Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

17. Apr. 2017
von Don Alphonso
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Eine neue Heimat für Grüne und Erdoganwähler

„Ihr könnt unseren Einzug in die Parlamente und der Polizei nicht verhindern. Wir ,Schwarzköpfe‘ werden die Parlamente erobern. Dann habt ihr hier nichts mehr zu melden.“

Öczan Mutlu soll das laut der Anzeige eines Polizisten 2001 bei einem Streit gesagt haben, als es darum ging, ob sein Auto abgeschleppt wird. Damals war Mutlu noch aufstrebender Jungpolitiker der Grünen, der es von der Bezirksverordnetenversammlung Kreuzberg in das Abgeordnetenhaus Berlin geschafft hatte. Anlass für seinen Konflikt mit dem Polizisten war der Besuch des Bundespräsidenten in einer Schule, bei dem Mutlu eine tragende Rolle spielen, aber nicht mit dem Auto in den Schulhof fahren konnte. Das wenig staatsmännische Auftreten Mutlus führte zu einer Aufhebung der Immunität und zu einem Freispruch in der zweiten Instanz. Seitdem war Mutlu, um es höflich zu sagen, wegen anderer Ereignisse selbst bei den Grünen nicht unumstritten. Trotzdem ist er seit der letzten Wahl für die Grünen im Bundestag und dort Sprecher für Bildungspolitik. Sollte er das obige Zitat tatsächlich so gesagt haben, ist seine Vorhersage zumindest für ihn teilweise eingetreten, selbst wenn Berliner Polizisten immer noch in der Lage sind, Autos abzuschleppen – besonders, wenn sie liegen bleiben.

Als Deutscher, der in der Türkei geboren wurde, hat Mutlu ein besonderes Interesse an der innenpolitischen Entwicklung des Landes, und als Direktkandidat für den Wahlkreis Berlin Mitte mit einem hohen Anteil an Migranten wird er auch im Herbst für die Grünen direkt wählbar sein. Mutlu hat das Referendum in der Türkei und unter Auslandstürken kritisch mit Wortmeldungen bei Twitter begleitet, und wie etliche andere Politiker und Beobachter seine Sicht der Dinge dargestellt. Zum famosen Abschneiden des Erdoganlagers gibt es etwa diesen nachdenklichen Beitrag über eine Art innertürkischen Rassismus, oder die Wortmeldung der Linken-Abgeordneten Sevim Dagdelen, die ebenfalls kein Kind rechtskonservativer Traurigkeit ist: Als vehemente Kritikerin der deutschen Türkeipolitik sieht sie die Verantwortung bei Erdogans Netzwerken in Deutschland, die man jahrelang gewähren liess. Mutlu dagegen sucht und findet die Schuld auch bei der Integrationspolitik:

“Wir haben es nicht geschafft, ihre neue Heimat zu werden“

Man muss das ganz langsam lesen und nachdenken, was das bedeutet. Wir, die Deutschen, die, die ein grünennaher Funktionär als Köterrasse ebenfalls ohne juristische Konsequenzen bezeichnete, oder, die wir laut Kanzlerin schon länger hier sind, haben es nicht geschafft, die Heimat von Personen zu werden, die recht genau wissen, was Erdogan in den letzten Jahren getan und gesagt hat. Und ihn dann gewählt haben, und mit ihm eine Despotie auf Basis von Nationalismus und Islamismus, die nur dann mit den mitteleuropäischen Wertvorstellungen zusammen geht, wenn man zufälligerweise gerade eine ganze Panzerfabrik an das Regime liefert und es mit Milliarden bezahlt, damit es nicht wieder Migranten als erklärtes Druckmittel auf die Balkanroute entlässt. Wir hätten demzufolge die Verantwortung, auch die Heimat von jenen eilig zusammengetrommelten Leuten zu werden, die letzthin in meiner Heimatstadt teils vollverschleiert und teils mit der osmanischen Kriegsflagge durch die Stadt liefen, und das Zeichen der – nach unseren Vorstellungen – rechtsextremistischen Grauen Wölfe machten.

Die gute Nachricht ist eine andere: Von den 3,5 Millionen türkischstämmigen Menschen haben nur 1,5 Millionen einen türkischen Pass, die Wahlbeteiligung lag – leider – wegen der Repressionen bei nur 50%, und nur unter diesen Leuten hatte Erdogan eine deutliche Mehrheit. Es geht also nicht um “die“ Türken in Deutschland, sondern um eine Minderheit, die kein Problem damit hat, die Demokratie zugunsten einen Präsidialsystems abzuwählen. Das ist fraglos unangenehm, aber es ist nicht pauschal das, was manche als “die Türken“ bezeichnen.

Man könnte an dieser Stelle nun darüber reden, ob es überhaupt wünschenswert ist, die Heimat dieser Gruppe unter den Türkischstämmigen zu sein – nach meiner Auffassung sollten islamistische Nationalisten konsequent sein und ihre Heimat dort wählen, wo islamistischer Nationalismus die Staatsdoktrin ist. Deutschland ist bislang eher laizistisch und sogar so antinationalistisch, dass es seit dem heimatkritischen Kongress der Grünen in Bayern nach fast einem halben Jahr das erste Mal ist, dass ich von einem Grünen überhaupt das Wort Heimat in einem positiven Kontext vernehme. Grüne sagen sonst eher Sprüche wie “no borders, no nations“, und Heimat bringt es meist nun mal mit sich, dass sie einen begrenzten, geographischen Raum mit einem bestimmten, in staatliche Strukturen übersetzten Volkswillen darstellt. Heimat ist etwas, das von Grünen stets hinterfragt wird. Es ist gefährlich, nationalistisch, es bräunelt und hat eine toxische Tradition, ist wörtlich „historisch durch völkische Bewegungen vorbelastet“ und wie das ausgehen kann, zeigt die Geschichte immer wieder – die Pervertierung von Heimatbegriffen, Hass auf andere und nationalistische Arroganz sah man gerade wieder beim Referendum in der Türkei.

Und für Leute, die das wollen, sollen wir Heimat bieten. Seit dem Beginn der Migrationskrise greifen Grüne und ihre Verbündeten und staatlich finanzierte Kontrolleure jene an, die das sagen, was man in meiner Heimat oft hört: Dass man sich inzwischen fremd im eigenen Land fühlt. Wer sich so äußert, gehört zu den Dunkeldeutschen, den Intoleranten und Gegnern der Weltoffenheit. Es wird vom Sächsit geschrieben und davon, dass eine abweichende Meinung zur Migration eine Schande für das Land sei. Mutlu selbst forderte jüngst eine Sonderstaatsanwaltschaft gegen Hatespeech. Man sollte Migration als Chance und nicht als Überfremdung betrachten – letzteres sei ein Begriff der Rechtsextremisten. Nun wählt eine radikale Minderheit mit üblen Folgen für die Türkei einen Potentaten, neben dem auch deutsche Rechtsextremisten wie ein Kinderfasching in einer Kita in Berlin-Kreuzberg wirken. Sie bejubeln rassistische Ausfälle gegen die Deutschen und andere Europäer, und Aussagen, denen zufolge uns Erdogans Türken tatsächlich überfremden werden: Genau hier wünscht sich ein Grüner in Berlin für diese Leute mehr Heimat bei uns, die wir bereitzustellen hätten. Heimat, das nehme ich aus dieser Aussage mit, ist plötzlich doch gut, wenn jemand anderes sie kriegen soll. Nur für Deutsche ist Heimat riskant und gefährlich, und Mutlu geht aus guten, warnenden Gründen mit, wenn es darum geht., die Deutschen an ihre Verbrechen in Afrika des deutschen Vorvorvorvorgängerstaates unter Kaiser Wilhelm II. hinzuweisen.

Man kann die Absage, die eine Minderheit in Deutschland mit der Wahl gegen die positiven Werte des Westens formuliert hat, nur begrenzt schönreden. Erdogans Anhänger folgen einer Ideologie, die die Grünen mit Sprüchen wie “keinen Fussbreit“ bekämpfen, wenn sie von Deutschen kommt. Mutlu würde vermutlich nie auf die Idee kommen, Neonazis in Berlin zu rechtfertigen, weil man sie nicht genug mitgenommen und ihnen die Heimatlichkeit des neuen, migrationsfreundlichen Deutschlands nicht mit allen Vorteilen ausreichend erklärt hat. Dass das Gefühl der Fremdheit und der Ablehnung anderer Lebensformen im schlimmsten Fall zu Gewalt und Diktatur führen kann, ist keine neue Erkenntnis. Das Problem bei der radikalen türkischen Minderheit ist, dass sie nicht nur Erdogans abfällige Einschätzung Deutschlands und Europas und die historische Überschätzung des osmanischen Reiches teilt. Sie will nicht die Heimat, die die laizistisch-demokratische Türkei früher einmal war, und erst recht nicht das, was Deutschland ist.

Ein Deutschland, das sich so verbiegt, dass eine derartig integrationsresistente Minderheit sie irgendwie als Heimat begreifen kann, ein Deutschland, das mit einer derartigen Verachtung auf sich selbst blickt, dass es Erdogans Sichtweise entspricht: Das gibt es bei Grünen durchaus, wenn sie wegen angeblicher Nazis nach neuen Bomben für Dresden rufen und behaupten, Verschleierung befreie die Frauen im Sinne unserer Emanzipation. Es wäre ein Deutschland, das Milli Görüs und andere Extremisten hofieren würde, aber auch gleichzeitig eines, das für die Deutschen keine Heimat mehr ist. Die Geschichte der Einwanderung immer auch eine Geschichte der Anpassung der Einwanderer – nur Eroberte und Versklavte mussten Neuankömmlingen in der menschlichen Geschichte so weit entgegen kommen, dass die sich mit all ihren Radikalen heimisch fühlen konnten. Das ist übrigens exakt das, was Erdogan in den Schulen über den Aufstieg des osmanischen Reiches lehren lässt. Mit den Grünen hat Mutlu die Partei gefunden, mit der man mit diesem für Radikale angenehmen und alle ihre Gegner eher anstrengenden Heimatbegriff in den Bundestag kommt.

Sofern die Grünen gewählt werden, von denen, die bislang noch etwas zu melden haben. Ich wohne in einer Gegend, in der man auf Heimat viel Wert legt und durchaus freundlich gegen jeden ist, der sich den Gegebenheiten anzupassen weiss. Hier wird kein Kopf verschleiert und das Tuch über der Brust wurde auch schon lange eingemottet. Im kommenden Herbst könnten heimatbewusste Regionen wie meine dafür sorgen, dass die Grünen und Herr Mutlu bundespolitisch nur noch wenig Grund haben, sich hier heimatlich zu fühlen.

Es geht übrigens auch anders: Der Gewinner meines Wahlkreises hat ägyptische Wurzeln, ist bei der CSU und hat definitiv nichts hören lassen von wegen, wir müssten radikalen Muslimbrüdern eine Heimat werden.

17. Apr. 2017
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13. Apr. 2017
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Bereicherung durch Raub oder Sekundärtugenden

When his troubles will begin will be when by any chance something goes wrong with the governing machine.

Meine Lieblingsbeschreibung des Deutschen an sich ist über 100 Jahre alt: In seinem Reisebuch “Three Men on the Bummel”, das eine Radfahrt dreier Briten durch das damalige deutsche Kaiserreich ironisch und liebevoll beschreibt, wird der Autor gegn Ende hin noch einmal ernst und sagt, wie er die Deutschen sieht: Romantisch, fleißig, aufrichtig, selbstlos und diszipliniert. Ein wunderbares Volk, um in ihm von Hamburg in den Schwarzwald zu gelangen und sicher zu sein. Aber er schreibt auch, dass diese – heute würden wir sagen, Sekundärtugenden – in der Übertreibung als Pedantierie, Heroismus und Kadavergehorsam gefährlich werden könnten. Three Men on the Bummel erschien 1900 – 14 Jahre später sollte sich auf tragische Weise zeigen, wie zutreffend die Analyse in ihren negativen Ausformungen gewesen ist.

Jeromes Überlegungen zum obrigkeitssaatlichen Denken münden im Ausspruch, dass der Deutsche, verurteilte man ihn zum Tode und gäbe man ihm einen Strick, tatsächlich zum Galgen gehen und sich selbst aufhängen würde. Das ist natürlich überzeichnet, aber seit einiger Zeit wurde hierzulande die Willkommenskultur staatlich verordnet, und prompt zeigten die Umfragen Zustimmung wie das letzte Mal beim Ausbruch des ersten Weltkriegs. Und auch heute, da wir bei mir daheim laut Kriminalstatistik in Oberbayern Nord 2016 einen Anstieg der Kriminalität von 7% haben, und rund 1% der Bewohner als Flüchtlinge 11,7% der Straftaten begehen, darunter auch Übergriffe mit 551 deutschen Opfern, finden sich noch immer genug Personen, die nicht von der bei der Zeit und der Prantlhausener Zeitung proklamierten Begeisterung abweichen wollen. Ein schönes Beispiel ist ein Medienmacher, dem in Berlin der Keller ausgeräumt und teure Räder offensichtlich gezielt entwendet wurden: Derselbe beklagte sich damals über die nicht seltenen Einbrüche, und vor kurzem aber darüber, dass einfach zu viel über Kriminalität berichtet werde. Auch eine bekannte Gattin eines bekannten Ex-Stasi-Mitglieds, die sonst voller sozialistischer Tugenden ist, beklagte die Überführung ihres zweirädrigen Privateigentums in andere Hände. Unter Mielke wäre das nicht passiert!

So ist der Deutsche eben auch unter dem roten Lack: Romantisch und gleichzeitig ein wenig pedantisch, wenn es um Fragen des Eigentums geht, aber gleichzeitig gehorsam, wenn sich Polizeidienststellen politisch gewollt jenseits von Bayern schwer tun sollen, die Realität, die nicht unproblematische Entwicklung und deren Verursacher – die Zahl der deutschen Tatverdächtigen bleibt rückläufig, andere Tatverdächtige füllen die Lücken – zu erkennen. Bei uns ist das anders, denn die spektakulären Einbrüche in Verbindung mit Tötungsdelikten in Königsdorf und Meiling gehen nicht einfach so als regionale Einzelfälle unter, wie etwa der Raubmord von Bad Friedrichshall oder der Mord von Neuenhaus. Sie werden breit diskutiert. Und ich sehe mich dann hin und wieder genötigt, auch im Kreise der Besorgten auf das Positive hinzuweisen: Es gibt bei uns auch den regionalen Einzelfall der ganz erstaunlichen Sicherheit. Wie etwa beim Radständer eines von mir geschätzten Gasthauses, der die hiesigen Men on the Bummel zum Verweilen einlädt.

Denn der Radständer wurde vor ein paar Monaten wegen des gestiegenen Andrangs von Radlern neu gestaltet. Es ist überhaupt keine Frage, dass sich hier ohne jeden Zwang und Parkplatzgebühr und gefälschte Statistik eines Ministeriums, aber mit schönen, neuen Radrouten, die Zahl der Radler vergrößert, und so brauchte man eben auch mehr Platz für all die schönen, neuen Gefährte, die bei uns sie Strassen zieren. Weil Räder auch einmal Platten haben und Ersatzteile benötigen, hat der nächste Radelhändler dort auch zwei Rahmen anmontiert, und in diesen Rahmen steht zu lesen, wo er zu finden ist. Bei den Rahmen handelt es sich um offensichtlich gebrauchte und schadhafte Exemplare des Simplon Pavo. Wer nur ein wenig Ahnung von der Materie hat, der weiss, dass hier nicht alter, billiger Schrott hängt, sondern zwei früher wirklich teure Rahmen mit ebenfalls nicht billigen Komponenten. Natürlich schaut da jeder hin, und viele schauen auch, wie die Rahmen befestigt sind.

Die Sättel sind von ein paar Schrauben durchbohrt und am Holz befestigt, und so schwanken die Rahmen, deren Neupreis auf dem Niveau eines gebrauchten Kleinwagens lag, also im zarten Frühlingswind des Voralpenlandes. Sie tun das seit Monaten und seit diesen Monaten unterdrücke ich den Impuls, bei dem Radgeschäft anzurufen und zu fragen, ob man den blauen Rahmen nicht doch haben und restaurieren kann, denn das hier ist eine Form des Überflusses, der mir weh tut. So ein Rahmen gehört auf die Strasse, da müsste man retten, was zu retten ist. Nach meinem privaten Gerechtigkeitsempfinden, das dank meiner Herkunft nicht komplett deutsch, sondern teilweise ritterlich, ja gar fränkisch-raubritterlich ist, wäre es vielleicht ethisch vertretbar Als guter, pedantischer Deutscher käme ich natürlich nie auf die Idee, mir etwas anzueignen, und ich sehe auch bei anderen, dass sie mit der Hand überprüfen, ob der Rahmen vielleicht entfernbar wäre. Aber jeder lässt ihn hängen.

Obwohl es technisch gesehen vermutlich kein Problem wäre, sich zu bereichern. Man könnte in der Nacht, wenn hier wenig los ist, mit der Säge an den Balken gehen. Oder mit dem Schraubenzieher an den Sattel. Oder mit dem Inbus die Sattelstütze vom Rahmen trennen, oder sich mit etwas Schrauberei zumindest der wirklich schönen Gabel bemächtigen. Für den Kenner gibt es hier kein ernsthaftes Hindernis. Und bei Ebay ist die Mutter der Idioten, die auch einen beschädigten, prestigereichen Rahmen kaufen würden, natürlich auch immer schwanger. Noch nicht einmal einen anderen Radler würde man schädigen, keiner müsste deshalb den Heimweg zu Fuss antreten, man könnte sich sagen, man führte den Rahmen nur seiner eigentlichen Bestimmung zu und protestiere gegen die kapitalistische Verschwendung. Wir alle stellen dort unsere Räder ab, wir alle schauen den Rahmen an und denken, wie es wäre, mit ihm über die Berge nach Italien zu fliegen. Und wir alle haben ein Multitool dabei.

Ich besitze, gut verborgen in den Innereien meiner Anwesen, über hundert Räder und gegen mindestens 10 ist der Pavo eine billige Plastikschleuder – letzte Woche habe ich erst ein Siegerrad einer Deutschlandrundfahrt neu aufgebaut. Ich habe das überhaupt nicht nötig, sage ich mir, auch wenn es mich irgendwo schmerzt. Wie alle anderen. Manchmal stehen einige zusammen davor und seufzen. Gelegenheit macht Diebe, sagt ein altes Sprichwort, aber hier sind nun mal eben Deutsche, wie Jerome K. Jerome sie beschrieben haben, und seit Monaten macht sich keiner an den Schrauben zu schaffen. Vielleicht steht irgendwo eine Kamera, und es handelt sich um Sozialexperiment – sollte es so sein, wird dort eher die Linse verfaulen, als dass jemand die Gelegenheit nutzt. Die Versuchung ist da. Das ist nicht zu bestreiten, denn man könnte sich moralisch den Raub schönreden. Aber es tut keiner.

Wie lange würde ein Spitzenmodell eines beliebten Herstellers in Berlin offen zugänglich an seinen Schrauben am Holz hängen?

Lebensqualität ist, sich diese Frage stellen und auf die unschöne Antwort mit einem Schulterzucken reagieren zu können.

Ich bin hier öfters und verunziere mein Rad nur ungern mit einem Schloss. Schon früher hatte ich den Eindruck, dass es möglich ist und keinerlei Gefahr droht. Andere halten es ähnlich, und die Cabrios auf dem Parkplatz werden offen gelassen. Die Rahmen, ohne anwesenden Besitzer und eigentlich überflüssig, schreiben die Sicherheit noch ein weiteres Kapitel fort. Die nötige Disziplin und das Übereinkommen ist da, auch wenn hier täglich Hunderte vorbei kommen. Es liegt sicher auch daran, dass die meisten hier sich so ein Rad leisten könnten, wenn sie wollten. Aber auch daran, dass es noch ein altmodisches Verständnis von dem gibt, was man tut, und was man nicht tut. Eine Art Leitkultur im Sinne gemeinsamer Eigentumswerte, die es sogar zulässt, dass die Rahmen in Wind und Wetter vor sich hin gammeln und das Eigentum über kurz oder lang irreparabel wird. Schlecht für den Rahmen, aber ein Ausweis der Sekundärtugenden der Hiesigen.

Man kann die Unterschiede in diesem früher so disziplinierten Land, das seit Jeromes Klassiker schon lange nicht mehr so unschuldig wahrgenommen wird, auch positiv erfahren. Es ist nicht nur so, dass die Menschen den Eindruck haben, es würde viel passieren. Es ist auch so, dass die Menschen hier an vielen, kleinen Selbstverständlichkeiten erlebten, wie sicher es trotz der regionalen Vielzuvielfälle ist: Weil die Bretterzäune hier so niedrig sind, dass man einfach drüber steigen kann. Weil beim Bäcker ein Schild aufgestellt wird, um darauf hinzuweisen, dass jemand seinen Geldbeutel verloren hat. Weil ein jeder darauf achtet, dass die Steingärten vor den Häusern jetzt erblühen, und es früher keinem als Problem erschien, dass die Polizei ihre einzige Dienststelle am anderen Ufer des Sees hat. Wenn man hier solche Rahmen ungesichert aufhängen kann, kann es insgesamt nicht so schlimm sein.

Schwer liegt das Multittool in meiner Tasche, aber schwerer wiegt das Gewissen, und ich möchte auch in Zukunft auf die Kraft der verbindlichen Sekundärtugenden verweisen können. Sollte der Rahmen doch einmal fehlen: Dann habe ich vermutlich beim Radladen angerufen und ihn rechtmäßig erworben, um nach Italien zu fahren.

13. Apr. 2017
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09. Apr. 2017
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Mit grossem Krach in die perfekte Ehe

Da diese Art zu „Schießen“ erhebliche Gefahren birgt, und auch schon schwere Unfälle verursacht hat, gerät der Brauch immer mehr in die Kritik, und dadurch in vielen Ortschaften mehr und mehr in Vergessenheit. Außerdem kann es aufgrund der Uhrzeit (meist zwischen vier und fünf Uhr morgens) zu strafrechtlichen Konsequenzen wegen Nachtruhestörung der Nachbarschaft komme.

BAMM! dröhnt es über den ersten Hügel des Mangfallgebirges, und wer jetzt noch nicht wach ist, hört nach ein paar Sekunden wieder ein BAMM! Es ist die Nacht nach dem Anschlag in Stockholm, es ist 5 Uhr morgens, als die Explosionen die Scheiben klirren lassen und alle Leute an die Fenster treiben, Dort drüben, am Bauernhof, flammt er kurz orange auf, das nächste BAMM! kracht entlang der Bergrücken und rollt hinüber bis Ostin. Es ist viel zu laut für ein normales Gewehr, eine Horde von Discobesuchern wäre in diesem Moment sicher schlagartig wieder nüchtern; und würde Deckung suchen. Aber der aus dem Schlaf gerissene Bergrandbewohner hat inzwischen schon verstanden, dass hier kein Anschlag und kein Massaker in der ansonsten totenstillen Alpennacht zu befürchten ist: Zusammen mit allen anderen in 2 Kilometer Umkreis wecken Böllerschützen den Bräutigam auf. Denn es ist 5 Uhr morgens, und der etwas archaische Brauch will es, dass der schönste Tag des Lebens mit der Böllerei beginnt; und mit einem sehr frühen Frühstück mit Alkokohl fortgesetzt wird.

Um 12 ist dann Hochzeit in der Pfarrkirche, und alle kommen in archaisch-festlicher Tracht. Ich gehöre nicht dazu, aber das hier ist halt ein Dorf, und der übliche Lebensweg des Müßiggängers überschneidet sich aufgrund der lokalen Gegebenheiten mit dem Zug des Brautpaares: Man wird vom Böllern geweckt, man sieht die Gesellschaft an der Kirche, und weil grosse Hochzeiten grosse Gastwirtschaften brauchen, sitzt man schon beim Essen mit Bergblick, als die Gesellschaft dort auch einfällt, Geschenke mitbringt und die Musik aufmarschiert. Bei mir daheim hat es sich eingebürgert, Standards wie “Summer of 69” zu spielen, hier ist das alles noch etwas rückschrittlicher und von Blasmusik untermalt.

Das Wetter ist fast perfekt, ein klein wenig diesig, aber sonnig und gerade so warm, dass man gut tanzen kann. Der Vater des Bräutigams ist reich an Kühen und noch reicher an Wiesen, und eine der Wiesen ist eigentlich Baugrund, seit 40 Jahren schon, und könnte parzelliert und verkauft werden: Statt dessen stehen die Kühe drauf, weil der Bauer das Geld gar nicht benötigt. Es geht auch nicht überkandidelt zu, das Auto für das Brautpaar ist normal und kaum geschmückt, auch wenn man hier vermutlich noch ganz anders auftrumpfen könnte. Es gibt hier keinen Platz für Powerpointvorträge über die lustigsten Ereignisse im Leben der Braut, und langsam, ganz langsam ahne ich, dass es an der Zeit wäre, in unseren doch eher unromantischen Zeiten ein ein paar Worte zu finden, die dem Ganzen eine, sagen wir mal, gesellschaftskritische Note verleihen. Und darauf zu verweisen, wie brüchig das Eheglück heute doch ist. Es kann doch nicht sein, dass so eine Bilderbuchhochzeit an einem Ort, an dem sich andere den Urlaub gar nicht mehr leisten können, so sauber und frei von allen Komplikationen verläuft.

Beim Böllerschiessen jedenfalls sind die jungen Männer hier erfahren, getrunken wird erst danach, und man hörte deshalb keinen Sanitäter. Auf dem Kirchhof standen alle friedlich beisammen, Konflikte wegen unterschiedlicher Herkunft sind hier angesichts des vorherrschenden Katholizismus nicht zu erwarten gewesen, und wolkenlos spannte sich der Himmel vom Allgäu bis zum Berchtesgadener Land. Die Küche im Gasthof ist bekannt gut, und wer wirklich einen Haken finden will – und ich weiss, viele wollen das, denn das Glück in Deutschland darf nie komplett und unschuldig sein, und auch nach vielen Milliarden der Wirtschaftshilfe muss man mit der Kanzlerin der Migrantenherzen noch in Sack und Asche gehen, für Verbrechen des Kolonialismus, zu denen kein lebender Mensch und auch kein Vater eines lebenden Menschen und kein zukünftiges Kind etwas kann, so ist das hier, denn “wir” hätten “uns an Afrika” versündigt, ja Sünde, ohne das Erbsündigen und sozialistischen Sichtweisen aus Vorwendezeiten geht es in Deutschland nicht – wer also auch hier einen Haken finden und das Gift des Zweifels in den Kelch der Lebensfreude schütten will, der denkt jetzt: Aber wartet nur, wehe wehe, wenn ich auf das Ende sehe.

Das Ende, so nimmt man nach meiner Erfahrung im Umgang mit schlecht gelaunten Mitmenschen an, kommt nämlich auch hier. Nicht zwingend wegen Fragen der Sauberkeit und des Haushalts, die beständig am Glück nagen und das Wohlbefinden so lange erschüttern, bis sich die Wege trennen. Dafür ist zu viel Geld da, dafür wäre es zu einfach, das Problem mit Dienstboten zu bereinigen. Aber, so vernehme ich immer wieder, der Bruch droht, wenn man wirklich beisammen ist und Probleme stemmen muss, die noch jede Beziehung auf eine harte Probe gestellt haben. Was der Urlaub nicht dahin rafft, so höre ich, würde spätestens der gemeinsame Hausbau schaffen. Über Grundrissen und Küchenaufteilung, Induktionsherden und massgeschreinerten Kachelöfenbänken und die Position des Kruzifixes in der Zirbelholzstube, so nimmt man an, bricht der gleiche Unfrieden über das Paar herein, den andere aus dem gemeinen Stadtvolk vom gemeinschaftlichen Besuch bei Ikea für ein paar Teelichter – wirklich nur Teelichter, Schatz, und keinesfalls mehr! – kennen. Ist das Haus erst einmal fertig, so die übliche Meinung, ist die Ehe und die Liebe vorbei.

(Im Bild: Männertreu. Blumen, die sehr schnell ihre Blüten verlieren)

Und ganz ehrlich, ich habe tatsächlich eine Freundin, der so etwas passierte. Allerdings hat sie mich explizit nicht zu ihrer Hochzeit eingeladen, weil sie damals schon richtig vermutete, ich würde dortselbst Missgunst böllern und Dinge sagen als wie dass sie gar nie nicht zu diesem Hornochsen da passen tut und spätestens beim gemeinsamen Hausbau würde das alles aber sauber in die Brüche gehen und sie daraufhin wieder dekorativ auf meiner Schäsloongsch rumflacken. Brautpaare hören das offensichtlich nicht so gerne, selbst wenn es die Wahrheit ist, zu der ich qua Beruf verpflichtet bin, ein so ein schiacha Hornochs wie der Gatte war. Es stimmt also. Manchmal. Häuser können Ehen ruinieren, und eigentlich könnte man missgünstig dreinschauen, wenn der Bräutigam seine Zunge in den Hals der Braut steckt und denken, dass er ihr später dann an die Gurgel gehen könnte. Oder aber – wir erinnern uns, wir sind im bayerischen Oberland und manches ist hier anders – warum eigentlich der Hausbau nicht vor der Hochzeit betrieben wird. Quasi als Generalprobe, ob es wirklich passt.

Denn früher war das so: Wer auf dem Land eine Hochzeitserlaubnis haben wollte, musste eine Immobilie vorzeigen können. Wer kein Haus hatte, egal wie klein, bekam einfach keine Erlaubnis. Heutzutage gilt uns das als Form der brutalen Unterdrückung durch die Obrigkeit: Warum besitzen, wenn einem die begrünte Neuauflage der SED in Berlin billige Mieten garantiert, und der Berater der Linken das Loblied auf die Enteignung singt. Jeder kann heiraten, wie er will, und dann mieten, wie er möchte, und zwei Wohnungen mieten, wenn es auseinander geht. Mein Gefühl jedoch sagt mir, dass die alte Regel mit dem Wohnraumnachweis vielleicht doch nicht so schlecht war, zumal sie in Italien durch die Ansprüche der Braut an den Mann faktisch immer noch gilt: So eine Hausbeschaffung bedeutet wirklich Stress, Streit und Ärger, und sie verlangt Sparsamkeit, Kompromissbereitschaft und Disziplin. Wer erst an einem Haus bewiesen hat, dass er sein Leben so weit im Griff hat, hat die nötige Erfahrung, um alle kommenden Stürme des Daseins zu bewältigen. Vielleicht also war das gar nicht so böse gemeint, denn auch heute noch müssen Brautpaare zusammen Stämme durchsägen: So ein eigenes Haus bei der Eheschließung ist die grosse Version des kleinen Brauchtums im Pfarrhof – und deutlich mehr als ein Jahr des Zusammenlebens in einer gemieteten Wohnung des Regimes der alten oder neuen DDR mit ihren traditionell hohen Scheidungsraten.

Man ahnt es vielleicht: Wer wollte, konnte das laute Böllern beim Bauernhof gegenüber kommen sehen, denn der Sohn hat weiter unten, schräg links von meiner Terrasse, die letzten zwei Jahre schon sein eigenes Haus zusammen mit der Braut gebaut. Das ist hier halt so, statt festgeschriebener Mieten gibt es hier Einheimischenprogramme mit billigen Grundstücken und günstigen Krediten, und statt der Maledivenreise die geschreinerte Bank für den Kachelofen. Das Ärgste hat das Brautpaar schon lang hinter sich, als die Knallerei das Tal aus dem Schlaf reisst, das Nest ist gemacht und die Konflikte, sie ansonsten nunmehr drohen würden, sind überstanden. Es gibt keinen Grund, am wolkenlosen Blau des Himmels und an den ernsten Absichten des Paares zu zweifeln. Es ist alles schon da, wie früher, nur heute ohne Obrigkeit, die ansonsten die Hochzeitserlaubnis nicht erteilt. Das hier ist das Land, in dem wenige Mieter sind und viele Ehen, die wirklich halten.

Für solche Kreise wäre ich dennoch zu zynisch, denn auch ich kenne das Gift des Zweifels und bin unromantisch genug, es ohne jede Hemmung zu unpassenden Momenten einzusetzen. Aber wir haben hier nun mal ein gemachtes Nest, und es ist wirklich hübsch, sowie das passende Paar und eine Doppelgarage, und Katzen und Hund wird es auch geben. Man weckt nicht das ganze Tal auf und weist es auf das Kommende hin, wenn man es nicht wirklich ganz ernst meint. Und vielleicht war es bei meinen Bekannten einfach auch nur der grosse Fehler, dass bei uns die Häuser einfach da sind, oder von den Eltern hingestellt werden, wenn es so weit ist: Dann nimmt man das auch nicht ernster als eine Mietwohnung in der Stalinallee, und sorgte eine Weile dafür, dass auch bei uns sie Scheidungsrate in die Höhe ging. Die Millenials bei uns revoltieren gerade gegen diese Einstellung. Vor 20 Jahren jedenfalls war bei uns das Wecken mit Böllerschüssen tatsächlich etwas unüblich. Heute knallt es hier wieder jedes Wochenende.

Meine Altersgenossen haben sich, so scheint es, für diese jungen Leute ganz umsonst durch Scheidungen und individuelle Selbstverwirklichungsexzesse mit Konsens-Sex, Soda und Yoga gequält.

09. Apr. 2017
von Don Alphonso
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05. Apr. 2017
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Der Klimawandel als verbindliches Höllenfeuer der Moderne

Der Weise äußert sich vorsichtig, der Narr mit Bestimmtheit über das kommende Wetter.
Wilhelm Busch

Wissen ist tödlich, zumindest, wenn es das falsche Wissen ist. Ich beispielsweise hatte durch einen Zufall Seminare in Paläoethnobotanik. Das sind die Leute, die mit einem Bohrer in Sumpfgebiete gehen, die fernab der Zivilisation zu finden sind, und lange ungestört blieben. Dort versenken sie dann einen langen Bohrer im weichen Grund, und nehmen eine lange, weit hinunter reichende Sumpfprobe. Jedes Jahr werden in so einen Sumpf Pollen eingetragen, die sich dort unter Luftabschluss erhalten und nach unten sinken. Je tiefer die Probe, desto älter die Pollen. Auf diese Art sind Wissenschaftler in der Lage, relativ gut zu erkennen, welche Pollen wann eingetragen wurden, was Rückschlüsse auf die Pflanzenwelt der Vorgeschichte zulässt.

Bisher ist das alles noch harmlos, man bohrt dabei im Sumpf, man wäscht Sumpfmaterial aus, man schaut ins Mikroskop und vergleicht Pollen. Dann wartet man auf die C14-Datierung der jeweiligen Schicht. Paläoethnobotaniker können einem viel über das Auftauchen und Verschwinden von Weiden erzählen, auf die Gräserpollen schliessen lassen, oder über Ackerbau und Baumsorten. Wird beispielsweise der Wald abgeholzt, wie etwa in den Alpen zur Gewinnung von Metallen, Salz und Glas, schlägt sich das im Ausbleiben von Baumpollen auch in den Sümpfen nieder. Machen die Pest oder der Schwede die Menschen nieder, ergreift die Natur wieder Besitz vom besiedelten Raum, und Getreidepollen verschwinden. Auch diese Erkenntnis ist – außer für die früheren Menschen – nicht tödlich.

Tödlich wird es für unsereins erst, wenn man in der Konzertpause zwischen Rameau und Haydn plaudert und ganz beiläufig erwähnt, dass der gelbe Weinstock schon Triebe entwickelt, aber der blaue Weinstock bislang wenig Anstalten macht, sich mit Knospen zu zeigen. Normal ist es anders herum, und man gibt in solchen Momenten leichtfertig der Sorge Ausdruck, der blaue Weinstock könnte im strengen Winter Schaden genommen haben, und durch den Frost zugrunde…. DASKANNGARNICHTSEIN, wird man deutlich verwarnt, und dann kommen von Leuten, die in Biologie, Physik und Chemie nachweislich noch schlechter als ich waren, hochgenaue Auflistungen, dass auch dieser Winter viel zu warm war. Früher redete man über das Wetter, um zu plaudern, heute ist es lebensgefährlich. Speziell, wenn man sich düster an 6000 Jahre alte Pollenproben erinnert, und daran, wie bunt und warm und angenehm es damals in der Jungsteinzeit gewesen sein muss – die Wissenschaft geht davon aus, dass die frühen Bauern aufgrund des vorteilhaften Klimas und der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln deutlich mehr Zeit als wir gehabt hätten, um Rameau anzuhören oder sich Sorgen um das Klima zu machen, und daher andere sozial zu töten – vermutlich aber hatten sie einfach Sex, und das sogar ohne Tinder, meint die lebensgefährliche Wissenschaft.

Denn während sich da eine Kaskade der Allgemeinbildung über einen ergießt, angereichert mit dem, was in den letzten Tagen angesichts von Temperaturrekorden im späten März zu hören war, formen sich im Kopf gewisse Erinnerungen an das Studium. Das Klima spielt in der menschlichen Geschichte eine wichtige Rolle, Kälte ist in unseren Breiten eher selten willkommen und mag, verbunden mit Missernten, die sogenannten Völkerwanderungen ausgelöst haben. Schlechte Ernten in Ägypten führten zu Unruhen im antiken Rom, und um das Jahr 1300 herum begann eine kleine Eiszeit, die das rapide Wachstum Europas zusammen mit anderen Faktoren dauerhaft beeinträchtigte. Mode jener Tage ist nicht so stoffreich, weil die Menschen die Prunkentfaltung liebten, sondern wegen der Kälte, die damals den Planeten heimsuchte. Mir ist auf die Schnelle kein alter Chronist des Jahres 1320 bekannt, der das Wetter seiner Jugend von 1270 verdammte und schrieb: Hurra, endlich kühl! Man darf auch Eiszeiten natürlich nicht verteufeln, der Mensch war klug genug, sich anzupassen, aber in einer Zeit, da jede Winterwärme durch Baumfällen und Holzhacken errungen werden musste, und die Hühner monatelang wegen der Kälte keiner Eier legten, möchte man heute nur bedingt leben.

Es ist die Phase, in der sich Weinbau in vielen Regionen nicht mehr lohnte, und nur Flurnamen wie Weinberg blieben. Es ist die Zeit des Aufstiegs von Bier als flüssigem Nahrungsmittel, und die Glastechnik machte Fortschritte, denn man nahm von der Sonnenenergie, was man kriegen konnte, und war mit simplen Holzläden vor den Fenstern nicht mehr zufrieden. Das fellreiche Russland wurde zum begehrten Handelspartner, und es entwickelte sich ein wahrer Kult um die Heizung mit üppigen und reich verzierten Kaminen. Es war kalt, deutlich kälter als heute, und die Menschen passten sich an. Nach dem Ende der letzten Eiszeit, als die grossen Jagdtiere ausstarben, passten sie sich auch schon an und jagten kleine Tiere, die mit kleinen Steinwerkzeugen, sogenannten Microlithen zerteilt werden konnten. Der Homo sapiens sapiens hat, zusammen mit seinem Cousin, dem Neandertaler, eine durchaus erfolgreiche Geschichte der klimatischen Anpassung hinter sich. Und außerdem ist Bisamrattenessen lustiger, als vom Mammut niedergetrampelt werden – so hat jede Epoche und jedes Klima eben seine Vor- und Nachteile. Wäre aber die letzte grosse Eiszeit langsam bruchlos bis zu uns Jetztmenschen ausgeklungen, hätte es hier kaum Ackerbau gegeben, und vermutlich würden wir uns auch nicht im Foyer des Theaters über Klimaschwankungen unterhalten.

Bisher war die Unterhaltung eher einseitig, denn man wurde belehrt, dass es a) viel zu warm war und b) der blaue Weinstock jetzt noch gar nicht treiben darf und c) wir uns schleunigst ändern müssen, sonst wird das furchtbar. Tödlich wird es, wenn man an dieser Stelle nun mit Wissen kommt und Dinge sagt, die durchaus wahr sind: Etwa, dass die Alpen, historisch betrachtet, während langer Phasen überhaupt keine Gletscher aufwiesen, weil es viel zu warm war, und die üppige Fauna und Flora in diesen Zeiten nicht eben Nachweise von Klimatod waren. Auch die Erwähnung von erstaunlichen Funden in Feuchtbodensiedlungen, die auf ein fast mediterranes Klima auch nördlich der Alpen in der Jungsteinzeit schliessen lassen, kommt nicht eben gut an. Man sagt das halt so, wie man anderen, die mit schrecklichen Ängsten ankommen, wohlgesonnen sein will: Nein, Tante Friede, der Leberfleck muss kein Hautkrebs sein, nein, Onkel Theo, das ist nicht der Motor, der seinen Geist aufgibt, sondern nur ein Loch im Auspuff. Man möchte Hoffnung spenden und einfach nur darauf hinweisen, dass wir nicht diesen Sommer alle sterben werden, sondern gerade am Übergang zu einer menschlich gemachten, langfristig nicht unproblematischen, aber bislang weitgehend im Rahmen historischer Werte liegenden Wärmephase sind. Und dass Grund zur Hoffnung besteht.

Da ist es aber schon zu spät, das Urteil ist schon gesprochen, denn bei der Erwärmung zerfällt die Menschheit in zwei Klassen: Die einen, die die Wahrheit erkannt haben und nicht müde werden zu betonen, was sie alles tun, vom kfw55-Haus bis zur Tesla-Aktie, und die anderen wie mich, der ich zwar laufend Räder von Schrott rette, aber nicht ganz überzeugt bin, dass auf die westlichen Ursünden der Industrialisierung zwangsweise das Flammenschwert der Auslöschung folgen muss. Es zeigt sich in der menschlichen Geschichte immer wieder, dass Menschen unschöne Dinge ohne jede göttlich-gerechte Strafe tun – das macht mich skeptisch, wenn wissenschaftliche Prognosen zu ähnlich dem Inferno sind, das früher von Kanzeln gepredigt wurde. Ich glaube an den Klimawandel und finde Beschneiungsanlagen in den Alpen auch grundfalsch. Ich glaube aber, positiv gesagt, auch an die Anpassungsfähigkeit des Menschen. Ausserdem muss man auch mal aufrechnen: Natürlich sterben in heissen Sommern alte Menschen schneller. Dafür sterben sie in warmen Wintern seltener an Knochenbrüchen auf Eis. Auf jede historische Weltenkatastrophe kommen viele Generationen, die fit genug waren, sich den Neuerungen zu stellen. Individuell ist natürliche Auslese nicht immer schön, aber so als Menschheit sind wir statistisch trotz teils drastischer Klimaschwankungen so weit gekommen, dass das Wetter lange Zeit nur noch ein Smalltalk-Thema war. Jetzt ist es anders, und man wird sehen, was die eingeleiteten Massnahmen bringen. Bei manchen Reaktionen wie Dämmung von Gebäuden habe ich Zweifel in Sachen Sinnhaftigkeit, mitunter meine ich auch, Lobbyisten am Werk zu sehen.

Ich bin also kein Klimaskeptiker, was man momentan in der öffentlichen Debatte nur sein darf, wenn man sich ohnehin schon als Erbschaftssteuergegner geoutet hat- dann ist es egal. Ich bin Klimakatastrophenvorhersageskeptiker. Das ist eigentlich nichts Besonderes, Vorhersagen sind immer mit Unsicherheiten belastet, und zur Verfeinerung von Modellen und wissenschaftlicher Erkenntnis gehört nun mal der gesunde Zweifel und das kollegiale Hinterfragen ohne Denkverbote. Ich erkenne sehr wohl Unterschiede zwischen der gelassenen Einstellung eines pollenzählenden Paläoethnobotanikers und der Art, mit der in der politsch-moralischen Nichtdebatte verkürzt Ergebnisse aus Modellen über die Entwicklung der Zukunft als endgültige Wahrheit mitsamt Handlungsanweisungen verkauft werden. Ich bin da ein gebranntes Kind: Die Lehrergeneration vor den heutigen Lehrern bläute uns ein, dass höchstens alle 100.000 Jahre ein Atomkraftwerk in die Luft fliegen wird. Möglicherweise braucht der Mensch auch Horrorszenarien, und man muss wirklich die Hölle predigen, damit er im Diesseits aktiv wird. Nur habe ich es als Radsammler momentan vor allem mit alten, grundsoliden Stahlrädern zu tun, die ausrangiert werden, um energetisch sehr aufwändige Alufahrräder mit Elektroantrieb, Akkus und vielen nicht kompatiblen Kunststoffteilen Platz zu machen. Ich bin nicht Klimaskeptiker, es ist offensichtlich, dass sich das Klima ändert. Ich bin Klimakatastrophenvorhersageskeptiker. Und ganz besonders Klimakatastrophenvorhersagesorgenmacherskeptiker, denn der Mensch passt sich historisch gesehen immer nur so weit an, dass er sich anderen Menschen überlegen fühlen kann.

Das ist übrigens nun wirklich mal eine Konstante der Geschichte, die es erlaubt, Vorhersagen auch über die Zukunft dieser Spezies und des Planeten zu machen – aber leider auch lebensgefährlich, wenn man es den Falschen bei Themen erklären möchte, die das gute, alte Höllensündenfeuer wieder entfachen.

05. Apr. 2017
von Don Alphonso
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31. Mrz. 2017
von Don Alphonso
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Die Tutti Frutti des Brexits

She’s dressed in yellow, she says „Hello,
Come sit next to me you fine fellow.“
Young MC – Bust A Move

Tutti Frutti – Soft and Chewy steht auf der Süssigkeitenwerbung, die das knallgelbe T-Shirt der Frau vor dem Lebensmittelgeschäft ziert, und sie lächelt lustvoll dem Betrachter entgegen. Sie sieht nicht eben wie Angela Merkel aus, und entspricht auch nicht dem Frauenideal ihres Menschrechtspartners Erdogan: Sie ist jung, emanzipiert und ein türkischer Popstar, dessen Werbung vor dem Geschäft zu sehen ist. Versprochen wird nach ihrem Konzert in München auch eine “After Show Party”, die vermutlich ein leicht anderes Bild muslimischer Frauen liefern dürfte, als es sich die moderne deutsche Feministin vom Schlage einer Manuela-Gina-Lisa Schwesig mit Verschleierungsverständnis vorstellen will. Irgendwas mit Sex und Flirten und ausgelassener Lebensfreude. Kurz, ich befinde mich vor dem multiideologischen west-östlichen Lebensmittelgeschäft, dessen Besitzer als Kommunist aus der Türkei floh, nun überzeugter Anhänger der CSU ist, und darin keinen Widerspruch sieht. Da hängen solche Plakate auch mal neben Reiseangeboten nach Mekka.

Ich besorge, was zu besorgen ist, und an der Kasse sind zwei Männer aus Schwarzafrika vor mir. Sie reden erregt auf Englisch auf die Dame an der Kasse ein, die nur türkisch und deutsch spricht, und nach einigen weiteren Fehlversuchen, die ich für arabisch halte, wenden sich beide Parteien an mich und fragen, ob ich vielleicht dolmetschen kann. Es geht nicht um Merkel oder Erdogan, was man bei der Aufregung vielleicht hätte vermuten können, sondern um etwas bedeutend Wichtigeres: Bohnen. Bohnen orientalischer Art, die ganz anders als unsere grünen Bohnen sind, denn diese Alternative mögen die Herren aus Schwarzafrika nicht. Nach ihrem Geschmack gehören zum Huhn orientalische Bohnen, und von denen haben sie schon alle erworben, hätten aber gern noch mehr. Es geht also darum, ob es noch in der Nähe ein anderes türkisches Geschäft gibt, das solche Bohnen führt. Aufgrund der Gentrifizierung – die Söhne und Töchter der ersten Generation der Lebensmittelhändler betreiben längst Edeka-Märkte, die kaum mehr Kolonialwaren orientalische Waren führen – ist das hier einer der wenigen Läden, die geblieben sind.

Das ist nicht gut, denn zum Huhn gehören nun mal Bohnen, und so fragen sie mich, wann sie denn mit der nächsten Lieferung rechnen dürfen: Dienstag lautet die Antwort, leider nicht eher, aber Dienstag ganz bestimmt und gern auch mehr als üblich. Alle Augen leuchten wieder, alle sind zufrieden, und als wir nach draußen gehen, fragen mich die beiden Herren noch, ob hier denn wirklich keiner englisch spräche. Ich erkläre ihnen, dass die Lingua Franca hier in Deutschland auch für Zuwanderer aus aller Welt nun mal Deutsch sei, und viele des Englischen nicht mächtig wären – insofern, füge ich erzieherisch hinzu, wäre Deutsch schon gut, wenn man hier dauerhaft durchkommen wollte. Nononono, sagt einer, das sei nicht beabsichtigt, Deutsch hätten sie versucht und das sie viel zu schwer und außerdem würden sie auch nicht bleiben wollen, sondern lieber nach England.

Offensichtlich wurde in ihrem Heim das Memo nicht verteilt, dass in der Öffentlichkeit positive Aussagen über die Insel nach dem Brexit zu unterbleiben haben, wenn man weiterhin als guter Europäer gelten will. Eigentlich sollte der Deutsche auch wieder Fähnchen schwenkend auf Plätzen aufmarschieren, das Heil im Anschluss anderer Länder sehen, und sich im Internet beteiligen, wenn es darum geht, mit Hashtags andersdenkende Volksgenossen auf europäische Linie zu bringen: Man macht sich momentan wenig Freunde, wenn man an Europa herumkrittelt, oder sogar beim Brexit mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker kommt, obwohl es in der offenen Gesellschaft gar kein Volk mehr gibt, sondern nur noch Leute, die unterschiedlich lang hier sind. Jedenfalls, die beiden Herren sind nicht aus Neigung hier im schönen Bayernland, sondern aufgrund der aktuellen Reiseprobleme auf die Insel, die sie klar bevorzugen. Ich schwöre, ich habe an dieser Stelle auch das gesagt, was man sagen muss, um ein guter Europäer zu sein: Dass sie Insel nach dem Brexit abzustürzen droht und man nicht weiss, was dann aus diesem Land wird.

Dabei habe ich aber ein paar Punkte übersehen, die mir nun erklärt wurden: England habe nun mal ein britisches System, und das sei besser. Man würde dort Englisch sprechen und hätte daher keine Probleme. In England gibt es eine angesehene nigerianische Gemeinschaft, an die sie Anschluss suchen würden. Ausserdem seien die Winter milder als hier in Deutschland. England sei großartig. Vermutlich muss man in England auch nicht bis Dienstag auf die richtigen Bohnen warten und Angst haben, dass die Gentrifizierungswelle früher oder später auch den letzten orientalischen Laden in einer bayerischen Kleinstadt platt macht. So ist das, wenn man in der besten aller möglichen Welten, im Zentrum des wirtschaftlichen Aufschwungs, in der führenden Boomregion mit Vollbeschäftigung steht und versucht, deren Vorteile zu erklären: Zwei Nigerianer erklären einem, dass man von Commonwealth und seinen Vorzügen keine Ahnung hat.


Das hat mir sehr zu denken gegeben. Ich mein, ich tue das wirklich nicht oft. Ich gehe über die Argumente deutscher Minister gnadenlos hinweg wie über Ex-Stasileute von Holm bis Kahane, und Denken ist nicht so wirklich meine Sache, das strengt nur, an und die ganze Klugheit ist im Gegensatz zu einem Hektar Acker eh weg, wenn man stirbt. Aber eigentlich wollte ich mein Soll an Britenkritik dadurch erfüllen, dass ich der Leserschaft Ratschläge beim Erwerb hoffentlich bald günstiger Silberkannen erteile. Ich hatte schon gute Ideen, mit welchen alten Skandalen ich die Unterschiede der vielen Georges erkläre, die die Briten haben. Ich wollte erzählen, welche Lügen ich mir ausgedacht habe, um die Inschriften auf meinen Kannen von Erstbesitzern, mit denen ich nie etwas zu tun hatte, in die gloriose Geschichte meines Clans zu integrieren. Wie man das halt so macht in unserem alten Europa, denn es gibt sogar ihre Freunde bespitzelnde Stasis, denen nach der Wende die jüdische Identität wieder eingefallen ist, und damit beliebt bei echten Ministern sind. Jedenfalls, ich wollte auch meine ironischen Noten zu den neuen deutschen Ressentiments gegen Engelland beitragen, aber ich habe es mir anders überlegt.

Vielleicht liegen wir nämlich falsch und sind in unserer eigenen Sichtweise des aufsteigenden Landes gefangen. In unserer Sicht ist das Vereinigte Königreich eine frühere Weltmacht, die immer weniger mit unserem Aufstieg mithalten konnte. Ein zweimaliger Sieger der Weltkriege, der nach 1945 verhängnisvolle Fehlentscheidungen getroffen hat, von Strukturkrisen gebeutelt wurde und es nicht verstanden hat, eine neue Rolle zu finden, die zu den neuen, globalen Verhältnissen passte. In der Epoche, in der es für Deutschland nur nach oben ging, ging ein koloniales Weltreich verloren. Gemessen an den Erfolgen der deutschen Wirtschaft schaut es dort wirklich düster aus. Diese deutsche Arroganz muss man sich erstmal leisten können, und mit der dominierenden Rolle in der EU kann sich Deutschland das auch leisten, solange nicht Le Pen, Beppe Grillo oder die Visegradstaaten in Machtpositionen kommen. Unsereins ergötzt sich an Nachrichten, der Brexit könnte jeden Briten 5000 Pfund pro Jahr kosten.

Vielleicht gibt es global aber auch noch eine andere Sichtweise. Vielleicht komt man global mit dem sanften britischen System des “indierct rule” viel besser zurecht als mit der Statthalterschaft, die die Deutschen in Griechenland und Zypern während der Finanzkrise praktiziert haben. Möglicherweise ist es für Inder, Pakistanis und viele andere aufsteigende Nationen wirklich leichter, sich mit den Briten allein zu verständigen, als mit diesem seltsamen Gebilde EU und seiner Bürokratie, das bei weitem nicht so dauerhaft und stabil wie die britische Demokratie – bei all ihren Fehlern – ist. Wir tun so, als sei es das Schlimmste der Welt, wenn wir Verbindungen reduzieren. Möglicherweise finden sich andere, die gern bereit sind, die von uns aufgegebenen Positionen einzunehmen. Vielleicht wollen sie sogar in der Nähe der EU sein, ohne dafür in der EU selbst sein zu müssen. Und vielleicht können sie auch besser mit dem britischen Nationalgefühl umgehen, als mit den von einer Europafahne nur mühsam überdeckten Nationalinteressen vieler Länder, von denen manche interessant sind, und andere möglicherweise schon bald wieder freiwillig an der Seite Putins.

Und gemessen an den Zuständen in dieser Welt jenseits von Deutschland ist die Insel immer noch ein vergleichsweise guter Ort, um zu leben, und gesegnet mit einer Sprache, die jeder leicht lernen kann. Deutschland hat den FC Bayern, Mercedes und des Ruf der Perfektionisten, aber damit kommt man in der restlichen Welt nicht sonderlich weit. Die Briten dagegen waren die dominierende Nation, und ihre Kolonien haben viel von ihnen gelernt und übernommen. Es muss einen Grund geben, warum sich zwei Nigerianer von mir mit dem festen Vorsatz verabschieden, früher oder später in einem Land anzukommen, das man nach übereinstimmenden Meinungen vieler Leitartikler nur verlassen kann. Wir sehen bei den Türken immer nur Kopftücher und Erdogan und die Tradition von Scharia und Islam, und nie sexy Frauen mit knallgelben T-Shirts und sexuell mehrdeutigen Sprüchen. Vielleicht machen wir bei den Briten den gleichen Fehler, und betrachten immer nur die abgewirtschaftete Insel, die in den letzten Jahrzehnten mit uns nicht mithalten konnte, statt als das Zentrum einer alten Weltkultur, die bis heute prägend wirkt, und das nicht im Mindesten in einer schlechten Art und Weise.

Also, was ich noch sagen will: Kaufen Sie mit ihren Euro noch schnell Silberkannen, denn was man hat, das hat man, und man kann es auch wieder reexportieren, wenn die Gefahren innerhalb der EU dazu geführt haben, dass der Euro global nur noch als “Brüsseler Peso” bekannt ist.

31. Mrz. 2017
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Nordkoreanische Propaganda und Schaumstoffsozialismus für Deutschland

Lasst die Früchte herabfallen und ihr süßes Aroma die Luft über dem Meer der Apfelbäume erfüllen, am Fuße des Chol Pass
Kim Jong-il

In jeder Stadt gibt es gute und weniger gute Viertel. In den guten Vierteln wohnt man, in den weniger guten Vierteln wohnt man nicht, auch wenn gewisse andere Leute das tun. Und dann gibt es noch Viertel, die es zwar gibt, aber die man nur von der Durchreise her kennt. So ein Viertel ist im Süden meiner kleinen, dummen Heimatstadt an der Donau, und es erstreckt sich entlang der Ausfallstrasse zur Autobahn eintönig und hoch bebaut dahin. Auf der linken Seite war früher im kalten Krieg das Gelände für die Pioniere, auf der rechten Seite standen dicht an dicht Sozialblocks, oft bewohnt von den Angehörigen der hier stationierten Soldaten.
Es ist ziemlich genau das falsche Ende von der Stadt, nah am Verkehr und an der petrochemischen Industrie, fern des Seeviertels, wo man hier wohnt. Wie gesagt, ich kenne das alles nur von aussen, ich bin weder in die Strassen dahinter noch in die Blocks eingedrungen. Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurden die Blocks grundlegend saniert und frisch gestrichen, die Militäranlagen wurden aufgelöst, und auf den Freiflächen entstehen gerade teure, kleine, kubische 1-Zimmer-Wohnungen in Reihenschachtelblocks. Dazwischen ist aber immer noch die vierspurige Aufmarschstrasse hinüber zur Autobahn. Rechts sieht es aus wie das Pjöngjang des Kim Il-sung, links dagegen wie das neuere Pjöngjang des Kim Jong-Il. Es gibt sogar einen Gebrauchtwagenhandel mit einem Trabi als Wahrzeichen. Und überdimensionierte Hotels, architektonisch ohne jeden Bezug zu den gewachsenen Strukturen der Stadt. Halt wie in Pjöngjang, vielleicht nicht ganz so deutlich wie im Neubaugebiet in Frankfurt zwischen Messegelände und dem Verlagsgebäude der FAZ, aber es ist schon etwas beklemmend.

Ich komme hier eigentlich nur vorbei, wenn ich an den Tegernsee fahre. Das ist mein Durchfahrland und so fern meiner Lebensrealität wie Nordkorea, und normalerweise öffne ich an dieser Ampel dort entweder das Verdeck meines Roadsters, oder ich suche eine passende Musik für die Fahrt in den Süden heraus. Etwas, das keiner, der hier lebt, versteht oder hören will, aber ich beschalle sie trotzdem. Mit einer Messe von Biber etwa oder mit einer Kastratenarie von Paisiello, die feiner komponiert als das Lamento der Grünen nach den Wahlen im Saarland ist. Franco Fagioli klingt auch besser als Anton Hofreiter. Ich rausche so durch, wie ich durch alles andere Unschöne dank meiner Abstammung ebenfalls durchrauschen kann. Und so wäre ich auch diesmal durchgefahren – wäre an einer Werbetafel nicht die Wandzeitung der Regierung zu lesen gewesen, mit einem maoistisch bunten Propagandabild, das in dieser Umgebung nicht ganz passend ist.

Ernsthaft, niemand, der hier wohnt, lebt so. Das ist tatsächlich wie in Pjöngjang, wo man den Arbeitern und Bauern schöne Propagandabilder einer reichen Zivilisation zeigt, während die Menschen dort in ihren Wabenbauten hausen und für die Hoffnung auf das Dargestellte, aber Unerreichbare schuften. Menschen, die hier wohnen, andere Menschen, die gegenüber in einen unförmigen Hotel an einer Kreuzung sind, und dort sicher nicht verweilen, weil sie dort sein wollen, sondern weil die Planung von Amt und Firma sie dort einquartiert hat, schauen also auf eine ältere Dame mit dem, was manche für Insignien des Wohlstandes halten. Chanelkostüm. Weisse Schuhe mit hohen Absätzen. Die niemand bei uns auf altem Fischgrätparkett wie auf dem Bild trägt, weil das Parkett in aller Regel geschont wird. Ein Beistelltisch des Klassiszismus.

Man merkt langsam, hier rutscht die Propaganda ab ins Parvenühafte, denn die Dame ruht auf einem nicht dazu passenden, weil weiss lackierten und falsch bezogenen Sessel. Mit goldenem Zierrat. Der Sessel ist kein Original, sondern eine plumpe Nachahmung echter Empiresessel, und passt nicht zum Tisch. Das Teeservice: Schreiend bunt und plump. Dahinter ist eine einfarbig blaue Wand ohne abgetrennte Sockelzone, die eigentlich Kennzeichen eines gehobenen Lebensstils in alten Mauern wäre. Ich gebe zu, in der Küche habe ich das auch nicht, und dort hängen bei mir manche Bilder wirklich weit hinunter. Aber in repräsentativen Räumen hängt man die Bilder näher zusammen, man würde mehr auf die Rahmung achten, und die Bilder im Sinne der Petersburger Hängung so anordnen, dass man alles gleich gut betrachten kann. Darunter käme dann die Sockelleiste, an der die Stühle. Tische und Kommoden stehen sollten. Vor allem aber sollten die Bilder wenigstens echt sein. Wer sich die Wandpropaganda der Regierung genau anschaut, erkennt die krude Mischung mit röhrendem Hirsch und modernistischem Farbklecks neben dem Kopf der angeblichen Sammlerin.

Wirft man nur einen kurzen Blick auf das Bild, könnte man vielleicht denken, dass Reiche in ihrem natürlichen Habitat wirklich so aussehen. Es gibt tatsächlich ein paar Symbole wie Fischgrätparkett und bunte Wände, die dem Leben der Vermögenden entlehnt sind. Die Staatspropaganda und ihre beauftragten Handlanger haben eine schemenhafte Ahnung von Wohlstand, wie vermutlich auch mittlere Apparatschiks unter der Kimdynastie wissen, dass gutes Leben besser als die triste Realität aussehen sollte. Sie sind aber nicht in der Lage, das abzubilden, worum es ihnen eigentlich geht. Reiche Kunstsammler würden nicht die Fehler machen, die in diesem Bild zu sehen sind. Aber offensichtlich denkt sich die staatliche Propaganda, dass diese – nennen wir es deutlich, Lügenwandpresse – für das Zielpublikum in der weniger begüterten Schicht schon genügen wird, weil dort ähnlich krude und ungeschliffene Vorstellungen von Reichtum heimisch sind.

Und wie in Pjöngjang hat das Regime auch hier eine Botschaft mit einem Angebot und einem Versprechen, ohne auf die Nebenwirklungen hinzuweisen. Beworben wird, wenn man es genau betrachtet, das teure Verpacken von Häusern in Styropor zugunsten der Bauwirtschaft und Dämmindustrie. Versprochen wird eine staatliche Hilfe von “bis zu 30%” der Kosten. Man muss sich das wie das Wirtschaftswachstum von bis zu 30% in Korea vorstellen: Denkbar ist tatsächlich vieles, die Realität kann allerdings auch darunter bleiben, wie jeder schnell bemerkt, der sich tatsächlich mit den Zuschüssen aus begrenzten staatlichen Fördertöpfen beschäftigt. Versprochen wird dafür Reichtum, der es erlaubt, auf Fischgrätparkett Bilder anzuschauen, die Arme in ihren Wohnungen mit Flatscreen und Wandtattoo mangels Bildung tatsächlich nicht als von der Agentur auf Berliner Trödelmärkten zusammengekauften und ministeriellen Bildungsfernen teuer berechneten Kitsch erkennen. Es wird Reichtum versprochen, der durch Sparen entsteht, wenn man erst einmal eine teure Dämmung anbringt und danach Heizkosten einspart. Gerade so, als seien die paar lumpigen Euro für die Heizung bei unsereins etwas, dem man Relevanz beimessen würde.

Bei anderen ist das natürlich anders, weshalb heute Wärmedämmung ein Grund für die so beliebte Schiessscharten-Architektur in Dominowohnsilos ist. Es gibt tatsächlich Menschen, für die die jährliche Heizkostenabrechnung ein Schock und eine teilweise bedrohliche Geldforderung ist, speziell, wenn sie als Mieter leben. Das Ministerium – vermutlich noch unter der Ägide von Kigmar il-Gabr Sigmar Gabriel – verschweigt natürlich wie jede gute Propaganda, dass der Wohnraum mit altem Fischgrätparkett begrenzt ist, und heute schon von denen bewohnt wird, für die Sparen an den Heizkosten eher nur peripher von Bedeutung ist. Selbst wenn man Geld spart, heisst das noch lange nicht, dass man deshalb je in den Genuss eines solchen Fussbodens käme. Altbauten in guter Lage sind wie eine angemessene Bildung – entweder man hat man, oder man bekommt sie von den Vorfahren mit. Oder man wartet auf die Weltrevolution, nach der jedem alles gehört und für alle ein goldenes Zeitalter anbricht. Solange das aber nicht geschieht, muss man befürchten, dass an die Spitze der Regierung gespülte Personen weiterhin die schlechten Viertel mit falschen Bildern vom guten Leben plakatieren, um damit echten und ideologischen Schaumstoff zu verkaufen.

Wie gesagt, ich fahre da nur durch, und unsereins hinter den dicken Mauern der Spätrenaissance betrifft das alles nicht – wir dürfen die originalen Denkmalschutzfassaden gar nicht verschandeln. Ausserdem hat unsereins auch ein langes Gedächtnis und erinnert sich an Barbara Hendricks, die das Bauwesen in der Hauptstadt der DDR leitet und ganz offen sagt, dass sie dem jungen Werktätigen kein Parkett, sondern nur 30m² gönnen möchte. Ich komme zwar von der anderen Seite, aber die Vorstellung, dass jungen Menschen qua Regimedoktrin der Lebensraum zugewiesen und eine andere Lebensvorstellung gar nicht mehr staatlicherseits in Erwägung gezogen wird, behagt mir auch. Grosse Anwesen für wenige, das lernt man bei der Besichtigung von Schlössern, lassen sich eben nur bewerkstelligen, wenn auf der anderen Seite viele in kleinen Anwesen hausen müssen. Und die Darstellung meiner Klasse als etwas arrogante, abweisende alte Schachtel auf gefälschtem Empiresessel vor Kitsch und Plunder ist zwar beleidigend – aber auf der anderen Seite auch gelungene Abgrenzung von unten: Ihr könnt sparen und Styropor kaufen, sagt die Regierungslügenwandzeitung, aber so wollt ihr auch nicht werden, bleibt lieber unter euch in eurem netten, heimeligen,gedämmten 30m²-Pjöngjang, und spart bitte Ressourcen.

Ja, genau. Also, vor so einer Wandzeitung in unserem kleinen Pjöngjang an der Donau stehe ich, wenn ich das Verdeck aufmache, und Richtúng Tegernsee abbiege. Der Verbrauchsanzeiger hinter den 6 Zylindern erzählt etwas von 16 Litern, aber ich höre eine dramatische Händelarie und nach mir kommt der stockende Berufsverkehr mit vielen kleinen, während der Abwrackprämienepoche planwirtschaftlich gekauften Blechbüchsen, und die Fahrer können sich dann das triste Grau der Wohnblocks anschauen, oder eben das Plakat mit dem Versprechen, dass es auch ganz anders ginge. Wie es nun mal so ist, in einer Welt, die der Mehrheit den real existierenden Schaumstoffsozialismus bietet, und zum Dank Vertrauen in die weisen Entscheidungen der ewigen Präsidenten erwartet.

27. Mrz. 2017
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19. Mrz. 2017
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Das identitäre Patriarchat feiert ungeniert Josefi

Sloopy lives in a very bad part of town, and everybody, yeah, tries to put my Sloopy down
The McCoys, Hang on Sloopy

Da lagen wir also am Kirchsee, und aus seinen moorschwarzen Fluten erhob sich die K.. Sie hatte sich heldenhaft ins noch reichlich kalte Wasser gestürzt, während wir Männer nur schaudernd die vom Radeln heissen Füsse hinein hielten, und lachte uns aus. Weil wir da nicht hinein gingen, wo es doch so schön warm sei. Tatsächlich heizt sich der Kirchsee schnell auf, denn er ist sehr flach und hat einen rabenschwarzen Sumpfgrund, aber ich sagte der K., dass ich erstens kein Fisch nicht sei, zweitens kein Wasser nicht möge und drittens seien da drin zu viele Waller, und wenn so einer neben einem auftaucht, kann das einem den schönsten Sonntag verderben. Den Waller kannte die K. nicht, also erklärte ich es ihr: Ein bis zu drei Meter langer Raubfisch, der im sumpfigen Grund dort unten liegt, mit seinen kleinen, bösen Knopfaugen nach oben schaut und Enten, Schwäne oder sogar ab und zu einen unvorsichtigen Dackel reisst. So gut wie jeder schwimmende Bayer hat schon mal einen empor schnellenden Waller gesehen oder davon gehört, das sei unheimlich, aus dem Nichts kommt plötzlich diese riesige Fischschlange. Und gerade hier, am Kirchsee, dem besten nur denkbaren Habitat, gibt es die grössten Waller, die nur einen Flossenschlag brauchen, um aus dem flachen Schlick an die Oberfläche zu kommen. Du ver*rscht mich, sagte die K.. Nein, hochheiliges Bayernehrenwort, sagte ich, aber die K. kennt die Details meiner Abstammung und glaubte mir nicht. Bis sie daheim bei Wikipedia nachschaute. Seitdem waren wir im Kirchsee nicht mehr schwimmen.

Ich erzähle das, weil es ist nämlich so, wenn man vom Kirchsee durch das Hochmoor wandert, dann kommt man an ein paar Kühen vorbei auf einem gewundenen Weg pfeigrod zum Kloster Reutberg, wohin ich gerne Gäste nehme, um ihnen Bayern von seiner besten Seite zu zeigen. Reutberg hat ein Kloster, eine Brauerei im Besitze der dort wohnenden Bauern, einen Biergarten und einen Blick auf die Berge, den man sonst lange suchen muss. Ausserdem herrscht im Biergarten immer eine gute Stimmung, begründet vom Wohlstand der Besucher und der spezifisch oberländischen Distinguiertheit, die ein Nebeneinander von Bayern und Armutsmigranten aus dem Norden, Trachtendirndl und Radlerlycra, Jung und Alt klaglos hinnimmt. Wenn Bayern ganz, ganz gut ist, dann ist es so wie dieser Biergarten, und die Zugewanderten, die ich mitbringe, verlieren ihre angeborene Scheu vor dem Neuland und seinen Bewohnern, von denen man viel hört, aber man kennt sie bislang noch nicht so richtig.

Der Bayer als ein solcher steht ja im Verdacht, ein Reaktionär reinsten Brauwassers zu sein, verstockt und stets bereit, alle Errungenschaften der Moderne abzulehnen, den Main zu verminen und das Königreich Bayern in die Unabhängigkeit zu führen. Im Biergarten von Reutberg sieht man, dass nichts dergleichen zu befürchten ist. Es ist nicht unkommod. Ein jeder wird zuvorkommend bedient. Vor bayerischer Kulisse mit Kuh kann sich ein jeder breit machen, wie es ihm behagt. Der Himmel ist blau, der Kies knirscht, nirgendwo kann hier ein Waller der Reaktion im Grund liegen, warten, lauern, mit seinen kleinen Augen böse schauen, und dann blitzartig den kleinwüchsigen Pinscher der Progessiven anfallen. Denkt man, wenn man Josefi nicht kennt.

Josefi ist heute, also am 19. März, und es ist ein Hochfest der katholischen Kirche. Immer noch. Früher, vor dem Sozialismus, war der Tag zum Gedenken an den Mariengemahl St. Josef so eine Art 1. Mai des Katholizismus. Der Tag markierte den Beginn des Frühlings und lag praktischerweise mitten in der Fastenzeit, was in Bayern Starkbierzeit bedeutet. Masskrüge werden mit dunklem Bier gefüllt, das 7 und mehr Prozent Alkohol mit sich bringt, und so war Josefi neben Lichtmess – Wahlspruch “Licht aus, Messer raus!” – auch stets Anlass zu Exzessen, Trunkenheitsfahrten, Schlägereien und Szenen, die man seitens der Obrigkeit gern unterbunden hätte. Das gelang auch, Anno Domini 1968, denn während die Studenten streikten, strich in Bayern die CSU – ausgerechnet! – Josefi als staatlichen Feiertag. In ländlichen Regionen wurde trotzdem noch eine Weile daran festgehalten, Beamte waren dann halt einfach nicht da und trafen sich mit Firmenbelegschaften und Vereinen im Wirtshaus. Aber der Fortschritt war unausweichlich und unbesiegbar, und ich selbst kenne Josefi und die zugehörigen Schlägereien nur aus Erzählungen der Verwandtschaft. Josefi geriet in Vergessenheit, die Leute gingen weniger in die Kirche, traditionelle Kleidung wurde zum Landhausstil für Ewiggestrige. Trotzdem fahren seit dem 17. März nun Busse aus dem ganzen Oberland auf den Reutberg, und dass das Busunternehmen Biersack heisst, ist nicht unpassend. Denn hinter dem Biergarten steht ein Zelt.

Und wer gedacht hat, man müsste nur einen Feiertag abschaffen und die Leute in die Arbeit schicken, damit die dem Götzen Mammon und den internationalen Geldströmen dienen – der hatte eine Weile recht. Eine Weile, in den 70er, 80er Jahren, zerstörte die Flurbereinigung die letzen Hecken, und wer sein altes Haus demolieren oder mit neuen Eternitplatten verschandeln wollte, der durfte das tun. Ausgerechnet die Zeit von Franz-Josef Strauss war eine Epoche der rücksichtslosen Modernisierung, der niedergeholzten Alleen und Streuobstwiesen, der hineinbetonierten Gewerbegebiete und des Niedergangs der Landwirtschaft. Jugendkultur auf dem Dorf endete mit dem Kauf eines Mofas und dem freien Weg in die Stadt. Die Dorfläden gingen pleite, die Dorfmetzger mussten schliessen, die Haushaltswarengeschäfte, die Bäcker – dafür eröffneten Fahrschulen und Autohäuser. Früher hatte jedes Dorf mindestens einen Brauer, die einer nach dem anderen verschwanden. Der Strom kam aus dem AKW, die Blasmusik aus dem TV und das Bier aus der Dose. Und als die kleine, genossenschaftliche Brauerei Reutberg im Oberland 1987 versuchte, das Josefifest 19 Jahre nach Abschaffung des Feiertags wieder zu etablieren, dann war das antizyklisch.

Aber da muss etwas Widerständiges in diesem Schlamm der wegfaulenden Kultur gelegen haben. Wenn der Bürgermeister von Sachsenkam heute das Fass mit einem einzigen Schlag anzapft und die Honoratioren willkommen heisst, sitzen im Publikum nicht nur die alten Leute, sondern vor allem die Jungen. Das Wort “Leitkultur” mag im Rest des Landes kritisch gesehen werden, aber hier existiert sie ganz selbstverständlich mit grünen Filzhüten, Lederhosen, Dirndl, und wer hier wirklich auffallen möchte, kommt in Outdoorkleidung ohne jede Referenz an die Trachtentradition. Oder, noch schlimmer, in dem, was auf dem Oktoberfest als Tracht gilt.

Denn hier reisen die Burschenvereine aus Garmisch und Miesbach an, und die Gebirgsschützen aus Lenggries und Wolfratshausen, es kommen die Trachtenerhaltungsvereine aus Miesbach und Benediktbeuren, und so sieht das dann auch aus. Der Brauerei geht es übrigens blendend, ihre Biere sind das, was man in der Hand halten sollte, wenn einem Fremde etwas über Tegernseer Hell erzählen, und jeden Abend sorgt eine andere Kapelle aus dem Umland für die musikalische Umrahmung. Wem die Heimat nicht egal ist, der taucht dort früher oder später auf. So gegen 10 wird es dann auch ausgelassener, dann spielen sie auch das über 50 Jahre alte Hang on Sloopy, auf dass man sich mit Mitsingen näher kommt.

Irgendwo werden Geschlechter dekonstruiert und Megafusionen von Nahrungsherstellern eingeleitet, und Ernährungswissenschaftler finden Gefahren im Brathuhn und dem Fett der Haxen, während aus kultureller Rücksichtsnahme Kindergartenessen umgestellt wird, sei es für Veganer oder Muslime. Aber hier feiert, lacht und ratscht eine in sich geschlossene Parallelgesellschaft, sie setzt sich mit Kleidung und Verhalten ab von den Normen, die woanders gelten, und dass Männer und Frauen zusammen ein Fest mit patriarchalischer Grundüberzeugung feiern, wird erst gar nicht erwähnt. Es ist eben so. Ein paar Kilometer weiter kann man auch “Sylt meets Tegernsee”-Wochen haben. Hier ist Josefi noch so, wie es früher gar nicht war.

Es wird voll. Randvoll. Es setzen sich Mädchen in Dirndl dazu, die erzählen, sie seien der Harem und ihre Bürschen wären da drüben, manche Augen werden glasig, aber die Stimmung ist gut und überhaupt nicht aggressiv oder bösartig. Der Verfasser hat als Abstinenzler noch einen scharfen Blick für etwaige Störungen, aber es ist nur ein grosses, volles Zelt auf einer Wiese, vorne spielt die Musik und hinten sitzt man zusammen. Es ist offen, weil die Isartaler hier auf die Chiemgauer treffen, es ist bunt, weil sich die Frauen herausputzen. Aber von aussen betrachtet ist es, möglicherweise, eine Verweigerung der gängigen Realität. Ein jeder kann kommen. Nur sollte man mit dem enormen Anpassungsdruck umgehen können.

In Restdeutschland tut man sich mit einer derartigen Selbstversicherung der eigenen Identität vermutlich schwer, denn es fehlen die klassischen Entschuldigungen für Rückbesinnung wie “bio” oder “nachhaltig”. 10 Tage wird hier ohne Rücksicht auf die sonst üblichen Konventionen gefeiert, am Ende gibt es noch einmal eine Trachtenmodenschau, und dazwischen das, was man eben so macht: Forderungen an die Politik stellen und ritualisierte Kämpfe der Männlichkeit austragen.

Wer es kennt, kennt es halt. Wer die schlechte, alte Zeit kennt, der kennt auch die unkontrollierten Exzesse der Landjugend, die sich besoffen mit dem Auto um Bäume wickelt oder die unüberbrückbare Diskrepanz zwischen engem Dorf und abweisender Stadt mit Drogen auffüllt. Das Josefifest ist Ritual und Identität, und gibt den Menschen Halt und Selbstbewusstsein. Von aussen betrachtet ist es natürlich ein schlagartiger Bruch mit der Moderne und ihren Anforderungen, und der Beweis, dass hinter der glatten Oberfläche einer reichen Region noch etwas lauert, das sich nicht zähmen und kontrollieren lässt, und einfach so, ohne Bedenken und Kritik, eigentlich nicht sein darf.

Deshalb bringen Medien lieber ein paar tausend empörte Frauen in Berlin, die für Genderismus demonstrieren, und reden gar nicht weiter über erheblich mehr Menschen in Bayern, die ein patriarchalisches Fest in ihrer Leitkultur begehen. Es ist eine Heimat, die vielen sehr fremd ist. Fremd und unberechenbar wie der Waller im Schlamm drüben im Kirchsee, der mit seinen kleinen, bösen Knopfaugen nach oben schaut und genau weiss, dass er am Ende der Nahrungskette steht, und ihm hier bei uns keiner etwas kann.

19. Mrz. 2017
von Don Alphonso
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14. Mrz. 2017
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Maas und die Heimat der doppelspitzkegeligen Männer

Wenn die Demokratisierung weit genug fortgeschritten ist, dann endet sie im kommunistischen Zwangsstaat.
Franz Josef Strauss

Wissen Sie, unsereins hat in einer Region ohne Frank Castorf und Volksbühne keinen ideologischen Überbau, aus dem man sich hier ein Marxzitat und da eine Lenin-Handlungsanweisung ziehen kann. Wir haben keinen Soziologen, der bei der Stasi war und weiss, wo es nach den Beschlüssen des Staatsrates lang geht, und in unseren retardierten Gebieten, in denen Heimat noch etwas gilt, macht man das, was man macht, schon so lange, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt. Das ist ein wenig so wie mit dem Atmen, man macht das halt, weil man es gewohnt ist, aber wenn man daran gehindert wird, merkt man das schon und überlegt sich, warum jemand anderes einem das antut. Und dass es nicht nett ist und man eigentlich schon gern so weiteratmen täte. Deshalb ist einer wie ich immer im Nachteil, wenn er das Wort Heimat schreibt, ihm dafür “Nazi” und „Hatespeech“ entgegen schallt und er dann erst einmal überlegen muss. Und überlegen. Und das dauert einfach. Obwohl das inzwischen recht oft passiert, weil andere woanders einen Überbau haben, der ihnen dieses üble Nachrufen anschafft.

Manchmal dauert es mit dem Antworten Jahre, bis es einem einfällt. Aber jetzt hat es geschnackelt, denn dieses Wochenende war wieder der Trachtenmarkt des hiesigen Trachtenerhaltungsvereins, und das muss man sich so vorstellen, dass es draußen Kuchen und drinnen Kleider und Helfer und Aufpasser gibt. An der Kasse sind die Frauen, die hier noch Weiberleit heissen und an der Tür die Männerleit, und dazwischen sind auch Weiberleit und Männerleit und geben Ratschläge zu Farben, Formen und Benutzung der jeweiligen Käufe. Ein so ein Mannerleit ist auch dort gewesen, der wo jetzt nicht ganz den Humor gehabt hat, den wo man auf der Volksbühne hätte spielen können, sondern allerhöchstens bei Terofals Bauerntheater drüben in Schliersee. Und es ist halt so, wie es ist: Er war auch so rein äußerlich zwar schon eine dominante Erscheinung, aber mit den Schnauzbart und den ungekampelten, renitenten Haaren und vor allem der deutlichen Ausprägung in der Körpermitte niemand, den man in einen jener Clubs bringen könnte, die ansonsten selbstverständlich einen ”refugees welcome” Aufkleber an der Tür haben. A rechts Mannsbild nach hiesigen Vorstellungen, humorig und nicht unkommod, aber ich kenne ja meine nördlichen Mitmenschen und ihr präferiertes Menschenbild. Ein paar von denen waren übrigens auch da und verdrehten die Augen bei manchem Ansagen des Mannes, weil so authentisch heimatlich haben sie sich das hier nie nicht vorstellen können.

Aber es ist halt so. Es gab im Saal nur einen Spiegel, alle Sachen für die Männerleit waren auf einem Haufen, und so kam ich öfters mit den Leuten aus der Stadt in Berührung. Der lustige Vogel lächelte sie an, sie waren angewidert. Und wenn der zugereiste Mann eine Joppn probierte, die etwas weit war, sagte seine Begleiterin ganz deutlich, dass das unmöglich aussieht und total fett macht. Das geht gar nicht. Tatsächlich gibt es in der Trachtenmode – nicht Tracht – momentan einen Trend zu dandyhaftem Slim Fit und langen, körpernahen Linien. Da ist so ein traditioneller Trachtenmarkt, auf dem die echten Trachtler ihre alten, zu eng gewordenen Stücke verkaufen, jetzt nicht ganz optimal, weil der durchschnittliche, gerade erst leicht aus der Form gehende Bayer schon ungefähr dreimal so breit wie Norddeutscher ist, bei 2/3 der Höhe. Ausserdem sind die Jacken hier im Oberland oft auch nur kurz wie ein Bolero, weil man zeigen will, was man als Hose darunter trägt. Und wie gut Beine und Schinkenregion geformt sind. Da war also ein Fisimatenten machenden Paar auf der Suche nach langen, schlanken Jacken in einem Saal mit vielen kurzen Joppen, Kleidergrösse 24-28, die aber auch bei 48-56 dem Manne keine geschwungene Linie, sondern ein doppelspitzkegeliges Aussehen verleihen.

Und bescherzt wurden die Anwesenden von einem solchen doppelspitzkegeligen Mannsbild in einer solchen Joppn, das den Angereisten als Idealtypus dessen galt, was sie eher nicht sein wollten. Sie suchten vermutlich so etwas wie Landadelmode und fanden nur diese unkleidsamen Lodensäcke: Seitlich keine Taille, und statt dessen hinten auf der Höhe der Schulterblätter eine endende Naht, ein Stück Stoff und darunter die sogenannte Kellerfalte. Das kommt eigentlich von den Mänteln der adligen Damen des 18. Jahrhunderts, die einen Reifrock trugen und daher Mäntel brauchten, die sich nach unten weit öffneten. In der männlichen Tracht wird der kurze, maskuline Reifrock eher auf Höhe des Bauchnabels mit einem Futter aus Fett und Gedärm vermutet, weshalb man hier die Kellerfalte bei der kurzen Joppn übernimmt. Es schaut, wenn man es sonst nicht kennt, komisch aus. Es macht nicht dünn. Aber es ist praktisch. Versuchen Sie mal, mit einem Slim Fit Sakko einen Baum zu fällen, einen Vorderlader abzufeuern, ein Bierfass zu tragen, durch ein hohes Fenster in das Kammerl der Liebsten einzusteigen, oder bergab einem schlecht gelaunten Stier davon zu laufen. So eine sich automatisch öffnende Falte für mehr Beweglichkeit hat da schon ihre Vorteile.

Gut, es ist jetzt nicht so, dass man hier dauernd körperlichen Aktivitäten nachgeht. Aber wenn man einmal von der Optik absieht, stört die Kellerfalte nicht, und wenn man sie braucht, ist sie da. Steht man am See, hängt hintrücks mehr Stoff herunter, sitzt man auf dem Steg, geht die Falte auf. Es spannt nichts, denn es gibt mit der Kellerfalte variabel Platz für 20cm mehr Bauchumfang. Das ist ausreichend für den Unterschied zwischen unseren kalten Wintern und den Bergsommern, in denen man hier auf die Berge steigt und dabei dünner wird. Man kann eine Weile auseinander gehen, bis so eine Joppe wirklich zu eng wird. So eine Kellerfalte ist eine Art Freiraum für das, was das Leben so mit sich bringt. Unpassend mag es sein, wo man immer und überall schlanke Fitness zu zeigen hat, als Manager oder Landedelmanndarsteller, Aber hier regt sich niemand drüber auf, die Kellerfalte brauchen und haben viele, und wer genug Diridari hat, lässt sich an den Beginn der Falte betont das Seelaub als Zeichen der Seeherkunft nähen. Damit die Grattler aus Miesbach und Tölz gleich wissen, wer ihnen den Rücken zudreht.

Es gibt übrigens auch ein Gegenstück zur Kellerfalte – den Brotzwickl hinten an der Hose, mit dem man die Bundweite um ca. 10 cm variieren kann. Der Hiesige macht die Schnur hinten auf, während der vom Umfang der Mahlzeiten überraschte Gast gezwungen ist, vorne die Hose zu öffnen. Das sieht übrigens noch etwas unvorteilhafter als so eine Kellerfalte aus, aber ob Nazi oder Progressiver: Die Haxn liegt in jedem Bauche schwer, und jeder ist um Spielraum froh, um sein Wohlbefinden wieder zu erlangen. Das ist menschlich, das kennt jeder, diesen Moment, da die Spannung um den Magen nachlässt und man wieder schnaufen statt japsen und sotto voce noch eine Dampfnudel bestellen kann. Nichts drückt mehr, und wer eine Joppn mit Kellerfalte hat, bekommt sogar nachher noch die Joppn zu und niemand sieht, dass da etwas auseinander gegangen ist. Man sieht zwar doppelspitzkegelig aus, aber man fühlt sich wohl, und es ist einem egal, denn man kann es sich leisten. Ausserdem wissen alle anderen auch, dass es so ist, weil sie auch eine Kellerfalte haben, und in einer Region ohne Berufsjugendliche auch zugeben, dass man älter wird.

Also, das ist das, was ich sage. Dass es da diesen Freiraum für das Bauchgefühl gibt, und dass es einem gleichgültig sein kann, ob man doppelspitzkegelig aussieht oder nicht. So eine gewisse Abwesenheit von Einschnürung und Regeln, von Zwängen und Vorstellungen, die anderen wichtig sein mögen, einem selbst aber egal sind. So eine geistig moralische Kellerfalte. Ein eingebautes Hausrecht für ein klein wenig Sauerei und Unmoral, das ein jeder mit sich herumträgt. Ein persönliches Refugium, das garantiert wird, weil es ein jeder für sich in Anspruch nimmt. Das Recht, auch einmal in Ruhe gelassen zu werden und nicht immer gut und richtig sein zu müssen. Das alles ist Heimat. Es ist vielleicht kein sehr schönes Konzept. Aber es passt, und es funktioniert. Bis heute. Man muss es nicht gleich Toleranz nennen, das wäre vielleicht etwas zu viel, aber eine gewisse Liberalität und Selbstsicherheit, die man sich und anderen zugesteht. Wenn alle doppelspitzkegelig sind, muss sich keiner fremd fühlen.

Das ist eigentlich banal, und ein banales Konzept von Heimat, selbst wenn die ein oder andere individuelle Freiheit darin anderen als verächtlich und verdammenswert erscheinen mag. Aber wie es so ist mit den banalen Dingen, andere sehen es anders, und da reicht dann schon die kleinste Abweichung für drakonische Reaktionen. Man durfte da in den letzten Jahren gewisse Erfahrungen machen, wenn man hier den Eindruck hatte, man werde überfremdet und gar nicht mehr gefragt – damals wurde schnell geurteilt, über die Dunkeldeutschen, die nicht verstehen, wie wichtig das alles für die bunte, offene Gesellschaft ist. Das rigorose Heimat-Leben der Anderen bringt nun der rücktrittsgeforderte Justizbelastungsminister Heiko Maas auf eine neue Ebene, ein Mann mit eng geschnittenem Anzug und dem Wunsch, Aussagen ohne gerichtliche Prüfung von sozialen Netzwerken sofort und ohne Debatte löschen zu lassen. Wem das nicht passt, der kann seine etwaige Meinungsfreiheit nachträglich erklagen.

In der schlechten Zeit unter Franz Josef hat die Trachtenfraktion in diesem Land noch versucht, Leute um die Existenz zu bringen, die “Stoppt Strauss”-Buttons trugen. In der schlechten Zeit durfte man den Söhnen der Kellerfalte gegenüber nicht die Staatsdoktrin anzweifeln, dass Atomkraft frei von Risiken ist – wer das im Unterricht gemacht hat, bekam halt schlechte Noten. Heute schlägt der Maas kurz vor dem 100jährigen Noskejubiläum wegen dem, was seine Kaste als “Hasskommentare” bezeichnet, hartes Durchgreifen vor. Es erinnert einen überdeutlich an die ganz schlechten Zeiten, als die Biermöslblosn hier zwar nicht gesetzlich verboten war, aber die Lieder beim Bayerischen Staatsrundfunk trotzdem nicht gespielt werden durften. Weil sie zwar nicht illegal waren, aber als Hass galten. Auch die Staatspartei in Bayern war erfahren darin, zwischen dem klar Verbotenen und dem, was man gefahrlos sagen konnte, einen grossen Graubereich zu installieren.

Es hat lange gedauert, das zu überwinden. Es war ein weiter Weg der gegenseitigen Verständigung, bis sich hier auch die Grantler, die Renitenten und die Unangepassten so etwas wie eine soziale Kellerfalte erkämpfen und gemütlich fühlen konnten. Letztes Jahr war ich auf einer Bürgerversammlung wegen der Asylkrise, und da stand der Sohn eines bekannten Bauern in seinem Trachtenanzug auf und sagte Dinge, die manche Kollegen sicher zu einem Reichsbürgerskandal gemacht hätten. Er sagte verschwörungstheoretischen Schmarrn, der bei Facebook mit dem neuen Gesetzesvorhaben vermutlich sofort gelöscht werden müsste. Er hat geredet, und andere haben etwas anderes gesagt, und inzwischen haben wir regional die Asylkrise recht gut verdaut. Ich bin selbst überrascht, wie gut Heimat in einer Ausnahmesituation in einem kleinen Dorf selbst mit Leuten funktioniert, bei denen andere die Augen verdrehen. Man verdammt sie, weil sie einen anderen Humor haben, weil sie nicht überfremdet werden wollen, weil ihnen das Aufgesetzte der Willkommenskultur gegen den Strich geht, oder weil sie einen Schnurrbart von jener Form tragen, mit der Heiko Maas wie der etwas jüngere Erdogan aussehen würde. Diese Heimat konnte die staatlich erzeugte Asylkrise nur mit einer gewissen Flexibilität, viel Offenheit, Pragmatismus und Fehlertoleranz verdauen.

Also mit allem, was Maas und seinem obrigkeitsstaatlichen Gesetzesentwurf aus dem Wahrheitsministerium abgeht. Ich bin weiss Gott kein Freund der CSU, aber jede Bürgerversammlung, die ich hier erlebt habe, ging mit abweichenden Meinungen erheblich klüger um – das liegt vielleicht auch daran, dass hier keiner auf den ideologischen Überbau einer Ex-Stasi-IM wie Anetta Kahane zurückgreifen kann. Es ist halt Land. Man kann hier schon reden und gut leben. Und Nazivorwürfe sind heute ohnehin zum Erdogan abgesunken.

14. Mrz. 2017
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06. Mrz. 2017
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Das grosse Stimmenfasten bei den Grünen

Wieviel die Fabel von Christus Uns und den Unsern genützt hat, ist bekannt.
Papst Leo X.

Es ist bestes Cabriowetter, ich müsste nur einsteigen, das Dach öffnen, den Motor starten, und mich einreihen in den Corso der Ferraris, alten Porsches und sonstiger Frischluftgefährte, die an diesem Tag des warmen Föhnsturms ins Oberland gekommen sind. Ich könnte den Wagen keck in Tegernsee offen stehen lassen oder zum Achensee hinüber fahren, und dann weiter nach Innsbruck. Zwengs der Gaudi, einfach so, weil es geht. Tatsächlich aber pflücke ich ein Rad von der Kellerwand, zwänge mich in Lycra, und lasse das Auto stehen. Es gibt zu viele, die heute die Luft am See verpesten, ich fahre mit dem Rad Richtung Achenpass.

Denn ich bin überzeigter Radler. Mir muss niemand sagen, dass es für mich, die Umwelt, das Klima und die Zukunft des Planeten besser ist, wenn ich das Auto stehen lasse. Auf dem Rad kommen mir die besten Gedanken, auf dem Rad sehe ich, was andere nicht erkennen, auf dem Rad und am Berg fühle ich die Last meiner irdischen Existenz und bergab die Faust Gottes, die mich schiebt. Ich nehme mir mit dem Rad nur ganz wenig Platz, obwohl es rücksichtslose Typen wie diesen BMW-Fahrer aus der Region südlich von Bonn gibt, die es nicht ertragen, wenn ich an der Ampel in Rottach schneller vom Fleck komme. Typen, die mich und sogar Autos innerorts überholen und an der nächsten Ampel mit ihrer schräg abstellten Dieselkiste absichtlich blockieren, damit ich ja nicht vor ihnen losfahre.

So zahm und mild, so ausgeglichen und entspannt bin ich auf dem Rad, dass ich gar nicht daran denke, ihm bei der Heimfahrt aufzulauern und dann mit dem Cabrio so lang hinten mit Lichthupenorgel 2cm an sein Leasingcombirektum zu brennen, auf dass er irgendwann panisch im Strassengraben landet und lernt, dass man als nur geduldeter Armutsmigrant aus dem Norden so etwas hier nicht macht. Dieser Gedanke liegt mir fern wie Kritik am Feminismus. Ich überlege auch nur ganz kurz, ob ich den anzeigen soll, weil er innerorts mich und ein Auto gleichzeitig überholt hat, einfach um ihm Probleme zu bereiten, und lasse es dann gutmütig bleiben. Das hier ist mein See, da hat er sich nicht aufzuführen wie in seinem Kölner Slumgebiet, denke ich mir einen Moment, aber hinter Rottach biege ich auf eine kleine Strasse ab, auf der ich allein bin. Mit dem Föhnsturm, der mir die kalte Luft aus den Bergen entgegen bläst.

Kein Radler ist hier mehr unterwegs, und hinter Kreuth hat der Winter die Berge noch fest im Griff. Ich peitsche das Rad die langen Kurven hoch. Auf den Bergen sind Orkanböen, hier unten ist es immer noch ein veritabler Sturm, der mir vom Achensee herunter kreischt, aber so ist das eben. Man braucht schon eine gewisse Härte, aber dann geht das, bis zum Rand des Winters und darüber hinaus zu den weiten Schneeflächen, die durch das dünne Asphaltband der Strasse zerschnitten werden. Andere sitzen unten in Wintergärten und schauen auf den schaumbekrönten See. Ich bin überzeugter Radfahrer, Ich kämpfe mich hier hoch bis zu einer Hütte, die Schafskäse und Dinkelvollkornbrot hat. Ich finde es richtig, dass man sich etwas auch gegen den Sturm, die Kälte und den Berg erarbeitet. Dass man in den Muskeln, im Nacken und im Zahnfleisch fühlt, was er bedeutet, sich um das tägliche Brot in all den Gefahren zu schinden.

Man könnte nun denken, dass einer wie ich, mit meiner Einstellung, der Grünste der Grünen wäre. Dass ich das lebe, was die Pfarrer des pseudosäkularen Zeitalters, das Bundesumweltamt und eine theologiestudienabgebrochene ostdeutsche Politikerin mitsamt der grünen Partei wollen: Das Autofasten. Es ist der Versuch von teilweise lutheranischen Ketzern, dem Menschen in Zeiten des materiellen Überflusses alte Riten in neuer Form nahe zu bringen. Sie fordern Verzicht auf Mobilität mit Verbrennungsmotoren, man sollte statt dessen das Auto stehen lassen und anderweitig voran kommen. Entsagung. Selbstkritik. Abtötung des Fleisches. Sich der Privilegien bewusst werden und etwas für die Umwelt tun. Und dabei nicht beachten, dass auch der menschliche Körper so eine Art Verbrennungsmotor mit schlechtem Wirkungsgrad ist, und die erhöhte Kalorienzufuhr und die damit verbundene Landwirtschaft ebenso die Umwelt belastet. Ich bedaure es fast, das zu sagen, aber ein halbwegs sparsames Automobil mit vier Insassen ist pro Person und Kilometer ökonomischer und umweltfreundlicher als meine Radlerei. Trotz echtem Käse von einer kleinen Alm statt dem Ökosiegelzeug, das man woanders als Bio angedreht bekommt.

Nein. Die Antwort ist nein. Ich bin nicht der Grünste der Grünen. Ja, ich fahre viel mit dem Rad, aber von Autofasten und den Grünen halte ich überhaupt nichts. Gerade weil ich viel mit dem Fahrrad fahre und noch gesund und leistungsfähig bin. Ich kann hier das meiste mit dem Rad machen, aber letztes Jahr fuhr ich mit dem Rennrad an den Tegernsee, und wollte ein neu gekauftes MTB in der Nähe von Bad Aibling holen, Auf dem Hinweg wäre ich auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen gewesen. Mit Umsteigen und Warten hätte das im besten Fall vier Stunden gedauert, zusammen mit 40 Minuten Fussmarsch. Ich könnte das noch, andere scheitern an simpleren Aufgaben. Ein älterer Herr hier am Tegernsee durfte wegen einer Sehschwäche nicht mit dem Auto fahren und musste zur Untersuchung ins nächste Krankenhaus. Ich fahre da in weniger als 15 Minuten mit dem Rad hin. Er wäre mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anderthalb Stunden unterwegs gewesen, davon eine halbe Stunde zu Fuss. Mit einem geschwollenen Auge. Ich habe ihn natürlich mit dem Auto gefahren. Aber hier bei uns auf dem Land lernt man auf die ganz harte Tour, was Autofasten bedeuten kann: Es kann einen die Gesundheit kosten. Ich wohne in einer relativ gut ausgebauten Ferienregion. Im Alter kann man hier ganz ohne Auto trotzdem nicht sein. Und es gibt hier auch kein Car Sharing, oder an jeder Ecke einen per App mietbaren Mini, oder Taxis alle paar Minuten. Wer alt ist und über kein Auto verfügen kann, kann hier kaum überleben. Schon gar nicht im Winter.

Autofasten, oder nennen wir das Ungeisteskind der Grünen beim Namen, der Krieg gegen den motorisierten Individualverkehr, ist der Kampf einer urbanen Oberschicht gegen das flache und hügelige Land. Es ist kein Zufall, dass die Grünen genau dort die höchsten Zustimmungswerte haben, wo man das Gras nur vom Rauchen kennt und schon Kitas auf frühsexualisierten Regenbogenfamilienkurs zwingt. Autofasten in den Hochburgen der Grünen hat viel gemein mit dem Fasten in Klöstern des Mittelalters, in denen man den Biber zu einem Fisch umdeklarierte, den man essen durfte, sich mit süssen Mehlspeisen mästete und das Te Deum im Starkbiervollrausch grölte. Es ist leicht, dort mal das Pedelec zu nehmen und sich Abdul in seinem 3er BMW und Anton im Oberland moralisch überlegen zu fühlen. Es ist leicht, dort die Kinder mit dem Lastenrad ein paar Meter zur Kita zu bringen. Zwischen meiner Wohnung und der Kita hier sind zwei Berge mit Rampen, die eine ist 12% und die andere bis 18% steil, und es sind jeweils 80 Höhenmeter. Der urbane, grüne Mensch besucht seinen Dealerfreund mit dem Rad und denkt sich, das war jetzt mal wieder richtig entspannt und ökologisch, und glaubt aus seiner Erfahrung heraus, dass man wirklich mal über die Reduktion des schädlichen Autoverkehrs reden muss. Und über Feinstaub und Fahrverbote. Im ersten Schritt über den guten Willen, wie das Autofasten, und wenn der gute Wille ausbleibt, dann eben mit dem zweiten Schritt und Zwang.

Weshalb wir es in unserer regenreichen Region schon mit dem Dämmzwang und dem Glühbirnenverbot zu tun bekommen haben, und allerorten gerade Kachelöfen per Verordnung stillgelegt werden müssen. Man wählt solche Entscheidungen, die in keinem Wahlprogramm stehen, einfach so mit. Sie kommen dann auf Expertenwunsch mit irgendeiner Richtlinie, und Metzger und Bäcker sterben nicht an der fehlenden Kundschaft, sondern wegen neuer Regeln beim Verbraucherschutz und der Unmöglichkeit, alte Läden entsprechend anzupassen. Das mag in den Städten egal sein, auf dem flachen Land kostet es Lebensqualität und macht die Wege weiter. Dafür braucht man dann ein Auto. Aber da soll man nach Möglichkeit auch fasten, und den Grünen glauben, die zusammen mit Partnern ausgerechnet haben wollen, wie viele Menschen der Abgasskandal das Leben gekostet haben soll – auch hier wiederum in den Städten, denn bei uns auf dem Land ist die Abgasbelastung sehr viel niedriger.

Natürlich wenden sich die Grünen bei ihren Fastenwünschen nicht gegen die Schiffsdiesel, die das Konsumentenkollektiv mit billigen Kleidern aus Fernost beliefert, Natürlich reden sie nicht über die Feinstaubbelastung durch den öffentlichen Nahverkehr des Kollektivs, und auch nicht darüber, dass die Kombination von Lastenrädern und eisigem Winterklima auf der vorhandenen Verkehrsinfrastruktur beim Fahrunvermögen der sich über ihre Kinder beugenden Mütter nicht gerade gesundheitsfördernd ist. Die Grünen haben eine Vision für das Kollektiv, in der das individuelle Auto aus dem Bereich, den sie kennen, verschwindet. Das geht nun mal am besten mit Verboten, und was es für andere bedeutet, die nicht jeden Bedarf in Laufnähe haben, interessiert sie so sehr wie einen elsässischen Atomkraftwerksbetreiber der Fallout in Richtung Deutschland. Es geht um das Fasten, das ist Bestandteil eines Ritus, eines Glaubens, einer theologischen Verfasstheit einer Gruppe, die kollektiv denkt und handelt. Und dieses Kollektiv gedeiht dort am besten, wo die meisten sind und keinen Widerspruch wollen: In den urbanen Zentren und Medien. Dort, wo man tatsächlich noch die moralische Mehrheit hält. Und genau weiss, was für andere gut und richtig ist, damit das kleine Kollektiv umfassend wird.

Nicht ganz zufällig sind die Umfragewerte der Grünen momentan auch ganz ohne Drogen- und Kindesmissbrauchskandale nicht eben berauschend, und es könnte daran liegen, dass die Partei sich mit ihrer Idealvorstellung des Kollektivs in ihre urbanen Regenbogenbastionen zurückgezogen hat. Vielleicht hat sie inzwischen Angst vor dem, was da draußen, wo ihre Anhänger mit dem Car Sharing hinfahren, passieren mag. Sie meinen es mit ihrer Religion der Liebe zu den Menschen und Frieden mit der Natur doch nur gut, und besonders gut meinen sie es mit den Seelen derer, die sonst der Verdammnis anheim fallen würden, und die ihr Kollektiv retten muss, ob sie wollen oder nicht, ob mit freiem Willen oder mit Berliner Verbotsfeuer und Brüsseler Richtlinienschwert. Dazu hätten sie gern den Segen. Und bekommen doch nur das grosse Zustimmungsfasten für ihre wirklich gut gemeinten Ideen. Schnell huschen sie durch das Land, und hoffen, dass sie es in Berlin ohne grosse Debatten schon durchsetzen werden. Nach der Wahl. Falls wir es ihnen dann noch erlauben sollten, uns im Bundestag zu dienen.

06. Mrz. 2017
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28. Feb. 2017
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Feudale Lösungen für kapitalistische Migrationskrisen

Manchen Menschen fehlen nur einige Laster, um vollkommen zu sein
Marquise de Sévigné

In Ausstellungen tritt die Geschichte überlegt und geordnet vor uns. In Palästen tritt sie prunkvoll auf, und in Kirchen versucht sie, den Betrachter spirituell für sich einzunehmen. Auf Flohmärkten jedoch – auf Flohmärkten ist sie manchmal grandios, immer käuflich und verhandelbar, und manchmal wirklich schäbig, weil sie unangenehme Details über unserer Vorfahren verrät. Gesucht – und gefunden – habe ich diesmal nur ein altes Schloss für eine etwas exzentrisch schliessende Tür, aber gesehen habe ich auch etwas, das man vielleicht besser nicht dort anbieten sollte, wo man sich über die Folgen der europäischen Kolonialpolitik ereifert.

Es handelt sich hier um zwei Leuchtermohren des späten 19, Jahrhunderts, und wegen einer grösseren Version derselben gab es im Internet vor ein paar Jahren schon mal einen Aufschrei, weil eine Critical-Whiteness-Autorin von einer linken Hochschulgruppe eingeladen wurde, und dann darunter lesen sollte. Die Autorin sorgte für Entrüstung, und die arme, gebeutelte, linke Hochschulgruppe wurde veranlasst, eine Selbstkritik abzuliefern, als ginge es danach gleich zu Maos Hinrichtungskommando. Solche Leuchter werden in progressiven Kreisen heute verachtet, und es ist vielleicht ein Glück, dass Linke nie in Schlösser gehen: Da sieht man beispielsweise in Würzburg solche kleinen Mohren auf dem Deckenfresco als das, was sie tatsächlich vom 15. bis zum 18. Jahrhundert waren: Dekorative und repräsentative Helfer bei der Prachtentfaltung des höfischen Luxus. Bei Nacht trugen sie Fackeln. bei Tag Schirme und Fächer für Europas Hochadel.

Wie so oft kann man hier Geschichte so und so sehen: Natürlich handelte es sich um Sklaven mit wenig persönlichen Freiheiten. Aber sie durften an der besten aller damals möglichen Welt teilnehmen, und wurden gut ernährt, und oft auch verzogen. Sie bekamen prunkvolle Kleider und waren teuer, ganz im Gegensatz zu den damals üblichen christlichen Leibeigenen, die man mitsamt Dörfern und vielen Rechten an Kartentischen verspielte und in Weinkellern versoff. Es war eine Zeit einer gnadenlosen Klassengesellschaft mit wenig Rechten unten und allen Möglichkeiten oben: Wer gut leben wollte, mühte sich ab, an jene Höfe zu kommen, an die die Mohren einfach so verkauft wurden. Zumindest jene, die sich für repräsentative Zwecke eigneten.

Man muss dabei auch den anderen Tatsachen ins Auge schauen: In die Sklaverei gerieten sie meist, weil sie bei innerafrikanischen Konflikten erobert und dann an meist arabische Zwischenhändler verkauft wurden – Europäer waren hier nur die Endabnehmer. Sklaverei war damals überall akzeptiert, Frauen aus dem Balkan wurden im Orient verkauft, christliche Seefahrer wurden in Nordafrika festgehalten, auf christlichen venezianischen Galeere ruderte einer, den seine Schulden dorthin gebracht hatten, neben einem gefangenen Türken. Und sehr viele Sklaven endeten unter erbärmlichsten Bedingungen in der Landwirtschaft, in osmanischen Heeren, als niedrigste Helfer oder im Bergbau. So gesehen klebt an meinen Silberkannen des frühen 19. Jahrhunderts sicher mehr echtes Blut von Sklaven als an Figuren, die das Bürgertum erheblich später erwarb, um einen schalen Abglanz jener feudalen Lebenswelt zu haben, in der seine Vorfahren noch die Schweine der Adligen hütete.

Denn solche Figuren wurden erst richtig populär, als die Zeiten der echten Luxusmohren längst vorbei waren, und das aufstiegswillige Bürgertum ebenfalls luxuriös mit dem damals richtigen Habitus glänzen wollte. Der heute einzig wahre linke Habitus lehnt das alles natürlich ab, obwohl die Leibeigenschaft besser als ihr Ruf war, und etwas voreilig abgeschafft wurde. Der einzig wahre Habitus unserer Epoche des luxusfeindlichen Niedergangs wagt es noch nicht einmal, abzuwägen zwischen dem Leben eines Dieners bei Hofe und dem meist deutlich schlechteren Dasein der normalen, abendländisch-christlichen Landbevölkerung, und dem sehr viel schlechteren Leben echter Sklaven. Das wurde künstlerisch nicht dargestellt, das wollte man nicht sehen, und der neue Moralist möchte auch nur zur Kenntnis nehmen, worüber er sich empören kann: Eben über die Darstellung von Menschen aus der Subsahararegion in dienenden Tätigkeiten bei Hofe. Das kann man vielleicht noch in Bayern anbieten, wie es etwa meine französischen Händler auch in Muranoglas führen, aber sicher nicht in Berlin.

Was wohl erst los wäre, würde man vorschlagen, man sollte solche – offen gesagt, durchaus schmucken – Hausdiener wieder einführen? Ich stelle diese Frage, weil justament dort, wo der Araber des Barock dem christlichen Seefahrer den schwarzafrikanischen Sklaven verkaufte, heutigentags der arabische Schlepper dem neuen christlichen Seefahrer der migrationsbefürwortenden NGOs erneut Menschen aus Afrika übergibt, die diesmal freiwillig nach Europa drängen. Und ich frage, weil ich letzte Woche in München einem anderen Einwanderer vermutlich das Leben, aber sicher seine Gesundheit gerettet habe. Glücklicherweise weiss ich als alter Rennradraser, wie unvorsichtig unsereins so fährt, und als sich auf dem Radweg ein Radler eines Essensbringdienstes auffällig umschaute, da ahnte ich schon, dass er mit seinem Styroporpaket auf die Strasse wollte. Technisch gesehen hat er mir dann die Vorfahrt genommen, und ich habe in Erwartung so eines Verhaltens eine Vollbremsung hingelegt.

Ich verurteile das nicht. In Italien herrscht eine Jugendarbeitslosigkeit von 40%. Die stinkfaulen deutschen Kunden bewegen nicht ihre fetten Hint deutscher Lieferdienste erwarten, dass das Essen in 30 Minuten auf dem Tisch steht. Die Verantwortlichen, die mit so einem Dienst demnächst an die Börse gehen möchten, ohne erkennbar profitabel zu sein und für ein Vielfaches des eher mauen Umsatzes, wollen eine Milliardenbewertung der Firma. Und die Restaurants wollen auch noch etwas verdienen. Zwischen dem faulen Städter, dem gierigen Investor und dem Restaurant werden die Kuriere knapp über dem Mindestlohn benutzt. Sie kommen oft aus den Ländern Südeuropas, weil der Euro und die EU und ihre eigenen Regierungen ihnen keine andere Chance lassen. Sie fahren wie die Henker, weil es anders nicht geht, und dem Twitteraccount einer bekannten Feministin entnahm ich jüngst einen Tobsuchtsanfall, weil ein Lieferdienst bei Schneefall im Winder nicht kommen konnte. Es ist ein Wunder, dass mit diesen Diensten nicht mehr passiert. Es ist ein Geschäftsmodell, bei dem die Fahrer alles verlieren können. Man muss schon ziemlich wenig Chancen im Leben haben, um auf diese Art und Weise Deutschen das Essen und die Börsengewinne zu bringen.

In meinen Augen sind die abgehetzten Gestalten auf ihren verdreckten Rädern mit den Styroporboxen das beste Beispiel für den Niedergang der europäischen Idee. Das sind unsere neuen Leibeigenen, die sich durch Nacht und Schnee kämpfen, damit frustrierte Singles sich neben der Glotze den Salat in den Mund stopfen und denken, dass 50 Cent Trinkgeld großzügig genug war, nachdem der Mann – es sind immer Männer, und niemand ruft nach einer Frauenquote – doch recht lang brauchte. So sind wir. Besonders dort, wo man keine Mohrenfiguren verkaufen kann, ohne Empörung zu ernten. Ich habe in Berlin das Radfahren aufgegeben, weil es mir zu gefährlich war, und ich bin einer, der mit 90 km/h auf Pässen bergab Autos überholt. Bei uns riskieren welche für die neue Dienerleistungsgesellschaft, für ein paar Cent Trinkgeld und minimal mehr als den Mindestlohn ihr Leben. Das sind die Vogelfreien für die Konsumenten und die Bergbausklaven für den Börsengang. Die grosse Eurokrise macht es möglich, dass Söhne anderer Länder sich das antun müssen, und von Feministinnen, die nicht kochen können, bei Twitter beschimpft werden. Das ist Neofeudalismus.

Und da verstehe ich überhaupt nicht, was daran von Übel sein soll, wenn andere in besseren Wohnlagen im Sommer Fächer schwingen oder bei Tanzvergnügen die Kerzenhalter tragen. Die Verkleidung mit Pluderhosen, Gilet und Turban mag ja in einem altmodischen Sinne kolonialrassistisch sein, aber es ist schön und angenehm gegen das, was Essensausfahrer als Bekleidung mit Werbeaufdruck gestellt bekommen – die Brandzeichen des Kapitalismus. In gewisser Weise machen wir das am Tegernsee übrigens schon, in meinem Heimatdorf arbeiten alle männlichen, anerkannten Flüchtlinge in der Gastronomie, während alle Frauen daheim sind und den Haushalt machen, und sich um die inzwischen geborenen Kinder kümmern – eine Erfolgsgeschichte, über die vermutlich niemand schreibt, weil sie von der CSU kommt und patriarchalisch ist. Es gibt auch moderne Cafes, da machen anerkannte Flüchtlinge am Tresen, neidlos muss man das als etwas verhuzelter Eingeborener anerkennen, eine wirklich gute Figur. Das ist dem Umstand geschuldet, dass wir eine Touristenregion mit der Droge Bier sind. Die Touristenregion Berlin dagegen bevorzugt illegale Drogen und toleriert die Schwarzafrikaner bei Wind und Wetter als Scheinselbstständige der Drogenmafia in den Görlitzer Park, wo es immer wieder zu Gewalttaten kommt. Wir am Tegernsee integrieren die Flüchtlinge in legale Strukturen, und deshalb erlaube ich es mir, auch noch etwas weiter zu denken: Was spricht, verglichen mit den Zuständen im Görli oder den Sozialämtern, dagegen, einen jungen Mann als – wie nennen wir das – personal Assistent of Enlightenment einzustellen.?

Ich habe übrigens diese entzückend intarsierte Pfeilerkommode aus der letzten grossen Blüte der Sklavenhaltergesellschaft – Frankreich verdiente damals noch ein Vermögen in der Karibik mit Zucker, Baumwolle, Vanille und Kakao – erworben, und auf der Heimfahrt, als sie im Kofferraum klapperte, alles schon einmal durchgerechnet. Für mich allein lohnt sich das definitiv nicht, aber in Zeiten der Share Economy könnte man sich so einen personal Assistent durchaus teilen, und mit einer App verschiedenen Mietparteien zur Verfügung stellen. Gerade wenn ich meine Beiträge schreibe, wäre es nett, jemanden zu haben, der meine Silberkannen mit frischem Tee befüllt, ab und zu kleine Köstlichkeiten bringt, und ansonsten mit seiner puren Anwesenheit das Gefühl abendländisch-allerchristlichst-feudaler Atmosphäre verbreitet, und dann zur nächsten Partei weiter zieht. Wer in Ländern Afrikas arbeitet, der nimmt ganz selbstverständlich Dienstboten an, und wenn nun Afrika zu uns kommt, meine ich, dass wir auch einmal die verbleibenden Optionen neu denken sollten. Gerade jetzt, wo sich zeigt, dass die hohen Erwartungen der Kollegen von Zeit und Prantlhausener Zeitung nicht ganz erfüllbar sind, und die Ankommenden in Italien im Frühjahr wieder über den Brenner kommen werden.

Wir brauchen Lösungen, und wir schaffen das nur, wenn wir in der Lage sind, eine angemessene Arbeit zu bieten. Und solange ich keine besseren Vorschläge höre, und die wirklich dreckigen Jobs unserer sozial bewegten Gesellschaft verdeckt von italienischen Radlern, bulgarischen Maurern und ukrainischen Putzfrauen gemacht werden, ist die, sagen wir es so – Aufwertung von unterstützender Care Arbeit auf gehoben-repräsentativem Niveau – durchaus eine Option, die nicht a priori wegen geschichtlicher Vorbehalte ganz verdammt werden sollte. Es gibt Schlimmeres, und niemand wird dabei in kriminelle Strukturen abgedrängt, was, nichtberlinerisch betrachtet, die erneute, faktische Freigabe des kleinen Drogenhandels in Berlin ist. Ich weiss, mein Vorschlag ist dekadent. Aber nicht menschenverachtend wie die Idee, die vom Strafrecht verfolgten Aspekte der Drogenpolitik einer bestimmten Gruppe von Migranten zu überlassen, solange der Staat einen legalen Verkauf nicht zulässt. Es könnte wirklich attraktiver sein, in gehobenen Haushalten zu arbeiten, statt als Touristenattraktion für internationale Kiffer, die dann von einer Welt ohne Grenzen, Klassen, Herrschaft und Nationen träumen. Denn das ist wirklich dekadent.

28. Feb. 2017
von Don Alphonso
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23. Feb. 2017
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Islamistische Kulturkriege oder Wie man lernt, das Alte Europa zu lieben

Assimilierung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Tayyip Erdogan

Es gibt gute Argumente für ein gemeinsames Europa, und eines dieser Argumente ist auch schön und erkenntnisreich: Im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg ist die Landesausstellung über den deutschen Kaiser Karl IV. zu sehen, und es ist eine bayerisch-tschechische Landesausstellung. Das bietet sich an, weil Karl IV. sowohl in Bayern als auch im damaligen Böhmen seine spätmittelalterliche Hausmacht aufbaute, und in beiden Ländern deutliche Spuren hinterließ. Es ist trotzdem eine bemerkenswerte Entwicklung, weil das Klima zwischen Bayern und sudetendeutschen Flüchtlingen auf der einen und Tschechen auf der anderen Seite vergiftet war: Nationalistische Bewegungen im 19. Jahrhundert, deutscher Widerstand gegen die neu gegründete Tschechoslowakei, Münchner Abkommen, deutsche Besatzung, 2. Weltkrieg, Heydrichs Terror in Prag, der brutal bekämpfte tschechische Widerstand, Genozid an den Juden, letztlich dann der russische Einmarsch, die Benes-Dekrete, die Vertreibung der Sudetendeutschen, deren Instrumentalisierung im Kalten Krieg auf beiden Seiten – das alles wirkte bis weit in die 90er Jahre im Verhältnis zwischen den Nachbarn Bayern und Tschechien fort. Karl IV. war zwar selbst in den Augen seiner Zeitgenossen ein skrupelloser Ganove, aber seine Zeit und seine Kultur bilden eine Klammer, die die benachbarten Regionen eint.

Es ist eine wirklich gute Ausstellung, man wird lange warten müssen, bis solche Schätze des Spätmittelalters wieder zusammenkommen. Sie ist auch ein Zeichen der Annäherung zwischen den Regionen, die in Europa mehr Interessen einen, als dass sie die Geschichte noch trennen würde. Es ist vielleicht ein klein wenig dunkel in den Räumen, aber das ist für die Ausstellungsstücke gut. Und es ist sehr viel Wachpersonal vor Ort, aber das ist für die besonders wertvollen Gegenstände gerade noch angemessen. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass auch ein wenig die Angst vor dem Terror mit hinein spielt, und an dem Tag, als ich die Ausstellung besuchte, las ich dann am Abend vom gescheiterten Attentat eines in Saudi-Arabien lebenden Ägypters beim Pariser Louvre.

Es gibt da im islamistischen Terror eine eigenartige Obsession für die Vernichtung alter, nicht orthodox islamischer Kultur. Museen werden zerstört, römische Ruinen und Buddhastatuen werden gesprengt, es gibt Anschläge auf Kirchen und Weihnachtsmärkte, Terror findet in Museen statt. Es spielt keine Rolle, ob sich vielleicht die alten Kulturen, gegen die sich die Zerstörungswut richtet, möglicherweise selbst diametral gegenüber standen. Der Louvre ist das beste Beispiel, dort hängen sowohl die Bilder der kirchlichen Dominanz als auch die Gemälde der Aufklärung. So einem Terroristen aus Saudi-Arabien oder einem Milizionär des IS ist das alles egal, es passt nicht in das eigene Weltbild, es muss weg. Es geht diesen Leuten nicht nur um das Umbringen von Menschen, sondern um die Zerstörung dessen, was sie für westliche Zivilisation halten – und hier ironischerweise die überwundene Vergangenheit, die mit dem aktuellen Leben in der westlichen Gesellschaft nichts mehr zu tun hat.

Der Louvre ist ein Bau des Absolutismus, die meisten Bilder waren keinesfalls für den leibeigenen Pöbel gedacht, sondern für die herrschende Klasse. Der heute real existierende Westen ist teilweise aus der DDR hervorgegangen und betrachtet mehrheitlich nur selten alte Kunst, im Gegensatz zu Topmodell Sendungen, und kann auch im Museum meist nicht wirklich einordnen, was da an den Wänden hängt. Der Westen der Gegenwart hat sich längst von der christlichen Religion emanzipiert, und selbst hart rechte Parteien werden kaum mehr Geisslerrituale, Bücherverbrennungen, Inquisition, Lettner, die tridentinische Messe oder die Errichtung antisemitischer Denkmäler fordern, oder was sonst noch bis zur Epoche der Aufklärung und darüber hinaus als üblich galt. Es gibt nicht mal mehr ein Verbot interkonfessioneller Hochzeiten – vor 120 Jahren war das noch ein Skandal.

Interessanterweise ist der Ansatz des islamistischen Kulturterrors “intersektionell” wie gewisse extreme Spielarten des Feminismus: Er hat da ein grundsätzliches Problem mit dem Westen, nicht nur mit einigen Ausprägungen, bei denen es um religiöse Fragen geht. Es geht nicht um Reconquista oder Kreuzzug oder um Rache für Lepanto oder die dritte Belagerung von Wien, sondern um alles. Egal, was der Westen als Kultur hervorgebracht hat, vom römischen Tempel des Fruchtbarkeitskultes bis zum Weihnachtsmarkt: Man hat damit ein Problem, man sieht überall den Feind, und weil man ein Problem damit hat, darf man es mit allen Mitteln bekämpfen. Da sitzt so ein Ägypter in einem privilegierten, reichen, arabischen Land, in seiner eigenen islamistischen Filterbubble und könnte jedes islamistische Dasein leben, das ihm gefällt, ohne jeden Einfluss des Westens, Buchstabe für Buchstabe nach dem Willen des Propheten, fernab jeder Versuchung. Und dann geht er nach Paris und ruiniert als verhinderter Schwertkämpfer sein Leben und seine Gesundheit, um ein paar Bilder zu zerstören.

Das ist sehr schräg und totalitär, aber als ich das gelesen habe, hatte ich das unbandige Bedürfnis eines Bayern, mich in Lederhose und Miesbacher Jacke vor den Rechner zu setzen, grad aus Fleiss, und am nächsten Tag als Atheist für den Ägypter eine Kerze in einer richtig üppigen Barockkirche anzuzünden, ebenfalls gerade deshalb. Diese Leute meinen nicht uns als grenzenlose Kosmopoliten und Kinder der Aufklärung, die allen Gleichheit. Freiheit und Brüderlichkeit bringen, sondern eine ganz bestimmte, nur aus der Geschichte heraus erklärbare Zivilisation, die sie mehr als Einheit erkennen, als wir es selbst tun. Der Terror gegen die vergangene Kultur, so seltsam und entfernt sie auch uns heute erscheinen mag, stellt tatsächlich die Frage der Identität neu. Man kann sich diese Frage und die Art der Darbietung nicht immer heraussuchen, auch wenn sie sich natürlich angenehmer im Vortragssaal des Zentralinstituts für Kunstgeschichte besprechen lässt. Der Terror ist gerade dabei, Dinge zu vermischen, die für uns Gegenwärtige überhaupt nicht zusammen gehören. Er sieht Verbindendes, wo wir Gegensätze erkennen. Er empfindet Artefakte als wichtig, die für viele jede Bedeutung verloren haben. Vielleicht hat der Terror sogar mehr recht, als man zugeben möchte. Der Terror stösst uns mit der Nase drauf, auf das Christentum alter Schule, auf die Riten und Eigenheiten, die alten Überzeugungen und Verhaltensweisen, die gemeinhin nach all den Jahren des linken Mainstreams bei uns eher abgelehnt werden.

Es ist halt ein Unterschied, ob ich sage, dass meine Katze zu fett ist, oder ob jemand anderes das sagt. Es ist ein Unterschied, ob mir etwas obsolet erscheint, oder ein anderer denkt, es sei obsolet und müsste zerstört werden. Vielleicht, weil Kultur meist wehrlos ist und der Angriff auf sie so besonders feige, solidarisiert man sich damit auch ein wenig mehr, als man bei genauer historischer Betrachtung sollte. Vielleicht war man früher kein blinder Verteidiger der bestenfalls ambivalenten Zustände im Alten Europa, aber die auf uns gekommene Kultur ist das Beste, was entstanden ist, und macht die Identifikation doch erheblich leichter. Man fühlt sich verpflichtet, auch das Gute hervorzuheben, man möchte etwas gegen die pauschal negative Beurteilung ausdrücken, und man beginnt, historische Aspekte anders zu gewichten. Man fängt an, in Lorenzettis Madonnen mehr die Zuneigung denn die Auftragskunst zu sehen, und in Mona Lisa nicht mehr nur die Oligarchentochter, die in eine Zwangsehe verschachert wurde.

Das ist ein wenig so wie mit anderen, zu pauschalen Angriffen auf das eigene Land, egal ob Kaltland, Verehrung für Bomber Harris, die unsterblichen Lügen über das Oktoberfest, oder den plumpen Behauptungen, unsere Ausbeutung würden die Migrationskrisen auslösen und der Westen wäre schuld: Man will diesen Leuten nicht recht geben, weil man so dumm und unreflektiert nicht ist. Man argumentiert dagegen und schnell, sehr schnell, sagr man Dinge, die einen zu einem angeblichen Neuen Reaktionär machen. In Frankreich ist das ähnlich, da gibt es bei Intellektuellen viel Verständnis für die revoltierenden Jugendlichen in den Vorstädten. Wer das unter Berücksichtigung des islamistischen Terrors in Paris anders sieht, gilt schnell als Parteigänger von Le Pen. Und so entstehen neue, innerwestliche Konflikte über alte Kultur.

Der Kommunismus hatte seinen historischen Materialismus, um Kulturwissenschaftler zu vereinnahmen, und die Nazis ihr Ahnenerbe zum gleichen Zweck. Es gibt wirklich gute Gründe, sich beim Blick auf Zivilisationen eine gesunde Skepsis zu bewahren. Die Frage ist nur, ob man sich irgendwelchen Leuten unterwerfen möchte, die ihre bildungsferne Verblendung und abwägungsfreie Dogmatik für die einzig richtige Antwort halten – und wenn man das nicht will, kommt man nicht umhin, das Abendland zu verteidigen. Das Abendland macht es einem leicht, denn es ist, oberflächlich betrachtet, eigentlich ganz nett, höflich, relativ kultiviert und gibt einem inzwischen eine Art Heimat, in der sich gut leben lässt. Historisch gesehen erlaubt es auch eine gewisse moralische Flexibilität, die gar nicht so unangenehm ist, wenn man sie mit Dogmen der Invasionseinladung wie “No borders, no nations” vergleicht. Bei allem Schrecken der Geschichte konnte das Alte Europa schon das ein oder andere, und die Geschichte anderer Regionen ist auch nicht zwingend schöner.

Halb wird man dort so hineingeschoben vom Extremismus, halb saugt einen der süsse, glibberige Saft der Identität, etwas schleimig nach Romantik riechend, hinein. Man denkt sich ganz böse Sachen, etwa, dem Attentäter die Zelle mit Bildern aus dem Louvre zu tapezieren und Sonntag gefesselt und geknebelt zum Hochamt zu schleifen – den machen wir schon katholisch, sagt man in Bayern. Es gab eine Zeit, da konnte man sich einen Standort unter vielen reflektierend heraussuchen. Heute hat man es mit Leuten zu tun, die einem nur noch zwei Optionen lassen. Das könnte sich schon bald in den Niederlanden und Frankreich für viele bitter rächen, aber, auch das merke ich, wenn ich solche Nachrichten über die neuen Ikonoklasten lese:

Ich würde zuerst einmal selbst gern auf meinem erhöhten Söckelchen stehen bleiben. Das ist Arbeit genug, mein Mitgefühl brauche ich daher für mich allein und all die hübschen Bilder, die andere gern zerstören würden. Und die man, wie man in Nürnberg noch bis zum 5. März so schön sieht, eigentlich auch sehr positiv und menschenfreundlich einsetzen kann, wenn man nur will.

Und ganz unter uns: Ars longa, aber Vita so eines Attentäters reichlich brevis.

23. Feb. 2017
von Don Alphonso
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19. Feb. 2017
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Die deutsche Entbuntung im Urlaub

Es gibt verschiedene Kulturen, aber nur eine Zivilisation: Die europäische.
Kemal Atatürk

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Deutschland ist bunt. Und der Islam gehört zu Deutschland. Gleichzeitig ist Deutschlands Rolle in der Welt wichtig, und wird um so wichtiger, je protektionistischer und globalisierungsfeindlicher die USA unter Trump werden. Es gibt zwar, das ist unbestritten, ein paar Probleme beim Thema Integration, es gibt ab und zu regionale Nachrichten ohne überregionale Bedeutung, aber selbst Terror muss, sollte, darf man heute als Teil der allgemeinen Lebensrisiken ansehen. Lernen sie mal Flüchtlinge kennen, sagt die Regierungschefin, und außerdem: Wir schaffen das. Das hier ist nicht sehr bunt, nur weiss und blau, das ist der Blick von der deutschen Südgrenze hinein nach Österreich.

Das ist ohne jede Frage hübsch, ein Bild wie aus dem Reiseprospekt, und ich darf an dieser Stelle auch sagen, dass es im Rundumblick so schön bleibt. Hier stossen zwei wenig bunte Ferienregionen aneinander, das bayerische Oberland und Tirol. Zwei Ferienregionen, die etwas altbacken und nicht wirklich bunt wie Mallorca oder die bulgarische Schwarzmeerküste sind: Der frühere Prominentenurlaubsort Bayerischzell kann mit Dubai nicht mehr konkurrieren. Die steuerlichen Vorteile bei der Vererbung in Österreich, für die man da drüben, gern am Achensee, einen festen Wohnsitz braucht, kennt auch nicht jeder, sondern nur eine bestimmte weisse, vermögende Schicht. Es ist eine Urlaubsregion mit grosser Vergangenheit, als sich noch nicht jeder Urlaub leisten konnte, und die Wege in die Ferne beschwerlich waren: Dort unten wanderten Erzherzöge und Kaiser, es malte August Macke und es schrieb Thomas Mann. Auch Heinrich Himmler erlag dem Charme der Landschaft, als er noch in der Geflügelzucht arbeitete. Drüben am Achensee verkehrte ein Schaufelraddampfer, der Gäste zu einem Grand Hotel ganz hinten zur Sommerfrische brachte. Die grosse, mondäne Welt des alten Europa, mit ihren Brüchen und Abgründen, sie begann mit dem Urlaub hier in diesen Bergen um 1820, und hielt sich bis in die 70er Jahre, als Gunter Sachs dort unten rauschende Feste feierte.

Damals wurden Flugreisen billig, der deutsche Normalbürger konnte sich dank der starken DM längere Auslandaufenthalte leisten, und so bracht er auf in die Welt. Zuerst ging es mit der Horex und dem Käfer Cabrio auf der Landstrasse nach Jesolo, Mutige wagten sich bald mit der S-Klasse bis nach Sizilien, und mein Onkel, dessen alter Bauernschrank da unten in meiner Wohnung steht, durchquerte noch mit dem Renault abenteuerlich die Sahara, die man heute problemlos mit geführten Touren entdecken kann. Die Welt war gross und weit und schrumpfte dann zusammen. Meine Abiturreise nach Kalifornien war noch etwas Besonderes. Heute fliegt man dort schnell zum Coworking hin. Bergwandern am Tegernsee verkam zu einer Wochenendbeschäftigung älterer Münchner, während schlaue, junge Menschen nachrechneten und erkannten, dass man für den Preis eines bayrischen Käsestücks an der türkischen Riviera ein ganzes Frühstücksbuffet bekommt. Mit Meer und Sonne und Wärme anstelle eines kalten Sees in den Bergen. Und der Flug dauerte auch kaum länger als die Anreise in die Berge auf der verstopften Salzburger Autobahn,

Billige Flugzeuge mit staatlicher Unterstützung, billiger Sprit dank Fracking und staatliche Förderung der Flughäfen machen es möglich. Obwohl ich hier oft nur mit dem Rennrad unterwegs bin, kostet mich eine selbst organisierte Transalptour mit gutem Essen in sechs Tagen mehr als eine günstige, einwöchige Pauschalreise in die Türkei mit Flug. Globalisierung lebt von solchen enormen Preisunterschieden, und deshalb importieren wir billig Unterhaltungselektronik wie Kameras und Laptops aus China, um damit im Billiglohnland Türkei Urlaub zu machen und die Bilder mit der billigen Elektronik nach Hause zu schicken. Wenn ich auf einem Rad, dessen Teile vor allem aus Europa stammen, durch die Berge radle, fühle ich mich schon manchmal wie der letzte, langsame Saurier in einer von wieselartigen Kleinsäugern übernommenen Welt. Warum, wurde ich beim Kauf meiner Wohnung hier gefragt, fährst du mit dem Geld nicht einfach in Urlaub? Jeden Winter auf den Sinai, Frühling in Tunesien oder Marokko – niemand muss in meiner gesellschaftlichen Stellung monatelang durch den Schnee stapfen.

Als ich vor 10 Jahren beschloss, hierher zu ziehen, sah ich in den Schaufenstern der Banken Angebote für die Palmeninsel und neue Suiten in Dubai, und ganz versteckt offerierte man auch Wohnungen am Tegernsee. Heute kenne ich niemanden mehr, der nach Dubai reist. Ich weiss von einem Fall einer Tochter, die wirklich nach Ägypten reiste, obwohl ihre Eltern ihr angeboten haben, andere, sichere Destinationen freiwillig zu bezahlen. Das ist alles nur anekdotisch, es sind Einzelfälle und keine Wissenschaft. Aber nun gibt es auch eine Untersuchung, und die spricht davon, dass das Reich unseres Menschenrechtspartners Erdogan inzwischen in der Gunst der Deutschen noch hinter Österreich liegt. Unser kleines Nachbarland, das früher einmal zum Herzogtum Bayern gehörte und eigentlich noch immer von bayerischen Leibeigenen bewohnt wird, dieser bergige Vorbalkan – erfreut sich mehr deutscher Zuneigung als das nachbalkanische Riesenreich mit Sonne, Meer und Tributmilliarden der EU als Dank für den Flüchtlingsdeal.

Noch deutlicher werden die Österreicher selbst. Auch dort nehmen die Reisen in die Türkei drastisch ab und werden vor allem von jenen gebucht, die sich von den extrem günstigen Preisen angesprochen fühlen. Das ist doch etwas erstaunlich, weil der Deutsche laut Medienberichten nun nicht nur der Führer der freien Welt sein soll, sondern auch mannhaft weiss, dass der Terror auch in Deutschland alternativlos unvermeidlich ist, und das Risiko desselben in der Türkei immer noch geringer als das Risiko des Strassenverkehrs ist. An Erdogans Politik kann es eigentlich auch nicht liegen, denn gerade heute tritt sein Freund Yildirim in Oberhausen vor einer entfesselten Anhängerschar auf – solche Gruppen hat man in der Türkei und daheim in Deutschland, das macht eigentlich keinen Unterschied. Betrachtet man das alles so rational wie ein Beitrag der Zeit zu den Nachteilen des Valentinstages, muss man zum Schluss kommen: Die Türkei ist auch bunt. Terror gehört nun mal dazu. Sie ist nicht diktatorischer als Dubai oder Saudi-Arabien oder Tunesien vor dem Umsturz, Es gibt keinen ernsthaften Grund, die Globalisierung durch Tourismus abzubrechen, als wäre man ein Trumpanhänger, der lieber America first denkt und buy american, hire american sagt. Warum nur, warum, warum, warum sieht das Google-Autocomplete bei der Recherche dann so aus?

Der Deutsche hat, auch wenn man nicht offen darüber spricht, Angst. Sorgen. Er mag nicht zugeben, dass er ein besorgter Bürger sei, denn das kann einem den Job kosten. Aber er ist fraglos ein besorgter Urlauber. Die Türkei fällt, Österreich steigt. Es steigt auch Deutschland, namentlich Bayern, in der Gunst der Reisenden. Ich sehe es in der Untersuchung bestätigt, dass mehr Berliner ihre bunte Stadt Richtung Ostsee verlassen, obwohl dort eigentlich Dunkeldeutschland liegt und nach der Wahl in Mecklenburg geschworen wurde, man würde da nie wieder hin fahren. Die einen sind öfters in der Nähe von Prora und Peenemünde, wo die Naziruinen stehen, und andere kommen zu uns, wo das Hotel steht, in dem der sogenannte Röhmputsch stattgefunden hat. Deutschland ist bunt, sagt man, aber Urlaub macht man dort, wo man das nicht wirklich glaubhaft behaupten kann. Langsam zieht sich der Reiseweltmeister wieder in sein angestammtes Territorium zurück, es reicht ihm, was schon seinen Grossvater ergötzte. Es gibt bei uns nicht allzu viel. Berge, Seen, Wälder, Almen, ein paar Barockkirchen und Kleidung, mit der man sich jenseits meiner Heimat als Dunkeldeutscher mit Hang zu identitärer Ideologie verdächtig macht.

Auch die Ernährung bei uns entspricht jetzt nicht unbedingt den Vorgaben, mit denen die deutsche Umweltministerin aufwartet. Es gibt eine Tendenz, dem türkischen Staat den Rücken zu kehren und sich dort zu erholen, wo nach gängiger Sichtweise Reaktion und Fortschrittsfeindlichkeit in Deutschland daheim sind. Die AKP wirbt für die gute, alte Zeit des osmanischen Grossreichs, und das Tourismusmarketing in Bayern mit der zeitgleichen, heilen Welt des Prinzregenten. Das eine gefällt Türken, weshalb sie in Deutschland nationalistische Flaggen hissen und in der Türkei Büros der Opposition stürmen. Das andere gefällt Deutschen, die sich nicht daran stören, dass man in den Tourismusorten demokratisch CSU-Schwarze, Freie-Wähler-Schwarze und Bürgerlisten-Schwarze wählen kann, oder Grüne in Janker und Dirndl. Deutschland mag ein Einwanderungsland sein und der Islam mag zu Deutschland gehören, aber Urlaub, die schönste Zeit des Jahres, verbringt man wieder mehr bei einer Kultur, die, ob man sie nun mag oder nicht, nur bei den Farben der Pralinen, den Dirndln und den Feiertagsgewändern der Hochwürden bunt ist. Und die Türken reisen gern in die Türkei.

Es gibt da also eine gewisse Diskrepanz zwischen dem allseits gewünschten Ideal von Buntheit und Multikulti und den Entwicklungen im Freizeitverhalten der Deutschen. Es geschieht nicht schnell, es kommt langsam, jedes Jahr finden mehr Landeskinder zurück an den Busen der Heimat und der angrenzenden Gebiete, und manch einer wird auch sagen, er folgt nur den Spuren der Kanzlerin der offenen Grenzen, die bekanntlich Südtirol sehr schätzt. Mancher wird auch sagen, dass die Fliegerei ein Verbrechen ist und reduzierter Kerosinverbrauch die Lage der Menschen im Nigerdelta bessert, wo böse Ölkonzerne das Land ausbeuten, und was dergleichen gute Erklärungen mehr dem Wanderer zwischen Berg und Tal kommen mögen.

Man braucht für alles eine gute Erklärung, will man nicht wie Trump als plumper Nationalist erscheinen. Das tut man nicht, denn der Deutsche ist Romantiker, und deshalb lieber in Einklang mit der Natur denn im Dissens mit der Autobombe. Technisch gesehen ist das Ausweichen in die Berge auch kein echter Muslim Ban, denn selbstverständlich könnte jeder Muslim gern nachkommen, ein Dirndl kaufen und ein züchtig-bayerisches Kopftuch, und auch hier auf Almen steigen. Damit bleibt Deutschland auch an den Gipfeln theoretisch bunt, und da unten, weit hinten unter den Wolken, schreitet auch die Integration sicher voran, während man den wohlverdienten Urlaub der Bunten und Gerechten geniesst.

19. Feb. 2017
von Don Alphonso
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14. Feb. 2017
von Don Alphonso
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Mit Krieg und Hummer gegen die Verschwendung

Hinsetzen!
August Stierhammer

Es gibt entsetzliche Arbeiten, auch im Journalismus. So wurde vor Kurzem bei einem Jugendportal dem dortigen Zielpublikum – links, Abitur allenfalls Berliner Güte und immer schnell beleidigt und empört – erklärt, warum momentan Gemüse im Supermarkt so teuer sei. Mit einfachem Deutsch und ohne Schreikrampf, den ich in solchen Fällen bekommen würde. Denn das Gemüse ist momentan nicht teuer. Es gibt in Supermärkten kein teures Gemüse. Gemüse ist in Supermärkten immer zum minimalen Preis im Angebot, wie eigentlich alles, ohne Rücksicht auf Bauern, Geschmack, Transportwege und Qualität. Gemüse ist so billig wie möglich, und momentan so billig wie möglich angesichts der Ernteausfälle in Spanien. Nur weil es teurer ist, bedeutet das noch lange nicht, dass einer der modernen Sklaven aus Schwarzafrika, der in Südspanien, Ägypten oder Sizilien auf den Plantagen schuftet, mehr Geld bekäme. Es ist so teuer, wie es ist, und wenn der Sklave dem System entgeht und genug gespart hat, sucht er sich einen besseren Ort. Das billige Gemüse und seine Arbeitsbedingungen – und nicht etwa Waffenexporte – treibt Schwarzafrikaner innerhalb Europa nach Deutschland.

Und dort wird es dann wirklich teuer. Aber diese Leute, die jetzt für den Salat im Winter 2 Euro zahlen müssen, haben keine Ahnung mehr, was teuer ist. Früher, in Friedenszeiten, war jetzt die Zeit, in der Essen generell teurer wurde, denn langsam gingen die im Herbst angelegten Vorräte zur Neige. Im Spätwinter gingen die Preise nicht wegen längerer Transportwege nach oben, sondern weil die Nachfrage begann, das verbleibende Angebot des Mangels zu übertreffen. Die Menschen hungerten und starben nicht ganz selten. Bei Missernten starben sie dann auch im Sommer. Das ist, im Gegensatz zu dem, was heute landläufig als teuer gilt, ein hoher Preis für Nahrungsmittel.

Weshalb die alten Leute früher immer, wenn die Kinder etwas wegen abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum ablehnten, vollkommen zurecht sagten, sie hätten noch keinen Krieg mitgemacht. Krieg ist – für die Jüngeren erklärt – so etwas ähnliches wie Veganismus, nur nicht so empfindsam: Man lernt, mit einem deutlich begrenzten Angebot auszukommen, nur ohne sich bei einem Bürgermeister über fuchsfeindliche Lieder zu beschweren. Im Krieg konnte man an Mangelernährung sterben, also wurde Essen fundamental wichtig, geschätzt, und auf gar keinen Fall weggeworfen. Man orientierte sich am Vorhandenen, und so möchte man den Nachgeborenen einfach die Weisheit mitgeben: Wenn dein Geld für Erdbeeren und Tomaten im Moment nicht reicht, halte dich an haltbare, heimische und dauerhaft verfügbare Kartoffeln, selbst eingelegtes Kraut und kühl gelagerten Kürbis, Karotten und Steckrüben. Früher ging das nämlich auch nicht anders, da musste man im Winter Milch konsumieren, auf der sich schon der Käse gebildet hatte, und Eier, die wegen der Lagerung in Kalkwasser geschmacklos geworden waren. So war das. Dank Deim Herrgod, du blahde Blunzn, dassd zum Subbama

Man sieht, herkunftsbedingt und durch die generationenübergreifende Prägung der besseren Kreise wäre ich nicht wirklich befähigt, nachkommenden Generationen vertiefend zu erklären, dass sie sich in einer historisch einmalig privilegierten Situation unseres gemüsesklavenhaltenden Kulturkreises befinden, da sie nicht arbeiten müssen, Jugendportale besuchen können und dennoch nicht, wie es früher normal gewesen wäre, der natürlichen Auslese zum Opfer fallen. Es fehlt der Jugend der historisch tradierte Erfahrungshorizont schlechter Zeiten – hätten sie ihn, verstünden sie, warum man früher das Brot bekreuzigte und genau das konsumierte, was da war – weil sonst nämlich nichts anderes da war, und der Hunger eine wirkliche Lebensgefahr und nicht nur krankhafte Magersucht für krankhafte Schönheitsideale war. Solange diese Leute nicht auf die harte Tour lernen, wie teuer Essen wirklich sein kann, werden sie es auch wegwerfen. Ich schlage das hiesige Anzeigenblatt auf und lese: Ein Pfund Hackfleisch 1,68 Euro.

Man kann in Deutschland ein Pfund von einem Lebewesen wegwerfen, für den Betrag einer durchschnittlichen Tüte Kartoffelchips. Das ist das Bewusstsein, in dem weite Teile der Bevölkerung aufwachsen, wenn sie selbst kochen. Andere Teile halten sich EU-Fahrradsklaven, die daheim keine Arbeit finden und für den Mindestlohn Essen durch den Matsch und den Strassenverkehr zu ihnen bringen, damit sie am Schreibtusch essen können und dort lesen, Gemüse sei gerade sehr teuer geworden. Vielleicht wäre es für solche Leute einmal interessant zu erfahren, was Essen wirklich kostet, wenn es so entsteht, wie sie es gern hätten. Also vor einer Traumkulisse in den Sarntaler Alpen, in frischer Höhenluft und ohne Zwischenhandel, direkt vom Produzenten zum Konsumenten. Denn für 25 Euro bekommt man im Supermarkt im Winter 2 Kilo Bananen, 2 Kilo Orangen, ein Pfund Hack und ein Pfund Gulusch, Zwiebeln, Reis, Nudeln, ein Brot, ein Netz Semmeln, und ein Kilo von etwas, das man dort als Frischkäse bezeichnet. Will man aber so essen, wie es nach übereinstimmender Meinung der rotgrünbiobewegten Billiggemüsesklavenprofiteure und meiner Klasse üblich ist, gäbe es dafür aus dem Sarntal 250 Gramm Bergkäse wie unten, 6 Monate gereift, und die 4 Kaminwurzen oben. Sonst nichts, auch kein Messer und keinen Teller gratis dazu. Das ist gerade so viel, dass der Bauer im Sarntal im Direktverttrieb davon leben kann. So wie früher auch.

Es wäre für die Menschen, die genau auf den grünen Biopunkt achten, mal ein spannendes Experiment, eine Woche, nur eine einzige Woche, genau das zu bezahlen, was sie im Supermarkt ausgeben, nur eben für echte Lebensmittel echter Erzeuger ohne Massentierhaltung, landschaftszerstörender Agrarbetriebe, Ausbeutung, umweltschädlichen Transport und Zwischenhandel. Sie würden nach 2 Tagen mit jenem Hunger ins Bett gehen, den ihre Vorfahren nur zu gut kannten, und nach 4 Tagen um eine Hirsesuppe betteln, wie ihre Vorfahren. Samstag würden sie für aufgekochte Kartoffelschalen dankbar sein, und am Sonntag würden sie in die Kirche gehen, nur um eine Oblate zu bekommen. Das hätte zwei angenehme Nebeneffekte: Sie wüssten, was das Essen wirklich kostet. Und sie würden eventuell nachdenklicher einkaufen, damit sie nicht mehr so viel wegwerfen. Das Wegwerfen haben die Alten nach der schlechten Zeit nämlich überhaupt nicht mehr ertragen, und egal ob Hipster oder Volksgenosse: Hunger, echter Hunger tut nach fünf Tagen immer gleich weh.

Das ist, weil wir in der Oligarchie leben, natürlich etwas ungerecht, denn es benachteiligt die Billiggemüsefreunde und nicht gerade die Oberklasse, die sich durch Luxuseinkäufe beim Essen definiert. Aber auch da, denke ich, könnte man erfolgreich auf den Schockeffekt setzen. Das hat nämlich bei der P. bei uns daheim ganz famos funktioniert, und dazu braucht man nicht mehr als einen frischen Hummer aus Paris. Die Familie P., deren Oberhaupt seine familiäre Firma verkauft hatte und danach Gelegenheit fand, sich auf seinem Arztsessel anderweitig zu bereichern, wurde nämlich in den wilden 70er Jahren von einem Pharmakonzern nach Paris eingeladen. Dazu gehörte auch ein Einkaufsbummel für die Frauen, die sich nehmen konnten, was sie wollten. Die Firma zahlte. Und die Frau P. entschied sich dabei unter anderem für einen Hummer. Einen riesigen Hummer, der ihr am letzten Tag dann tot und gut gekühlt überreicht wurde.

Aber wie das eben so war, im damaligen Leben unter den Schönen und Reichen, hatte ihr Mann daheim wenig Lust, sich mit der Post zu beschäftigen, und schlug vor, doch noch ein paar Tage in den Bergen dran zu hängen, wo es die obigen Bergkäsetopfenpflanzerl gibt. Aufgrund diverser Missverständnisse jedenfalls dachte Frau P., es reichte wie üblich, wenn sie den Hummer und alle anderen Trouvaillen in den Gang stellte, während ihr Mann bereits der Haushaltsführerin fernmündlich abgesagt hatte. Danach fuhren sie nach Tirol, hängten noch eine Woche dran und…

Also, die Frau P. ist heute alt und ihr Mann ist tot, die Villa wurde abgerissen und durch hochgeschachtelte Hundehütten ersetzt, die heute auch in guten Vierteln leider beliebt sind. Vielleicht habe ich die Geschichte sogar ein wenig verändert, weil sie schon schaurig ist und ich keinem übel nachreden möchte, aber die wahre und historisch belegte Kombination aus totem Hummer, etlichen anderen Spezialitäten und zwei Wochen Fussbodenheizung fügten dem Wohlgeruch des grossen Pharmageldes im Hause P. eine ungeahnte Note hinzu, die auch mit frisch geweissten Wänden nicht zu beseitigen war. Die P.s konnten danach nie wieder Hummer essen, und das alles war so ein unvergessliches Ereignis, dass die P. von da an deutlich mehr an den Dingen des Haushalts interessiert war.

Vielleicht also könnte man Arme zwingen, eine Woche wie ihre Vorfahren mit den wahren Preisen des Essens zu leben, damit sie den Wert desselben kennen, und die Reichen, den Verwesungsvorgang eines Riesenhummers in ihrer beheizten Halle zwei Wochen zu begleiten. Danach wäre wieder mehr Bewusstsein für das da, was zwischen unseren Sklaven, dem Supermarkt, dem Kühlschrank und der Mülltonne alles passiert, und alle würden Lebensmittel wieder so schätzen, wie es der Anstand befiehlt. Natürlich sind das drastische Massnahmen, aber historisch betrachtet weitaus weniger drastisch als die Bigotterie, mit der die Tränen der von Supermarktgemüsepreisen geschockten Kinderlein unserer Wegwerfgesellschaft getrocknet werden.

14. Feb. 2017
von Don Alphonso
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10. Feb. 2017
von Don Alphonso
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Die klassenkämpferisch benutzbare Betsy DeVos

Si vis pacem, cole iustitiam.

Betsy DeVos hat alles, um zu einer festen Grösse in den deutschen Medien zu werden: Eine Herkunft aus dem ultrareligiösen Milieu des amerikanischen Mittelwestens. Einen Vater, der mit einer Zulieferfirma für amerikanische Spritfresser Milliardär wurde. Ein Leben in Reichtum und in einem Clan, in dem es in ihrer Generation weder auf Leistung noch auf schulische Erfolge ankam, und der die Republikaner förderte. Sie hat einen extravaganten Kleidungsstil, der für hohe Erkennbarkeit sorgt. Und einen Pakt mit dem Teufel Donald Trump persönlich, für den sie das Erziehungsministerium leitet. Außerdem machte sie beim Grillen vor Parlamentariern eine schlechte Figur und bekam sogar Gegenstimmen von Republikanern. Sie vertritt kreationistische Ansichten und will mehr sogenannte Charter Schools einführen, die gewinnorientiert arbeiten. Sie können auch von christlichen Fundamentalisten betrieben werden, die dafür Geld vom Staat bekommen, was die Trennung zwischen Staat und Kirchen in den USA aufweicht.

Kurz, sie ist eine ganz schreckliche Person und auch keine Feministin. Tränke sie Jungfrauenblut aus Robbenschädeln, könnte ihr Ansehen bei deutschen Medien kaum schlechter sein. Und über den Umstand, dass Deutschlands liebster Präsident Obama ebenfalls Charter Schools förderte, muss man nicht gross reden. Übrigens war auch der Vorgänger von Devos, John King, klarer Verteidiger der Charter Schools. Und auch dessen demokratischer Vorgänger Arne Duncan leitete kurz vor seinem Rücktritt noch einen dreistelligen Millionenetat in das umstrittene Projekt, obwohl sein eigenes Ministerium eine Studie über die miserable Qualität dieser Schulform vorliegen hatte. Es geht in der deutschen Berichterstattung etwas unter, aber das Thema ist nicht nur republikanisch, weil es eine Privatisierung einer staatlichen Leistung verspricht. Es ist auch teilweise demokratisch, weil in strukturschwachen Regionen die Bundesstaaten beim Unterhalt der Schulen versagen, und dort die in den USA nicht immer geliebte und politisch einflussreiche Lehrergewerkschaft sitzt, während Charter Schools ihre Mitarbeiter auf dem freien Markt einkaufen, und nicht zwingend die schlechtere Alternative sind. Eigentlich waren Charter Schools zuerst eine Idee liberaler Strömungen, und die meisten gibt es im liberalen Kalifornien. Aber diese komplizierten Debatten und Details würden nur stören.

Speziell in meinen Kreisen, vielleicht weniger in Bayern, aber in Berlin und anderen Entsprechungen des amerikanischen Rust Belts, wo es wirklich in den Schulen brennt und nicht nur, wie bei der früheren Klosterschule gegenüber, wenn jemand ein paar Buden im Schulhof anzündet. Bei uns kann man Schüler noch guten Gewissens in normale, staatliche Gymnasien schicken, von denen es derer zwei wirklich gute Einrichtungen gibt: Das humanistische Gymnasium im Norden der Altstadt und die ehemalige Oberrealschule im Süden der Altstadt. Zwischen diesen beiden Eliteschulen liegt abgrundtiefer Hass, und die besseren Familien lassen sich im Mannesstamm über Generationen an den Schulen festmachen. Vor dem Krieg galten die Humanisten mehr, aber mit dem Aufstieg der Industriestadt begannen die Oberrealschüler, die Stadt und die Wirtschaft zu übernehmen, und heute wird sogar die FAZ von meiner Schule beliefert, so haben wir das Reuchlin in die Bedeutungslosigkeit getrieben. Dazwischen sind die beiden früheren Mädchen- und Höhere-Töchter-Schulen, die inzwischen für alle offen sind, die es bei der Elite nicht schaffen. In Bayern wird noch richtig gesiebt, da kommen schon die Richtigen am richtigen Ort zusammen.

Im Bild etwa vor meinem Haus gegenüber der Klosterschule eine Mutter, die weiter vorne nicht rückwärts einparken kann und deshalb lieber meine Feuerwehrzufahrt zuparkt: Genau so kennen wir die Höhere-Töchter-Schule, die können das alle, auch in meinem Clan. definitiv nicht. Aber wie auch immer, es fand bei uns jeder sein Platzerl und bei den Mädchen wurde nachgeholfen, indem sie vor dem Abitur erfuhren, aus welchem Leistungskurshalbjahr die schriftliche Prüfung genommen wurde. Der C., der inzwischen einen Formel-1-Rennstall leitet, fragte bei uns, ob wir das auch erfahren werden, weshalb es Verwicklungen zwischen den Schulen gab, über die man heute noch spricht – aber wenn eine Apothekertochter die Apotheke übernehmen wollte, bekam sie auch das Abitur. So wollte es das Gesetz. Und wenn es das Gesetz nicht wollte, musste man entweder besonders dumm sein oder etwas ausgefressen haben, denn die heute gängige Fehleinschätzung, einfach nur schlecht erzogene, depperte Bratzen litten hochbegabt an ADHS, gab es bei uns nicht. Nur die wirklich Dummen und diejenigen, die mehr als nur Vaters S-Klasse ohne Führerschein zu Schrott gefahren hatten und deshalb besser eine Weile versteckt werden mussten, verschwanden. Und wurden in Privatschulen, meist kirchlicher Natur, gesteckt.

In meinem Umfeld gab es da nur zwei, einen echten Hundskrüppel – heute würde man Mobber sagen – und eine Arzttochter, die wirklich viel Betreuung brauchte und inzwischen eine gute Ärztin ist. Skandale waren das trotzdem, denn damals war man der Überzeugung, dass eine Familie das Abitur ohne Privatschule schaffen musste, komme an Mathematiklehrerbestien und Physikpsychopathen, was wolle. Wenn Kinder in Privatschulen mussten, war das ein Makel für den ganzen Clan. Das hat sich inzwischen geändert, was viel mit der demographischen Entwicklung und dem Abbau des Abiturs in Norddeutschland zu tun hat: Viele Kinder von Bekannten, die es nach Berlin verschlug, sind ganz selbstverständlich in Privatschulen, weil die öffentlichen Schulen einen unterirdisch unterbayerischen Ruf haben. Clans zahlen das Aufgeld gerne, um sich daheim nicht dumme Sprüche anhören zu müssen. Aber das sorgt natürlich in Berlin wiederum für soziale Spaltung mit jenen, die sich eine Privatschule nicht leisten können. Die einen möchten möglichst ein hohes Niveau und einen Startvorteil für ihre Kinder, die anderen – nun, die anderen sagen, dass das Kind zwar in einer öffentlichen Schule ist, aber in einer Gutenschuleausrufezeichen. Was bedeutet, dass sie um die klägliche Natur des Staatssystems wissen, um die Randerscheinungen des bunten Deutschlands und das stetig nach unten angepasste Niveau, aber dennoch überzeugt sind, ihr Kind habe da noch die bessere Ecke erwischt, neben den schlechten, die es auch noch gibt.

Ein jeder blickt gern mit einem gewissen Grusel nach unten im Gefühl, seinem Kind das Beste zu geben, aber leider gibt es in Metropolen des Nordens etwas, das wir in Bayern überhaupt gar nie nicht kennen: ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, das eigentlich eine klassenlose, bunte, integrative, inklusive und auf Förderung ausgerichtete Gesellschaft der Gleichstellung fordert,  statt sich damit abzufinden, dass kein Knecht kein Bauer nie nicht werden kann. Dieses System funktioniert natürlich angesichts der Gier jener Menschen nicht, die ganz selbstverständlich ander Leute Bundesfinanzausgleich verprassen, es gibt auch dort ein Oben mit Privatschule und ein Unten mit Stadtschule. Wichtig ist es dort, nach Oben Verachtung zu zeigen, und bislang war die Elite mit Meinungsmachern der öffentlich-rechtlichen Millionärskaste, mit Funktionären des Staates und der ganze Entourage in einer misslichen Lage: Über ihnen war nichts mehr, was sie als sozial ungerecht kritisieren konnten, wenn ihre eigenen Kinder in eine mit EU-Mitteln überfinanzierte Privateliteschule mit vorgeblich balkanintegrativem Konzept geschickt wurden, bevor es nahtlos zum Praktikum in den Sender des Vaters ging, zum Entzücken der feministischen Mutter.

Aber jetzt gibt es Donald Trump und Betsy DeVos und ganz schlimm, den Verdacht, sie könnten das öffentliche Schulgeschäft abschaffen, es komplett privatisieren, es Kreationisten überlassen und letztlich ganz ruinieren. Natürlich sind deutsche Kinder auf Privatschulen, die in den letzten Jahren einen Boom wie in Amerika aufzuweisen hatten, und vermutlich auch von der Auflösung der Willkommensklassen profitieren werden. Aber so etwas wie in den USA, können jene Eltern nun sagen, will man auf gar keinen Fall. Ja um Himmels Willen! Gut, dass Privatschulen in Deutschland so stark reguliert sind, werden sie sagen, und dass der Staat mit Argusaugen über sie wacht. Man will auf gar keinen Fall solche Zustände wie in den USA, wo das System nachgerade pervertiert wird. Das ist für doe Ärmeren ein enormes Risiko, das hätte sicher auch bei uns dramatische Folgen. Das muss, zum Wohle der Ärmeren, bei uns verhindert werden, dagegen muss man mit allen Mitteln solidarisch vor dem Brandenburger Tor demonstrieren. Natürlich hat man gerade geerbt, natürlich verdient man gut – aber das heisst nicht, dass man auch nur mit einer einzigen Faser des Gehirns irgendetwas, das DeVos und Trump zu tun beabsichtigen, befürworten würde. Kurz, die Spitzen der nichtbayerischen Restgesellschaft haben endlich etwas gefunden, das auch sie selbst vehement und mit aller Kraft sozial gerecht ablehnen können, ideologisch Seit an Seit mit jenen, deren Kinder nicht von den Jesuiten gedrillt werden.

Hat man einen gemeinsamen Gegner, den man ablehnen kann, muss man auch gar nicht weiter überlegen, ob nicht vielleicht das deutsche Schulsystem, möglicherweise, in gewissen Regionen, dem verhängnisvollen Weg des amerikanischen Schulsystems folgt, dessen Probleme erst zu der Idee der Charter Schools führten. Ab und zu hörte man auch unter Obama von der Überforderung der Lehrer durch aufsässige und lernresistente Schüler, von Schulausfällen und dem Umstand, dass in armen Kommunen einfach auch die Schulen arm und schlecht ausgerüstet waren, aller staatlichen Ausgleichsbemühungen zum Trotz. Was ich immer wieder aus Berlin höre – dass Eltern selbst in Erziehungseinrichtungen einrücken, um Schäden zu beheben – hörte man früher nur ab und zu aus Amerika, und fand es bei uns… wie soll ich sagen… unser Hausmeister war früher bei der Bundeswehr, da war einfach nichts kaputt und wer etwas kaputt machte… also, wir standen zu Beginn der Stunden auch noch auf, Hände an die Hosennaht, und hatten keine Gruppen und Teams, bei uns war das noch Frontalunterricht, Noten gab es in der ersten Klasse und… also, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Bei uns war alles piccobello sauber. Immer. Aber wie auch immer, die Grünen finden CETA plötzlich gut, weil Trump das TTIP beerdigt, und elitäre Eltern des deutschen Rust Belts können nun endlich wieder gleichgestellt mitschimpfen auf die entsetzlichen Pläne, die in Amerika unter Trump bei den Schulen gefördert werden, und die hochheilige Trennung von Staat und Kirche aufweichen. Denn die Kirchen haben zu viel Macht, und sie haben selbst eine bewusst atheistische Hochzeitsfeier in Berlin gemacht.

(Die Trachtenhochzeit daheim am Tegernsee in der Barockkirche Gmund war nur für die Daheimgebliebenen, denen versichert wurde, dass die Jesuiten in Berlin kreuzkatholisch nach bayerischen Grundsätzen das Abitur herbeiführen)

10. Feb. 2017
von Don Alphonso
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07. Feb. 2017
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Das Patriarchat steckt Tiere in den Mixer

Eine Geschichte aus der guten, alten Zeit des echten Wirtschaftswunders

Als gute Hausfrau habe ich nicht einfach eine teure Küchenmaschine gekauft, sondern zuerst einmal gefragt, was denn angemessen sei. Gefragt habe ich vor allem ältere Hausfrauen mit viel Erfahrung, und immer wieder wurde mir erzählt, dass sie zur Hochzeit oder selbst erspart ein Gerät der Firma Braun erhielten. Das tut jahrzehntelang seinen Dienst, ist unzerstörbar und wird auch von Kindern begehrt, die es sich dann aber selbst beschaffen müssen. Also bestellte ich im Internet eine gebrauchte Braun KM-3 der allerersten Generation, gebaut 1957 und verkauft zu einem Preis von 230 Deutschen Mark – ein durchschnittlicher Arbeiter verdiente damals 200 DM pro Monat – für lächerliche 2% meines Monatslohns. Mit Porto.

kmd

Ich bin eben eine gute Hausfrau, auch wenn die Ursache nicht gerade schmeichelhaft ist: In meiner Familie herrschte die – sich nachher als zutreffend herausstellende – Überzeugung vor, dass Leute wie ich ohnehin keinen lebenslangen Partner finden würden, und daher nicht auf die Dienste einer Frau zugreifen könnten. Deshalb wurden mir neben den typisch männlichen Fähigkeiten wie Radreparatur, Heizungentlüften und Nageleinschlagen, wegen derer ich bei Frauen heiß begehrt bin, auch Haushalt und Kochen beigebracht, weswegen ich bei den meisten Frauen in der Epoche der Tütensuppen und Microwellen ebenfalls begehrt bin. Bisher kam ich eigentlich immer ohne Küchenmaschine aus – was zu gross war, wie etwa Gemüse für Suppen, kochte oder schnitt ich eben klein. Ausserdem habe ich kleine Handraspeln und Reiben aus Messing, mit denen ich gut umgehen kann, und als Single reicht das normalerweise. Aber ich wollte nun mal auch eine Küchenmaschine, und was soll ich sagen: Die KM-3 ist laut, brutal und macht alles, was man ihr hineinschiebt, in Windeseile nieder. Schluss mit dem Kochen und Häuten von Tomaten, hinein in den Mixer für eine Minute, und nichts bleibt zurück außer jenem roten Matsch, aus dem Tomatensuppenträume von ausgekühlten Rodlern sind. Inzwischen habe ich übrigens auch eine zweite Braun für den zweiten Wohnsitz am Tegernsee.

kmc

Die Hausfrau in mir jauchzt, weil Semmelknödel jetzt dreimal so schnell fertig werden. Und die Hausfrau in mir hat natürlich auch der eigenen Mutter mit stolzgeschwellter Brust die Neuerwerbung vorgeführt. Diese wiederum erkannte sogleich, dass ich die gleiche Maschine gekauft hatte, die mein Grossvater 60 Jahre zuvor schon erworben hatte, und die sehr bald bei uns in Ungnade gefallen ist, weil meine Grossmutter noch ohne Hilfen kochte, und besonders, weil der Mixeraufsatz MX-3 für dieses Gerät beinahe den Joschi umgebracht hätte. In Komplizenschaft mit meinem kochunfähigen Grossvater.

kmf

Weil, es war nämlich so: 1957 zogen Vertreter durch Deutschland und offerierten in gehobenen Haushalten – wir erinnern uns an den Preis der KM-3 – Vorführungen der Küchenmaschine. Bei uns wiederum gerieten sie dabei an meinen Grossvater und versprachen das Blaue vom Himmel. Wie etwa, dass man Eier mit so einem Mixer überhaupt nicht mehr aufschlagen müsste: Man werfe sie einfach hinein, schalte das Gerät ein, und der Mixer zermahle Ei und Schale zu einer Flüssigkeit, die gesünder als normale Eier sei, denn in der Schale sitze auch Calcium und das habe man schließlich auch gezahlt. Meinem kochunfähigen Grossvater war das Versprechen völlig eingängig, nicht aber meiner Grossmutter, die Eierschalen zerrieb und in ein Säckchen in die damals ebenso aufkommende Waschmaschine tat: Eierschalenstaub soll nämlich Weisswäsche entfärben, besagt eine Hausweisheit, die vermutlich ebenso falsch wie die These ist, der Mensch könnte das Calcium der Eierschalen in geriebener Form in sich aufnehmen. So hat eben jede Zeit ihre Legenden, aber wenigstens waren die Eierschalen damals billiger als Anti-Aging-Creme oder Migranten, die wertvoller als Gold sein sollen und es für ihre Profiteure wohl auch sind.

kme

Meiner Grossmutter als Hausfrau also kaufte mein Grossvater jedenfalls die Küchenmaschine, und im gläsernen Mixer wurden damals tatsächlich die so beliebten Milchmischgetränke gezaubert. Die KM-3 war auf dem besten Wege, sich als Neuheit ihren geachteten Platz in der Küche zu erkämpfen, zumal ihre blosse Existenz und das Versprechen des Vertreters, damit könnte nun wirklich jeder kochen, bei meinem Grossvater den Eindruck erweckt hatte, er könnte das auch. Nun sind Überzeugungen stets harmlos, solange sie theoretisch bleiben, wie etwa merkelsyrische Ärzte und Facharbeiter, aber so, wie die nordafrikanisch geprägte Silvesternacht von Köln in der Willkommenskultur nicht vorgesehen war, war auch für den Vertreter ein schicksalhaftes Zusammentreffen nicht vorhersehbar, von dem nun zu berichten ist. Es kam nämlich der Jagdfreund Joschi zu Besuch. An einem Tag, da mein Grossvater allein daheim war, was ja auch ganz angenehm ist, weil man dann ungestört über Schusswaffenkäufe und die Notwendigkeit eines Gamsstutzens reden kann. Das waren, wie gesagt, noch die finsteren Zeiten des echten Patriarchats, Männer erschossen Viecher, Frauen kochten sie, und alle ernährten sich zu fleischlastig und wussten nicht, was ein BMI ist, wohingegen ich heute natürlich auf jedes Gramm Fett achte.

kmb

Es war also die Hausfrau nicht da und mich, der ich Hausfrau bin, gab es noch lange nicht. Was es aber gab, war die KM-3, den Mixeraufsatz MX-3 und den Joschi, den das Reden über Gewehre hungrig gemacht hat. Und obendrein war noch ein gut abgehängter Eichelhäher im Haus, den mein Grossvater letzthin geschossen und meine Grossmutter schon gerupft hatte. An den Backofen hätte sich mein ehrenwerter Ahn nicht getraut, aber den Umgang mit der Pfanne traute er sich schon zu, und das Grundrezept der Fleischpflanzerl war ihm, der auch Rührleier machen konnte, bekannt. Ausserdem hatte er ja die Küchenmaschine, die alles klein und breiig machte. Während der Joschi also im Wohnzimmer mit den Schiessgeräten meines Grossvaters hantierte, fand mein Ahn, tatkräftig und entschlossen wie Donald Trump, in der Küche das Schubfach mit den Semmelbröseln. Er fand Eier. Und er fand, damit nahm das Unglück seinen Lauf, die Tranchierschere, mit der er den Eichelhäher so klein schnitt, dass die Teile – mit allem, was so an Knochen, Haut, Fett und Gedärmen in so einem Vieh ist – in den MX-3 passte. Dass Calcium gesund ist und auch Knochen Calcium sind, wusste er. Er suchte den Butter und als er ihn gefunden hatte, war im MX-3 schon eine feste Masse aus Ei, Eierschalen, Semmelbrösel und Eichelhäher. Das ein oder andere Schrotkörnderl war vermutlich auch noch im Vogel. Er schaltete den Gasherd ein, stellte die Pfanne darauf, formte Eichelhäherpflanzerl, die ihm nicht einmal anbrannten.

kmh

Der Joschi war danach richtig vergiftet und drei Tage krank.

Und sagte ganz schreckliche Dinge über die Küche meiner Familie, obwohl alle Hausfrauen ganz vorzügliche Köchinnen waren. Köchinnen, die daraufhin auch aufpassten, dass nachkommende Stammhalter insofern kochen konnten, als sie zwischen Ei und Schale unterscheiden können – im Eieraufschlagen bin ich wirklich Meister. Ausserdem ist es heute ohnehin nicht mehr gefährlich, denn die Jagdtradition in meinem Stamme endete mit meinem Grossvater, ich selbst bin Vegetarier, und wer möchte, kann sich auch von meinen Kochkünsten ohne Laktose, aber mit Dinkel und frei von allen tierischen Produkten überzeugen. Erst sollte man das Kochen lernen, und dann mit der KM-3 verfeinern, jener Höllenmaschine, mit der der arme Joschi beinahe umgebracht wurde, und die nach diesem stadtweit bekannt gewordenen Unglück nicht mehr in Gnaden aufgenommen wurde.

kma

Aber jetzt ist sie wieder im Hause wie 1957, und singt das harmlose Lied der Kürbiscremesuppen und Gemüsetartes, die grossen Arien der Zucchinipflanzerl und der Spinatknödel, und die Kalorienspottgedichte des Guglhupfs. Manchmal lasse ich sie auch einfach nur rattern, um Plätzchenteig zu machen – ich mag Plätzchen nicht, aber den Teig schätze ich sehr, und wenn einer übrig bleibt, kann man ihn in den Kühlschrank und später Gästen auf Gesässhöhe unter das Laken im Bett legen. Die juxen dann, das ist immer lustig, und es war ein beliebter Streich in der Jagdhütte meines Grossvaters.

kmg

Wir sind eben sehr traditionsbewusst. Es renkt sich eben alles wieder ein, und was uns nicht umbringt, macht uns hart. Joschi und Unkraut vergehen nicht, und immerhin hat sich mein Grossvater wenigstens Mühe gegeben. Und daraus gelernt. Er wusste danach, dass er doch nicht kochen kann, und hat es bleiben lassen, so wie auch heute die meisten Frauen an Universitäten, sogar ganz ohne jemals an einen Joschi zu geraten.

Aber Altersarmut von alleinstehenden Soziologinnen im Berliner Matriarchat bereden wir ein andermal.

07. Feb. 2017
von Don Alphonso
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