Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

27. Jan. 2018
von Don Alphonso
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Kreuzberger Nächte werden kurz gemacht

Lakaien befolgen Gesetze, Könige sehen Zusammenhänge.
Gabriel Lorca

Da ist also dieser aufgeplatzte, blaue Sack auf dem Boden, voll mit Bauschutt, und er liegt schon etwas länger hier. Ratten und Mäusen gefällt das.

Und ich stehe davor, schaue in den bleigrauen Berliner Himmel, aus dem es tröpfelt, und denke daran, dass oben in Bayern, bei mir vor dem Haus, dieser Regen als Schnee herab kommen wird. Ich muss schneller als der Wind sein, denn wenn der Regen erst bei uns ist und gefriert, muss ich, wie jeder Hausbesitzer, das Eis vom Trottoir kratzen und den Schnee räumen. Das macht man halt, meine Vorfahren haben es gemacht, ich mache es auch. Hausbesitz bedeutet einfach, dass man beim Schneefall dort sein und die Verantwortung übernehmen muss. Aber hier in Berlin hat einfach jemand einen blauen Sack mit Bauschutt abgelegt. Weiter vorn steht eine Autotürverkleidung.

Mit Kleidungsstück. In Grün. Das hat jemand hier gelassen, und keiner will es. Ich will es beseitigen, das ist so in mir drin, denn wenn auf meinem Bürgersteig vor dem Haus etwas ist, räume ich es weg. Ich kann mich einen ganzen Tag lang über Zigarettenpackungen ärgern, ich fege nicht den Weg, sondern Leute an, wenn sie Zigarettenkippen vor meinen Augen wegwerfen: So ist nun mal meine Natur. Und wenn es schneit; zieht mich meine Natur eben nach Hause an die Schaufel und den Eishacker. Wie alle anderen auch. So sind wir nun mal. Selbst wenn die Gemälde drinnen mal wieder abgestaubt werden könnten. Aber die Strasse ist frei.

Das hier sind ein paar traurige Radreste – wer in Berlin Ersatzteile braucht, kauft eher nicht bei Ebay, sondern montiert wohl einfach etwas ab. Bei uns bekommen Schrotträder orange, datierte Aufkleber, um feststellen zu können, ob sie noch bewegt werden. Ist das nicht der Fall, bekommen sie einen Zettel, dass sie in zwei Wochen entfernt sein müssen. Sind sie dann nicht entfernt, werden sie abgeholt. So ist das bei uns. So sind wir. Wir können nicht anders. Wir können das alles gar nicht sehen.

Wir sehen es, verdrehen die Augen, richten sie zum Himmel und denken uns: Warum. Weil, es ist doch so: Das sieht hier überall so aus. Gleichzeitig aber, und das haben wir beim Verdrehen der Augen gen Himmel auch gesehen, beschmieren sie nicht nur ihre Häuser, sie bemalen sie auch. Zum Beispiel mit einer bukolischen Landschaft mit Hügeln, kugelrunden Figuren, zartrosa Himmel und einem netten, kleinen Einzelhaus, ganz anders als die riesigen Blöcke der Gründerzeit.

Niemand malt in dieses Bild einen blauen Müllsack, geplatzt wie die Karriere einer Modebloggerin, eine ausgerissene Türverkleidung wie ein seiner Heimat entflohener Schwabe, und Räder, funktionsunfähig wie der grüne Wohnungsankauf, in diese arkadische Landschaft. Was auf der Strasse ist, ist hier auf der Strasse, und was die Wunschvorstellung ist, ist an der Wand. Zumindest 1 Mensch hier denkt an eine Welt, die so heil ist wie ein Tourismusprospekt, und Tausende. Zehntausende sehen das. Diese Menschen hier haben blaue Müllsäcke, aber auch eine Vorstellung davon, dass es so nicht sein muss. Der hungrige Steinzeitmensch saß auf den Essensresten, malte fleischige Bisons in Höhlen und schnitzte rundliche Frauen aus Bein, hier malen sie eine grüne Landschaft und runde, zufriedene Figuren mit Lächeln, während sie bei Mülltüten sitzen. Das nennen Optimisten den menschlichen Fortschritt, aber: Das ist nicht alles.

Denn natürlich quetschen sie hier gebrauchte Kinderwägen und unbequeme 90er-Jahre Stühle der Postmoderne zwischen die Zugangswege der Baustellen. Das ist kein Zufall, das ist Absicht, sie wollen damit den Arbeitern, die hier die Gebäude sanieren, erschweren. Nicht jeder ist einverstanden mit den steigenden Mieten und der Aufwertung des Viertels. Manche kleben auch klassenkämpferische Zettel im Rot der Revolution an die Wände. Sie laden zu Kiezversammlungen ein, die so gut besucht wie die Wahlkampfstände der SPD sind, und halten sich dann wie die SPD berechtigt, für das Volk zu sprechen. Sie wollen ihren Kiez so, wie er früher war, so wie bei mir daheim auch viele in die gute, alte Zeit zurück wollen, als hier nicht nur Schnee geräumt, sondern auch jeden Sonntag morgen ordentlich gefegt wurde, egal ob am nächsten Morgen die Stadtreinigung noch einmal fegte oder nicht. So war das nämlich früher, am Sonntag um 11 fegte der Bürger und am Montag um 6 Uhr kam der Reinigungswagen und hatte nichts zu tun. Sauberkeit, fast so sinnlos wie Vandalismus.

Sie wollen also ihren alten, modrigen, braunkohlegeheizten Kiez behalten, und die Extremen rammen dafür alte Kinderwägen in Einfahrten, sie werfen auch mal Steine durch die Fenster und zünden hin und wieder Autos an, und die Bevölkerung meint oft, das gehört irgendwie dazu gehört. Sie kleben Gedichte von Brecht und Aufrufe zur Revolution an Säulen, und sie schrecken auch nicht vor, wie ich Single finde, schlimmsten Taten bei der Wohnungskäufervergraulung zurück, wie dem Eltern-Kind-Trommeln.

Aber ich habe ja den Traum an der Wand gesehen, und deshalb noch etwas genauer hingeschaut, und wir wissen ja, jede Kultur trägt den Keim ihres eigenen Verderbens in sich. Und während einen zerschlagene Kaugummiautomaten aus leeren Augenhöhlen anstarren, während Sticker noch von Revolution und Aufbegehren künden, ist daneben eine saubere Schaufensterscheibe.

Der Berliner wird das nicht beachten, er denkt sich halt, dass wieder eine junge Frau versucht, aus ihrem Schneiderhobby einen Beruf zu machen. Irgendwas mit Mode. Stoff kreativ aneinander fügen. Teil der Do-it-yourself-Bewegung, kleines Kiezhandwerk, gegen Globalisierung, bio, was man halt damit so verbindet. Aber so einfach ist das nicht, denn Nähen ist eine relativ komplexe Arbeit. Nähen erfordert eine hohe Präzision und Vorausdenken, Struktur und Hingabe. Schlecht angezogene Menschen gehen vorbei und denken an das Rattern einer Nähmaschine. Aber ich gehe vorbei, sehe die bis in die Kanten saubere Scheibe und weiß, dass bei uns früher die Frauen um so begehrter waren, je besser sie nähen konnten. Nähen ist ein Handwerk, das den Menschen formt. Näherinnen müssen wissen, wo welche Knöpfe sind, wie viel Stoff sie vorrätig haben, wann etwas fertig sein muss und wie man mit Kunden über längere Zeit ernsthaft kommuniziert. Näherinnen sind, wenn sie wirtschaftlich überleben wollen, alles, nur nicht Berlin.

Und natürlich hat hier niemand etwas gegen Erscheinungen, die Näherinnen bei uns in Miesbach kennen: Dass ein wahrhaft dickes Auto vorfährt und eine Frau aussteigt und erklärt, zu welchem Anlass sie welches Kleid ohne Rücksicht auf die Kosten braucht. Das bedeutet aber, dass das Auto dort nicht zerkratzt werden sollte, das bedeutet einen sauberen Weg und ein sauberes Fenster, und tatsächlich liegt hier kein zertretenes Rad und kein blauer Müllsack herum. Nähen ist ein Geschäft der guten und dauerhaften Kundenbeziehung, ganz anders als Ausverkauf im Ramsch ein graues Stück Kleidung, das man gerne mal auf einer Türverkleidung liegen lässt. Es gibt hier in dieser Ecke etliche Näherinnen. Sie müssen versuchen, sich zu erhalten. Sie können es sich gar nicht leisten, wie Berlin zu sein. Die Herzen der Konsumkritik fliegen ihnen zu, aber ein Herz für den Schlendrian können sie sich nicht abrechnen. Eher linke Projekte tun das übrigens auch nicht:

Und das ist nicht das einzige Beispiel für Verbotskultur, weiter vorne mahnt ein Schild, man sollte doch bitte nach 22 Uhr Rücksicht auf die Anwohner nehmen – darunter auch die Mutterkindtrommelterroristen, die in der Nacht zu Ruhespiessern werden – und leise sein. Schön leise. Und keine Motorräder mehr starten. Vermutlich leben hier Leute, die nach 22 Uhr die Motorräder geschoben sehen wollen.

Das ist schon eine ganz andere Welt als jene, die nebenan im Plakat hochgehalten wird.

So geht das hier immer weiter, Dreck, Schmierereien und dazwischen dann wieder die neue Berliner Verbotskultur der kurzen Kreuzberger Nächte mit Ruhe ab 22 Uhr – bei uns am Tegernsee fängt man da erst langsam an, auf den Biertischen zu tanzen zu “ich bin die Antonia aus Tyrolia” und “Sweet little Rehlein”. Es sind Hinweise auf eine Liberalität mit Grenzen. So fing das vor 12 Jahren auch im beliebten LSD-Viertel in Mitte an, und ein Club nach dem anderen musste wegen des Lärms schließen. Bei uns in Bayern wird man nicht glücklich, wenn man gegen die Glocken von Kühen und Kirchen prozessiert, aber hier geht das noch, der Tanzpalast von gestern ist die Lärmbelästigung von heute.

Die Ruppigkeit im Umgang macht keine Ausnahme für Subkultur. Irgendwann beschweren sie sich bei der Hausverwaltung, wenn der Schnee im Winter vor dem Haus liegen bleibt, denn wenn sie einmal mit einer Forderung durchkommen, legen sie sofort die nächste Beschwerde auf den Tisch. Weil sie können. In Bayern wird die Anspruchshaltung durch die Eigenverantwortlichkeit gedämpft. Hier wird erwartet, dass andere das erbringen, was man für wünschenswert hält. Verspiesserung ist nur eine Wandlung der Ansprüche an andere, aber nicht eine Anpassung der Methoden zur Durchsetzung. Die Miete soll nicht mehr als 5 Euro pro Quadratmeter kosten, aber die Leute, die das Mieterparadies für ihr gutes Leben ausnutzen, sollen beim sturzbetrunkenen Fall aus der Kneipe nach 22 Uhr ihren Oberschenkelhalsbruch still erdulden; und für das Blut die Müllsäcke verwenden.

Die werden sich noch wundern, wie kurz die Kreuzberger Nächte noch werden, denke ich mir, als ich zu meinem Auto gehe. Die Anfänge für den Kulturkampf sind gemacht, es werden sicher noch Näherinnen pleite gehen und Autos zerkratzt. Aber draußen am Autobahnring kosten kleine Wohnungen auch schon 480 Euro pro Monat und damit doppelt so viel, wie meine 75m² hier 2004 in einer anderen Gentrifizierungslage gekostet haben. Wer jetzt hier ist, wird kaum mehr umziehen, sondern vom Mieterschutz profitieren, altern, und neue Ansprüche entwickeln. Es wird alles teurer, aber nicht besser, und nie so wie auf dem bunten, arkadischen Wandgemälde. Ich lasse das Auto an, und sollte ich jemand aus dem Mittagsschlaf gerissen haben, weil mein Verbrennungsmotor etwas laut ist, so mag man mir das hier verzeihen:

Schon im Thüringer Wald bedeckte der Schnee alles Leben, und ich hatte es wirklich eilig, nach Hause zu meiner Schneeschaufel zu kommen.

27. Jan. 2018
von Don Alphonso
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23. Jan. 2018
von Don Alphonso
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Das Ende der Mittelmeerroute im Görlitzer Park

Um einen Feuerball rast eine Kotkugel, auf der Damenseidenstrümpfe verkauft und Gauguins geschätzt werden.
Walter Serner, Letzte Lockerung

Wenn man die Plantagen sehen will, in denen Afrikaner ihre Schulden bei den Schleppern abarbeiten, muss man in Sizilien nur etwas weg vom Strand. Wie es der Zufall will, war ich am gleichen Strand, an dem das Zentrum für politische Schönheit einmal eine Rettungsinsel ins Wasser brachte, als ersten Teil einer erhofften Brücke von Afrika nach Europa. Seitdem hat man – typisch Sizilien – von dem Projekt nichts mehr gehört. Vom Strand aus in die Hügel, die ganze Strecke runter bis nach Agrigent, ist das Land, in dem die letzten Orangen und ersten Erdbeeren reifen. Damals gab es noch keine Hot Spots für Migranten, damals wurden die Clandestini mit Schnellbooten an die Küste gebracht, und dann arbeiteten sie dort oben die Kosten ihres Transports ab, zum Wohle der sizilianischen Landwirtschaft und der deutschen Konsumenten, die es für selbstverständlich halten, wenn sie ein Netz Orangen für 2 Euro bekommen.

Danach machen sie sich auf den Weg. Vor der Flüchtlingskrise blieben sie meistens in Italien, bis dann die Deutschen auf den skandalösen Umgang mit Migranten auf Lampedusa aufmerksam wurden, und die Regierung Berlusconi das Problem für Italien erleichterte, indem sie Migranten mit Papieren ausstattete und sie gen Norden in Züge steigen ließ. Ich habe sie als staatlich eingestellte Kirchenwächter in Abbazia Isola gesehen, wo sie besser Englisch als die Italiener sprechen, und in Pisa, wo sie als fliegende Händler von schwer bewaffneten Sondereinheiten auf Distanz zum Dom gehalten werden. Ich sah sie als Erntehelfer in den Hügeln rund um Staggia Senese und streitend auf einem Platz in Padua. Ich bin mit ihnen von Mantua nach Verona mit dem Zug gefahren, für den sie keine Karte hatten, aber das war damals in Ordnung, denn in jener Zeit fuhren sie alle in Richtung deutscher Grenze und nie zurück nach Mantua. Sie wurden auf dem Meer abgeholt, sie konnten in Italien einen Asylantrag stellen, und wer das nicht tat, hatte binnen weniger Tage das Land zu verlassen. Und deshalb gab es an manchen Tagen im Bahnhof von Mantua eine klar schwarzafrikanische Mehrheit.

Ich bin ihnen in Rosenheim entgegen gefahren und habe sie auf ihren neuen Turnschuhen vom Bahnsteig zum Empfangszelt begleitet. Afrikaner, aber auch viele Pakistanis, die offensichtlich schon lang in Italien waren, und sich in Deutschland bessere Bedingungen erhofften. Vor ein paar Wochen gingen in der Nacht vor meinem Haus zwei Gruppen, beide rund 20 Mann stark, aufeinander los: Araber gegen Afrikaner, die sich nicht verstehen. Die Afrikaner sind bei uns südlich der Stadt in einem Lager untergebracht, um ihre Abschiebung wegen schlechter Bleibeperspektive, so nennt man das heute nach dem Ende der Euphorie, beschleunigt durchführen zu können. Es gab da ein paar Ereignisse, die die Bürger hier verstörten, Aufstände und Tumulte und “Männergruppen” in der Stadt, die alle zum erstaunlich guten Ansehen der AfD in meiner Heimatstadt beigetragen haben dürften. Das da draußen, die frühere Kaserne meiner Schulkameraden: Das ist das eine Ende der Mittelmeerroute. Manche finden das hart, Pro Asyl beschwert sich über die Sackgasse der Migration, die bei uns bereitet wird, während der Innenminister den Bürgern mehr Polizei verspricht.

Es ist jetzt 2018, und vermutlich schade ich keinem, wenn ich noch von einem Gespräch mit einem Innenpolitiker hier in Bayern erzähle. Der sprach recht offen darüber, dass man durchaus Interesse an arbeitenden und integrierten Migranten habe – bei uns am Tegernsee beispielsweise gibt es jede Menge freie Stellen im Bereich Tourismus, die auch ohne deutsche Berufsausbildung besetzt werden können. Die anderen, das sagte er mit einer wegwischenden Handbewegung, wollten sowieso nicht bleiben, und wer konnte, ginge in den Norden in die großen Städte, Ruhrgebiet, Berlin, Hamburg. In meiner Heimatstadt waren eine Weile etliche Asylbewerber in einem bestimmten Park am Hauptbahnhof: Solche Ansätze mit vermutetem Drogenhandel wurden dann, ähnlich wie auch in München, schnell und nachhaltig von der Polizei unterbunden. Ich trinke noch nicht mal Alkohol, das ist der einzige Punkt, an dem ich die Scharia befürworte, und ich mag keine Drogen: Nachrichten über aufgeflogene Netzwerke und deren Verurteilung wie jetzt in Rosenheim lese ich recht apathisch. Geschichten über Vollbeschäftigung von Asylbewerbern in der Gastronomie als Ende der Mittelmeerroute gefallen mir natürlich besser. Es gibt aber auch noch andere Enden, womit wir beim Görlitzer Park in Berlin wären.

Dort hat, so würde man das mehrheitlich in Bayern sehen, der Rechtsstaat aufgegeben, und lässt den Handel mit Drogen weitestgehend ungestört geschehen. Hin und wieder kommt es zu Streitereien und Gewalttätigkeiten, im weiteren Umfeld gab es auch Tote, und der Attentäter Anis Amri, der in der Nähe meines Hotels den Anschlag am Breitscheidplatz verübte, war hier auch eine Weile im Drogenhandel tätig. Ich kam über die Görlitzer Strasse, sah einen Parkplatz, wendete – und da kam auch schon ein junger Mann aus dem Park, nickte mir zu und zeigte etwas in seiner Hand. Es war Samstag Vormittag, es war kalt, es regnete, und Männer aus der Subsahararegion machten gut die Hälfte der anwesenden Personen im Park aus.

Ich stellte also das Auto beben einem Sperrmüllhaufen ab, und ging hinein. Es gibt Routen, an deren Eingang und Verlauf man als Kunde betrachtet und mit leise geflüsterten Angeboten bedacht wird. Sobald man die Augen hebt und die Männer anschaut. Es gibt einzelne Personen und kleine Gruppen, je mehr Passanten, desto mehr Angebot.

Es gibt auch noch kleine Nebenwege, und wenn man dort geht, wird man nicht mehr angesprochen. Dann löst sich jemand aus einer Gruppe und geht einem nach. Ich sehe jetzt nicht wie der klassische Drogenkonsument aus und überlegte, was ich meinem Bewacher sagen sollte: “Pardon, ich mag nur gerne weichen Boden” oder “Ach so, Sie haben nur kleine Mengen dabei und hier in den Büschen sind vielleicht größere Vorräte – darum geht es mir nicht”. Sobald man sich wieder auf den Hauptwegen fortbewegt, in einem öffentlichen Park, ist man zwar nicht unbeobachtet, aber das ist auch alles.

Es regnet. Es ist kalt. Die Herren haben alle Kapuzen und sind dick gekleidet, aber man sieht ihnen auch an, dass sie frieren und unzufrieden sind. Sie sind sehr nass. Sie sind hier, damit etwas passiert, aber nach 20 Minuten habe ich nur einen einzigen Weißen gesehen, der sich länger mit einem dieser Anbieter unterhielt. Die junge Frau, die ihren Hund Kot absondern ließ und ihn nicht einsammelte, war bis dahin deutlich illegaler. Die R. hatte mir am Vorabend geraten, Nachts hinzufahren, da sei mehr los: Jetzt, unter der Bleidecke des frühen Samstags, war es wirklich auf eine deprimierend-apathische Art interessant.

Denn die Mittelmeerroute hat viele Enden, die Plantagen Siziliens, die organisierten Bettler in Mantua, die Rebenschneider im Chianti, die Azubis im Kolpinghaus, und die Grenzstation am Brenner, die inzwischen wieder fest installiert ist, um Aufgefangene vom Betreten Österreichs abzuhalten. Möglicherweise haben sich unsere Wege auch irgendwann schon gekreuzt. Und möglicherweise ist es auch genau das, was Innenpolitiker bei uns in Bayern wissen und wollen: Wer dem Verfolgungsdruck ausweicht, der geht eben dorthin, wo man sich an nichts stört. Das hier ist der Ort. Ziemlich viele Berliner, die mich wegen meiner Sicht der Dinge nicht schätzen, beschweren sich über geklaute Fahrräder und finden den lockeren Umgang mit dem Görlitzer Park gut, wo an den Laternen solche Anzeigen hängen.

Es kann legal sein, so wie in den Drogen hier angeblich so viel Streckmittel sein soll, dass sie vielleicht gar nicht mehr illegal sind, aber ich hätte bei diesen Rädern Bedenken. Die Grünen in diesem Bezirk wollen eine andere Drogenpolitik mit der Legalisierung “weicher” Drogen. Sie haben hier mit Rot-Rot-Grün eine Sonderzone entwickelt, in der Drogenhandel durch die Leute möglich ist, die ganz unten in diesem Geschäft sind. Die Orangen aus Sizilien sollen leicht verfügbar sein, die Drogen für Touristen aus Australien sollen leicht verfügbar sein. Dafür stehen sehr nasse Afrikaner im Regen und schauen Menschen erwartungsvoll entgegen, die reflexartig wegschauen. Man hat ihnen dafür den öffentlichen Raum überlassen, und das führt zu kunsthistorisch grotesken Situationen.

Denn in Parks des Rokoko gibt es auch Blumenarkaden wie am Haupteingang des Görlitzer Parks. Dort wechseln sich Säulen und teils frivole, teils mythische Statuen ab, und mitunter auch exotische Figuren, die von der Versklavung von Arabern und Afrikanern in jener Zeit erzählen, und in Stein als Leuchterfigur gehauen wurden. Hier im Görlitzer Park wechseln sich Säulen und junge Männer in dicken Jacken ab, die von einem Bein aufs andere wechseln und dort oben gut sichtbar hoffen, dass jemand mit ihnen ins Geschäft kommen will. Der übliche Berliner würde sich vor Abscheu winden, würde man hier die rassistischen Figuren des Rokoko aufgestellen. Dass hier echte Menschen aus fernen Ländern im Regen frieren, soll angeblich “tolerant” sein.

Man redet sich das hier schön, es seien Menschen, die sich eben auf ihre Art behaupteten und ihren Lebensunterhalt verdienten. Es kommt der sehr speziellen Partytourismusbranche entgegen, und manche mögen darin etwas verrucht Mondänes erkennen, wie in den 20er Jahren, als es viel härtere Drogen noch in der Apotheke gab. Manche denken vielleicht, die Geschäfte helfen den Familien in Afrika. Vielleicht reden sich auch die Kunden der Zuhälter jener Frauen an italienischen Nebenstrassen, so wie in Citadella Mantova bei der alten Kartonfabrik, diese Form der erzwungenen Prostitution schön.

Jetzt sind sie halt da, und ein Druckmittel eines Bezirks gegen eine Drogenpolitik die sich nach meiner bescheidenen Meinung ganz sicher nicht ändern wird, wenn das hier die sichtbaren Folgen sind. Es ist ein schönes Beispiel für die unterschiedlichen Bewertungen der Lebensrealität in Deutschland, und das, womit hier die Grünen die Wahlen gewinnen, ist exakt jene Befürchtung, mit der bei mir daheim die AfD zur Volkspartei aufsteigt. Es ist ein Endpunkt der Migration, und wenn sie einen Händler mit zu vielen Drogen auf dem Weg erwischen, kommt eben ein anderer. Ich höre bei dieser Debatte immer, dass jeder Mensch zählt, aber das hier erscheint mir wie eine politisch gewollte Benutzung. Und was man mit diesen Leuten tun würde, oder was diese Leute tun würden, wenn Cannabis legalisiert und an ihnen vorbei vertrieben wird, kann auch niemand so genau sagen. Wenn sie auf harte Drogen umsteigen, werden sie dann als Kriminelle eingesperrt, oder geht dann das Spiel der Toleranz und des öffentlichen Raums als Umschlagplatz erneut los? Will man wirklich weiterhin eine Zone, in der Migration und Drogenhandel so offensichtlich zusammen kommen?

Nur um das klar zu sagen, mein erstes Drogenangebot war beim Essen in der Kastanienallee 2002, als ein weißer Deutscher sich über den Tisch lehnte und Haschisch mit einem Aussehen anbot, das jetzt nicht wirklich eine Werbung für eine liberale Drogenpolitik war. Aber als ich Richtung “Kotti” zurück fahre, läuft ein Afrikaner gestikulierend einem Weißen nach, bis der stehen bleibt und etwas austauscht. Ein anderer, der offensichtlich aufpasst, kickt frustriert einen Coffee2Go-Becher vor meine Reifen. Es regnet weiter. Es bleibt kalt. Ein ungemütlicher Wind kommt aus dem Norden und zieht unter die Brücke. Es gibt zu viele Drogen und Anbieter, und zu wenige Käufer. Es ist ein Ende der Mittelmeerroute, mit dem man sich so arrangiert hat, wie bei mir daheim mit den Meldungen von untergegangenen Booten, und mit den Hallen im Voralpenland, die sich auf wundersame Weise leeren, weil das, was bei uns angeboten wird, auch nicht das ist, was sich viele erwarten.

Wie immer, wenn die Differenz zwischen Realität im Regen oder im Mittelmeer und Ansprüchen an die eigene Ethik hoch ist, nagt an den Menschen ein schlechtes Gewissen, und das macht die Konflikte dann auch so unerfreulich. Die einen sehen die Niederlage des Rechtsstaates in Cottbus und Bautzen, weil die Bürger dort gegen Flüchtlinge ungehindert mobil machen können, die anderen sehen die Niederlage hier, weil sie 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, das erleben können, was sie befürchten. Die einen machen die Dystopie der anderen, und viele denken, wenn der Staat hier nachgibt, müssen sie es eben selbst in die Hand nehmen. In Österreich ist es schon nach Rechts gekippt, in Italien wird es absehbar bei den nächsten Wahlen nach Rechts kippen, Dänemark und Schweden ändern ihre Politik, und in Deutschland zerbrechen an diesen Fragen die Parteien des linken Lagers. Ich finde es gut, dass es am Eingang der Abbazia Isola jetzt einen Türsteher gibt, der das Altarbild des Quattrocento schützt, die Torststeher in Berlin dagegen finde ich, ehrlich gesagt, abschreckend. Ich sehe nur nicht, wie man diesen Konflikt lösen kann.

Denn gleich gegenüber des Eingangs ist, vor den großmütterlichen Gardinen eventuell mit Goldkante, ein Schild mit einem Hund, der in angeblich 5 Sekunden an der Tür ist. Da hat jemand Angst. Hier ist es nur ein Fenster, bei mir daheim sind es sehr viele.

 

+++HINWEIS: Sieht so aus, als mache „jemand“ hier sehr viel Last auf dem Server, daher gerade keine Kommentarmöglichkeit, ich habe dauernd 502+++

23. Jan. 2018
von Don Alphonso
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19. Jan. 2018
von Don Alphonso
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Das grüne Herz der Nation im Praxistest

Schaut auf diese Stadt!

Ich belüge die R. schamlos mit der Behauptung, die französische Tarte Tatin sei eigentlich eine bayerische Erfindung und hiesse bei uns G’foina Apfekuacha. Als solcher sei er schon im 18. Jahrhundert bei uns bekannt gewesen, wo ihn erst durchreisende Soldaten Napoleons entdeckt hätten. So vergeht der Abend der Stützen der Gesellschaft im Grosz.

Auch nach 2 Stunden Überziehen hat der Roadster nachher keinen Strafzettel, dafür wird später im “Lass uns Freunde bleiben” ganz offen geraucht, vermutlich, weil Raucher noch nicht wie in Bayern ausreichend diskriminiert und physisch attackiert werden. Ich bringe die R. später heim und stelle fest, dass die Tiefgarage hier schon um 23 Uhr schließt. Deshalb bin ich um 8 Uhr morgens schon wieder auf der Strasse vor dem Hotel und lese, dass hier auf einem bunten Einwegplakat gegen den Climate Change gekämpft wird:

Der Klimawandel in Berlin wirkt vermutlich schon, anders kann ich es mir nicht erklären, wieso hier im Januar immer noch Blätter fallen und liegen bleiben, die bei uns in den Bergen bereits im Oktober von den Bäumen gefallen sind, und im November restlos weggereinigt wurden.

Auf einem Verteilerkasten steht gut sichtbar ein Fläschchen von Sekt aus der DDR, und es ist noch halb voll.

Nebenan wirft ein junger Mann in Warnweste ein früher mal schönes, jetzt aber ramponiertes Eddy Merckx Corsa Extra Rennrad in Blau, so wie ich eines in Rot habe, an die scharfe Metallkante eines Metallgitters. Das Oberrohr macht einen schrecklichen Laut, dann schlingt er eine blanke Kette um das Rad. Ich steige in den Wagen und fahre ihn hinunter in die sichere Tiefgarage. Was halt sicher so ist, wenn da steht, aus versicherungstechnischen Gründen sei der Zugang nur mit Parkschein erlaubt – an einem Zugang, der mit zerbrochenen Scheiben so aussieht.

Im Hinterhof gibt es eine kleine Sitz- und Spiellandschaft, mit der jemand wohl noch in den Zeiten der Mauer den Westberlinern etwas Gutes tun wollte. Zudem gibt es dort praktischerweise Abfalleimer. Trotzdem steht ein Einwegbecher mit der Aufschrift “Für alle, die genießen wollen” auf dem Brett für alle, die Mensch ärgere Dich nicht spielen wollen.

Der Abfalleimer ist keine 5 Meter entfernt, ich werfe den Bescher weg. Auf der Tischtennisplatte, der längst das Netz fehlt, modert ein alter Prospekt, darunter sind die Reste der Neujahrsfeierlichkeiten. Heute ist der 19. Januar, in meiner von der CSU und einem Klimakillerbauer dominierten Heimatstadt kam am 1. Januar um 8.12 Uhr die Straßenreinigung und hat alles sauber gemacht.

Reinigung jede Woche heißt es bei uns, Jam every Day heißt es hier auf dem Sticker über dem zersplitterten Sicherheitsglas.

Daneben ist eine Sitzgruppe: eine offensichtlich obdachlose Frau ist dort, in ihren Parka eingehüllt, und hat ihre Besitztümer in einer Plastiktüte neben sich. Kein Photo an dieser Stelle. Gegenüber laufen im Wirtschaftshaus die Daten von der Berliner Börse über den Grossbildschirm, die Chefin der Weltbank sagt irgendwas.

Vor dem Wirtschaftshaus steht ein Baum. Jemand hat Stücke der Rinde auf blaues Plasik geklebt, und dort deponiert, Das muss schon etwas länger her sein, und noch jemand hat dazu ein paar Plastikeimer gestellt.

Daneben ist ein offenes Rohr, aus dem Regenwasser in der Schmutzbrache versickert. Wissen Sie, ich habe ja mit Immobilien zu tun: Wenn man bei uns das Regenwasser in den öffentlichen Grund ableitet, ist das illegal. Das muss alles in Rohre, das wird dann auch gemessen. und muss wegen der Sauberhaltung der Umwelt bezahlt werden. Hier nicht.

Hier hat jemand, vermutlich von Seiten des Staates, Steine abgelagert, um solche Brachflächen vermutlich zu beseitigen. Das muss eine Weile her sein, sie modern schon.

Die Raucher – mutmaßlich aus den hiesigen Büros, dabei ist übrigens eine Organisation für Wasserstoff- und Brennstoffzellen, das ist angeblich die Zukunft der Biomobilität – nutzen die Steinanhäufung sekundär als Aschenbecher.

Jemand war so schlau, seinen Fahrradständer anzuketten. Er hatte das Pech, dass es den Vandalen nicht um den Besitz, sondern um die Zerstörung ging.

Gegen solche Leue werden hier vermutlich auch solche Gitter verbaut. Die einen laufen frei herum, die anderen zäunen sich ein, und warten darauf, dass sie nicht betroffen sind.

Nach diesem St-Florians-Prinzip ist es üblich, ein Rad umzuwerfen, es kaputt zu treten und dann liegen zu lassen. Ich bin jetzt zwei Tage hier, es liegt immer noch genauso da wie vorletzte Nacht.

Andere rammen ihr grünes Leihrad, das durchaus über einen Ständer verfügt, lieber in steinerne Balustraden eines alten Gebäudes.

Und noch mal anderen ist es gelungen, goldene Luftballons in die Bäume steigen zu lassen, wo deren Restfetzen nun im Wind hängen. Die Baumfrevler, ich habe nachgeschaut, hat man übrigens nicht zur Ergötzung der Öffentlichkeit an die Bäume gekettet.

Machen Sie so etwas besser nicht am Tegernsee, wir reagieren da nicht so friedlich. Zerbrechliche Rotkäppchenflaschen vor dem Radständer sind auch so eine besondere Form der radlerfeindlichen Gedankenlosigkeit, die bei uns nicht hingenommen wird.

Unter der Brücke der S-Bahn gammelt immer noch das Relief eines Malers vor sich hin. 2004 war ich öfters in dieser Ecke, es gibt hier nicht viel Schönes, und ich dachte mir: Man könnte das vielleicht irgendwie schützen? Es gammelt weiter. Es ist halt da.

Unter der Hohen Kunst hat jemand eine Flasche der Rewe-Marke Seven Oaks geleert, und dazu noch etwas anderes mit Akohol. Wer an dieser Schmalstelle nicht auf der Strasse radeln will, fährt unweigerlich dort hinein.

Warum hier in der Unterführung dieses Stillleben aus Äpfeln und Mandarinen ist, ob es Bedürftigen helfen oder die Stadttaubenplage befördern soll – wer weiss. Es ist einfach so.

Es ist auch noch ein Rad hier, dessen Kette schon recht lange in ihren Kurven eingerostet sei dürfte, und ein eilig entsorgter Weihnachtsbaum der hiesigen, bürgerlichen Gesellschaft.

Ein Plakat verkündet mit einer strahlend weißen Bergesspitze, dass der inneralpine DJ Ötzi der Stadt seine Aufwartung machen wird, mit Party! Ohne! Ende! Dessen Liedgut gilt Berlinern nach vorherrschender. politisch korrekter Denkart als sexistisch, aber das stört hier ebenso wenig wie Graffiti mit Worten, die aus Gründen des Antirassismus aus dem Denken verbannt werden sollen. Hier ist es noch Rebellion, hier ist es Party, dann darf es sein.

Was das wohl sei mag? Clubkarte für ein Bordell? Roter Samt schimmert zwischen blankem Aluminium, jemand hat es wohl verloren, eine Besonderheit zwischen all dem anderen Müll in dieser – für Berlin an sich gar nicht schlechten – Strasse.

Während ich das schreibe, fährt ein Transporter mit ausländischem Kennzeichen auf den Hof. Drei Gestalten mit Kapuzenjacken springen heraus, gehen zum Container mit Wohnschrott und durchwühlen ihn fachkundig. Ein paar Stücke nehmen sie mit, ein paar Stücke lassen sie liegen. In den zwei Stunden zwischen Verlassen des Hotels mit Blick auf die Aufforderung, den Klimawandel zu bekämpfen, und eben jetzt, sind das vermutlich die einzigen, die wirklich ihren Teil zur Bewahrung der Schöpfung durch Recycling beitragen.

Schon bald werden die grosse Lampe und das kleine Kinderrad auf einem Flohmarkt der Region stehen, und Lena aus Heilbronn wird beides kaufen, die Lampe für sich und das Rad für ihre Tochter. Wenn die in der kostenlosen und keimreichen Kita ist, wird Lena bei Facebook schreiben, wie wichtig doch der Mentalitätswandel ist, und dass wir alle mehr für die Umwelt, die Reinheit der Luft, für das Klima, die Polkappen, die Eisbären und die nächste Generation tun müssen. Dann geht sie einkaufen, umkurvt geschickt die Obdachlose vor dem Lidl, und nimmt noch einen Coffee2Go mit. Für alle, die das Leben in Berlin genießen wollen. Und genau wissen, dass diese Stadt und ihre Menschen die Politik bestimmen sollten. Niemand versteht hier, was der Dobrindt mit seiner konservativen Revolution will, es läuft doch alles prächtig, wenn man erst einmal das Menschheitsproblem des Patriarchats beseitigt und das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt hat.

Diese komischen Bayern immer, was die nur haben?

19. Jan. 2018
von Don Alphonso
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17. Jan. 2018
von Don Alphonso
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Die Verachtung des neuen Deutschlands für seine alten Ideale

Der Bourgeois sieht in seiner Frau ein bloßes Produktionsinstrument.
Karl Marx

Also, Sie kennen das ja auch, wenn Sie schon einmal eine Fäkaliengrube der frühen Neuzeit im Keller ihres Barockpalastes ausheben mussten, um darin stilsicher Ihre Leichen zu vergraben: Es kommen kubikmeterweise Fäkalien heraus. Es finden sich bergeweise Scherben von irdenem Geschirr. Hin und wieder stößt man auf ein Henkelchen einer Favenceschüssel, oder auf einen zerbrochenen Weinbecher aus Waldglas. Aber nur ganz selten und nur, wenn Ihr Palast wirklich bedeutungsvoll war, finden Sie nördlich der Alpen auch mal ein Stück eines venezianischen Glases. Und noch seltener sind darin rosarote Färbung und Goldflitter. Wenn Sie das finden, dann wissen Sie: Sie wohnen wirklich standesgemäß. Also, wenn Sie so einen Palast mit Fäkaliengrube haben natürlich. Das hier ist so ein venezianisches Glas, wenngleich auch aus dem frühen 20. Jahrhundert, aber dafür unzerbrochen.

Ich habe es natürlich nicht aus meinen Fäkaliengruben im Keller, sondern von einem Antikmarkt in Mantua, und als ich es sah, hatte ich schon einiges gekauft, und hatte fast so wenig Geld übrig wie die SPD Wähler. Ich habe nicht einmal nach dem Preis gefragt, aber der Händler machte daraus kein Geheimnis, als er mich Deutschen das Glas begutachten sah. Und nannte einen so niedrigen Preis, dass mir das gute Stück fast aus der Hand gefallen wäre: Bei uns im Antiquitätenhandel hätte man früher ein Vielfachen bezahlt. Aber die rosagoldene Schale ist gross, und der Italiener lebt wegen der Euro-Krise eher beengt. Also trennt man sich öfters von den guten Stücken, als es für den Preisen gut tut. Man entkulturiert sich von einer großen Vergangenheit des eigenen Landes und dem nationalen Kunsthandwerks unter dem Zwang der Ereignisse. Die Deutschen dagegen sind die Herren des Euro und ihrer eigenen Leibeigenschaft von Banken und Wirtschaft: Wenn die sich von der früheren Größe des Landes, vom alten Luxus, vom Überfluss der errafften Geschichte trennen, dann tun sie es mutwillig. Und je wichtiger den Deutschen etwas früher war, desto böswilliger vernichten sie es ideologisch. Heute wird das Auto auf 80km/h auf Landstrassen von einer Partei gedrosselt, deren Wähler so einen Klimazielruinierer als Statussymbol des eigenen Erfolgs betrachteten. Davor vernichtete man schon den Ruf des Porzellans.

Wie das Auto ist auch das Porzellan ein wichtiger Teil der deutschen Wirtschaftsgeschichte – grad so, wie die Fayence und Gläser für die Italiener. Porzellan wurde in Deutschland neu erfunden, um sich von der Abhängigkeit von den Chinesen zu befreien. Weil die Herstellung ein komplizierter Prozess ist, mussten viele Erfindungen gemacht werden, von denen wir bis heute profitieren. Porzellan war immens teuer, die nötigen Kapitalmittel erzwangen Konzentrationsbemühungen jenseits der alten Zunftordnungen, und es war ein Luxusgegenstand der absoluten Selbstverwirklichung: Vor der Porzellanentdeckung durch Johann Friedrich Böttger 1708 musste man an Tellern und Figuren kaufen, was die Chinesen lieferten. Aber mit den eigenen Arkanisten konnte man eigene Vorstellungen verwirklichen, und sich auch selbst in den Mittelpunkt stellen. Es entstanden Hofmanufakturen, in denen das eigene Leben und – idealisiert – das der Landbevölkerung dargestellt wurde, in 20cm hohen, weissen Püppchen, die damals schon pro Stück den normalen Nettomonatslohn eines höheren Beamten kosteten.

Nichts hat sich seitdem eigentlich geändert. In der Manufaktur Nymphenburg bekommt man die erstklassigen Kommödianten des Franz Anton Bustelli ab etwas über 4.000 Euro, es kann aber auch leicht fünfstellig werden. Es gibt noch Menschen, die das kaufen, aber die wenigsten werden die Stücke noch als Tischzier bei Banketten verwenden, wie sie eigentlich gedacht waren. Es sind Vitrinenstücke, und genau so wurden sie auch aufbewahrt, als die wahrhaft grosse Zeit der Porzellanfiguten begann. Denn während die frühen Manufakturen oft mit der französischen Revolution und den Krisen der napoleonischen Zeit schliessen mussten, entstanden neue Firmen für das zu Reichtum gelangte Bürgertum vor allem in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Biedermeier wurde vom Historismus und vom Wiener Barock abgelöst, und in jener Zeit des Rückgriffs ergötzte man sich auch wieder gern an alten und neu geschaffenen Figuren. Oder wie man es heute pauschal nennt: Kitsch.

Das hier ist so ein Stück, das das Pech hat, nicht von einem bedeutenden Künstler des Rokoko, sondern nur von einem Modellierer des späten 19. Jahrhunderts entworfen zu sein. Wie so oft bei Kitsch sind auch diese Stücke mit hohem Aufwand verbunden gewesen, und waren für den Bürger damals richtig teure Luxusgegenstände. Aber es war nur Nachahmung einer vergangenen Zeit, es ist nicht alt genug, und es war so populär, dass die schieren Mengen auf dem Antiquitätenmarkt den früheren Luxus zum Ramsch machen. Heute will das kaum jemand mehr. Viele haben auch nicht die passende Einrichtung. So etwas bleibt beim Erbfall liegen, und selbst die Nachlassverwerter können damit nichts anfangen, wenn es nicht Meissen, Augarten oder Nymphenburg ist. Und in den Augen meiner Zeitgenossen ist es süßlich und kitschig, wie sie die beiden da um den Übergabe einer Rose zusammen winden. Die 68er haben mit dieser falschen Romantik gründlich aufgeräumt. Mit den 68ern begann der totale Niedergang der Porzellanindustrie, und das gnadenlose Wegwerfen.

Dabei sind die Ideale, die von diesem Paar verkörpert wurden, in der Entstehungszeit alles andere als rückschrittlich gewesen. Das Bürgertum eignete sich um 1870 eine Geschichte und einen Luxus an, die seine Vorfahren 1770 in aller Regel nicht hatten. Das Bürgertum wollte aber eine gute Vergangenheit zur Selbstlegitimierung, und kaufte daher Möbel und Kunst der untergegangenen Epoche. Was es nicht gab, wurde eben nachgemacht, so wie diese Tanzgruppe. Wer sich mit der Zeit um 1770 beschäftigt, weiß natürlich, dass damals die Zwangsverheiratung erheblich wichtiger als jene freie Liebe in der Natur war, die hier vor Augen geführt wird. Man muss die beiden Tänzer als Boten der neuen Zeit betrachten, in der Frauen ihre Rechte einforderten und sich nicht mehr wie ein Stück Vieh für die Steuereinnahmen einiger Dörfer verhökern ließen. Die Bürgerfrauen des 19. Jahrhunderts hatten gewisse Erwartungen an die Männer, und wenn man sich das Paar anschaut, dann sieht man: Er schmachtet sie an, und sie weiß, dass er etzad der Katz ghert, wie man in Bayern so schön sagt.

Es zeigt also im Rosenkavalier und der Angebeteten eine bestimmte Art des Courtoisie, ein an sich adliges Verhalten, das das Bürgertum durch den Kauf so einer Preziose als Standard für das eigene Benehmen neu definiert. Es ist eine selbstbewusste Aneignung und Überhöhung, denn die Paare des 19. Jahrhunderts sind feiner, prächtiger und pompöser als die frühen Originale, die Blicke sind nicht mehr manieristisch, sondern emotionaler, und die Gestik wird deutlich dynamischer. Es ist eben alles in Bewegung zu jener Zeit, Klassengrenzen lösen sich auf, die Wirtschaft brummt, der nächste Krieg ist noch Jahrzehnte entfernt, und die eigene Vergangenheit ist allen reichlich heilig, speziell die in der guten, alten Zeit mit echter Leibeigenschaft und ohne Notwendigkeit von Sozialistengesetzen. Franz Blei gräbt dazu die Lustbarkeiten jener Epochen aus, und vergisst die Schattenseiten: So wird der Tanz des Adels auf der sommerlichen Blumenwiese von 1770 im Salon von 1870 gern gesehen.

Aber das ist nichts gegen den Luxus, den wir uns leisten, wenn wir das für Kitsch halten. Es ist heute möglich, diese Tänzer zu belächeln, weil man auch ohne jede Konsequenz und Tanzübung im Schlamm bei Wacken moshen kann. Man schiebt heute keine Hände mit Rosen weg, sondern gleich ganze Profile bei Tinder. Man verfällt sich nicht mehr, weil man die Sexualpartner bei Nichtgefallen jederzeit wechseln will. Man will sich nicht mit zerbrechlichen Figuren belasten, die kaum den zweijährlichen Umzug überstehen. Man hat in Jeans und T-Shirt keinen Bezug mehr zu Kleidung, die erst nach einer Stunde richtig am Körper saß. Und Prestige und Luxus sind nicht mehr im Porzellan zu finden, das als Goldrand nicht in die Spülmaschine kann, und als Starterset nur ein paar Euro kostet. So weit muss man erst mal kommen, dass man den Luxus früherer Zeiten so verachten kann.

Denn in weiten Teilen der Welt wäre es auch heute nicht möglich, frei mit einer Frau so oder anders zu tanzen. Eine Frau würde nach solchen Bewegungen als entehrt gelten. Es gibt Regionen, in denen man diese Frau nach dem Tod des Mannes in den Selbstmord treiben würde, und andere Regionen – zu denen auch die westliche Welt mit ihren Migrationsströmen gehört – in denen man manche Frau schon als Kind an der Klitoris verstümmelt hätte. Es gibt politische Partner unseres Landes, die ihre Bewohner auspeitschen würden, würden sie ein Tänzchen wohl wagen. Es gibt Regionen, in denen die Männer das Geld verspielen, das ihre Frauen im Strassenbau verdienen, und Regionen, in denen die freie Liebe nichts, überhaupt nichts zählt. Wir leben in einer freien Gesellschaft, die es uns erlauben würde, den Kitsch nachzustellen und auf Blumenwiesen zu tanzen. Diese Welt umfasst noch nicht einmal das Mittelmeer und nur einen kleinen Bruchteil der heute lebenden Menschen. Der Rest ist immer noch reichlich nah an den Dystopien des Rokoko, durch die Voltaire seinen Candide stolpern lässt. Unser Kitsch ist nicht einmal die ferne Hoffnung für andere. Er ist einfach nicht verständlich.

Es liegt mir fern, den aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten zu bemühen, aber im Prinzip stehen wir auch nur über einer historisch reich gefüllten Abfallgrube dieses Planeten, in der manches Relikt verführerisch funkelt und von frühem Luxus kündet, und anderes eher nicht, und gern übersehen wird, selbst wenn es schrecklich riecht. Wir werfen in dieses Loch unsere eigene Vergangenheit und unterschiedslos ihre Flausen, Dummheiten, Stärken und Ideale, weil wir es können, und weil wir denken, wir wären weiter und etwas Besseres. Souverän ist, wer über Kitschzustand entscheidet. Wir tun das mit der sorglosen Leichtigkeit eines Porzellanpaares, mit aufgemalten Lächeln der Selfies und so selbstvergessen, wie man 1770 nicht mit einer Revolution rechnete, und 1900 nicht das Rattern der Maschinengewehre und dem Gestank der chemischen Waffen ahnte. Es geht uns sehr, sehr gut, so gut, dass wir alle paar Jahre neue Möbel kaufen, statt die einen Vitrine von Tante Gerdi zu behalten, die längst vom Entrümpler abgeholt wurde. Die Erwartungen an die Zukunft sind groß, Geschichte ist etwas für Romantiker und andere Rechte. Den Klassenkampf lagern wir an die roten und schwarzen Steuereintreiber aus, und das porzellanweiße Mobiltelefon kommt auch wieder aus dem fernen China. Manche denken möglicherweise, dass das Frauenbild in Porzellan schon ziemlich patriarchalisch ist, während an der Grenze der Türkei Leute warten, die in Syrien gern Sexsklavenmärkte gehabt hätten, und der Meinung sind, man sollte uns allen den Kopf abschneiden, und unsere Leichen dann in die Abfallgruben werfen, mit allem, was uns heilig und was uns Kitsch ist.

Auf den Tag genau seit 9 Jahren schreibe ich dieses Blog über das Alte Europa, seine Eliten und seine materielle und geistige Natur. Und es mag sein, dass das Alte Europa kaum snobistischer und kitschiger als in diesen Tänzern sein kann, und ich damit einen kulturellen Tiefpunkt in unserem voralpinen Pralinen-und-Lederhosengraben auslote. Trotzdem: Seien wir froh, dass Teile unserer Geschichte so viel besser sind, als die absehbare Zukunft so vieler anderer.

17. Jan. 2018
von Don Alphonso
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14. Jan. 2018
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Warum aufgeklärte Europäer Kopftücher tolerieren sollten

Ein kleines Blickgeplänkel sei erlaubt dir!
Doch denke immer: Achtung vor dem Raubtier.
Marlene Dietrich, Nimm Dich in Acht vor blonden Fraun

Wie jeder echte Freund der Aufklärung bin auch ich dafür, dass Frauen Kopftuch tragen können.

Ernsthaft, ich meine das wirklich so. Ich habe überhaupt nichts gegen Kopftücher, einige meiner besten Freundinnen tragen sie, wenn ich sie mit dem Roadster spazieren fahre, um ihre Haare zu schützen, und auch sonst finde ich es richtig, wenn Frauen es aus praktischer Notwendigkeit heraus tun. Oder, ich bin ja kein Kostverächter, aus, sagen wir mal, Neckerei. Denn bevor Frauen sich im Europa des feministischen Fortschritts mit brennenden Säbeln tanzten, machten sie neckische Spielchen mit dem heute ansonsten so verrufenen Schleier. Hier mal ein Beispiel aus der Zeit um 1820, als zufällig ein Windstoss den Schleier vor dem Schlafzimmerblick und der Haarpracht der Schönen lüftet.

Das war natürlich nicht immer so, schon die Paulusbriefe plustern sich auf, wenn es darum geht, dass Frauen gefälligst die Haare zu bedecken hätten. Von da an führte das Abendland in seiner christlichen Ausführung einen oftmals erbitterten Krieg gegen das Zeigen der weiblichen Haarpracht, und verlangte allerlei Bedeckung. Die Stadtratsbeschlüsse des Mittelalters sind so voll mit Kleidervorschriften, so dass frühere Forscher tatsächlich an das christliche Mittelalter mit seinen verschleierten Frauen glaubten, und nicht umsonst fanden auch die Nazis – ebenfalls Kopftuchfreunde für das züchtige Deutsche Mädel – den verhüllten Figurenschmuck des Bamberger Doms so arisch schön.

Heute sind wir etwas schlauer, und wenn wir beispielsweise in Hall in Tirol vor dem jüngsten Gericht von 1466 stehen, dann wissen wir beim Anblick der Sünderinnen zweierlei: 1. Schleier bringen überhaupt nichts, wenn Frauen und deren Maler ihre sekundären Geschlechtsmerkmale durch besondere Betonung herausstellen. 2. Bei den Damen mit den goldenen Haaren finden sich kleine Teufel in den damaligen Luxusfrisuren. Zurecht. Wir können beispielsweise bei den bösen Gerüchten über die Königin Isabeau de Baviere nachlesen, dass zu exakt jener Zeit die Türen der Paläste vergrößert werden mussten, um Frauen mit ihrem ausladenden Kopfputz – oftmals mit an der Spitze angestecktem Schleierchen – Durchlass zu gewähren.

Im gleichen Hall in Tirol werden später natürlich auch Heilige mit Perlenketten in der Haartracht dargestellt, dann in der Renaissance differenziert sich das früher einig frauenverachtende Christentum aus: Es gibt für die Rechtgläubigen Konkurrenz seitens der lutheranischen Ketzer. Und weil die asketischen Lutheraner aussehen wie von Cranachs Gehilfen gemalt, wird man bei den Papisten im Barock, die Marktlücke gnadenlos ausnützend, auch zunehmend tolerant für weibliche Schönheiten. Man schnitzt sie schelmisch und steckt sie in goldene Gewänder.

Natürlich gibt es auch noch Schleier, Maria wird dieses Attribut behalten, aber wie wir alle aus unserem Kunstgeschichtestudium wissen nicht wahr, ist der Schleier auch hier spätestens auf dem Weg von Duccios Madonnen zu den blonden, zarten Marienmädchen der Gebrüder Lorenzetti zu einem leichten Gespinst geworden. Die Endphase ist dann im Rokoko erreicht, in dem Heilige nach den Moralvorstellungen der taz und der Bundesfrauenministerin rumlaufen, als müsste man die Scherginnen der Staats-NGO Pink Stinks und andere Helferinnen auf sie hetzen. Und bei Maria muss man schon genau hinschauen, um da noch einen Schleier zu finden. Wir befinden und hier, wohlgemerkt, in einer der wichtigsten Kirchen des ansonsten zurückgebliebenen Alpenraumes.

Und das alles ist noch gar nichts gegen das, was bei mir Atheisten daheim so an Portraits hängt, oder sich gerade frisch aus Nymphenburg eingefunden hat: Es ist der Gipfel der Aufklärung um 1750, als Franz Anton Bustelli seine berühmten und derb-lüsternen Figuren der Comedia del Arte gestaltet. Ein Zierpüppchen mit jenem weißen Inkarnat, das man zu dieser Zeit an den menschlichen Vorbildern mit Schminke aus teurem Bienenwachs schuf. Die Dame kommt aus einer Epoche, in der die Morgentoilette auch ohne jedes Duschen zwei Stunden einnehmen konnte, und weil die Frisuren so kompliziert waren, nahm man gerne auch gleich Perücken.

Dieses goldene Zeitalter der Aufklärung und Sexualität ist beim Thema Haare obsessiv, die Autoren jener Zeit haben da einen klaren Fetisch, und gemacht wird das, um zu repräsentieren und zu gefallen. Was immer es auch sein mag: Solange es nur teuer ist und Blicke auf sich zieht, wird es auf den Kopf gesteckt, damit auch jeder die Frisur sieht. Perlenketten:

Komplizierte Arrangements aus diversen Zierstücken:

Brillanten.

Im Sommer, zum Nachstellen des unschuldigen Landlebens, nur ohne Hunger, Pocken und Steuereintreiber, auch schon mal Blumen.

Und egal ob die scheinbar natürlichen Haare des Empire nach griechischem Vorbild, oder die vielen geölten Löckchen und Zöpfchen des Biedermeier: Manches davon mag einfach und natürlich aussehen. Aber als Historiker weiß man, wie viel Zeit und Geld sich Frauen damals in die Haare steckten.

Manche strenge Bürgersfrau, die Klosterschwestern und auch Alte machten da nicht mit, und trugen Schleier und Hauben, wie sie teilweise auch nötig waren, um die Kunstwerke darunter zu schützen. Bezeichnenderweise wissen wir aber, dass diese keuschen Hauben aus feinstem Gespinst vom Putzmacher auch wieder sehr teuer sein konnten.

Wie auch immer, das Angeben mit den Haaren und Perücken ist eine nahtlos durchlaufende, europäische Tradition bei Frauen vom Stand. Und wenn Frauen heute, wie es Mode ist, ihre Haare über die Schultern nach vorne legen, ist das ein Rückgriff aus Frisurenideale des Rokoko. Damals hat man das nämlich auch schon gemacht, und in Predigten ereiferten sich Priester in der Annahme, das geschehe, um Männern die eigenen Vorzüge zu verdeutlichen. Da hatten sie auch recht.

Woher kommt das? Früher war die Frage gleichgültig, weil jede nicht prüde Frau nach oben wollte, und alle diesem Ideal nacheiferten, von der Perücke der Savoyenprinzessin bis zum Peek-a-Boo-Bang von Veronica Lake. Heute jedoch gibt es eine Kultur des Islam und der Grünen und des Kika und des Willkommens, die von uns Verständnis verlangt, wenn Frauen im Namen des Islam und im krassen Gegensatz zu den ersten Gastarbeiterinnengeneration verschleiert einher gehen. Meines Erachtens hing das früher mit der Monogamie in Europa zusammen: Es gab einen einzigen Ehepartner, man musste sich aus Gründen der Versorgung ziemlich treu sein, es gab nur diese eine Ehefrau zur Herausstellung des eigenen Vermögens und Prestiges, und was man hatte, das zeigte man dann auch. Je mehr Haare, desto mehr Möglichkeiten, weiteres Vermögen hineinzustecken. Das ist die europäische Tradition, mit christlicher Ursache und weltlicher Wirkung.

Andere Religionen kennen dagegen die Polygamie, und das bedeutet, dass ein extremes Ungleichgewicht herrscht: Denn die einen konnten wegen ihres Reichtums so viele Frauen haben, wie sie heiraten oder auf den Sklavenmärkten kaufen konnten. Und die anderen, die riesige Unterschicht des seit 1700 niedergehenden osmanisch-arabischen Reiches, bekam eben öfters keine Frauen. Im christlichen Europa tinderten die Eltern die Paare zusammen, im Orient pflanzte sich der Reiche fort und der Ärmere hatte das Nachsehen. In so einer Kultur, mit einer kleinen Elite und vielen Frauen, und einer grossen Masse unvermittelter Männer, ist es nur logisch, dass man die Frauen ins Serail sperrt, sie vor den lüsternen Blicken anderer verschleiert, und einen ebenso fanatischen wie absurden und frauenfeindlichen “Ehrenkodex” vertritt. Durch den Einfluss des Kolonialismus der westlichen Welt war das eine Weile auf dem Rückzug, aber jetzt kommt es wieder. Sogar im KiKa mit einem Mann, der auf Facebook Pierre Vogel toll findet und laut Ausweis 20 Jahre alt sein soll. Naja. Trotzdem bin ich nicht generell gegen Verschleierung, denn:

Mit Müh und Not kann ich hier wirklich eine einzige Kopftuchfrau aus meiner Sammlung zeigen, eine Schafhirtin aus Italien um 1840. In diesen Kreisen, die sich jetzt nicht so arg oft portraitieren ließen, gibt es tatsächlich auch bei uns in Europa öfters Kopftuch. Aus praktischen Gründen, so wie im Roadster auf dem Weg nach Riccione, nur halt mit Schafen. Und ganz ehrlich, nicht jede Frau kann zwei Stunden den Putz herrichten und Geschmeide in die Haare stecken: Ich bin also gegen ein striktes Kopftuchverbot, und auch mancher neckische Schleier gefällt mir. Es kommt eben immer darauf an, wie man es macht. Also, bei der Klassengesellschaft.

Bei der Polygamie – nun, da bin ich der Meinung, dass das Alte Europa seinen eigenen, erfolgreichen Weg geht und Don Giovanni hat. Sein Decamerone. Sein Cosi fan tutte. Seine Margarete von Navarra. Seine Belle de Jour. Alles 100% kopftuchfrei übrigens.

Das ist erbaulich. Ich möchte dieses Konzept nicht nur an der Wand behalten. Es ist ein gutes Konzept, denn es macht Frauen schön, und daher sollten wir dafür einstehen.

14. Jan. 2018
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07. Jan. 2018
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Der Entkolonialisierungssieg und seine Grenzen

Seht ihr unseren Stern dort stehen?

Heute sind noch die Sternsinger unterwegs, und diverse antideutsche Medien aus Berlin lassen es sich natürlich nicht nehmen, gegen diese alte, katholische Tradition  Einspruch zu erheben. Es sei ja wohl Blackfacing, dass man da ein Kind schwarz anmale, das dann einen schwarzen König aus dem Morgenland darstelle. Das sei voll kolonialistisch! Das kann man zwar theoretisch so sehen, praktisch möchte ich die werten Kollegen darauf hinweisen, dass sie auf diese Art eine phantastische Gelegenheit auslassen, antideutsch zu sein: Denn zu der Zeit, als die Drei Könige angeblich dem Stern folgten, saß der heutige Deutsche noch auf Sumpfeichen und nagte allenfalls die Knochen zivilisierter Römer ab, so wie der Berliner ja auch heute noch im Sumpf sitzt und von dem lebt, was das halbromanische Kulturvolk der Bajuwaren ihm schickt. Jedenfalls hatte damals nur der Römer afrikanische Kolonien, der Germane war dazu nicht in der Lage und selbst Gegenstand kolonialistischer Bemühungen. Verschweigt man an dieser Stelle geschickt, dass man anhand des römischen Limes noch heute die deutsche Bildungsgrenze festmachen kann, könnte man die frühere koloniale Inkompetenz den germanischen Nachfolgern auch hineindrücken, statt sich bei uns noch mehr verhasst zu machen. Schließlich hetzen Medien hier gegen Kinder, die eigentlich etwas mit guter Absicht tun.

Vielleicht glauben die antikolonialistischen Mitarbeiter von Vice und taz aber auch, dass ihnen später mal die Stalinsinger helfen, wer weiss. Das Sternsingen haben bei uns übrigens nicht alle gemacht, es gab ja auch Heidenkinder, und…

Also, nur unter uns, wenn die Antideutschen wüssten, was wir als Kinder… wir haben soga’ Aste’ix gek’iegt, wo nicht nu’ ’öme’, sondern auch Pi’aten zu sehen wa’en und eine’ davon wa’ im Mastko’b und de’ wa’ fett und schwa‘z und hatte einen Sp‘achfehle‘… wir fanden das lustig… ich glaube, wenn ich weiter erzähle, schickt Bundeszensurminister Heiko Maas selbst heute noch das Jugendamt zu meinen Eltern. Denn das ist nach heutigen Standards sicher schon ein Verbrechen, ganz im Gegensatz zu dem, was man Herrn Kachelmann angetan hat, und was der amtierende Justizminister bei Twitter 2011 kommentierte:

Also, das alles ist natürlich schrecklich, so wurden wir groß, und es kann nicht überraschen, wenn nun allenthalben begonnen wird, Säuberungen durchzuführen. Berlin geht mit gutem Beispiel voran und gibt den Strassen im afrikanischen Viertel Namen, die nicht mehr an die unselige Kongo-Konferenz erinnern, und macht sich dabei ganz, ganz klein. Zwischen mir und dem deutschen Kaiserreich, in das alle Teile meiner Familie mit den 1866er und 1871er Kriegen zwangseingemeindet wurden, und zu dem niemand auch nur ein einziges Mal befragt wurde, liegt inzwischen wirklich viel: Eine Weimarer Republik, eine NS-Dikatur und eine Bonner Republik. Es ist mir nicht ganz eingängig, warum ich mich als Mischung diverser Südvölker, die sich an der Donau sammelten und entweder für den bayerischen König oder die Socialdemokratie waren, für das Vorgehen damaliger Berliner Kolonialbehörden und Truppen in Afrika verantwortlich fühlen soll. Die heutige SPD, die momentan im Internet Zensur-Gesetze vertritt, kann schließlich auch nichts dafür, dass sie mal Freiheitsfreunde und Charaktermenschen wie Ferdinand Lasalle und Kurt Schumacher in ihren Reihen hatte. Ich habe nicht das geringste mit jenem Kolonialismus zu tun, der heute linke Aktivisten dazu antreibt, “Mohrenstrassen” umzubenennen und einen Dachdecker namens Neger zu diffamieren. Und ehrlich gesagt, habe ich da auch noch ganz andere Kaliber daheim.

Sie werden vielleicht denken, das sei eine lediglich Esterhazyschnitte. Da haben Sie recht, aber dass sie aus einer Konditorei stammt, die vom stellvertretenden CSU-Bürgermeister meines Dorfes gegründet wurde – das mag in Zeiten der ausgerufenen “konservativen Revolution” schon bedenklich sein. Dafür ist das Bild schön bunt, wird man sich vielleicht sagen, nicht nur so weiß wie der Zuckerguss, es wirken viele Farben zusammen, und wenn man nicht genau hinschaut… wenn man es aber tut, könnte ich mich genauso gut schwarz bepinselt im Bananenrock auf den Alexanderplatz stellen und vor Vertreterinnen der Ministerien für Justiz und Frauen singen:

Ich trage nur ein Feigenblatt mit Muscheln, Muscheln, Muscheln
und gehe mit ’ner Fidschi-Puppe kuscheln, kuscheln, kuscheln.
Von Bambus richte ich mir eine Klitsche ein.
Ich bin ein Fidsche, will ein Fidsche sein!

Geschrieben haben den Sexualkolonialfoxtrott übrigens Friedrich Hollaender und Robert Liebmann, die beide früher schon ihre Erfahrungen mit deutschen Regierungsverboten machten, weil solche jüdisch-frivolen Texte nicht zum züchtigen Gedankengut des deutschen Volksgenossen passten. Sich schwarz bepinseln lassen wie ein Fiji oder ein Sternsinger jedoch ist nichts gegen die historischen Komplikationen auf diesem Bild. Zum Beispiel das Tablett.

Das ist grün und gold und wurde zu einer Zeit in China hergestellt, als das Land von europäischen Kolonialmächten in Einflusssphären aufgeteilt wurde. China würde von der früheren Regionalmacht zu einer Art verlängerten Werkbank der Europäer, die um 1900 herum der Meinung waren, dass sich daheim jeder kolonialen Luxus in Form von Lackarbeiten leisten können sollte. Natürlich war das keine Kunst mehr wie jene Stücke, die um 1750 das Herz einer Adligen in roter Seidenrobe erfreuten, sondern nur noch, bestenfalls, Kunsthandwerk. Und das stammte aus einer Arbeitsform, die wir heute klar aus Ausbeutung bezeichnen würden.

So weit, und damit kommen wir zur nicht unbedingt vollendet geschmackvollen, aber dafür victorianischen Teekanne aus Silber, kam es, weil Europa seit der Eröffnung der Seidenstrasse eine negative Außenhandelsbilanz hatte. In Fernost wuchsen Gewürze und entstanden Luxuswaren wie Porzellan, in Europa kaute man Biorüben und malte mit Öl auf Leinwände, die kein Chinese kaufen wollte. Chinesen ließen sich vor allem mit Silber bezahlen. All das schöne Edelmetall, das Spanier in Mexiko durch hungrige Indios und afrikanische Sklaven an das Tageslicht förderten, gelangte auf den europäischen Markt. Sei es, weil Spanier mit dem Blutsilber flämische Spitzenstickereien für ihre Frauen bezahlten, sei es, weil Briten die Spanier und ihre Flotten ausplünderten. Niederländer und Briten nutzten das Silber dann zum Handel mit den Chinesen, die damit reich wurden. Bis die Briten doch etwas fanden, für das Chinesen ihr Silber freiwillig hergaben: Opium.

Es gibt einen unschönen Kausalzusammenhang der extrem üppigen und schweren Silberkannen aus England und der gezielten Opiumverelendung der Chinesen im victorianischen Zeitalter. Die Folge waren Opiumhandelskriege, die die Chinesen verloren, und die die Tür für Europas Kolonialismus öffneten. Man muss sich das drogensüchtige China jener Tage vorstellen wie einen Görlitzer Park, und die Verwaltung des Staates wie das Funktionieren der Berliner Flughafenplanung, während das Silber in den Taschen der dealenden Invasoren aus kriminell agierenden Feindstaaten endete: Der Umstand, dass bei mir auf dem Lacktablett eine Silberkanne steht, wäre ohne den – ohne Berlin bespiellosen – Niedergang Chinas im 19. Jahrhundert undenkbar.

Auf dem Gemälde dahinter ist übrigens noch eine Adlige zu sehen, mit genau jeder Spitze um den Hals, die mit dem Blutsilber aus Amerika teuer gekauft wurde, mit einer zur Schau gestellten Überbrust, die eindeutig das Ziel verfolgt, reiche, weisse Männer zu erfreuen, gekleidet in einer roten Seidenrobe. Um 1750 kann sich keine Adlige so eine Robe leisten; ohne dass unter ihrem Clan Dutzende von Leibeigenen in Schweineställen hausen, oder ihr Liebhaber es bezahlt – beispielsweise durch den damals üblichen Betrug beim Aufstellen von Regimentern für die Kabinettskriege. Das Bild stammt in etwa aus der Epoche des siebenjährigen Krieges, vor dessen Hintergrund Voltaires Candide spielt. Angesichts der Kosten für so ein Gemälde mussten noch weitere Leibeigene den ein oder anderen Winter hungern, denn schon damals gab es zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, die einen sahen gut aus und die anderen hatten keine Zeit für Luxussorgen.

Um das alles noch zu verschlimmern – und ich schwöre, ich habe das erst gemerkt, als das Photo bereits gemacht war – ist das Porzellan laut Marke von Sophienthal, und zwar die Form Fein Bayreuth. Es mag eine Form der klassischen Moderne sein, aber entworfen wurde sie schon im NS-Staat. Die Firma Sophienthal gehörte ab 1936 zum Rosenthalkonzern, der 1937 still “arisiert” wurde, und bot damals dem überzeugten Nazi die Möglichkeit, gutes Porzellan ohne jüdischen Namen zu kaufen. Ich habe es hier beim Einzug als Gebrauchsgeschirr neben meinem echten Rosenthal auf dem Flohmarkt in Gmund gekauft, 200 Meter vom privaten Wohnhaus von Heinrich Himmler entfernt, und ganz ehrlich: Es ist vermutlich kein Zufall, dass gerade in meiner Nazibonzen-Region so ein Geschirr bei Villenräumungen in Kisten anfällt.

Die Esterhazyschnitte ist übrigens nach einem Mann benannt, der sein unterdrücktes Volk an die Österreicher verriet.

Das war jetzt nur eine kleine Ecke meiner Wohnung, und wir haben noch nicht über den Seidenteppich aus persischen Kinderhänden an der Wand dahinter gesprochen, oder über das aus Skalvenarbeit stammende Quecksilber für die Spiegelproduktion. Und dann regen sich Berliner Medien auf, weil bei uns Mütter jedes dritte Gesicht schwarz bemalen, weil Kinder um die Häuser ziehen, freundliche Lieder singen, einen gut gemeinten Segen an die Türen schreiben und Schokolade für sich und Geld für die Kollekte sammeln. Das sei kolonialer Rassismus, da habe man gefälligst “aware” zu sein. Ich schenke mir aus der echten Blutsilberkanne einen fair gehandelten Bio-Assam in die potenzielle Himmlertasse und kann nicht aufhören, mich zu wundern, denn angeblich machen die Substanzen, die progressive Autoren von illegal hier lebenden Drogenkriminellen aus Afrika und ihrer Mafiastruktur dahinter kaufen, milde, ruhig und nachsichtig. Es gibt noch einiges mehr an kolonialem Erbe, und damit meine ich nicht nur den deutschen Drogenkonsumenten zweckdienlichen Afrikaner, der bei Abschiebung durch einen anderen ersetzt wird, oder den dicken, indischen Teppich aus der Zeit der Vizekönige, auf dem meine Füße warm bleiben, sondern auch den offensichtlich unsterblichen Spruch “am deutschen Wesen soll die Welt genesen”. Der steht nach meinem aufgeklärten Dafürhalten für die krasse Fehleinschätzung der eigenen, scheinbar guten Absichten, die aus den egoistischen, aber erträglichen Mitmenschen von Nebenan erst die Völkermörder, Sklavenschinder und Arisierer gemacht haben.

Sternsinger treten moralisch durchaus bescheidener auf, und bekommen dafür Spenden und Süßigkeiten.

07. Jan. 2018
von Don Alphonso
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31. Dez. 2017
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Unsoziales Abrutschen wie ein reicher Sünder

It was a dark and stormy night.
Snoopy nach Edward Bulwer-Lytton

Naja, also, was heißt schon “die Reichen”. Wieder ist ein Jahr um, wieder wurde viel an den Reichen kritisiert, weil sie noch reicher wurden, weil sie von Aktien und Immobilien und Erbschaften profitieren, weil der Staat zu wenig tut, um sie mehr bluten zu lassen, weil sie sich abschotten und nur untereinander Sex haben, was übrigens, das darf ich Ihnen hier versichern, überhaupt nicht stimmt. Das alles ist, um es mit Don Giovanni zu sagen “un impostura della gente plebea! La nobilità ha dipinta negli occhi l’onestà.” Danach beschwatzt Don Giovanni Zerlina, auf sein Schloss mit ihm zu kommen, so war das früher und so ist es heute dem Vernehmen nach noch immer, also habe ich gehört. Immer diese Legendenbildung, als ob es “die Reichen” gäbe und ein Philanthrop wie Bill Gates auch nur entfernte Ähnlichkeiten mit dem Bodensatz jener nicht ganz Armen zu tun hätte, die wirklich rudern und kämpfen müssen, um am untersten Ende der bundesamtlichen Definition von Reichtum bleiben zu können. Laut Bundesbank gehört man schon mit einem Nichtwirklichvermögen von 468.000€ in Deutschland zu den Reichen – dafür reicht eine von den Eltern gekaufte Studentenbude in Münchner Toplage, wie sie eigentlich jeder hat, allein schon aus.

Also, ich denke, wir sind uns da einig, liebe Leser: Reich ist nicht gleich reich und man soll das Erbschaftskind nicht mit dem Sozialwohltatenbade ausschütten. Von außen betrachtet – und dieses Außen beinhaltet nun mal leider auch viele Vertreter der schreibenden Zunft, die gar nicht wissen, worüber sie da schreiben, wenn sie über Berufskinder eine Meinung haben – von außen betrachtet also mag das eine homogene Masse sein, und ich war gestern am Tegernsee spazieren, da kann es wirklich so wirken: Da schliddern alle unterschiedslos auf den Eisflächen am Wasser, da rufen wir einheitlich Hoppla, wenn wir die Beine in die Luft werfen, unsanft auf dem Hintern und dem uniformartigen Schneiders-Salzburg-Lodenmantel landen, und der immer gleiche Sanka holt im 10-Minuten-Takt klassenlos alle ab, die nicht mehr auf die Beine kommen. Ich habe mich gerade noch fangen können, und so, wie es hier zwei Arten von Reichen auf dieser Welt gibt, die einen liegen auf dem Sofa und die anderen in der Chirurgie, ist es auch in allen Bereichen. Fast. Es gibt da eine Ausnahme, und die will ich Ihnen verraten Da sind sich alle, die ich kenne, doch einig, Es ist nämlich so:

Das hier könnte das schönste Bild nach der Wintersonnenwende sein, denn es ist tatsächlich der Blick aus meinem Schlafzimmer auf die frisch eingeschneite Alm, über der gerade die Sonne erstrahlt. Viele junge Männer haben da, wo ich inzwischen faltige Triefaugen habe, noch einen richtigen Schlafzimmerblick – mag sein, aber ich habe eben diesen Schlafzimmerblick. Auch nicht schlecht, und er bleibt! Oder wie wäre es damit:

Das ist der Sonnenuntergang unten bei Seeglas, für mich nichts Besonderes, in der Wirtschaft kennen sie mich, ich bin da dauernd und eigentlich sollte man meinen, man hat sich irgendwann an den Blick gewöhnt – aber es stimmt nicht. Seit fast 10 Jahren wohne ich hier. Ich habe hunderte von Sonnenuntergängen von diesem Ort aus. Alle sind toll. Egal ob direkt in die Sonne oder mit Blick hinüber zum Hirschberg.

Oder in Tegernsee auf dem Weg zu meiner Konditorei, wo man mich auch kennt.

Alle Bilder sind schön. Aber das schönste Bild, das ist das hier.

Jetzt werden Sie vermutlich sagen, dass es sich bei diesem Bild um eine schlecht ausgeleuchteten, kitschig bekerzten Baum im Garten handelt, und das Bild einfach in der Nacht geschossen wurde, als hier 20cm Neuschnee herunter kamen und ich einfach faul auf einem dänischen Sessel an der Heizung saß. Und wissen Sie was? Sie haben recht. Es ist ein vom Schneesturm gepeitschter Baum in einer dunklen, langen Nacht im Garten. Und ich habe einfach zum Fenster hinaus photographiert. Draußen hat es gut minus 10 Grad. Es ist nicht schön. Aber das hier war zwei Stunden davor mein leider auf dem oberen Parkplatz vergessenes Auto.

Es handelt sich nicht um ein sportliches SUV, sondern um einen sehr niedrigen SLK mit Neuschnee nach zwei Tagen Arktissturm oben drauf. Es ist das Auto, mit dem ich eigentlich den Tegernsee wegen des Wetters verlassen wollte, weil das Wetter wirklich erbärmlich war, und ich mich schon gezwungen sah, meine strategischen Nudelvorräte anzugreifen. Also kehrte ich den Wagen ab und gedachte, ihn für das letzte Abtauen in die Tiefgarage zu stellen. Die Tiefgarage liegt unter der Anlage, man muss einen nicht wirklich steilen Berg hinunter, aber als ich einmal auf dieser Strasse war, kam das Áuto ins Rutschen. Es rutschte an der Tiefgarage vorbei, und ich schaffte es mit einigem Lenkradgewirbel, so quer auf die Strasse zu gelangen, dass das Auto keinen Weidezaun und keine Hecke fällte. Es war etwas glatt, deutlich zu glatt jedenfalls für 272PS an der Hinterachse bei vorne liegendem, schweren V6-Motor, trotz nagelneuer 225er Winterreifen hinten. Die Jungmänner hier legen 100 Kilo Sandsäcke in den Kofferraum, wenn sie mit ihren 3er BMWs auf den Kurven das Schicksal herausfordern, ich dagegen hatte nur ein leeres Reindl (wie sagt man da auch Hochdeutsch?) für die mitgenommene Weihnachtslasagne. Nach einer Stunde und unzähligen Unterlegungen der Reifen mit den Autoteppichen hatte ich den Wagen dann gerade noch rechtzeitig entlang einer Schneewehe am Strassenrand bugsiert, als von oben ein BMW, auch mit Heckantrieb, aber ohne Sandsack dorthin herunterrutschte, wo ich vorher stand. Es war glatt, und alle dramatischen Details dieser Nacht würden Sie zwar nicht ermüden, sondern erheitern, aber ich möchte sie dringend verdrängen. Sonst kaufe ich mir noch einen Landrover. Oder gleich einen alten Unimog. Wie jeder Kluge hier und dann zeige ich den Grünen, was Dieselfeinstaubklimaerwärmung wirklich ist.

Also, es war glatt, sehr glatt, ich war nicht als einziger in der misslichen Lage, und der BMW-Fahrer musste sich vom Notdienst sagen lassen, dass viel los sei und man nicht versprechen könnte, dass es jemand zu uns hinauf schaffen würde. Der Sturm pfiff dramatisch und die Eiskristalle prickelten im Gesicht. Am nächsten Morgen sah die Senke automobilistisch aus wie ein prähistorischen Teersumpf voller Mastodone und Säbelzahntiger, denn es kamen noch einige und blieben auch, aber da war ich schon zurück in meiner Wohnung, auf dem Sessel an der Heizung, schaute auf den sturmgepeitschten Baum und dachte mir: Was wäre jetzt eigentlich passiert, wenn mir das vor 11 Jahren geschehen wäre?

Der Tegernsee ist restlos über die Feiertage ausgebucht. Der ADAC kommt nicht durch. Ich hatte vielleicht noch 15 Liter im Tank. Und die Nächte sind sehr, sehr lang und kalt. Das nächste Hotel ist von hier aus nicht weit entfernt – nur liegt dazwischen die Mangfall, 70 eisige Höhenmeter mit 20% hinunter und 70 weitere Höhenmeter mit 14% wieder hinauf. Auf ungeräumten Gehwegen. Ob sie etwas frei gehabt hätten? Und was, wenn nicht? Hier habe ich einfach mein Auto in der Schneewehe stehen lassen, bin zurück in meine Wohnung, habe ein heisses Vollbad genommen, eine Tee gekocht und noch eine Esterhazytorte wie die hier gefunden.

Und tiefgekühlte Semmelknödel. 4 Stück! Wer nie in einer dunklen und stürmischen Nacht liegen bleibt und dann 4 Semmelknödel in kochendem Wasser tanzen sieht, und in seinen eigenen Hüttenschuhen mittanzt, der weiß nicht, was Glück bedeutet. Obwohl die Wohnung nicht ganz billig war – man hätte damals für den gleichen Preis Slumlord für 4 Journalisten in Berlin werden können – hat sie sich gelohnt, denn ein temporär leeres Konto ist immer noch besser als eine temporäre Nacht ohne Unterkunft im Schneesturm. Es ist das Beste, was man in so einer Situation haben kann. Leben wie die Marmeladenfüllung im puderbezuckerten Krapfen.

Und das ist übrigens auch der Punkt, in dem sich alle Reichen, die ich kenne, einig sind: Kein einziger hat jemals gesagt: Dieser Fluchtort, nur für mich selbst und mein Vergnügen – den habe ich viel zu früh gekauft. Alle, wirklich alle, denken nachher, dass sie die jeweilige Liegenschaft eigentlich schon viel, viel früher hätten kaufen sollen. Denn jeder hat gern irgendwann seine private, wirklich private Sicherheitszone mit einem Postfach, an dem fast nichts ankommt, und in der man verweilen kann, wenn draußen die Stürme toben. Man schaut hinaus auf die vom Sturm gebeutelte Tanne und denkt sich: Zum Glück bin ich hier. Es ist warm, der Tee ist fertig, alles ist gut und wird gut bleiben, was immer auch daheim passiert.

Liebe Leser, noch nie hatte ich so viele Kommentare wie in diesem Jahr, noch nie hatte ich so viel Arbeit mit diesem Blog, und trotz aller Stürme, die darüber hinweg gefegt sind: Ich hoffe, für Sie war das hier auch so ein guter Ort. Und wo immer Sie sein mögen: Rutschen Sie besser als ich mit meinem Auto ins neue Jahr, und finden Sie den Platz, der Ihnen 2018 Ruhe, Zufriedenheit und ein Stück Torte garantiert, was immer auch kommen mag.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und die gute Zeit bei den Stützen der Gesellschaft.

31. Dez. 2017
von Don Alphonso
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27. Dez. 2017
von Don Alphonso
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Soziale Stille für Poschardt, Katalanen und menschliche Obergrenzen

Possunt quia posse videntur!
Vergil

Sehen Sie, es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, die einen wohnen am Tegernsee und die anderen können zwar hierher fahren, aber wenn es Winter ist, und wenn es Nacht wird, und sich so gegen halb fünf die Sonne vom makellos blauen Himmel zurückzieht und die sternenklare Finsternis aufsteigt – dann wird es kalt. Und dann können die anderen entweder nach Hause fahren oder noch 2, 3 Stunden in Gaststätten herausschinden. Ein paar verlorene Seelen treiben sich noch mehrere Stunden am anderen Ufer im Casino herum und verschwenden das Geld. Aber so gegen 5 ist es am See doch recht ruhig.

Ich wohne dort am Ende der Zivilisation. Im Westen ist der Friedhof, im Norden liegen eine Alm und das tief eingeschnittene Tal der Mangfall, und gegenüber ist nur noch ein einziger Bauernhof. Dann kommt schon der erste Berg, und bis zum Inntal in gut 40 Kilometer Entfernung nur noch ein paar Almhütten, Kuhställe und einen kleineren Ort. Wer in der Region verloren geht, dessen Überreste finden sie manchmal nach 40 Jahren wieder, wie am Riederstein, und manchmal auch gar nicht. Die Berge steigen hier schnell empor, sie wurden manchem Piloten im 2. Weltkrieg zum Verhängnis, und einige sollen noch irgendwo in dieser ziemlich verlassenen Gegend liegen. Im Grenzbereich zwischen Deutschland und Österreich haben sich nicht umsonst einige Nazis recht lang verstecken können. Da ist einfach nichts. Vor allem ist da nichts, was Lärm machen könnte.

Tagsüber ist es anders, im Sommer sind hier Kühe mit ihren Glocken und im Winter jauchzen Kinder beim Rodeln, aber so gegen 10 sind auch die letzten Menschen im Winter in ihren Häusern, und dann wird es bis zum frühen Morgen still. So still, dass ich ab und zu beim Lesen aufschrecke, weil ich denke, ich müsste doch etwas gehört haben – bis ich bemerke, dass es die Abwesenheit jedes Geräuschs ist, die mich die ersten zwei, drei Nächte so irritiert. Geräusch ist etwas, das ich hier selbst machen muss, mit meinen umgeblätterten Seiten, mit dem Tee, der aus der Kanne in die Tasse gelangt, mit den Tonmöbeln und CDs, und da merke ich schnell, dass ich hier überhaupt nicht laut aufdrehen muss: Ich höre auch die feinen Details, weil es einfach dieses Grundrauschen nicht gibt.

Als ich in München gelebt und daheim Radiosendungen produziert habe, war da um die Nulllinie bei der graphischen Aufnahmedarstellung herum dieser breite Streifen: Die Hintergrundgeräusche der Stadt. Man kann das künstlich mit einem Gate wegfiltern, Mikrophone haben oft auch einen Schalter, der unter 50Hz die Lautstärke stark reduziert. Eigentlich ist es nicht schlimm, man hört es nach einer Weile nicht, weil das Gehirn des Menschen in der Lage ist, dieses Grundrauschen zu ignorieren: Wir hören es, aber wir nehmen es nicht wahr. Aber es ist in den Aufnahmen zu sehen, und da draußen gibt es genug Lebewesen, die sich unsere Ignoranz nicht leisten könnten.

Deshalb gibt es hier bei uns zwei Arten von jagdlich wirkender Bekleidung: Es gibt Trachtenjacken mit künstlich ausgestellten Stoffrollen an den Schultern und einen eingenähten Knopf oder gar Schulterklappen, damit das Gewehr dort hält und bei der Bewegung nicht abrutscht – wie schnell fällt so ein Drilling zu Boden und entlädt sein Schrot in den Allerwertesten des zu seinem Sitz aufsteigenden Jägers. Das ist aber nur Vortäuschung, so eine Art Relikt aus einer Zeit, als man wirklich noch Tiere erschießen musste, weil man sie essen wollte: Der Unterschied zwischen echter Jagdkleidung und dem, was ich Gewalt ablehnender Vegetarier trage, ist das Futter. Echte Jäger tragen nicht die bunte Kunstseide im Inneren der Jacken: Hier in den Bergen ist es so still, dass Rehe auch noch das Knistern der Seide des Futters erlauschen können. Ich nehme das noch nicht einmal wahr, wenn ich Jacke ausziehe.

Diese Möglichkeit, einen Ort aufzusuchen, an dem man sich nichts anzuhören hat – das ist eines dieser Privilegien, von denen manche denken, man müsste sich deshalb von ihnen anhören, dass man privilegiert wäre und sich dessen bewusst sein sollte. Also bewusst im Sinne von “Oh Gott, wie mag es erst den Armen in Afrika, in Kreuzberg und an der Elbekloake bei Hamburg gehen”. Mit Demut und einer gewissen Betroffenheit, und man sollte vielleicht sein Privileg nutzen, um politisch richtige Botschaften zu verbreiten. Das wird von Menschen in meinem Beruf oft verlangt. Aber der Punkt ist, wenn ich das hier in die Nacht hinein tun würde, verschreckte ich nur die im Winter besonders gefährdeten Rehe, die Nachbarn denken sonst was von mir und passen auf, dass ihre Katzen nicht mehr bei dem Irren, der in die Nacht brüllt, auf dem Sofa liegen. Es ist still hier. Es erwartet niemand, dass ich die Stille unterbreche. Es ist in Ordnung, wenn es hier ruhig ist. Noch nicht mal schamerfüllt leise wimmern muss ich hier. Ich kann so sein, wie ich will, solange es nicht lauter als das Geräusch der Kuchengabel auf dem Porzellan wird.

Ich bekomme schon mit, dass draußen, im Norden, in den grossen Städten, die Rotationsmaschinen rattern und die Server brummen, weil es die Zeit ist, in der man soziale Ungleichheit beklagt: Immobilien werden teurer und für meine Kollegen weniger erschwinglich. Jeff Bezos wird reicher, weil meine Kollegen bei Amazon bestellen und nicht beim Buchhandel kaufen. Ulf Poschardt muss vorgeführt werden, weil er die wohlfeile Moral der mit der Migrationskrise reich gewordenen, staatsnahen Religionspfründeinhaber mit ihren Zwangsabgaben, Konkordaten. Milliardenvermögen und teuer verkaufter Macht der Sessel in den Medienaufsichtsbehörden ein wenig billig findet. Vom Norden, wo die Lichtverschmutzung am Horizont eine ewige Dämmerung erzeugt, kommen die Störgeräusche mit dem Internet, aber es ist wirklich die letzte Quelle des Lärms, und man kann sie hier ganz einfach abschalten. Einer wie ich hat in der Welt der anderen eigentlich keine Existenzberechtigung, warum sollte ich ihnen bei mir eine Lärmberechtigung geben?

Ich lächle lieber, weil mein Buch nicht aus dem Spanischen, sondern aus dem Katalanischen übersetzt ist, in der Sprache der Spalter und Aufrührer, die sich nicht mit einem scheinsolidarischen Schicksal mit Spanien abfinden wollen. Viele werden das nicht gerne hören, aber ausnahmsweise sage ich es in die Nacht hinein: Die Solidarität, die so viele so hoch leben lassen, muss immer aufs Neue bewiesen werden, sie steht nie für sich, sie ist ein unabsehbar teures Versprechen auf Ewigkeit, dessen Bruch einem auch ewig angekreidet wird. Denn, wie manche so moralisch schön sagen, es gibt bei ihnen keine Obergrenze für Menschlichkeit. Meines Erachtens ist es ein wenig anders, Menschlichkeit bedeutet nun mal, dass sie menschlich ist, und alles Menschliche hat seine Grenzen: Wenn mir dieses begrenzt Menschliche ohnehin angekreidet wird, weil ich irgendwann nicht mehr kann und mir ein Video mit einer zusammengeschlagenen Rentnerin, die auch meine Verwandte sein könnte, zu nahe geht, wenn ich nicht finde, dass ich mir zu Weihnachten etwas von einem Pfarrer oder einem Erziehungsjournalisten anzuhören habe: Dann fahre ich vermutlich besser, wenn ich von Anfang an betone, dass meine menschlichen Privilegien zuerst einmal keine Obergrenze haben sollten. Mit der Kuchengabel aus Silber fängt es an, mit der Meinungsfreiheit, oder hier eben, Schweigefreiheit und Anhörfreiheit, hört es auf.

Denn wir leben nun mal in einer multioptionalen Gesellschaft, in der es immer zwei Arten von Menschen gibt, die einen tun es und die anderen nicht: Die einen wollen Abtreibungsrechte und die anderen Kinder, die einen wollen Homo-Ehen und die anderen ihre klassische Familie, die einen wollen bezahlbare Mieten bezahlen und die anderen gern im Eigentum wohnen. Multioptional bedeutet, dass es nebeneinander existieren kann, im Gegensatz zu Gesellschaften der Uniformierung, die nur einen Propheten, Führer oder Stellvertreter Gottes auf Erden kennen. Wenn es so ist und sein soll, muss man auch damit leben, dass manche Option in den Augen der Mehrheit falsch und weniger wünschenswert ist. Ich kenne das von mir selbst, ich fand es früher falsch, dass andere am Tegernsee wohnen und ich nach Hause fahren muss – das tut die Mehrheit derer, die nach Hause fahren, vermutlich noch immer, aber ich wohne jetzt hier und bin damit zufrieden. Man muss mir diese Unzufriedenheit nicht dauernd mitteilen, es reicht, still Immobilienanzeigen zu lesen, und nicht denen zur moralischen Last zu fallen, die anders sind, und aller Wahrscheinlichkeit nach auch bleiben werden. Ich stelle mich schließlich auch nicht – oder nur ganz selten – hin und sage, was in meinem Augen eine erhebliche Fehlentwicklung unter all den schönen und möglichen Optionen ist.

Ich bin ganz still und leise in einer geräuschlosen Nacht und dankbar, dass hier bis zum Auftauchen der Sternsinger keinerlei Last des sozialen Engagements auf mir liegt. Das war früher normal. Aber mit der JuSoziierung der Meinung bei gleichbleibender Gier und Abscheulichkeit unterschiedslos aller Beteiligten – oder ist jemand in Ihrer Bekanntschaft schon Franz von Assisi geworden? – entstand ein Klima der Empörung, dessen Abwesenheit eben auch ein Privileg ist. Sogar ein sehr grosses Privileg. Mag sein, dass es für manche soziale Kälte bedeutet, für mich ist es dagegen ein wenig soziale Stille. Zumindest für ein paar Tage.

27. Dez. 2017
von Don Alphonso
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24. Dez. 2017
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Eine kleine Kulturgeschichte des Gender Pricings

Die meisten Frauen wählen ihr Nachthemd mit mehr Verstand als ihren Mann.
Coco Chanel

Zu Weihnachten soll man bekanntlich an andere denken, denen es nicht so gut geht, das habe ich auch gemacht, denn jemand hat mich auf die Weihnachtswünsche einer gewissen Frau hingewiesen, die über sich sagt, Feminismus wäre ihr Jihad. Sie heisst Hengameh und schreibt in der taz, “Kartoffeln” hätten eine “deutsche Dreckskultur”. Zu Weihnachten wünscht sie sich von ihrer Amazon-Wishlist beispielsweise Augenrandbemalungsfarbe – dafür gibt es sicher ein Spezialwort – für 79,90 Euro. 79,90! Ganz ehrlich, zweierlei: Als Radrestaurator verwende ich für Lackschäden billigen Nagellack, der hält auch auf Haut bei der Fazialrestaurierung und ist wasserfest. Und zum anderen: 79,90 Euro gebe ich vielleicht im ganzen Jahr für Reinigungsmittel aus, und zwar für mich und für meine Fahrräder. Und ich habe wirklich viele Fahrräder. 79,90 Euro für Augenmalerei! 160 D-MARK! Da kommt man von Federn auf Stroh! Also, ganz ehrlich, wenn ich nach taz-Tarifen bezahlt werden würde, würde ich andere Prioritäten setzen. Aber formal ist wohl doch etwas dran am sogenannten Gender Pricing, das die Antidiskriminierungsstelle des Bundes beim Verschleudern von Steuergeldern für bei einer Untersuchung herausgefunden haben will.

Ich habe da so einen Verdacht, dass bei dieser Stelle keine Historikerinnen arbeiten, sonst hätten sie den geschichtlich langen Blick auf diese Fragestellung, und dann wüssten sie, dass alle angeblichen Probleme des “Gender Pricings” dem Untergang der Leibeigenschaft vom 17. bis zum 19. Jahrhundert geschuldet sind. Denn so, wie die gleichmacherische Massengesellschaft die Erfindung von Massenvernichtungswaffen nach sich zog, zog auch das Ende der Leibeigenschaft das angebliche Gender Pricing nach sich. Schauen Sie, da oben ist das Gemälde einer Hofdame aus Neapel, also von einem der reichsten Höfe des Rokoko – sie hat ein winzig kleines Parfumgefäss in der Hand. Parfum war damals bei den Reichen unerlässlich, weil sie sich selten wuschen, öfters Pockennarben hatten, und alles mit Puder, Perücken, Make Up aus Wachs und eben stark riechendem Parfum überdeckten. All das war immens teuer und stand nur einer kleinen Schicht zur Verfügung, die das zur sozialen Distinktion brauchte. Damals waren Zwangsheiraten üblich, niemand achtete auf Klimbim wie Wohlgeruch oder Charakter, nur Stand und Vermögen waren wichtig, das Geschlecht war ohnehin vorgegeben.

Genauso war es auch bei der Unterschicht, denn die war leibeigen und musste sich bei der Partnerwahl auch dem Diktat der Reichen unterwerfen, wie Sie alle vermutlich aus La Nozze di Figaro wissen. Diese Schicht – denken Sie an Zerlina und Masetto – hatte keinen Anlass für Wohlgerüche, wichtiger war das nackte Überleben, und wer Geld hatte, investierte es sicher nicht in Phiolen mit teuren Duftstoffen, die aus Indien nach Europa verschifft wurden. Parfum war früher eine Sache von Wenigen, während Skorbut eine Sache von Vielen war. So hatte eben jeder seine Prioritäten, bis das bürgerliche Zeitalter anbrach, und eine neue Schicht den Zugang zum billigen Parfum fand – dem Kölnisch Wasser, das zusammen mit mehr Reinlichkeit den Geruch des 19. Jahrhunderts dominierte. Und zwar bei Mann und Frau, was damals dafür sorgte, dass beide für den gleichen Geruch den gleichen, aber gemessen an den sonstigen Ausgaben immer noch horrenden Preis zahlten.

Erst die durch die Beendigung der Leibeigenschaft mögliche Industrialisierung, der technische Fortschritt und der steigende Wohlstand breiterer Gesellschaftsschichten, deren Grossväter noch vom Geruch der gehüteten Schweine dominiert waren, machten das Parfum zum Gegenstand des Massenkonsums. Raddampfer brachten billig und schnell die Geruchsstoffe, die Industrie lernte das Extrahieren im Hektoliterumfang, Industriealkohol wurde verfügbar, und der gesellschaftliche Wandel erlaubte es Frauen, ihre körperlichen Vorzüge auf einem zunehmend liberalisierten Heiratsmarkt zur Geltung zu bringen. Der Wohlgeruch wurde beim Konkurrenzkampf und der körperlichen Annäherung unverzichtbar, und langsam entstand eine Schicht von Duftherstellern, die sich auf jenen Massenmarkt der Konsumfreudigen spezialisierte, der heute noch das Wirtschaftsleben dominiert: Frei in seinen Kaufentscheidungen, nicht mehr an die Scholle gebunden, und aufgrund fehlender Hektar und Kühe anderweitig gezwungen, das soziale Prestige auszudrücken. Natürlich war Parfum teuer, aber es war eine Anfangsinvestition bei der Partnersuche, die sich langfristig rentieren sollte.

Denn mit dem Massenparfum wurde auch die bürgerliche Ehe schick: Dauerhaft, auf Erwerb ausgerichtet, patriarchalisch an der Oberfläche und innen von der Fähigkeit der Frau dominiert, den Männern zu erklären, was für sie das Beste ist. Natürlich war der Wohlgeruch des Backfischs mit 19 Jahren noch teuer und wichtig, aber seit 1900 ist es danach üblich gewesen, den Bund der Ehe einzugehen und dem Partner, Advent für Advent, in die Arme zu nehmen, den frisch eingedufteten Hals entgegen zu halten, und ihm, wenn er den Geruch lobte, zu sagen: Das ist Geruch X von Anbieter Y, den mag ich auch sehr, leider habe ich davon nicht mehr viel. Jeder Mann wusste, was das bedeutet, begab sich zu Anbieter Y und kaufte, weil er sich mit all den Flaschen nicht auskannte, einfach alles, was Y von X zu bieten hatte. Das war zwar immens teuer, aber die Männer kauften nichts Falsches und die Frauen bekamen, was sie wollten, ohne dass sie es extra aufschreiben oder darüber diskutieren mussten, und Hersteller lieferten neue Wünsche verursachende Proben mit. Und so wurde Weihnachten dann ein glückliches Fest für alle Beteiligten. Natürlich war der hohe Preis damals auch schon Gender Pricing, aber eben Gender Pricing für kluge Männer, die genau wussten, von welcher Ehekrise sie beim leichtesten Druck der Zügel freudig wiehernd weg zu galoppieren hatten. Die Branche gedieh, wuchs und testete jedes Jahr neue Preisgrenzen aus, die jedes Jahr von dem Männern in Erwartung eines “Oh, das ist ja, also Schatz, wirklich, das ist.. Das wäre wirklich nicht…. Danke! Danke!!!!” mannhaft genommen wurde. Was man halt so macht, wenn man Frauen nicht mehr mit dem Niederstechen eines Konkurrenten imponieren kann.

So war das 1910, 1930, 1950 und 1970 zeichnete sich dann langsam eine Veränderung ab, zu jenem Zeitpunkt, als Mitarbeiterinnen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zur Welt kamen: Damals begann die Emanzipation der Frau, die sexuelle Revolution und der weibliche Wille, als alleinstehende Frau durch das Leben zu gehen. Die moderne Frau nahm sich ihre Rechte, selbstbewusst, eigenständig, ohne Interesse, sich ein Leben lang nur an einen einzigen Mann zu binden, experimentierfreudig und flexibel, gut verdienend und stolz, ihr Leben selbst zu meistern. Ich komme auch aus dieser Generation, und sie war eine gute Generation, speziell für Singles mit Lust an der Ausschweifung: Nur wenige Beziehungen wurden so alt, dass man zu Weihnachten ohne unkeusche Anspielung Parfum hätte verschenken können. Der Parfummarkt wurde vom Männeropferplatz zu einem der Hingabe von Frauen, und die Hersteller merkten, dass sie weiterhin die Preise erhöhen konnten: Denn an die Stelle der Anfangsinvestition in eine Beziehung trat die dauernde Konkurrenz zu stets jüngeren Frauen, und wenn Frauen sich auch nur beschwerlich Jahre mit plastischen Operationen zurück kaufen konnten: Mit einem Parfum gelang es schnell, bei den Männern neue und teure Duftmarken zu setzen, oder wenigstens diese 21-jährigen Ischen-Assistentin da vom Land mit dem Billigfusel zu demütigen, die sich an den Chef ranwanzt – so wurde es im Familienkreis nach dem Driving home for Christmas kolportiert.

Das alles wurde stoisch ertragen, hingenommen, und mit dem Gefühl, man sei sich das einfach wert, auch von Frauen konsumiert. Nut gibt es inzwischen neben erfolgreichen Frauen und erfolgreich verheirateten Frauen auch noch eine dritte Kategorie: Frauen, die mit 45 eventuell doch Juniorersatzprofessorinnen für Sozialwissenschaften werden, Gerechtigkeitsstiftungsangestellte mit Zeitverträgen, Projektemacherinnen in Berlin, Kulturmitwirkende mit unklaren Förderungsgarantien des Staates, Berufsfeministinnen der Dritten Welle und Antidiskriminierungsstellenforschungsdurchführerinnen. Man hat das Abitur geöffnet, irgendwo müssen auch die ganzen Nicht-MINT-Studentinnen hin, und das führt zu einem akademischen Proletariat mit zumeist bürgerlichen Vorfahren und Ansprüchen, aber ohne bürgerliche Familienplanung und Einnahmequellen. Es kommt zu Frauen, die in der Schulpause einen DM-Haul gemacht haben und glauben, ab 25-Jährige auch ein Recht auf Chanel-Haul zu haben. Und für diesen Zielkonflikt aus Anspruch, Genderideologie und Ausführung gibt es nun zwei Lösungswege:

Entweder frau stellt eine Wishlist ins Netz und erwartet, dass andere den Preis einer Tankfüllung für ihren Roadster zahlen, damit auch eine Antideutsche Augenrandmalfarbe bekommt – ein, wie ich bemerken möchte, recht chancenarmes Unterfangen selbst zur Weihnachtszeit. Oder frau kommt zum Schluss, dass es ungerecht ist, wenn Männer universellen Felgenreiniger aus dem Kfz-Bereich zur inneren und äusseren Pflege von Körper, Rad, Auto, Bad, Geschirr, Fenster, Rokokogemälden und Rennrodel verwenden (Sie glauben gar nicht, wie leicht man solche Plastikflaschen verwechseln kann und wie wenig Unterschied das macht), und Frauen statt dessen für jede Anwendung ein teures, rosa gestaltetes Mittelchen erwerben müssen. Es ist nur so, dass Frauen früher ihren Männern aufgeschrieben haben, was für ein Mittel sie mitzubringen haben. Jetzt sorgen eben unterschiedliche, genetisch bedingte Ansprüche an Sauberkeit für scheinbar sexistische Preise – wenn man nur den aktuellen Zustand und nicht den Kontext betrachtet.

Ich sehe das anders. Von Hatschepsut bis Gina Lollobrigida haben Männer Parfums unter schwierigsten Bedingungen aus Indien herangesegelt, es mit technischen Erfindungen günstig gemacht, es Frauen geschenkt und selbst, wenn es sie ruinierte, liebevoll gelächelt und unter dem Baum gesagt: “ach Schatz, das ist mir doch eine Freude und Ehre gewesen”. Seit 4000 Jahren haben wir das gemacht, wir sind dafür im indischen Ozean ertrunken, haben Bergamottegestank erdulden müssen und zugeschaut, wie das Parfum des letzten Jahres achtlos beim Nahen des Geburtstages weggeworfen wurde. Wir haben 4000 Jahre lang erlebt, was Gender Pricing wirklich sein kann. Manche Frauen sehen sich nun vor der schwierigen Wahl, ob sie wegen des Preises empört sein und auf Kölnisch Wasser umsteigen sollen, oder nicht doch zum Entschluss kommen, dass sie sich das Geld für sich allein, ganz allein, wert sein sollen.

Kurzfristig mag sich das ungerecht anfühlen. Aber langfristig sind das eben die Nebenwirkungen einer Moderne, die glaubt, keine Leibeigenschaft zu brauchen und jedem Anteil an Allem zu verschaffen. Das kostet dann eben. Wir Männer wissen das, und heben zum Festtag daher die mit Felgenreiniger gespülten Gläser auf die Frauen, die uns zahlen lassen. Und auf jene, die uns gar nicht erst in die Gefahr der Fehlinvestition bringen.

Offenlegung: Ich habe erhebliches Mittel für CDs, Bücher. Tee und Basteldinge in den Fachgeschäften meiner Heimatstadt für Frauen ausgegeben.

24. Dez. 2017
von Don Alphonso
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20. Dez. 2017
von Don Alphonso
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Weihnachtsgeschenke aus dem sexuellen Minenfeld der Alten Musik

Ob es Gott gibt oder nicht, wissen wir nicht. Also lasset uns ihm Opfer darbringen.
Konfuzius

Ich weiß gar nicht, was die Leute immer für einen Gehauf mit Geschenken machen. Bei mir gibt es immer das Gleiche. Kinder von 0 bis 6 sind noch Analphabeten und bekommen von mir nach dem Kaiserschmarrn auf dem Gipfel eine Rodelfahrt die Neureuth hinunter, und zwar ohne ihre störenden Eltern. Das härtet sie ab, sie erleben zum ersten mal ein echtes Risiko, und sie können in der Schule damit angeben. Mein Onkel hat das mit mir ähnlich gehalten, und schauen Sie, was aus mir wurde. Kinder von 6-10 bekommen Schmalzgebäck vom Wochenmarkt und das Buch Grossvaters Karpfen von Kathrin Jacobsen, denn da geht es erstens um meine kleine, dumme Heimatstadt und zweitens darum, dass man keiner Kreatur etwas zuleide tun soll, außer natürlich man kommt mit so einem Kind von der Rodelbahn ab und fliegt in die Bergwaldbotanik, aber das gehört dazu und die Eltern sind ja nicht dabei.

Kinder von 10 bis 14 lasse ich ganz allein auf einem Gasser Supersport die Neureuth hinunter in die aufsteigenden Gruppen von Schadmünchnern fahren, und es haben noch alle überlebt, nur die Eltern würden sterben, wenn sie wüssten. Ab 14 bekommen sie dann “Cafe Morelli” von Giancarlo Gemin, damit sie die Schönheit Italiens erahnen, und ab 16 gibt es dann Italo Calvinos “Ritter, den es nicht gab” und “der geteilte Visconte”. Danach folgen Jan Graf Potockis “Handschrift von Saragossa” und ab 18 gibt es Pitigrillis “Kokain”. Mut, Vegetarismus, Draufgängertum, Liebe zum Alten und Ambivalenten, ein gerüttelt Maß an Ideologiekritik und das beste Basiswerk zum Umgang mit dem anderen Geschlecht – niemand versteht besser als ich, was Kinder so brauchen. Wirklich niemand. Bei Eltern ist es auch nicht schwer, denn die meisten meiner Bekannten sind vom alten Schlag und hören Musik auf Stereoanlage und CD. Eigentlich reicht es da, wenn ich die hübschen Neuerscheinungen des Jahres erneut erwerbe und zusammen mit Beutegut vom Wochenmarkt und vom Teehaus überreiche. Zumindest war das früher so.

Aber jetzt hat metoo auch die klassische Musik erreicht, und Gerüchte, die der Spiegel vor 20 Jahren noch für voll akzeptabel hielt, gelten jetzt als Missbrauch, der eine Karriere beendete. Für mich ist das nicht so schlimm, denn James Levines Repertoire fängt dort an, wo meines aufhört, und somit war Levine noch nie unter den Künstlern, die ich zu verschenken beliebte. Aber weil eine der von mir geschätzten Neuerscheinungen die Oper Persee von Jean-Baptiste Lully ist, und Lully wiederum ein Päderast und auch sonst ein echtes Scheusal war, habe ich mir so gedacht, ich hebe den vielleicht auf, bis sich die Wogen der Empörung etwas geglättet haben. Allerdings ist gleich die nächste CD voll mit Musik für Papst Leo X. Leo X. wurde als Giovanni di Medici geboren und erst zum Kardinal, als sein Vater Lorenzo di Medici Giovannis Schwester Maddalena mit dem Sohn des damaligen Papstes zwangsverheiratete. Als Papst Leo X. hatte Giovanni fraglos auch seine guten Seiten, denn als Visionär erkannte er frühzeitig, dass Luthers Ketzereien Deutschland nichts als Religionskriege, uckermärkische Pastorentöchter, Kirchen ohne Prunk, zuckerreduzierte Plätzchen, abgebrochene Theologinnen bei den Grünen und auch nach 500 Jahren Irrlehre noch eine Schule in einem abgefallenen Landesteilen hervor bringen würde, die auf die “religionssensible Vermittlung der adventlichen und weihnachtlichen Inhalte“  achtet. Aber das Privatleben von Leo X. ähnelte doch stark dem des Herrn Weinstein – nach allem, was man so hört, mit Jünglingen als Ziel seines Verlangens, nun, was soll ich sagen, also, ich habe ja noch ein paar andere CDs.

Zum Beispiel die Komponistin Elisabeth Jaquet de la Guerre und Messen von Loyset Compere. Was könnte denn unverdächtiger sein? Schließlich war de la Guerre eine Frau, geradezu eine Protofeministin, ein unverdächtiger früher Stern am Komponistinnenhimmel am Hofe Ludwigs XIV. Ganz anders als Lully, der eine schwangere Sängerin so schlug, dass sie ihr Kind verlor, sollte man denken, bis man da auf ein gewisses Detail stößt, nämlich: Ihre Förderin und Freundin war die Marquise de Montespan, Mätresse von Ludwig XIV und Hauptperson der sog. Giftaffaire, mitsamt schwarzen Messen, Kindermorden und anderen extremen Taten. Im Zuge des Skandals verließ auch da La Guerre den Hof wohl nicht ganz freiwillig, und ich denke, ich sollte vielleicht zu Weihnachten dann doch lieber die gänzlich unverdächtigen Messen verschenken. Messen, die Comore für Galeazzo Maria Sforza komponierte, den Herzog von Mailand. Allerdings lässt eine kurze Recherche auch ahnen, dass Sforza den Sohn des florentinischen Botschafters sexuell missbrauchte und wegen sexueller Übergriffe auf die Frauen anderer Männer ermordet wurde, übrigens auf dem Weg zu exakt so einer Messe – also, nun, ich mein, naja, was haben wir denn sonst noch so?

Ah, Francesco Gasparini, sehr schön! Endlich mal ein unbefleckter, tugendsamer Komponist jenseits aller Skandale, mit seiner berühmten Oper Il Bajazet von 1719. Dagegen gibt es eigentlich nichts zu sagen, wäre 1719 nicht die Zeit der Türkenkriege gewesen, und bei Bajazet handelt es sich um eine Oper, die mit islamkritischen Untertönen das schaurige Ende eines gegen die Christen erfolgreichen Sultans in Gefangenschaft schildert. Und zwar durchaus mit Häme und Schadenfreude. Kann man noch guten Gewissens so ein klar islamfeindliches Werk empfehlen, selbst wenn dem neuen Sultan am Bosporus auch nicht umfassend von allen eine lange Regierung gewünscht wird? Eher nicht, man will ja nicht von der Sittenpolizei des NetzDG weggelöscht werden. Die patriarchalisch geprägte CD “Sicilianae” ist ebenfalls nur mit Kopfhörer im Kämmerlein zu genießen. Denn für den öffentlichen Vortrag der Liedtexte wäre man im Iran, in Schweden und Berlin-Kreuzberg schneller im Gefängnis als jeder gemeine Mörder, so freizügig wird da über Frauen und ihre Charaktereigenschaften gesungen, und so offen wird da Sexualität begehrt.

Weitere Optionen für weihnachtliche Geschenke? Da mag Chantal Santon Jeffery noch so dezent auf dem Umschlag der CD den Blick senken, aber Alessandro Stradella ist ebenfalls nicht im Post-Weinstein-Zeitalter hinnehmbar. Stradella soll neben seiner Karriere als Komponist zeitweise in Rom auch als Kuppler und Zuhälter gearbeitet haben, und brannte in Venedig mit seiner minderjährigen Schülerin durch, auf die ein Patrizier meinte, Ansprüche zu haben. Weitere Eskapaden machten es 1682 schwer, unter seinen vielfältigen, bei Amouren erworbenen Gegnern einen Bestimmten für den an ihm verübten Mord verantwortlich zu machen. Ich glaube zwar, dass ohne so einen Charakter keine Barockarie brillant werden könnte, aber auch hier nutzte einer seine Machtposition im Kulturbetrieb reichlich für Freuden aus. Franz Xaver Richter dagegen soll sogar für seine Zeit ein extremer Säufer und patriarchalischer Bonvivant gewesen sein. Dessen christliche Werke kann man in dieser Zeit unmöglich über Chia-Samen und vegan Italosyrian Fusion Food erklingen lassen.

Tafelmusik von Andreas Christoph Cramer verbietet sich auch, denn sie wurde zu den Banketten des Salzburger Erzbischofs Max Gandolph Graf Kuenburg aufgeführt – ein rücksichtsloser Protestantenvertreiber, Hexenverbrenner, durch und durch korrupt und nebenbei auch bei der Belagerung von Wien ein Beihelfer beim Türkentotschlagen. Es ist wirklich ein Graus, was alles so zu lieblichen Klängen damals getan wurde. Auch die CD L‘Angle & Le Diable verbietet sich, wird dabei doch Musik von Jean-Marie Leclair gespielt. Der war zwar einer der bekanntesten Violinvirtuosen seiner Zeit, aber er misshandelte seine Frau so, dass sie sich von ihm trennte – und als eine Hauptverdächtige galt, als Leclair 1764 mit drei Messerstichen in einer Blutlache tot aufgefunden wurde – was seinem Ruf als Teufelsgeiger noch Auftrieb verschaffte.

10 CDs. 10 mal Zuhälter, sexuelle Dienstleister, Verbrecher, massenhaft Kindsmissbraucher, Wüstlinge, Vergewaltiger, Meuchelmörder und fast durchwegs Sexisten als Komponisten oder Auftraggeber. Man kann über Weinstein und andere fragwürdige Vertreter des Kulturbetriebs sagen, was man will, aber sie stehen da in einer eindeutigen Tradition. Erst die 11. CD mit Trompetenkonzerten von Johann Melchior Molter ist, zumindest nach meinem Wissen, unbelastet, aber das liegt vielleicht auch nur an der dürftigen Recherche. Und ich kann nicht jedes Jahr nur Molter verschenken, denn auch Vivaldi hat so seine düsteren Aspekte und immer nur den Protestanten Bach hält auch niemand aus. Politisch korrektes Schenken ist schwierig geworden, jede Nicht-Jihad-und-Kopftuch-Barbie im rosa Traumhaus ist weniger kompromittierend als das, was ich für empfehlenswerte Musik halte. Würde man an meine bevorzugten Komponisten aus dem Regal werfen, wie Netflix es mit Kevin Spacey tat, oder die demokratische Partei mit Al Franken – dann müsste ich vermutlich von der schwedischen Religionspolizei genehmigte, nordische Popmusik hören. Oder die Gedichte von Ayatollah Khomeni. Auch in Nordkorea soll es noch sittenstreng zugehen, was man so hört. Aber die europäische Musikgeschichte ist das reinste Minenfeld der Moral, nachdem wir dazu übergehen, die erfahrungsfreien Sexvorstellungen der Grünen Jugend Kreuzberg auf Vergangenes zu übertragen. Man passe gut auf, wenn man sich dort hinein begibt.

Entschuldigen Sie mich jetzt, ich muss noch Chia-Samen kaufen gehen. Muss das übrigens wirklich Samen heissen? Das kann man doch auch gründlich beim Schenken missverstehen.

20. Dez. 2017
von Don Alphonso
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15. Dez. 2017
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Als die Kulturrevolution ein Dirndl trug

Es ist mit der Liebe wie mit den Pflanzen. Wer Liebe ernten will, muss Liebe säen.
Jeremias Gotthelf

Es gibt Kunst. Die hängt im Museum.

Und es gibt Kunst, die man früher zwar für Kunst gehalten hat, und so teuer wie Museumskunst bezahlte, oder auch deutlich teurer – aber über die ist die Kunsthandelsgeschichte hinweg geschritten, weil sie sich am Neuen und Außergewöhnlichen orientiert. So habe ich beispielsweise hier ein Portrait einer Gesellschaftsdame der Klimtzeit aus einer Salzburger Sammlung mit gesicherter Herkunft, das in Duktus, Expression und Farben genau das verkörpert, was man 1910 als Avantgarde begriff – die Wiener Moderne macht sich darin breit und zündet sich in den Rauchfarben eine letzte Vorkriegszigarre an. Es ist die richtige Epoche und die richtige Region, denn die Kunst war damals zwischen dem blauen Land und Wien entlang der Alpen ausgestreckt, und wenn ich nach Italien radle, komme ich nach ein paar Metern an exakt jener Stelle am Oberbuchberger Hof vorbei, an der August Macke seine Tegernseelandschaft malte.

Was ich aber gerade gekauft habe, ist um 1870 entstanden, und wie man aus der Kunstgeschichte weiß: Damals malten die Franzosen Kunst, und die Deutschen eher Kitsch. Denn um 1870 erschlossen die Eisenbahnen langsam die Bergwelt, darin eröffneten die Grand Hotels, man zog zur Sommerfrische auf die Alm, und erwarb alpenländische Mode für eine Art Bergkostümfest. Im Biedermeier beginnt die Neigung der Damen, das Dirndl der Bäuerinnen zu tragen, weil sie in den eng geschnürten Kleidern mit Wespentaille kaum laufen können. Und ihre Gatten kaufen zur Erinnerung Bilder, die die dort meist weniger komfortabel untergebrachten Künstler oft eher im Aquarell denn in Öl festhalten. Denn so ein Ölbild braucht seine Zeit, ein Aquarell kann am Wochenende gemalt und am Montag bereits an due Gattin des Kommerzienrates verkauft werden. Und so entsteht eine Bildgattung, mit der man Kunsthistoriker jagen kann, aber so war das damals eben, es gab zwei Arten von Künstlern auf dieser Welt: Die einen schnitten sich ein Ohr ab und wurden wahnsinnig, die anderen trafen den Geschmack der Kurgäste, knüpften Kontakte und bekamen Lehraufträge für akademisches Malen in Schwabing. Und ich, ich habe schon ein gewisses Faible für diese Anbiederungskunst, weil sie ein Relikt eines guten Lebens ist, das in dieser Form heute bei allem Fortschritt nur noch wenige genießen. Aber eigentlich will ich auf etwas ganz anderes hinaus, nämlich auf den Mann, der schemenhaft unten links im Bild zu sehen ist.

Es ist 1870, es gibt kein mobiles Telefon, es gibt keinen öffentlichen Nahverkehr, es gibt kein Auto und das Fahrrad hat noch nicht die Berge erobert. Wer in den Bergen an Seen lebt – hier übrigens wahrscheinlich der Schliersee – wandert oder fährt mit dem Kahn. Um von Neuhaus nach Schliersee mit so einem Kahn zu rudern, braucht man schon eine gewisse Kraft und Ausdauer, und weil die Kähne hier so störrisch sind, auch ein großes Geschick. Das ist nicht Venedig mit seinen Gondoliere, die einen durch die Lagune rudern, das sind die Berge, hier ist der Mann noch ein Mann und packt an. Es gibt keinen Zug und keinen Fahrplan, er muss das Boot vom Ufer ins Wasser schieben, und dann die schweren Ruder durch das Wasser ziehen. Das macht man nicht einfach so zur Gaudi. Man macht es, weil es einem wirklich wichtig ist. Sei es, weil man fischen will, sei es, weil am anderen Ufer eine schöne Fischerin wartet. In diesem Fall ist der Mann ein Glückspilz, er ist über den See gerudert und tatsächlich, die Fischerin ist da, herausgeputzt, und erwartet ihn schon.

Wer sie ist? Man sieht hinter ihr in die Küche des Hauses, da sind Teller und Bottiche sauber aufgeräumt. Offensichtlich ist sie nicht nur in ihrem Festtagsgewand eine ordentliche, sorgsame Frau, die gut haushalten kann. Sie ist vielleicht nicht reich wie die Bürgersgattinnen, die auf solchen Portraits gern opulenten Schmuck tragen, aber auch nicht arm. Vermutlich hat sie ihn schon von weitem kommen sehen, denn sie erwartet ihn auf der Terrasse und hat etwas hinter ihrem Rücken versteckt: ein kleines Gebinde aus Blumen und Kräutern, wie es in Bayern im Sommer gern geweiht und dann als Glücksbringer an den Hut gesteckt wird. Man erkennt die Beziehung zwischen den beiden: Er schwenkt seinen Miesbacher Stöpselhut, sie hat etwas für seinen Hut.

Auch sonst ist das Bild erotisch aufgeladen. Wenn man genau hinschaut, hängt neben ihr an der Hauswand ein Kescher, mit dem man Fische fängt, daneben hängt ein Netz, in dem sich so mancher verheddert, und rechts neben der Treppe schlängelt sich junges, heller Grün mit Ranken, herzförmigen Blättern und gierigen, kleinen Greifarmen. Es ist kein Zufall, dass sich die Pflanze da mitten vor die Frau schlängelt. Vor ihr steht ein Topf, und in dem Topf ist ein Stecken, an dem sie eine Blume aufrichtet: Es ist Lychnis chalcedonica, in unromantischen Deutschlandteilen als Scharlachlichtnelke bekannt, aber bei uns in den Alpen heißt sie nur “brennende Liab“. Die junge Frau züchtet da also nicht irgendwas. Es hat alles seine Bedeutung, die roten Blüten wie auch der Stock, an dem sie gedeihen.

Und später rudert er sie vielleicht zum Tanz ans andere Ufer, sie wird dekorativ auf der Bank sitzen, und er wird sich in die Riemen legen. Ich bin übrigens schon selbst mit Frauen auf diesem See gerudert, das ist wirklich sehr romantisch und man macht das besser nicht mit begehrenswerten Frauen weil das endet nämlich äh wo war ich ach so ja also er wird sie rudern und dann gehen sie tanzen. Er wird sich um sie sorgen und sicher über den See bringen, so wie sie sich um ihn gesorgt hat, und ihm ein Gebinde mit Blumen und Kräutern aus ihrem Garten gemacht hat. Der Maler kannte seinen Spitzweg und seinen Conrad Ferdinand Meyer, er wusste, wie man mit Anspielungen arbeitet, und mehr erzählt, als einfach nur ein Treffen am See. Es zeigt zwei Menschen, die sich umeinander bemühen, die Stunden damit zubringen, dem anderen etwas Gutes zu tun, die bereit sind, sich hinzugeben, ohne dass es bereits Sex sein muss. Draussen tobt hier 150 Jahre später ein Wintersturm, aber ich sitze auf dem Sofa, und mir gegenüber ist es Sommer, und zwei Menschen werden sich gleich in die Arme fallen. Das mag nicht Kunst sein, es hat zu wenig abgeschnittene Ohren und entsetzte Schreie, und zu detailgenau ist es auch, aber ich mag das.

Man muss natürlich die darin zum Ausdruck kommende, bürgerliche Moral nicht mögen, das Saubere, die gebremste Offensive, die Ritterlichkeit und die Monogamie, in der sich diese beiden finden werden. Es wird so sein, denn der Weg zu ihr führt entlang eines Geländers mit Herzerln zu einer Brüstung mit dem Kreuz des kirchlichen Segens. Und natürlich werden Fortschrittliche unserer Tage voll Verachtung auf Wilhelmine von Hillern oder Anna Stainer-Knittel  herabschauen, die die höchst erfolgreichen Fortschrittlichen jener Tage waren, und deren Umkreis das Bild entstammen dürfte: Zeigt es doch die Frau im alpinen Experimentallabor der Geschlechter als durchaus selbstbestimmt und im Vordergrund, was mehr als nur eine Verkaufsmasche gegenüber dem bürgerlichen Publikum und den weiblichen Begehrlichkeiten gewesen sein dürfte. In einer Zeit, in der im bäuerlichen Umfeld Zwangsheiraten noch völlig normal waren, ist die Übertragung einer sich langsam wandelnden, bürgerlich-emanzipierten Moral auf das Landvolk zu sehen. Dahinter mag sich damals auch viel Falsch und Selbstbetrug verborgen haben, denn es zeigt den guten Anfang, aber nicht die spätere Ernüchterung. Es ist kein Beckmann und kein Grosz, und man muss schon etwas genauer hinschauen, um angesichts der Anspielungen zu erkennen, dass es etwas mehr als nur bergromantischer Kitsch ist. Keine Suffragette muss dafür schirmschwingend durch das Bild aus den Bergen für den Bürgersalon ziehen, und trotzdem erzählt es etwas über die Gleichheit der Geschlechter, und wie Beziehungen funktionieren können, wenn das Wetter schön ist, und die Beteiligten sich umeinander intensiv bemühen.

All die Autorinnen, die momentan gegen romantische Stimmungen anschreiben – ein neues, modisches Brauchtum der Tinder-Wegwisch-Ära – sind dafür natürlich kaum zu gewinnen, zwischen Stress, Zeitmangel, Erfolgsdruck und dauernder Gereiztheit. Die Einzelkämpfergesellschaft sieht die Beziehungssache auch eher pragmatisch und frei von zartromantischer Färbung, aber dafür durchaus unter dem Aspekt der Nützlichkeit und Effizienz. Da geht es nicht mehr um das Aufhalten von Türen oder gar um das Rudern über den See, da wird auch am Hut nichts mehr angesteckt, um Besitzansprüche öffentlich zu machen. Flexibilität ist auch in Dingen der Zuneigung erwünscht, und die dauerhafte Liebe ist wohl das einzige, an das noch weniger als an die Rente geglaubt wird. Ich wäre der Letzte, der bestreiten würde, dass auch dieses moderne Bild stimmig ist, und kitschig ist da überhaupt nichts. Die blanke Realität mit Leistungsdruck und stetig aufs Neue enttäuschten Erwartungen erlaubt gerade noch einen kleinen Balkon aus Beton mit Blick auf die gegenüber liegenden Häuser, und der mögliche Sexualpartner kommt im Minutentakt aus den grauen Massen der öffentlichen Verkehrsmittel. Es mag schon sein, dass die Heidi-artige Phantasie weit weg von der Realität war, aber man durfte damals noch träumen. Ich weiß nicht, was Menschen , die anderen die langfristige Beziehung, das Plätzchenbacken und das Vorlesen auf dem Sofa schlecht reden, von ihrem eigenen Leben erwarten. Andere wollten es genau so, und sie wollen es noch immer.

Und dazu gehört auch die Symbolik, die gerade um diese Zeit mit all ihren Mistelzweigen, Schaukelpferden und Christbaumkugeln kaum weniger anspielungsreich als so ein Alpenaquarell ist. Die Leute erwarten das von ihrem Leben, und wenn sie genug Zeit und eine reich beschnitzte Hütte am See hätten, würden sie es vielleicht auch im Sommer wieder genau so haben wollen. Mit gegenseitigem Bemühen und dem Wissen, dass der andere einen nicht bei der nächsten besseren Gelegenheit über Bord wirft. Ein Leben ohne Emails, hinter denen Monster lauern, und ohne eine Welt, die in all ihrer Komplexität niemals hinter den Bergen verschwinden will. Die Moderne hat uns den Kitsch genommen und kokoschkantig gemacht, sie hat uns die zarten Aquarellfarben ausgetrieben und stellt uns vor die Wahl, ob wir es schreiend bunt oder monochrom kühl wollen. Es gibt kein Zurück, und wer gern etwas bewahren würde, heisst heute Modernisierungsskeptiker und landet schneller in einer Bertelsmannstudie unter den Problemfällen, als er Netzwerkdurchsetzungsgesetz sagen kann. Weihnachten ist so eine Art Retrokarneval, da darf man sich, weil es die Wirtschaft fördert, ein paar Tage kollektiv der Moderne verschliessen und bei allen drei Teilen von Sisi im TV mit 157cm Diagonale aus China weinen.

Echte Reaktionäre mit überkommenen Rollenbildern haben dagegen einen Hammer und betrachten sie Welt wie ein Aquarell, für das sie jederzeit und an allen Orten einen neuen Nagel einschlagen, um zu zeigen, dass es immer auch ganz anders geht.

15. Dez. 2017
von Don Alphonso
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03. Dez. 2017
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Die Weltrevolution wird den Mieter nicht retten

We’re all mad here. I’m mad. You’re mad.
The Cheshire Cat

Einer der angenehmen Aspekte am Tegernsee ist, dass es hier zwar Journalisten gibt – aber praktisch alle kommen nur zum Sterben hierher, was sie unvermeidlich auch tun, und dann liegen sie auf unseren idyllischen Friedhöfen neben ebenso verstorbenen Politikern. Die Ausnahme – ich, der ich noch schreibe – bestätigt nicht nur die Regel, sondern hat auch nicht vor, ewig zu leben, weshalb auch nachziehende Journalisten hier recht einsam bleiben dürften. Es gibt zwar ein Cafe mit Blick auf den See, einem Kachelofen und diskreten Seitenräumen, die ideal für Interviews geeignet wären – aber keine Journalisten. Die paar, die hier durchkommen, um im Bräustüberl zu trinken oder im Hotel Überfahrt die Küche kostenfrei zu “testen“, die kommen nicht hierher. Ich bin also allein, und ich rede hier auch nicht über meinen Beruf.

Nicht nur zur Tarnung, sondern auch zur sittlichen Erbauung habe ich die World of Interiors dabei, ein Enrichtungsperiodicum aus England mit den immer gleichen, aber nie langweiligen Erzählungen: Sohn oder Tochter aus gutem Hause erben eine nicht ganz kleine Immobilie oder finden ein entzückendes, verschlafenes und vergessenes Kleinod, retten alles vor dem Verfall, und überführen das Objekt in eine neue Zeit der mehr oder weniger glanzvollen Lebensfreude. Es ist diesmal auch wieder alles dabei, vom Palast am Nil über ein französisches Schloss und dänische Schlichtheit bis hin zur umgebauten Scheune und einem Boot, vollgestopft mit am Strand aufgesammeltem Treibgut. Alle erzählen zwar, dass sie die Stücke der Einrichtung entweder geschenkt bekommen haben, irgendwo fanden oder vom Trödel retteten, aber genau das lese ich gerne und immer wieder. Hinter mir bücken sich die Bedienungen am Kachelofen, um das Feuer einzuschüren, vor mir treibt die Polarluft Schnee über den See, aber ich sitze hier einsam und freue mich, dass es anderen in ihren Häusern auch gut geht.

Das ist eine reichlich bürgerliche Haltung, so kenne ich das seit meiner Geburt, denn ich komme aus einer kleinen, dummen Stadt in Bayern, und da ist der Besitz von Immobilien in einer gewissen Schicht obligatorisch. Lange Zeit wurde man deshalb ausgelacht, jeder hat einem geraten, den alten Krempel doch zu verkaufen, das Geld gewinnbringend zu investieren – bei uns konkret in Zertifikate einer Bank, die 2009 untergegangen ist – und zu bedenken, wie schlecht doch die Rendite sei: So ein Haus sei mehr oder weniger totes Kapital, tot wie Politiker und Autoren auf unseren Friedhöfen. Der Tegernsee galt damals als eingestaubtes Altenrefugium, das man nur aufsucht, wenn das Leben vorbei ist, und wer 2007 sagte, das Miethaiblut wäre nun mal in seinen Adern und er würde gern am Tegernsee wohnen, galt, höflich formuliert, als extravagant. Dann kann die Finanzkrise. Ich sage nicht, dass die Immobilien seitdem teurer wurden – es ist andersrum, das Geld hat im Verhältnis zu Immobilien seinen wahren Mangelwert erkannt und nähert sich in der Draghi-Ära dem realen Verhältnis zu realen Gütern an. Weltweit ist es üblich, dass Menschen fast die Hälfte ihres Einkommens für Wohnen ausgeben oder sich über 2 Generationen verschulden, um Häuser zu kaufen – außer natürlich sie sind illegal hier in Deutschland und bekommen daheim für die Ausreise deutsche Wohnbeihilfe. Die Deutschen allein sind im Irrglauben gefangen, es gäbe momentan eine Blase und das werde alles schon wieder billiger. Letzte Woche zeigte jemand bei Twitter ein Angebot. 6m² in einer 4-Zimmer-WG im versmogten München. Für 600 Euro Miete.

Es gibt zwei Arten von Journalisten auf dieser Welt, die einen lesen mit Blick auf den See die World of Interiors und die anderen haben Dienst in grossen Städten wie München oder Hamburg, und müssen dort wohnen. Ich lese die World of Interiors und bestelle eine Birnenschichtbombe, die anderen durchforsten Wohnungsanzeigen und stellen fest, dass ihr Gehalt eine Deckungslücke hat, wenn sie gleichzeitig einen Applerechner, eine Wohnung und Essen aus Restaurants wollen. Offensichtlich ist in Städten wie Hamburg und München das Wohnen der Faktor, der jedes Jahr mit 10% Preissteigerung aufwartet, und das tut auf mittlerer Sicht natürlich weh: Auflagen sinken, Löhne stagnieren, Preise steigen. Ich kann schon nachvollziehen, dass solche Entwicklungen schmerzen. Es schmerzt nicht nur den Nachwuchs, der sich in WGs drängt, sondern auch die mittlere Leitungsebene, die zwar nicht schlecht verdient – aber bei Quadratmeterpreisen über 10.000 Euro und den Unsicherheiten des Berufslebens kaum einen Kredit bekommen wird, um in diesem Umfeld mehr als 50m² zu erwerben. Das ist für die Kinder des Bürgertums, die selbst noch aus grösseren Häusern der Provinz stammen, natürlich ein Schock. Ahh, die Torte, sehr schön, vielen Dank!

Wo war ich ach so, ja also, der Schock, richtig, als die Finanzkrise begann, also vor 10 Jahren, hätte man für meine Wohnung in München nicht einmal die Hälfte dessen bekommen, was ich nun erwuchern könnte. München war schon immer nicht billig, aber langsam gleicht es sich dem international vergleichbaren Niveau an. Der Tegernsee hat auch angezogen, die kleine dumme Stadt an der Donau ist sogar der Spitzenreiter in Deutschland, und obwohl ich keinen einzigen Quadratmeter mehr zur Verfügung habe, sehe ich schon, wie die Kollegen relativ dazu abstürzten. Aus Leuten, die mit eiserner Sparsamkeit nach 20 Jahren eine kreditfinanzierte Wohnung hätten abbezahlen können, wurden Leute, die mit eiserner Sparsamkeit vielleicht in 20 Jahren die Miete noch bezahlen können. Und nur so kann ich es mir erklären, dass die frühere Süddeutsche Zeitung, das Blatt für die besseren Kreise in Italiens nördlichster Stadt, mittlerweile zur Prantlhausener Zeitung in ihrer Onlineausgabe wurde, die gallig jubelt, wenn angebliche “Künstler” dazu aufrufen, Vermieter zu denunzieren, die dann mit automatischen Daueranrufen terrorisiert werden.

Das ist ein vollkommen unbürgerliches Verhalten. Das tut man nicht. Man richtet nicht andere Leute aus, wenn man selbst ein Problem hat. Man versucht, die Probleme selbst anzugehen. Normal wäre es, den Lesern die Wahrheit zu sagen, dass sich die Bewertung von Immobilien und die Miete drastisch ändern, dass an der Finanzkrise Politik und Banken die Hauptverantwortung tragen, die Reduzierung des sozialen Wohnungsbaus von allen Parteien getragen wurde, und man nun selbst verantwortlich für das eigene Vorankommen ist. Es ist keine gute Zeit für Medienprojekte mit unsicherem Ausgang, für Belästigungskunst und Crowdfunding. Es ist eher eine Zeit für ungeliebte Sekundärtugenden wie Sparsamkeit, Fleiss und Zuverlässigkeit, wenn der Weg doch noch in die Eigenimmobilie führen soll. Manche haben längst aufgegeben, wie etwa Mitarbeiter der Zeit, die den boomenden Wohnungsmarkt mit dem Wort “betroffen” niederschreiben.

Geht es unbürgerlicher? Medien, die ohne mit der Wimper zu zucken ein Schneeballsystem mit dem Namen “Bitcoin” hochschreiben, beklagen in der eigenen Niedergangsbranche den wirtschaftlichen Erfolg der Baubranche. Mein Eindruck war, dass auch die Zeit eher Kunden ansprechen will, die nicht zur Miete wohnen, aber oft trieft eben die Qual des vom Schicksal geschundenen Mitarbeiters aus den Zeilen: Da wird nicht hinterfragt, welche ansonsten hochgejubelte Klimapolitik am Bau die Preise und Mieten treibt, da ist man im Eismeersumpf “betroffen” wie von einer Seuche, einem Terroranschlag oder einer Bankenpleite. Das Bürgertum, das ich kenne, ist nicht betroffen – es genehmigt sich noch einen Tee und blättert in der Einrichtungsbroschüre weiter, während man in Prantlhausen inzwischen Gefallen an Kollektivierungen der sozialistischen Brüderstaaten findet:

Natürlich kann man Grund und Boden verstaatlichen oder per Gesetz anderweitig dem Handel entziehen. So wie man auch per Gesetz Währungen fixieren kann, oder Kurse reglementiert hat, oder Staatsanleihen anderer Länder kauft. Man kann auch mit Slogans wie “und die Stadt gehört Dir” Wahlkampf machen, wie die Linke in Berlin: Dort gibt es jetzt Ausstellungen über mutige Drogendealer, eine geschlossene Behörde für Alleinerziehende in Mitte und bei der Wohnungsmisere immer wieder die Idee der Enteignung und Verstaatlichung von Wohnraum. Mag sein, dass der nächste sozialistische Großversuch unter Rot-Rot-Grün in Berlin besser als in Venezuela ausgeht. Aber in München ist dergleichen nicht absehbar, da gibt es auch keine demokratische Mehrheit, und ich frage mich schon, warum man so einer Stadt Artikel zumutet, die eher ins Neue Deutschland von 1952 passen würden. Früher saß ich übrigens öfters hier und las die SZ – inzwischen ist die World of Interiors doch sehr viel angenehmer, und ich wundere mich, warum jene Zeitung überhaupt noch teure Anzeigen von jenen unmoralischen, zu enteignenden Immobilienhaien annimmt.

Ich habe übrigens kein Mobiltelefon mit Internet, ich bin hier wirklich abgeschnitten, und die wiederholten Klagen von Medienschaffenden im Internet, man könnte sich den Beruf nicht mehr leisten, bekomme ich nicht mit. Das ist gut so. Ich würde mich sonst nur ärgern und nicht mehr auf den See schauen, sondern wütend kommentieren: Dass es zu viele Schreibende gibt, und es gleichzeitig unmöglich ist, auf die Schnelle einen guten Installateur zu bekommen. Sogar seine herzogliche Hoheit ist mit seiner Brauerei beim Gasthof in meinem Dorf im Baurückstand – weil es dort zu wenig Personal gibt, obwohl der Stundenlohn deutlich über dem der klagenden Journalistinnen liegt, von denen es offensichtlich zu viele gibt. Natürlich wäre es angenehmer, bei einer Staatsparteizeitung über die Erfolge des neuen 5-Jahresplans nach Enteignungen der Plutokraten zu schreiben, und danach von der neuen Wohnung in der Stalinallee auf die werktätigen Massen zu blicken, die Staatsratsbeschlüsse übererfüllen. Es war nicht alles schlecht im Kommunismus. Aber alles in allem ist die Torte hier am See doch deutlich besser.

Eigentum verpflichtet, das steht so auch im Grundgesetz, aber es verpflichtet mich nicht dazu, mich dafür zu schämen, auf der richtigen Seite der “Betroffenen” zu stehen. Auch in der World of Interiors wird oft von der Pflicht gesprochen, das Gute zu bewahren, das Alte zu erhalten, das Neue schön zu gestalten und die Zukunft zu einem goldenen Zeitalter zu machen. Erfahrungsgemäß treiben Artikel, die Mobbing loben und Preise beklagen, den deutschen Michel nicht in die sozialistische Weltrevolution. Daher würde ich aus meiner Erfahrung heraus die Kollegen darauf verweisen, dass das Eigentum Aller an Allem nicht nur durch Mao und Pol Pot erreicht werden kann – sondern dadurch, dass jeder nach Möglichkeit auch ein Eigentümer wird.

Es ist gar nicht so schwer, hinter Bayreuth und Coburg fallen die Preise ins Unermessliche, ein ganzes Ostland harrt immer noch der starken Jugend, die tatkräftig zupackt – anders wird das nichts, wenn man niemanden bezahlen kann. Es ist vielleicht nicht ganz zentral, die Nachbarn haben eventuell eine grosse Diversität bei den politischen Vorstellungen, aber das geht mir persönlich am Tegernsee auch nicht anders. Man überlebt es. Es gibt ein Deutschland jenseits des Mittleren Rings in München und ohne Blick auf die Elbe, man muss nur wollen und die Wut, den Hass auf Menschen wie mich produktiv umsetzen. Und ich garantiere: Wenn erst einmal alle Projektemacher, Lohnschreiber und Internetpersonen die Schönheiten der Lausitz oder Vorpommerns entdeckt haben, ist in den Städten auch wieder mehr Platz für Polizisten, Krankenschwestern, Lehrerinnen und Kindergärten. Auch habe ich nie verstanden, warum Genderinstitute so fern jener deutschen Ostgrenzen angesiedelt sind, hinter denen sie wirklich viel echtes Patriarchat studieren könnten. Als Gentrifizierer der Tegernsee-Praxis darf ich jedenfalls noch anmerken, dass man sich idealerweise vor die Gentrifizierungswelle setzt: Wer jetzt im Thüringer Wald siedelt, ist schon da und kann zur Kreditfinanzierung etwas vermieten, wenn andere erst durch die Umstände gezwungen werden, sich dort anzusiedeln. Wenn man die langfristige Entwicklung im Wohnungsbau betrachtet, ist das die logische Konsequenz.

Gute Ideen für Gehöfte und Scheunen finden Sie in der World of Interiors, nachdem die früher bürgerliche Presse heute die Druckerschwärze lieber für Klagen nach staatlichen Eingriffen verprasst.

03. Dez. 2017
von Don Alphonso
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27. Nov. 2017
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Die BankenBienenKohleSteuertransfer-Groko – und warum sie nicht schmeckt

Tadle nicht den Ofen, in den du deine Erbtante geschoben hast
Kongolesisches Sprichwort

Ich trage eine grüne Weste von Grasegger, maßgefertigte Wildlederstiefel aus Verona, eine beige Kniebundhose, karierte Wollsocken aus Sterzing und einen langen Janker von Waizmann in Miesbach. Ich fühle mit der Hand hinein in den nicht ganz blitzblauen Himmel über dem Oberland und sehe meinen schlimmen Verdacht bestätigt: Keine Spur von den versprochenen 19 Grad eines angeblichen Novembersommers! Höchstens 13 Grad und Novembermärz! Das ist das beste Angebot, das mir das Wetter an diesem Tag zugestehen will, obwohl ich ihm dafür 120 Kilometer entgegen gekommen bin. Zähneknirschend akzeptiere ich und verlasse das Auto.

Unter dem nicht ganz blitzblauen Himmel ist ein blitzübervoller Biergarten, also beschließe ich, erst einmal, wandern zu gehen. Erfreulicherweise geht vom Biergarten aus ein Weg über Almen zu einem Hochmoor und weiter zu einem Moorsee. Die kleine Wanderung regt den Hunger an, und ich muss nicht immer der Erste am Tisch sein – ich kann auch warten. Also spaziere ich über immer noch erstaunlich grüne Wiesen durch kleine Gehölze, und wenn der Weg zu feucht ist, weiche ich auf die Wiesen aus. So komme ich gut voran, bis sich der Sumpf rechts und links in das Licht der Frühwintersonne weitet, und stelle fest, dass die Pfützen weiter vorne auch den Weg überbrücken: Oben Eis, unten Schlamm, in dem meine Schuhe tief versinken. Der Begleitung wird das zu morastig, als sei es die Kooperation eines Zensurministers mit einer Stasi-Zuträgerin. Sie kennt den See auch schon, und verlangt, dass sie nicht bis zum Äussersten gehen muss – nun gut, dann kehren wir eben ohne Seeblick wieder um.

Im Biergarten gibt es zwei Arten von Menschen, die einen sitzen direkt am Panorama, und die anderen in zweiter Reihe. Und weil weder Sumpf noch 13 Grad andere Reisende abgehalten haben, hier ihre Mahlzeit einzunehmen, bleibt mir nur Bankerl weiter hinten, denn, so denke ich mir, besser schlecht sitzen als gar nicht sitzen. In der Speisekarte finde ich Brezenknödel, die ich auch prompt bestelle. Allerdings weist mich der Kellner darauf hin, dass es saure Brezenknödel sind, so etwas wie saures Lüngerl, in Essig eingelegte Brezenknödel und kalt, also wie das Gesicht einer Wahlverliererin, der der Jamaikapartner davongelaufen ist, was an Tagen wie diesen vielleicht nicht die ideale kulinarische Freude ist. Ich will schon den Mund aufmachen und sagen, ich ginge mit diesem erneuten Verzicht nun wirklich an die Schmerzgrenze, aber da fällt mir auf, dass dort unten auch keine Journalisten stehen, denen och vom balkonartigen Biergarten erst zuwinken und dann in die Mikrophone mein Leid klagen kann.

Ich mache also kein Drama, gehe einen Kompromiss ein, und bestelle Bergkästopfenpflanzerl mit Sauerrahm und Salat. Zusammengefasst habe ich also keine 19 Grad bekommen, sondern nur 13. Ich konnte meine Weste nicht ausziehen, sondern musste sie anbehalten, kam mit meinen Schuhen in den Schlamm, ohne den See zu sehen, und sah mich gezwungen, in der zweiten Reihe etwas zu essen, das ich aber gern mit Bergen und nicht mit anderen Menschen dahinter abgelichtet hätte. Ich bin wirklich an die Schmerzgrenze gegangen, so auf ein paar Kilometer oder sogar Lichtjahre vielleicht, denn es hat eigentlich kaum weh getan und alles in allem ging es mir doch ganz gut, im Vergleich zu jenen, die nicht hier waren. Denn mehr Leute hätten auch gar nicht in den Biergarten gepasst, und so muss ich sagen: Ja, ich bin Kompromisse eingegangen. Trotzdem war es schön und ich bin niemandem böse. Ich komme wieder, auch bei 11 Grad, selbst wenn mir so ein Sommertag lieber wäre.

So ist das nun mal., das Leben ist ein einziger Kompromiss, und gut leben bedeutet nicht, alles zu bekommen was man will, sondern die Kompromisse so zu gestalten, dass auch die zweit- und drittbeste Lösung für Individuum und Gesellschaft gut erträglich sind. Im niederen Volk nennt man das “Fünfe auch mal gerade sein lassen” oder “die Kirche im Dorf lassen”, penibel abweichendes Verhalten gilt dagegen als unkommod, und man mache doch bitte keine Visimatenten. Der Kompromiss unterscheidet die bürgerliche Gesellschaft vom diktatorischen Absolutismus mit seinen Sonnenkönigen, die nach Laune entscheiden können und keinerlei Rücksicht nehmen müssen. Im Reich des Sultans ist das heute noch so, aber bei uns hat man sich aufgrund der Erfahrungen dazu entschieden, dass man auf Ausgleich bedacht ist. Wir rutschen also auf dem Bankerl zusammen, damit mehr Platz ist, wünschen gut zu speisen und erstellen keine Liste von Punkten, in denen wir uneinig sind, um dann das nächste Mal woanders zu essen. Es ist genug für alle da. Und man glaubt dem Wirt, dass er sich bemüht, es den meisten so recht wie möglich zu machen.

Früher funktionierten auch politische Verhandlungen so: Es gab Gewinner und Verlierer, und weil die Gewinner an den Trögen der Macht bleiben wollten, zogen sie nicht ihre Programme eiskalt durch, sondern überlegten sich, wie sie denen, die sie nicht gewählt hatten, vertretbare Angebote machten. In einer uniformen Gesellschaft, in der jeder Wohlstand und Sicherheit will, und möglichst einen sozialen Aufstieg mit Haus und zwei Autos, war das nicht sonderlich schwer: Man stellte die Nationalökonomie auf das Staatsvolk ein, und so konnten zwar nicht alle, aber doch sehr viele recht gut leben. Es gab üble Fehlentwicklungen wie Atomkraftwerke, Betonburgen des Brutalismus, das achtstufige Gymnasium, einen überzogenen Fortschrittsglauben und auch heute noch die Aufweichung des Alpenplans un Bayern, aber, das muss man zugeben, es häte auch noch schlimmer kommen können. Hin und wieder revoltierte das an die Schmerzgrenze getriebene Wahlvolk, um die Politiker darauf hinzuweisen, dass die Sache mit dem allgemein akzeptablen Kompromiss zwischen Volk und Politik vergessen wurde. Dann wurde mehr oder weniger einsichtig aus Gründen des Machterhalts nachjustiert.

Früher zumindest. Heute sagt Julia Klöckner, Vizevorsitzende der CDU, dass Aussagen wie “Deutschland den Deutschen” andere ausgrenzen würden und deshalb fragwürdig sind, obwohl Staaten gemeinhin keine Grenzen haben, um alles und jeden einzugrenzen. Außerdem gibt es da einen Amtseid mit der Klausel “zum Wohle des deutschen Volkes, was sich auf die Deutschen bezieht, und eben nicht auf jeden, der sich hier legal oder illegal aufhält. Klöckners Beinahekoalitionspartnerin Katrin Göring-Eckardt sieht sich auch als Lobby der Staatstiervölker: “Wir wollen dass in diesen vier Jahren, dass jede Biene, jeder Vogel und jeder Schmetterling weiß, wir werden uns für sie einsetzen.” Mal abgesehen von der Frage, wie man das Vögeln, Bienen und Schmetterlingen erklären will: Sie sind keine Wähler. Genauso wenig wie die Europäer, für die die Sozialdemokraten die Vision einer europäischen Sozialpartnerschaft vertreten. Als Wähler muss man sich statt dessen möglicherweise von Andrea Nahles angesprochen fühlen, die auf dem Kongress der Jusos den SPD-Weg zur Groko als Schuld von “anderen” deklarierte: “Meiner Meinung nach brauchen wir in den nächsten Wochen alle, auch die Jusos, um aus dieser ungeheuerlichen, von anderen angerührten Kacke einen guten Weg nach draußen zu finden“, sagte sie, wenig elegant und bar jeder Einsicht, dass das katastrophale Wahlergebnis ihrer Partei möglicherweise, eventuell, vielleicht auch etwas mit dem politischen Kuhfladen zu tun hat, die SPD und CDU seit Jahrzehnten in führender politischer Verantwortung gemacht haben.

Denn wenn neben Bienen, Vögeln und Schmetterlingen am Koalitionstisch auch über das Wohl und Wehe der europäischen Banken und Schuldenrisiken anderer Länder verhandelt wird, über Geldtransfer zur EU und über die für die Grünen zentralen Menschenrechte von Leuten, die noch gar nicht hier sind, wenn entgegen dem Geist des Asylrechts die Neuerfindung des “Klimaflüchtlings“ auf das vom Dämmwahn schon schwer benebelte, moralische Grundgerüst gepfropft wird, und jede Partei die ihr nahestehenden Grüppchen mit Privilegien hier und Quoten dort und zwischendrin Verbandsklagerechten begütern will – dann sind das wirklich viele Interessen, die gebündelt werden müssen. In so einem Regierungsmoloch sind Kompromisse nur möglich, wenn man die Steuerreinnahmen des Staates reihum verteilt – wie das in Berlin angeblich draghiesk hieß, „whatever it takes“, Hohe Energieeinspeisungstarife für die einen und Befreiung für die anderen. Ein Kohleausstieg, juristisch so fragwürdig wie der Atomausstieg mit seinem Minuserfolg bei der Brennelementesteuer. Oder der Versuch einer einheitlichen Bildung im Land, die kaum eine allgemeine Angleichung an den bayerischen Goldstandard nach sich ziehen wird. Oder die Abschaffung des Ehegattensplittings, die bindungsunfähige Feministinnen fordern, und die der SPD wegen jener Steuereinnahmen gefällt, die dann freihändig an Sprachpolizisten verteilt werden.

Auch so kann man in einer nicht mehr uniformen, sich auseinander entwickelnden Gesellschaft Kompromisse machen. Es sind leider nur Kompromisse, die mit dem Geld der Steuerzahler verschwenderisch umgehen und die Frage aufwerfen, wo da eigentlich noch das Volk bleibt, von dem eigentlich alle Macht ausgehen sollte. Sicher, das Volk ist ein anderes als unter Adenauer oder Schmidt oder Kohl, es lässt sich nicht mehr so leicht unter einen Hut bringen. Nicht umsonst sitzen heute sieben Parteien im Bundestag, die versuchen, für ihre Anhänger und Lobbygruppen das Beste herauszuschinden. Vermutlich findet man Anhänger aller Parteien auch im Biergarten, aber hier gelingt es, allen einen Platz und ein gutes Essen zu geben, weil man sich am Gemeinsamen orientiert und es erkennbar gut mit ihnen meint. Man könnte auch noch eine Champagnerlounge für EU-Steuerbetrüger und Apotheker einbauen, Retro-DDR-Wochen veranstalten, einen Veggie-Day einführen, und einen Tag moralisch korrektes Ökohungern mit Klimakatastrophensimulation feiern, sowie einer Zwangsabgabe für Vögel, Bienen, Schmetterlinge, EU-Banken, Ex-Stasis, Frauenquoten und inklusive Gesamtschulen auf den Preis erheben, und den Parkplatz für alle Dieselbesitzer sperren – und das alles mit der “ungeheuerlichen, von anderen angerührten Kacke” erklären. Das wäre dann ein ungeheuerlicher Groko-Biergarten, in dem sich jede mögliche Regierungspartei irgendwo wiederfindet. Ich glaube aber, dass es gute Gründe gibt, das nicht zu tun, denn die normalen Gäste würden wegen dieser Kompromisse auf ihre Kosten davonlaufen.

Besser wäre es, sich wieder zu überlegen, wie man Kompromisse für das Volk macht, direkt und ohne Umwege über kassierende Lobbyisten, Verwaltungschaos, überzogene Ideale, Weltfiedensbemühungen und ausserstaatliche Strukturen. Kompromisse, die das Volk versteht, und die ihm den Eindruck vermitteln, es ginge erst einmal um die Menschen, wie das auch im Biergarten ist. Danach akzeptiert man auch gern den ein oder anderen Kompromiss. Wir sind ja nicht so, wenn wir gespeist und anderen in den Büros Bilder vom guten Leben geschickt haben.

27. Nov. 2017
von Don Alphonso
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21. Nov. 2017
von Don Alphonso
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Das schwarz-grüne Angebot, das man ablehnen kann

Male parta male dilabuntur

Sehen Sie, es gibt zwei Arten von Journalisten auf dieser Welt:: Die einen haben solche gute Ideen für Politiker, die sie auf Wohnungssuche schicken wollen, und die anderen können sich das Schreiben leisten. Ich kann es mir leisten, und ich denke deshalb gar nicht so weit wie diese Kollegin, der das Bewinken der Untertanen von einem Balkon aus als Qualifikation nicht ausreicht. Die Vorstellung. Politiker auf erschwerte Wohnungssuche zu schicken, mag reizvoll sein, wenn man dieses Schicksal selbst erleidet. Aber wie so oft denkt man in Berlin nicht an die unmenschlichen Folgen für die Bessergestellten: Das Mietsuche-Praktikum würde Vermietern wie mir die Bürde auflasten, sich mit Politikern herumzuschlagen, die es gar nicht ernst meinen. Solche Politiker erlebe ich ohnehin schon zu oft, eigentlich immer sogar, und ich will sie ehrlich gesagt nicht auf meinem Sofa. Oder auf dem Flur. Oder im Haus.

Denn hier ist es gerade so, dass das Haus im 417. Jahr seiner letzten Bauphase in eine Situation kommt, die wieder etwas mehr Aufmerksamkeit erfordert. Da kann ich keinen Stress brauchen. Nach über 100 Jahren hat sich die Hauptwasserleistung in Krümel aus Kalk und Rost verwandelt, Böden mussten aufgerissen und Wände geschlitzt werden, und bei all den Umständen und anderen Entwicklungen hat es sich nun ergeben, dass dort, wo das Malheur zugeschlagen hat, zum ersten Mal seit 1960 ein Leerstand zu verzeichnen ist. So ist es nun mal mit dem Vermieten, nichts währt ewig, und man kann es sich vorstellen: Nachdem diese Räume immer benutzt, aber aufgrund des Geschäftsbetriebs nie restauriert wurden, steht nun erst mal eine Phase der sanften Erneuerung an. Dachte ich, als ich die Scheiben zur Strasse hin verklebte. Aber dann kam die schwarz-grüne Koalition zu mir.

Die schwarz-grüne Koalition hat sich nicht vorgestellt oder gar angekündigt. Sie sieht auch nicht wie Frau Merkel oder Frau Göring-Eckardt aus. Die schwarz-grüne Koalition, oder besser, der Vertreter ihrer Politik, der da vehement an das Fenster klopfte, das ich abklebte, ist etwa 1,70 gross, männlich, stämmig, hat dichtes, rabenschwarzes Haar mit einem nicht übertönten Graustich, und trägt weder einen bunten Hosenanzug noch ein pinkfarbenes Wickelkleid. Statt dessen Turnschuhe, Jogginghose, eine dem Alter deutlich über 50 Jahren nicht angemessene Lederjacke, und ein für den Vorwinter zu weit geöffnetes Hemd. Dass er beim Abkleben wegen der grün-schwarzen Koalition kam, die damals noch von der FDP bereichert wurde, konnte ich nicht wissen: Vielleicht, dachte ich, will er etwas über den Vormieter wissen, vielleicht ist es Kundschaft, oder er soll noch etwas holen, wer weiss. Und so sperrte ich auf und fragte ihn nach seinem Begehr. Es sei so, erklärte er, dass er auf seinem Weg durch die Stadt schon gesehen hätte, dass hier etwas frei werde. Und da habe er einen interessanten Vorschlag für mich, sofern ich ihn einmal das Objekt schnell anschauen ließe – wie viele Quadratmeter seien das? Deutlich über 100? So etwas in der Art wohl – also, die könnte er gut brauchen. Allerdings nicht als Laden.

Sondern, und da begriff ich erst, dass hier die gut verkleidete schwarz-grüne Koalition vor mir stand, als Wohnmöglichkeit. Er würde mir pauschal im Monat einen recht hohen Betrag geben, wenn er alles haben könnte. Er würde das alles restaurieren, ich müsste mich um überhaupt nichts kümmern, er würde Sanitäranlagen einbauen, eine Kochgelegenheit und Trennwände, und weil das nach vorne offen sei, würde man im Haus auch gar nichts mitbekommen. Ich wüsste doch sicher auch, sagte die schwarz-grüne Koalition, wie schwierig es sei, hier in der Stadt Wohnungen zu finden, und da würde er eben gern das anbieten, was jeder zumindest braucht: Einen Platz zum schlafen und leben. Womit die schwarz-grüne Koalition natürlich im Kern recht hat.

Denn diese Stadt ist wegen der Migration übervoll. Wir haben hier Bildungszuwanderer, die an den Hochschulen studieren, wir haben hier innerdeutsche Wirtschaftsflüchtlinge, die beim Autokonzern arbeiten wollen, wir haben sagenhaft hässliche Neubaugebiete in den Dörfern entlang meiner Radstrecke, um die Not zu lindern, und etliche Containerdörfer und eine komplette Kaserne vor der Stadt wegen der ungelösten Folgen der Migration von 2015 bis heute. Wir schaffen das, aber eben nur so weit, dass wir sie in Containern und Kasernen belassen, weil es in der Stadt einfach zu wenig Wohnraum gibt – sogar für die alten Einheimischen. Auf den Dörfern vor der Stadt ist es kaum billiger als in den Dörfern rund um München.

Wer eine Wohnung hat, der hat sie, und wer keine hat, der kann sich ein Business-Apartment mit 20m² an einer Ausfallstrasse für 140.000€ kaufen. Ich schreibe seit 2007 darüber, dass mit der Finanzkrise die Immobilie wieder schwer im Kommen ist, aber viele behaupteten, das stimme angesichts der schwindenden Bevölkerungszahlen nicht. Jetzt haben wir zum Misstrauen in das Geld und Aktien noch einen Geburtenboom, eine massive EU-Migration wegen der Wirtschaftskrisen, und eine irreversible Migration der offenen Grenzen von minimal 200.000 mit einem atmenden Deckel pro Jahr. Dazu kommen Hunderttausende, die hier ohne Aufenthaltsberechtigung leben, Leute, die einfach untertauchen und Grenzen, die so offen sind, dass ein Nigerianer zum Niederstechen seiner Ex-Freundin aus Italien anreisen kann. Und dazu kommt wegen solcher Geschichten sehr wenig Bereitschaft, im Sinne der Willkommenskultur privat zu vermieten. Deutschland hat zwar den Reichtum und das Sozialsystem, das die Migration durch viele Länder interessant macht, aber in den reichen, urbanen Zentren, die bei der Migration angesteuert werden, einfach nicht den nötigen Platz zur Unterbringung.

Es sei denn, man nimmt es den einen weg, zerteilt es in kleine Schnipsel und gibt die den anderen. Ich habe mich im Internet umgeschaut – für eine solche Schlafgelegenheit, die dem Mindestansprüchen gerade so genügt, zahlt man ab 350€ pro Monat. Schlau wie ich war, habe ich die schwarz-grüne Koalition dann nicht durch die Räumlichkeiten geführt, denn weitere Zimmer hätten sicher weitere Begehrlichkeiten geweckt. Jedenfalls wären die Kosten für den Umbau bei so einer Belegung nach 2 Monaten wieder eingenommen, und von da an muss man als Mittelsmann eigentlich nur noch kassieren. Es könnte so einfach sein, wenn die schwarz-grüne Koalition jemand fände, der zusammen mit ihrem Vertreter mitmachen will.

Sehen Sie, die Vertreter der migrationsfreundlichen Parteien haben gern ein Beispiel gebracht: Deutschland sei wie eine Kneipe, in der schon 80 Leute sind, und dann kommt halt noch einer dazu. Die Realität ist allerdings in den Städten ganz anders, 10 von den 80 leben wirklich gut, 30 leben vertretbar, die restlichen 40 streiten sich um 30 Wohnungen, und dazu kommen 2 mit der EU-Migration und 2 Flüchtlinge, und absehbar, dank schwarz-grüner Koalition, noch der Familiennachzug. Das wird dann für die unteren 40 noch enger. Wie eng, davon hatte die schwarz-grüne Koalition in Form ihres Ermöglichers bei mir eine sehr gnadenlose und konkrete Vorstellung. Und auch davon, was ihm diese Hilfsleistung bringen würde. Niemand hat nachprüfbare Zahlen, wie viele Menschen beim Nachzug noch kommen würden, aber er weiss jetzt schon genau, wie viel er damit verdienen kann.

Damit steht er besser da als die Lehrer, die Sozialämter, die Kindergärten und die anderen Wohnungssuchenden, die ebenfalls Lösungen für die Folgen der Migration brauchen. Würde ich zusagen, ahnte ich zwar kaum, wer da wie lange im Haus lebt, aber fraglos würde sich für die Betreffenden die Lage verbessern. Ich weiss nicht, ob diejenigen, die gern Politiker auf Wohnungssuche schicken würden, angetan wären, wenn alle Vermieter zu ihnen sagten: Bedaure, die schwarz-grüne Koalition hat uns ein deutlich besseres Angebot gemacht, da kannst du nicht mithalten, dein Raum ist gut genug für vier von ihnen. Vermutlich würde sich die Begeisterung darob in Grenzen halten, während über die deutschen Grenzen hinweg die Nachricht ginge: “Wohnraum gefunden. Na also – geht doch! Die Deutschen halten ihr Versprechen.” Gebe 20 den Raum, gebe 200 den Wunsch, das auch zu bekommen.

In einer Art Merkelaffekt hätte ich natürlich jetzt auf den Gedanken kommen können, des Profits und guten Moral wegen – liebt nicht jeder solche Herbergsgeschichten zu Weihnachten? Ist es nicht wieder Zeit? Könnte man die Geschichte nicht an Bento.de verkaufen? – die Grenzen zu öffnen. Aber wie es es nun mal so ist: Ich habe höflich, aber bestimmt mitgeteilt, dass ich das erstens nicht zu entscheiden habe und zweitens die Pläne schon ganz andere sind. Leider. Es würde sicher auch mit dem Denkmalschutz nicht gehen, das Gemäuer hier unten ist noch aus der ersten Bauphase von 1300, das würde nie genehmigt werden. Natürlich könnte mir die schwarz-grüne Koalition ihre Nummer aufschreiben, aber wirklich, ich könnte da keine Hoffnung machen. Tatsächlich gibt es Pläne, was hier zu machen ist, und das unterscheidet dieses Haus mitsamt Kostenaufstellung und Zeitplan deutlich von dem, was bei der Migration einfach so laufen gelassen wird, ohne Rücksicht auf die Folgen und in Erwartung, dass der Markt es schon irgendwie mit dem Einziehen von Rigipswänden im Denkmalschutzbau lösen würde. Hauptsache, die Menschenrechte von Menschen, die noch nicht hier sind, werden über alles andere gestellt. In Berlin winken sie vielleicht bald wieder vom Balkon, ihr Zuarbeiter winkte mir, als er ging.

Es gibt eben zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, die einen überlegen vorher, was sie tun, und die anderen überlegen nachher, wie sie die Folgen den anderen aufhalsen. Beides kann sehr wohl bürgerlich sein, da habe ich überhaupt keine Zweifel, und wichtig ist mir eigentlich nur, dass das Haus nach Merkel-Eckardt nicht wie der Prenzlauer Berg nach Honecker aussieht.

21. Nov. 2017
von Don Alphonso
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14. Nov. 2017
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Der identitäre Reichsbürgereintopf für weltoffene Städter

Brava, cosa rara!
Don Giovanni

Wer historisch überleben will, und das nicht nur mit der nackten Haut, sondern angenehm und privilegiert, kommt nicht umhin, sich zu überlegen: Was ist historisch betrachtet variabel und volatil, was ist beständig, und wie bleibe ich auf sicherem Boden, der mich trägt? Manche glauben, die Nation sei so ein verlässlicher Orientierungsrahmen, aber wie man in der UdSSR, Spanien oder Schottland sieht, muss das nicht sein. Schuld am möglichen Auseinanderbrechen in Deutschland sind nicht Separatisten, die bei uns von einem starken Südstaat und einer abhängigen, unterentwickelten Nordkolonie vom Main bis an die Überflutungsregionen der Nordsee träumen, sondern schon heute die unterschiedliche Handhabung des angeblichen Rechtsstaates, vor dem alle ungleich sind. Denn in Berlin können Sie mit 15 Gramm Gras wieder straffrei durch den Görlitzer Park ziehen und dergleichen als zugewanderter Händler auch anbieten. Bei uns in Bayern dagegen können Sie als Zuwanderer eine Hausdurchsuchung erleben, bei der überhaupt keine Drogen gefunden werden, und trotzdem wird zwischen den grünen Wiesen überlegt, wie man den vorab schon ausgestellten Haftbefehl gegen Sie nicht doch umsetzt.

Ein Land, ein Rechtssystem, zwei Auslegungen, und vermutlich bald acht Fernbustickets von Traunstein nach Berlin, wenn die Betroffenen schlau sind: Dafür ist Traunstein auch ein reizendes Örtchen im Chiemgau und so sauber, wie Berlin dreckig ist. Das eine einige Deutschland Vaterland, das gibt es nicht – und ich würde in der historischen Betrachtung nicht darauf wetten wollen, dass der Staat oder die EU in 50 Jahren noch da sind. Manche wünschen sich ein Deutschland wie in Berlin, andere hätten gern eines wie in Traunstein, die einen leben mit hoher Sozialhilfequote und die anderen mit Vollbeschäftigung, die einen wollen Staaten abschaffen und die anderen ihre Identität behalten, die einen reden über das, was der Deutschlandfunk willkommenskulturell fordert, die anderen haben Radio Alpenwelle fest im Autoradio eingestellt. Die einen sieht man in den Medien, die anderen sind schon immer da. Die Nation bröselt zwischen diesen Polen vor sich hin, weil niemand Interesse hat, da noch das Gemeinsame zu finden. Ich würde mich also rein aus Eigeninteresse nicht auf die marode Bestandsnation als Garant für gehobene Lebensansprüche verlassen.

Was jedoch immer Bestand hatte, war die Trennung der Gesellschaft in Eliten und Benachteiligte, und durch alle Zeiten kann man festhalten, dass es sich bei den obersten 10% gut gelebt hat. Auf einen Don Giovanni kamen ein Leporello, drei Masettos und fünf Zerlinas, weshalb man meines Erachtens auch Verständnis haben muss, wenn Don Giovanni hin und wieder – da’s ihm gleich ist, ob sie bleich ist, ob sie bettelt, oder reich ist, nimmt er Weiber jeder Art und Sorte – klassenübergreifend bereit war, anderen ein Bankett zu bereiten: Auf zu dem Feste, froh soll es werden, singt Don Giovanni, und dass alle wild durcheinander tanzen sollen. Denn so eine Zerlina und so ein Masetto, die hatten früher wenig zu lachen, die Winter waren ohne Klimaerwärmung kalt, und die Ernährung der Gente Plebea gestaltete auch eher eintönig. Ich weiss das, nicht aus der eigenen Familie, aber weil ich zu viel Besteck habe, um es noch in Schubladen unterzubringen: Das Tafelsilber für den täglichen Gebrauch liegt bei mir in einer Schüssel aus Südtirol.

Die Schüssel ist ein Geschenk meiner Grosstante, deren Küche sie lange Jahre zierte. Wie es in ihrer Zeit eben so üblich war, reiste man im Sommer in die Berge, und sobald man sich ein Motorrad oder ein Auto leisten konnte, auch über die Berge, nach Südtirol, wo es schöner und wärmer ist. Ganz Deutschland reiste damals entweder nach Rimini oder nach Meran, und nahm mit kleinen Kammern in Pensionen vorlieb, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann: Ohne WLAN und fliessendes Wasser. Ich kenne das übrigens noch aus meiner eigenen Kindheit, und es hat mir nicht geschadet, ganz im Gegenteil, ich mochte das. Damals jedoch, als die Schüssel in den Besitz meiner Grosstante gelangte, war das Fehlen des Komforts noch obligatorisch: Wer wandern wollte, gab sich mit dem schönen Wetter zufrieden, und achtete ansonsten nicht sehr auf die Gebräuche des gutbürgerlichen Alltags daheim.

Jedenfalls, meine Tante wohnte damals im Sarntal zwischen Sterzing und Bozen, recht weit oben, in einem abgelegenen Bauernhof, und fand dortselbst Gefallen an der Schüssel, die in der Küche aufbewahrt wurde. Wie das eben so ist, mut gebrauchten Schüsseln: Man benutzt sie erst auf dem Tisch und dann,. wenn sie nicht mehr brauchbar sind, zur Speisenbereitung. Diese Schüssel jedenfalls ist gross, fasst gut und gern zwei, drei Liter Inhalt, und war früher das gute Stück der Tiroler Familie, das auf den Tisch gestellt wurde. Da kam der zusammengekochte Brei hinein, und dann löffelte jeder mit seinem individuellen Löffel heraus, was er erhaschen konnte. Die Gier und der Hunger jedenfalls waren so gross, dass die gesamte Glasur im Bodenbereich abgekratzt und angeschabt ist, und der nackte Ton hervorschaut. So gross war früher der Hunger dort oben im Sarntal, dass man lieber Lasur wegkratzte, als Essensreste in der Schüssel zu lassen.

Es war nicht alles gut in der alten Zeit, wenn man nicht bei den guten Leuten lebte, und als meine Grosstante die Schüssel sah, war das Schlimmste schon vorbei. In Deutschland konnten sich schon normale Menschen, Stück für Stück, jene Porzellanservice mit Goldrand leisten, die momentan gnadenlos aussortiert werden, weil man sie nicht in die Spülmaschine stecken kann. Schüsseln auf dem Tisch gerieten aus der Mode, statt dessen kamen kleine Suppentassen auf, die nachzufüllen waren, so gering war ihr Inhalt, und so schnell änderten sich die Essgewohnheiten mit dem Wirtschaftswunder. Auch in Südtirol hielt das Massenporzellan seinen Einzug, und die alte Irdenware wurde in die Küche verbannt. Die Zeiten waren so weit, dass meine Grosstante um die alte Schüssel bitten konnte, und sie auch erhielt. Solche Schüsseln werden heute noch eher als Küchenzier für Touristen produziert, aber ich, Kind Bayerns, habe damit auch noch das Kochen gelernt: Deshalb habe ich so viele alte Tonschüsseln in meinen Küchen. Weil sie von der Tomatensuppe über die Kürbistarte bis zum gefüllten Omelett wirklich praktisch bei der Zubereitung sind. Gegessen wird natürlich von Porzellantellern aus dem Wirtschaftswunderbestand von 1880 oder 1960. Und mit Messern Löffeln, Vorlegegabeln, Käsemessern und Gabeln in diversen Grössen, die in der alten Südtiroler Schüssel liegen.

Und fast immer denke ich an meine Grosstante, die darin das Besondere erkannte, und an den Hunger und die Armut der Menschen, die sie zwangen, den Boden abzukratzen. Ich bin Atheist, ich bete nicht, aber ich bin dankbar, so weit oben in der globalen Entwicklung zu stehen, dass ich mein Essen und die Tafelfreuden selbst bestimmen kann. Das ist ein enormer Luxus, den wir da im Vergleich zu unseren Vorfahren haben, und gemeinhin sollte man denken, dass alle sich der Erkenntnis anschliessen und den uns zur Verfügung stehenden Überfluss an Nahrung, Besteck, Tischtüchern, Servietten, Porzellan und Bleikristall zu schätzen wissen. Irgendwelche unserer Vorfahren haben irgendwann auch mal so eine Schüssel voll mit Brei gemeinschaftlich mit dem Löffel in der Faust, die orale Futteröffnung nah an dem dampfenden Mahl, mit Inbrunst und Fressneid geleert, und hätten sich über ihre spätesten Nachfahren gewundert, die das Muranoglas von der Hochzeitsreise der früheren Nachfahren auf den Flohmarkt tragen.

Wir sind weit gekommen. Nebenbei, weil wir hier gerade so ein Muranoschüsselchen sehen. Kennen Sie Bowls?

Das ist jetzt der Trend unter jenen, die vom Hab und Gut ihrer Vorfahren nichts mehr wissen wollen. Junge, urbane Eliten lassen sich im Restaurant Schüsseln hinstellen, mit allerlei, das gesund ist und in die grosse Gattung der Breispeisen gehört, und löffeln das dann aus. Es ist noch nicht völlig zusammen gekocht, wie man das früher machte, sondern nur so halb, wie man das früher machte, wenn einem im langen Germanenwinter das Brennholz ausgegangen ist. Dazu kommen sog. “Dips”, die auch wieder eine Art Brei sind. Gerne werden historische Getreidesorten verwendet, aber niemals etwas mit Weizen. Gesalzen wird vorsichtig, und Zucker gibt es so wenig wie in jenen Zeiten, da man dieses weisse Gold noch in Silberdosen wegsperrte. Bowls sind gesund, höre ich, und umweltverträglich, nehme ich an, denn ein Löffel spült sich leichter ab als ein ganzes Bestecksystem für drei Gänge. In der Küche stehen Leute, die genau wissen, was man in einen Menschen tun muss, dass er die Tage in der Stadt so überlebt, wie der Bergbauer früher den Winter: Modisch abgehungert und fettarm und einer Lebenserwartung, von der ich als Historiker weiss, dass sie Alzheimerausbreitung durch Frühabsterben keine Chance geben wird. Selten ein Schaden, wo kein Nutzen dabei ist, sagte meine Grossmutter immer.

Was haben wir noch gelacht, als wir früher die Rechten verspotteten: Deutsche, esst deutsche Bananen! Niemals hätten wir gedacht, dass die neuen Linken uns später einen fast echt arischen, antiallergenen, laktose- und glutenfreien Urkornbrei empfehlen würden. Wir kommen aus Epochen, die von unserem Luxus nur träumen könnten, und dann sitzen junge Menschen in überteuerten Schnellrestaurants und schicken sich per Instagram Bilder von Schüsseln, Löffeln und Breisorten, denen ihre Urgrosseltern glücklich entgangen sind. Ich weiss, Bowl-Esser fühlen sich als die Spitze der Entwicklung der aufgeklärten Gesellschaft, aber eigentlich würde ich so einen Rückfall zum Brei in Schüsseln eher bei der deutschidentitären Bewegung auf Thüringer Rittergütern erwarten. Der Reichsbürger träumt davon, dass er in seinem Bunker so etwas aus seinen Notrationen löffelt, während draußen der Endbürgerkrieg tobt. Auf der langen und rückschlagsreichen Entwicklungsleiste von der Erbsensuppe in der Armee seiner Majestät/Reichswehr/Wehrmacht/Bundeswehr und den jeweiligen Näpfen bis zu Baccarattellern für mit Gesellschaftsfinger angepiekste Salatbeilagen ist die Bowl jedenfalls näher an Schützengräben und Baracken, denn an Villen und Schlössern. Der Vergleich mit der Südtiroler Bauernschüssel ist da noch schmeichelhaft. Ich habe mir das letzte Woche in München angeschaut, die Entwicklung des Menschen geht da nicht zum Höheren, sondern zur Gleichzeitigkeit von Napfleerung und Handy-Whatsapp-Füllung. Das geht nur mit einem Löffel und einer Schüsel, bei der mittels Schwerkraft das Essen aufgeschaufelt und walhalla-style in Mund gestopft werden kann.

Stetig muss sich unsereins überlegen, wie wir an der Spitze bleiben und den sozialen Abstand erfolgreich bewahren, bis wir einer Zerlina vorsingen können, sie solle auf das Schloss mit einem kommen, sie könnte nicht widerstehen, es sei nicht weit von hier. Die Harvey Weinsteins häufen dazu Macht und Geld an, aber es scheint mir, als sei das vielleicht gar nicht zwingend nötig: so, wie sich der Nachwuchs heute auch bar aller Ambitionen mit Business-Appartments zufrieden gibt, für die Ikea dann ein komplettes Möbelstystem liefert – genauso hat er das mit Messer und Gabel und Gängen und Konversation am Tisch erlebt, und als unpassend empfunden. Nun fällt er zurück in den oralen Tiefflug über der Schüssel mit dem Löffel zu des Grossvaters Weltensbrandbohne, und wie seinem Ahnherrn unter dem urgermanischen Reetdach gereicht ihm das auch zur Zufriedenheit. Er dankt vorher nicht mehr Gott – oder Odin? – für das Brot, aber vielleicht gibt er dem serbischen Essensausfahrer 50 Cent Trinkgeld. Schnell muss es gehen, praktisch muss es sein, und es ist ganz anders als alles, das ich in der guten Kinderstube gelernt habe. Es ist fraglos diese Diversity, von der man momentan so viel hört.

Und es ist gar nicht so schlecht, wie man meinen sollte, denn es entbindet unsereins vom erbitterten Zwang – keine Ruh bei Tag und Nacht, nichts mehr was mir Freude macht – mit den anderen nach vorne in eine bessere Zukunft zu marschieren, die uns dann gleicher macht., als es den gerne Ungleichen gefallen könnte. Ich schreite in meine Zukunft voran, ohne an den Tischsitten zu rütteln, die anderen werfen das alles weg und loben die Schüssel, in der alles zusammen gekippt wird. Rafinesse und Kapriziertheiten für die einen, Schüsseln und Näpfe für die anderen – wenn wir uns alle einig sind, dann steht einer guten Zukunft in einer Region bei einvernehmlicher Teilung der Klassen eigentlich nichts mehr in jenen Wegen, die sich fürderhin überscheidungsfrei trennen werden.

14. Nov. 2017
von Don Alphonso
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