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Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

26. Jun. 2015
von Don Alphonso
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Bundesjugendspiele gewinnen und abschaffen

Leid fressds ois zwam, mia lebm nimma lang
Bayerische Volksweise

Alt ist er geworden, noch etwas älter als die meisten. Deutlich älter. Alt wurden wir schliesslich alle, aber beim P. fällt es wirklich auf, wenn man ihn von früher kennt. Ich kann den Gedanken nicht unterdrücken, jetzt, wo der P. vor mir steht. Alt und behäbig, in der Schlange beim Käsewagen auf dem Wochenmarkt steht also, leutselig, gealtert und freundlich, der schlanke, ranke P. von damals in einem Gefängnis aus reichlich Fleisch, und sieht gar nicht mehr so aus, als würde er um mich herum dribbeln und mit Leichtigkeit aufs Tor schiessen können. So wie früher. Damals, in der achten Klasse. In Bayern. Wo die Fähigkeit, unsportliche Leute umdribbeln zu können, sehr viel mit dem Prestige in der Klasse zu tun hat.

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Schulsport habe ich gehasst. Sport ist immer so eine Neigungssache, und die Kinder vom Dorf, deren Eltern sie selbstverständlich im Dreck spielen liessen, standen erst als Ministranten in der Kirche und traten danach die Dorfjugend des Nachbarkaffs beim Fussschienbeinkicken ins Krankenhaus. Meine Eltern achteten bei ihrem Nachwuchs, den damaligen Vorgaben entsprechend, auf grösste Reinlichkeit, mit dem Ergebnis, dass ich seit dem vierten Lebensjahr Heuschnupfen in seiner schlimmsten Form habe. Wenn es dann nach den Wintern warm genug für Fussball in der Schule war, stürmte die Dorfjugend mit dem ganzen Ungestüm der erlittenen Demütigungen im Deutschunterricht heran, und sich ihnen in den Weg stellen, zumal man selbst allenfalls japsen konnte, war keine so gute Idee. Ein Bekannter, der im Tor stehen musste, meinte einmal, seine Hände heben zu müssen, als ein anderer einen Meter vor ihm abzog. Dem sind dann vier Finger gebrochen.

Ich kann mich beim besten Willen nicht an rücksichtsvolles Verhalten beim Schulsport erinnern. Auch von meiner Seite aus nicht. Denn Skifahren konnte ich wie eine Wildsau, das war mein Element, und da gab es dann endlich die Gelegenheit, es denen heimzuzahlen. Mit all der Erfahrung eines Jungen, den sein Leistungsskilehreronkel durch jede Waldschneise von Pertisau bis Chamonix getrieben hat, wusste ich genau, wie man die Dorfjugend von der Buckelpiste in die Botanik abgehen lässt. Ausbremsen, reinwedeln, schneiden, wegstossen, sich freuen, wenn es einen von denen im Wald derbröselt – es war Bayern in den frühen Achtziger Jahren. Helme gab es damals nicht. Alles unter einem Knochenbruch galt da nicht erwähnenswert. Dafür schlug mir dann einer im Sommer den Hockeyschläger über den Kopf. Und aus diesem Geiste heraus waren auch die Bundesjugendspiele bei uns geboren.

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Ich habe mir gerade mal die Website der Spiele, die jetzt per Petition abgeschafft werden sollen, angeschaut und kann sagen: Ganz ehrlich, bei uns war das wirklich keine inklusive Mimimi-Veranstaltung, wo jeder noch so Lahme und Kaputte irgendwie mitgenommen wurde. Die Dorfjugend gewann erwartungsgemäss. Ein paar fürsorgende Eltern hatten ihre Kinder ohnehin gleich lieber krank geschrieben. Leute wie ich hechelten hinterher, übertraten beim Weitsprung dreimal, schmissen irgendwas irgendwohin, und der Direktor, der unsere Schule als eine bayern- und damit deutschlandweit führende Kaderschmiede der technischen Berufe positionierte, räumte dem Klimbim auch nur so wenig Zeit wie irgend möglich ein. Wichtiger war, dass wir wussten, wie sicher die Kernkraft ist und welche Wunderwelt sich hinter Zahlen verbirgt. Das waren für mich auch so Mysterien wie der Schulsport.

Offen gesagt habe ich allenfalls sehr schemenhafte Erinnerungen an diese Spiele, und sie stechen keinesfalls besonders traumatisch aus dem restlichen Sportunterricht heraus, den ich halt mitmachte, weil das Motto bei uns generell „Marschier oder stirb“ war. Ausserdem bekam ich trotzdem eine Ehrenurkunde – leicht gefälscht, aber bestens gemacht von meinem Waldschneisen- und Botanikschubsonkel, und da lernte ich auch die Bedeutung des Clans kennen. Ansonsten galt: Wer nicht mitkommt, ist draussen. Besondere Programme zur Kindsrettung gab es in keinem Fach, statt dessen Lehrer, die schon am Anfang des Schuljahres verkündeten, wer am Ende durchfallen würde. Noch so ein richtiges Bayerisches Abitur, auf das sich ältere Politiker so viel einbilden. Nach meiner Meinung war die Plackerei mit all den Psychopathen nichts, worauf man stolz sein konnte. Im Altbau jedoch gab es im Treppenhaus eine grosse, schwarze Tafel, und auf der waren all die Namen und Todesdaten der Schüler und Lehrer verzeichnet, die im Ersten Weltkrieg gestorben sind. Das waren sehr viele. Und immer nach dem Sport dachte ich mir dann: Da sieht man, wie es endet, wenn man zu den Schnellsten und körperlich Überlegenen gehört.

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Um mir den Abiturschnitt nicht zu ruinieren, habe ich dann Sport in rechtzeitig per grossfamiliär-ärztlicher Verfügung abgelegt, und bin lieber meinen wahren Neigungen zu Büchern nachgegangen. Mit dem Abitur begannen die meisten Sportler mit dem Rauchen und danach, beim Bund, auch mit dem Saufen. Ich war untauglich. Zivilist ist ein Sport, den ich immer gern betrieben habe. Woran ich mich sehr genau erinnere, war der Sommer nach dem Abitur, und meine morgendlichen Rennradfahrten ins Altmühltal, durch das jene Flugzeuge rasten, die mancher meiner Klassenkameraden beim Bund gern geflogen wäre. Ich war damals sehr frei. Die anderen marschierten mit Rucksäcken in Uniformen und erzählten am Wochenende Schreckliches. Selbst für die immerhin zum Abitur gelangte Dorfjugend war so ein Spiess mit Hauptschulabschluss eine traumatische Erfahrung. Rücksichten hat angesichts des drohenden Russen keiner genommen. Was ich damit sagen will: Auch für einen Kreismeister der A-Jugend kann körperliche Betätigung traumatisch werden. Es gab Fahnenfluchten und Einweisungen in die Psychiatrie, einige wirklich schwere Unfälle und noch mehr Alkohol: Habt Euch nicht so, möchte ich fast den Müttern der Aktion Bundesjugendspieleweg zurufen. Es gibt Schlimmeres.

Der P. und ich, wir haben uns lange nicht gesehen, aber wir wissen grob, was der andere macht. Er ist bei der grossen Firma und beschäftigt sich mit Hinterradaufhängung, und ich war in Italien. Beruflich, kein Vergnügen natürlich, so schön habe ich es auch nicht, im Gegenteil. Da war so ein Radrennen über Geröll in der Toskana, auf alten Rädern, aus der Zeit unseres Abiturs oder älter, 2000 Höhenmeter, da fuhr ich mit.

Er könnte so etwas ja nicht, er hat es im Rücken.

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Er war einer von den Sportlichen, aber keiner von den Hinterfotzigen – ich gebe es zu, das ist eine eher seltene Kombination gewesen. Ein feiner Kerl, und sicher auch ein guter Vater seiner Kinder. Übergewichtig, zu lange nichts mehr gemacht, aber was soll man mit Rücken auch tun, zumal die Arbeit auch ihren Tribut fordert

Alle Männer müssen sterben.

Es gibt da einen netten Spruch, den sage ich dann immer: „Sportler leben nicht länger, sie sterben nur gesünder“. Es ist keine Frage, P. hat ein erhöhtes Todesrisiko durch zivilisationsbedingte Verhaltensmuster der Unbeweglichkeit. Und bei mir darf, wenn ich auf dem Rad mit Tempo 90 das Penser Joch hinunter rase, keine Speiche brechen, sonst ist es aus. Seit einigen Jahren greift auch nach meiner Generation unbarmherzig die kalte Hand des Todes, aber niemand kennt Ort und Stunde. Heute mache ich das, was all die Cracks von damals nicht mehr könnten. Die Bundesjugendspiele bringen einem nur bei, in festgelegten Sportarten besser als andere zu sein. Sie erzählen einem nichts über den guten Umgang mit sich selbst und der Balance, die das gute Leben ausmacht. Sie halten vermutlich ein paar Apparatschiks in Lohn und Brot und kommen wie die Grippewelle. Sie schicken Leute auf die Aschenbahn, machen eine Momentaufnahme mit Sieg und Niederlage, und fragen seit all den Jahrzehnten nicht, wie man das Leben langfristig besser macht. Aber das tun Germanys next Top Model und all die anderen Leistungsfetischveranstaltungen auch nicht. Wie man am besten durch das Dasein marschiert, mit einem frohen Lied auf den Lippen und ohne zu sterben, muss jeder selbst lernen. Ein Onkel, der einem eine Urkunde fälscht und ein Arzt in der Verwandtschaft, der das Attest schreibt, sind natürlich hilfreich und individuell eine sehr elegante Art der Abschaffung von Bundesjugendspielen.

26. Jun. 2015
von Don Alphonso
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23. Jun. 2015
von Don Alphonso
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Es gibt keine falsche FDP in der richtigen Oligarchie

Diesen Beitrag widme ich aus Gründen dem Rottach-Egerner Lokalprominenten und einzigartigen Justizentgeher Alexander Schalck-Golodkowski

Vor etwas mehr als 27 Jahren marschierte die Deutsche Demokratische Republik in den Westen ein, wie wir wissen, mit dem Schlachtruf „Wir sind das Volk, und wenn die D-Mark nicht kommt, kommen wir zu ihr“. Die deutschen, demokratischen Republikbewohner entschieden sich also ganz bewusst für die Freuden der im Westen herrschenden Oligarchie, die sie aus den TV-Geräten kannten, traten als Bundesländer beim und übernahmen dann langsam, aber zäh selbst die Schlüsselposten der Bundesrepublik Deutschland. Bei der Gelegenheit verzichtete man auch aus guten Gründen darauf, die ganze Veranstaltung als „Demokratisch“ zu bezeichnen. Als Republikaner sind wir gebunden, als Menschen dagegen hübsch ungleich und egal, wer seitdem an der Regierung war: Unsereins in den guten Lagen ging es jedesmal etwas besser. Regierungen kamen und gingen, Sparpakete wurden beschlossen, aber an den oligarchischen Grundfesten hat niemand je gerüttelt. Das hier ist so eine Oligarchenvilla, allerdings in Brescia, wo die Mille Miglia startet.

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Dieses Nichtrütteln kann man betreiben wie Rot-Grün, indem man Börsen bis zum NEMAX-Crash liberalisiert und dennoch nichts fürchten muss, weil durch HartzIV genug Geld da ist, die Folgen zu dämpfen. Man kann es wie die Merkel-Kabinette machen, denen es gelang, aus einer fundamentalen und wirklich teuren Anlagekrise der Reichen für genau diese Reichen einen Immobilienboom zu schaffen, und die Börsen wieder hochzupäppeln – mit ein paar brutalen Nebenwirkungen für Resteuropa in der sog. „Finanzkrise“, aber Oligarchie ist für die Leibeigenen nun mal aus Prinzip kein Zuckerschlecken. Im Grundgesetz mag etwas anderes stehen, ja gar etwas von Gleichheit, aber die Krisen treffen immer nur Leute, die man gar nicht kennt, und der Aufschwung kommt stets oben an. Keine Ahnung, wie die das in Berlin machen, aber ich kann bestätigen: Es funktioniert. Wie ein perfekt gewarteter Motor eines Oldtimers, bei dem ein Multimillionär keine Kosten scheut, wenn es um Gunstbeweise für Freunde geht.

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Und da spielt es auch keine Rolle, ob die FDP etwas zu melden hat, oder nur Geldnot meldet. So wie sie das nach ihrem Ende als Partei im Bundestag tun muss, weil es da – Ältere werden sich vielleicht erinnern – ein paar praktische Probleme mit der Oligarchieumsetzung gab. Einen vom Geheimdienst transportieren Teppich, eine Dirndlbemerkung eines alten Herrn, einen Ausflug in die römische Dekadenz, eine Hotelier-Parteispende, einen Putsch angesichts des drohenden Niedergangs und eine Leihstimmenkampagne, die nach hinten los ging, sowie Konkurrenz durch die AfD. Es war eine schlechte Zeit für eine Partei, die sich offen wie keine andere zu den wahren Zielen unserer oligarchischen Gesellschaftsordnung bekannte. Aber Ehrlichkeit wird nicht belohnt, und auch so mancher Leser wird gegen meine Interpretation der jüngeren Geschichte protestieren. Oh, schauen Sie mal, ein seltener O.M. mit Startnummer Eins, ganz vorne bei der Mille Miglia.

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Was wollte ich… ach so. Ja. Das sind, werden Sie sagen, bei der FDP doch alte Geschichten. Die Partei hat jetzt Zeit, sich als neue Kraft des Liberalismus zu formieren. Sie hat eine herbe Niederlage kassiert, und jetzt weiss sie, was sie nie wieder tun darf. Sie hat die Gelegenheit, bundespolitisch einen Schnitt zu machen und einen Neuanfang zu schaffen. Weg von der Partei der Besserverdienenden, was ohnehin, wenn ich das hinzufügen darf, ein idiotischer Begriff ist. Wer meint, besser verdienen zu müssen, um in der Oligarchie mitspielen zu können, hat das System nicht begriffen: Geld verdienen kann jeder. Es geht doch wirklich nur um den Besitz, für den man nichts tut, der sich einfach irgendwie einstellt. Nur so geht Oligarchie, das Emporkommen von Ver-Dienenden nennt man Ochlokratie. Aber wie auch immer, der Liberalismus liegt wohl etwas brach, und da wäre es doch fein, wenn nun mit neuem Geist und viel Demut von der FDP bewiesen wird, dass man gelernt hat. Und hat nicht der neue Parteichef gerade seine Mitglieder zum Notopfer aufgerufen? Vielleicht geht denen jetzt ein Licht auf, wie wichtig Solidarität ist. Hoch. Die. Internationale. Solidarität. Schauen Sie, noch ein knallroter O.M.. So einer kostete letztes Jahr bei einer Bonhams-Auktion 2 Millionen US-Dollar.

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Die O.M.s dürfen wegen ihrer frühen Siege bei der Mille Miglia vorne voraus fahren. Das Exemplar mit der Startnummer Eins ist oft dabei, es gehört einem vermögenden Hamburger. Da hat man also die wartenden, angespannten Massen, und dann rauscht so ein roter Wagen heran. Da sind die Italiener natürlich begeistert, so begeistert, wie es viele meiner Bekannten gerade über die FDP-Politikerin Leutheusser-Schnarrenberger sind. Denn die hat in den Jahren der letzten Koalition dafür gesorgt, dass die Vorratsdatenspeicherung nicht mehr kam. Zurecht, wo doch das Vefassungsgericht diese von SPD und CDU beschlossene Massnahme als verfassungswidrig verurteilte. An diese Frau erinnert man sich wieder gerne. Gleichzeitig ist die SPD mit ihrem neuerlichen Ja zum neuen Versuch der Verfassungwidrigkeit und zum TTIP auf dem besten Weg, dort zu landen, wo FDP und ihre griechischen Kollegen von der PASOK schon sind. Beschliessen kann man viel, aber wie soll man mit der Beliebtheit eines betrunkenen Robbenbabytotschägers gewählt werden? Auch Sie wollen jetzt vermutlich nicht das Gesicht von Sigmar Gabriel sehen, daher kommt hier nochmal der O.M. mit der Startnummer Eins, frisch zurück aus Rom, wo die späte Dekadenz zuhause ist.

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Und mit dem Mann auf dem Beifahrersitz.

Den kennen Sie übrigens.

Zwar steht in der Startliste hinter seinem Namen ein CH für Schweiz, aber da arbeitet er nur, wie auch manch andere. Er ist Deutscher. Deutscher Ex-Politiker. Und Ex-Parteichef. Es gibt auch keinen Anlass, warum ein Ex-Politiker nicht hier mitfahren sollte, im Auto eines wohlhabenden Hamburgers. Besonders, wo er doch jetzt beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos arbeitet, und nicht mehr zum Wohl der Bundesoligarchie Deutschland. Sein Name ist Philipp Rösler, und hier braust er im O.M. besser durch Italien als weiland die FDP durch der Krise. Vielleicht erinnert sich noch mancher an den Wahlabend mit diesem Herrn: Gar kein Vergleich zu diesen schönen Bildern, wo er gelöst und heiter durch Italien fährt. Seine Änderungen am Armutsbericht als Wirtschaftsminister begründete er damit, dass es Deutschland so gut wie nie zuvor gehe. Und nachdem die Teilnahme hier – wenn man einen derartigen Wagen nicht selbst kaufen muss – immer noch 7000 Euro plus Mehrwertsteuer für das Zweierteam kostet, muss man ihm Recht geben: Diesem Deutschland der Oligarchen geht es blendend. Wrummmm, donnert der Motor, und grinsend fliegt einer vorbei, den viele angesichts der lieben, liberalen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger schon vergessen haben. Aber er selbst hat ein feines Wochenende in Italien.

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Und zwar exakt an jenem Wochenende, da der neue Parteichef die Mitglieder um Geld für die ramponierte Partei anbetteln musste. Da hat so eine Sause durch das schönste Land der Welt in einem Millionenautos für ein paar tausend hart verdiente Euro schon eine gewisse Grösse für so einen jungen, talentierten Mann wie Herrn Rösler. Das ist nicht das demütige Bitten einer Partei, die Geschäftsstellen schliessen muss: Das ist die ganz grosse Geste. Italien geht es dreckig, aber der Mann, der als Vizekanzler der führenden Oligarchie die Sparzwänge mit getragen hat, fährt ganz vorne mit, grinst über die Windschutzscheibe und nimmt die Huldigungen der Italiener entgegen. Ganz klein steht sein Name auf dem Auto, er ist so schnell vorbei, da merkt keiner, welcher Verantwortliche und Austeritätsprediger da kommt, vorbeisaust und in einer Wolke aus Staub und blauen Abgasen verschwindet: Es geht ihm gut. Das Leben ist schön. Die Oligarchie sorgt für ihre Helfer. Und für die Abgase für den Rest. Im Hintergrund sehen Sie einen Stand der Neofaschisten, die in dieser Krise in Italien und angesichts der Zwänge aus Deutschland bestens gedeihen.

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Rösler macht keinen Hehl aus seinem Treiben, das steht auch im Manager Magazin. Da ist kein Falsch und keine Täuschung wie bei Heiko Maas, der auf Geheiss von Gabriel umfallen musste. Da ist kein hündisches Ankriechen eines geprügelten Köters wie beim SPD-Parteikonvent. Rösler gibt Vollgas, kein Blick zurück, die Strasse ist frei für ihn, und genau so muss man sich auch seine Partei vorstellen, die jetzt wieder Morgenluft ahnt. Ein paar alte Einzelkämpfer für Bürgerrechte wie Gerhart Baum, und ganz viele Junge, die auch mal sehen wollen, was alles geht. Schnell wollen sie sein, so schnell, dass die Zuschauer gar nicht begreifen, was da wirklich auf sie zu kommt. Der lächelnde, gut versorgte Mann, der die Probleme anderen überlässt und Spass mit seinen Privilegien hat: Das, sage ich als Profiteur der Oligarchie, war die FDP. Ob das neue Leitbild der Partei nun der alte, ehrenwerte Herr Baum ist, oder die Aussicht auf so ein Leben – diese Entscheidung ist einfach, wenn meine Analyse der Gesellschaftsform stimmt.

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Wer aber meint, dass es etwas unpassend ist, wenn so einer mit seiner Vorgeschichte so auftritt, sollte er nach meiner Auffassung vielleicht doch etwas mehr tun, als nur alle vier Jahre sein Kreuzerl machen und hoffen, dass die FDP etwas gelernt hat. Mir persönlich ist es egal. Es gibt keine falsche FDP in einer richtigen Oligarchie. Ich kenne das Spiel, die Startnummer Eins und deren Fahrer, und ich achte stets in zarter Fürsorge um den Seelenfrieden der Leser darauf, dass die wirklich fragwürdigen Motive normalerweise nicht den Weg in die Zeitung finden.

23. Jun. 2015
von Don Alphonso
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17. Jun. 2015
von Don Alphonso
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Die Totalitären kommen

הבה נרננה ונשמחה

Ich wohne in Mantua sehr idyllisch. Gegenüber von der Altstadt, am See. Es gibt hier einige sehr hübsche, kleine Villen. Eine davon wurde vor Kurzem ein Raub der Flammen.

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So würde ich das vielleicht formulieren, wenn das hier der Polizeibericht wäre. Ich kann auch berichten, dass das Feuer von Einbrechern vorsätzlich gelegt wurde. Privat möchte ich noch anmerken, dass hier der Lebenstraum eines alten Mannes vernichtet wurde, der sich all die Jahre liebevoll um Haus und Garten kümmerte. Ich weiss das, denn er ist mein Nachbar. Vor zwei Jahren hat er ein Rennrad verkauft, das mir leider etwas zu klein war. Ein netter Herr. Jetzt sind sie dort eingebrochen und haben, entweder weil es dort nichts zu holen gab, oder um Spuren zu verwischen, das Haus angezündet. Innen ist es weitgehend ausgebrannt. Es war ein sehr schönes, kleines Sommerhaus mit einem pittoresken Garten. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es in den Medien Vorgaben, die Herkunft der Täter nicht zu veröffentlichen. Und so ein abgebranntes Privathaus ist natürlich kein Fanal wie ein brennendes Asylbewerberheim.

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Meine Freundin, bei der ich meine Wohnung miete, staucht mich immer zusammen, wenn ich ein Rad in der Nacht draussen hinter dem Haus stehen lasse. Ich amüsierte mich früher über den Türrahmen und die fünf massiven Stahlriegel, hinter denen ich mich einschliessen sollte. Das hat sich etwas geändert, als ich in Brescia Opfer eines Raubversuchs wurde. Ein Herr afrikanischen Ursprungs sprach mich an, und während er auf mich einredete und herumfuchtelte, holte er mit einem Bein aus und versuchte gleichzeitig, mir ein Bein wegzutreten und in mein Sakko zu greifen. Ich bin flink und sportlich und hatte so etwas geahnt, und er trat ins Leere. Aber seitdem frage ich mich schon, was passiert wäre, wenn er sich meine Mutter dafür herausgesucht hätte. Ob er sie getroffen hätte, und ich mich nun seit Jahren um das kümmern müsste, was die Statistik als „Pflegefall“ bezeichnet. So ein Raub geht ganz schnell, trotzdem dominiert das seitdem meinen Eindruck einer ganzen Stadt. Wie viele Menschen der Mann wohl ins Krankenhaus getreten hat? Ganz offen, ich würde ihn mir lieber in einem Auffanglager in der Sahara als in Brescia wünschen. Das ist meine Meinung. Sie ist vielleicht nicht schön, aber so ist es eben.

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Ich weiss natürlich, dass so etwas überall passieren kann. Meine Freundin reagierte auch entsetzt, als ich einmal einem Bettler aus Afrika etwas gab und dabei zu offen meine Geldbörse zeigte. Das sei geradezu eine Einladung für einen Raub. Vielleicht muss ich jetzt noch erzählen, dass sie hier auf dem Land Theater zusammen mit Politikern der Rifondazione Communista macht, aber auch bei denen sieht man keine Schilder mit der Aufschrift „Refugees welcome“. Das kann sich hier niemand leisten, denn das, was die Leute hier speziell von der Migration aus Afrika mitbekommen, sind neben den Händlern mit Fälschungen die organisierten Banden, die jedesmal mit den Märkten auftreten. In Italien muss man auch dort kleine Nummern ziehen und dann in einer Schlange geduldig warten, bis man dran ist. Diese Schlangen werden dann richtiggehend gemolken. Man wird buchstäblich angehauen. Vollkommen distanzlos, penetrant und wenn man Pech hat, an jedem Stand. Das ist ein Problem. Das ist die Alltagserfahrung mit Migration, und sie ist schwer erträglich. Aber die jungen Männer, die das machen und sich dabei hauptsächlich an Frauen halten, sehen nicht so aus, als ob man sich mit ihnen anlegen sollte.

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Es sei denn, man ist dieser Herr hier. Dieser Herr hat eine kaputte Biographie: Er hat sein Studium geschmissen und sich von seiner Frau getrennt. Das ist in so jungen Jahren schon ziemlich schädigend für einen Politiker, und dann läuft er auch noch so rum: Räuberbart, Hoodie, Ohrring. Dieser Mann sieht überhaupt nicht aus wie die Kelten, auf die sich die rechtsradikale Lega Nord lange als Vorfahren berufen hat, er ist dem Tuco aus Sergio Leones Western „The Good, the bad and the ugly“ wie aus dem Gesicht geschnitten. Er könnte einer der Schergen Peppones sein, und hat sogar mal für die Kommunisten kandidiert. Er hat etwas ganz Unerhörtes getan: Als der Papst den Umgang mit den Lampedusa-Flüchtlingen anprangerte, kuschten die anderen Politiker. In Italien ist der Papst eine unangreifbare Instanz. Aber dieser Mann fuhr den Papst derb an, er sollte sich da raushalten. Dieser Mann hat es nicht nur geschafft, die von Skandalen zerrissene Lega Nord wieder aufzubauen. Er hat es geschafft, sie auch im Süden des Landes auszubauen, und momentan nimmt er den Resten der Berlusconiparteien mit dem Thema der Flüchtlinge Wähler, Kandidaten und Kader ab. Sein Name ist Matteo Salvini, und er ist der Chef der Lega Nord. Er fordert, die Lager von Sinti und Roma mit dem Bulldozer einzuebnen und bekam in meiner Drittheimat mit seinem Bündnis jede fünfte Stimme bei den letzten Wahlen. In Verona, wo ich früher war, regiert die Lega unangefochten. Weil sie nicht nur vom Vertreiben gesprochen hat, sondern das auch durchzog; Gegen Prostituierte, gegen Migranten, gegen Arme. Verona ist in dieser Hinsicht eine politische Dystopie, ein Labor für demokratisch legitimierte Ausgrenzung.

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Aber selbst Salvini differenziert. Man kann Salvini nicht pauschal als Ausländerfeind bezeichnen, und dumm ist er nicht: In einer Zeit, da viele Italiener versuchen, in Deutschland Arbeit zu finden, beklagt er sich nicht über die Arbeitsimmigration. Über die Pakistanis, die in Italien die Küchen und die Reinigung in den Touristenhochburgen am Laufen halten, und für niedrige Preise sorgen, sagt er nichts Schlechtes, Er konzentriert sich auf die Migration aus Afrika und vom Balken. Und er wirbt nicht mit einer neuen faschistischen Diktatur, sondern mit „un Paese normale“, mit dem, was in normalen Ländern üblich sei. Was wohl ein Journalist denken würde, ruft er in meinem Mantua, wenn er aus einem normalen Land wie Deutschland hierher käme und sehen würde, wie das alles zusammen mit der inkompetenten Verwaltung und der hilflosen Regierung in Rom in Schieflage gerät. Salvini tritt mit dem Versprechen an, aus Italien ein normales Land zu machen. Wie Deutschland. Und die Reaktion der politischen Kaste in Italien ist die faktische Aufkündigung des Dubliner Abkommens: Natürlich halten sie keinen Flüchtling auf, der nach Deutschland will. Unter Berlusconi wurde das sogar aktiv gefördert. Italien hat eine enorme Wirtschaftskrise seit sieben Jahren, bei Mantua die Folgen eines Erdbebens, manche Leute wohnen immer noch in Zelten, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei weit über 20 Prozent: Quer durch alle Parteien geht der Konsens, dass man die teuren Folgen der Migration in all ihren Schattierungen nicht tragen kann und will.

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Es ist nicht so, dass die Weiterleitung der Flüchtlinge aus Italien der deutschen Politik unbekannt wäre. Eigentlich müssten die meisten, die nach „un paese normale“ Deutschland gelangen, ihre Anträge in den Einreiseländern Griechenland, Italien und Spanien stellen – also in den von der Eurokrise am schlimmsten betroffenen Ländern. Oder, wenn sie vom Balkan kommen, in Rumänien, Bulgarien oder Slowenien. Dieses System ist de facto zusammengebrochen, weil die eigentlichen Einreiseländer die Folgen nicht tragen können. Die Verhältnisse für Flüchtlinge in Süditalien, Griechenland und Bulgarien sind schlimm, wie es auch sonst dort im Moment nicht rosig aussieht. Für Luxus wie teure Beerdigungen ist angesichts all der enteigneten Immobilien, der sozial abgestürzten Mittelschicht einfach kein Geld da. Das, was gern als Flüchtlingsdrama bezeichnet wird, ist die direkte Fortsetzung des Dramas, das diese Länder gerade selbst erleben. Rein rational betrachtet würde die Flüchtlingsmigration in die reichen Länder des Nordens die Krisenstaaten entlasten, kämen nicht stetig neue Flüchtlinge dazu. So, wie es jetzt ist, bleibt das ganze System in einer schwierigen Balance.

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Weil das alles so schwierig ist, und niemand in der deutschen politischen Kaste einen Durchmarsch der Goldenen Morgenröte in Griechenland und von Salvini in Italien will, legt man hierzulande das Dubliner Abkommen auch flexibel aus. Wer in Bayern ankommt, wird nicht einfach nach Italien zurückgeschoben. Die Flüchtlinge werden auf Unterkünfte verteilt, die die Gemeinden bereitstellen und finanzieren. Das Bild oben ist aus meiner anderen Heimat Gmund am Tegernsee, und als ich es bei Twitter brachte, wurde ich angegiftet, dass das ja wohl kaum die Regel sei, eine Unterkunft mit Garten und Tischtennisplatz direkt am Seeufer. Manche Aktivisten in Norddeutschland wollen es nicht wahr haben, dass man sich in den Kommunen wirklich Mühe gibt. Auch am CSU-dominierten Tegernsee, wo es eigentlich keine freien Immobilien gibt. Bei uns hat man die Seeturnhalle zur Verfügung gestellt, nachdem andere Optionen abgelehnt wurden. Vom Landratsamt, in dem ein Grüner regiert. Dort wird peinlichst genau auf den Brandschutz geschaut, den das Land vorgibt. So genau, dass andere angebotene und besser geeignete Immobilien vom Landratsamt abgelehnt werden.

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Das macht es so komplex. Drüben auf der anderen Seeseite hat Bad Wiessee richtig Geld in die Hand genommen und für über eine Million ein Hotel gekauft, um Flüchtlinge unterzubringen. Die Gemeinde hat noch mehr Geld ausgegeben, um das Haus den Vorgaben entsprechend umzubauen. Aber die Vorgaben sind so streng, dass sich allein die Kosten für den Elektrifizierung vervierfacht haben. Es ist ein teures Debakel, und natürlich ist die Gemeinde damit überfordert: Wer konnte schon ahnen, dass der Standard, der jahrelang für gut zahlende Gäste völlig in Ordnung war, nun für die Unterbringung von Flüchtlingen nicht ausreicht. So ist das in Bayern, wo die Verwaltung recht effektiv ist und nicht wie in Berlin Scheine für Hostels verteilt, eine Schule mit immensen Folgekosten besetzen lässt und mit obskuren Geschäftemachern kooperiert. Trotzdem werde ich wegen der Bilder im Netz angeraunzt. Weil das nicht zum sonstigen Bild vom ausländerfeindlichen Bayern passt, das man sich gemacht hat.

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Da mag man mehr die Nachrichten, die aus meiner Heimat an der Donau kommen. Es gibt da eine Disco, die seit Jahrzehnten alle schrägen Vögel der Stadt anzieht. Diese Disco wurde letzthin bundesweit von Aktivisten als „Edeldisco“ beschimpft und von der nicht sonderlich gut informierten Presse als „rassistisch“ gebrandmarkt, weil der Betreiber bestimmte Gruppen aufgrund von Übergriffen nicht mehr eingelassen hat: Neben dem obigen Fall sind da schwarze männliche Asylbewerber, die versuchen, Frauen zu finden, die ihnen ein Bleiberecht verschaffen können. Und Männer aus ethnischen Gruppen, die zu oft Schlägereien angezettelt haben. Die Disco hatte lange Zeit eine sehr offene und integrierende Natur, und die Übergriffe haben das zum Kippen gebracht. Jetzt hat der Betreiber Konsequenzen gezogen, und wird dafür in der öffentlichen Meinung vorgeführt. Was nicht überraschen kann, wenn man sieht, wie auch seriöse Medien in der Post-Pegida-Epoche mit falschen Zahlen arbeiten, um Flüchtlinge als besonders schlecht behandelt darzustellen. Pegida war der Wendepunkt: Seitdem sind Medien vorsichtig geworden. Wenn zwei ethnische Gruppen aufeinander losgehen, ist das allenfalls eine kleine Meldung. Und es wird sicher hier wieder jemand kommentieren, dass wir uns keine Konflikte importieren, sondern alles den Verhältnissen geschuldet ist, die wir selbst verursachen. Das wird von sozial Bewegten und auch einigen Journalisten immer vorgebracht, egal ob bei Khaled, dem Totschlag in der Gerhard-Hauptmann-Schule, beim tödlichen Messerstich in Hamburg, bei den Konflikten im Görlitzer Park. Man kann es so sehen. Vielleicht sind es wirklich nur Einzelfälle.

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Jeder kann daraus seine eigene Erkenntnis schöpfen. Man kann es so sehen, dass in Berlin besonders viele Dealer genau aus den westafrikanischen Ländern unterwegs sind, in denen die Drogenmafia eine grosse Rolle spielt. Man kann auf die katastrophale Lage in Syrien verweisen. Man kann über Boko Haram in Nigeria sprechen und fragen, ob das ein Asylgrund ist, über die Lage im Sudan und warum sich Botschaften weigern, bei der Identifizierung von Leuten zu helfen, die ihre Pässe wegwerfen. Man kann über den Umgang der angeblich willkommenen Menschen in Kreuzberg reden, und über Aktivistinnen, die Übergriffe unter Asylbewerbern erfinden. Pegida konzentriert sich auf die eine Seite, die Antifa auf die andere, solange Flüchtlinge bei ihren Aktionen mitmachen und öffentlich in Erscheinung treten: Dann gibt es auch Webseiten und einen Bus für ihre Touren. Wenn sie nicht mehr mitspielen können, stellt man das Projekt ein und macht ein anderes. Kein Tag vergeht, da nicht eine Seite Nachschub für ihre Sichtweise bekommt. Dabei ist ist alles nicht so einfach, die Kommunistin verbaut neue Schlösser, der CSU-Bürgermeister legt sich für Flüchtlinge mit dem grünen Landrat an, die Unterprivilegierten in Griechenland machen Jagd auf jene, denen es noch schlechter geht, ein Rechtspopulist will eigentlich nur deutsche Verhältnisse. Es gab angesichts von IS-Tourismus und Intensivtätern in Berlin wohl bislang einige Versäumnisse bei der Integration, und wie das jetzt ganz schnell mit so vielen Neuankömmlingen besser laufen soll, ist auch nicht leicht zu beantworten. Es gibt auf der anderen Seite phantastische Erfolgsgeschichten der Integration, die gleichzeitig keinerlei historisch schlechtes Gewissen haben und sich in Bezug auf Wirtschaftsflucht sehr unverblümt äussern – fragen Sie einfach mal den Pizzeriabetreiber Ihres Vertrauens. Das verbrannte Haus in Mantua und mein Bein sind nicht zwingend schlechtere Argumente als Slogans wie „Refugees welcome“. Über all der Debatte thront das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit dem Recht auf Asyl für politisch Verfolgte. Das ist der Rahmen. Der Rest ist Debatte. Sie ist hart und schwierig und nicht nach rechts und links zu führen, sie kann die Le Pens nach oben bringen, die Antifa auf die Strasse oder im besten Fall einen neuen Grundkonsens zu Migration und Integration unter Vermeidung alter Fehler. Diese Debatte ist hässlich, emotional und verlangt nach einer gewissen Einsichtigkeit und Disziplin. Schliesslich soll am Ende keine Medienkampagne und keine Partei entscheiden, sondern die vernünftige Einsicht der Bevölkerung.

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Es sei denn, man macht es sich ganz einfach wie die Totalitären. Natürlich suchen sich die Nazis keinen Arzt aus Syrien für ihre Kampagne heraus, der sich dann hierzulande um andere Flüchtlinge kümmert, sondern einen Flüchtling, der nach der Discothek eine junge Frau vergewaltigt hat. Die junge Frau kann sich wenigstens gegen die Vereinnahmung wehren, aber für die Nazis belegt dieses Einzelbeispiel, dass die Flüchtlingspolitik das Ziel hat, das deutsche Volk auszurotten.

Und natürlich sucht das Zentrum für politische Schönheit keinen Schergen von Gaddafi aus dem Tschad, der wegen seiner Verwicklung in den Bürgerkrieg nicht mehr nach Hause kann, in Libyen auch keine Zukunft mehr hat, und nun in Europa Touristen ausraubt. Sie nehmen eine junge, ertrunkene Frau aus Syrien und provizieren anhand dieses Beispiels mit belasteten Kampfbegriffen von „Schiessbefehlen“ im Mittelmeer, einem „Krieg, dem ausschließlich Zivilisten zum Opfer fallen“ und „bürokratischen Mördern“.

Beide versuchen damit, sich in eine moralisch überlegene Position zu setzen, und man sieht das dann auch bei ihren Aufmärschen, den Märschen der Entschlossenen, auf denen sie ihren Opfer der jeweils anderen Seite gedenken. Völkermord, Abwehrkrieg gegen Zivilisten, da gibt es keine Graustufen mehr, da gibt es nur noch Gut und Böse. Die Totalitären kommen, und sie erwarten, dass der Rest das Maul vor ihren Opfern zu halten hat. Sie heben ihre Fahnen hoch, sie schliessen ihre Reihen fest, Kameraden, die andere erschossen oder von Schiessbefehlen betroffen waren, marschieren mal im Geiste und mal in crowdgefundeten Leichenwägen – man kennt das aus der deutschen Geschichte, in München gab es Ehrentempel für die Toten und etwas nicht Unähnliches wollen sie jetzt auch in Berlin bauen. Anlässe zum Fremdschämen aufgrund der Ähnlichkeit der politischen Aktionen gibt es zuhauf. Aber der Rest hat nicht über das ausgebrannte Haus in Mantua zu diskutieren, über eine ausgebrannte Asylbewerberunterkunft, über Integration oder den Konflikt eines CSU-Bürgermeisters mit einem grünen Landrat, über Schleuser, Mafia in Westafrika, Bedingungen in Jordanien, Stammeskonflikte in Libyen oder die politische Lage in Albanien: Hier geht es um organisierten Massenmord. Niemand, finden sie, sollte es wagen, dieses unfassbare Verbrechen zu relativieren.

Und wie alle Totalitären und Feinde der Freiheit meinen sie damit: Nachdenken, differenzieren und diskutieren. Sie können damit Erfolg haben, weil die Debatte wirklich schwierig, extrem komplex und schmerzhaft ist. Da bieten sie eine einfache, moralisch gut klingende Lösung und Märsche. Man muss nur zahlen und mitlaufen und bekommt eine einfache, in sich stimmige Ideologie. Man gehört zu den Guten und kommt damit sogar ins Fernsehen. Das macht kein Opfer lebendig und kein Verbrechen ungeschehen. Es ändert nichts. Und das ist für sie prima, denn jede neue Unmenschlichkeit beweist ihnen nur, wie recht sie haben, sie, die provokative, obszöne Schande am ideologisch vernagelten Bodensatz einer gefestigten Demokratie, die mit der Aufarbeitung des katastrophalen 20. Jahrhunderts bewiesen hat, dass sie genau diese komplexen Debatten ohne diese Extremisten inzwischen recht gut, flexibel und praxisnah führen kann.

paesel

So gut, dass sogar Antagonisten wie Flüchtlinge und Matteo Salvini wenigstens darin übereinstimmen, in genau so einem paese normale leben zu wollen.

17. Jun. 2015
von Don Alphonso
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11. Jun. 2015
von Despina Castiglione
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Der beste Platz zwischen den Stühlen

„Well, if you want to say yes, say yes
And if you want to say no, say no
‚Cos there’s a million ways to go
You know that there are“

Yusuf Islam (ehemals Cat Stevens), If you want to sing out

 Das oben zitierte Lied stammt aus einem meiner Lieblingsfilme. Ohne eine große Cineastin zu sein: Einige Filme mag ich sehr, und „Harold and Maude“ gehört definitiv dazu. Long Story told short, der blutjunge Harold verliebt sich in die fast achtzigjährige Maude, sie erwidert seine Gefühle und die beiden verbringen einige hochromantische Tage, bis Maude an ihrem achtzigsten Geburtstag selbstbestimmt und geplant aus dem Leben scheidet.

Der Film bricht mit dem ein oder anderen Tabu, er ist kritisch, eine Aufforderung zur sanftmütigen Revolte, zur Übernahme der Verantwortung für das eigene Lebensglück, wie schräg, steil oder verwunden der Pfad auch sein mag, auf dem es zu erreichen ist. Er ist damit auch eine Aufforderung, sich anzustrengen, wenngleich ausnehmend nicht in der neokapitalistisch auf monetären Erfolg und Selbstausbeutung ausgerichteten Art und Weise, die meine Generation vielleicht mit Anstrengung assoziiert. Es geht weder um die perfekte Ehe, noch die perfekte Karriere, noch den perfekten Körper. Es geht um leuchtende Augen und schlagende Herzen und um das Weiterleben nach der persönlichen Katastrophe. Nicht um den sinnlosen Versuch,  diese zu vermeiden. Es knallt immer. Irgendwann. Es werden Fehler gemacht, es passieren hässliche Dinge, die Frage ist nur eben, wie man damit umzugehen gedenkt.

Was mich fasziniert und inspiriert, ist die ungebrochene Freundlichkeit, mit der Maude ihre Kritik anbringt. Bei aller Radikalität, über ihre Lippen kommt kein Vorwurf, es gibt keine Anspruchshaltung, dass ihr Weltbild vom Gegenüber übernommen werden müsste. Ich sitze da mit einer Schüssel Pralinen vor dem Fernseher und applaudiere still. Ich würde mir ein bisschen mehr maude-a-like Umgangsformen wünschen, etwas mehr Charme, etwas mehr Understatement, dafür ein bisschen weniger Hetze und Polemik bei gleichzeitig behutsamerer Wortwahl. Man darf schon ein bisschen aufpassen, was man sagt. Kritik respektvoll zum Ausdruck zu bringen ist eine selten gepflegte Kunst, die ich persönlich schon schätze.

Wissen Sie, man kann beispielsweise für oder gegen die Ehe für alle sein, sie in die Nähe von „Inzucht“ zu rücken, ein Wort, dass ich noch aus meinen Kindertagen im stramm rechtskonservativen Millieu unkompliziert gestrickter Bausparerfamilien kenne, und einfach geschmacklos ist. Wenngleich nicht verwunderlich, ich habe mich ja schon mit den Äußerungen der Urheberin dieses unglücklichen Vergleiches zu meinem Berufsstand auseinandergesetzt. Und mei, daad I do sogn, mi wundats ibarahaupts ned. Das ist eben, was dabei raus kommt, wenn man nicht bereit ist, sich damit abzufinden, dass anderen Leuten andere Sachen gefallen, als einem selbst. Und nicht begriffen hat, dass die eigene Freiheit halt auch nur so groß ist, wie die desjenigen, der genau die gegenteilige Meinung vertritt.

Der Punkt, an dem ein fruchtbarer Dialog möglich wird, ist eben der, an dem ich dem Gegenüber Luft lasse, um aufzusprechen, sich möglichst frei zu bewegen, zu tun, was er oder sie für richtig hält. Dabei muss man sich nicht jeden Blödsinn sagen lassen, dafür hat ja auch kein Mensch wirklich Zeit und Nerven. Ab und zu ist Ignoranz das Mittel der Wahl.

Der Gegenseite den Mund zu verbieten wird allerdings in der Regel nicht zum gewünschten Effekt führen, deswegen plädiere ich dafür, die Verantwortung für das eigene Lebensglück auch an dieser Stelle zu übernehmen, und aus sinnlosen Diskussionen auszusteigen. Weswegen ich beispielsweise mit Leuten, die nicht in der Lage sind, meinen Beruf und das illegale Treiben von Menschenhändlern auseinander zu halten, nicht mehr so gerne diskutiere. Ich werde da einfach zu schnell unfreundlicher, als ich eigentlich sein möchte. Im Grunde meines Herzens weiß ich nämlich Meinungsvielfalt sehr zu schätzen. Deswegen feire ich auch intern jeden Vertreter eines konservativen Ortsverbandes, der sich in meinem Boudoir einfindet und beim spätestens dritten Besuch die Parteimitgliedschaft gesteht. Was nicht heißt, dass ich diese Parteien besonders mag. Aber mich graust fast vor nichts, und ich freue mich, dass ich an der Bruchstelle zwischen gesellschaftlicher Erwartungshaltung und persönlichen Bedürfnissen im Schein der roten Lampe zu Einsichten kommen darf, die meinem Seelenfrieden sehr förderlich sind.

Ab und an muss man sich aber aus der Komfortzone begeben, und so habe ich mich am Wochenende an die frische Luft, genau gesagt ins Bergland, nach Garmisch gewagt, und mir diesen G7-Protest mal live angeschaut. Erstens hat es mich interessiert, zweitens war das Wetter schön, und drittens wollte ich mal wissen, wie es denn bei so einer Personenkontrolle zugeht. Es ist nämlich so, dass ich seit nunmehr bald zwanzig Jahren einen Führerschein besitze und mich auch ansonsten gelegentlich im öffentlichen Raum bewege, aber mit einem derart harmlosen Erscheinungsbild gesegnet bin, dass ich im Leben noch keine Personen- oder Verkehrskontrolle (jaja, Wortwitz) erlebt habe. Also habe ich die Haare zusammengebunden, mich in einen schwarzen Jumpsuit gepackt, schwarzer Rucksack, Sonnenbrille. Sollte linksautonom genug aussehen, dachte ich, und auf nach Garmisch.

Meine Kalkulation war die, dass ich nicht mal den Zug erreichen würde, bevor jemand mich kontrollieren würde. War aber nicht. Ich habe mir eine Banane gekauft, noch eine Zigarette geraucht, versucht, verdächtig auszusehen und mich in den Zug gesetzt und bin nach Garmisch gefahren, unbehelligt. Ebenso unbehelligt bin ich an geschätzten 150 Polizisten vorbei aus dem Bahnhof hinaus marschiert, und das, obwohl ich es nicht mal geschafft habe, freundlich zu lächeln, es war nämlich wirklich alles andere als heimelig und angenehm. Ich mag überzogene Polizeipräsenz nicht so sehr, deshalb arbeite ich ja auch nicht im Puff, obwohl ich eigentlich gerne ab und zu mal eine Woche … egal… Also, raus aus dem Bahnhof, weiter in Richtung Protestcamp. Was gar nicht so einfach war, denn ich habe einen ausnehmend schlechten Orientierungssinn, dazu eine rechts-links-Schwäche, und vor lauter Einsatzfahrzeugen und viel zu warm eingepackten Ordnungshütern wusste ich zunächst nicht, wo ich eigentlich lang wollte.

Linksautonom aussehen, aber das Smartphone mit Apfellogo zücken, um sich von Google den Weg zum Protestcamp weisen zu lassen, das trifft etwa meinen Humor, also mit Knopf im Ohr an Hundertschaften vorbei. Bei völliger Ortsunkenntnis selbstbewusst voranschreiten, als wüsste man genau, wo man hin will, das habe ich in diversen Hotellobbys gelernt, da macht mir so schnell niemand was vor. Hat auch funktioniert, wieder keine Kontrolle, nur Sonnenschein, Bergkulisse und ein Haufen verschwitzter Leute in Uniform. Nach allem, was ich vorab gelesen hatte, von Journalisten, die trotz Akkreditierung nicht in die Stadt durften (gut, einen Helm hatte ich nicht dabei, aber eben auch keinen Zettel, der mich als zu irgend etwas anderem als in der Gegend herumstehen berechtigt ausgewiesen hätte), von hermetischer Abriegelung und befürchteten Krawallen, fand ich die konsequente Nichtbeachtung meiner Person durch die Obrigkeit schon etwas erstaunlich. Zumal man in meinem Berufsstand diesbezüglich eher zur Paranoia zu neigen pflegt. Eine Radfahrerin ist mir fast über die Füße gefahren und wurde daraufhin von einer übellaunigen Polizistin zurechtgewiesen. Das war das aufregendste Ereignis zwischen Bahnhof und Camp.

Das Camp erinnerte mich ein bisschen an die Festivals meiner Jugend, wo man wochenendenweise ohne fließend Wasser auf irgend eines Bauern Wiese diverse Körper- und Geistesfunktionen erforscht hat. Junge Gesichter, ein bisschen Hippiecharme, Volksküche, wilde Frisuren und Batikshirts. Die Wege zwischen den Zelten waren mit rot-weißem Signalband markiert, damit auch ja niemand seine Heringe zu weit im Weg ein- und deswegen ein Genosse hinschlägt. Sehr zivilisiert, nachgerade ordentlich, und zum Abmarsch in Richtung Bahnhofsvorplatz gab es Äpfel und Bananen von der VoKü für alle.

Was es auch gab, war dicker Applaus des gesamten Zuges für den Mann, der die Dixie-Klos entleerte, als sich die Protestierenden in Richtung Auftaktkundgebung in Bewegung zu setzen begannen. In unseren grundlegenden Bedürfnissen sind wir letztlich vereint, allein die Wertschätzung für jene, die uns ihre Erfüllung ermöglichen, variiert, auch im Zusammenhang mit der Erwartungshaltung des sozialen Umfeldes.

Hier war die Wertschätzung jedenfalls groß und fand angemessenen Ausdruck. Wie groß die Wertschätzung ebenfalls anwesender radikalfeministisch linksneurotischer Demonstrant*Innen für mich als Vertreterin des internationalen Hübschlerinnentums gewesen wäre, habe ich dank diverser Diskussionsveranstaltungen antizipieren können und deswegen nicht ausprobiert. Das ist die Form von Diskussion, von der ich oben schrieb, dass ich sie nicht mehr führe. Wenn es sich denn vermeiden lässt. Nichtsdestotrotz muss ich sagen, ich finde es gut, dass Leute auf die Straße gehen, „siamo tutti antifascisti“ und „Bürger, lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Demo ein“ rufen und wegen mir auch teilweise für nicht ausreichend reflektierte extreme Ansichten Position beziehen. Einfalt ist ja glücklicherweise nicht verboten, andere Weltanschauungen wissen das auch zu schätzen, und ein Gleichgewicht findet sich schließlich im Ausgleich. Also kann Garmisch als Tal und G7 als Gipfel der Glückseligen schon ein bisschen Widerspruchsgeist vertragen. Zumal die Polizei eh schon herumstand und Geld kostete. So bekamen die Bürger denn auch etwas geboten für ihr Geld. Wenn sich die Prominenz versteckt, zeigt sich eben das Proletariat, man muss die Feste feiern, wie sie fallen.

Deswegen habe ich auf dem Heimweg auch noch ein Pläuschchen mit einer kleinen Gruppe Polizisten gehalten. Meine persönliche Schnittmenge mit deren Meinungsäußerungen empfand ich themenbezogen als überraschend, großklimatisch mag das anders aussehen, aber das war wohlweislich nicht Thema. Kontrolliert wurde ich natürlich wieder nicht, vielleicht war ich zu freundlich. Ich dachte nämlich zwischendrin an Maude, die ein Bäumchen retten will, und stinkfreundlich, aber bestimmt, den Polizisten, der sie hindern möchte, mit einem geklauten Wagen aus der Stadt zu düsen, fassungslos dreinblickend am Straßenrand stehen lässt. Man muss halt Prioritäten setzen. Und die dann freundlich lächelnd mit Zähnen und Klauen verteidigen.

11. Jun. 2015
von Despina Castiglione
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08. Jun. 2015
von Don Alphonso
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Die öffentliche Hinrichtung als tragende Säule der Volkszufriedenheit

Ich glaube immer an das Gute.
Leo Kirch

Am Mittwoch kamen die neuen Tonträger: Arien von Roberta Invermizzi, Ensemble Lorenzo da Ponte, neapolitanische Sonaten für Violoncello. Seit dem Beginn meines Studiums verfüge ich über keinen Zugang zu einem TV-Gerät mehr, und deshalb weicht meine Vorstellung von Unterhaltung deutlich vom passenden Unterdurchschnitt in diesem Lande ab: Wenn andere Fenster blau erleuchtet sind, funkeln bei mir die Kronleuchter, oder die Röhren des Verstärkers glimmen mit dem rotblauen Schimmer der fliessenden Elektronen vor sich hin. TV erfahre ich immer nur aus zweiter Hand, aus Besprechungen etwa, die ich lieber Alter Musik vorbehalten sehen würde, aber mir ist natürlich bewusst, dass Masse zählt. Ausserdem möchte ich nicht, dass Viola da Gamba und Theorbe so populär wie Mittelaltermärkte werden. Es freut mich, wenn die automatische Fehlererkennung im Schreibprogramm das Wort Theorbe gar nicht kennt. Es darf schon alles so bleiben, wie es ist.

hinra

Besonders brauche ich die Tonträger dann, wenn das Netz wie eine Kloake überläuft von Geschrei und Hass. Mir ist aus meiner Jugend bekannt, dass manche Menschen erstaunlicherweise das TV-Gerät anschreien, wenn dort etwas verkündet wird, das ihnen nicht behagt, obwohl das doch gänzlich sinnlos ist – man hört es auf der anderen Seite des Gerätes nicht. Das wird im Netz weiter gemacht, und vielleicht hoffen sie ja, dass auf der anderen Seite jemand sitzt, der das alles niederschreibt, eine dicke Akte macht und die dann am nächsten Morgen dem Senderchef vorlegt, der dann sagt: „Pardautz. Ja aber Hallo. Das ist doch die Höhe. Ja, wenn Frau K. aus Reamaring und Herr P. aus Berlin a. d. Spree unisono getwittert haben, man sollte unseren Moderator därmen und seine Eingeweide den Hunden vorwerfen, dann machen wir das.“ Übrigens ist es ein Zeichen für die Ambivalenz des ethischen Fortschritts, wenn die Worterkennung nicht nur bei „Theorbe“, sondern auch beim „därmen“ versagt. Falls Sie das noch nie gesehen haben: Da wurde den Opfern bei lebendigem Leib der Bauch aufgeschnitten und der Darm herausgewickelt.

Allerdings ist auf der anderen Seite des TV-Geräts nur eine Frau Krause, und Senderchefs schauen allenfalls auf die Einschaltquote, schnaufen und lassen sich einen Kaffee bringen. Der Chef ist so indolent wie ein Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung beim Verbreiten falscher Zahlen über CSU und Frontex. Das muss man sich mehr so wie einen Regenten in seinem Palast vorstellen, das Unmutsgeheule seiner Untertanen ist am Ende seines Reiches, acht Reiterposttage entfernt, und ich weiss auch gar nicht, ob ich das schlecht finde. Denn Därmen ist eine unerfreuliche Sache und ich bin schon erfreut, dass man den Ungarn, die die Todesstrafe fordern, deutlich nahebringt, wie wenig das auf diesem Kontinent einen Platz bekommen sollte.

hinrb

Es ist also nicht zu erwarten, dass demnächst bei uns Todesstrafen über Abstimmungen in sozialen Medien veranstaltet werden, aber auf den Jubel, den so etwas auslösen würde, durfte ich letzte Woche einen Blick erhaschen: Als nämlich Sepp Blatter und Günther Jauch von ihren jeweiligen Posten zurücktraten. Der eine als Chef des TV-Zulieferers FIFA und der andere als Moderator einer Sprechsendung in der ARD. Zusammen übernehmen sie, wenn ich das zutreffend beobachte, einen grösseren Teil der modernen Abendgestaltung als beispielsweise Sexualität, und das Schnauben und Erregen, das ich so mitbekomme, spricht nicht gerade für ein dezentes Engagement der Zuschauer: Da werden Mannschaften verteufelt und der Jauch gleich mit, wenn er es wagt, Gäste einzuladen und reden zu lassen, die mit der Unverschämtheit einer anderen Meinung vorstellig werden. Eine andere Meinung ist in etwa die 4:0-Führung einer gegnerischen Mannschaft. Aber jetzt ist das alles ja vorbei und der Weg offen für Alternativen. Nicht nur im TV und an der Spitze der FIFA.

Sondern beim hauseigenen Gesprächskreis, den es nun einzurichten gilt. Oder beim Web-TV. Oder beim heimischen Fussballklub. Oder beim Federball im Park. Es muss ja nicht immer Fussball sein, die Sommerabende sind lang und warm, man könnte also aktiv denen da oben zeigen, dass man sie gar nicht braucht. Ein allseits verhasster Ken FM macht seine Videoshow mit schrägen Figuren – all die aufgeklärten Menschen, die aus ethischen Gründen dem Jauch die Pest an den Hals wünschen, sollten da doch formvollendet und mit erheblich tiefsinnigeren Gästen dagegen halten können. Es kann doch wirklich nicht so schwer sein, und die Mittel, die man dafür braucht, kosten heute nicht mehr sonderlich viel. Youtube wartet. Frisbee macht auch Spass. Gebrauchte Rennräder sind gar nicht so teuer. Die Waffen der Massenmobilisierung gegen die Monopole sind längst da, es gibt gar keinen Grund mehr, sich schräge Gäste von Jauch oder unsägliche Sendezeiten von Blatters früherem Verein aufzwingen zu lassen.

hinrc

Ich meine das nicht nur theoretisch – ich schreibe im Netz und habe es nicht nötig, mich an Jauch zu orientieren. Meine Lieblingssportart wird professionell von rollenden Apotheken beherrscht, die angeblich so sauber sein wollen wie die deutsche Bewerbung für die Fussball-WM: Sie werden hier dennoch nie aktuelle Berichte über den Giro dItalia lesen. Der kam vor drei Wochen bei mir vorbei: Ich ging nicht hin. Und wenn sogar ich alter, nicht wirklich weisser, heterosexueller Mann in der Lage bin, den feministischen Diskurs zu formen und meinen schlaffen Körper 2000 Höhenmeter durch die Toskana zu schleppen, dann sollte bei anderen doch wenigstens ein politischer Strick- und Skatabend mit Eierlikör möglich sein. Mit Verweigerung ist es möglich, Einfluss zu nehmen, und wenn es alle tun, wird es sicher auch besser und schöner, weil der Jauch, so sagt er der Konsens, wird nie eine anständige Sprechsendung schaffen. Hasse nicht die Medien, sei die Medien, sage nicht nur ich, sondern auch der von mir beklaute Jello Biafra von den Dead Kennedys. Aber es wird noch nicht einmal versucht.

Mir ist gestern bei der Wahl in der Türkei die Erklärung dafür eingefallen: Weil wir in einer postfeudalen Aufmerksamkeitsoligarchie leben. Manchmal vergesse ich das, aber dan twittert wieder ein sozial bewegter Mensch über den Umstand, dass die vom schwarz arbeitenden Rumänen gebrachte Lieferpizza so teuer ist, und dann fällt mir das Problem mit unseren Klassen wieder ein. Als die Türkei noch das Osmanische Reich war, gab es einen Sultan, und wenn das Volk wütend wurde, liess er einen Wesir mit einer Seidenschnur erdrosseln. Das war damals so üblich, für den Wesir Berufsrisiko und für Sultan und Volk ein erbauliches Schauspiel. Jeder wusste genau, woran er war, und so war das System stabil und bedurfte nur bei grösseren Exzessen der Bereicherung einer regulativen Massnahme an der Gurgel eines Menschen. Im theokratischen Gottesstaat bestimmte der Sultan, wer umzubringen sein. Wir sind gesellschaftlich weiter und überlassen die Benennung der gewünschten Opfer der Allgemeinheit. Treten dann die besagten Leute zurück, ist der Jubel gross, und die Wortführer überlegen, wen sie als nächstes Ziel herausheben können.

hinrd

Man hat dieses Geschäft, das für den Sultan wahrlich kein Schönes gewesen ist, an die eigentlichen Nutzniesser ausgelagert. Im Wissen natürlich, dass es für sie sehr viel einfacher ist, sich auf der Wohnlandschaft mit Bier und Lieferpizza unterhalten zu lassen und hin und wieder einen abgetrennten Schädel serviert zu bekommen, als ihre eigenen geistigen Möglichkeiten zu nutzen. Es passt einfach besser zur Zivilisationsstufe, die wir in der menschlichen Entwicklung auf dem holprigen Weg zu Aufklärung gerade erreicht haben. Dass die neuen Leibeigenen mit exakt jenen Mitteln über das Schafott jubeln, mit dem sie etwas für ihre eigene Herzensbildung und kluge Debatten tun könnten, ist da vermutlich weniger ein Systemfehler als schlichtweg althergebrachte Tradition.

Natürlich will ich Herrn Blatter nicht verteidigen oder gar darauf hinweisen, dass ich an sauberen deutschen Sport so wie an saubere Giftgase glaube. Ob jetzt die Deutsche Bank oder die FIFA mit halbseidenen Methoden Gewinne optimiert, spielt bei der moralischen Beurteilung keine Rolle. Ich will nur sagen, dass in der letzten Woche ein wenig zu viel mit der Seidenschnur agiert wurde, und man da vielleicht bei den Selbstentprivilegierten eine falsche Erwartungshaltung erzeugt, das könnte jetzt dauernd so weiter gehen. Auch zweit- und drittklassige Chargen, die als Opfer taugen, wachsen nicht auf Bäumen, und man sollte das Publikum schon im Glauben lassen, dass es sich beim Heben der verbalen Mistgabeln wirklich angestrengt und den Sieg nun endlich, endlich verdient hat. Dann sinkt es zurück in sein Sofa, wählt eine Talkshow aus, und bei mir erklingt unter dem Kronleuchter die wunderschöne Stimme von Roberta Invernizzi.

hinre

Oder ich fahre mit dem Rad. Eigentlich mag ich freie Strassen und bin froh, niemanden zu sehen, der dort seine niedrigen Aggressionen auslebt. Die sollen mal schön vor dem TV-Gerät bleiben. Es ist schon gut, wie es ist, und über Aufklärung reden – na, da kommen noch genug andere, besser geeignete Jahrhunderte entlang der Seidenschnur unserer Geschichte.

08. Jun. 2015
von Don Alphonso
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03. Jun. 2015
von Don Alphonso
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Psychisch stabil mit Schweinshaxn und Bayerisch Creme

Oh Django! After the showers the sun will be shining…

Sie kennen das: Kaum dass Sie sich gewundert haben, warum sich andere Leute einen barocken Stadtpalast angetan haben, sitzen Sie selbst beim Notar und kaufen so ein Objekt, um Steuern zu sparen und das Geld unterzubringen. Sie denken sich vor dem Mahl noch, dass Sie keine Schweinshaxe wie der da drüben essen werden – und da steht dann diese fette, dampfende Gans vor Ihnen, und Sie sehen mit einem Auge, wie hübsch doch die Bayerisch Creme ist, die hier von der Bedienung im Dirndl serviert wird. Am Morgen noch hatten Sie den Vorsatz, ein wenig zu sparen, und am Nachmittag vergrössern zwei neue Paar Schuhe das Platzproblem in ihrer Biedermeierkommode. So geht das immer. Gestern dachte ich mir noch, ach, wenn die Zeitschrift Edition F von einer wütenden Schar Frauen, darunter die auch in dieser Zeitung fast nur rauf und runter gelobte Anti-Stalking-Aktivistin Mary Scherpe, brutal vorgeführt wird, nur weil sie keine Gewaltaufrufe und Hetzjagden wollen, dann sollen ihre Freunde sie mal selbst gegen diese Leute verteidigen.

labile

Leider hat mich dann eine gewisse, in diesen Kreisen wohlbekannte Helga Hansen auch direkt angesprochen, ohne dass sie sich je hätte vorstellen lassen, und darauf verwiesen, dass ich, dessen Beitrag der Urgrund für den Konflikt war, Frauen als psychisch labile „Schlitzerinnen“ bezeichne. Hier. In einem Beitrag, der inhaltlich immer noch zutreffend, aber nicht gerade reich an kunsthistorisch interessanten Brüsten ist. Ich bitte das zu entschuldigen, ich habe aus Mantua viele neue Bilder von nackten Grotesken mitgebracht – ich fürchte, die werde ich alle brauchen.

Ich sollte wirklich mehr an Orten verkehren, wo anstelle von norddeutschen Vortragenden der Friedrich-Ebert-Stiftung fette Gänse und Schweinshaxn vorbei getragen werden, denn die Bayerisch Creme täte ich als Vegatarier gern nehmen, damit die anderen nicht zu dick werden – aber gut. Reden wir halt über psychisch labile Schlitzerinnen. Aber danach eine Bayerisch Creme, gell?

Ja, also, geschrieben habe ich das vor zwei Jahren tatsächlich. Weil es halt psychisch labile Schlitzerinnen gibt. Mir ist auch voll bewusst, dass man das netter sagen könnte. Ich könnte von selbstverletzend Autoaggressiven sprechen, die aber gar nicht wirklich krank sind – krank ist unser Kapitalismus, und das äussert sich dann bei den Sensiblen und Wissenden in derartigen Handlungen. Da darf man nicht sagen, dass sie eine spinnerte Gans ist, und zwar ohne Knödel und Blaukraut, nein, da muss man als nicht Marginalisierter schweigen und ihre Erfahrungen anhören, die die grundsätzlichen Fehler unseres Systems offenlegen, um dann erst sich selbst und das System zu ändern. Nur so und mit der Solidarität der Leidenden weltweit kann Heilung der Gesellschaft gelingen. Falls Sie das etwa an die Ideologie des sozialistischen Patientenkollektivs SPK erinnert: Sagen Sie es nicht so laut, die Säulenheilige der Magersuchtserkrankung Laurie Penny verkauft hochgelobte Bücher mit der Neuauflage einer Idee, die damals in die Arme der RAF führte.

labilb

Aber bis zum nächsten deutschen Herbst werden noch viele schöne Biergartentage kommen, und kurz vor dem schönsten Biergarten der Region habe ich einmal einen Unfall gehabt. Da bin ich unachtsam mit dem Rennrad in eine Kurve und hängen geblieben. Unachtsam war ich, weil mein Freund in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie war, und ich dort die Geschichte einer jungen Frau gehört habe, die sagte, von ihrem Vater vergewaltigt worden zu sein. Ich war jung, leichtgläubig, es war keine einfache Zeit für mich, da macht man sich eben Gedanken, und dann reibt es einen mit Karacho in den Asphalt, als wäre man ein Stück Parmesan auf Spinatknödeln. Aber davor stand mir er Sinn auch schon nicht nach Biergarten. Wie schrecklich, dachte ich mir damals. Missbraucht. Vom eigenen Vater. Man hat ja keine Ahnung, und auch keine Erfahrung: Mit Pflastern verklebt sprach ich mit einer Freundin der Insassin, und sie meinte, ich sollte mit einer Anzeige vorsichtig sein, solche Geschichten würde sie öfters mit wechselndem Personal bringen. Mein eigener Freund war dann zwei Wochen später davon betroffen, wie so ziemlich jeder andere in der Station auch.

Die ganze Geschichte mit all ihren Auswüchsen und Dramen hat mich einen Sommer gekostet, der normalerweise der schönste aller Sommer hätte werden können: Nach dem Abitur, vom Wehrdienst zweifach befreit, jung, trotz der Untauglichkeit sportlich, Führerschein, Studienbeginn eines beruflich, wie man hier sieht, aussichtslosen, aber feinen Faches im November: Andere ziehen los, verführen Frauen und lassen es mit dem Auto der Eltern krachen. In meiner zur Verdrängung neigenden Erinnerung hat in diesem Sommer immer die Sonne geschienen, obwohl damals die B. wegen des nicht erreichten Abiturs von Hochhaus sprang, und ich täglich in der Station drüben war. Man sieht da als junger Mensch zuerst nur die leidenden Freunde. Was das mit den Familien macht, begreift man erst später. Es gab damals eine Reihe von unschönen Geschichten im Westviertel der dummen, kleinen Stadt an der Donau: A so ein Schmarrn, pflegte sich meine Grossmutter zu empören, wenn sie die Geschichten hörte, so ein Gwuisl, ihr brauchts mal wieder eine schlechte Zeit, dann vergeht Euch das wieder, sagte sie – und sie hatte zwar wie immer Recht damit, aber einerseits blieb ich gesund und konnte nichts dafür, und anderseits ist eine schlechte Zeit für alle auch keine schöne Therapie, weil es da nämlich keine fetten Gänse gab, sondern nur einen drastischen Rückgang beim Wildentenbestand der Region.

labilc

Ich würde deshalb nicht so weit gehen wie meine Grossmutter. Aber was man beim Umgang mit psychisch Kranken als Aussenstehender mitbekommt, ist ihre mitunter besondere Fähigkeit, für den kleinsten eigenen Gewinn für andere den maximalen Schaden zu verursachen und sich dann gleich nochmal viel schlechter zu fühlen. Man kann das eine Weile mitmachen, man kann für einen Freund einen Tag opfern, nur um nach ein paar Minuten in einem Wutausbruch abgewiesen zu werden, und sich dann eine Nacht lang zu überlegen, was man falsch gemacht haben könnte. Aber es raubt Kraft und bringt ansonsten intakte Familien und gute Beziehungen in fundamentale Krisen. Man kann viel von mir verlangen, ich bin wirklich ein nachsichtiger Mensch und wenn die Bayerisch Creme aus ist, nehme ich auch ohne Klagen einen Germknödel. Aber ich werde nicht den Fehler machen und in eine Zeit zurück fallen, als mich die Identifikation mit den Betroffenen vom Rad stürzen liess. „Psychisch labile Schlitzerinnen“ beschreibt nicht nur affirmativ Handelnde, die mich an den Rand der Beherrschung bringen – es sorgt dafür, dass es für mich beherrschbar bleibt.

Menschen brauchen eine Distanzierung, um das alles zu verarbeiten. Niemand will an das Zerlegen einer Sau denken, wenn er die Schweinshaxe bekommt – ich bin, weil ich das nicht trennen könnte, sehr bewusst lebender Vegetarier. Den gleichen Abstand brauche ich zu psychischen Erkrankungen. Deshalb bin ich bei der Beschreibung mitunter offen und direkt, und manchmal auch, wenn es die Umstände geraten scheinen lassen, nicht rücksichtsvoll, egal was die diversen Akzeptanzbewegungen an verbaler Erniedrigung von „Normalen“ einfordern, die sie dann gleich als „normschön“ beleidigen. Ich sage offen, dass ich Magersüchtige zuerst einmal nicht schön finde. Dass ich keinen Respekt für erheblich zu viel Fett habe. Dann gehen meine Gedanken erst noch zu Angehörigen, die sich unverdient mit den Folgen herumschlagen müssen, und mitunter für ihre Fürsorge das Getuschel der anderen und den Zorn, die Wunden und das Blut der Kranken abbekommen.

labild

Ich habe in diesem unschönen Sommer meine Lust an Sigmund Freud verloren, und war heilfroh, dass mich meine Abiturnoten nicht mal ansatzweise in die Nähe eines Psychologiestudiums brachten. Geholfen haben mir nicht Adler und Jung, sondern Evelyn Waughs „Wiedersehen mit Brideshead“. Man stumpft deshalb nicht ab, man wird kein Zyniker – man lässt sich nur nicht mehr so leicht vereinnahmen, man bringt keine seitenlangen Wutpredigten mehr zu Eltern, denen damit das Leben zur Hölle gemacht wird, man spielt nicht mehr mit und man hilft nur, wenn es sinnvoll ist. Sinnvoll ist keine Acceptance-Bewegung, man löst Probleme nicht mit Überidentifikation und Bestätigung eines Zustandes, der alle schwer belastet.

In dem Fall der Hetzjagd, der der Grund für diesen Beitrag ist, gibt es gegen die Autorn Ronja von  Rönne im Netz so ein wutentbranntes Pamphlet wie jene, die damals mein Freund schrieb. Heute wird es an das Internet gerichtet, und verbreitet wird es von jungen Frauen, von denen einige mit ihren psychischen Problemen recht offen umgehen. Die Welle im Netz, die offen dargestellte Erkrankung soll allen weh tun – wie schon die Blockempfehlung, mit der die gleiche Dame auffällig wurde, und die sich auch zuerst gegen eine empfindsame Frau richtete. Die suchen sich zum Niederkreischen und zum Vorzeigen ihrer Verletzungen oft die Schwachen und Gefühlvollen aus. Sie haben oft ein Gespür für wunde Punkte. Diese Empfindlichkeit habe ich mit viel Haut auf dem Asphalt vor dem Biergarten abgeschabt. Ich denke da nur „Die armen Eltern“. Und dann bekämpfe ich den Wunsch, noch etwas ganz anderes zu sagen. Das machen sehr viele Betroffene so. Zähne zusammen beissen. Bloss nicht das Trauma verschlimmern. Das Problem in sich reinfressen und sich anstecken lassen. Schlucken, nicht wütend werden, sich lieber motional zerreiben lassen, weil sie das Unbegreifliche verstehen wollen. Man möchte schreien. Schlitzerin und vieles mehr. Man tut es nicht.

labila

Und das Verständnis hat leider dazu geführt, dass da draussen um so lauter vorgeführt wird, wie die aktuelle Sommermode der Viertellebenskrisen aussieht und ich hier lieber das Rezept für die bei uns erfundene Bayerisch Creme verlinke. Es wird mit Gewalt und Nachruck an einen herangetragen, und sie wollen. dass man es mitbekommt. Aber zu wissen, was einem gut tut und was nicht, gehört zum Altwerden dazu. Es sich heraussuchen zu können, gehört zu den Privilegien. Es, wenn es sich anbietet, brutal benennen zu können, wie es ist, gehört zum Charakter. Natürlich mögen erzürnte Marginalisierte es nicht, wenn man mit ihnen nicht über Laurie Penny debattiert, und statt dessen mit „psychisch labile Schlitzerinnen“ die Sache auf das Kernproblem zurückführt. Dieses unfassbare Glück, den ganzen Albtraum diesmal nicht etragen zu müssen, sondern einfach verjagen zu können. Dann regen sie sich furchtbar über einen auf, man kann sich den vorhergehenden Streit um die Deutungshoheit ihrer Krankheit sparen und ohne Internetanbindung in den Biergarten gehen. Da werden nur die dampfenden Gänse aufgeschnitten und heute ist Mittwoch – da gibt es für empfindsame Leute wie mich auch ein veganes Gericht.

Das war alles übrigens Anno 1987 , damals hat noch die CSU-Majestät Franz Josef regiert, ein nicht sonderlich kunstsinniger Mann. Zwei Jahre darauf ist die Mauer gefallen, Berlin wurde hip und ich müsste fast mal fragen, ob es hier bei uns überhaupt noch eine geschlossene Abteilung gibt.

03. Jun. 2015
von Don Alphonso
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01. Jun. 2015
von Don Alphonso
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Keine Ehe für Gift und Galle

We want you, we want you, we want you in the Schnaderhupfer-Crew

Natürlich habe ich eine Meinung zur Ehe für Alle, und die klingt so:

„Liebe schwule Freunde, habt Ihr noch alle Nadeln an der Tanne? Was war so schlecht an den durchtanzten Nächten auf den Boxen im Parkcafe, was war so schlecht am Bad im Brunnen vot dem Justizpalast am frühen Morgen, was war so schlecht an den endlosen Abenden im Morizz – dass Ihr jetzt auch mit diesem Klimbim anfangen müsst und Euch unbedingt wie jeder andere ein heimisches Terrorregime zulegen wollt, das meist nicht mehr darkroomtolerant ist? Wollt Ihr den Spass wirklich aufgeben für eine Ehe, die oft sowieso scheitert? Ihr seid doch auch mal jung und lässig gewesen. Fangt doch jetzt nicht mit sowas an. Ihr seid doch keine liegengebliebenes Apothekersdridscherl.“

Kurz: Die Ehe für Alle ist für einen alten Sac Hahnrei ausgschamten Hallodri echten Libertin immer ablehnenswert, egal wie die sexuelle Orientierung aussieht. Aber gut, natürlich bin ich auch der Meinung, dass der Staat in den Betten der Menschen nichts verloren hat, und wenn es denen Spass macht, sollen sie halt. Und ja, natürlich geht es nicht darum, dass man heiraten muss, sondern dass es einfach die Möglichkeit gibt. Das ist so wie Berlin: Ich will da nicht hin. Aber ich will das Recht haben, da hin zu fahren, mir drei Wohnungen zu kaufen und zu filmen, wie die sozial bewegten Vormieter nach Greifswald umziehen müssen. Das gefällt nicht jedem, aber so ist nun mal die Freiheit der Menschen, die das Gesetz ermöglichen sollte, egal ob bei der Ehe oder bei der Stadtsanierung. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Greifswald ist besser als sein Ruf. Oder zumindest auch nicht schlechter als Berlin.

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Und ich trete dafür ein, obwohl ich den bekanntesten Repräsentanten der Bewegung während der letzten Woche als einen Mobber kennengelernt habe und mich schon frage, ob der nicht auf unsere Kosten was Besseres zu tun haben sollte, als wehrlose Frauen im Netz zu demütigen. An dem und den Grünen, da sieht man mal, wie es ausgeht, wenn man sich dauerhaft bindet, liebe Schwule.

Aber auch der progressive Rest des Landes kommt mit den neuen, aber ihnen nicht ausreichend erscheinenden Rechten für Homosexuelle nicht klar. Und giftet FCK VTKN, um seine ablehnende Haltung gegenüber der katholischen Kirche auszudrücken, die mit erfrischend deutlichen Worten nicht so wie die CDU herumwackelt, sondern das Votum der Iren zur Ehe für Alle knallhart verdammt. Man kann sagen, was man will, aber an Charakter und deutlicher Aussprache fehlt es den Herren in Rom nicht. Damit kommt die Linke im vermerkelten Land der weichen, warmen Hände nicht klar, und hofft einfach darauf, dass die alten Männer irgendwann bald sterben, und mit ihnen Religion, Überzeugung und Vorurteil. Dass man bei mir in Mantua immer noch diverse, längst verstorbene Päpste als Postkarte kaufen kann, wird als schrulliger Witz abgetan. Den Padre Pio, der hier überall herum steht, von den Gärten bis zum autonomen Zentrum, den übersieht man vielleicht. Oder denkt, dass es halt Italien ist und daher anders. Aber bei uns müssen diese alten Männer mit ihren Predigten doch bald ausgestorben sein. Da habe ich eine gute Nachricht. Es gibt wirklich einen schweren Priestermangel, und die Klöster sterben nach all den Jahrhunderten wirklich aus. Es ist vorbei.

Und eine schlechte Nachricht habe ich auch.

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Ihr schaut trotzdem mit dem Ofenrohr ins Gebirge.

Weil, so sieht das aus, wenn FCK VTKN auch beim Verschwinden der Priester nicht hilft. Das ist Gasse, das Dorf neben meiner deutschen Heimat Gmund am Tegernsee. Und dort kommen recht viele aus dem Dorf zu einer Andacht auf der Wiese unter freiem Himmel zusammen. Das organisiert bei uns der Landfrauenbund. Ganz ohne alte Männer im Vatikan. Kommen tun natürlich alle, die Frauen, die Männer, die Kinder, viele kommen in Tracht und das schaut nicht schlecht aus, auf unseren sattgrünen Wiesen mit den leicht im Wind rauschenden Bäumen, wenn unten der Tegernsee funkelt. Das ist keine Kirche, da steht kein Marmoraltar, da sind für die Alten nur ein paar Bierbänke und für alle das Kreuz mit dem, in dem sie den Erlöser sehen. Natürlich werden jetzt immer noch einige Leser vielleicht FCK VTKN murmeln, aber man sollte ruhig mal seine Scheu vor dem Fremden überwinden und sich nähern. Es ist ja schön nicht grad greuslich, und es ist auch nicht unkommod hier am See. Gemma, bewegen wir uns etwas näher, schaumaramoi, ned woah.

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SengaS des? Das sind fei pfeigrod Frauen. Frauen an der Harfe und am Hackbrett, Frauen an der Gitarre und am Bass, eine Frauenmusi ist das und ein Minsitrant ist eine Ministrantin und in der Mitte: Das ist auch eine Frau. Alles Frauen. Sogar ziemlich junge Frauen, so jung, dass sie in der gesunden Bergluft beste Chance haben, jeden FCK VTKN Sager unter uns zu überleben. Da sind keine alten Männer vorn dran und das System, das viele so hassen, weil es ihre Rechte ablehnt, läuft mit Frauen weiter. Das ist für Feministinnen eine schreckliche Vorstellung – aber so ist es. Das ist jetzt nur eine Andacht auf der Wiese, aber sie ist schon recht üppig und ein wenig liturgisch geworden. An dem Tag, da die alten Männer Frauen als Priesterinnen zulassen, machen die hier halt eine richtige Messe, und zwar eine richtig pfundige, aber sonst ändert sich nichts. Weil sich schon alles bis hier her und zu den vorne stehende Frauen geändert hat, übrigens ganz ohne Beihilfe der feministischen Gesellschaftskritik, und der Glaube immer noch da ist. Die FCK VTKN Sager machen Witze über unseren Ministerpräsidenten, der einmal nebennaus gegangen ist. Hier wählen sie ihn trotzdem mit Prozentzahlen, die dafür sorgen, dass die SPD im Bund schon sehr betteln muss, um ein klein wenig etwas an den Rechten der Homosexuellen ändern zu dürfen. Und dafür immer noch geprügelt wird, weil sie so wenig erreicht.

Ich erzähle Ihnen was. Das sind jetzt noch zwanzig Meter von hier und die Leute – ich kenne sie. De san fei ned zwida. Mit denen kann man reden und grad lustig sein. Und die freuen sich auch, wenn man dazu kommt und sie lobt und ein wenig mitsingt. Da könnten Sie jetzt einmal mit ihrem unkommoden FCK VTKN aufhören und hingehen und die etwas loben. Für die schöne Musi und die grünen Wiesen und die stimmungsvolle Andacht. Die tun erst mal nichts Böses, die reden von Glaube, Liebe und Hoffnung, und wer sich auf eine Ehe einlässt, braucht das als Grundbestandteile der Verblendung. Da gibt es also eine gemeinsame Basis. Und geben Sie es zu, an so einer Stelle wäre so eine Ehe für Alle ja auch ganz hübsch, als Feier, oder ebba ned? Man könnte also da rübergehen, weil das da drüben – das sind momentan klar die Mehreren in diesem Land. Und schauen, dass man denen irgendwie nahe bringt, dass wir doch eigentlich alle das gleiche wollen. Liebe, Zuneigung, eine gesicherte Zukunft – das verstehen die schon irgendwie. Und dass sich etwas ändern muss, weil sie sich doch auch geändert haben, und gut ist es geworden. Das kann man doch den anderen auch einmal zugestehen, selbst wenn sie Dirndl und Lederhosen tragen. Wenn es gut geht, sagen die vielleicht sogar in der Partei, dass man sich da doch nicht so haben soll, schliesslich singen die Anderen spontan bei der Andacht so schön mit und und ernst ist es ihnen auch. Eine Ehe für Alle, die auch von Allen mitgetragen wird – dann sind die alten Männer wirklich egal.

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Was ich sagen will: Ich glaube, dass man sich da innerhalb einer Gesellschaft schon verständigen kann, wenn man alte Fronten umgeht. Weil nichts anderes machen die hier bei ihrer Andacht auch – vor hundert Jahren hätte es keine Ministrantinnen gegeben und kein Dirndl ohne Brusttuch. Kommunikation klingt schwierig und es ist so leicht FCK VTKN zu twittern, und Lob gibt es dafür auch, aber schaunS, es is doch wias is: Die schauen sich hier nach einem Partner um, weil dazu macht man das auch ein wenig, gehen zusammen heim, zeugen Kinder und geben denen genau diese Religion und Tradition weiter. Das sind die Leute, die wählen gehen, relativ gebildet sind und die noch überzeugt werden müssen, auf Ihre Seite zu wechseln. Die sind vielleicht ein wenig bodenständig, aber bei denen geht der Diskurs fraglos besser als bei den Rapgesang hörenden Unterprivilegierten oder Flüchtlingen aus Ländern, bei denen Schwulenfeindlichkeit Teil der gelebten Kultur ist. Und es bringt auch mehr als die dauernde politische Selbstbestätigung bei den Patchworkfamilien im städtischen Umfeld, deren Kinder nach all dem genderneutralen Zwangsregeln sich eher nach konservativen Lebensentwürfen sehnen werden, die zu ihren Hormonen passen. Irgendwo muss man realistischerweise bei den anderen anfangen, und hier hat sich schon etwas emanzipiert und entwickelt: Man könnte es ja mal probieren, gleich hier. Nicht über den pseudowissenschaftlichem Umweg eines sexuellen Zwangskoffers in der achten Klasse, denn da werden hier und überall die Eltern rebellisch und freuen sich, wenn alte Männer FCK SCHWLNRCHT sagen. Hier. Auf der Wiese bei Gasse, gleich neben Gmund am Tegernsee. Da muss man das Anliegen nachvollziehen können und den anderen mögen. Lustigerweise geht das bei anderen Bereichen wie Gentechnikverboten und Erhaltung der Natur bzw. Gottes Schöpfung sogar jetzt schon sehr gut.

Aber wenn man denen nur mit FCK VTKN und Gift und Galle und Todeswünschen für ihren Glauben kommt, dann bleibt es halt, wie es ist, und ganz ehrlich, ich weiss auch nicht, ob ich nicht gerade den Grünen eine APO-Wahlperiode zum Nachdenken wünschen würde. Wie das ausgeht, wird in diesem Land jedenfalls nicht bei Twitter entschieden, sondern bei denen, die auch dann kommen und zuhören, wenn eine Frau die Ansprache hält und die Lieder vorsingt. Und die mal so und mal so wählen können und eigentlich schon auch der Meinung sind, dass Leben und Leben lassen wichtig ist.

01. Jun. 2015
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27. Mai. 2015
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Das Jubiläum der Kriegstreiber

Warm, sonnig, leicht bewölkt bei 29 Grad
Das aktuelle Wetter in Valeggio

Es gibt in italienischen Städten keine Via Valeggio, selbst wenn der Name schön klingt. Valeggio steht für einen peinlichen Moment der italienischen Geschichte. Der Ort am Mincio, dem Ausfluss des Gardasees, und an der Grenze zwischen Venetien und der Lombardei gelegen, wechselte früher oft den Besitzer. Mal gehörte er zu Verona, mal zu Mantua, mal begehrten ihn die Visconti in Mailand und dann, bis zur Abschaffung ihrer Republik unter Napoleon, die Venezianer. Danach kam er zu Österreich. Im dritten sardischen Krieg des Jahres 1866 überquerten hier italienische Truppen den Mincio, um dann gleich bei Costazza vernichtend geschlagen und über den Fluss zurück getrieben zu werden. Gleichwohl kam Valeggio nach dem Krieg auf dem Verhandlungsweg zu Italien. Das war nicht ruhmreich, und kein Grund für eine Via Valeggio.

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Nur eine Tagesreise weiter nördlich verblieb dann auch die Grenze zu Österreich bis zum ersten Weltkrieg. Aber fast fünfzig Jahre herrschte hier Frieden, und man lebte nicht schlecht am Rand des Königreichs Italien. Das Land ist fruchtbar, hier gedeiht der beste Risottoreis, das Klima ist besser als in der Po-Ebene, der Handel mit den Ländern des Nordens führte oft hier vorbei, und bei klarem Wetter sieht man hier die Berge rund um Trient, in denen Österreich und Italien in der Friedenszeit unüberwindlich wirkende Sperrwerke erbauten. Si vis pacem, para bellum. Am 23. Mai 1915 erklärte der italienische König dem österreichischen Kaiser den Krieg. Die Bevölkerung in Italien war daran eher desinteressiert, und die Truppen aus den Südtiroler Bergen standen damals im Ersten Weltkrieg auf dem Balkan, wo sie entgegen ihrer eigentlichen Qualitäten als Infanterie verheizt wurden.

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Nachdenklich will man den Tag hundert Jahre später begehen, sagen italienische Politiker, aber trotzdem ist es hier eine hoch emotionale Sache. Die Gemeinde begeht justament an diesem Tag den grossen und weit über die Grenzen der Region bekannten Antikmarkt, und neben den Ständen sind überall Lautsprecher angebracht, aus denen patriotisches Liedgut der Zeit ertönt. Darunter gehen Touristen ihren Geschäften und Einheimische dem Herumschauen nach: Auch heute herrscht Krise in Italien. Nicht militärisch wie beim reichlich misslungenen Kriegsbeginn, als wenige Südtiroler Milizen die Italiener aufhielten. Die Krise ist finanziell, die Banken sind marode und die Arbeitslosigkeit ist hoch. Valeggio lebt eigentlich ganz gut vom Tourismus, gerade an Tagen wie diesem, aber auch hier haben Geschäfte zu gemacht. Und davor stehen Lautsprecher, und Chöre singen, wie fein doch das Leben als Alpini sei.

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Valeggio ist heute nicht gross und war es früher erst recht nicht, und trotzdem hat es einhundertsiebzig Kriegstote zu beklagen. Militärhistoriker sagen das so einfach: Das Gelände, das sich weiter nördlich erhebt, begünstigte die Verteidiger. Was sie unerwähnt lassen, was vermutlich zum Beruf des Militärhistorikers gehört, und dazu, dass Männerchöre patriotische Lieder singen, ist der Umstand, dass das Gelände die Angreifer benachteiligte. Etwa, weil die Ausrüstung mit Stahlhelmen höchst unzureichend war, im Gestein der Berge die Errichtung von schützenden Stellungen nur schlecht gelingen will, und weil jeder Einschlag einer Granate das Gestein in tödliche oder schwerst verletzende Splitter verwandelte. Einige italienische Futuristen wie Gabriele d´Annunzio schätzten die Überlegenheit der Maschinen über den Menschen, aber Valeggio gedenkt an diesem Tag der Opfer.

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Neben der Kirche steht das Denkmal der Ragazzi del ’99. Dieses Denkmal erzählt viel über Italien, denn es ist bei aller heldenhaften Pose des vorwärts stürmenden Soldaten, in einer Hand die Granate und in der anderen das Gewehr, stümperhaft und plump ausgeführt. Heute hängt dort ein frischer Kranz, aber mit diesen Ragazzi hat es eine besondere Bewandtnis: Das ist der Jahrgang, der gerade 18 Jahre alt geworden war, als er von der Schulbank weg eingezogen und ohne ausreichende Ausbildung an die Front geschickt wurde. Es war die italienische Version von „Im Westen nichts Neues“, und es waren diese Jungen, die dann bei der Schlacht von Karfreit, als die Mittelmächte in die Offensive gingen, besonders schwere Verluste hinnehmen mussten, was eine verharmlosende Umschreibung für vergast, zerfetzt und aufgerieben ist. Es gehört irgendwie dazu, dass man besonders schlimmen Ereignissen besonderen Heldenmut zuspricht, und so steht eben etwas abseits vom Trubel dieses bröckelnde Denkmal. Seit ich es kenne – und die Region ist für mich fast so etwas wie eine dritte Heimat, ich kenne es also schon etwas länger – ist vorne am Gewehr mit einem rostigen Draht ein Küchenmesser als Bajonett befestigt.

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Es gibt eine Geschichte von Don Camillo und Peppone, die nicht in den Filmen auftaucht. Da geht es um den Feiertag von Vittoro Veneto, zum Ende des Krieges. Dann verschwindet Peppone immer aus dem kleinen Ort am Po. Die Geschichte ist der Schlüssel zu seinem gewalttätigen Charakter: Peppone gehört zu diesem Jahrgang und wurde durch den Krieg um seine Jugend betrogen. Er ist, so würde man das heute sagen, von den Ereignissen traumatisiert, wie es auch Don Camillo ist, der den grossen Krieg als Sanitäter erlebte. Das haben beide erkennbar nicht überwunden, wie es das ganze Land nicht überwunden hat, und in Folge des katastrophalen Krieges dann gleich in die Mussolini-Diktatur rutschte. Für die Antifaschisten Don Camillo und Peppone ist das das nächste Unglück, das bis zum Ende des nächsten Krieges andauern wird. Die beiden prügeln sich nicht, weil sie gewalttätig sind. Sie sind Ragazzi del ’99, sie müssen beide ganz langsam, wie sie es dann auch tun, mit ihrem Trauma zurück in ein normales Leben finden. Und das erklärt vielleicht auch, warum das Andenken an diese betrogene Generation nicht so leicht ist, selbst wenn heute viele Männer mit den Alpinihüten durch den Ort laufen.

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Das ist eine andere Generation, die zwar formal noch in der Tradition der alten Truppe steht, aber so gut wie keiner von denen hat noch in einem Krieg gekämpft. Irgendwann hat dann vermutlich auch der Verantwortliche für die Beschallung seine Aufgabe vergessen und die CD nicht mehr neu gestartet. Nur die Fahnen weisen dann noch auf den besonderen Tag hin, und nicht einmal das tun sie weiter nördlich in Südtirol: Dort werden die Fahnen Italiens erst gar nicht ausgepackt. Man weigert sich dort, diesen Tag festlich zu begehen, und weil hier gerade Wahlkampf ist, dürfen sich die Südtiroler deshalb dumme Sprüche der rechten Parteien anhören. Wegen so einem Fetzen Stoff. Manche haben so etwas wirklich an den Ständen ausgelegt, und wer will, kann auch etwas Mordgerät kaufen. Oder aber einen Degen der Zeit, der zu einem Aschenbecher umgeformt wurde.

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Es ist nicht so leicht mit dem Patriotismus, wenn die heldenhafte Musik aus Boxen und Geräten kommt, die in China gefertigt wurden, und grosse Firmen in Mantua und Vicenza die Produktion nach Rumänien verlagern. Es ist nicht so leicht mit einem Krieg, der von militärischen Hassardeuren unter absurd hohen Verlusten knapp gewonnen wurde, und um den späteren Preis einer neuen Diktatur. Es bleiben hundertsiebzig Tote zurück, die zu betrauern sind, gestorben da drüben in den Bergen beim Schiessen auf andere arme Teufel, die sie vielleicht sogar kannten: Das hier ist eine Grenzregion, das Castello steht auf der ersten kleinen Erhebung der Alpen, das verbindet die Menschen öfters, als es trennt.

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Das ist, wie gesagt, meine dritte Heimat und wenn hier das Ende des zweitem Weltkriegs gefeiert wird, ist mehr los. Das ist dann wirklich ein Freudenfest, da muss keiner Boxen aufstellen und den Antikmarkt seltsam beschallen. Da wird dann gefeiert, dass von da an Frieden herrschte, Verständigung, und vor ein paar Jahren auch noch Europäische Einheit, die vor dem Beginn der Sparzwänge ganz gut klang. Dieser Jahrestag dagegen gehört dem Gedenken. Nächstes Wochenende ist Kommunalwahl, da wird man dann sehen, wie viele hier für die Lega Nord stimmen, die Europa und seinen Zwängen den neuen Krieg erklärt hat.

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Ich kaufe ein Rennrad von Grandis, einer feinen Edelschmiede aus Verona, die es noch gibt, während so viele andere Marken längst dem Importdruck aus Fernost zum Opfer gefallen sind. Ob das etwas bedeutet, weiss ich nicht. Es ist ein schönes Stück einer dritten Heimat, die ich mag, und als der Händler sagt, der Preis sei non trattabile, zahle ich ihn halt. Nachgeben ist manchmal gar nicht so schlecht und wohin das Beharren auf den eigenen, einzig richtigen Standpunkt führt, sieht man ja nicht nur bei alten, sondern auch bei neuen Kriegstreibern und ihren Ideologien. Der Kriegstreiber d´Annunzio schimmelt in seiner Gruft drüben am Gardasee, die hundertsiebzig liegen in Kriegsgräbern zwischen dem Ortler und dem Isonzo, und ich fände es fein, wenn Europa wieder etwas weniger Streit und Ausverkauf und den Eindruck einer Zwangsverwaltung bedeuten würde.

27. Mai. 2015
von Don Alphonso
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25. Mai. 2015
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Steinbrück erbt nur über meine Leiche

Seit wann haben hier Mietsleute etwas zu sagen?
Mein Urgrossvater

So kann man das natürlich auch sagen: „Friedrichs lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in Berlin-Kreuzberg.

Ich persönlich weiss nicht, ob die Autorin Julia Friedrichs wirklich zu nur so mittelprächtigen Bedingungen von McKinsey genommen worden wäre, wie sie es in ihrem bekannt gewordenen Buch „Gestatten: Elite“ behauptet. Ich habe das Buch damals gelesen und fand es, höflich gesagt, wenig passend zu dem, was ich in meiner Zeit in der New Economy vom Beratungsgeschäft so mitbekommen habe – da ist vor allem der Umstand, dass sich der Elitenbegriff der angehenden Powerpointschubser so gar nicht mit jenem Leben verträgt, den man landläufig für elitär hält. Berater sind Leute, die über eine Senatorcard twittern, die Elite in diesem Land dagegen twittert nicht und hat es auch nicht nötig, ein Meilenkonto anzuschauen. Es gibt kluge Berater und dumme und verdammt viele, die mit 40 ausgebrannt und arbeitslos sind und das geschickt vertuschen. Es gibt keinen Kausalzusammenhang von Elite und Beratern, den Flaschensammlern der Globalisierung.

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Ich weiss also nicht, ob der mitleidheischende Sozialpornoaspekt, dessen Publikation sich durch die Biographie von Frau Friedrichs zieht, dem erhofften Bucherfolg bei den sozial Bewegten geschuldet ist – sowas verkauft sich nun mal oft, wenn es himmelschreiende Ungerechtigkeiten anprangert, oder wie jetzt, ein „Tabu-Thema“. Momentan wirbt sich Frau Friedrichs durch die Zeitungen und TV und behauptet, irgendwann hätte sie gemerkt, dass manche Freunde sich teure Wohnungen in Berlin hätten leisten können und andere nicht, und die ersteren hätten geerbt und das sei voll fies und demnächst steht sie dazu in der Süddeutschen Zeitung mit Peer Steinbrück, einem Mann, der beträchtliche Einnahmen dem Umstand verdankte, dass er für Unternehmen gut bezahlte Vorträge hielt. Als SPD-Politiker jedoch meint er, man müsste die Erbschaftssteuer für Nichtunternehmensbesitzer erhöhen, um die Einnahmen zu steigern – um sie dann etwa für Integration und Bildung auszugeben. Sie sagen immer „Integration“ und „Bildung“, und am Ende jammert der Generalinspekteur der Bundeswehr, und dann kaufen sie den nächsten abstürzenden Transportflieger, neue Radome für die NSA-Abteilung BND und schlechte Knarren.

Übrigens war Kaiser Wilhelm der II. der letzte – nach unseren heutigen Vorstellungen – demokratische deutsche Politiker der Steinbrückschen Obrigkeits-SPD, der eine Steuer für einen ehrlichen Zweck einführen liess; das war 1902 die Schaumweinsteuer und es war klar, dass diese Gewinne zur Bildung der kaiserlichen Kriegsmarine und zur Integration in das Grossmachtstreben dienten. Aber damals, mit Verlaub, war Berlin auch noch eine Weltstadt, die sich mit Paris und London messen konnte, und nicht nach Wien der zweite Dienstboteneingang zum Balkan. Nur so kann ich mir erklären, was für Leute die Friedrichs und der Steinbrück kennen, und was sie überhaupt vom Erben wissen. Denn was hat Erben mit Wohnungsbesitz zu tun?

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Ich zum Beispiel kenne wirklich niemanden, absolut niemanden, der dem obskuren Friedrichs-Szenario der Berliner Wohnungskäufer mit Nachlass entspricht. Mal NRW-Abitur-tauglich ehrlich: Wer ist bitte so arm, dass er erst über den Umweg des Grabes seiner Eltern eine Wohnung in dieser A-Lage der Bildungsferne kaufen kann? Wenn halbwegs klar ist, dass sich der Nachwuchs irgendwo in einer akzeptablen Region ab Grunewald niederlassen will, bekommt er bei den vermögenden Schichten von den quicklebendigen Eltern eine Wohnung oder bei genehmer Verheiratung ein Haus, deren alte Bewohner weggentrifiziert wurden. Das ist in der sogenannten Elite nicht eine Entwicklung der neueren Zeit. Das war bei uns schon immer so. Man kennt das nicht anders. So entstehen Traditionen und das Gute an denen ist: Diese Leute brauchen keine Sonderausgaben für Integration und Bildung. Die entstehen dabei einfach so. Das ist kein „Tabu-Thema“: Das ist prima.

Ich finde, dass das gerecht ist. Ich möchte zum Erhalt dieser wirklich sozialen Norm, an die sich andere selbst integrieren sollen, wirklich alles haben, was meine Vorfahren erarbeitet haben. Jeden einzelnen Groschen, jeden Stein, die ganze Geschichte und das einzig richtige Bewusstsein. Ich möchte nicht, dass Frau Friedrichs bewirken kann, dass das nicht mehr als richtig gilt, oder auf welche Art und Weise auch immer etwas davon abbekommt. Oder ihre Kinder. Oder sonst jemand in Berlin. Ich gehe ja auch nicht zu denen und klaue ihre alten Matratzen von der Strasse, Die Bewohner dieser Gegend dürfen gern bei Zalando bestellen und ihre gestreckten Drogen weiter im Görlitzer Park kaufen, und damit dafür sorgen, dass die Integration der Dealer nicht voran kommt: Nur nicht mit dem bitte, was mein Clan zusammengetragen hat.

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Und ich will auch nicht Nebenverdiener Steinbrück oder sonst einen Politiker als zwischengeschalteten Profiteur. Ich möchte das alles behalten, und niemand in meiner Familie würde sich wünschen, dass einer von denen etwas bekommt. „sSach zsammhoidn“ ist das erste Familienmotto der besseren Kreise. Es geht wirklich nicht darum, dass ich mehr habe, sondern darum, dass andere davon nichts bekommen. Ich möchte nicht wegen eines asozialen Zwangs weniger besitzen, der bislang zurecht arbeitslose Soziologen einstellt, um Kindern anderer Leute zu erklären, dass sie ein Recht auf mehr hätten.

Denn eine Veränderung der Erbschaftssteuer mit dem Ziel, unser Vermögen über andere Leute auszukippen, hätte einen fatalen Effekt. Niemand würde sich abrackern und Vermögen zusammentragen, wenn am Ende die staatlichen Steinbrückplünderer kommen und den Friedrichs genderneutrale Spielplätze für Kreuzberg schenkten. Stellung, Ansehen, Tradition und Familie sind nun mal durch all die Jahrhunderte eine starke Triebfeder gewesen, das Vermögen zielgerichtet zu bewahren. Das war eine Tugend, alles andere galt bei der Elite als verdammenswert.

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Wer meint, jetzt für so eine Haltung Strafsteuern eintreiben zu müssen, sollte bitte auch gleich sagen, was für eine Elite er gern in diesem Land hätte: In diesem Fall geht das dann wohl eher in Richtung der Neureichen aus China und Russland, die dem Hier und Jetzt die volle Aufmerksamkeit schenken, bevor sie in Ungnade bei ihren sozialdemokratischen Herrschern fallen. Asozial, geschichtsvergessen, vorteilsfixiert und skrupellos: Das sind Verhaltensschemata, die sich erfolgreich der Erbschaftssteuer entziehen können. Und es ist eine Aufforderung an Reiche und Gebildete, keine Kinder mehr zu bekommen und das Geld lieber selbst durchzubringen: Darauf wird dann wieder geklagt, dass speziell wir Besserstehende uns asozial verhalten und zu wenig Nachwuchs zeugen. Das ist nicht fair, aber deshalb schreibe ich noch lange keine rührseligen Bücher, auf denen hinten steht „lebt an der Donau, am Tegernsee und in Mantua und hat eine Leidenschaft für die Mille Miglia“, und beantrage auch nicht den Titel der Hedwig Courts-Mahler des sozialen Ausgleichs. Weil es nicht nur um Geld geht, sondern vor allem um Status.

Erben, das darf ich hier als Vertreter ordentlicher Verhältnisse fern von Berlin-Reichstag und Kreuzberg ausgerechnet zu einer Zeitung sagen, die das „Süddeutsch“ in ihrem Titel verrät, macht keinen Spass. Man übernimmt etwas aufgrund des Todes von Menschen, denen man verpflichtet ist. Es ist bezeichnend, dass die Unterschichten hier von einer Autorin angesprochen werden, die den Kauf von Immobilien nach der Erbschaft beklagt – das ist ein durchaus angemessenes Verhalten zum Umgang mit Verantwortung und Vermögen. Zweihundert Quadratmeter Wohnfläche pro Person sehen nur von unten wie Verschwendung aus, von Oben braucht mal Platz für die die im Erbschein nicht erwähnten, weil vermutlich wertlosen Bilder. In dieser Form ist man von Generation zu Generation ein famoses Vorbild des bürgerschaftlichen Engagements vom Konzertverein bis zum Einbau von staatlich geförderten Denkmalschutzfenstern in den Palazzo, und kann jeden Staat erfreuen. Ein fast kostenfreier Selbstläufer.

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Ich bin ja gerade noch, bis sich das Wetter im Norden bessert, in Mantua und habe mir hier die Hochzeitszeitschrift „Sposa White“ gekauft. Da sind dann die ganzen Schlösser zu sehen, die die anständigen Paare zur Feier mieten möchten. Das strahlt alles Tradition und Jahrhunderte altes Vermögen aus. Damit kann man einen Staat machen. Das verkauft sich gut als Zeitung, als Lebensmodell und sorgt auch dafür, dass sich die Eltern später einmal selbst um Integration und Bildung ihrer Kinder kümmern, und um die Grand Tour nach Italien zur Mille Miglia, die wie jeder Palazzo und jedes Deckenfresko beweist, dass so ein Spektakel Arm und Reich gleichermassen zufrieden stellt, und zur Herzensbildung beiträgt, ohne dass man dafür einen Steinbrück bräuchte.

Was einen Steinbrück braucht, nun, drei Buchstaben: SPD. Deren Mitglieder haben gesehen, was es mit dem Mann zu erben gibt.

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25. Mai. 2015
von Don Alphonso
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15. Mai. 2015
von Don Alphonso
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Väter mit Heiligenschein

an affront to the whole history of mankind
Winston Churchill über die Prohibition

Im Königreich Bayern, das jetzt schon fast hundert Jahre nicht mehr existiert, und auch noch einige Zeit später, als die Zeiten noch schlechter als in jener Epoche wurden, die man als „Gute, alte Zeit“ verharmlost, war der Umgang mit den Einnahmen ein wichtiges Kriterium der Klassengesellschaft. Die Oberschicht definierte sich dadurch, dass sie genug Geld hatte und die Frauen nicht arbeiten mussten, sondern sich um das Anwesen und den guten Haushalt kümmerten mit dem, was ihre Männer ihnen dafür gaben. In den weniger begüterten Kreisen arbeiteten Frauen oft nebenher, aber sie achteten auch darauf, dass ihre Männer das Geld ablieferten, auf dass sie es verwalteten. Denn zu gross war die Gefahr, dass die Männer das Geld bei Bier, Kartenspielen und der Bedienung im Gasthaus verjuxten.

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Deshalb kassierten die auf ihren guten Ruf bedachten Frauen das, was die Männer mitbrachten, so schnell wie möglich und achteten darauf, dass das Geld dem guten Zweck der Familienzukunft zugeführt wurde. Denn die Verlockungen kannte damals ein jeder und zwar von denen, die den Lohn bezahlten, und deren Einnahmen nicht komplett an die Frauen gingen: Die konnten sich so manches Stamperl, manches Kartenspiel und manche Zigarre leisten, während andere froh um den Schnupftabak und Norgerl im Bierglas sein konnten. Nicht ganz zufällig ist „Noagaltrinker“ in Bayern ein sehr unschönes Schimpfwort für sozial Deklassierte, denen früher nichts anderes übrig blieb, als jene Reste in den eigenen Bierkrug zu füllen, die Vermögende stehen liessen. Schlimmer ist allenfalls noch der „Rossboinsammler“, der sich kein Holz leisten kann, sondern gefundenen Pferdekot verheizen muss – so waren sie, die guten, alten Zeiten.

Dieses Blog jedoch hat den Vorzug, aus jener Zeit nicht die Schreckensgeschichten der Untergebenen erzählen zu müssen, sondern aus dem ganzen Schatz der Erfahrungen der gut Eingesäumten berichten zu können, und weil man bei uns der Frau nur einen Teil gab und den Rest verjuxte, ist es nun vielleicht auch an der Zeit, über das Högnerhäusl zu reden. Dasselbige befindet sich in einem Wald auf den ersten Hügeln hinter der kleinen, dummen Stadt an der Donau, und wie es der Zufall nicht haben wollte, lagen aussen herum die Reviere der Jäger aus der Stadt. Diesen Zeitvertreib musste man sich leisten können, und böse Zungen sagen, dass es vielen gar nicht um die Jagd ging, sondern um das Beisammensitzen oberhalb der Stadt, das Schafkopfen, das fette Essen und was man halt sonst so im Högnerhäusl gemacht hat. Das war immerhin so verwerflich, dass diese Gaststätte in meiner Jugend noch den Ruch des Exzesses hatte, und alte Freunde des Anwesens auf dem Heimweg grössere Umwege fuhren, weil die Polizwitschgerl später die Honoratioren nicht mehr achteten, ihnen gar auflauerten und schon ab der vierten Mass aus dem Verkehr zogen, spätestens nämlich als der Veterinär von Köschi – egal. So war das da oben in den Hügeln, und dass mein eigener Grossvater schulschwänzungstaugliche Entschuldigungen für den Nachwuchs kunstvoll verfertigte, nur damit alle dort die fetten Enten essen konnten – das geht Sie, liebe Leser, ja nun wirklich überhaupt nichts an.

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Wie auch immer, dieses sein gelungenes schriftstellerisches Oeuvre verschimmelt heute sicher in einem Speicher des ehemaligen Instituts für höhere Töchter, und dass ich überzeugter Antialkoholiker die wenigen Sektgläser gut weggesperrt aufbewahre, die nicht bei all den Festlichkeiten mit Gewehrknallerei im Hof zu Bruch gingen, hat nostalgische Gründe. Natürlich will ich nicht den Eindruck vermitteln, dass noch in der Bundesrepublik im Eierlikörschwipps mit dem Drilling zur Gaudi auf den Kamin des nebenan liegenden Stadtpalastes geschossen wurde. Aber es passt halt ganz gut zu einer langsam ausklingenden Epoche, in der nicht alle vor Gericht gleich waren, das Sach noch etwas galt und jeder sehr genau über die Verfehlungen der anderen Angehörigen der Ohdvoläh Bescheid wusste. Und nichts sagte, denn man redete nicht darüber und dass Sie mir auch ja nichts davon erzählen, wenn Sie einmal im Högnerhäusl sind, denn das ist heute ein hochanständiges Haus.

Ich erzähle diese vollkommen ehrlichen Geschichten und verschweige die wirklich schlimmen Details nur, weil diese kleinen Sündhaftigkeiten des Wochenendes der Honoratioren vom Fetzenrausch über die Masskrugschlägerei bin zum Nebennausgehen heute ganz anders heissen und sogar echte Folgen haben: Alkoholismus, gefährliche Körperverletzung und Verpflichtung zur Zahlung von Kindesunterhalt sind schon lange nicht mehr gesellschaftlich akzeptierte Normausrutscher. Sie glauben ja gar nicht, wie hier früher der Obstler konsumiert wurde und wenn ich Ihnen alte Bilder zeigen würde, sähen Sie überall Flaschen vor zünftigen, singenden Leuten – heute würde man das mit Asozialen verbinden. Früher war das vollkommen normal und ein Zeichen guter Gastlichkeit, wenn man spezielle Gläser für Sekt, Schnaps, Rum, Champagner, und so weiter hatte. Das steht heute alles im Schrank am Tegernsee und kündet zusammen mit all den Walzenkrügen von einem eher sorglosen Umgang in früher zeittypischen Mengen. Es ist nicht nur das fette Essen in den alten Kochbüchern der besseren Gattinnen – dazu gehörte eben auch das entsprechende Nachspülen.

vatc

Als Antialkoholiker begrüsse ich die Veränderungen sehr. Auch bin ich Vegetarier und würde nie ein Tier erschiessen. Heutige Väter meines sozialen Umfelds sparen natürlich für das Studium der laktosefrei ernährten Kinder in Oxford. Überhaupt sind das gute Menschen, immer und überall. Sie saufen nicht. Sie trinken das schwere Ale aus Kleinstbrauereien nur zur Unterstüzung derselben gegen die Multis. Der Obstler wird bei uns nicht mehr neidrichdad, sondern nachdenklich verkostet. Das Fleisch auf dem Grill kommt natürlich stets vom Biometzger, lebte als Tier gleich hinter dem Högnerhäusl im Altmühltal, knabberte dort am Wacholder, und das schmeckt man. Wild kommt gern auf den Tisch, es gibt nämlich zu viel davon und so leistet man seinen Beitrag zur Rettung des heimischen Bierregenwaldes. Der SUV für Frau und Kinder sichert deutsche Arbeitsplätze. Das neue Sportgerät muss her, weil es der Gesundheit dient. Und das Wochenende am Gardasee ist nur Benzinverschwendung, solange man die Work-Life-Balance nicht berücksichtigt. Spielsucht kann man dank des Internets verstecken oder als Börsenspekulation sogar legitimieren. Man lässt keine Norgerl mehr stehen, aber sehr wohl die Flasche für den Flaschensammler.

Nur der aussereheliche Sex: Für den gibt es keinerlei moralisch einwandfreie Lösung, die den Sünder in einen altruistischen Heiligen verwandeln würde. Es ist nicht so, dass man es nicht versuchen würde, denn manche geben an, sie würden mit ihren spezielleren Wünschen dergestalt ihre Partner entlasten, die das nicht so schätzen. Das ist zumindest eine nachvollziehbare Erklärung, aber es ist noch sehr weit zu jenem Heiligenschein, den das Ale der Kleinstbrauereien, das deutsche SUV und das Abrichten der Kinder auf eine internationale Karriere so strahlend hell über dem Schädel des gehobenen Jungbürgers erscheinen lassen. Mein privater Eindruck ist ja, dass man sich an die moralische Vorzüglichkeit des eigenen Treibens so gewöhnen kann wie an zehn Halbe am Tag, und damit genauso sicher mit dem Auto fährt. Weil so ein SUV nämlich mit überhöhter Geschwindigkeit auf dem Weg zum Kindergarten ganz anders über einen Radler drübergeht, als früher, als dabei noch der Lack verkratzt wurde.

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Heute war Vatertag, und manche benehmen sich so, wie es früher in der Waldschänke nicht unüblich war, ganz so, als wäre den Protagonisten der Hals übervoll von ihrer Bigotterie. Das muss niemandem gefallen und die Vorstellung, dass sich darin eine Unterdrückung, ein Zwang, eine gesellschaftliche Konditionierung äussert, die für einen Tag abgelegt und vergessen werden kann: Diese Vorstellung ist nicht wirklich schön, ja, es fehlen sogar die schönen Bilder, die das archaische, benzolstinkende Ritual der Mille Miglia produziert, auf der gerade zu sein ich das Vergnügen habe. Es gibt heute nur noch selten Anlass, den Männern sofort das Geld abzunehmen, und wie meine Grossmutter so treffend bemerkte, wissen wir heute gar nicht mehr, was Sparen ist. Dafür haben wir für unser teures Treiben immer vorzügliche Begründungen höchster moralischer Integrität. Bis auf die Sache mit dem Sex – da haben die anderen die moralischen Heiligenscheine. Da bekommen wir dann früher oder später Netzsperren wegen der Kinder, Pornoverbote wegen der Heranwachsenden, Gewaltgesetze für Frau Schwarzer, Schutzräume an den Hochschulen und ein Schutzgesetz für Prostituierte, dessen Schutz aus der gleichen trüben Wortquelle wie Schutzgeld kommt.

Mei.

Wie das unter dem Prinzregenten mit den Saisonbedienungen aus Böhmen und Ungarn war – das erzähle ich vielleicht ein andermal.

15. Mai. 2015
von Don Alphonso
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09. Mai. 2015
von Don Alphonso
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Gentrifizierer hinter Gittern

Drei Tage war der Radler nachher platt, jetzt isst er wieder und ist satt.

Wir sitzen auf jeweils zwei Quadratmetern hoch über Lucca und reden über die Hauspreise in Italien, ohne dass ich auch nur eine Sekunde ein schlechtes Gefühl hätte: Günstig ist es momentan, sofern man etwas Vermögen von jener Sorte hat, wie es die Verkäufer hier momentan dringend brauchen. Italiener kaufen Wohnungen in Berlin, weil es dort angeblich mit den Preisen bergauf geht, und Mieter mehr zahlen müssen, wollen sie nicht in die Plattenbauten am Stadtrand abgeschoben werden. Deutsche kaufen dagegen hier in Italien, weil die Preise stark gefallen sind und Italiener eben lieber in Deutschland investieren. In der Oberschicht geht die Rechnung gerecht auf. Natürlich ist es, wenn man die sozialen Schichten betrachtet, nicht ganz gerecht, wenn die einen drei Wohnorte haben und die anderen über die Gentrifizierung jammern, aber die Leute, die die Gentrifizierung ablehnen, lehnen auch Nationalismus ab und sollen sich also bitte nicht so fremdenfeindlich haben, wenn der italienische Käufer als Mietrendite mehr als die Hälfte dessen verlangt, was sie mit Hilfsarbeiten in Cafes, der taz und am Bau von Webseiten erwirtschaften können. Die Deutschen verteilen sich in Italien in den Hügeln und in halb aufgelassenen Dörfern. Und rücken den Italienern nicht in den Städten auf die Pelle. So, wie man das früher gemacht hat.

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Denn wie es früher unter Grossbürgern üblich war, kann man sich unten in Lucca anschauen. Auf den ersten Blick ist es natürlich schön, wenn sich im Erdgeschoss eines Palazzo ein Fenster öffnet, und an der Decke Stuck und Malerei zu sehen sind. In der guten, alten Zeit, als die einen biologisch-dynamisch und dynastisch zuverlässig die gentechnikfreien Schweine in reinster Landluft hüteten und die anderen unter nackten Schweinereien an der Decke prassten und Hof hielten, als sich Lucca eine Republik nannte und tatsächlich aber von einigen reichen Clans beherrscht wurde – in dieser guten, alten Zeit war es anders, als wir es aus modernen Städten kennen: Da wohnten Arme und Reiche nah beieinander, die einen in Hallen und die anderen in Verschlägen hoch oben in den Speichern. Zumindest solange so ein Palazzo keinen neuen Flügel oder Park brauchte, und eine Parzelle der Armen der neue Grund für weitere Lustbarkeiten wurde.

So entstanden dann üppige Anlagen, und niemand fragt heute danach, was aus jenen wurde, die hier vertrieben wurden: Man schaut, wenn man kann, durch das Fenster und versucht einen Blick auf die Gemälde zu erhaschen. Ars longa, vita brevis, sagt der Lateiner und ich will ja nicht zynisch sein, aber diese Vita wird brevissima, ja sogar nach einer Weile nicht existent, wenn Mieter irgendwann weiter ziehen: Häuser und Besitzer sind eine Einheit, Mieter dagegen kommen und gehen. Die Ausmalung, die Gestaltung, den Prunk: Das alles machen die Reichen. Und sie bestimmen, ob man die Fenster öffnet, die Vorhänge zurückzieht und den Passanten einen Blick durch jene Gitter erlaubt, die sie unweigerlich aussperren. Hier ist es gerade anders, hier kann man eintreten und staunen.

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Hübsch, nicht wahr? Für die einen mag es eine Anregung für die Restaurierung ihrer eigenen Denkmalschutzimmobilie sein, für andere ein Vorgeschmack auf Kommendes. Ich höre so viele Klagen über die Gentrifizierung und wie rechtlos und ausgeliefert und sozial ausgesperrt sich die Betroffenen fühlen. Das sieht man es mal, so höhnisch und brutal, wie es früher wirklich war, und was noch ginge: Keine dezente Überwachungskamera, keine gestaffelten Annäherungshindernisse, keine Zurücknahme des Baukomplexes und die Schaffung eines prohibitiven Niemandslandes zum Schutz vor Unerwünschten. Nur eine hohe, dicke Mauer und dann dicke Eisengitter. Maximaler Effekt bei minimalem Aufwand ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit. Heute überlegt man sich als Architekt genau, wie man die äusseren Grenzen besser absichert, wenn die Kundschaft unbedingt von den Villenviertel in die Metropolen zieht. Unsichtbar und flexibel soll das sein, und nicht den Anschein einer Festung vermitteln. Wir sind ja keine Oligarchie mehr, die sich Republik nennt, sondern eine Oligarchie, die sich eine Republik hält und zu diesem Zweck in urbanen Räumen dezent agiert. Bislang. Noch. Mit so hübschen Dachgärten auf den Neubauten, mit Kinderschaukel und Biogarten zum gemeinsamen Kräuterpflanzen.

Diese Dachgärten sind dann die neuen Deckengemälde des neuen demokratischen Zeitalters: Die Sonnenschirme ganz oben lassen den weniger begüterten Zeit-, aber nicht Klassengenossen jenes freudvolle Leben ahnen, das früher durch Deckengemälde Gewissheit wurde. Natürlich war ein Dachgarten damals nicht nötig, denn jeden Feind, der verbrannte Giftstoffe im Sinne des heutigen Grillens serviert hätte, hätte man verurteilt auf die Galeeren nach Pisa verkauft: Man hatte fähiges Kochpersonal und überliess denen die Drecksarbeit in der Küche. Dafür hatte man Deckengemälde und Kronleuchter und Holzläden, mit denen man entscheiden konnte, ob die anderen das sehen dürfen, oder nicht.

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Dagegen wird das „Ich schon, ihr nicht“ heutzutage wirklich dezent kommuniziert – so dezent, dass sich Autonome im Reichshauptslum dieses Landes wirklich in Persona hin bemühen und die entsprechenden Häuser verunzieren müssen, auf dass man den für Berliner Verhältnisse gehobenen Standard erkennen kann – ein Verhalten übrigens, das man nur erklären kann, weil man davon abgekommen ist, solche Leute an die Pisaner zur selbstgeruderten Lustkreuzfahrt zu den Mauren und Mohren kostenneutral abzugeben. Man sieht also, es war nicht alles schlecht im alten Lucca und ich denke auch, dass es gerade derartig innovative Methoden der Sozialeinsparung sind, die auf der anderen Seite zum Prunk und Ruhm der Republik beitrugen. Seien wir ehrlich: Am Ende geht man doch achtlos an alten und neuen Kaschemmen vorbei und hofft, dass man einmal vorgelassen wird und sehen kann, wie hübsch und angenehm es sich in der Oligarchie lebt. Hinter Fenstern, Vorhängen und Gittern, die niemanden einsperren, sondern alle anderen aussperren, sei es neben den Schweinestall oder an ein Ruder, das übrigens keinesfalls unzuverlässig prekär wie eine kreative Agentur ist.

Milde sind wir geworden, milde und auch ein wenig heruntergekommen, wenn wir in T-Shirts statt Brokat dann oben auf den Dachgärten sitzen, Fleischbrocken verbrennen und vielleicht sogar noch überlegen, wie man diese Welt für alle besser machen kann – Gedanken, die in der Republik Lucca und ihren Profiten aus der Seidenzucht fern lagen, weil es in den Handelshäusern Geschäfte unter ihresgleichen gab, und Seide nun mal kein Produkt ist, das sich im Kommunismus von Savonarola über Pol Pot bis zum genderlatzhosenneutralen Sprachwirken gut verkaufte. Vielleicht ist das Verschwinden des echten Prunks auch ein Grund, warum unsere teuren Townhouses eher so wie die Kaschemmen und Abtritte des Mittelalters aussehen, und gemeinhin jede Grandezza vermissen lassen.

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Aber wie so oft: Des einen Niedergang ist des anderen Aufstieg, und aus dem kleinen Spaziergang zu den Oligarchen von Lucca darf auch der Minderbemittelte und sozial Mittelstarke das gute Gefühl mitnehmen, dass er vielleicht doch irgendwann in der Platte am Stadtrand lebensechte Reportagen an die taz verkaufen muss, aber die Mittel zur Abgrenzung und Aussperrung viel freundlicher sein werden. Concierge statt knüppeltragende Dienstboten, hell erleuchtete Fensterfronten statt Gitter, und Balkone, von denen niemand mehr Befehle an das gewöhnliche Volk erteilt, sondern höchstens noch mit Spritz zuprostet: Diese unsere Gentrifizierung ist die Mildeste, die man sich vorstellen kann, und durchaus als Beweis zu werten, dass man allein auf 200 Quadratmetern leben kann, ohne deshalb auf ethisch gehandelten Fair Trade Espresso verzichten zu müssen.

09. Mai. 2015
von Don Alphonso
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27. Apr. 2015
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Das Spiel des Throns, der Recamiere und des Holzbretts

Um viere fuara foad, um finfe wora doard.
Bayerische Redensart über die Endlichkeit des Daseins.

Zwei Quadratmeter.

Zwei Quadratmeter ist der effektiv nutzbare Raum für einen Menschen, und da muss er schon recht ausgebreitet herumliegen, etwa so wie der ehemalige Chef von Arcandor in einem Klinikbett, wo er auf seine Entlassung gegen Sicherheiten warten soll. Soll ein Mensch mit Gewalt grossflächiger verteilt werden, wird es eher diätfördernd, und auch der halbe Quadratmeter, auf den Flüchtlinge auf Schiffen zusammengedrängt werden, sind auch nicht gerade dauerhaft erbaulich. Mit einem wirklich grossen Sofa und einer zusätzlichen Katze schafft man vielleicht drei Quadratmeter, und über den Stuhl, auf dem Herr Piech sass, wissen wir lediglich den Umstand, dass er ihm weggezogen wurde. All die Klassenunterschiede des Menschen sind zwar sehr deutlich erkennbar, spielen sich aber letztlich auf einer doch vergleichsweise kleinen Fläche ab. Oder anders gesagt: Es geht darum, wie man die winzige Krume der Welt, auf der man sich gerade befindet, so angenehm wie möglich zu gestalten.

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Ein Beispiel, weil es gerade vorbei fliegt: Das Ding da oben hat vermutlich eine erste Klasse und Leute mit Senatorkarten und Laptops und einem Ziel, das sie so eilig erreichen müssen, dass sie die Buchung so eines Aluminiumvogels buchen. Da sind sie dann da oben und schauen hinunter, sehen rechts dem Hauptalpenkamm und links die bayerischen Voralpen, und neben ihnen schiebt eine gezwungen freundliche Person einen rumpelnden Aluwagen und reicht auf Plastiktabletts vorgekochtes Zeug, das man am Boden nicht einmal einer Ente im See zumuten würde. Als passionierter Teetrinker weiss ich genau, warum ich nicht gerne fliege: Tee ist meine Droge und wäre meine Droge Crack, käme es wegen der verschnittenen Qualität zu einem Gemetzel, was sich da oben niemand wirklich wünschen kann. Trotzdem lese ich immer wieder, wie erfreut junge Berufstätige sind, wenn sie endlich so eine Senatorcard haben, und millimetergenau berechnet ein wenig mehr Platz für ihre Beine in so einem Fluggerät bekommen.

Es mag für ein Flugzeug tatsächlich gar nicht schlecht sein – allein, kein Mensch käme je auf die Idee, sich am Boden in so einen Sessel zu setzen und sich dergestalt abspeisen zu lassen. Die gleichen Leute, die mich über ihre Senatotcard informieren, würden Zeter und Mordio schreien, würde man sie so in ein Restaurant oder ein Hotelzimmer pferchen. Wir lernen daraus: Luxus ist immer situationsabhängig und eben jene, die oft die höchsten Ansprüche vor sich her tragen, und zwar mit Vorliebe an andere und die Gesellschaft, sind gar nicht so, wenn sie dann letztlich das Maximum haben, das sie bekommen können: Lounge an einem hässlichen Nichtort namens Flughafen und kein Chippendalesofa an Bord. Auch keine Silberkannen und dafür minderwertiges Geschirr.

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So kann man den einem zur Verfügung stehenden Raum also auch ausfüllen, oder auf einem einsamen Hotelbett mit Businessrabatt in einem Hochbunker, dessen Waben alle nach den gleichen Nützlichkeitserwägungen gestaltet werden: Minimale Reinigungszeit, Möbel, die an Abschreibungsfristen angepasst werden, irgendwelche Gediegenheit vortäuschende Dekoration und oben ein Restaurant, von dem aus man wieder auf die Niederungen des Daseins blicken und sich noch einen Cocktail einschenken lassen kann – nur nicht umdrehen und sehen, dass das Elend hier oben nur etwas besser lackiert ist. Man wird, was man erlebt, und wenn ich dann ab und zu im Netz die Innenräume sehe, in der solche Menschen ihre zwei Quadratmeter persönlichen Platz haben, dann sieht das oft ähnlich zweckmässig und austauschbar dekoriert aus. Das Regalsystem von USM Haller wie bei der Vertreterausstellung, die Sessel wie in der ersten Klasse des Flugzeugs und die chromglänzenden Freischwinger wie im Besprechungsraum des Chefs. Und natürlich ein pflegeleichter Fussboden in Schmutzfarben. Und eine Putzfrau, wie im Büro.

So kann man die zwei Quadratmeter, die man maximal besetzt, natürlich auch gestalten, und sich schon mal einen Chefsessel dazu stellen. Vielleicht bin ich ja arg triebgesteuert, aber bei solchen Wohnungen frage ich mich dann immer, wie das wohl wird, wenn man zum interessanten Teil des Daseins kommt, etwa, wenn man minimal zu zweit diese beiden Quadratmeter aufsucht, oder sich einmal den halben Kühlschrank gönnt. Dann aber fallen mir wieder die abnorm hohen Single- und Scheidungszahlen bei modernen Grossstädtern ein, die strukturierten und makellosen Lebensläufe bei Partnerschaftsportalen, die Ansprüche an das Gegenüber und die prozentgenauen Ähnlichkeiten, und schon finde ich derartige Räume nicht weiter überraschend: Sie sind durchaus geeignet, um ein Singledasein mit der nötigen Stilsicherheit zu bestehen. Kein Nippes, keine Fehler, am Abend rührt man sich noch einen Cocktail und findet sich durchaus elitär, während im Gang schon der Rollkoffer auf neue berufliche Herausforderungen wartet. Da passt alles, da braucht man keine Exzesse mehr, wo doch alles so zweckmässig wie im Leichenschauhaus ist. Da hat man übrigens auch zwei Quadratmeter.

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Aber da will man natürlich meistens nicht hin, zumindest nicht so bald. Man glaubt an eine individuelle Zukunft, so wie der Rekrut im ersten Weltkrieg dank der Heldengeschichten an den individuellen Kampf dachte, an Mut und Kraft, und weniger an das maschinelle Töten des Maschinengewehrs. Wir sehen heute langjährige Recken wie Middelhoff und Piech fallen, wir hören ihre Siege und Niederlagen, und für die Angestellten der Postbank geht es aufgrund einer Entscheidung um Alles oder Nichts, wie schon bei den Managern von VW und den Kassiererinnen bei Karstadt. Aus irgendwelchen absurden Gründen jedoch glauben viele, ihre zwei lumpigen Quasratmeter der Zukunft mehr beim Aufsichtsrat sehen zu wollen, wo die aufregenden Schlachten toben, denn dort, wo sie zumeist bleiben. Ich bekomme das hier ja nicht so mit, aber da hinten in der Mitte vom oberen Panorama geht es hoch zum Achenpass, und in Rottach steht direkt an der Strasse ein Denkmal. Mit vielen, vielen Namen und dahinter ein Kreuzerl und Zahlen von 14 bis 18 und liegen tun sie, wenn sie nicht völlig zerfetzt oder verschüttet wurden, in langen Reihen fern der Heimat auf zwei Quadratmeter, irgendwo zwischen Verdun und Isonzo. Wenn wir hier schon über Klassen und Privilegien sprechen: Recht viel unterprivilegierter kann man trotz Gedenkstein nicht sein, und jeder, der etwas Hirn hat, sollte sich eigentlich sagen: Genau andersrum sollte es sein.

Und an diesem Andersrum bin ich auch. Unten am kleinen Yachtclub. Der Flieger ist oben, das Denkmal im Schatten des Hirschbergs, die Manager woanders, die Sonne scheint und die Enten wüssten gern, ob sie etwas von meinem Strudel haben könnten. Das klingt ebenso einfach, wie es schwierig ist, überhaupt erst einmal so weit zu kommen, und das genau so zu tun, aber sonderlich problematisch ist das ab einem gewissen Vermögen nicht. Ich mache das freiwilig, drüben in Bad Wiessee werden sie nach dem Zusammenbruch dazu gezwungen. Einer von denen hatscht leicht krumm mit seinen Stöcken an mir vorbei, geht auf den Steg, setzt sich auf die harten Holzbretter und bleibt sitzen. Das sind fei keine schlechten zwei Quadratmeter, wenn man das mit anderen vergleicht.

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Er bleibt auch lang genug sitzen und findet das gut so, wie es ist. Die Enten fallen über Kinder mit Pommes hier, hinten rauscht die Espressomaschine, es ist etwas windig und nicht zu warm. Da oben ist der Himmel langsam wieder makellos blau, die Kondensstreifen haben sich aufgelöst, aber die Gedanken, wie man seine zwei Quadratmeter in ein anderes Büro, an einen anderen Schreibtisch und Rechner bekommt, die bleiben. Irgendwo da hinten hinter der Endmoräne, wo man den Manager und seine Entscheidungsgewalt fürchtet und nicht erkennen mag, dass er das alles und seine zwei Quadratmeter auch nicht gerade so einsetzt, dass er jetzt einen schönen Tag hätte.

Gestern Abend stand ein Bentley Coupe in Seeglas.

Auf dem Behindertenparkplatz.

Man sollte dem Schicksal so wenig Chancen wie möglich geben, seine unstete Natur zu beweisen, und vorher wenigstens noch die richtigen zwei Quadratmeter finden.

27. Apr. 2015
von Don Alphonso
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22. Apr. 2015
von Despina Castiglione
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Mehrwertsteuerbegünstigter Tugendterrorismus

„Fangen Sie schon wieder an? Ist doch Politik,
hat doch mit Gewissen nichts zu tun.
Grundgesetz, ja Grundgesetz, ja Grundgesetz,
Sie berufen sich hier pausenlos aufs Grundgesetz
sagen Sie mal, sind Sie eigentlich Kommunist?

Franz Josef Degenhardt, Befragung eines Kriegsdienstverweigerers

Sehen Sie, ich bin ganz sicher keine Kommunistin. Ich habe vielmehr mittlerweile eine vehemente Ablehnung gegenüber Ismen aller Art entwickelt. Kommunismus, Feminismus, Katholizismus: Alles nichts für mich, das sind Denkkorsette, und das möchte ich nicht. Die zwicken und lassen einen nicht frei atmen, das kann nicht wirklich gesund sein. Ich schaue mir das alles gerne an, ich bin ja relativ weltoffen, und manches mag auch zutreffend sein, da lerne ich dann gerne hinzu. Ich lasse mich mit Freude eines Besseren belehren. Hat jemand gute Argumente und muss ich nach Würdigung der Tatsachen anerkennen, dass ich mit meiner Behauptung im Unrecht war, ist das vielleicht nicht unbedingt ruhmreich. Dafür aber meist lehrreich. Manche Leute lernen halt gern, andere haben gern recht. Die gerne recht haben sind nach meiner Erfahrung tendenziell die mit den Ismen. Sobald ein Ismus sich an ein Wort hängt, ist es eigentlich dahin. Weil Ismen aus Worten und Ideen Ideologien machen. Und mit Ideologien habe ich grundsätzlich so meine Probleme.

Kommen Sie mir jetzt nicht mit Humanismus. Denken Sie doch mal an den „realen Humanismus“ und seine Errungenschaften in der früheren DDR, dann wird klar, was ich meine, wenn ich sage: Ismen tun auch der besten Idee keinen Gefallen. Und trotzdem habe ich heute beim Frühstück dieses Lied von Franz-Josef Degenhardt angehört. Nicht, weil ich an der Stelle weltanschaulich verklärt wäre, sondern weil ich die süffisant-boshafte Art mag, mit der es ihm singend gelingt, die Abseitigkeit der Argumentation des sich in der komfortablen Position des nicht-betroffen-Seins des den Kriegsdienstverweigerer befragenden Kammervorsitzenden aufzuzeigen. Man kennt eine solche Diskussionskultur heutzutage auch noch: von radikalfeministischen Veranstaltungen und der CSU beispielsweise.

Das Liedchen ist älter als ich, aber ich kann mich erinnern, dass ich auch noch mit Leuten zu tun hatte, die sich um die Möglichkeit, den Kriegsdienst zu verweigern, ernsthaft sorgen mussten. Die wollten aus welchen Gründen auch immer nicht zum Bund, und ich konnte das verstehen, war als Mädchen damals jedoch nicht betroffen und habe mich deswegen nicht weiter mit dem Thema befasst. Mittlerweile dürfen auch Frauen Wehrdienst ableisten, und wer eben nicht möchte, muss – ungeachtet des Geschlechts und natürlich unter Vorbehalt – nicht gegen seinen eigenen Antrieb etwas tun, das er oder sie nicht möchte. Es hat sich einiges im positiven Sinne verändert, und vielleicht möchten Sie mir insofern zustimmen, als dass es begrüßenswert und grundsätzlich erfreulich ist, wenn Eingriffe des Staates in gewisse Grundrechte, die in der Frage des Wehrdienstes durchaus berührt und auch nicht unerheblich beschnitten wurden, unterbleiben. Ich nehme an, Sie schätzen beispielsweise die Unverletzlichkeit ihrer Wohnung oder die Freiheit der Berufswahl auch sehr.

Der besagte Vorbehalt bei der Aussetzung der Wehrpflicht hat etwas mit der Bedrohungslage zu tun, die betrachtet man nämlich seit 2011 als so entspannt, dass man darauf verzichtet, junge Menschen – zur Not mit sanftem Zwang, es gab ja in der Historie des Wehrdienstes die ein oder andere Abstufung in Fragen der Freiwilligkeit – zum Dienst an der Waffe in der Bundeswehr zu bewegen. Wehrpflicht, das drückt ja schon aus, dass es mit dem persönlichen Enthusiasmus der Betroffenen jetzt nicht zwingend so weit her sein musste, wie man sich das nach heutigen Maßstäben wünschen würde. Ich erinnere mich noch, von einem entfernten Bekannten in den Neunzigern mal gehört zu haben, dass er sich aus finanziellen Motiven für eine gewisse Zeit bei der Bundeswehr hatte verpflichten lassen. Er war nämlich gerade Vater geworden, und irgendwo musste das Geld ja herkommen, und beim Bund war auch mit mäßiger Qualifikation ein vernünftiges Auskommen und damit ein Leben außerhalb sozialer Sicherungssysteme zu erzielen, das mag ihn wohl zu dieser Entscheidung gebracht haben.

Dass man heute im Bereich des Wehrdienstes in der Frage nach Freiwilligkeit andere Maßstäbe anlegt als noch zu meiner Kinderzeit, finde ich uneingeschränkt erfreulich. Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der ich gerne – egal welche Arbeit – in einer Armee dienen möchte, und das hat wirklich mannigfaltige Gründe, vornehmlich solche, die in meinem ganz persönlichen Moralempfinden begründet und damit für andere, die vielleicht gerne in einer Armee dienen oder schlicht weniger zimperlich sind, nicht maßgeblich sein können. Hätte ich einen Sohn, ich würde eindringliche Appelle an ihn richten, nicht zur Bundeswehr zu gehen, weil ich es ganz privat für falsch halte. Ich würde wohl meine Erziehung im Großen und Ganzen darauf ausrichten, ihn nicht zu einem Menschen heranwachsen zu lassen, für den der Soldatenberuf die Erfüllung seiner Karriereträume ist. Es würde mir das Herz zerreißen zu wissen, dass mein Kind im Zweifelsfalle auf Befehl Menschen tötet. Denn ich halte das Töten anderer Leute für etwas, das unter annähernd allen Umständen zu vermeiden ist. Außerdem finde ich es höchst unattraktiv, Befehle auszuführen. Nennen Sie mich ruhig ein einfach gestricktes Weichei, das überdies von Politik keine Ahnung hat. Ich sehe das eben so, nach gründlicher Überlegung, da darf ich Sie beruhigen.

Ich sehe es aber auch so, dass es mir nicht anstünde, einem eventuellen Sohn den Gang zum Militär zu verbieten. Weil ich nämlich auch freiheitsliebend bin, und das heißt eben, andere Leute ihre eigenen Fehler machen Entscheidungen treffen zu lassen. Und letztlich ist der Beruf des Soldaten ja nach unseren Gesetzen nicht sittenwidrig. Was, das möchte ich an der Stelle gerne in Erinnerung rufen, auch für Prostitution gilt.

Entsprechend war ich sehr überrascht, als ich im Spiegel las, dass im Zuge der Einführung des sogenannten Prostituiertenschutzgesetzes der 13. Artikel des Grundgesetzes für Angehörige meiner Berufsgruppe eingeschränkt werden soll. Erstens sollen Sexarbeitende nicht mehr in ihren Arbeitsräumen übernachten dürfen, und zweitens sollen wohl damit ihre Wohnräume nicht mehr geschützt sein, weil man ja überprüfen muss, ob dort auch gearbeitet wird. Um ehrlich zu sein, in einem Raum, zu dem „Polizei und Behörden wie Gesundheitsämter…“ jederzeit Zutritt haben, möchte ich auch gar nicht schlafen. Ich könnte das vermutlich auch nicht, ich bin nämlich zart besaitet und würde mich in einer solchen Situation unsicher und ausgeliefert fühlen und kein Auge zu tun. Läge ich da so und könnte nicht schlafen, weil ich ständig um meine Privatsphäre fürchtete, ich meditierte unter Umständen über das Wort Tugendterrorismus und darüber, was es mit Menschen macht, wenn sie nichtmal mehr in ihren eigenen vier Wänden davon ausgehen dürfen, in Frieden gelassen zu werden.

Davon ausgehend, dass es einen Konsens darüber gibt, dass Grundrechte, die das Grundgesetz gegenüber dem Staat sichern soll, für jeden gelten sollten, finde ich die geplante Einschränkung von Artikel 13 GG schon ein starkes Stück. Sie erinnern sich: Die Tätigkeit von Sexarbeitenden wird vom Gesetzgeber nicht mehr als sittenwidrig betrachtet und ist völlig legal. Theoretisch.

In Deutschland gibt es nämlich mehr oder weniger keine Stadt ohne Sperrbezirk, in dem Sexarbeit verboten ist. Ein flächendeckendes Verbot besteht grundsätzlich für alle Gemeinden unter 20.000 Einwohnern, bis 50.000 Einwohner können (und tun das natürlich) Gemeinden Prostitution ganz oder teilweise untersagen, ab 50. 000 Einwohnern gibt es dann per Sperrgebietsverordnung in aller Regel eine dunkle Ecke in einem Industriegebiet, in der wir die völlige Legalisierung und Anerkennung unserer Tätigkeit genießen und ein Zimmer mieten können. Dass die teilweise unverschämten Mieten mit der Verknappung des Raumes, in dem man legal arbeiten kann, einhergehen halte ich jetzt nicht für einen Schluss, der allzu komplexe Gedankengänge voraussetzt.

Nein, ich bin nicht dafür, Großbordelle neben Kindergärten zu stellen, ich finde auch nicht, dass man in der weiterführenden Schule lernen sollte, einen Puff für alle einzurichten, aber für ein moralinsaures faktisches Berufsausübungsverbot unter dem Deckmäntelchen regionaler Sonderverordnungen, die kaum ein Mensch mehr durchschaut, kann ich mich auch nicht erwärmen.

Zusätzlich zu den Kosten, die eine – ich nehme mir ein Beispiel am oben besungenen liberalen und zuvorkommenden Kammervorsitzenden und mache es mal plastisch – , hochmobile und herumreisende migrantische und unter hohem Erwerbsdruck stehende Sexarbeiterin mit in der Heimat zu versorgender Familie hat, wenn sie gesetzeskonform überteuerten, weil in nicht unerheblichem Maß in den Händen windiger Gestalten einiger von mir nur wenig geschätzter Großbordelliers befindlichen legalen Arbeitsraum anmietet, darf sie jetzt auch noch ein extra Hotel bezahlen. Für sich ganz privat. Für nach der Arbeit. Wenn sie nachts um zwei oder drei aus dem Puff kommt und freilich große Lust hat, im Industriegebiet herumzulaufen. Sie wird sich wohl oder übel ein Taxi nehmen und zu ihrem Schlafzimmer fahren. Um dann zum Mittagsläuten, selbstverständlich nach weiteren Extrakosten für den late checkout, wieder ins Sperrgebiet zu gondeln, weil sie im Hotel nicht bleiben kann, ohne eine zweite Nacht zu bezahlen. Und zur Krönung darf sie dann mit dem Finanzamt zu diskutieren, ob die Hotelkosten für das private Zimmer absetzbar sind. Mit mangelhaften Deutschkenntnissen ist das sicher die reine Freude. Aber vielleicht hat der Bordellbesitzer ja auch einen Anwalt oder Steuerberater an der Hand, die meine migrantische Kollegin beraten können, die offizielle Anmeldung als freiwillige und selbstbestimmte Prostituierte und sichere Verwahrung des Hurenausweises samt Nachweis über die erfolgte Gesundheitsberatung übernehmen die Herrschaften ganz gewiss auch gerne.

Denken Sie an mich, wenn in ein, spätestens zwei Jahren die sympathischen und freundlichen Großbordelliers neben ihren Puffs hässliche aber funktionale Hotels hochgezogen haben und von den dann endlich optimal geschützten Huren noch eine zünftige Summe pro Übernachtung abkassieren. Mehrwertsteuerbegünstigt, wohlgemerkt. Wenn Sie etwas Geld übrig haben und als Hotel nutzbare Immobilien in der Nähe von Puffs kaufen können, tun Sie das jetzt. Es ist eine solche Investition auch moralisch nicht zu beanstanden, dient sie doch dem Schutz der ausgebeuteten Frauen in der Prostitution.

22. Apr. 2015
von Despina Castiglione
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17. Apr. 2015
von Don Alphonso
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Ein Debakel – die Uraufführung von „La Sigmar Ladrone“

Unsere SPD befindet sich in einem katastrophalen Zustand
Sigmar Gabriel im Jahr 2009

Es ist alles andere als ein Zufall, dass das existierende Opernrepertoire voll von gewitzten, charmanten und beliebten Dienern und ähnlichen Vertretern der Unterschicht ist. Das bekannteste Beispiel dafür ist die kleine Oper „La Serva Padrona“ von Giovanni Battista Pergolesi, die eigentlich nur ein Pausenfüller der heute nicht mehr gespielten Opera Seria „Il prigionier superbo“ gedacht war. 1733 war die Dienerin als Herrin noch eine Art Unterschichtenklamauk, in dem eine zynische Magd ihren alten Herrn mit allerlei Tricks in die Ehe treibt – heute gilt das Stück als Symbol für den Aufstieg des Bürgertums, selbst wenn dasselbe heute dem Reinigungspersonal genauso fern wie vor dreihundert Jahren ist. Aber egal, das Bürgertum begehrte damals gegen die Ständeordnung auf und die Komponisten lieferten die passenden Figuren.

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So hat Don Giovanni seinen Leporello, Don Alfonso in Cosi fan tutte seine Despina, der Barbier von Sevilla sogar die Hauptrolle in den gleichnamigen Opern, und im Publikum sassen die Aufklärer wie Rousseau oder Diderot und fanden es ganz fantastisch, wenn ein Figaro sagte, er werde seinem Herrn zum Tanze aufspielen. Wagner und Verdi hatten es dagegen nicht so mit rebellischen Nebenfiguren, und so kommt es, dass auch weiterhin Mozart, Rossini, Pergolesi und in letzter Zeit auch neu entdeckte Frühwerke von Händel das Bild des geschickten Aufsteigers in den besseren Kreisen prägen: Witzig, ideologiefrei, mit hoher Intelligenz und Verständnis für die Ansprüche aller Schichten ausgerüstet, und eine oftmalige Dickleibigkeit mit Charme und Liebenswürdigkeit überspielend. Schaut her, sagen alle diese Opern, der Diener ist zwar kein makelloses Geschöpf, aber die Umstände machen ihn so, und er hat, wenn man ihn lässt, aufgrund seiner Erfahrungen durchaus die Fähigkeit, sich zum Guten und Richtigen zu entwickeln, während der Adel in seinen starren Rollen verharrt.

Um so erstaunlicher finde ich es, dass das aktuell multimedial zur Aufführung kommende Stück „La Sigmar Ladrone“ zu deutsch „Der Gabriel als Parteichef“ so gar nicht in diese inzwischen ehrwürdige Stilrichtung passen will. Selbstreferenziell macht sich darin der aus Goslar stammende Capo einer Laienspielertruppe namens Societa Porcheria Damnata, kurz SPD, zum Thema und führt vor, wie man eben diese Truppe mit schlecht intonierten Arien nicht gut aussehen lässt, während im Hintergrund alles in die Brüche geht, die Kulissen fallen und dahinter morsche Bretter zum Vorschein kommen, und das Publikum als Teil der Vorführung zu den Ausgängen drängt. Noch nie mochte der Gabriel allein ein Opernhaus füllen, seit er als Diener eines Don Gerhardo damit beauftragt wurde, Lustspiele für das niedrige – sic – Sachsen zu verwalten, wo man ihn bald mit Schimpf und Schande verjagte. Nachdem aber alle anderen Impressarios der Gruppe beim Publikum keine Gnade fanden, ist er nun oben angekommen. Zu den bekannteren Nummern dieses Knöde Tenors der letzten Zeit gehörte die Arie „Ich bin nur als Privatmann hier / und füttere das braune Tier / mit sanftem Wort und mit Nicken / meine Partei, die kann sich – fügen“ mit dem Dresdner Ensemble Postmodern der Pegida, während seine eigene Truppe offensichtlich Probleme hatte, dem schnellen Ein-Achtel-Takt zu folgen.

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Ebenso erstaunlich war das Duett mit Primadonna Angela mit dem Text „Wir stehen hier und weichen / dem Zwang zur Maut gar nie / nur über unserer Parteien Leichen / heben wir die Hand für sie“, das sein Ende in einem fulminanten Terzett mit mit einem anderen Laiensänger namens Ministro Dobrindt fand: „wir fügen uns dem Zwange / und machen freudig mit / und halten hin die Wange / in die der Horsti tritt“. Auch hier gelang es der Compania des Gabriel nicht, das brillierende Plaudite zu treffen, und der Kritiker kann nicht umhin sich zu wundern, warum sie letztlich doch mürrisch einstimmten. Das stupendiert um so mehr beim Auftritt des grossen Räuberchores von der anderen Seite des Atlantiks, der die Mitglieder und Freunde der Societa Porcheria Damnata ausplündert, mit Hilfe von Schiedsgerichten entrechtet und mit Chlorhühner oral vergewaltigt. Es ist eine wahrhaft schockierende Szene, die in einer Opera Buffo ihresgleichen sucht und überhaupt nicht dazu angetan ist, Sympathien für die Hauptperson dieses Stückes zu entwickeln. In der Gesprächkreisarie lässt Gabriel Verständnis für das Treiben erkennen „In Knechtschaft habe ich ein Volk geführt / mit Bebels Werken gar geheizt / ich weiss genau, was mir gebührt / Schröders Profit mich reizt“.

Zum dramatischen Höhepunkt jedoch geriet eine Szene, die wirklich mehr an „Iwan den Schrecklichen“ denn an „Figaros Hochzeit“ erinnerte. Gabriels Ziehsohn Maas hatte sich monatelang als Wahrer der Bürgerrechte und Freund des Volkes gegeben und sich selbstkritisch geweigert, es ohne Grund auszuforschen und zu bespitzeln: „Wir haben die Verfassung / geschändet und gebeugt / dann vor Gericht verloren / und deshalb sehr bereut.“ Offensichtlich gefiel Gabriel der daraufhin aufkommende Applaus – zum ersten Mal überhaupt – nicht, so dass er Maas in der Verräterarie anging: „Dann nenne anders unsre Spitzel / Grundrechte gelten dem Sozen nicht / ich hau Dich wie ein Schnitzel / fügst Du Dich nicht, du Wicht“. Worauf Maas antwortete „Mein Rückgrat ist gebrochen / wie es mein Gott befahl / noch stets ist die Partei gekrochen / schleimig wie Aal“ – und tatsächlich einen neuen Titel für das mehrfach abgesetzt Spitzeldrama erfand. Nunmehr dürfen die Büttel des Opernhauses also alle Taschen im Foyer nach Lust und Laune überprüfen und festhalten, wer mit wem kritische Gedanken äussert – natürlich nur für den Fall schwerster Verbrechen wie Anzünden des Theaters, Abschreiben von Notenheften oder das heimtückische Verüben von Witzen über Gesangsgruppen, die nach Jahrzehnten des Verlierens immer noch nicht in der Lage sind, die alte, korrupte Garde durch Sänger zu ersetzen, die wieder mehr Leute in die Opernhäuser ziehen könnten.

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Es stellt sich die Frage, was der Regisseurs mit diesem „Apocalypse Now“ unter den sozialen Dienstbotenstücken bezweckt, und wann hier eigentlich einmal die gesellschaftliche Notwendigkeit des Aufstiegs speziell dieser Unterschichten an die Spitze nachvollziehbar begründet wird. Was immer man hört, ist nicht die pfiffige Klugheit des Figaro, sondern nur das herumscheuchende Tsit Tsit von Pergolesis Dienerin, die bei genauerer Betrachtung alle schlechten Eigenschaften der Gosse mit der Hybris des Adels verbindet. Der Protagonist ist nicht mehr ideologiefrei, sondern prinzipienlos, er ist nicht wendig und gewitzt, sondern kriecherisch und unehrlich, und sein Ziel ist nicht die Freiheit, sondern eine alternativlose Despotie über seine Schaupieltruppe. Er ist durch und durch ein Verräter. Während Figaro noch von sich behaupten kann „Man ruft, man seufzt nach mir, will mich bald dort, bald hier!“ kann sich der Rezensent angesichts ähnlicher Sozialschauspiele in Spanien, Italien und Griechenland des Eindrucks nicht erwehren, dass den Gabriel zwar wirklich alle bald wünschen werden – aber nur zum Teufel.

In einem Opernbetrieb, der alle vier Jahre kurzfristig nicht von Firmenspenden und der Kulturmafia, sondern allein von der Gunst des Publikums bestimmt wird, sind das keine besonders guten Voraussetzungen für weitere Akte in diesem Schauspiel. Gabriel kann bis dahin nicht von der Bühne vertrieben werden, und wird fraglos weiter den Kindern im Publikum erklären, warum es besser ist, Lehrer in Goslar als solche dort zu belassen. Warum aber ein Publikum, das Chöre wie „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ gewohnt ist, nun Lobgesänge auf staatliche Repression, Abbau von Bürgerrechten und Unterjochung nach den Wünschen der Wirtschaft anhören soll, ist dem Rezensenten nicht ganz klar.

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Es sei denn, er hätte ich bei der Übertragung getäuscht und das ist gar keine Oper, sondern Realpolitik. Aber da würde mam so einen Typen doch nie so weit kommen lassen, eine Volkspartei vor den Wand zu fahren.

Glaube ich zumindest.

17. Apr. 2015
von Don Alphonso
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14. Apr. 2015
von Don Alphonso
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Soziale Porno-Anomalien der Reichen

Play ethnicky jazz to parade your snazz on your five grand stereo
Braggin‘ that you know how the niggers feel cold and the slums got so much soul

Dead Kennedys, Holliday in Cambodia

Es ist Sonntag morgen und ich öffne Zeit.de, das Internetangebot einer Zeitung, deren Redakteure in Zimmern gehalten werden, die etwas kleiner als die meiner Gästewohnung sind, nur ohne Dachterrasse, Kronleuchter und Mahagonimöbel. Trotzdem gehören sie zu den Privilegierten dieses Landes, werden mittelgut bezahlt und gerne herumgereicht, weil sie die Meinung in diesem Land, zumindest bei den Gebildeten, mit beeinflussen. Was serviert mir diese Seite der Privilegierten wohl so am Sonntag?

sozporna

Die Präsidentschaftskandidatur einer Frau, die wegen eines „War on Women“ Stimmen bekommen möchte. Ein Beitrag über Pegida: Tillich warnt vor Ausländerhetze. Darunter bezeichnet Michael Jürgs die ostdeutsche Gesellschaft als pubertierend. Der Ratgeber erklärt, wie introvertierte Hascherl auch Karriere machen können. Die Familienministerin setzt sich für eine bessere Entlohnung von Erziehern und Erzieherinnen ein. Eine Frau wird mit einem Foodblog vorgestellt, obwohl sie nicht kochen kann und das ihrem Mann überlässt. Es wird beklagt, dass Kenia Flüchtlinge des Landes verweisen will, und weiter unten wird empört gefragt, warum wir über Charlie Hebdo trauern und die Kenianer nach dem Massaker an christlichen Studenten allein lassen. Wenigstens will die CDU in Brandenburg mit der AfD brechen. Die italienische Küstenwache rettet derweil Flüchtlinge, aber noch mehr sollen in Seenot sein. Dafür gibt es in der Kultur Good News, denn endlich entdeckt Amerika das Thema Transgender, und die Zeit hat sich ein Haus angeschaut, das sich um die Belange queerer Leute kümmert. Auch toll die Überschrift im Stil der Wehrmachtsberichte: „Der deutsche Jazz hat ein weibliches Gesicht.“ DerrDoitschäh Tschähzzzz, ich stelle mir sowas immer mit der Stimme von Goebbels vor. Ein Feature über die Tiefen der armen Showgrösse Lena Meyer-Landrut ist direkt vor einem fleischlosen Gulasch. Danach ein Beitrag über Konzentrationslager und nochmal Flüchtlinge, diesmal in der Version „hochbegabt“. Cannabis ist super und die Lage der Diamantenschürfer in Banharbaru ist entsetzlich, weil die vom Reichtum nichts abbekommen. Der Sport: Hannover gegen Herta. Hier werden zwei schwarze Spieler abgebildet. Dann noch ein Leseraufruf, wo Flüchtlinge willkommen sind – man soll von seinen Erfahrungen erzählen, sofern sie gut sind. Zum Schluss nochmal Mindestlohn und die schlimme Lage der Taxifahrer in Hamburg.

Das ist nicht die taz, nicht die Jungle World und auch nicht eine Internetpostille der Antideutschen, das ist die Zeit. Und wenn dann einmal eine Autorin der Welt etwas über Feminismus schreibt, in einer Serie mit Pro- und Kontra-Stellungnahmen, sagt eine Studentin auf dem Social-Justice-Warrior-Trip:

meinungsfreiheit heißt vor allem den menschen eine stimme zu geben, die wenig möglichkeiten haben diese zu äußern und gehör zu finden.
sozpornb

Die hätte mal besser die Zeit lesen sollen, da liefert man genau das, was sie will. Jede Menge Mitleid und Bedauern, und wahrscheinlich weinen die Redakteure Nachts noch in ihre zertifizierten Biokissen, weil sie vergessen haben, einen Beitrag über die Adoptionsbedingungen für vegan gepiercte transsexuelle Paare in Peru, deren Schönberginterpretation mit der Ukulele vom Goethe-Institut lobend erwähnt wird, hochzuschalten und dem Publikum nochmal Tränen abzuringen. Die spannende Frage ist jedoch: Warum macht ein Organ der gebildeten und hohen Stände so etwas? Das alles sollte doch nach Wunsch und Möglichkeit überhaupt nicht die eigene Lebensrealität der Leser zeigen, und generell findet man es doch super, wenn einem keine feministische Jazzpianistin so lange auf Cannabis mit der Musik New Yorker Genderhäuser quält, bis man seinen Besitz den Armen der Welt vermacht und den Rest des Daseins mault, dass es wegen der polarnahen Lage von Hamburg vor der eigenen Öltonne nie Sonne geben wird.

Die Antwort ist mir wie so oft beim Umhängen der Bilder gekommen; ich habe da eine neue Rokokoschönheit mit Schleier und der musste eine italienische Strassenszene im Guardistil mit einem dekorativ herumliegenden Bettler weichen. Für solche sozialen Anwandlungen nämlich zahlen und zahlten Gebildete seit jeher viel Geld, man denke nur an die Gemälde von Murillo, die Schule von Barbizon, und es wäre mir auch neu, dass die Sammler von George Grosz mit seinen Freudenmädchen und Spiessern in, sagen wir mal, bildungsfernen Schichten zu finden wären. Sogar bei mir, der ich normalerweise perlenbehängte Schönheiten mit prachtvollen Gewändern bevorzuge, ist so ein Sujet in die Sammlung gerutscht. Nicht allzu oft natürlich, aber schon früher zeigte man sich mit einem Bauernbild von Jean-François Millet im Salon fortschrittlich und weltoffen, und war ansonsten mit dem Reich von Napoleon III. zufrieden. Und sollten Sie einmal in das Bayerische Nationalmuseum kommen – da gibt es auch kunstvolle Elfenbeinskulpturen von Bettlern in zerissenen Kleidern. Das fand man bei Hof ganz wunderbar – es war nicht alles nur parfümierte Beischlafsanbahnung der oberen Klassen wie bei Bustelli. Oder eben den Partneranzeigen in der Zeit.

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Dunkel meine ich mich da nämlich erinnern zu können, dass dort mehr der musikalisch begabte Unternehmer im Ruhestand eine kulturell interessierte Dame suchte, die Unterschichten nur in Form von Befehlsempfängern beim Personal kannte – und eben vielleicht aus der Zeitung. Eigentlich wollte ich ja schreiben, wie widerlich ich die Doppelmoral meiner Kollegen mit ihrem Poverty Porn finde, aber wenn ich ehrlich bin, hängt in meiner Küche zwischen den Stillleben und dem Imariporzellan auch so ein Gemälde einer romantisch verrussten Bauernküche. Ich habe auch das Portrait einer Dienstmagd aus dem XVII. Jahrhundert, vermutlich flämisch, auf dem sie ein Huhn rupft. Und dann habe ich noch eine ganze Wand voller Capriccios – was darauf nicht verkleidete, halbnackte Adlige oder durch Hecke geknallte verführte Nymphe ist, ist wirklich arm, kniet betend oder geht sogar einer echten Tätigkeit nach. Ich brauche mich also gar nicht beschweren: Das hatte man schon immer so.

Historiker jedoch werden nun richtigerweise einwerfen, dass all dieser künstlerische Poverty Porn auch durch diese letzten vier Jahrhunderte wenig daran änderte, dass man den schwarzen Mann versklavte und als Leuchterknaben hielt, arbeitsscheue Leute in Armenhäuser steckte und zur Arbeit und Umschulung zwang, Menschen ohne Pass des Landes verwies und bei aller Lust an der Verkleidung in der Oberschicht nur wenig Gefallen an sexuell abweichendem Verhalten weiter unten empfand. Die Kunst beweist uns, dass man sich über die Existenz des Elends voll bewusst war und die Geschichte zeigt, wie gleichgültig sich deren Käufer im vollen Wissen um die Probleme verhielten: Ars der Reichen longa, Vita der Armen brevis. Für das Stück Goldledertapete neben meinem Schreibtisch hätte man eine Familie einen Monat satt machen können und könnte es, den richtigen Kontinent vorausgesetzt, noch immer, selbst abzüglich der Verwaltungsgebühren der Nothilfeorganisationen, sofern sie nicht tebartzen und erster Klasse in die Slums fliegen.

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Aber natürlich: Heute nutzen auch wir die Medien, um den Unterdrückten eine Stimme zu geben und ob man das Elend anklickt oder nicht, spielt keine Rolle. Mir selbst ist ja auch erst jetzt aufgefallen, wieviel Elend hier in Öl in meiner Wohnung hängt, über dem grünen Chippendalesofa, auf dem ich Torte esse und mich über neue Auktionserlöse der Schule von Barbizon informiere. Man kann es geradezu als Konstante der bürgerlichen Epoche begreifen, dass wir bestens über den Stand der Welt und seiner unteren 90 Prozent informiert sind. Selbst wenn der Sauhirte von früher heute mit Baugrund reich wird: Es gibt noch genügend anderes Elend. Und auch genug Kunst, die das thematisiert. Wir schauen uns das natürlich an, und überlegen, wo war das noch mal? Das war eine Ausstellung in – war das jetzt Madrid oder Paris? Schahatz, weisst Du noch, diese Bilder da mit den betenden, armen Bauern, die waren? Ach so, Victoria an Albert. Oder doch Tate? Das kann doch niemand auseinander halten.

Es ist halt auch nur beliebiger Porno. Man klickt das an, man schaut es sich an und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Trotzdem hätte ich mir gerade von der Zeit mal wieder etwas mehr Empathie für arme Gemäldesammler wie mich gewünscht, denen die Wände nicht mehr ausreichen und deshalb den Guardi abhängen müssen. Irgendwo muss so ein armes, unterprivilegiertes Waschweib des Rokoko ja seinen Platz finden, und da tragen wir gern unser Scherflein zum Wohlergehen der Welt bei.

ACHTUNG: WEGEN TECHNISCHER ARBEITEN KANN ES HEUTE ZU AUSFÄLLEN BEI DEN KOMMENTAREN KOMMEN.

14. Apr. 2015
von Don Alphonso
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