Home
Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

29. Mrz. 2015
von Don Alphonso
45 Lesermeinungen

20
10567
     

Aussterben passiert, aber reich sollte man dabei sein

maltee

Inschrift in Gmund

Drei Dinge voraus: Ich bin alles andere als ein Kinderfreund.

Malte Welding habe ich zwar persönlich nie getroffen, aber wir haben gut zusammengearbeitet, schätzen einander und verstehen uns trotz aller kulturellen Unterschiede, von denen noch die Rede sein wird. Zumindest war das bisher so.

Und ich hatte gestern vier Stunden Zeit, sein Buch “Seid fruchtbar und beschwert Euch” auszulesen. Zwischen der kleinen, dummen Stadt an der Donau und München war eine Familie im Zug, die stundenlang nicht in der Lage war, ihren Schreibratzen den Mund zu verbieten, und der Zug fuhr wegen einer Selbstmorddrohung langsam. In Dachau mussten alle in die S-Bahn umsteigen, und auch dort war wieder eine Schreifamilie. Zwischen München und Holzkirchen waren dann alkoholisierte Emojugendliche neben mir, die in der Kinderzone Bier verschütteten, und zwischen Holzkirchen und Schaftlach war eine Jungtrachtengruppe aus der Jachenau.

maltea

Und obwohl ich überhaupt kein Trachtenseppl bin – ich komme aus einer Stadt, und da trug man zu keiner Zeit Lederhosen – war die Trachtengruppe mit ihren Gamsbarten bei den Buben und den hochgesteckten Haaren bei den Daendln doch so erholsam, dass ich mich nun halbwegs ausgeruht und mit geheilten Nervenschäden daran machen kann, mich mit Malte Weldings Aufruf an die Eltern zu beschäftigen, der Politik den Marsch zu blasen. Und mehr Geld und mehr Unterstützung zu fordern, wenn die schreiende, bierverschüttende und wohl nur noch in der Jachenau sauber erzogene Zukunft des Landes demselben geschenkt wird. Dazu wird ein Begriff für eine kinderfeindliche Ideologie eingeführt, die sich nicht darum kümmert, dass Raum und Möglichkeiten für Nachwuchs da sind: Antinatalismus. Das trifft die gesamte politische Kaste von links bis rechts, aber auch Leute wie mich, die der Meinung sind, dass Kinderkriegen ein Privatvergnügen ist, und angesichts einer langen Familiengeschichte finden, dass sich die Leute nicht so aufführen sollen, früher ging das doch auch.

Ja mei. Ich finde auch, dass diejenigen, die die Gleichberechtigung wollten, sich jetzt nicht beschweren brauchen, wenn sie in einer wie immer rücksichtslosen Arbeitswelt gelandet sind, nur mit dem Unterschied zu früher, dass da halt keine Grossfamilie mehr ist, die als Puffer agiert. Das weiss man eigentlich schon vorher. Auch beim breit dargestellten Thema Alleinerziehung hält sich mein Mitgefühl mitunter in Grenzen: Bei der Paarung galt lange Zeit ein gewisses Sexkonsumverhalten als ultima ratio, statt auf das Vermögen und die Dauerhaftigkeit von Beziehungen zu achten. Die eigene Grossmutter verstand früher mehr davon als das Enkelind, das nach der Party das Kondom für nicht so wichtig hält. Malte Welding weiss und beschreibt das auch, aber eben aus der Sicht eines Autors, für den das klassische Grossfamilienmodell eine Vergangenheit ist, die nicht wieder kommt. Was er fordert, und mit vielen Quellen zu belegen sucht, ist, dass sich die Politik den neuen Realitäten zu stellen hat. So wie er sie aus Berlin kennt. Und da sieht er auch das Potenzial an Eltern, sich gegen die alte, graue Politik zu wehren.

malteb

Mit hineingemischt sind auch Vorwürfe gegen überzeugte Singles wie mich, die sich dann von den jungen Familien abwenden und dem Nachwuchs entfremden würden. Unser gemeinsamer Berliner Freund H. sagt es von der anderen Seite aus: Man verliert seine Freunde an deren Kinder. Und ich wiederum sehe das nochmal alles ganz anders, weil ich nicht in Berlin lebe, sondern halt in Bayern, und das auch ganz anders kenne. Es ist nämlich überhaupt nicht so, dass sich eine kinderfeindliche Umgebung abwendet und nur von Ferne zuschaut, wie junge Familien vor die Hunde gehen. Das ist ein typisches Phänomen der grossen Städte, wo man jederzeit unter den Neuzuwanderern neue Freunde und potenzielle Geschlechtspartner findet, die keine Kinder haben, und die Beziehungen generell labil und oberflächlich sind. Ich kenne die Klageweiber, die Malte Welding in der Sache zitiert, aus eigener Ansicht: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ ist die oberste Maxime nicht erst beim Kind. Das geht viel schneller, schon beim Wegzug nach West-Berlin, bei der ehrlich vertretenen Auffassung, dass ausländische Drogenmafiosi im Görlitzer Medellinpark ins nächste Flugzeug und ihre Grosskunden und die Bezirks-Noriegas vor Gericht gehören, oder dass man auch nur etwas von einem retweetet, der derartige Ansichten verbreitet. Natürlich sind solche Facebook- und Twitterfreunde dann nicht mehr diejenigen, die Würste mitschicken, wenn man im Winterurlaub bei ihnen Handschuhe der Kimder vergessen hat.

In halbwegs fest gefügten Gesellschaften mit geringer Fluktuation kann man sich so ein Verhalten gar nicht leisten: Nachbarn, Freunde, Familie und Umgebung hat man oft ein Leben lang. Da sind Kinder halt auch nur eine Phase, die gewisse Veränderungen mit sich bringt, aber keinen Abbruch der Beziehung. Es gibt nur einen Wochenmarkt, einen See, eine Altstadt und einen Konzertverein: Da sind dann alle. Malte Welding beschreibt völlig zutreffend eine bindungsflexible Metropolengesellschaft, die entlang der Familiengründung zerbricht und Singles zurücklässt, in deren Welt keine Kinder vorkommen. Da hat er recht. Und dann den Rest des Landes, der vergreist und überaltert, und in dem Kinder gar nicht mehr vorkommen: Da täuscht er sich nach meiner Meinung.

maltec

Denn ich wohne am Tegernsee in genau so einer überalternden, scheinbar antinatalistischen Gemeinde. Im Gegensatz zu Berlin kann man hier das Defizit an jungen, gut ausgebildeten Leuten nicht beheben, indem man die Eingeborenen in dreckigen Schulen mit Radaunicks zusammensperrt und darauf wartet, dass es die Zuzügler aus Bayern und Baden mit dem Geld ihrer Eltern und dem dortigen Abitur im Durchschnitt schon richten. Je kleiner die Kommune, desto drängender ist das Problem einer überalternden Gesellschaft, und desto mehr hängt sich die ergraute Politik in diesem Bereich auch rein – oft Hand in Hand mit den Unternehmen, die in Weldings Buch auch denkbar schlecht wegkommen. Unsere Firmen investieren Geld in feste und gut ausgebildete Arbeitskräfte, die sie nicht verlieren wollen, und unsere Kommunalpolitiker wissen genau, wie verhängnisvoll der Ruf als Altenghetto ist, das der Jugend nur die Flucht lässt: Dafür legen sie sich sogar, wenn es sein muss, mit der EU an, um höchst vorteilhafte Einheimischenprogramme aufzulegen, die speziell Familien mit Kindern fördern und deren Eigenheime subventionieren. Eigenheime. Keine Sozialbauten, die nur den Fortbestand der Probleme versprechen. Natürlich sind bei uns die Kitas nicht kostenlos wie in Berlin, aber Betreuung ist bei uns kein leeres Versprechen wie in der Drogenhauptstadt, wo man die Kita als ersten Schuss für lau bekommt und danach eine verstrahlte Schulpolitik – und ich habe wenig Zweifel, dass in dem Punkt auch mal ein wütendes Beschwerdebuch aus Berlin kommen wird. Völlig zurecht.

Aber so sehr man hier bei uns den grundsätzlichen Gedanken des Buches einer Fehlentwicklung seit dem Pillenknick zustimmen wird, wird der Aufschrei der Eltern dieser Republik ausbleiben: Weil das Land über weite Strecken nicht Berlin ist, nur wenige in prekären Verhältnissen Berliner Art leben, aber fast jeder noch helfende Familienmitglieder und Freundeskreise hat, und eventuellen Klagen der Mund oft genug mit Geld und Förderung und Schenkungen gestopft wird. Dass eine Stadt zur Finanzierung von links unterwanderten Flüchtlingsaktivisten eine Haushaltssperre ausrufen und Jugendeinrichtungen schliessen muss, und damit durchkommt, gibt es halt in Kreuzberg, wo dann auch taz-Autorinnen dreiste Forderungen erheben. Im Rest der Landes wird man dagegen Probleme haben, die wirklich beklagenswerten Berliner Realitäten zu erkennen. Darüber mag man speziell bei der taz die Nase rümpfen – aber das Problem ist so vielschichtig, dass es nicht reichen kann, moralisch gute Eltern gegen einen bösartigen, kinderfeindlichen Staat in Stellung zu bringen. Und so bitter es für die einen auch sein mag, wenn Milliarden ins Ehegattensplitting fliessen: Ähnlich wie beim ideologisch bekämpften Betreuungsgeld gibt es halt auch viele, die genau damit sehr glücklich werden und ihren Kindern ein phantastisches Leben bieten. Zusammen bleiben. Sich arrangieren und das Beste daraus machen. So wie früher halt auch. Das ist keine ferne Vergangenheit, das ist immer noch das Konzept der meisten Familien. Und deshalb glaube ich nicht, dass es zu einer bundesweiten Empörung der Eltern kommen wird. Wer einen Zweifel daran hat, kann gerne einmal den Kulturschock riskieren, nach Gmund kommen und sich den Spielplatz am See anschauen. Und die Kindergärten und unsere mit heimischen Materialien frisch erweiterte Grundschule. Am besten am Tag der Einschulung, da kommen die Mädchen im Dirndl und die Buben in der Lederhose. Mit einem gewissen Stolz auf die Heimat und die Tradition, deren Träger sie sind.

malted

Ansonsten bin ich Historiker und halte die Behauptung, dass Kinder später mal irgendwas irgendwie besser machen, zumal in ihrer grossen Masse, für komplett absurd und aberwitzig – jede Erfahrung spricht klar dagegen. Manche Kinder werden toll und manche eine Enttäuschung, manchmal ist es wegen der Eltern und manchmal trotz derselben, dann ziehen sie los und ruinieren den Planeten als egomane Zyniker oder kommen mit bescheuerten Ideologien zur Rettung der Menschheit an, deren einziger Vorzug es ist, dass sie nicht in die Realität umgesetzt werden. In Gmund schaue ich auf Berge, die hier schon standen, als unten im Tal Mönche familienpolitischen Unsinn mühselig auf Pergament malten, und schlafe im Bewusstsein ein, dass sie noch stehen, wenn man später einmal den Homo Sapiens nur noch als Fossil vorfindet. Aussterben gehört nun mal dazu, das ist das Gesetz der Natur, und wenn es die nächste Generation auch vergeigt, dann ist es eben so. Malte Welding hat sehr treffend beschrieben, was sich da früher alles falsch entwickelte, und wer Gründe haben will, der Berliner Republik den Marsch zu blasen, sollte das Buch kaufen.

Oder halt zu uns ziehen, eine gute Ehe führen, nehmen was man kriegen kann, freundlich sein und auf Einheimischenprogramme für junge Familien achten. Das ist spiessig, aber lukrativ, und deshalb für den Einzelnen besser als das Warten auf die Politik.

29. Mrz. 2015
von Don Alphonso
45 Lesermeinungen

20
10567

     

25. Mrz. 2015
von Despina Castiglione
38 Lesermeinungen

24
9297
     

Das erotische Potential der Dampfnudel

„Some women like’em skinny
With long fingers too
But a fat man that mambos
Has so much to offer you“
Robert Lucas, Big Man Mambo

Kürzlich war ich in Österreich. Nicht alle Menschen mögen Österreich, aber man muss bei näherer Betrachtung einräumen, dass nicht alles, was von dort kommt, zwangsläufig schlecht ist: Zwar hat man dort die Zwangs Pflichtuntersuchung meinesgleichen schon länger gesetzlich festgeschrieben und weigert sich behördenseitig beharrlich, die dafür unrechtmäßig von den dortigen Kolleginnen eingezogene Gebühren zurückzuzahlen, aber die Bergkulisse ist wirklich sehr schön, ich habe außerdem eine Schwäche für den schnöseligen Dialekt insbesondere der Wiener, Mozart kann ich mir mit Genuss anhören, und Mehlspeisen gibt es dort in hervorragender Qualität. Für mich ist das wunderbar, denn als eine auf annähernd allen Ebenen lasterhafte Person esse ich natürlich gerne, oft und reichlich. Dankenswerterweise bin ich mit einem Stoffwechsel gesegnet, der es mir erlaubt, Kohlehydrate in unglaublichen Mengen aufzunehmen, ohne gleich völlig aus der Form zu gehen.

Und obwohl ich in der nicht unangenehmen Situation bin, meine Wirkung auf die Männerwelt sowohl unmittelbar als auch regelmäßig reflektiert zu bekommen, ist es so, dass ich mich ab einer gewissen Körperfülle nicht mehr wirklich komfortabel fühle. Manche Kundschaft beklagt zwar im Frühjahr den schleichenden Verlust meines Winterspecks, aber es gibt eine Grenze, ab der fühle ich mich ganz subjektiv zu fett, obgleich ich ganz und gar nicht der Meinung bin, weibliche Attraktivität ließe sich daran festmachen, wie weit die Knochen hervorstehen. Allerdings bin ich auch nicht ansatzweise knochig. Ich laufe nicht einmal Gefahr, das in absehbarer Zukunft zu werden. Schon gar nicht nach einem Aufenthalt in Österreich. Zu Präventionszwecken habe ich sicherheitshalber aber handgeschöpfte Schokolade aus einem kleinen Familienbetrieb in nicht unerheblichen Mengen importiert. Man kann ja nie wissen.

Nachdem ich mittlerweile auf rein vegetarische Kost zurückgreife, halte ich mehr oder weniger eine konsequente Kohlehydrat-Fett-Diät. Nichts gegen Gemüse, das mag ich natürlich auch, aber zum Veganer tauge ich nicht. Ich liebe Käse, üppige Sahnesoßen auf Bergen von Nudeln, und stellen Sie sich mal eine anständige Carbonara ohne Eigelb vor. Was anderen der Schweinsbraten oder die gebratene Ente, sind mir die hausgemachte Pasta und die handgefertigten Pralinen oder eine dicke, fette Dampfnudel. Mit in Butter geröstetem Mohn bestreut und anbei eine obszöne Menge Zwetschgenkompott. Ich kann mich einer solchen Mahlzeit mit allergrößter Hingabe zuwenden, werde dafür aber ausnehmend unleidlich, wenn ich hungrig bin. Ich habe allergrößtes Verständnis für Menschen mit Futterneid. Mir ist obendrein nicht fremd, was andere am Fleischessen finden, ich mochte meine Steaks früher „für eine Frau ungewöhnlich blutig“ und kenne die Regung, meine Zähne in jemandes Hals schlagen zu wollen, durchaus aus anderen Zusammenhängen.

Mir ist es aber mittlerweile arg um die Viecher, ich muss zugeben, in dieser Hinsicht zart besaitet zu sein. Trotzdem kann man aber als Fleischesser mit mir seinen Spaß haben. Wie ich bei meinem ersten Gastspiel hier ja angedeutet habe, liegt es mir fern, andrerleuts Essgewohnheiten auf penetrant-unangemessene Weise zu thematisieren, denn ich muss meinen Mitmenschen nicht eine Sache madig machen, nur weil sie mir nicht ins Konzept passt.

Ich habe mich bei besagtem Österreichaufenthalt kürzlich sogar überwunden, von der Käsekrainer meiner Begleitung ein Stück zu kosten, weil ich wenig so fürchte, wie jegliche Art dogmatischer Verblendung. Allerdings, mir war nach der Kostprobe eine halbe Stunde elend, und ich musste die Bilder von steckdosennasigen zartrosa Ferkelchen aktiv verdrängen. Vor Jahren hatte ich so eines mal auf dem Arm, und mit der Zeit hat sich meine Perspektive auf Spanferkel und dergleichen doch verändert. Dabei roch besagte Käsekrainer wirklich sehr appetitlich, so wie für meine Nase auch Brathähnchen und Speck hervorragend duften. Ich kann halt nur nicht mit Genuss reinbeißen. Um ehrlich zu sein, ich mag Fleischprodukte mittlerweile nicht mal mehr gerne anfassen. Ich rate ja zwecks Meinungsbildung gern mal dazu, sich ein eigenes Bild zu machen, und so, wie ich jedem, der sich eine Meinung über Prostitution bilden möchte, zum unverbindlichen Besuch eines Bordells inklusive Plausch mit den Mitarbeitern raten kann, empfehle ich aus den gleichen Gründen den Besuch eines Schlachthauses, ebenfalls inklusive Mitarbeiterpläuschchen. Aber das nur am Rande.

Eine Art von Speck, bei der es mir in Sachen Kontaktvermeidung völlig anders geht, ist allerdings der männliche Bauchspeck. Ich habe da eine Schwäche, Sie können mich anschauen, wie sie wollen. Ich mag Männer mit ein bisschen Bauch. Am allerliebsten: Gut gekleidete Männer mit einem gerüttelt Maß an Kinderstube und ein bisschen mehr Bauch.

Nicht nur, dass ein paar Extrapfund eine gewisse Genussfähigkeit ausstrahlen, und das eine Eigenschaft ist, die ich sehr schätze. Ich fühle mich darüber hinaus Menschen, denen man ansieht, dass sie gerne essen, auf eine basale Art und Weise verbunden. Askese und Selbstkasteiung liegen mir fern. Das ist ein bisschen wie bei Leuten, die über schmutzige Witze lachen können, die sind in aller Regel auch nicht so verkehrt. Schmallippige Ernsthaftigkeit mit hervorstehenden Jochbeinen lässt bei mir die Alarmglocken schellen, ich kann dafür nichts, ich wurde so erzogen. Vor meinem geistigen Auge erscheinen dann das Fräulein Rottenmeier oder der Lehrer Lämpel, während mich ein schier unbezwingbarer Fluchtreflex ergreift.

Sich auch und gerade mit etwas Hüftgold selbstsicher und mit einer zufriedenen Attitüde zu bewegen, finde ich persönlich ausnehmend sexy. Neulich beispielsweise besuchte ich ein Konzert, obwohl Menschenansammlungen nicht wirklich mein Ding sind. Ich mache so etwas aber trotzdem, wenn mir die Musik sehr zusagt, und in diesem speziellen Fall auch, weil ich mich für tanzende, dicke Männer mit außergewöhnlichen Stimmen sehr begeistern kann. Und für inbrünstig vorgetragene Liebeslieder. Nichts gegen in feinsinniger und gendersensibler Sprache verfasste, intersektionale und unglaublich reflektierte Anti-Fatshaming-Kampagnen, aber mich überzeugen Menschen, die breit grinsend und schwitzend das ein oder andere Kilo Lebensfreude schütteln viel mehr, als knatschig vorgetragene Appelle, was ich jetzt bitte alles attraktiv zu finden habe, und was nicht.

Dabei lasse ich mich eigentlich gerne mitreißen. Nur eben bevorzugt von freundlichen, zugänglichen Menschen. Miesepetrig sein, das kann ich selbst ganz hervorragend, da muss ich nur eine Runde ÖPNV fahren oder auf eine radikalfeministische Diskussionsveranstaltung zum Thema Prostitution gehen – optimal wirkt die Kombination aus beidem – und schon habe ich so viel Welthass in mir, dass es für eine mittlere Kleinstadt völlig ausreicht. Ich träume dann auf dem Heimweg manchmal von einem Dasein als Eremitin. Auf den Aleuten. Hinter Natodraht.

Aber eine Tafel Schokolade – ich hatte kürzlich eine mit Pistazienmarzipan und weißem Mohn –  ist in der Lage, mich trotz solchen Unbills recht schnell wieder mit der Welt zu versöhnen.

Ich habe allergrößten Respekt vor Menschen, die einen Marathon laufen können, regelmäßig Sport machen, auf Berge klettern oder was auch immer. Wirklich. Aber ich bin, was körperliche Betätigung angeht, eher träge. Ich muss mich überwinden, regelrecht zwingen, und der Versuchung, mich einfach vom Laufband rollen zu lassen, bei jedem einzelnen Schritt heldenhaft widerstehen. Im Freien laufe ich schon gar nicht mehr, da ist schließlich Wetter, und das kann ich in den meisten Fällen nicht leiden. Und Pollen, ich sage Ihnen, fliegen da draußen momentan auch herum, deswegen möchte ich dort auch nicht sein, um in bunten Wurstpellen durch die Gegend zu zockeln. Es ist nämlich, ich muss es an dieser Stelle gestehen, auch wenn es vielleicht dem Bild der betörenden Femme Fatale abträglich ist, nicht so, dass ich mit unglaublich langen, also zum Laufen ausgelegten Beinen gesegnet bin. Wenn ich jogge, begleitet mich im Geiste immer die Vision eines widerwillig schnaubenden dicken Ponies im Schütteltrab. Geborene Athleten schauen definitiv anders aus.

Sie sehen, ich bin also nicht nur genusssüchtig, kurzbeinig und manchmal boshaft, obendrein bin ich auch noch faul und, zwar meist nur gruppenbezogen, was aber bei genauerer Betrachtung schon wieder ein Übel für sich ist, misanthrop. Witzigerweise sind trotzdem gar nicht so wenige Menschen bereit, für meine geneigte Gesellschaft zu bezahlen. Wobei es das Geld sicher beiden Seiten leichter macht, über gewisse Inkompatibilitäten, die sich nicht selten auf den ersten Blick schon erkennen lassen, hinweg zu sehen, und sich auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren. Ich will da nichts schönreden. Bezahlte Zuneigung ist auch die Kunst des Weglassens, zum Beispiel von Projektionen, überzogenen Erwartungshaltungen und dem Anspruch, dass der Andere verantwortlich wäre für das eigene umfassende Lebensglück. Das Einzige, was wirklich muss, sind Kondome, Vorkasse und grundlegender Anstand. Aber so ist es ist halt auf seine Art ein ehrliches Geschäft, und das ist etwas, das ich schätze. So, wie (nicht nur) ich mir eine aufgeräumte Wohnung wünsche, habe ich auch eine Vorliebe für einen aufgeräumten Emotionshaushalt. Ich sehe zwar immer nur Ausschnitte vom Chaos anderer Leute, aber schon das hilft, dass ich sehr milde auf meinen eigenen Saustall schauen kann.

Vielleicht mag ich deswegen auch etwas umfangreichere, gut gekleidete Männer. Auf eine Weise sagen so ein paar überflüssige BMI-Punkte schließlich: „Schau her, ich lasse es mir gerne gut gehen, ich bin den körperlichen Genüssen nicht grundsätzlich abgeneigt und pfeife ehrlich gesagt darauf, was mir die Schönheitsindustrie erzählt.“ Ich finde das so viel angenehmer, als Zeromachos in taillierten Hemden, die jeden Spaß an der Körperlichkeit verneinen und ihre eigenen Komplexe auf ihre Mitmenschen projizieren. Lieber ein rausgefuttertes Alphamännchen mit Herzensbildung, als einen verkopften High-Potential mit Profilneurose.

Entsprechend wirken beispielsweise die Selbstdarstellungen vieler Männer auf diversen Partnerschafts- und Datingportalen auf mich eher befremdlich. Nach dem, was dort zu lesen ist, habe ich es beim Internetdating unter Privatleuten fast ausnahmslos mit hochgebildeten, blitzgescheiten und ebenso sportlichen wie potenten Männern zu tun, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen und von ausschließlich reinsten Absichten geleitet, in der Hoffnung, eine weibliche Seelenverwandte zum Bergwandern zu finden, angelegentlich einen Blick auf dieses ihrer eigentlich unwürdige Portal werfen.

Nun.

Wir werden uns das mal ansehen.

25. Mrz. 2015
von Despina Castiglione
38 Lesermeinungen

24
9297

     

22. Mrz. 2015
von Don Alphonso
62 Lesermeinungen

24
6980
     

Der Klassenkampf mit dem Golfschläger

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“
Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte

Sie kennen das vermutlich von der Werbung, die Ihnen im Netz aufgezwungen wird: Sie haben Interesse an einem Sachverhalt, und irgendein Programm sucht dazu eine Botschaft aus, die zum Kaufe anregen soll. Das nennt man normalerweise kontextsensitiv oder auch kontextidiotisch, so wie mir heute Messer aus Solingen empfohlen wurden, als ich wegen einer Messerstecherei recherchierte: Einserseits habe ich schon Besteck aus drei Jahrhunderten im Übefluss, andererseits pflege ich damit auch nicht lebende Wesen zu malträtieren – ich bin Vegetarier, und um am Ufer des Tegernsees Bärlauch zu zupfen, reichen meine Hände aus.

Solche absurden Momente jedoch bietet die Werbung, die gemeinhin auf Massengeschmäcker zugeschnitten ist, auch im realen Leben, wenn sie auf nicht alltägliche Situationen trifft, und man kann das ja offen zugeben, dass eine Region wie der Tegernsee nur dann normal ist, wenn man dort lebt. Gemessen an den durchschnittlichen Zuständen in diesem Land sind die hiesigen Umstände ein gelebter Ausnahmezustand. Wir hatten gestern etwa Hausbesitzerverammlung, und dort wurde wegen einiger Zigarettenkippen debattiert. Lesen Sie bitte zum Realitätsabgleich Katrin Rönicke, dann verstehen Sie die Unterschiede. Aber wie es nun mal so ist: Unsere eigene Vorstellung der hiesigen Zustände und derjenigen, die man sich dank Werbung imaginiert, ist nochmal weitaus grösser als der Abstand von Berlin zum Leeberg. Nämlich so:

chancb

Die meisten Plakatwände haben wir im Tal ausgerottet und ich vermute, dass auch diese Tafel dereinst fallen wird, denn sie ist einer famosen Aussicht im Weg. Was wir darauf sehen, scheint bei der grossen Allgemeinheit zu wirken, denn tatsächlich versenken viele wider Wissenschaft und besseren Wissens ihre Groschen im Glücksspiel. Mit System. Nun. Was wir hier sehen, ist vermutlich eine Photomontage eines barocken Prunksaales mit Kronleuchtern, in dem jemand Golf spielt. Wer selbst mit Denkmalschutz zu tun hat, lernt mitunter die Leute kennen, die wirklich mit solchen Immobilien geschlagen sind. Aus dieser Erfahrung heraus weiss ich, dass sie schlichtweg nur froh sind, wenn dann erst mal alles sauber restauriert und frisch vergoldet ist, und sie ihren Besitz wegen geplünderter Konten nicht an die Chinesen und Russen verkaufen müssen. So etwas baute man früher, als die Mehrheit des Volkes noch tributpflichtig war und ein Zimmermädchen weniger als eine Tasse Schokolade kostete. Heute sind schon weitaus kleinere Objekte so teuer, dass sich die Besitzer mit Hochzeiten, Hotelflügeln und Restaurants herumschlagen müssen.

Und niemand – ich sage das aus der Erfahrung eines Menschen, der schon einige Kronleuchter gerettet und zu neuem Glanz gebracht hat – würde in so einem Raum einen Golfschläger in die Hand nehmen. Man bekommt bei kleineren venezianischen Lüstern schon einen Herzkaschperl, wenn Kinder sich darunter Stoffpuppen zuwerfen. Kein Mensch tut so etwas mit einem Golfschläger. Kein Mensch könnte sich so etwas bei uns leisten, ohne den Respekt seiner Mitmenschen zu verlieren. Man lernt im gehobenen Wohnumfeld sehr schnell, wie man sich zu verhalten hat, und zwar schon als Kind. Ich könnte nun in eine Debatte abdriften, warum zum Teufel Eltern heute meinen, dass eine Wohnung kindgerecht zu sein hat, wo wir doch an unseren Platz an der Sonne kamen, indem wir jedes Kind zur Schadensvermeidung wohnungsgerecht gezüchtet haben und zum Spielen halt in den Schlossgraben zu den anderen Schweinen schickten – Ludwig XIV. hat das ja auch nicht geschadet. Aber das heben wir uns für den Tag auf, da wir mal wieder über androkozotische – schreibt man das so? – Kindergärten und Eltern reden. Ich würde nun gern auf den Kontext zu sprechen kommen, in dem solche Phantasien gezeigt werden.

chanca

Das ist eines der teuersten Fleckerl dieses Landes, der Leeberg am Malerwinkel zwischen Tegernsee und Rottach. Die Menschen, die sich eventuell so ein Verhalten leisten könnten: Die leben hier. Manchmal. Die meisten leben nicht dauernd hier, das ist nur ein möglicher Wohnsitz unter mehreren. Man mag das vielleicht ungerecht finden, dass wenigen so Vieles und vielen gar nichts ausser eben Lotto vorbehalten ist, aber ich denke, dass der Vergleich zwischen der gelebten Realität und der Werbung doch einiges aussagt: Darüber, wie sich Reichtum äussert, und was die Gewinner im Lotto bestenfalls erwarten würde. Die Werbung lügt, das ist nicht neu, aber in diesem Fall diffamiert sie auch. Es gibt auch hier am See krasse Formen von Verschwendung, es gibt Fettabsauger und Kurpfuscher und ganzheitliche Medizin, es gibt Leute, die Falten hintertackern und andere, die das Elend dann teuer einkleiden. Aber das alles spielt sich letztlich hinter holzverkleideten Wänden und kleinen Fenstern mit grünen Läden ab, die Decken sind oft niedrig und für die Grandezza trifft man sich im Barocksaal des Schlosses, das nebenan steht. Ohne Golfschläger.

Nun wissen wir natürlich, dass die anderen niemals, egal wie viel sie im Lotto gewinnen, aus praktischen Erwägungen nie mit einem Schläger in den Saal kommen, sondern sich bestenfalls von einem Makler in Dubai leimen lassen könnten. Wir wissen, dass Luxus bedeutet, gesund genau hier zu sein und keinen Zwang zu empfinden, etwas tun zu müssen, Herr über die eigene Zeit zu sein und die Aussicht zu haben, dass es genau so bleiben wird. Sol lucet omnibus, sofern sie da sind und das geniessen können. Aber was mich hier in dieser ansonsten elysischen Empfindsamkeit durchaus stört, ist der Gedanke, dass andere wirklich solche schlägerschwingenden Vorstellungen haben könnten: „Wenn ich mal genug Kohle habe, dresche ich Bälle durchs barocke Anwesen, dass es nur so kracht.“ Es könnte doch sein, dass die wirklich so denken und nicht mit dem bescheidenen Ausblick zufrieden sind, den man an dieser Stelle still und demütig geniessen darf.

chancc

Ob deren Frauen dann, wenn man sie einlädt, auch aufpassen, dass sie ihre Pfennigabsätze nicht rücksichtslos in den Seidenteppich treiben, sondern bitte daneben stehen und dann bewegungslos auch die Abnutzung des Parketts verzichten? Weiss man, ob das Nymphenburger Porzellan, das man ihnen serviert, nicht schleunigst entsorgt werden würde, um mit spülmaschinenfester Gebrauchskeramik ersetzt zu werden? Wir haben es hier mit einer Gesellschaft zu tun, die das alte Herkommen und die Verantwortung vor der Geschichte nicht zu würdigen weiss: Über was redet man mit denen? Die eigene Familiengeschichte wird man ihnen wohl kaum anvertrauen wollen.

Früher unter Metternich hätte man den Armen schlichtweg keine derartigen Hoffnungen gemacht. Wer konnte schon wissen, ob er den nächsten Winter mit Typhus überlebt? Da hatten die Armen noch ganz andere Sorgen. Heute kommen sie hierher. Sie sehen in alten Villen ein Konzept von Reichtum, das es gibt und das sich als nachhaltig erwiesen hat, und eines, das einen auch mit Lottomillionen von Federn auf Stroh bringen wird. Das eine ist die Realität, in der sie keinen Platz haben, und das andere das, was sie finanzieren. Man muss sich das auch mal so vorstellen: Auf diesem Plakat wird der Nichtvermögende als Parvenü präsentiert. Es gäbe vermutlich einen Aufschrei, wenn unsereins diese Leute hier so diffamieren würde, es gäbe einen Brennpunkt, würden wir Geld für eine Plakataktion sammeln, die solche Vorurteile bundesweit perpetuiert.

Die Lottogesellschaft macht das einfach so mit dem Geld der Nichtbesitzenden, denen doch klar sein müsste, dass ihr Geld an vielen Orten landet – sie aber ganz sicher nicht als Kulturschädling mit Golfschläger in der Barockgalerie. So sind sie nur in unseren Vorurteilen, und kommen auch selbst dafür auf, dass sie darin genau so bleiben. Wir wollten hier nur brav und still in der Sonne liegen, und gar nicht an sie denken. Die haben angefangen. Wir sollten mal über Sondersteuern für Lottospieler reden.

22. Mrz. 2015
von Don Alphonso
62 Lesermeinungen

24
6980

     

16. Mrz. 2015
von Don Alphonso
100 Lesermeinungen

50
20137
     

Schafft endlich Hartz IV ab

Die Poesie wird mit dem Hammer gemacht
Wladimir Majakowski

Armut kostet Lebensfreude. Armut setzt unter Druck. Armut erzwingt bestimmte Verhaltensweisen und bringt Menschen zum schweigen. Armut ist schuld daran, dass man sich nicht öffentlich zu seinem wahren Sein bekennen kann. Armut bringt Menschen dazu, sich zu verleugnen und die Umwelt mit Lügen bei Laune zu halten. Armut ist ein Stigma, das man fürchten muss. Kurz, Armut hat enorme soziale Auswirkungen und zwar gerade bei jenen, auf die es in diesem Lande, in unserem sozialen Gefüge wirklich ankommt: Auf die Vermögenden. Armut, wie sie Hartz IV erzeugt, ist elitenfeindlich.

hiva

Nicht überall natürlich. So unter uns können wir schon darüber reden, was wir so haben und uns noch zu beschaffen gedenken. Wenn ich hier über meine Wünsche berichte, in Meran einen Altersruhesitz zu erwerben, gerade so gross, dass man ihn als älterer Mensch selbst besorgen kann, also nicht mehr als 200 Quadratmeter Denkmalschutz, dann bleibt das hier unter uns. Das erzählt dann auch keiner weiter, und ausser den Lesern bekommt es auch keiner mit. Ich rede hier unter Gleichen mit Gleichen, und wir unterscheiden uns da nur in der Frage, ob andere Orte nicht hübscher wären, und ob einem Olivenhain nicht der Vorzug gegenüber einem kleinen Weinberg zu geben ist. Das sind die kleinen Konflikte, die das Dasein so mit sich bringt, wir können sie kollegial beseitigen. In Meran ist ohnehin nicht genug Platz für uns alle. Was dem einen seine Sommerfrische, ist dem anderen seine Hacienda oder seine Karawanserei, der eine nagelt Barockgemälde an die Wand und der andere ersteigert Nagelbilder von Günther Uecker.

Ich war aber auch mal Nachbar von Uecker. Damals lebte ich in Berlin, für anderthalb Jahre, und Uecker hatte im gleichen Art-Deco-Ensemble eine Art Atelier. Aus dieser Zeit kenne ich viele Berliner. Manche sumpfen ein Dutzend Jahre später immer noch so wie damals, und andere – die Minderheit, aber immerhin – haben es zu etwas gebracht. Aus den Hackern wurden Chefs von Securityfirmen, aus den Studenten Partner in Kanzleien, aus den Internet-Autoren beliebte Sachbuchautoren, die sich mit Themen wie Liebe, Kochen und Kinderkriegen einen Namen machten – oder sie blieben eben mittellose Autoren, ewige Studenten oder versuchten, Projekte über ihre Anhänger zu finanzieren, in denen sie erklärten, wie sich Welt und Internet nach den Vorstellungen zu verhalten habe, die in einem Einzimmerappartment zwischen indischem Lieferessen und Bier entwickelt wurden.

hivb

Manche blieben, was sie sind und twittern darüber, dass sie ihre Nebenkostenrechnungen nicht bezahlen konnten. Andere kauften rechtzeitig Wohnungen, arbeiteten so hart, wie das auch im Westen üblich ist, und sind jetzt für Berliner Verhältnisse vermögend. Exakt eine einzige davon sagt öffentlich, dass sie Gentrifizierung gut findet, die Schliessung von Borzn an der Ecke für richtig hält, keinen Wert auf versoffene Künstler im Rinnsteig legt und gerne noch eine Wohnung kaufen würde, um ihre Mieter Richtung Schöneweide zu entmieten, das Objekt zu sanieren und dann zur finanziellen Absicherung mit hoher Rendite an stubenreine Schwaben zu vergeben, wenn sie Messer und Gabel ohne Gefahr der Selbstverstümmelung nutzen können und deren Eltern bürgen. Eine einzige ist ehrlich.

Die anderen haben das teilweise genau so gemacht und finden das, wenn sie nach Bayern kommen, nicht ganz falsch. Zuerst sprechen sie aber noch instinktiv leise und fügen stets ein „aber“ hinzu, und erklären wortreich, wie schlimm es doch anderen gehe und der Staat versage. Aber nach der dritten Halben im Jägerstüberl lösen sich die Zungen, nebenan feiert die Jugend von Waakirchen den Vermögenszuwachs durch die Immobilienspekulation, und am Ende nehmen sie eine Dampfnudel im Bewusstsein, dass eine weitere Wohnung nicht schlecht sei. Über den ehemaligen Blogger, der nun Firmen berät, wie man das Internet infiziert, wissen sie auch, dass er ein Haus gekauft hat. Mit Garten. Ausserhalb des Autobahnrings, mit Kredit, und er redet nicht öffentlich drüber. Aber eine Mitarbeiterin, die nach drei Jahren Ausbeutung hingeschmissen hat, hat das überall erzählt, dass der J. jetzt Hausbesitzer ist. Das Kapitalistenschwei – ei – ei-eine Halbe noch, Teres, sagen sie dann und fangen sich wieder, wenn sie merken, wo sie sind. Manchmal werden sie rückfällig und verkünden den Mainstream der Linken, der üblich ist, wenn Besitzende und Besitzlose aufeinander treffen.

hivc

Man gibt gegenüber Ärmeren nicht an, das habe ich auch so gelernt. Glaube ich. Vor langer Zeit. Aber das ist doch so, oder? Man tut das nicht. Man lässt niemanden merken, was in der Grube ist, von der man in Bayern meint, dass da das Geld ist, das man holt. Man will nicht, dass der andere sich unterlegen fühlt. Die grosse Halle war deshalb nur eine teure Fehlplanung, ein anderes als das grosse Grundstück hat man nicht bekommen, die Wohnung in Paris war ein Notverkauf von einem Freund – man findet immer Ausreden, damit das alles bescheiden wirkt, wenn andere weniger besitzen. Aber mit Hartz IV kommt eine völlig neue Kategorie dazu, und mit dem Netz, Twitter, Facebook und leichtgläubigen Journalisten der Süddeutschen Zeitung überwinden solche Schicksale auch Klassengrenzen: Anderen geht es schlecht. So schlecht, dass man nicht einmal mehr den kleinsten Röhrenverstärker für die Küche verargumentieren kann. Kein Wachtelei kann man zeigen, nicht einmal darüber reden kann man, dass man noch eine vierte Halbe bestellen konnte, halten sich die anderen doch den ganzen Abend an einem Mineralwasser fest, und schreiben ihre Anklagen gegen das System auf dem iPhone nieder. Kann man da heim in Berlin einfach so berichten, dass man gern im Eigentum wohnt und 7 Prozent mehr Rendite hat? Zumal, wenn man die D. wegen der G. auch einladen musste und die wiederum der J. das alles brühwarm erzählt.

Das ist schrecklich. Denn wozu hat man Vermögen, wenn man dann wieder so tun muss, als wäre man auch nur ein armer Schlucker, warum sitzt man beisammen und lügt sich klein, statt offen über Freuden zu reden. Bei Gesprächen über Sex musste man früher aufpassen, dass der Pfarrer nichts erfuhr und einem das Leben im Dorf erschwerte – heute dagegen ist immer die Gefahr da, dass irgendwo eine grässliche Megäre sitzt, die ihr Leid als Opfer der Systems nutzt, um im Kiez angemessenes Mitleid und einen angenehmen Job nach ihren Wünschen einzufordern. Früher musste der Reiche der Kirche viel vermachen, heute tut er das nicht, aber er lässt sich vom Recht der Ärmeren unterdrücken, und schweigt. Verheimlicht. Stimmt vielleicht sogar mit ein in den Chor der Kapitalismuskritiker und Vermieterfeinde. Da drüben sitzt doch diese Frau R., die bei der SED KPD PDS Die Linke im Bundestag arbeitet und deren Mann in Kreuzberg ein Blog gegen Gentrifizierung betreibt – also Profil flach halten, die anderen tun es doch auch und kaufen nur Bio, weil es ihr Beitrag zur Bewahrung des Planeten und des Uckermärker Bauern und der französischen Gänseleberstopferin ist.

hivd

Das ist eine elende Schweigespirale, ein Unterbietungswettlauf nach unten, und das alles aus der Angst heraus, jemand könnte etwa auf die Idee kommen, man geniesse seine Privilegien und wünschte die anderen dorthin, wo sie mit ihren eigenen Restprivilegien nicht stören. Hartz IV ist der Schreckensbegriff, die Geissel, mit der man unsereins Mores einpeitschen und die Stimme senken lassen will, und deshalb fordere ich hier, dass es weg muss.

Wir könnten es ja in bedingungsloses Grundeinkommen nennen und einen Marketingetat draufpacken, mit dem wir alle hungrigen Twitterer mit mehr als tausend Followern beauftragen, das toll zu finden. Dann werden sie auch von der Süddeutschen Zeitung gefunden, und dort schreiben sie dann, dass es ihnen dank der segensreichen Entscheidung im Bereich der sozialen, hören Sie, sozialen Medien viel besser geht. Eine hochqualifizierte Studentin kommt in den Medien nun mal besser an als Zigtausende im Osten, die nie diesem Schicksal entgehen werden.

Und falls das alles immer noch zu teuer ist, könnten wir es wenigstens in iVhartz umbenennen? iPhone, iPad, iVhartz. Klingt doch gleich ganz anders und wer das hat, kann sich auch nicht beschweren, wenn andere über den Farbabgleich von Barockgemälde und Seidenvorhang reden. NATURseide natürlich. Von schon ausgeschlüpften Maden. Wir achten schliesslich auf den Planten und den sozialen Ausgleich.

16. Mrz. 2015
von Don Alphonso
100 Lesermeinungen

50
20137

     

12. Mrz. 2015
von Despina Castiglione
50 Lesermeinungen

14
7133
     

Von Rasenkanten und Frühlingsgefühlen

Veronika, der Lenz ist da,
die Mädchen singen tralala.
Die ganze Welt ist wie verhext,
Veronika, der Spargel wächst!”
Text Fritz Rotter, gesungen oft von denComedian Harmonists

Gestern war ich, relativ früh, weil andere Leute ja auch bei diesem Wetter auf den Gedanken kommen, im angrenzenden Park spazieren. Ich mag keine Menschenansammlungen, bei mehr als drei Leuten in einem Radius von zehn Metern um mich herum beginnt für mich Folter. Aber der Winter ist meine schwache Zeit, ich mag es weder dunkel noch kalt, und entsprechend bin ich mit dem allergrößten Genuss durch die angenehm wärmende Sonne gelaufen und habe mir so meine Gedanken gemacht.

Der Park ist weitläufig und hügelig, man hat wie vielerorts aus Trümmern Landschaft zu machen versucht, und hier ist es sogar einigermaßen geglückt. Einzig die Rasenflächen sind noch matschig und braun, nicht wirklich ansehnlich, aber so ist das eben, wenn es lange kalt war. Es braucht ein bisschen, bis man in Fahrt kommt. Der Frühling, die ersten Sonnentage, oder das, was die Menschen für sich als die ersten warmen Tage empfinden, sind immer gut fürs Geschäft. März, April und Mai sind angenehme Monate, da will niemand traurig sein und schon gar nicht alleine, und man selbst hat auch wieder etwas mehr Energie, das geht sich dann meistens ganz gut aus. Spontan muss man halt sein, je mehr Sonne, umso spontaner sind die Leute. „Hast du um vier Zeit?“ fragt dann einer um zwei, und wenn ich gut gelaunt bin und Zeit habe, lasse ich mich entgegen meiner Gewohnheit auch mal hinreißen.

Eigentlich mag ich nämlich Planbarkeit und Übersichtlichkeit, ein penibel geführter Kalender erfüllt mich mit Wohlgefallen, genau wie eine möglichst leere Wohnfläche, am liebsten weiß und keimfrei und der Inbegriff der Ordnung und Sauberkeit – im Gegensatz zu gewissen anderen. Das mit dem Kalender habe ich mittlerweile im Griff, aber an der weitläufigen Wohnung, in der sich dann möglichst nur weiße, fast leere Flächen befinden und vielleicht ein Bauhaussofa in einem sehr dunklen Braunton, sowie eine wirklich gute Stereoanlage, arbeite ich noch.

Ich arbeite daran, nachdem all die viel wichtigeren Dinge getan sind, der Broterwerb und die Bildung und der Genuss, das Einkaufen und das Kochen und das soziale Miteinander. Das auf-dem-Sofa (nein, noch kein dunkelbraunes Bauhausmodell) Herumliegen, das Schreiben und das mit-der-lieben-Freundin-nur-eine-halbe-Stunde-und-dann-doch-fünf-Telefonieren und dann muss man in meiner Branche ja auch einigermaßen gepflegt sein, und auch das kostet Zeit und in dieses Museum und jene Ausstellung wollte ich auch noch, und siehe da, es liegen die Schuhe herum und die Decke ist nicht akkurat gefaltet und die Spülmaschine exakt gleichzeitig mit dem Abendessen fertig, sodass ich leider erst essen muss und dann müde und lustlos das Ein- und das Ausräumen auf den nächsten Tag verschiebe, und fragen Sie nicht, ich habe wahrlich noch einen langen Weg zu gehen bis zur klinisch reinen Minimalistenwohnung.

Dafür führe ich den Kalender in Schönschrift und hake alle erledigten Aufgaben akkurat ab. Mit einem ganz bestimmten Stift in einer ganz bestimmten Farbe. Pro Aufgabenfeld eine Farbe. Weswegen ich immer rund zwanzig Stifte herumtrage, während ich nicht in der Lage bin, auch nur ausnahmsweise im Bedarfsfall ein Taschentuch in meiner Handtasche zu finden. Dafür ist die Arbeitstasche wieder ein Hort der Übersichtlichkeit und Inbegriff der penibelsten Ordnung mit trockenen und feuchten Tüchern und solchen zur Flächen- und Händedesinfektion.

Was meine Wohnung in keinem Fall hätte, wäre ein Garten. Ich hasse Gartenarbeit wie die Pest, ständig wächst und gedeiht einem irgend etwas vor der Nase herum, das zurückgeschnitten, gestützt, geharkt oder verlesen und geerntet werden will. Ich möchte einen Balkon, mit einem Stuhl oder allerhöchstens zwei, und einem Tisch und vielleicht einem Kaktus. Einen Garten möchte ich nicht. Auch weil Gärten, daran erinnerte mich die Rasenfläche im Park, gewisse Rückschlüsse zulassen auf ihre Inhaber.

Gärten sind so etwas wie eine gigantische Visitenkarte, das habe ich gelernt, denn ab und an komme ich ja etwas herum, und natürlich macht man so seine Beobachtungen und manchmal fallen einem gewisse Korrelationen auf, nicht nur in den Gemächern, auch im Drumherum. Zum Beispiel Rasenflächen. Um genau zu sein: Rasenkanten. Wo ein Rasen, da auch eine Rasenkante, und es gibt mannigfaltige Möglichkeiten, diesem Problem, so man es als eines betrachtet, was ein nicht unerheblicher Anteil der Gartenbesitzenden zu tun scheint, beizukommen. Beispielsweise kann man der Sache begegnen, indem man abgrundtief hässliche, in angeblichem Grasgrün oder Erdbraun gehaltene Plastikteile dort in den Boden rammt, wo die Rasenkante verläuft. In solche Gegenden komme ich aber selten, ich meine, das ist die Klientel für aushäusige Arrangements, ohne das weiter vertiefen zu wollen. Manchmal stecken diese Plastiktrenndinger auch mitten in einem Wust aus Rasen und Unkraut und in aller Regel geht es da recht ungezwungen und handfest zu und man spricht Dialekt.

Eine weitere Möglichkeit, etwas hochpreisiger und variantenreicher, sind Einfassungen aus Stein. Meist sind die aus Naturstein ansehnlicher, gewiss auch teurer, aber so läuft das eben, als die künstlichen. Von denen die, die natürlich wirken sollen und es aber nicht tun, wiederum die sind, die mein Auge am wenigsten erfreuen. Je näher an die Stadt man kommt, umso Naturstein die Raseneinfassung, und in unmittelbarer Stadtnähe, wo es grün, ruhig und teuer ist, weil der Weg zur Arbeit trotzdem nicht mehr als eine halbe Stunde in Anspruch nimmt, findet sich dann oft die hohe Schule der rein organischen Rasenkante, die einerseits einen perfekt gepflegten und üppig spießenden Rasen erfordert und andererseits abrupt endet, ohne fransigen Wildwuchs, ohne Unkraut, fein säuberlich zurechtgestutzt, vermutlich im mindestens wöchentlichen Rhythmus, je nach Wetterlage. Wenn es schwül-warm ist, wächst das Zeug ja wie bekloppt. Und manche haben trotzdem eine Rasenkante wie im Katalog. Keine Einfassung, kein Unkraut oder Moos. Nur Rasen, der genau da endet, wo er enden soll und nicht ein abtrünniges, eigensinniges Hälmchen, das sich widersetzt und sich über die ihm angedachte Grenze hinaus reckt.

In solchen Gärten sind oft auch Bewässerungsanlagen und teure Sitzgruppen zu finden, vielleicht ein Smoker, mindestens aber ein wirklich hochwertiger Grill für seine ebenso wirklich hochwertigen Steaks und ihr in Aluminiumfolie mit einem Tröpfchen gutem Olivenöl und sonntags vielleicht einem Fitzelchen Bio-Feta angemachtes Gemüse. Nicht selten auch ein Schuppen mit hochwertigen Rädern, von denen aber nur eines, das Herrenrad meist, genutzt wird. Nach meiner Theorie genutzt wird, um den immer mal wieder aufkommenden Fluchtreflex zu sublimieren, denn ich frage immer nach, wenn ich solche Rasenkanten sehe, weil mich die Akkuratesse und der Fleiß beeindrucken, der da in so etwas Unscheinbares wie den Übergang von Gras zu Erde investiert wird. Und ich bekomme in aller Regel zur Antwort, dass diese Kanten, nunja, die schneidet er am Wochenende, er habe da ein Kantenschneidegerät eines namhaften Herstellers, und wenn sie Samstag nachmittags nach dem gemeinsamen Einkauf die Wohnung … dann rutscht er auf Knien durch den Garten und schneidet die Rasenkante. Sonntags fährt er dann Rad.

Ich will jetzt nicht sagen, dass die männlichen Bewohner von Speckgürtel-Einfamilienhäusern mit ordentlichen Rasenkanten generell gerne auf den Knien herumrutschen, das wäre eine unzulässige Verallgemeinerung und würde einer wissenschaftlichen Überprüfung gewiss nicht Stand halten, Korrelation und Kausalität und all das. Aber es ist schon so, dass die Art, wie das Wohnumfeld gestaltet wird, manchmal zu mir spricht. Deswegen gehe ich nicht gerne in Wohnungen, Hausbesuche habe ich mir so gut wie abgewöhnt. Ich fuhrwerke nicht gerne ungebeten im Privaten anderer Leute herum, und ich sehe ja die sorgfältig arrangierten Vasen und die geschmackvollen Kunstdrucke und die lustige Figur vor, oder den saisonal passend gewählten Kranz an der Eingangstür. So etwas machen Männer nicht, an der Stelle bestehe ich auf meinen althergebrachten Stereotypen. Türkränze werden von Frauen gekauft und von Männern angebracht, das ist kein Sexismus, das ist Empirie. Und ich spreche damit auch keinem alleinstehenden Mann die Freiheit ab, sich einen Türkranz zuzulegen, gerade um die jetzige Zeit sind ja Ostermotive sehr beliebt.

Eine unaufgeräumte Junggesellenbude stört mich im Gegensatz zur kantengeglätteten Vorstadtidylle dann wieder gar nicht. Es ist mir noch nie passiert, dass das Bett in solchen Wohnungen nicht frisch bezogen war, und selbst wenn nicht, empfinde ich es als die bei Weitem geschmacklosere Vorstellung, dass sich jemand, der das nicht möchte oder nicht mal ahnt, in ein Bett legen muss, in dem ich den Gatten wegen der Rasenkanten und des Fluchtreflexes getröstet habe. Entsprechend sind nach meiner bescheidenen Erfahrung Ordnung und guter Geschmack oder wenigstens normaler Anstand mindestens zweierlei, und ob Ordnung, Sauberkeit und Akkuratesse auf einen statthaften Charakter oder eine in sich ruhende Persönlichkeit schließen lassen, darf nach allem, was ich weiß, zumindest in Frage gestellt werden. Also mache ich mich auch wegen des Schuhbergs nicht verrückt, und auch nicht wegen des vertrockneten Wildwuchses im Balkonkasten. Ich werde im Frühsommer vielleicht Kräuter hineinsetzen und ihnen Ende Juli beim Verwelken zusehen oder auch nicht, möglicherweise fahre ich ja auch weg, und ich werde mich während des Verwelkungsvorganges freuen, dass ich die Gelassenheit dazu aufbringe, das einfach passieren zu lassen, statt manisch Rasenkanten zu frisieren.

 

12. Mrz. 2015
von Despina Castiglione
50 Lesermeinungen

14
7133

     

10. Mrz. 2015
von Don Alphonso
55 Lesermeinungen

21
11619
     

Ihr Profit aus der Wohlstandsverwahrlosung

Wenn die Not am grössten ist, ist Gott am nächsten

sagt man bei uns in Bayern am Berg so, und das heisst auch, dass einem dann die besten Ideen zur eigenen Rettung kommen. So musste ich vorgestern beim Wegräumen meines 94. Rades an den italienischen Radrennfahrer Tullio Campagnolo denken. Den musste einer gern kolportierten Legende zufolge auf einem verschneiten Pass das Hinterrad drehen, aber seine kalten Hände versagten beim Versuch, die Flügelschrauben am Rad zu lösen. So musste er das Rennen aufgeben, aber es kam ihm in der Not die Idee zu einem einfach zu bedienenden Schnellspanner. Den baute er dann, und begründete mit dem Patent seine berühmte Firma Campagnolo, die noch heute für feinste Radkomponenten bekannt ist. An Rad Nummer 94 jedoch habe ich noch die alten Flügelschrauben, und daran habe ich mir beim Hochschleppen in den Speicher einen blauen Fleck gestossen.

messia

Es war, das muss ich hier leider zugeben, nicht das einzige historische Rad, das ich in den Speicher verbrachte. So ein blauer Fleck kann schon mal passieren, wenn man zehn Räder eine enge Speichertreppe hinaufträgt, zwischen 2 und 4 Uhr am Morgen, wohl im Wissen, dass man den Mietern als Besitzer den Krach zumuten darf – isoliert betrachtet. In einem größeren Kontext ist das natürlich weniger erbaulich, denn das hastige Aufräumen hatte einen Grund in Form des A., der hier vorbeikommen wollte und es am nächsten Tag auch so spät tat, dass ich fast beinahe ganz fertig mit dem Aufräumen wurde. Speicher voll, Wohnung leer, so kann man andere Menschen immer empfangen, selbst wenn der A. genau weiß, dass es hier leider, zu meiner Schande, nicht immer so sauber aussieht. Er weiß auch, dass ich nicht immer so müde und so erschlagen bin. Aber wenigstens habe ich aufgeräumt.

Nachdem das hier vertraulich ist und ich darauf rechne, dass Sie das auf keinen Fall weiter erzählen, kann ich auch noch hinzufügen, dass es nicht anders wäre, würde der A. oder so ziemlich jeder Single in meinem Umfeld Besuch daheim empfangen. Früher hatte man die Vorzeigewohnung und die Rumpelkammer, heute hat man die Rumpelwohnung und Pfade, die zum Vorzeigezimmer führen. Man rutscht da so rein, das ist keine Absicht: Man verdient nicht schlecht, sieht hier ein Gemälde und da eine Silberkanne, bietet nur zum Spass mit und ist überrascht, wie billig man manches bekommt. Und dann hat man es und es steht rum. Kommt dann jemand, muss man es wegräumen. Man öffnet den Küchenschrank und merkt, dass da schon 20 andere Silberkannen eng gedrängt stehen und wäre nun froh um einen Ausweg.

messib

Auswege lassen sich immer finden. Der einfachste Ausweg wäre es theoretisch, sich einen Partner zuzulegen, der für derartige Leidenschaften kein Verständnis hat. So ein Partner würde dann schnell anfangen, das Überflüssige zu Geld zu machen, wie jeder weiß, der schon mal bei Ebay Herrenräder erstand, und als Verkäufer genervte Terrorregimes vorfand, die ihre männlichen Untergebenen vor die Wahl gestellt hatten: Das Viertrad oder ich. Das ist hilfreich, aber dazu braucht man erst einmal ein begehbares Wohnzimmer und ein Schlafzimmer, das zumindest in der Nacht erträglich aussieht. Und hier wiederum beisst sich die Katze in den Schwanz, und ausserdem, wo soll man Nachts um 2 noch eine Partnerin herbekommen, die einem auf die Schnelle zehn Räder verkauft? Es ist also alles nicht so einfach, egal ob beim Radsport, den 244 Damenhandtaschen, allen Macbookgenerationen oder – für den Fall, dass Sie ein Berliner Hipster sind – den 2.479 Plastiktüten, die Sie im feuchten Sumpf unter ihrer Spüle horten. Und die 72 Fertigapfelkompottgläser unter dem Küchenschrank.

Genauso wenig ist es möglich, um diese Uhrzeit eine schlecht gelaunte Putzfrau zu bekommen, die einem Druck macht und gehörig anmault, als sei sie der Chef und Sie selbst ein missratener Sohn aus besserem Hause, der mit 200 Quadratmeter Gesamtwohnfläche, Einkommen, Dividende und Apanage nicht auskommt. So etwas wirkt, aber damit sie überhaupt reinigen kann, müsste man erst mal aufräumen und gerade läuft doch diese Ebayauktion aus, da kann man nicht einfach weg. Und deshalb steht man dann in der Nacht vor dem Küchenschrank und wundert sich über all das Zeug, das sich hier abgelagert hat, als hätte es eine Überschwemmung mit Silber gegeben. Oder mit Pradaschuhen. Oder Verpackungen vom Inder – ich hoffe, die Berliner unter Ihnen verstehen jetzt, was ich meine. A. meinte übrigens, ich sollte nicht immer so auf Berlinern herumhacken, aber denen kann man nicht mit Besteck kommen, das muss man können, die verletzen sich damit nur.

messic

Jedenfalls, ich glaube, es war, als ich das La Perle – oder war es das Woodrup oder das Colnago? – in den Speicher trug, als mir eingefallen ist, was man da tun könnte. Also nicht ich natürlich, ich will eigentlich nur eine vorzeigbare Wohnung, wenn Besuch kommt. Aber Sie haben vielleicht Zeit oder sind mit ihrem Job unzufrieden, und da kam mir auf der Stiege eine famose Geschäftsidee. Denn wenn eine gute Fee gesagt hätte: Gib mir 400 Euro und ich mache Deine Wohnung sauber – ich hätte das bezahlt. Das Schreckliche an derartigen Aktionen ist ja, dass man erst mal alles wegräumen muss, um überhaupt putzen zu können, und man würde, durchgeschwitzt und übernächtigt, wirklich viel zahlen. Auf der anderen Seite müsste das Zeug gar nicht dauerhaft weg – ganz im Gegenteil, wir kennen uns zu gut und wissen natürlich, dass wir prompt wieder rückfällig werden und denken: Oh, so viel Platz, dieses eine Barockgemälde da, das nächste Woche in Salzburg zur Versteigerung kommt, hat ebenso viel Platz wie die Nymphenburg-Plastik. Kurz, mit dem Wegräumen ist es nicht getan, nach 2 Monaten wäre alles so wie früher. Es gibt nur eines, was die weitere Versumpfung stoppen kann: Die totale Versumpfung.

Und das ist meine Geschäftsidee für Sie und alle besitzgeplagten Zeitgenossen. Wir rufen Sie an, Sie kommen mit einem Transporter und drei starken Männern, und werfen alles unsortiert hinein. Das geht Ruckzuck, danach putzen Sie schnell noch die Wohnung, überziehen die Betten frisch oder bekämpfen bei den Berlinern die Pilzzucht in den nicht abgespülten Tellern. Es reicht, wenn es so aussieht, als habe sich unsereins echt bemüht. Eine Spinnwebe können Sie auch hängen lassen, damit wir uns angemessen über unsere Schlamperei aufregen und entschuldigen können. Sobald der Besuch weg ist, kommen Sie wieder und kippen das ganze Zeug in die Wohnung, die dann wieder so gemütlich und verlottert wirkt, wie wir Männer uns nun mal gerne nach aussen darstellen. Ironisch natürlich. Das haben wir bei unseren Müttern gelernt, die jammern auch immer, wie verlottert ihre perfekt gepflegten Parkanlagen aussehen und dass der Gärtner seit einer Woche nicht mehr da war. Bei uns ist es wirklich schlimm, aber mit Ihrer freundlichen Hilfe merkt das niemand, und hält es für Koketterie.

messid

Was Sie also erschaffen sollen, ist nicht wie Partner oder Putzfrau die beste aller möglichen sauberen Welten, sondern beide ideale Welten: Das saubere Heim, wenn man es braucht, und die übervolle Lotterbude, die einem mangels Platz die überflüssigen Käufe austreibt. Den Job könnten theoretisch sogar Berliner Hipster und Germanistinnen machen, die sonst nur Strickkurse bei den Saudis geben, und wenn da ein paar Schrammen entstehen, macht das gar nichts – das ist dann Patina. Unser Leben ist damit im Lot, auch wenn es nicht wirklich das Lot unserer Vorfahren ist. Aber die waren ja auch treu und .liessen sich nicht scheiden, während heute Traumhochzeiten und Sex mit Tennislehrer und Golfpartnerin Hand in Hand gehen.

“Real Estate Wealth Management” wäre da auch ein netter Firmenname, mehrdeutig und nicht indiskret, und es schadet nicht dem Ansehen, wenn so ein Lieferwagen in der Nacht vor dem Besuch eines neuen Partners vorfährt. Vielleicht klappt es ja, und dann sorgt das neue Regime schon dafür, dass es keine alten Zustände mehr gibt.

Obwohl. Vorletzte Woche kam ich unangemeldet bei der U. vorbei und… ich will ja nicht indiskret sein, aber ich denke, die Geschlechter haben sich angeglichen und sagen wir mal so, es ist ein weites Feld und eine Arbeit mit Beschäftigungsgarantie, solange die Herren Dolce und Gabbana werkeln. Denken Sie einfach an die kaufgeilen Reaktionen wegen der neuen iWatch und satteln sie um und machen Sie mir ein Vorzugsangebot – ich vermittle Sie dann weiter an fast alle einige Freunde.

10. Mrz. 2015
von Don Alphonso
55 Lesermeinungen

21
11619

     

05. Mrz. 2015
von Don Alphonso
57 Lesermeinungen

31
10161
     

Grundsicherung des Luxus gegen soziale Elemente

Genau genommen ist aber ein Arbeiter, der Kloaken auspumpt, um die Menschen vor gesundheitsgefährdenden Miasmen zu schützen, ein sehr nützliches Glied der Gesellschaft.
August Bebel

Wohnen darf nicht zu einem Luxusgut werden, sagt der Justizminister Heiko Maas und deshalb, unter anderem, kommt es jetzt zu einer Mietpreisbremse.

In den Bundesländern, die mitmachen.

Berlin macht das, aus Bayern ward noch nichts vernommen, und man darf davon ausgehen, dass es für das jeweilige Verhalten gute Gründe gibt. Während Berlin sofort den Vermietern an die Gurgel geht, lief das beispielsweise in München anders: Dort wurden Mietspiegel, auf dem das Gesetz basiert, noch flugs ein paar höchstpreisige Sonderzonen ausgewiesen, wo das Wohnen doch noch Luxus sein darf. Also ich weiss ja nicht, wer woanders etwas gekauft hat, aber uns muss das hier nicht dauern.

maasa

Falls aber jemals eine Bayerische Staatsregierung auf die Idee käme, die Freiheit der Besitzenden dem Sozialismus der Mieter zu opfern, ist für unsereins mit den beträchtlichen Steigerungen der letzten Jahre erst mal trefflich gesorgt. Bis das Land das tut und die Kommunen sich dann einfügen – das Verfahren ist komplex und manche Städte haben gar keinen Mietspiegel – läuft noch viel frisches Bergwasser die Isar hinunter. An der Isar ist auch das schöne Bad Tölz und das wiederum sind dann die Lagen, in die die kleinen, aber nicht minder gierigen Spekulanten erst einmal ausweichen: Kommunen ohne Mietspiegel, aber mit einem Regime der Besitzenden und Mietern, die keine Alternative haben. Man nennt das den „Münchner Süden“ und sollte nun jemand in Berlin beim Steigern Probleme bekommen, so sei es eben. Traurig ist, wer dort in Erwartung steigender Einnahmen zu viel fremdfinanziert hat – aber das ist gar nicht unser Problem, und darauf will ich auch gar nicht hinaus.

Nein, ich würde gern noch einmal auf den Herrn Justizminister zurückkommen, der den Mietern sagt, Wohnen dürfe kein Luxusgut werden. Ich finde das bemerkenswert in einer Partei, deren Vorsitzender für das TTIP kämpft, als wollte er bei der nächsten Wahl wie eine Mischung aus FDP und griechischen Sozialdemokraten aussehen. Was hat man uns in Sachen Edathy seitens der SPD nicht alles zugemutet. Und dann stellt sich doch einer hin und sagt es knallhart, wie es ist: Wohnen darf kein Luxusgut werden.

maasb

Das kann man wirklich nur zu Mietern sagen, die finden das schick, wenn alles so bleibt, wie es ist: Mitunter teuer, mit hohen Nebenkosten. Aber wenigstens verlangsamt sich jetzt, so hoffen sie, der Anstieg der Mieten, wenn beim nächsten Umzug lediglich für Omas alten Schrank vierstellige Abschlagszahlungen fällig werden, sofern sich denn andere Mieter überhaupt aus ihrem sozialistischen Wohlfühlparadies herausbewegen. Ein etwaiger Wohnluxus für Mieter, das kommt in der Welt der SPD überhaupt nicht vor: Indirekt sagt die SPD damit, dass das, was Mieter jetzt haben, ihnen auch reichen sollte. Keine höheren Kosten, keine grösseren Räume, keine hübscheren Fliessen im Bad, alles wird eingefroren, und damit hat man zufrieden zu sein, wie im real existierenden Sozialismus. Ich jedoch meinte mich düster erinnern zu können, dass Sozialismus dereinst das Versprechen war, dass es zur Sonne und zur Freiheit ginge, statt in die immer gleichen Mietkasernen mit steuerlich geförderter Photovoltaik.

Aber es ist wie so oft: Was der besitzlosen Masse genügt, sieht man am anderen Ende der sozialen Nahrungs- und Vermietungskette gründlich anders. Natürlich ist Wohnen Luxus. Der eigene Garten ist Luxus und der Gärtner ist Luxus und die neue Küche ist Luxus und die junge Dame aus Osteuropa, die die Arbeitsfläche aus Granit poliert, ist auch Luxus. Ein kleiner Luxus zumindest, obwohl, eigentlich könnte sie auch mal wieder das alte Messing polieren. Es ist ein Luxus, für immer bleiben zu können und es ist ein Luxus, jederzeit in die Zweitimmobilie zu reisen. Mehrere deshalb meist ungenutzte Autostellplätze sind ein Luxus und all die Bäder, Fenster und nach Gemälden schreienden Wände sind es auch. Die ganze doppelte Haushaltsführung ist Luxus, purer Luxus, und deshalb macht man es auch. Heute hat man nichts dagegen, wenn andere das zumindest ahnen, früher inszenierte man das sogar überdeutlich mit Stuck, Kronleuchtern, Mätressen und Feuerwerk.

maasc

Weil das so überdeutlich ein Luxus war, zogen früher aber auch mitunter unzufriedene Massen zu den Palästen und brandschatzen sie. Gerne hätten sie auch so gelebt, wütend waren sie und heisser als die Flammen loderte ihr Hass: So war das früher und dafür liessen sie sich bisweilen auch von den Bütteln des Staates verfolgen und einsperren. Heute hören sie sich an, dass ihr Wohnen nun mal kein Luxus werden soll, sind damit zufrieden, und dann schalten sie um zur Sendung mit dem Bachelor oder der Frau vom Laufsteg. Nein, Luxus ist das natürlich nicht, das nennt man dann vermutlich soziale Grundsicherung. Grundsicherung vor sozialen Elementen. Dabei bin ich mir eigentlich recht sicher, dass niemand bei uns Herrn Maas dafür bezahlt hat, den anderen unmissverständlich mitzuteilen, dass sie bittschön alle Hoffnung fahren lassen sollen. Nur am Wochenende dürfen sie dann auch fahren, nämlich dorthin, wo die anderen wohnen, wo es schön ist und ein Luxus.

Das geht gar nicht anders, die Plätze an der Sonne sind bekanntermassen begrenzt, und dass man in Europa die Banken rettet und der Staat dafür auch die Rekordeinnahmen aus der Steuer braucht – das ist nun mal so. Recht viel mehr ist in dieser schwierigen Gesamtkonstellation nicht drin, es reicht gerade noch zu etwas Bestrafung der Immobilienbesitzer. Alles andere neben dem Mindestlohn wäre wohl ein nicht finanzierbarer Luxus. Gerne würde ich an dieser Stelle anmerken, dass die Ausgabe von Vergünstigungen an das gemeine Volk meistens damit verknüpft war, dass man danach die Steuer keinesfalls in den Palästen, sehr wohl aber in den Hütten erhob, aber vielleicht täusche ich mich auch, und historisches Fachwissen ist ohnehin Luxus in unserer schnelllebigen Zeit. Oder erinnert sich noch jemand an die Umfragen zum Vermögen der Europäer, bei denen die Deutschen wegen der hohen Mietquote mitten in der Krise besonders schlecht abschnitten? Da schaute man noch dumm aus der Wäsche.

maasd

Na also. Die weise Regierung wird Mittel und Wege finden, auch andere Formen des Luxus für Nichtbesitzende angesichts neuer, teurer Unternehmungen für obsolet zu erklären, und wenn der Kassenpatient im Wartezimmer mit Grippe und Masern beseucht wird, könnte ihm vielleicht dämmern, wo die Reise hingeht – nicht dorthin jedenfalls, wo der Arzt später seine Schritte hin wendet. Aber da sind zum Glück auch die Magazine des Lesezirkels, und da kann man nachlesen, wo sich die letzte Bachelorette nackt mit ihrem luxuriösen Körper zeigte.

05. Mrz. 2015
von Don Alphonso
57 Lesermeinungen

31
10161

     

28. Feb. 2015
von Don Alphonso
78 Lesermeinungen

24
9259
     

Die heisse Oma und der neue Kalte Krieg

Schreiben Sie: Eierlikör ist so gesund wie Spinat
Heinz Erhard

Natürlich war der letzte kalte Krieg eine scheussliche Angelegenheit.

Zumal er auch nur in Europa kalt war; in Südamerika, Asien und Afrika war er brandheiss und von einer Intensität, die unsere neuen Konflikte in der Ukraine und in Syrien in den Schatten stellt. Es gab Natodoppelbeschlüsse und eine Bundeswehr, die gut erzogene Söhne bekam und genervte Wracks mit Alkohol- und Zigarettenproblem ausspuckte, es gab wenig erbauliche innenpolitische Schlachten – man erinnere sich an den Spruch „Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“ – und die RAF und, zumindest in Italien, auch Gladio.

kaltkriegc

Trotzdem gilt die zweite Hälfte des kalten Krieges, also von der Studentenbewegung bis zum Untergang des Ostblocks, als goldene Zeit des alten Westens der Bundesrepublik. Nie war es besser. Die Inflation war hoch und die Lohnsteigerungen waren höher, die Arbeitslosigkeit war niedrig und die Rente vorerst noch sicher, es gab Dieter Hildebrandt statt Comedy und die dicke Biene Maja und den faulen Willy statt verhungerte Topmodelle im TV: Es war caprisonnenklar, die Kinder würden es noch besser haben. Es gab keine Generation Praktikum für Studienabgänger, sondern die Wahl zwischen vielen Möglichkeiten, und davor jede Menge Urlaub-, Demo- und Partysemester. Die Städte bauten Freibäder und Hallenbäder, statt sie vergammeln zu lassen und zu schliessen. Wer anpacken wollte, wurde gebraucht. Die TV-Werbung für Zigaretten zeigten Männer, die in der Wüste meilenweit für eine Fluppe marschierten, statt sich metrosexuell zu machen, und für das Öl griffen schmutzige Männer auf Bohrinseln nach dicken Rohren und knallten sie in das nasse Meer.

Vom Osten bekam man nicht so viel mit, nachdem die Amerikaner ihre Restlasten in Vietnam abgeschrieben hatten. Es gab den senilen Breschnew und für meinen privaten Geschmack wurde uns in der Schule zu oft ein wenig stilsicherer Lech Walesa von einer Gewerkschaft Solidarnoscz vorgestellt. Kinder waren einfach da, liefen irgendwie mit und hatten zu Tisch den Mund zu halten, wenn Erwachsene redeten, und keinem wäre es damals eingefallen, mit Mitte Dreissig öffentlich darüber zu sprechen, man hätte sein Leben nicht im Griff. Der Atomtod war immer um die Ecke, und vielleicht war diese Zeit deshalb trotz aller reaktionärer Reste so lustig, wurschtig und lebensfroh. Zumindest bei denen, die es sich leisten konnten, ihre Kinder im Winter an einer Skipiste auszusetzen und sie dann unbeaufsichtigt den Rest des Tages die Knochen in Waldschneisen riskieren zu lassen, bis es dann am Abend Fleischberge vom offenen Kamin und Rohrnudeln gab: Wenn die Bombe kommt, ist es eh egal.

kaltkriega

Mir ist aus Gesprächen mit Kindern aus weniger begüterten Familien bewusst, dass ihre Jugend und das Leben ihrer Eltern deutlich weniger erbaulich waren. Nicht überall waren die Villen gross und die Gärten üppig, und auch die Blocks und Hochhäuser, die woanders gebaut wurden, mussten wohl Bewohner gehabt haben, die nicht neben dem See lebten. Und wer meint, es hätte damals mehr soziale Gerechtigkeit gegeben, den verweise ich gerne auf die bayerischen Übertrittszahlen zu den Gymnasien: Da wurde so lange und so brutal gesiebt, bis wirklich nur noch die Kinder der alten Akademiker und der Funktionselite übrig blieb. Der letzte Kalte Krieg und die damit verbundene Gesellschaft hatten auch ihre Schattenseiten und Opfer, und auch Profiteure in der Rüstungswirtschaft, Atomkraft und Infrastruktur, für deren krasse Fehlentscheidungen wir auch heute noch, im nächsten Kalten Krieg, zahlen müssen. Es war nicht alles in Eierlikör.

Aber der Eierlikör ist wieder im Kommen, in diesem kleinen Hofladen am Tegernsee, in dem alles wie früher ist, denn die heisse Oma entwickelt sich dort zum Renner. Die heisse Oma besteht aus einem Stamperl Eierlikör, das in ein Haferl heisser Milch von den hofeigenen Kühen gekippt wird. Wie früher halt, und da sitzen wir dann und reden über die – aus heutiger Sicht unfassbaren – alkoholischen, nikotinhaltigen und sexistischen Verhaltensweisen, derer wir in unserer Kindheit ansichtig wurden, in einer Mischung aus leichter Abscheu und doch recht sanfter Melancholie. Der Kuchen ist auch hausgemacht, wie bei Oma, und es gibt selbstgestrickte Mützen. Man kann sie sogar in der passenden Grösse und Farbe bestellen. Und selbstgemachte Marmelade. Es hat etwas von einem Museum, hier zu sitzen und über jene Zeiten zu reden, als es nur nach oben ging, die Autos stets grösser wurden und das Brot noch aus der Bäckerei kam, und nicht von der Lieferkette. Woanders wird in diesem neuen kalten Krieg darüber geredet, ob man neben tödlichen Anschlägen nicht auch Essen mit Drohnen liefern soll. Hier sitzt man auf Schaffellen und kommt – trotz besserer Erfahrung – nach der zweiten heissen Oma zum Schluss, dass der letzte kalte Krieg weitaus lustiger war. Erst daheim lese ich dann, dass Boris Nemzow in Moskau ermordet wurde. Und die USA in Afghanistan für den unschuldigen Toten im Schnitt 3426 Dollar „Entschädigung“ bezahlen.

kaltkriegb

Mein Gefühl sagt mir, dass alle Beteiligten des letzten Weltkriegs im Westen durchaus wussten, wie man einen Kalten Krieg zu einem Publikumserfolg machen konnte, und sich daher nicht nur beim Bau von Atombomben Mühe gaben, sondern auch bei der Unterhaltung derer, die im Zweifelsfall bei der Erhitzung jenes Krieges als erste bei der Kernschmelze verdampft wären. Für die Betroffenen war das eine Art Pakt mit dem Teufel, ein gutes Leben mit schönen Erwartungen, solange keiner auf die Idee kommt, auf einen roten Knopf zu drücken. Unzweifelhaft hätte es natürlich auch noch viele andere betroffen. Aber gerade in Deutschland ist man in der Hinsicht beim Teufelspakt etwas verwöhnt, und würde sich vielleicht etwas mehr erwarten als eine Führungsrolle im einem krisengeplagten Europa, das wie die direkte Fortsetzung der teuren Rechnung für die Abwicklung der DDR aussieht. Es fehlt hier irgendwie der Eierlikörbonus und die Garantie, dass alles prima wird, sofern es nicht ganz furchtbar zum Ende der Welt kommt. Die Ukraine braucht mehr Geld vom Westen, der gerade auch keines hat, sofern er es nicht von Draghi drucken lässt, und ich bin hoffentlich nicht unverschämt, wenn ich sage: Wir sind da vom letzten Kalten Krieg Besseres gewöhnt. Es reicht nicht, von einem Ende der Gaslieferung bedroht zu werden. Man hätte gern mehr Profit als nur etwas billigeres Benzin.

Höhere Löhne und in der Folge höhere Mieten sind für unsereins natürlich ein Anfang, und wenn dank des Konsumklimas der Wert der Immobilien jener steigt, die sie schon haben, ist das selbstredend auch nett. Aber Putin sieht noch reichlich gesund aus, und in den USA scharren die Republikaner bereits mit den Hufen. Der neue Kalte Krieg könnte sich also noch eine Dekade hinziehen, und dann haben wir auch noch all die Probleme in der arabischen Welt – so gesehen würde ich erwarten, dass wir nicht schon zur Kriegsrethorik zurückkehren, nur wenn uns mal ein demokratisch gewählter, griechischer Finanzminister nicht gefällt. Angemessen schiene es mir, wir würden Gründe liefern, dass es sich lohnt, auch diesmal auf der richtigen Seite zu sein, wenn dieselbe schon die NSA und den BND auf Daten hetzt und gleich reihenweise versagt, wenn es darum geht, längst bekannte Attentäter aufzuhalten. Oder wenn die richtige Seite nicht in der Lage ist, haltende Abkommen zu schliessen. Das mag alles die Schattenseite der politischen Alternativlosigkeit sein, aber ein wenig bessere Laune und schönere Aussichten könnten helfen, auch mehr Anlässe zur Verteidigung des Erreichten gegen die rote Gefahr zu sehen.

kaltkriegd

Heisse Oma, Eierlikör mit heisser Milch, das macht dick, leicht alkoholisiert, gesund und warm und in genau diesem Zustand hat Oma auch den kalten Krieg im Zustand ständiger Vermögenszuwächse überstanden. Das war das Rezept und bei allen negativen Folgen – es war erfolgreich an der Heimatfront. Mehr Leistungszwang und Druck und Überstunden sind nicht Ausdruck von Blattgold auf bleiernen Zeiten, und, das darf ich von den Gestaden des Tegernsees als einhellige Meinung verbreiten, tragen nicht dazu bei, das System zu schätzen, das es zu verteidigen gilt. Schlage also vor, dass wir mit jedem Kilometer, die der Russe vorwärts marschiert, Erbschaftssteuern und Mehrwertsteuern senken, und beim drohenden Sieg der Republikaner eine Generalamnestie für jede Art von Schweizer Steuervorkommnis verkünden, das halt so in der guten, alten Zeit üblich gewesen ist. Ich denke doch sehr, dass sich die Elite dann wieder mehr an europäischen Werten denn an Bankmitarbeitern in Singapur orientieren wird, und wie schon beim letzten Mal ihr patriotisches Heil in den Vorteilen der Situation suchen und finden wird.

28. Feb. 2015
von Don Alphonso
78 Lesermeinungen

24
9259

     

25. Feb. 2015
von Despina Castiglione
60 Lesermeinungen

43
26588
     

50 Shades aus professioneller Sicht

„This ain’t the heartache that I thought I knew
This ain’t the party that I thought we’d do
You got your limit, baby I got mine“

St. Paul and the broken Bones, Call me

Es soll neuerdings Menschen geben, die im Kino masturbieren. Nicht im Pornokino, da erregt das denkbar wenig Aufsehen, sondern in irgendeinem ganz normalen Kino. In einem, in dem völlig legal und unhinterfragt 16-jährige sitzen, oder auch 13-jährige, die etwas älter aussehen, weil wir haben ja eine immerhin eine FSK, was sich in der Akzeptanz von Blut- und Hirnspritzern in für Teenager frei zugänglichem Filmmaterial zeigt, aber wehe, es spritzen andere Körperflüssigkeiten.

fisa (8)

Jedenfalls, nachdem ich mich schon nicht fürchte, ein Pornokino zu betreten, schreckt es mich auch nicht, mich in ein ganz gewöhnliches Kino zu setzen, und mir den Film anzusehen, der angeblich momentan reihenweise den Leuten die Sicherungen durchbrennen lässt. Üblicherweise hätte mich das nicht weiter interessiert, ich habe einen ganz anderen Geschmack und eine große Cineastin bin ich auch nicht, aber als Sexarbeitende zählt so etwas ja schon fast als Fortbildungsveranstaltung. Man muss wohl in meiner Branche damit rechnen, in nächster Zeit nach Kabelbindern und Klebeband gefragt zu werden, schenkt man dem Hype Glauben. Und um ehrlich zu sein, mir war die Zeit für das Buch zu schade, hier liegen noch Pitigrilli, Gerheim und beide Ausgaben des Kinsey-Reports, ich werde mich beherrschen können, 50 Shades of Grey dazu zu legen.

Insgesamt scheint das Werk ja großes Interesse zu finden, und es gibt Stimmen, die sich lobend äußern, weil die Beliebtheit der Geschichten um Mr. Grey und Mrs Steele sexuelle Devianz zum Thema macht, und es der Gesellschaft sicher gut tut, das mal etwas breiter und offener zu diskutieren. Grundsätzlich wäre ich nicht abgeneigt, dem zuzustimmen, aber ich habe gestern den Film gesehen und bin noch nicht fertig mit Kopfschütteln.

fisa (6)

Es wäre möglich gewesen, sich dem Thema behutsam und auf eine gedeihliche Art und Weise zu widmen. Mutig wäre es gewesen, einen Film zu machen, der die Dynamik einfängt, die gewisse Bedürfnisse gelegentlich entfalten, und dabei zeigt, dass Menschen mit auf den ersten Blick ungewöhnlichen sexuellen Vorlieben durchaus ganz wunderbar funktionierende und beglückende Beziehungen leben können. Einen Film, der die Leute ermutigt, sich mit ihren Neigungen und Wünschen offen auseinanderzusetzen, der gelingende Kommunikation, respektvollen Umgang zeigt und Lust macht, auf Entdeckungsreise mit der eigenen Sexualität zu gehen.

Schließlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass es einen Anteil an Menschen gibt, die das, was man landläufig als „Sadomasochistische Neigungen“ bezeichnet in sich tragen, und nach meiner bescheidenen Meinung und Erfahrung sind das jetzt nicht so verschwindend wenige. Und anscheinend vor allem so viele, dass man sie als potentielle Kundschaft für allerlei Sexspielzeug entdeckt hat, anders ist das aufdringliche Merchandising nicht zu erklären. Sogar die Krawatte, mit der Mr. Grey seine Teuerste fesselt, kann man käuflich erwerben, und die Zielgruppe bewertet sie bei Amazon mit nicht weniger als 5 Sternen. Es ist auch eine After-Spanking-Creme erhältlich, mit Arnika, Jojoba und Vitamin E, aber natürlich ohne Heparin, weil so etwas gehört dann in die Apotheke und nicht ins Spielzimmer und so fest zuschlagen, dass man die Verwendung einer Heparinsalbe in Betracht ziehen könnte, also bitte, das ist jetzt ja wirklich total krank.

Der Film schafft es, ganz implizit doch recht klare Vorgaben zu machen, was unter annehmbarem Sexualverhalten zu verstehen ist, und was nicht: Mr. Grey und Mrs Steele verhandeln schließlich en detail, wie weit die Unterwerfung zu gehen hat, theoretisch jedenfalls, und sie bekommt deswegen sogar zwei Safewords, eines für die harten Limits, und eines für die soften. Da wo ich herkomme, ist ein Nein ein Nein, und stop heisst stop, und zwar gleich aufs erste Mal, und ich muss ganz offen zugeben, dass ich diese Regelungen auch für sehr sinnvoll halte, selbst wenn das manche Menschen als rückständig betrachten.

fisa

Die Zuschauer lernen im Verlauf der Verhandlungen um den „Sklavenvertrag“ der Protagonisten, dass Genitalklemmen und jede Form von ganzhändiger Penetration rundweg abzulehnen, Stalking und Bevormundung aber als gleichzeitig sexy und fürsorglich zu betrachten und damit völlig akzeptabel sind, vor allem, wenn der Stalker wohlhabend und jungdynamisch ist und die Liebste mit dem eigenen Heli abholt. Auch manipulative Gesprächstechniken, teure Geschenke und Einflussnahme auf das komplette soziale Umfeld sind anscheinend probate Mittel, um an Beischlaf – pardon – konsensuelle Hingabe, zu kommen.

So lange die Bereitschaft zum Sex nicht durch die Zahlung eines Betrages X in bar erkauft wird, scheint fast jedes Mittel legitim und vom Zweck geheiligt, und natürlich kommt auch dieser Film nicht ohne ein billiges Hurenklischee aus: Mr. Greys Mutter war Prostituierte, und fraglos ist der Gute durch diesen Umstand emotional so fragwürdig konditioniert. Falls Sie den Film gestern gesehen haben, und hinter Ihnen bei dieser Szene jemand kurz aufgelacht hat, war das wahrscheinlich ich.

Der sexuelle Missbrauch, den er im Umfeld seiner wohlhabenden Adoptivfamilie erlebte, in die er aufgenommen und so von der Bürde der sich prostituierenden Mutter erlöst wurde, wird dagegen erstaunlicherweise als fast schon einvernehmlich und wohltuend, sozusagen als persönlichkeitsbildende Maßnahme dargestellt. Eine Freundin der Adoptivmutter hat ihn als Teenager in die Geheimnisse des Sadomasochismus eingeweiht, und die beiden verbindet seither eine merkwürdige Art von Freundschaft. Ich wundere mich ernstlich, hierzu noch keine Kritik vernommen zu haben. Ich dachte, es gebe zu diesen Fragen einen gesellschaftlichen Konsens, und ich wäre ehrlich überrascht, wenn dieser trotz des einträglichen Geschäfts mit diesem Film nicht verteidigt würde. Ich meine, hatten wir da nicht kürzlich hitzige Diskussionen und verschärfte Gesetze und einen Pranger und vielleicht auch noch die ein oder andere offene Frage?

fisa (1)

Es sitzen Menschen zuhause im dunklen Kämmerlein und fühlen sich krank, weil sie sich gerne mal den Hintern versohlen lassen möchten oder jemandem eine solche Behandlung angedeihen lassen, und im Kino läuft ein Film, der zeigt, dass BDSM-affine Menschen emotionale Wracks sind, die einander in völliger Kommunikationsunfähigkeit umkreisen und sich letztendlich unglücklich trennen. Letztlich schlägt Mr. Grey dann nämlich etwas zu fest zu und der Abschied im Aufzug lässt natürlich Raum für Hoffnungen auf eine Fortsetzung der Geschichte. The Show must go on, und so lange die Leute zu zahlen bereit sind, kann es so schlecht ja nicht sein.

Ich glaube nicht, dass Menschen durch die Verfügbarkeit billigen Sexspielzeugs im Fifty-Shades-Look besseren Sex haben. Ich glaube insgesamt nicht, dass dieser Film irgend etwas beiträgt zu Akzeptanz und Offenheit in Sachen Sexualität, er zementiert Vorurteile, und die Leute bezahlen das auch noch mit ihrem sauer erarbeiteten Geld. Allein die Werbung vorab lässt ja klar erkennen, an welche Zielgruppen der Film sich wendet. Vegetarische Wurst, Ikea und Potenzmittel. Man könnte lachen.

fisa (3)

Entsprechend weiß ich nicht, was an dem Film so bejubelnswert ist, denn ganz ehrlich: Ein tiefsinniges Drama habe ich gestern nicht gesehen, auch keine Charakterstudie oder Kunst auch nur im weitesten Sinn. Eher einen schlecht gemachten Softporno mit mäßigen Schauspielern und eine Hommage an die grenzenlose Konsumorientierung. Nichts, was dazu anregt, in einen Dialog, ob nun in der Partnerschaft oder der Gesellschaft zu kommen. Nur Werbung für überholte Rollenbilder, einfache Gedanken und den sich mehr oder weniger doch eigentlich von selbst verkaufenden Sex.

Es wäre schön gewesen, einen Film für Menschen zu machen, die das Spannungsfeld, das sich aus den Themen Sex und Macht in dieser Kombination ergibt, interessiert. Einen Film, der es möglich macht, sich auf die Erlebniswelt der Protagonisten einzulassen, einen der vielschichtige und lebendige Charaktere zeichnet, statt Klischees abzufeiern und Aufwertung durch Abgrenzung zu propagieren. Es ist aber leider kein behutsamer, kein aufklärerischer, kein mutiger Film geworden, sondern einer, der an Banalität und Verherrlichung des allgegenwärtigen Konsumdenkens unter dem Deckmäntelchen angeblicher Erotik nur schwer zu überbieten ist.

25. Feb. 2015
von Despina Castiglione
60 Lesermeinungen

43
26588

     

22. Feb. 2015
von Don Alphonso
59 Lesermeinungen

18
8429
     

Das Radiomädchen und der Anzugreinigungsmann

Schlucken, Kind.
Meine Grossmutter

Und wie immer hatte sie natürlich recht, wenn sie das sagte: Schlucken, Kind. Nicht aufregen, schlucken. Meine Grossmutter sagte nie „Sei still“ und auch nicht „Sei stad“ und auch nicht das, was Grossmütter in Norddeutschland mit gespitzten Lippen zu sagen pflegen: „Andere sind für uns kein Massstab“. Sie sagte einfach nur schlucken, und als guter Enkel habe ich das natürlich gemacht, selbst wenn mir die ein oder andere Bemerkung auf der Zunge gelegen wäre. Meine Grossmutter hätte natürlich auch etwas sagen können, und tat es vielleicht. Später. Aber nicht in der Öffentlichkeit. Da schluckt man.

mietfreia

Das mit dem Schlucken jedoch ist nicht ganz so leicht, wenn einem diverse Lasten des Alltags zwar immer abgenommen wurden und Brötchen stets da waren, man sich aber seine Gemälde selbst verdienen muss – und zwar mit Erzählungen über Umstände, die einem in durchaus privilegierter Stellung, von oben herab, an diesem Land auffallen, das vermutlich etwas mehr „meines“ als „unseres“ ist. Und es ist ja nicht so, dass man wirklich nur von einem freudigen Ort zum nächsten durch arkadische Landschaften eilt. Wenn ein Bild im Umkreis von, sagen wir mal 200 Kilometer steht, und mit der Post verschickt werden müsste, fahre ich natürlich hin und hole es direkt ab. Das ist auch nicht teurer als der Spezialversand, schont das Gemälde und den Postboten, und ausserdem sind das immer nette Gelegenheiten, sich mit Menschen auszutauschen. Allerdings hat es der Schöpfung gefallen, zwischen mein Jesuitencollegium an der Donau und das feine Isarhochufer, an dem letzte Woche goldene Sonnenstrahlen leckten, die graue Stadt München zu legen. München wiederum besteht aus zwei Opern, diversen Museen, einigen ganz hübschen Strassen dazwischen und ganz viel Stadt aussenrum, die sich wie Kalk an einem Heizstab am Mittleren Ring festgesetzt hat.

Da muss man durch, wenn man sich kulturell verdient machen und das asamzeitliche Gemälde neben die heimische Asamkirche bringen möchte. Man sieht dort Unmengen von anspruchsloser Gebrauchsarchitektur, die keinem Gott, sondern nur dem Profit und der Verräumung von Massen heiligt, man sieht Baustellen, Verkehr und Grünflächen, denen man nach zwei Dekaden Einzelhaft in einer fensterlosen Zelle vielleicht etwas abgewinnen kann. Und man sieht enorm viel Werbung, die bei uns wie in allen besseren Vierteln inzwischen weitgehend ausgerottet ist. Und da gibt es dann so Momente, da muss man wirklich schlucken. Hier etwa.

mietfreib

Das ist eine Aktion eines Radiosenders, bei dem man bei erfolgreicher Durchführung irgendwelcher Gewinnspiele ein Monat mietfrei leben kann, weil der Sender das bezahlt.

Ich mein, ich lebe nicht in München, ich fahre dort nur durch, aber das ist schon ganz schön diskriminierend, nimmt das Plakat doch selbstverständlich an, die Betrachter würden Miete zahlen, also keine eigene Wohnung besitzen, und für so eine kleine Gabe derartig erfreut reagieren. Ich weiss aus eigener Anschauung, wie es ist, wenn solche Mieten eingehen, da freut sich bei uns niemand, das ist halt so. Niemand reisst hier die Augen auf und sprudelt über vor Glück. Man bekäme bei uns das Gschau, wenn man sich mit den Kontoauszügen so aufführen würde. Das schluckt man einfach hinunter, es ist, wie es ist, das gehört sich so und das muss in der Klassengesellschaft auch so sein: Das Leben ist schon ganz gut.

Aber kann es auch so schlecht sein, dass man sich von derartigen Plakaten und ihrem Inhalt angesprochen fühlt und denkt, so möchte man auch sein? Und das alles, um nach einem Monat wieder selber zahlen zu müssen. Man liest im Moment viele Klagen über schlechte Rollenbilder beim Bachelor, bei Fünfzig Schattierungen und dem nächsten Topmodell – aber scheinbar niemand stört sich an der Einordnung bei den besitzlosen Schichten, die schon einem dudelnden Radiosender dankbar sein müssen.

mietfreic

Ich höre Bayern 4 Klassik, aber meine Gedanken gehen zu jenem anderen Plakat, das ich erst kürzlich im Gärtnerplatzviertel sah, einer Ecke der Stadt, die unter massivem „Aufwertungsdruck“ steht – so schreiben es zumindest klagend die Kollegen der Münchner Presse. Andere empfinden das als Werbung für die Wohnlage, wollen auch zu den Gewinnern gehören, und bewerben sich darum, hier mieten zu dürfen. Es kann sein, dass man bei so einer Werbung mit Gewinnertyp schlucken, viel schlucken muss, aber das Schlimme ist: So sieht eben auch die Realität aus. Das ist genau der Typus, der sich hier um die Mietwohnungen anstellt, die untere Mittelklasse der Funktionsträger, aufstiegswillig, erfolgsorientiert und bereit, für die richtige Adresse auf der Visitenkarte ordentlich zu zahlen. Einmal musste ich hier per Inserat vermieten, einmal ging es nicht über Beziehungen: Das meldete sich genau dieses Publikum. Im ersten Satz steht schon Stellung und Gehalt. Man will weg vom Mittleren Ring, wo jeder wohnt, hin zu den Vierteln, wo die wohnen, die nicht jeder sind. Aber vermutlich würden sie auch so jubeln, falls ihnen jemand dann einen Monat die Miete finanziert.

Ich verpasse im Grau der Häuser und Gedanken die Ausfahrt nach Pullach, fahre über die Isar und nehme den Umweg durch Grünwald und reizende Villen in Kauf, um dann weiter südlich im strahlenden Sonnenschein bei Höllriegelskreuth den Fluss erneut zu überqueren. Sol lucet omnibus kann auch nur sagen, wer die bevorzugte Wohnlage im Münchner Süden nicht kennt. Gut zusammenpassen würden sie ja, das Radiomädchen und der Anzugreinigungsmann, Doppelverdiener wären sie und das Fernziel würde hier liegen, wo man dazu übergeht, die alten, verschwenderischen Villen mit ihren Treppenhäusern und Walmdächern abzureissen, und Mehrfamilienhäuser zu bauen, die dem gleichen Zweck wie der raumoptimierte Architekturbrei am mittleren Ring huldigen. Würden sie eine Wohnung bekommen, dann würde sie auch die Augen so aufreissen und er die Faust ballen. Geschafft. Und nach etwas Suchen finde ich auch die Villa oberhalb der Isar, wo das Gemälde auf mich wartet.

mietfreid

Es ist eine stete Frage der christlichen Ikonographie – besonders in bürgerlichen Kreisen, die sich ihren Weg an die Spitze unter Lösung von der Kirche und ihren Normen selbst bahnen mussten – warum der Mensch über Jahrhunderte gern Abbildungen von Glauben und Gehorsam und Leid angeschaut hat. Die grossen Themen des Christentums sind Unterwerfung und Schmerz und die dadurch erreichte Verklärung, und das mag uns heute seltsam erscheinen. Ich kaufe so etwas aus kunsthistorischem Interesse, und weil in meiner Küche noch Platz ist. Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, was einmal sein wird, wenn ich umziehen müsste, weil es eine abhängige Beschäftigung oder eine andere Mietwohnung verlangt; das sind eben die kleinen Vorteile, die man hat. Ich mag es, wenn meine Bilder auf Betrachter etwas schräg wirken.

Aber keines davon ist so schräg wie die Ikonographie der Moderne und der Werbebotschaften, wo das Seelenheil und alles Glück von einem Anruf eines Dudelfunks oder einem sauberen Anzug abzuhängen scheint. Man empfindet das als normal. Man wird davon offensichtlich angesprochen, und es ist der Horizont der Empfindungen. Keine Erlösung, keine ewige Glückseligkeit, kein angenehmes Jenseits. Ein Monat mietfrei, bevor es ans Weiterzahlen geht, und eine saubere Berufskleidung, die bald wieder in die Wäsche muss. Das ist die Ikonographie der Gegenwart, und da nimmt es dann auch nicht wunder, wenn, relativ dazu, die Ikonographie der Vergangenheit mit ihrem ewigen Anspruch heute auch nicht mehr wert ist, als ein bald unmoderner Anzug oder ein vergessener Monat ohne Miete.

22. Feb. 2015
von Don Alphonso
59 Lesermeinungen

18
8429

     

14. Feb. 2015
von Don Alphonso
47 Lesermeinungen

25
24293
     

Pornoskandal im feinsten Lehel

Nudus ara, sere nudus, hiemps ignava colono
Vergil

Stellen Sie sich vor, Sie wären reich. Steinreich. Reich genug, um sich ein Grundstück in der feinsten Lage der teuersten Stadt leisten zu können, hundert Meter lang und fünfzig Meter breit, direkt an der Isar und zentral gelegen. Und reich genug, ein Haus neben dem nächsten hinzustellen, sieben Stockwerke hoch und nur mit den besten Materialien. Eingänge aus schwarzem Marmor, vier Meter hohe Decken, Flügeltüren, dickes Parkett, getäfelte Wände. Sie schaffen es einem Architekten an, und der baut das für Sie. Einen ganzen Strassenzug. Und dann kommt der Architekt und fragt Sie, was Sie als Kunst am Bau haben möchten.

Nun, sagen Sie und schenken sich einen Cognac ein, lehnen sich zurük in Ihren Sessel und schauen mokant lächelnd himmelwärts, mein lieber Herr Baumeister, Sie werden so freundlich sein, über das Portal zwei splitterfasernackt posierende Knaben zu machen, vielleicht 4 Jahre alt, die den Hintern zusammen kneifen, den Penis vorzeigen, und dicke, wurstartige Girlanden schleppen.

lehela

Knaben mit dicken Dingern, ist notiert.

Und dann, sagen Sie, im Treppenaufgang, wo es dann etwas privater wird, hätte ich gern noch mehr nackte Knaben. Prall, mit Babyspeck, auf jedem Stockwerk einen, neckisch, gell, man soll ja was zum Anschauen haben, wenn man nach oben geht. Ganz einfach, viele nackte Knaben. Bitte die beste Ausführung, es darf ruhig was kosten. Bleiglas, verziert.

lehelb

Wenn Sie das vor einem Jahrhundert gesagt hätten, hätte sich niemand etwas dabei gedacht und es exakt so wie gewünscht gebaut – und so steht es übrigens auch tatsächlich an der Isar. Würden Sie das aber heute verlangen, kämen Ihre Verwandten zum Schluss, dass Sie neben einer untragbaren Vorliebe auch noch einen krankhaften Exhibitionismus haben – man würde Sie in ein Sanatorium in die Schweiz verfrachten und entmündigen lassen, bevor solche Motive einen Skandal verursachen und Sie das Geld Ihrer Erben anderweitig schmälern. Schliesslich haben wir nach Jahren der Panikmeldungen, dem Fall Edathy und der Nichtberücksichtigung des Umstandes, dass Kindesmissbrauch ursächlich weniger im Internet denn in Familien und in der Realität stattfindet, ein verschäftes Gesetz, und das besagt.

§ 184b Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornographischer Schriften
(1) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer

1. eine kinderpornographische Schrift verbreitet oder der Öffentlichkeit zugänglich macht; kinderpornographisch ist eine pornographische Schrift (§ 11 Absatz 3), wenn sie zum Gegenstand hat:
b) die Wiedergabe eines ganz oder teilweise unbekleideten Kindes in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung oder
c) die sexuell aufreizende Wiedergabe der unbekleideten Genitalien oder des unbekleideten Gesäßes eines Kindes.

Nun.

lehelc

Das war übrigens noch bei weitem nicht alles. Die Darstellungen im Treppenhaus können in einer Zeit wie der unseren, die voll von möglichen erotischen Anspielungen ist, auch, sagen wir mal, eine weitere Bedeutungsebene bekommen. Der Krieg etwa ist ein Kind, das eine Lanze hält und es gehört gar nicht viel dazu, an dieser Stelle tatsächlich an die Ephebenliebe der klassischen Antike zu denken. Der Schmutz ist hier im Kleide des Denkmalschutzes und der allegorischen Anspielung, aber jeder würde heute wohl zurückschaudern, ginge es darum, sein Haus so zu verzieren.

Auch der Friede, der mit der Palme wedelt, ist nicht nur nackt, sondern auch anspielungsreich und ich möchte betonen, dass ich dieses Haus, diese Treppen hier seit fast einer Dekade kenne und nie den Eindruck hatte, jemand würde sich an diesen Darstellungen irgendwie erregen. Sei es nun sexuell oder moralisch. Die meisten finden das einfach nett. Hübsch. Man gewährt der Vergangenheit ganz selbstverständlich eine gewisse Toleranz, bekommt aber auf der anderen Seite Zustände, wenn es im Kindergarten einen männlichen Erzieher gibt. Oder die Kinder etwas komisches im Internet machen könnten. Wie definiert man eigentlich „unnatürlich geschlechtsbetonte Körperhaltung“ in einem Treppenaufgang, wo lauter nackte Kinder auch mal Tiere halten?

lehele

Da ist nun mal das alte Europa, das beste alte Europa unter dem Prinzregenten in Bayern, als München leuchtete, im klaren Konflikt mit unseren heutigen Moralvorstellungen, da wir nun empfindsamer sind und die Problematik besser verstehen und eben keine nackten Kinder über die Hauseingänge setzen. Wir wissen zudem, wie die Graubereiche des Gesetzes im Zweifelsfall gegen uns ausgelegt werden können, und bremsen uns lieber präventiv ein. Kurz, wir benehmen uns wie ein katholischer Kardinal der Spätrenaissance, dem die Lutheraner mit ihrer Entsagung den Spass ruiniert haben und der nun keine nackten Frauen mehr an den Wänden haben will, keine griechischen Götter beim Beischlaf und keine Unzucht – und deshalb einen der schlechteren Maler namens Daniele da Volterra im Rahmen von Sitte und Anstand beauftragt, da doch ein paar Stoffe vor die allzu kompromittierenden Stellen zu pinseln. Und danach noch mindestens eine heilige Cäcilie und eine Kreuzabnahme daneben. Frechere Maler, wie etwa Agostino Carracci, dessen pornographische Kupferstiche teilweise auch nach unserem Verständnis eindeutig strafbar wären, bekamen dagegen damals ebenfalls Ärger mit der Obrigkeit.

Nun haben wir also in besseren Kreisen derartige Häuser und gleichzeitig neue Gesetze. Vielleicht wäre es sinnvoll, wenn wir uns auch solche Hosenmaler, solche Braghettoni für unser puritanisch-awares und von Safe Spaces geprägtes Zeitalter beschaffen würden, auf dass kein empört schnell Hochsteigender ein Trauma bekommt und schon wieder einen Psychiater braucht. Allenthalben liest man bei uns, in Berlin gingen Galerien pleite, während kunstsinnige Uniabsolventen dort keine Arbeit finden und dann den Strukturen des Kunst- und Literaturbetriebs mit ihren verfehlten Vorstellungen auf der Tasche liegen: Eine Hose werden sie hoffentlich noch pinseln können. Oder etwas Medienkunst davor hängen, was man leicht wieder entfernen kann, wenn die allgemeine Empörung wieder nachgelassen hat. Besorgte Eltern besetzen hierzulande obendrein die Plätze und fordern weniger Sexualkunde an den Schulen, und im grünen Kalifat Kreuzberg geht man gegen angeblich sexistische Werbung vor: Wir leben in aufregenden Zeiten und können auch nicht mehr den Prinzregenten bitten, dieses Gschwerrl von der Gendamerie von der Strasse putzen zu lassen, wenn es uns nicht passende Vorstellungen hat. Doch, so ein paar Berliner Hosenmedienkunstmaler könnten wir hier schon brauchen. Es gibt solche Darstellungen ja auch in der Fraunhofer Strasse. Und auch als Kunst gerahmt in der Alten und Neuen Pinakothek. Die Kupferstichsammlung hat auch Carracci, fällt mir ein.

leheld

Und dann all die Barockkirchen – überall hängt hier was rum, wird etwas hergezeigt und wolllüstig gespielt. Es gibt viel zu tun bei uns in Bayern, um das Land auf den ethischen Standard von Gesetz und Jugendschutz zu bringen. So entlasten wir dann auch Berlin von ihrer Kreativzene, und wer weiss, vielleicht wird dort dann auch weniger gemalt, geschrieben und die Leute mit Modeblogs belästigt. Und wenn dann überall Hosen sind, beschäftigen wir sie als Putzpraktikanten weiter. Das ist in Zeiten des Mindestlohns immerhin noch nicht verboten und unser gutes Recht, und da lernen sie dann auch was für ihr Leben. Dahinten sehe ich noch Staub auf dem Jeff Koons, sagen wir, sinken in die Sessel und schenken uns noch einen Cognac ein.

14. Feb. 2015
von Don Alphonso
47 Lesermeinungen

25
24293

     

09. Feb. 2015
von Don Alphonso
68 Lesermeinungen

22
13335
     

Noch besser als würdevoll Kinder schlagen

Herr, es ist nur Pappelholz, ganz weich.
Don Camillo

Seiner Heiligkeit Papst Franziskus hat es nun also gefallen, sich nicht ganz ablehnend zur körperlichen Züchtigung von Kinder durch Eltern zu äussern, und er tat dies in Rom. In Berlin hätte er vielleicht angesichts liberaler Erziehungemethoden auch bewerten müssen, wie das Schlagen der Kinder gegen ihre Eltern zu bejubeln ist; ein Verhalten also, für das man uns in meiner Kindheit in Bayern sauber zusammengefaltet hätte, das aber heute recht normal zu sein scheint, und unter dem Schlagwort „freie Entfaltung der Persönlichkeit“ eher als Tugend denn als Verstoss gegen Anstand und Sitte aufgefasst wird. Natürlich mag es der Berliner nicht, wenn so ein römischer Papst die Weltbedeutung seiner Metropole nicht anerkennt und vergisst, liberale Methoden ausdrücklich zu loben, und auch nicht erwähnt, dass jede Unverschämtheit des Kindes ADHS ist und ADHS nur Ausdruck der nicht erkannten Hochbegabung, weshalb momentan die Kritik am Heiligen Vater nicht verstummen mag.

salmoa

Natürlich könnte man sich im katholischen Bayern – und wie man vielleicht weiss, wohne ich in jenem Jesuitenseminar, das seinerzeit fast schon ein zweites, ketzerverbrennendes Rom war – einfach hinstellen und auf die unergründlichen Wege Gottes vertrauen, denen zufolge dreisten Heiden, lautstarken Ungläubigen und den Ketzern der lutherischen Lehre später im Jenseits für die Kritik eine Behandlung droht, die weitaus übler als die paar Watschn ist, die hier in Bayern als gelebtes Brauchtum des geselligen Beisammenseins gelten. Ein Volk, das früher zu Lichtmess traditionell Stechereien mit dem Hirschfänger abhielt – „Licht aus, Messer raus“ war ein oft vernommener Aufruf in die Gaststätten – hat nun einmal eine andere Auffassung zum Grenzwert, der Fürsorge von Gewalt trennt. „A Watschn“ ist wangenrötend nett, „A Fotzn“ ist an der hämatombildenden Grenze und „oane einebetonian“ richtet sich gegen den festen Sitz der Zähne und wird wirklich als feindlicher Akt gewertet. Man sieht also, dass angesichts des sprachlichen Feingefühls meiner Landsleute durchaus eine genauere Erläuterung des christlichen Erziehungsgewaltbegriffs durch den Papst von Nutzen ist.

Und man sollte bei allem Entsetzen vielleicht auch nicht vergessen, dass es hier Lehrern noch ein den Ochzga Joahn vom letzten Jahrhundert auf dem Lande passieren konnte, dass Eltern beim Elternabend erklärten, welche Art Schläge sie angemessen finden und welche davon man dem Lehrpersonal überlassen möchte. Schlimm waren diese Zeiten, aber mancher Lehrer, der sich heute mit dem Anwalt der Eltern herumschlagen muss, weil deren Bratzen keinen Übertritt an die Gymnasien bekommen, wird im direkten Vergleich fast etwas milde werden. Wie auch immer, die Zeiten ändern sich und es ist zu vermuten, dass die generelle Wertschätzung des Kindes auch weiterhin nicht berücksichtigen möchte, dass da auch nur die Zukunft der Zerstörung des Planeten heranwächst.

salmob

Das fängt schon im Kleinen an. Was ich immer wieder höre, ist der Ärger um die Gnaschigkeit des Nachwuchses. In der Jugend meiner Eltern kannte man das nicht, da war man froh, wenn man überhaupt etwas hatte. In meiner Jugend wurde zwar nach den Vorlieben gefragt, danach dann aber gegessen, was auf den Tisch kam. Heute dagegen wird verweigert, nicht aufgegessen und zurückgeschickt, dass man sich als nicht Betroffener nur wundern kann. Natürlich sollte das Herz für die Kindlein schlagen und bei den alten Leuten berücksichtigen, dass sie ihr Leben schon hatten. Aber letzthin war ich beim Kloster Reutberg zwischen einem alten Ehepaar, das die Portion nicht schaffte und sich den Rest einpacken liess. Und überforderten Eltern, deren Kinder das Essen erst kaputtspielten, hineinspuckten und dann aufstanden, um das Elend jenen zu überlassen, die dafür zu zahlen hatten. Ich bin der Meinung, dass die alten Herrschaften ruhig länger diese Welt bevölkern sollten und ich weiss auch, dass mich meine Eltern bei so einem Kinderverhalten – also, ich kann das nur vermuten, bei uns war klar, dass man sich so etwas nicht leisten kann. Da blieb man auch sitzen und entschuldigte sich, wenn man sich erhob.

Das neue Verhalten ist dann tatsächlich der entwürdigende Moment des Umgangs mit der Schöpfung. Viele weniger heilige Väter schauen dann verzweifelt und fragen sich, warum sie Bratzen etwas biologisch Gutes bestellen wollen, wenn die nur den Dreck der Fastfoodketten und Süssigkeitenmultis in sich hineinstopfen, aber die Rohrnudel nur anstochern, die Haut auf der Vanillesosse beklagen und dann nach dem iPad krähen. Da könnte einem im vorgewaltausübenden Umfeld schon mal die Hand ausrutschen oder zufälligerweise ein Watschenbaum umfallen. Schliesslich ist so ein Verhalten auch noch teuer, und so kommt man tatsächlich vielleicht nicht mehr von Federn auf Stroh, aber auch nicht zur eigenfinanzierten Immobilie im Voralpenland. Ich finde, es gibt schon Momente, da könnte man darüber reden, wie man dafür sorgt, dass die Würde der Eltern nicht so abgefotzt wird.

salmoc

Ich bin bekanntlich wohlgeraten und mein Benehmen wird allgemein gerühmt, und das Erfreuliche ist, dass zu diesem Ziel einen Mittelweg zwischen der Faust des Heiligen Vaters und dem modernen, hilflosen Versager mit sanfter Biofrau und den Nurdasbestefürdiekindern gibt – nämlich das, was meine Eltern mit dem Rotzlöffel gemacht haben, der ich gewesen bin. Ich hatte natürlich auch so meine Marotten und deshalb haben wir Bergurlaub gemacht. Auf einem Bergbauernhof, beim Louis. Und der Louis hat in seiner grossen, schwarzen Küche für alle gekocht. Mit drei Gängen, aber halt nur jeweils ein Essen am Samstag. Man mag vielleicht denken, dass eine grössere Auswahl fein gewesen wäre, und so wurde man am Sonntag auch belohnt. Was am Vortag übrig blieb, wurde nochmal verkocht. Und was dann verweigert wurde, wurde am Montag wieder aufgetragen. Freitag wurde meist nicht frisch gekocht, da wurde alles zusammengekocht, was im Laufe der Woche übrig blieb. Das war früher im schönen Südtirol so und auch in Bayern, da hat man nichts verkommen lassen und am Ende ein Gröstl gemacht.

Einmal, ich erinnere mich noch genau, weil ich dachte, ich würde sterben, war am Samstag etwas übrig geblieben, das dann im Freitaggröstl war und danach war ich sehr krank, aber ich habe überlebt und sogar dem Lausbub, der ich war, war einsichtig, dass es nur einen Weg gibt, dem Gröstl zu entkommen: Indem ich vorher alles wegputzte. Man muss dazu wissen, der Hof vom Louis lag am Berg und da konnte man zwar Preiselbeeren zupfen, aber nicht zu einem Supermarkt. Man bekam auch genug. Und ich habe zwangsweise aus Angst vor dem Gröstl alles probiert und dort zum ersten Mal den heute heissgeliebten Kaiserschmarrn gegessen, den ich bis zu diesem Zeitpunkt ohne Probieren abgelehnt hatte, weil ich lieber Pfannkuchen und Marmelade wollte. Das Verhalten haben mir die Salmonellen im Gröstl ausgetrieben, und keiner musste mich deshalb würdevoll schlagen. So eine Salmonelle kam wohl öfters vor, da hat ausser dem Erkrankten keiner ein Gschiess sich keiner Gedanken drum gemacht und ein paar Tage später bekam ich schon wieder Eis in Brixen. Ein Guter hält es aus und einen Schlechten muss man auf diese Art und Weise dann nicht im Bergwald aussetzen.

salmod

Gut. Gröstl mag ich bis heute nicht. Aber auf ewig wird die Frage im Raum stehen, wie man den richtigen Weg bei der Aufzucht beschreitet, so uns denn nicht der Russe ins Haus fällt und den Krieg beschert, von dem bei uns immer die Rede war, wenn man sich zu sehr anstellte. „Es müsste mal wieder ein gscheider Krieg kommen, dann wirst Du …“ war auch so eine in Bayern übliche Drohung, bei der sich keiner etwas dachte, und die heute vermutlich wieder sprachfeinfühlige Antidiskriminierungsmütter in Trab setzen würde, auf dass kein Kinderohr ein Trauma bekommen sollte. Das will ich natürlich auch nicht, und würde deshalb die Salmonelle einfach als gottgegebes, homöopathisches Naturprodukt werten wollen. Die Schöpfung weiss schon, was sie tut, man mus ihr nur Wirkungsmöglichkeiten geben – dann geht es auch ohne Schläge, Rizinus und Kapitulation vor der Unmoral der Kinder.

09. Feb. 2015
von Don Alphonso
68 Lesermeinungen

22
13335

     

05. Feb. 2015
von Despina Castiglione
80 Lesermeinungen

15
11842
     

Gespeichert und verdammt in alle Ewigkeit

Wenn man möchte, dass etwas gut wird, muss man meistens entweder Geld in die Hand nehmen und jemanden bezahlen, der Ahnung und Zeit hat, oder man macht es selbst. Gutes braucht eine gewisse Sorgfalt, und die braucht eben Zeit, und wie es mit der Zeit und dem Geld ist, nun, das ist allgemein bekannt.

Deshalb wasche ich beispielsweise meine Strümpfe von Hand, vor allem die Guten aus Nylon, weil sie auch nicht ganz billig sind und die Waschmaschine ihnen nicht gut tut. Anfangs musste ich mich überwinden, denn ich bin eher praktisch veranlagt, und wenn ich schon eine Waschmaschine besitze, möchte ich sie eigentlich auch gerne verwenden. Aber die Ergebnisse –sowohl im negativen Bereich die der Maschinenwäsche, als auch die positiven mit der Handwäsche- haben mich überzeugt, und ich stelle mich regelmäßig ans Waschbecken und betrachte das Strümpfewaschen schon fast als meditative Übung. Sie dürfen sich das gerne klischeemäßig vorstellen, ich höre Musik und singe unter Umständen sogar mit. Vielleicht tanze ich auch um das Waschbecken herum, zu viel verraten soll man ja aber auch nicht.

schugea

Ab und zu muss ich schmunzeln, wenn ich ein bestimmtes Paar zur Hand nehme, und hübsch aussehen tut es obendrein, wenn ich die Sachen zum trocknen aufhänge. Es macht mir wirklich mittlerweile Spaß, und trotzdem ist es Arbeit. Aber das Ergebnis lohnt, wie ich finde. Meine Strümpfe halten, seit ich sie von Hand wasche, mindestens drei Mal so lang. Ich mag es einfach, wenn etwas gut gemacht ist. Man muss sich halt nur etwas Mühe geben.

Deswegen habe ich auch vorhin Strümpfe gewaschen. Wegen der Notwendigkeit einerseits, aber auch wegen des meditativen Aspekts und des sich angesichts der ordentlich auf der Leine hindrapierten Strumpfwaren einstellenden Wohlgefühls.

Besonders gut war es nämlich um mein Wohlbefinden nicht bestellt, nachdem ich zur Kenntnis genommen hatte, worauf sich die Regierenden in Sachen Prostitutionsgesetz, das ja wahrscheinlich bald Prostituiertenschutzgesetz heißen wird, geeinigt hat.
Ich will jetzt nicht sagen, dass man sich nicht bemüht hätte.
Bei neuer Kleidung liest man halt den Waschzettel, oder man hört auf jemanden der sich auskennt. Ich habe ja keine Ahnung, wie man das macht, wenn man ein Gesetz entwirft. Auf jeden Fall sicher anders.

Wie dem auch sei, ich und meine geschätzten Kolleginnen, wir bekommen jetzt endlich „Schutz und Schirm“ für unsere beglückende Tätigkeit, zumindest wenn ich dem Herrn Weinberg von der CDU glauben schenke.  Für mich sieht das von Ferne momentan noch eher aus, als legte man den Huren doch eher Steine in den Weg, vor allem, falls sie jemals wieder in einem anderen Bereich Fuß fassen möchten, aber es ist ja auch alles noch ganz frisch und ich bin sehr gespannt, was genau in diesem Gesetzesentwurf stehen wird.

schugec

Das mit den Steinen, die einem für einen eventuellen Ausstieg in den Weg gelegt werden, kann mir persönlich relativ egal sein, ich fühle mich mit meinem Job wohl und werde wohl im Rotlicht alt und runzlig werden und niemals nicht in ein bürgerliches Angestelltenverhältnis zurückkehren. All jenen, die aber irgendwann mit der Sexarbeit abschließen wollen, vielleicht weil ihnen die eben doch spezielle Arbeit mit Sex doch nicht so gut tut, wie sie dachten, oder das Studium irgendwann nun mal vorbei ist, kann das aber nicht egal sein. Denen, die immer fordern, der Ausstieg aus der Sexarbeit müsste erleichtert werden, eigentlich auch nicht.

Der mir angedachte Schutz und Schirm schaut also so aus, dass ich mich nach einer verpflichtenden „Gesundheitsberatung“, welche durch einen Arzt oder vielleicht auch beim Gesundheitsamt, aber eben ganz sicher nicht mehr anonym erfolgen kann, bei einer noch nicht näher bezeichneten Behörde anzumelden habe, um legal arbeiten zu können. Diese Behörde wird wohl kaum keine geringere sein wird als die jeweils örtlich zuständige Polizei, hätte man nicht auf eine Sonderregelung abgezielt, man hätte ja das Gewerberecht bemühen können. Über meine Anmeldung bekomme ich dann eine Bescheinigung, die ich auf Verlangen vorzeigen muss, um nachzuweisen, dass ich eine aufgeklärte, selbstständige und freiwillig handelnde Person bin.

Sollte jemals eine Kundschaft sich erdreisten, nach dieser Unsäglichkeit zu verlangen, werde ich der Bitte selbstverständlich gerne nachkommen. Nachdem ich den Personalausweis der Gegenseite zum Zwecke der korrekten Rechnungslegung abfotografiert habe, natürlich. Es soll ja alles seine Ordnung haben, nicht wahr? Nein, Papierrechnung per Post nachhause kostet nicht extra, ich werde schließlich nach Zeit bezahlt, und habe als kluge Geschäftsfrau den Verwaltungsaufwand mit einkalkuliert.

Dankenswerterweise bin ich alt genug, um nur alle zwei Jahre vorstellig werden zu müssen, Kolleginnen unter 21 dürfen sich jedes Jahr neu anmelden. So hält man den Datenbestand aktuell, die jungen Dinger sind ja so unglaublich sprunghaft und wissen nicht, was sie wollen.

schugeb

Durch die Verknüpfung von relativ engmaschiger „Gesundheitsberatung“ und Anmeldepflicht entstehen also hübsche Datensätze, sogar mit detaillierten Bewegungsprofilen, weil die Sexbranche nun mal eine ist, in der die Dienstleistenden relativ mobil sind. Manche, so habe ich gehört, fährt gerne zum arbeiten in eine andere Stadt, wegen der vielgerühmten Toleranz und Anerkennung, die unsereinem ja ständig entgegengebracht wird.

Wissen Sie, ich bin von wenigen Dingen so überzeugt, wie davon, dass diese umfangreichen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl auch in finanzieller Hinsicht auf Kosten der Betroffenen erstellten Datensätze bei jeder Gelegenheit gegen sie verwendet werden. Ich denke mit Schaudern zum Beispiel an die Alleinerziehende, die vom nichtzahlenden aber rach- oder eifersüchtigen Expartner im Namen der moralischen Reinhaltung an den Karren gefahren bekommt, wenn sie das Geld für die lieben Kleinen zusammenvögelt, weil der Mindestlohn nach Abzug der Kitagebühren kaum mehr für die Miete, geschweige denn für den Sportverein oder die Klassenfahrt reicht. Da wird sicher einiges an schmutziger Wäsche gewaschen werden, nur sicher weniger zartfühlend als bei mir daheim.

Und das ist noch eine Kleinigkeit, ich mag mir gar nicht vorstellen, vielleicht bin ich auch einfach nicht boshaft genug, das zu können, welchen Missbrauch man mit diesem perfiden Konstrukt aus scheinheilig-pseudofreiwilliger Beratung, Sonderregistrierung und durchgängiger Kontrolle treiben kann. Personenbezogene Gesundheits- und Sozialdaten womöglich bei der Polizei, früher oder später aller Wahrscheinlichkeit nach länderübergreifend vernetzt gespeichert und laufend aktualisiert. Und das auch noch flächendeckend als Schutz, Fürsorge und Empowerment verkauft. Respekt. Keinem anderen Berufsstand würde man solche Arbeitsbedingungen zumuten. Schon gar nicht Politikern, die sich für Vorträge bei Banken und Lobbyistenvereinen bezahlen lassen. Oder Lobbyisten, die Politikern gern in vielfältiger Weise zu Diensten sind, wenn die Gegenleistung passt.

Hauptsache aber, es erklärt den armen Frauen mal jemand, wie man Kondome benutzt. Weil, dass man das jetzt muss, steht ja dann auch im neuen Gesetz, und wer weiß, ob die Kolleginnen im Bordell das mit den Kondomen so drauf haben.

schuged

Und damit komme ich zu einem der Punkte, die ich loben muss: Die Kondompflicht. Für die Kunden. Endlich. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es genug Wahnsinnige gibt, die ungeschützten Verkehr nachfragen, und leider zu viele arme Seelen, die diese Nachfrage zu bedienen bereit sind, weil sie solch unangenehmer Kundschaft (es sträubt sich etwas in mir, dieses Wort zu verwenden) nichts entgegenzusetzen, dafür aber einen wahnsinnigen Erwerbsdruck im Rücken haben. Wenn da nur eine mit dem Verweis auf die neue gesetzliche Regelung ihrer Kundschaft die Lümmeltüte aufzwingt und sich vor welchem Unbill auch immer, der mit ungeschütztem Verkehr nun mal einhergehen kann, schützt, ist es ein Gewinn.

Und es wird niemandem schaden, wenn der Gesetzgeber klar stellt, dass die holde Männlichkeit in Gummi zu packen gefälligst in der Pflicht und Verantwortung des Kunden selbst liegt, weil alles andere einem körperlichen Angriff auf die Sexdienstleisterin gleich kommt.

Die bisher beispielsweise in Bayern bestehende Regelung, Sexdienstleistende für ungeschützten Verkehr zu bestrafen, ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, weil sie dafür sorgt, dass je schwächer, also abhängiger von dem verdienten Geld die Dienstleistende ist, um so höher ihre Erpressbarkeit durch bösartige Kunden. Gerade in Kombination mit den Sperrbezirksverordnungen entstehen da Konstrukte, bei denen man sich nur die Haare raufen kann, weil immer die Sexarbeitenden die Zeche zahlen, während übergriffige Kunden beruhigt nachhause gehen und ihre weiter ihre Keime verteilen können, weil sie weder von Bußgeldern noch Haftstrafen bedroht sind.

schugef

So schaut das aus, das ist nicht schön, aber das ist die Realität und der Arbeitsalltag der ach so anerkannten und super geregelten Prostitution in Bayern, das ist Schutzpolitik nach christsozialem Verständnis, zur Not eben zu Lasten des zu Schützenden.

Ich bin ja sehr dafür, es bei den Sperrbezirken, wenn man wirklich seitens der Politik glaubt, dass man sie braucht, genau so zu handhaben, wie man es jetzt bei den Kondomen zu tun gedenkt: Wer die Musik bestellt, der zahlt. Wer eine Sexdienstleistung im Sperrbezirk nachfragt, wird bestraft. Insgesamt bin ich dafür, das diejenigen, die Verwerfliches tun, dafür zur Rechenschaft gezogen werden. So kompliziert ist das eigentlich doch gar nicht.

Mir deucht aber, dass es bei dem, was man sich für die Prostituierten jetzt ausgedacht hat, eben wieder nicht darum geht, die Sexdienstleistenden besser zu stellen. Die Kondompflicht für Freier ist ein Bonbon, mehr nicht, hingeworfen um sagen zu können: „Schaut, wir stärken die Dienstleistenden gegenüber den Freiern!“ Der Rest ist Kontrolle, Sonderbehandlung und Ausgrenzung aus dem normalen Wirtschaftsleben, ist Datensammelei und ganz sicher nicht das, was man als einen mutigen Schritt hin zu Normalisierung, Anerkennung und Entkriminalisierung -also schlicht heraus aus der Grauzone und hinein in die Gesellschaft, zu der wir eh gehören, bezeichnen hätte können.

05. Feb. 2015
von Despina Castiglione
80 Lesermeinungen

15
11842

     

02. Feb. 2015
von Don Alphonso
63 Lesermeinungen

15
12054
     

Sittliche Vervollkommnung für die mietenden Massen

Das ist keine brutal gefertigte Gänseleberpastete. Das ist eine Trüffelunterlage.

„Guten Tag“ sagte die K.

„Grüss Gott“, sagte der unscheinbare Mann im Trachtenmantel, lüpfte angedeutet des Hut, lavierte sich zwischen der K., den Briefkästen und mir hindurch, und verschwand durch die kleine Dienstbotentür in den Hof, wo es zum Hinterhaus geht.

mieths

„Das ist der Herr von P.,“ erklärte die K., nachdem die etwas schäbige Dienstbotentür ins Schloss gefallen war, „aber er will nicht, dass man um ihn viel des Aufhebens macht.“ Der Herr von P. nämlich habe zwar in seiner Familie auch viel Niedergang gesehen, und besitze kein Palais mehr und kein Schloss auf dem Lande, wie noch seine Vorfahren, aber seine Urgrossmutter wäre geschäftstüchtig gewesen und hätte das Geld in drei Häser gesteckt. Fünf Stockwerke hoch, jetzt mit den ausgebauten Dachstühlen sogar sieben, und dort, wo früher das grossbürgerliche München vom Hochufer aus auf die Isar schaute, mieten jetzt Praxen, Kanzleien und Vertretungen jene Liegenschaften, die eine gute Adresse, Nähe zum Landtag und den in keinem Neubau möglichen Geruch von altem Vermögen erhalten möchten.

Drei Häuser in Flussnähe also besitzt Herr von P., dieser unscheinbare Mann im Trachtenmantel, und er wohnt mit seiner Familie im grosszügig ausgebauten Hinterhaus. Ansonsten weiss man aber so gut wie nichts über ihn, denn wer hier wohnen, arbeiten und mieten möchte, muss sich an Makler wenden. Die Hausabrechnungen macht eine Firma, den Schnee räumt eine Firma, es gibt am schwarzen Brett die Nummer eines Schlüsseldienstes, einer Klempnerei und anderer nützlicher Helfer. Was es nicht gibt, ist Herr von P., Denn er lebt zwar offensichtlich gern von den Einnahmen, die er hier erzielt, aber er will keinen Kontakt zu seinen Mietern. Und die Mieten sind nun mal so hoch, dass all die Bediensteten, die die Abwicklung übernehmen, finanziell nicht sonderlich ins Gewicht fallen. Die Putzfrauen, Makler und Hausmeister finden sich letztlich mit Aufschlag in den Rechnungen wieder, die hier für Steuervermeider, Investoren, Privatversicherte und Kunstkäufer ausgestellt werden. So hat ein jeder seine Ruhe und sein Auskommen.

miethc

Und so wie Herr von P. wären auch andere Vermieter gern. Nicht jedem sind jene Kiemen am Hals angeboren, die Miethaie auszeichnet, nicht jeder hat den nötigen Biss und die Fähigkeit, die richtige Kundenbeute zu erhaschen. Früher war das anders, da stapelten sich die Klassen vertikal, im Erdgeschoss war das Geschäft, im ersten Stock wohnten die schönen und besitzenden Leute, im zweiten Stock vielleicht noch Herrschaften und darüber, zusammengepfercht und stets etwas tuberkulös, die rechtlosen Mietsleid, die, so berichtet es zumindest meine Familiengeschichte, früher bei schlechtem Benehmen einfach vor die Tür gesetzt wurden. Da hatte man noch miteinander zu tun, da sass man aufeinander, und es gab auch keine Makler – da musste jeder selbst schauen, wo er blieb. Herrschaften konnten damals bis zu fünf Sprachen, nämlich Französisch, wenn es um das Böfflamot ging, Englisch, Hochdeutsch, Bayerisch und Schleifmühlerisch. So konnte man Gäste empfangen und sich auch allen Arten von Mietern verständlich machen. Hosd me?

Aber nach dem zweiten Weltkrieg änderte sich das Siedlungsverhalten der Menschen, und so entstanden die besseren Westviertel und die schlechteren Blockviertel. Man kannte sich gar nicht mehr, man sprach nicht die gleiche Sprache und wenn doch, verstand man sich nicht – wie es halt so ist, wenn am Ersten eines Monats bei den einen genug Geld oder wenigstens Dispo auf dem Konto sein muss, um die Miete zu bezahlen, und bei den anderen am Zweiten Geld da ist, für das scheinbar niemand einer Erwerbsarbeit nachgehen muss. Das ist natürlich nicht wirklich so, aber die Kinder wachsen mit diesem Gefühl auf, und verstehen nicht, was die anderen empfinden. Gleichzeitig aber wird den besseren Kindern nur jene gehobene Sprache antrainiert, die in Baracken und später Blocks nicht gelehrt wurde – von wem auch. Wer das konnte, zog in einen besseren Stadtteil, machte Karriere und investierte durchaus in Mietwohnungen, deren Verwaltung und Vergabe er dann aber anderen überliess. Bei uns ist das übrigens anders, ich habe wirklich Miethaiblut in den Adern, mir macht das Spass – und so gut wie niemand versteht das. Warum sollte man das tun, es gibt doch Makler. Sicher, der Makler ist verhasst, weil er relativ viel Geld von Bedürftigen bekommt, ohne dafür viel zu arbeiten, Dass er aber auch die Kneifzange sein kann, mit der man schichtübergreifend Geschäfte machen kann, hat sich noch nicht vollends herumgesprochen. Und er ist in dieser Funktion eigentlich wichtiger denn je.

mietha

Denn leider gilt in dieser Gesellschaft der Wucher zwar als Leitbild – der Ruch, ein Wucherer zu sein, ist dagegen nicht erstrebenswert. Wir sind schliesslich die Guten und das erkennt man daran, dass man nichts Schlechtes tut. Einen Makler einschalten ist gesellschaftlich akzeptabel. Unter vielen Bedürftigen einen Mieter selektieren und den dann maximal ausquetschen dagegen gilt als unfein. Das ist ein wenig wie mit der Gänseleberpastete oder Sushi: Man darf sie gern servieren. Nur die Brutalität, die damit einher geht, das Morden und Quälen, die sollte man besser nicht erwähnen. Man hätte gern das Filet, ohne es selbst auslösen zu müssen, oder gar ein Tier umzubringen – so zart und fein sind wir im Westviertel geworden, und der Makler gehört da nun mal dazu wie das Bolzenschussgerät und der Tiertransporter auf der Autobahn, während man selbst zum Feinschmeckerempfang in die Altstadt radelt. Und sollte man den Mieter doch einmal treffen und etwaige böse Geschichten über ein paar Hunderter extra hören, die im Heizungskeller als Vermittlungsgebühr verlangt wurden, gibt man sich eben empört und stellt klar, dass man davon natürlich keine Ahnung hatte und das beim nächsten Mal ganz anders regeln würde.

Muss aber nun der Vermieter den Makler bezahlen, obwohl man so nett und klassenübergreifend ist, ist das natürlich nicht fair und auch nicht gerecht, ja es kann sogar zu einer gewissen Verbitterung führen. Niemand in der Wissenschaft kann ausschliessen, dass dem netten Herrn von P. nicht vielleicht doch wieder Kiemen wachsen, oder seine Kinder das ururgrossmütterliche Raubfischgen in sich kultivieren, wenn sie wieder selbst vermieten müssen. Es könnte gut sein, dass Teile des Westviertels sich nunmehr im Kontakt mit niederen Schichten bei denselben etwas abschauen, dazulernen und an den Herausforderungen wachsen. Und zwar nach unten. Kurz, ich würde es nicht ausschliessen wollen, dass der Druck zur Privatvermietung auch anderes privatisiert, wie etwa Blutfehden, knallharte Überwachung der Hausordnung und Sanktionen. Bislang ist der Vermieter ja weit weg, jetzt rückt er näher und je besser er einen kennt, desto grösser das Misstrauen. So ein Makler nimmt einen Mieter leidenschaftslos aus, das ist Geschäft. Aber ein Vermieter war früher gefürchtet und nichts kann garantieren, dass sich im Überlebenskampf mit gegnerischen Klassen und ihrem Ikeastarterset nicht die Tugenden der Vorväter Bahn brechen. Und dann werden sie natürlich alle dem alten, sich schüchtern vorbei drückenden von P. ebenso nachtrauern, wie den verständnisvollen und nachsichtigen Honoratioren in den Westviertel. „Du weasd me scho no kenna leana“ ist im Bayerischen nicht umsonst eine schlimme Drohung.

miethd

Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass es dem tendenziell eher links knieenden Mieter gut zu Gesicht steht, die Kluft zwischen den Klassen in angenehmer Weise zu überbrücken. Etwa, indem er sich an einen Vermittler wendet, der es dann übernimmt, ihn der besitzenden Klasse zuzuführen. Man trifft sich dann, unterhält sich ungezwungen ein wenig und nimmt zur Kenntnis, dass der andere gerade auf der Suche nach einer Wohnung ist, um hier nicht nur seine Karriere, sondern auch seine sittliche Vervollkommnung nach den Idealen der Besseren Kreise zu fördern. Wer könnte da abseits stehen, wer könnte sich solchen Wünschen verschliessen, zumal, wenn er zufälligerweise jenem Vermittler vor ein paar Tagen erzählt hätte, dass er eine Wohnung anzubieten hat? Wäre das vielleicht nicht eine glückliche Fügung des Schicksals, dass man sich hier bei Bio-Foie-Gras trifft und sich alles so elegant zu ergänzen weiss? Niemand will doch wissen, dass der Suchende dem Vermittler gegenüber eine Bürgschaft anbot und seine Schufa-Auskunft – wirklich niemand, beim besten Willen niemand will das wissen, das regelt man doch privat, unter Freunden, bitte, nur keine Umstände, verfügen Sie ganz nach ihrem Belieben…

So könnte ich mir das gut und angenehm vorstellen. Denn nicht nur bekommt der Vermieter das gute, menschenfreundliche Gefühl, den Mieter grosszügig geholfen zu haben, auch der Mietende darf sich willkommen und akzeptiert fühlen, und das für den Gegenwert einiger Monatsmieten an Gratifikation für einen wirklich verständnisvollen Kontaktmann. Das hat mit Umgehung der neuen Gesetze so viel zu tun wie ein Schweizer Konto mit Steuervermeidung, da möchte man bitte keine Unterstellung hören, es ist einfach sozial angemessen, wahrt die Form und erhält das gute Zusammenleben unterschiedlicher Klassen. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass die CDU und ihre Kanzlerin solche Ausnahmen, zumal sie wirklich zufällig, nachvollziehbar und sozialverträglich sind, als Nachbesserung ins Gesetz einzubringen bereit sind, auf dass es wieder mehr ein Vermietergesetz werden möchte. Denken sie doch einfach an den armen Herrn von P. auf dem Weg ins Hinterhaus, durch den Dienstboteneingang,

02. Feb. 2015
von Don Alphonso
63 Lesermeinungen

15
12054

     

26. Jan. 2015
von Despina Castiglione
45 Lesermeinungen

20
9370
     

Ode an die Runzligkeit

Bay mir bistu git, bay mir hostu “it”, 
bay mir bistu tayerer fun gelt.“
Sholom Secunda, Bay mir bistu sheyn

Das Schöne an meinem Beruf sind ja die mannigfaltigen Eindrücke, die ich über den Menschen an sich gewinne, und die meine Weltsicht durchaus bereichern. Unterschiedliche Menschen, vielfältige Eindrücke, im stillen Kämmerlein erzählte Geschichten. Schöne und weniger schöne Geschichten, kluge und weniger kluge Gedanken, begnadete und weniger begnadete Liebhaber. Eine ziemlich bunte Mischung, und wenn ich mich mit meinem Utensilienköfferchen auf den Weg mache, weiß ich nie so recht, was mich erwartet. Lebensbeichten, Scheidungsfeiern, Mittagspausenquickies, alles schon gehabt, nicht immer mit Vorwarnung. Aber langweilen kann ich mich später, damit möchte ich jetzt noch nicht anfangen.

Kürzlich wurde ich umgehend nach Betreten des Zimmers zu einer spontanen Tanzeinlage aufgefordert, und es erfordert schon gewisses Maß an Chuzpe, sich vor einem Wildfremden, welcher in Daunenjacke verharrend, auf einem Barhocker sitzend, eine gewisse Erwartungshaltung zum Ausdruck bringt, spontan und nach Möglichkeit bitte auch noch anregend tanzend der Kleidung zu entledigen. Wenn Sie jetzt ein Bild vor Augen haben, das einer gewissen Situationskomik nicht entbehrt, und eine etwas angestrengt dreinblickende Despina beinhaltet, liegen Sie sicher nicht völlig daneben.

despid

Sie sehen, die Tätigkeit als Freudenmädchen kann durchaus persönlichkeitsbildende Aspekte haben, man muss es schon mögen, sich in dieser Form mit sich selbst auseinanderzusetzen. Es gibt sicher weniger selbstkonfrontative Jobs. Wirklich interessant wird es mit der geistigen Gymnastizierung für mich zum Beispiel auch dort, wo es darum geht, welches Verhältnis man zu seiner eigenen und der Körperlichkeit anderer Leute einnimmt. Im Gegensatz zu sehr vielen anderen Tätigkeiten arbeitet man in der Sexarbeit ja auch ganz praktisch mit der eigenen Attraktivität, und hier kommt man sehr schnell an den Punkt, an dem man sich mit der Frage „wie definiert sich meine Attraktivität eigentlich“ auseinandersetzen muss. Letztendlich ist diese Attraktivität die Unique Selling Proposition, denn wenn man sich die „Speisekarten“ der Mitbewerberinnen ansieht, stellt man fest, dass die Angebotspalette an Dienstleistungen begrenzt ist. Sex ist Sex, und so rätselhaft und geheimnisvoll die Sache im Spannungsfeld der zwischenmenschlichen Verwirrung auch ist, das Rad neu zu erfinden wird auch der findigsten Kollegin nicht gelingen. Es gibt eine gewisse Bandbreite an Praktiken, die deckt der Markt ab, aber letztendlich wird die Entscheidung eines Kunden für ein Angebot in den seltensten Fällen davon abhängen, dass eine Dienstleisterin etwas anbietet, das er anderswo nicht bekommen kann. Ausschlaggebend wird die Dienstleisterin selbst sein. Ihre Attraktivität.

Aber was ist das eigentlich, diese Attraktivität? Sie kennen sicher auch die Klagen über das medial befeuerte Schönheitsideal der anorektisch-lasziv dreinblickenden minderjährigen Lolita, das angeblich exakt dem Beuteschema von rund 90 Prozent der männlichen Bevölkerung entspricht.

Ich will jetzt nicht behaupten, den optischen Vorlieben der Mehrheit der männlichen Bevölkerung zu entsprechen, aber obwohl ich weder minderjährig noch anorektisch bin, und das mit dem lasziven Blick auch nicht immer auf Anhieb hinbekomme, habe ich nicht das Gefühl, von den Männern nachgerade verstoßen zu werden.

despie

Was ich kenne, und damit umzugehen musste ich durchaus auch lernen, ist der enttäuschte Blick eines Kunden, der die völlige Entsprechung seiner manchmal wochenlangen Projektionen und Fantastereien erwartet, und dann mit der Realität in Form meiner Erscheinung konfrontiert wird.Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Die Sympathie des ersten Eindrucks reicht aus, um die Lücke zwischen Erwartungshaltung und Realität zu kitten, oder sie tut es nicht. Dann gehe ich eben wieder.

Natürlich fallen solche Momente nicht in die Kategorie „angenehme Situation“, aber einerseits sind sie höchst selten, und andererseits mache ich eben ein Angebot, das der Kunde auch im letzten Moment noch ablehnen kann. Dafür habe ich schließlich auch zu jedem Zeitpunkt die Freiheit, von einem Geschäft mit einem bestimmten Kunden abzusehen.

Jedenfalls, darauf will ich eigentlich hinaus, ich bin nicht der Archetyp einer langbeinigen, schmollmündigen und vollbusigen Femme fatale, und die Lolita nimmt mir auch kein Mensch klaren Verstandes mehr ab.

despia

Allein schon wegen des fraulichen Beckens. Vielmehr habe ich entdeckt, oder entdecken müssen, dass Strumpfhalter nicht nur für manche als Augenweide taugen, sondern im Sommer, wenn man als Frau nicht wirklich gerne Strumpfhosen trägt, vielleicht aber aus dem Alter, in dem man seine nackten Beine ungefragt fremden Menschen unter die Nase hält, schon deutlich heraus ist, ihre unbestreitbaren Vorteile haben. Denken Sie sich einfach Ihren Teil.

Das Entscheidende ist wohl, sich mit dem Körper, den man da nun einmal hat, anzufreunden und das Beste aus den gegebenen Möglichkeiten zu machen. Ich habe eine Leidenschaft für schöne Strümpfe entwickelt, und ich werde mir beizeiten einen hübschen Gehstock beschaffen, der mir nicht nur bei der selbstständigen Fortbewegung gute Dienste leisten, sondern es mir auch ermöglichen wird, mir in der U-Bahn den Weg freizukämpfen, wenn die Youngsters die Tür nicht frei machen wollen. Eine Teleskopfunktion würde mir gefallen, und vielleicht ein Alarmknopf mit einem wirklich Mark und Bein durchdringenden Ton.

Man muss die Dinge positiv sehen. Dass der Körper alt und runzlig wird, liegt in der Natur der Dinge, und natürlich habe ich schon ein paar Mal von Kundschaft Komplimente für meinen vermeintlich jugendlichen Körper bekommen. Von Kundschaft mit 20, 30, 40 Jahren Altersvorsprung und einem gewissen sexuellen Defizit wohlgemerkt, man muss das alles bitte in Relation setzen. Trotzdem, allmählich häufen sich bei mir auch die Anfragen von jüngeren Männern, die gerne mit einer „reiferen Frau“ Erfahrungen sammeln möchten.

despib

Anfangs bin ich erschrocken, mittlerweile nehme ich es gelassen, trage nicht ohne Ironie eine Simone-de-Beauvoireske Hochsteckfrisur zum Bleistiftröckchen und freue mich fast schon auf die Lebensphase, in der ich ganz gepflegt die distinguierte ältere Dame heraushängen lassen kann. Was das ergrauende Haar angeht, bin ich ambivalent, ob das in der Länge, die ich jetzt trage, dann noch hübsch aussieht. Ich liebäugle mit einem Bob im Stil der Zwanziger. Aber mir scheint, da habe ich noch ein bisschen Zeit.

Attraktiv finde ich, wenn ich einem Menschen ansehe, dass er im Grunde genommen nichts darum gibt, ob andere ihn attraktiv finden, weil er sich selbst mag. Ich rede nicht von Narzissmus, das ist eine krankhafte Störung und ich würde dringend raten, um Narzissten lieber einen größeren als einen kleineren Bogen zu machen. Ich meine auch nicht, dass man sich gehen lassen sollte. So sehr ich dafür bin, sich gelegentliche Ausschweifungen zu gestatten und seine Laster in verträglichem Maß zu pflegen, so wenige halte ich es für zuträglich, sich gehen zu lassen. Ich rede von Zufriedenheit. Vom Frieden mit sich selbst. Vom nicht gegen sich kämpfen.

Nicht gegen die zwei oder fünf Pfund Hüftgold, nicht gegen das Doppelkinn, die hängende Brust oder den Schmähbauch. Die Energie kann man an so vielen anderen Stellen sinnvoller einsetzen, ein Doppelkinn ist bei Licht betrachtet wirklich irrelevant.

despic

Selbstbewusst vorgetragenes Hüftgold ist attraktiv, aber es sollte genau in der richtigen Kombination vorgetragen werden: Es wirkt nämlich erst dann wirklich unwiderstehlich, wenn aus dem über die Schulter geworfenen Blick die Freude am Spiel und dem Zusammensein mit dem Gegenüber spricht, ansonsten ist alles Hinternwackeln vergebene Liebesmüh. Es nützt das zellulitefreieste Hinterteil nicht, wenn seine Inhaberin nicht mit ihm im Einklang ist, und wenn sie bei dem, was sie da treibt, keine wirkliche Freude hat. Deswegen sind Komplimente für körperliche Vorzüge auch nett, und ich bedanke mich artig, schließlich habe ich ein Mindestmaß an Kinderstube genossen.

Aber wirklich freuen kann ich mich, wenn mir eine Kundschaft Lieblingsschokolade mitbringt, und dann breit grinsend neben mir sitzt, während ich sie in einem Zustand postkoitaler Unterzuckerung vernichte. Es kann in so einem Moment schon sein, dass irgend ein Strapsdingens irgendwo ästhetisch fragwürdig einschneidet oder die Frisur nicht mehr so ganz perfekt sitzt. Es interessiert nur keinen Menschen. Vielleicht ist Attraktivität also auch, sich genüsslich die Finger abzulecken, während man verstrubbelt vor sich hin kichernd gewisse Schönheitsnormen geflissentlich ignoriert.

26. Jan. 2015
von Despina Castiglione
45 Lesermeinungen

20
9370