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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

24. Jun. 2016
von Don Alphonso
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Autonome in Berlin und Brüssel

Ihr habt die Macht, uns gehört die Nacht
aus einem Bekennerschreiben der Revolutionären Zellen, 1995

Es mag sein, dass es nur der Versuch einer Schikane gegen die Bewohner der Rigaer 94 ist, wenn in den besetzten Räumen eines Treffpunkts der autonomen Szene und einer Werkstatt Asylbewerber untergebracht werden sollen. Wenn die Räumung für Migranten ein Test gewesen sein sollte, wie weit Berlins linke Szene zum Zusammenrücken bereit ist, ist er in gewisser Weise gelungen: Die geplante Einquartierung quittierte die Szene zuerst mit Demonstrationen. Dann verabschiedete die Mehrheit der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg eine Solidaritätserklärung mit den Besetzern und kritisierte den für den Polizeieinsatz zuständigen Innensenator Henkel. In der Nacht begannen dann massive Ausschreitungen, und bei Indymedia erklären Unterstützer, dass sie bereit sind, alle Mittel einzusetzen. Was damit gemeint sein dürfte, sah man beim Anschlag auf ein Polizeiauto. Wie sich der autonome Terror für Bewohner anfühlt, kann man hier nachlesen.

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Aber vor den brennenden Autos steht die Solidarisierung der Lokalpolitiker von Grünen, Linken und Piraten.

Das ist vermutlich noch nicht einmal in diesem Bezirk der Mehrheit der Bewohner zu vermitteln, von denen angenommen werden darf, dass sie ihren Kindern nicht zwingend ausgebrannte Autos auf dem Weg zur Schule zumuten wollen.

In den Landesparteien scheint nach meiner Recherche auch niemand bereit zu sein, den Kollegen von derartiger Solidarität abzuraten, wenn gegen Bürgerämter und Kollegen anderer Parteien vorgegangen wird. Ich schaue mir die Sache nun schon etwas länger an, so als Betroffener, der zu weit im Süden wohnt, als dass ihn mehr als Drohungen und Internettrolle erreichen könnten. Damit scheint man in Berlin leben zu wollen. Es ist eine ganz eigene Vorstellung von Demokratie und Rechtsstaat. Zusammen mit dem Wunsch der Grünen Jugend, deutsche Fahnen und Patriotismus madig zu machen, zusammen mit den Beschimpfungen des Landes als Kaltland muss man wohl konzedieren, dass die Einschätzungen einer wünschenswerten staatlichen Organisation in Deutschland sehr pluralistisch sind. Von No Borders, No Nations, 100% Erbschaftssteuer und bedingungslosem Grundeinkommen bei Abschaffung der staatlichen Repression bis zu eben jenen konservativ-reaktionären Zuständen, unter denen ich lebe, und die meine Wünsche einer Anpassung an Aufklärung und Säkularismus als links auffassen.

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Ein weiterer Akteur ist die EU, die von dieser Linken wegen ganz ähnlich aggressiver Verhaltensweisen massiv kritisiert wird. Eine EU, die es gerne den Lobbyisten recht macht, und deren Profiteure sich dann wie ein Haufen Randalierer benehmen; Steuertricks in Irland, Niederlanden und Luxemburg, die Bankenrettung, in der die Bankster die deutsche Nationalhymne anstimmen, Geheimverträge wie CETA und TTIP, die über Europa kommen wie eine Gruppe Autonomer in der Nacht, undurchsichtige Strukturen, die nicht ausgeleuchtet werden wollen, Vorgaben wie Gender Mainstreaming, die von irgendwelchen demokratisch nicht direkt legitimierten Gremien empfohlen und eingeführt werden, oder jüngst der Versuch von Frau Hohlmeier, europaweite Netzsperren durchzusetzen, und dann noch ein Herr Öttinger als Digitalkommissar, der die Daten der Menschen als Wirtschaftsfaktor und nicht als Recht der Selbstbestimmung betrachtet: Man muss nicht allein die Glühbirne betrachten, um zu erkennen, dass die EU zu weit von der Willensbildung des Souveräns entfernt agiert.

Auch in Brüssel sitzen Autonome. Auch diese Autonomen agieren überstaatlich, ohne Rücksicht und ohne Interesse, sich für ihre Taten vor dem Volk zu rechtfertigen. Am Ende gibt es eine Wahl, bei der eine Art grosse Koalition wie bisher weiter macht. Wie man bei den TTIP-Verhandlungen sah, respektieren sie auch keine nationale Parlamente. Es wird Staatsknete verteilt, das bedingungslose Grundeinkommen ist auf europäischer Ebene in einigen Bereichen längst da, und mit der Flüchtlingskrise hat sich nun auch gezeigt, dass die EU in einer Haftungskrise steckt: Auf der einen Seite die Kommission und Merkel, die ihren Willen innerhalb von Europa gegen die Nationen erzwingen wollen, auf der anderen Seite nationalstaatliche Lösungen auf dem Balkan, die dann prompt funktionieren.

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Beide Seiten, Linke und Brüssel und ihre Verbündeten, lehnen Patriotismus spätestens dann ab, wenn er sich und seinen Willen behauptet. Deutschland hat sich inzwischen mit brennenden Autos in Berlin und Anschlägen auf die AfD arrangiert, die Briten – bis gestern angesichts der Umfragezahlen noch als Verteidiger gegen den Populismus gefeiert– werden jetzt als Nationalisten in den Boden geschrieben. Besonders die Alten, die übrigens die Swinging 60ies und 68er repräsentieren, sollen sich was schämen, der Jugend den Weg zu verbauen. Brüssel und Linke vergessen einen Moment eigentlich unüberwindliche Gegensätze und sammeln sich zu einer Querfront gegen Nationalismus. Das kann man tun, Prinzipienlosigkeit und Flexibilität sind in Bürgerkriegen schliesslich die Grundtugenden von Warlords und Condottieri. Es sind nur, und darauf möchte ich hier verweisen, beides nicht die Gruppen, mit denen man sich im Bayerischen Oberland sehen lassen sollte. Da bietet keine breite Front einen Alternativentwurf zum Nationalismus an. Zwei radikale und allseits unbeliebte Gruppierungen versuchen, patriotische Gefühle und Zweifel an problematischen und so nicht gewünschten Entwicklungen zu diskreditieren. Oder unpassend abstimmenden Alten gleich das Wahlrecht einzuschränken, wie es hier Mario Sixtus, ein Auftragnehmer des Gerontokratensenders ZDF, öffentlich andenkt.

Mir und vielen anderen normalen Bewohnern der glücklichen Zone könnte es egal sein, denn egal ob unter der CSU oder unter Brüssel: Wir sind die besseren Kreise. Wir haben Europa gesehen und schätzen es sehr. Wenn am Wochenende in Waakirchen ein grosses Schützentreffen unter Einschluss unserer früheren Sklaven aus Österreich stattfindet, dann sieht man auch, dass über 1000 Jahre zurückreichende Konflikte heute beigelegt sind. Aber in all unseren Regionen ist die Linke schwach. Sie klammert sich an die grossen Städte. Auf dem offenen Land mag niemand Brüssel:, und der Patriotismus macht hier keinem Angst: Im Gegenteil, die Leute wissen, dass kleine, überschaubare Strukturen funktionieren können. Wer das nicht berücksichtigt, wer darüber hinweg walzt und denkt, er könnte einen anderen Kurs verordnen, bereitet erst jenen das Feld, die dann den Nationalismus anbauen. Es wird hier, das darf ich öffentlich versichern, niemanden geben, der vor einem Graffiti der Rigaer 94 oder vor der Tasse von Juncker ehrerbietig den Hut zieht.

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Rational betrachtet könnte man auf die Idee kommen, dass es noch nicht zu spät ist, und die Siege und Niederlagen des Brexitlagers, der FPÖ und demnächst auch von Le Pen knapp ausfallen. Für die Mehrheit, die gute Demokraten akzeptieren sollten, muss man nicht jedem Bierdimpfl nach dem Mund reden. Es würde reichen, denen Garantien für ihren Lebensraum und ihre freie Entfaltung zu geben, die, um es mit Lampedusa zu sagen, genau wissen, dass sich alles ändern muss, damit alles so bleiben kann, wie es ist. Das Versprechen, dass kein Stein mehr auf dem anderen bleibt, wenn die jeweilig begünstigten Horden durchziehen, ist keines, das jemand unterstützen würde, wenn er seinen Hauskredit abbezahlt und nicht in die nächste Mietwohnung einer anderen Stadt ziehen kann. Die Berlinbrüsseler Haltung, man wisse schon, was gut für die anderen ist, wird hier nicht vollumfänglich geteilt, ja sie stösst sogar auf Ablehnung. Händchenhalten vor dem Brandenburger Tor ist da nicht mehr als eine Flucht vor einer Realität, in der man eigentlich ganz gut leben kann, und die sich viele auch genau so wünschen, selbst wenn der Grillabend zum 125-jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Schaftlach weniger netzwirksam sein mag.

Es gibt, einfach gesagt, eine riesige Diskrepanz zwischen dem, was Menschen von ihrem Leben gern hätten, und dem, was ihnen dafür als politischer Lösungsansatz offeriert wird. Bei uns brächte man dringend Wohnungen für sozial schwächere Mieter – gebaut wird für Migranten, von denen die meisten aber nicht ihre Zukunft im Oberland mit 6 Monaten Winter sehen, auch wenn sie das neue Integrationsgesetz dazu zwingen sollte. Das wird von oben so bestimmt, die Bundespolitik macht das bei uns, und Brüssel mit den Osteuropäern. Das kann man machen, wenn man so alternativlos ist, wie Brüssel bis gestern gewesen ist, oder so unkontrollierbar wie die Verbrecher aus dem Umfeld der Rigaer 94.

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Privat glaube ich, bei aller Sympathie für die Ideale Europas und der Linken, dass sich dort alles ändern muss, und trotzdem nichts bleiben kann, wie es ist. Es muss ganz schnell anders werden, sonst endet die EU wie der Warschauer Pakt. Es sind noch genug nationalstaatliche Strukturen da, um diesen Zerfallsprozess glimpflich verlaufen zu lassen, und ob ich zur Oberschicht Deutschlands oder Europas gehöre, ist mir egal, solange ich nur einen Platz im Biergarten finde. Das Problem ist nicht der Nationalismus, sondern der immense Raum, der sehenden Auges und unter Begleitung des lobpreisenden Medienchores dem Nationalismus überlassen wird.

Und dass man in Berlin schon als Nazi gilt, wenn man das nicht linientreu so aufschreibt, und hier vielleicht wieder ein Troll mit NDR-IP auftaucht.

24. Jun. 2016
von Don Alphonso
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21. Jun. 2016
von Don Alphonso
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Fahren, bis die Sonne scheint

Ein Text, in dem niemand eine fade Moin, ein Grindkopf, Gschleaf, Heisalschleicha, Letschtnbene, Trietscherl oder Netzfeministin geheissen wird.

Früher, vor 100, 150 Jahren, waren reiche Menschen fortschrittlich und wollten stets die neuesten technischen Errungenschaften. Electricität. Fliessendes Wasser. Breite Strassen, Züge und Trambahnen. Deshalb befinden sich in Augsburg, einem der Zentren der industriellen Revolution, einige hübsche Villen an einer heute lauten, viel befahrenen Strasse, auf der sich auch die Tram drängelt. In einer dieser Villen lebte ein Mann, dem seine Freunde sagten, er sollte etwas für seine Gesundheit tun und mehr radeln. Er kaufte sich Anno 1982 also ein wirklich schickes Rad der italienischen Marke Somec und kreuzte nach ein paar Ausfahrten die Schienen der Strassenbahn, an deren Nähe sich der Mensch, aber nicht der Gummi des Reifens gewöhnt, wenn es feucht ist. Der Mann legte einen kapitalen Abgang hin, die tiefen Furchen im rechten Bremshebel künden noch davon, verlegte sich wieder aufs Nichtstun und starb dann letztes Jahr aus einem anderen Grund, und auch nicht unter der Strassenbahn. Ich musste das Somec, das ich von seinen Erben bekam, nach 33 Jahren nur entstauben.

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Wie die Zeiten sich geändert haben, sieht man daran, dass über heutige leitende Angestellte, also Manager, solche Zeilen kaum erscheinen würden. In den 50er Jahren konnte der kugelrunde Heinz Erhardt noch glaubwürdig einen Eierlikörfabrikanten verkörpern, und nirgendwo im Film taucht die Frage nach der Herkunft der Eier auf. Heute müsste, damit ein modernes Remake in der ARD laufen dürfte, jede Menge Kritik erkennbar sein, und ein Saulus-Paulus-Erlebnis beim Betrachten glücklicher Hühner, die idealerweise für das Ziel der Volksaufklärung von einer lesbischen Schutzsuchenden aus Nigeria nach der Sharia vegan ernährt werden. Und Manager müssen schlank sein. Der rundliche Fabrikant war schon in meinen Jugendzeiten am Aussterben, Sport war nicht unüblich, aber im Westviertel der kleinen, dummen Stadt wohnen die Lenker des hiesigen Weltmarktführers – und die sind alle schlank, sportlich und tun auch etwas dafür. Einen kenne ich aus meiner Schulzeit: Der war damals dick. Heute nicke ich ihm aufmunternd zu, wenn ich ihn joggen sehe. Das System hat ihn körperlich auf Linie gebracht. Dagegen ist nichts zu sagen.

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Ich bin bekanntlich eher faul und an Karriere gründlichst desinteressiert, und vorgestern nun war ich mit einem anderen Beitrag fast fertig, da schaute ich zum Fenster hinaus nach Westen, und dachte mir: Eventuell wird es da hinten zu später Stunde doch noch schön. Vielleicht klart es noch auf, im Westen, wo die Sonne untergeht, die Tage sind lang und den Beitrag kann ich auch irgendwann später fertig schreiben. Der Tag war hässlich und regnerisch genug, der Sommer in Deutschland ist nach all den sonnigen Wochen in Italien eine echte Zumutung – da muss man nehmen, was man kriegen kann.

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So fuhr ich los. Denn als ich fünf Jahre alt war, wollten meine Eltern einen Gebirgsurlaub mit uns Kindern machen. Das ist eigentlich schön, aber in Südtirol klebten Regenwolken zwischen den Bergen wie Ex-Stasi-IMs zwischen SPD-Ministern, und es war grau und hässlich. Es war auch absehbar, dass es so bleiben würde. Also packten meine Eltern den silberblauen BMW mit dem 2,5-Liter-Aggregat, stopften uns Kinder auf die Rückbank, und fuhren los, weiter in den Süden. Kinder fragen dann immer, wie lange es noch dauert, und mir kam die Poebene endlos vor: “Vater, wann sind wir endlich da-ha?“ Und mein Vater antwortete: “Ich fahre, bis die Sonne scheint.“

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Auf diese Art und Weise sahen wir Modena, Bologna, Florenz und gefährliche Pässe im Apennin im Regen, regenschwarze Dörfer auf dunklen Bergen, Urbino im Regen, das Meer im Regen und es war schon tiefschwarze Nacht, als endlich der Mond durch die Wolken über dem Meer erkennbar wurde. Bis unterhalb des Sporns hatte uns der hochdrehende Motor des BMW und der unerbittliche Wille meines Vaters gebracht. Nach einer abenteuerlichen Hotelsuche, die heute noch den Schatz der Familienlegenden bereichert, waren wir also am Meer. Und dann drei Wochen im Sonnenschein, während Norditalien weiter absoff.

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Es gibt aus diesem Urlaub Bilder von mir mit einem orangen Plastikeimer im Sand, und ich sehe glücklich aus. Man muss eben seine Ziele im Leben haben. “Fahren, bis die Sonne scheint“ war früher so ein Ziel, und es ist auch heute noch so, wenn ich am plattgestürmten Getreide vorbei nach Westen fahre, der Sonne entgegen. Diese Freiheit musste man früher haben: Die Möglichkeit, sein Leben selbst zu bestimmen und zu fahren, bis es passte. Das war Luxus. Das war – und ist – nicht billig, aber es war möglich. Es war auch möglich, in dieser Zeit für die Firma nicht erreichbar zu sein, ohne dass die Firma damals pleite gegangen wäre. Wer etwas wollte, musste sich eben gedulden. Wir waren am Meer, ganz weit unten, nach einer Woche fühlte sich meine Mutter dann auch mal bemüssigt, die Verwandtschaft wissen zu lassen, wo wir waren. Mit Postkarten, von denen einige nicht Deutschland erreichten. So war das.

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Ich habe vor diesem Beitrag nachgeschaut: Das Hotel am Meer gibt es immer noch, und heute wirbt es – wie alle – mit Wellness und einem prämierten Restaurant um wohlhabende Gäste. Ich weiss nicht, ob man dort noch um Mitternacht wie meine Eltern einmarschieren und auf die Glocke hauen kann, während draussen der glühend heisse Motor unter der raubfischartigen Karosserie knackt und die Kinder auf dem beigen Leder der Rückbank, an ihre Plüschgiraffe gekuschelt, tief und fest schlafen – man sollte aber mit winzigen Portionen auf grossen Tellern leben und dadurch abnehmen können. Damals gab es dort absurd riesige, mehrstöckige Buffets und gelbrotkarierte Tischdecken. Wir sind gefahren, bis die Sonne schien. Das war der Luxus der guten, alten Bundesrepublik Deutschland. Heute fährt man bis zum Sommelier, akkurat geschnittenen Lauchblättern und zum klimatisierten Indoor-Pool.

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Check mal Deine Privilegien schallt es uns entgegen, wenn es um Fragen der sozialen Gerechtigkeit geht. Das tut man in unseren Kreisen viel zu selten, man lässt sich einfach von der Entwicklung mitziehen. Reichtum und Luxus sind heute etwas ganz anderes als früher, der damals grosse BMW wäre heute klein und schwach, dafür sind die alten Villen zu gross für moderne Kleinfamilien. Es steigen die Ansprüche an das Leben und an sich selbst, man muss sich Wissen und Kompetenzen erarbeiten, die es früher einfach nicht gab, und blättert dann in der Freizeit in der Landlust, oder bestellt eine handgeschmiedete Axt. Die Sonne scheint. Sie scheint immer, aber nie für alle und als ich dann endlich auf dem alten Rad vor ihr ankomme und absteige und einfach nur zuschaue – bin ich allein. Auf den neuen, riesigen Bildschirmen streiten sich Männer um Bälle, wie sie es 1982 in Bildern aus Spanien auf kleinen Bildschirmen auch schon getan haben, als Italien Deutschland vom Platz fegte, und davor sitzen Menschen, während draussen der Himmel rot und blau leuchtet.

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Man muss sich heute bei uns seine Privilegien aussuchen, und die Fähigkeit dazu haben – aufgrund der immensen Verfügbarkeit für die meisten Menschen, die im Supermarkt vor Dutzenden von Waschmitteln der immer gleichen Grosskonzernen stehen. Der Luxus, mit dem Automobil in den Süden zu fahren, wirkt klein angesichts der günstigen Flugpauschalreise. Aber die Erde dreht sich weiter um die Sonne und die Kugeln in den Lagern eines 34 Jahre alten Rades sind nicht anders rund als jene in den Rädern, deren Pedale im Geschäft mehr als mein Somec aus dem Speicher kosten. Am Ende wird gestorben.

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Das ist nun mal so. Der Sonne ist es egal, ob man sich Mühe gab, sie oft zu sehen. Es gibt genug andere Optionen, im reichen, Neuen Deutschland. Da muss man nicht von Glück reden.

 

21. Jun. 2016
von Don Alphonso
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14. Jun. 2016
von Don Alphonso
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Veganes Zwangsleben mit Verbotessa Marie Antoinette Hofreiter

Anstand ist in diesem Lande also etwas Fremdes?
Denis Diderot, Die indiskreten Schatzkästchen.

Also ich finde ja, die Grünen haben theoretisch voll Recht mit der Idee eines Mindestpreises für Fleisch. Wirklich. Das soll man unbedingt machen. Fleisch muss für den Verbraucher ganz erheblich teurer werden. So teuer, dass er sich ernährt, wie ich das gut finde. Ich bin nämlich seit über 20 Jahren Vegetarier und finde das richtig. Hohe Fleischpreise sind mir vollkommen egal, ich esse es nicht und was ich als Geschenken mitbringe, ist ohnehin extrem teuer. Ebenso finde ich Weidehaltung bei Tieren wichtig und es wäre doch schön, wenn überall die Kuhglocken so bimmeln würden, wie bei uns in den Bergen.

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Ausserdem bin ich privat auch für das Verbot von industriell erzeugter “Milch“. Bei mir am Tegernsee gibt es Heumilch, das ist die echte Milch, die aus Kühen von der Alm kommt und nicht entsteht, wenn die Kuh im engen Stall mit Futtermittel gemästet wird. Wir am Tegernsee machen das richtig, Berliner sollten sich mal in ihre günstige E-Klassen oder was man da so fährt setzen, vorbeikommen und sich das anschauen. Bei uns gibt es noch Schilder auf der Strasse, wo vor frei herumlaufenden Hühnern und Gänsen gewarnt wird. So sollten Hühner leben. Immer. Dann gäbe es weniger davon, aber denen ginge es dann besser und die Asylbewerber, die sich in Rottach wegen Ramadan eine Schlägerei lieferten, werden auch an das Tierwohl denken müssen. Weil, wenn wir hier über Massentierhaltung und Quälerei sprechen: Deutschland hat gerade eine Million Menschen aufgenommen, bei denen die Umerziehung für das Tierglück wieder bei Null anfangen muss. Wir hatten hier schon eine Revolte, weil zu wenig Fleisch und zu viel Bio in der Nahrung war. Diese Leute muss man unbedingt belehren. Ja, wenn es eine Burka für Frauen wäre, das wäre etwas anders, aber bei Hühnern hört die grüne Toleranz auf, als ginge es um Dirndl und Lederhose.

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Aber ich schweife ab, jedenfalls, also, unsereins kann über Mindestpreise für Nahrungsmittel nur lachen. Man lebt doch nicht im reichsten – und mit einem grünen Landrat grünsten – Landkreis Deutschlands, um sich dann billig zu ernähren. Überhaupt, Vegetarismus und Veganismus sind auch bei uns auf dem Vormarsch. Gesunde, hochwertige Ernährung sind bei uns absolute Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Akzeptanz. Regionale Erzeugung ist oberstes Gebot, wenn es nicht gerade um Fisch aus den Tropen geht, der natürlich eingeflogen wird, und um den einzig richtigen Parmesan und Risottoreis, den ich mit meinem 272-PS-Sportwagen Freunden aus Italien mitbringe. Wenn ich Sie, liebe Leser, mit Tempo 240 zwischen Modena und Verona drängelnd von der Überholspur wegexterminiere, was machen Sie da überhaupt in meinem Weg, Sie lahme Sa mit offenem Verdeck und die Missa Cellensis in der Anlage donnernd: Dann denke ich dabei, wie alle grünen Kernwähler, nur an das Tierwohl, das Wohlergehen der italienischen Bauern und Feinkostgeschäfte in Parma, und an die Luftkühlung der mitgebrachten Geschenke, die ich als umweltbewusster Mensch natürlich von meinem Drittwohnsitz in Italien aus mit dem Rad geholt habe.

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Es ist doch den Grünen völlig klar, dass unser bewusster Lebensstil der wahrhaft Richtige ist. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, so wie es keinen richtigen Patriotismus im falschen Nationalismus geben kann. Nehmen wir einmal an, wir setzen den Mindestpreis für Fleisch durch, und eine alleinerziehende Mutter in Berlin steht mit zwei quengelnden Kindern im Supermarkt statt auf dem Wochenmarkt, wo anständige Zeit-Abonnenten einkaufen. Die Kinder quengeln nach Salami und Schinken, aber das ist zu teuer. Dann kauft sie ihnen halt ein Kilo Gummibärchen – was? Ach so, die sind aus Schweineschwarten hergestellt… ähm, ein Kilo Schokolade mit Fair Trade Kakao, dann halten die Kleinen ihre Klappe. Da ist zwar auch gefährlicher Industriezucker drin, aber es ist deutlich tierwohliger, wenn man nicht an den für Biobohnen gerodeten Urwald an der Elfenbeinküste denkt. Man macht es immer verkehrt, aber dann eben anders.

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Dazu dann einen guten veganen Brotaufstrich, 100 Gramm für 4,99, und der Sohn darf auch genderneutral Röckchen tragen, fertig ist die ausgewogene Kinderernährung nach grüner Facon. Über das Gesetz, das Grossmütter zu 100 Peitschenhieben verurteilt, wenn sie Kinder im Freibad mit billigen Wiener Würsten auf tierwohlfeindliche Abwege bringen, reden wir, wenn die Mehrheit zusammen mit der feministisch-islamischen Burkini-statt-Nacktwerbungpartei SPD erreicht ist: Wichtiger ist momentan, dass der Deutsche zu spüren bekommt, was er der Erde antut. Fleisch gab es früher für die Grattler nur am Wochenende, während es bei meinen Vorfahren jeden Tag auf den Tisch kam. Das ist die soziale Grenze gewesen, und wenn sie mit Hilfe des Tierwohls wieder einbetoniert wird, habe ich auch als Vegetarier überhaupt nichts dagegen. So ist es nun mal in der Klassengesellschaft. Es ist kein Zufall, dass die Grünen im reichsten Landkreis den Landrat stellen und in Mecklenburg-Vorpommern von der AfFleischfresser in den braunen Torf gepflügt werden. Grüne Politik muss man sich leisten können.

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Die Anhebung des Hartz-IV-Satzes zum Erwerb von Bio ist da natürlich eine nette Geste, speziell mit Blick auf den Reichshauptslum und Grillmoloch Berlin, wo die Grünen im Herbst wieder in die Regierung wollen. Wenn ich das noch aus Gründen der wichtigen sozialen Gerechtigkeit anfügen darf: Eine Ausnahmeregelung des Mindestpreises für vorverpackte Einweggrills würde dort sicher auch als Zeichen der Toleranz für Migranten und alternative Hipsterlebensformen verstanden werden, und als angenehmer Nebeneffekt die Wahlchancen nicht beschränken. Andere Bevölkerungsteile, die nicht die wertvolle und daher staatlich alimentierte Arbeit gegen Rechts im Kreise von Crystal Meth Käufern und Ex-Stasi-IMs leisten wollen, müssen sich halt umorientieren. Der Fortschritt kann nicht immer auf jeden Rücksicht nehmen, und woanders ertrinken Menschen im Mittelmeer: Checkt mal eure 8,50-Euro-Mindestlohn-Privilegien.

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Natürlich bringt der Plan der Grünen weniger den bayerischen Dorfmetzger in Bedrängnis, als jene, die wirklich billiges Fleisch anbieten: Dönerladenbesitzer zum Beispiel. Aber so ist das nun mal mit der Ethik, sie gilt universell. Der eine wird nach der Pleite seines Ladens Securitymitarbeiter, den man im Kreise der Auto- und Wohnungsschutzsuchenden sicher braucht, wenn von berlingrünen Kernwählern fehlbelegte Sozialwohnungen für sie nicht freigemacht werden. Der andere mag vielleicht ein Umschulungs- und Gewaltpräventionsprojekt besuchen. Dort wird er unter verständnisvoller Anleitung verstehen lernen, wie gut es ist, dass nun in seinem früheren Laden eine Paläo Eatery aufgemacht hat und Genderistinnen ins Viertel zieht, das wird dann gleich viel hübscher. (Übrigens, ich war letzte Woche in so einer Vegan Eatery, und es war nach einer Virusinfektion in Teneriffa vor zwei Jahren das erste Mal, dass ich etwas nicht aufgegessen habe. Ich habe Paläoethnobotanik studiert, da haben wir auch mit Emmer und Einkorn experimentiert: Unsere neolithischen Eintopfversuche waren immer noch besser als diese Eatery. Das hat so geschmeckt, wie sich Sexualkontakt mit Hashtag-Aktivistinnen anfühl)

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Aber wie auch immer, man sieht, das wird sich alles schon einrenken, wenn die Menschen über den Preis veranlasst werden, das Richtige zu tun. Ich persönlich besuche, wenn ich alle vier Wochen mein Spülmittel kaufe, auch den Supermarkt des Plebs und bin von den Fleischbergen angewidert. Ich verstehe nicht, wie man das essen kann. Diese Leute haben wohl keine Freunde, die ihnen aus Parma den Schinken mitbringen. Da muss etwas getan werden. Bislang dachte ich, dass schöne Bilder von vegetarischem Essen eine gute Idee sind, und trage meinen Teil zur Gesundheit des deutschgrünen Volkskörpers unterschwellig, verführend, freundlich und wohlschmeckend bei. Ich empfehle sorgsame Restaurants, die für Vegetarier mitdenken und auf Fleischqualität achten, weil ich eigentlich gelernt habe, dass die Aufklärung in Verbindung mit Genuss und Lebensfreude überzeugend ist. Was könnte schöner sein, als den Urlaub nach zwei Monaten in der dritten Heimat mit einem Besuch bei der Caseificio Vittoria zu krönen, um den Biosieg mit 2 Kilo Grana Padano zu feiern?

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Der Veggie Day dagegen erinnerte manchen an einen Eintopftag unschöner deutscher Zeiten – Fleischrationierung wiederum könnte mit dem 20. August 1939 verglichen werden. Offensichtlich fühlen sich die Grünen als kommende Regierungspartei im Bund aber stark genug, ihr Verlangen offensiv und ohne freundlichen Umgang mit dem Souverän zu bewerben. Gefahr droht natürlich keine, denn vermutlich haben sie aus der Geschichte der französischen Revolution gelernt. Sie lassen Marie Antoinette Hofreiter nicht in der Traglufthalle Holzkirchen während des Ramadan gegenüber 300 Männern verkünden, dass sie lieber Falafel essen sollen, wenn sich der Caterer die Beschaffung von vormals billigen Käfighühnern nicht mehr leisten kann.

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Falls doch, würde ich raten, die Bettstangen und Feuerlöscher vorher zu entfernen. Ich meine es als vegetarisch-bewusste Kernzielgruppe der Grünen wie immer nur gut. Es gibt leider manchmal Konflikte ums Essen, und möglicherweise sind sie sogar unter den wohlerzogenen Deutschen nicht ganz ausgestorben. Ich wünschte, alle wären in ihren barocken Stadtpalästen und Residenzen am Tegernsee so gut und vorbildlich wie ich – sie sind es aber nicht. Damit muss man vielleicht auch mal tolerant leben können.

14. Jun. 2016
von Don Alphonso
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09. Jun. 2016
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Mit Buttersäure und Vergewaltigern gegen Europas Inzest

Als der Zirkus in Flammen stand, war kein Wasser zum Löschen zur Hand.
Georg Kreisler

Meine Nachbarn hier in Mantua können froh sein, dass sie nicht in Deutschland leben. Denn sie regen sich gerade über einen, man muss es so sagen, unbeliebten Nachbarn auf. Einen Nachbarn, dem sie gesagt haben, dass alte Wohnzimmermöbel eigentlich keine Gartenmöbel für die kleine Fläche vor dem Erdgeschossapartment sind. Aber das Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen bringt es nun mal mit sich, dass der Herr, der dort übergangsweise wohnt, die alten, schwülstigen Wohnzimmermöbel bequem und praktisch fand. Bis letzte Woche, da waren an die 20 Freunde beim Grillen im proppenvollen Garten, und später die Feuerwehr, weil sich einer der alten Sessel dabei entzündete. Das war nicht schön und roch noch weniger schön. Seitdem gehört meine Ecke von Mantua weniger zur Regionalhauptstadt Mailand als eher zu Gauland. Italiener, das merke ich sehr deutlich, machen sich mehr Sorgen um ihren qualmfreien Weg zum See als um die öffentliche Meinung, die hier ohnehin anders ist.

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Das Thema Entflammung wird in dieser Ecke der Stadt seit letztem Jahr kritisch gesehen. Aber es ist dennoch wirklich schön hier, und Italiener sind halt emotional, da darf man nichts drauf geben. Es ist hier auch nicht so leicht wie etwa in Deutschland, wo die anständigen Leute am Tegernsee wohnen und genau wissen, dass das Gschleaf und die Hobara aus Berlin weder das Geld noch die Neigung haben, ihnen nachzuziehen: Echte durchgentrifizierte Luxusviertel sind in Italien nicht so typisch wie in Deutschland, und selbst im piekfeinen Villenareal von Brescia sind auch verrottete Bauten. Mein Viertel ist wie viele, der Nachbar fährt einen goldfarbenen Jaguar und weiter vorne ist ein kommunaler Sozialbaui. Trotzdem gibt es den in Italien typischen Zusammenhalt im Viertel. Solange man nicht Eiche-Rustikal-Sessel bei einem lauten Fest abfackelt und die Überreste zwei Tage später noch die Strasse am See verunzieren.

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Diese Solidarität im Viertel funktioniert, weil hier auch die Sozialkontrolle noch recht stark ist. Das hat seine guten Seiten, weil hier niemand auf die Idee käme, mit einem Wegbier durch die Gegend zu laufen und damit seiner Familie Schande für die nächsten 10 Jahre zu bereiten, und sich aus dem Heiratsmarkt zu werfen. Auf der anderen Seite erscheinen mir die hier üblichen Kirchgänge und das völlig kritiklose Verehren des Padre Pio ein wenig, also, in Italien würde ich das nie offen sagen, aber, nun, also, Sonntag, finde ich, ist zum Ausschlafen da. Wenn man hier länger lebt, bringen Italiener einen auf Linie. Integration auf eine nette, aber bestimmte Art ohne Vollversorgungsmentalität, die es hier auch sonst nicht gibt. Das macht man hier so, und unter der lauten und emotionalen Oberfläche sind die Menschen durchaus diszipliniert, zuverlässig und nicht sehr individualistisch in jenem deutschen Sinne, der manche dazu bringt, einen mit Buttersäure zu bewerfen, Vergewaltiger zu fördern und Veränderungen pöbelnd zu begrüssen – womit wir beim Thema sind.

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Denn eigentlich bin ich ein Freund zivilisierter Demut und Zurückhaltung, und habe mich sehr auf die weitere Aufarbeitung des Keyloggerskandals bei der tageszeitung gefreut. Die taz vergisst in Zeiten der Rape Culture nie, andere darauf hinzuweisen, dass es bei solchen Übergriffen nicht um einen Einzelfall geht.So etwas liegt immer auch am Umfeld. Und wenn so etwas nun bei der taz erscheint, war ich mir sicher, dass sie es nicht an der nötigen Selbstkritik wird fehlen lassen. Es ist ein spannendes Thema: Wie kann aus dem emanzipatorischen Gendersternchenumfeld so ein Benehmen erwachsen? Die Fragestellung lohnt sich, denn wenn sogar bei der hochgradig problembewussten taz die Rape Culture grassiert, dann muss sie natürlich überall sein. Zu meinem Bedauern jedoch musste ich erkennen, dass die taz mitnichten über sich selbst als Hort der Rape Culture schreibt. Sondern lieber über Gauland. Mit Witzchen, weshalb es in der satirischen Kolumne “Die Wahrheit“ steht: “Was tun, wenn einem der böse Nachbar nicht gefällt? Was tun, wenn dieser Nachbar auch noch Gauland heißt?“ Die Antwort liefert die taz gleich mit: Vergrämen. Zum Auszug bringen. Mit Buttersäure und übler Nachrede.

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Es gab bereits einen Anschlag auf das Haus von Gauland und ein Bekennerschreiben, die taz macht munter weiter mit Empfehlungen für Straftaten, die ihr angemessen erscheinen. Die Zeitung, die sofort eine Forderung nach Verbot der AfD verfassen würde, käme jemand dort auf die Idee, den Einsatz von Buttersäure gegen ein Migrantenheim in der Nachbarschaft zu empfehlen – diese Zeitung rät zu Kartoffeln im Auspuff. Was im besten Fall Sachbeschädigung und ein gefährlicher Eingriff in den Strassenverkehr ist. Und sie rät zu Brot in den Scblössern.

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Das steht da mit ein paar Witzchen auf dem Niveau, das der Geschichtskundige aus SA-Zeitungen von 1932 kennt. In einem Klima, in den ohnehin Anschläge auf politische Gegner täglich passieren, empfiehlt die taz, rechtsgerichtete Nachbarn mit Straftaten zu verscheuchen. Als Satire. Satire, weil sie ein paar Witze über Problembären und Maulwürfe einstreut. Eine Zeitung, die für Toleranz gegenüber Migranten wirbt, schlägt vor, den Nachbarn bewusst zu schädigen.

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In die freie Wohnung könnten dann zugewanderte Sexualstraftäter ziehen, wenn es nach dem Willen der ähnlich linken Zeitschrift der Rosa Luxemburg Stiftung geht. Dort erschien ein Beitrag zur Frage, wie man mit der Silvesternacht von Köln umgehen soll. Massimo Perinelli, ein Mitarbeiter der mit einem zweistelligen Millionenbetrag staatlich geförderten Stiftung, weist die Hauptschuld an den Übergriffen den Umständen zu, in denen die Migranten leben müssten, und weder eine Frau mit nach Hause nehmen, noch ihr ein Bier ausgeben könnten. Ausweisen dürfte man die Täter jedenfalls nicht, weil sie eine Gefährdung für die Frauen daheim wären.

buttersa

Wenn es nach dem Mitarbeiter der parteinahen Stiftung geht, bedeutet das, dass der gewalttätige Migrant sich seinen dauerhaften Aufenthalt erwerben kann, indem er hierzulande Frauen sexuell missbraucht. Dann kann man ihn nicht abschieben, weil er sonst daheim ein Risiko ist. Dass der Sexualstraftäter dann weiter in Deutschland ist und hier eine Bedrohung darstellt, wird im Zeichen der internationalen und antideutschen Solidarität in Kauf genommen. Das Herkunftsland hat ein Problem weniger, Deutschland hat ein dauerhaftes Problem mehr, und für Migranten eröffnet sich ein leichter Weg, einer Abschiebung zu entgehen: Sie müssen nur Sexualstraftaten begehen und sich erwischen lassen. Die Linke wundert sich gerade, warum ihre Wähler direkt zur AfD abwandern: Möglicherweise wollen sie Boateng, aber nicht für immer eine steigende Zahl von Bleiberechtsvergewaltigern oder Politiker, die so etwas fördern, in ihrer Nachbarschaft. In Zeiten der Buttersäuresensibilisierung und Vergewaltigungsakzeptanz für Deutsche ist es dann auch nicht wirklich eine Förderung der guten Nachbarschaft, wenn ein Spiegel-Redakteur mit Migrationshintergrund so eine – mittlerweile gelöschte, aber weithin beachtete – Aussage veröffentlicht.

tazd

Da steht in etwa das, was AfD-Anhänger den Medien unterstellen: Dass sie von Aktivisten benutzt werden, die eine eigene Agenda haben und versuchen, Deutschland zu übernehmen. Ganz offen, ganz ehrlich, so wie andere ganz offen für Buttersäure und Vergewaltiger argumentieren. Natürlich ist das ein gefundenes Fressen für die Rechte, aber so steht es nun mal im Internet.

buttersd

Es gibt Parteien und Medien, in denen solche Einstellungen verbreitet sind. Das sind, wenn ich das unbescheiden aus der Ferne sagen darf, nicht die Einstellungen, die man am Tegernsee hat, oder in anderen besseren Kreisen, die ich so kenne. Ja, ich befürchte gar, dass auch niedrigere Schichten frei reden und ihre Ablehnung von sexueller Gewalt ausdrücken wollen, ohne bei Facebook mit erfundenen sexuellen Verfehlungen an den Pranger gestellt zu werden. Zwischen dem, was auf der migrationsfreundlichen Seite als angemessene Reaktion gesehen wird, und dem, was gesellschaftlich als angemessen gilt, klafft ein Abgrund, den man am besten mit Anzeigen und Strafverfahren überbrückt, und es wundert mich gar nicht, wenn auf der anderen, enthemmten Seite dann jemand mit dem Keylogger arbeitet. Oder Artikel mit solchen Bildern garniert, wie es Spiegel Online tut.

bentof

Die Verärgerung meiner Nachbarn über den Kleinbrand ist irgendwie nachvollziehbar. Sie wird sich auch wieder legen. Es sind gute Nachbarn, ich habe sie gern und hoffe, dass sie mich auch gut leiden können, wenn ich freudig grüssend an ihnen vorbei radle. Aber ganz ehrlich: Mitarbeiter der taz, der Rosa Luxemburg Stiftung und des Spiegels würde ich, kämen sie an den Tegernsee, zuerst einmal begutachten, bevor ich mir eine Meinung bilde. Es ist bei uns nämlich so, dass sich die Hausgemeinschaft auch gegen einen Käufer aussprechen kann, wenn er nicht passt. Sollte ein Kollege also überlegen, später einmal die nördlichen Schmelztiegel des neuen, nicht mehr inzestuösen Deutschlands zu verlassen und seine Ruhe bei uns in den Bergen zu finden, wo die Gebirgsschützen seit jeher mit dem Vorderlader und Schrot bürgerwehren: Er lasse die Buttersäure besser daheim, und den anderen ihre Meinung. Sonst wird man bei uns nicht alt.

Und den Platz auf dem Bergfriedhof muss man sich auch erst leisten kön

09. Jun. 2016
von Don Alphonso
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03. Jun. 2016
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Keinen Fussbreit Mietwohnung dem Rassismus

Man kann die Philosophie nicht mit “Ich“ anfangen.
Lenin

Ich finde ja, einer der interessantesten Aspekte bei sog. Machtergreifung der Nazis ist die sozialistische Komponente der Bewegung. Wie heute auch, behaupteten Linksextreme und offene Rassisten, dass es keine Gemeinsamkeiten gäbe, aber tatsächlich gab es Plattformen, auf denen man bestens kooperierte. 1932 etwa wurde in München der “Kampfbund gegen Mietwucher“ gegründet, in dem Nazis und Kommunisten den gemeinsamen Feind zu bekämpfen– die angeblich prekäre Existenzen ausbeutende Klasse der Hausbesitzer, die nicht selten jüdischer Herkunft war. Angefeuert wurden solche Bündnisse durch die Parteipresse: Die Nazis waren ohnehin antisemitisch, die KPD hatte sich als Arm Moskaus und in Abgrenzung von Trotzki ebenfalls einen judenfeindlichen Ton angewöhnt. In den jeweiligen Parteiorganen wurden passende Sozialreportagen verbreitet, und im gerechten Gefühl seiner früheren Ausbeutung wähnte sich der Volksgenosse später berechtigt, sich bei Familien Rosenberg den Bechstein zu “borgen“, wo sie ihn doch nicht nach Palästina oder Theresienstadt mitnehmen konnten.

gauli

Die Zeit der Weltwirtschaftskrise war für Mieter wenig erbaulich, es gab fraglos den ein oder anderen unangenehmen Kapitalisten jüdischer Herkunft, und an den hängte man es damals als ideologietreuer Journalist auf, und übertrug die Vorwürfe auf alle anderen: Vermieter boten sich an, sie hatten das Vermögen, das die totalitären Regimes für den Aufbau ihrer Armeen und Unterdrückungsapparate brauchten. Was dem Stalinisten seine Wohnungskommission war, war dem Nazi seine Arisierung – beide versprachen dem Volk mit der Abschaffung des “Plutokraten“ billigeres Wohnen. und natürlich zahlt kaum jemand gern Miete. Bei mir ist das übrigens anders, denn entgegen meiner hausbesitzenden Gewohnheiten habe ich gerade wieder meine übliche Wohnung im schönen Mantua gemietet. Es ist, weil ich nicht dauerhaft dort lebe, einfach praktischer so, und meine Vermieterin hier ist, wie ihre Kollegin in Siena, ein echtes Goldstück. Heiraten kommt mir nach ein paar Wochen mit solchen tatkräftigen Frauen gar nicht mehr so widersinnig vor wie daheim. Deshalb zahle ich auch gern Miete, als Anerkennung ihrer Freundlichkeit.

gaulf

Andere Deutsche machten das früher nicht gern, und das hat sich auch nicht geändert. Auch strukturellen Rassismus gibt es auch heute noch: Jüngst etwa hat die Aktivistin Margrete Stokowski bei Spiegel Online über deutsche, männliche Gewalt geschrieben und eine Massenschlägerei zwischen nicht gerade höflichen, afrikanischstämmigen Strassenhändlern und einer Gruppe Betrunkener aus der Schweiz auf Mallorca deutschen Männern in die Schuhe geschoben. Wer derbste Vorurteile bei der Arbeit sehen will, bitteschön, bei Spiegel Online fliegt man für solche Falschdarstellungen nicht, man liest darunter eine metaironische Entschuldigung Marke “Das ist so nicht gemeint, nehmt es nicht so ernst“. Man kennt diese Strategie auch von der AfD, die gerade wieder wegen Herrn Gaulands Aussagen mit Blick auf einen Fussballer im Kreuzfeuer der Kritik steht – und in der Folge stellt sich nun exakt wieder jene Frau Stokowski hin und macht das, was unsereins, Vermieter seit drei Jahrhunderten, inzwischen sattsam bekannt vorkommt – sie unterstellt bei SPON, belegt mit ein paar Anekdoten mit Quelle Internet, dass Rassismus unter den Vermietern vollkommen üblich sei.

gaulb

Dabei ist sie doch gar keine Vermie

Aber es ist wie immer kompliziert. Es gibt wie immer solche und solche. Speziell in den Orten, in denen ich lebe, ist es wirklich nicht leicht, Wohnraum zu finden, und Vermieter können sich ihre Mieter nach Lust und Laune heraussuchen. Das mache ich übrigens ganz genauso – als ich das vorletzte Mal eine Wohnung im Klenzeviertel vermietet habe, meldete sich unter vielen Gentrifizierungsgewinnern auch ein junger, schwuler Tanzlehrer. Den habe ich sofort genommen, denn das Klenzeviertel wurde wegen der schwulen Paradiesvögel toll und begehrt, und ich möchte nicht, dass mein altes Ausgehviertel von Brautmodengeschäften und Kinderwägen überschwemmt wird. Ich finde es gut, wenn das Klenzeviertel so weit wie möglich verrückt und anders bleibt, denn München ist eh zu langweilig.

gaule

Damit diskriminiere ich natürlich weisse, alleinstehende Karrierefrauen aus dem mittleren Management und transnationale Patentanwälte, die alle paar Wochen in München sein müssen, und sich ebenfalls beworben haben. Es gibt keine passenden Umschreibung für die Diskriminierung vermögender Menschen, solange man sie nicht wie im Stalinismus summarisch exekutiert, aber natürlich gibt es auch Bereiche des Lebens, in denen Reichere klar ausgegrenzt werden: Fahren Sie mal mit Ihrer S-Klasse mit Starnberger Kennzeichen und Kleidung von Armani durch Kreuzberg, lassen Sie “Feminism is Cancer“ auf die Tür schreiben und versuchen Sie, damit eine Lesung der der von bekannten Feministinnen gefeierten Israelfeindin Laurie Penny zu besuchen, dann wissen Sie, was ich meine. Man ist reich, weil dann vieles einfacher ist, aber das heisst entgegen landläufiger Vorstellung nicht, dass danach alles von selbst geht.

gauld

Oder anders gesagt: Entscheidungen für oder gegen Personen werden nie aufgrund eines einzigen Kriteriums getroffen. Als Vermieter kann ich das nicht eindeutig festmachen: Wir sind vom alten Schlag, man merkt einfach, wenn es passt. Mieter müssen zum Haus und seinen Vor- und Nachteilen passen, zur Hausgemeinschaft und – in einer gewissen Breite – auch zur Sozialstruktur. Wenn man im dritten Stock eine junge Familie mit aktuell lautem Kind hat, wird man im Stuck drunter vielleicht doch eher eine Wochenendheimfahrerin bevorzugen. Leute, die alte Dielen abschätzig anschauen, sind einfach nichts für Altbau. Ausserdem ist Mieten immer eine Sache auf Zeit: Kein Vermieter mag allzu flexible Leute, die einen zur schnellen Neuvermietung zwingen. Da ist einem der Deutschlibanese, der hier drei Jahre studiert, ohne jedes Regionalvorurteil wirklich näher als die Hannoveranerin, die bei Facebook ihren Freunden gegenüber zugibt, dass sie nur 6 Wochen zu bleiben gedenkt, weil sie hier nicht länger auf Station ist. Ich habe nichts gegen Hannoveraner, aber so geht es nicht.

gaulg

Vermieter, das ist nun mal generell immer so, wenn es um Dienstleistungen geht, bevorzugen solvente Kunden. Das ist in den besseren Lagen mit Auswahlmöglichkeit oft, aber nicht immer ein K.O.-Kriterium für viele Gruppen von Menschen. Ich bin da anders, ich habe noch nie eine Vermögensauskunft sehen wollen, und wenn man aus meiner Schicht stammt, erkennt man ohnehin nach 10, 15 Minuten, ob jemand dazu gehört oder nicht. Aber auch das garantiert nicht, dass derjenige dann die Miete zahlt – da kann es genauso sein, dass der Betreffende wegen einer eigentlich bekannten Lappalie die Miete mindert. Generell bieten deutsche Gesetze nur sehr enge Spielräume, in denen sich beide Parteien verhalten müssten: Wichtig ist es, Leute zu finden, mit denen man flexibel in einem guten Verhältnis sein kann. Das gute Auskommen ist das absolut wichtigste Kriterium.

gaula

Deshalb gibt es auch eine Diskriminierung von Männern. Frauen bekommen nicht leichter eine Wohnung, weil sie etwa Bein zeigen, sondern weil sich unter Vermietern hartknäckig die Einschätzung hält, sie seien insgesamt sauberer, höflicher, weniger anfällig für Alkoholexzesse und zuverlässiger. Sie nutzen, das ist biologisch aufgrund des geringeren Gewichts nicht zu bestreiten, den Boden nicht so schnell ab. Ein Mann, der sich nur von Lieferpizza ernährt, verursacht einen Haufen Papiermüll und zieht mehr Werbung im Briefkasten als eine mülltrennende Köchin nach sich. Gleichwohl kenne ich keinen genderistischen Beitrag, der versucht, diese Vorurteile gegenüber Männern aufzuklären und Chancengleichheit ohne sexistische Mythen einzufordern – was übrigens leicht wäre, würde man mal Bilder aus Wohnungen von Berliner Genderistinnen veröffentlichen.

gaulk

Manche Diskriminierung wird staatlich von genau denjenigen erzwungen, die angeblich mit der Mietpreisbremse helfen und Frauen fördern wollen: Demnächst will das Familienministerium Sexarbeitende erpressen, sich behördlich registrieren zu lassen. Es ist absehbar, dass dieses Kontrollwahngesetz viele Frauen privat dazu bringen wird, ihre Vermieter in Bezug auf ihre dann amtlich festgestellte Tätigkeit anzulügen, um überhaupt eine Chance auf einen privaten Mietvertrag zu haben. Das ist mietrechtlich für sie hochgradig problematisch und setzt sie aufgrund der Gesetzeslage der Gefahr aus, bei einer Aufdeckung aus der Wohnung zu fliegen. Die Politik der grossen Koalition läuft auf eine krasse Diskriminierung eines legalen Berufsstandes hinaus. Über diese Folgen liest man vom quasi amtlichen Feminismus zumeist kein Wort – Schwesigs Haus macht auch Anne Wizorek zur Sachverständigen und bezahlt Parties. Frauenrechte sind im Lobbyismus immer eine Frage der passenden Loyalität.

An diese Stelle zum International Sexworkers‘ Day meine Verehrung und Hochachtung für alle Hübschlerinnen, meine Mitstützen der Gesellschaft.

gaulj

Natürlich gibt es ethnische Probleme. Man versuche, aus einer Japanerin direkt heraus zu bekommen, dass die Heizung nicht anspringt. In Deutschland wäre das ein Satz, in Japan ist da wohl eine Gefahr, dass der Vermieter sein Gesicht verlieren könnte, und deshalb dauert es lang. Dass ich hier in Italien als Mieter doch recht gut ankomme, gern gesehen und auch postalisch das ganze Jahr erreichbar bin, liegt nicht am Geld, sondern an meinem Bemühen, mich einzufügen und anzupassen. Gerade ist Mittag. Ich stolpere nicht durch das glutheisse Mantua und stürme im letzten Moment Geschäfte, die schliessen wollen, ich beleidige italienisches Stilempfinden nicht mit der Sportsandale, ich sitze daheim und schreibe still meinen Beitrag, ohne die ausruhende Nachbarin zu stören. Ich lasse den Sportwagen stehen, wenn ich nicht ein Nachbarskind um den Block fahre, und strample wie alle anderen mit einem Stadtrad in die Stadt hinein. Ich gebe mir Mühe. Alle sind nett zu mir. Italiener können auch rassistisch sein. Es gibt hier Parteien, die über Ausländer, ganz gleich ob afrikanische “Clandestini“ oder besserwisserische Deutsche angesichts der Wirtschaftskrise so reden, wie bei diversen Meddien heute über weisse Männer geschrieben wird. Es gibt Rassismus, aber die meisten wollen einfach, dass es passt. Und sie freuen sich, wenn man ihre Lebensweise annimmt und deutsche Marotten zurückstellt.

gaulc

Nicht jede Entscheidung, die da getroffen wird, muss allen gefallen. Es gibt Bevorzugte und Benachteiligte, und ich kenne Vermieter, die nach schlechten Erfahrungen einfach sagen, dass sie keine Ausländer und sozial Benachteiligten mehr nehmen, weil sie keine Lust haben, sich bei Konflikten von einem Mob als Menschenfeinde beschimpfen zu lassen – insofern tragen einseitige Medien klar zur Verhärtung der Fronten bei. Die Typus der maulenden, hassenden, die Schuld bei anderen suchenden Journalistin ist als Mieterin wohl nicht ganz selten, er ist fraglos unbeliebt und wir alle hätten einfach gern unsere Ruhe. Es ist ein Geschäft, es ist eine Dienstleistung, man will gut auskommen, und wer das nicht will und Vermietern einseitig Rassismus unterstellt: Unter den Brücken gibt es öffentlichen, kostenlosen und rassismusfreien Raum – das BGE unter den Mietverhältnissen. Eigentum verpflichtet – uns nicht, jede fehlende Erziehung und schlechtes Benehmen zu akzeptieren.

gaul

Denn natürlich gerät zwischen Klassen und Ethnien ab und zu etwas aus den Fugen. Natürlich gibt es Konflikte und Vorurteile, die manchmal auch einfach bestehen bleiben werden. Gegensätze kann man im Internet aushalten, aber innerhalb eines Hauses ist es schwierig, speziell angesichts des deutschen Mietrechts, das Mieter klar bevorzugt, und einer Öffentlichkeit, in der Vermieter gern von Leuten ohne jede Reflektion diffamiert werden, wie Anno 1932. Gerade diese Persönlichkeiten wären aufgrund ihrer Selbstherrlichkeit eigentlich ideale Besitzer alteuropäischer Schlösser und Palazzi, und ich kann hier nur freundlich raten, vielleicht ein wenig zu sparen, die Zinsen zu bedenken und sich der Mühe zu unterziehen, eine Immobilie zu erwerben. Dann ist nicht nur das Mieterelend vorbei, und man versteht dann auch Standpunkte der besitzenden Klasse.

03. Jun. 2016
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28. Mai. 2016
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Lustvoll der Ausrottung entgegen

PRVDENTI NON DEFICIT ALTER

Ich glaube, ich rieche auch nach der Dusche noch nach den Abgasen von Bugattis, Ferraris, O.S.C.A.s und vor allem nach diesem Maserati, Startnummer 437. Ich bin hinter ihm durch blaue Schwaden über die Strasse gelaufen, da war die Luft mit Teufelspest gesättigt, irgendwie klebt das in den Poren.

mop

Ich habe es immer noch in der Nase. Vielleicht ist es Einbildung, vielleicht etwas Sehnsucht nach den tollen, lauten, nassen, heissen, stinkenden Tagen. Ich bin mir nicht sicher, ob mir der Geruch nicht doch gefällt, aber ich lasse das Verdeck zurück gleiten und mich dann, 270 Kilometer weit über die Toskana und die Poebene durchblasen und saubertrocknen.

mon

Bei Poggibonsi bekomme ich Gesellschaft, ein britischer Aston Martin zieht auf die zweispurige Autobahn. Ich muss nicht auf den roten Pfeil mit der Aufschrift 1000MIGLIA auf dem Heck schauen, ich weiss, was er hier tut. Italien ist gerade voll mit schnellen Autos, und in einem Tunnel fährt er neben mich, lässt die Seitenscheibe runter, und dann hören wir uns an, wie es klingt und bebt, wenn ein Aston Martin und ein 3,5-Liter-V6 im Tunnel im Duett wie zwei Höllenhunde losbrüllen.

mor

Nicht schlecht, aber wenn man ehrlich sein soll: Alte, gerade, glühend heisse Eisenrohre direkt an der Brennkammer klingen immer noch besser.

moh

Und danach rollen wir gesittet weiter durch die Landschaft, und bekommen Gesellschaft durch andere Schlachtenbummler. Lauter Männer, die sich gerne alte Automobile anschauen und deshalb an einem Mittwoch oder Donnerstag im Mai in ein anderes Auto steigen, nach Italien fahren und das betrachten. Weil es geht. Weil wir privilegiert sind und über das eigene Leben bestimmen. Wir sind hier, weil andere es nicht sein können, aber so ist das eben. Es gbt auf dieser Welt für manche einen Platz im Büro, für andere auf dem Migrationsschiff und für ein paar wenige, meist in diese Welt so geborene Menschen einen Ledersitz in einem schnellen Wagen auf der Autostrada zwischen Siena und Florenz.

mod

Einfach nur, weil sie ein paar andere Autos anschauen wollen. Ganz einfach.

mnc

Würden wir uns alle durch den Berufsverkehr quälen oder die Autobahn hinaus nach Starnberg mit anderen verstopfen, mit all den Opels und Minis, wären viele auch nicht begeistert. Hier sind wir in Italien, wir stören keinen und tun etwas für die italienische Wirtschaft. Kinder drücken sich die Nasen an den Scheiben der Fiats und Lancias platt. Wir kennen diesen Blick. So haben wir gerade auch geschaut.

mof

Auf die antiquierten Objekte unserer Begierden.

mnt

Wir sind nicht schlecht oder böse, die Welt ist halt so, es gibt ein Unten und ein Oben und das Oben – mit all seinen Nachteilen – haben sich die meisten nicht herausgesucht. Wir sind keine amoralischen Verschwender wie die letzten, degenerierten Medici, die das Grossherzogtum Toskana zugrunde richteten, aber auch kein heiliger Franz, der drüben in Assisi allen Besitz ablehnte. Wir sind eine Notwendigkeit des Schicksals und wenn wir es nicht täten, würden es vermutlich andere machen. Die Menschen in den Booten vor Libyen träumen nämlich nicht von einem Rad oder einem alten Auto, sondern von dem Dasein, das wir leben.

mok

Ein Dasein mit vielen Freiheiten. Es ist nicht schlecht, es ist einfach so, und es war schon früher so. Der Kapitalismus hat diese Autos ermöglicht und diese Strassen, er hat dem Kommunismus besiegt und auch im Osten muss sich keiner mehr Vorwürfe anhören, wenn er sich hier dekadente Bilder anschaut. Natürlich sind das auch Bilder einer Klassengesellschaft. Aber deshalb sieht es auch nicht aus wie das Wolga- und Trabbitreffen in der Uckermark.

mnv

So gleitet der Wagen also Richtung Florenz, ein jeder ist auf seinem Platz und eigentlich ist es viel zu schön, um sich vom neokommunistischen Nachfolgeasozialen ausrotten zu lassen, aber: Obwohl ich niemandem etwas zuleide tue, obwohl ich meine Anwesenheit im Sinne der Bildberichterstattung gut begründen kann, und Pressefreiheit auf dieser Strasse lebe, stehe ich daheim auf der Abschussliste. Denn das Volk liest nicht viel von den eleganten Linien eines Jaguars XK120

mnq

oder vom Donnern eines SSK.

moi

Das Volk liest eher, dass die Mietpreisbremse nicht funktioniert. Verbrämt heisst das von “Journalisten“ die nichts Gescheites gelernt haben und deren Medien ihnen keine Teilnahme an der Mille Miglia erlauben, und die damit PR in eigener, wohneigentumsloser Sache betreiben, dass Vermieter zu viele Anteil an ihrem geringen Einkommen erhalten. Ich höre so ein Gewinsel nie von Softwarearchitekten, das kommt immer nur aus den Städten, die das Schreibpersonal in Randlagen rausgentrifizieren. Das ist nicht schön. Aber viele Automarken der Mille Miglia gibt es nicht mehr, und über deren Arbeiter verloren diese Leute keine Träne.

moo

Tränen kommen nur bei den eigenen Problemen. Nie von den edelblauen Abgasen echter Autos mit echten Fahrern.

moj

Warum soll ich jetzt mitfühlen, wenn sie nun in den schlechteren Vierteln die beengten Wohnverhältnisse einer Arbeiterfamilie kennenlernen? Nun, weil sie die Auffassung vertreten, dass die Mietpreisbremse verschärft werden soll. Dass sie dabei indirekt zugeben, dass sie das benötigen, um mehr Geld für Grundbedürfnisse wie Pizzalieferdienste und iPhones zu haben, stört sie vermutlich weniger als mich das leicht unsaubere Framing des Bildes. Jeder eben auf seinem Platz beim Klagen.

mnm

Natürlich rede ich mich leicht. Natürlich habe ich das nicht erarbeitet, das haben Generationen getan, genossen, bewahrt und dann so viel weiter gegeben, dass es auch für andere noch reichte. So geht das nun mal. Vollkommen mit eigener Hände Arbeit, ganz allein, macht das aufgrund der staatlichen Fürsorge bei uns ohnehin keiner, und selbst dann reicht das, wie es der sozial engagierte Schreiber an sich selbst erleben muss, nicht zu meinem Platz in der Toskana. So ist es nun mal.

mnk

Dennoch stehen wir uns nun antagonistisch gegenüber. Jahrelang wurden in Deutschland die Mieten künstlich niedrig gehalten, dass solche Nachwuchstalente ihre Autorenkarrieren billig in vielen Städten basteln konnten, während unsereins nebenbei Rohre entkalkte und Siphons leerte. Jahrelang haben uns solche Figuren von den Freuden des Zinspapiers und des Neoliberalismus erzählt. Jetzt gewinnen wieder die Hausbesitzer. Wie zu Bugattis Zeiten. Es ist nicht meine Schuld, wenn opportunistische Wiesel auf der falschen Seite der Geschichte enden und unter die Räder kommen.

mnp

Wobei wir dennoch alle herangezogen werden, wenn es um die Finanzierung von Elektrotrabbis nach dem 5-Jahresplan der Volkskammer Parlament geht. Zudem kommt sicher noch, wenn sich zeigen sollte, dass nicht ganz so viele Ärzte aus dem nicht ganz syrischen Kabul und Casablanca kamen, eine neue Debatte über Benzinsteuern. Rente mit 73 ist schon im Gespräch. Mit 73 sehen wir als Playboys sicher nicht mehr so gut aus wie dieser BMW328.

mnx

In meinem Fall ist es egal, meine Ablehnung der Unterschicht im eigenen Beruf reicht für Beiträge, bis ich 180 bin. Tatsache ist aber, dass auch überall gerade mehr Vermögenssteuer gefordert wird, um angebliche Reiche zu schröpfen, und wegen Gerechtigkeit. Was danach übrig ist, soll beim Vererben auch nochmal wegen Gerechtigkeit geschröpft werden. Und damit es beim Manne nicht so viel wird, soll zur Frau hin eine in amerikanischen Studien berechnete Gender Pay Gap zwangsgeschlossen werden. Dafür witd dann auch Objektifizierung in der Werbung verboten – laden Sie sich das nächste Bild runter, bevor es eine Frauenbeauftragte wegklagt.

mos

Oh, und haben Sie schon gelesen, dass es bei Besitz und dessen Einzug jetzt eine Beweislastumkehr nach Willen der SPD gegen soll? Seitdem bin ich für die Einführung einer 10%-Hürde bei Wahlen. Wir haben den Kommunismus besiegt, damit wir alle schöne Autos kaufen können und nicht, um den Stalinismus durch die Hintertür einzuführen – für alle, die von Gabriel keine eigenen TTIP-Schiedsgerichte geschenkt bekommen, um ihre Ziele unbelastet vom Rechtsstaat mit den Gabriels dieser Welt auszuklüngeln.

mnn

Natürlich steht nirgendwo, dass man mich jetzt explizit ausrotten möchte. Man würde mir schon das nackte Leben und vielleicht ein Rad lassen, und eine neue Kette alle vier Jahre. Gerade kam diese Prognosstudie zur regionalen Entwicklung in Deutschland – da bin ich an allen Wohnorten ganz vorne mit dabei, und der Reichshauptslum Berlin ist beim Reichtum auf Platz 400 von 402. Ich verstehe, dass das Begehrlichkeiten weckt, das geht mir hier bei manchen Auto ganz ähnlich.

mns

Trotzdem lesen Sie hier keinen Beitrag, in dem ich ein bedingungsloses Grund-Millemigliateilnehmen fordere, oder eine Staats300SL in Spritzfarben. Ich komme aus der richtigen, alten Klassengesellschaft, wo man den Staat so weit wie möglich meidet und die eigenen Dinge selbst regelt “Da kommt die Fürsorge“ war in den Zeiten dieses Automobils etwas ganz Schreckliches.

mnl

Heute ist es üblich, die Fürsorge des Staates zu rufen für jeden, der da kommen und fordern mag. Das sind viele und wir, nun, wir sind zwar gerade auf der Autobahn Richtung Ziel in Brescia schon viele und hinter Modena ein paar Tausend PS im Convoi, alle zusammen, aber in absoluten Zahlen eine Minderheit. Als solche wird man geschützt und bevorzugt, wenn man zu den kopftuchtragenden Antisemitinnen gehört, Verständnis für die Terrortruppe der Hamas kurzfristig verschweigt und Feminismus vorgaukelt. Aber nicht als mitelalter weisser Mann, bei dem alle nur die wehenden Haare im Fahrtwind sehen, und nicht die Arbeit, die in Zeiten wie diesen die Erhaltung und Bewahrung des Geerbten bedeutet. Und die Benzinrechnung will auch kein Politkommissar zahlen.

mnd

Ich komme damit schon zurecht, und mehr habe ich auch gar nicht von diesem Staat erwartet. Vermutlich ist es ohnehin wie bei der Mietpreisbremse, man macht erkennbar wirkungslose Gesetze und am Ende staunen die Kollegen wieder, dass sie erneut für alles und für die geschenkten Menschen zahlen müssen. Wenngleich sie weniger Risiken als normale Arbeiter erdulden müssen, weil sie ihre Rübe-Ab-Forderungen für unsereins sprachlich eloquenter als Islamisten und deshalb konkurrenzlos vortragen.

mnb

Aber bis dahin werde ich vermutlich immer wieder neue Verteilungswünsche für mein Gut und das anderer Leute lesen, und Selbstbereicherungsverlangen durch Leute, die auch mal im Uranbergwerk zeigen könnten, was wirklich in ihnen steckt. Ich hätte durchaus Achtung vor der arbeitenden Klasse der neuen DDR, aber wenn schon, dann bitte richtig und in Wismar. Denn in so einem Land der sozialen Gleichschaltung braucht man auch wieder billigen Strom für die Elektrotrabbis.

mnw

Ich bin mit Rene Brosig dennoch einer Meinung, dass wahrhaft gerechte Verteilung nach Leistung nicht geht, weil wir die arbeitsscheuen Linksaktivisten nicht verhungern lassen können – aber weitergehende Forderungen sind wirklich nicht gut begründet. Selbst wenn die SPD sie ins Parteiprogramm aufnimmt, um von ihrem Ausverkauf durch TTIP abzulenken.

mno

So ist das. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen, es darf gern sozial bequem wie das Alcantaraleder unter mir sein. So geht es dahin mit den anderen, die alle das schöne Wetter geniessen. Aber letztlich bin ich dann doch recht froh, als ich meinen Drittwohnsitz Mantua erreiche – reichlich spät, um mich von der Mille Miglia drüben in Brescia noch zu verabschieden.

mnr

Statt dessen gehe ich in den Palazzo Ducale und schaue die herrlich arroganten Höflinge der Gonzaga auf den Fresken von Andrea Mantegna an. Solange, bis sie abgeschlagen werden, weil das kulturferne Plebs in den Gazetten gleiche NVA-graue Wände für Alle verlangt, die Stoffverschwendung durch gerafften Goldbrokat verurteilt, die Frauenquote nicht erfüllt sieht –

moq

und am Ende bemerkt, dass Andrea Mantegna gar keine Frau war, wie es die feministische Kunstgeschichte in Nordrhein-Westfalens Hochschulen lange geglaubt hat.

28. Mai. 2016
von Don Alphonso
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25. Mai. 2016
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1000 Meilen Heimat

Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt.
Filippo Marinetti

Heimat steht da. Fett. Heimat. Der ganze Satz lautet “Wer die Heimat liebt, spaltet sie nicht“ und ist eine Wahlaussage des grünen Kandidaten Van der Bellen. Ich stehe im Stau in Innsbruck, es regnet, es schütttet, und Van der Bellen steht auf einer sonnigen Bergwiese, wo die Wahlkampfstrategen ihn postiert haben. Van der Bellen wird von Städtern gewählt, denen die Lage der Bergbauern in ihrer Heimat sonstwo vorbei geht, aber es ist eine schöne Kulisse, und die Grünen haben sich jetzt mal überwunden, das Wort Heimat auf ein Plakat zu drucken. Es blieb ihnen wenig anderes übrig, Hofer von der FPÖ überschwemmte das Land mit dem Wort Österreich. Die FPÖ beschwor, die Grünen machten Zugeständnisse. Das Land war schon vor der Wahl gespalten in Städte und ländliche Regionen, das hat sich jetzt fortgesetzt.

mml

Gewonnen hat nicht Van der Bellen, sondern der Konflikt zwischen denen, die das Land kennen und denen, die davon nur ab und zu eine Bergwiese zu sehen bekommen, wenn sie die Stadt verlassen. Ich quäle mich durch den Stau und den Regen Richtung Bundesstrasse hoch zum Brenner, wo die von Innsbrucker Gentrifizierern angeschwollenen Dörfer in den Wolken verschwinden, vorbei an den Kapellen, die an Andreas Hofer und seine Tiroler Bauern erinnern, die von hier aus die Bayerisch gehaltene Stadt Innsbruck eroberten, und dort ihr moralisch strenges Bergbauernregiment errichteten. Keine neumodischen Impfungen mehr, die in Gottes Heilsplan eingreifen, keine unzüchtige Kleidung: Der Kampf des Landes gegen die Stadt und der Stadt gegen das Land ist alt, eine Konstante in der europäischen Kultur.

mms

Ich mache eine Landpartie, ich fahre nicht nach Brescia in der Lombardei zum Start der Mille Miglia im Regensturm, sondern ein paar Kilometer weiter nach Valeggio sul Mincio, einem Dorf am westlichen Rand des Veneto.

mmz

Ich komme genau rechtzetig an. Ich habe mich kaum unter einer Markise vor dem Schauer verkrochen, da überschlägt sich auch schon die Stimme des Moderators, und der erste Wagen kommt an. Ein O.M. wie der, der 1927 die erste Auflage der Mille Miglia von Brescia nach Rom gewonnen hat. Belissima ruft der Moderator, er wird es noch öfters an diesem Tag sagen, und die Menschen und die Tropfen klatschen, klatschen, klatschen.

mmn

Es ist ein echtes Dreckswetter, und trotzdem ist Valeggio auf den Beinen. In früheren Jahren mied der Corso der schönsten klassischen Autos den Ort, da raste man am Abend und in der Nacht nach Verona. Seit ein paar Jahren wurde die Geschwindigkeit rausgenommen, die früher übliche Raserei gibt es nicht mehr, und die Autos müssen sich auch nicht durch den Berufsverkehr von Verona quälen: Die Mille Miglia fährt die kleinen Landstädte an, die sich bereitwillig öffnen und den Weg frei machen.

mmx

Valeggio ist eine dieser Perlen entlang der Strecke, die nur wenige kennen. Angeblich die Stadt, in der die Tortellini erfunden wurden, und dazu gibt es auch eine Sage, ein grosses Fest und 364 andere Tage im Jahr Restaurants, die gut von der Legende leben. Valeggio ist ein Fressdorf, beliebt bei Bauernhochzeiten, Geburtstagen und sonntäglichen Familientreffen. Wenn die Fahrer Zeit hätten, würde man ihnen ja gern Tortelli servieren, scherzt der Moderator, als dann die Kaskade der Alfa Romeos knatternd in das Dorf einfällt.

mmk

Vor dem Krieg hat hier meistens Alfa Romeo den Sieg davongetragen. Es war die Zeit des Faschismus, und die Mille Miglia so etwas wie die Leistungsschau der italienischen Automobilbauer. Mussolini persönlich engagierte sich, dass die Richtigen die Lorbeerkranz trugen. Seine Paladine liessen sich mit den Helden der Landstrasse ablichten, Tote wurden billigend in Kauf genommen: Es gab in der Frühzeit des Automobils viele gefährliche Rennen, aber das gefährlichste Spektakel, die Mille Miglia versteht man nur, wenn man Gabriele d’Annunzio und Filippo Marinetti gelesen hat. Futurismus, Faschismus, Automobilismus.

mmu

Das Auto verbindet Stadt und Land, es erlaubt Austausch und klammert zusammen, was sich sonst unversöhnlich gegenüber steht. Es erlaubt dem Dorfbewohner, die Stadt zu besuchen, ohne dauerhaft den Dreck zu erdulden, und dem Städter, das Landleben ohne den hier typischen Schweinegeruch zu geniessen. Faschismus möchte immer kleine Gegensätze einigend überwinden, um grosse Kriege zu führen, so wie heute totalitäre Feministinnen und muslimische Antisemitinnen gemeinsame Sache gegen den weissen, alten, gerne jüdischen Mann machen – nur baut die Rassenkunde des 21. Jahrhunderts keine Autobahnen und keinen Alfa mehr, von einem Bugatti ganz zu schweigen. Das wäre ja echte, schmutzige Arbeit und kein angenehmer Bildschirmtäterinnenposten.

mmj

Über die braune Geschichte redet hier keiner. Hier ist man wieder stolz, Teil der Strecke zu sein, die Brescia, die Heldenstadt des Risorgimento, mit der ewigen Stadt Rom verbindet. Rund um Valeggio fanden entscheidende Schlachten gegen die Österreicher statt, überall sind Denkmäler, Italien wurde hier geschmiedet, und die rechtspopulistische Lega Nord stellt in Valeggio den Bürgermeister: Mit der Mille Miglia trifft eine Legende der faschistischen Ära auf einen Ort voll mit nationalistischer Tradition.

ssklb

In Deutschland gäbe es dann wohl eine Tagung der Böll-Stiftung und Antifas, die Bilder von Besuchern ins Netz stellen würden, aber in Valeggio ist es einfach ein Fest. Ein grosses, lautes, regenersäuftes und trotzdem jubelndes Fest. Die Reifen schlingern über den Veroneser Marmor, mit dem der grosse Platz belegt ist, die Motoren donnern, und man winkt sich zu. Valeggio ist stolz, Teil des Zuges zu sein, der mit Erinnerung an eine heldenhafte Geschichte das Land zu mehr als der Summe der einzelnen Teile macht. Heimat. Emotion. Vollgas.

mmy

Damit können Deutsche schlecht, ganz schlecht umgehen, mit so einem emotionalisierten Heimatbegriff, mit Stolz auf die eigene Nation und der Bereitschaft, Autos zu feiern und Mussolini dahinter zu ignorieren. Denn Deutsche nehmen die Gewaltrülpser migrantischer Rapper begeistert auf und sind entsetzt, wenn sich Frei.Wild zu Südtirol bekennen. Verkniffen ist der Heimatbegriff wie auf einem Plakat von Van der Bellen, es fehlt der souveräne Umgang mit dem, was man als positive Seite der Geschichte erkennen kann, und wenn man um die von der separatistischen Lega Nord geprägten politischen Verhältnisse von Valeggio weiss, wird es besonders bedenklich.

ssklc

Nur: Gleich hinter Valeggio kommt die Grenze zur Lombardei, und dort ist die knallrote Region Mantua. Peppones Land. Valeggio ist Welthauptstadt der Tortelli, aber die Strasse runter liegt Roverbella, und das ist die Welthauptstadt des Risotto und wird von einer linksliberalen Juristin regiert. In Roverbella warten meine Freunde aus dem roten Mantua. Nichts, gar nichts unterscheidet die Begeisterung in Valeggio von der in Roverbella. Mantua, Veneto, das ist ein Jahrhunderte alter Konflikt, aber wenn die Autos herandonnern, alle am Strassenrand nass spritzen und mit dem Dreck der Strasse taufen, ist es ein Land: Das schönste Land der Welt. Auch noch im Regen.

mmd

Das kann man, eingedenk der Geschichte, befremdlich finden, aber ich war dabei, ich bin jedes Jahr dabei, und so ein notdürftig auf Strassentauglichkeit umgebauter Rennwagen bringt einen in 40cm Entfernung auch auf andere Gedanken. Es ist eine laute Demonstration der Einigkeit des Italiens, das der Moderator immer und immer wieder beschwört, und genug Probleme wird man morgen wieder haben. Heute, für vier Stunden, ist man Rennstrecke. Emotion. Begeisterung.

sskl

Ohne es böse oder ausschliessend zu meinen. Der Bentley, der Käfer, der Peugeot, der Cadillac, der Mercedes SSKL, der den Alfas einmal den Sieg wegnehmen konnte – sie alle werden genauso bejubelt. Das Land, die Städte, sie geben sich lustvoll dem verbindenden Element hin. Da ist eindeutig eine nationale Komponente. Vermutlich, das habe ich zumindest immer so erlebt, tut dieses Selbstbewusstsein den Menschen gut.

mmi

Oder anders gesagt: Es gibt wohl einen Mittelweg zwischen dem verklemmten Umgang mit Heimat, den die Eunuchen im genderislamintegrationsgrünen Harem zwangsweise hervorkramen, und der inhaltslosen Fahnenschwenkerei für ein Land, das durch Borniertheit und Tabubrüche auch nicht gerade schöner wird. Zusammenhalt muss nichts Schlechtes sein. Identität gibt es nun mal, daran ändern nicht mal Gulags. Multikulti und italienische Faschisten etwas. Am Umstand, dass die Organisationsform “Nation“ halbwegs bewährt ist und im Gegensatz zu Grenzenlosigkeit von Siedlungsraum im Osten über das Kalifat und Stalins Internationale bis zu No borders no nations von der Mehrheit gewünscht wird, kommt man aktuell wohl nicht vorbei. Und dann kann man das auch dröhnend feiern.

mmo

In Berlin gibt es eine Formel E. In Valeggio sind alle nass, ich brauche Hustenbonbons und die Streckenwärter stecken sich schnell eine Pizza in den Mund, bevor die Nachkriegsgeschosse brüllend in den Ort einfallen. Die Stimmung ist prächtig, die Luft stinkt nach schlecht verbranntem Benzin und wer es nicht kennt, wird es vielleicht auch nicht verstehen.

mmc

Sie feiern ein verbindendes Element ihres Landes. Sie sind stolz, wenn sie Teil davon sind. Sie übersehen die Schattenseiten der Vergangenheit. Wir fördern dafür den Kauf von Elektroautos, und unsere Familienministerin feiert DDR-Nostalgieveranstaltungen und mal wieder Überwachungsgesetze, die Sexarbeiterinnen benachteiligen. Das ist auch sehr deutsch.

mmmb

Aber ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Genderpseudowissenschaften.

mmw

Hier kommen die roten Knaller aus Mailand. Es kommt die Lust. Es kommt die Begeisterung. Es kommt der Regen und der Dreck von 1000 Meilen.

mna

Et in Arcadia ego.

25. Mai. 2016
von Don Alphonso
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21. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Fastenzeit für den Leichenwurm

So schnei schdiabd da Mensch ned
Meine Grossmutter

Mit einem leisen Schmatzen versinken meine Schuhe im Schlamm, Der Himmel ist graublau, die Luft ist feucht vom Starkregen der Nacht, und um das Auto herum breitet sich eine Sumpflandschaft aus. Es ist wirklich sehr früh am Morgen. Hinter mir liegt eine unruhige Nacht und vor mir der Anlass, warum ich schlecht geschlafen habe. Etwas mehr als 105 Kilometer auf dem Rad.

erob

Das klingt nicht so schlimm. 105 Kilometer werden die meisten schon schaffen, wenn sie einen Tag Zeit haben. Erschwerend kommt hinzu, dass das Rad historisch sein muss. Meines ist 40 Jahre alt. Und so alt sind auch die Bremsen, was ein Problem ist, denn die Strecke ist nicht gerade eben. Zwischen Start und Ziel in Buonconvento, südlich von Siena, liegen mehr als 2000 Höhenmeter. Das ist in etwa so viel wie zwei Mal der Jaufenpass über die Nordrampe von Sterzing aus. Und die Mehrheit dieser Höhenmeter werden auf grobem Schotter absolviert, egal ob bergauf oder bergab. Und deshalb schmilzt die Gruppe praktisch aller Menschen, die 105 Kilometer radeln könnten, heute auf anderthalb tausend zusammen, die bereit sind, sich die Strapazen anzutun. L’Eroica heisst die Veranstaltung.

eroa

Ich weiss, was ich hier im Schlamm tue. Vier mal habe ich teilgenommen, vier mal bin ich angekommen. Beim ersten mal habe ich mein müdes Fleisch wieder und wieder gegen verregnete Berge geworfen und auf einer Spur Blut und Schweiss nach oben gezerrt. Die Berge wollten nicht so wie ich und der Körper wollte auch nicht. Ich habe überlebt, aber es fühlte sich wie der Tod an. Tot ist man, wenn der Körper aufgibt. Dieser mein Körper und die Berge, die wollten mich damals tot machen. Danach habe ich viel trainiert und gelernt, mich mit den Bergen abzufinden. Trotzdem bin ich bei den nächsten Terminen wieder am Ende wie ein nasser Sack vom Rad gefallen. Jedes Mal dachte ich ans Aufgeben. Jedes Mal musste ich den Körper irgendwie über diese verdammten Berge schleifen. Auch im letzten Herbst im Regen, in 70 verdammten Kilometern im Dauerregen. Immerhin, es war das erste Mal, dass ich am Ende nicht wie ein nasser Sack umgefallen bin.

eroc

Und nun stehe ich wieder in Buonconvento, und die Schuhe versinken im Schlamm. Regnen soll es den ganzen Tag, sagt der Wetterbericht. Ich könnte daheim im Bett liegen und schlafen, ich könnte den Dom von Siena besuchen, ich könnte schlau sein und mir sagen: “Lieber Mann, Du hast vor diesem Tag einen Monat mit dem Training ausgesetzt. Zuerst warst Du drei Wochen mit dem Auto in Italien, und dann mit schwerem Heuschnupfen daheim in einer verriegelten Wohnung. Du bist keinen Meter gefahren. Du hast Asthma, ein Bein ist zu kurz und die Füsse sind unterschiedlich. Geh nach Hause, lass Dir ein Attest schreiben und Dich als behindert einstufen, und kauf Dir vergünstigte Fahrkarten mit dem Zug. Da kommst dann auch überall hin. Es gibt Leute, die aus ihrer Behinderung erfolgreiche Blogs machen! Kein Schulkamerad würde Dich je hier erwarten. Du musst niemandem etwas beweisen. Das hier ist so ziemlich der letzte Ort, wo ausgerechnet Du jetzt sein müsstest. Und Du weisst, dass Du jetzt nur leiden, leiden und nochmals leiden wirst.“

erod

Aber genau das ist es: Dass alle, die einen früher beim Fussball spielend leicht umtänzelten, die einen beim Laufen zurückgelassen haben und so mühelos am Reck durch die Luft flogen, jetzt erdenschwer irgendwo in Deutschland Wochenende haben, sich im Bett von der Arbeit und dem Kantinenessen erholen, und genauso wie ich die Einschläge näher kommen hören. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen und unsere Reihen lichten sich – erst die Herzinfarkte, später dann Gehirnschlag, Krebs und noch unschönere Dinge. Das geht gerade los und wird nicht aufhören, bis wir alle unter der Erde sind. Mir reicht es, dass meine Schuhe schon 2 Zentimeter tief im Schlamm sind. Tiefer soll es nicht zu den Leichenwürmern hinunter gehen. Ich lasse die Bedenken am Auto zurück und fahre durch das offene Tor raus aus Buonconvento, und werde gleich von einem Tandem abgehängt: Schweizer auf Hochzeitsreise.

eroe

Die Strasse ist noch feucht. Aber es regnet nicht.

erof

Also wirlich gar nicht. Kein einziger Tropfen.

erog

In den Tälern liegt romatischer Dunst, es ist zu Beginn etwas kühl, aber ich bewege mich und werde schnell warm.

eroh

Es ist schön. Auch an den steile Anstiegen ist es schön. Die Sonne scheint. Die Speichen zerteilen das Licht in Fraktale des Glücks und der Freude.

eroi

Ich bin in Italien. Das Land ist schön. Sagenhaft schön. Vielleicht gibt es ein schöneres Land auf dieser Welt, aber dann würde man vielleicht sterben. Vor Glück. Hier hat es eine herbe Note, wenn es mörderisch steil bergab geht und dann wieder fast unbezwingbar nach oben. Aber es ist schön. Nur schön.

eroj

Und es regnet nicht. Überhaupt nicht. Die Wettervorhersage ist so glaubwürdig wie ein Wahlversprechen der SPD, und ich fliege über Steigungen hinauf, die Sigmar Gabriel nie wird hochkeuchen können. Merkel auch nicht. Nichts gegen Fette, ich will sie auch nicht beleidigen, ganz im Gegenteil, man braucht Negativbeispiele, um sich positiv zu entwickeln. Ich fahre nicht schnell, ich habe keinen Ehrgeiz, ich will hier nur ankommen, und zum ersten Mal habe ich überhaupt keine Zweifel, dass es gelingen wird.

erok

Natürlich habe ich zu stöhnen und zu japsen. Natürlich steige ich ab und schiebe. Natürlich kostet mich der Anstieg nach San Angelo in Colle Kraft und Zeit. Natürlich fliegen andere an mir vorbei. Aber mit mir zusammen schiebt eine vergnügte Gruppe Italienerinnen und Italiener, die auch keinen grossen Ehrgeiz haben. Das Licht funkelt durch das Laub. Es ist Frühsommer. Es ist anstrengend und schön. Es gibt hier nichts, gar nichts, was nicht schön wäre. Vielleicht bin sogar ich ein wenig schön, der ich schiebe, aber eben leichtfüssig und fröhlich singend: Tutto vanita, sono vanita, vivete con goia e semplicita… Der Schlamm ist längst getrocknet, weisser Staub knirscht unter den Schuhen, und irgendwann werden wir auch alle Staub sein. Aber nicht heute. Heute leben wir.

erol

Debil grinsend erreiche ich den Gipfel, wo ich letztes Jahr noch an das Aufgeben dachte. Debil grinsend knalle ich über die Schotterpiste nach Castelnuovo del Abbate, und beim langen, langen Anstieg nach Montalcino vergeht mir zwar das Grinsen, aber nie das Gefühl, diesmal auf der richtigen Seite zu sein. Manche finden ja, man sollte sein Fett akzeptieren und damit zufrieden sein, dann werde die Gesellschaft schon aufhören, einen zu diskriminieren – die Berge hier diskriminieren einen, bis sie einen umgebracht haben. Nichts verspottet die Schwäche so sehr wie ein Berg, den man nicht schafft. Dieser Berg wollte mich letztes Jahr umbringen. Dieses Jahr komme ich darüber hinweg.

erom

In Montalcino gibt es Eintopf. Es gibt Sonne, Sonne, Sonne, es gibt Komplimente für mein Rad und staunende Touristen, die sich das alles gar nicht vorstellen können. Geniesserreisen in der Toskana, Wine Tasting mit Brunello, und dann sitzt da einer an der Loggia und bekommt nach 60 staubigen Kilometern einen Eintopf… wie kann man nur.

eron

Letztes Jahr habe ich mich das auch gefragt und dieses Jaht, ein paar Kilo leichter und etwas besser trainiert, ist die banale Antwort: Ich will es so. Ich will nichts anderes. Ich will genau hier sein. Staubig, hungrig, zufrieden und mit nochmal 45 Kilometern vor mir.

eroo

Es folgen nämlich nach einer rasanten Abfahrt die schönsten Abschnitte der Strecke. Eine dreidimensionale Postkartenidylle.

erop

Ich baue deshalb fast einen Sturz. Ich begaffe die Landschaft, ich verliebe mich in die Kurven der Hügel und in das satte Grün, und schaue gar nicht mehr auf die Strasse. Und fahre kerzengerade in ein Stopschild vor einer Baustelle. Andere rutschen in der Berliner U-Bahn auf einem glitschigen Dönerpapier aus, ich falle beinahe in Baustellen der Toskana. Jeder stirbt für sich allein, aber selbst der Tod macht immer noch Unterschiede.

eroq

Passiert ist dann aber nichts. Alles bestens. Also weiter, immer weiter, noch ein Hügel, noch einer, Schafherden, Gehöfte, Wälder, blauer Himmel, Sonne, Sonne, Sonne. Es war der schlimmste Tag seit Wochen angekündigt, es wurde der schönste Tag, den man sich vorstellen kann. Sollte ich je erklären müssen, was unverschämtes Glück ist: Dieser Tag. Denn natürlich regnet es. Es schüttet. Hinter Montalcino, als ich längst weg bin. Die Gewitter sind eine feine Kulisse, geben dem Radler den Eindruck, den Gefahren zu trotzen – und ziehen dann ab.

eror

Alles fügt sich. Das ganze Leben fügt sich. Hier der Berg, da die Muskeln, dort die Sonne, hier die gebräunte Haut. Nicht das Schicksal peitscht mich diesmal nach oben, die Himmelsmechanik lässt mich über den Planeten wandern. Ein jeder an seinen Platz und mich zwischen die Wiesen und Pinien, die Kette auf die Ritzel und der tropfenden Schweiss in die Erde. Es kommt der Hunger, es kommt der Durst, es kommt die Kontrollstation, und noch ein Buffet mit toskanischen Spezialitäten und stilsicher gekleideten Frauen und Männern, die einem alles geben, was man will.

eros

Es kommt die Abfahrt und der Sturm, der einen dabei umtost, es kommen Kurven, die Gott erschuf, als er am siebten Tag gut gegessen hatte und etwas Entspannung brauchte, es gehen alle Skrupel und ja, natürlich sollte man sich auf einer vierzig Jahre alten Kiste mit schlechten Bremsen nicht einfach der Schwerkraft hingeben, aber der Stachel des Todes ist woanders und egal, wo die Hölle gerade siegen mag: Es ist so einfach. Es ist so viel Freude. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, aber der Krampus hat jetzt mal Pause und das Rad liegt wie ein Brett auf dem Asphalt. Über 2000 Meter geht es hinauf, aber über 2000 Meter geht es auch hinunter.

erot

Und dann, eher als gedacht, auch wieder hinunter nach Buonconvento. Ich falle nicht wie ein nasser Sack vom Rad. Kein Kind schaut mich mitleidig an. Auf den Bildern sehe ich gut aus, als ob ich nochmal 20 Kilometer fahren könnte, und so ist es auch. Ich bin gut durch, etwas erschöpft, aber nicht am Ende der Kräfte. Es geht mir gut. Ich habe nicht nur überlebt, ich habe gelebt.

erow

Die Kumpane tragen ihre Ehrenmedaillen, die beweisen, dass auch sie das Zeug zum Helden haben. Zu sechst sind wir aufgebrochen, zu sechst im Ziel eingelaufen. Alle haben dieses l’Eroica-Grinsen im Gesicht. Das versteht keiner, der es nicht mitgemacht hat.

erou

Man kann auch daheim bleiben und grillen. Das Leben hat viele Seiten, und manche sind auch wirklich schön. Man muss das hier nicht tun. Man macht das aus freien Stücken, und redet auch nicht darüber, dass man angefressen ist und die Tage bis zum Oktober zählt, da in Gaiole die 20. Auflage stattfinden wird – dann vielleicht wieder mit Schlamm und Regen, wer weiss das schon, und noch schlimmer, mit deutschen Reportern von Onlineportalen, die auf den Radtrend aufspringen. Und denken, 145 Kilometer in der Toskana, das wird sicher angenehm.

erov

Das ist es. Mit etwas Erfahrung und Übung ist es wirklich schön, die Wunden verheilen, die Krämpfe vergehen, Knochen kann man mit Nieten aus Titan zusammensetzen, so dauerhaft wie Titan bleibt auch die Erinnerung, und so schnell stirbt der Mensch nicht, sagte meine Grossmutter immer. Und hatte natürlich wie immer recht.

(Natürlich können wir Kollegen der Konkurrenz keine Garantie auf unsere Familienweisheiten geben.)

21. Mai. 2016
von Don Alphonso
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13. Mai. 2016
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Fahrradalltag Berlin: Du kommst als Mensch und bleibst als fetter Hasser

Mantva me genvit, Calabri rapvere, tenet nvnc Parthenope. Cecini pascva, rvra, dvces.

Das ist die Grabinschrift des römischen Dichters Vergil: “Mantua hat mich geboren, Kalabrien hat mich dahingerafft, jetzt hält mich Neapel. Besungen habe ich Weiden, Äcker und Helden.“ So etwas hätte vielleicht auch auf meinem Grab stehen können, denn ich war anderthalb Jahre in Berlin, habe monatlich ein Kilo zugenommen und wäre bald gestorben. Das war ganz einfach, ich habe meine alten, südlichen Ernährungsgewohnheiten beibehalten, die Stadt gehasst und den Sport weitgehend eingestellt. Früher, in München, bin ich im Sommer öfters mit dem Rennrad die 90 Kilometer über Weiden und Äcker heldenhaft heim zur kleinen, dummen Stadt an die Donau geradelt – nach meiner Berliner Zeit habe ich ein Jahr gebraucht, bis ich dazu wieder flüssig in der Lage war. Immerhin bin ich nicht totgefahren worden. Einem Freund einer Bekannten wurden von einem abbiegenden Laster beide Beine abgequetscht.

fethasa

Ich bin nicht gerade ein zurückhaltender Radfahrer. Ich empfinde keine Furcht, wenn ich auf dem Jaufenpass oder Penserjoch langsame Autos überhole. Ich bin selbstbewusst und kenne die Risiken, ich verhalte mich entsprechend und habe genug praktische Übung im Abrollen. Natürlich sind bei uns in den Bergen die Wege voll mit Marterln für Leute, die die Risiken falsch eingeschätzt haben, und bei der l’Eroica gab es auch schon den ein oder anderen Toten. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, und ich sage mir, wenn es hier und jetzt sein muss, dann ist es zwar etwas früh, aber in schöner Landschaft und in glücklichen Momenten. Mir ist voll bewusst, dass ein 23mm schmaler Rennreifen mit 9 bar Druck nicht platzen darf, wenn ich einen Opel in einer Serpentine innen überhole. Die Sache in Berlin ist nur, dass es dort Opelfahrer gibt, die als Stärkere auf riskante Art den Schwächeren überholen, sich bei einer Beschwerde angegriffen fühlen, aussteigen, einen krankenhausreif schlagen – und dabei auch noch Unterstützung durch einen Passanten erhalten.

fethasb

Es ist eine einfache Entscheidung zwischen Schmerzen: Pässe gibt es vor allem in den Bergen und prügelnde Opelfahrer vor allem in wuchernden Megaslums wie Berlin. Das war vor zehn Jahren auch nicht anders. Ich hätte bis zur ersten offenen Landschaft sieben Kilometer durch den Norden Berlins radeln müssen. Das war mir einfach zu riskant. Radwege sind für Berliner Parkplätze, Müllabladeflächen und Kinderwagenschiebezonen. Rennräder sind für den Strassenzustand auf dem Niveau von Bukarest ungeeignet. Berliner Autofahrer sind brandgefährlich, es gibt dort eine mörderische Vollgasszene und eine Polizei, die sich zu wenig darum kümmert. Und obendrein noch den Berliner Kampfradler, der sich als Antifaaufmarsch auf zwei Rädern und Artgenossen als Gegner betrachtet. Der krönende Abschluss der Genpoolreduzierung ist der wackelnde Fixiefahrer, auf der falschen Strassenseite handynierend – manche wollen auch einfach sterben.

fethasc

Ich habe es jedenfalls mit einem Bergrad probiert, an manchen ruhigen Abendstunden, auf wenig befahrenen Strecken. Aber es war im besten Fall laut, hässlich, stinkend und für Lunge und Seele keine Erholung. Ich bin ebenso genervt abgestiegen, wie ich in Berlin öffentliche Verkehrsmittel verlassen habe. Ich bin im Kiez viel zu Fuss gegangen, und war ansonsten froh, mich von der Stadt mit dem Blech des Automobils abgrenzen zu können. Fortbewegung ist dort eine Form der Isolation, der Ignoranz und der Risikoanalyse. Der andere ist potenziell gefährlich, man ist immer geneigt, ihm einen Fahrfehler oder schlimmes Verhalten zu unterstellen.

fethasd

Auch in Staggia halten dauernd Leute bei mir an. Aber niemand tut das, um mir auf den Mund zu hauen. Wenn ich am Selbstauslöser der Kamera justiere, vermuten sie einen Defekt oder einen Sturz und fragen, ob sie helfen können. Wenn ich mein Rad vor der Bäckerei stehen lasse, lerne ich nach dem Einkauf Leute kennen, die sich über das Rad unterhalten. Wenn ich eine alte Villa ablichte, schauen Joggerinnen, was ich da mache, und erzählen mir, was sie über das Haus und seine Besitzer wissen, und dass das ein wirklich schöner Ort wäre. Auf den schmalen Strassen rast niemand. Ich werde behutsam überholt. Man behandelt mich gut und menschlich und respektvoll. Ahhhh. L’Eroica, sagen einige, die den Zweck meines Aufenthaltes kennen.

fethase

Es gibt da über kleine Orte wie jene, in denen ich lebe, eine interessante Architekturtheorie. Sie sind mit geringen Mitteln in der Lage, grandiose urbane Räume zu schaffen, die dann die Gemeinschaft formen. Diese Räume fehlen den grossen Nachkriegsstädten, weil man zugunsten des Verkehrs darauf verzichtet hat, sie für Menschen frei zu halten. Die kleinen Orte haben dagegen einen Raum, um ungestört soziale Beziehungen auf kleinstem Niveau zu erlernen und zu fördern: Bankerlsitzen für die Alten, Flanieren für die Jungen, Spielen für die Kinder. Ohne Kosten in einem Cafe, ohne Zwang, einfach so. Dann ergibt sich das Zusammengehörigkeitsgefühl ganz von allein, man praktiziert es schliesslich dauernd. Alles fügt sich, jeder findet auf seine Weise einen Platz. Und wenn die Gesellschaft nur offen genug ist, ist da auch genug Raum für Unterschiede und Akzeptanz – eine ganze Reihe führender Stadtstaaten der Renaissance sind auf diese Art und Weise entstanden. Aber dafür braucht man auch den Raum, und deshalb reagierten diese frühen Bürgerstädte immer sehr allergisch, wenn jemand versuchte, in öffentliche Plätze einzugreifen. Man wusste damals um die Bedeutung dieser Freiräume.

fethasf

In Italien wirft man überall den Autoverkehr aus den Innenstädten, mach eine Zona Traffico Limitato, und sofort wächst wieder das schöne Leben und der freundliche Umgang. Es ist eine radikale Lösung, aber sie bringt auch radikal gute Ergebnisse, weil der Freiraum die Menschen mehr als das Automobil anzieht. Ganz gerecht ist das natürlich nicht, denn von so einer Zona profitieren vor allem die Menschen mit Zeit. Man kann nicht alle retten, aber mit vielen gut auskommen. Hier sind alle freundlich, aber in Berlin schlägt ein Opelfahrer einen Linkenpolitiker und noch einer mischt sich ein. Das ist nicht einfach nur eine Lokalnachricht. Es ist eine kulturelle Kluft, und sie hat meines Erachtens viel mit Isolation zu tun. Isolierte Menschen tun so etwas. Clans, das erlebt man – bisher – in Afghanistan, können auch übel isolieren und steinigen, da geht dann der Zusammenhalt in eine falsche Richtung. Aber ich gleite hier mit dem Rad durch Wolken des Wohlwollens. In Berlin wäre ich schwacher Kämpfer in einem Verteilungskrieg um die Strasse.

fethasg

Dortselbst will man nun mit basisdemokratischen Methoden erreichen, dass Radfahrer mehr Raum auf den Strassen bekommen. Die Idee an sich ist lobenswert, aber eingedenk der Mentalität diverser Autofahrer, Kampfradler und Autoanzünder so hilflos, als würde die UN bei Steinigungen in Afghanistan mehr Abstand für die Opfer fordern. Schutzzonen, das hat man schmerzhaft im zerfallenden Jugoslawien erkennen müssen, sind nur so gut wie die Durchsetzung des Schutzes. Wie viele Apache-Kampfhubschrauber hat die Polizei bei uns, und was sagen die Grünen in Kreuzberg zu Uranmunition? Der zerrissene Asphalt der Gassen kleiner italienischer Orte ist nicht viel besser als Berliner Prachtboulevards – der Zustand der Infrastruktur ist nicht das entscheidende Kriterium. Es geht um die Mentalität der Bewohner, um das soziale Bewusstsein, das definiert, wie sich Verkehr abspielt. Sieht man sich als Gemeinwesen, ist Verkehr kein Problem. Hat man einen Verkehr wie in Berlin, gibt es offensichtlich uneingestandene Probleme im Miteinander der Kulturen und Klassen. Amazon setzt eins drauf und will die Stadt mit Lieferung innerhalb einer Stunde noch mehr mit Kurieren belasten: Wer zahlt, schafft an, wen der nächste Lieferwagen überrollen wird. Da rettet einen auch kein Fahrradalltag-Hashtag.

fethash

Manche glauben an den langsamen Wandel, aber ich glaubte an mein schönes Leben. Ich war vor 10 Jahren schon nicht mehr ganz jung und sah meine persönliche Zukunft nicht als Laborratte eines verkehrspolitischen Asozialexperiments. Ich zog heim gen Süden und lebte dort auf, wo Vergil geboren wurde, und weder Neapel noch seine vorsibirische Partnerstadt könnten mich halten. Es gibt einfach Failed Cities und gescheiterte Stadtgesellschaften, und das Berliner Argument, dass es in Mogadischu noch schlimmer sei, will ich nicht bestreiten: Ich lasse als toleranter Mensch anderen gern ihre Meinung. Wo ich bin, haben ganze Kommunen die Kraft, sich gemeinschaftlich zur Citta Slow zu entwickeln. Dort gibt es dann innerhalb der urbanen Mobilität einfach keine gewalttätigen Übergriffe auf andere. Man geht von den Menschen aus und verändert die Menschen.

So wie in Berlin. Nur im Guten.

13. Mai. 2016
von Don Alphonso
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08. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Die Dämonen am Tor von Monteriggioni

TNT Hey Hey Hey

Ich habe ein Rennrad gekauft.

Manche Stammleser werden jetzt grinsen, weil sie wissen, dass ich schon mehr als ein Rad habe. Die genaue Zahl kenne ich nicht, aber an einem Ort ist ein Speicher voll und an einem anderen ein Keller. Ich habe wirklich viele Rennräder, die meisten sind eher älter – man könnte sie als Erfüllung von Jugendträumen bezeichnen. Gerade eben habe ich eines verschenkt. Das ist der Beweis, dass ich nicht habgierig bin, ich schraube nur gern und fahre auch gern. So, wie manche gern zur Beruhigung in den Biergarten radeln und Bier trinken.

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Das ist es: Ein 1974er Capelli, und es ist ganz oben oberhalb meines Wohnortes, auf dem Berg von Lecchi über Staggia Senese. Es gehörte früher einem passionierten Rennfahrer, und er hat es verkauft, weil er zu alt dafür wurde. Aber immerhin, von 1974 bis 2016 hat er sich damit, so weit es ging, bewegt. Es ist ein phantastisches Rad dieser Epoche, alle Komponenten sind hochwertig, das Aluminium funkelt noch, der Lack schimmert und die berüchtigten Galli Super Criterium Bremsen mit ihren teuren Titanachsen sind bergab lebensgefährlich weich. Speziell hier, wo es steil bergab geht. Von einer scharfen Rechtskurve auf eine enge Brücke, auf der kein Rennradler mit einem Auto zusammen Platz hat. Diese Kombination aus miserabler Bremse, altem Gummi, schlechter Strasse und wenig Platz kann natürlich auch schon mal die Lebenserwartung drastisch senken, aber den Beitrag schreibe ich unten in Staggia, und ich habe überlebt. Das ist schon einiges.

daemb

Denn langsam komme ich in das Alter, in dem die statistische Unwägbarkeit meine Anwesenheit auf Leichenfeierlichkeiten von Menschen erfordert, über die man nicht mehr sagt “er hat noch gelebt?“, sondern “er war doch noch gar nicht so alt“. Hier in Italien kleben noch immer die grossen, öffentlichen Todesanzeigen an den Wänden, zwei etwa an der Pizzeria, wo mein Weg vor Castellina in Chianti abzweigt und nach einem 14%er bergab wieder einen 14%er hoch nach Lecchi führt. Da entwickelt man einen Sinn dafür, wie schnell es gehen kann. Und wie langsam, wenn der Berg sich auftürmt. Und wie man körperlich so drauf ist, in der, geben wir es zu, Ouvertüre zur zweiten und vermutlich auch letzten Lebenshälfte. Ein älterer Herr würgt, keucht und jammert sich den Berg zur Pizzeria hoch, und deutsche Touristen meines Alters denken sich in der Pizzeria, dass diese Italiener einen an der Klatsche haben, sich bei diesen Temperaturen so zu schinden. Da bin ich also mitten im Leben vom Tod umfangen. Und nur wenn ich mich im Gegenlicht vor der Toskana so sehe, könnte ich auch noch deutlich jünger sein. Allein, dem ist nicht so.

daemc

Mit 30 ist man auf dem Gipfel seiner Kräfte, mit 80 – oder bei mir, weil ich vermögend bin, auch erheblich später – liegt man stocksteif bereit für den Leichenwurm. Macht also 50 Jahre, statistisch verliert man pro Jahr 2% Leistungsvermögen, Geschmeidigkeit, Reaktionsschnelligkeit und Beweglichkeit. Das geht ganz langsam, weshalb auch immer noch ein hippes Craft Beer oder ein Wodka hinter die zum T-Shirt-Kragen mutierte Binde passt, ohne dass man wie ein Suchtl wirken würde. Tourenradeln im Alter geniessen die meisten nun mal auf einer Terrasse sitzend mit Blick auf Geschundene, und die Veränderungen sind auch nur ganz langsam. Man merkt das vielleicht im Abstand von 4, 5 Jahren, wenn man sich erinnert, was früher mühelos ging und 1000 Craftbeere a 5 Euro die Flasche später nicht mehr geht. Fünf Jahre sind in unserem Alter schon 10% Restlebenslaufzeit, da gehört der Verschleiss dazu, sagen manche und nehmen noch einen Schluck.

daemd

Es ist eine ganz leichte abschüssige Gerade, die zur Leichenstarre führt, und es ist wirklich erstaunlich, was so ein Körper manchmal alles wegsteckt. Der eine wird vom Teer zusammen gehalten und steinalt wie Helmut Schmidt, und der andere verstirbt früh auf dem Jägersitz, ohne den Sturz des Kommunismus erleben zu können, wie Franz-Josef selig. Das ist Statistik. Der Rest ist geschicktes Marketing. Etwa, dass Craft Beer irgendwie natürlicher sein soll, oder light Zigaretten wirklich light, oder das Schmerzmittel Cannabis nur selten blöd macht und nicht zu Crystal Meth in Berlin führt. Und Fahräder?

daeme

Das hier ist Monteriggioni. Monteriggioni ist die Grenzfestung von Siena gegenüber der Florentiner Festung von Staggia Senese. Staggia ist durch einen Fluss geschützt, Monteriggioni durch einen steilen Berg. Und immer, wenn ich zur l’Eroica fahre, führt hierher meine erste Testrunde. Staggia → Monetiggioni → Abbadia Isola → ein Schotterstück Via Francigena → Val di Elsa → über den Höhenzug zwischen Val di Elsa und Staggia zurück. Ein kleiner Vorgeschmack auf die Grausamkeiten, die da kommen werden. Monteriggioni jedenfalls hat einen enorm knackigen Anstieg, den niemand auf dem Rad fährt und einen weniger knackigen Anstieg, der fahrbar ist und um so steiler wird, je höher man zum Gipfel kommt. Man hat das Schlimmste, wie auf vielen Hügeln der Toskana, immer noch vor sich, man gewöhnt sich nie an die Grausamkeiten, die da kommen. Es fahren, wie gesagt, nur wenige Menschen mit dem Rad hier hoch, und am Übelsten ist es direkt am Tor,. 2010 bin ich mit einer Übersetzung von 39 vorn 26 hinten irgendwann abgestiegen. 2014 hatte ich ein Rad mit Untersetzung dabei, damals ging das einfach – und kaufte danach ein De Rosa mit 39/26. Und schaffte es hoch, mit brennender Lunge. Das Capelli nun hat, anderthalb Jahre Schinderei weiter, 41 vorn und 23 hinten. Und ich komme hoch. Und niemand schaut mich, wie früher, entsetzt oder mitleidig an. Ich gehe aus dem 42 Jahre alten Sattel, presse alle Kraft in Lenker und Pedale, und sage T-N-T Hey Hey und explodiere, so empfinde ich das wenigstens, wie eine Feuerfettwalze da hinauf. Direkt auf die Dämonen meiner Schwäche am Tor zu, die mich früher ausgelacht haben.

daemf

Die Leute schauen wirklich anders, wenn da einer nicht mehr absteigt, sondern über die ganze Toresbreite hin und her fliegt und aussieht, als würde er mit gefletschten Zähnen die Haxen abnagen. Auch Ältere in meinem Weg werden plötzlich behende, wenn ich zum Sturm ansetze. Ich habe es selbst probiert und 400 Euro für ein eigentlich vollkommen sinnloses Rennrad ausgegeben, und niemand kann das verstehen. 39/26, 41/23, das sagt den meisten Menschen überhaupt nichts, so wie sie sich die 2% Verlust jedes Jahr nicht vor Augen halten. Und es bedeutet auch nichts, wenn man jung ist, und der Körper schnell wieder schlank und geschmeidig und aufnahmebereit für das nächste Bier wird. Aber ich bin seit dem Herbst 2010 über fünf Jahre älter geworden und habe gute Menschen sterben sehen. Ich fahre mit anderen, die in meinem Alter erheblich stärker und schneller sind. Ich werde nie zur Spitzenliga gehören, aber dennoch war Monteriggioni vor 6 Jahren ein Dämon, der mich bremste. Jetzt brenne ich darüber hinweg, obwohl ich 20% mehr Kraft aufbringen muss.

daemg

Das wurde mir wahrlich nicht in die Wiege gelegt: Ich war gut begründet unter Franz Josef Strauss für den Barras untauglich, und wenn ich das dort hoch schaffe, schafft das eigentlich jeder. Trotzdem stehen da oben E-Bikes und Amerikaner keuchen sich hoch, Japaner schützen sich vor der Sonne und Deutsche stopfen etwas in sich hinein. Hier sind hunderte. Einer ist mit dem Radl da, und mit schweissverklebten Augen und wie Pech stinkend sehe ich Tote, viele Tote. Mit Puls 180 kommen die Visionen der Pilger, auf deren Spuren ich wandle, ganz von allein. Manche, die sich damit auskennen und ihre Dämonen mit Gift betäuben, sagen mir, was ich erzähle, klänge ein enig wie im Drogenrausch. Wenn es so ist, dann sollten diese Leute statt Alkohol, Zigaretten, Street Food und Crystal Meth mal einen hohen Alpenpass probieren. Das ist Höllenfahrt und Auferstehung in Einem.

daemh

Mitten im Leben sind wir alle vom Tod umfangen, niemand kennt Ort noch Stunde, aber ich kenne jetzt die Übersetzung, mit der ich hoch nach Monteriggioni komme. Dafür musste ich ein Rad erwerben, und keiner der Jungen ohne Gebrechen kann es verstehen. Sie wissen noch nicht, wie es sein wird, wenn die Dämonen sie als leichtes Opfer gejagt haben, an jeder Steigung, an jedem Berg. Niemand ausser mir kann sie in Monteriggioni erkennen, niemand kann es nachempfinden, wie es ist, wenn man die Dämonen dann endlich vor sich hat und wie Gottes strafendes Schwert über sie kommt. Ich peitsche nicht mein Rad durch das Tor, sondern meine Dämonen. Dafür habe ich die funkelnde Geissel aus Stahl und Leichtmetall bezahlt. Dafür bin ich wieder hier.

daemi

Natürlich kann man sich mit den Dämonen gut stellen, und sie auch wohldosiert aus der Flasche nehmen, in Venen spritzen oder rauchen. Man kann von den anderen Fat Acceptance verlangen und behaupten, Fett sei politisch und eine Normschönheit Unterdrückung. Jede angefressene, angesoffene Zelle sei wertvoll, Recht auf Rausch und bitte keine Regeln für Drogen. Dann kommen die Dämonen aber irgendwann wieder, stärker als je zuvor, beim Absturz, beim Schuheanziehen, bei der ersten Treppe, in der Bandscheibe, und die Gesichter werden fahl und grau, als wären es Mitglieder der Bundesregierung. Man entkommt den Dämonen nicht. Die Pilger, die auf dieser Strasse nach Erlösung und Vergebung suchten, wussten das noch. Man muss sich den Dämonen irgendwann stellen, oder sie reissen einen zur Hölle hinab. Wir aufgeklärten Atheisten und Ungläubige haben keine Hoffnung auf eine Ewigkeit, die uns danach noch bliebe. Das ist der Preis, den wir für diese Epoche bezahlen: Es gibt in dieser unserer absurd reichen Welt keine Erlösung als Gratisbeigabe. Aber die Dämonen sind in allen Ritzen und Ecken des Daseins geblieben, und warten auf die Schwäche.

Es gibt nur das, was uns die Dämonen antun.

Oder wir den Dämonen.

 

Sie sollten ein wenig mehr für ihre Gesundheit tun, liebe Leser.

08. Mai. 2016
von Don Alphonso
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06. Mai. 2016
von Don Alphonso
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Wie man Draghis Helikoptergeldangriff überlebt

Es gehört zu den Merkmalen eines Politikers, sich grundsätzlich an nichts erinnern zu können.
Eberhard von Brauchitsch

Das Dasein als Atheist hat den leicht fragwürdigen Vorteil, dass man nicht vor seinen Schöpfer wird treten müssen, denn den gibt es dann – im Gegensatz zum Tod, leider – nicht. Als Junggeselle muss man auch nicht vor den Traualtar und Priester treten. Aber es kommt der Tag, da muss man vor seine Vermögensverwalterin treten und ein paar Dinge klären. Weil ein Mitglied der Familie ein höheres Tier bei eben jener Bank war, bei der ich hauptsächlich bin, blieb ich lange von solchen Angeboten verschont, aber als ich gerade von meiner letzten Italienreise nach Hause kam, klingelte das Telephon. Da wären ein paar Unterschriften zu leisten, neue Gesetzeslage und so, und nachdem ich ja gleich wieder nach Italien entfloh – exakt in die Bildmitte unten -, machte ich den Termin gleich am nächsten Tag.

dragha

Dortselbst benahm ich mich vorbildlich und gar nicht gierig, zeigte mein totales Desinteresse für neue Anlageformen und erklärte meine Lebenseinstellung: Dass jedem von uns, egal ob reich oder arm, maximal 2 Quadratmeter gegeben seien, auf denen wir gerade sein könnten, und das wichtigste Ziel im Leben sei lediglich, gesund und verpflichtungsfrei diese 2 Quadratmeter an einem schönen Ort zu haben. Das klingt fast so schick, nachhaltig und bescheiden wie Diogenes in der Tonne und verschweigt natürlich, dass man 2 Quadratmeter hoch über der Altstadt mit Blick auf bedeutende Baudenkmäler meiner dummen, kleinen Heimat an der Donau nur mit einem weiteren bedeutenden Stadtpalast besitzen kann. Und auch 2 Quadratmeter Terrasse mit Blick auf die Alm am Tegernsee gibt es nicht allein. Alle haben wir diese 2 Quadratmeter, aber soziale Klassen entstehen, weil die einen es sich nicht aussuchen können und die anderen einen enormen Aufwand und viele weitere 2 Quadratmeter brauchen, um ihre bescheidenen Wünsche zu erfüllen. Die fehlen dann natürlich den anderen.

draghb

Das wissen Sie alle natürlich von daheim und ich weiss es auch, aber man muss es der Vermögensverwaltung nicht so brutal sagen. Es reicht, wenn die Berliner schon der Meinung sind, sie müssten sich daran irgendwie beteiligen, denn dann wäre es vorbei mit den schönen 2 Quadratmetern. Aber wie auch immer, ich habe also meine Lebensmaximen vorgetragen, ein wenig erzählt, was ich so habe, und einiges wohl auch übersehen, aber ich sehe es panamaisch : Wenn ich nicht daran denke, muss es auch kein anderer wissen. Dass ich nicht ganz arm bin, kann man meiner Kenntnis der Immobilienpreise entnehmen und dass ich nicht reich bin, meinem Gejammer über teure 25 Liter Verbrauch meines Autos, wenn man nur mal rechtzeitig die Staatsoper in München erreichen will. Nachdem Sie, liebe Leser, auch nur über Statistiken lachen können, die den Reichtum in Deutschland bei einer läppischen viertel Million Vermögen beginnen lassen.werden Sie auch verstehen, dass es nur angemessen war, wenn ich den Eindruck von Mittelklasse entstehen liess.

draghc

Natürlich wollte ich nicht unhöflich sein, und als ich gefragt wurde, ob ich denn irgendwelche Wünsche an die Bank hätte – da habe ich, rein interessehalber, gefragt, wie es denn mit einem Kleinkredit aussehen würde. Also wirklich nicht viel, aber etwas über dem Überziehungsrahmen, und weil die Zinsen gerade so günstig sind, und die Immobilienpreise in Italien so gefallen sind, ein paar Hunderttausend. Doch, bekam ich zu hören, bei meinen Sicherheiten ginge das durchaus, da könnte man eine Frage an den Fachmann im Haus stellen. Wir plauderten dann noch etwas über die Schönheiten Italiens,stellten fest, dass ich als “Arbeiter“ eingespeichert war – das letzte Mal war ich tatsächlich hier, als ich im hiesigen Grosskonzern mit 17 Jahren Ferienarbeit leistete – und weil im harten Daseinskampfe anderer Leute “Taugenichts“ ebenso wenig ein Beruf zu sein scheint wie “Sohn“, steht da jetzt “Autor“. Ich stieg auf mein 40 Jahre altes Schweizer Rennrad, radelte heim und fand in meinem Postfach schon die Nachricht, das mit dem Kredit wäre gar kein Thema und ich sollte mich melden, wenn ich etwas Passendes gefunden hätte.

draghd

Gleich nach einer Petition von Change.org für mehr soziale Gerechtigkeit, die ich sofort unterschrieben habe. Denn nur zu gut erinnere ich mich an jene Tage meiner Jugend, als meine Eltern die zutreffende Ansicht vertraten, dass ein Sohn aus besserem Hause in München nicht zur Miete wohnen sollte, und mit Blick auf die Raubmordsteuerlast des Staates einen Teil dieser Wohnung auf Kredit kauften. Trotz exzellenter Verbindungen ins Haus und bekannter Bonität war das damals in den späten 80er Jahren keinesfalls eine Sache von einem Heimradeln – da wurde alles sehr genau geprüft, Sicherheiten wurden einer ausgiebigen Bewertung unterzogen, der Wohnungsverkäufer musste sich etwas gedulden . So war das eben in der alten Bundesrepublik. und ich verstand auch als gänzlich unerfahrener Mensch, warum in meinen Kreisen jedes Familienmotto lautet: “Es geht nichts über den Koffer“. Jetzt also hatte ich eine ungefähre Anfrage gemacht, ohne ernste Hintergedanken, und eine enorm schnelle Zusage. Ich stand auf, ging zum Fenster und schaute, ob da oben irgendwo ein Hubschrauber mit Herrn Draghi kreiste.

draghe

Aber so etwas geht heute wohl elektronisch. Ich warf ein paar frische Hemden in den Koffer, denselben in das benzinsaufende Monster, legte das gut verpackte Rennrad auf den Beifahrersitz und tat, was echte Autoren, die keine Söhne sein dürfen, so tun: Ich ging in die Arbeit. Die ist gerade bei Siena, nennt sich “l’Eroica“ und bedeutet, dass ich 105 km und 2100 Höhenmeter über Schotter radle, um darüber einen unterhaltsamen Text zu schreiben. Mein Quartier liegt in Staggia Senese in einem kleinen Palazzo in einer Mauer, und gleich vor der Tür erhebt sich ein Höhenzug Richtung Poggibonsi, dessen kleine Strassen giftige Steigungen zwischen Weingärten und Olivenhainen versprechen. Und eine Abzweigung hoch zum Friedhof, die ich nicht nehme, weil ich schon vor die Vermögensverwalterin getreten bin und das reicht jetzt auch erst mal, der Schöpfer kann warten. Der erste kleine Ort auf dem Weg heisst Lecchi, und den kennen Sie alle wegen seines erfreulichen Hotelrestaurants in der gleichnamigen Villa, nehme ich an. Jedenfalls, wenn Sie das nächste mal von Staggia nicht rechts hoch zur Villa fahren, sondern an der Kreuzung gerade aus blicken

draghf

ist da ein Haus mit Vendesi-Schild. Mitten im Chianti-Classico-Gebiet, 12 km von San Gimignano und 22 km von Siena entfernt, sehr ruhig. Es ist zur Strasse schmal und nach hinten hinaus lang, und dahinter geht es gleich wieder ins Tal – unverbaubarer Bergblick in zwei ‚Richtungen und deshalb schwang ich mich auch sofort wieder auf mein Rad und radelte ganz schnell weg. Sie kennen das ja aus Apokalypse Now, wenn die Hubschrauber kommen: Wer weiss, ob nicht hier aus dem Blau des toskanischen Himmels Herr Draghi auftaucht und mich mit Helikopterkrediten mit 2,3% Zinsen bewirft, bei real 5% Geldentwertung, versagender Riesterrente und wimmernden Bausparkassen … dem Mann traue ich alles zu. Also schnell weiter, und ausserdem habe ich ja schon etwas in geschlossenen Ortschaften – was ich bräuchte, wäre etwas abgeschieden, einsam und fern des Trubels. Man kann von Lecchi rechts hinunter Richtung Castellina in Chianti rasen, das kennen Sie sicher wegen des Weinguts Fonterutoli der Marchesi Mazzei von Ihren Hoflieferanten, aber ich blieb diesmal oben auf dem Hügel und

draghg

da steht es.

Und führe mich nicht in Versuchung.

Ausserdem steht es zwar eindeutig leer und verfällt vor sich hin, ein paar Einschüsse künden von der Achtlosigkeit der Hiesigen, aber ein Vendesi-Schild findet sich nirgends. Trotzdem, de facto zahlen wir mit entgangenen Zinsen die Kosten der Eurokrise, das Geld verliert seinen Wert und wer weiss, was denen einfällt, wenn erst mal das Bargeld verboten wird. In Zypern sah man bereits, wie weit dieses Europa zu gehen bereit ist, und momentan drängt es unsereins das Geld geradezu auf. Da oben im Turm könnte man ein schönes Lesezimmer einrichten, alte Flinten über den Kamin hängen und ausserdem jeden EU-Notenbankmitarbeiter von weitem erkennen, dessen Ankunft nichts Gutes verheisst: “Nein, Herr Draghi, Ihren Bargeldeinzieher haben wir nicht gesehen, wir haben die toskanische Landschaft mit Gemüsebeet gepflegt, wir sind Selbstversorger.“

draghh

Es hätte genau die richtige Grösse für einen Einpersonenhaushalt, also 200 m², dazu, wenn man mehr will, rund 100 m² Nebengebäude für die Kleinigkeiten, die das Leben so mit sich bringt. Gästewohnung, Ziegenzucht, Harem, man weiss ja nicht, was noch alles kommt, jetzt, da der Sultan der Türkei mit Befehlen an die Kanzlerin bestimmt, was in Europa geschieht und als Humor gilt. Über den Zweig der Via Francigena, der direkt am Haus vorbei führt, wälzen sich auch keine plündernden Heerhaufen mehr. Ganz im Gegenteil, Frau Merkel hat gerade erneut die Herren aller Länder, die in Florenz bereit sind, den Reisenden für einen kleinen, privaten Obolus in öffentliche und an sich kostenlose Parkplätze einzuweisen, zu sich eingeladen, und hätte gern einen offenen Brenner – die Zuglinie Rom-Verona ist weit weg von hier.

draghi

Doch, es ist hübsch hier, etwas abgelegen und in einem Land, in dem die Mehrheit die EU von Brüssel inzwischen ablehnt, und das weder Wirtschaftskrise noch Schulden in den Griff bekommt – aber auch in Deutschland wird es nicht immer aufwärts gehen. Wer einen hellen Kopf hat, sagen alle Vermögensverwalter, setzt auf kluge Verteilung des Vermögens, und weil es mit als Abstinenzler nicht möglich ist, das mit Wein und a la berlinoise mit Crystal Meth zu tun, frage ich morgen meine Vermieterin, ob sie weiss, was mit diesem Haus los ist. Ich bin nämlich der festen Überzeugung, dass dereinst auch Juncker, Draghi und Erdogan unaufschiebbare Termine haben werden, und selbst Frau Merkel wird dereinst das Schicksal treffen, das Horst heissen könnte. Ich will nur auf der richtigen Seite der Geschichte mit meinen 2 Quadratmetern sein und Platz für ein paar Gemälde haben. Und damit den italienischen Immobilienmarkt ankurbeln, damit das Schicksal Europa wieder freundlich anlächelt.

draghj

Ich bin also überhaupt nicht europaskeptisch, sondern weiterhin überzeugter Europäer, nur eben aus der ausgewogenen Epoche von Bettino Craxi und Ludwig Erhard, von Friedrich Karl Flick und Albert Camus. Sonst würde ich nämlich nach Graubünden reisen, wo es de facto noch Goldwährung gibt.

06. Mai. 2016
von Don Alphonso
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28. Apr. 2016
von Schlimme Helena
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Wie man Frauenaugen leuchten lässt

Ich weiß nicht, ob ich berechtigt bin, diesen Text zu schreiben. Denn ich muss Ihnen vorneweg gleich etwas mitteilen, sofern Sie es an meinem Namen nicht bemerkt haben: Ich bin eine Frau.

Das wird Sie vielleicht überraschen, vielleicht auch nicht.

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Vermutlich wird der eine oder andere von Ihnen das bereits vermutet haben. Aber ich betone es lieber gleich zu Beginn, damit wir uns nicht am Ende in die Wolle bekommen, und ich Ihnen sagen muss, dass ich doch eben nur eine Frau bin. Ganz normale Frauen haben heute in den Medien eigentlich nichts zu sagen. Wir haben nur das Recht, uns Einschätzungen über unser Leben von 30-jährigen Jungautorinnen anzuhören, die genau wissen, was gut für uns ist.

Denn wissen Sie, mit uns Frauen ist es so: Wir wissen wirklich nicht, was gut für uns ist. Wir sind ein bisschen, nun, sagen wir mal, dumm. Wir bekommen das gerade vom Team Recherche der SZ – eine Analyse dazu finden Sie hier – wieder erklärt. Was dort steht, reiht sich ein in unsere bereits bekannten Laster: Wir verdienen im Schnitt weniger Geld als Männer, wir interessieren uns sogar weniger für Karriere und Statussymbole als Männer. Wir sind dafür aber bereit, mehr Geld, von dem wir ja folglich weniger haben müssen, für Schönheit und Nahrung auszugeben. Und wir ergreifen lieber soziale Berufe, als uns für Technik zu begeistern. Natürlich, Sie haben Recht, sind wir nicht alle so. Aber die Tendenzen liegen im Vergleich auf der Hand. Im Vergleich zu den Männern.

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Hinzu kommt, dass wir so verflucht weich sind. Und damit meine ich nicht unsere zarte Haut und unsere sanften Kurven. Ich meine, wir sind emotional so richtig, richtig verweichlicht. Wir kreischen in Konzerten, wir quietschen wenn man uns ein Baby in die Hand drückt, und wir schreiben Textnachrichten in epischen Längen, damit unser Gegenüber sich auch ja wohl fühlt. Wir beziehen gerne Dinge auf uns, so dass wir häufiger autoagressives Verhalten zeigen als Männer. Wir wollen gefallen, wir wollen geliebt werden und wir wollen das alles in hübsch dekorierten Orten haben, gerne mit Blümchen und viel Milchschaum. Natürlich stößt das nicht überall auf Gegenliebe.

Nun könnte man einwerfen, dass wir Frauen doch schon immer so gewesen seien. Wir hätten bei Eva, der Schlange und Adam mit diesem Benehmen begonnen und bis heute einfach nicht aufgehört. Und weil das schon immer so war, waren wir auch schon immer auf Hilfe von außen angewiesen. Früher hatten wir dafür unsere Männer. Sie halfen uns, den richtigen Arbeitgeber zu finden und achteten darauf, dass wir unsere Pflichten als Mutter und Hausfrau nicht vernachlässigten. Waren wir überfordert, konnte uns der Ehemann mit seiner schützenden Hand die notwendige Kündigung schreiben, so dass wir wieder mehr Raum und Zeit für das Wesentliche hatten. Damit war gesellschaftlich gesichert, dass unsere Kinder eine liebevolle und nicht überlastete Mutter daheim hatten, um gesund heranzuwachsen. Wohingegen der Mann alleine in der rauen Arbeitswelt kämpfte, um uns ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen.

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Was dann geschehen ist, kann ich Ihnen leider nicht sagen. Vielleicht waren die Männer es müde, alleine in den Stürmen der Arbeitsmärkte zu segeln. Vielleicht hat die ein oder andere Tochter aus weniger gutem Elternhaus in der Welt jenseits des Haushalts nach Grenzen gesucht, die ihr daheim verwehrt wurden. Aber unser angeleitetes und sorgenfreies Leben brach Stück für Stück weg. Wir mussten lernen, selber zu entscheiden, ob wir einer Berufstätigkeit nachgehen wollten, obwohl wir eine Familie zu bekochen hatten. Wir fingen an vermehrt zu studieren, und die ersten Verrückten fingen an, Rechte für uns zu fordern. Die gleichen Rechte, wie sie die Männer hätten. Obwohl wir uns nach wie vor weigerten, die gleichen Pflichten wahrzunehmen. Öffentliche Parkplätze und deren oft beklagter Missbrauch durch uns Frauen mit schräg gestellten Autos sind nur einer von vielen stummen Zeugen.

Natürlich, ich will ja nicht polemisieren, sind wir nicht alle dumm. Das nicht. Nur der Großteil von uns eben. Und dass wir wie ein Haufen orientierungsloser Hühner sind, die weiterhin eine fürsorglich leitende Hand benötigen, ist selbst der superschlauen Elite von uns aufgefallen. Sie haben sich daher, nicht ohne die tatkräftige Unterstützung einiger Männer, zusammengetan und überlegt, wie uns zu helfen sei. Besonderes Augenmerk lag dabei natürlich auf den Müttern unter uns. Denn es ist gesellschaftlich besonders heikel, wenn ausgerechnet wir Mütter mit unserem Leben alleine gelassen werden. Das würde nämlich nicht nur uns, die Frauen, betreffen, sondern die gesamte künftige Generation unseres Landes gleich mit.

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Weil wir uns leider aber inzwischen an den Geschmack der Freiheit gewöhnt hatten, konnte das Rad nicht ganz zurückgedreht werden. Das ist die Krux mit den Privilegien. Selbst der Dümmste gibt seine Vorteile, wie berufliche Freiheit, nicht gerne ab. Und weil wir nicht hinterher kamen mit dem Haushalt und dem Arbeiten, einige Verwirrte von uns wieder in altes Verhalten verfielen und ganz daheim blieben sobald sie Kinder hatten oder andere wiederum dennoch Vollzeit (man stelle sich das mal vor!) gearbeitet haben, statt sich ihrer Familie zu widmen, musste eine neue Struktur geschaffen werden. Ein neuer Rahmen, an dem wir uns orientieren konnten, ohne die Zukunft des ganzen Landes aufs Spiel zu setzen. Dies ist nun mit vereinter Hilfe von Politik, Feminismus und vielen klugen Männern und superklugen Frauen geschehen.

Wir dürfen jetzt nämlich als Mütter gemeinsam mit den Vätern Teilzeit arbeiten.

Ja! Sie haben richtig gelesen! Wir dürfen das jetzt! Und wenn wir das machen, dann belohnt uns Vater Staat mit einem Taschengeldzuschuss. Unser Mann ist dann öfter daheim, um nach dem Rechten im Haushalt zu schauen. Wir können dennoch unseren elterlichen Verpflichtungen im Haushalt und bei den Kindern nachkommen und ab und an bleibt sogar genug Zeit übrig, damit wir entspannt selber den Pizzateig für das Abendessen belegen und uns dazu ein Glas Rotwein und eine hübsche Gesichtsmaske gönnen. Welch ein Fortschritt! Dazu bekommen wir von unseren Freundinnen und Freunden aus feministischen Kreisen dann noch ein wenig die Welt erklärt, so dass wir politisch auch auf der Höhe bleiben (irgendein Depp hat uns nämlich aus Versehen das Wahlrecht eingeräumt, aber das ist ein anderes Thema) und nicht nur über Deko und so reden, wenn wir mal abends mit dem Mann ausgehen. Das wäre heutzutage nämlich ein bisschen peinlich, so ungebildet und unengagiert zu sein. Es ist also, das kann sogar ich als Frau erkennen, so wie früher, fast alles wieder in Ordnung.

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Fast? Naja. Ein paar Durchgeknallte unter uns haben auch Kinder, und den Mann dazu irgendwie vergrault. Was ja auch verständlich ist. Nicht jeder Mann hält das aus, wenn er nicht regelmäßig etwas Anständiges zu essen bekommt und dafür aber ellenlange SMS sein Smartphone verstopfen. Und für diese „Alleinerziehenden“ haben die entscheidenden Kreise noch nicht so richtig die Lösung gefunden. Aber ganz unter uns, ich vertraue da auf unsere Politiker, auf den Feminismus und nicht zuletzt auf unsere Gesellschaft. Gemeinsam werden die es sicher schaffen, auch diesen gefallenen Schwestern den richtigen Weg aufzuzeigen. Und im Bundeshaushalt findet sich dafür vielleicht sogar auch ein kleiner Taschengeldzuschuss, um die Augen der Alleinerziehenden wieder richtig leuchten zu lassen. Zeit wäre es ja.

28. Apr. 2016
von Schlimme Helena
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23. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Jugend ohne Gott und migrationsfinanzierte Rente

Sie werden schon sehen, daß jede Epoche die Epidemie hat, die sie verdient. Jeder Zeit ihre Pest.
Ödön von Horváth

Die Pest waren wir. Vom v. S. war bekannt, dass er hinter Jungs her war. Bei seiner nicht ganz unbekannten Frau versteht man das, war alles, was wir uns damals dachten, wenn wir ihn an der grossen Bar sitzen sahen. Der P., der damals ein bekannter Schauspieler war, musste hin und wieder etwas gebremst werden, wenn er sich im Suff zu schnell den Frauen näherte, aber wenigstens soff er kein Bier, denn er hatte selbst im Exzess etwas bleibenden Sinn für das, was sich schickt. Seine Kollegin K., in eo ipso tempore fast eine Berühmtheit in den Gazetten und erkennbar magersüchtig, kannte ich nur wegen ihrer Stürze, bei denen sie, ebenfalls gut mischintoxiniert, indiskret und laut wurde. Wer das war, musste man mir erst erklären, denn ich hatte kein TV-Gerät. Es gab bessere Abendunterhaltung für die Angehörigen der besseren Kreise. Eine alte Villa im Park, Boxen, eine Tanzfläche, München.

pesta

Der kleine Mann war auch immer da, wenn er in München war. Wir haben ihn nicht weiter beachtet, warum auch. Es war ohnehin klar, dass er kommen würde, denn jeder ist damals gekommen, einen besseren Platz gab es nicht, also kam auch er. Er hatte damals eine schwierige Phase, so eine Art Karriereknick, wie ihn die Schauspieler K. und der P. Mitte der 90er auch noch bekommen sollten, und der v. S. war ohnehin schon recht alt und ist nicht lang danach gestorben, aber nicht an AIDS, wurde damals kolportiert. Man steht unbeteiligt neben dem Auf und Ab derer, die sich das Schicksal nicht mehr heraussuchen können und etwas sein müssen, um etwas zu gelten. Uns war das fremd. Wir waren, was wir damals gewesen sind. Jung, gut angezogen, auf der richtigen Seite, aus guten Familien und ohne Zwang, dort drinnen das Frischfleisch zu geben, oder die Gaffer. Der kleine Mann kannte das Haus, er mochte es, und sass an der hinteren Bar und trank.

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Zur Kenntnis haben wir ihn auch nicht genommen, weil das gewöhnliche Volk das durchaus gemacht hat. In die Villa im Park konnten manche, vor allem die Richtigen, aber alle konnten in ein Zelt draussen am Olympiagelände, riesig, laut, unüberschaubar, populär und es waren dort Menschen, die Turnschuhe trugen und mit denen man nicht über Gaultier und Comme de Garcons sprechen konnte. Irgendwer hatte das Gerücht verbreitet, dass das Zelt nun der ultimative Ort sei, und der kleine Mann dort in Erscheinung treten würde. Der kleine Mann machte aber nur lustlos seinen Job, den er in München zu tun hatte, trank bei uns etwas an der Bar und verschwand irgendwann. Es war Sommer und warm. Er war auch nicht mehr ganz jung und der Job, die Termine, die Reisen, das war stressig. Für uns war es der Ort zum Tanzen, für ihn der Ort zum Rumsitzen auf einem rotplüschigen Barhocker, wo man sich recht gut unterhalten konnte. Oder schweigen und abschalten, auch wenn man eigentlich bekannt war und draussen vor der Stadt, im Zelt, viele vergebens auf einen warteten.

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Es war also nur ein normaler Sommerabend unter Leuten, die zu ihren Bedingungen und Wünschen ihre Vergnügen haben wollten, und die anderen als die Pest galten. Das Neue, das Besondere, es brauchte damals lang, um sich durchzusetzen. Vieles wird vergessen, manches wird zum besten Hit der 80er und 90er und sogar auf den Hochzeiten gespielt, die heute, bei mir nebenan im barocken Spiegelsaal, das Publikum erfreuen, sofern es eingängig genug ist. Summer of 69. Denn draussen vor der grossen Stadt, tanzte sich der Pöbel dazu seine Füsse platt und wartete auf eine Erscheinung, die nie kam und bei uns so banal wie der v. S. blieb. Man darf nicht vergessen, sein Abstieg vom Höhepunkt war damals noch nicht vorbei, und wer später mit 57 noch Konzerte mit Liedern seiner Jugend gibt, ist wohl sehr verliebt in diese grosse, aber verblichene Vergangenheit. Ich kann das verstehen, denn diese Zeit war gut.

Ich kenne diese Sehnsucht. Wenn ich an den leeren, bedeutungslosen Hüllen vorbei fahre, die früher das Parkcafe oder das Nachtcafe waren, verspüre ich auch einen kleinen Stich, selbst wenn es heute nicht mehr meine Welt wäre – wir alle haben uns damals geschworen, nicht Lustgreise wie der v. S. zu werden, denn das Beispiel war nicht schön. Übrigens, weil wir gerade bei den Toten sind, auch Guido Westerwelle hat da mal eine Veranstaltung gemacht. Die FDP mit kostenlosen Drinks im Nachtcafe, die Apothekerpartei beim Jugendfang. Wir haben die Augenbrauen höher als bei den Halbnacktauftritten der K. gezogen. Bei Westerwelle war das Nachtcafe plötzlich voll mit Leuten, die dort nicht hingehörten und aussahen, als müssten sie Geld erst noch verdienen. Es war nicht eben erbaulich. So gesehen kann man unseren stillen Umgang mit dem kleinen Mann an der hinteren Bar als höchste Form des Respekts bezeichnen. Nichts stand mehr im Mittelpunkt unseres Lebens als wir selbst. Wir waren eine Jugend ohne Gott, zynisch, privilegiert, selbstbezogen, ignorant, und es war uns auch voll bewusst. Wir waren der lokale Pestausbruch unserer Zeit, mehr nicht.

peste

Die nächste Jugend bekommt dagegen die Zukunftsseuchen in unerfreulicher Weise zu spüren, denn der Weg vom Tanzen in der Villa im Park zu den angemessenen Beschäftigungen ist für Paradiesvögel mit schillerndem Gefieder aus Lebenslauflücken wahrlich nicht mehr so leicht – und ausserdem ist Exzess heute auch nicht mehr elitär, sondern Berghain-RTLII. Diese Berufsjugend, die mangels Maschinenbaustudium nicht viele so richtig brauchen, kämpft daher politisch um eine Grundsicherung im Alter; sie macht sich Gedanken, sie glaubt, dass eine neue Art Sozialismus ihr späteres Dasein retten und sie vor der Angst befreien kann, beim Sammeln von Pfandflaschen mit der Konkurrenz von Jüngeren aus fernen Ländern konfrontiert zu sein. In der Musik des kleinen Mannes und in unserem Leben gab es ausser der Party von 1999 keine Zukunft, nur Gegenwart, aber das hat sich grundlegend geändert. Die Rente ist wohl erst nach dem 70. Lebensjahr sicher, so man darauf angewiesen sein sollte. Das ist eine lange, elende Perspektive. Sie ist auch nicht schöner als die Pest.

Es scheint mir auch, als gäbe es nach der Neujahrsnacht von Köln nur noch wenige Stimmen, die behaupten, wir hätten mit der Migration vorwiegend junger Männer unser demographisches Problem und die Frage der Rentensicherung gelöst, wie das so schön von Qualitätsjournalisten bei ZEIT, Spiegel und der Prantlhausener Zeitung versprochen wurde, wie früher im Neuen Deutschland die Fortschritte des Sozialismus. Diese Zuversicht wird gerade unter dem Stichwort Rentenreform von den Herrschenden kassiert, und vermutlich ist es sogar richtig, sich als Minderbemittelter Sorgen zu machen – schliesslich bekam man gerade Menschen mitsamt Folgekosten “geschenkt“, zusätzlich zu denen, die man schon hat und jetzt bald in Ruhestand gehen wollen. Man weiss nie, wie lange das Leben dauert, und was es an Chancen und Risiken mit sich bringt. Was ich aber im Parkcafe gelernt habe, und was auch ein Grund sein mag, warum der Pöbel vor der Stadt umsonst auf jenen wartete, den wir nicht beachteten: Angenehmer Wohlstand ist immer auf Inseln daheim. Brücken, die andere zu den Inseln des Wohlstands bauen, dienen vor allem dem entschädigungslosen Abtransport der Beute. Das ist bei der Mitgliedschaft im richtigen Club nicht anders als bei der Vermögensverteilung – und um die geht es eigentlich, wenn man über Rente spricht. Grundsicherung ist ein hübsches Wort, bedeutet aber auf der anderen Seite Grundgeldeintreiben des Staates. Grundsicherungsfreunde wollen eine Party für alle, die dann aber für wenige nicht mehr schön ist. Unserer Zeit eine leichte Magenverstimmung.

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Gerecht ist das natürlich nicht. Mag sein, dass wir nach solchen durchtanzten Sommernächten die Vorlesungen ignorierten oder gar irgendwann das Studienfach wechselten. Mag sein, dass wir dort wenig über das echte Leben gelernt haben, und auch wir studierten nicht Maschinenbau. Was wir aber wussten war, dass es uns gut ging und man nur eine gewisse Anzahl von v. S., P. und K. erträgt, bevor die Stimmung kippt. Es ist wichtig, dass die richtigen Leute Zutritt bekommen und die Mischung stimmt. So ähnlich ist das, glaube ich zumindest, auch bei der Almosenpolitik. Und weil sie kein exklusiver Club ist, sondern eine Boazn auf Malle, wo von Leuten wie Schäuble im Tonfall von H.P. Baxxter befohlen und durch Lücken in den Sozialgesetzen ausgenutzt wird, ist es nur natürlich, dass man froh ist um alles, was man sonst noch so besitzt. Es gibt ein Dasein neben der staatlichen Almosen. Es gedeiht auf Inseln, zu denen es nur wenige Brücken gibt. Da ist es schön, da würde man gern bleiben, und wenn sich manche selbst einladen und kämpfen wollen, so achtet man um so mehr auf den eigenen Strand. Natürlich wird die Rentendebatte bitter. Natürlich wird es zur Kanonenbootpolitik gegen Vermögende kommen, und diejenigen, die uns geschenkte Menschen versprachen, werden jetzt Geschenke von unseren Erbschaften haben wollen. Denn wenn ihre Rente nicht sicher ist, sollen es unsere Vermögen auch nicht sein.

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Was haben wir uns damals über den Gastauftritt von Westerwelle im unserem Nachtcafe gewundert. Also wirklich. Aber manche von uns werden jetzt überlegen, ob man den Lindner nicht als Türsteher engagieren soll. Jeder Zeit ihre Pest, aber zu jeder Zeit versuchten auch die Klugen, sie draussen zu halten.

23. Apr. 2016
von Don Alphonso
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18. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Ziegen, Folter, Migration – alles eine Frage der Moral

Die Wahrheit brütet den Hass.
Pietro Aretino

Es gibt weltbewegende Entwicklungen, die gross beginnen und dann stark nachlassen: Das ehedem prächtik, kriegsluesternde und gar gyerige Sultanat der Tuercken ist auf einen rechtsbeibestandenen Erdogan gekommen, bei dem es allein der Respekt vor Frauen verbietet, von einem Klageweib zu sprechen. Das Christentum begann als charmante jüdische Sekte mit Verständnis für Ehebruch – ecce! wenngleich nicht mit Vierbeinern, sondern nur unter Menschen – und wurde zur moralinsauren Zwangsreligion. Und die wunderschöne Hetäre und erste Feministin Phryne hätte es sich wohl auch nicht träumen lassen, was für eine nicht normschöne, sexfeindliche Gruppe sich heute mit heftig schlankgephotoshopten Profilbildern über fehlende Binnen-Is und den Umstand beschwert, dass man zum Verkauf von Waren dann doch lieber auf wirklich schöne Menschen ohne galligen Gesichtsausdruck zurückgreift.

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Wir Journalisten scheitern dagegen nicht an unserer Vergangenheit: Unser Ahnherr hiess Pietro Aretino und gilt gleichermassen als Erfinder der modernen Bildillustration, des Clickbaits, der Pornographie, der geschmierten Lügenpresse, der Revolverblätterei, bezahlter PR-Schleichwerbung, Tendenzschmiere und, wenn es sich mal ergab und keiner zahlen wollte, auch Journalismus. Seinen Namen verdankt er dem Umstand, dass sein Vater nur Schuster war und er einen hübscheren Namen brauchte – so nannte er sich eben Pietro Aretino, Peter aus Arezzo. Ich verstehe das und heisse Don Alphonso. Don! Alphonso.

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Und wie es sich für Aretinos Jünger und umfassenden Nachfahren gehört, habe ich diesmal Italien nicht bereist, ohne seiner Heimatstadt die Aufwartung zu machen. Hier auf diesem Platz hat Pietro Aretino gelästert und bei Waschweibern jene Schimpfwörter gelernt, die er später in den Kurtisanengesprächen zum Weltkulturgut erhob, hier lernte er die Sitten der Armen und die Laster der Reichen kennen, hier ist die Stadt, die für einen Feuerkopf wie ihn bald viel zu klein war und die er verlassen hat, um sein Glück dort zu suchen, wo das Geld und das kostenlose Mahl lockte. Pietro Aretino ist eben wie ein Autor eines modernen Jugendportals von Spiegel Online gewesen – nur konnte er auch noch schreiben, hatte Geist und Verstand, wollte wirklich gut leben und hätte für den modernen Moralismus, unter dessen Joch und für einen Armendöner man in Hamburg und Berlin dreimal täglich Kutschera, Seehofer, Kelle und alle Klassenkameraden mit schönem Haus und Familie zu verfluchen hat, nur Spott und Verachtung übrig. Und vielleicht einen abgenagten Knochen.

Von einer Ziege.

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Und so lange sich andere nicht auch auf alte Grösse zurück besinnen, muss mir keiner einen Vorwurf machen, wenn ich auch nicht viel besser als der Stifter meiner Religion bin. Ich sitze also auf der Piazza in Arezzo, schaue mir die bislang noch selten anzutreffenden, hier aber sehr hübschen Japaner an, und verdaue eine übermässige Portion Trüffel mit etwas Pasta, ohne mir auch nur einen Gedanken über das Elend der Welt zu machen. Ich sitze hier, weil es schön ist. Und weil die Franziskanerkirche von Arezzo nicht einfach so besucht werden kann. Nur 25 Menschen dürfen für 30 Minuten hinein. Am besten ist es, man reserviert vorher im Internet. Jetzt ist noch Vorsaison, jetzt bekommt man noch Karten, wenn man an der Kasse nachfragt, und sich eine, anderthalb Stunden gedulden kann. Denn die Franziskanerkirche von Arezzo beherbergt im Chor eines der Hauptwerke der abendländischen Kunst: Die Legenden vom wahren Kreuz, gemalt vom Renaissancekünstler Piero della Francesca.

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Und deshalb ist immer nur einer kleinen Gruppe der Zutritt zum ansonsten eher schmucklosen Raum gestattet. Es ist eine echte Franziskanerkirche, fast eine Scheune, und die Augen müssen sich beim Durchschreiten erst an die Dunkelheit nach dem gleissenden Licht auf der Piazza gewöhnen. Dann tritt im Chor, hinter dem ohnehin schon spektakulären Kreuz eines Cimabue-Zeitgenossen, die Malerei von della Francesca hervor.

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Erzählt wird, gut sichtbar im gesamten Hauptchor der Kirche, die Geschichte des Holzes, aus dem das Kreuz Christi bestand. Der Legenda Aurea zufolge stammt der Baum dafür aus dem Paradies, das Holz wurde schon von der Königin von Saba verehrt, dann im 4. Jahrhundert von der heiligen Helena wieder entdeckt, später von den heidnischen Sassaniden verschleppt und letztlich doch wieder von der Christenheit erobert. Piero della Francesca nutzt die bewegte Geschichte, um seinen damals revolutionären Ansatz der perspektivischen Malerei umzusetzen, und verbindet äusserst brutale Schlachtszenen mit phantastischen Bildern schöner Frauen, wie hier der Königin von Saba und ihres Gefolges.

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Eine Szene wird in der Kunstgeschichte aber gern übersehen: Links an der Rückwand des Chores und daher vom Kirchenschiff und den Gläubigen aus bestens zu erkennen, ist eine Folterszene. Als die heilige Helena, die Mutter von Kaiser Constantin, in Jerusalem nach dem echten Kreuz Christi sucht, weigern sich die Juden, ihr zu erzählen, wo das Kreuz ist. Weshalb Helena laut Legende droht, sie alle verbrennen zu lassen, und mit Folterungen beginnt: Sieben Tage lässt sie die Juden in einer trockenen Grube hungern und dursten. Dann werden sie heraus geholt und verraten den Fundort des Kreuzes.

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Sehen Sie, ich glaube an Pietro Aretino. Ich bin vermutlich kein moralisch guter Mensch und flexibel in meinen Ansichten. Ich lerne gern dazu. Ich bin Zyniker, und manche mögen das nicht und schreiben schlimme Dinge über mich. Aber obwohl ich nach meinem bisweilen turbulenten Dasein etwas abgehärtet bin, stehe ich doch staunend vor diesem Bild. Da sind sich also Auftraggeber, Kirche, Maler und Gemeinde einig, dass sie so eine Folterszene haben wollen. Sie alle, liebe Leser, werden gelernt haben, dass die Franziskaner eher “die Guten“, sind, aber um 1450 ist in ihrem Chor diese Malerei, die zeigt, wie man mit jenen umgeht, die nicht auf Linie sind. Eine Woche in Israel in einer Grube ohne Nahrung, das ist fraglos brutale Folter. Piero della Francesca malt also den Juden am Seil mit einem leidenden Gesicht.

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Und den Folterer, der ihn bei den Haaren packt und den Kopf hochreisst, mit dem leichten Lächeln im Wissen, dass diese Methode funktioniert hat. Dass sie den Fundort des Kreuzes erfahren und eine wichtige Reliquie gefunden wird. Dieser Mann macht alles richtig und weiss, dass er die einzig richtige Stellung im grossen Heilsplan hat.

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Man darf nicht den Fehler machen, die Malerei der Frühreinassance mit unserem Wissen des Antisemitismus zu betrachten. Man muss das abstrahieren. Aber auch dann ist es noch ein bemerkenswertes Beispiel für fraglos höchste Kunst bei einer inneren Einstellung, die den meisten Zeitgenossen heute als klar falsch gelten dürfte. Wir sind heute von der Verwerflichkeit des Treibens überzeugt, aber die Gemeinde war damals der absoluten Überzeugung, dass es richtig war, so zu handeln. Deshalb kommt mir, erlauben Sie mir bitte diese Bemerkung, auch immer die Trüffelpasta hoch, wenn ich etwas von “christlichem Abendland“ höre. Das hier ist eines der wichtigsten Kunstwerke des Abendlandes, und es ist moralisch nicht weitab von Dachau und den Baukränen, an denen im Iran Homosexuelle und andere Abweichler aufgehängt werden.

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Man tut so etwas eigentlich nicht. Es gehört sich nicht. Es ist unhöflich. Piero della Francescas Meisterwerk sollte den Aufgeklärten da eine Mahnung sein. Etwa, dass man andere heute nicht mit dem gleichen moralischen Imperativ alle in eine braune Grube werfen sollte, weil sie nicht der Meinung sind, dass das Heil des neuen wahren Kreuzes in einer Politik der offenen Grenzen zu finden sei. Für den, der mittelalterlichen Aberglauben ablehnt, ist das Fresco ein dezenter Hinweis, dass vielleicht nicht alle ausgegrenzt werden sollten, die nicht an eine neue Legenda Aurea vom rentenzahlenden Facharbeiter und vom gelösten demographischen Problem glauben wollen, und verleugnen, dass am Ende alle Brüder sein werden und keinesfalls Pariser und Brüsseler Zustände drohen. Die migrationsmoralpolitische Überheblichkeit unter dem Gefolge der Kanzlerin ist dagegen gar nicht fen von der Überzegung des moralisch Richtigen, die man im Chor von Arezzo sehen kann. Das ging schon damals nicht ohne die exklusiv richtige Moral und heute erst recht nicht. Wahrer Vernichtungswillen gegen Andersdenkende braucht die moralische Komponente wie die Atombombe das Plutonium. Der Zweck heiligt die Mittel. Manchmal bekommt man dafür das Ritterkreuz, 72 Jungfrauen, einen schönen Platz im Kirchenchor, oder eine Kolumne.

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Langfristig bekommt man jedoch, das möchte ich als Jünger von Pietro Aretino anfügen, das höhnische Gelächter späterer Generationen, die aus dem Schaden etwas klüger wurden. Man sollte Piero della Francescas Meisterwerk unbedingt anschauen. Und als Dessert danach Pietro Aretinos Kurtisanengespräche lesen. Da ist die ganze Weisheit und der Charme, die Offenheit und die Lebensfreude, und obendrein ist es ein Meisterwerk der frauenemanzipatorischen Literatur, ehrlich und sexpositiv. Es wird alles offen besprochen und argumentiert, ohne Denkverbote und falsche Scham.

Nur über die einzig richtige Moral und Ziegen findet sich nichts darin.

18. Apr. 2016
von Don Alphonso
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14. Apr. 2016
von Don Alphonso
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Ohne Ziegen: Verbotsminister Heiko Maas und seine willigen Helferinnen

Religion können wir nicht anbefehlen, da es niemandem in den Sinn kommen wird, dass er gegen seinen Willen glaubt
Theoderich der Grosse

Die Spätantike verdankt ihren schlechten Ruf vor allem jenen Jahren nach 402 n.u.Z., als der römische Kaiserhof vor allem im oberitalienischen Ravenna anzutreffen war, weil der sumpfige Ort besser geeignet schien – man kennt das vom Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin. Ravenna steht für den Niedergang der Sitten, denn obwohl auf der einen Seite das Christentum rigide Moralvorstellungen umsetzte, verlustierten sich auf der einen Seite hochgestellte Persönlichkeiten mit niedrigstem Treiben, sofern das damals eben ohne Crystal Meth möglich war. So mancher Würdenträger liess seine Familie sitzen, um sich mit einer Dame von schauspielerischem Ruf zu verlustieren. Das Volk maulte und fand, dass sich diese Gespielin wohl nie mit dem Herrn eingelassen hätte, wenn er nicht mächtig geworden wäre. Der Mächtige revanchierte sich damit, indem er das Volk überwachen liess, seine Spitzel ausschickte und in Verbindung mit der Kirche den ein oder anderen lockeren Brauch unter einem moralischen Vorwand verbieten liess. So bigott ging das damals zu im spätantiken Ravenna. Mit dem Bundesjustizminister und Vorratsdatenspeicherungsfreund Heiko Maas hat das natürlich so wenig zu tun wie mit der sexuell motivierten Penetration von Ziegen – das muss man in eo ipso tempore als Autor wohl explizit dazu sagen.

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Mir geht es bei Heiko Maas auch um etwas ganz anderes: Ravenna, das möchte ich nach dem kulturgeschichtlich bedeutsamen Incipit betonen, ist längst nicht mehr der stinkende, faulende Sündenpfuhl, der es einmal war. Man muss bei der nun anhebenden Betrachtung der Gegenwart diese wohlbekannte, schändliche Vergangenheit ignorieren. Ravenna ist heute eine wirklich sehr hübsche, mittelkleine Stadt ohne besondere Bedeutung, und kann exemplarisch für jene urbanen Räume gelten, die mit dem Richtschwert des Geschmacks zwischen italienischer Eleganz und deutschen Tennissocken scheiden. Es ist nicht die Modemetropole Mailand, es ist nicht allzu reich, und am Abend haken sich die Damen bei ihren Männern – so sie welche haben – unter und ziehen durch die Fussgängerzonen. Dort war ich gestern auch auf der Suche nach einem Restaurant. Die gibt es hier nicht. Dafür gibt es Modegeschäfte. Irgendwie passt das ja auch zusammen, der aktuelle Schlankheitswahn und das Fehlen von Restaurants. Das heisst, ich fand zwei vegane Restaurants, dann passt es natürlich wieder, aber ich wollte essen und nicht in drapierten Tellern herumstochern.

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In Ermangelung von Speisekarten schaute ich mir daher Italienerinnen an, und das, was sie sich anschauen: Schaufenster nämlich. Das kann ich gefahrlos tun, denn erstens passen mir keine Frauenkleider, zweitens trage ich sie nicht und komme auch drittens nicht in Versuchung, dort etwas zu kaufen, denn ich habe schon in Sachen Fetisch gesündigt: Für eine sehr schöne Frau liegt ein Seidentuch mit Mosaikmotiven im Auto. Es geht Sie ja nichts an, wir wurden uns nicht vorgestellt, aber gewisse Aspekte der spätantiken Dekadenz gefallen mir sehr und andere bekomme ich, ohne dass ich hochgestellter Beamter sein oder meine Familie verstossen müsste. Ich musste nichts mehr kaufen, um Frauen glücklich zu machen, also schaute ich. Und beim Schauen ist mir etwas aufgefallen. Und es hat wirklich nichts mit Ziegen zu tun.

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Sondern mit Stevie Schmiedel und ihrer feministischen Lobbyorganisation Pinkstinks. Dazu habe ich in den letzten Tagen recherchiert, weil Pinkstinks Heiko Maas bei seinem Gesetzesvorhaben angeblich geholfen hat, die Werbung in Deutschland den Zielen der islamischen Republik Iran anzunähern – ein weiteres schönes Beispiel für die spätrömische Dekadenz, sich Arbeiten von Persönlicheiten machen zu lassen, die mir und anderen bislang eher als Ideologen, oder auch ordinäre Shitstormer bei Hasskampagnen und reichlich überzogene „Schöne Firma wäre schade wenn ihr was passiert“-Aktionen aufgefallen sind. Vielleicht will Maas später noch Minister für Inquisition und Scheiterhaufen werden, bei der Projekt-18%-SPD muss man ja nehmen, was man kriegen kann, aber wie auch immer: Laut aktuellen Berichten soll, wie das so ähnlich schon im grünen Kalifat Friedrichshain-Kreuzberg praktiziert wird, gegen „sexistische“ Werbung rechtlich vorgegangen werden können. Maas möchte, dass zukünftig Gerichte darüber befinden, was in der Werbung zulässig ist. Pinkstinks, seine Berater, treten mittlerweile mit der entsprechenden Selbstherrlichkeit und Freude am Petzen auf. Begründet wird das gesamte iconoclastische Vorhaben mit den Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen in Köln, die mutmasslich zumeist von Migranten verübt wurden, in deren Herkunftsländern sexpositive und westliche Frauen ansprechende Werbung wegen rigider Moralvorstellungen unterdrückt wird. Die Argumentation von Maas als Steigbügelhalter der Genderideologie ist so schlüssig wie das Verbrennen von Hexen nach Naturkatastrophen im christlichen Mittelalter.

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Man könnte also sehr wohl Fragen nach der Wirksamkeit solcher Gesetze stellen, aber Maas und Gabriel hat das auch nicht bei der Vorratsdatenspeicherung interessiert. Schmiedel und ihren Mitstreitern dagegen geht es nicht nur um blanken Sexismus und eine Empfehlung für das neue Buch von Julia Schramm, sondern vor allem um Rollenbilder, die ihnen nicht gefallen, und in die Menschen nicht gepresst werden sollen. Menschen sollen nicht zu Objekten gemacht werden, finden Schmiedel und ihre neuen Helfer in sozialdemokratisch geführten Ministerien. In Ravenna stehen Frauen dagegen mit leuchtenden Augen vor Kleidern an Modepuppen wie dieser.

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Es geht hier nicht um die Begattung der Gattung Capra aus der Familie der Bovidae, und auch nicht darum, Genderistinnen zu schockieren: Aber das Schaufenster ist heil, niemand beschmiert es, es gibt keinen Aufstand, im Gegenteil, der venezianische Lüster an der Decke zeigt, dass die Geschäfte besser laufen als bei einer “Wutmutter“-Initiative mit vier Teilzeitstellen. Nachdem auch in Italien die meisten Frauen berufstätig sind – ohne übrigens auf Förderung durch Ministerien zu schielen – und sich ihre Kleidung selbst kaufen, muss an dieser Stelle davon ausgegangen werden, dass sie die Objektifizierung der Frau auf einen kirschroten Kussmund bei zurücktretenden Gesichtskonturen so wenig stört, wie ein eregierter Penis den antiken Römer bei der Figur des Priapus – in der Mythologie u.a. der Beschützer der Ziegen – störte. Zur Frage, warum Priapus in Berlin und Ankara heute nicht mehr verehrt wird, will ich mich nicht einlassen. Statt dessen weitere Rollenbilder.

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Schrecklich. Die Arme der Frau, vom Gewicht herabgezogen und die schlaffe Hand nicht zur Faust geballt, und schwer mit Schmuck behängt. Wirklich viel Schmuck. In Ravenna schätzt man das.

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Ein Hemd mit aufgedruckten Handtaschen. Wirklich viele Handtaschen. Ich verstehe das nicht, aber Frauen hüllen sich nun mal in Kleidung, die Handtaschen zeigt. Es ist eindeutig Objektifizierung. Ganz schlimm. Das Leichenhemd des Konsumverzichts.

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Gold um den Hals und kein Kopf. Fällt eigentlich niemandem auf, was wir da jeden Tag in Schaufenstern als Werbung vorgeführt bekommen? Müsste da nicht sofort noch ein Gesetz her, dass Modepuppen Gesichter tragen müssen, die den Erfolg des Feminismus in der Gesellschaft verdeutlichen? Jutta Ditfurth, Marine Le Pen, Andrea Nahles, Frauke Petry, Sarah Palin, Claudia Roth, Petra Pau, sie alle könnten doch Modell dafür stehen, dass es auf das ankommt, was im Kopf ist. Den Damen von Ravenna ist es egal, sie huschen hinein und kaufen und gehen nachher ins Cafe an der Piazza del Populo, und was gibt es da aus Schokolade?

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Schuhe mit hohen Absätzen. Das alles findet seine Abnehmerinnen, und mein privater Eindruck ist ja, dass die Objektifizierung, die mit Schönheit und Fetisch immer einhergeht, von Frauen und Männern gleichermassen gewollt ist. Sonst könnten Modefirmen und Sportwagenhersteller, Parfumlabore und Schneider gleich alle Tore schliessen. Natürlich geht es um Reduktion auf sexuelle Reize und attraktive Rollen, denn der Hinweis auf Gewünschtes und das Vertuschen von weniger angenehmen Aspekten erzeugt erst das Begehren. Sehr viele Menschen möchten tatsächlich das Objekt sexueller Begierden sein, auch wenn alte Hofeunuchen, die Satzung des Reichsfrauenbundes und neue Genderforschung da anderer Neinung sein sollten. Das ist nicht werblich, sondern umfassend menschlich, und erhebt den Menschen über Geissbock und Ziege. Man nennt die Ausprägung solcher Rollen gemeinhin Zivilisation, und nur, weil Werbung wie unter den Taliban rechtlich verfolgt werden soll, habe ich, wie vermutlich die meisten Menschen, immer noch eine private Meinung über die Hierarchien des Begehrens, geboren aus Verhaltensmustern und Objektifizierung. Was oben steht, geht Sie nichts an, aber das darf ich hier anmerken: Die Ziege ist fraglos ganz unten auf dem Nullniveau des Undenkbaren, und sie ist da wahrlich nicht allein. Aber bevor ich mit 35.973 weiteren Zeichen Auskunft gebe, wer ihr da Gesellschaft leistet, möchte ich lieber noch ein Bild aus dem Campo Santo, dem Friedhof am Dom von Pisa zeigen.

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Es ist ein Bild, ein Rollenbild, das mir wirklich gefällt – und das, obwohl ich hohe Absätze sonst so gar nicht schätze. Aber die hier, die mag ich. Weil hier eine Frau mit rot lackierten Nägeln über eine Grabplatte schreitet, in der ein toter, moralinsaurer Würdenträger der Kirche verfault. Er hat damals viel Geld dafür gezahlt, dass er an einem Ort liegt, an dem für sein Seelenheil gebetet wird. Nun also schlendert eine Frau über ihn hinweg und möchte anderen gefallen. Die sexuelle Freiheit, der Wunsch nach Begierden und die Lust an der Auffälligkeit – sie alle schreiten über die Bigotten der Vergangenheit hinweg. Denn die sündige Fleischeslust ist unsterblich, ganz im Gegensatz zu den Bigotten. Und Ziegen.

14. Apr. 2016
von Don Alphonso
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