Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

25. Sep. 2017
von Don Alphonso
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Die Helden des Flüchtlingssommers als AfD-Schurken

Machn’S a Sondersendung
Horst Seehofer

Laut Frau Özoguz gibt es keine deutsche Leitkultur jenseits der Sprache. Darüber kann man diskutieren, aber bei mir daheim, auf dem Dorfe Gmund am Tegernsee, da gibt es schon eine Leitkultur. Die Trachtenträgerquote liegt am Wahltag bei über 80% und die Quote für die Partei von Frau Özoguz ist so niedrig, dass sie nach der gerupften CSU, der Millionärspartei FDP und der AfD, versehen mit einem befremdlichen Kandidaten, noch dahinter auf Platz 4 liegt. Nur 0,7% bräuchten die Grünen hier, um die nordwestdeutsche Regionalpartei SPD nach dem Verlust jedes 4. Wählers auch noch zu schlagen. Es gibt bei mir im Wahlkreis keine Leitkultur mehr, bei der die SPD von Frau Özoguz als relevanter Teil zu identifizieren wäre. Die SPD wurde hier geschlachtet und weggeputzt.

Und das, obwohl wir hier Übervollbeschäftigung und Reichtum und Bildung haben, und eigentlich überall an der Spitze stehen. So richtig Abgehängte, sei es in Fragen der Kultur oder der Klassen, gibt es hier nicht, oder jedenfalls nicht genug, um das gute AfD-Ergebnis auch nur ansatzweise zu erklären. Man kann der Region viel vorwerfen, aber der Tourismus spielt eine grosse Rolle, und sie ist sehr gastfreundlich. Auch Frauen mit Vollverschleierung werden anstandslos bedient, man hat sich an die Erscheinung der Gäste aus der arabischen Welt schon lange gewöhnt. Flüchtlinge sind im Tegernseer Tal und auch in Südbayern mit dem rigiden Integrationsgesetz seltener geworden. Bei den Gebliebenen gibt es auch phantastisch funktionierende Modellprojekte in der Gastronomie. Trotzdem sind der Alpenrand, das grössere Umland von München, und der Bogen hoch am Inn zur Donau verantwortlich für das Abschneiden der AfD, die hier insgesamt die zweitstärkste Partei nach der CSU ist – und das mit einem im übrigen lausigen Organisationsgrad.

Für die SPD ist der Niedergang in Hamburg vermutlich wichtiger als ihre aufgeriebene Nachhut an den Alpen, und weil die CSU trotzdem jeden einzelnen Wahlkreis in Bayern direkt und überragend gewonnen hat, schlägt sich die Niederlage auch nicht so schlimm im Bundestag nieder. Und trotzdem, dieser schmale Streifen Land und seine seltsam gekleideten Dorfbewohner, die hier der CSU einen Denkzettel verpasst haben: Die werden jetzt wichtig.

Um zu verstehen, was jetzt kommt, muss man hier während der Asylkrise in den Bürgerversammlungen gewesen sein. Normalerweise tritt dann der Bürgermeister auf, erzählt den Bier trinkenden und Tracht tragenden Anwesenden, dass alles bestens ist, mahnt mehr Blumenschmuck an und referiert die blendende Haushaltslage. Ärmere werden mit Einheimischenprogrammen ruhig gestellt, so sie heiraten und Kinder bekommen möchten; man klagt über die Zuganbindung und schüttet Wohltaten über dem Volk aus. Während der Asylkrise war das anders, da mussten auch hochrangige Politiker aus München kommen, weil der Volkszorn auf dem Land brannte. Bei uns hatte kurz vor diesem denkwürdigen Treffen ein polizeibekannter Einzelfall aus einer Turnhalle vorbeifahrende Autos demoliert, und war auf Wachleute und Polizei losgegangen – in der Folge machte auch Bilder vom Zustand der Sanitäranlagen die Runde, und man muss schon sagen, dass die Willkommenskultur danach keine Leitkultur mehr war.

Auch nicht für die CSU. Die Angereisten aus München wurden gefragt, was das soll: Auf der einen Seite sei die Grenze offen, und die Region müsste die Hauptlast der Krise tragen. Wenn Sie, liebe Leser, sich auf der Karte anschauen, wo die AfD in Bayern besonders stark ist: Das sind, vom Sonderfall München einmal abgesehen, die ländlichen Gegenden entlang der Endpunkte der Brenner- und Balkenrouten. Die Gebiete, die damals die Hauptlast bei der Erstversorgung trugen, und denen später nicht sonderlich gedankt wurde. Das „Wir schaffen das“ war bei uns ein „Ihr macht das halt“. Dafür gingen bei den Bürgermeistern wenig verständnisvolle Briefe von Gästen ein, die die Gegenden als Urlaubs- und nicht als Krisenregionen besuchen wollten. München bekam ein Konzert für die grossartige Leistung der Helfer, wir am Tegernsee bekamen, und das war absehbar, ein Raumproblem durch anerkannte Asylbewerber und viele Überstunden für die Gemeindemitarbeiter. Das waren nicht eben die angenehmsten Momente, und die jungen Männer, die erst einmal die Existenz Deutschlands in reichsbürgerlichem Untertone anzweifelten, stellten bei solchen Veranstaltungen das kleinste Problem dar. Das grosse Problem war wirklich die Frage: Wie kann die CSU gegen eine Politik sein, wenn sie gleichzeitig Teil der Regierung ist, die diese Politik macht.

Die Antwort war immer, wenn ich drin saß und Spezi statt Bier trank, die gleiche. Die grosse Koalition sei so gross, dass sie auch ohne CSU problemlos weiter machen könnte. Die CSU könnte natürlich die Fraktionsgemeinschaft verlassen und die Regierung aufkündigen – dann wäre sie eben die einzige Oppositionspartei, während Grüne und Linke sofort bereit wären, den politischen Kurs von Merkel zu stützen. Man würde nichts gewinnen, aber sich alle Möglichkeiten des Einflusses selbst nehmen. In der Regierung könnte die CSU auf eine europäische Lösung zur Begrenzung der Zahlen hinarbeiten, und dann hoffen, dass die Partner anders als Merkel denken. und die Obergrenze via Brüssel käme. Man sei da in guten Gesprächen. Man bitte die Anwesenden um Geduld. Man wisse genau, wo die Probleme liegen. Man erklärte die enormen Herausforderungen bei der Rückführung und zeigte jedes Verständnis für die Sorgen der Betroffenen. Zähn zsambeissn, oweschwobm, woadn, da Seehofa duad, wosa ko. Ausserdem habe man Freunde und wirtschaftlich verbandelte Partner im Balkan, die auch betroffen sind. Ein Austritt aus der Regierung sei wirklich nur das allerletzte – und wenig sinnvolle – Druckmittel.

Letztlich wurde die Balkanroute durch Österreich geschlossen, Merkel protestierte dagegen, und Seehofer war wohl nicht traurig. Aber das kam sehr spät, und die Leute treibt die Angst um. Vorletzte Woche gab es bei mir an der Donau einen Vergewaltigungsversuch mitten in der Stadt durch einen Mann mit dunkler Hautfarbe. Zwei grössere Gruppen Araber und Afrikaner haben sich vor meinem Haus eine Auseinandersetzung geliefert, die weit über dem Rahmen des Gewohnten lag – wir diskutieren über die Sicherheitslage in Afghanistan, aber in jener Nacht war die Sicherheitslage von Kabul vor meinem Haus. Wir haben den Fall der ermordeten Sexarbeiterin in Regensburg – der Täter sollte abgeschoben werden, aber der Staat scheiterte. Es fällt schwer, das alles noch als Einzelfälle abzutun, und dann gibt es hier eben auch Leute, die das überhaupt nicht mehr differenzieren wollen. Das sind gar nicht so wenige.

Mein Eindruck ist, dass man das nicht an der Zurückgebliebenheit einiger bayerischer Regionen festmachen kann, sondern an den Erfahrungen des sog. deutschen Sommermärchens, als die Medien in Berlin feierten und bei uns die meiste Arbeit angefallen ist. Man – ich übrigens auch – hat die Bilder vom Bahnhof gezeigt, wo ein paar hundert, maximal wenige tausend Leute klatschten. Wenn man aber über den Kontext reden wollte, über Risiken und Folgen, die sich buchstäblich vor der Haustür abspielten, verlor man schnell die Freunde in Berlin. Heute machen hier Geschichten die Runde, wie die von dem LKW, dessen Gerettete nach drei Tagen spurlos verschwunden sind. Das Misstrauen, dass es bei diesem System erneut zu einem Staatsversagen an der Grenze und gleichzeitig im Kernland der CSU kommen könnte, ist gross.

Daher kommt vermutlich die Schlappe für die CSU und SPD im südostbayerischen Raum. Daher kommt das gute Ergebnis für die AfD. Aber diesmal ist es anders, die SPD steht für eine grosse Koalition nicht mehr zur Verfügung, und es kann eine Jamaika-Koalition geben. Die wird dann wegen der Grünen sicher nicht die Abschiebungen beschleunigen, Grenzen schützen und Leute ohne Papiere abweisen, oder mehr sichere Drittstaaten ausweisen. Sie wird eher die hier ohnehin schon überfüllten Gemeinden, in denen die eigene Ärmeren kaum Wohnraum finden, mit Familienzusammenführungen belasten. Das ist hier bei uns auch ein soziales Problem: Es gibt keinen Leerstand, den man dafür aktivieren könnte. In Italien warten Hunderttausende, die dort nicht bleiben wollen, und Frau Merkel hat gesagt, man könnte die Grenze nicht schützen. Die einen wählen daher AfD und die anderen immer noch zähneknirschend CSU. Aber die Stimmenverteilung ist im Bundestag so, dass Jamaika nur mit CDU, Grünen und FDP möglich ist, wenn die CSU auch mitmacht. Wenn ein Austritt etwas bringen würde, hieß es damals in den Bürgerversammlungen, dann würden wir das schon versuchen. Jetzt bringt es etwas, und wenn die CSU wieder kneift und wieder nur langsame, aber wenig effektive Ränkespiele macht und hofft, dass die Afrikaner aus Italien ohnehin alle nach Berlin wollen, wie das auch einmal ganz offen gesagt wurde – dann droht 2018 von den Bierbänken bis zu den feinen Cafes eine krachende Niederlage in Bayern.

Die CSU steht bei Dörfern wie meinem, die ihr Kernland darstellen, im Wort. Die Räume waren voll, alle haben es gehört, jeder sollte damit beruhigt werden; Die CSU würde alles tun, was in ihrer Macht steht. Jetzt steht deutlich mehr in ihrer Macht, und nun lässt sie die CDU spüren, dass sie nicht mehr nur austauschbarer Quengler ist, sondern unverzichtbarer Teil einer neuen Regierung. Mag sein, dass an der CDU nicht vorbei regiert werden kann. Aber die Stimmen sind nun mal so verteilt, dass Jamaika ohne CSU nicht geht. Und die Stimmung im Land ist nun mal so, dass die Leute fragen, warum sie für das ganze Elend der Welt zuständig sein und es hier finanzieren sollen. Das mag aus Berliner Sicht kleingeistig, dumpf und ohne Privilegiencheck sein. Wenn es egal ist, ob Teile der CSU-Wähler dauerhaft nach rechts abdrücken, kann das gepflegt ignoriert werden. Es sind ja nur ein paar Wahlkreise ganz im Süden. 2015 warfen sie noch die Helden der Willkommenskultur, weil keiner sie gefragt, hat, ob sie die Völkerwanderung betreuen wollen. 2017 sind sie die neuen Hochburgen der Unberührbaren, weil viele dort die Erfahrung nicht so toll fanden, und keine Neuauflage wünschen.

Ich halte nichts von CSU oder AfD und habe sie nicht gewählt, aber für die CSU geht es gerade um alles, weil die paar Dörfer hier unten für sie und ihren Anspruch deutlich wichtiger als für die gerümpften Nasen in den Berliner Feuilletons sind. Sicher, es ist a wengal unkommod, wenn jetzt die Begehrlichkeiten von Frau Göring-Eckardt und die Wünsche von Herrn Lindner sowie das weitere Schicksal von Frau Merkel hier bei uns mit entschieden werden. Vielleicht knickt die CSU auch erneut ein und verliert nächstes Jahr ganz schrecklich. Aber nur, weil sich bei der CDU keiner findet, der Frau Merkel sagt: “Du Angie, das war’s, so geht es nicht weiter”, muss das noch lange nicht für jene gelten, denen gerade sehr deutlich hineingedrückt wurde, dass es so nicht weiter geht.

Soweit also mein Bericht aus einem fernen Alpentale nahe der Grenze, das so unbedeutend scheint, und über dessen Leitkultur man woanders natürlich auch kritische Töne verlieren darf, besonders, wenn man hier wie die SPD ohnehin nichts und schon gar keine Heimat mehr zu verlieren hat.

25. Sep. 2017
von Don Alphonso
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20. Sep. 2017
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Nirgendwo erfriert man mondäner als in Cortina

Ein Gipfel gehört dir erst wenn du wieder unten bist.Denn vorher gehörst du ihm.
Hans Kammerlander

Die Haut duftet nach ätherischen Ölen, die Bademäntel sind kuschelig weich und blütenweiss, der ganze Körper ist durch die Massage entspannt. Alle Bäder sind in vollen Zügen genossen, während durch das Panoramafenster die schneebedeckten Spitzen der Sextner Dolomiten herein funkeln. Draussen ist es bitterkalt, in der Nach hat es geschneit und tagsüber gab es schwere Regenschauer, aber hier unten, in der Wellnesszone des Sport Hotels von Innichen, merkt das junge Paar nichts davon. So vergehen die Stunden mit Reinigung und Erholung des Körpers, und sie nimmt dann noch ein Glas Wasser und er einen Rotwein, bevor sie in mit dem Aufzug hinauf zu ihrer warmen, geräumigen Suite fahren. Alles wird hier getan, damit die Gäste entspannt und wie neugeboren in einer watteweichen Wolke von Wohlgerüchen und Wärme dem Alltag entgehen. Sie steigen also in den Aufzug, betrachten sich im Spiegel – gut, jung und schön sehen sie aus – und drücken auf dem Knopf zum ersten Stock. Aber dann hält der Aufzug im Erdgeschoss, die Tür geht auf, und dort steht breitbeinig das hier:

1,81 Meter gross, normalerweise 87 Kilo Trockengewicht schwer, aber es ist nass von Regen und Schweiss. Es kommt von draußen, aus dem frühen Winter in dem Dolomiten, und von ganz oben aus dem Eis, wo die Wolken nicht warm, sondern glitschig und dunkelgrau sind. Was da vor den sauberen Menschen in ihren Bademänteln steht, ist eiskalt, es tröpfelt und trägt ein höchst geschmackloses, grün-pinkes Trikot mit ausgestopften Taschen, in denen noch Müll und fettklebrige Werkzeuge stecken. Die muskulösen Beine füllen eine Kniebundhose in der Farbe Schlammbraun aus, und wenn man nach unten schaut, erkennt man, dass die ehemals gemusterten Kniestrumpfe ebenfalls monoton schlammbraun wie jene Sturzbäche in den Bergen sind, die sie durchwaten mussten.

Um die abgetretenen und von Stürzen abgeschabten Schuhe bilden sich kleine, schlammbraune Pfützen auf den edlen Schieferplatten. Es riecht seltsam, ein paar Dreckspitzer sind auch noch in den Augenbrauen, und dann sagt es ins doch leicht verstörte Gesicht der Frau im Bademantel hinein: “Entschuldigen Sie bitte meine Erscheinung, ich bin leider nicht ganz gesellschaftsfähig, denn ich komme gerade mit dem Rad aus Cortina.” Dann betritt es den Aufzug. Im ersten Stuck huscht die Frau an dem schlammbraun-grün-pinken Schmutzberg vorbei, und der Berg und ihr Mann grinsen sich an. Vielleicht wäre der Mann ja auch lieber draußen gewesen, und hätte mit mir den Passo Tre Croci genommen. Denn der kalte, aber immer noch mobile Schmutzberg, das bin ich. Und dass ich hier ankommen und Wellnessfreunde verschrecken würde, habe ich zwischenzeitlich auch nicht mehr erwartet.

Denn gut zehn Kilometer vor Cortina d’Ampezzo stand ich an genau dieser Stelle, und schaute auf die Wolken unter mir. Die Wolken über mir schütteten weiter eiskalten Regen auf mich, und das Wasser war längst durch die Regenjacke und beide, übereinander getragenen Trikots auf die Haut geflossen. Eigentlich war ich gerade wegen des angesagten schlechten Wetters nach Innichen gefahren: Normalerweise nämlich fahren mir die Italiener bei der L’Eroica immer blitzschnell davon, während ich die Berge hinauf krieche. Aber hier, bei der Eroica Dolomiti, sollte es kalt sein, zwischen 0 und 10 Grad, und da rechnete ich nichtsowirklicharischaussehender Nichtganzrecke dank meiner Abhärtung gute Chancen aus, den ein oder anderen durch die Kälte erstarrten Italiener niederzuringen. Das war ein guter Plan, aber an dieser Stelle schon komplett gescheitert.

Denn an dieser Stelle hatten mich schon lange vier Nachzügler trotz der Kälte in kurzen Hosen munter plaudernd überholt, und alle anderen waren schon weg, als ich wegen eines technischen Defekts zu spät an den Start rollte. Ich eilte ihnen natürlich hinterher, immer den Pfeilen nach. Erst den Pfeilen nach, die nach Cortina wiesen, und dann gegen die Pfeile, die zurück nach Innichen zeigten, in der Annahme, dass gegen den Rückweg der Hinweg verlaufen müsste. Irgendwann stand ich an einem mörderischen Anstieg, und mir wurden zwei Umstände bewusst: 1. Ich habe mich verfahren. 2. Es wäre für die Jagd auf Italiener sinnvoll gewesen, sich vorher einmal die Karte anzuschauen. Aber es ist, wie es ist, sagte meine Grossmutter immer und nasser konnte ich da auch schon nicht mehr werden. Dachte ich. Bevor ich umdrehte und merkte, dass ich nun mit eiskaltem Ostwind aus der sibirischen Steppe zurück fahren musste.

Ich fand im Nebel zwar keinen Richtungspfeil, aber immerhin einen Einschnitt im Gebirge bei Toblach und darin ein Haus und davor eine alte Frau, die Zeitung las. Ich wusste, dass irgendwo Cortina auf meinem Weg lag, und fragte sie:

Grüss Gott. Wo geht es hier nach Cortina.
Wohin?
Cortina.
Aber das ist 35 Kilometer entfernt!
Ja, genau, da muss ich hin.
Mit diesem Rad? Sie deutete auf mein graziles 1972er RuFa Sport, das nicht ganz so aussieht, als wäre es den Belastungen eines Unwettertages in den Bergen gewachsen.

Mit diesem Rad.
Bei dem Wetter?
Bei dem Wetter, es ist halt so.
Also, sagte sie, da fahren Sie hier den Berg hoch und dann den Berg wieder hinunter, und dann kommen Sie auf den Radweg. Aber da kann man bei diesem Wetter nicht fahren! Da hat es oben Schnee, da erfrieren Sie!

Ich bedankte mich, fuhr los und musste dann 20 Kilometer lang erkennen, dass die alte Frau vielleicht ein wenig mehr Ahnung als ich hatte – wie gesagt, Grossmütter haben immer recht – so wie auch die vier nachzügelnden Italiener mehr Kraft in den Beinen hatten, als sie mich überholten und spielend leicht zurück ließen. Von da an war ich allein. In einer Gegend, die bei Sonnenschein sicher zu den schönsten Orten der Welt zählt. Sogar im Regen ist es noch schön.

Und ab einem gewissen Punkt ist man so dreckig, dass jeder neue Dreck am alten Dreck nicht mehr haftet und wieder hinunter fällt, solange man nicht durch besser klebende Kuhfladen fährt. Hin und wieder kam ich an weggespülten Brücken vorbei und kletterte durch Geröllfelder, ab und zu sah ich eine Kuh im Nebel. Und irgendwann war ich auch oben auf dem Passo Cimabanche – dem ersten und niedrigsten von drei Pässen. Von da aus rollte ich noch ein paar Meter in den Wolken weiter, um wenigstens Cortina gesehen zu haben. Bis eben zu jenem Punkt über der Schlucht, wo die Wolken unter mir lagen, und noch weiter unten lag meine Motivation. Unter mir waren also Wolken und Wildbäche und eine schwierige Abfahrt, hinter mir in 200 Meter Entfernung ein Lokal. Und ich sagte zu mir:

Ich werde heute keinen Italiener mehr fangen. Es ist kalt. Ich bekomme gerade eine Lungenentzündung. Da hinten gibt es Tee, Kuchen und Wärme, und in Innichen im Sport Hotel liegt mein weisser, flauschiger Bademantel auf dem Bett. Ich muss nur umdrehen, Kuchen essen, abfahren und dann stundenlang im Warmbad liegen. Was ich erlebt habe, reicht leicht aus, um meinen Lesern zu erklären, warum man auch mal aufgeben können muss. Gesundheit, das ist die Lektion, ist das Wichtigste! Ich war bei der L’Eroica schon oft am Aufgeben, jetzt wäre es mal an der Zeit, es zu tun. Dann hörte ich von hinten ein Rauschen, und um die Kurve schoss ein Pulk Radler auf Carbonrädern.

Eeeeeh, Eroici!, rief mir einer zu und winkte. Ich winkte zurück, und dann kam noch ein Pulk und noch ein Pulk, und ich aber gab auf und drehte um und fuhr heim. Also, ich mein, ich habe mir wirklich vorgenommen, das zu tun. Echt. Aber tatsächlich schaffte ich die Kurve nicht ganz, und die Schwerkraft zog mich hinunter. Von hinten kam noch ein Pulk, ich hängte mich dran und krachte mit ins Tal. Du bist von Eroica, fragten die anderen, ich sagte ja, und sie sagten anerkennend Eeeeeh in die eisige Bergluft, und so brannten wir hinein nach Cortina.

Wo, unglaublich, die Sonne schien. Sie schien auf Touristen und auf Radler auf Carbonräder und auf den Allerletzten der Eroici, aber sie schien nicht auf Wegweiser, die ich finden sollte. Immerhin fand ich eine Karte, die mir endlich erklärte, dass ich auf den Passo Tre Croci und danach auf den Passo San Angelo musste, um wieder nach Hause zu kommen. Was ich nicht fand, waren die Pfeile zu diesen Pässen, weshalb ich zweimal die scharfen Rampen im Ort hinauf und hinunter fuhr, bis ich die richtige Abzweigung fand. Dann setzte ich mich erst eine Weile auf die Bank in die Sonne.

Denn ist man erst mal Letzter, überholt einen keiner mehr, und man hat alle Zeit der Welt. Ausserdem ist Cortina wirklich schön in seinem halben Dornröschenschlaf, manche Wolken erstrahlten golden und andere funkelten wie bizarrer Silberschmuck an den Hängen des Monte Cristallo. Ist man erst mal Cortina, muss man ohnehin zu diesen hübschen Wolken, denn es führt kein flacher Weg zurück, und wenn man am Passo Tre Croci an so einem Frühwintertag erfriert, steht in der Biographie: gestorben am Passo Tre Croci, Cortina d’Ampezzo.

Das klingt wahnsinnig mondän, nach Louis Trenker und einem Schurken aus einem Bond-Film, viel besser als „in der Therme von Bad Gögging auf der Seife ausgerutscht und noch 5 Jahre mit Schädelbruch im Koma gelebt“, also fuhr ich weiter, und siehe: In der klaren, sonnigen Bergluft fühlte es sich gar nicht so kalt an, wie es wirklich war. Es war eine Schinderei in schöner Landschaft, das kann ich berichten, und außerdem ist man irgendwann oben, wenn man überlebt, und das ist ein gutes Gefühl. Noch besser ist es, auf 1809 Meter die Bremsen los zu lassen und nach unten zu schiessen.

1750 Höhenmeter, 1700. 1650, 1600, 1550, und dann fällt einem ein, dass eigentlich schon nach 150 Höhenmetern eine Abzweigung hätte sein sollen, und war da bei Tempo 80 in den Augenwinkeln nicht ein Pfeil? Es geht hier doch gar nicht mehr nach Misurina.

Das sind so die Momente, in denen es gut ist, wenn man den Moment der totalen Verzweiflung schon oberhalb von Cortina hatte. Umdrehen, hochkriechen, weiter, immer weiter. Mit pfeifenden Lungen kroch ich am Lungensanatorium vorbei, über dem sich die Drei Zinnen erheben, und sagte mir: Schau, immerhin kriechst Du noch japsend, die Kinder da drinnen japsen nur noch in den Betten. Es geht Dir nicht gut, Du bekommst mindestens eine Grippe, aber in den Bergen um dich herum sind Abertausende sinnlos im Ersten Weltkrieg gestorben.

Manche liegen immer noch unter dem Geröll, ihre Lieben haben nie erfahren, was ihnen geschehen ist, aber du bist einer der privilegiertesten Menschen der Welt: Niemand schiesst auf dich, keine Armee setzt gegen dich Giftgas ein, nur ein paar Grüne, Rote, Schwarze, Blaue, Minister, Staatssekretäre, Bild- und NDR-Journalisten und Ex-Stasi-IMs hinter den Bergen hassen dich, du hast immer die Wahl. Du hättest auch im Wellnessbereich liegen können. Du wolltest aber das hier. Also hör auf zu jammern und quäl dich, du faule, verweichlichte, übergewichtige Sau. Da vorne ist der letzte Pass.

Und von da aus ging es 20 Kilometer nur hinunter nach Toblach. Der Salzgehalt sorgte dafür, dass die Tränen, die der Fahrtwind aus den Augen presst, nicht am Gesicht festfroren. Die Sonne verschwand hinter den Bergen, König Laurins Rosengarten flammte rot im Abendlicht, aber nichts, nichts konnte einen jetzt noch aufhalten. Die Schwerkraft tat ihr Werk. Und siehe: Es war gut. Es war sehr gut. Es war phantastisch. Es war absoluter Wahnsinn, das alles geschafft zu haben, am Leben zu sein und vielleicht der Letzte zu sein, der den Berg hinunter donnernd, Kurven schneidend, alle Vorsicht aufgebend am Ziel ankommt. Aber auch jener Letzte, der nicht aufgegeben hat und sich durchkämpfte, und nicht wie andere in Cortina den Bus zurück nahm.

Du könntest runter in den Wellnessbereich, es ist noch genug Zeit zum Heldendinner, sagte der Veranstalter im Hotel, als ich endlich ankam. Ich drückte auf den Knopf am Aufzug, stellte mich breitbeinig und tröpfelnd und dreckig und glücklich und stolz hin, und sagte: Besser nicht, was sollen denn die Leute da unten von mir denken. Und dann ging die Tür auf und da standen sie in ihren flauschigen Bademänteln, mit Wasser und Rotwein in der Hand und starrten mich an.

Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt. Die einen wollen Wellness, und die anderen wollen lieber nach 40 Kilometer im Regen am Passo Tre Croci erfrieren, und dort neben der Strecke begraben werden. Sie wollten Wellness.

20. Sep. 2017
von Don Alphonso
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15. Sep. 2017
von Don Alphonso
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Frankensteins atavistische Testosteronmonster und ihre natürliche Auslese

Es ist natürlich nur ein Zufall, dass Mary Shelley vor exakt 200 Jahren eine enge, finstere Treppe beschrieb, wie jene, die mich nach oben in den Speicher führt. Es ist auch nur ein Zufall, dass sie in einem Haus ist, in dem früher Alchemisten wohnten wie jener, über den Shelley schrieb, und es hat auch nichts zu bedeuten, dass Haus und Treppe und Speicher in exakt jener Stadt zu finden sind, in dem die ersten Teile von Frankenstein spielen. Wie wir aufgeklärten Menschen alle wissen, gibt es keine aus Leichenteilen zusammengesetzten Monster, und außerdem zitiere ich auf den Stufen Baudelaire.

Du, dessen Klarblick in die Arsenale dringt
Wo der Metalle Volk im Schlafe blinkt
Satan, meines Elends dich erbarme

Das steht in den Blumen des Bösen, die nach Frankenstein geschrieben wurden, und somit ist eigentlich klar, dass ich nicht Victor Frankenstein bin und dort oben nicht einen neuen Prometheus horte.

Sondern gleich ein paar Dutzend.

Manche Geschöpfe meiner ölschwarzen Kunst sind noch in Einzelteilen und warten auf die Vollendung, manche sind nagelneu und dämmern hier trotz ihres Alters wieder ein paar Jahrzehnte, manche habe ich nur zum Zeitvertreib gebaut und andere wiederum, weil Männer wie ich, wie man so schön sagt, zumindest ein Laster im Leben brauchen. Manche saufen, manche fressen, manche ruinieren sich beim Glücksspiel, sei es Roulette oder Partnerwahl, manche nehmen Drogen, manche machen Polit-PR beim NDR, manche studieren Gender, manche sind einfach nur fad und langweilig, und ich, nun, ich werfe einen Blick auf die Wettervorhersage. Die lässt mich wissen, dass es am Samstag auf 1500 Meter Schnee geben wird, und wie es der Zufall will: Genau dort hinauf sollte ich eigentlich fahren. Mit dem Rad.

Jeder normale Mensch würde sich nun an den Rechner setzen und eine Mail des Inhalts schreiben, die Veranstalter dieses Radrennens hoch zu den Gipfeln möchten es einem nachsehen, denn erstens habe man sich im Datum geirrt und zweitens sei das Auto kaputt und drittens fühlte man eine Grippe, man würde es also sehr bedauern, dass man nicht teilnehmen könnte. Ich schrieb, bevor ich die Treppe zu meinen Kreaturen hinauf ging, in die Waffenkammer der Drahtesel, dass ich mich im Datum geirrt habe und jetzt halt alles verschiebe und fliege, damit ich am Samstag, 9 Uhr, in Innichen den ersten Südtiroler Schnee nach dem Winter sehen und befahren kann.

Denn in Innichen ist die erste Auflage der L’Eroica Dolomiti, und ich bin ein wenig besessen. Ausserdem ist der Himmel heute morgen blau, das kann auch halten, und was weiss schon so eine Wettervorhersage? In den Alpen ist das Wetter immer überraschend. Und außerdem habe ich vor zwei Jahren ein Rad speziell für ganz schlechtes Wetter gebaut; Ein RUFA Sport von ca. 1972. Mit kleinen Schutzblechen. Was soll also schon auf dem bisserl Schnee, der ja auch nur Wasser ist, schon schief gehen? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden! Tief in mir drin sagt eine Stimme, dass ich mich überschätze und das alles sicher kein Spass wird, während ich die Winterhandschuhe suche, und eine alte Fliegerbrille gegen den Matsch. Man glaubt gar nicht, wie weit der Glibber fliegen kann. Wenn man mit Tempo 90 gute 50 Meter hinter einem anderen einen Pass hinunter brennt, bekommt man so viel Schneefango, dass die Haut für Monate kältekonserviert ist. So spart sich unsereins das Botox und die Wellnes-Suite.

Sehen Sie, es gibt halt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen sind eher vernunftgesteuert und heissen Frauen, die anderen haben das Hirn nur als Rezeptor für Adrenalin und Testosteron: Das sind dann Männer. Männer können monatelang gediegen auf dem Sofa sitzen und den Gesellschaftsfinger vom Hutschenreuther spreizen – aber irgendwann heften sie sich ein Abzeichen ans Revers, tun ein paar Tage etwas Unvernünftiges, und dann sind sie auch wieder zufrieden. Aber ein paar Mal im Jahr muss das ausgelebt werden, wenn schon das restliche Leben nicht mehr jene Situationen bietet, die gemeinhin die ständige Präsenz solcher Körpersäfte erforderlich machen. Vielleicht sorgt die neue Berufswelt der Menschen auch dafür, dass sie diese Stoffe zurückbilden, und Anlass für all die Transgeschichten liefern, die man heute in den Medien so liest. Ich fürchte, bei mir da nichts mehr zu machen. Dafür habe ich Franz-Gewinde in der Kurbel. Das ist auch schon was!

Die habe ich heute noch einmal überprüft – es ist nicht spaßig, wenn einem die Kurbel beim Antritt nach der Serpentine bricht. Frauen verstehen das nicht, weil sie nicht wissen, wie dieser Cocktail der Körpersäfte bergauf und bergab im vollen Ausmass tobt. Eine Bekannte mit intensiven Drogenerfahrungen – was wohl alles ist, wozu die Grüne Jugend wirklich taugt – meinte einmal, meine Erzählungen klängen doch sehr nach Drogenrausch. Ich zweifle jedoch, dass sie wirklich ahnt, was es bedeutet, wenn einen die Faust Gottes über ein schmales Asphaltband in die Tiefe pfeffert, und hinter jeder Kurve der Tod warten kann. Da ist es gut, dass der Mechaniker heute noch einmal die 50 Jahre alte Bremsenkonstruktion und die Speichen nachjustiert hat: Sorgfalt und Mut überlebt, Dummheit und Mut stört bei der natürlichen Auslese.

Das System, in dem wir leben, will etwas anderes: Es redet uns ein, wie wir die Welt sehen sollen, welches Verhalten richtig ist, welche Willkommenskultur wir zu leben und welche Positionen wir abzulehnen haben, Wir sollten Christopher Street Days schätzen, auch wenn dort inzwischen die Kirchen, nach Kernseife und Enthaltsamkeit riechend und Fett in Leggins pressend, mitgehen, und immer an die Umwelt denken, auch wenn die Macher dieser Vorschriften Natur nur als den Busch kennen, in dem ihr voll in die grüne Weltsicht integrierter Dealer die Drogen versteckt. Es gibt in diesem Wertesystem jenseits der reinen Fortpflanzung keine natürliche Auslese durch Leben und Tod, Geschlechtspartner und sich anziehende Gegensätze, die die Jungen stark machen. Es gibt Leitlinien und Filterblasen, an denen sich die Auswahl vollzieht.

Minister laufen mit Schauspielerinnen davon, EKD-Mitglieder finden sich in Räten, der Gewerkschaftler trennt sich irgendwann von der SPDlerin und politische Überzeugung ist wichtiger als körperliche Attraktivität oder gar Vermögen, Die Ausleseprozesse sind nicht mehr durch Umwelt und Not definiert, sondern von Sozialen Netzwerken, ideologischen Gruppen, Singlebörsen und der Fähigkeit des Mannes, Wellnessurlaube zu ertragen. Im Überfluss des Westens kann man sich tatsächlich beschweren, wenn der Partner einen Mangel wie ein Produkt hat, das man folglich umtauschen kann. Das wird als Grundrecht empfunden. Es überlebt in diesen Zirkeln nicht der Stärkste, sondern der, der sich diesem System am besten anpassen kann.

Die Fähigkeit, einen Berg im Schneetreiben zu erklimmen, ist da nicht mehr relevant, aber der Trieb ist jmmer noch da, also machen es die Männer alleine. Vor ein paar Wochen war ich mit einem ebenfalls nicht fitten Mann an einem Berg, und wir fuhren nebeneinander hoch: Trotz schwacher Muskeln am Limit natürlich, mit gefletschten Zähnen, und aus den Augenwinkeln sah ich, wie hinter uns seine Begleiterin die Augen verdrehte: Aber so ist eben die Natur, so funktioniert der Körper, man weiss, dass es nicht vernünftig ist, und man bekommt dafür keinen Preis. Aber es fühlt sich nett an, wie jener Sex, der in Zeiten von Social Freezing für die Frau auch nicht mehr nötig ist, wenn sie sich auf die Karriere konzentriert, und erst später auf das Finden des richtigen Partners, der bis dahin professionelle Sexdienstleistungen als ökonomische Alternative erkannt hat. Die schiere Kraft, die unsere Urgrosseltern noch besangen und auf Dorffesten bewunderten, ist etwas für Proleten, oder wird versteckt irgendwo in den Bergen ausgelebt. Da hilft auch keine Frauenquote und kein Programm für Familien. Es ist nun mal ein atavistisches Ritual. Eine Abweichung von der Norm der Evolution. Man könnte auch an der warmen Heizung sitzen und Tee trinken, und melancholisch in den Regen schauen.Man muss nicht verstehen, warum ich morgen um 9 Uhr im Regen hoch zu den drei Zinnen fahren werde, wo der Winter Einzug hält und der kalte Schlamm in alle Poren dringt. Man muss auch kein Mitleid haben, denn wer das macht, der lebt sein Testosteron. Das, was die Evolution vom Mann der Vergangenheit zur Memme der Gegenwart nicht beseitigen konnte: Das will es so. Es wird eine phantastische Sauerei, und ich hoffe, dass neben mir auch die Kamera überlebt, damit ich Bilder vom Gemetzel mitbringen kann. Die Kastraten der Zukunft werden schaudern, wenn sie das später einmal wieder entdecken.

Nein, ich habe nicht Frankensteins Monster im Speicher. Aber vielleicht werde ich morgen im Ziel selbst so aussehen.

15. Sep. 2017
von Don Alphonso
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12. Sep. 2017
von Antje-Susan Pukke
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Wie machen Sie das denn? Vom WG-Leben im Alter.

Vorbemerkung: Ich werde oft gefragt, wie man in die FAZ kommt, und die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Man wird gefragt und sagt Ja. So war es zumindest bei mir, meiner Kunstfigur Don Alphonso und meinen Blogs, und so geht das eben immer weiter. Ich lese viel, denke mir: Die könnte etwas taugen! – frage an, mansplaine und hole mir dann manchmal einen Korb. Diesmal ist es zum Glück anders, denn die Gastautorin, die ich hier einleten darf, kann etwas ganz Unerhörtes berichten: Dass man nämlich gar keinen barocken Stadtpalast für ein standesgemässes Dasein braucht, und auch in einer WG glücklich und zufrieden sein kann. Die Bilder sind natürlich trotzdem von Stadtpalästen, chacun a son gout, ausserdem ist es wie mit dem Tafelsilber, ich muss es nehmen, ich habe nichts anderes. Don Alphonso.

Das Huhn, das Huhn ist schuld daran, dass Sie ausgerechnet von mir etwas auf diesem Blog lesen. Man muss dazu wissen, dass Don Alphonso und ich eine Lebensgeschichte haben, ein Leben führen, das konträrer nicht sein könnte. Er, der Aufsteigerkinder wie mich aus kleineren Verhältnissen nicht immer schätzt. Und ich, die ich häufiger etwas irritiert darüber bin, wie man aus gesegneten Herkunftsverhältnissen heraus so manches Mal über andere so hart urteilen kann.

Das Huhn also.

Ich hatte eigentlich nur einen kleinen Tweet abgesetzt aus meinem kleinen, aber feinen WG-Leben.

Der Mitbewohner zerhackt gerade sein Huhn auf dem Holzschneidebrett der sonst wirklich toleranten Veganer-Mitbewohnerin.

*Holt Popcorn*

Und dann kam eine sehr nette Privatnachricht, warum ich eben über dieses WG-Leben nicht einmal was schreiben wolle. Hmmm, dachte ich, was soll man bloß darüber schreiben? Wir leben hier fröhlich zusammen, ab und zu gibt es mal eine kleine Auseinandersetzung, kurz darauf haben wir uns wieder lieb.

Für mich alles ganz normal, ich habe fast immer mit Menschen zusammengelebt, als Kind in der Großfamilie, später in langjähriger Partnerschaft und nach der Trennung eben in Wohngemeinschaften. Was soll daran besonders sein? Darüber dachte ich ein bisschen nach und stellte fest: Doch, es gibt da etwas Besonderes.

Ich gehe nämlich auf die 60 zu. Ich wohne derzeit mit einer Mitdreißigerin und einem Mitvierziger zusammen. Für Berliner Verhältnisse zum Beispiel mag das normal sein, dass auch Ältere in einer Wohngemeinschaft leben, in Bayern ist das nicht die Regel, wenn ich mir die Reaktionen so anhöre.

Neulich zum Beispiel im Biergarten. Ich sitze an einem heißen Sommermittag so da, vor mir eine Apfelschorle und eine Zeitung. Ein Mann mit Weißbier und Wurstsalat setzt sich an meinen Tisch, Alter zwischen Mitte 50 und Mitte 60, so ganz genau kann ich das nicht abschätzen.

„Sie müssen auch was essen, junge Frau.“
„Danke, wir essen später gemeinsam zuhause.“
Der Mann kratzt sich kurz am Kopf und fragt charmant: „Wer ist wir? Sie sind doch nicht etwa vergeben?“
Der Versuch einer Annäherung, das ist in München so, wenn man im Biergarten sitzt.
Kurzes Überlegen. Lügen mag ich auch nicht.
„Nein, ich lebe in einer Wohngemeinschaft.“
„In Ihrem Alter?“
„Ja, warum nicht?“
„Eine Weiber-WG also.“
„Nein, zwei Frauen, ein Mann.“
Der Mann kratzt sich wieder am Kopf.
„Ja streitet man sich da nicht dauernd um den Mann?“
„Nein, wieso? Und wie leben Sie so?“

Und dann erzählt der Mann seine traurige Geschichte. Seit 19 Jahren verheiratet, die Frau arbeitet noch. Wenn er, Frührentner, aufsteht, ist sie schon weg und wenn er nach seinen fünf, sechs Weißbieren, die er tagsüber trinkt, um 20 Uhr schon schläft, kommt sie nachhause. „Wir sehen uns fast nie.“

Und schließlich will er es noch einmal wissen.
„Und was ist, wenn Sie alle auf einmal auf die Toilette müssen?“
„Wir haben eine Gästetoilette und ein großes Bad mit Toilette.“
„Aber man muss sich ja auch sonst mal aus dem Weg gehen können.“
„Wir haben eigene große Zimmer und zwei große Balkone. Und wie ist das bei Ihnen so?“
„Ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine Küche, kleines Bad. Eng, aber wir sehen uns ja eh nie.“

Das Huhn, das Huhn, das lässt noch andere Erinnerungen in mir wach werden.

Die von der Kollegin, die in einem riesigen Haus wohnt und das gar nicht verstanden hat, dass ich in einer WG lebe. „Wir hätten da ja genug Platz. Mein Mann und ich leben so nebeneinander her, aber wildfremde Leute bei uns einziehen lassen? Da gibt es doch nur Probleme mit der Putzerei. Aber schön wäre das schon, so eine Mini-WG. Wir hätten endlich wieder jemanden, mit dem wir reden können.“ Und sie fügt hinzu: „Wie machen Sie das denn? Das ist doch bestimmt nicht unkompliziert, so ein Zusammenleben mit Nichtverwandten.“

Ja, wie ich das mache, weiß ich manchmal auch nicht. Ich weiß nur, dass mir das Leben in einem einsamen kleinen Appartement nicht liegt. Ich habe lange alleine gewohnt, sogar Jahre auf dem Land in einem schicken kleinen Häuschen. Wobei alleine so nicht ganz stimmt. Die Katze und ich lebten zusammen. Und ich bin da einfach nur untergegangen.

Ich könnte Ihnen noch viele Geschichten erzählen von „wie machen Sie das denn?“, von Bewunderung, von Abneigung, von Neid und doch denke ich gerade beim Schreiben so: Das Huhn, das Huhn …

Vielleicht will mich dieses Huhn ja einfach nur an meine eigenen Erfahrungen und an die Einsamkeit so vieler Menschen erinnern, von denen und über die ich zum Beispiel auf Twitter lese. Das macht mich manchmal ganz einfach nur traurig. Zwei meiner Follower haben sich umgebracht aus eben ihrer Einsamkeit heraus. Dazu die zahlreichen Tweets, die ich tagsüber, selten auch in der Nacht lese über Trennungen, über die Sehnsucht nach einem Partner, einer Partnerin, über das einsame Altern. Gerade letzteres beschäftigt mich sehr. Da leben die einen in viel zu großen Wohnungen und schwelgen alleine in Erinnerungen, während die anderen in ihrem kleinen Appartement sitzen, genauso einsam.

Und eine Zigarettenlänge später fällt mir die zentrale Botschaft ein: Bevor Sie so ganz alleine untergehen, ziehen Sie in eine WG oder gründen Sie eine, egal, wie alt Sie sind. Sie können nur gewinnen, nicht verlieren. In Ihr kleines Domizil mit Fernseher, Notebook, Pizzalieferservice, Katze und sich selbst können Sie immer noch zurückkehren. Oder Sie könnten, wenn Sie in einer zu großen Wohnung leben, erst einmal für kürzere Zeit untervermieten. Zusammenleben auf Probe sozusagen. Sie müssen ja nicht ganz so mutig sein wie ich, als ich damals nach der Trennung in einer viel zu großen Wohnung saß und die unterschiedlichsten Menschen einziehen ließ.

Das Huhn, es erinnert mich nämlich zum Beispiel an Herr S., den ich in den Anfangszeiten von BISS in deren Schreibwerkstatt kennenlernte. Herr S., ein ziemlich verrückter bayerischer Kerl um die 50, lebte damals auf der Straße und versuchte mit Hilfe der Gründer der Münchner Obdachlosenzeitung wieder Fuß zu fassen. Durch den Verkauf des BISS, aber auch durch das Schreiben. Das für ihn Unbegreifliche und damit sein Schicksal in Worte zu fassen, das war sein Ziel. Jahrelang war er auf Märkten unterwegs gewesen, hatte allerlei Sinniges und Unsinniges verkauft, gut verdient, aber leider vor lauter Arbeit den Überblick über seine Finanzen verloren. Zehntausende Mark an Steuerschulden, unfähig, das zu regeln, Scheidung von seiner langjährigen Partnerin, Kündigung der Wohnung.

In meiner WG war damals gerade kein Zimmer frei, aber hey, Platz ist in der kleinsten Hütte. Herr S. verkaufte also tagsüber den BISS und für die Nacht haben wir ihm eine Matratze in die große Wohnküche gelegt, bis er eine eigene Wohnung fand. Wir haben gemeinsam gekocht, gelacht, waren traurig. Und ich habe so viel begriffen, vor allem, wie schnell das Scheitern gehen kann.

Profitiert habe ich immer von den Menschen, die einzogen und mehr oder weniger lange blieben. Von B., die Theaterwissenschaften studierte und die mich für die Welt der großen Bühnenstücke und die des kleinen Experimentiertheaters begeisterte. Vom Mailänder Model M., der damals viel in München für große Modezeitschriften arbeitete und der das harte Geschäft erst richtig verstehbar machte. Oder von S., der für ein Gastsemester Philosophie in München war. Die Gespräche mit ihm über Gott und die Welt möchte ich nicht missen und auch nicht seine skurrile Sloterdijk-Hörigkeit. Wie oft saß er in der Küche mit Kopfhörern und Kassettenrekorder, hörte die Vorlesungen seines großen Vorbildes und murmelte ständig „was will er damit nur sagen?“ Wir anderen und auch er hatten dabei viel Spaß und Spaß gab es ohnehin immer viel.

Was ein Huhn so alles in einem an Erinnerungen wecken kann. Die meisten davon sind einfach nur schön und berührend.

12. Sep. 2017
von Antje-Susan Pukke
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06. Sep. 2017
von Don Alphonso
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Die Dialektik der historischen Aufklärung gegen die AfD

Ein Deutscher, ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.
Theodor W. Adorno

Es wird am Wahlabend, wenn nichts Gravierendes dazwischen kommt, natürlich viel Entsetzen über das Abschneiden der AfD geben, und ich vermute, dass das Entsetzen nicht auf Seiten von Frau Weidel und Herrn Gauland sein wird. Wie es immer so ist, wird man die Fehler bei jenen suchen, die sich falsch entschieden haben, und es ist anzunehmen, dass man mit abweichenden Meinungen im Lager der Kommentatoren wenig gnädig verfahren wird. Speziell, wenn sie auch noch darauf hinweisen, dass es nicht zu wenig Kampf gegen die AfD gegeben hat, sondern vor allem einen falschen Kampf mit den grundfalschen Argumenten. Ich bin nicht nur der höflichste, sondern auch der konfliktscheueste Mensch von der Welt, und als solcher möchte ich hier – zumal noch Zeit für Einsicht und Strategieänderung bleibt – einen in meinen Augen besonders gravierenden Fehler verdeutlichen: Der ständige Vorwurf, die AfD wollte zurück in die 50er Jahre.

Wer dieses Jahrzehnt wirklich im ganzen Umfang bewusst als Erwachsener erlebt hat, wurde um 1930 herum geboren und nähert sich dem 90. Geburtstag. Was die 50er Jahre wirklich waren, wissen die meisten Deutschen nur aus dem Geschichtsbuch, oder Erzählungen, die angesichts der harten Kriegszeiten davor gar nicht so schlecht sind, wie viele heute im Wohlstand meinen. Natürlich kann man in einem Soziologieseminar nicht offen darüber reden, wie der eigene Uropa in der fernen Provinz unter Adenauer den finanziellen Grundstock legte, auf dem man heute die Benachteiligung von Frauen und Migranten studiert. Aber die Zeiten von 1914 bis zur Währungsreform mit der DM waren mit ihren Krisen und Kriegsgräueln für die meisten Menschen alles andere als schön. Danach wurde es sehr schnell sehr viel besser, und zwar für breite Schichten der Bevölkerung – ganz gleich, ob in der BRD, England, Frankreich, Italien oder Österreich. In Deutschland schüttete man mit Aufstieg und Konsum die Erinnerung an Krieg und Völkermord zu. Das sorgt für den schlechten Ruf der Dekade. In anderen europäischen Ländern ist die Phase bis Mitte der 60er Jahre bis heute ein Goldenes Zeitalter geblieben.

Und selbst bei uns gibt es da zwei Arten der Geschichtsschreibung: Das eine ist die durch die 68er definierte, offizielle Haltung, die Adenauer, Globke, den deutschen Schlager, die Wiederbewaffnung, die hemmungslose Motorisierung, den Konsumwahn oder den Fortschrittsaberglauben mit seinen zubetonieren Flüssen und AKWs ablehnt. Diese Vorstellung der Epoche ist weitgehend negativ aufgeladen, und hin und wieder wird man daran erinnert, etwa, wenn die Opfer der Schwulenparagraphen rehabilitiert werden. Oder wenn von Bischof Mixa bis zu den Regensburger Domspatzen die Verfehlungen und Vertuschungen der Kirche offensichtlich werden. Oder wenn Zeitzeugen erzählen, wie sich Gastwirte der Gefahr aussetzen, wegen Kuppelei die Lizenz zu verlieren, wenn sie Männer und Frauen zusammen ein Zimmer nehmen ließen. Was uns heute beim Betrachten von 50er-Jahre-Filmen wie verklemmte Sexualität vorkommt, war damals frivolstes Kokettieren am Rande des gesellschaftlich Zumutbaren. Ich wäre höchst überrascht, nähmen AfD-Anhänger nicht auch ab und zu jene Dienste in Anspruch, die im Internet heute ganz anderes Filmmaterial auf den Rechner bringen – aber übel und bigott und sexfeindlich waren nun mal diese 50er Jahre, die man mit der AfD in Verbindung bringen will.

Das sind übrigens auch die 50er Jahre, von denen ich selbst immer erzähle, wenn ich mit anderen im Altmühltal unterwegs bin, in jener romantischen Juralandschaft, die ideal geeignet ist, um mit Kindern Rad- und Paddelbootausflüge zu machen, und Burgen zu erwandern. Die 50er Jahre haben hier wie in vielen ländlichen Regionen erst in den 80er Jahren aufgehört, und ich fühle mich verpflichtet, den hässlichen Kontext der Schönheit zu liefern: Hier steht nur noch so viel Altes, weil man sehr lange zu arm für Neues war. Hier sind die Kirchen so prächtig, weil die Bischöfe das Land ausplünderten. Die Dienstmädchen bei meiner Familie waren die unehelichen Töchter der hiesigen Bauern. In den Gaststätten hingen nicht wie heute Artefakte des bäuerlichen Lebens, sondern die Bilder all jener Männer, die in den Kriegen von 1870 bis 1945 “auf dem Feld der Ehre” geblieben sind, und darunter maulten die Veteranen und Reservisten, weil man 41 nicht nach Moskau kam. Ich erzähle das alles. Und komme nicht gegen das an, was die Menschen hier sehen.

Eine Welt mit fetten Sossen, riesigen Portionen und ausgewählten Zutaten, eine Welt, die wie die gute alte Zeit wirkt, aber damit nichts zu tun hat. Die “gute, alte Zeit” hier war gleichbedeutend mit fragwürdigem Kesselfleisch nach der Schlachtung, Fett am Schweinsbraten, Maggi am Tisch, stinkenden Zigarillos, und als besonderer Attraktion, gegenüber von einem der heute besten Lokale im ganzen Tal: Ein unhygienischer Pommes-Frites-Automat, der für ein Fuchzgerl Fettkartoffelstreifen auswarf. Und genauso, wie sich die Feinschmeckerei hier mit frischem Salat und Schnittlauchstreussel neu erfindet, mit ihren Prälatentellern und dem Ochsen am Spiess im Schloss für 40 Personen – so hat sich die ganze Region neu erfunden.

Das Altmühltal hat kein Meer und keine Berge, sondern nur die scheinbare Unschuld der 50er Jahre Romantik. Es ist hier so, wie es noch war, als Grossonkel Wilfried und Tante Gerda und Pudel Willy mit dem Opel Kadett ihre Nichte Marika abholten, weil das Faltboot ein Leck hatte. Ich merke das an mir selbst: Ich weiss, wie es früher gewesen ist. Es war schlimm. Es war überall schlimm, auch im Donaumoos, in der Holledau und überall, wo man sich heute als biologische und nachhaltige Alternative zum Urlaub in der muslimischen Welt anbietet. Der Bartelmarkt in Oberstimm war ein elender Treffepunkt für das ganze Gschleaf aus Bayern, aber heute gilt er als bundesweiter Geheimtip für echte Volksfeste.

Da möchte man die AfD hinein pferchen und sie in einem Gatter mit dem Schlimmen jener Tage halten. Das ist aber so eine elitäre Einstellung, die man sich eben leistet, wenn man aus der akademischen Oberschicht stammt. Da ist die Ablehnung jener Epoche ein Konsens, der aber auch nur dort gilt: Auf dem Land waren die 50er Jahre prima, man bekam damals Strom, Wasser, das Dieselross und Teer. Man hat sich das unter Strauss nicht schlecht machen lassen, und will von den negativen Aspekten nichts mehr hören.

Man hat die Geldspielautomaten, an denen sich die Landjugend mangels Alternativen ruinierte, in den Gaststätten entfernt, und hängt wieder Geweihe auf. Man hat die Saufrituale der Region mit kristallklaren Schnäpsen aus hier wachsenden Schlehen, Wacholder, Marillen und Zwetschgen ersetzt. Früher bekam man hier zum Datschi die Dose mit der Sprühsahne auf den Tisch gestellt. Heute ist der Datschi eine teuer gehandelte Delikatesse, und wird mit einem kleinen Klecks frischer Sahne veredelt. Es hat nichts mit der gar nicht so guten, alten Zeit zu tun -aber es wird so erlebt. Und natürlich ist der junge Schwarzafrikaner im Garten des Bischofs ein eifriger Gaststudent mit Stipendium, und nicht vergleichbar mit dem, was man im Görlitzer Park erlebt.

Ein schönes Beispiel für die unterschiedliche Auffassung ist die hiesige Jesuitenkirche: Kein wirklich aufgeklärter Mensch kann sich vorstellen, an einem Ort zu heiraten, an dem armen Bauern vorgegaukelt wurde, Schutzengel würden dauernd über ihrem Leben schweben. Zumal, wenn man weiss, dass die Jesuiten für eine brutale Durchsetzung des Glaubens mit religiöser Säuberung standen. Damals war die Grenze zwischen Bistum und evangelischen Reichsrittern auch die Grenze jeder zwischenmenschlichen Verbindung. Das hält aber nach meinem Wissen niemand davon ab, all die Schutzengel putzig und das Ambiente eindrucksvoll zu finden, nachdem die Kirche – in meiner Jugend noch ein finsteres Loch – jetzt nach der Restaurierung im neuen Glanz erstrahlt. Die Geschichte dahinter ist nicht schön, aber die Kirche ist das, was die Heiratswilligen darin sehen wollen. Das Altmühltal war bitterarm, aber es hat sich heute als die gute, alte Zeit herausgeputzt, die wir gerne im Urlaub sehen wollen.

Und mein Eindruck ist, dass die Rückwärtsgewandtheit der AfD ganz ähnlich funktioniert. Man sagt ihren Anhängern, die Partei sei 50er Jahre und daher im Sinne von Horkheimer und Adorno abzulehnen. Aber ihre Anhänger sehen da etwas wie das Altmühltal mit sauberen Strassen, geordneten Verhältnissen und gute Zeiten für jene, die gute Leistung bringen. Man gibt sich alle Mühe, die AfD in einen Schweinestall mit allen stinkenden Tieren der Vergangenheit zu pressen, aber die Anhänger der Partei sehen sich eher im schmucken Fachwerkhaus mit Blumen vor den Fenstern und Fahnen, wenn der Festzug zum Volksfest vorbei zieht. Für Akademiker, die ihre Legitimation aus dem Anspruch ziehen, eine bessere Welt zu erschaffen, sind die 50er Jahre eine negativ geprägte Epoche, über die man nicht mehr reden muss: Ihre Geschichtsschreibung hat das Urteil bereits gefällt, es ist die Übergangsphase zwischen Nazi und Licht der Frankfurter Schule, und nur als Kampfzeit gegen das Alte und Überkommene positiv zu betrachten.

Der AfD-Wähler dagegen lenkt seinen Diesel Kombi entlang der Biegungen des Flusses, freut sich an der Welt, die nie so heil war, wie sie heute zu sein scheint, und versteht nicht, warum man an diesem Zustand etwas ändern sollte, und ihn mit Fremden und Migration anreichern: Er hat zwei Kinder und seinen Teil dafür getan, damit in seiner Welt alles so bleibt. Das Nachwuchsverweigerungs- und Rentenproblem der Deutschen ist nun mal eher akademisch, feministisch, metropolitan, nicht in der Produktion tätig, und ärgert sich im 50 Wochenstunden dauernden Teilzeitjob einer Werbeagentur, wenn andere es gern idyllisch, romantisch, homogen und in letzter Konsequenz potemkin-dörflich haben, wie in einer Heimatfilmkulisse. Man kann ihnen fundiert vorwerfen, dass sie die Vergangenheit unangemessen idealisieren und negative Folgen ausblenden. Aber dafür müssten sie den Kündern der anderen Wahrheit zuhören wollen.

Wahlkampf mit der Geschichte ist immer problematisch, denn da werden Fässer wieder aufgemacht, die man vielleicht besser geschlossen gehalten hätte. Man erlebt eventuell, dass der totale Sieg im Feuilleton noch lang keinen Sieg auf dem flachen Land nach sich zieht, und sich die offizielle Geschichtsschreibung nur teilweise mit der mündlichen Weitergabe des Märchenhaften deckt- wäre es anders, gäbe es auch schon lange nicht mehr die Nachfolgepartei der SED. Man unterschätzt leicht die perfide Fähigkeit weniger studierter, aber nicht ungeschickter Bevölkerungsgruppen, die Vergangenheit so aufzuhübschen, dass man am Ende völlig aneinander vorbei redet, und dem anderen etwas als Verdammung entgegen schleudert, was der als Kompliment wertet. Es ist noch nicht einmal gelungen, eine Partei wegen ihrer Rolle in der der DDR unwählbar zu machen. Warum sollte es mit den 50er Jahren der BRD bei der AfD besser funktionieren?

Auch das ist, wenn man so will, eine Dialektik der Aufklärung, und der Wahlausgang wird uns da meines Erachtens noch höchst adornisieren.

06. Sep. 2017
von Don Alphonso
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30. Aug. 2017
von Don Alphonso
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Grün lackierte Mobilität und Volksferne

Jetzt kommt in allen Parteien die Playback-Generation.
Joschka Fischer

Sehen Sie, es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen bevorzugen Olivenöl, und die anderen Butter. Und beide halten Margarine für Sondermüll und bezweifeln, dass es eine dritte Art von Menschen gibt, nämlich die, die mit Margarine nicht Kugellager, sondern Brote schmieren. Als höflichster Mensch der Welt stimme ich beiden Seiten zu und nehme nördlich der Alpen meist Butter und südlich der Alpen meist Öl. Gerade noch bin ich nördlich und bittschön, hier, Butter auf einer grossen Wiesenbrezn.

Das ist so eine simple, bayerische Spezialität und dennoch in ihrer Schlichtheit köstlich, regional natürlich und zwar so regional, dass die Beschaffung als technisches Wunder gelten kann: Es ist mir gelungen, die Zutaten mit minimalem Energieverbrauch zu beschaffen. Alle reden heute von emissionsloser Fortbewegung und meinen damit Verseuchung des Landes mit Kohle- und Atomkraftwerken, die die Emission für den Strom der E-.Autos woanders produzieren, Aber ich meine das ganz ernst: Gemessen an dem, was selbst ein Fussgänger an Energie verbraucht, habe ich mich mit geringeren Schadstoffmengen mit der Butterbreze bereichert. Denn ich habe Trekki genommen. Trekki ist ein 1994 gebautes Basismodell der Marke Trek, das durchaus solide und für den urbanen Einsatz gerüstet ist. Allerdings mochte die Besitzerin es nicht, warf es im Frühjahr nach 23 Jahren Gammeln weg. Ich habe es vom Schrottplatz gerettet und restauriert. Alles, was ich brauchte, war Werkzeug, Öl, Fett- echtes Titanfett und natürlich keine Margarine -, Lackpolitur und 10 Stunden Arbeit.

Bei der Rettung von Trekki entstanden nicht mehr Schadstoffe als bei einmal Fettucini al Oglio kochen und dem Verbrauch einer Packung Papiertaschentücher. Seitdem dient Trekki hier als Einkaufsrad und kann auch von anderen Hausbewohnern benutzt werden. Trekki ist robust, die Technik wird sicher noch 20, 30 Jahre halten. Reparaturen sind unkompliziert, und die wenigen schlechten Komponenten habe ich durch Besseres, ebenfalls vom Container, ersetzt. Verglichen mit der Verschrottung, der Trekki anheim gefallen wäre, war das umweltschonender, und die Fahrt mit dem Rad zum Bäcker verbraucht auch weniger Energie – und damit Essen und Energie für dessen Produktion – als ein Fussmarsch. Denn Radeln ist energieeffizienter als Gehen, Ich bin also nicht nur der höflichste, sondern auch der energieeffizienteste Mensch der Welt. Nur tot könnte man weniger Emissionen als ich verursachen – und das auch nur, bis der Verwesungsprozess einsetzt.


Kurz, wenn man wirklich alle Faktoren mit einrechnet und wirklich den ökologischen Fussabdruck reduzieren will, kommt man mit etwas Nachdenken auf exakt meine Lösung. Es ist nicht nur meine Vorstellung, es gibt auch Entwicklungshilfe für Afrika, die darin besteht, alte ´Räder dorthin zu bringen, wo sie benötigt werden, ohne dass die Umwelt unter der Mobilität der Menschen leidet. Ausserdem leidet dann das Gewissen der Deutschen nicht, wenn sie, statt die Kette zu wechseln, ein neues Rad kaufen und wohlig an den Afrikaner denken, der von ihrem Konsum profitiert. Momentan ist Sommer, momentan fahre ich fast alles mit dem Rad, hole frische Brezen, und wie das so beim Radeln ist, mache ich mir so meine Gedanken. Zum Beispiel über die Grünen, deren Spitzenkandidat Cem Özdemir das Verbot von Verbrennungsmotoren zur Koalitionsbedingung macht und behauptet, die Grünen seien die Partei der Ingenieure, die an der Zukunft der Mobilität arbeiten wollen.

Zu Zweiteren, das habe ich hinlänglich ökologisch-bewusst und schraubend bewiesen, gehöre ich. Beim Ersteren jedoch fällt mir wieder der Hashtag #Grüneversenken ein, der im Netz häufig zu lesen ist, denn ich glaube 2017 an die E-Mobilität wie 2015 daran, dass vor allem gut ausgebildete Rentenzahler nach Deutschland kommen. Ich bin damit wohl nicht ganz allein, und viele Bekannte sind der Ansicht, dass den Grünen als Partei der Studienabbrecher_Innen und Bonusmeilenflieger vier Jahre zur ausserparlamentarischen Neuerfindung sicher nicht schaden würden. Abgehoben und weltfremd wirkt die Partei, die ein bestimmtes, kleines Klientel in Städten perfekt bedient und dem Rest des Landes mit Verboten kommt. Es ist übrigens nicht so, dass ich etwas gegen Despotie hätte – meine bevorzugte Sozialordnung der Leibeigenschaft etwa lässt sich kaum demokratisch verwirklichen. Aber es gibt halt zwei Arten von Despoten auf der Welt: Bei den einen ist alles in Butter und die anderen saufen Öl Extra Vergine und Wein der Toskanafraktion, während der Rest mit Wasser und Margarine leben muss.

Von der ersten Sorte war König Maximilian II. Joseph von Bayern, der 1858 eine fünfwöchige Reise zu Pferd, zu Kutsche und zu Fuss von Lindau am Bodensee bis nach Berchtesgaden zu seinem bayerischen Volke unternahm, und bei der Gelegenheit übrigens auch direkt bei mir am Tegernsee vorbei kam. Diese Reise war damals höchst ungewöhnlich und wurde legendär, und später behauptete jeder, die königliche Hoheit gesehen zu haben, oder sie sei sogar im Gasthof verkehrt und habe einen angesprochen, und das Rehragout gelobt. Plötzlich soll einfach die Tür aufgegangen sein, und dann stand der Monarch beim Bürger, und hörte sich an, wie das Leben so war und was er zum Wohlergehen tun konnte. Der wandernde, staubige, vom Regen überraschte König hat die Menschen hier so beeindruckt, dass sie ihm einen Wanderweg widmeten, und ihn bis heute in bester Erinnerung halten, indem sie ihre Söhne Max nennen.

Das ist nicht schlecht für so einen naturnahen Vierteldemokraten und fünf Wochen Imagetour. Und wenn ich ein politischer Erbe der Dreivierteldespotie wäre, dann würde ich es ähnlich machen. Nehmen wir an, in meiner Partei gäbe es eine sportliche, jüngere, schlanke Frau, die emanzipiert wirkt: Nichts spräche dagegen, sie auf ein Rad zu setzen und zu sagen: 100km fährt man an einem Tag locker, also radle von Dorf zu Dorf, halte an, sprich mit den Leuten, sei freundlich und volksnah, höre Dir ihre Sorgen an und zeige, dass Du eine von ihnen bist. Schau in ihre Ställe, spiele mit ihren Kindern, hör einfach zu und versuch zu verstehen, was für das Volk die beste Lösung ist. Zeig, dass Du eine von ihnen bist, setz Dich aufs Bankerl vor dem Haus, radle mit ihnen ein paar Kilometer und verstehe das Land, das Du angeblich schützen willst, in all seinen Aspekten. Frühere Monarchen nannten sich “erste Diener des Staates”, versuch also, Dich als jemand zu zeigen, die “erste Dienstmagd des Volkes” ist. Sei nicht abgehoben, sei nicht Klientelpolitik, sei was Du bist und betrüge keinen mit unrealistischen Vorstellungen. Trink nicht mit ihnen frisches Bergwasser in Erwartung des Weins am Kabinetttisch. Dann wird der, der Dich sah, seinen Freunden sagen: Oiso, de Simone, ned woah, de woah ah bei uns am Hof, und de kennt se fei scho aus. Oiso dös sog i Eich: A gschupfte Hennah is de ned.

Ah so, werden dann die anderen sagen, und zuhören, wie die Simone mit ihrem grünen Rad den Feldweg entlang fuhr, mit einem Strauss Feldblumen im Korb, die Butterbrezen lobte und den kleine Maxl auf den Schoss nahm. Ich erzähle das, weil ich im Frühjahr beim Verband der Milchbauern im Oberland war, und dort CSU, SPD, freie Wähler und Bund Naturschutz Grussworte teils gegen heftige Beschimpfungen derbster Natur vorbrachten, aber kein Grüner sich sehen liess. Ich sage das auch, weil die Menschen auf dem Land eher durch Taten als durch Worte auf sozialen Kanälen erreichbar sind. Vor allem aber sage ich das, weil, naja, wie soll ich sagen: weil die Realität so anders ist. Denn die Simone mit dem grünen Radl, die gibt es wirklich. Sie heisst Simone Peter, ist Vorsitzende der Grünen und 6 Wochen bis zur Wahl auf Tour durch Deutschland. In den Städten fährt sie mit dem Rad.

Aber zwischen den Städten zeigt sie sich mit zwei schweren, grünen BMW530e Hybrid, die 252 PS haben und über 50.000€ Basispreis kosten. Oben auf dem BMW ist ein Dachträger für das grüne Rad, das im Gegenwind die Aerodynamik des Wagens versaut und auf 100km ein, zwei Liter mehr Benzin schluckt. Neben den BMWs stehen ihr nach Eigenaussage für die Tour auch noch ein Opel Ampera und zwei französische Fabrikate mit Elektromotor zur Verfügung. Zusammengerechnet sind das an automobilen Untersätzen rund 200.000 €. Und das wird ganz offen in Peters Twitterkanal an die Wähler daheim in den grossen Städten geschickt.

Als ich mich darüber mokierte und über die Preise der 3er und 7er Hybriden schrieb, antwortete Simone Peter (oder ihr Team, wer weiss das im Internet schon), dass man den 530e nur für sechs Wochen gemietet habe, mehr könnte sich die Partei nicht leisten. Maximilian trat als Herrscher dem Volk zu Fuß gegenüber, Simone Peter tritt dem Souverän mit einer ganzen Flotte von Autos gegenüber, die der Souverän für unpraktisch hält. Sie sind für ihn angesichts der Abgabenlast zu teuer, wie auch den Grünen selbst, die diese Autos nur gemietet haben, wie die Unterschicht für den Urlaub einen 911er mietet. Und die Grünen mieten dabei auch noch eine Mogelpackung: die Reichweite eines 530e liegt elektrisch bei maximal 50km. Ohne Stromtankstelle wird der Akku durch den Verbrennungsmotor geladen. Und dauerhaft verpflichten wollen sich die Grünen jenseits des Wahlkampfs auch nicht. Daher wird gemietet – ein Modell der Firma, für die der ehemalige Obergrüne Joschka Fischer als Lobbyist tätig war.

Kurz, Simone Peter fährt ein grünes Rad ungrün und schadstofffördernd auf einem schweren, gemieteten Auto durch das Land, dessen Antrieb vor allem ein Verbrennungsmotor leistet, den die Grünen verbieten wollen, angereichert mit einem Elektroantrieb, den die Grünen aber nicht kaufen und bezahlen wollen, und lackieren das ganze grün und schreiben “Mut als Motor Zukunft als Ziel” darauf. Unf möchten, dass die Bevölkerung sie wählt, weil sie für das Verbot von Verbrennungsmotoren, mehr Gendermainstreaming, Ende des Ehegattensplittings und mehr Migration und weniger Abschiebung eintreten.

Die Sache ist halt so: Natürlich kann man dem Bürger die Kosten für die Energiewende und das grüne Milliardengeschäft der Windmühlen aufhalsen, und ihn obendrein zum Kauf von Mobilität zwingen, die momentan auch den Grünen zu teuer ist. Dazu muss man nur Steuern massiv reduzieren, und es gibt durchaus Einsparpotenziale bei Gender Studies Lehrstühlen, teuren Quotenregelungen oder beim deutschen Sozialsystem, das erkennbar bislang von der ungebremsten und unkontrollierten Migration nicht profitiert: Möchte man dagegen weiterhin das andere finanzieren und das Geld dafür beim Steuerzahler holen, der dann nicht mehr Automobile bauen kann, ist die Mobilität eben kein BMW 530e, sondern mehr ein Gerät wie mein treues, vom Schrott gerettetes Trekki. Und zwar für alle. Egal, ob sie das aus grüner Überzeigung wie ich tun, oder aus Zwang wie jene, die momentan noch im gemieteten, grün lackierten BMW 530e oder drei anderen Alternativautos sitzen.

Das würde schlussendlich dazu führen, dass meine Vorstellung der radelnden Politikerin doch wieder Realität werden würde. Diesen Wahlkampf könnten die Grünen dann aber auch gleich noch mit jenen Hamstertouren verbinden, die in einem Deutschland mit wirklich emissionsfreier Mobilität ein Brauchtum wie die Butterbreze wären. Es ist selten ein Schaden, wo nicht ein Nutzen dabei ist, sagte meine Grossmutter immer, und sie hatte damit natürlich wie immer recht.

30. Aug. 2017
von Don Alphonso
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26. Aug. 2017
von Don Alphonso
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Leben und gehen wie ein alter, weisser Mann

Facelifting? Nein, dann würde ich ja alle diese großartigen Falten zerstören
Clint Eastwood

Über Jahrhunderte hinweg war das wichtigste Werk Giovanni Boccaccios – nein, nicht das Decamerone, sondern die Lebensgeschichten berühmter Männer und Frauen. Im Decamerone erlebt man den Autor in der Figur des Dioneo als jungen, adretten und anzüglich agierenden Mann, der sich nicht an die Regeln hielt; so, wie Boccaccio selbst dem Kaufmannsberuf entfloh und Schriftsteller wurde. Danach hatte er jedoch, je nach Standpunkt, eine Bekehrung oder eine persönliche Krise, und wandte sich ernsten Themen zu. Seine Sammlung der Schicksale berühmter Menschen sollte den Lesenden erklären, wie man mit Krisen fertig wird, und welche Methoden angemessen sind. Das Werk war sehr beliebt in einer Epoche, in der Krisen, religiöser Wahn, Pestbeulen und Katastrophen zum Leben gehörten wie heute der öffentlich-rechtliche Rundfunk, Genderprofessuren, orientalische Despoten und die EU-Kommission. Man konnte beim toskanischen Universalgelehrten Boccaccio lesen, wie sich historische Vorbilder aus misslichen Lagen befreiten und danach lange und zufrieden lebten.

Heute ist das bei uns anders, wir leben meist nicht mehr in den Hügeln der Toskana, Verwerfungen sind in der BRD eher selten, und wer zu der schmalen Schicht gehört, die wirklich noch Klassiker liest, gehört meist zu den Akademikern oder ihren Nachfahren, die finanziell auf neoliberalen oder ererbten Rosen gebettet sind. Früher oder später werden sie trotz liderlichen Lebenswandels nicht mehr bei der Poussage beim Fenster, sondern bei der Kanzlei des Onkels einsteigen, oder bei irgendeiner sinnlosen Stiftung oder einem Zwangsgebührenverprasser unterkommen. Jedenfalls, Vorbilder sind in dieser anstrengungslos reichen Bildungsklasse nicht mehr sonderlich gefragt, und wer sich für Rocco Sifredi zu fein ist, der liest im Decamerone, wie Alibech und Rusticus den Teufel zur Hölle schicken. Das ist vergnüglich, und außerdem, die Hölle, ganz ehrlich, was soll das: In diesen Kreisen ist das Altern zumeist ans Heim, der Tod an die private Krankenversicherung und die Hölle an die Versicherungsbranche ausgelagert. Man braucht in sicheren Zeiten keine Vorbilder für Krisen mehr, und die meisten Karrieren fliessen ruhig und träge und langweilig auf das Ziel Pensionierung zu. Was soll man da Vorbilder bei alten Eroberern finden, mag man denken. Es sei denn, man setzt sich freiwillig der Hölle aus. Genauer, der Hölle aus Regen, Nebel, Schlamm und einem nicht enden wollenden Berg, den man nach oben schnauft wie dereinst Sisyphos.

Das ist bei mir im Oktober stets die L’Eroica, und letztes Jahr war ich gerade ganz oben angekommen, als mich jemand überholte. Es fahren dort viele ehemalige Rennradidole mit, aber derjenige, der mich überholte, trug die Nummer 1. Auf einem Stofffetzen, den er selbst bemalt hatte. Und während ich dort mit einer speziell aufgebauten Maschine hochstrampelte, mit Untersetzung und neuen Bremsbelägen, hatte die Nummer 1 nur einen einzigen Gang, mit dem sie sich hier hinauf gedrückt hatte. Die Nummer 1 trug kein frisch gewaschenes Trikot in Gelb und Orange, sondern einen mottenzerfressenen Pullover. Mein Rad war frisch restauriert, das Rad der Nummer 1 rostete, wo der Lack abgeblättert war, und gammelte, wo der Lack noch dran war. Ich fuhr so mittelschnell, die Nummer 1 legte sich tief über den Stahllenker und trat in die Pedale.

Die Nummer 1 war 24 Jahre älter als ich und fuhr so schnell, als wäre ich 24 Jahre älter als sie. Aber wie es so ist, das Adrenalin war schon im Blut und das Testosteron setzte auch ein, und so verliess ich meinen Kampagnon und fuhr keuchend eine gewisse Strecke mit der Nummer 1. Die Nummer 1 hatte enorme Krampfadern an den Beinen, wie die Hydraulikleitungen eines Baggers, sie stampfte durch den Matsch und frass einen nach dem anderen, langsam, unerbittlich, unbeugsam, mit der immer gleichen Geschwindigkeit und einer unbändigen Kraft.

Diese Nummer 1 ist die volle Härte, man kann es nicht anders sagen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich das Leben auf den weissen Strassen und den brutalen Anstiegen leichter zu machen. Man kann die Herausforderungen der Hölle technisch angehen und ihnen die übelsten Spitzen nehmen, bis hin zu ultraleichten Alukreationen des Jahres 1987. Die Nummer 1 dagegen hatte ein fast hundert Jahre altes, verhautes Rad, einen einzigen Gang und eine einzige Vorderrad-Stempelbremse. Noch wahnsinniger als die Fähigkeit, mit so einem Rad Steigungen mit 14, 16, 20% hoch zu fahren, ist die Bereitschaft, mit so einem Trumm derartige Berge auch hinab zu schiessen.

Ich mein, ich überhole bergab mit dem Rennrad auch schon mal Autos und Motorräder und lasse sie im Gegenzug nicht vorbei, und wenn es sein muss, auch in der Dunkelheit ohne Licht. Auf der Skala des temporären Irrsinns gehöre ich sicher schon zu den Übergeschnappten, aber ich trage einen Helm und fahre auch bei den Klassiskern optimal eingestellte Räder. Ich habe die Nummer 1 auch bergab fahren sehen, und ich würde sagen: Zwischen dem Nullpunkt der 140 Kilo schweren Soziologin, die auf dem verstärkten Bürostuhl noch eine Tüte Gummibären isst, und dem, was die Nummer 1 da auf Schotter gemacht hat, bin ich in Sachen hochmobiles Risiko vielleicht auf der halben Strecke anzusiedeln. Und natürlich wäre ich lieber näher an der Nummer 1 denn an der 140 Kilo schweren Soziologin, die sich fragt, wann endlich das nächste Prangerportal  online geht. Man könnte sagen, die Nummer 1 war mit ihrem mottenzerfressenen Trikot und den Krampfadern, doch, ja, auf jeden Fall, ein Vorbild.

Oder ein Grund für Beschämung. Im Mai 2017 hat die Nummer 1 wieder genau das getan, was sie immer getan hat: Mich überholt, und zwar am letzten 14%-Anstieg hoch nach Montalcino, der gemeinerweise genau dann einsetzt, wenn der vorletzte Anstieg gerade vorbei ist. An dieser Stelle, mit 70km in den Beinen, ist es eigentlich keine Schande, abzusteigen und ein paar Meter zu schieben. Aber die Nummer 1 stampfte aus dem Schotter auf den Asphalt, mit dem einzigen Gang am Rad, ganz langsam, aber mit voller Kraft drückend, alle drei Sekunden eine Pedalumdrehung – und immer noch gut aussehend. Als ich das Photo oben gemacht habe, schob ich peinlich berührt meinen linken Fuss vor mein 32er Ritzel hinten und den rechten Fuss vor das 26er Kettenblatt vorne. Die Nummer 1, dachte ich mir, sollte beim Weg zum Triumph nicht die elende Schwäche und die peinlichen Tricks sehen müssen, mit denen ich hier angelangt war.

Ich schob an dieser Stelle nicht allein, das taten neben mir noch viele andere, und manche andere waren noch viel jünger als ich, und einige habe ich auch überholt. Es ist keine Schande, von der Nummer 1 überholt zu werden, aber wenn man nach den Strapazen dann ins Bett fällt, denkt man sich noch: Hoffentlich bin ich später wenigstens ansatzweise noch so stark. Hoffentlich vegetiere ich nicht mit Schlagerl oder Alzheimer in einer Klinik. Hoffentlich werde ich nicht fett und faul und hoffentlich holt mich der Teufel nicht vor der Zeit durch mein eigenes Versagen. Hoffentlich baue ich nicht ab, hoffentlich werde ich auch mal so ein alter, weisser Mann sein, der nicht den Bequemlichkeiten nachgibt. Alt und weiss sein, das ist Schicksal, daran kann man nichts ändern, aber alles andere: Da kann man selbst etwas tun. Nicht alles. Aber viel. Das sieht man jedes Mal, wenn einen ein Greis auf einem 1-Gang-Rad bergauf überholt. Wer das hier lernt, kann daheim weiter ohne die Geschichten berühmter Männer wieder das Decamerone lesen.

Vor zwei Wochen war es erst nur ein schlimmes Gerücht in der Szene der Rostfreunde, und dann traurige Gewissheit: Der Mann mit der Nummer 1, Luciano Berruti, ist beim Radfahren an einem Herzinfarkt gestorben. Er hat gelebt wie ein Mann, er ist gegangen wie ein Mann. In Italien erschienen Nachrufe, in Deutschland sprach man über Elektromobilität.

Ich nicht. Ich werde, so sieht es aus, nun dem Drang nachgeben, mich ein wenig mehr dem Ideal der alten, harten Männer anzunähern, das man ab einem gewissen Alter eben noch so haben kann. Das heisst, ich werde etwas älter werden, etwas weniger weiss und ein paar mal in den Alpen recht hoch hinaus kommen. Und ich mache es mir auch nicht ganz einfach. Diemal fahre ich mit einem alten Rad. Ein Rad, wie man es gefahren hätte, als ich noch jung war, und ich habe mir zu diesem Zweck auch eine ganz hübsche Route ausgedacht. Es gibt sie ja noch, die Ecken, in denen die Berge aussehen, als wären die 50er und 60er Jahre nie vergangen, und der einzige Anspruch, den ich an die Gegenwart habe, ist zweimal täglich Netzzugang, um über das zu berichten, was ich dort finde. Vielleicht aber falle ich einfach nur müde in ein Bett, also rechnen Sie besser mit gar nichts – ein Vorbild an Beständigkeit bin ich sicher nicht.

Ich habe nur ein Faible für das, was hierzulande ohne jedes Risko diskriminiert und verachtet werden darf, ohne Einschreiten der Gedankenpolizei und des Zensurministers und der Netzwerke, die jetzt schon Inhalte verbieten, bevor sie erst entstehen. Ich habe ein Faible ür alte, weisse Männer, die so weit kommen, wie es ihre Kraft und Ausdauer erlaubt, die sich nicht schonen und das Leben klaglos nehmen, wie es kommt. Männer, die an die Möglichkeiten denken, und weniger an die Risiken, und die die Grenzen genau kennen, weil sie ihre Grenzen von beiden Seiten angeschaut haben. Na, dieser wüste Cocktail aus diversen Körpersäften eben, die die Natur, sexistisch wie sie nun mal ist, dem Manne mitgab, der dafür weniger Wellness braucht, und statt Botox sauerstoffarmen Gegenwind mit 90km/h auf 2000 Meter Höhe.

Es gibt Geschichten um Benachteiligung und Gaps, die nur selten von Männern erzählt werden, weil sie damit nichts anfangen können und die Gaps einfach schliessen würden, so wie ich der Nummer 1 hinterher spurtete und die Lücke schloss, obwohl beinahe meine Lunge platzte. Und es gibt andere Geschichten, die Nagellack nur brauchen, um vom Schweiss gefressene Rostflecken auf dem 30 Jahre alten Stahl zu überdecken. Es wird vermutlich verschwitzt und schmutzig und einseitig, denn jeder kämpft und lebt da draußen für sich allein, selbst wenn es nur fünf Tage sind und nicht 10, und es eigentlich keinen Grund wie die Pest gäbe, die Städte zu verlassen, und das Heil in der Natur zu suchen.

Fahren wie ein Mann, solange es eben noch geht.

26. Aug. 2017
von Don Alphonso
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21. Aug. 2017
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Einige erquickliche Gedanken über Miete und Leibeigenschaft

Wer koa Haus hod, dem ko da Wind koan Ziagl vom Dachl wahn
Bayerische Volksweisheit

Natürlich habe ich, wie viele andere, erhebliche Probleme, eine Partei zu finden, die meine Wünsche als Volksmacht im Parlament vertritt. So bin ich bekanntlich der historisch durchaus berechtigten Ansicht, dass Leibeigenschaft erheblich besser als ihr Ruf war. Sie wäre auch heute in Zeiten von Individualverkehrverdammung, Akademikerschwemme mit Berliner Abitur und naturferner Lebensmittelerzeugung eine gute Alternative zum bestehenden System der Knechtschaft durch multinationale Arbeitgeber, welche zudem, so behauptet die SPD, Frauen 21% weniger bezahlen. Das ganze Problem entstand erst mit der Aufhebung der Leibeigenschaft im 19. Jahrhundert. Davor lebten die meisten Deutschen extremst bio, wohnten naturnah und kümmerten sich wenig um iPhones und Minis. Statt dessen war die abgasfreie Sense in der Hand, und Prestige wurde durch den mit Handarbeit gefüllten und nachhaltigen Brautschrank ausgedrückt. Miete in der heute bekannten Form gab es nur in den Städten – auf dem Land wies der Herr dem Bauern den Hof und der Bauer dem Vorfahren des Akademikers die Ecke im Stall zu, und jeder war zufrieden.

Miete als soziales Brennpunktthema ist eine Folge von Verstädterung und des Aufkommens einer reichen Oberschicht, die nicht mehr für sich selbst, sondern für andere Gebäude zur Verfügung stellte. Die Phase von 1800 bis 1960 war von einer massiven Landflucht und Raumnot in den Städten geprägt, die teilweise mit der sog. Wohnungszwangswirtschaft und Zwangszuweisungen ebenso erbittert wie erfolglos bekämpft wurde: Wohnraum in der Stadt war und ist bis heute zumindest in prosperierenden Gegenden teuer. Dass der Zuzug zusammen mit dem knappen Gut die Preise treibt, der mobile und nicht an die Scholle gebundene Mieter also selbst die Ursache seiner Wohnkosten ist, wird gemeinhin in der historischen Forschung nicht bestritten. Nur heute meinen Politiker und Soziologen, dass es ganz anders sein müsste. Dafür gibt es zwei gesetzliche Lösungen. Die eine ist die jüngst gescheiterte Mietpreisbremse.

Die andere, Sie haben es sicher schon erraten, wäre die Wiedereinführung der Leibeigenschaft, mit der man nicht mehr den Mietpreis, sondern die bedarfsgerechte Verteilung der Menschen im Land regulieren könnte. Der positive Nebeneffekt wäre übrigens auch eine Verminderung der Zahl jener, die sich um Wohnungen in den Städten bemühen. Das würde erfreulicherweise zwar nicht die Mieten und das Sozialniveau angesehener Familien senken, aber die Menge der Anfragenden reduzieren. Als Vermieter würde man weniger beschimpft werden, wenn man sich den besten Mieter heraus sucht, die Stimmung wäre besser, und es gäbe genug Leute, die nach alter Väter Sitte wieder Wurst und Brot mit dem Handkarren auf den Markt brächten, was obendrein den Feinstaub reduziert. Sie sehen also, das Scheitern der Politik beim Dieselskandal und der Mietpreisbremse – in beiden Fällen war die SPD übrigens in Form von Aufsichtsräten bzw. Ministern beteiligt – zieht zwingend eine Wiedereinführung der gesteuerten Verteilung der Menschen zum grösseren Wohle des Landes nach sich.

Eben: Die Leibeigenschaft. Aber noch nicht einmal die Grünen als feudalistisch-urbane Verbots- und Kommandopartei sind für diesen naturnahen Ansatz zu haben. Dabei ist das Projekt alles andere als utopisch: Früher wie heute gibt es zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, die Besitzenden und die anderen, und schon bei der Leibeigenschaft war es so, dass die Besitzer von Grund, Boden und Geld ihre Mittel den anderen zur Bewirtschaftung überließen, und sie nicht bei der gottgefälligen Arbeit störten. Wie wichtig echter Besitz an Immobilien war, ist in Deutschland leider etwas vergessen, weil man sich lange der Vorstellung hingegeben hat, Zersiedlung mit Villenvierteln im Grünen und sozialem Wohnungsbau in weniger guten Ecken könnte das ausgleichen. Und in einer schrumpfenden Gesellschaft spiele das Thema Wohnraum ohnehin keine Rolle mehr – also warum kaufen, sich verschulden und abrackern, wenn man die Scheinfreiheit des Mietens geniessen kann.

Das waren, man muss es so sagen, falsche Einschätzungen. Wirklich frei wird man über die Schrecken Ereignisse der Merkelepoche sicher erst in 20, 30 oder 100 Jahren reden können, aber die letzten 10 Jahre haben alles verändert.

Deutschland ist der grosse Gewinner der Finanzkrise, erreicht teilweise Vollbeschäftigung, und zieht aus ganz Europa Menschen an, die bei uns mit ungeliebten Arbeiten mehr als Lehrer in Bulgarien oder Akademiker in Italien verdienen.

Die Deutschen selbst verdienen recht gut, und die Wohnung und der hochbegabte Nachwuchs haben beim Prestige das Auto längst überflügelt. Heute wird soziale Schicht vor allem durch Wohnlagen, Kinderzimmer und Quadratmeter ausgedrückt. Deshalb werden Immobilien beim Kauf begehrter und teurer.

Gewinne müssen erwirtschaftet werden – trotz Umweltschutzauflagen, Bodenpreisen und Entstehungskosten von 3000€/m² oder mehr. Der übliche Schlüssel besagt, dass die Entstehungskosten nach 12, spätestens 15 Jahren durch die Miete wieder eingenommen werden sollten – ansonsten lohnt sich das einfach nicht. Das bedeutet, die Miete sollte mindestens bei 15-20€/m² im Monat liegen. Daher wird vor allem im Luxussegment oder in kleine, aber teure Businessapartments mit bis zu 25m² investiert – politisch ist Letzteres durchaus von der SPD gewollt.

Wir haben also einen Mietwohnungsbau und ein Hochpreissegment, das vor allem jene Gutverdienenden im Auge hat, die sich hohe Mieten leisten können. Wir haben eine kaufende, besitzende oder erbende Oberschicht, die jeden Quadratmeter für sich selbst in Anspruch nimmt – das ist übrigens die Hälfte der Bevölkerung. Diese beiden Gruppen belegen zusammen deutlich mehr als die Hälfte der Wohnflächen, und zwar nicht nur kurzfristig, sondern auf viele Jahre und Jahrzehnte. Um den Rest des Marktes, auf dem sich private und öffentliche Vermieter tummeln und den Politiker gern als “bezahlbaren Wohnraum” bezeichnen, streiten sich also deutsche Nichteigentümer, EU-Einwanderer und, wegen der Grenzöffnung, Migranten.

2015 behaupteten die gleichen Politiker, Aktivistem und Journalisten, die heute von “bezahlbarem Wohnraum” sprechen, dass das Land eine Million Zuwanderer verkrafte. Das sei, als ob 80 in einer Kneipe seien und noch einer käme dazu. Das Bild war, auf den Wohnungsmarkt übertragen, falsch. 50 sitzen in einem Lokal, das ihnen selbst behört. 10 weitere sitzen in einem Lokal, das sich auf sie spezialisiert hat. Der Eine dagegen kommt in eine daneben liegende Kneipe, in der schon 20 Stühle besetzt sind, wie auch 5 Barhocker, und im Eingang warten noch ein Italiener, eine Spanierin und ein Bulgare auf einen Platz – während der Kneipenbesitzer schon dabei ist, die Kneipe zugunsten des Luxuslokals zu verkleinern, weil er dort mehr verdient.

Und der eine, der dazu kommt, würde auch noch gerne seine Familie nachholen. Beim Lokal der Besitzer – zu denen auch die Politiker, Eigentümer der Medien und viele Profiteure der Rundfunkzwangsabgaben gehören – merkt man von diesem Drama nichts, und kann weiter sagen, dass nur einer in die Kneipe kam. In der Kneipe dagegen tritt der Staat auf und garantiert dem neu Ankommenden die Bezahlung für einen Platz, und wenn es auch nur ein halber Barhocker auf dem Weg zum Klo ist. Und so kommt es dann, dass für die Wartenden im dunklen Eck noch teure, halbe Barhocker aufgestellt werden, und ein paar Kneipenbesucher gegen ihren eigentlichen Willen ins Luxusrestaurant umziehen müssen. Die Kosten für den Umbau werden auf alle Kneipenbesucher umgelegt. Es redet sich leicht über gemeinsame Kneipen, wenn man selbst gar nicht darin verkehrt, und vielleicht auch noch von den steigenden Kosten in den anderen Lokalen profitiert. Ich zum Beispiel sollte hier auf gar keinen Fall sagen, dass die Zuwanderung von einer Million Menschen, die nichts kaufen und im Topsegment mieten können, aber ihre Miete vom Staat garantiert bekommen, im Niedrigsegment des Marktes neben der natürlichen Gentrifizierung für massive Verwerfungen sorgt. Einfach, weil die Neuankömmlinge auf einen Markt treffen, in dem sie von privaten Vermietern eher selten akzeptiert werden, und mit allen anderen, die nicht viel zahlen können, um die wenigen verfügbaren Wohnungen kämpfen. Ich gehöre bei dieser unbegrenzten Zuwanderung in das untere Segment des Mietmarkts – unfreiwillig und gegen meine verfassungskonformen Sichtweisen zu Migration und Asylrecht .- zu den Profiteuren.

Nicht, weil ich in schlechten Regionen vermiete. Sondern weil auf dem Mietmarkt wegen Überbelegung der unteren Kategorie alle erfolglos Wohnungssuchenden zwangsweise im mittleren oder oberen Segment des Marktes landen, und dort für Konkurrenz sorgen. Als Vermieter wiederum will man auf keinen Fall Mieter, die nur unterschreiben, weil es hier billiger als woanders ist. Wer gute Mieter will, darf nicht zu billig vermieten. Das ist ein eherner Grundsatz des Geschäfts – und dieser Grundsatz hat dann auch spielend leicht die Mietpreisbremse aus den Angeln gehoben. Und selbst mit Mietpreisbremse würde man als Vermieter im Zweifelsfall die deutschen Doppelverdiener, die geräumig leben wollen, gegenüber allen anderen Gruppen bevorzugen. Diese Gruppe, die sich dank Miepreisbremse grössere Wohnungen günstig leisten könnten, wären die eigentlichen Gewinner gewesen. Nur ändert eine Mietpreisbremse überhaupt nichts am Umstand, dass bei massiv steigender Mietbevölkerung, gleichzeitiger Gentrifizierung und schwindendem Angebot Verwerfungen auftreten. Und zwar genau dort, wo es der Abgeordnete mit Zweitwohnung in Berlin-Mitte und die hochbezahlte ARD-Kommentatorin mit ihren hehren Ansprüchen an die Menschlichkeit nicht merken.

Ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass man dereinst die Wohnungsnot in Deutschland und das Versagen der Politik auf eine Stufe mit den Zuständen im New York und London des späten 19. Jahrhunderts stellen wird. Einwanderung ohne Wohnraum verursachte nun einmal Hell’s Kitchen und das Londoner East End, ohne dass man davon auf Long Island oder in einem Herrenhaus viel gemerkt hätte. Dass es bei uns nicht so kommen würde, wurde versprochen, als man von Zahnärzten und Facharbeitern fabulierte, die aufstiegswilig und sogar besser als die Deutschen ausgebildet seien – diese Hoffnung hat sich, höflich gesagt, noch nicht umfassend bewahrheitet, und so lange die Menschen aus welchem Grunde auch immer im Land sind, sind sie Teil des Wohnungsmarktes, seiner Preisentwicklung, der Profiteure und jener Politiker, die diese Entwicklung sehenden Auges verursacht haben. Man kann Grenzen aufgeben, weil sie vorher existierten – aber keine Tür einer Wohnung öffnen, die noch nicht gebaut ist.

Wie oben schon gesagt: Leibeigenschaft könnte die Lage etwas entlasten und den ein oder anderen einer sinnstiftenden Betätigung in naturnaher Umgebung zuführen, und das ewige Jammern, man wüsste nicht, was man aus seinem Leben machen sollte, wäre dann auch vorbei. Die Geschichte der Leibeigenschaft, wenn ich das so erwähnen darf, kennt keine Massenzuwanderung in die Abhängigkeit und auch keine Quarterlifecrisis jenseits von Hungersnöten, und zeigt obendrein, wie man jene Klassenkämpfe über Jahrhunderte hinweg befrieden kann, die uns auf dem Wohnungsmarkt momentan in neuem Gewande gegenüber treten.

21. Aug. 2017
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17. Aug. 2017
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Nicht ganz Detroit an der Donau

Wir haben alle Vorteile der Kleinstadt gegen die Nachteile der Grossstadt eingetauscht.
Herr B., Ladeninhaber

”Huhu T.”, schreibt die Jungredakteurin, die normalerweise im Jugendportal zu Genderrollen berichtet, aber dank ihrer 4 abgebrochenen Semester BWL nun Urlaubsvertretung in der Wirtschaft macht, “also der Beitrag über unseren Faktencheck war echt supi, meine Mom fand das Bild von mir ganz toll, ich soll GaLieGrü sagen <3. Ich habe eine grandiose Idee, die sicher bei den Lesern hier oben gut ankommt: Ich möchte einen Beitrag über Auditown machen, der es jetzt mit dem Dieselskandal und den Einsparungen nass reingeht, hihi. Meinst Du, es geht mit der Werbeabteilung klar, wenn ich frage: Wird Auditown das neue Detroit? Weil, gestern war die Jana da und die Jana macht den Social Media Kanal von einer Umwelt-NGO und die meint, dass das genau so wird.”

Denn jahrelang erfreute sich die Auditown, die die Leser dieses Blogs nur als “dumme, kleine Stadt an der Donau” kennen, wohlwollender Berichterstattung. Vollbeschäftigung, Zuzug, Export, Einkommen, Lebensqualität, Kultur, Reichtum, soziale Leistungen, Innovation, Preissteigerung bei Immobilien – egal welche Umfrage von Wirtschaftsinstituten, immer war die Region ganz vorne mit dabei, und so kamen die Journalisten aus aller Welt und versuchten zu ergründen, was dieses masslos gewordene Kaff an die Spitze gebracht hat. Meines Erachtens sind das zwei Dinge gewesen: Sehr viel Dusel und sehr engagierte, sturköpfige Menschen, die anpacken, nicht jammern und von ihren Grosseltern wissen, dass nur die Asozialen zu den Ämtern gehen, wie Berlin zum Länderfinanzausgleich. Möglicherweise schreibt der T. jetzt auch der Jungredakteurin zurück, dass der Detroitvergleich sicher ein prima Thema ist, aber man stehe Air Berlin als Kunde nahe, und sie soll jetzt erst mal das soziale Schicksal der Fluglinien-Angestellten bedauern. Sie wird daher keinesfalls darauf hinweisen, was für steuerbegünstigte Dreckschleudern und Lärmmacher Luftflotten mit ihren Businesskunden, die sich für die Bahn zu fein sind, im Vergleich zum Diesel darstellen. Und mir die Gelegenheit bieten, vorher mit 0 Semestern BWL einen strategischen Erstschlag über die Stadt zu schreiben. Nämlich jetzt.

Ich mein, schauen Sie, als ich geboren wurde, hatte die Stadt gerade einmal halb so viele Einwohner wie heute, und schon vier schwere Krisen hinter sich. Sie stieg im 14. Jahrhundert zur Residenzstadt eines Herzogtums auf, das zeitweise immens reich war, und stürzte ein Jahrhundert später zur vergessenen Nebenresidenz ab. Sie stieg langsam mit der berühmten Universität und der Gegenreformation wieder zu einem bedeutenden Zentrum der Gelehrsamkeit auf – mein Wohnhaus ist ein Seminar aus jener Epoche. Sie überstand dank der Festung im Gegensatz zum Rest des Landes den 30-jährigen Krieg unbeschadet. Die Franzosen unter Napoleon beseitigten die Festung, und die Universität wurde nach München verlegt: Für die Stadt war das eine Katastrophe. Aber das Königreich Bayern leistete sich mit dem Bau der Landesfestung unter Klenze die grösste und sinnloseste Staatsausgabe, die erst vom Rhein-Main-Donau-Kanal, der WAA Wackersdorf und dem Länderfinanzausgleich an Dummheit übertroffen werden sollte. Meine Familie profitierte damals enorm von einer monopolartigen Brotbelieferung der Rüstungsarbeiter. 1918 kam der nächste Zusammenbruch, die “ganz schlechte Zeit”, und besser wurde es erst, als sich hier Petrochemie und eine Spinnereimaschinenfabrik ansiedelten.

Ach so, und es gab hier auch noch ein Ersatzteillager der Auto Unión, deren Zentrale in Zwickau in der sowjetisch besetzten Zone lag. In diesem Lager wurde die westdeutsche Auto Union gegründet, die zuerst unter Mercedes und dann unter Volkswagen mit rückständigen Zweitakt-DKWs Mitte der 60er Jahre beinahe pleite gegangen wäre. Ich sage aus gutem Grunde “dumme, kleine Stadt an der Donau”. Es kam aber anders, man baute ein Auto namens “Audi”, es war nicht ganz unbeliebt, und heute sind hier Petrochemie und Spinnereimaschinen bedeutungslos.

Tatsächlich hat die Stadt ein halbes Jahrhundert des stürmischen Fortschritts hinter sich, und wenn Sie bei mir aus dem Fenster schauen, sehen Sie oben alle Epoche vereint. Das grosse Dach mit der Apsis gehört zum Münster der mittelalterlichen Residenzstadt. Das kleinere Gebäude links daneben ist die Hohe Schule der Gegenreformation, Das langgestreckte Dach gehört zum bedeutenden Jesuitenkolleg des Barock, und das Backsteingebäude ist Teil der Biedermeier-Festung. Und davor ist ein Studentenwohnheim der Universitäts- und Wirtschaftsstadt, die nun im Zentrum des sog. Dieselskandals steht. Grad so, als wäre der trickreiche Umgang mit Harnstoff – oder wie wir sagen, Odel – für im Kern immer noch bayerische Landökonomen etwas Ungewöhnliches.

Jetzt also muss Audi wegen des Skandals Milliarden einsparen, und die 2016er Überlegung, dass die Stadt mittelfristig dank des Wachstums im Jahr 2030 160.000 Menschen beherbergt, erscheint auch etwas übertrieben. Möglicherweise ist das Wachstum erst einmal vorbei, ja, es kann auch sein, dass die Stadt etwas zurück fällt. Und wissen Sie was? Ich finde das gar nicht so schlecht. Denn selbst für einen Profiteur wie meine Person, die den Rest des Lebens durch überteuertes Vermieten auf der faulen Haut liegen könnte, sind die unangenehmen Folgen offensichtlich.

Zum Beispiel da drüben, wenn ich aus der Altstadt zu unserem traditionellen Biergarten fahre. Da drüben ist das Grundstück der Frau P., die zu einer Zeit öko war, als das unter Reichen keinesfalls gut angerechnet wurde. 4000m² feinstes Westviertel benutzte Frau P. lediglich, um ein paar Ziegen, Schafe und Hühner herum laufen zu lassen. Ohne jede Gewinnabsicht. Wir Kinder konnten sie, wenn sie im Garten war, auf dem Heimweg von der Schule um Eier bitten. Einfach so, weil sie ein Faible für Tiere und Landwiertschaft hatte. Frau P. ist vor ein paar Jahren gestorben, und ihre Kinder haben das Grundstück an einen Bauträger verkauft. Die Kinder können mit dem Gewinn und dem restlichen Erbe in Frührente gehen, und der Bauträger muss sich überlegen, wie er den bezahlten Rekordpreis von gerüchteweise 5 Millionen wieder erwirtschaften will. In dieser Bestlage und der Nähe der neuen Villa des Audichefs konnte man vor der Krise mit neuen Rekordpreisen für Wohnungen rechnen. Mit den absehbaren Preissteigerungen von über 5% pro Jahr war das ein bombensicheres Geschäft. Aber jetzt, wo die Gratifikationen von Audi nicht mehr so üppig sind, stagniert auch der Immobilienmarkt.

Es war hier so überhitzt, dass der Makler die Strasse runter keine Angebote für die Stadt hatte, sondern nur noch für das Altmühltal, München, das Oberland und Dubai. Die Mieten haben teilweise 20€/m² übertroffen. Und mit dem Geld kamen komische Leute: Schräg hinter der Villa meiner Familie im Westviertel zog ein leitender Mitarbeiter in ein Haus neben einem der schönsten Gärten des Viertels. Damit er diesen Garten mit seinen Bäumen nicht von der Steinwüste seiner Terrasse und seinem Golfrasen aus sieht, hat er eine verspiegelte Verblendung errichten lassen. Der Professor K. vom Klinikum hat das Grundstück neben seinem gekauft und lässt es verwildern – “damit da keiner von denen hinziehen kann”. Ich will nicht sagen, dass bei uns Krieg herrscht, aber die Verdrängungsprozesse sind unübersehbar. Es ist einfach zu viel Geld in der Stadt, und es geht nicht mehr in prunkvolle Kirchen oder Schlösser wie früher, sondern in Verschwendung, Luxus und absurdes Wegwerfverhalten.

Selbst die Profiteure hatten in den letzten 10, 15 Jahren das Gefühl, dass einem hier das Leben entgleitet. Man hat zwei Museen gebaut, die kein Mensch besucht. Man hat den Reichen die obige Mauer gebaut, damit die Reichen die Pendler nicht sehen müssen. Man hat einen riesigen Kreisel mit einem Autodenkmal gebaut, bei einem riesigen Einkaufsviertel mit doppelstöckigen Parkplätzen und einem Cafe mit Blick auf den Parkplatz. Entlang meines Radwegs soll dort, wo jetzt noch ein Feld ist, eine 7-stöckige Wohnanlage entstehen – Gerüchten zufolge stockt das Vorhaben nur, weil die Ärzte nebenan kein niedriges Blockvolk neben sich haben wollen und klagen. Das neue Auslieferungslager der Audi hat mir den alten Weg ins Altmühltal verlegt. Ganz ehrlich: 2010 war die Stadt schöner als heute und 2000 schöner als 2010. Vollbeschäftigung hatten wir schon damals. Was wir noch nicht hatten, waren Werbeplakate an der Autobahn, hier abzubiegen und sich bei der Firma zu bewerben.

Und weil die Firma sparen muss, fällt beim Open Air Konzert für Alle diesmal aus Kostengründen das Feuerwerk aus, weshalb ich niemanden dorthin begleiten muss, und in den Biergarten kann. Der Erfolg hat längst die ersten Villen abgerissen und an ihrer Stelle enge Klötze gestellt. Der Erfolg errichtet keine Villen und Kathedralen, sondern Würfelhäuser in unüberschaubarer Menge. Es kommen Leute wegen des Geldes und fühlen sich fremd. Es ist keine Entscheidung für ein soziales System oder eine Heimat, sondern für Einkommen und das Prestige des Arbeitgebers, und wenn es sonst nichts gibt, fällt so eine Gemeinschaft eventuell auch auseinander. Künstlich, das ist der Eindruck, den viele haben, wenn sie die Viertel des Erfolgs sehen, der sich anschickt, all die Gärten, Felder und Blumenbeete anzufressen, die seinem Bestreben im Weg sind. Da hilft auch keine künstliche Festkultur an jedem Wochenende darüber hinweg.

Früher, in den Zeiten der Deutschland AG, wussten Journalisten noch, dass es auch ungesundes Wachstum gibt, das durch seine Nebeneffekte den eigenen Untergang nach sich zieht – das war, bevor Telekom-Aktien, die New Economy, Zalando, Air Berlin und Solarworld nach oben geschrieben wurden. Ganz so schlimm war es hier nicht, der Aufstieg war kontinuierlich und nachhaltig, aber wenn nun die Zeit der Konsolidierung des Erfolgs auf hohem Niveau kommt, ist das immer noch ganz oben in einem der obersten Länder dieses Planeten.

Und sollte es wirklich eine Krise geben: Die Region hat ihre Vorräte. Es ist durchaus möglich, kleiner zu denken, ohne dass das Leben hier gleich hässlich wird. Weniger Menschen würden hier momentan nur eine Linderung der Wohnungsnot nach sich ziehen. Ein paar Spekulanten würden bluten, ein paar Einkaufszentren nicht entstehen, und vielleicht kann ich sogar meine alte Radstrecke mit den Apfelbäumen am Rand behalten. Einige Mitarbeiter der Firma müssten eventuell kleiner bauen. Der Konzernüberschuss bei VW würde sinken, aber der gehört den Niedersachsen, die an Hungerwinter und Sturmfluten gewohnt sind. Ein, zwei deutsche Winter mit nachlassender Radeuphorie und Erkenntnissen über Akkuleistungsverlust in der Kälte hält man hier schon durch, während man fleißig an gut klingenden, urbanen Mobilitätskonzepten arbeitet, über die wieder nett geschrieben wird

.

Und wenn es ganz schlimm kommt, und wirklich wieder marodierende Horden aus dem Norden wie früher die Schweden kommen: Zwei alte Festungsringe stehen hier noch, ein Wassergraben ist auch noch da, die Kanonen hat man im Museum aufgehoben, und die alte Bäckerei im Hinterhaus ist schnell wieder eingerichtet.

 

17. Aug. 2017
von Don Alphonso
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14. Aug. 2017
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Der hohe Preis der Tugendsignale

Die Stärke ist die Grundlage aller Tugend.
Jean-Jacques Rousseau (steckte seine eigenen Kinder in Waisenhäuser)

Das hier ist mein Wolhauser.

Ein grandioses Stück aus Frankreich. Es kam als Wrack zu mir. Jemand wollte aus dem verbeulten, geschundenen, rostigen und verkratzten Rahmen ein Rat Single Speed machen. Das ist ein Stadtrad mit abgerissener Optik, aber dafür hätte er sich halbwegs mit der Technik auskennen müssen. Er schaffte es nur, das Rad zu zerlegen, in den Keller zu bringen und liegen zu lassen. Bis er Geld für eine Autoreparatur brauchte und es an mich verkaute. Seitdem ist es mein L’Eroicarad, und so, wie es sein soll: Ein phantastisches Stück, dem man seine harte Geschichte und die Patina seit 1970, aber nicht das Versagen des Zerlegers ansieht.

Das ist ein Team Raleigh von 1977. Es sieht nicht nur aus wie neu, es ist neu. Es ist seit 1977 einmal um den Block gefahren. An Weihnachten 1977 durch den neuen Besitzer, der damit beschenkt wurde. Der wartete dann auf den Frühling, hatte dann Besseres zu tun, im Sommer auch, und außerdem war damals der Radhype rund um Didi Thurau, der auf so einem Rad eine Weile die Tour de France anführte, auch schon wieder vorbei. Die nächste Strecke fuhr ich nach dem Erwerb von seinem Sohn und Erben damit letztes Jahr zum Phototermin.

Das hier ist ein Cicli Razzo aus einer kleinen, feinen italienischen Manufaktur. Mit Chrommuffen. 1982 kaufte es ein Deutscher nahe Rimini für sein Ferienhaus und fuhr damit, ab und zu, laut Familiensaga zum Cafe. Meistens aber nicht, weil es zu heiß war. Es hat immer noch das erste Lenkerband. Und keinen Kratzer.

Das ist ein Somec, ein tolles, nervöses Rad aus einer berühmten Schmiede. Gekauft und gebaut wurde es 1984 in Augsburg, und bei einer der ersten Fahrten schmiss es den Besitzer auf den Strassenbahnschienen. Das war ihm eine Lehre, und er fuhr wieder Auto, bis er starb und seine Erben das Rad an mich weiter gaben. Es ist unter mir mehr als unter seinem Erstbesitzer gelaufen.

Das ist ein Enik Tourmalet, das Spitzenmodell des deutschen Herstellers von 1987. Es wurde so gekauft, so ein, zweimal bewegt, und stand dann so jahrzehntelang im Keller, weil der Besitzer merkte, dass der Sport für ihn nichts ist. Es war 1987 mein Traumrad, das ich gekauft hätte, hätte ich 3400 DM locker machen können. Wie man sieht, man muss nur warten. Andere heben es im Neuzustand für einen auf.

Das ist ein Specialized Roubaix Expert von 2011, gekauft von mir für genau 3000 Euro weniger, als der Erstbesitzer bezahlte. Der ist damit vielleicht 300 Kilometer gefahren, bis sein Kind kam, und jetzt macht er das gar nicht mehr. Die Kosten lagen bei 10 € pro Kilometer. Wenn ich alles zusammenrechne, kostet der Kilometer in meinen benzinsaufenden Monster SLK350 vom Stuttgarter Band bis zum neuen Leben in Algerien oder Moldawien 0,80 Euro. Wahrer Luxus ist nicht, auf Ledersitzen mit 250 Sachen offen zu fahren. Wahrer Luxus ist, so ein Rad zu kaufen und nicht zu benutzen.

Und das hier ist ein Reiserad für Damen von Radsport Rabe in München. Als ich in München studierte, gab es einen Boom bei Trekkingrädern und Mountainbikes, und Rabe war eines der Geschäfte, die jenes Besondere hatten, das man damals als prestigeträchtig ansah. Sattelstützen für 200 DM, Titanschrauben, Kohlefasernaben. Und hochwertige Rahmen, die nach eigenen Vorgaben in Italien gelötet und pulverbeschichtet wurden. Wer zu einer grossen Radreise aufbrechen wollte, konnte sich damals einen Randonneur von Koga Miyata von der Stange kaufen, wie den hier, der als Stadtrad missbraucht, weggeworfen und von mir restauriert wurde.

Oder er ging eben zu einem der spezialisierten Händler, erklärte seine Wünsche, und liess sich von Experten das Optimum zusammenstellen. So ein Rad ist das Rabe. Es ist nicht in der obersten Liga, die damals bei 5-6000 DM anzusiedeln war. Aber es ist ein durchdachtes Rad mit hochwertigen, dauerhaften Lösungen, und dürfte um 3000 DM gekostet haben. Also 1/5 dessen, was damals ein neuer VW Golf kostete.

Abgesehen von Verschleissteilen wie Kette, Ritzel und Reifen sollten das Rad und die Komponenten tatsächlich weitaus mehr als jene 50.000 Kilometer halten, die bei hochwertigen Produkten dieser Szene damals als Minimum angesehen wurden. So gesehen würden sich die 3000 DM lohnen, denn der Kilometer würde selbst bei Totalverschleiss mit anschliessender Entsorgung gerade einmal 3 Cent kosten. Tatsächlich wurde das Rad am letzten Freitag nach 25 Jahren entsorgt, während man in Hamburg den neuen Beitrag von Hasnain Kazim einplante. Ich habe von diesem Autor noch nie ein Bild auf dem Rad oder den Bericht einer Alpenüberquerung gesehen, aber als Vorreiter bin ich natürlich tief gerührt, wenn unsere bayerischen Umweltschutzgedanken, die wir dank schwäbischem Erfindungsgeist schon lange mit schönem Erfolg praktizieren, nun auch in den rückständigen und reaktionären Regionen des Landes ankommen, wo mit Containerschiffen und Ozeanriesen heute noch die Öko-Pest der Weltmeere gebaut und gefeiert wird. Fahren Sie mal nach Hamburg, ich war dort: Es sieht wirklich aus wie ein Moloch, aus dem trotz Aufklärung und Fortschritt immer noch die Genderbeiträge der Zeit und die Stickstoffoxide der Schiffsdiesel auf die Welt losgelassen werden.

Entsprechend begeistert sind im Internet die Reaktionen, an die ich mich hier ebenfalls anschließe: Tausende stellen fest, dass sie auch mit dem Rad fahren könnten, und sind überzeugt von den Argumenten bei Spiegel Online. Fairerweise müsste man dazu noch sagen, dass der Mensch mit der Verbrennung von Nahrung und deren teurer Herstellung durch Landwirtschaft nicht emissionsfrei ist. Das Ganze ist nur halbwegs bio, weil das Rad mit seinen guten Wirkungsgrad dem miserablen Wirkungsgrad des maximal 200 Watt leistenden Motors Mensch entgegenkommt. Es gibt Untersuchungen, dass vier Menschen auf Rädern auf 100 Kilometer in der gesamten Ökobilanz nicht besser als 4 Leute in einem kleinen Auto sind. Ich finde es besser, in mich einen Kaiserschmarrn und eine Torte zusätzlich zu stopfen, als mein Auto mit 10 Litern zu betanken. Aber jede Fortbewegung, das muss man sagen, belastet die Umwelt.

Man kann nun dagegen argumentieren, dass Sondereffekte wie die Gesundheit das aufwiegen, während Linke dann wieder sagen, dass es zu viele alte, weisse Männer gibt, die in Bezug auf Umwelt und Gleichberechtigung mit ihrem Dasein als Schaden zu betrachten sind – die Zeit hat auch dazu einen genderistischen Beitrag (Triggerwarnung Genderismus, Hate Speech, Feministische Wissenschaft). Aber das geht, wenn man das Rabe und seine Besitzerin anschaut, oder all die anderen Räder, am Thema vorbei. Das eigentliche Thema ist, dass es viele gute Vorsätze wie im Spiegel gibt. Aber enorm viel schlechte Umsetzung. Legion sind die Räder, die im Frühjahr gekauft werden, im Herbst aufgrund mangelhafter Pflege ohne Öl auf der Kette schon knirschen, im im nächsten Frühling nicht mehr ausgepumpt werden, weil das mit dem Ventil zu kompliziert ist. Bei der Abgabestelle, die ich kenne, sind die wenigsten Räder mehr als ein paar tausend Kilometer gelaufen. Sie werden benutzt, solange sie gehen, und wenn die erste Reparatur ansteht und nicht ganz billig ist, kaufen sich die Menschen lieber etwas Neues.

Und so kommt es, dass das Signalisieren von Werten mit dem Kauf eines Fahrrades in der realweltlichen Umsetzung überhaupt nicht ökologisch oder gesund ist. Das Rabe ist ausweislich der abgefahrenen Kette etwa 4000 Kilometer gelaufen, und wäre mit einer neuen Kette ohne Schaltprobleme weiter gefahren. Eine Kette und ein Kettennietdrücker kosten 25 Euro, aber dazu reichte es offensichtlich nicht. Statt dessen verstaubte und verrostete das Rad, das sicher mit besten Absichten und einem Brooks-Damensattel gekauft worden war, vor sich hin. Kosten pro Kilometer: rund 0,40 Euro. Nicht billiger als ein Mittelklassewagen Anfang der 90er Jahre. Und die gesamte Umweltbilanz, hätte man es verschrottet, wäre pro Kilo auch nicht besser als ein Auto.

Natürlich hört man das in abgelegenen Weltregionen am Nordpolarkreis, die gerade erst das Licht der Aufklärung und die Vorzüge unserer an Transalp und L’Eroica gestählten Konstitution bewundern, nicht gerne, weil man vor allem zeigen möchte, was man für die Umwelt zu kaufen bereit ist. Aber Tugenden müssen auch gelebt werden, wie nachhaltige Lebensmittel, Geschlechtsverkehr mit Kondom, mehr Sport und weniger hirnlose Serienglotze und Zigaretten. Jeder weiss im Prinzip, wie Tugenden aussehen, und wie schwierig es ist, sie gegen Gewöhnung und Bequemlichkeit durchzusetzen. Es gibt tausend gute Gründe, mit dem Rad zu fahren. Und immer einen besseren Grund, warum es gerade heute nicht geht und dann morgen sein wird, sofern dann noch genug Luft im Reifen ist.

Das Rabe hätte bei guter Pflege jahrzehntelang seine Dienst tun können. Es wurde benutzt, wie man einen Schwamm in der Küche benutzt: Als Verschleissteil, lieblos und desinteressiert. Kein Lager wurde je gefettet, keine Schraube gelöst, der Vorbau war eingerostet und im Schaltkäfig klebte der Dreck. Da ist nach dem Kauf einer pinkfarbenen Klingel keine Liebe und keine Zuneigung mehr spürbar, nichts von jener “tender loving care”, von der Briten so gern reden. Es war halt da, solange es lief. Es sah nie einen Berg, den Gardasee, die Hügel der Toskana oder den Radweg nach Wien. Es hätte 1992 so viel passieren können. Es passierte, dass es bei einem Altmetallcontainer abgeladen wurde. Woanders würde man es hineinwerfen – bei uns gibt es eine Verwertung, die rettet, was zu retten ist, und manchmal komme ich dort vorbei, und dann sehe ich es und denke daran, wie ich als Student in München keine 3000 DM hatte, um so ein Rad zu kaufen.

Entschuldigen Sie also, wenn ich als Freund des Velozipeds nur lachen kann über alle, die jetzt wieder einen neuen Anlass finden, das Rad zu propagieren. Sie haben recht, wie während der Ölkrise, während Didi Thuraus Radsiegen, wie beim Aufkommen des MTBs und jetzt, beim Siegeszug von 29er und Pedelecs. Es sind Moden, die alle dazu führten, dass nach dem Kauf erst einmal die alten, nicht benutzten Räder weggeworfen wurden. Heute bieten die Radhäuser bei uns wieder Verschrottungsprämien für alte Räder an. Es ist gut und richtig, absolut richtig, kurze Strecken mit dem Rad zu fahren, besonders in den Städten. Man ist schneller und macht die Städte schöner. Aber man muss es tun und ab und zu eben auch mal das Rad putzen, die Reifen aufpumpen, alle 200 km die Kette ölen und lernen, wie man eine Schaltung und Bremsen einstellt. Wenn man das nicht kann, wartet man im Sommer öfters mal einen Monat auf einen Termin im Radgeschäft, und wird dabei oft auch noch abgezockt.

Wäre man ehrlich, würde man ganz andere Dinge sagen: Quäl Dich, Du Sau. Der Regen macht Dir nichts, Du bist nicht aus Zucker. Schnee tut nicht weh. Wenn du in Deinem Alter nicht den Jaufenpass hoch kommst, ist es nicht zu steil: Du bist krank und musst etwas tun. Schraub das gefälligst selbst hin. Die Kette ist schmutzig, aber Du kannst Dir nachher die Hände waschen. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Er repariert sich nicht selbst. Tu was. Lerne erst mal, Dein Rad selbst auf die Reihe zu bekommen, vielleicht bekommst Du dann Dein Leben auf die Reihe. Schmerz ist nur Deine Schwäche, die den Körper verlässt. Klar bist Du pleite, wenn Du nicht mal die einfachste Dinge selbst machen kannst. Und, ganz wichtig: Überleg Dir vorher, ob Du das tun willst. Sonst endet das Rad wie Dein halber ungetragener Kleiderschrank.

Nichts davon ist geeignet, um bei Twitter die eigene moralische Überlegenheit gegenüber Autofahrern zu demonstrieren. Eigentlich müsste ich froh sein, dass nun auch andere Massenmedien das Richtige predigen, aber das da oben ist neben der Kette der Grund, warum das Rabe nicht mehr fahrbar war:: Im unteren Schaltungsrädchen hat sich ein Faden verfangen, der es blockiert. Man hätte nur eine einzige Schraube lösen müssen. Ich brauche 4, 5 Stunden, um es wieder zu dem Rad zu machen, das es einmal war, und ich sollte mich freuen. Es ist ein guter Tag für das Rad, für mich und die Bewegung. Aber innerlich koche ich, innerlich möchte ich die Erstbesitzerin eine dumme Nuss nennen und mich dann denen zuwenden, die nur Hass und Verachtung für ihre sparsamen Nachkriegs-Vorfahren übrig haben, die den Schimmel vom Brot schnitten und Räder jahrzehntelang pflegten, damit Geld für eine bessere Zukunft der Jugend da war. Manchmal sehe ich bei uns noch Damen der Gesellschaft, die beim Bäcker etwas vom Vortag nehmen, und dahinter die übernächste Generation im Hoodie von H&M, die ihren Coffee2Go-Becher auf die Strasse werfen, weil es zu stressig ist, vor der Schule daheim noch selbst Kaffee zu machen und anschließend die Tasse auszuspülen – man muss sich in der Quality Time informieren, was bei den Jugendportalen und Whatsapp an Peinlichkeiten steht. Oh, ein Beitrag ´über das Radfahren. Ja, Dieselpendler sind echt übel, das liken sie, damit jeder ihr richtiges biologisches Bewusstsein kennt.

Bald breche ich wieder in die Berge auf. Ich werde brandneue Pedelecs und Familien am Strand sehen, und steinalte Männer auf historischen MTBs und Rennmaschinen am Berg. Ob ich jemanden von Konkurrenzblättern oder ein menschliches Tugendsignal treffen werde, hoch oben über den Bäumen – das weiss ich nicht. Aber dann ist es egal, ein Zusammentreffen ist wirklich ohne jedes Risiko, denn die Wut, die mich treibt, die schwindet, wenn ich allein mit dem Berg bin, und das tue, wovon andere reden.

14. Aug. 2017
von Don Alphonso
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08. Aug. 2017
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Fahrverbote als Turbodiesel der Gentrifizierung

Ha bel mentir chi vien da lontano.

Also wissen Sie, nur unter uns gesagt, es gibt schon gute Argumente für Fahrverbote in den Innenstädten. Es ist zwar bigott, die nicht hier Wohnenden auszusperren und sich selbst von den anderen mit Diesel-LKWs die Versorgungsgüter bringen zu lassen, die man braucht. Aber abgesehen davon bin ich jetzt nicht wirklich ein Feind von Fahrverboten. Die pure Existenz radzerstörender Unterschichten stört mich beispielsweise deutlich mehr, während ich wie alle Menschen von Stand an einem Vermögenszuwachs interessiert bin – nur das garantiert mir, dass ich nicht wirklich einer geregelten Arbeit nachgehen muss. Ausserdem wohne ich selbst in Altstädten, und dort liegt auch günstig die ein oder andere Immobilie, die mein Dasein erleichtert.

Unsere Klassengesellschaft und ihre Parteien wollen es nun mal so, dass neben Hochgestellten wie unsereins, wir verstehen uns da, nicht wahr, auch noch weniger Glückliche existieren, die noch wirklich arbeiten müssen, um Sinne von Verwaltung, Vertrieb und Produktion und nicht nur in Form von staatsfinanzierten Genderprangern. Diese arbeitenden Leute sind diejenigen, die den Reichtum des Landes schaffen, und damit sie besonders viel Reichtum schaffen, wollte es die Politik, dass sie flexibel und anpassungsfreudig sind, und wenig Kosten verursachen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, weitere Strecken zwischen Wohnort und Arbeitsstätte zu pendeln: Nur das erlaubt der Wirtschaft, kostengünstige Cluster mit kurzen Wegen anzulegen, ohne dass abgelegene Regionen massiv benachteiligt werden. Früher konnte jeder Dorfschmied ein Hufeisen fertigen und jede Bauer ein Fohlen aus dem Pferdeleib ziehen, während die Dümmsten die Schweine hüteten. Heute gibt es neben Autofabriken und Krankenhäusern auch noch Stiftungen für den Kampf gegen Rechts. Damit die Nachfahren von Bauern, Handwerkern und sozial Minderbemittelten nicht alle in die Städte ziehen, gibt es für die einen kostengünstiges Pendeln mit Dieselautos, und für die anderen Internet.

Es geht nicht anders. Sehen Sie, unsere grössten Liegenschaften sind in einem Zentrum des Abgasskandals, und wer hier arbeitet und nicht nur als grüner Musiklehrer, der weiss, dass hier die Maschinen den Takt vorgeben. Wenn der Einsetzer für den hinteren rechten Kotflügel nicht kommt, stockt der Produktionsablauf, und es muss Ersatz her. Kommt der Ersatz aber wie der erste Mann aus dem gleichen unzugänglichen Kaff zwischen der Stadt und dem Altmühltal, und würde ihn ein Fahrverbot aufhalten, hätte die Firma ein Problem. Ein gewisser Krankheitsstand ist finanzierbar, ein generelles Fahrverbot hätte für die Produktion unabsehbare Folgen. Und wer mir sagt, man könnte mit dem Rad fahren, den lade ich ein, mit mir bei 36 Grad mal die semialpine Steigung von Gungolding nach Hofstellen zu radeln, wie ich das letzte Woche gemacht habe: Wer danach noch 8 Stunden am Band Kotflügelwuchten überlebt, mit dem rede ich gern über diese umweltfreundliche Option. Für die anderen pflücke ich Blumen auf den Feldern und lasse sie mit Genesungswünschen auf die Intensivstation bringen, oder ich schreibe einen freundlichen Nachruf mit nur ganz wenig satirischen Spitzen.

Führende EKD-Ratsmitglieder, Journalisten, Politiker, Berufsempörte: Ich kann wirklich nur jeden einladen, die öffentlichen Verkehrsmittel im ländlichen Raum nach dem Kahlschlag bei den Zugverbindungen auszuprobieren. Der grün Bewegte mag das, weil sein Radweg im Altmühltal die ehemalige, aufgelassene Eisenbahnstrecke ist. Aber wer hier lebt und als Kind ins städtische Gymnasium musste, aus einem Kaff wie Zandt, der hatte mit 15 seine aufgebohrte 50er Enduro und mit 16 den Roller, damit der Schulweg nicht mehr anderthalb Stunden, sondern nur noch 30 Minuten dauerte. Man akzeptierte die Motorisierung als Preis für die begrenzte Verstädterung und die Bereitschaft, draußen im Grünen zu siedeln. Man hat das so nachdrücklich gefördert, dass die Altstädte in den 60er Jahren verslumten, und als ich Ende der 80er Jahre die angemessene Vorstadtvilla am See verliess, um wieder im alten Stadthaus zu wohnen, galt ich als Exot. Ich galt auch als Exot, weil ich im Sommer mit dem Rad die 80 Kilometer von München nach Hause fuhr. Heute darf ich mich daher, wenn man sich meinen zweisitzigen 3,5Liter V6 und die 40 echten Glühbirnen in den Kronleuchter wegdenkt, als grünen Vorreiter bezeichnen. Heute lebt man wieder in der Altstadt. Das Cabrio steht vandalensicher in der Tiefgarage und mit dem E-Bike geht es auf dem Wochenmarkt, wo die Bergpfirsiche aus Fernost ganz frisch sind.

Zumindest in Städten wie meinen, die schon weitgehend durchgentrifiziert sind. Wer hier rechtzeitig kaufte, kann sich nun über satte und de facto wertlose Buchgewinne seiner Immobilie freuen, und so mancher machte damit sein Glück. Besonders, und nun muss ich etwas über meine Drittheimat Mantua erzählen, wenn er in einer Region mit Fahrverbot lebt. In Mantua haben wir das nämlich unter der Bezeichnung ZTL, Zona Traffico limitata. Ich habe zur ZTL den schönsten Weg entlang des Sees mit dem Rad, mich stört das überhaupt nicht. Aber wer innerhalb der ZTL kaufte, erlebte etwas Bemerkenswertes: Während die Immobilienpreise in Mantua während der Finanzkrise sanken, blieben sie in der ZTL auf einem respektablen Niveau. Grund ist die lebenswerte Altstadt, die Städter hinein lässt uns alle anderen zwingt, draußen zu bleiben: Denn wer jetzt in der Stadt arbeitet, für den ist es mit der ZTL deutlich besser, auch in der Stadt zu wohnen. Wer drinnen wohnt, darf drinnen und draußen fahren, wie er will. Wer draußen wohnt, darf das nicht. In Italien macht man sich darüber keine Illusionen: Die ZTL ist ein Privileg für die Stadtbewohner, sie haben Parkplätze und dürfen fahren, und die anderen müssen schauen, wo sie bleiben.

Die deutschen Kollegen der schreibenden Zunft meinen bei ihren Beiträgen über solche Projekte zu erkennen, dass Innenstädte wie Mantua, Bergamo oder Ferrara lebenswert sind und aufblühen. Sie zeigen Bilder wie aus dem Modemagazin von wohlgekleideten Damen, die auf dem Rad durch die Sommerluft zwischen den Palästen dahin gleiten und sich im Cafe mit Freundinnen treffen, ohne dass ein Auto die Konversation stören würde. Wenn die Autoren wollten, könnten sie auch einen Vergleich mit Brescia ziehen, wo es keine ZTL gibt, die Stadt an schönsten Plätzen vollgepackt ist, und in der westlichen Altstadt tatsächlich noch Sanierungsbedarf erkennbar wäre, würde man sich dort unter die herumlungernden, finsteren Gestalten wagen. Da haben sie fraglos recht.

Sobald eine ZTL eingerichtet wird, gibt es einen guten Grund mehr, in den Innenstädten zu wohnen, und einen guten Grund weniger, draußen zu sein: Ärzte, leitende Beamte, Geschäftsbesitzer und reiche, gut angezogene Damen wie aus dem Modemagazin erwerben dann herzlos grosse, repräsentative Wohnungen, auf deren Fläche früher zwei Familien hausten. Auch sorgen Firmen dafür, dass für wichtige Mitarbeiter nahe der Zentralen ausreichend Wohnraum aufgekauft und vermittelt wird. Und wie sich jeder nördlich und südlich der Alpen vorstellen kann: Das geht nur, wenn dieser neuen, schönen, gut aussehenden und von deutschen Medien als “Altstadt-Flair” gelobten Schicht mit ihren Kosmetikhändlern mit Refugee-Soli-Seife nach Damaszener Art Platz gemacht wird, viel Platz, jeder nur denkbare Platz. Die Innenstadt von Mantua ist sagenhaft schön, das Leben ist entspannt, die Menschen sind erfreulich, aber weiter draußen finden sich auch Regionen, die weniger Entspannte in unerfreulichen Lebensbedingungen aufnehmen.

Oder anders gesagt: Fahrverbote in Innenstädten sind der V8-7,5Liter-Turbodiesel ohne Abgasreinigung für die Gentrifizierung. Denn es wird immer zu viele Reiche geben, die zu ihrem Arbeitsplatz müssen und sich keiner Beschränkung unterwerfen wollen, und dazu muss man in der ZTL wohnen. Oder, was schon jetzt die Realität in München ist: In der Stadt eine Zweitwohnung haben. Und so ziemlich die ersten, die jeder Vermieter mit Hirn und wenig Gewissen dann auf die Strasse setzen würden, wären die Kollegen der wirklich im Niedergang begriffenen schreibenden Zunft, oder linke Amateurpolitiker, die überhaupt nicht begreifen, was die Folgen ihrer – und nicht zwingend meiner – Vorstellungen sein werden. Wer es sich wie die grünen Bio-Gentrifizierer leisten kann, wohnt innerstädtisch. Wer arbeiten muss, wohnt so nah wie möglich beim Arbeitgeber. Wer keine Arbeit hat, wird zwangsweise umgesiedelt – dorthin, wo seine Existenz nicht dem Wohlergehen der Wirtschaft im Weg ist. Man schickte früher auch die Schweinehüter in die Wälder. Und je größer die Einkommensunterschiede sind, desto brutaler wird das durchgezogen.

Meine Kollegen sehen die schicken Mütter und Anzugträger auf Rädern, oder Gruppen lachender Mädchen, die aus dem Lyzeum kommen und Louis-Vuitton-Taschen in den Radkörben haben. Sie sehen die kleine Salumeria am Eck und nebenan die Vintage-Schmuckhändlerin und denken, na also, geht doch, Autos raus und es wird schön. Schön wird es, reich wird es, Kunden für solche Geschäfte gibt es, weil die Reichen hier leben. Menschen, die auf dem Niveau meiner Kollegen leben, leben ganz sicher nicht hier. Für die gibt es Blocks hinter Citadella, Blocks bei den Raffinerien auf der anderen Seite des Sees, Blocks bei den riesigen, autogerechten Einkaufszentren, wo man seine Waren selbst vor den Scanner halten muss, weil wieder Arbeitskräfte eingespart werden. Dort draußen vor der Stadt, wo man sich ein Auto leisten muss, weil man sich das schöne Leben in der ZTL nicht leisten kann. Die Kinder können in der Stadt zwar Albertis Dom zeichnen, aber sich kaum nebenan im Cafe einen Eistee leisten.

Kurz, meine deutschen, grünen Kollegen loben heute die italienischen Innenstädte als Modell für Deutschland genauso ignorant und ohne jede Bereitschaft, die Nachteile zu erkennen, wie ihre benzinadrigen Kollegen von den Autoseiten vor 10 Jahren noch den Diesel hochgeschrieben haben. Sie tun das, weil das, was sie sehen, hübsch ist, und sie sich selbst gern darin sehen würden, so wie der Autotester sich gern im vom Hersteller gestellten SUV sah. Ich sehe diese Kollegen in Zeiten der deutschen ZTL ganz sicher nicht auf dem Rad in Schwabing oder Kreuzberg, sondern mehr im Bus Richtung des nächsten S-Bahn-Anschluss bei Petershausen oder Marzahn. Wo halt diejenigen landen, deren Anwesenheit für profitable oder unverzichtbare Dienste nicht nötig ist.

Man kann den Weg zur Arbeit natürlich zu einer Frage von Existenz und Prestige machen. Es tangiert mich nicht, der ich in der Altstadt lebe, und auch keine ältere Dame in ihrer Villa draußen im Westviertel, die mit dem Rad entlang der Donau kommen kann. Es betrifft die arbeitende Schicht in ihrer ganzen Daseinsplanung, die dann schwieriger wird, und die sich neu orientieren und umsiedeln muss. Es gibt in Italien, wenn ich das als Kenner und nicht nur Hinfahrer und Träumer berichten darf, auch noch andere Ansätze: Turin zum Beispiel hat unter der Bürgermeisterin des Movimento 5 Stelle im letzten Winter deutlich vergünstigte E-Bikes zum Mieten angeboten, und dafür auch eine vernünftige Infrastruktur aufgebaut. Das entspannt die Situation an den besonders schadstoffträchtigen Tagen, ohne dass man für einen Grenzwert in ein paar Messstationen an ein paar Tagen mit Inversionswetterlage gleich die ganzen unproduktiven und ärmeren Schichten für immer in die Steppe deportiert.

Also, ich habe nichts gegen Fahrverbote in der Innenstadt, wirklich, und so hässlich und unlebenswert ist eine WG im Plattenbau in Königswusterhausen jetzt auch nicht.

08. Aug. 2017
von Don Alphonso
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30. Jul. 2017
von Don Alphonso
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Nur Vandalen hassen die Polizei

In Amerika, dem Stiefmutterland von Freiheit, Demokratie, Waffenbesitz, Alkohol ab 21 und dem Recht, Invasoren auf dem eigenen Grund niederzuschießen, gibt es einen Witz:

Was ist ein Republikaner?
Ein Demokrat, nachdem er von einer Gang überfallen und ausgeraubt wurde.

Was so viel bedeutet wie: Edle Ideale schmelzen bei der Begegnung mit einer Realität, in der man an der Umsetzung derselben durch unschöne Gewalterfahrung gehindert wird, schnell zusammen, und führen zu einem lebenserhaltenden, wenngleich nicht unbedingt menschenfreundlichen Umdenkprozess.

Das kann bei Gewalt so sein, aber nicht immer und überall: Zum Beispiel scheiben heute jene Autoren, die im Blog Publikative das Verhalten der Polizei nicht eben zu Uugunsten der Autonomen anprangerten, etwas Ähnlichs im Zusammenhang mit der Gewalt von Hamburg erneut, indem sie die Fehler bei der Polizei suchen und – wenig überraschend – auch finden. Es findet nicht mehr nur bei einem linken Blog mit einem selbst gewählten Schwerpunkt auf „Polizeigewalt“ statt, sondern bei der gebührenfinanzierten ARD. Auch entnimmt man der linkenfreundlichen Presse, dass das gar keine Linken gewesen sein sollen, weil Linke spätestens seit Pol Pot nicht mehr gewalttätig sind. Die Polizei habe zudem falsch reagiert und müsste sich die Fragen anhören, die erstaunlicherweise aber niemand den Autonomen stellt, die sich und ihre Taten mit Bezug auf einen RAF-Terroristen bei Indymedia ausgiebig und unbehelligt feiern.

Und weil es gerade so gut in die Verlagerung der Schuld weg von den Autonomen hin zur Staatsmacht passte, wurde dann noch das seit Monaten bekannte Polizeiaufgabengesetz in Bayern aufgewärmt. Im Gegensatz zu Bremen und Niedersachsen, wo es für die Präventivhaft keinerlei zeitliche Begrenzung gibt, gibt es in Bayern eine von zwei Wochen auf drei Monaten angehobene maximale Dauer – dann muss ein Richter neu entscheiden. Man hätte an dieser Stelle darüber reden können, was Juristen dazu in den letzten Monaten gesagt haben, oder über den eigentlich harten Aspekt der Reform: Das gleich Gesetzespaket erlaubt nämlich den umfangreichen Einsatz des Staatstrojaners. Aber die Schlagzeile einer unbegrenzten Präventivhaft passte besser zum Wunsch, weg von der linken Gewalt hin zum polizeilichen Übergriff zu gelangen. Niemand redet heute mehr darüber, die Rote Flora einzuebnen und einen Biergarten darüber zu errichten, und die 40 Millionen Schaden bezahlt der Staat, also wir alle. Wir sahen alle die netten Bilder vom Aufräumen. Hamburg bleibt bunt.

Man vergisst so etwas schnell, aber heute Nacht wurde ich wieder daran erinnert, als unten von der Strasse Rapmusik zu mir nach oben drang. Das ist vor dem Ende der Schulzeit in Bayern normal, heute beginnen die Ferien, davor wird gefeiert, und dann ziehen die Jugendlichen mit Musik durch die Stadt. Dann knallte es, und es gehörte eindeutig nicht zur Musik, es wurde gebrüllt, und da drehte ich schon das Schaltwerk in das Schaltauge – denn gestern ist ein neuer Rahmen für ein Rennrad eingetroffen, ein früher absurd teurer Isaac Sonic, deutsche Carbonkunst mit nur 900 Gramm Gewicht. Ich legte also den Inbus weg und nahm schon einmal das Telefon in die Hand, denn es klang, als würde da unten etwas zerstört. Und tatsächlich lag da unter der Laterne gegenüber ein Rad. Und ein junger Mann in der heutzutage üblichen Hooligantracht mit Hoodie sprang darauf herum.

Seine Freunde riefen ihm unter Erwähnung seines Namens zu, zogen aber reichlich unberührt weiter, und während er vom Rad abliess, hatte ich schon die 110 gewählt, einen Beamten an der Leitung und schilderte ihm die Gruppe, den Täter und den Weg, den der junge Mann zusammen mit einem Freund in Wellenlinien beschritt. Man sollte denken, dass sich solche Leute unauffällig und schnell vom Tatort entfernen, aber sie wankten langsam und ohne jeden Blick zurück die Strasse hinunter. Der Schaden war angerichtet, das Leben ging weiter. Man tut etwas und schreitet voran, und wenn man etwas betrunken ist, legt der andere einem den Arm um die Schulter. So einfach. So banal. So völlig frei von jeder Sorge und schlechtem Gewissen. Er hat das Rad zusammengetreten, wie andere einen Zigarettenkippe wegwerfen.

Nun kann man sagen, dass es klügere Ideen als das laute Trampeln auf einem Rad vor den Fenstern eines Radliebhabers gibt. Man kann sagen, dass ich meiner Bürgerpflicht gerecht wurde, ohne jeden Skrupel, und die kleine Schar kam auch nicht besonders weit – sie lief, wenn man so will, der Polizei direkt in die Arme. In Berlin entkommen Autoanzünder auch nach dem 5. Anschlag, in Bayern fragt man, ob man hinunter gehen soll und schauen, wohin sie weiter gehen, und der Beamte meint nur, aber nein, das machen sie schon, und nach der 5. Minute haben sie die Gruppe. Jetzt gibt es einen Beschuldigten und eine Gang, die dabei war und daheim bei den Eltern, wenn sie keine Gangstaz und Hoolz mehr sind, etwas zu erklären haben. Das ist nicht angenehm, aber wenn es jetzt passiert, passiert so ein Vandalismus vielleicht, hoffentlich, nie wieder. Sie lebten in der Vorstellungswelt, dass man so etwas machen kann, ohne auch nur ein schlechtes Gefühl zu haben, und wissen jetzt: Nach nur 5 Minuten ist das vorbei.

Ich baue mein Isaac mit einer Campagnolo Record Gruppe auf. Der Rahmen kostete früher so viel wie vier von jenen Markenrädern, von denen eines da unten zusammengetreten wurde. Die Gewalt traf nicht den reichen Bonzen oben unter dem Stuck, der auf altem Parkett Titanschrauben in gefräste Ausfallenden dreht, sondern ein Stadtrad einer Frau. Kein Rennrad, sondern ein Lastenpferd mit Licht, Gepäckträger und Schutzblechen. Keine Sattelstütze mit dem Namen Masterpiece, sondern ein dickes Alurohr. Keine federleichten Proton-Laufräder von Campagnolo, sondern dicke Felgen, die trotzdem verbogen wurden. Immerhin kann die Geschädigte jetzt die Kosten geltend machen, denn es ist klar, dass das Rad da unten ein ökonomischer Totalschaden ist.

Es ist in meinem sozialen Umfeld kein teures Rad, neu kostete es nicht mehr als 700€. Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, für die einen ist das ein halber Laufradsatz, aber für andere ist das Rad ein halber Bruttomonatlohn. Ganz normale Leute, die sparen, um dann in ein Fachgeschäft zu gehen und ein Rad zu kaufen, mit dem sie 15, 20 Jahre zu fahren gedenken. Sie haben nicht 10 oder 20, sondern nur dieses eine, und wenn es zerstört ist, haben sie keines mehr. Es sind Leute, die Steuern und Abgaben zahlen, und die sich entscheiden müssen, ob sie dieses neue Rad kaufen, oder mit ihren Kindern eine Woche mehr Pauschalurlaub bezahlen können. Vielleicht gehört es auch einer Studentin aus dem Wohnheim gegenüber, vielleicht ist sie gerade knapp bei Kasse und könnte kein neues Rad kaufen, wenn sie das Wrack zur Werkstatt getragen hat – gut ein Kilometer weit – und dort hören würde, dass man hier nichts mehr machen kann. Vielleicht gehört so ein Rad auch einer Flaschensammlerin, die wir in diesem Land bei all dem Reichtum und den vielen Milliarden für Integration wegen der Altersarmut haben – für die wäre das dann das Ende der individuellen Mobilität.

Es ist lange her, dass ich einen Fernseher besaß, aber damals lief ab und zu der neorealistische Film “Fahrraddiebe” von Vittorio de Sica, der an einem individuellen Beispiel erzählt, was für einen Menschen davon abhängt, ob er ein Rad hat, oder nicht. Vielleicht ist das heute nicht mehr gar so schlimm, vielleicht bedeutet es nur einen Anruf bei einem Vater, der ohnehin nicht wusste, was er seiner Tochter noch zum Geburtstag schenken sollte. Oder jemand steht zwei Wochen in einem Lager eines Discounters, um das benötigte Geld für eine Neuanschaffung zu erarbeiten. Oder es ist das Rad einer Alleinerziehenden, die nicht auf ein Auto ausweichen kann und auch nicht nahe an einem günstigen Supermarkt wohnt – dann muss ein Kind vielleicht länger allein daheim warten, weil ihr der Edeka nebenan zu teuer und der Weg zur günstigen Alternative weit ist. Es muss nicht ausgehen wie bei Vittorio de Sica, und man muss den Film auch nicht gesehen haben. Man muss eigentlich nur ein klein wenig über das nachdenken, was man tut, und welche Folgen es haben kann. Ich schraube konzentriert mit dem richtigen Drehmoment die Schraube für die vordere Bremse ein, weil mein Leben davon abhängen wird. Ich weiss nicht, was beim Opfer des Vandalismus davon abhängt, und ob es mehr ist als ein paar Scherereien bei der Polizei.

Aber ich weiss, dass die abgehobene Debatte um Polizeigewalt gegen Demonstranten nur in Ausnahmefällen -wie etwa Stuttgart 21 oder beim Münchner Übergriff gegen eine Dolmetscherin – zu Ungunsten der Behörden verläuft. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen für den Stand der Gesellschaft und ihrer Sicht auf jene Behörde, die befugt ist, angemessen Gewalt auszuüben. Selbst mit meiner Vorgeschichte, die einige der heftig kritisierten Einsätze der Polizei in München und Wackersdorf mit einschliesst, ist der normale Umgang so gut und professionell wie in dieser Nacht, wenn der Wagen schnell zur Stelle und meine Aussage aufgenommen ist. Wir alle könnten uns eine schönere Situation vorstellen, ich oben beim Rad und die Polizisten daheim bei den Familien. Ich war am Freitag bei einer Radldemo – neudeutsch Critical Mass – bei der die Polizei ausgesprochen freundlich war. Die Polizei wird dafür sorgen, dass das Unrecht in dieser Nacht nicht straffrei eines bleiben wird, und sie wird den Teil zur Erziehung von einer Gruppe betragen, den die Eltern, aus welchen Gründen auch immer, nicht erbringen konnten. Nur um das klar zu sagen: Es waren eindeutig junge Deutsche.

Die Sichtweise unter jenen, die ein geklautes Rad, ein eingeworfenes Fenster oder einen abgetretenen Aussenspiegel nicht einfach mit zwei locker geschriebenen Plaudereien oder Faktenchecks auf Gebührenzahlerkosten refinanzieren können, ist nach meinen Erlebnissen noch weniger konziliant und vielschichtig als meine: Noch nicht einmal der Einsatz der Bundeswehr im Inneren wird da abgelehnt, wenn es darum ginge, die fraglichen Personen mit ihre Böllern von den Dächern und hinein in die Alter zu befördern. Ich schreibe das noch nicht einmal so drastisch auf, wie es in der Realität formuliert wird, aber nur die wenigsten Bürger sehen sich als Ziel eines Wasserwerfers, oder geben Anlass, ihr Nachtschwärmertum als überführter Vandale auf dem Revier zu beenden. Das Grundrecht, das Rad nach einem Abend in der Stadt unbeschädigt vorzufinden, wiegt da mehr als das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit einer Person, die es zerstören möchte. Es gibt dort keine Sympathien für den Schwarzen Block, Ausschreitungen und akademische Debatten, ob nicht doch die Polizei mitschuldig gemacht werden kann. Es ist empirisch leichter, die Folgen eines zerstörten Rades zu verstehen, als die juristische Bewertung der Polizeibefugnisse, die stetig – und auch im Bereich Datenschutz zu meinem Missfallen – ausgeweitet werden.

Um so mehr, je mehr passiert und je weniger aufgeklärt wird, und danach auch noch billige Ausreden wie “Es war nur Gewalt gegen Sachen”, ‘es war nicht links”, „die Bankenkrise war teurer“ und “oh schaut mal, ein Neonazikonzert” formuliert werden. Es gibt an einem zerstörten Rad so wenig zu beschönigen, wie an einem Flaschenwurf gegen einen Polizisten. Manchmal muss jemand noch nicht einmal selbst von anderen überfallen werden, um seine Meinung zu ändern. Bilder reichen schon mitunter.

30. Jul. 2017
von Don Alphonso
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26. Jul. 2017
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Das bedingungslose, abgasreduzierte, fastvegane Biogrundeinkommen

AVRI SACRA FAMES
Vergil, Aeneis

Natürlich lüge ich beim Vermieten. Das ist so üblich, das wird von unsereins so erwartet, und zum Glück sind nun mal die innerstädtischen Toplagen so teuer, dass ich gar nicht mehr illegal lügen muss, wie etwa bei der Wohnungsgrösse oder beim Energienachweis. Es gibt nun mal zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen vermieten die guten Lagen, die anderen mieten sie, und wer sich das nicht leisten kann, ist mehr so “Leute” denn “Menschen” und wohnt hier nicht. Also, jedenfalls, der Druck in die Städte ist enorm hoch, auch feministische Vorreiterinnen tragen mit 6 gewedelten 100€-Scheinen dazu bei, dass in Berlin Türken und Alleinerziehende nach Lichtenberg ausweichen müssen, und ich muss nur ein paar Details schöner reden, als sie in der geschichtlichen Wirklichkeit sind. Wie etwa das Fenster auf dem Weg zum obersten Stockwerk unter dem Dach.

Früher brauchte man nämlich in einem Haus wie dem meiner Familie noch Dienstboten, um es am Laufen zu halten: Waschen, kochen, Holz holen und anliefern, putzen, Ungeziefer jagen und dem Clan die Arbeit abnehmen – das alles verlangte nach Helfern, die damals unter dem Dach untergebracht wurden. Die Erzählung weiss zu berichten, dass vor dem Ausbau des Hinterhauses dort oben zig Menschen auf 110m² hausten, und so log man damals wie heute, dass so ein Oberlicht einfach mehr Helligkeit auf den Weg ins damalige soziale Nirgendwo – und heute in die Dachwohnung – bringt. Das ist gelogen: Das Fenster wurde eingebaut, damit sich der Gestank nach billigem Essen wie Kohl, Karotten und Sauerkraut nicht im ganzen Haus verbreitete und ins Piano Nobile zum Duft vom Rehbraten waberte. So sah man es jedenfalls früher, als Veganismus die natürliche Ernährung der Armen, und Rehe noch zur Belustigung der Reichen niedergeschossene Schädlinge und kein Bambis waren.

Dafür war alles bio: Wer kein Geld hatte, ging zu Fuss, und wer reich war, hatte eine Kutsche und Pferde, die als Emissionen Kot hinterließen, der von den Armen getrocknet und im Ofen verbrannt wurde. Sie ahnen jetzt, warum man nicht erpicht war, auf einem Stockwerk mit den Armen zu leben, aber immerhin war damals auch noch kein Lobbyverein Umwelthilfe nötig, weil man noch keinen Diesel verbrannte. Smog und Feinstaub waren sicher schon damals krebserregend, aber die meisten starben ohnehin vorher an Syphilis und Typhus oder Kälte und Hunger im Winter, da hatte man noch andere Prioritäten. So war das damals, als meine Vorfahren das obere Fenster einbauen ließen. Wichtig war, dass man etwas im Bauch hatte, und das war angesichts des deutschen “Sommers” nie leicht. Im Winter jedoch… schauen Sie mal, meine entzückenden Jahreszeiten aus Capodimonte!

Die habe ich in Vergils Heimatstadt Mantua auf dem Antikmarkt gekauft, 19. Jahrhundert nach Rokokovorbildern. Sind sie nicht niedlich, wie sie die Attribute halten? Blumen im Frühling, Früchte im Sommer, Wein im Herbst und Wurzelgemüse im Winter. Eigentlich ist das Tischzier beim Essen. Man stellt sie auf die gedeckte Tafel, idealerweise natürlich am Tegernsee mit Blick auf die Berge, aber beim Betrachten und Rekapitulieren der Familiengeschichte kam mir darüber eine Idee, wie man gleich ein paar Probleme gleichzeitig lösen kann: Den Wunsch nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, den viele junge Städter verspüren. Die Erwartung eben jener Städter, in einer Luft zu leben, ähnlich rein wie die am Tegernsee. Das Verlangen eben jener Menschen, bio und naturnah zu leben. Das ist in Städten natürlich nicht möglich, irgendwie müssen die unter Landverbrauch angebauten Nahrungsmittel in die Stadt kommen, und dann auch noch teuer bezahlt werden. Gemeinhin würde man in meiner Stellung sagen, dass sie zur Abhilfe reich heiraten oder erben sollten, dann hätten sie solche Probleme nicht. Aber ich gebe zu, dass ich als verantwortungsbewusster Influencer gern Auto fahre und mir natürlich Gedanken mache, wie man die Schadstoffe so absenkt, dass mein Leben nicht von den Sorgen niedriger Schichten beeinträchtigt wird, die sich bei Spiegel Online von Skandalen beeinflussen lassen und Fahrverbote fordern.

Und weil retro gerade wieder schick ist, kam mir da eine Idee für ein klimafreundliches, abgasreduziertes, biologisches Fastvegangrundeinkommen, das Stadt und Land entlastet. Weil, es ist doch: Früher überlebte man die kalte Jahreszeit nicht mit Bananen und Lebkuchen und Wein aus Italien und vor einem Notebook aus China, sondern mit Körnerbrei, dauerhaften Kartoffeln, Eiern, die man in Kalk eingelagert hatte, und einer Kiste voll mit Sand, in der das Wurzelgemüse wie Karotten geschützt wurde. Dazu gab es am Sonntag Fleisch in Form von dauerhaft geräucherten Schlachtabfallwürsten, die heute als “Kaminwurzen” wieder sehr populär sind. Darin ist alles enthalten, was so ein Mensch zum Überleben braucht, und dafür braucht man auch nur wenig Tierzucht, die für das klimaschädliche Methan verantwortlich ist. Obendrein kann diese Ernährung als weitgehend vegan gelten, und entspricht daher voll den Wunschvorstellungen des jungen Städters in seiner 1,5-Zimmer-Single-Wohnung für 600€ in Kreuzberg.

Man muss diesen Leuten, die jetzt das Verbot von Verbrennungsmotoren befürworten, eine echte, heimische Tomate zeigen, wie sie hierzulande eben erst ab Juli zu erhalten ist, wenn man sie wirklich biologisch und nicht künstlich geheizt bei uns anbaut: Nur jetzt darf man Tomaten bedenkenlos essen, Tomaten im Januar müssen mit Feinstaub und CO2 aus fernen Regionen nach Deutschland und in die Städte gebracht werden, wo man die eine Hälfte verkauft und die andere wegwirft. Diese deutsche, immer noch leicht unreife Julitomate, die ist echt und bio und dieselverbrennungsfrei. Alles andere schadet. Alles andere ist die Ursache für den mörderischen Feinstaub des Transports, und da kann wirklich jeder selbst anfangen – und darauf achten, dass feinstaub- und CO2angepasst gegessen wird. Baut man die Tomaten nicht selbst an, muss man trotzdem zum Biomarkt: Mit Tüten, und alle paar Tage, weil man nicht ausreichende Transport und Lagerkapazitäten hat. Und an dieser Stelle nun setzt mein bedingungsloses, weitgehend veganes, emissionsreduzierendes, retrogesundes Biogrundeinkommen an. Alles, was man dazu braucht, sind deutlich weniger LKWs, grünes Bewusstsein, staatliche Propaganda und – unser Beitrag als bessere Kreise – ein Oberlicht für den Abzug.

Denn mein Biogrundeinkommen macht es nicht mehr nötig, den Supermarkt aufzusuchen. Jeder Teilnehmer bekommt zweimal im Jahr die Nahrung, die er braucht: 2 Säcke mit jeweils 50 Kilo Kartoffeln. Ein Sack mit 40 Kilo Rüben für die Sandkiste. Eine Füllung von 40 Kilo Sauerkraut für das Krautfass. 50 Kilo trockenes Getreide für den Brei, der heute als “Müsli” bezeichnet wird, einen Eimer mit Apfelmus sowie 50 Kilo Mehl. Milch und Würste gibt es auch, aber nur soweit es sich eben mit nachhaltiger Landwirtschaft und den dort anfallenden Resten für meine Käseproduktion vereinbaren lässt – nicht nett, aber man muss eben an das Klima denken, und das Methan, das bei uns am Tegernsee freigesetzt wird. Darauf ist Rücksicht zu nehmen. Das Krautfass, die Säcke und die Kiste werden aus heimischen Materialien normiert gefertigt und sollten nicht mehr als 1m² in der Küche wegnehmen – da, wo früher das stromfressende Klimaungeziefer “Kühlschrank” stand.

Das wird ein Fest, jeden Tag ein neuer Genuss! Reiberdatschi Verduner Art mit köstlichem Sauerkraut, Erdäpfel “Engelbert“, Knödel mit Karottenbratling, Kimchi mit Kartoffelnudeln “Kim Jong-un”, Bratkartoffeln mit Wurst und Kraut, Gnocchi mit Rübenbolognese a la Repubblica Sociale, Gratin avec Collaboration Choucroute, Krautbällchen mit Getreiderisotto piccolo Benito, Piroschki Lenin, der kulinarischen Phantasie sind keine Grenzen gesetzt! In der Fastenzeit gibt es dann herrliche Kartoffelschalensuppe – ein Gericht aus grosser deutscher Leitkultur-Epoche. Eine einzige LKW-Fahrt reicht aus, um hundert Stadtbewohner auf Monate glücklich und satt zu machen, und erlaubt es den Landwirten, ökologisch und mit sicherer Abnahme nur das zu produzieren, was auch wirklich abgenommen und gegessen wird. Natürlich bleiben dann Supermärkten mit Orangen und Bananen auf der Strecke, aber wer das Klima retten will, muss einsehen: Die CO2-Bilanz von Südfrüchten ist, selbst verglichen mit meinem kleinen Sechszylinder, verheerend.

Man muss es nur richtig kommunizieren; Tütenverbote werden mit dem bedingungslosen Grundeinkommen überflüssig. Die Luft wird sauber. Fettleibigkeit wird reduziert. Wir beuten keine Länder der Dritten Welt mehr für Palmöl im Nutella aus. Statt Supermärkten mit 50 Sorten Klopapier wird es Raum für urbane Kunstprojekte und Ateliers der Kreativen geben. Der Klimawandel wird gebremst und Afrika wird endlich wahrhaft postkolonial, so ganz ohne wirtschaftliche Interessen der Deutschen. Die Kakaobohnen und die Schnittblumen dürfen das Leben an der Elfenbeinküste und in Kenia süß und bunt machen, während wir an der Zuckerrübe nagen und wieder im Topf deutsche Mimosen züchten. Jeder kann selbst dazu beitragen, und wenn das bislang angesichts all der nur schlecht ausgekratzten Nusscremegläser im Hausmüll nicht funktioniert, muss man staatlicherseits Grundeinkommen-Angebote machen, die dem Klima und den Ressourcen bedingungslos helfen. Dann werden auch die Städte wieder lebenswert und der verdammte Schadmünchner muss nicht mehr seine verbeulte BMW-Z4-Schleuder an meinen Tegernsee lenken und mich bei der Quiche inkommodoeren, sondern kann an der Isar mit Treibholz auf Steinen seine Kartoffel rösten.

Es hat wirklich nur Vorteile, passt punktgenau zu jeder grünen Verbots- und Juniorregierungspartei, und ist obendrein schon einmal eine gute Übung, sollte die deutsche Autoindustrie tatsächlich in eine Rezession fahren. Denn in diesem Fall würde es vor allem die Nettozahler des Bundesfinanzausgleichs treffen, Bayern und Baden-Württemberg, und die würden das tun, was man im Realsozialismus immer macht, wenn der marktwirtschaftliche Lack angekratzt wird: Ausgaben erhöhen, staatlich investieren, neue Möglichkeiten eröffnen und sich selbst zum Vorreiter stilisieren, damit unter der schönen Biooberfläche alles so wie bisher weitergehen kann. Das kostet eine Menge Geld, aber wir im Süden haben jahrelang gehortet und Fett angesetzt: Jetzt ist es eben an der Zeit, mit einem Investitionsprogramm zu schauen, dass alles im Lande bleibt und kein Cent mehr nach Berlin oder andere Regionen gelangt.

Woanders kann man mein bedingungsloses Grundeinkommen mit Hurrageschrei und veganem Jubel annehmen, und damit Gutes für die Umwelt tun. Oder von den Umständen dazu gezwungen werden, die eigenen Lebensvorstellungen einer heftigen Depression anzupassen. Man hat sich zu lange daran gewöhnt, dass süddeutsche Autobauer das Buffet bei Modemessen und Filmfestspielen bezahlen: Es ist keine schlechte Idee, sich einmal die Frage zu stellen, was aus dem sandigen Boden Brandenburgs an Essbarem gewonnen werden kann. Ich weiss das in Bayern, weil wir eben dieses Fenster zum Abzug von Kohlgestank schon haben. In Berlin hat der ein oder andere sogar Erfahrung mit der DDR, die länger als die BRD mit Lebensmittelrationen und autonomer Landwirtschaft umgehen konnte.

Da gibt es vielleicht sogar noch Spezialisten, auf deren Erfahrungen man zurückgreifen kann – wenn eine Ex-Stasi-IM mit dem Justizminister arbeitet, kann man doch sicher auch ein paar alte SED-Experten wieder in das Haus der Statistik einziehen lassen, die einmal durchrechnen, was meine Idee für die heimische Landwirtschaft, Feinstaub, CO2 und gewonnene Lebensqualität bedeutet. Ich bin jedenfalls gerne bereit, jede propagandistisch geförderte Einschränkungen für andere hinzunehmen, wenn ich weiterhin jederzeit nach Mantua fahren kann, um Figuren aus Capodimonte für meine reich mit selbst importierten, italienischen Gaumenfreuden bedeckte Tafel zu besorgen.

26. Jul. 2017
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Ignoranz und Egoismus als Vermögensstrategie

An gscheidn Griag, des is wos Leid wia Ia amoi wiada brahchan.
Die Carolin vom Biergarten antwortet auf die Frage nach Glutenfreiheit

Wenn Sie einmal ein phantastisches Buch über Aufstieg und Fall einer Industrie lesen wollen, die an der Weltspitze stand, innovativ war, und deren Produkte auch heute noch bestehen können – und die trotzdem dem Untergang geweiht war: Kaufen Sie sich “The Golden Age of Handbuilt Bicycles” von Jan Heine.

Ein Prachtwerk, von Rizzoli umgesetzt wie ein Buch über einen Dom oder einen Renaissancemaler. Es beschäftigt sich mit massgefertigten Rädern, die in Frankreich von den 30er bis zu den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts enorm populär waren, mit einem Schwerpunkt auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die ersten Jahre danach.

Damals, erklärt Jan Heine anschaulich, und nicht anders würden es auch die Vorfahren der deutschen Leser berichten, war Benzin extrem knapp, Autos wurden vom Militär und den Behörden eingezogen, die Autoindustrie hatte für den Krieg zu liefern, und die Bahninfrastruktur war gestört. So blieb den Menschen das Rad als Hauptfortbewegungsmittel. Just in dieser Zeit wurden in den grossen Städten und besonders Paris schnelle, leichte und für den Transport von Lebensmitteln geeignete Räder populär.

Sie erlaubten weite Touren auf das Land, und dort den Einkauf von Lebensmitteln für den Schwarzmarkt in der Stadt. Die französische Radindustrie zehrte bis in die 80er Jahre von den Erfindungen und Entwicklungen jener Epoche, und wir verdanken ihr die Schaltwerke, die Kurbeln mit mehreren Kettenblättern, leichte Schutzbleche und Gepäckträger, Cantileverbremsen und den heute so populären Ahead-Vorbau. Ich habe selbst fünf Maschinen aus dieser Epoche – es sind wirklich herrliche Räder, robust, komfortabel, hochwertig, zuverlässig.

Der Niedergang dieser Industrie kam mit der Verfügbarkeit des Automobils. Die Menschen setzten sich lieber in skurrile Selbstmordmaschinen wie eine Isetta oder einen Messerschmidt Kabinenroller, oder auf eine Kreidler Florett oder eine Vespa – alles, was knatterte, stank und Benzin benötigte. Die Menschen kauften nicht mehr beim Bauern, sondern beim Supermarkt um die Ecke. Das Land wurde vom Sehnsuchtsort mit Knödeln und Würsten zum Produzenten degradiert, dessen Milch nie mehr als einen Euro kosten darf, und das Pfund Hack geht nur mit Tiefstpreisgarantie über den Tresen.

Kaum jemand erradelt sich noch einen Speck oder Eier. Das machen ein paar Kenner wie ich, die alte Räder lieben, aber die Mehrheit ist anders. Cem Özdemir fährt mit dem nagelneuen E-Bike zur Industriellenvereinigung, Lindner lässt sich in der S-Klasse ablichten. Ich warte darauf, dass in anderen Medien wunderbar bebilderte Beiträge über klassische Tourenräder, Nervex-Muffen und Kurbeln von Specialites T.A, kommen, die nun bald 70 Jahre alt sind. Es kommt: Nichts.

Es müsste aber so sein, wenn man das Fahrverbot für Diesel ernst meint. Kaum ein LKW fährt mit Strom oder Brennstoffzellen. Die gesamte Versorgung von zivilisierten Städten wie München und Stuttgart bis hin zu lebensfeindlichen Krisenzonen wie Berlin, Kinshasa, Bogota und Düsseldorf läuft nun mal mit grossvolumigen Dieselmotoren. Man kann natürlich “den Diesel” aus der Stadt verbannen, das ist nicht das geringste Problem. Aber dann sollte man auch konsequent sein, und nicht die Russpartikel des LKWs oder Rettungssanitäters gegenüber den Abgasen der Pendler bevorzugen. Emissionen sind gefährlich? Dann muss man eben alle gleich reduzieren, und nicht Menschen aus dem Umland benachteiligen, während die Städte für ihre Belange gern den Diesel aufs Land schicken. Und die Vorfahren können berichten, dass Krankentransport auf dem Leiterwagerl in der ganz schlechten Zeit auch üblich war. Man muss nur wollen, dann geht es ohne Verbrennung und Emission durch Diesel.

Man kann die alten Räder nicht nur nachbauen, man tut es bereits. Jan Heine zum Beispiel lässt alles, was früher schick und praktisch war, wieder herstellen, und es gibt auch Messen und Blogs für die Schönheit des alten, sauberen Gefährts aus Stahl und europäischer Fertigung. Was ich aber lese, und nicht nur ich, sondern auch alle, die in den letzten Jahren neiderfüllt meiner kleinen, dummen Heimatstadt an der Donau den totalen Niedergang gewünscht haben, und dachten, mit dem Abgasskandal würde es endlich so kommen, ist etwas ganz anderes: Der VW-Konzern verkauft wieder blendend. Die Kunden gehen all der Skandel zum Trotz doch wieder zum altbekannten Hersteller. Und kaufen, wo Scheckheft-Reparaturen, Restwert, Betriebszeit und Zuverlässigkeit mitsamt 17-Zoll-Felgen und mehr als 200 PS für den 2 Tonnen schweren Geländewagen geboten werden.

Und sie tragen dadurch bei, dass einer wie ich zwar Räder explizit befürworten, aber gleichzeitig den Reichtum dank Immobilien nahe der Autofabriken mehren kann, ohne auch nur einen Finger zu rühren oder nachzudenken, was mir ohnehin zu schwer fallen würde. Weil das ist nämlich wirklich nicht meines und wider meine Natur, und vermutlich wird man sich auch bei den denkenden Kollegen in den Redaktionen sagen, dass ich damit nicht allein bin: Denn wie sonst wäre es zu erklären, dass trotz Skandal und Aufklärung und Schlagzeilen der Verbrecher von gestern das Luxusgut von heute liefert. Meines Erachtens – ich habe gegen meine Grundüberzeugung nachgedacht – liegt das daran, dass solche Journalisten und der typische Käufer eines hochwertigen Automobils in verschiedenen gesellschaftlichen Sphären lebten. Gestern Abend beispielsweise hat mich ein Kollege aus Hamburg und Berlin bei Twitter angemault, und ich habe einmal nachgeschaut, was er in den letzten Jahren veröffentlichte: Das reicht kaum für einen gebrauchten Dacia, geschweige denn für einen deutschen Mittelklassewagen.

Deutsche Hersteller der Oberklasse wenden sich nun nur mit ihren Car-Sharing-Lösungen an schlecht bezahlte Projektmenschen. Das Hauptgeschäft machen sie mit der fest angestellten Mittelklasse, gut verdienenden Freiberuflern, mit Firmen für dié Dienstfahrzeuge, und Menschen, für die der satte Klang beim Türenschliessen auch beim Drittauto wichtiger als ein paar tausend Euro ist. Es mag durchaus zutreffen, dass eine gewisse urbane Schicht dem Auto gänzlich entsagt und das Prestige bei jungen Menschen gelitten hat. Viele junge Menschen restaurieren auch keine alten, französischen Tourenräder und radeln nicht im Eisacktal – aber für den Markt ist allein relevant, was die Zielgruppe tut und denkt. Supermärkte leben davon, dass jemand billiges Hackfleisch und einen Einmalgrill für den Görlie kauft, und Hotels am Tegernsee profitieren, weil jemand Geld für Kuren und Botox verschwendet, um nicht wie billiges Hackfleisch oder Griller im Görlie auszusehen. Das alles ist in einer ausdifferenzierten Klassengesellschaft mit widersprüchlichen Interessen gleichzeitig möglich. Wer nur sein Kind in Berlin Mitte zur Kita nebenan bringt, sieht die Welt mit anderen Augen als jene, die das Kind zum Pferd oder am Abend zum Konzert bringen, und das hingehauchte Kleid von Moschino nicht in die Kette eines hinreissenden Porteurs von Rene Herse gewickelt sehen möchten. Der erste Typus ist Journalistin, hat wechselnde Partner und schreibt über Nahverkehr und Patchwork. Der zweite Typus kümmert sich erst mal ein paar Jahre nur um Haus, Katze, Kinder, Wellness, Vermögen des Partners und Pferde und liest Frauenzeitschriften.

Und dieser Typ würde es auch nicht ertragen, wenn der Mann 2017 immer noch mit dem zu Abwrackprämienzeiten gekauften Mazda in ein Hotel fährt, in dem alle anderen etwas Besseres in die Tiefgarage stellen. Es liegt in der Natur der meisten Medienmacher, dass sie gern über das Gute schreiben, wie eben Umwelt und Abgasreduzierung, und daher über den Dieselskandal empört sind. Es liegt aber eher in der Natur der Menschen, dass sie kein heiliger Franziskus oder neuer Stalin sind und alles Vermögen sofort und radikal umverteilen. Sie sind vielmehr ein wenig egoistisch, bequem und bedacht, das Leben in exakt jenem Wohlstand zu verbringen, von dem sie meinen, er stünde ihnen zu. Und deshalb werden auf den grossen Parkplätzen vor den Malls die Windschutzscheiben mit “Kaufe Ihr Auto”-Karten verziert, auf dass die alten Wägen ein zweites Leben in Nigeria, Jordanien und im Kongo erhalten, und der Ersatz mehr Raum, mehr PS und mehr farblich passendes Leder hat. Diese Verschwendung ist dem schlecht bezahlten Moralredakteur aus dem ökonomischen Mangel heraus so fremd wie mir, der ich nach der Oberschichtendevise Raffen, Räubern und Reparieren aufgewachsen bin.

Man könnte das Elend der Verschwendung und alle aus ihr entstehenden Ungerechtigkeiten sofort beenden, man müsste nur verführen, es anders zu machen, und die anderen müssten sich verführen lassen. Das neue Strafgericht Gottes mit Feinstaubmassensterben und Dieselpest jedenfalls scheint kaum zu wirken. Die Franzosen wollten nach der automobilen Zwangspause im 2. Weltkrieg nicht wie ein Indochinese unter ihrer Kolonialverwaltung mit dem Fahrrad fahren, und auch jene, die noch nicht so lange hier sind, sehen in geschenkten Rädern die gesellschaftliche Abwertung: Angesichts der Realität der Konsumgesellschaft reicht es offensichtlich nicht, den einen Lebensentwurf zu verdammen, ohne angenehme Alternativen benennen zu können.

Das ist immer so: Der Katholik sieht den Skandal bei den Regensburger Domspatzen und tritt nicht aus der Kirche aus, weil er eine weisse Hochzeit und Taufe für die Kinder will. Der Muslim könnte gegen den Terror demonstrieren, und hält sich lieber an den Fastenmonat. Witwen könnten ihre Villen für Migranten räumen, und Migranten sollten Immobilien besser behandeln,  und schönere Geschichten liefern, und die stünden dann sicher an der Stelle jener bedauerlichen Nachricht, dass die Deutschen einfach nicht verstehen, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Man hat es ihnen schließlich gesagt. Es stand in der Zeitung, ganz gross. Es kann nicht sein, dass die Realität der Realitätskonstruktion Hohn spricht, denken die Autoren auf dem Weg in die Kantine. Sie sind so gedankenverloren, dass sie die mindestentlohnte Tunesierin hinter der Theke beim Verkochtepampeindenblechnapfklatschen nicht fragen, wie es eigentlich jetzt schon Dessert mit Äpfeln geben kann, obwohl die noch gar nicht reif sind und auch nirgendwo in nachhaltig-biologisch vertretbarer Nähe da oben am Hamburger Polarkreis wachsen. Auch haben sie noch nie gefordert, dass es täglich ein Kraut-, Wirsing-, Kohl- und Rübengericht gibt, obwohl man darüber wirklich schöne Geschichten schreiben könnte, so biodynamisch der Eigenanbau kurz nach dem Krieg gewesen ist.

Auch davon könnten die Alten erzählen. Und warum nach der Zeit des Krauts die Epoche des Fleisches kam, der vollen Teller und Tanks und einer Gesellschaft, die sich mit dem Wohlstand so arrangiert, dass sie über die Probleme nachdenkt und die konkreten Folgen ignoriert, bis es nicht mehr anders geht. Das ist der historische Normalfall, radikale Umsetzungen erkannter Probleme findet man bei Wikipedia unter “Holdomor” und “Rote Khmer”, unter “Generalplan Ost”, “Fünfjahresplan”, “Grosser Sprung nach vorn” und dem, was Alte zu allen Zeiten als “gscheidn Krieg” bezeichneten, um Jüngeren die Flausen von Luxus und plakativem Selbstekel auszutreiben.

Also. Es werden teure, deutsche Autos gekauft, die Löhne steigen in vielen Bereichen, die Mieten gehen nach oben, und wer in Sektoren arbeitet, die wirklich absteigen – Medien zum Beispiel – bleibt dabei auf der Strecke und lebt langfristig eher in einer multikulturell geprägten Randlage mit sozialen Herausforderungen. Ginge es der Autoindustrie schlecht, ginge es Medien sogar noch schlechter. Ich verstehe die Verbitterung und all die Rufe nach einem Ausgleich sozialer Gerechtigkeit. Aber ich finde es ausreichend, wenn ich meinen Teil dazu beitrage, indem ich das Radfahren propagiere und beschreibe, wie viel Spass es macht, mit einem alten Umberto Dei oder Chesini die Mille Miglia zu besuchen, oder mit einem vom Schrott geretteten Bianchi die Alpen zu überqueren. Das ist mehr als nichts, und amüsanter als Klagen über ausbleibende Einsicht und Selbstkasteiung von Höherstehenden, die das traditionell einfach nie und nimmer tun werden.

Wir sind so. Wir ändern uns nie.

20. Jul. 2017
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14. Jul. 2017
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Lebende Männer und das Ende der lustigen Witwen

Ich bin eine anständige Frau und nehm’s mit der Ehe genau.
Valencienne in Lehars „Lustige Witwe“

Also wissen Sie, es ist ist doch so: Natürlich gibt es heute Wissenschaft und Untersuchungen und Balkendiagramme, es gibt Modelle und Algorithmen. Das alles hat den enormen Nachteil, dass man sich dafür mit Mathematik auseinander setzen muss, und kein Mensch von Geist und Anstand hat es mit diesem Fach leicht. Ich selbst, wenn ich das anekdotisch evident berichten kann, war darin ein ausgesprochener Versager sowohl im Begreifen als auch in der grundsätzlichen Bereitschaft, mehr als zwei der vier Grundrechenarten zu beherrschen, denn mehr braucht man nicht, wenn die Karriere letzthin im Erhalt des Familienvermögens besteht. Ich stehe Forschung eher ablehnend gegenüber, und auf dem Standpunkt, dass Macchiavelli sein berühmtes Buch vom Fürsten ebenfalls nicht auf Basis von – damals gar nicht möglichen – Untersuchungen der Politologen mit Umfragen und Gesellschaftsanalysen gestaltete, sondern auf Basis sorgfältig ausgesuchter Anekdoten berühmter Menschen. Für das Buch vom Plebs braucht man Forschung und Soziologen, aber ich bitte Sie, doch nicht für Leute von Stand wie Sie und mich.

Das Buch vom Fürsten ist heute noch so populär, weil die anekdotische Evidenz einfach glaubwürdiger als alles andere erscheint: Einen Balken kann man problemlos wie die Süddeutsche Zeitung verlängern und verdicken, und Zahlen durch Auslassungen wie die Zeit fälschen, aber eine wirklich gute, glaubwürdige Anekdote erfinden: Dazu muss man schon mehr als Tabellenkalkulation und Photoshop beherrschen. Mit der anekdotischen Evidenz arbeiteten die Propheten der Bibel und Pornographen der Aufklärung, und deshalb ist für mich die neueste Untersuchung zum Scheidungsverhalten der Deutschen nicht mehr als eine statistische Unterfütterung meiner anekdotischen Beweisführung, die ich dem verdanke, was Politologen als Feldforschung bei der verheirateten Männlichkeit und der Einwirkung ihrer Frauen auf die Lebensverlängerung bezeichnen würden.

Denn als überzeugter Single mit wenig Arbeit und viel Freizeit ist es immer wieder ganz nett, ein altes Rad zu kaufen und es fachgerecht wieder auf die Strasse zu bringen. Gerne kaufe ich Räder in der Nähe und gern hole ich sie persönlich ab, und ich behaupte, schon anhand der Anzeigen Rückschlüsse auf die Besitzer machen zu können. Sehr oft sage ich: Der Verkäufer ist ein Mann, lebt in den angesagten Vierteln des Grossraums München, wo Vollbeschäftigung herrscht, hat vor ein paar Jahren geheiratet und mindestens ein, vermutlich aber eher zwei Kinder, die langsam alt genug sind, um in die Schule zu gehen. Das Rad hat er entweder zu seiner Junggesellenzeit bekommen, oder rund um seine Hochzeit gekauft, um fit zu bleiben. Es ist sicher mehr als ein Zufall, dass meine beiden neuen Räder von Eddy Merckx aus der ersten Kategorie stammen, und die beiden Specialized Roubaix vom zweiten Typus gekauft und praktisch nie gefahren wurden.

Sondern eben anekdotisch evident. Das war früher, als Scheidungen zur Regel werden drohten – und die Mehrheit meiner Altersgenossinnen ist tatsächlich geschieden, ich komme aus der Generation der Scheidungsfreudigen – noch ganz anders. Meine Generation war eine des grossen “Wenn Du meinst, dann mach es”. Es war die Generation der offenen Beziehungen, die das gschlamperte Verhältnis zur notwendigen Erfahrung eines erfüllten Lebens hochkultivierte. Es war die Generation der Doppelcabrioeigentümer, denen zwei Sitze in allen Lebenslagen reichten. Die Benutzung allerlei wenig sicherer Fortbewegungsmittel wie Paraglidingschirme und Motorräder galt als Zeichen der notwendigen Unvernunft in einem ansonsten allzu geregelten Leben. Eventuelle Kritik bügelte man nieder, indem man erzählte, wie man damals am Gardesee fast ertrunken wäre, oder am Monte Baldo, damals noch ohne Helm, mit fast 100 Sachen – ein Guter hält es eben aus und um einen Schlechten ist es nicht schade. Die 80er Jahre waren eben noch eine Zeit, in der das Leben nicht ohne Risiken und der Schulsport nicht ohne Schlägerei war, und die Jugend von Böhmfeld versammelte sich am Sonntag bei der Kirche, um durchfahrende Radler mit Steinen zu bewerfen und mit Mofas zu jagen. So war das damals! Anekdotisch evident und gefährlich.

Das ist nicht ohne Einfluss auf das Lebensalter, und der frühere Tod der Singles, den jede Untersuchung ausweist, ist die direkte Folge: Die einen leben in kürzerer Zeit viel mehr als die anderen in ihrem längeren Leben, das jenseits der 90 ohnehin nicht mehr so schön ist. Davor regierte eine gewisse Wahllosigkeit bei den Vergnügungen, und war der eine spannende Sexualpartner weg, war der andere vielleicht dafür bald wieder geschieden und frei auf dem Markt verfügbar. Wer heiratet und das nicht gerade ernst nimmt, hat auch kein besonderes Interesse an der langfristigen Erhaltung des Partners: So erkläre ich mir, dass sich früher zwar der Beziehungsstatus, aber nicht die Neigung zum riskanten Leben änderte. Damals wäre der Mann im Porsche wild hupend auf die Frau im BMW-Cabrio losgefahren, wo heute der junge Manager im stadtökologisch günstigen Drivenow-Carsharingauto brav darauf wartet, dass eine Mutter mit SUV ihren Anhänger mit Pferd von der Leopoldstrasse entfernt.

Heute ist es nicht mehr so, dass Frauen es befürworten, wenn Männer mit ihren Freunden auf schnellen Rennrädern in Richtung Alpen aufbrechen, um Bräune zu suchen und Schürfwunden zu finden. Im Zeitalter der Trennung war das noch egal, aber in der Epoche der neuen Dauerhaftigkeit ist jede Verletzung, jeder Unfall, jeder blaue Fleck ein Memento Mori. Auch sind Kinderräder heute keine billigen BMX-Schleudern mehr, mit denen der Stahl der Jugend gehärtet wird. Sie sind teuer, sie haben eine komplette Sicherheitsausrüstung, sie haben funktionierende Bremsen, und kein Kind weiss, dass man ohne Helm fahren kann. Und so kommt es eben, dass aus mehr oder weniger grauer Vorzeit in den Kellern des schönen, früher wilden Münchens, nur wenige Kilometer vom Parkcafe entfernt, die Merckxe, Pinarellos und Chesinis in Kellern schlafen, bis die Frau das ideale, perfekte und 700€ teure Kinderrad findet, und außerdem da unten mehr Platz braucht, und auf dem Rad fährt der Mann doch ohnehin nicht mehr: Mit einer Mischung aus Fürsorge für die Kinder und Sicherheitsempfinden für den Partner werden die alten Maschinen abgestoßen, wie man nach dem Ende des zweiten Weltkriegs die Spitfires, Helldivers und Corsairs über Bord der Flugzeugträger warf.

Und alle sind froh und kaufen sich Urban Bikes im Retro-Stil und leben ein ganz neues, ökologisches, nachhaltiges Ideal zwischen den veganen Köstlichkeiten vom Viktualienmarkt und dem, was die Gentrifizierung vom Viertel der kleinen Leute am Schlachthof übrig gelassen hat. Auf der einen Seite gefährdet das für unsereins den Nachschub an passablen Geschiedenen, an den wir uns gewöhnten. Auf der anderen Seite verhindert es die Entstehung neuer lustiger Witwen, mit denen sich unsere Urgrossväter erfreuen konnten, weil damals die Medizin noch nicht so weit war, und eine junge Frau das schnelle Ableben eines alten Mannes noch fördern konnte. Das sind Nebenwirkungen der neuen Häuslichkeit und Dauerhaftigkeit, an die niemand denkt. Aber man muss sich damit abfinden, dass die Nachhaltigkeit, von der alle so viel reden, auch in den Beziehungen umfassend gelebt wird. Früher mietete man für die Hochzeit eine Stretch Limousine oder einen Ferrari. Heute nimmt man mit dem Käfer Cabrio der Grosseltern vorlieb.

Frauen, die ihren Männern das kleine Alltagsglück des schnellen Rades madig machen, denken selbst bei begrenzten Gefahren strategisch mit grosser Risikoaversion. Es ist nur logisch und nachvollziehbar, dass sie in den grossen Dingen des Lebens dann nicht sorglos und frei von Berechnung sind: Wer den Rippenbruch nicht mag, wird den Ehebruch erst recht nicht lieben. Die fürsorgliche Hand, die den gebogenen Rennlenker nicht mag, schätzt auch keine krummen Lebenswege, und plant, was zu planen ist. Es gibt Ziele, und was im Wege steht, muss weichen. Die Durchsetzungsfreude, mit der sich Mini und Fiat 500 durch den Stadtverkehr wühlen, wird nicht geringer, wenn sie mit einem SUV auf die Menschheit und den Partner losgelassen wird. Sie meint es nur gut. Sie denkt langfristig an seine Gesundheit. Sie macht es aus Liebe und Zuneigung in Erwartung eines langen, gemeinschaftlichen Lebens. Und lässt sich, weil alles schon vorher durchdacht wurde, seltener scheiden, und bekommt mehr Kinder, weshalb diverse Gruppen gerade überlegen, wie an älteren Menschen mit zu viel Wohnraum die Deportati den Auszug erleichtert. Alt werden soll nur der eigene Mann – wer im Weg steht, darf sich gern auf der unbekannten Kellertreppe im Altenasyl das Genick brechen.

Noch freue ich mich, wenn ich ein neues Restaurierungsprojekt habe, aber langfristig, steht zu befürchten, werde ich vom Sorgenabnehmer auch zum asozialen Besitzer degradiert, der allein genug Platz hat, um zwei Münchner Mittelschichtsfamilien die Aufzucht ihrer Kinder zu erlauben. Man wird mich nicht mehr fragen, ob ich nicht vielleicht diese und jene Geschiedene attraktiv finde, sondern erwähnen, dass diese und jene Jungfamilie unbedingt dort leben möchte, wo meine Räder stehen. Für den Single, so zeigt ein Beispiel bei Ikea, reicht auch eine Businesswohnung mit 25m² als einziger Wohnsitz. Heute entsorgt unsereins die alten Träume vom Dahingleiten in Richtung der Berge, morgen sind wir selbst das Problem und das Hemmnis für mehr Platz für die neue Generation. Stürbe Deutschland wirklich als Singlegesellschaft aus, wäre man froh um uns, die wir den Wohnraum füllen.

Aber das ändert sich gerade. Und ich fürchte, bei den Genderistinnen, die ideologisch siegen und anekdotisch evident dennoch finanziell auf niedrigstem Niveau leben, wird später einmal nichts außer Mahnungen wegen der Nebenkostenabrechnung zu holen sein. Heute noch schnallen wir das Merckx auf den Gepäckträger und schieben die Minis und 500er von unserer dritten Spur, wo sie nichts verloren haben. Aber es sind viele. Und mir scheint es anekdotisch evident, dass das veränderte Heirats- und Vermehrungsverhalten der Deutschen uns in Zukunft den Raum nimmt, den wir dereinst den Familien genommen haben. Auf natürliche Lösungen wie riskantes Leben oder schnelle Scheidungen kann sich die Singleelite jedenfalls nicht mehr verlassen. Und das gute, alte Argument, dass man eine Familie in weniger als, sagen wir mal, 200m² gar nicht gründen kann, hilft wenig bei denen Entwöhnten, die nicht einmal mehr den Platz haben, um die Träume der Jugend vor dem Zugriff der Ehefrauen zu schützen.

14. Jul. 2017
von Don Alphonso
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