie P., deren Oberhaupt seine familiäre Firma verkauft hatte und danach Gelegenheit fand, sich auf seinem Arztsessel anderweitig zu bereichern, wurde nämlich in den wilden 70er Jahren von einem Pharmakonzern nach Paris eingeladen. Dazu gehörte auch ein Einkaufsbummel für die Frauen, die sich nehmen konnten, was sie wollten. Die Firma zahlte. Und die Frau P. entschied sich dabei unter anderem für einen Hummer. Einen riesigen Hummer, der ihr am letzten Tag dann tot und gut gekühlt überreicht wurde.

Aber wie das eben so war, im damaligen Leben unter den Schönen und Reichen, hatte ihr Mann daheim wenig Lust, sich mit der Post zu beschäftigen, und schlug vor, doch noch ein paar Tage in den Bergen dran zu hängen, wo es die obigen Bergkäsetopfenpflanzerl gibt. Aufgrund diverser Missverständnisse jedenfalls dachte Frau P., es reichte wie üblich, wenn sie den Hummer und alle anderen Trouvaillen in den Gang stellte, während ihr Mann bereits der Haushaltsführerin fernmündlich abgesagt hatte. Danach fuhren sie nach Tirol, hängten noch eine Woche dran und…

Also, die Frau P. ist heute alt und ihr Mann ist tot, die Villa wurde abgerissen und durch hochgeschachtelte Hundehütten ersetzt, die heute auch in guten Vierteln leider beliebt sind. Vielleicht habe ich die Geschichte sogar ein wenig verändert, weil sie schon schaurig ist und ich keinem übel nachreden möchte, aber die wahre und historisch belegte Kombination aus totem Hummer, etlichen anderen Spezialitäten und zwei Wochen Fussbodenheizung fügten dem Wohlgeruch des grossen Pharmageldes im Hause P. eine ungeahnte Note hinzu, die auch mit frisch geweissten Wänden nicht zu beseitigen war. Die P.s konnten danach nie wieder Hummer essen, und das alles war so ein unvergessliches Ereignis, dass die P. von da an deutlich mehr an den Dingen des Haushalts interessiert war.

Vielleicht also könnte man Arme zwingen, eine Woche wie ihre Vorfahren mit den wahren Preisen des Essens zu leben, damit sie den Wert desselben kennen, und die Reichen, den Verwesungsvorgang eines Riesenhummers in ihrer beheizten Halle zwei Wochen zu begleiten. Danach wäre wieder mehr Bewusstsein für das da, was zwischen unseren Sklaven, dem Supermarkt, dem Kühlschrank und der Mülltonne alles passiert, und alle würden Lebensmittel wieder so schätzen, wie es der Anstand befiehlt. Natürlich sind das drastische Massnahmen, aber historisch betrachtet weitaus weniger drastisch als die Bigotterie, mit der die Tränen der von Supermarktgemüsepreisen geschockten Kinderlein unserer Wegwerfgesellschaft getrocknet werden.

14. Feb. 2017
von Don Alphonso
472 Lesermeinungen

145
23471

     

10. Feb. 2017
von Don Alphonso
477 Lesermeinungen

141
34985
     

Die klassenkämpferisch benutzbare Betsy DeVos

Si vis pacem, cole iustitiam.

Betsy DeVos hat alles, um zu einer festen Grösse in den deutschen Medien zu werden: Eine Herkunft aus dem ultrareligiösen Milieu des amerikanischen Mittelwestens. Einen Vater, der mit einer Zulieferfirma für amerikanische Spritfresser Milliardär wurde. Ein Leben in Reichtum und in einem Clan, in dem es in ihrer Generation weder auf Leistung noch auf schulische Erfolge ankam, und der die Republikaner förderte. Sie hat einen extravaganten Kleidungsstil, der für hohe Erkennbarkeit sorgt. Und einen Pakt mit dem Teufel Donald Trump persönlich, für den sie das Erziehungsministerium leitet. Außerdem machte sie beim Grillen vor Parlamentariern eine schlechte Figur und bekam sogar Gegenstimmen von Republikanern. Sie vertritt kreationistische Ansichten und will mehr sogenannte Charter Schools einführen, die gewinnorientiert arbeiten. Sie können auch von christlichen Fundamentalisten betrieben werden, die dafür Geld vom Staat bekommen, was die Trennung zwischen Staat und Kirchen in den USA aufweicht.

Kurz, sie ist eine ganz schreckliche Person und auch keine Feministin. Tränke sie Jungfrauenblut aus Robbenschädeln, könnte ihr Ansehen bei deutschen Medien kaum schlechter sein. Und über den Umstand, dass Deutschlands liebster Präsident Obama ebenfalls Charter Schools förderte, muss man nicht gross reden. Übrigens war auch der Vorgänger von Devos, John King, klarer Verteidiger der Charter Schools. Und auch dessen demokratischer Vorgänger Arne Duncan leitete kurz vor seinem Rücktritt noch einen dreistelligen Millionenetat in das umstrittene Projekt, obwohl sein eigenes Ministerium eine Studie über die miserable Qualität dieser Schulform vorliegen hatte. Es geht in der deutschen Berichterstattung etwas unter, aber das Thema ist nicht nur republikanisch, weil es eine Privatisierung einer staatlichen Leistung verspricht. Es ist auch teilweise demokratisch, weil in strukturschwachen Regionen die Bundesstaaten beim Unterhalt der Schulen versagen, und dort die in den USA nicht immer geliebte und politisch einflussreiche Lehrergewerkschaft sitzt, während Charter Schools ihre Mitarbeiter auf dem freien Markt einkaufen, und nicht zwingend die schlechtere Alternative sind. Eigentlich waren Charter Schools zuerst eine Idee liberaler Strömungen, und die meisten gibt es im liberalen Kalifornien. Aber diese komplizierten Debatten und Details würden nur stören.

Speziell in meinen Kreisen, vielleicht weniger in Bayern, aber in Berlin und anderen Entsprechungen des amerikanischen Rust Belts, wo es wirklich in den Schulen brennt und nicht nur, wie bei der früheren Klosterschule gegenüber, wenn jemand ein paar Buden im Schulhof anzündet. Bei uns kann man Schüler noch guten Gewissens in normale, staatliche Gymnasien schicken, von denen es derer zwei wirklich gute Einrichtungen gibt: Das humanistische Gymnasium im Norden der Altstadt und die ehemalige Oberrealschule im Süden der Altstadt. Zwischen diesen beiden Eliteschulen liegt abgrundtiefer Hass, und die besseren Familien lassen sich im Mannesstamm über Generationen an den Schulen festmachen. Vor dem Krieg galten die Humanisten mehr, aber mit dem Aufstieg der Industriestadt begannen die Oberrealschüler, die Stadt und die Wirtschaft zu übernehmen, und heute wird sogar die FAZ von meiner Schule beliefert, so haben wir das Reuchlin in die Bedeutungslosigkeit getrieben. Dazwischen sind die beiden früheren Mädchen- und Höhere-Töchter-Schulen, die inzwischen für alle offen sind, die es bei der Elite nicht schaffen. In Bayern wird noch richtig gesiebt, da kommen schon die Richtigen am richtigen Ort zusammen.

Im Bild etwa vor meinem Haus gegenüber der Klosterschule eine Mutter, die weiter vorne nicht rückwärts einparken kann und deshalb lieber meine Feuerwehrzufahrt zuparkt: Genau so kennen wir die Höhere-Töchter-Schule, die können das alle, auch in meinem Clan. definitiv nicht. Aber wie auch immer, es fand bei uns jeder sein Platzerl und bei den Mädchen wurde nachgeholfen, indem sie vor dem Abitur erfuhren, aus welchem Leistungskurshalbjahr die schriftliche Prüfung genommen wurde. Der C., der inzwischen einen Formel-1-Rennstall leitet, fragte bei uns, ob wir das auch erfahren werden, weshalb es Verwicklungen zwischen den Schulen gab, über die man heute noch spricht – aber wenn eine Apothekertochter die Apotheke übernehmen wollte, bekam sie auch das Abitur. So wollte es das Gesetz. Und wenn es das Gesetz nicht wollte, musste man entweder besonders dumm sein oder etwas ausgefressen haben, denn die heute gängige Fehleinschätzung, einfach nur schlecht erzogene, depperte Bratzen litten hochbegabt an ADHS, gab es bei uns nicht. Nur die wirklich Dummen und diejenigen, die mehr als nur Vaters S-Klasse ohne Führerschein zu Schrott gefahren hatten und deshalb besser eine Weile versteckt werden mussten, verschwanden. Und wurden in Privatschulen, meist kirchlicher Natur, gesteckt.

In meinem Umfeld gab es da nur zwei, einen echten Hundskrüppel – heute würde man Mobber sagen – und eine Arzttochter, die wirklich viel Betreuung brauchte und inzwischen eine gute Ärztin ist. Skandale waren das trotzdem, denn damals war man der Überzeugung, dass eine Familie das Abitur ohne Privatschule schaffen musste, komme an Mathematiklehrerbestien und Physikpsychopathen, was wolle. Wenn Kinder in Privatschulen mussten, war das ein Makel für den ganzen Clan. Das hat sich inzwischen geändert, was viel mit der demographischen Entwicklung und dem Abbau des Abiturs in Norddeutschland zu tun hat: Viele Kinder von Bekannten, die es nach Berlin verschlug, sind ganz selbstverständlich in Privatschulen, weil die öffentlichen Schulen einen unterirdisch unterbayerischen Ruf haben. Clans zahlen das Aufgeld gerne, um sich daheim nicht dumme Sprüche anhören zu müssen. Aber das sorgt natürlich in Berlin wiederum für soziale Spaltung mit jenen, die sich eine Privatschule nicht leisten können. Die einen möchten möglichst ein hohes Niveau und einen Startvorteil für ihre Kinder, die anderen – nun, die anderen sagen, dass das Kind zwar in einer öffentlichen Schule ist, aber in einer Gutenschuleausrufezeichen. Was bedeutet, dass sie um die klägliche Natur des Staatssystems wissen, um die Randerscheinungen des bunten Deutschlands und das stetig nach unten angepasste Niveau, aber dennoch überzeugt sind, ihr Kind habe da noch die bessere Ecke erwischt, neben den schlechten, die es auch noch gibt.

Ein jeder blickt gern mit einem gewissen Grusel nach unten im Gefühl, seinem Kind das Beste zu geben, aber leider gibt es in Metropolen des Nordens etwas, das wir in Bayern überhaupt gar nie nicht kennen: ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, das eigentlich eine klassenlose, bunte, integrative, inklusive und auf Förderung ausgerichtete Gesellschaft der Gleichstellung fordert,  statt sich damit abzufinden, dass kein Knecht kein Bauer nie nicht werden kann. Dieses System funktioniert natürlich angesichts der Gier jener Menschen nicht, die ganz selbstverständlich ander Leute Bundesfinanzausgleich verprassen, es gibt auch dort ein Oben mit Privatschule und ein Unten mit Stadtschule. Wichtig ist es dort, nach Oben Verachtung zu zeigen, und bislang war die Elite mit Meinungsmachern der öffentlich-rechtlichen Millionärskaste, mit Funktionären des Staates und der ganze Entourage in einer misslichen Lage: Über ihnen war nichts mehr, was sie als sozial ungerecht kritisieren konnten, wenn ihre eigenen Kinder in eine mit EU-Mitteln überfinanzierte Privateliteschule mit vorgeblich balkanintegrativem Konzept geschickt wurden, bevor es nahtlos zum Praktikum in den Sender des Vaters ging, zum Entzücken der feministischen Mutter.

Aber jetzt gibt es Donald Trump und Betsy DeVos und ganz schlimm, den Verdacht, sie könnten das öffentliche Schulgeschäft abschaffen, es komplett privatisieren, es Kreationisten überlassen und letztlich ganz ruinieren. Natürlich sind deutsche Kinder auf Privatschulen, die in den letzten Jahren einen Boom wie in Amerika aufzuweisen hatten, und vermutlich auch von der Auflösung der Willkommensklassen profitieren werden. Aber so etwas wie in den USA, können jene Eltern nun sagen, will man auf gar keinen Fall. Ja um Himmels Willen! Gut, dass Privatschulen in Deutschland so stark reguliert sind, werden sie sagen, und dass der Staat mit Argusaugen über sie wacht. Man will auf gar keinen Fall solche Zustände wie in den USA, wo das System nachgerade pervertiert wird. Das ist für doe Ärmeren ein enormes Risiko, das hätte sicher auch bei uns dramatische Folgen. Das muss, zum Wohle der Ärmeren, bei uns verhindert werden, dagegen muss man mit allen Mitteln solidarisch vor dem Brandenburger Tor demonstrieren. Natürlich hat man gerade geerbt, natürlich verdient man gut – aber das heisst nicht, dass man auch nur mit einer einzigen Faser des Gehirns irgendetwas, das DeVos und Trump zu tun beabsichtigen, befürworten würde. Kurz, die Spitzen der nichtbayerischen Restgesellschaft haben endlich etwas gefunden, das auch sie selbst vehement und mit aller Kraft sozial gerecht ablehnen können, ideologisch Seit an Seit mit jenen, deren Kinder nicht von den Jesuiten gedrillt werden.

Hat man einen gemeinsamen Gegner, den man ablehnen kann, muss man auch gar nicht weiter überlegen, ob nicht vielleicht das deutsche Schulsystem, möglicherweise, in gewissen Regionen, dem verhängnisvollen Weg des amerikanischen Schulsystems folgt, dessen Probleme erst zu der Idee der Charter Schools führten. Ab und zu hörte man auch unter Obama von der Überforderung der Lehrer durch aufsässige und lernresistente Schüler, von Schulausfällen und dem Umstand, dass in armen Kommunen einfach auch die Schulen arm und schlecht ausgerüstet waren, aller staatlichen Ausgleichsbemühungen zum Trotz. Was ich immer wieder aus Berlin höre – dass Eltern selbst in Erziehungseinrichtungen einrücken, um Schäden zu beheben – hörte man früher nur ab und zu aus Amerika, und fand es bei uns… wie soll ich sagen… unser Hausmeister war früher bei der Bundeswehr, da war einfach nichts kaputt und wer etwas kaputt machte… also, wir standen zu Beginn der Stunden auch noch auf, Hände an die Hosennaht, und hatten keine Gruppen und Teams, bei uns war das noch Frontalunterricht, Noten gab es in der ersten Klasse und… also, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Bei uns war alles piccobello sauber. Immer. Aber wie auch immer, die Grünen finden CETA plötzlich gut, weil Trump das TTIP beerdigt, und elitäre Eltern des deutschen Rust Belts können nun endlich wieder gleichgestellt mitschimpfen auf die entsetzlichen Pläne, die in Amerika unter Trump bei den Schulen gefördert werden, und die hochheilige Trennung von Staat und Kirche aufweichen. Denn die Kirchen haben zu viel Macht, und sie haben selbst eine bewusst atheistische Hochzeitsfeier in Berlin gemacht.

(Die Trachtenhochzeit daheim am Tegernsee in der Barockkirche Gmund war nur für die Daheimgebliebenen, denen versichert wurde, dass die Jesuiten in Berlin kreuzkatholisch nach bayerischen Grundsätzen das Abitur herbeiführen)

10. Feb. 2017
von Don Alphonso
477 Lesermeinungen

141
34985

     

07. Feb. 2017
von Don Alphonso
517 Lesermeinungen

100
23767
     

Das Patriarchat steckt Tiere in den Mixer

Eine Geschichte aus der guten, alten Zeit des echten Wirtschaftswunders

Als gute Hausfrau habe ich nicht einfach eine teure Küchenmaschine gekauft, sondern zuerst einmal gefragt, was denn angemessen sei. Gefragt habe ich vor allem ältere Hausfrauen mit viel Erfahrung, und immer wieder wurde mir erzählt, dass sie zur Hochzeit oder selbst erspart ein Gerät der Firma Braun erhielten. Das tut jahrzehntelang seinen Dienst, ist unzerstörbar und wird auch von Kindern begehrt, die es sich dann aber selbst beschaffen müssen. Also bestellte ich im Internet eine gebrauchte Braun KM-3 der allerersten Generation, gebaut 1957 und verkauft zu einem Preis von 230 Deutschen Mark – ein durchschnittlicher Arbeiter verdiente damals 200 DM pro Monat – für lächerliche 2% meines Monatslohns. Mit Porto.

kmd

Ich bin eben eine gute Hausfrau, auch wenn die Ursache nicht gerade schmeichelhaft ist: In meiner Familie herrschte die – sich nachher als zutreffend herausstellende – Überzeugung vor, dass Leute wie ich ohnehin keinen lebenslangen Partner finden würden, und daher nicht auf die Dienste einer Frau zugreifen könnten. Deshalb wurden mir neben den typisch männlichen Fähigkeiten wie Radreparatur, Heizungentlüften und Nageleinschlagen, wegen derer ich bei Frauen heiß begehrt bin, auch Haushalt und Kochen beigebracht, weswegen ich bei den meisten Frauen in der Epoche der Tütensuppen und Microwellen ebenfalls begehrt bin. Bisher kam ich eigentlich immer ohne Küchenmaschine aus – was zu gross war, wie etwa Gemüse für Suppen, kochte oder schnitt ich eben klein. Ausserdem habe ich kleine Handraspeln und Reiben aus Messing, mit denen ich gut umgehen kann, und als Single reicht das normalerweise. Aber ich wollte nun mal auch eine Küchenmaschine, und was soll ich sagen: Die KM-3 ist laut, brutal und macht alles, was man ihr hineinschiebt, in Windeseile nieder. Schluss mit dem Kochen und Häuten von Tomaten, hinein in den Mixer für eine Minute, und nichts bleibt zurück außer jenem roten Matsch, aus dem Tomatensuppenträume von ausgekühlten Rodlern sind. Inzwischen habe ich übrigens auch eine zweite Braun für den zweiten Wohnsitz am Tegernsee.

kmc

Die Hausfrau in mir jauchzt, weil Semmelknödel jetzt dreimal so schnell fertig werden. Und die Hausfrau in mir hat natürlich auch der eigenen Mutter mit stolzgeschwellter Brust die Neuerwerbung vorgeführt. Diese wiederum erkannte sogleich, dass ich die gleiche Maschine gekauft hatte, die mein Grossvater 60 Jahre zuvor schon erworben hatte, und die sehr bald bei uns in Ungnade gefallen ist, weil meine Grossmutter noch ohne Hilfen kochte, und besonders, weil der Mixeraufsatz MX-3 für dieses Gerät beinahe den Joschi umgebracht hätte. In Komplizenschaft mit meinem kochunfähigen Grossvater.

kmf

Weil, es war nämlich so: 1957 zogen Vertreter durch Deutschland und offerierten in gehobenen Haushalten – wir erinnern uns an den Preis der KM-3 – Vorführungen der Küchenmaschine. Bei uns wiederum gerieten sie dabei an meinen Grossvater und versprachen das Blaue vom Himmel. Wie etwa, dass man Eier mit so einem Mixer überhaupt nicht mehr aufschlagen müsste: Man werfe sie einfach hinein, schalte das Gerät ein, und der Mixer zermahle Ei und Schale zu einer Flüssigkeit, die gesünder als normale Eier sei, denn in der Schale sitze auch Calcium und das habe man schließlich auch gezahlt. Meinem kochunfähigen Grossvater war das Versprechen völlig eingängig, nicht aber meiner Grossmutter, die Eierschalen zerrieb und in ein Säckchen in die damals ebenso aufkommende Waschmaschine tat: Eierschalenstaub soll nämlich Weisswäsche entfärben, besagt eine Hausweisheit, die vermutlich ebenso falsch wie die These ist, der Mensch könnte das Calcium der Eierschalen in geriebener Form in sich aufnehmen. So hat eben jede Zeit ihre Legenden, aber wenigstens waren die Eierschalen damals billiger als Anti-Aging-Creme oder Migranten, die wertvoller als Gold sein sollen und es für ihre Profiteure wohl auch sind.

kme

Meiner Grossmutter als Hausfrau also kaufte mein Grossvater jedenfalls die Küchenmaschine, und im gläsernen Mixer wurden damals tatsächlich die so beliebten Milchmischgetränke gezaubert. Die KM-3 war auf dem besten Wege, sich als Neuheit ihren geachteten Platz in der Küche zu erkämpfen, zumal ihre blosse Existenz und das Versprechen des Vertreters, damit könnte nun wirklich jeder kochen, bei meinem Grossvater den Eindruck erweckt hatte, er könnte das auch. Nun sind Überzeugungen stets harmlos, solange sie theoretisch bleiben, wie etwa merkelsyrische Ärzte und Facharbeiter, aber so, wie die nordafrikanisch geprägte Silvesternacht von Köln in der Willkommenskultur nicht vorgesehen war, war auch für den Vertreter ein schicksalhaftes Zusammentreffen nicht vorhersehbar, von dem nun zu berichten ist. Es kam nämlich der Jagdfreund Joschi zu Besuch. An einem Tag, da mein Grossvater allein daheim war, was ja auch ganz angenehm ist, weil man dann ungestört über Schusswaffenkäufe und die Notwendigkeit eines Gamsstutzens reden kann. Das waren, wie gesagt, noch die finsteren Zeiten des echten Patriarchats, Männer erschossen Viecher, Frauen kochten sie, und alle ernährten sich zu fleischlastig und wussten nicht, was ein BMI ist, wohingegen ich heute natürlich auf jedes Gramm Fett achte.

kmb

Es war also die Hausfrau nicht da und mich, der ich Hausfrau bin, gab es noch lange nicht. Was es aber gab, war die KM-3, den Mixeraufsatz MX-3 und den Joschi, den das Reden über Gewehre hungrig gemacht hat. Und obendrein war noch ein gut abgehängter Eichelhäher im Haus, den mein Grossvater letzthin geschossen und meine Grossmutter schon gerupft hatte. An den Backofen hätte sich mein ehrenwerter Ahn nicht getraut, aber den Umgang mit der Pfanne traute er sich schon zu, und das Grundrezept der Fleischpflanzerl war ihm, der auch Rührleier machen konnte, bekannt. Ausserdem hatte er ja die Küchenmaschine, die alles klein und breiig machte. Während der Joschi also im Wohnzimmer mit den Schiessgeräten meines Grossvaters hantierte, fand mein Ahn, tatkräftig und entschlossen wie Donald Trump, in der Küche das Schubfach mit den Semmelbröseln. Er fand Eier. Und er fand, damit nahm das Unglück seinen Lauf, die Tranchierschere, mit der er den Eichelhäher so klein schnitt, dass die Teile – mit allem, was so an Knochen, Haut, Fett und Gedärmen in so einem Vieh ist – in den MX-3 passte. Dass Calcium gesund ist und auch Knochen Calcium sind, wusste er. Er suchte den Butter und als er ihn gefunden hatte, war im MX-3 schon eine feste Masse aus Ei, Eierschalen, Semmelbrösel und Eichelhäher. Das ein oder andere Schrotkörnderl war vermutlich auch noch im Vogel. Er schaltete den Gasherd ein, stellte die Pfanne darauf, formte Eichelhäherpflanzerl, die ihm nicht einmal anbrannten.

kmh

Der Joschi war danach richtig vergiftet und drei Tage krank.

Und sagte ganz schreckliche Dinge über die Küche meiner Familie, obwohl alle Hausfrauen ganz vorzügliche Köchinnen waren. Köchinnen, die daraufhin auch aufpassten, dass nachkommende Stammhalter insofern kochen konnten, als sie zwischen Ei und Schale unterscheiden können – im Eieraufschlagen bin ich wirklich Meister. Ausserdem ist es heute ohnehin nicht mehr gefährlich, denn die Jagdtradition in meinem Stamme endete mit meinem Grossvater, ich selbst bin Vegetarier, und wer möchte, kann sich auch von meinen Kochkünsten ohne Laktose, aber mit Dinkel und frei von allen tierischen Produkten überzeugen. Erst sollte man das Kochen lernen, und dann mit der KM-3 verfeinern, jener Höllenmaschine, mit der der arme Joschi beinahe umgebracht wurde, und die nach diesem stadtweit bekannt gewordenen Unglück nicht mehr in Gnaden aufgenommen wurde.

kma

Aber jetzt ist sie wieder im Hause wie 1957, und singt das harmlose Lied der Kürbiscremesuppen und Gemüsetartes, die grossen Arien der Zucchinipflanzerl und der Spinatknödel, und die Kalorienspottgedichte des Guglhupfs. Manchmal lasse ich sie auch einfach nur rattern, um Plätzchenteig zu machen – ich mag Plätzchen nicht, aber den Teig schätze ich sehr, und wenn einer übrig bleibt, kann man ihn in den Kühlschrank und später Gästen auf Gesässhöhe unter das Laken im Bett legen. Die juxen dann, das ist immer lustig, und es war ein beliebter Streich in der Jagdhütte meines Grossvaters.

kmg

Wir sind eben sehr traditionsbewusst. Es renkt sich eben alles wieder ein, und was uns nicht umbringt, macht uns hart. Joschi und Unkraut vergehen nicht, und immerhin hat sich mein Grossvater wenigstens Mühe gegeben. Und daraus gelernt. Er wusste danach, dass er doch nicht kochen kann, und hat es bleiben lassen, so wie auch heute die meisten Frauen an Universitäten, sogar ganz ohne jemals an einen Joschi zu geraten.

Aber Altersarmut von alleinstehenden Soziologinnen im Berliner Matriarchat bereden wir ein andermal.

07. Feb. 2017
von Don Alphonso
517 Lesermeinungen

100
23767

     

30. Jan. 2017
von Don Alphonso
384 Lesermeinungen

108
32680
     

Überleben über dem Feinstaub

Jörg Kachelmann zugeeignet

Treppensteigen hält jung, sagte meine Grossmutter immer, und natürlich hatte sie damit wie immer recht, und außerdem könnte man in das alte Haus aus Denkmalschutzgründen auch keinen Lift einbauen. Wer hier wohnen will, muss im schlimmsten Fall sein Gepäck 20 Meter hoch tragen. Man gewöhnt sich daran. Das Haus entscheidet, man folgt, das hat die Familie schon immer getan. Aber die letzten Wochen waren unangenehm. Schon nach der dritten Treppe ging mir Luft aus, und die Lungen rasselten. Wie, dachte ich mir, kann das sein, dass ich im Sommer höchste Alpenpässe überquert habe, und jetzt im Winter nicht einmal mehr ohne Beeinträchtigung in meine Wohnung komme? Und wie wird das erst sein, wenn der Schneefall vorbei ist und ich einen 15 Kilo schweren Rodel einen ganzen Berg hinauf ziehen soll?

dooma

Denn die 20 Höhenmeter des Hauses sind gar nichts gegen die 500 Höhenmeter des ersten Berges, der bei mir am Tegernsee praktisch vor der Haustür beginnt. Daheim habe ich trockene Treppen, am Tegernsee eine eisige Piste. Daheim trage ich normales Gewand, am Tegernsee eine schwere Lederjacke, und drei Schickten dicke Kleidung darunter. Dort oben ist die Luft schon deutlich dünner als im Tal. Wie solll das gehen? Normalerweise sage ich, dass es nur einen Weg gibt, das herauszufinden, und normalerweise führt dieser Weg direkt in grössere Katastrophem, was alle meine Freunde bestätigen: Ich ereiche Pässe erst in stockfinsterer Nacht, ich stehe vor verschlossenen Hotels, deren Portiers längst schlafen, oder ich muss ein Rad über einen frisch gerodeten Abhang schleppen, um erst ganz oben einzusehen, dass es gute Gründe gab, warum ganz unten auf einem Schild stand “Gesperrt! Lebensgefahr! Zutritt verboten!”. Letzteres geschah drüben am Hirschberg, den Sie im ersten Bild in der Mitte sehen. Der einzige Weg, etwas herauszufinden, ist also oft gar kein echter Weg, sondern ein Debakel, und diesmal hatte ich mich sogar noch mehr geirrt: Es hätte auch noch zwei andere Wege gegeben.

doomb

Der eine wäre mein Hausarzt gewesen, aber mit dem bin ich verwandt und er sagt, dass er jeden dauernd in der Praxis hat, nur seine eigene Familie nicht – damit hat er natürlich auch recht, wir sagen alle, dass es von selber kam und von selber wieder gehen wird, und so gibt es keinen Grund, einen Verwandten zu belästigen. Eher fahre ich nach Italien und kaufe dort das Spray für die Bronchien, als dass ich es mir hier verschreiben lasse. Neben der panischen Angst vor<-durchgestrichen dem Besuch beim Arzt hätte es auch noch das Internet gegeben, und dortselbst die Daten aus der Messstelle für Luftsauberkeit in meiner Heimatstadt. Mein Arzt und das Internet hätten mich beide aufgeklärt, dass ich gar nicht so unsportlich bin, sondern einfach die Luft momentan extrem belastet ist: Es herrschte Inversionswetterlage. Das erlaubte Tagesmittel bei der Feinstaubbelastung wurde teilweise um mehr als das Dreifache übertroffen. Deshalb sind die Wartezimmer gerade voll mit Personen, die ihre Grippe nicht loswerden, und es steht außerdem zu befürchten, dass unter diesen wiederum der ein oder andere ältere Mensch nicht überlebt. Es kommt halt gerade einiges zusammen. Im Donautal.

doomc

Vom Tegernsee aus, wenn man etwas hinauf steigt, sieht diese Inversionslage übrigens gespenstisch aus. Auf rund 900 Metern über dem Meeresspiegel ist man an der Oberkante der schweren, kalten und unbeweglichen Luftschicht über dem Flachland, und sieht genau seitlich hinein. Während der Münchner dem Irrglauben anhängt, die Sonne schiene bei ihm und der Himmel sei blau, sieht der Tegernseer viele Kilometer in den abgasgeschwängerten Smog hinein. Das ist der Grund, warum Münchner mit Blick nach oben Blau sehen, auch wenn die Luft von der Seite aus betrachtet grau ist. So ein Elend, denkt sich der Münchner, es scheint zwar die Sonne und der Himmel ist blau, aber ich friere und bekomme keine Luft, ob das vielleicht Grippe sein mag? Ein Blick auf den Boden könnte ihnen so helfen, wie er mir auch geholfen hätte: Das, was man andernorts als “Schnee” bezeichnet und dort die Farbe Weiss in der Sonne funkeln lässt, ist dort an den Strassen dunkelgrau und schmutzig. Dieser Dreck muss irgendwie an den Schnee gelangt sein, und so ihn dort keiner hingetragen hat, muss er dort entstanden sein. Und möglicherweise könnte man nun schlussfolgern, dass dieser Dreck eben auch in der Luft liegt. Niemand würde das matschige Dunkelgrau in den Mund nehmen. Aber die Luft, hier ein besonders schönes Beispiel als pestgelber Schleier im Streiflicht, die sieht so schön blau aus, die kann man doch atmen.

doomd

Jedenfalls steht unten an der Neureuth, dass man im Sommer 1,5 Stunden zum Gipfel braucht, und ich gehe die Strecke momentan mit schwerer Winterkleidung und Supersport-Rodel über blendend weissen Schnee in 1 Stunde 25 Minuten. Exakt 24 Stunden, nachdem ich an der Donau an den Treppen japsend verzweifelte. Ich habe Heuschnupfen und bin daher vorbelastet, mich trifft der Feinstaub und das Ozon vermutlich schneller als andere Zeitgenossen, wenn ich mich dem aussetze. Aber ich habe nicht nur eine Allergie gegen Pollen, sondern praktischerweise auch Allergien gegen geregelte Arbeit, die Existenz an einem einzigen Wohnort und schreibtischbindende Zwänge des Alltags: Niemand kann es mir ernstlich verdenken, dass ich mein Leben so eingerichtet habe, wie ich darin gut überleben kann. Ich würde in grossen Städten unter der Smogglocke sicherlich dauernd krank sein und früh sterben, denn auf Dauer greift das Elend auch das Herz an. Niemand kann von mir ernsthaft erwarten, unter so einer Wolkendecke zu keuchen, das wäre gegen mein Menschenrecht auf Leben. Ausserdem falle ich mit meiner selbst erstiegenen Luftkurklinik niemandem zur Last: Bliebe ich im Tal, könnte ich die Folgekosten auch auf die Allgemeinheit abwälzen.

doome

Was individuell verständlich ist – niemand außer die Fans von Andrej Holm und ein paar zigtausend andere Leute dort unten in der Suppe würden mich, den freundlichsten Menschen des ganzen Erdenrunds, gern leiden sehen – wird aber gehäuft wiederum zur Klassenfrage. Es lässt sich nicht ganz bestreiten, dass in der hiesigen guten Luft sehr viele Menschen auf Berge steigen, die von der Fron der Lohnarbeit mehr als jene befreit sind, die durch Arbeit zum Vermögen der Bergsteigenden beitragen. Dass der Schnee hier so weiss ist, liegt auch daran, dass nicht allzu viele es sich leisten können, hier zu sein, und viele aus irdischen Zwängen in München verweilen und dort Feinstaub und Abgase produzieren, die in Produkte und Wirtschaft gehen, die Deutschland bereichern und hier wiederum nun mal jene, die an diesem See dauerhaft verweilen. Die soziale Ungleichheit, könnte man behaupten, ist verantwortlich, dass bei uns länger gelebt und in den Städten früher gestorben wird. Ich saß letzte Woche stundenlang dort oben, schaute hinunter auf das blendende Weiss der Wolken von oben, die von unten so grau sind, zermarterte mir darob das Hirn, und fand auch keine voll befriedigende Antwort. Bis zur Abfahrt.

doomf

Da hätte ich nämlich beinahe ein paar Senioren umgebracht oder sie mich, je nachdem, wer sich da falsch verhalten hat: Ich habe deutlich “Aus der Bahn” gebrüllt, sie sprangen wild auf der selbigen umher, und das ging gerade noch einmal gut, außer es bekam jemand einen Herzinfarkt, aber wenn, war ich dann schon vorbei, und da merkt man es nicht so. Beim Aufstieg am nächsten Tag verweilte ich etwas in der engsten Kurve und zählte bei sechs vorbeikommenden Rodlern, alle in gesetztem Alter und offensichtlich gut genährt, nicht weniger als vier, die in die aufgeschütteten Schneerampen knallten. Einer krachte sogar zweimal innerhalb dieser Kurve in die beginnende Bergwaldbotanik. Die Luft ist bei uns gesund, aber nur so lange man sie nur atmet und nicht glaubt, man könnte darin fliegen: Das geht zwar angesichts unserer Abgründe auch, aber dahinter wird die Luft dann kohlenstoffhaltig in Form von Baumstämmen, die reichlich hart und geeignet sind, auch aus so einem unvorsichtigen Rodler Feinstaub zu machen. Insgesamt also ist es durchaus möglich, dass die hiesigen Betätigungen zwar die Lungen rein und stark halten, aber wenig an den generellen Fragen von Morbidität und Lethalität allgemeiner Lebensrisiken ändern. Ausserdem haben wir zwar wirklich weniger Lungenkrankheiten, aber wegen der Sonnenseinstrahlung mehr Hautkrebs. Es gleicht sich bei den letzten Dingen also alles aus, und der Rest verkommt zur reinen Ansichtssache.

doomg

Denn manchmal denkt der Münchner, der Himmel sei blau, auch wenn er in einer Dunstglocke sitzt. Und dann denkt er, der Himmel sei grau, obwohl wir in der Sonne ganz deutlich sehen, dass die Wolken über ihm strahlend weiss sind. Er irrt sich einmal zu seinen Gunsten und einmal zu seinen Ungunsten, und deshalb hat die göttliche Ordnung ihr Gleichgewicht gefunden. Nur das Blau bei uns ganz oben, das ist seit einer Woche immer gleich. Es ist ein Blau, wie Blau eben so ist, mit etwas rotem Schimmer beim Sonnenuntergang im Westen, bis sich dann die Nacht über uns alle gleich senkt, und die Münchner so vom Sommerurlaub träumen, wie ich vom nächsten schönen, warmen Tag dort oben in der Sonne.

doomh

Früher, in der guten, alten Zeit, nahm man übrigens aus diesem Grunde in den Zeiten des Smogs Urlaub, um die Lunge bei uns zu kurieren. Heute nimmt man die Grippe in Kauf, um im Winter zu arbeiten, seine Kollegen zu infizieren, und dann im Sommer an Orte zu verreisen, für die man Schutzimpfungen und Securitypersonal braucht. Früher baute man Hotels in Tegernsee und am Brenner, am Silvaplana und Davos. Heute sind manche alten Grandhotels Ruinen und andere nur noch Mauern für die Eigenheime der Reichen, und im Tal muss man es eigentlich nur bis zum Aufzug schaffen, der einen nach oben bringt, in ein Büro, dessen Luft vorab von der Klimaanlage gefiltert wird. So ist das. Sol lucet omnibus, wenn sie alle am richtigen Ort sind, und in der menschlichen Lunge ist Platz für jeden Feinstaub. Es ist schrecklich. Lebensgefährlich. Ganz schlimm. Jemand sollte etwas tun. Am besten in Berlin oder Brüssel. Hop hop. Dafür bezahlen wir sie.

doomi

Solange bleibe ich hier oben.

30. Jan. 2017
von Don Alphonso
384 Lesermeinungen

108
32680

     

27. Jan. 2017
von Don Alphonso
489 Lesermeinungen

85
33834
     

Die Trump-Familie in Nepotentradition

Mors acerba, fama perpetua, stabit vetus memoria facti
Gerolamo Olgiati

Die Frage, ob ein Machthaber verrückt oder ein wahnsinniger Despot ist, ist oft umstritten, und mitunter dauert es Jahrtausende, bis schräge Bilder und Gerüchte von der Geschichtsforschung gerade gerückt werden. Oft hat man es mit Gestalten zu tun, die von ihren Zeitgenossen weitgehend kritiklos akzeptiert oder verehrt wurden, und erst in der Rückschau mit negativen Einschätzungen versehen wurden. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. ist heute das Sinnbild des aus dem Ruder gelaufenen, preussischen Militarismus, aber bis weit in den ersten Weltkrieg hatte er als Herrscher die Unterstützung der Mehrheiten im Land. Medien und Eliten im Deutschen Kaiserreich konnten sich bis 1914 nur selten vorstellen, in etwas anderem als in der besten aller möglichen Welten zu leben. Herrscher und Nationalgefühl waren aufeinander ausgerichtet. Donald Trump dagegen ist jemand, über den das Urteil der Geschichte schon gesprochen scheint, bevor er den Weltenbrand entzündete: Während seine Anhänger ihn teilweise als “God Emperor” feiern, sind sich internationale und nationale Medien mit vielen Amerikanern einig, dass Trump, gemessen an heutigen Vorstellungen von Demokratie und Machtbalance, ein populistischer Despot ist.

gonza

Solche Ansichten werden mal mehr, mal weniger deutlich formuliert. Trump wird in diesem Zusammenhang gern als Relikt vergangener Zeiten geschildert. Für die ZEIT ist er, angereichert mit pornographischen Anspielungen, der Ölmensch der 50er Jahre, der sich zurück ins Zeitalter fossiler Brennstoffe wünscht. Feministinnen sehen in ihm die Verkörperung des Patriarchats alter, weisser, privilegierter Männer, die sich Frauen als hübsches Beiwerk halten, weshalb unvorteilhafte Bilder seiner scheinbar traurigen Gattin im Netz gern verbreitet werden. Es ist völlig normal, dass Beobachter der Zeitgeschichte bei Unbekanntem und Neuem versuchen, es mittels historischer Erfahrungen einzuordnen, und mitunter spielen Machthaber auch damit. Präsident Obama inszenierte sich 2009 als Erbe der Politik des Sklavenbefreiers Abraham Lincoln, indem er mit Lincolns historischem Zug zur Amtseinführung nach Washington fuhr.

Wikimedia CC http://flickr.com/photos/ajacs/3205312180/© Wikimedia CC http://flickr.com/photos/ajacs/3205312180/Wikimedia CC http://flickr.com/photos/ajacs/3205312180/

Und Trump gewann die Wahl des Jahres 2016 mit dem Versprechen, Amerika zu seiner alten Grösse zurück zu führen. Das sind in beiden Fällen bemerkenswerte historische Bezüge, denn früher brachte man die grossen Zeiten der USA vor allem mit den Tugenden und Werten der white anglosaxon Protestants in Verbindung, die idealerweise ihre Vorfahren unter den puritanisch-extremistischen Pilgervätern auf der Mayflower von 1620 lokalisierten. Weder Trump noch Obama gehören zu dieser lange Zeit bestimmenden Kaste, bestimmende Teile ihrer Familien erreichten die USA erst lange nach Unabhängigkeit und Bürgerkrieg. Die Geschichte der Herrschenden lehrt, dass besonders bei Emporkömmlingen die Neigung besonders stark ist, sich historisch zu legitimieren, was sowohl ein Grund für Obamas Zugfahrt als auch für Trumps Versprechen sein mag. Allerdings ist bei Trump die Ikonographie der Herrschaft ganz anders als bei Obama. Oder George W. Bush. Oder Bill Clinton. Deren Ikonographie ist stets der Schwur bei der öffentlichen Vereidigung in Washington. Aber Trump twittert selbst und bringt das hier: “I am honored to serve you, the great American People, as your 45th President of the United States!“

gonzb

Angesichts des Ausrufezeichens darf man davon ausgehen, dass Trump dieses historische Dokument selbst erstellt hat. Es ist historisch, weil es nicht den öffentlichen Schwur vor dem – bei Trump nur wenig – versammelten Volk in der Öffentlichkeit zeigt, sondern eine Unterzeichnung im Weissen Haus, ohne Zugang der Öffentlichkeit. Dieser Präsident schwört nicht, er setzt seinen Namen unter ein Papier, was so viel bedeutet wie: Dieser Mann herrscht. Es ist eine gewisse Text-Bild-Schere zwischen dem Text, der verspricht, dass Trump dienen will, und dem, was man da im palastartigen Gebäude zu sehen bekommt: Einen thronenden Potentaten vor goldenem Hintergrund, der etwas entscheidet, im Kreise seiner Familie, Kinder und engsten Berater, die um ihn herum postiert sind. Das ist, wenn man die historischen Vergleiche sucht, kein Bild eines demokratischen Dieners des Volkes. Es ist sehr nah an einem der bedeutendsten Kunstwerke der Renaissance, der Hofszene in der Camera degli Sposi von Andrea Mantegna im Palazzo Ducale von Mantua.

Wikimedia CC https://it.wikipedia.org/wiki/File:Camera_picta,_la_corte_02.jpgWikimedia CC https://it.wikipedia.org/wiki/File:Camera_picta,_la_corte_02.jpg

Die Hofszene zeigt den Condottiere und Markgraf von Mantua, Ludovico III. Gonzaga, inmitten seiner Kinder, Familie, Hofstaat und Berater. Es ist das erste bekannte Gruppenportrait der europäischen Kunstgeschichte und Vorbild für weitere Herrscherbilder dieser Epoche. Es gibt viele Ähnlichkeiten zum Bild von Trump – die Nähe der Kinder zum Herrschenden, die Darstellung einer Entscheidung durch den Herrscher, der bei Mantegna seinem Diplomaten eine Anweisung erteilt, und natürlich der Prunk der Szenerie. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied: Die Camera degli Sposi war nie für den Besuch der Öffentlichkeit bestimmt. Das Zimmer war allein Mitgliedern des Hofes und hochrangigen Besuchern vorbehalten, und sollte ihnen die Macht und den Glanz der Gonzaga vor Augen führen. Das Bild war nie für die Beherrschten gedacht, zu der Ludovico kein allzu gutes Verhältnis hatte: Das Gemälde ist hinter einem Graben in einem separaten Wasserschloss am Rande der Stadt untergebracht, einer echten Tyrannenburg der Renaissance, die allein schon durch ihre Lage jenseits der urbanen Öffentlichkeit eine deutliche Distanz zu den Untertanen zum Ausdruck bringt. Ludovico, der als Kind seiner Zeit für die übelsten Schlächter Oberitaliens tätig war und gewissenlos die Seiten wechselte, hatte gute Gründe, sich, seinen Clan und seinen gemalten Herrschaftsanspruch hinter dicken Mauern zu verstecken Trump dagegen zeigt das Bild allen.

Wikimedia Commons https://en.wikipedia.org/wiki/File:Andrea_Mantegna_054.jpgWikimedia Commons https://en.wikipedia.org/wiki/File:Andrea_Mantegna_054.jpg

Mantegnas Meisterwerk war ein durchschlagender Erfolg: von da an wurde es unter Königen, Adligen und Usurpatoren üblich, sich im Kreise von Familie, Nachkommenschaft, Nepoten und Günstlingen zu zeigen. In vormoderner Zeit stand die Familie und das eigene Blut im Mittelpunkt aller Machtpolitik, und die sichtbare Anwesenheit von Nachfahren zeigte dem Betrachter, dass die Familie im Mannesstamm blühte und gedieh. Schon früh sollten die Kinder das Staatshandwerk erlernen, was auch die Nähe der Söhne zu Ludovico erklärt. Souverän ist auf diesen Bildern nie das Volk, sondern zuerst der Souverän und dann seine Nachkommen. Entscheidungsprozesse sind nicht demokratisch, sondern durch Herrscherwillen und Absprachen mit Günstlingen und Beratern legitimiert. Demütiges Auftreten ist solchen Gemälden vollkommen fremd, die Macht liegt allein in einem engen Zirkel, der aus seiner Selbstgewissheit keinen Hehl macht.

gonzf

Trump gilt vielen als skrupelloser Machtmensch mit derbem Naturell, der keine Rücksichten auf diejenigen nimmt, die ihm im Weg stehen. Man lacht über seine goldenen Räumlichkeiten, in denen sich der Prunk des Aufsteigers ausdrückt, und auch in der Camera degli Sposi werden goldene Wände vorgetäuscht. Die Gonzaga waren zu jener Zeit ebenfalls noch eine Familie der Emporkömmlinge, und Ludovicos persönlicher Aufstieg zwischen den Grossmächten Mailand, Venedig und deutschem Kaisertum war auch nicht gerade eben und zwingend vorbestimmt. Wir stehen vor Bildern von eiskalten, selbstüberzeugten, skrupellosen Machtmenschen auf dem Gipfel ihres Erfolges – Ludovico starb 1478, 4 Jahre nach der Fertigstellung der Gemälde, in einem sumpfigen Kaff vor der Stadt an der Malaria, aber eines seiner 14 Kinder führte die Herrschaft über Mantua und das blutige Geschäft des Söldnerführers fort. Trump ist fünffacher Vater und achtfacher Grossvater, und seine Kinder führen seine Unternehmen fort. Diese Nähe zu dynastischem Denken ist ein Charakterzug, der Trump in unserer Gegenwart als Ausdruck patriarchalischer Gesinnung angekreidet wird. Trump passt mit seinem Vertrauen zu seiner Familie und eingeheirateten Personen nicht wirklich in unsere Zeit. Aber in der Renaissance hätte man sich über Männer wie Trump nicht gewundert. Aus Geldgeschäften über skrupellose Virtu im Sinne Macchiavellis aufgestiegene Feudalherren waren damals nicht selten.

gonzg

Solche Clans – auch die heute zu Unrecht gut beleumundeten Medici gehören dazu – sind eine Weile wirklich unerquickliche Zeitgenossen, wenn es darum geht, ihre niedrige Herkunft vergessen zu machen. Typisch ist für sie eine Politik, die einerseits rücksichtslos und brutal, andererseits populistisch und durch die vom Volk meist geschätzte Ausschaltung feindlicher Eliten geprägt ist – die Medici vernichteten beispielsweise den Clan der Pozzi, die Visconti errichteten ihren Sumpf in Mailand, nachdem sie den Sumpf der Familie della Torre ausgetrocknet hatten, und wer heute der Meinung ist, dass die Medien unter Trump in Gefahr sind, kann sich mit dem Mailänder Herzog und Ludovico III. Gonzagas Partner Galeazzo Maria Sforza beschäftigen. Der wurde durch Akklamation der Mailänder zum Herrscher über die Stadt, tat viel für den Glanz, aber unterdrückte auch die Opposition und abweichende Meinungen über seine zunehmend grausame Herrschaft: Den Humanisten Nicola Capponi, der gegen ihn und seine Politik argumentiert hatte, liess Sforza öffentlich auspeitschen, nur um dann 1476 einem Mordanschlag von Capponis Freunden zum Opfer zu fallen. Möglicherweise dachte der ZEIT-Journalist Josef Joffe bei seinem verbalen Ausrutscher über Trump an eine derartige Geschichte.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Manche Familien werden aber im Laufe der Geschichte und der Politik auch sanfter. Um hier mit einer versöhnlichen Note zu enden, möchte ich noch ein Bild der venezianischen Familie Pisani zeigen, die auch nach oben kam, nur um dort im Rokoko zu verweichlichen, und einen schönen Palast hinterließ. Es gibt weder im Feudalismus noch in der Demokratie einen historisch belegbaren Automatismus für einen katastrophalen Ausgang, und die Erregung von gestern wird stets zur langweiligen Lektüre über schwer verständliche Taten von historischen Figuren, über die und ihre Ikonographie man meist nur den Kopf schütteln kann.

27. Jan. 2017
von Don Alphonso
489 Lesermeinungen

85
33834

     

23. Jan. 2017
von Don Alphonso
422 Lesermeinungen

91
29156
     

Untanzbare Revolutionen mit Essen aus dem Blecheimer

Nothing matters
Ambrose Bierce

Sie sind jung, sehen schön und gepflegt aus, studieren, und können sich durchaus eloquent ausdrücken. Sie haben keinerlei Ähnlichkeit mit den wenigen Vertreterinnen des RCDS, die ich in meiner Jugend kennenlernte, und die wie ein mitteljung gebliebener Landfrauenbund aussahen. Ich mein, ich bin hier geboren, aber es gibt so Ecken in Niederbayern und der Oberpfalz, da brauche auch ich fast einen Übersetzer, und von dieser Natur waren sie. Die RCDS-Damen jedenfalls haben wir damals mit dem Kompliment hofiert, sie würden ganz vorzüglich zu ihren männlichen Kollegen passen, und hintenrum diskutierten wir den begrenzten Genpool hinter Landshut. Die jungen, schönen Studentinnen, denen ich aus Gründen der Recherche bei Twitter folge, sind allerdings nicht beim RCDS. Sie sind Anhängerinnen der AfD. Ich sitze an meinem Rechner, und sie schreiben, dass sie nun den Stream des EFN-Kongresses anschauen. Ich bin wirklich hart im Nehmen und wundere mich über gar nichts mehr, aber in diesem Moment schweift mein Blick vom Rechner hinüber zu den Photos meiner Jugend, und ich denke mir: Mädchen. Du bist jung. Du bist erkennbar klug. Warum geniesst du nicht einfach das Leben? Du hast alle Freiheiten, du musst deine Jugend nicht damit vergeuden, Typen wie Salvini und Wilders anzuschauen.

streika

Denn es ist die grosse Zeit des Lebens. Es ist die Zeit der Experimente, der Freiheit und der Unbekümmertheit, und man kann Dinge tun, die man mit 40, 50 allenfalls noch tut, wenn man es sich als schlechterer Sohn aus besserem Hause noch leisten kann. Es ist die Zeit der engen Pailettenkostüme und der Benutzung aller körperlichen Reize. Nie wieder wird man so unbekümmert auf Menschen zugehen und sie verführen, wie mit 20 Jahren. Jede Sekunde mit Salvini ist verloren, jede Sekunde mit den Freuden des Studentenlebens ist etwas, das einem an kalten Wintertagen auch Jahrzehnte später ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Ich war auch so. Ich war Student und in einer grossen Stadt, und plötzlich im Zentrum des Geschehens. Die Welt lag einem zu Füssen. Nicht am Anfang des Semesters, aber im Januar. Im überraschend warmen Januar des Jahres 1989 in München, als die Studenten aufstanden und für ihre Rechte kämpften. Ausgerechnet in München, einer saturierten Stadt, die monatelang tatenlos zugeschaut hatte, wie an anderen Universitäten der Aufstand geprobt wurde. Es gab eine gewisse Grundunzufriedenheit mit Themen wie Zwischenprüfungen, Regelstudienzeiten, Bibliotheksbenutzung, Kopierabgabe und schlechter Kommunikation. In den Gängen der Staatsoper waren wir uns einig, dass die Universitäten zu voll sind, und mehr Geld brauchten. Ausserdem begann damals die Regierung Kohl, unsere Orchideenfächer gegenüber Studiengängen mit echter Bedeutung für den Arbeitsmarkt zu benachteiligen. Sogar die TU, so eine Art Sammellager für Oberpfälzer vor der Stadt, sollte aufgewertet werden.

streikb

Kein Wunder also, dass wir etwas übernächtigt – wir waren nach dem Barbier noch im Parkcafe – auf der Strasse standen. In meiner Erinnerung war es bei der grössten Studentendemonstration, die München je erlebt hatte, warm und sonnig. Vermutlich waren wir einfach zu müde, um die Kälte zu fühlen. Die Parolen – Kohl und Möllemann, wie sind jetzt mit dem Zaster dran – haben wir natürlich brav mitgerufen, wenngleich uns “Geld und Knete für lebenslange Fete” besser gefallen hätte. Die RCDS-Vertreter fanden das überhaupt nicht gut, aber so war das eben. Wild, aufgeladen, exzessiv, hedonistisch. Und ich war qua Studiengang auch noch in dem Fachbereich, der die anderen Studenten in den Kampf mitriss. Das passierte einfach. Die Kommunikationswissenschaftler machten Namensschilder und die Kunstgeschichtler malten Plakate, und alle zusammen fühlten sich viel zu jung, zu schön und zu modern, als dass man sich vom eigens angereistem Schnauzbartträger – der sieht ja aus wie von der TU – und Bildungsminister Möllemann etwas sagen lassen wollte.

Wenn ich mich richtig erinnere, war Möllemanns Auftritt im Audimax der LMU München der Punkt, an dem wir uns sagten: Jetzt schauen wir mal. Wir streiken. Wir fordern die Umbenennung der Hochschule in Geschwister-Scholl-Universität. Wir wollen mitreden. Mitreden am Tag und feiern in der Nacht. Audimax, Fachbereich, Milchbar, Parkcafe, Nachtcafe.

streikh

Der grosse Münchner Unistreik von 89 passierte einfach, ähnlich wie manche Umwälzung in Osteuropa. Es war damals nichts vorbereitet, an meinem Institut gab es noch nicht mal eine Fachschaft. Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zum Essen, bitte sehr – meine Freunde aus meinem Institut beschlossen, die Mensa aufzusuchen, und ließen mich am Fachbereich als Notbesatzung zurück, um zu berichten, was passiert. In diesem Moment erschienen die AStA-Vertreter und fragten, ob es überhaupt Fachschaften gäbe – für einen Streik bräuchte man sie nämlich als Ansprechpartner. Es gab sie nicht. In dem Fall bräuchten sie zumindest zur Verbindung einen Streikrat, sagten sie. Ich war der einzige aus meinem Institut, der nicht gerade in der Mensa war, und so wurde ich der Streikrat.

So ist das eben, wenn man jung ist und die Revolution kommt. Da fragt man nicht lange, da macht man einfach. Wir streikten, wie demonstrierten, und am Abend sassen wir mit dem akademischen Mittelbau und manchen Professoren, die sich an ihre eigene Jugend erinnert fühlten, zusammen, und überlegten, was wir vom Staat haben wollten. Wir lernten Studentinnen aus anderen Fächern und ihre Pailettenkleider kennen. Es waren die wilden, lebensfrohen 80er Jahre. Und in den Zeitungen stand, dass nun die Jugend auch in München aufsteht, und deshalb sei 89 das neue 68.

streikc

Was die Medien nicht sehen konnten: Es gab vom ersten Tag an massive Konflikte zwischen den Studenten und denen, die sie vertreten sollten. Der AStA in Bayern ist reichlich machtlos und nicht verfasst wie in nördlichen Bundesländern. Deshalb hatten seine Vertreter die Hoffnung, nun mit einem langen Streik die Regierung zu zwingen, ihn deutlich aufzuwerten. Der AStA wollte als Fernziel die Weltrevolution, ärmere Studenten dagegen keine Kopierabgabe. Der AStA sah den Streik als Kampf gegen Faschismus, Unterdrückung und Patriarchat, die meisten Studenten dagegen wollten studieren, feiern und ihre Freiheiten behalten. Als Streikrat hatte ich eine Delegation im Schlepptau, als wir den heissen Geräten  Kommiliton_Innen der KoWis einen Besuch abstatteten.

In den Instituten wurde aber schnell klar, dass es eine übergreifende Lösung für alle nicht geben kann. Die Unis brauchten mehr Geld, aber jedes Institut hatte eigene und spezifische Probleme. Es war sinnlos, monatelang für die Durchsetzung eines mächtigeren AStA zu kämpfen, der dann zentralistisch zu befinden gedachte, was für ihn selbst der beste Weg ist. Der AStA wollte bis zur letzten Patrone kämpfen. Die Studenten bei uns mussten Referate halten – Hörsaalbesetzungen und kommunistische Agitation hätte sie schlichtweg das ganze Semester gekostet. Die Gefahr war real, denn die AStAe aus Berlin, deren Proteste niemand ernst nahm, sahen ihre Gelegenheit, in München mitzumischen. Sie versuchten eine feindliche Übernahme. Und schickten uns Daniel.

streikd

Daniel war klein, zerknautscht, ungefähr 40 Jahre alt und Berufs-Studentenvertreter im zigsten Semester. Neben die heissen Geräte der KoWis Kampfgenoss_Innen passte er optisch deutlich schlechter als zu den RCDS-Damen. Aber unter der leicht, naja, schlampigen Fassade war Daniel knallharter Kommunist. Er wurde vom AStA eingeführt und teilte Fachschaften und Streikräten mit, was man von uns in Berlin erwartete. Mehr Härte, mehr Klassenbewusstsein, mehr Aktionen, keine Kooperation mit Professoren, sondern nicht weniger als die Übernahme der Institute und der Uni. Daniel war gestählt im Berliner Kampf und hatte wenig Sensibilität für die Belange von Münchnern. Daniel hatte weder Interesse an der Staatsoper noch an der Orgasmic Party im Parkcafe, das damals wirklich von jungen Frauen frequentiert wurde, die sich für finanzielle Zuwendungen Porschefahrern hingaben und so ihr Studium finanzierten. Daniel wäre dort an der Tür gescheitert. Ich habe nie verstanden, wieso Leute, die nicht einmal ins Parkcafe dürfen, der Ansicht sind, mir von ihrem subalternen Klassenstandpunkt aus etwas auftragen zu können. Das hier war München. Hier studierte man Kunstgeschichte, um bei einem Auktionshaus oder Museum zu arbeiten und nicht, um Che-Guevara-Siebdrucke herzustellen.

Ausserdem knickte die Politik und die Unileitung bei den wirklich wichtigen Punkten ganz schnell ein und kam den Studenten, aber nicht dem AStA und Daniel entgegen: Mehr Geld, mehr unbürokratische Mitsprache bei runden Tischen, man freue sich ja, dass die Studenten nunmehr aktiv gestalten und Verantwortung übernehmen wollten – es dauerte nur zwei Wochen, und die grosse Mehrheit der Studenten war zufrieden. Es war eine grossartige Zeit. Man hatte viel erlebt und kaum geschlafen, und es der Politik so richtig gegeben. Wir waren so jung, so mutig, so hemmungslos und unerfahren. Aber wir hatten gekämpft und viel erreicht. Für uns genug, für Daniel zu wenig.

streike

Daniel traf ich dann später noch einmal zufällig am Bahnhof. Für eine Weile hielt er sich noch in München auf und versuchte, für den AStA zu retten, was noch zu retten war. Für uns Streikräte, die wir in eine reguläre Fachschaft übergegangen waren, hatte er wenig übrig. Ich grüsste ihn, er nahm aber kaum Notiz von mir, wühlte in seiner Süddeutschen Zeitung und war empört, dass sein Exemplar kein Süddeutsche Magazin enthielt, für das er das Blatt eigentlich gekauft hatte. Das war bisher meine letzte Erinnerung an einen Aufstand, der jung, selbstbewusst und schön war, aber keine Revolution: Ein kleiner, dicker, mässig gekleideter, schlecht gelaunter Mensch am Bahnhof inmitten des Gedränges auf dem Weg nach Berlin, ihm zu Füssen eine zerfledderte Zeitung. Allerdings habe ich gestern bei der Recherche einen Beitrag eines Daniel gefunden, den er nach seiner Zeit bei uns in Berlin verfasste – vieles stimmt mit meiner Erinnerung überein, und ich denke, das ist der Mann, der mich in meiner Funktion als Streikrat an seine revolutionäre Front brüllen wollte. Genau das war seine Einstellung und seine Haltung:

Es hat sich einmal mehr gezeigt, daß in dem stickig klerikal-konservativen Millionendorf München Selbstbestimmung und Freiheit nicht ertragen werden kann. Die autonome Organisation eines StudentInnen-Treffpunkts oder alternative Seminarangebote sind dort unmöglich. Im spießigen Klein-Klein wurde die Streikbewegung zu dem, was sie hier sein soll: Ein illusionäres Strohfeuer und ein vergeblicher Ausbruchsversuch, bestenfalls ein Ventil für jeglichen Widerspruch.

streiki

Er hat keine Ahnung, wie das damals wirklich war. Für uns waren das zwei erfolgreiche Wochen Exzess, Party und völlig unverhoffter Sieg. So ist das, wenn man jung und unbekümmert ist, und ich verstehe eigentlich nicht, wie eine junge, kluge Studentin den Stream der AfD anschauen kann – lauter komische Leute in komischen Anzügen. Das ist nicht das Leben. Das Leben ist da draußen, es ist Kampf und Liebe, Freude und Sieg und man muss es nur wollen, dann schlottern die Mächtigen im Staub vor einem, denn nichts ist so stark wie die Jugend, deren Zeit gekommen ist.

Dachte ich, als ich las, womit sie ihre Zeit verbringt.

Aber:

streikf

Wir leben nicht mehr in den 80er Jahren, sondern 2017. Auch 2017 gibt es Studentenunruhen. Sie besetzen wegen der Entlassung von Andrej Holm ein Institut. Sie richten sofort ein Awarenessteam gegen Übergriffe unter sich ein, was vermutlich eine Art Sex-Stasi und eine Absage an sexuelles Vergnügen sein soll, das bei uns, ganz offen gesagt, ein Grund für die famose Vernetzung war, aber nicht nur in der Oberpfalz will man den Genpool klein halten. Sie sehen aus wie der RCDS nach dem Atomkrieg im Bunker, und zwar der RCDS von der TU. Sie sind nicht statthaft gekleidet, und sie machen Marx-Seminare. Marx. Kapital-Lesekreis. Im 21. Jahrhundert. Stalins Ableben hat sich wohl noch nicht herumgesprochen. Sie wollen Hausbesetzungen und laden Initiativen ein, die jeden Menschen mit Besitz und elitärer Denkweise abschrecken. Sie zeigen Filme, die ihre Haltung stärken, und keine Operninszenierungen. Sie schreiben über Polizisten und tragen dann das Gendersternchen für Polizist*innen nach. Sie finden die Stasi verzeihbar und falsche Angaben bei der Einstellung in Ordnung. Sie essen wie die AfD in Koblenz aus Blecheimern. Und finden das beide auch noch gut. Sie reden über “Linke Politik und Rechter Populismus”, statt über das Desiderat, wie man sexuell attraktiv wirken kann. Sie übersetzen ihre dogmatischen Presseinformationen in andere Sprachen, in denen sie auch niemand liest. Unser Daniel von damals wäre sicher begeistert, er wäre da auch im Durchschnitt nicht mehr optisch entreichernd. Und andere schauen sich den AfD-Stream an.

Die fetten Jahre für Studenten sind offensichtlich vorbei, denke ich mir, als ich den Schubladen mit den Bildern derer schliesse, die heute längst Professoren sind, Agenturen leiten oder mit einem Orchideenfach auf jenen profitablen Stellen im Medienbetrieb gelandet sind, die andere niemals erreichen werden. Der Daniel und die Petry geben jetzt den Takt der gesellschaftlichen Debatte vor, unsere Redlight District Orgien wollen beide nicht. Gedankenfreiheit und ein Leben im Luxus können sie uns nehmen, aber die Ehre, gute Zeiten mit Lea, Ann-Katrin und Paula gehabt zu haben, nicht.

23. Jan. 2017
von Don Alphonso
422 Lesermeinungen

91
29156

     

16. Jan. 2017
von Don Alphonso
642 Lesermeinungen

274
59043
     

Holm geht, und das Land gehört euch nicht

Angriffe auf Hassbrenner wie Schupelius sind so als Akt antifaschistischer Notwehr zu sehen.
Bekennerschreiben bei Indymedia

Am Samstag gab es zwei wichtige Ereignisse. Zuerst einmal habe ich mein Auto und mich selbst bewegt. Denn vor einiger Zeit hat eine bekannte Figur der Berliner Antifa versucht, mich über einen Anwalt abmahnen zu lassen. Das ging schief, aber sie hat seitdem natürlich meine private Adresse. Inzwischen ist diese Person hofiertes Mitglied der Linken in Berlin, macht Migrations- und auch Wohnpolitik, und hat regional mit Aktionen in beiden Bereichen einige Bekanntheit erlangt. Sie ist mit Mitgliedern der Antifa befreundet, von denen eines juristisch nicht so gut wie ich beraten ist, und deshalb einschlägig verurteilt wurde. Darunter sind auch Leute, die einen Brandanschlag auf das Auto des Journalisten Gunnar Schupelius vor fast drei Jahren höhnisch kommentierten. Dazu gibt es ein Bekennerschreiben aus der autonomen Szene bei Indymedia. Schupelius wird dabei besonders seine kritische Haltung zur Migrationspolitik und sein Bericht über Gentrifizierungsgegner zur Last gelegt. Naja, und nun ist es halt so, dass ich zwar für eine sehr grosszügige, aber klar geregelte Migration bin, und als ausgesprochen netter Vermieter gelte. Aber ich kritisiere natürlich die Politik der offenen Grenzen von Frau Merkel und ich mache Witze über Gentrifizierungskritiker.

holea

Vor allem aber, und das ist das zweite wichtige Ereignis, habe ich den ersten Beitrag über das Antifa- und Hausbesetzer-Idol Andrej Holm und seine Vergangenheit bei der Stasi geschrieben, und damit die Lawine ausgelöst, die am Samstag zur Forderung seiner Entlassung durch den regierenden Bürgermeister führte, und ihn jetzt das Amt des Staatssekretärs kostet, und vielleicht sogar die R2G-Koalition scheitern lässt. Ich bekomme deshalb gerade einiges an bedrohlichen Nachrichten, und da ist es ganz nett, in einer der bestgesicherten Ecken der Republik zu leben, mit der Polizeizentrale in 30 Sekunden Blaulichtentfernung, Videoüberwachung, Sicherheitsdiensten und Gerichten, die die Antifa schon aus ihren Niederlagen beim G8-Gipfel in Garmisch kennt, und zwar knüppeldick. Trotzdem habe ich mich entschieden, mein Auto mit einem lieben Mitmenschen zu füllen und einen Ausflug zu machen. Wir diskutieren hier noch, ob Leute, denen schon die läppischen Berliner Mieten zu teuer sind, sich eine Bahnfahrkarte hierher für die angebliche “Notwehr” leisten können, aber wie auch immer: Wir leben in schlimmen und, um es höflich zu sagen, interessanten Zeiten. Heute brennen auch Rechtsextremisten Autos von Sozialdemokraten ab, SPD-Werber machen Kampagnen gegen Andersdenkende, man freut sich über den Tod eines Menschen (Die sich Freuende hat sich entschuldigt, Link deshalb entfernt).

holei

Dabei geht leider auch so manches unter, und deshalb möchte ich noch einmal dezidiert erklären, warum kein Brandanschlag der Welt Holm mehr retten konnte: Schuld ist die Partei, die ihn unbedingt aufstellen wollte, und ihn inzwischen trotz seines begrenzten und manchmal fragwürdig-autonomen Werks als einen der “anerkanntesten Stadtforscher der Republik“ bezeichnet – meines Erachtens eine dezente Überschätzung für einen normalen Unimitarbeiter mit Privatblog. Am Donnerstag hat Holm seiner Universität eine Erklärung zukommen lassen, um die falschen Angaben zu seiner Tätigkeit für die Stasi zu erklären. Am Freitag hat sich Holm bei den Opfern der Stasi entschuldigt, und dann gleich wieder eingedroschen auf jene, denen er “Diffamierungen“ unterstellt – kann schon sein, dass er damit auch mich meint. Das war nach meinen Informationen aber auch nicht wirklich die Demut, die man sich bei der SPD erhofft hatte. Gleichzeitig stellte sich die Linke, Landesverband Berlin, erneut hinter Holm. Und formulierte, obwohl sie die Regierung Berlins wissentlich in diese Situation gebracht hatte, auch noch eine drastische Forderung an den Senat:

holee

Gestern hat Andrej Holm auch seine Stellungnahme gegenüber der Humboldt-Universität zu Berlin abgegeben, die ein arbeitsrechtliches Prüfverfahren angesichts der Debatte um den Personalfragebogen, den er bei seiner Einstellung im Jahr 2005 ausgefüllt hatte, durchführt. Der Ausgang dieses Verfahrens kann jedoch nicht die politische Entscheidung des Berliner Senats ersetzen. Gerade weil dieses Verfahren noch einige Zeit in Anspruch nehmen kann, setzen wir uns dafür ein, zeitnah eine politische Entscheidung zu treffen. Es ist aus unserer Sicht dringend nötig, als Regierung eine klare politische Rückendeckung für Andrej Holm zu signalisieren, damit wir uns endlich den Fragen widmen können, für die wir angetreten sind und die der Senat mit seinem 100-Tage-Programm konkretisiert hat: für ein solidarisches, nachhaltiges und weltoffenes Berlin.

holed

Der Landesverband eines Juniorkoalitionspartners fordert vor der Bewertung der HU von der Stadtregierung einen Persilschein für Holm. Der Senat, und hier eher die Opfer der SED-Diktatur SPD und das Bündnis90 der Grünen, hätten mit so einer Erklärung erneut zu Hammer und Sichel kriechen müssen. Sollte sich die HU gegen Holm entscheiden, wäre es den beiden Parteien noch schwerer gefallen, den Staatssekretär nach der Vorab-Solidarität zu feuern. Der regierende Bürgermeister Müller stand damit vor der Wahl, sich entweder mit den neuen Begehrlichkeiten des Partners herumzuärgern, oder sie und Holms wenig kooperative Einlassungen zum Anlass zu nehmen, der Linken, wie man das in Bayern so schön sagt, das Standgas einzustellen. Die Linke wollte die Entscheidung, sie hat in der Sache alle Warnungen missachtet, jetzt übertrat sie die rote Linie im Glauben, sich die erneute Demütigung ihrer Partner leisten zu können. Wenn Müller sich hier nicht gegen die Stasi-Relativierer der Linken durchgesetzt hätte, wäre es mit seinem Ansehen vorbei gewesen. Es ging um eine Machtdemonstration und um klare Zeichen, wie die Linke in einer Mischung aus Stasiflausch und Härte die Andersdenkenden und die Stadt zu beherrschen gedenkt, und sie ist dabei zu weit gegangen. Statt der Internationalen muss sie jetzt das Misericordia singen. Der Ärger der Holmverehrer, die nichts anderes als einen Endsieg der Weltrevolution erwartet hatten, sucht sich Ventile, und dazu gehöre ich persönlich, wie ich Zuschriften entnehmen kann, natürlich auch.

holeg

Allerdings bin ich unterwegs und nicht zufrieden. Das wollte ich nicht. Als ich meinen Beitrag schrieb, dachte ich: Naja, so grössenwahnsinnig sind nicht mal Berliner Linken, die werden ihn halt lautlos zurückziehen und als Berater wieder einstellen. Das haben sie nicht gemacht, und seitdem freue ich mich auf 2017 mit Andrej Holm. Wie sich ein Antifakrimineller auf die Randale freut, denn wir beide hoffen natürlich, dass das muffige, verklebte und erstarrte System damit aufgebrochen wird, und die Situation eskaliert. Es wäre schon gewesen, wenn Holm zum Aushängeschild einer neuen, linken Alternative für Deutschland geworden wäre. Ich hätte das gern gesehen. Natürlich funktioniert jemand wie Holm nur in Berlin und anderen Favelaregionen der BRD. Dort nimmt man ihm auch seine Vergangenheit nicht übel. Da zieht der radical Schick, da kommt der Klassenstandpunkt gut an, die Bezüge zur autonomen Szene wirken auf eine sexy Art abenteuerlich. Nun aber fährt Don Cattivo nicht ganz einsam durch die Nacht, er hat im Dezember die Stasisache aufgebracht, jetzt rast Don Cattivo im Benz in den Süden, so viel Schurkendasein tut ihn nicht ermüden – und ich trage dabei einen bayerischen Trachtenmantel und einen Gebirgsschützenhut, ein Vermieter- und Oligarchenpresseklischee wie aus dem Bilderbuch des Neuen Deutschland.

holef

Auch Holm steht idealtypisch für eine sehr klare, linke Haltung im Lebenslauf. Stasi. Hausbesetzung, Demonstrationen, Universitätsjob, radikale Einstellung, Mieterrechte. Das passt. Und diese Haltung steht dann eben für R2G im Bund und trifft auf Leute wie mich, die qua Geburt und Herkunft jeder Form von leistungsloser Transferbereicherung höchst aufgeschlossen gegenüber stehen – wirklich, ich kann das gut verstehen, eigentlich ist Holm auch nur ein besserer Sohn der Nomenclatura, nur in DDR-Rot statt in Bayerisch-Schwarz. Holm trifft aber bei uns auch auf Menschen mit Realschulabschluss, Lehre, nachgeholtes Abitur, Meisterprüfung, erstes Kind mit 26, zweites mit 28, Frau in einem Sozialberuf, Kredit mit 31, Grundstückkauf und Hausbau bis 33, zwei Katzen, zwei Autos, Kinder im Gymnasium, abbezahltem Kredit, Kredite für die Wohnungen der Kinder, wenn sie studieren. Er trifft auf Leute, die nie vom Staat abhängig sein wollten und die in Gemeinschaften leben, in denen der Denunziant der grösste Lump ist. Holm kann gern kommen und den Menschen erklären, wie es ist, sich etwas zu nehmen, was man sich nicht erarbeitet hat. Holm kann sich hier gerne in einen Pfarrgemeindesaal setzen, auf einen Stuhl, den der örtliche Schreiner in seiner Freizeit gemacht hat, und uns einmal sagen, wie das ist mit der Gerechtigkeit. Seine ganzen Freunde, die von der Uni direkt in die Politik sind, nie einen Tag in einer Fabrik standen und staatlich finanziert von einem gschlamperten Verhältnis ins nächste fallen. als wären die führende Repräsentanten der AfD oder CSU, sie sollen nur kommen, ich hole sie auch gern ab.

holeb

Sie sollen zu uns kommen und und sagen, wie sie Solidarität leben, und warum ihre Wähler in Berlin es nicht hinbekommnen, am Morgen um 6 ihre Gehwege vom Schnee zu befreien, was wir hier alle tun. Ich will, dass sein Chef, der Lederer, hier seine LBGT-Bevorzugungsprojekte in der bankrotten Stadt mal denen erklärt, die einfach ihre Kinder erziehen und mit dem Bundesfinanzausgleich die staatliche Förderung der drogenverseuchten und auf private Profite abzielenden Berliner Clubkultur finanzieren. Und Holms Förderin und Chefin Katrin Lompscher, SED-Mitglied seit Anno 81, kann ich gern eine wirklich nette Leiterin einer Seniorengruppe vorstellen, die dafür sorgt, dass bei uns die alten Frauen nicht wochenlang tot, vergessen und linkssolidarisch vor dem laufenden Fernseher liegen. Die ganzen Umverteilungsfreunde und Eigentumsverächter, sie können gern zu uns kommen und uns erklären, wieso wir Verständnis für Stasi-Mitarbeiter und Hausbesetzer haben sollen, und warum man es nicht mit der Videoüberwachung übertreiben soll, wenn vom urbanen Sozialismus unbeleckte Unterschichten mit ihrem Klassenbewusstsein andere Treppen runtertreten, ausrauben und anzünden. Sie sollen uns sagen, warum man akzeptieren muss, wenn Anhänger dieser Ideologie randalieren und Polizisten gezielt verletzen, warum die Drogenmafia im Park ein Partner ist, und warum im direkten Vergleich die Leute bei uns als reaktionäre Kleinbürger gelten, die den weltanschaulichen Zielen im Weg stehen. In der Ideologie der Holms, der Kippings und der Lederers und derjenigen, die denken, sie hätten ein Recht auf Notwehr gegen Autoren wie mich, sind diese Menschen, sobald sie ihre Weltsicht formulieren, genau das, was es zu überwinden gilt. Die Linke möchte die privaten Profitinteressen der Mieter gegen die privaten Profitinteressen der Vermieter stärken, sie steht für einen Sozialstaat, in dem Partikularinteressen der eigenen Klientel massiv gehätschelt und andere ganz im Sinne des Klassenkampfes als das Schlechte, Böse, zu Bekämpfende vorgeführt werden – so böse, dass auch der Holm und Antifas legitime Bündnispartner sind. Das ist Klassenkampf.

holec

Diese Auseinandersetzung ist, da bin ich mit Holm einer Meinung, absolut überfällig. Man hätte man mit dem prominenten Stadtforscher Holm und seinem Klassenstandpunkt bei uns ganz vorzüglich machen können. Schluss mit dem Gerede von Gleichheit und Brüderlichkeit, Ausgleich und Verständnis. Klassenkampf, wie es sich gehört, mit harten Gegensätzen und unvereinbaren Positionen. Ein Klassenkampf, bei dem man sich mit dem Gegner beschäftigen muss, um zu überleben. Ich hätte mich gefreut, wenn die Linke ihren Holm raus aus der Stadt zu uns aufs Land geschickt hätte, um uns zu bekehren. Andrej Holm, promoviert mit einem Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung, erklärt Bandarbeitern und Nebenerwerbslandwirten in Niederbayern ihre soziale Frage. Das wird mindestens so lustig, als wenn ich nach Berlin fahre und Hartz4-Beziehern erkläre, dass angeborener Reichtum auch ihre Probleme lösen kann. Deutschland braucht wieder scharfe Debatten, Polemiken und ideologische Angriffe gegen gefestigt geglaubte Territorien. Und wenn Holm es schon von der diktatorischen Stasi bis zur richtigen, sozialen Seite der Berliner Mietenpolitik wechselte, dann machen wir ihn hier vielleicht auch noch katholisch.

16. Jan. 2017
von Don Alphonso
642 Lesermeinungen

274
59043

     

09. Jan. 2017
von Don Alphonso
524 Lesermeinungen

195
34127
     

Andrej Holm bleibt Liebling der Plutokraten

Wer hat uns verraten? Linksparteimitglieder! #skali64

Hin und wieder werde ich gefragt, ob ich mein nicht immer konfliktfreies Treiben nicht doch etwas bedaure. Ob ich nicht einsehen möchte, dass auch ich Fehler mache und Menschen zu hart beurteile. Ich bin dann immer in Versuchung, mit Donald Trump zu antworten. Der erwiderte auf die Frage, ob er Hillary Clinton im Wahlkampf nicht zu brutal angefasst hatte, mit den epochemachenden Worten: “No. I won.” Es ist eine Versuchung, ich kann ihr aber widerstehen, und außerdem habe ich natürlich manches getan, was man nur als unangemessen bezeichnen kann. Mein letzter schwerer Missgriff war der momentan noch das Amt eines Staatssekretärs bekleidende Andrej Holm, dessen frühere Tätigkeit für die Stasi ich als erster publizierte und mich darüber noch lustig machte, obwohl es inzwischen zu einer handfesten Regierungskrise führte. Ich bin übrigens immer noch der Meinung, dass jemand mit so einem ideologisch gefestigten Standpunkt und seiner fragwürdigen Selbstreinwaschung in der Berufspolitik nichts verloren hat, aber ich muss auch an mich selbst denken und zugeben: Da kannte ich seine politischen Positionen noch nicht.

holm3a

Denn auch ich habe natürlich den gefestigten Klassenstandpunkt eines Menschen, dessen Vorfahren ihren Klassenstandpunkt mit Anweisungen an andere bekräftigten, nämlich, wo und wie sie die Tiere meiner Vorfahren zu hüten hätten – und dafür brauchten wir auch keine SED-Diktatur und Mitmacher wie Holm, die bürgerliche Klassengesellschaft reichte völlig aus. Daraus entstand Besitz. und Besitz verpflichtet natürlich, und zwar vor allem, den Besitz weiter zu mehren, was nur geht, wenn andere weniger haben. Früher machte man das etwa mit Leibeigenschaft, heute kann der Leibeigene auswählen, welchem Herrn er seine Zahlung für die Bewirtschaftung von Fläche überlassen will – weil Leibeigenschaft völlig zu Unrecht in Verruf kam, nennt man das heute “Miete”. Mein Klassenstandpunkt ist also der einer fortgesetzten Bereicherung auf Basis von Besitz, für dessen Umfang ich wenig kann. Aber es ist nett, Teil so einer Gesellschaft zu sein und zu sehen, wie frühere Stasi-Männer heute alles daran setzen, damit auch alles so bleibt.

Holm jedenfalls hat via Zeit und Potsdamer Nachrichten schon einmal wissen lassen, was er alles tun will. Städtische Mietwohnungen behalten und ausbauen, und auf keinen Fall in Eigentumswohnungen umwandeln. Oh ich möchte auf Holm zugehen, ich möchte an sein Bäckchen greifen, das fleischige Inkarnat etwas herausziehen, mit einem leisen Plopp zurückschnalzen lassen und sagen: “Oh Sie Schlingel, wir verstehen uns!” Denn in Berlin steigen die Preise der Wohnungen, natürlich auch der Wohnungen der Stadt, und diese Wertzuwächse bleiben auch bei dem Gebilde, das SPD, Linke und Grüne unter sich aufgeteilt haben, Ein Sozialist, der das Volk bereichern wollte, könnte auch ganz anders. Er könnte sagen:

holm3c

“Sehet, Genossen, der Kapitalist macht das Geschäft seines Lebens mit Immobilien, während Ihr weiter steigende Mieten bezahlt: Wir bieten Euch, Genossen, sofern Ihr das bezahlen könnt, Wohnungen aus unserem Bestand zum Kauf an! Das erhöht das Angebot deutlich, bremst den Preisanstieg für den Bestand, und befreit uns von Fehlbelegern, die sich auch mehr als die Miete leisten könnten. Außerdem müsst Ihr selbst dafür sorgen, dass es hier nicht mehr wie im Saustall der Knechte von Don Alphonsos Vorfahren aussieht, und zum Lohn bildet Ihr Immobilienvermögen in der einzigen Hauptstadt westlich von Pjönjang, die für Euch auch im Kauf noch bezahlbar ist.

Die Kredite dafür wickeln wir über eigene Finanzvehikel ab, damit wir, also der Staat und damit alle, selbst die Zinsen kassieren können. Und das Geld nehmen wir, um vor der Stadt auf eigenen Grund ohne Investoren neu zu bauen. Ihr zahlt 4000 € pro m², wir machen aus den Geld 2 neue Quadratmeter vor der Stadt und in Baulücken. Wier versprechen auch, dass höchstens 1,5 m² davon an unsere Kernwähler gehen! Der Rest ist frei je nach Warteliste, die nur 93% der Länge der Warteliste von 1988 im Osten hat. Genossen! So schön ist die Weltrevolution!”

holm3b

Und ich muss ganz offen zugeben: So ein Modell wäre bei vielen Mietern hochwillkommen und würde unsereins massiv schädigen; Denn es würde gerade aus den zahlungskräftigen Mietern Besitzer machen – und würde uns nur die Ärmeren lassen. Die mit den Risiken, die man nicht so gern hat. Holm dagegen behauptet, man könnte auch mit 4,50 Euro Monatsmiete kostendeckend einen Quadratmeter bauen, und will bei den realistischen Zahlen von 12 und mehr Euro gleich mal wieder die Profite herausrechnen. Er behauptet, die Miete könnte bezahlbar bleiben. Er sagt nicht, dass damit mehr Eigentum für Privatleute in einer ostdeutschen Provinzstadt, die vielleicht einmal so teuer wie beliebte Metropolen wie Kinding, Pfaffenhofen oder Dietramszell werden könnte, natürlich unerreichbar ist. Die Stadt nimmt das, was ich auch nehme: Die Miete. Und behält die Wohnungen.

Und sorgt so dafür, dass das Angebot an Eigentumswohnungen gering bleibt, und ganze unberührbare Kasten wie Berliner Nachwuchsjournalisten an die bezahlbare Miete glauben, so wie ihre Vorbewohner in jener Stadt an die Weltrevolution, die Überlegenheit der arischen Rasse, an den Kaiser und Thron und Altar geglaubt haben. Der Zeit ihren Irrglauben! Und natürlich findet man die Märchenstunde vom bezahlbaren Wohnen schön, wenn man 40 ist und vor der Frage steht, ob man nun das neue iPhone haben will, und danach ein Burgeressen, oder einen Kredit, dessen positive Folgen man erst nach 30 Jahren sieht. Das funktionierte früher bei den Leibeigenen, weil die Lebenserwartung viel zu gering war, und es funktioniert heute bei ihren Nachkommen, weil sie glauben, mit R2G käme im Bund sicher auch das bedingungslose Grundeinkommen, und warum sollte man sich dann noch um Immobilien kümmern.

holm3d

Holm nimmt also mit einem scheinproletarisch-städtischen Verhalten, das sich in nichts von unserem grossbürgerlichen Benehmen unterscheidet, viel sozialen Druck von uns, und sorgt durch die Verknappung des Angebots für Bereicherung. Ein Schlingel, wirklich. Dass er gegen die Verwendung von Wohnungen als zwischenvermietetes Ferienobjekt vorgehen will, ist auch pure Kapitalistenförderung: Ich erlaube das meinen Mietern, denn natürlich sind sie ab und zu nicht da, mache Urlaub, und warum sollten sie die Kosten für die Miete nicht anderweitig reinholen? Holms Mieter dagegen bleiben diese Zusatzgeschäfte mit leerstehendem Wohnraum verboten, ja sie sollen sogar von Schnüfflern denunziert werden, wie das so ähnlich bei seinem früheren Arbeitgeber auch schon gemacht wurde. Auch das läuft auf eine Verarmung der Mieter hinaus, und darauf, dass unsereins mit besseren Konditionen natürlich auch etwas mehr Miete verlangen kann.

Auf das Gerede von der Verhinderung von Zwangsräumungen gebe ich nichts, das ist auch nur populistisches Lametta, solange die Zivilprozessordnung ZPO in Berlin noch gilt. Und ungefähr zu der Zeit, während Herr Holm die Hofberichterstatter von Zeit und Tagesspiegel empfing, und ihnen erklärte, wie rebellisch und regimegegnerisch doch der Haushalt seiner sozialistischen Familie war, wurde in der Skalitzer Strasse 64 schon mal die meines Wissens erste Zwangsräumung unter R2G im zweiten Versuch durchgezogen. Geht es nach Holm, soll das nur noch möglich sein, wenn der Geräumte eine andere Wohnung in Aussicht hat – was möglicherweise etwas schwierig ist. Aber aus meinem Klassenstandpunkt ist das noch ein Geschenk: Wir haben Vertragsfreiheit und können Mieter mit diversen Mitteln zum Zahlen bringen: Befristete Mietverhältnisse, die erneuert werden müssen, 1 Jahr Miete vorab, Bürgschaften, totale finanzielle Durchleuchtung – und wer das nicht will, muss eben zu den kommunalen Bauträgern. Dort fühlen sich dann sicher auch die Mietnomaden heimisch, denn sie wissen: Solange sie keine Ersatzwohnung haben, werden sie unter Staatssekretär Holm nicht geräumt. Mietenverweigerung und keine neue Bleibe? Keine Räumung. Ein Eimer fauliger Fische im Hausgang und keine neue Bleibe? Keine Räumung. Schlachtfest an Ziegen im Bad und keine neue Bleibe? Keine Räumung. Abbau der eingebauten Küche für den Cousin als Hochzeitsgeschenk und illegale Zwischenvermietung an 20 EU-Sozialbegünstigte und keine neue Bleibe? Keine Räumung. Nichts macht das Vermieterglück größer als ein Marktführer, der seinen besonders problematischen Kunden besonders nette Behandlung verspricht.

holm3e

Wie das alles letztlich funktionieren soll, wie man die Mieter dazu bringt, ihre selbstverursachten Kosten zu tragen und die Unkosten derjenigen zu finanzieren, die das System für sich ausnützen, ohne Angst vor Konsequenzen haben zu müssen – nun, das ist zum Glück nicht mein Problem. Der alte Westen hat schließlich auch besonders vom Umstand profitiert, dass sich der alte Osten mit SED, STASI, Planwirtschaft und Völkerfreundschaft so herabwirtschaftete. Vielleicht schafft es Holm, Berlin wieder aus dem Geltungsbereich der ZPO heraus zu holen, vielleicht sieht Mieterschutz dann wirklich so aus, dass alles getan wird, um sie vor Profiten und Wertsteigerung des Wohneigentums zu schützen. Die Regierung von Berlin kann mit Schlendrian alles verlangsamen, sie kann die Polizei bei Mieterdemonstrationen zurückziehen, und abgefackelte Autos aus dem Verfassungsschutzbericht zusammen mit einigen Gruppierungen streichen, die sich für Holm stark machen. Sie kann bei ihren Wohnungen tun und lassen, was sie will. Das ist prima, denn es gibt immer welche, die genau diese Zustände wollen, und andere, die jeden Preis bezahlen, um ihnen zu entgehen. Und das wiederum lohnt sich für Privatvermieter, Privatschulen, Privatsicherheitsdienste und Privatmeinungen unter Salonsozialisten, dass Mieterschutz zwar wichtig ist und soziales Bewussstsein auch, aber 500 Euro mehr Miete im Monat an einen Privatmann trotzdem die Nachteile aufwiegen, die sich dann im Sozialwohnungsbau manifestieren werden.

Famoser Mann, dieser Holm. Solche können wir brauchen. Und die abgewohnten Ruinen können wir nach dem nächsten Regierungswechsel sicher günstig von der finanziell ausgebluteten Stadt bekommen, wie schon 1990 im Prenzlauer Berg, als Holm seinen ersten Job bei der Stasi verlor.

09. Jan. 2017
von Don Alphonso
524 Lesermeinungen

195
34127

     

04. Jan. 2017
von Don Alphonso
830 Lesermeinungen

341
62969
     

Keine Heimat für nafrionale Sozialisten

Die Tür, die Guten wie Bösen Eintritt gewährt, ist schlecht.
Afrikanisches Sprichwort

Sehen Sie, als Historiker hat man es nicht leicht mit Deutschland als Nation. Das Land, in dem wir leben, ist in seinen Grenzen gerade einmal rund 25 Jahre alt. Das Deutschland von 1871 dagegen liegt heute auch in Polen, Frankreich und Russland, und fraglos sind die Italiener, die oben auf dem Wendelstein das Restaurant betreiben, nicht wirklich italienisch, sondern mehr deutsch: Sie kommen aus Südtirol. Dort kann es einem leicht passieren, dass man auf Menschen trifft, die zwar Italienisch in der Schule hatten, aber es weniger verstehen als ich – und ich bin schon reichlich schlecht.

naweg

Das liegt daran, dass Kulturräume etwas anderes als Nationen sind: Nationen definieren sich durch Grenzen und Gesetze, die nicht bleiben müssen. Kulturräume sind dagegen historisch betrachtet meistens stabiler. Wenn man aber nicht Grenzen, sondern Kulturräume ändern will, wird es oft sehr unschön: Genozid und ethnische Säuberung ist dann leider häufig das Mittel der Wahl, wie man am Zerfall Jugoslawiens sah. Als Historiker und Menschenfreund macht einem die Beschäftigung mit Kulturräumen daher meist mehr Spass. als die Lehre von den Nationen. So ein Kulturraum ist beispielsweise die Alpenregion, und bei aller inneralpinen Diversität und Eigenbrötelei kommt man mit einer bestimmten inneren Einstellung bei den Menschen hier meist recht weit: Im letzten Jahr musste ich Schnäpse von Slowenien bis Graubünden, von Gmund bis Riva ablehnen, in Kirchen und Gasthäusern, an Seen und auf Pässen.

Es gibt da einen sehr banalen, aber auch sehr richtigen Spruch in Bayern, “Hockts eich hera, samma mehra”. Setzt Euch zu uns, dann sind wir mehr. In diesem Spruch steckt einerseits eine enorme Aufgeschlossenheit, aber auch eine enorme Verpflichtung zur Anpassung an ein Kollektiv. Das wird in der Praxis dann nicht jedem modernen Menschen gefallen, aber es bilden sich nun mal Tischgesellschaften, Reisegruppen. Bergseilschaften und Radlerpulks, einfach, weil man sich zusammen in den Bergen leichter tut, solange keiner aus der Reihe tanzt. Dafür gibt es den Spruch “hock di hi und sei stad“, der als als Aufforderung zu mehr Integrationsleistung verstanden werden darf. Berge waren und sind noch immer ein Moment des Zwangs, der Menschen zusammenpresst – ich mache mich darüber selbst ab und zu lustig, wenn mich wirklich jeder Entgegenkommende in der einbrechenden Dunkelheit in eine sichere Hütte stecken will, aber so ist das eben in diesem Kulturraum. Oder, wie es bei uns heisst: Heimat.

naweb

Zu unterschiedliche Kulturkreise in einer Nation vereinen – das setzt Fingerspitzengefühl und Verständnis für die Belange anderer voraus, soll es nicht in einem Failed State enden, der dann zumeist an den Grenzen der Kulturräume zerbricht. Man sah das in einem relativ harmlosen Fall letztes Jahr bei der EU und dem Brexit. Oder anders gesagt: Nationen werden um so leichter akzeptiert, solange sie die Eigenheiten der Heimat respektieren und nicht beginnen, diese Sensibilitäten zu delegitimieren. Würde ich zum Beispiel durchsetzen wollen, dass in Berlin jeder Raser einen grossen BMW und kostenlosen Sprit bekommt, und zur Finanzierung die Zwangsernährung des ganzen Volkes aus billigster Massentierhaltung mit gentechnisch veränderten Viechern kommt, wäre das grüne Bürgertum dort entsetzt, auch wenn die Realität dem Szenario schon recht nahe kommt. Genauso entsetzt reagiert man bei uns im Lande der Pendler mit Wetterkapriolen auf Ideen wie 5 Euro für den Liter Benzin, Tempodrosselung und die Vorstellung, mit den Steuereinnahmen Veggie Days zu finanzieren. Auch sollten Parteien, die eine obligatorische Frühvolkerbeckisierung an den Schulen haben wollen, nicht mit den Augen rollen, wenn die Lieder meiner Heimat für Spätimmernochsexualierte mit einem recht freizügigen Rollenverständnis von Frauen aufwarten. So ist das bei uns.

nawed

Die meisten bei uns haben trotz Hochhalten der Fensterlntradition instinktiv verstanden, dass Silvester 2015/16 in Köln keine Form der Migration oder Flucht war, sondern eine feindliche Invasion. In den Medien haben ausgerechnet Feministinnen – wie die heute bei Spiegel Online die Polizei kritisierende Margarete Stokowski – versucht, mit der Oktoberfestlüge dagegen zu halten. Es gab eine Bewegung, die die Ereignisse zu von einer Invasion krimineller Elemente zu einem männlichen Patriarchatsproblem umdefinieren wollte – die Aktion hieß “ausnahmslos”, wurde von den öffentlich-rechtlichen Medien gezielt großgeschrieben, unterstützt von Heiko Maas und Manuela Schwesig, und unterschrieben von Antisemitinnen und islamistischen Hamasfreundinnen – alles war recht, niemand war zu mies, als es darum ging, das Offensichtliche umzudeuten. In Köln brach die staatliche Ordnung zusammen, das Gesetz der Gewalt regierte, und kriminelle Invasoren aus dem Ausland konnten über Besitz und Körper der deutschen Staatsbürger bestimmen. Der Staat war in der Folge in erschreckendem Masse unfähig, diese Verbrecher zu finden, abzuurteilen und außer Landes zu bringen. Kein Politiker übernahm die Verantwortung und trat zurück. Das war es, nichts anderes.

Sicherheit ist in meinem Kulturraum sehr wichtig. Die Menschen haben sich gern an diesen Luxus gewöhnt, gerade weil er in den Bergen früher nicht gottgegeben war, und möchten ihn unbedingt erhalten. Sicherheit ist bei uns weitgehend der Normalzustand, und deshalb war Köln ein echter Schock. Es war keine temporäre Beeinträchtigung von Sicherheit, sondern deren völliges Fehlen. Es gibt bei uns absolut niemanden, beim besten Willen, ich wüsste keinen, der das in irgendeiner Weise für tolerierbar oder verstehbar hält. Vielleicht kann es passieren, dass ein Terrorist den Überwachern entgeht. Man kann nur schwer verhindern, dass eine Gang von sieben Personen einen Obdachlosen anzündet und dann in die Kamera feixt. Aber grosse Zusammenrottungen gefährlicher Elemente sind beherrschbar. Dazu gibt es bei der Polizei Wasserwerfer, Schlagstöcke, scharfe Munition, Waffen, Tränengas und Dienstvorschriften, wie diese Mittel einzusetzen sind, von nett über deutlich bis Staatsgewalt.

nawea

Das hat aus der Sicht meines Kulturraums diesmal in Köln funktioniert. Und zwar ohne dass ein Wasserwerfer in die Menge gefahren wäre, oder gewisse andere Dinge, die man andeutungsweise immer wieder hört, wenn kriminelle Nafri-Gangs in Italien den Kürzeren ziehen. Es ist unbestritten, dass es in Deutschland viele Grundrechte gibt, die man gegeneinander abwägen muss, das ist beim Nafri nicht anders als bei der Meinungsfreiheit. Wenn ich hier darüber schreiben würde, welche Rechte man bei uns den Risikogruppen in Köln garantieren möchte, bräuchte ich aber nicht viel Platz, ich könnte es bei “so wenig wie möglich” belassen. Das tatsächliche Ergebnis – ein sehr milder Kessel und ein paar Platzverweise – geht in seiner deeskalierenden Form nach den hiesigen Vorstellungen in Ordnung. Das Grundgesetz verbietet zwar Diskriminierung durch den Staat, aber es erlaubt deshalb noch lange nicht, hunderte mit bedrohlichem Benehmen einfach unkontrolliert unter friedliebende Menschen zu lassen. Wenn das Grundgesetz verletzt wurde, dann vor einem Jahr. Politiker und Medien, die das vor einem Jahr nachträglich beschönigen wollten – Frau Stokowski schrieb bei Spiegel Online damals “Die eigenen Frauen will der gute Deutsche immer noch selbst belästigen dürfen.” – sind nun die ersten Kritiker der Polizei.

In meinem Kulturraum gibt es deutliche Zweifel, ob nun linke Totalitarist_Innen, juristisch unfähige Ideolog_Innen oder antideutsche Rassist_Innen solche Leute die Rechtsabwägung von Köln übernehmen sollen, die ansonsten dem Staat und seinen Grenzen ablehnend gegenüber stehen, und nun mit dem Grundgesetz den Nafri bevorzugen wollen. Übrigens, auch die Grünen haben den Begriff zusammen mit den anderen Parteien in NRW bei der Einsetzung des Untersuchungsausschusses benutzt – es ist nicht zu verstehen, warum man nicht dabei bleiben sollte, und den Begriff auf die sozialistischen Verehrer und Helfer der Nafris ausweiten sollte. Der Kessel von Köln war aus der Sicht meiner Heimat so was wie ein erster, kleiner Schritt aus dem Gefühl heraus, dass wir fremd im eigenen Land sind. Köln 2015 war der Auftakt zu einem Jahr der Entfremdung, und diesmal sah man wenigstens, dass das Schlimmste jetzt verhindert werden kann, selbst wenn die Problemverursacher offensichtlich immer noch unter uns sind. Es ist ein Wendepunkt gewesen. Und dann stellen sich Politiker wie Christopher Lauer von der SPD, Simone Peter von den Grünen und andere hin, und versuchen, eine Diskriminierungsdebatte loszutreten. Dabei hat es die Polizei aus Sicht meines Kulturraums gerade eben so geschafft, die Kontrolle zu behalten. Es liegt noch ein sehr weiter Weg vor ihnen, wenn man Sicherheit durchsetzen will, und wenigstens funktioniert Silvester in Köln um den Preis eines martialischen Aufmarschs.

nawec

Und jetzt kommen die sozialistische Nafriberechtiger, reden von Rassismus und möchten das Vorgehen diskreditieren. Dazu haben sie laut Grundgesetz das Recht. Es ist halt so, dass dieses Verhalten nicht nur die Menschen beleidigt, die den Kopf hingehalten haben. Es zeigt den Opfern vom letzten Jahr deutlich, dass man sich um die Rechte aggressiver Nafris sofort zu kümmern bereit ist, während die teilweise identischen Personen vor einem Jahr tage- und wochenlang versuchten, die Verbrechen zu verharmlosen und umzudeuten. Und es zeigt in meinem beim Thema Heimat sehr sensiblen Kulturraum, dass der Weg zurück zur Sicherheit nicht nur gegen die Nafris, sondern auch ihre Freunde erkämpft werden muss.

Nafriunterstützer neigen dazu, diesen Kampf als Rechtsruck zu bezeichnen. Aber in dem Kulturraum, aus dem ich komme, wird daraus nicht die Debatte für die Rechte der Nafri und die moralische Überlegenheit der nafrionalen Sozialisten, die im antideutschen Reflex als erste “Rassismus” gerufen haben. Dabei hält man sich erst gar nicht auf. Es wird daraus zuerst die Debatte, ob man solchen Leuten im Rahmen des Ausländerrechts und regionaler Strukturen nicht die Räume so weit wie möglich verringert, und vom aktuell oberen ans unterste Limit des Genfer Flüchtlingsabkommen geht – wenn man sich so oder so von Transferleistungsempfängern beschimpfen und auf Kosten der Allgemeinheit verklagen lassen muss.

nawef

Es folgt auch die Debatte, der Polizei die Gestaltung ihrer Einsätze am Limit des Grundgesetzes zu erlauben. Und wenn dann noch immer geklagt wird, wird in meinem Kulturkreis auch offen die Frage gestellt, ob man weiterhin in einem Grossverbund leben möchte, der in Form von Politikern und Medien eine Behinderung des Rechtsstaates und Bekämpfung seiner hiesigen Bürger und ihrer Interessen teilweise toleriert. Es mag in Berlin in Ordnung sein, Crystal Meth zu konsumieren, organisierte Drogenmafia als Partner zu betrachten, und die Polizei im Regen stehen zu lassen. Weite Teile des Landes haben aber andere Vorstellungen, ein anderes Verhältnis zur Exekutive und einfach nicht die Bereitschaft, ihre Heimat und ihre Wertvorstellungen zugunsten des Faustrechts krimineller Elemente, islamistischer Auswüchse und dreiste Forderungen aus der Türkei aufzugeben. Das ist der Kern des Konflikts. Sie finden ihre Lebensvorstellung richtig, und erwarten keine Debatten über Kinderehen, Sharia und Grundrechte besoffener Horden. Sie wollen das einfach nicht.

naweh

Es wird vermutlich dazu kommen, dass manche Kulturrräume das bis zur Rechtsbeugung zulassen, und die anderen es mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln der Exekutive bekämpfen. Wenn es nicht einmal möglich ist, Einigkeit über den Kessel von Köln zu erzielen, wird es sie nicht geben. Das ist dann eben eine Grenze zwischen Kulturräumen. Der eine Kulturraum wird den Wasserwerfer rücksichtslos fahren lassen, der andere wird ihn einmotten. Die Nafris sind neoliberal, und sie gehen dorthin, wo Polizisten keine Helden sind, wenn sie das Recht durchsetzen. Das ist dann eben nicht mehr das Deutschland, das wir kennen, sondern ein uneinheitlicher Rechts- und Kulturraum mit regionalen Besonderheiten und Reisewarnungen. Wenn es einem wirklich um Integration von Migranten, das Miteinander und die Einigung auf die unabdingbaren Grenzen unseres verbindlichen Rechtsstaates ginge, damit sich Zuwanderer gemäß der Genfer Konvention verhalten, und deshalb gern akzeptiert und angenommen werden, müssten gerade die Befürworter von Migration für das Vorgehen der Polizei Silvester 2017 in Köln dankbar sein. Das Ergebnis hätte man im Sinne eines Zusammenhaltens vielleicht bei uns verkaufen können: Schaut her, es wird besser, wir tun was. Und gegenüber den Migranten: Wir setzen Grenzen jetzt durch.

Das hätte zu einer kleinen Heilung führen können. Das war aber nicht gewollt, und ob Frau Peter oder Herr Lauer in meinem Kulturraum gern gesehene Gäste wären, wage ich zu bezweifeln. Wie letztes Jahr wird nach Kräften umgedeutet, und die neuen Opfer sollen nun in etwa wie die Täter des letzten Jahres aussehen. Mein Kulturraum mag nicht den grossen Einfluss auf führende Medien haben, aber er hat ein langes Gehirn, Fackeln, Vorderlader, Geld, sehr viel Geld, und Mistgabeln. Die einen bekommen hier einen Schnaps, die anderen eine wirklich gute Chance, sich mit Arbeit zu integrieren, und die ganz anderen, wie sage ich das, in Bayern sagen wir “an Dreg im Schachterl“. Das wäre in einem Konstrukt wie der BRD eigentlich nicht die Wunschvorstellung, aber es läuft letztendlich auf eine harte Trennung hinaus, und auf harte Kämpfe zu deren Umsetzung.

nawee

Wer übrigens wirklich etwas für Frauen, Migrantinnen und Grundrechte tun will, sollte sich mit dem sog. Prostitutionsschutzgesetz und seinen dreisten Eingriffen in die persönliche Freiheit und staatlichen Überwachungsbefugnissen beschäftigen. Das ist wirklich hart, und es geht dort um weit mehr als nur eine Polizeikontrolle, der man entgehen kann, wenn man einfach nicht hinein läuft.

04. Jan. 2017
von Don Alphonso
830 Lesermeinungen

341
62969

     

31. Dez. 2016
von Don Alphonso
355 Lesermeinungen

126
26507
     

Der süddeutsche Kulturkreis als Erklärung für soziale Nötigung

Om 30. Mai ist da Weidundagang, Leid fressds ois z´sam, mia lebm nimma lang.

Es ist der 30. Dezember. Man sollte in der Wohnung sitzen, fröstelnd auf das eisige Grau dort draussen blicken, und heissen Tee trinken. Ich trinke tatsächlich heissen Tee. Mit Zitrone. Das ist so ein Winterritual, das macht man eben so in dieser Jahreszeit: Der Winter sollte fruchtig schmecken, auch wenn es die feineren Noten des Tees zusammen mit dem Zucker erschlägt. Ich trinke also Tee mit Zitrone, aber genauso könnte ich einen Cocktail bekommen. Denn es ist der 30. Dezember, und ich sitze draußen im Sonnenschein, im bayerischen Oberland mit Blick auf die allenfalls leicht vom Schnee angetuckerten Berge. Ich sitze am 30. Dezember in einem randvollen Biergarten, trinke Tee und warte geruhsam auf das Essen.

biergc

Es ist offensichtlich, dass der Mensch in den letzten 200 Jahren eine Entwicklung in Gang gesetzt hat, die unerwartete Folgen zeigt. Früher, als Kind, war ich um diese Zeit beim Skifahren. Auf echtem Schnee, der sich über das ganze Land erstreckte. Der Winter ergriff Besitz vom Berg und Tal, aber wir rutschen auf ihm herum. Wer den Winter heute finden will, muss auf die Gipfel des Mangfallgebirges. Dort, wo Wendelstein und Hirschberg aufhören, klammern sich seine Finger gerade noch fest. Hier unten auf dem Reuthberg ist der Spielplatz voll mit Kindern. Wie im Sommer.

bierga

Irgendwo auf dieser schönen Welt wird eine Konferenz vorbereitet, auf der Politiker besprechen sollen, wie viel Urwald in Afrika gerodet werden darf, um den Hunger der Chinesen zu stillen, wie viele Verschmutzungsrechte nötig sind, um unsere Industrie nicht zu belästigen, und wie wir unsere Häuser in Styropor einpacken sollen. Das hier ist unser Beitrag: Statt in der geheizten Wohnung zu sitzen, sind wir an der frischen Luft und schauen in die Landschaft. Die Zutaten des Essens sind regional. Das ist doch schon ein Beitrag, würde man vielleicht sagen, machte man sich Gedanken, Bevor man weiter an den Tegernsee fährt und mehr Abgase als ein Somalier per pedes in einem Monat produziert.

biergb

Aber die simple Wahrheit ist, dass man sich keine Gedanken macht. Man weiss, wie es auch sein könnte, eisig, mit einem bitterkalten Wind und einem Heimweg im Kriechgang über kaum sichtbare Strassen in einem grenzenlosen Weiss. Es ist falsch, so wie es jetzt ist, aber es fühlt sich richtig an, und so sitzt man hier und bestellt noch eine Dampfnudel mit Honig, früher ein Arme-Leute-Essen am fleischfreien Freitag, und heute eine deftige Spezialität, die man sich leisten können muss, wie all das hier. Unten funkeln nicht die schäbigsten Automobile des Landes. Es herrscht die Hoffnung, dass es ein milder Winter bleiben mag. Man hat sich damit abgefunden, dass Schnee selten wird. Die Leute kommen auch so zu uns, denn woanders laufen mehr Attentäter herum. Ich höre nur selten etwas von Reisen ans Rote Meer. Es renkt sich alles gut ein.

biergd

Zumindest auf diesem schmalen, sonnenüberfluteten Landstrich am Rande der Berge in einem der reichsten Länder der Welt, das reich ist, wenn man zu den Vermögenden gehört, und arm, wenn man nicht dazu gehört. Das hier ist trotzdem eine recht egalitäre Veranstaltung, dieser proppenvolle Biergarten, und weil wir hier alle egalitär vermögend sind, werden die Bedienungen importiert – sie haben zwei neue junge Damen, und sie kommen aus Brandenburg. Sehr freundlich, sehr nett, wie es sich gehört. Man könnte sich über wirklich vieles Gedanken machen, etwa, dass die Welt in sehr vielen Belangen sehr schief und ungerecht sein muss, dass es hier am 30. Dezember ein paar hundert Leuten so gut geht, umsorgt von blonden Brandenburgerinnen und runden Sächsinnen, und drunten kaum ein Parkplatz zu bekommen ist.

biergj

Aber man tut es nicht. Man tut es nicht in jenem Sinne, in dem niedrige Schichten etwas Ungehöriges tun, das man bei uns einfach nicht tut. Es ist kein Imperativ, das Nachdenken bleiben zu lassen. Es ist eine Nachlässigkeit, ein reichlich schuldloses Vergessen, ein Übersehen, das mit einem üppigen Trinkgeld ausgeglichen wird, damit zumindest hier das Leben wieder etwas gerechter wird. Weiter könnte man denken, aber man tut es nicht, und es hat hier auch niemand ein Handy dabei, um nachzuschauen, an welcher Ecke von der Welt der Planet jetzt wieder weiter in sein Verderben rutscht.

biergf

Das tut er zweifellos, und es mag sein, dass dann Riffe weissgebleicht sind, und hier wieder wie im Neolithikum Schildkröten leben, was mir persönlich trotz Klimawandels immer noch lieber als eine Aufsiedlung durch eine noch buntere Gesellschaft wäre. Sprachforscher in Hamburg machen sich Gedanken darüber, ob so eine Einstellung nicht gar unfreundlich ist, aber ich weiss aus eigenem Erleben, wie schwer schon die Zusammenführung von Klassen innerhalb eines Landes ist. Mir sind, ganz offen gesagt, die Reibungsverluste solcher Bemühungen zu hoch, wenn man zusätzlich noch die Grenzen aufgibt. Manche finden, wir müssten etwas abgeben, von unseren alten Privilegien und Vorstellungen. Nein. Warum auch.

biergg

Denn ich war vor drei Jahren in einem Städtchen, die der Familie von Giuseppe Tomasi di Lampedusa gehörte, jenes Schriftstellers, der an einer Stelle im Roman “Il Gattopardo“ sagen lässt: “Es muss sich alles ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist“. Den Spruch hält man uns immer vor. Der bitterarme Ort an der Südküste Siziliens ist aber bezeichnenderweise ein Beispiel dafür, dass sich wirklich alles geändert hat, und geblieben sind eigentlich nur der Zerfall alter Paläste und die Perspektivlosigkeit der Leute. Lampedusas Paradox ist an sich klug und in seinem scheinbaren Widerspruch auch liebenswert. Es wird aber heute von Mangelgebildeten benutzt, die im Gegensatz zu mir noch nie von einem ummauerten Luxusressort mit Privatstrand zu jenem bröckelnden Ort gefahren sind. Ich denke mir seitdem: Wenn schon alles vor die Hunde geht, dann bitte so, dass ich und Meinesgleichen dabei die besten Plätze behalten können.

biergh

Politisch Verfolgte geniessen Asyl, aber ich geniesse auch gern mein Dasein. Es ist erstaunlich, dass man heutzutage mit so einer Haltung fast schon zu einer revolutionären Avantgarde gehört, während ansonsten Empathie und Teilungssucht des Besitzes anderer Leute zwingende Unterwerfungsrituale unter eine Kultur der Achtsamkeit sind. Achtsamkeit ist für mich, dass ich mich an die Geschwindigkeit in Tempo-30-Zonen halte, weil das Oberland Ruhe und langsames Gleiten verdient. Achtsamkeit ist für mich, die Bedienung darauf hinzuweisen, wenn sie einen Espresso vergessen hat. Achtsamkeit für die ganze Welt ist mir zu viel verlangt. Die ganze Welt ist auch nicht gerade achtsam mir gegenüber, sonst gäbe es viel nettere Beiträge über Meinesgleichen, und ich müsste sie mir in diesem Blog nicht selbst schreiben. Zu all den anderen Belastungen, denn kaum komme ich am Tegernsee an, steht auch schon die Katze der Nachbarn vor der Tür und begehrt Einlass, Leckerlis und den besten Platz.

biergi

2017 wird die Welt noch nicht untergehen, aber sie wird rutschen. Es wird noch viele Texte geben, die Forderungen nach sozialerem Verhalten erheben und Einsicht in die Notwendigkeit des Abtretens verlangen, um jene Verteilungskämpfe zu entschärfen, von denen uns versprochen wurde, es würde sie nicht geben. Man könnte es sich aus Gründen der Nachsicht fast überlegen, aber geschrieben wird das von einem ganz bestimmten Typus Autor_Innen, mit dem man aufgrund seiner Häufigkeit, um es in der Sprache meiner Heimat zu sagen, d‘Sei fiadan kennt, der seine Wohnung bei den Steueroptimierern von Ikea mit Wegwerfmöbeln einrichtet und bei dem als Sexpartner eine gesetzeskonforme vorherige Einverständniserklärung wirklich ratsam erscheint, so es denn sein muss. Es sind die Finanzbeamten der Empathie, sie sind anarchistisch wie ein Stapel der Anlage V, und gut wie die Idee der klassenlosen Gesellschaft, in der jeder die gleichen 4m² und eine Reisschale hat. Das ist nichts für mich. Ich bitte also um Nachsicht, wenn ich im schönen neuen Jahr 2017 wieder recht viel schreiben werde, ohne dabei viel nachzudenken, was anderen und ihren überaus berechtigten Minderwertigkeitskomplexen zumutbar ist.

31. Dez. 2016
von Don Alphonso
355 Lesermeinungen

126
26507

     

28. Dez. 2016
von Don Alphonso
411 Lesermeinungen

80
26477
     

Unter Mistamseln und Dreckspatzen

A Sau bleibt a Sau, a wanns bei de Pfeadl afd Weid kimmt

Man kann nicht sagen, dass deutsche Medien im Jahr 2016 auf die obligatorische Geschichte zur Herbergssuche iu unserer Zeit verzichtet haben. 2015 machte man das im Zeichen der Migrationskrise unisono mit Flüchtlingen, 2016 dagegen wurde die transnationale Herbergssuche des Anis Amri thematisiert, die bekanntlich vor den Toren Mailands zu Ende ging. Vor diesem Hintergrund war das Thema schon belegt, und viele Kollegen fürchteten sich danach, über die Feiertage nach Hause zu fahren, und dort Meinungen zu hören, die ihnen nicht passen. Deshalb waren migrationsfreundliche Medien dieses Jahr voll mit Geschichten von Frauen, die sich am Bestseller “Rückkehr nach Reims” von Didier Eribon ein Beispiel nahmen und ihrer Vorahnung Ausdruck verliehen, daheim werde alles ganz schrecklich und die Verwandten würden Dinge sagen, für die man ihnen leider nicht Ex-Stasiletten, Schwesigs selbstgebaute NGO und antideutsche Antifa an den Hals hetzen kann, wie sie es sonst tun.

kina

Nun ist das mit dem Kopistenhandwerk immer so eine Sache: Eribons Buch ist wirklich gut, es ist dick, nachdenklich, geht in die Tiefe und hat dem Autor sicher ein angenehmes Vermögen beschert. Er hat es gewagt, genau hinzuschauen, niemand verurteilt, und ein Buch vorgelegt, das auch von verfeindeten politischen Lagern mit Erkenntnisgewinn gelesen werden kann. Wenn man sich so mit seiner Familie auseinander setzt, können einem die direkten Folgen vergleichsweise egal sein: Die Familie kann mit dieser behutsamen Analyse vermutlich gut umgehen, weil niemand explizit vorgeführt wurde. Sollte sich doch jemand aufregen, hat man es sich aber nur mit einer einzigen Person verdorben: Familien können solche Konflikte überdecken und schliessen, und Eribon wurde sicher gut bezahlt, wenn er in Talkshows auftrat. Als Thomas Mann es sich in prekärer finanzieller Lage mit den Buddenbrooks in seinen Lübecker Kreisen verscherzte, dauerte es mit dem Vergeben lang, ebenso hatte er zuerst Ärger mit Davos wegen des Zauberbergs: Hier heilte die Zeit alle Wunden. Bei Eribon kam die gesellschaftliche Anerkennung deutlich schneller.

Es ist also schick, sich mit nicht sonderlich akzeptierten Vorstellungen in der eigenen Sippe zu beschäftigen, mit einem leichten Grusel vor dem, was einem erst gar nicht erzählt wird, weil den in die grossen Städte entflohenen Kindern nicht sonderlich getraut wird. Wer weiss schon, ob sie in den Medien dann nicht über holocaustleugnende Tanten borderlinen, damit sie im Chor der Familienklageweiber dem Publikum besonders auffallen. Ausserdem darf ich einer feministischen Aktivistin, die bei der Prantlhausener Zeitung Männer routiniert hinterfragt, durchaus glauben, wenn sie zum schönsten Fest des Jahres den Aufruf verbreitet, gerade jetzt den Lieben mit ihrer Ideologie das Fest zu ruinieren. Das ist wie im Feminismus wie in jedem anderen Totalitarismus: Wer schon die eigene Sippe ideologisch bekämpft, wird auch keine Skrupel haben, andere der eigenen Heilsvorstellung zu opfern.

kinb

Nun habe ich natürlich auch meine eigenen Heilsvorstellungen. Im Gegensatz zur Prantlhauserin sind sie jedoch nicht eine Erwartung des Heils für alle Menschen – wie ordinär – sondern selbstverständlich exklusiv. Meine Heilsvorstellung hat im Kern einen reichen und gebildeten Clan mit üppigen Besitztümern, der es beizeiten versteht, das Vermögen peu a peu an die eigenen Leute zu geben, und zwar so, dass der Staat nichts davon bekommt. Hier eine Wohnung, da ein Aktienpaket – schenken kann man legal einiges, was den Kindern später hilft, an der Spitze der Besitzpyramide zu bleiben. Der Median des Besitzes deutscher Haushalte – nicht Einzelpersonen! – liegt bei traurigen 60.000 Euro. Da will man nicht hin. Meine Heilsvorstellung liegt weit darüber, und ich denke gar nicht daran, irgendwelche Leser oder gar Kollegen zu bekehren: Es geht hier ganz allein um mein Heil, und das ist auf dieser Welt nur sehr begrenzt verfügbar.

Das ist auch der Grund, warum Sie, was lebendige oder im guten Andenken befindliche Verwandte angeht, von mir immer nur das Beste hören werden. Sie dürfen wissen, dass die bsuffa Kohlamone zu meinen Vorfahren gehörte, aber das gehört nach über 150 Jahren schon zum städtischen Legendenschatz. Ausserdem war Kohlenhandel damals durchaus ehrbar, und der Zuspruch zum Alkohol hätte sie zu einer echten Protofeministin ihrer Zeit gemacht, wenn sie nicht immer so gut gelaunt gewesen wäre. Sie dürfen wissen, dass mein Großvater mit dem Drilling zu Silvester den Nachbarn den Kamin vom Haus schoss, aber die Löcher sind längst verschwunden, und als Jäger hat man seine Privilegien. Sie dürfen auch wissen, dass manches Tier – angeblich überfahren – bei ihm auf dem Rücksitz lag, denn die Grenzen zwischen Jagdbesitzer und Wilddieb sind wie die Grenzen der Reviere volatil und das hier ist Bayern, da trägt es zum Ruhme der Familie bei. Die Beimischungen der familiären Bäckerei, die ihr Vermögen mit einem Exklusivvertrag bei einem verschwenderischen Militärbauvorhaben machte, sind auch verjährt, und so effektiv war damals die Kakerlakenbekämpfung im Mehltrog einfach nicht, dafür war das alles bio. Im Grossen und Ganzen jedoch wird mein Clan Ihnen immer als die prunkvolle Fassade erscheinen, die uns behagt – der Rest geht Sie gar nichts an.

kinc

Denn ich will es mir mit niemandem verscherzen. Wenn ich anfangen würde, hier überkritisch und ohne Nachsicht über meine Familie so herzuziehen, wie es andere in Zeitungen und Internet tun, würde sich manch Gesicht verhärten. Einige würden sich fragen, wen man da mit Gunstbeweisen überhäufte, und ob es nicht besser wäre, die Tierheime der Region zu bedenken. Ich habe mindestens drei Einlassungen gelesen, da dachte ich mir das, was uns anerzogen wurde: Enterben. Unbedingt sofort enterben. Wer auch nur andeutungsweise die eigene Familie für das eigenen Vorankommen in einer derartig unterschichtigen Betätigung wie Medien diskreditiert, weil es zu einem anständigen Dasein nicht reicht: Enterben. Sofort. Total, Keine Gnade. Familie über alles. Bis es so weit ist: Gegendiskreditieren, indem die anderen Kinder mit Geschenken überhäuft werden, und das indiskrete Luder, das gescherte, 5 Jahre alte Schnapspralinen bekommt – wenn es dann wieder in seiner selbst gewählten Slum sitzt, werden die anderen mit Aktienpaketen bevorzugt, still und diskret, das geht ganz schnell bei uns, da hat der Clan viele Generationen Erfahrungen. Solidarität und Zuneigung sind keine Einbahnstrasse. Wer den Ruf einer Familie so wenig schätzt, dass er ihn für ein paar lumpige Euro oder Lacher bei Twitter verhökert, kann auch nicht mit weiterer Zuneigung rechnen. Das gilt schon bei untreuen Freunden – bei Familie dagegen ist strikteste Anwendung zwingend.

Wenn man sich schon über Leute und Familie aufregen will, dann nimmt man dafür anderer Leute soziale Missgeschicke. Verkommene Töchter, die ihre eigene Familie Medien bundesweit diskreditieren, sind hier ein ideales Opfer, um es am festlich geschmückten Tisch zu schlachten, und das habe ich natürlich auch prompt gemacht und Fälle – alle mit Namen und Hintergründen ihrer kriselnden Arbeitgeber – bei uns genannt. Außerdem habe ich es nicht bei der Beschreibung belassen – das wäre langweilig – sondern auch noch eine Theorie des Kulturkreises abgeleitet. Wir alle sind uns einig, dass man das nicht tut, wenn man nicht ernsthafte familienfinanzielle Folgen erdulden will. Kein Mensch von Anstand und Ehre würde das tun. Sollte es aber anders sein, muss es Gründe geben. Bei der Person könnte es sich um ein alternativ- und in der Folge charakterloses Einzelkind handeln, das tun kann, was es will, weil es ohnehin erben wird. Es könnte sich aber auch um jemanden handeln, die nichts zu verlieren hat, weil die Familie ebenfalls nichts hat. Dann sind solche Texte immer noch undankbar, aber kein finanzielles Risiko. Oder die Erziehung hat einfach versagt. Dann war es keine gute Familie.

kind

Man kann es also verstehen und angesichts der Ursachen, doch, wirklich, entschuldigen. Es gibt solche Familien. Das ist die Realität. Es ist möglich, die Familie öffentlich an den Pranger zu stellen. Aber Kontakt mit den betreffenden Personen würde ich mir gut überlegen. Ich sage nicht, dass unsereins im Umgang ganz anspruchslos und frei von allen Erwartungen ist – das sicher nicht, einen bis heute geldig wirksamen, juristisch aber verjährten Halsabschneider sollten Sie zwengs der Tradition schon in der Familie gehabt haben. Aber über die Familie sagen wir stets nur das Beste, und so soll es immer sein. Wer dagegen die eigenen Leute ausrichtet und anderen zum Frass vorwirft, wer bei Twitter verspricht, das eigene Blut zu belästigen – nun. Solche Leute haben keine Loyalität mit ihrem eigenen Ursprung. Es wäre daher erstaunlich, wenn sie die Loyalität im Umgang mit anderen entwickeln würden. Wer schon die eigenen Leute ausrichtet, wird bei Firmen, Geschäftspartnern, Freunden, Gatten und Kindern auch nicht zwingend diskreter sein. Früher achtete man beim Tee genau darauf, was jemand an Tratsch über seine Verwandten für einen billigen Lacher verbreitete, und sorgte dafür, dass solche liederlichen Frauenzimmer alte, einsame Jungfern blieben. Heute haben sie Twitter, und die Scheidungsquote ist hoch.

Wenn Sie aber das Herz einer steinreichen Schwiegermutter erobern wollen, nehmen Sie solche Auswüchse als Geschenk und beschweren Sie sich über solche illoyalen Leute, so wie ich das tue. Das Unglück anderer Häuser ist in unserem Heilsplan viel amüsanter als die eigene Gicht, kostenlos und, wenn man es geschickt und mit dem nötigen, bedauernden Kopfschütteln vorträgt, Ausweis vorzüglicher Seelenbildung. Ganz leise dürfen Sie dann auch mal “a so a Mistamsel, a gscheade” sagen, da sind wir nicht so, wir wissen als Dreckspatzen, wie das unter Mistamseln so ist, wir hören und erzählen viel davon, gerade jetzt um die Feiertage, und schütteln den Kopf, also nein, wirklich, wie können sie nur.

28. Dez. 2016
von Don Alphonso
411 Lesermeinungen

80
26477

     

24. Dez. 2016
von Don Alphonso
443 Lesermeinungen

139
29008
     

Coppa Parma in Zeiten des Terrors

Der Deutsche, bieder, fromm und stark, beschirmt die heil’ge Landesmark.
Die Wacht am Rhein

Nein, sagt sie, ich brauche nichts. Aber ein paar Kaminwurzen wären doch sicher nicht ganz falsch, oder, hake ich nach, und bekomme die Erlaubnis, welche mitzubringen, normale und Hirsch natürlich auch. Hirsch gibt es dort oft, droben am Ortler ist das Rotwild eine Landplage und muss reduziert werden, und deshalb gibt es im Vinschgau so viel Hirschfleisch. Coppa Parma wäre übrigens ein typisch italienisches Weihnachtsessen, lasse ich einfliessen und das, findet sie, reicht zusammen mit dem Speck und der Salsiccia picante, von der ich am besten zwei mitbringen soll, dann wirklich. Soll ich nicht noch, hebe ich an, werde aber darauf hingewiesen, dass sie das alles auch noch essen muss, und so schnell geht das nicht. Da gebe ich ihr mit Worten recht, verspreche hoch und heilig es dabei zu belassen, und schreibe in meinen Gedanken noch “Negroni” und “Bergsalami” auf die Einkaufsliste. Versprechen, hoch und speziell heilig, bringt bei Atheisten wenig.

muea

Denn obwohl der Tag gerade umkehrt, die schlimmste Finsternis vorüber ist und alles besser werden sollte, hat eine Visitation ihres Kühlschranks erhebliche Fehlbestände bei italienischen Spezialitäten ergeben, und zu allem sonstigen Elend dieser Tage machen der Hofladen im Moos, dem Waldinger seine Schmalzbäckerei und die Frau Dauer auf dem Wochenmarkt nunmehr Winterpause. Die dauert einen Monat, und wenn ich das nicht geschickt plane, muss ich in den Supermarkt und bei minderwertigen Waren zuschauen, wie sich die Jugend mit TK-Pizza, Fertigsuppe und Wodka eindeckt. Das ist wiederum Gift für meine seelische Gesundheit und führt zu unausgeglichenen Beiträgen, weshalb ich an den sonnigen Tegernsee gefahren bin, um wie Hannibal den Alpenhauptkamm zu überqueren und dortselbst zu plündern und zu brandschatzen.

mueb

Nachdem ich dieses Jahr aber schon oft den Brenner passiert habe, fahre ich über den Achensee und den Reschenpass nach Glurns. Das ist ein kleiner Ort ganz hinten im Vinschgau, mit einem berühmten Marillenkuchen und einer kleinen, aber sehr gute Metzgerei, die vermutlich auch schon so aussah, als man befürchtete, Terroristen der RAF könnten hier auf ihrem Weg zu ihren Kollegen der Roten Brigarden in Mailand vorbei kommen. Damals, ich kann mich noch erinnern, waren Weihnachtsmärkte Weihnachtsmärkte, Grenzen Grenzen und Carabinieri hatten Maschinenpistolen umhängen, was als völlig normal galt: Es waren schlimme Zeiten in Italien mit rotem und rechten Terror, aber Glurns sieht noch aus wie in meiner Kindheit, und die Metzgerei auch. Aber davor biege ich noch, solange es hell ist, rechts ab.

muec

Und besuche ein Weltkulturerbe der Menschheit. Hier hinten, in diesem abgelegenen Tal, gibt es drei der bedeutendsten karolingischen Wandmalereien: St. Prokulus in Naturns, St. Benedikt in Mals und St. Johann in Müstair. St. Johann wiederum ist in seiner Grösse und Pracht das beste Beispielt für den spätantiken Glanz in der Zeit von Karl, den manche den Grossen nennen. Und über den man geteilter Meinung sein kann: Ich privat denke eher, dass das fränkische Reich mehr der letzte zynische Aasgeier und weniger die Fortschreibung der Antike gewesen ist – und es ist auch kein Wunder, dass sich eine Konstruktion wie die Brüsseler EU gern auf so einen Despoten und Schlächter als Vordenker der Einigung Europas beruft. Das ändert natürlich nichts an der kunstgeschichtlichen Bedeutung von Müstair, und wenn man den Kirchenraum betritt – und sich die kitschige gotische Decke wegdenkt – verschwinden 1240 Jahre, und man sieht in diesem vergessenen Zipfel von Graubünden, was im frühen Mittelalter die Besucher sicher beeindruckt hat.

mued

Nun komme ich viel herum und sehe häufig bedeutende Denkmäler. Es gibt einige, die massiv und modern gesichert sind, und in denen dauernd jemand aufpasst, damit man nichts anstellt. Und es gibt andere, speziell jetzt im Winter, da sitzt irgendwo in einem Holzverschlag ein ältlicher Wächter und geht hinaus, wenn er bemerkt, dass man verbotenerweise photographieren will. Müstair ist einzigartig, man sieht dort etwas von einer Kultur, die man ansonsten nur schwer fassen kann, und es ist gross, beeindruckend, farbenprächtig und so, als wäre man inmitten eines jener karolingischen Prachtcodices aus Mondsee. In die Kirche führt eine kleine Doppeltür. Man macht die eine Tür auf und dann die andere, und schon ist man drin. Allein. Völlig allein, niemand ist da, kein anderer Besucher und kein Wärter. Ich bin hier öfters, ich weiss, wo man selbst das Licht einschaltet.

muee

Inzwischen haben sie Malereifragmente, die früher in Zürich im Museum ausgestellt wurden, zurückgebracht. Sie sind an der Stirnseite aufgehängt, und so spart man sich jetzt, wenn man alles sehen will, die Reise über den Alpenhauptkamm, vorbei an St. Gallen und hoch nach Davos, bevor es über die Einöde am Ofenpass hinunter in dieses kleine Val Müstair geht, das eigentlich geographisch Teil des Vinschgaus ist. Es ist eben etwas abgelegen hier, es kommen nicht viele Menschen durch, und ich bin, wie gesagt, ganz allein hier drinnen. Niemand macht sich Sorgen. Man lässt mich mit meinen Gedanken und meiner Bewunderung für die Kunst des Jahres 775 allein.

muef

Es wäre vielleicht anders, wenn die Seite, von der das Tal leicht zugänglich wäre, offen wäre. Das ist die Südtiroler Seite, und von dort aus kann man entweder über das Stilfser Joch fahren, wo all die Hirsche auf die Verwurstung warten. Oder durch das Tal. Da ist aber erst eine italienische Grenzstation, an der man halten muss, und 10 Meter weiter eine Schweizer Grenzstation, an der man ebenfalls halten muss. An beiden Stationen muss man seinen Pass vorzeigen. Wenn man hinein will, und wenn man wieder hinaus will. Gleich dahinter ist das Kloster St. Johann. In so einer Lage, mit der Kaserne nebenan und bewaffneter Polizei und Passkontrolle, kann man so ein Denkmal schon offen stehen lassen. Als ich im Frühjahr in Pisa war, standen dort überall Bewaffnete und Anti-Terror-Fahrzeuge.

mueg

Ich will das nicht beurteilen. Es gibt einen gewissen Bedarf an Sicherheit, und irgendwo muss man den gewährleisten. Ich bin angesichts der gerade laufenden Flucht von Anis Amri überrascht, dass ich weder am Achenpass noch am Reschenpass Polizei gesehen habe. Amri kann, das wissen wir jetzt, offensichtlich ungehindert zumindest eine Grenze zu Frankreich und dann sicher die Grenze zu Italien überwinden, bis er bei einer Routinekontrolle erschossen wird. Irgendwann gibt es schon Sicherheit, wenn der Zufall in einem Industrievorort von Mailand mitspielt, zum Beispiel, oder eben nicht, wie auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Hier in Müstair hat man möglicherweise, sicher sogar, elektronische Überwachung im Kirchenraum, aber man kann einfach kommen, verweilen und gehen. Sofern man einreisen durfte. Daheim in Deutschland müssen Polizisten Weihnachtsfeiern kürzen, weil sie bei den Christmetten Präsenz zeigen.

mueh

Ich bin Historiker. Ich glaube nicht an Heilspläne, weder durch eine Religion noch durch irgendwelche historische Zwangsläufigkeit, egal ob durch Klasse im Stalinismus, Blut und Boden wie im Faschismus oder die Auflösung von Saaten und Völkern durch Migration, was in der Ausführung der deutschen Willkommenskultur Elemente der anderen ideologischen Vorstellungen enthält – zum Bespiel ähneln unsere Erlösung versprechenden Betonblöcke christlichen Hochgräbern, russischem Konstruktivismus und der Siegfriedlinie gleichermassen. Ich glaube, dass der Abstand zwischen den menschlichen Möglichkeiten und dem menschlichen Versagen immer recht gross ist: Die Existenz des Abstands ist eine Konstante, ihr Umfang jedoch ist eine Variable, und Geschichtsschreibung besteht darin, ihre meist phänomenale Grösse zu ermessen. Es gibt Künstler, die an Wände Engel malen, den den Menschen aus dem Paradies vertreiben, und Salome, die Tochter des Herodes, die den Kopf von Johannes abschlagen lässt. Es gibt Leute, die an neu aufgestellte Betonblöcke “Danke Merkel” malen und andere, die auf Mobiltelefonen Hinrichtungen betrachten.

muei

Ich komme öfters angesichts von Kunst zur Ruhe, aber diesmal bleibe ich nicht lang, und fahre über die Grenze, meinen nicht gefälschten Reisepass vorzeigend, um in Glurns einzukaufen. Coppa Parma, Kaminwurzeln, Spinatknödel, Bergkäse, Dinkelnudeln, Wacholderkäse. Was man eben für einen langen Winter in den Bergen braucht, die sehr abgelegen sind, ganz natürliche Grenzen bilden, und von Menschen bewohnt werden, die angesichts ihrer Heimat so etwas wie Stolz und Achtung empfinden.

muej

So ist das also. Man muss nehmen, was man kriegen kann, solange es noch etwas gibt, und man dazu die Möglichkeit hat, in dieser besten aller möglichen Welten, die davon ausgeht, dass zu Weihnachten allerhand unschöne Meldungen untergehen, wie:

Die Hälfte aller Deutschen mit gesetzlicher Rente lauft auf die Grundsicherung im Alter zu, und es ist unklar, ob es dann noch Pfandflaschen geben wird, die man sammeln kann.

Die Neuigkeiten zu denen, „die noch nicht so lang hier sind“, entsprechen nicht der 2015er Hoffnung bei Zeit, SZ und Bundesregierung, sie könnten dereinst maßgeblich zu dieser Mindestsicherung beitragen.

Und der Median der deutschen Vermögen pro Haushalt ist sehr niedrig und profitiert auch nicht vom Immobilienboom, denn der erreicht zu wenige, um den Schnitt so zu heben, dass die Zahlen schön aussehen. Schön werden sie erst, wenn man Leute aus meiner Schicht und ihr durch den Wohnungsmangel gestiegenes Vermögen mit einrechnet – aber das sind nur Zahlen und ändert nichts an den realen Verhältnissen zwischen Oben und Unten. Und denen, die dafür zahlen.

Frohe Weihnachten, lieb Vaterland, magst ruhig sein, denn Ruhe ist weiterhin erste Bürgerpflicht.

24. Dez. 2016
von Don Alphonso
443 Lesermeinungen

139
29008

     

21. Dez. 2016
von Don Alphonso
250 Lesermeinungen

112
41836
     

Die unbestreitbaren Vorzüge einer geschlossenen Gesellschaft

I hear the sound of a gentle word
On the wind that lifts her perfume through the air
Beach Boys, Good Vibrations

Frauen, sagt man, machen sich dauernd darüber Gedanken, was Männer von ihnen denken. Ich habe noch keinen Gedanken daran verschwendet, was Frauen oder generell, andere Menschen von mir denken, denn ich bin ein Mann. Männer denken nicht so, sie nehmen, was sie kriegen können, und mit dem Rest sollen sich andere herumschlagen. Es ist mir völlig egal, ob eine Frau sexuelle Phantasien mit mir hat, und jetzt, wo es so weit ist, kann ich nur den Kopf schütteln: Es handelt sich weniger um die Art Frau, an der ich ein Interesse haben würde, sozial bewegt und auch sonst von der Erscheinung her eher unmondän, und sie träumt davon – nun, nicht es mit mir zu treiben, sondern mich aus meinem Haus zu treiben. Anlass ist der Umstand, dass ich einem leicht übergewichtigen und notorisch übel gelaunten Mann den Start in den dritten Staatsdienst nach Uni und Stasi versaut habe. Es ist durchaus verständlich, danach von mir zu träumen, denn ich bin schlanker, sportlich und werde hier nicht zurücktreten müssen – als Kunstfigur ist es im Gegensatz zur SED nachgerade unerlässlich, falsche Angaben zur eigenen Geschichte zu machen. Nur die Vorstellung, mich aus meinen angestammten Gemäuern zu jagen – naja.

kugd

Also, das wurde mir heute jedenfalls zugetragen, per Mail, als ich gerade einkaufen war. Wir haben aus Gründen, die Sie nichts angehen, aber für mich sehr erfreulich sind, einen gewissen Bedarf an weiterem Weihnachtsschmuck, und das Schöne an meiner Heimatstadt ist, dass man damit auch die hiesige Queerszene fördern kann: Die prächtigsten und alles andere als günstigen Kugeln haben sie schwulen Friseure, die zu diesem Anlass das ganze Erdgeschoss ihres Ladens in ein Glitzerparadies für Besserverdienende umgebaut haben. Wir nahmen einen Korb und dann noch einen Korb und ich fragte, ob ich auch mit Karte zahlen könnte, aber als die Tüten bis zum Rand gepackt waren, merkte ich, dass ich auch problemlos bar zahlen konnte. Unterdessen wies mich jemand per Mail auf den Wunsch meiner Austreibung hin.

kugb

Die Kugeln sind so überzogen, man muss sie einfach lieb, wo war ich, ach so, ja, also, jedenfalls: Es liegt mir fern, die betreffende Dame mit dem unzüchtigen Traum hier öffentlich wie diese Grün-SED2.0erin vorzuführen und vielleicht auch noch aus ihrem Account Bilder zu zerren, auf denen man eine Ahnung von ihren beengten Wohnverhältnissen bekommt, denn das wäre nicht charmant. Aber etwas anderes ging mir durch den Kopf, als ich die Kugeln an meine diversen, achtflammigen, mit Wolframdraht die Polkappen schmelzenden Kronleuchter hing: Es ist mal wieder typisch für Niedrigunwohlgeborene, dass sie ernsthaft glauben, mit so einer Enteignung sei es getan.

kugf

Das wünscht sich nämlich eine, die schon einmal darüber geklagt hat, die Nebenkostenrechnung belaste sie sehr. Vermutlich projiziert sie ihre Angst, irgendwann auf der Strasse zu stehen, auf mich: die Angst in ihr ist stark, es ist eine ganz schlimme Vorstellung, und sie möchte sie jemandem anheften, den sie nicht schätzt. Das Problem an der Sache ist, dass so eine üppige Immobilie nur ein sichtbarer Ausdruck jener Klassengesellschaft ist, die sie immer nur von unten erleben wird. Ich finde das gar nicht so entscheidend. Entscheidend ist es, eine oder zwei Tüten Kugeln kaufen zu können, und noch zweimal unter dem Gelächter der Friseure umzudrehen, um noch weitere zu nehmen, ohne sich deshalb Gedanken über die Auswirkungen auf das Konto zu machen. Ich kannte in Berlin Leute, die Angst davor hatten, die EC-Karte könnte vom Geldautomaten eingezogen werden: Das ist nicht das Gefühl, in dem ich aufgewachsen bin. Ich bin mit dem Gefühl gross geworden, dass man nicht prassen soll, aber dass man sich durchaus etwas leisten kann. Es gab in meiner Familie keine Angst, irgendwann vor dem Nichts zu stehen. Es gab nur die Frage, wie sich wohl das nächste Jahr entwickeln möchte.

kuge

Ich hatte, was die Zukunft anging, eine sorgen- und angstfreie Jugend. Wie alle in unserem Viertel, in dem die Ehen vorbildlich hielten und man wollte, dass die Kinder es einmal noch besser haben. Wenn man mich fragen würde, was das Charakteristikum des Aufwachsens in besseren Kreisen ist, würde ich nicht über das Vermögen reden, sondern über die Freiheit von Angst. Über Zuversicht. Über das Vertrauen, dass sich schon alles finden wird. Das Vertrauen mag völlig überzogen sein, und manchmal lässt einen das Schicksal spüren, dass man sich auf dünnem Eis bewegt: Aber manche Sorgen, die für andere eine tägliche Erfahrung sind, lernt man einfach nicht kennen. Es gibt viele arme Journalisten, die in schwierigen Verhältnissen leben. Ich habe mich bei der FAZ noch nicht einmal selbst beworben. Als ich nach Frankfurt eingeladen wurde, fand ich das richtig, kaufte unterwegs Torte bei Schloss Pommersfelden, und alles fügte sich.

kugg

Mir ist völlig klar, dass es die falsche Haltung gegen das Leben und das unerbittliche Schicksal ist. Unsereins müsste sich viel mehr Sorgen machen, statt im Glanze des Daseins wie eine Christbaumkugel zu funkeln. Wir sind alle gleich zerbrechlich, wenn wir fallen, aber manche wissen genau, wie das ist, und haben Angst. Panische Angst. Angst, die Post zu öffnen, bei unbekannten Nummern ans Telefon zu gehen, Angst vor dem Morgen und dem, was sein wird, wenn sie einmal alt sind. Mir verdirbt die Ansicht von Rentnern, die Flaschen sammeln, den Tag, weil dieser Staat sie so verächtlich behandelt und Milliarden für eine gescheiterte Banken- und Migrationspolitik verpulvert. Es sollte so nicht sein. So geht man mit alten Menschen nicht um. Für viele andere ist es etwas, das ihnen tatsächlich droht. So ein Dasein als flatterhafter Ausprobierer muss man sich wirklich leisten können: Ich kann das. Bei den anderen kommt das dicke Ende, wenn sie von anderen flatterhaften Ausprobierern verdrängt werden. Meine Augen tränen vom herab fallenden Glitzer der Kugeln. Die Augen der anderen sind dauernd voller Verzweiflung.

kugc

Verlässt man die eigenen Viertel und lernt man solche Menschen kennen, sollte man besser vorsichtig sein, und die eigene Zuversicht mit Tarnsorgen überdecken. Meine Erfahrung ist, dass sehr viele Menschen mit notorischen Ängsten enorme Probleme mit jenen haben, die kein Wässerchen trüben können. Das mündet oft in Aggressionen, und solche hols-der-Teufel-Kugelorgien würde ich wirklich nur machen, wenn ich genau weiss, die Partner sind das gewöhnt und können damit umgehen. Ansonsten vertuscht man die grenzenlose Zuversicht und die Überzeugung der eigenen Vorbestimmtheit für das bessere Dasein, oder man riskiert eben, dass andere nicht das emotionale Instrumentarium haben, damit umzugehen. “Normale” Menschen verstehen nicht, was andere depressiv macht, und genauso denken sie, dass in meinen Kreisen irgendwo ein ganz dicker Haken sein müsste. Den dicken Haken, glauben sie, gibt es doch immer. Und dann gibt es doch nur einen Haken für die Samtbänder der roten Glitzerkugeln.

kuga

Das ist alles noch kein Schicksalsschlag, pflegte meine Grossmutter bei den kleinen, unvermeidlichen Haken des Daseins zu sagen, und ich plappere das gedankenlos nach. Es gibt welche, die das einsehen, und welche, deren Probleme und Ängste ich damit falsch einschätze – die explodieren dann. Die ertragen das nicht, für die bin ich und diese ganze Haltung eine Herausforderung, eine Zumutung, eine Verhöhnung, und erstaunlicherweise gar kein gut gelauntes Geschenk Gottes. Wir sind nach Schicksalsschlägen schneller wieder obenauf, kleine Niederlagen sind uns egal, wir segeln über die Riffe frohgemut hinweg und glauben, auch mit einem Leck noch in den Hafen zu gelangen. Alle in meiner Familie sind sicher, dass die mit dem leeren Tank noch 200 Kilometer weit kommen, nur ganz selten bleiben wir liegen, und dann ist in der Nähe meist ein Schloss oder ein schönes Gasthaus, und die Landschaft ist prächtig. Sorgen macht man sich erst dann, wenn es soweit ist. Das ist eindeutig eine Fehleinschätzung der Realität und ein Charakterfehler, aber letztendlich lebt man damit gut, während andere schon von Sorgen gepeinigt sind, ohne dass es nötig wäre. Natürlich kann man materiellen Besitz auch verlieren, vorletztes Jahr wäre hier beinahe eine Gastherme explodiert. Aber diese grundlegende Zuversicht, die wurde uns so anerzogen, und sie ist ein grosses, wirklich grosses Geschenk, das einem kein Neider nehmen kann. Mir tun Flaschensammler trotzdem leid, und die Kinder von Paaren, die sich ohne echte Not, nur aus Dummheit und Arroganz trennen, wegen Selbstverwirklichung und Unlúst, die Zähne zusammen zu beissen. Es wird schwer für diese Kinder, Teil jener Gesellschaft zu werden, die für Sorgen und Ängste so gut wie möglich geschlossen wird.

Schlucken, sagte meine Grossmutter immer. Schlucken. Und sie hatte besonders zu Festen damit wie immer recht. Also, schlucken Sie die kommenden Tage, auf dass auch ihre Gesellschaft für Unschönes geschlossen bleibt.

21. Dez. 2016
von Don Alphonso
250 Lesermeinungen

112
41836

     

16. Dez. 2016
von Don Alphonso
540 Lesermeinungen

125
30982
     

Der Trump in mir ist stark

Jugend, du bist die Sonne um acht Uhr am Morgen.
Mao

Am Ausgang der Kurve steht der Tacho bei 90, der Motor brüllt, und ich wechsle sofort auf die dritte Spur. Dort angekommen, dreht der Motor schon mit 6000 Umdrehungen und beschleunigt den Wagen immer noch, 180, 200, 210, und das reicht dann auch. Ich könnte sagen, dass ich es eilig habe und ein wichtiger Termin in München ansteht, aber die Wahrheit ist, dass ich nicht ganz ungern schnell fahre. Ich gehöre zur letzten Generation, die noch nicht von Anfang an abgeriegelt und vom Leitsystem auf Richtgeschwindigkeit gedrosselt wird, Das überwachte Übel der Moderne beginnt erst in der Holledau. Davor darf man noch. Davor sagt einem keiner, was richtig ist und falsch. Der schwarze Wagen bohrt sich durch die frühe Nacht, auf dem Lack funkelt der Vollmond, und natürlich lügt Mercedes mit dem Normverbrauch. Deshalb hat man ja einen. Und schon erscheint in der Schotterebene das schöne Münchem, die Weltstadt mit Herz und vielen hässlichen Neubaubüros im Norden, die oft noch erleuchtet sind.

muca

Weil dort Menschen lange arbeiten müssen, um sich die Miete leisten zu können. Die jungen Menschen sitzen in den Büros, die Älteren im Wagen und rollen die Leopoldstrasse hinunter, und dann in die Maxvorstadt, um sich zu treffen. Sie alle haben hier Besitz in einer grossen Wohnanlage, 70 Parteien an der Museumsmeile der Stadt, und wenn ich ehrlich bin und mit meinen anderen Wohnorten vergleiche, mit einem in jeder Hinsicht hässlichen Blick nach draußen. Wie habe ich das früher nur ausgehalten? Trotzdem ist es eine der teuersten Lagen des Landes, und wer hier heute Abend mitreden darf, hat über die kleinste Wohnung allein schon mehr Vermögen als 90% der Deutschen. So ungerecht ist das hierzulande, die einen besitzen und die anderen mieten, aber darum soll es heute nicht gehen. Heute wird geplant, was die Besitzer mit ihrer Anlage tun, und nebenbei hört man auch, welcher kleine Tycoon sich von welchen Erben anderer Bewohner welche Wohnung zusätzlich gesichert hat. Manche wohnen noch dort, aber viele sind ausgeflogen, und in meinem Tegernseer Räuberzivil könnte ich der Biowaldschrat unter vielen Städtern sein. Aber es wird anders kommen.

Hausbesitzerversammlungen in München sind immer etwas nüchterner und anonymer als Hausbesitzerversammlungen am Tegernsee, und die Werte, um die es geht, spiegeln sich nicht im schmucklosen Ambiente wieder. Am Tegernsee sitzt man in einer Zirbelholzstube, und es wird geredet. In München sitzt man in einem weissen Saal, und jemand hat sogar eine Powerpointpräsentation dabei. Der Umweltgedanke in ihm, der eine Wohnung neu erwarb, ist stark, und er hat Messungen vornehmen lassen. 4 mal so hoch wie in anderen, nach innen liegenden Räumen sei der Energieverbrauch im Zimmer an den Aussenwänden. Ja, aud den Quadratmeter umgerechnet sei der Verbrauch sogar 10 mal, 10 mal so hoch. Betont er.

mucb

Und deshalb blickt er erwartungsvoll Top 12 entgegen, bei dem es nicht nur um einen neuen Verputz seiner offen gesagt maroden Aussenmauer geht, sondern gleich um eine einschneidende Massnahme, die uns noch Jahre beschäftigen wird. Top 12 ist die energetische Sanierung des Gebäudes, mit neuen Fenstern, neuem Dach, neuen Dachgauben, neuem Anstrich und darunter natürlich – Hartschaum. Warmer, isolierender, von der Dämmstoffindustrie empfohlener und gesetzlich geregelter Hartschaum. Wer mehr als 20% einer Fassade erneuert, muss sie gleich komplett dämmen. So sind die Vorschriften, und außerdem geht es um die Umwelt, wir wollen doch sicher alle nicht, dass die Pole schmelzen und Hamburg untergeht. Deshalb auch die neuen Fenster, nachdem die alten Fenster gerade mal 20 Jahre alt sind: Das muss alles aufeinander abgestimmt sein.

Und natürlich muss die Hausgemeinschaft das alles zahlen. Auch die Aufzüge wären zu machen, die Beleuchtung im Gang, die Abwasserrohre und was halt so beim Nachkriegsbau – aber Bestlage! – so anfällt. Im ersten Schritt wäre das alles ein niedriger einstelliger Millionenbetrag, der alle Rücklagen auffrisst und deshalb gestreckt werden soll. Erst die Dämmung und das Dach, alles andere später, bezahlt von den Rücklagen, die schon beim ersten Schritt weg sind. Dazu gehen die neu dazu kommenden Rücklagen der nächsten zwei Jahre drauf. Und noch eine Umlage, in die jeder, abhängig von seinen Quadratmetern, sein Sonderopfer tun soll. Stark soll die Macht der Dämmung in uns sein, an die Heizkosten sollen wir denken und an die Zukunft des Planeten. So eine Art grünes Winterhilfswerk.

mucd

Junge Leute unter 50 können sich solche Wohnungen in aller Regel nur leisten, wenn sie Berufskinder sind, und davon sind gerade nur drei im Saal. Für uns, die wir im Gegensatz zu den Alten sicher noch 40, 50 Jahre vor uns haben, ist die Bewahrung der Schöpfung natürlich wichtig, und es meldet sich dann die Wohnanlagenschönheit meiner Jugend, die wohl irgendwas mit Jura macht und die Wohnung von ihren Eltern überschrieben bekam, nehme ich an. Lang und breit haben die Alten davor abgewägt, wir teuer es werden darf und was alles getan werden muss, wo man vielleicht am schlimmsten Brocken, der Dämmstoff-Dreiviertelmillion, etwas abknapsen könnte. Es meldet sich dann also das die Schönheit, die auch heute noch heiß ist, hebt die kecke Nase und tut Unerhörtes. Sie widerspricht den Alten. Sie hält Dämmung für kompletten Unsinn, das sei nur eine Masche der Politik, es gäbe da jede Menge Nachteile und Schimmel, und deshalb würde sie gern darüber abstimmen, ob man das überhaupt haben will. So. Die Überzeugung ist stark in ihr, und kaum hat sie geendet, meldet sich ein anderer Junger.

Der andere Junge nun hebt an, dass er das alles bei den Nachbargebäuden am Tegernsee erlebt hat, wo man meinte, so etwas machen zu müssen, und sich die ältere Bausubstanz nicht mit den Dämmplatten vertragen hätte. An der Westseite hätte sich im Winter dann Wasser hinter der Dämmung gesammelt, die durch einen Riss eingedrungen sei. Das werde alles noch ganz schlimm und teuer, sagt der jüngere Mann. Seine andere Immobilie sei Denkmalschutz, Baujahr 1600, die sei halt, wie sie sei, und es gäbe da weder ein Problem mit Schimmel noch ein Drama wegen der Entlüftung. Woanders in der Altstadt wurde das gemacht, und die ersten Probleme seien nach einem, ei-nem Jahr Ausrufezeichen gekommen. Am Tegernsee hätte die Isolierung übrigens auch nicht messbar zu sinkenden Heizkosten beigetragen.

Wrumms.

muce

Schnipp schnipp schnipp macht die Dame im Louis-Vuitton-Mantel vor dem Tegernseer, der scheinbar überraschende Ähnlichkeiten mit mir hat, und den ich sonst gar nicht so apodiktisch kenne, schnipp schnipp schnipp, also, sie möchte dem Herrn vom Tegernsee beipflichten, sagt sie, auch bei einer ihrer Immobilien sei das gemacht worden und es ging schief, und müsste denn überhaupt so eine Isolierung zwingend sein? Nun, man könnte natürlich auch anders, aber dann ist es halt nicht energetisch, erklärt der leicht verzweifelt wirkende Hausverwalter, für den die ganze Debatte nun wieder bei Null beginnt. Denn stark ist der klimatische Trump in uns, und weitere melden sich und sagen, also, wenn es nicht sein muss, dann will man das auch nicht. Abstimmung, Abstimmung! Stark, sehr stark ist der Trump in allen, die Dämmplatten werden abgelehnt, und gemacht wird jetzt das Dach. Der Rest wird ausgebessert. Ich muss mich noch nicht mal erneut melden und sagen, Armut sei der beste Denkmalschutz. Statt dessen denke ich mir: Von den reichen Leuten kann man das Sparen lernen. Und von ihren heissen Töchtern das schlechte, vorlaute, aufmüpfige Benehmen.

So ist das also. Wie bekommen ein neues Dach und müssen keine Miete erhöhen, damit wegen der Umlage auch die Rendite weiter stimmt. Wir konnen das einfach tun, damit wir reicher werden, oder bleiben lassen, weil es ohnehin teuer genug ist. So schlimm ist das mit dem Heizen ohnehin nicht mehr. Es ist Mitte Dezember und das Thermometer im Wagen zeigte in der Nacht 7 Grad plus. Ausserdem sind Brennstoffe gerade billig. München liegt 519 Meter über dem Meeresspiegel und war im Winter wegen der Nähe der Alpen oft kalt: Jetzt ist es wärmer, und so hoch kommt das Meer nicht. Es wird Hamburg unbewohnbar machen, aber war das je bewohnbar? Ich weiss es nicht. Ich weiss aber, dass ich betonte, die gesamte Energiebilanz müsste natürlich auch die Verpackung und die spätere Entsorgung derselben berücksichtigen – im Prinzip ist es energetisch in einer Lage wie der unseren ein Nullsummenspiel.

mucc

Das hätte es vor ein paar Jahren nicht gegeben, das war man klimaunskeptisch und tat, was die Politik empfohlen hat. Das war jetzt schon meine zweite Versammlung in diesem Jahr, die die Idee einer Verpackung so abschmetterte, dass sie so schnell nicht wieder kommt, und es ist immer das Gleiche: Irgendwann fragt jemand, ob es sein muss, und wenn sich herausstellt, dass dem nicht so ist – dann wird es knallhart abgelehnt. Dafür gehen wir am Tegernsee klimaneutral wandern und besuchen in München die Museen, statt wie andere Modernisten die Häuser zu verpacken und kurze Strecken zu fliegen. Alle regen sich über Donald Trump und seine Einstellung zum Klimaprotokoll ab Januar auf – aber hier bei uns, in einer dunklen Dezembernacht, wird jetzt schon der Konsens aufgekündigt, den das hiesigen Dämmplattenregime für uns verkünden möchte. Stark ist der Trump in uns, und der Stadtrat muss sich etwas anderes einfallen lassen, um seine ambitionierten Klimaziele zu erreichen.

Nach Hause fahre ich dann deutlich langsamer und verbrauche sogar weniger als 10 Liter auf 100 Kilometer, bevor ich mein seit 416 Jahren nur von meterdicken Mauern gedämmtes Baudenkmal erreiche, errichtet von der Gesellschaft Jesu, die eine gescheiterte Dämmung am Tegernsee sogar erfunden hätte, um mit der frommen Unwahrheit eine Dämmung in München zu verhindern. Stark ist der Trump in uns, denn er ist alt wie die Sünde, unsterblich wie die Lüge, und deutlich unsinkbarer als Hamburg.

16. Dez. 2016
von Don Alphonso
540 Lesermeinungen

125
30982